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<title type="main">Frühe Schriften I</title>
<title type="short">Frühe Schriften I</title>
<author><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Hegel, Georg Wilhelm Friedrich</persName></author>
<respStmt><resp>Transkription und Kodierung</resp><persName>Giuliano Infantino</persName></respStmt>
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<publisher>Digitale Hegel Edition</publisher>
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<idno type="siglum">GW 1</idno>
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<licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
<p n="database">CC BY 4.0</p>
<p n="text">public domain (Hegel, gest. 1831)</p>
<p n="attribution">Giuliano Infantino, Digitale Hegel-Edition, hegeledition.com</p>
<p n="excludes">Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht enthalten.</p>
<p n="warranty">Ohne Gewaehr. Keine Haftung fuer Richtigkeit oder Eignung.</p>
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<title type="source">Frühe Schriften I</title>
<title type="series">GW</title>
<biblScope unit="volume" n="1">1</biblScope>
<publisher>Felix Meiner Verlag</publisher>
<idno type="source_pdf">GW/GW 01 Frühe Schriften I.pdf</idno>
<idno type="pdf_filename">GW 01 Frühe Schriften I.pdf</idno>
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<projectDesc><p>Quellfassung der Digitalen Hegel-Edition: der vollständige Bestand des Bandes einschließlich
Titel-, Verzeichnis-, Leer- und Anhangseiten, aus dem sich die Leserdaten (work-*.js) exakt zurückgewinnen lassen.
Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht erfasst.</p></projectDesc>
<editorialDecl>
<p>Der Text steht einmal, in der Zeilenfolge des Drucks (lb/@n = gedruckte Zeilenzahl). Daraus ergeben sich zwei Fassungen:
die Druckzeilen und die Lesefassung. lb ergibt in der Lesefassung ein Leerzeichen, lb[@break="no"] nichts,
lb[@type="zeile"] einen Zeilenwechsel, lb[@type="absatz"] einen Absatzwechsel; das erste lb einer Einheit ergibt nichts.
Text vor dem ersten lb einer Einheit gehört nur der Lesefassung an.</p>
<p>Nur in den Druckzeilen stehen: pc[@force="weak"] (Trennstrich am Zeilenende), seg[@type="balken"] (Blattwechselbalken
der GW mit seinen Leerzeichen), seg[@type="marke"] (gedruckte Notenmarke am Notenanfang), seg[@type="verweis"]
(Verweisziffer auf den nicht erfassten Apparat), seg[@type="fuehrungspunkte"] und seg[@type="leerraum"] (Führungspunkte und Leerraum, die nur der Druck hat) und choice/orig. seg[@rend="g-umgekehrt"] steht in beiden Fassungen, in den Druckzeilen mit umgekehrtem Sperrzustand. Nur in der Lesefassung steht choice/reg.
ref[@type="anker"] gibt in den Druckzeilen die gedruckte Marke wieder, in der Lesefassung den Notenanker;
ptr[@type="anker"] steht in beiden Fassungen als Anker.</p>
<p>hi[@rendition="#g"] ist Sperrsatz; ein leeres hi steht für zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Grenzen.
lb[@rend="g-umgekehrt"]: an diesem Zeilenwechsel gilt in den Druckzeilen der umgekehrte Sperrzustand
(der Lauf ist dort zeilenweise geschlossen und neu geöffnet, in der Lesefassung läuft er durch, oder umgekehrt).</p>
<p>pb/@n ist die Buchseite der GW, pb/@facs die Seite im PDF-Scan, pb/@type die Seitenart des Bestands
(nur "body" erscheint im Leser), pb[@subtype="apparat"]: die Seite trägt im Druck Herausgeberapparat.
milestone[@unit="vorlage"]/@n: Seiten- oder Blattangabe der Vorlage (Originaldruck, Handschrift).
fw[@type="header"]: Kolumnentitel.</p>
<p>Hegels Noten: note/@xml:id ist die Notenkennung des Bestands (weitere Teile mit .t2, .t3 …, verkettet über
@prev/@next), @n die Marke, @type die Lage in der Handschrift (rand, ueber, kopf …), @place die Stellung im Druck
(margin, supralinear), @target die Zeile, an der eine Randnote steht. Überschriften öffnen ein neues div;
eine Hierarchie wird nicht behauptet.</p>
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<rendition xml:id="g" scheme="free">Sperrsatz</rendition>
<rendition xml:id="anmerkung" scheme="free">Anmerkung zum Paragraphen (im Druck kleiner)</rendition>
<rendition xml:id="grad2" scheme="free">zweiter Schriftgrad der GW</rendition>
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<classDecl><taxonomy xml:id="j"><desc>Formfragen der JSON-Fassung, die keinen Textbefund tragen; sie stehen nur, damit sich die JSON-Fassung exakt zurückgewinnen lässt.</desc>
<category xml:id="j.ohne-teil"><catDesc>Note ohne Feld `part` (sonst ergibt sich die Teilnummer aus der Kette über @prev/@next).</catDesc></category>
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<profileDesc><langUsage><language ident="de">Deutsch</language></langUsage></profileDesc>
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<div type="inhalt" subtype="toc_printed"><list>
<item n="1"><ref n="1">TAGEBUCH 1785–1787</ref></item>
<item n="2"><ref n="3">Text 1: Tagebuch</ref></item>
<item n="1"><ref n="35">ARBEITEN AUS DER GYMNASIALZEIT – EIN AUFSATZ AUS DEM TÜBINGER STIFT 1785–1788</ref></item>
<item n="2"><ref n="37">Text 2: Unterredung zwischen Dreien</ref></item>
<item n="2"><ref n="40">Text 3: Einige Bemerkungen über die Vorstellung von Grösse</ref></item>
<item n="2"><ref n="42">Text 4: Ueber die Religion der Griechen und Römer</ref></item>
<item n="2"><ref n="46">Text 5: Ueber einige charakteristische Unterschiede der alten Dichter</ref></item>
<item n="2"><ref n="49">Text 6: Aus einer Rede beim Abgang vom Gymnasium</ref></item>
<item n="2"><ref n="51">Text 7: Über einige Vortheile, welche uns die Lektüre der alten klassischen Griechischen und Römischen Schriftsteller gewährt</ref></item>
<item n="1"><ref n="55">VIER PREDIGTEN 1792–1793</ref></item>
<item n="2"><ref n="57">Text 8: [Erste Predigt]</ref></item>
<item n="2"><ref n="60">Text 9: [Zweite Predigt]</ref></item>
<item n="2"><ref n="68">Text 10: [Dritte Predigt]</ref></item>
<item n="2"><ref n="70">Text 11: [Vierte Predigt]</ref></item>
<item n="1"><ref n="73">STUDIEN 1792/93–1794</ref></item>
<item n="2"><ref n="75">Text 12: wiefern ist Religion …</ref></item>
<item n="2"><ref n="78">Text 13: Aber die Hauptmasse …</ref></item>
<item n="2"><ref n="80">Text 14: Unsre Tradition …</ref></item>
<item n="2"><ref n="81">Text 15: Schon in der Bauart …</ref></item>
<item n="2"><ref n="83">Text 16: Religion ist eine der wichtigsten Angelegenheiten …</ref></item>
<item n="2"><ref n="115">Text 17: Ausser dem mündlichen Unterricht …</ref></item>
<item n="2"><ref n="121">Text 18: Nicht zu leugnen …</ref></item>
<item n="2"><ref n="123">Text 19: Die StaatsVerfassungen …</ref></item>
<item n="2"><ref n="127">Text 20: Wie wenig die objektive Religion …</ref></item>
<item n="2"><ref n="131">Text 21: öffentliche Gewalt …</ref></item>
<item n="2"><ref n="136">Text 22: Über den Unterschied der Szene des Todtes –</ref></item>
<item n="2"><ref n="138">Text 23: Unter objektiver Religion …</ref></item>
<item n="2"><ref n="141">Text 24: Es sollte eine schwere Aufgabe …</ref></item>
<item n="2"><ref n="153">Text 25: Wenn man von der christlichen Religion …</ref></item>
<item n="2"><ref n="163">Text 26: Jezt braucht die Menge …</ref></item>
<item n="1"><ref n="165">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE UND TRANSZENDENTALPHILOSOPHIE 1794</ref></item>
<item n="2"><ref n="167">Text 27: [Zur Psychologie und Transzendentalphilosophie]</ref></item>
<item n="1"><ref n="193">STUDIEN 1795</ref></item>
<item n="2"><ref n="195">Text 28: Die transcendentale Idee …</ref></item>
<item n="2"><ref n="197">Text 29: Unkunde der Geschichte …</ref></item>
<item n="2"><ref n="203">Text 30: In einer Republik …</ref></item>
<item n="1"><ref n="205">DAS LEBEN JESU 1795</ref></item>
<item n="2"><ref n="207">Text 31: [Das Leben Jesu]</ref></item>
<item n="1"><ref n="279">STUDIEN 1795–1796</ref></item>
<item n="2"><ref n="281">Text 32: man mag die widersprechendste Betrachtungen …</ref></item>
<item n="2"><ref n="352">Text 33: Ein positiver Glauben …</ref></item>
<item n="2"><ref n="359">Text 34: Jedes Volk …</ref></item>
<item n="1"><ref n="379">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG – ELEUSIS (AN HÖLDERLIN) 1796</ref></item>
<item n="2"><ref n="381">Text 35: Bericht über eine Alpenwanderung</ref></item>
<item n="2"><ref n="399">Text 36: Eleusis</ref></item>
<item n="1"><ref n="403">NICHT NÄHER DATIERBARES</ref></item>
<item n="2"><ref n="405">Text 37: Ueber Lessing’s Briefwechsel mit seiner Frau</ref></item>
<item n="2"><ref n="408">Text 38: Menschen, frühe …</ref></item>
<item n="2"><ref n="409">Text 39: Der Streit über …</ref></item>
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<div type="inhalt" subtype="toc_headings"><list>
<item n="2"><ref n="3">TAGEBUCH</ref></item>
<item n="2"><ref n="21">1785/86</ref></item>
<item n="2"><ref n="22">1786</ref></item>
<item n="2"><ref n="24">Uber das Exzipiren.</ref></item>
<item n="2"><ref n="30">1786/87</ref></item>
<item n="2"><ref n="31">1787</ref></item>
<item n="1"><ref n="35">ARBEITEN AUS DER GYMNASIALZEIT – EIN AUFSATZ AUS DEM TÜBINGER STIFT 1785–1788</ref></item>
<item n="2"><ref n="37">UNTERREDUNG ZWISCHEN DREIEN. 1785. 30. Mai.</ref></item>
<item n="2"><ref n="40">EINIGE BEMERKUNGEN ÜBER DIE VORSTELLUNG VON GRÖSSE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="42">UEBER DIE RELIGION DER GRIECHEN UND RÖMER. 1787. 10. August.</ref></item>
<item n="2"><ref n="46">UEBER EINIGE CHARAKTERISTISCHE UNTERSCHIEDE DER ALTEN DICHTER. 1788. 7. August.</ref></item>
<item n="2"><ref n="49">AUS EINER REDE BEIM ABGANG VOM GYMNASIUM</ref></item>
<item n="2"><ref n="51">ÜBER EINIGE VORTHEILE, WELCHE UNS DIE LEKTÜRE DER ALTEN KLASSISCHEN GRIECHISCHEN UND RÖMISCHEN SCHRIFTSTELLER GEWÄHRT.</ref></item>
<item n="1"><ref n="55">VIER PREDIGTEN 1792–1793</ref></item>
<item n="2"><ref n="59">ERSTE PREDIGT</ref></item>
<item n="2"><ref n="61">ZWEITE PREDIGT</ref></item>
<item n="2"><ref n="69">DRITTE PREDIGT</ref></item>
<item n="2"><ref n="71">VIERTE PREDIGT</ref></item>
<item n="1"><ref n="73">STUDIEN 1792/93–1794</ref></item>
<item n="2"><ref n="75">WIEFERN IST RELIGION …</ref></item>
<item n="2"><ref n="78">ABER DIE HAUPTMASSE …</ref></item>
<item n="2"><ref n="80">UNSRE TRADITION …</ref></item>
<item n="2"><ref n="81">SCHON IN DER BAUART …</ref></item>
<item n="2"><ref n="83">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN ANGELEGENHEITEN …</ref></item>
<item n="2"><ref n="87">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN…</ref></item>
<item n="2"><ref n="115">AUSSER DEM MÜNDLICHEN UNTERRICHT …</ref></item>
<item n="2"><ref n="121">NICHT ZU LEUGNEN …</ref></item>
<item n="2"><ref n="123">DIE STAATSVERFASSUNGEN …</ref></item>
<item n="2"><ref n="127">WIE WENIG DIE OBJEKTIVE RELIGION …</ref></item>
<item n="2"><ref n="131">ÖFFENTLICHE GEWALT …</ref></item>
<item n="2"><ref n="136">ÜBER DEN UNTERSCHIED DER SZENE DES TODTES –</ref></item>
<item n="2"><ref n="138">UNTER OBJEKTIVER RELIGION …</ref></item>
<item n="2"><ref n="141">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</ref></item>
<item n="2"><ref n="153">WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</ref></item>
<item n="2"><ref n="163">JEZT BRAUCHT DIE MENGE …</ref></item>
<item n="1"><ref n="165">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE UND TRANSZENDENTALPHILOSOPHIE 1794</ref></item>
<item n="2"><ref n="167">Psychologie.</ref></item>
<item n="2"><ref n="169">I. Abschnitt. ErkenntnisVermögen</ref></item>
<item n="2"><ref n="172">II Innerer Sinn.</ref></item>
<item n="2"><ref n="175">B. Wiedererwekung der Vorstellungen</ref></item>
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<item n="2"><ref n="203">IN EINER REPUBLIK …</ref></item>
<item n="1"><ref n="205">DAS LEBEN JESU 1795</ref></item>
<item n="1"><ref n="279">STUDIEN 1795–1796</ref></item>
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<item n="2"><ref n="282">A. Vergleichung mit der Ausartung einer Staatsverfassung s. Skizze –</ref></item>
<item n="2"><ref n="352">EIN POSITIVER GLAUBEN …</ref></item>
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<item n="1"><ref n="379">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG – ELEUSIS (AN HÖLDERLIN) 1796</ref></item>
<item n="2"><ref n="381">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</ref></item>
<item n="2"><ref n="399">ELEUSIS An Hölderlin. August. 1796.</ref></item>
<item n="1"><ref n="403">NICHT NÄHER DATIERBARES</ref></item>
<item n="2"><ref n="405">UEBER LESSING’S BRIEFWECHSEL MIT SEINER FRAU.</ref></item>
<item n="2"><ref n="408">MENSCHEN, FRÜHE …</ref></item>
<item n="2"><ref n="409">DER STREIT ÜBER …</ref></item>
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<pb n="3" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=16" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1785</fw>
<head><lb n="1"/>TAGEBUCH</head>
<head type="sub"><lb n="2"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">26</hi> <hi rendition="#g">Juni</hi>.</head>
<p><lb n="3"/>In der Morgenkirch predigte Herr Stiffts-prediger Rieger, er verlaß die Augs<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>purgische Confession, und zwar zuerst den Eingang in dieselbe; dann wurde<lb n="5"/>gepredigt. Wenn ich auch sonst nichts behalten hätte, so wäre doch meine Historische<lb n="6"/>Kenntniß vermert worden. Ich lernte nemlich, daß den 25 Juni 1530 die Augs<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>purgische Confession überreicht wurde, daß Anno 1535 den 2ten Februar Wirtem<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>berg reformirt wurde, und daß Anno 1599 durch den Prager Vertrag die evangelische<lb n="9"/>Religion bestätigt wurde; den Namen Protestanten erhielten sie von der Protestation<lb n="10"/>gegen den harten Reichsschluß zu Speier Anno 1529. Noch fällt mir ein daß Luther<lb n="11"/>Anno 1546 den 18 Februar starb, und daß der Churfürst von Sachsen Johann der<lb n="12"/>Weise, Anno 1547 den 24 April todal geschlagen, und gefangen wurde.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/><hi rendition="#g">Monntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">27</hi> <hi rendition="#g">Juni</hi>.</head>
<p><lb n="14"/>Noch keine Weltgeschichte hat mir besser gefallen als Schröks. Er vermeidet den<lb n="15"/>Ekel der vilen Namen in einer Special-Historie, erzält doch alle Hauptbegeben<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heiten, läßt aber klüglich die viele Könige, Kriege (wo offt ein paar 100 Mann<lb n="17"/>sich herum balgten) u. a. dergl. ganz weg, und verbindet welches das vorzüglichste<lb n="18"/>ist, das lehrreiche mit der Geschichte; ebenso fürt er den Zustand der Gelehrten,<lb n="19"/>und der Wissenschafften überall sorgfältig an.</p>
<p><lb n="20"/>Es war heute Convent (in dem Gymnasio kommen nemlich alle Monat die<lb n="21"/>Herren Professoren zusammen, und deliberiren da über Angelegenheiten die die<lb n="22"/>6te und 7 Classe betreffen, bestrafen zugleich auch die Ubertretter der Gymnastischen<lb n="23"/>Geseze) die Primi als capita repraesentativa der Promotion (wie uns Herr Rector<lb n="24"/>nannte) mußten erscheinen; es waren dieses</p>
<p><lb n="25"/>aus <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">7ten</hi> <hi rendition="#g">Classe</hi></p>
<p><lb n="26"/><hi rendition="#g">Cammerer</hi> Proveteran. (Hofmediki Son)</p>
<p><lb n="27"/><hi rendition="#g">Duttenhofer</hi> Primus Veter. (Specials im Wildbad Son)</p>
<p><lb n="28"/><hi rendition="#g">Vischer</hi> Primus Novit. (Rent. Camm. Secret. Son)</p>
<pb n="4" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=17" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1785</fw>
<p><lb n="1"/>aus <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">6ten</hi></p>
<p><lb n="2"/><hi rendition="#g">Boger</hi> Primus Veter. (Obristlieutnants Son)</p>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Hegel</hi> Primus Novit.</p>
<p><lb n="4"/>Man stellte uns weiter nichts vor, alsdann man uns ernstlich ermahnte, unsere<lb n="5"/>Cameraden zu warnen, sich nicht in die elende liederliche Spiel, u.s.f. Gesellschafften<lb n="6"/>einzulassen. Es hat sich nemlich eine Gesellschafft von jungen Leuten männlichen<lb n="7"/>Geschlechts von 16, 17 Jaren, weiblichen von 11, 12 u.s.w. gezeigt; sie ist unter<lb n="8"/>dem Namen DOGGEN-GESELLSCHAFFT, LAPPLÄNDER u.s.w. bekannt die Herrens<lb n="9"/>füren da die Jungfern spaziren, und verderben sich und die Zeit heilloser Weise.</p>
<p><lb n="10"/>Von Gymnasisten sind es; aus der 7 Classe:</p>
<p><lb n="11"/>⟨Vischer, Neuffer,⟩</p>
<p><lb n="12"/>aus der 6ten Staeudlin.</p>
<p><lb n="13"/>Von Academisten</p>
<p><lb n="14"/>Vischer, Haselmayer, Georgii</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">28</hi> <hi rendition="#g">Juni</hi>.</head>
<p><lb n="16"/>Ich machte die Bemerkung, was für verschiedene Eindrüke einerlei Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stände auf verschidene Personen machen könnten. Man erzälte nemlich eine bekannte<lb n="18"/>Frau sey glüklich niedergekommen, M. V. als ein ehmaliger Ehmann freute sich<lb n="19"/>herzlich darüber, J. B. als eine erwachsene Weibsperson, die dergl. Vorfällen schon<lb n="20"/>beigewont hatte, noch mehr, und sagte dabei, es sey doch keine grössere Freude, als<lb n="21"/>wenn eine Frau glükliche Niederkunft habe. Aber – zu gleicher Zeit wurde<lb n="22"/>ein schönes Pferd vorbeigeritten, B. und ich standen an Fenstern, B. ongefehr<lb n="23"/>21 Jahr alt, ein Mannsbild fragte gleich wem es gehöre, wärend man diese fröliche<lb n="24"/>Nachricht brachte, die er mit mehr Gleichgültigkeit hörte; ich sprang zu ihm,<lb n="25"/>nicht sonderlich durch die glükliche Niderkunft gerürt, und gab ihm Beifall, daß<lb n="26"/>das ein recht schönes Pferd seye.</p>
<p><lb n="27"/>Da ich Kirschen mit vilem Appetit aß, und mich herrlich erlabte, und glüklich<lb n="28"/>schäzte, sah jemand anders (freilich älter als ich) mit Gleichgültigkeit zu, und sagte,<lb n="29"/>in der Jugend glaube man, man könne unmöglich an einem Kirschweib vorbei<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gehen, ohne daß einem das Maul (wie wir Schwaben sagen) darnach wässere; in<lb n="31"/>ältern Jaren aber könne man fast einen Früling vorbeirollen lassen, one eben so<lb n="32"/>darnach zu schmachten; ich dachte hiebei den für mich ziemlich leidigen (aber doch<lb n="33"/>allerweisesten) Saz: daß man in der Jugend wo man aus unhaltbarer Begierde gewiß</p>
<pb n="5" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=18" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1785</fw>
<p><lb n="1"/>seine Gesundheit in schlechte Umstände versezen würde, nicht so viel essen KÖNNE, im<lb n="2"/>Alter nicht MOEGE.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">29</hi> <hi rendition="#g">Juni</hi>.</head>
<p><lb n="4"/>Ei! Ei! schlimme Nachrichten von Hohenheim! den Bauern gehts doch, das sind<lb n="5"/>verwünschte Leute, haben dem Herzog alle Fenster in dem Schloß zu Scharnhausen<lb n="6"/>eingeworfen.</p>
<p><lb n="7"/>Es war heut ein Feiertag; ich ging aber nicht in die Kirch, sondern mit Dutten<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>hofer und Autenriet in den Bopser Wald spazieren.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/><hi rendition="#g">Donnerstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">30</hi> <hi rendition="#g">Juni</hi>.</head>
<p><lb n="10"/>Es war heute eine schwülige Hize, und es hatte das Anscheinen, als es werde ein<lb n="11"/>Wetter geben allein es verzog sich. Ich spilte heute auch wiederum einmal mein<lb n="12"/>belibtes Schachspiel, und ob ich gleich ein schlechter Spiler bin, so gewann ich es<lb n="13"/>doch beidemal da wir es spilten. Ich spiele nie nach einem Plan wie es eigentlich<lb n="14"/>geschehen sollte, sondern im Anfang nur auf geradewol, (welches aber ein grosser<lb n="15"/>Feler ist,) das weitere Spielen und die Lage der Steine müssen alsdenn den Plan<lb n="16"/>bestimmen, nach dem ich weiter spielen werde. Ich will mich aber nächstens<lb n="17"/>befleissen, allemal so offt ich spiele diesen gleich im Anfang mir machen, und dann<lb n="18"/>das ganze Spil hindurch diesen immer verfolgen. Ich sagte nur in fugam vacui<lb n="19"/>so vil vom Schachspiel, damit doch der lezte Tag dises Monats nicht leer bliebe.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="20"/>Freitags den 1 Julii.</head>
<p><lb n="21"/>Schon lange besan ich mich, was eine pragmatische Geschichte sey; ich habe<lb n="22"/>heut (weiß aber nicht durch wen) obgleich eine zimlich dunkle und einseitige<lb n="23"/>Idee davon erhalten. Eine pragmatische Geschichte ist glaub ich, wenn man nicht<lb n="24"/>blos Facta erzält, sondern auch den Carakter eines berümten Mannes, einer ganzen<lb n="25"/>Nation, ihre Sitten, Gebraüche, Religion etc. und die verschiedene Veränderungen<lb n="26"/>und Abweichungen dieser Stüke von andern Völkern entwikelt; dem Zerfall, und<lb n="27"/>dem Emporsteigen grosser Reiche nachspürt; zeigt was diese oder jene Begebenheit<lb n="28"/>und Staatsveränderung für die Verfassung der Nation, für iren Carakter u.s.w. für<lb n="29"/>Folgen gehabt habe. u.a.m.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">2</hi> <hi rendition="#g">Juli</hi>.</head>
<p><lb n="31"/>Warum hat Socrates vor seinem Ende dem Aesculapius einen Hahn opfern<lb n="32"/>lassen? fragten Herr Prof. Offterdinger in einem hebdomadario. Nach Anfürung</p>
<pb n="6" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=19" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1785</fw>
<p><lb n="1"/>verschidener Meinung sagen Sie, Sie halten dafür, Socrates seye durch die Wir<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>kung des Giffts sich seiner nimmer bewußt gewesen. Ich halte neben diser Ursach<lb n="3"/>auch davor, er habe gedacht: weil es Sitte sey, so wolle [er] durch Unterlassung diser<lb n="4"/>geringen Gabe den Pöbel nicht vollends ganz vor den Kopf stossen.</p>
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<head type="sub"><lb n="5"/><hi rendition="#g">Sonntag</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">3</hi> <hi rendition="#g">Juli</hi>.</head>
<p><lb n="6"/>Auf dem Rükweg eines Spazirgangs stellten wir besonders ich (daß doch die<lb n="7"/>Eigenlibe gleich ins Spil muß) den Saz auf; Jedes Gute hat seine böse Seite (offt<lb n="8"/>minder offt mehr, nach Verhältniß des Guten). Und wendeten diesen Saz bei jedem<lb n="9"/>Tritt an. R. der auch mit war, ging um ein anderes Ek als wir; es war weiter; wie<lb n="10"/>wir ihn gegen uns kommen sahen, warteten wir; nun sagte einer; was dises War<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ten und Aufhalten im Weg an sich Gutes habe sehe er nicht ein. Wir antworteten:<lb n="12"/>Wenn wir fortgeloffen wären, hätte einer fallen oder einen nicht guten Gedanken<lb n="13"/>haben können. Recht Stoisch!</p>
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<head type="sub"><lb n="14"/><hi rendition="#g">Monntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">4ten</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi></head>
<p><lb n="15"/>Auf dem Spazirgang examinirte mich Herr Prof. Cleß wegen unterschiedent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>licher Materien; besonders wegen dem Lauf der Sonne (vilmehr der Neigung der<lb n="17"/>Erde) wodurch die Jahrszeiten entstehen. Unter andern machte ich die Frage:<lb n="18"/>warum es im Julius offt und August heisser seye, als im Juni, wo doch die Sonne<lb n="19"/>uns sich am meisten nähere. Daß die Hize in unserer Atmosphäre durch die Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>prallung der Sonnenstralen entstehe, ist bekannt. Herr Prof. Cleß erteilten mir<lb n="21"/>nun über das andere folgende Erklärung: Im Juni und bälder erwekt und irritirt<lb n="22"/>die Sonne gleichsam durch ire Taction und Entzündung die Feuerteile nahe auf der<lb n="23"/>Oberfläche der Erde. Diese irritiren nun immer wieder die neben sich liegende,<lb n="24"/>und gehen so gleichsam in einer Kette fast bis in den Mittelpunkt der Erde. Im Juli<lb n="25"/>und August mögen nun die meiste irritirt seyn, in disen Monaten wird also die<lb n="26"/>gröste Hize aus der Erde in die Atmosphaere zurükgeworfen, und es ist also am<lb n="27"/>heisesten.</p>
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<head type="sub"><lb n="28"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">5</hi> <hi rendition="#g">Juli</hi>.</head>
<p><lb n="29"/>Ich kaufte aus der Bibliothek des seeligen Herrn Praeceptor Löeflers meines<lb n="30"/>teuersten Lehrers und Fürers [die] folgenden Bücher</p>
<pb n="7" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=20" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>1) Griechische</p>
<p><lb n="2"/>1) <hi rendition="#g">Aristoteles</hi> de moribus 15 cr.</p>
<p><lb n="3"/>2) <hi rendition="#g">Demosthenis</hi> oratio de corona 36 cr.</p>
<p><lb n="4"/>3) <hi rendition="#g">Isocratis</hi> XXI Serm. et Epist., opera omnia 45 cr.</p>
<p><lb n="5"/>2) Lateinische</p>
<p><lb n="6"/>a) <hi rendition="#g">Prosaische</hi>.</p>
<p><lb n="7"/>4) <hi rendition="#g">Ciceronis</hi> opera philosophica 30 cr.</p>
<p><lb n="8"/>5) A. <hi rendition="#g">Gellii</hi> noctes Atticas 15 cr.</p>
<p><lb n="9"/>6) Vellejus Paterculus 8 cr.</p>
<p><lb n="10"/>7) Diodorus Siculus 12 cr.</p>
<p><lb n="11"/>b) <hi rendition="#g">Poëtische</hi>.</p>
<p><lb n="12"/>8) <hi rendition="#g">Plautus</hi> 12 cr.</p>
<p><lb n="13"/>9) <hi rendition="#g">Catull</hi>, <hi rendition="#g">Tibull</hi>, <hi rendition="#g">Properz</hi>, <hi rendition="#g">Gallus</hi>, <hi rendition="#g">Claudian</hi>, und<lb n="14"/><hi rendition="#g">Ausonius</hi> 20 cr.</p>
<p><lb n="15"/>10) <hi rendition="#g">Hieronymus</hi> <hi rendition="#g">Vida</hi> 10 cr.</p>
<p><lb n="16"/>11) Virgil. <hi rendition="#g">Christianus</hi> 4 cr.</p>
<p><lb n="17"/>12) <hi rendition="#g">Sannazarius</hi> 8 cr.</p>
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<head type="sub"><lb n="18"/>Mittwochs den 6. Julii.</head>
<p><lb n="19"/>Herr Präc. Löffler war einer meiner verehrungswürdigsten Lehrer, besonders<lb n="20"/>im unterGymnasio darf ich [ihn] keklich fast den vorzüglichsten nennen. Ich kam<lb n="21"/>im Herbst von 1777 zu ihm wo er Praeceptor I inf. Cl. war. Ich war also das halbe<lb n="22"/>Jahr 1778 auch bei ihm; und da in diesem Jahr der seelige Herr Praec. Schäffner<lb n="23"/>gestorben war, so rukte [er] im Herbst mit uns um eine Claß weiter vor; daß ich<lb n="24"/>also das ganze Jahr 1778 und den grösten Teil von 1779 seine Unterricht genoß.<lb n="25"/>Als ich von ihm weg kam in mein Onkels Herrn Präc. Görizen [Classe] hatte ich<lb n="26"/>nichts destoweniger dises ganze Jahr Privat-Unterricht bei ihm; eben so im Jahr 1783<lb n="27"/>wo ich Noviz in der 5ten Claß bei Herrn Prof. Nast war. Im ersten PrivatUnterricht<lb n="28"/>ging auch Lebret und Autenrieth mit mir, im 2ten war ich ganz allein. Im ersten<lb n="29"/>exponirten wir den Curtius, Aesop, im Neuen Testament, nemlich am Mittwoch,<lb n="30"/>Freitag, Samstags, und Sonntags von 11–12 und 2–3. In dem 2ten exponirte ich<lb n="31"/>Cic. de Senect., Somn. Sc. und Lael. de Am., Griechisch im neuen Testament die<lb n="32"/>Briefe an die Thessalonicher, und den an die Römer, und etwas Hebr. Psalmen;<lb n="33"/>zu Ende auch in Vida’s Christiade, wo ich vil auswendig kannte.</p>
<pb n="8" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=21" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Donnerstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">7</hi> <hi rendition="#g">Jul.</hi></head>
<p><lb n="2"/>Er war [der] rechtschaffenste, und unparteilichste Mann. Sein Schülern, sich,<lb n="3"/>und der Welt zu nuzen, war seine Hauptsorge. Er dachte nicht so niedrig, wie<lb n="4"/>andere, die glauben, jezt haben sie ihr Brod, und dürfen nicht weiter studieren,<lb n="5"/>wenn sie nur den ewigen, alle Jare erneuerten ClaßSchlendrian fortmachen könn<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ten. Nein! so dachte der seelige nicht. Er kannte den Wert der Wissenschafften,<lb n="7"/>und den Trost, den sie einem bei verschidenen Zufällen gereichten. Wie offt und<lb n="8"/>wie zufrieden und heiter saß er bei mir in jenem geliebten Stüb’chen, und ich bei<lb n="9"/>ihm. Wenige kannte seine Verdienste, ein grosses Unglük war es für den<lb n="10"/>Mann, daß er so ganz unter seiner Sphäre arbeiten mußte. Und nun ist auch er<lb n="11"/>entschlaffen! Aber ewig werde ich sein Andenken unverrükt in meinem Herzen<lb n="12"/>tragen! – –</p>
<p><lb n="13"/>Dieß muß ich doch hinzufügen, daß er mir XVIII Bände von Shakespeare’s<lb n="14"/>Schauspiele schon 1778 zum Geschenk machte.</p>
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<head type="sub"><lb n="15"/>Freitag den 8 Jul.</head>
<p><lb n="16"/>Als einen allgemeinen Zug hab ich bei dem Carakter des weiblichen Geschlechts<lb n="17"/>(manche Männer sind gewiß auch nicht frei davon) die gänzliche Ubertrettung der<lb n="18"/>Verse des Horatius angetroffen, die so lauten:</p>
<quote><lb n="19"/>Sperat infestis, <hi rendition="#g">metuit</hi> <hi rendition="#g">secundis</hi><lb n="20" type="absatz"/>Alteram sortem bene praeparatum<lb n="21" type="absatz"/>Pectus.</quote>
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<head type="sub"><lb n="22"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">9</hi> <hi rendition="#g">Julii.</hi></head>
<p><lb n="23"/>Hat je der Aberglaube ein schrökliches unter aller Menschen-Vernunfft dummes<lb n="24"/>Abentheuer ausgebrütet, so ist es gewiß das sogenannte Muthes Heer (muthige<lb n="25"/>Heer). Am vergangenen Sonntag Nachts um 1 oder 2 haben viele Leute behauptet<lb n="26"/>sie haben es [gesehen], sogar (pudendum dictu) Leute, von denen man mehr Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>klärung erwartet, und die in offentlichen Amtern stehen. Dieses alte Weib will<lb n="28"/>einen feurigen Wagen mit Menschen gesehen haben, jene wieder was anders.<lb n="29"/>Gemeiniglich sagt man, es seye der Teufel in einem feurigen Wagen, vornen daraus<lb n="30"/>fliege ein Engel Gottes, und rufe jedermann zu: Aus dem Weg das mutige Heer<lb n="31"/>kommt, wer dieser göttlichen Warnung nicht folge werde von Herrn Teufel in<lb n="32"/>seine Residenz geschleift.</p>
<pb n="9" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=22" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> 10 <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Doch auf das Mutige Heer von Sonntag zu kommen, so erzält man es mit den<lb n="3"/>nemliche Umstände, und verschiedene Personen sind mir genannt worden, die es<lb n="4"/>gesehen oder gehört haben (es ist nemlich ein abscheuliches Gerassel). Einige Tage<lb n="5"/>hernach klärte es sich auf, daß es – – (o Schande! Schande!) Gutschen waren. Herr<lb n="6"/>von Türkheim gab nemlich ein Concert, das sehr zalreich war; es dauerte bis um 2;<lb n="7"/>um nun die Gäste nicht in der Finsterniß heimtappen zu lassen, ließ [er] alle mit<lb n="8"/>Gutschen und Faklen heimfüren. Und das war dieß Muthige Heer. Ha! Ha! Ha!<lb n="9"/>O tempora! o mores! geschehen Anno 1785. O! O!</p>
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<head type="sub"><lb n="10"/>Monntags den 11 Julii.</head>
<p><lb n="11"/>Bei diesem Vorfall trug sich noch folgende Anekdote zu. Burgersleute kamen auf<lb n="12"/>die Hauptwacht, und erzälten diesen Vorfall, batten zugleich den kommandierenden<lb n="13"/>Officier, er möchte Acht geben lassen, ob denn das muthige Heer wiederkomme.<lb n="14"/>Der Lieutenant gab der Wacht den Befel, er sollte Acht geben. Der Soldat, der<lb n="15"/>villeicht noch nichts davon gehört hatt fragte: Wenn es kommt, befelen Ewr Gnade der<lb n="16"/>Herr Lieutenant, daß ich es anhalten soll. Ja, ja, sagte der Lieutenant, halt er es nur an.<lb n="17"/>Es blieb aber aus.</p>
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<head type="sub"><lb n="18"/>Dienstags den 12 Juli.</head>
<p><lb n="19"/>Eine änliche Geschichte ereignete sich neulich. 4 Frauenzimmer furen von<lb n="20"/>ChausséeHaus, auf der Ludwigsburger Strasse hieher (man kommt am Galgen<lb n="21"/>vorbei) und es war um 12 Uhr Nachts. Bei ChausséeHaüslein seye nun ein reutender<lb n="22"/>Postknecht OHNE KOPF zu inen gekommen, und immer bald neben bald vor<lb n="23"/>bald hinter der Gutsche mit inen geritten. Der Gutscher wollte ausweichen allein<lb n="24"/>der Postknecht folgte immer, bis er endlich am Thor verschwand. Dies beruhte<lb n="25"/>doch auf der Aussage von 5 oder 6 Personen. Erst etliche Tage nachher<lb n="26"/>erklärte ein Officier, daß er gerade an dem Ort und zu der Zeit zu einer Gutsche<lb n="27"/>gekommen, und mitgeritten sey, er habe aber nicht durch dieses Thor hinein<lb n="28"/>mögen, seye also da von inen hinweg und einen andern Weg geritten. Er sagte<lb n="29"/>dabei, Er habe nicht begriffen können, warum ihm der Gutscher immer habe aus<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>weichen wollen.</p>
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<head type="sub"><lb n="31"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> <hi rendition="#g">den</hi> 13 <hi rendition="#g">Juli</hi>.</head>
<p><lb n="32"/>Ich war heute das erstemal auf der Herzoglichen Bibliothek. Alle Mittwochs<lb n="33"/>und Samstags von 2–5 steht es einem jeden frei sie zu besuchen. Es ist ein grosses</p>
<pb n="10" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=23" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Zimmer mit einer langen Tafel und Feder und Papier da, wo man sich aufhält.<lb n="2"/>Das Buch, das man begehrt, schreibt man nächst dem Namen auf einem Papier und<lb n="3"/>gibt es dem Bedienten, der einem dann das Buch überbringt. Ich forderte, weil<lb n="4"/>andere Bücher nicht da waren, Batteux Einleitung in die schöne Wissenschafften,<lb n="5"/>und laß das Stük von der Epopée.</p>
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<head type="sub"><lb n="6"/><hi rendition="#g">Donnerstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">14</hi> <hi rendition="#g">Juli</hi>.</head>
<p><lb n="7"/>Herr Prof. Abel, und Herr Prof. Hopf, beehrten unsere Gesellschafften vorgestern<lb n="8"/>mit einem Besuch. Wir gingen mit Inen spazieren, wo Sie Uns besonders von Wien<lb n="9"/>unterhilten.</p>
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<head type="sub"><lb n="10"/><hi rendition="#g">Freitags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">15</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="11"/>Ich ging mit Herrn Prof. Cleß spazieren. Wir lasen in Mendelssohns-Phädon<lb n="12"/>nur so gleichsam die Vorbereitung oder Einleitung nemlich den Carakter des<lb n="13"/>Sokrates. Anytus, Miletus, und Krito waren die 3 Scheusaale, die ihm den Tod von<lb n="14"/>dem furchtsamen Senat, und dem tollkopfigten Pöbel auswirkten.</p>
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<head type="sub"><lb n="15"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">16</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="16"/>Es starb heut Herr Stadtschreiber KLÜPFEL, da man ihn schon auf dem Rük<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>weg zur Genesung glaubte. Er hinterläßt 9 Kinder wovon ein Sohn 8 Tag vorher<lb n="18"/>an seine Stelle gesezt worden ist; und der eine am vorigen Herbst ins Kloster kam.</p>
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<head type="sub"><lb n="19"/>Dienstags den 19 Julii.</head>
<p><lb n="20"/>Ebenso starb heut Herr Regierungs-Rath und Geheimer-Cabinets-Sekretarius<lb n="21"/>Schmidlin an einem Schlag, wie er den Löffel am Essen in die Hand nehmen wollte.<lb n="22"/>Leypold ein guter Freund von mir, ist einer seiner Enkel.</p>
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<head type="sub"><lb n="23"/>Mittwochs 20 Julii.</head>
<p><lb n="24"/>Ich war heute wieder auf der Bibliothek und bat um Dusch’s Briefe zur Bildung<lb n="25"/>des Geschmaks, allein entweder waren sie nicht da, oder konnte man sie nicht finden,<lb n="26"/>ich erhilt sie nicht, laß also wieder im Rammler. Ich spielte auch mit Herrn Riederer<lb n="27"/>2mal Schach, worinn ich es allemal gewann.</p>
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<head type="sub"><lb n="28"/>Donnerstags den 21 Julii.</head>
<p><lb n="29"/>Ich ging mit Herrn Cleß spazieren. Wie wir über den Graben gingen, laütete<lb n="30"/>man die grosse Gloke zur Begrabniß des Herrn Reg.R. Schmidlins. Zugleich fing</p>
<pb n="11" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=24" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>man an, Trauer mit Posauen von dem Stadtturm (moles propinqua nubibus<lb n="2"/>arduis) zu blasen; der dumpfe feuerliche langsame Ton der Gloke, und der traurige<lb n="3"/>Schall der Posaunen machten eine solche erhabene Empfindung und Eindruk auf<lb n="4"/>mich, den ich nicht beschreiben kan; indem ich zugleich manchmal von weitem<lb n="5"/>die Gutschen sah, und an die Klagen der hinterlassenen dachte.</p>
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<head type="sub"><lb n="6"/>Freitags den 22 Julii.</head>
<p><lb n="7"/>Ich ging mit Herrn Prof. Cleß wieder spazieren, er examinirte mich in den<lb n="8"/>Körpern.</p>
<p><lb n="9"/>Man teilt diejenige, deren EntstehungsArt man erklären kan, in <hi rendition="#g">reguläre</hi> und<lb n="10"/><hi rendition="#g">irreguläre</hi>.</p>
<p><lb n="11"/>1) <hi rendition="#g">Irreguläre</hi>:</p>
<p><lb n="12"/><hi rendition="#g">Prismata</hi> sind Körper [die] durch eben so viel Parallelogramme eingeschlos<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sen sind, als ire parallele Grundflächen Seiten haben.</p>
<p><lb n="14"/><hi rendition="#g">Pyramiden</hi>, sind Körper, die durch eben so vile Dreyeke umschlossen<lb n="15"/>sind, als ire Grundfläche Seiten hat.</p>
<p><lb n="16"/>2) <hi rendition="#g">Reguläre</hi>. Deren kan es nur 5 geben. Zum Beweis muß vorausgeschikt<lb n="17"/>werden: daß ein körperlicher Winkel nicht aus 4 Rn = 360° bestehen könne,<lb n="18"/>denn sonst wäre er eine Ebene und kein Winkel mehr.</p>
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<head type="sub"><lb n="19"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">23ten</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="20"/>Also, ein körperlicher Winkel muß kleiner als 4 Rechte seyn. Jezt zu den <hi rendition="#g">Regu</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">lären</hi> <hi rendition="#g">Körpern</hi>, dieses sind solche, die von gleichen und ähnlichen Figuren die<lb n="22"/>eben so viele körperliche Winkel einschliessen, begränzt werden. Die simpelste<lb n="23"/>Figur ist hier das gleichseitige Dreyek. Also zuerst von den <hi rendition="#g">Körpern</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Dreyeken</hi>:</p>
<p><lb n="24"/>a) <hi rendition="#g">Vier</hi> <hi rendition="#g">Dreyeke</hi> werden erfordert um einen Körper zu begränzen; ist diß nun<lb n="25"/>möglich, hält der körperliche Winkel nicht über 360°? Nein. Jedes gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>seitiges Dreyek hat 60°, der körperliche Winkel besteht aus 3, er hat also<lb n="27"/>180°, das weniger ist als 360°.</p>
<p><lb n="28"/>b) Geht es auch an wenn der Körperliche Winkel von 4 Dreyeken gemacht<lb n="29"/>wird? Ja! sie machen zusammen 240°.</p>
<p><lb n="30"/>c) Geht [es] auch an mit 5? der körperliche Winkel ist = 300°. Also auch mit 5.<lb n="31"/>Geht es an mit 6? der korperliche Winkel ist gleich 6 · 60 = 360°. Dieß geht<lb n="32"/>also nimmer an.</p>
<pb n="12" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=25" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">24</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Die nächste Figur ist das <hi rendition="#g">Quadrat</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">Rhombus</hi>. Um einen körperlichen<lb n="3"/>Winkel zu machen braucht man 3 Quadrate. Diese machen zusammen den korper<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lichen [Winkel] = 3·90° = 270°. Es geht also ein solcher Körper an. Aber mit<lb n="5"/>4 Quadrate geht keiner an, denn der Winkel wäre = 360°.</p>
<p><lb n="6"/>Auf dieses folgen die <hi rendition="#g">Polygone</hi>. Zuerst das FÜNFEK; um den Polygon-Winkel<lb n="7"/>zu finden dividirt man 360° mit der Anzal der Seiten, und zieht den Quotienten<lb n="8"/>von 180° ab. Also</p>
<quote><lb n="9"/>360/5 = 72     180<lb n="10" type="absatz"/>− 72<lb n="11" type="absatz"/>108</quote>
<p><lb n="12"/>Polygonwinkel ist also = 108°. Also der körperliche Winkel, zu dem 3 erfordert<lb n="13"/>werden, = 324°. Geht also an. Geht es auch an, daß der körperliche Winkel von<lb n="14"/>4 Fünfeke ausgemacht wird? der körperliche Winkel wäre = 4·108° = 432°. Also<lb n="15"/>geht es nicht an.</p>
<p><lb n="16"/>Geht es aber mit SECHSEKEN an. Der Polygonwinkel = (360/6 = 60°) abgezogen<lb n="17"/>von 180°</p>
<quote><lb n="18"/>60<lb n="19" type="absatz"/>120</quote>
<p><lb n="20"/>Polygonwinkel = 120°. Also Körperlicher [Winkel] = 3·120° = 360°. Findet also<lb n="21"/>nicht statt.</p>
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<head type="sub"><lb n="22"/><hi rendition="#g">Monntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">25</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="23"/>Es gibt also nur 5 <hi rendition="#g">Reguläre</hi> <hi rendition="#g">geometrische</hi> <hi rendition="#g">Körper</hi> nemlich</p>
<p><lb n="24"/>1) mit Dreyeken</p>
<p><lb n="25"/>a) wo der körperliche Winkel = 180°, weil 4 Dreyeke erfordert werden,<lb n="26"/>heißt er <hi rendition="#g">Tetraëdrum</hi>.</p>
<p><lb n="27"/>b) Körperlicher Winkel = 240°, weil 8 Dreyeke erfordert werden, nennt man<lb n="28"/>ihn <hi rendition="#g">Octaëdrum</hi>.</p>
<p><lb n="29"/>c) körperlicher Winkel = 300°, weil 20 Dreyeke erfordert werden <hi rendition="#g">Ikosa</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">ëdrum</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>2) <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Quadraten</hi>.</p>
<p><lb n="32"/>Körperlicher Winkel = 270°, heißt <hi rendition="#g">Cubus</hi>, oder <hi rendition="#g">Hexaedrum</hi>, weil 6 Qua<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>drate erfordert werden.</p>
<p><lb n="34"/>3) mit <hi rendition="#g">Fünfeken</hi>.</p>
<p><lb n="35"/>Körperlicher Winkel = 324°, heißt, weil 12 5eke nötig sind, <hi rendition="#g">Dodeka</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">ëdrum</hi>.</p>
<pb n="13" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=26" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/>Freitags den 29. Julii.</head>
<p><lb n="2"/>Exercendi styli et roboris acquirendi causa non alienum videtur, notam quandam<lb n="3"/>historiam latino idiomate conscribere. Constitutum igitur habeo res Romanas<lb n="4"/>brevi percurrere et primoribus saltim labiis degustare. Urbem Conditam à Romulo,<lb n="5"/>primo Romulidum rege, reges à principio habuerunt; Quorum novissimo super<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>biente populique jura imminuente aliam maluerunt cives formam dominationis.<lb n="7"/>Expellunt igitur regem, consules sibi creant quorum bini singulis annis recens<lb n="8"/>creati summam reipublicae administrarent; Quorum quidem imperium, populi<lb n="9"/>motibus saepius interpellatum firmiter diuque constitit. Invalescente denum<lb n="10"/>ambitione, et divitiis auctis magnates populum corrumpere, leges largitione tollere,<lb n="11"/>et vindicare tyrannidem. Exordium non improsperum visum insequentium Caesarum<lb n="12"/>crudelitatibus, omnium civium ignavia, obumbratum, resque Romana indies magis<lb n="13"/>magisque consenuit, internisque discordiis et injuriis ita jam nutavit, ut barbarorum<lb n="14"/>catervis non accedentibus tota tantaque moles corruisset. Sufficientibus quippe<lb n="15"/>non amplius patriae terrarum spatiis, alienas sibi quaerentes sedes, Romanorum<lb n="16"/>conspecta infirmitate Italiam concutere, et impune depopulari, Romanis (nefas<lb n="17"/>dictu) tributa promittentibus, pacemque ultro a barbaris flagitantibus.</p>
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<head type="sub"><lb n="18"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">30ten</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="19"/>Saepenumero equidem mirari soleo, mirandas rerum fortunas; Ciceronis officia<lb n="20"/>et dialogi in manibus sunt, Anno 1582 typis impressi. Duorum annorum spatio<lb n="21"/>non praeterlapso libri vetustatem, quam pertulerat, admiratus mecum reputavi:<lb n="22"/>Ducentos annos revolutos esse, cum liber iste typis imprimeretur. Reputans igitur<lb n="23"/>mecum tot manus, quae in conficienda libri impressione sedulae detentae sunt,<lb n="24"/>hominesque, quorum consiliis illae rectae, nunc oblivione posteritatis premi nescio,<lb n="25"/>quid dicam. Doluissent sane homines illi incolumes, si compertum habuissent,<lb n="26"/>post mortem descensuram ex animis hominum memoriam sui, memoriam virtu<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tum, memoriam bene factorum. Jam quidem alia plane sentire hos homines non<lb n="28"/>dubito.</p>
<pb n="14" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=27" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">31</hi> <hi rendition="#g">Julii</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Deficiente alia quadam materia Adrasti calamitates paucis enarrabo. Adrastus<lb n="3"/>Phrygiae regis filius, occiso fratre suo confugit, expulsus à patre, ad Croesum<lb n="4"/>Lydiae regem. Qui benigne exceptum, causa fugae cognita, lustravit pro veterum<lb n="5"/>Lydorum instituto Adrastum. Erant autem Croeso duo filii, quorum alter oris<lb n="6"/>dehonestamento contemtus, alter decoro corpore, vivida virtute patri carissimus.<lb n="7"/>Visum est eo tempore Croeso videre per somnum filium cariorem, nomine Atym,<lb n="8"/>jaculo ferreo trajici. Quo somnio exterritus, devastante ea tempestate sue agros<lb n="9"/>Mysorum, et delecta juventute Lydorum, et canibus contra illum proficiscentibus,<lb n="10"/>Atyn, inclytum virtute, mittere recusavit, et in impedimentum itineris nuptias<lb n="11"/>filii instauravit. Atys autem, cognito consilio patris illum adiens quaesivit de<lb n="12"/>detrectando itinere. Tune pater enarrans filio somnium, a proficiscendo eum<lb n="13"/>detinere studuit. Quibus auditis juvenis patrem edocuit, sui non esse ferrea jacula,<lb n="14"/>non manus, quibus regerentur, incolumem igitur se abire et redire posse. Croesus<lb n="15"/>convictus quidem hac interpretatione somnii, dimisit filium, non sine occultis<lb n="16"/>mandatis Adrasto datis, ut vitae pueri curam haberet.</p>
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<head type="sub"><lb n="17"/><hi rendition="#g">Monntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">1</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="18"/>Illi profecti, ubi pervenerant ad regionem, qua sus degebat, rimati sunt illum,<lb n="19"/>inventumque orbe stantes clauserunt. Ibi Adrastus, tendens jaculum in suem,<lb n="20"/>falso ictu citra cecidit, Atyn, Croesi filium feriens. Hic conspiceres Adrastum,<lb n="21"/>nova calamitate percussum, gemebundum quin clamandum seque ipsum dete<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>standum, at Croesum ejus, quem genuerat, qui unice superstes fuit, cognita morte,<lb n="23"/>moerore conficiendum, Adrasto tamen ignoscentem. Qui quidem, infelicissimum<lb n="24"/>omnium mortalium se judicans, in tumulo Atys vitam, morte sponte suam, con<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tinuis acerbitatibus dilaceratam, finivit.</p>
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</div>
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<head type="sub"><lb n="26"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">2</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="27"/>De Graecae linguae difficultate saepius mecum reputans has fere reperi causas.<lb n="28"/>Graeci, coaevorum facile doctissimi, politissimi, fortissimi, barbarorum literas</p>
<pb n="15" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=28" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>parce omnino didicerunt. Cum barbaris gentibus, quas ut rudes contemserunt<lb n="2"/>parva erat illis consuetudo. Oppressorum populorum linguas victores vel dele<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>verunt, suamque intulerunt, vel inter plebem solam serpere passi sunt. Qua in<lb n="4"/>linguarum barbararum ruditate paternam magis excoluerunt, ampliaverunt. Qua<lb n="5"/>ex re maxima Graec. liter. orta est opulentia, quae plurimas peregrino parit dif<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ficultates.</p>
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<head type="sub"><lb n="7"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">3</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="8"/>Magnum cumulum addiderunt formae civitatum illimitata libertate. Summâ<lb n="9"/>plerumque rerum plebi subjecta, si quis valere, aliquid aut efficere studuit, nihil<lb n="10"/>potius esse debuit, quam auram popularem captare, et sic consilia perficere.<lb n="11"/>Sagaciorem non diu fugit, ad omnia adduci plebem oris eloquentia. Eo diligentius<lb n="12"/>huic incubuerunt, et linguam ad elegantiam et venustatem conformarunt.</p>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/><hi rendition="#g">Donnerstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">4</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="14"/>Accedit multitudo, elegantia, et ornatus <hi rendition="#g">Particularum</hi>. Numerum vero<lb n="15"/>Graecorum imitari nostro tempore sane non valemus, cum pessimorum accentuum<lb n="16"/>usu plane sit depravatus.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="17"/><hi rendition="#g">Freitags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">5ten</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
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<head type="sub"><lb n="18"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">7</hi> <hi rendition="#g">Aug.</hi></head>
<p><lb n="19"/>Primo interfui hodie divino Catholicorum cultui orationique sacrae, quam a<lb n="20"/>Werkmeister concinnatam idem concionatus est. Missa, quam vocant, nondum<lb n="21"/>erat finita, cum venirem, quae quidem mihi, ut sano cuivis hominum, maxime<lb n="22"/>displicuit. Hymno decantato, ipsa secuta est oratio, quae mihi ita placuit, ut<lb n="23"/>saepius hanc concionem [adire] statuerim. Spectavit tota eo, ut rudibus, rigideque<lb n="24"/>duram vetustatem retinentibus mitiora, aliorum Christianorum licet a suis doc<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>trinis differentium amantiora conformaret ingenio. Non auditum ne unum quidem<lb n="26"/>verbum, ex quo conspici potuisset flebilis illa Christianorum discordia.</p>
<pb n="16" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=29" type="body" subtype="apparat"/>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Montags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">8</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Silentio non praetermittendum sane esse in hac factorum meorum enarratione,<lb n="3"/>in Collegio S. Rev. Domini Prof. Clessii praestantissimas Livii historias sub DEI<lb n="4"/>auspiciis nos hoc die inchoâsse. Libata est à Summe Rev. Profess. Livii vita, de<lb n="5"/>qua quidem pauca ad nos pervenerunt. Quae equidem didici, paucis comme<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>morabo.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>Dienstags den 9 August</head>
<p><lb n="8"/>Livius Patavinus sub Augusto floruit; cui pro temporum ratione cum debuit<lb n="9"/>adulari, ille ab omnibus blanditiis adeo abhorruit, ut in praefatione operis silere<lb n="10"/>non potuerit. Historiarum praestantia exemplo quodam probatur. Gadibus civis<lb n="11"/>quidam, cum fama Livii nostri et illas regiones peragrâsset, visurus clarissimum<lb n="12"/>virum profectus est in Italiam, Romamque adiens nihil, quod tum urbs miracu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lorum vel materiae vel artis habuit, nisi unicum Livium conspicere voluit. Post<lb n="14"/>conspectum igitur virum urbe statim egressus est, ne oculos, Livium intuitos,<lb n="15"/>alia ulla re inquinaret.</p>
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<head type="sub"><lb n="16"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">21</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="17"/>Interfui hodie Catholicorum iterum sacris. Majer interpretatus est Catechis<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mum, quae quidem expositio, et venerabili interpretis eruditione, et maxima per<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>spicuitate mire mihi placuit. Ante meridiem recens cooptatus arcessitusque rei<lb n="20"/>divinae minister publicam habuit de virtute orationem, cui quidem me non adfuisse<lb n="21"/>valde poenituit.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="22"/><hi rendition="#g">Monntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">22</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<p><lb n="23"/>Saepius et ego mecum ipse reputavi, et, libris etiam quae perpendantur, digna<lb n="24"/>reperi, quaenam sit vehementissima animi perturbatio, quae plurimas intulerit<lb n="25"/>in homines et singulos et plures, urbes, agros, civitates, regna calamitates. Vide<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>amus igitur, quae effecerint honoris libido, auri amor, superbia, invidia, desperatio,<lb n="27"/>odium, ira, et ultionis libido.</p>
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</div>
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<head type="sub"><lb n="28"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">23</hi> <hi rendition="#g">Aug.</hi></head>
<p><lb n="29"/>Procul dubio <hi rendition="#g">honoris</hi> <hi rendition="#g">libido</hi>, publicas clades maximas attulit, sociata cum<lb n="30"/>imperii cupidine. Quid Alexandrum M. ad bella Dario, a quo nunquam laesus fuit,<lb n="31"/>funestissimum bellum ut inferret, impulit? Quid Timurem, Persiae regem, qui<lb n="32"/>Asiam longe lateque victoribus Tataris, victricibus armis, immensa gloria per-</p>
<pb n="17" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=30" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>agravit? Quid tot praestantissimos Romanorum duces, quos referre immensi esset<lb n="2"/>operis? Nonne haec commotio Academicis immisit funestissima certamina, quae<lb n="3"/>duella vocant, quae tot florentum juvenum stamina tot unica parentum solamina,<lb n="4"/>et gaudia dissecuerunt?</p>
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</div>
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<head type="sub"><lb n="5"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">24</hi> <hi rendition="#g">Aug.</hi></head>
<p><lb n="6"/>Inter barbaras rudesque gentes virtutis non est alius impulsus praeter honorem,<lb n="7"/>et patriae, parentum, uxorum, liberorum amorem. Idem de majoribus nostris<lb n="8"/>constat; devastâsse illos immensa agrorum arvorumque spatia et inferis adjunxisse<lb n="9"/>infinitum hominum, ut nomen sibi per vicinitatem non solum, sed totam Ger<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>maniam acquirerent. Hactenus de honoris cupidine, ad alia redeamus.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/><hi rendition="#g">Donnerstag</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">25</hi> <hi rendition="#g">August</hi>.</head>
<head type="sub"><lb n="12"/>A. D. V. Id. Dec. A. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="13"/>Constitutum habeo diarium hoc, et per examen nostrum Prid. Non. et ipsis Non.<lb n="14"/>Septembr. habitum, et potissimum, qui me invasit, per morbum et gravem et<lb n="15"/>diuturnum, longo temporis intervallo intermissum, jam resumere et pristina studia<lb n="16"/>stylo exercendo renovare. Cujus igitur juvabit temporis historiam brevi percurrere.</p>
<p><lb n="17"/>Aliquot ante examen diebus jam valetudine aliquantum fessus, tamen me non<lb n="18"/>cohibui, quin illud examen, quod Prid. Non. ipsisque Non. Septemb. transactum<lb n="19"/>esse diximus, dissuadentibus et edoctoribus et aliis, adirem. Feliciter illo absoluto<lb n="20"/>domus nostrae limen ulterius egressus non sum. Vehementi morbo correptus,<lb n="21"/>ereptus tamen medici diligentia, et medicamentis mature adhibitis aliquantum<lb n="22"/>colli sinistra parte valde intumui, omni morbi peste et sanie illuc collecta. Diu<lb n="23"/>multumque [me] hoc inflatu discruciato, arte Chirurgi Mohrstadtii Medicique<lb n="24"/>Conspruchii laxamentum allatum, quorum quidem prior dissecto tumore vulnus<lb n="25"/>pollicis latitudinis inflixit, ut saniei cruorisque tetra copia emanaret paene per<lb n="26"/>triduum, quod diligentia Chirurgi frequentique deligatione intra dies circiter<lb n="27"/>triginta coaluit, a secto enim vulnere a. d. VI. Non. Oct. Gymnasium rursus pridie<lb n="28"/>Calend. Novembr. frequentavi.</p>
<pb n="18" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=31" type="body" subtype="apparat"/>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>A. D. IV. Id. Dec. A. C. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="2"/>Quae dum mecum agebantur, multa alia extra me memoria digna contigerunt.<lb n="3"/>Carissimus mihi amicus ablatus est a nobis Tubingam Theologiae consecraneus,<lb n="4"/>puto J. F. Duttenhoferum. Mortuus est eodem temporis spatio celeberrimus ille,<lb n="5"/>decus maximum patriae nostrae Moser, qui tot, quot perlegere humana non sufficit<lb n="6"/>aetas, perscripsit libros, qui tot tamque variis [casibus] jactatus vitam egit; mor<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tuus est dignitate insignis rebusque aliis, quas hic referre alienum est, Hochsteter,<lb n="8"/>mortuus est denique ille et genere et opibus clarus de Herzberg.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/>A. D. III. Id. Dec. A. C. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="10"/>Aucta etiam est interea Bibliothecula mea libris aliquot. Emi enim jam dudum<lb n="11"/>1) Livium, e meo aerario sumtibus erogatis, quatuor florenis. 2) Ernesti Clavim<lb n="12"/>Ciceronianam, thalero. 3) Ciceronis Epistolas ad Atticum decem crucigeris. 4) Theo<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>phronem Campei vernaculo idiomate viginti et sex crucigeris. 5) Homei artem<lb n="14"/>Criticam e Anglica traductam in vernaculam a Meinhardo, ex Bibliotheca beati<lb n="15"/>Loeffleri, floreno et quadraginta et quinque crucigeris, II Tomos. 6) Senecae opera<lb n="16"/>Philosophica, crucigeris quindecim.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="17"/><hi rendition="#g">Pridie</hi> <hi rendition="#g">Id.</hi> <hi rendition="#g">Dec.</hi> <hi rendition="#g">A.</hi> <hi rendition="#g">C.</hi> <hi rendition="#g">MDCCLXXXV</hi>.</head>
<p><lb n="18"/>Cum quaestio hodie orta esset inter nos, praestaretne repetitio praeparationi,<lb n="19"/>aut haec illi, meum semper judicium fuit, optime utramvis jungi, si vero defuerit<lb n="20"/>altera alteri, equidem praeferendam esse repetitionem praeparationi. Intelligimus<lb n="21"/>enim praeparati rem, ut ita dicam, dimidiam, nec vel totum haurimus sensum vel<lb n="22"/>sinistrum. Edocti vero praeceptore et integrum, justum, genuinumque sensum<lb n="23"/>percipimus, qui repetitus menti sempiternus fere inducitur. Sed praeparati falsa<lb n="24"/>verborum vi accepta, quae explanavit doctor, non diu, nisi repetatur, haeret, et<lb n="25"/>mox evanescit.</p>
<p><lb n="26"/>Nobilibus hodie praesentibus Stuttgardiae peregrinis, publice musica vocum,<lb n="27"/>nervorum cornuumque cantibus instituta est.</p>
<pb n="19" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=32" type="body" subtype="apparat"/>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>Ipsis Id. Decembr. A. C. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="2"/>Sollemnis hodie celebrata est et morum et studiorum VI classis auditorum<lb n="3"/>perlustratio, quam vocant percursum (Durchgang). Hesterno die VII classis in<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>quirebatur.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>A. D. XIX. Cal. Jan. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="6"/>Nundinae annuae heri inchoatae, quibus res donandae natis festo die, quo<lb n="7"/>Christi nativitas in memoriam revocatur, venum prostant. Heri praesertim, quo<lb n="8"/>die e rure homines frequentissimi adsunt, videres vino titubantes per vias bacchari,<lb n="9"/>quorum unusquisque calceos aut olim vel sibi vel mulieri vel natis emerat, videres<lb n="10"/>innumeros, hic lites agitari, illic, merces licitari, et alia multa.</p>
<p><lb n="11"/>Feriae nobis erant duobus his diebus, quorum primo dimidio negotia faciunda,<lb n="12"/>reliquo tempore otia, jocos, discursationes, et ambulationes celebravi.</p>
<p><lb n="13"/>Incumbit jam in me onus, fausta cuivis professorum precandi Jani calendis, cui qui<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>dem negotio veteres praesertim medii aevi latini poëtae egregium praestant et praesti<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>terunt auxilium.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>A. D. XVIII. Cal. Januar. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="17"/>Per semestre hoc hybernum placet jam auctore praesertim maxime Venerando<lb n="18"/>et doctore et fautore Domino Hopfio et suasore, Latina sumere et in his prae<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sertim elaborare. Vacillor autem et in varias partes trahor, verius tractus sum,<lb n="20"/>quo potissimum classico auctore uterer. Occurrerunt Ciceronis quaestiones Tus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>culanae; quas et Germanas facere, et illustrare institui. Sed quae juvenilis est<lb n="22"/>inconstantia, displicet jam consilium, si minus per Latinitatis obscuritatem et<lb n="23"/>difficultatem, quae abest longissime ab hoc opere, per Philosophiam et Eloquen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>tiam, quas potissimum, ut ipse ait, hic adhibere visum est.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/><hi rendition="#g">A.</hi> <hi rendition="#g">D.</hi> <hi rendition="#g">XVII.</hi> <hi rendition="#g">Cal.</hi> <hi rendition="#g">Januar.</hi> <hi rendition="#g">MDCCLXXXV</hi>.</head>
<p><lb n="26"/>Nox erat; et tranquilla mente libello cuidam obsidebam, cum, (mens horret<lb n="27"/>dicere) flagrare in urbe nostra aedem sonitus campanae nos exterreret. Heu quantus<lb n="28"/>omnes invasit metus. Invalescente jam incendio ego meusque pater auxilium ivi<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mus domui cuidam vicinitatis.</p>
<pb n="20" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=33" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Ibi vero videres aedem flagrantem totam igne, et paene jam incendio con<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sumtam. Domum illam cum pervenissemus, senescere jam coepit flamma, et paullo<lb n="3"/>post evanescere paene, et fumum late tolli ad astra. Quid plura? hora vix elapsa<lb n="4"/>restincta est flamma, consumta domu dimidia, vicinisque et incendio se diffun<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>dente, et, sapienter ac bene quod institutum est, destruendo, valde tecta laesis.</p>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>Die Saturni. A. D. XVI. Cal. Jan. MDCCLXXXV.</head>
<p><lb n="7"/>Causam vero, quae incendium commoverit, sexcenties variant. Narrant plerique<lb n="8"/>plumbo, quod ajunt infuso, sed et hic differunt; alii – quid tamen recensio tot<lb n="9"/>rumorum proficiat. Consentiunt tamen plerique, filiae Domini Praeceptoris ineptias<lb n="10"/>nugasque et aetate et ordine indignissimas igni fuisse caussam, quae quidem, dum<lb n="11"/>salvare vellet lectum aliquem, valde et crines, et faciem et vestimenta cremata<lb n="12"/>est.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>Die Solis. A. D. XV Cal. Jan. 1785.</head>
<space/>
<head type="sub"><lb n="14"/>Die Mercurii. A. D. XII. Cal. Jan. 1785.</head>
<p><lb n="15"/>Bruma fuit hodie, et dies S. Thomae festus. Jam, jam gravissimum anni tempus<lb n="16"/>cum sustinuerimus, id certe solatur, quod nunc dies in posterum semper magis<lb n="17"/>magisque augeantur nec decrescant. Parvus etiam institutus est in nostra domo<lb n="18"/>vocum nervorumque concentus, quo Dominus Oberst de Rau inhabitans superiorem<lb n="19"/>nostrae aedis partem adfuit, quo digrediente, venit Dominus Secret. Moser, ejusque<lb n="20"/>uxor, Dominus Secret. Günzler ejusdemque uxor, et D. Zorer frater duarum<lb n="21"/>uxorum.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="22"/><hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Jovis</hi>. A. D. XI Cal. Jan.</head>
<p><lb n="23"/>Jam dudum equidem antea quam gravi morbo implicarer, quae consequuta<lb n="24"/>sunt et mala et bona perturbationum animi, explicare pro mei ingenii modulo<lb n="25"/>incepi. Quae honoris, jam exposui. Multa quoque bona sequuta esse, nemo nega<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>verit, si homini, qui captus ea libidine fuit, quaesivit honorem ex bene factis;<lb n="27"/>ubiquidem facta rectissima, consilia vero, si per honorem capta sint, minus proba<lb n="28"/>dixeris. Recte enim facta, ubi virtute perpetrentur, non lucri sui cupidine, ea<lb n="29"/>maxime sunt laudanda.</p>
<pb n="21" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=34" type="body" subtype="apparat"/>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Veneris</hi>. A. D. X Cal. Jan.</head>
<p><lb n="2"/>Ordiamur jam auri opumque libidinem; quae sive sordida avaritia est, sive<lb n="3"/>dehonestans pecuniae injuria quaerendae cupido. Quod si prior, quam dixi avaritia<lb n="4"/>occupaverit animum, aliis minus quam sibi ipse nocet. Hominum est infelicissimus,<lb n="5"/>minus quidem, quibus cum ipso agere; quem haec, multa quoque alia vitia con<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>junctim eum dominantur, perfidia in amicos, crudelitas et duritia in eos, qui ipso<lb n="7"/>opus habent; in familiares servosque fraus, maxima tamen, si principis fuerit<lb n="8"/>minister, in dominum cui fidum esse vel juramento se obstrinxit.</p>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/>Die Solis. A. D. VIII. Cal. Jan. 1785.</head>
<p><lb n="10"/>Dies hodie beatissimo nostro servatori festus obortus est; ubi ex more et ego<lb n="11"/>lautissimis a patre muneribus sum affectus, quorum quidem cum sint multa<lb n="12"/>gratissima, jucundissimum tamen utilissimumque est Schelleri Lexicon, cujus<lb n="13"/>praestantiam usu saepius ipse jam percepi.</p>
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</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/><hi rendition="#g">Ips.</hi> <hi rendition="#g">Cal.</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi> <hi rendition="#g">1786</hi>.</head>
<p><lb n="15"/>Novus igitur sub DEI auspiciis annus inluxit. Mediis his diebus emi mihi etiam<lb n="16"/>Schelleri praecepta stili bene latini inprimis Ciceroniani, sive Romanae eloquentiae.</p>
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<head type="sub"><lb n="17"/>A. D. III. Id. Febr. 1786.</head>
<p><lb n="18"/>Redeamus jam ad prisca haec nostra stylo exercendo instituta intermissa longo<lb n="19"/>intervallo temporis, cum sit hodie Serenissimi Domini nostri ducis natalis LIXtus.<lb n="20"/>Nescio quo casu concionem, qua explicabatur Cap. IX. Sapientiae Salom., nullam<lb n="21"/>adivi. Post meridiem audivi orationem in Gymnasio Domini Prof. Schmidlii,<lb n="22"/>quae ageret de meritis nostri ducis de re litteraria Wirtembergiae, et quidem<lb n="23"/>exposuit excellentia, quae de Tubingensi studiorum Universitate demeritus erat,<lb n="24"/>deinde quae de nostro Gymnasio, postea de scholis claustralibus; sequebantur<lb n="25"/>scholae triviales latinae, et quas vocant Germanae; exceperunt has splendida<lb n="26"/>institutio Academiae, primo quidem militaris, insequenti tempore complexu hujus<lb n="27"/>instituti amplificato, et literariae. Addidit denique et institutum sexui sequiori<lb n="28"/>consulendo, quam vocant scholam (ecole). Clausit totam orationem ardentibus<lb n="29"/>pro salute Ducis nostri ejusque maritae nunc peregrinantium votis precibusque.</p>
<pb n="22" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=35" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1786</fw>
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<head type="sub"><lb n="1"/>A. D. XV Calend. Mart. 1786.</head>
<p><lb n="2"/>Cum soleant per aestatem exercitationes eloquentiae promovendae institui, ne,<lb n="3"/>si tempus accedat, ut de quo dicamus, aliquid nobis eligamus, sim imparatus, et<lb n="4"/>ne temporis nimium impendium facere cogar, in hoc diario me jam praeparem,<lb n="5"/>et primas lineas describam.</p>
<p><lb n="6"/>Prologus agat a) de instituto hoc exercitionum styli b) materiam promere quasi<lb n="7"/>e vicinitate studii, et quae non longius abesset ab aetate et moribus nostris; nec<lb n="8"/>tamen totam historicam materiam, ubi nihil reliquatur loci suae excogitationi.<lb n="9"/>Veniat deinde ipsa res, quae tractetur, i. e. consuetudo, sequatur definitio. Primum<lb n="10"/>deinde dicam de necessitate ejus, quam natura nobis inseruit. Deinde de commodis<lb n="11"/>si recte et cum rectis fiat. Huic opponuntur damna, si nimie nec cum rectis agatur.<lb n="12"/>Sequantur officia eorum, qui consuetudine inter se junguntur; et claudatur tota<lb n="13"/>oratiuncula admonitione. Epilogus vero dicat excusationem juvenis; b) gratias<lb n="14"/>de hoc instituto, 1) auctori; 2) [eis] qui sciverunt, c) laus eloquentiae; et deinde<lb n="15"/>clausulam.</p>
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<head type="sub"><lb n="16"/><hi rendition="#g">A.</hi> <hi rendition="#g">D.</hi> <hi rendition="#g">XIV.</hi> <hi rendition="#g">Cal.</hi> <hi rendition="#g">Mart.</hi></head>
<p><lb n="17"/>Veniam jam ad singula: E more hujus instituti ascendo hanc cathedram, ut ea<lb n="18"/>quae auctore Te, dignissimo nostro doctore et fautore elaboraverim, et vestro<lb n="19"/>nunc judicio, carissimi auditores et commilitones, subjiciam et proponam, et quod<lb n="20"/>maximum et verum potius videtur esse consilium, ut et oris et vocis et totius<lb n="21"/>corporis compositionem dirigamus ad vel gravitatem vel suavitatem, vel vehe<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>mentiam, vel modestiam, ad hasque illas nunc attollamus nunc submittamus,<lb n="23"/>quae quidem est vera declamatio, ubi et vox et os et membra consentiunt orationi.<lb n="24"/>In delectu materiarum, quam tu, vir maxime venerande, quae tua est in nos<lb n="25"/>humanitas, nostro arbitrio reliquisti, studui inprimis talem de qua dicam mihi<lb n="26"/>sumere,</p>
</div>
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<head type="sub"><lb n="27"/>A. D. XII. Cal. Mart. 1786.</head>
<p><lb n="28"/>quae sumta esset quasi e vicinitate vitae nostrae Gymnasticae, nec longius abesset<lb n="29"/>a scientia et moribus, praeterea quae non promta esset tota ex historia, ut nihil<lb n="30"/>relinqueretur nostro ingenio praeter rei compages et constructio, et forma rei<lb n="31"/>apta. Non alienum igitur esse censui, dicere de consuetudine, quae quidem constat<lb n="32"/>saepe conveniendo, colloquendo invicem, ambulando, eundo, ut commune quoddam</p>
<pb n="23" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=36" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>consilium potiantur; quod potissimum est delectatio, de rebus negotiisque con<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sultandi et ipsa perficiendi. Nescio tamen; an si qui conveniant officii publici<lb n="3"/>gratia et peragant, et id quidem saepius, an id et ipsum appelletur consuetudo.<lb n="4"/>Quam quidem injunctam esse nobis à natura, nemo facile dubitaverit, et quamvis<lb n="5"/>laudetur solitudo a multis et peritissimis, et gratissima quoque sit viris cogitantibus,<lb n="6"/>qui habent, quae multa ex se ipsis promant, paucos tamen attuleris, qui semper<lb n="7"/>ea usi sint secessione ab hominibus; sed quoties se relaxare vellent aliquantum<lb n="8"/>animi laboribus fatigati, quaesisse puto hominum conventum, rectorum tamen,<lb n="9"/>suique similium. Minime tamen iis, quae dixi, contendere, animus fuit, solitudinem<lb n="10"/>esse fugiendam, et celebrandos semper coetus hominum. Habet suum tempus,<lb n="11"/>suum modum et finem solitudo, habet conventus suum. vid. Zimmerm. Berol.<lb n="12"/>Bibl. Addamus aliquid de commodis conversationis. Dicamus primo de commodis<lb n="13"/>conversationis cum natu majoribus, quae tam diversa et multa sunt, ut si omnia<lb n="14"/>recensere vellem diutius re vos detineam.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>A. D. IX Cal. Mart.</head>
<p><lb n="16"/>Primum ergo et potissimum praesertim cum natu majoribus conversatis redundat<lb n="17"/>commodum, quod multas rerum multarum notitias sibi comparent. Accedit in<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>primis notitia, quae nulli vel aliquo cum fructu in aliorum salute laboranti, vel se<lb n="19"/>ipse non velit rite orbi committere cum summo detrimento, haec est notitia homi<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>num. Addamus, quare in nostris moribus temporibusque praesertim supersederi<lb n="21"/>nequit, ritus quosdam et externa specie formaque se commendandi facillime<lb n="22"/>discimus, qui versatus fuerit diu in hominibus politis cultisque et moribus, ut<lb n="23"/>ita dicam, longa cum mundo consuetudine tritus. Cum qui ab externa parte non<lb n="24"/>nitet, et eadem animi stupiditate laborare creditur. Quod quidem raro erraverit.<lb n="25"/>Cum tanta igitur fluant e consuetudine justa cum aliis hominibus: necesse est,<lb n="26"/>ex perversa, et nimia, si ita dicere fas est, multa scaturire mala pestesque. Quae<lb n="27"/>sunt a) animi dissipatio et distractio, b) amissio temporis, c) alienatio et fastidium<lb n="28"/>ab omni re severiorem animum poscente et ab solitudine, quam tales res quaerunt.<lb n="29"/>Addamus aliquid de officiis conversantium inter se. Qui superiores vel adeo prae-</p>
<pb n="24" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=37" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>positi sunt iis, quibus utuntur, ne nimis se submittant ad levitatem nec communicent<lb n="2"/>se eis in rebus parvis, et sancta quaedam reverentia simul absterret juvenem a<lb n="3"/>quocunque male facto, metuentem semper, si quidem bonus sit, ametque fautorem,<lb n="4"/>ne facinore quodam perpetrato excidat ejus gratia. Venio jam ad consuetudinem<lb n="5"/>sexus sequioris, quo quidem scopulo multi et praeclarissimi animo misere illisi<lb n="6"/>perierunt. Quid ergo faciendum? abstinendum omni plane cum illis commercio?<lb n="7"/>Nati sumus ut dixi, ea lege, qui commercium et consuetudinem colamus. At<lb n="8"/>feminae non sunt homines? Quis hoc contendet? Utendum igitur est illis. Sed<lb n="9"/>quaeritur quae et quantae calamitates consequuntur? Caret omnibus commodis?<lb n="10"/>Absit. Imo, si recte utaris, maxima tibi offeret. Qui enim, quod sane quisque<lb n="11"/>vestrûm et volet, et velit, hos inter homines, qui nunc globum tuentur, fortunatus<lb n="12"/>cupit esse, eum abjicere necesse est, ut ita dicam (Schlaken), quod nusquam melius<lb n="13"/>et diligentius fieri poterit quam in societate illarum. Habent enim laudisque in<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>famiaeque monopolium. Cum igitur utendum sit omnibus hominibus, diligenter<lb n="15"/>studeamus facultatem nobis parare, e quocunque trahendi utilitatem; nihil est<lb n="16"/>enim homini prudenti tam sterile, quin educere atque elicere possit commodum.<lb n="17"/>Vereor tamen, ne longiori disputatione auditores meos benevolos taedio afficerem.<lb n="18"/>Properabimus igitur ad finem. Sed Tibi, vir clarissime atque optime, pro eo ac<lb n="19"/>juvenilis potest eloquentia, fas sit antea quam factis non possumus verbis tamen<lb n="20"/>gratias (bricht ab)</p>
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<head type="sub"><lb n="21"/>Prid. Non. Martii.<lb n="22"/>A. C. N. 1786.</head>
<head><lb n="23"/><hi rendition="#g">Uber</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Exzipiren</hi>.</head>
<p><lb n="24"/>Da das sogenannte Exzipiren d. i. Niederschreibung eines Thema’s in einer<lb n="25"/>andern Sprache, als das Thema abgefaßt ist, von vielen theils Lehrern teils andern<lb n="26"/>auf der einen Seiten heftig vertheidigt und beibehalten, auf [der] andern Seite<lb n="27"/>aber von eben so vielen oder mehrern ganz verworfen und verbannt wird, so will<lb n="28"/>ich die Gründe, die man zu der Vertheidigung desselben vorzubringen scheint so<lb n="29"/>weit meine Einsicht reicht, untersuchen.</p>
<p><lb n="30"/>A.) Habe ich von einigen sagen gehört, man gelange dadurch zu einem leichten</p>
<pb n="25" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=38" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>und fliessenden Stil; da viele junge Leute bei Ubersezungen, zu denen sie Musse<lb n="2"/>haben, sich versteigen, und schwülstig werden. Dieser Grund mag für viele einige<lb n="3"/>Wahrscheinlichkeit haben. Und gewiß, man fällt beim Exzipiren nicht leicht in<lb n="4"/>Schwulst. Allein man bedenke, ob dieses sogenannte fliessende Latein auch wahres<lb xml:id="GW01-s38-z5" n="5"/>Latein, ob es wirklich so fliessendes Latein ist. Ich verstehe nun unter fliessendem<lb n="6"/>Latein, numeröses und periodisches, völlig nach der Natur, das nicht ins gekünstelte<lb n="7"/>und schwülstige verfällt. Man übersehe nun alle Eigenschaften und Regeln einer<lb n="8"/>numerösen, periodischen und simplen Schreibart, und überlege, ob auch der ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>übteste sie beim Exzipiren beobachten könne. Man bedenke die völlige Ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>heit der deutschen u. a. Sprachen, die sich gewiß bei einer Exzeption nicht bewerk<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stelligen kan. Man wird meistens deutsche Konstruktionen, VerbindungsArten und<lb n="12"/>die nämliche Folge der Säze in der exzipirter Sprache antreffen</p>
<note xml:id="fn-25-1" place="margin" n="" target="#GW01-s38-z5" ana="#j.ohne-teil">Ips. Non Mart. 1786.</note>
<p><lb n="13"/>Was ist dann aber Schuld, daß junge Leute in die Sucht verfallen schwülstiges<lb n="14"/>Latein zu schreiben.</p>
<p><lb n="15"/>Unter vielen Ursachen ist vorzüglich diese vielleicht als die Urquelle zu merken:<lb n="16"/>nämlich die Art, wie man die vortreflichste Schriften der Alten ließt. Vermöge<lb n="17"/>dieser sollte man glauben, sie nüzen zu nichts, als ihre Sprache daraus zu erlernen,<lb n="18"/>und ihre Sprache wieder zu weiter nichts, als daß man sie eben kenne. Denn man<lb n="19"/>nimmt ganz allein und blos auf die Worte und Phrases Rüksicht, gar nicht einmal<lb n="20"/>auf den Geist, Natur u.s.w. derselben, von Sachen ist gar nicht die Rede. Ließt<lb n="21"/>man nun einen solchen Autor, so gibt es viele, die fleissig jede Phrasis ausnotiren,<lb n="22"/>sie sey nun aus einem Schriftsteller, der ein Redner, ein Historiker, oder ein Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>soph ist; er schreibe natürlich, gekünstelt, dunkel – alles wird unter einander<lb n="24"/>gemengt. Eine rednerische Phrasis, durch welche ein Subjekt um der Deutlichkeit,<lb n="25"/>um der Antithesen willen, um daraus einen Beweis herzuleiten umschrieben worden<lb n="26"/>ist, wird dann in einer historischen, geringfügigern Materie angebracht. So steht<lb n="27"/>Liv. IV. cap. III, wo Canulejus das unbillige und ungerechte Betragen der Patrizier<lb n="28"/>gegen die Plebejer recht deutlich vorstellen will, da diese doch eben so wie jene,<lb n="29"/>Römische Bürger seyen, die Umschreibung von Mitbürger: cives nos eorum esse,<lb n="30"/>et si non easdem opes habere, eandem patriam incolere, und kurz vorher: indigni<lb n="31"/>qui una secum urbe intra eadem moenia incoleretis; ebenso die Rednerische Um<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>schreibung von: sie gönnen euch das Leben nicht; lucis vobis hujus partem, si</p>
<pb n="26" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=39" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>liceat, adimant, quod spiratis, quod vocem mittitis, quod formas hominum habetis,<lb n="2"/>indignantur, und so viele tausend andere. Nun hat man gesagt, diese Phrasen seyen<lb n="3"/>schön; man lobt die junge Leute, wenn sie viele im nächsten Exerzitio anbringen;<lb n="4"/>und nun denken sie auf nichts mehr, als jede einzelne Wörter durch die gröste<lb n="5"/>Phrases zu umschreiben; ob sie am rechten oder unrechten Ort stehen, auf das sieht<lb n="6"/>man nicht; sondern man mißt sie nach der Länge, die grösten sind die besten; und<lb n="7"/>so entsteht Schwulst, und Bombast; und das natürliche und das echte der Sprache<lb n="8"/>wird ganz vernachlässigt.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s39-z9" n="9"/>B.) Man erlangt dadurch eine Fertigkeit, daß einem Worte und Redens-Arten<lb n="10"/>gelaüfig werden und geschwind einfallen. Aber fragt es sich, ob durch ein solches<lb n="11"/>Beeilen die Uberlegung und die Wahl der Worte nicht vielmehr gehindert werde.<lb n="12"/>Bei bekannten Worten braucht es freilich nicht viel Nachdenken. Aber bei un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bekanntern glaub ich es. Hat [man] die Phrasis oder das Wort noch nicht, und es<lb n="14"/>wird im diktiren fortgefahren, so soll man auch eilen, man kan aber nicht, man<lb n="15"/>zittert, und – entweder läßt man einen leeren Plaz, oder man wird unwillig, und<lb n="16"/>im Unwillen ist man bekanntlich keiner Uberlegung fähig. Läßt [man] aber bei<lb n="17"/>schweren Texten gar keine Lüke, so ist die Exzeption entweder gut oder schlecht.<lb n="18"/>Ist sie gut, so hat man gewiß nicht durchs Exzipiren, sondern öfteres Lesen der<lb n="19"/>Quellen selbst, und langsames Komponiren diese Fertigkeit erlangt. Ist sie mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>mässig oder schlecht so sage man mir, zu was eine solche unseelige Schreibseeligkeit<lb n="21"/>nüze. Es gibt Leute, die bei allen Fragen zu antworten wissen, wenn diese Ant<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>worten nur aus Worten bestehen, sie seyen nun falsch, schaal, oder übereilt oder<lb n="23"/>sonst ungereimt. So ists beim Exzipiren. Da ich hingegen den obigen diejenige<lb n="24"/>weit vorziehe, die zwar nicht sogleich aber desto bedächtlicher und gescheiter ant<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>worten. Ebenso gefällt mir beim Komponiren eine kleine Langsamkeit besser, als<lb n="26"/>beim Exzipiren eine grosse Eile. Durch erstere wird unser Stiel und die ganze Fertig<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>keit in einer Sprache reifer, überlegter, und dem Geiste derselben mehr angemessen.<lb n="28"/>Und durch bedächtliches Üben gelangt man zu mehrer Schnelligkeit, und endlich<lb n="29"/>zu einer solchen, welche der beste Exzipist, der gleich anfangs nie langsam gearbeitet<lb n="30"/>hat, nie erreichen wird, und diese besteht darinn, schnell und zugleich gut zu schrei<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ben.</p>
<note xml:id="fn-26-1" place="margin" n="" target="#GW01-s39-z9" ana="#j.ohne-teil">A. D. VIII. Mart. 1786.</note>
<p><lb n="32"/>C.) Aus dem Exzipiren kan man die Stärke in einer Sprache beurteilen. Nun<lb n="33"/>fragt sich was für eine Stärke man darunter verstehe. Kan man Kritische Stärke</p>
<pb n="27" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=40" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb xml:id="GW01-s40-z1" n="1"/>daraus ersehen. Wir wollen Gesners Erklärung von der <hi rendition="#g">Kritik</hi> hier einsehen, und<lb n="2"/>dann urteilen, ob man eine Stärke in ihr durch Exzipiren, nicht erlange, sondern<lb n="3"/>nur ob sie sich ersehen lasse. Er erklärt sie nämlich als eine Fähigkeit zu urteilen,<lb n="4"/>die man durch den längsten Umgang mit den Alten erhält, nicht nur was der Sinn<lb n="5"/>der Worte sey, sondern hauptsächlich ob ein ganzes Buch, eine ganze Abhandlung,<lb n="6"/>eine Formel ja sogar ein einzelnes Wort wirklich von dem Alten herrühre, dem sie<lb n="7"/>zugeschrieben werden. Man sieht gleich daß diese Fertigkeit nicht die geringste<lb n="8"/>Ähnlichkeit mit dem Exzipiren habe, daß jene aus diesem beurteilt werden könnte.<lb n="9"/>Ein guter Kritikus wird zwar immer die Worte und Redensarten gebrauchen, die<lb n="10"/>das Diktirte eigentlich ausdrükken: aber der, der exzipiren läßt, ist gemeiniglich<lb n="11"/>selbst ein schlechter oder gar kein Kritikus, und kan eine solche Exzeption einer<lb n="12"/>schlechtern aber phrasenreichern vorziehen. Doch dieser Fall gehört eigentlich gar<lb n="13"/>nicht hieher, denn ein Kritikus ist kein Knabe, auch kein Jüngling mehr, nein das<lb n="14"/>sind meistens erstarkte Männer; und diese wird man doch hoffentlich nicht nach<lb xml:id="GW01-s40-z15" n="15"/>dem Exzipiren beurteilen. Eben so wenig, glaube ich, wird man die Stärke prüfen<lb n="16"/>können, die man durch philosophisches Studium der Sprachen erlangt hat, oder<lb n="17"/>die Stärke in einer Sprache, die man um des wahren Nuzens derselben d. i. um sich<lb n="18"/>Sachkenntnisse zu erwerben, erlernt hat. Doch auch zu dieser Art gehört das, was<lb n="19"/>wir von der vorhergehenden gesagt haben. Noch bleibt uns eine Art der Stärke<lb n="20"/>in einer Sprache übrig. Es läßt sich nämlich noch aus dem Exzipiren sehen, ob einer<lb n="21"/>einen Vorrath von Wörtern sich gesammelt, ob er die Fertigkeit erworben hat,<lb n="22"/>deutschen Wörtern und Aufsäzen ein Lateinisches Kleid anzuziehen, das aber bei<lb n="23"/>weitem noch kein Römisches ist. Nun diß will ich also zugeben, und es ist wahr<lb n="24"/>aus dem exponiren kan man die Stärke in den Wörtern nicht so beurteilen, der<lb n="25"/>Kontext und der Vorteil, daß man ins Deutsche [übersezt], welches unsere Mutter<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sprache ist geben uns leichter die Bedeutung der Worte an die Hand. Aber diese<lb n="27"/>Stärke zu erlangen, wird gewiß das Exzipiren wenig behülflich seyn. Wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>holtes Lesen der Bücher, die in dieser Sprache geschrieben sind, auch übersezen<lb n="29"/>sind hierzu die Mittel. – Was ich hier überhaupt vom Exzipiren gesagt habe, gilt<lb n="30"/>von den Arten des Exzipirens, vom Lateinischen ins Deutsche u.s.f.; nur ist es<lb n="31"/>bei einer Sprache menschlicher als bei der andern; wo nämlich das Komponiren<lb n="32"/>noch Nuzen hat, und welche noch wenigstens unter den Gelehrten eine lebende<lb n="33"/>Sprache ist.</p>
<note xml:id="fn-27-1" place="margin" n="" target="#GW01-s40-z1" ana="#j.ohne-teil">Prid. Id. Mart. 1786.</note>
<note xml:id="fn-27-2" place="margin" n="" target="#GW01-s40-z15" ana="#j.ohne-teil">den 21. Merz 1786.</note>
<pb n="28" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=41" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1786</fw>
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<div>
<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">A.</hi> <hi rendition="#g">D.</hi> <hi rendition="#g">V.</hi> <hi rendition="#g">Id.</hi> <hi rendition="#g">Mart.</hi> <hi rendition="#g">1786</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Saepe mihi de collustratis nostris temporibus cogitanti incurrit et in animum,<lb n="3"/>saepe a nobis convicia et illusiones jaci in varios errores paganorum et omnino<lb n="4"/>in omnium priscorum mores et vetustate firmatas opiniones. Quae nunc de illis<lb n="5"/>recurrent menti, paucis calamo mandabo. In explicanda Deûm historia, univer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>saque Mythologia audivi, cum illuderetur priscis, de superstitione ipsorum, quippe<lb n="7"/>qui duos sibi praeesse credebant genios alterum bonum, alterum malum; hos<lb n="8"/>perpetua concertatione congredi, quorum si bonus malum superaret, bene ab<lb n="9"/>homine et cogitari et agi, si contra vinceret malus, hominemque dominaretur,<lb n="10"/>prava et menti occurrere, et in prave acta erumpere hominem. Deliberans, an<lb n="11"/>eadem nostri aevi tenerentur opinione, inveni, plurimos ut ex plebe ita ex ordinibus<lb n="12"/>cultioribus omnia bene cogitata et facta viribus divinis, prave viribus diaboli<lb n="13"/>adsignare. Parum differre inter se has utriusque aevi opiniones quisque viderit.<lb xml:id="GW01-s41-z14" n="14"/>Accedit quamvis unus diabolus toti generi humano, unicuique et singulo insidiari<lb n="15"/>semper dicatur, id tamen auget similitudinem, quod unus homo probus unum<lb n="16"/>pluresve habere angelos vitae suae morumque custodes, qui recedant ab hominibus<lb n="17"/>pravis [creditur]. Sique forsan homo ex plebe commisit aliquid contra leges, hoc<lb n="18"/>suam culpam dilui aliqua ex parte putant, quod dicant, Deum ab ipsis cessisse,<lb n="19"/>passumque esse ut caderent. At id est divinae bonitatis providentiae. Est quidem;<lb n="20"/>at repugnaret consilio, quo homines formavit. Voluit enim non deficere in rerum<lb n="21"/>universi catena membrum aliquod, quod esset inter bestias, qui ferreis instincti<lb n="22"/>vinculis coacti, libertate carentes, bonum an malum eligant, suo nihil consilio<lb n="23"/>faciunt, et inter aethereum illud angelorum genus, qui ab omni malo alieni non<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nisi recta perficiunt. Relictus est igitur homini medius in[ter] hos locus, cujus<lb n="25"/>plane arbitrio datum utrum bonum an malum eligat.</p>
<note xml:id="fn-28-1" place="margin" n="" target="#GW01-s41-z14" ana="#j.ohne-teil">Ips. Idib. Mart. 1786.</note>
<p><lb n="26"/>Simili errore multos e Christianis irridere vidi. Crediderunt quippe pagani pacari<lb n="27"/>Deûm iras jejuniis, cibis potuque Deo appositis. Referamus id ad nostra tempora.<lb n="28"/>Multis in ritibus eandem adhuc durare superstitionem vidi ut in sepulchralibus<lb n="29"/>aliisque apud collustratiores Lutheranos. Ast apud Catholicos totus ad hanc diem<lb n="30"/>viget. Hoc solo differunt: pagani apposuere ipsis Diis cibos suos, quos si sacerdotes<lb n="31"/>devoraverint, à Diis esse comestos putaverunt. Hodie non item. Superstitiosi</p>
<pb n="29" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=42" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>enim hi homunciones pecuniam alimenta atque alia tradunt sacerdotibus eoque<lb n="2"/>gratiam Deûm aucupant. Sed quae major, quae horribilior superstitio stultitia<lb n="3"/>fuit. Illi forsan exceptis paucis cultioribus plerique omnes qui referrent Deorum<lb n="4"/>naturam ad suam humanam, affingerentque illis humanos affectus, necessitates etc.<lb n="5"/>hanc opinionem firmissime sibi persuaserant auctoribus potissimum monenti<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>busque sacerdotibus. Hi dum egregie saginarent sacerdotes suos, pronuntiaren<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>turque ab pinguibus his, luxuriantibus profanissimisque hominibus, qui per omnes<lb n="8"/>voluptates pervolvebantur, pronunciarentur, inquam, vocabula aliqua, quae neuter<lb n="9"/>intelligeret, persuaserunt, et adhuc persuadent sibi, eo cum Deo in gratias redire.</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>den 18. März 1786.</head>
<p><lb n="11"/>Legi hodie in libello aliquo non spernendo, eum in experientiae schola longe<lb n="12"/>profectum esse, qui assueverit, in nulla re vel offensione irasci. O! praeceptum<lb n="13"/>multo auro, multo argento, multis gemmis longe pretiosius, majus, utilius, omni com<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>paratione superius. Sed, dicas mihi aliquem, quem vel ubique frigidissimum praecipi<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>tet, atque abripiat in iram saepius magna rei indignitas. Sed nec succensere maximis<lb n="16"/>flagitiis, maximis sceleribus vel in nos, vel in alios, id sane est aliquid, quod non<lb n="17"/>referam in magnis virtutibus. At non necesse est in iram abripi, satis est dolere de<lb n="18"/>sceleribus, aegreque ea ferre. Qui enim etiam ira effervescit in flagitiis, eum et in<lb n="19"/>aliis rebus, quibus injuriam sibi fieri putat, quibus maximus sui amor, sua ambitio<lb n="20"/>laeditur. Si quis tam adeo sibi imperare didicit, ut nulla re in iram moveatur, ei<lb n="21"/>liceat, succensere sceleribus.</p>
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<head type="sub"><lb n="22"/>den 22. März 1786.</head>
<p><lb n="23"/>Alle Menschen haben die Absicht sich glüklich zu machen. Von einigen seltenen<lb n="24"/>Ausnahmen [abgesehen], die um andre glüklich zu machen so viel Erhabenheit der<lb n="25"/>Sele besassen, sich aufzuopfern. Doch diese haben, glaub’ ich nicht wahre Glük<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>seeligkeit aufgeopfert, sondern nur zeitliche Vortheile, zeitliches Glük, auch Leben.<lb n="27"/>Diese machen also hier keine Ausnahme. Doch zuerst muß ich den Begriff von<lb n="28"/>Glükseeligkeit festsezen, ich verstehe nämlich darunter einen</p>
<pb n="30" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=43" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1786/87</fw>
<p><lb n="1"/>hier zu Papier bringe, muß ich vorher vorausschiken, was ich unter Aufklärung<lb n="2"/>verstehe. Ich rede nämlich also hier nur von der Aufklärung durch Wissenschaften<lb n="3"/>und Künste. Sie schränkt [sich] also blos auf den Stand der Gelehrten ein. Denn einen<lb n="4"/>Entwurf von einer Aufklärung des gemeinen Mannes zu machen halte ich teils für die<lb n="5"/>meisten auch gelehrtesten Leuten für sehr schwer, teils aber auch besonders für mich<lb n="6"/>noch viel schwerer, da ich überhaupt die Geschichte noch nicht philosophisch und<lb n="7"/>gründlich studiert habe. Sonst glaube ich auch, diese Aufklärung des gemeinen<lb n="8"/>Mannes habe sich immer nach der Religion seiner Zeit gerichtet, und sie erstreke<lb n="9"/>sich überhaupt nur auf die Aufklärung durch Handwerker und Bequemlichkeit<lb n="10"/>des Lebens. Ich spreche hier also meiner Absicht [gemäß] blos von den Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schaften und Künsten. In Ansehung dieser bin ich also der Meinung sie haben<lb n="12"/>zuerst im Orient und Süden geblüht und seyen dann von da aus immer mehr nach<lb n="13"/>Westen gewandert. Sosehr man nun heutzutag wenigstens in Ansehung der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sophie das Grosse Rühmen von der Gelehrsamkeit der Ägypter mit Recht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mindert, so bleibt doch so viel gewiß, daß sie es wenigstens in Ansehung der<lb n="16"/>Mechanischen und bildenden Künsten zu einem solchen Grad der Vollkommenheit<lb n="17"/>gebracht haben, daß noch jezt die Trümmer ihrer Kunstwerke bewundert werden,<lb n="18"/>und es ist sehr wahrscheinlich, daß die grosse und weitlaüfige praktische Kenntnisse<lb n="19"/>auch schon in eine genauere Theorie gebracht worden seyen.</p>
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<head type="sub"><lb n="20"/>den 1 Jan. 1787.</head>
<p><lb n="21"/>Gegenwärtig bin ich das erste Jahr in der siebenden Klasse des hiesigen Gym<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nasiums. Mein HauptAugenmerk sind noch immer die Sprachen, und zwar wirklich<lb n="23"/>die Griechische und Lateinische. Daneben arbeite ich dann und wann etwas in der<lb n="24"/>Geometrie und Mathematik überhaupt. Ausser den öffentlichen Lektionen höre ich<lb n="25"/>ein Kollegium bei Herrn Prof. Hopf, worin wir 3 Stunden Longin und 2 Stunden<lb n="26"/>der Woche den Pflichten des Ciceros widmen. Von der Art wie wir sie lesen ist es<lb n="27"/>unnöthig etwas zu sagen. Einige Zeit wende ich auch auf die Ausarbeitung kleiner<lb n="28"/>Aufsäze und Niederschreibung meiner Gedanken. Das weitere ersieht man aus der</p>
<pb n="31" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=44" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1787</fw>
<p><lb n="1"/>beigeschriebenen StundenEintheilung¹. Sonntags arbeite ich wirklich meist in der<lb n="2"/>sphärischen Trigonometrie, und zum Theil widme ich ihn guten Freunden. Übrige<lb n="3"/>1/4stunden fülle ich wirklich mit Lesung und Exzerpirung der Exkurse Heyne’s<lb n="4"/>zu seinem Virgil aus.</p>
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<p><lb n="5"/><hi rendition="#g">Montags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">1</hi> <hi rendition="#g">Januar</hi> 1787. Den Vormittag fing ich an in der Sphärischen<lb n="6"/>Trigonometrie, die ich aus Lorenzens Mathematik abgeschrieben hatte, etwas<lb n="7"/>durchzugehen. Allein ich wurde durch Visiten, die zum Neujahr Glük wünschten<lb n="8"/>bald unterbrochen, und nachher mußte ich in gleichen Angelegenheiten ausgehen.<lb n="9"/>Den Nachmittag wollte ich nur einiges in Sophiens Reise lesen; ich konnte mich<lb n="10"/>aber nimmer davon loßreissen bis an den Abend, wo ich in das Conzert ging. Es<lb n="11"/>ist nämlich gewöhnlich, daß alle Neujahr Deputirte von Eßlingen dem Herzog<lb n="12"/>unter dem Titel Schuzgeld, oder Tribut 100 Ducaten überreichen; worauf dann<lb n="13"/>allemal in der Akademie ein Conzert veranstaltet wird. Von diesem konnte man<lb n="14"/>zwar wegen dem Getösse der vielen Zuhörer wenig hören; allein die Zeit wurde<lb n="15"/>mir doch sehr angenehm verkürzt, indem ich da gute Freunde sprach, die ich schon<lb n="16"/>lange nimmer gesehen hatte; das Anschauen schöner Mädchen trug zu unsrer<lb n="17"/>Unterhaltung auch nicht wenig bei.</p>
<note xml:id="fn-31-1" type="rand" n="¹"><lb n="18"/><seg type="marke">¹</seg><lb n="19" break="no"/>StundenEintheilung auf das Winterhalbjahr 86–87<lb n="20" type="absatz"/><hi rendition="#g">Montags</hi> 11–12 Longin. Donnerstags 11–12 PrivatAufsäze<lb n="21" type="absatz"/>4–5 Repet. der Physik. 4–5 Hebdomad.<lb n="22" type="absatz"/>5–6 Colleg. Cicer. offic. 5–6 Colleg. Longin.<lb n="23" type="absatz"/>6–7 Cicer. offic. 6–7 Hebdomad.<lb n="24" type="absatz"/>Nach dem Essen Cicer. off. Nach dem Essen Longin.<lb n="25" type="absatz"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> 11–12 PrivatAufsäze Freytags 9–11 Aufsaz.<lb n="26" type="absatz"/>4–5 Cicer. offic. 11–12 Longin.<lb n="27" type="absatz"/>5–6 Colleg. Longin. 4–6 Cicer. offic.<lb n="28" type="absatz"/>6–7 Longin. 6–7 Aufs.<lb n="29" type="absatz"/>Nach dem Essen Longin Nach dem Essen Cicer. offic.<lb n="30" type="absatz"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> 11–12 Virgils Übersezung Samstags 11–12 PrivatAufs.<lb n="31" type="absatz"/>2–4 Homeri Iliad. 2–4 Cic. offic.<lb n="32" type="absatz"/>4–5 Griech. Chrest. 4–5 Mathes.<lb n="33" type="absatz"/>5–6 Colleg. Cic. off. 5–6 Colleg. Longin.<lb n="34" type="absatz"/>6–7 Cicer. offic. 6–7 Longin.<lb n="35" type="absatz"/>Nach dem Essen Cic. offic.</note>
<pb n="32" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=45" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1787</fw>
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<head type="sub"><lb n="1"/><hi rendition="#g">Dienstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">2</hi> <hi rendition="#g">Januar</hi> <hi rendition="#g">1787</hi>.</head>
<p><lb n="2"/>Gewöhnlich. Ich exzerpirte Abends aus Heyne’s Exkursen.</p>
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<head type="sub"><lb n="3"/><hi rendition="#g">Mittwochs</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">3</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi></head>
<p><lb n="4"/>Es war diese Nacht eine totale Mondsfinsterniß. Herr Prof. Hopf rüstete auf<lb n="5"/>dem Gymnasio einige Seeröhre zur Beobachtung, aus dem neuen Apparat der<lb n="6"/>Instrumente. Es kamen einige hinauf; aber der ganz überzogne Himmel ließ nicht<lb n="7"/>das mindeste sehen. Herr Rektor illuminirt erzählte uns unter andern: er sey auch<lb n="8"/>als Gymnasist mit andern Observator gewesen und des Nachts stellatum gegangen.<lb n="9"/>Sie seyen aber nur herumvagirt. Es kamen StadtPhilister dazu, die sie einziehen<lb n="10"/>wollten. Die Gymnasisten sagten, sie seyen stellatum gegangen. Ei, sagten die Sol<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>daten, sie sollen bei Nachts in ihr Bett liegen, und bei Tag stellatum gehen.</p>
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<head type="sub"><lb n="12"/><hi rendition="#g">Donnerstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">4</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi> <hi rendition="#g">1787</hi>.</head>
<p><lb n="13"/>1–2 besuchte ich Haugen, Sohn des Hofinstrumentenmachers allhier, wo ich<lb n="14"/>eine Uhr sah, die vortreflich in dem Ton einer Flöttravers spielte. 4–5 und 6–7<lb n="15"/>exzerpirte ich aus Heynes 1tem Exkurs. ad Aen. II. sonst ging alles gewöhnlich.</p>
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<head type="sub"><lb n="16"/><hi rendition="#g">Freitags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">5</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi> <hi rendition="#g">1787</hi>.</head>
<p><lb n="17"/>Von 9–10 exzerpirte ich aus einem Theil der Allgem. deutschen Bibliothek die<lb n="18"/>Editionen des Demosthenes. Von 10–12 besuchte ich Griesingern einen Sohn des<lb n="19"/>Herrn KonsistorialRaths; ich sah dort den Atlas coelestis vom DoppelMayer, und<lb n="20"/>die samtliche Bibliothek des Herrn KonsistorialRaths, auch entlehnte ich daraus<lb n="21"/>den 2ten Theil von Kästners Mathematik. Nachmittags las und exzerpirte ich aus<lb n="22"/>einem neuen Theil der allgem. d. Bibliothek. 5–6 war Kollegium im Longin wegen<lb n="23"/>dem Feyertag am folgenden Tag. Nach dem Essen las ich in Kästners Mathem.<lb n="24"/>2 Th.</p>
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<head type="sub"><lb n="25"/><hi rendition="#g">Samstags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">6</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi> <hi rendition="#g">1787</hi>.</head>
<p><lb n="26"/>Den Vormittag bis 1/2 11 Uhr widmete ich der Trigonometrie. Nachher besuchte<lb n="27"/>ich Herrn Prof. Hopf; ich erhohlte [mir Raths] wegen einer mir dunkeln Stelle [in]<lb n="28"/>Kästners Mathem. (II Th. 1765. p. 159) der Fehler rührte daher: ich war der Mei<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>nung die Pole eines Kraises stehen immer um einen Quadranten von allen Punkten</p>
<pb n="33" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=46" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">TAGEBUCH · 1787</fw>
<p><lb n="1"/>der Peripherie des Kraises. Aber daraus würde folgen, daß nur gröste Kraise in einer<lb n="2"/>Kugel Pole haben könnten. Herr Prof. Hopf nahm selbst diesen Saz an. Erst nachher<lb n="3"/>fiel mir aber der Irrtum bei, und da schafte ich mir selbst Rath. NachMittags besuchte<lb n="4"/>ich Steinkopf, der seinem Großvater dem Antiquar Betulius, der schon alt zu werden<lb n="5"/>anfängt überall rechte gute Dienste leistet, und von seinen vielen beschwerlichen<lb n="6"/>Arbeiten den grösten Theil trägt. Abends spielten wir das geographische Karten-<lb n="7" break="no"/>Spiel, das beynahe einerlei mit dem Tarok ist; nur daß dieses mehrere Abwechs<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lungen und Strafen hat; jenes hat auch keine Taroke, keinen Skiß, kein Bagatt.<lb n="9"/>Nach dem Essen studirte ich in der sphärischen Trigonometrie, die mir nunmehr<lb n="10"/>nimmer so schwer vorkommt, als sie mir schien, so lang ich noch nichts darin<lb n="11"/>getan hatte.</p>
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<head type="sub"><lb n="12"/><hi rendition="#g">Sonntags</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">7</hi> <hi rendition="#g">Jan.</hi> <hi rendition="#g">1787</hi>.</head>
<p><lb n="13"/>Vormittags Trigonometrie. Nach dem Essen lokte mich der schöne Himmel<lb n="14"/>zum Spaziergehen. Ich folgte den Reizen und machte mir eine gesunde stunden<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lange Bewegung. Auf dem Weg begegneten mir unzählige Fußgänger, Reuter<lb n="16"/>und Fahrende. Abends besuchte ich Leypolden in der Akademie. Alle übrige Zeit<lb n="17"/>des Nachmittags und nach dem NachtEssen wendete ich auf die Trigonometrie.</p>
<pb n="35" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=48" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>ARBEITEN AUS DER<lb n="2"/>GYMNASIALZEIT<lb n="3"/><choice><orig/><reg>– </reg></choice>EIN AUFSATZ<lb n="4"/>AUS DEM TÜBINGER STIFT<lb n="5"/>1785–1788</head>
<pb n="37" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=51" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<head><lb n="1"/>UNTERREDUNG ZWISCHEN DREIEN.<lb n="2"/>1785. 30. Mai.</head>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Habt ihr über den Plan, den ich euch vorgelegt habe, nachgedacht?<lb n="4"/>Seid ihr nunmehr schlüssig?</p>
<p><lb n="5"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Ich habe ihn in Erwägung gezogen und wohl überlegt. Sollte die<lb n="6"/>Ausführung so glücklich von Statten gehen, als der Plan weise und klug angeordnet<lb n="7"/>ist, so wäre was Herrliches geschehen.</p>
<p><lb n="8"/><hi rendition="#g">Lepidus</hi>. Ich habe ihn eben so gefunden.</p>
<p><lb n="9"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Aber wie? Nun wollen wir auch das Nähere davon bestimmen und<lb n="10"/>den Hindernissen nachspüren, die sich uns in den Weg legen werden.</p>
<p><lb n="11"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Ich habe nach langem Nachdenken keine besonderen Schwierigkeiten<lb n="12"/>gefunden.</p>
<p><lb n="13"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Aber ich. Ich will dir sie vorlegen. Werden sich die freien Römer so<lb n="14"/>zu unserer Herrschaft verstehen? Wird Brutus, wird Cassius, werden die Andern, die<lb n="15"/>den edlen Cäsar tödten halfen, stille dabei sein? Wird Sextus Pompejus sich zufrieden<lb n="16"/>stellen lassen?</p>
<p><lb n="17"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. O! Octavius, keine solche Bedenklichkeiten! Glaube mir, ich habe<lb n="18"/>länger in der Welt gelebt, habe mehr Erfahrung, als du. Glaubst du, daß in diesen<lb n="19"/>noch ein Funke von Vaterlandsliebe lodere? Mit Nichten. Durch den Luxus und die<lb n="20"/>Schwelgerei sind sie so sehr von ihrer Vorfahren Seelengröße herabgewürdigt, daß<lb n="21"/>es ihnen um Freiheit gar nicht mehr zu thun ist. Erst neulich, nach Cäsars Mord, da<lb n="22"/>vorhin Brutus und Cassius auf der Rednerbühne stunden und sie gegen den großen<lb n="23"/>Julius so sehr zum Haß angeflammt hatten, daß sie sich vor Wuth an seinem gehei<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ligten Leichnam fast vergriffen hätten, wie viel Beredsamkeit brauchte ich, ihren Ton<lb n="25"/>anders zu stimmen? Wie Federn lassen sie sich hin und her blasen. Der Soldat ist<lb n="26"/>schon gewöhnt, eben so gut der Bürger als der Feinde Blut zu verspritzen, und den<lb n="27"/>haben wir ja auf unserer Seite. Bei dem niedrigen Pöbel ist es mit wenig Worten,<lb n="28"/>etwas Getreide oder Geld und öffentlichen Schauspielen geschehen.</p>
<p><lb n="29"/><hi rendition="#g">Lepidus</hi>. Diesen Artikel will ich besorgen.</p>
<p><lb n="30"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Du hast vollkommen Recht, Antonius. Eine Bedenklichkeit ist nun<lb n="31"/>gehoben. Aber ein Brutus, ein Cassius, ist weit über die Sphäre des Pöbels erhaben.</p>
<p><lb n="32"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. O die haben durch Cäsar’s Mord und meine Rede alles Gewicht, alle<lb n="33"/>Liebe, alles Ansehn verloren. Das Volk ist ja auf unserer Seite. Was können sie also<lb n="34"/>vornehmen? Und bis hieher sind sie ruhig.</p>
<p><lb n="35"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Kaum vor vier Stunden hab’ ich Briefe erhalten, daß sie sich ganz</p>
<pb n="38" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=52" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>heimlich zu einer Gegenwehr rüsten, weil sie von uns etwas besorgen. Ich wollte dir<lb n="2"/>die Nachricht gleich hinterbringen, aber du warst weder auf dem Capitol noch zu<lb n="3"/>Haus.</p>
<p><lb n="4"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Ich war auf meinem Landgut. Daß aber Brutus und Cassius sich<lb n="5"/>zum Kriege rüsten, macht mir keine so große Besorgniß. Wir sind so gut Krieger<lb n="6"/>als sie. Nur müssen wir auf unserer Hut sein, unsere Kräfte vereinigen und deswegen<lb n="7"/>gleich unsere Legaten und Tribunen zusammen berufen.</p>
<p><lb n="8"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Es giebt aber doch noch außer diesen eine Menge Feinde, die zwar<lb n="9"/>Freundlichkeit im Gesicht blicken lassen, im Herzen hingegen giftige Dolche ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bergen. Diese sollten aus dem Weg geräumt sein.</p>
<p><lb n="11"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Recht, mein Octavius. Wir haben ja auch schon in der letzten Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sammlung davon geredet, die meisten genannt und ihnen den Tod geschworen.<lb n="13"/>Hier hab’ ich sie aufgeschrieben. Les’t es durch.</p>
<p><lb n="14"/><hi rendition="#g">Octavius</hi> (lies’t es durch und ruft plötzlich aus:) Auch Cicero?</p>
<p><lb n="15"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Ja, Octavius. Wir haben in der letzten Versammlung beschlossen,<lb n="16"/>einem Jeden frei zu lassen, wen er gern in’s Todtenreich geschickt hätte. Cicero war<lb n="17"/>mein Todfeind. Seine Reden und Briefe beweisen es nur zu sehr. Und Lepidus hat<lb n="18"/>dir ja sogar seinen Bruder überlassen.</p>
<p><lb n="19"/><hi rendition="#g">Lepidus</hi>. Ja, das hab’ ich.</p>
<p><lb n="20"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Mein gegebenes Wort kann ich nimmer zurücknehmen, aber der<lb n="21"/>Mann schmerzt mich außerordentlich.</p>
<p><lb n="22"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Hier, Lepidus, lies auch du es durch. Mein Oheim Lucius steht auf<lb n="23"/>dein Begehren auch unter den Verurtheilten. Es ist also ein Gleichgewicht unter uns.<lb n="24"/>Jeder hat unserem Gemeinwohl einen Mann aufgeopfert, der ihm weh thut. Doch<lb n="25"/>wir wollen uns jetzt auf einen andern Gegenstand wenden, nämlich die Theilung der<lb n="26"/>Länder.</p>
<p><lb n="27"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Diesen Punct wollen wir, dünkt mich, für jetzt noch beruhen lassen.<lb n="28"/>Erst nach Bezwingung des Brutus und Cassius wollen wir ihn berichtigen. Aber auf<lb n="29"/>Gegenanstalten gegen diese Feinde müssen wir ernstlich denken.</p>
<p><lb n="30"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Ich dächte, ich und du verließen Rom, sammelten unser Heer und<lb n="31"/>gingen ihnen dann in ihren Provinzen auf den Leib. Lepidus kann sich der Stadt ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sichern. Billigt ihr es?</p>
<p><lb n="33"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Ja, vollkommen.</p>
<p><lb n="34"/><hi rendition="#g">Lepidus</hi>. Ich ebenfalls. Ich will also gleich fortgehen und die nöthigen Maaß<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>regeln treffen. (Lepidus geht ab.)</p>
<p><lb n="36"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. So! Jetzt bist du fort, einfältiger Mensch. Nun will ich mit dir allein<lb n="37"/>freier reden, Octavius. Sollen wir diesen unfruchtbaren Kopf einst an Beherrschung<lb n="38"/>der Welt Theil nehmen lassen?</p>
<p><lb n="39"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Du hast ihn ja in diese Verbindung gezogen. Jetzt wird es wohl</p>
<pb n="39" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=53" type="body"/>
<fw type="header" place="top">UNTERREDUNG ZWISCHEN DREIEN</fw>
<p><lb n="1"/>nimmer zu ändern sein. Ich denke, er hat sich doch an vielen Orten als ein braver<lb n="2"/>Soldat gezeigt.</p>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Glaube meinen Worten, ich habe ihn kennen gelernt. Der Mann hat<lb n="4"/>keine eigenen Verdienste, keine Geistesfähigkeiten. Nur Aufträge kann er geschickt<lb n="5"/>bestellen. Wie eine todte Maschine muß er durch Andere in Bewegung gesetzt<lb n="6"/>werden. Glaube mir, hätte er nicht mächtige Freunde, es würde mir niemals in den<lb n="7"/>Sinn gekommen sein, ihn aufzunehmen. Jetzt haben wir ihn nöthig, aber, denke ich,<lb n="8"/>sind wir am Ziel unserer Laufbahn, sehen wir uns befestigt genug, alsbald entladen<lb n="9"/>wir ihn seines unverdienten Ehrenamtes, mästen ihn mit den Stoppeln, oder schaffen<lb n="10"/>ihn gar weg und wir verzehren die Aehren, die er für uns gepflanzt und eingeärnd<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tet hat.</p>
<p><lb n="12"/><hi rendition="#g">Octavius</hi>. Ich überlasse dies deinem Gutdünken. Vom Weiteren dieser Sache<lb n="13"/>wollen wir erst nach glücklicher Vollendung unserer Entwürfe reden. – Aber jetzt,<lb n="14"/>Antonius, müssen wir uns vorsehen. Nähere und schrecklichere Ungewitter ziehen<lb n="15"/>sich über unsern Häuptern zusammen. Wir wollen uns daher in aller Eile in eine gute<lb n="16"/>Verfassung setzen, damit wir dem einbrechenden bald tobenden Sturm mit Muth<lb n="17"/>Trotz bieten können.</p>
<p><lb n="18"/><hi rendition="#g">Antonius</hi>. Ja, das wollen wir thun. Ich habe bis zu unserer Abreise noch Einiges<lb n="19"/>in Richtigkeit zu bringen. Auf den Abend sprechen wir uns vielleicht wieder. Indeß<lb n="20"/>lebe wohl. (Geht ab.)</p>
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<head type="sub"><lb n="21"/><hi rendition="#g">Octavius</hi> allein.</head>
<p><lb n="22"/>Der Blödsinn ging zuerst fort und dann der Uebermuth hinten nach. Was Antonius<lb n="23"/>vom Lepidus sagte, ist zwar gar nicht falsch, aber Antonius ist stolz, herrschsüchtig,<lb n="24"/>wollüstig, grausam. Sind unsere Feinde besiegt und Lepidus bei Seite geschafft, so<lb n="25"/>wird Antonius, auf seine Thaten und Erfahrung stolz, mich als einen jüngeren Mann<lb n="26"/>nach seiner Willkühr herumführen wollen. Aber an mir wird er keinen Lepidus<lb n="27"/>finden. Mein unsclavischer Nacken ist nicht gewohnt, sich unter die herabsehenden<lb n="28"/>Blicke eines Beherrschers zu schmiegen. Er wird sich in den Wollüsten herumwälzen.<lb n="29"/>Ich werde es lange zulassen und still dabei sein. Aber wenn seine Leibes- und Seelen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kräfte erschlafft sind und er in Verachtung steht, dann erst will ich mein Haupt<lb n="31"/>emporheben, ihm mich in meiner Größe zeigen und dann – aut Caesar, aut nihil.<lb n="32"/>Entweder soll er sich vor mir im Staub demüthigen, oder ich werde den Tod einem<lb n="33"/>schmachvollen Leben vorziehen! (Geht ab.)</p>
<pb n="40" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=54" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
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<div>
<head><lb xml:id="GW01-s54-z1" n="1"/>EINIGE BEMERKUNGEN<lb n="2"/>ÜBER DIE VORSTELLUNG VON GRÖSSE.</head>
<note xml:id="fn-40-2" place="margin" n="" target="#GW01-s54-z1" ana="#j.ohne-teil">den 14 May 1787.

GWF Hegel</note>
<p><lb n="3"/>Jeder macht täglich die Erfahrung, wenn er auch nicht Acht darauf gibt, daß<lb n="4"/>Grösse ein relativer Begriff sey, d. h. daß wir alle Grössen mit einem angewöhnten,<lb n="5"/>oder nach dem nächstgelegenen Maasstab messen. Aus dieser allgemeinen Erfahrung<lb n="6"/>lassen sich viele besondere alltägliche Erscheinungen erklären. Daß wir ein<lb n="7"/>Zimmer, das nicht hoch ist für länger halten, als eines von gleicher Länge und Brei<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>te, aber grösserer Höhe, kommt, wie ich glaube, nirgend anders her. Der nächste<lb n="9"/>Maasstaab für die Länge und Breite des Zimmers ist seine Höhe; wenn nun diese<lb n="10"/>gering, und also oft in der Länge enthalten ist, so halten wir es für grösser; in ei<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nem höhern hingegen ist unser Maasstab nicht so oft in der Länge und Breite enthal<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ten, und daher scheint es uns nach einer natürlichen Wirkung kleiner. Ebendeßwe<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gen mag auch ein senkrecht aufgerichteter Gegenstand z. B. eine Stange kürzer<lb n="14"/>vorkommen, als ein horizontalliegender; bei jener Stellung haben wir nichts, bei<lb n="15"/>dieser Lage hingegen viele dazwischenliegende Gegenstände, die wir vergleichen<lb n="16"/>können. Nur ist hier der Umstand zu bemerken, daß in beiden Fällen, der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stand nicht zu weit entfernt von dem Auge liegen muß; denn ein entfernter, liegen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>der Gegenstand kömmt uns einer optischen Bemerkung zufolge kleiner vor, weil der<lb n="19"/>sogenannte Sehwinkel kleiner ist, ein aufgerichteter hingegen grösser aus dem um<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gekehrten Grund. Dieß ist auch die Ursache, daß uns bei heiterer Luft der<lb n="21"/>Mond, wenn er aufgeht wegen der Menge der vergleichbaren dazwischenliegenden<lb n="22"/>Gegenständen entlegener scheint, als wenn er gerade über uns steht; ob wir ihn<lb n="23"/>gleich gewöhnlich beim Aufgange grösser sehen; welches sich aus der Menge der<lb n="24"/>Dünste, die die Strahlen brechen, erklären läßt. Aber nicht nur bei Entfer<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nungen finden diese Taüschungen statt; auch bei der Zeit können wir das nämliche<lb n="26"/>wahrnehmen. Die Zeit des Wegs, wenn wir uns irgendwohin begeben, wird uns<lb n="27"/>aus gleichen Ursachen¹ viel langsamer zu vergehen scheinen, als wenn wir uns gleich</p>
<note xml:id="fn-40-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Hier kommt es sehr viel darauf an ob die Beschäftigung angenehm oder<lb n="29"/>nicht angenehm ist.</note>
<pb n="41" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=55" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EINIGE BEMERKUNGEN</fw>
<p><lb n="1"/>lang mit Lesen beschäftigen. Auch nachher bleibt uns noch die nämliche Empfindung<lb n="2"/>zurük; denn die Vorstellungen der vielen Gegenstände auf dem Wege lassen sich<lb n="3"/>nicht in Eine, allgemeine vereinigen, sondern wir müssen uns den Weg unter einer<lb n="4"/>Reihe von Vorstellungen denken, wenn wir uns denselben recht vergegenwärtigen<lb n="5"/>wollen. Von Büchern hingegen, besonders solchen, die nicht historischen Innhalts<lb n="6"/>sind, bleiben uns oft blos allgemeine Empfindungen zurük; ob sich dieses gleich<lb n="7"/>nach Verschiedenheit der Fähigkeiten und Neigungen sehr verschieden ist.</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>(Meiners Briefe über die Schweiz 1 Th. VI Br. p. 371.</p>
<p><lb n="9"/>Wenn ausser den erhabenen Spizen der höchsten Gebirge das ganze übrige Land<lb n="10"/>mit Nacht bedekt ist, so scheinen die erleuchteten Gipfel viel tiefer als sonst, und<lb n="11"/>zugleich so nahe zu seyn, als wenn sie das nächste Thal begränzt hatten.</p>
<pb n="42" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=56" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
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<head><lb n="1"/>UEBER DIE RELIGION DER GRIECHEN UND RÖMER.<lb n="2"/>1787. 10. August.</head>
<p><lb n="3"/>Was die Religion der Griechen und Römer betrifft, so sind sie darin den Weg aller<lb n="4"/>Nationen gegangen. – Der Gedanke an eine Gottheit ist dem Menschen so natürlich,<lb n="5"/>daß er sich auch bei allen Völkern entwickelt hat. In ihrer Kindheit, in dem Urstand<lb n="6"/>der Natur, dachten sie sich Gott als ein allmächtiges Wesen, das sie und Alles blos<lb n="7"/>nach Willkür regiere. Sie bildeten sich ihre Vorstellung von ihm nach den Herrschern,<lb n="8"/>die sie kannten, den Vätern und Fürsten der Familien, die über Leben und Tod ihrer<lb n="9"/>Untergebenen ganz nach Gefallen schalten, denen sie in allen, auch in ungerechten<lb n="10"/>und unmenschlichen Befehlen, blindlings folgten, die als Menschen zürnen, übereilt<lb n="11"/>handeln, etwas bereuen konnten. Ganz so dachten sie sich ihre Gottheit, und die Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stellungen des größten Theils der Menschen unserer so gerühmten aufgeklärten Zei<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ten sind nicht anders beschaffen. Unglück, physisches und moralisches Uebel, sahen<lb n="14"/>sie als eine Strafe von ihr an und schlossen, sie müßten sie wissentlich oder unwissent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lich durch Handlungen, die ihr mißfallen, beleidigt und ihren Zorn verdient haben.<lb n="16"/>Diesen suchten sie nun durch Geschenke, durch das Beste, was sie hatten, durch<lb n="17"/>Erstlingsfrüchte, ja durch das Theuerste, ihre Kinder, zu besänftigen. Diese Menschen<lb n="18"/>sahen noch nicht ein, daß jene Uebel keine wirkliche Uebel, daß Glück und Unglück<lb n="19"/>von ihnen selbst abhange, daß die Gottheit nie Unglück sendet zum Schaden ihrer<lb n="20"/>Geschöpfe. Auch überlegten sie nicht, daß das höchste Wesen durch Geschenke von<lb n="21"/>Menschen nicht gewonnen wird, daß Menschen seinen Reichthum, seine Macht und<lb n="22"/>Ehre so wenig vermehren als vermindern können. – Aber wie sollten sie ihm jene<lb n="23"/>Opfer darbringen? Weil sie sahen, daß nur in Rauch aufgelös’te Dinge zu den Wol<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ken hinansteigen, weil sie wähnten, daß es dort wohne, so ließen sie die ihm zu<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gedachten Geschenke in Feuer zu ihm hinaufdampfen. Dies ist der Ursprung der<lb n="26"/>Opfer, die bei den Griechen und Römern wie bei den Israeliten einen Haupttheil<lb n="27"/>des Gottesdienstes ausmachten. Die Menschen, die Alles nur unter sinnlichen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>stellungen denken können, machten sich bald körperliche Bilder von der Gottheit<lb n="29"/>aus Thon, Holz oder Stein, jeder nach dem Ideal, das er von dem furchtbarsten<lb n="30"/>Wesen hatte; daher die scheußlichen Gestalten und Figuren der Götter bei rohen<lb n="31"/>Völkern ohne Empfindung für das Schöne und ohne Künste. Nothwendig mußte<lb n="32"/>jeder seinem Gott auch einen besondern Namen geben.</p>
<p><lb n="33"/>Wenn nun mehrere Stämme sich mit einander zu einem gemeinschaftlichen Zweck<lb n="34"/>verbanden oder sonst vermischt wurden, so behielt jeder seinen Gott. Um aber die<lb n="35"/>Vereinigung fester zu machen, ließen sie ihre besondern Gottheiten auch in eine</p>
<pb n="43" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=57" type="body"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION DER GRIECHEN UND RÖMER</fw>
<p><lb n="1"/>Gesellschaft treten und stellten sie insgesammt an Einen Ort, wo das ganze Volk alle<lb n="2"/>gemeinschaftlich anbetete. – Griechenland und Rom hatte sein Pantheon und jede<lb n="3"/>Stadt wieder ihren eigenen Schutzgott. Daß diese Nationen eine Vermischung von<lb n="4"/>so mancherlei Völkern waren, ist die Hauptursache ihrer vielen Gottheiten und der<lb n="5"/>so verschiedenen Sagen und Geschichten derselben. Vielgötterei wurde auch da<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>durch veranlaßt; da sie die nach ihren Begriffen eingeschränkte Gewalt der Gottheit<lb n="7"/>nicht für mächtig genug hielten, den ganzen Umfang des Alls allein zu beherrschen,<lb n="8"/>so wiesen sie die Regierung eines Elements, gewisse Verrichtungen u. s. w. einer<lb n="9"/>besondern Gottheit an. Sie personificirten wohl auch die Elemente, Länder und<lb n="10"/>andere große Gegenstände und schrieben ihre Wirkungen und Veränderungen ihnen<lb n="11"/>selbst als freihandelnden Wesen zu. Eben so ist bekannt, daß sie verdienstvolle Helden<lb n="12"/>nach ihrem Tode in den Aufenthalt der Götter versetzten und sie wie diese verehrten.<lb n="13"/>Diese große Verwirrung in der Mythologie wurde durch die Bemühung der Gelehr<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ten, die Bedeutung jeder Fabel herauszufinden, noch um Vieles vergrößert. Zum<lb n="15"/>Aufstellen der Bilder der Götter wurden eigene Plätze ersehen und Tempel erbaut, die<lb n="16"/>alle eine große Heiligkeit erhielten, weil man glaubte, der Gott wohne hier. Höhen<lb n="17"/>und Haine wählte man hierzu ohne Zweifel am liebsten, weil schon ihr Anblick<lb n="18"/>etwas Erhabenes hat und ihre scheinbare Nähe am Himmel am ehesten ein Aufenthalt<lb n="19"/>der Götter sein könnte; theils auch, weil die Seele eines einsamen, lebhaft emp<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>findenden Menschen nirgends so sehr als bei einer herrlichen Aussicht in’s Weite, wo<lb n="21"/>man ein großes Stück der schönen Schöpfung auf einmal übersieht, oder als in den<lb n="22"/>stillen düstern Wäldern entzückt wird, schwärmt und wirklich Erscheinungen zu<lb n="23"/>haben und eine Gottheit zu sehen glaubt.</p>
<p><lb n="24"/>Ein Mensch, voll von Furcht wegen etwas, deutet alle Umstände darauf und wird<lb n="25"/>von Allem in Schrecken gesetzt. So auch jene Menschen ohne Aufklärung, mit einer<lb n="26"/>lebhaften Einbildungskraft, voll von der Furcht ihres Gottes und fest im Glauben, er<lb n="27"/>wirke alle Veränderungen in der Natur unmittelbar und thue ihnen dadurch seinen<lb n="28"/>Willen kund, erklärten alle unvermuthet aufgestoßenen Vorfälle für solche Eröff<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>nungen. Ein abergläubischer Grieche ging daher nicht über den Weg, wenn ein<lb n="30"/>Wiesel an ihm vorbeigesprungen war; er fragte einen Zeichendeuter um Rath, wenn<lb n="31"/>eine Maus seinen Mehlsack angenagt hatte. Noch in unsern Tagen weissagt man aus<lb n="32"/>einem Kometen das Lebensende eines Monarchen und dem Geschrei einer Eule den<lb n="33"/>nahen Tod eines Menschen.</p>
<p><lb n="34"/>Hiermit verband sich noch die Begierde der Menschen, in die Schicksale der<lb n="35"/>Zukunft zu blicken. Sie glaubten, daß die Götter, von denen sie ja abhängt, ihnen<lb n="36"/>gar wohl den Vorhang ein wenig entrücken und durch gewisse Zeichen vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>bedeuten oder durch Menschen, die in näherem Umgang mit ihnen stehen, zum<lb n="38"/>Voraus verkündigen lassen könnten.</p>
<p><lb n="39"/>Alle diese Neigungen nun bemerkten die klügeren und listigeren Menschen, die</p>
<pb n="44" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=58" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>man zum Dienste der Gottheit gewählt hatte. Sie sahen, daß die Völker sich durch<lb n="2"/>nichts so willig leiten lassen, als durch Religion. Wie sie nun aus nichts so sehr Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>theil ziehen, ihre Begierden und Leidenschaften befriedigen oder auch für das all<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gemeine Wohl arbeiten konnten, als durch die Benutzung dieser Folgsamkeit, so<lb n="5"/>bestärkten sie jene Triebe, fesselten die Einbildungskraft und gaben ihr nach einer<lb n="6"/>gewissen Richtung Nahrung und Beschäftigung durch dahinzielende und gehäufte<lb n="7"/>sinnliche Ceremonien. Gegen alle Anfälle der Vernunft wappneten sie sich dadurch,<lb n="8"/>daß sie mit allen ihren Handlungen Religion verbanden und sie so auf diese Art<lb n="9"/>heiligten. Die Bilder der Götter entrückten sie zum Theil dem allgemeinen Anblick<lb n="10"/>und Anlauf der Menge und gaben ihnen durch dies Geheimniß eine größere Würde<lb n="11"/>und Hohheit, auch der Einbildungskraft freieres Spiel. Durch die Orakel hatten die<lb n="12"/>Priester Einfluß in alle wichtige Angelegenheiten. Auch waren sie in Griechenland<lb n="13"/>eines von den Banden, wodurch die so eifersüchtigen und uneinigen Staaten zu<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sammengehalten und zu einem gemeinschaftlichen Interesse verbunden wurden.</p>
<p><lb n="15"/>So entsprangen die Religionen aller Völker, so auch die Religion der Griechen und<lb n="16"/>Römer. Nur wenn eine Nation eine gewisse Stufe von Bildung erreichte, konnten<lb n="17"/>Männer von aufgeheiterter Vernunft unter ihr auftreten, bessere Begriffe von der<lb n="18"/>Gottheit erlangen und sie andern mittheilen. Von diesem Zeitpunct sind auch die<lb n="19"/>meisten Schriften, die wir aus dem Alterthum übrig haben. Die früheren sind uns von<lb n="20"/>dieser Seite wenigstens wegen der Geschichte der Menschheit wichtig. Sie rufen uns<lb n="21"/>immer auf, eine Vorsehung zu verehren und ihre freilich nicht willkürlichen Befehle<lb n="22"/>zu befolgen, wodurch sie weise Alles lenkt und gütig und wohlthätig. Richtige<lb n="23"/>Begriffe von dem Zustand der ganzen Volksreligion lassen sich indessen nicht genau<lb n="24"/>aus ihren Dichtern schöpfen. Sie behandelten die Religion und die Geschichte der<lb n="25"/>Götter als Dichter, jeder nach seinem Endzweck; nur die allgemeinen Meinungen<lb n="26"/>mußten sie zu Grunde legen. Und dieser Volksglaube von den Eigenschaften und<lb n="27"/>der Regierung der Vorsehung war beinahe zu allen Zeiten gleich. Der Pöbel aller<lb n="28"/>Völker schreibt der Gottheit sinnliche und menschliche Eigenschaften zu und glaubt<lb n="29"/>an willkürliche Belohnungen und Bestrafungen. Diese Meinungen sind übrigens der<lb n="30"/>stärkste Zaum ihrer Leidenschaften; die Gründe der Vernunft und einer reinern<lb n="31"/>Religion sind gegen sie nicht wirksam genug.</p>
<p><lb n="32"/>Die Weisen Griechenlands hingegen und ihre Schüler zeigen uns in ihren Schriften<lb n="33"/>viel aufgeklärtere und erhabnere Begriffe von der Gottheit, besonders in Rücksicht<lb n="34"/>auf die Schicksale der Menschen. Sie lehrten, daß sie Jedem hinlängliche Mittel und<lb n="35"/>Kräfte zu seiner Glückseligkeit gebe und die Natur der Dinge so angelegt habe, daß<lb n="36"/>durch Weisheit und moralische Güte wahre Glückseligkeit erlangt werde. – In diesen<lb n="37"/>Grundsätzen nun kamen die Meisten überein: nur in ihren Speculationen über das<lb n="38"/>Urwesen der Gottheit und andere dem Menschen unbegreifliche Dinge haben sie<lb n="39"/>freilich sehr verschiedene Systeme ausgedacht. Aus diesen Gesichtspuncten betrach-</p>
<pb n="45" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=59" type="body"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION DER GRIECHEN UND RÖMER</fw>
<p><lb n="1"/>tet, wird uns in den Begriffen der Religion, wovon ich übrigens nur einige angeführt<lb n="2"/>habe, Manches nimmer so unbegreiflich oder lächerlich vorkommen, wenn wir<lb n="3"/>bedenken, daß Menschen von den nämlichen Fähigkeiten, wie wir, bei Entwicklung<lb n="4"/>dieser durch ihre ungleichmäßige Ausbildung und schiefe Richtung auf dergleichen<lb n="5"/>Irrwege geriethen.</p>
<p><lb n="6"/>Das vielfache Streben dieser Menschen, die Wahrheit zu erforschen, überzeugt<lb n="7"/>uns von der <hi rendition="#g">Schwierigkeit</hi>, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Irrthümern</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ent</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">stalteten</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">gelangen</hi>, und es zeigt, wie der Mensch oft auf dem<lb n="9"/>halben Wege zu ihr stehen bleibt, oft wohl sich weiter wagt, oft von dem rechten<lb n="10"/>abirrt, oft geblendet von einer täuschenden Gestalt ein Schattenbild statt der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichkeit erhascht. Die fehlgeschlagenen sowohl als glücklichen Bemühungen sind<lb n="12"/>für uns schon gemachte Erfahrungen, die wir, ohne den Gefahren ausgesetzt zu sein,<lb n="13"/>benutzen, das Gute davon sammeln und gebrauchen, die Abwege vermeiden können.</p>
<p><lb n="14"/>Aus ihrer Geschichte lernen wir, wie gewöhnlich es ist, durch Gewöhnung und<lb n="15"/>Verjährung an gewisse Vorstellungen den größten Unsinn für Vernunft, schändliche<lb n="16"/>Thorheiten für Weisheit zu halten. <hi rendition="#g">Dies</hi> <hi rendition="#g">soll</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">aufmerksam</hi> <hi rendition="#g">machen</hi> <hi rendition="#g">auf</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">unsere</hi> <hi rendition="#g">ererbte</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">fortgepflanzte</hi> <hi rendition="#g">Meinungen</hi>, <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">prü</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">fen</hi>, <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nie</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zweifel</hi>, <hi rendition="#g">nie</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Vermuthung</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Sinn</hi> <hi rendition="#g">kam</hi>, <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">können</hi> <hi rendition="#g">vielleicht</hi> <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">falsch</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">halbwahr</hi> <hi rendition="#g">sein</hi>.<lb n="20"/>Es soll uns aus dem Schlummer und der Unthätigkeit wecken, die uns gegen die<lb n="21"/>wichtigsten Wahrheiten oft so gleichgültig machen. – Wenn diese Erfahrungen uns<lb n="22"/>gelehrt haben, es für möglich, ja für <hi rendition="#g">wahrscheinlich</hi> zu halten, daß viele unserer<lb n="23"/>Ueberzeugungen vielleicht Irrthümer und viele von denen eines Andern, der anders<lb n="24"/>denkt, vielleicht Wahrheiten sind, so werden wir ihn nicht hassen, nicht lieblos be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>urtheilen. Wir wissen, wie leicht es ist, in Irrthümer zu gerathen, und werden also<lb n="26"/>diese selten der Bosheit und Unwissenheit zuschreiben und so immer gerechter und<lb n="27"/>menschenliebender gegen Andere werden.</p>
<pb n="46" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=60" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
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<head><lb n="1"/>UEBER EINIGE CHARAKTERISTISCHE UNTERSCHIEDE<lb n="2"/>DER ALTEN DICHTER.<lb n="3"/>1788. 7. August.</head>
<p><lb n="4"/>In unsern Zeiten hat der Dichter keinen so ausgebreiteten Wirkungskreis mehr.<lb n="5"/>Die berühmten Thaten unserer alten, auch neueren, Deutschen sind weder mit<lb n="6"/>unserer Verfassung verflochten, noch wird ihr Andenken durch mündliche Fort<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>pflanzung erhalten. Blos aus den Geschichtbüchern zum Theil fremder Nationen<lb n="8"/>lernen wir sie kennen und auch diese Kenntniß ist nur auf die polizierteren Stände<lb n="9"/>eingeschränkt. Die Märchen, die das gemeine Volk unterhalten, sind abenteuerliche<lb n="10"/>Traditionen, die weder mit unserm Religionssystem, noch mit der wahren Geschichte<lb n="11"/>zusammenhängen. Dabei sind die Begriffe und die Cultur der Stände zu sehr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schieden, als daß ein Dichter unserer Zeit sich versprechen könnte, allgemein ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>standen und gelesen zu werden. Unsern großen Deutschen epischen Dichter hat da<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>her die weise Wahl seines Gegenstandes nicht in so viele Hände gebracht, als ge<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schehen sein würde, wenn unsere öffentlichen Verhältnisse Griechisch wären. Ein<lb n="16"/>Theil hat sich von dem System, auf welches theils das ganze Gedicht, theils die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>zelnen Theile gebaut sind, schon entfernt; den andern beschäftigen die Sorgen für<lb n="18"/>die so vervielfältigten Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens allzusehr, als<lb n="19"/>daß er Zeit und Lust bekäme, sich zu erheben und den Begriffen der höhern Stände zu<lb n="20"/>nähern. – Uns interessirt die Kunst des Dichters, nicht mehr die Sache selbst, welche<lb n="21"/>oft den entgegengesetzten Eindruck macht. –</p>
<p><lb n="22"/>Eine vorzüglich auffallende Eigenschaft der Werke der Alten ist das, was wir die<lb n="23"/><hi rendition="#g">Simplicität</hi> nennen, die man mehr fühlt, als deutlich unterscheiden kann. Sie<lb n="24"/>besteht eigentlich darin, daß die Schriftsteller uns das Bild der Sache getreu dar<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stellen, daß sie nicht suchen, es durch feine Nebenzüge, durch gelehrte Anspielungen<lb n="26"/>interessanter oder durch eine kleine Abweichung von der Wahrheit es glänzender und<lb n="27"/>reizender zu machen, wie wir heut zu Tage fordern. Eine jede, auch zusammengesetzte<lb n="28"/>Empfindung drücken sie nur einfach aus, ohne das Mannigfaltige darin von einander<lb n="29"/>abzusondern, das der Verstand unterscheiden kann, und ohne das Dunkle zu zergliedern.</p>
<p><lb n="30"/>Ferner da das ganze System ihrer Erziehung und Bildung so beschaffen war, daß<lb n="31"/>Jeder seine Ideen aus der Erfahrung selbst erworben hatte und</p>
<quote><lb n="32"/>die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich<lb n="33" type="absatz"/>mit todten Zeichen in’s Gehirn nur drückt,</quote>
<p><lb n="34"/>nicht kannten, sondern bei Allem, was sie wußten, noch sagen konnten:</p>
<quote><lb n="35"/>Wie? Wo? Warum? sie es gelernt;</quote>
<pb n="47" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=61" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EINIGE CHARAKTERISTISCHE UNTERSCHIEDE</fw>
<p><lb n="1"/>so mußte jeder eine eigene Form seines Geistes und ein eigenes Gedankensystem<lb n="2"/>haben, so mußten sie <hi rendition="#g">Original</hi> sein. Wir lernen von unserer Jugend auf die gang<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>bare Menge Wörter und Zeichen von Ideen und sie ruhen in unserm Kopfe ohne<lb n="4"/>Thätigkeit und ohne Gebrauch. Erst nach und nach durch die Erfahrung lernen wir<lb n="5"/>unsern Schatz kennen und etwas bei den Wörtern denken, die aber für uns schon<lb n="6"/>gleichsam Formen sind, nach denen wir unsere Ideen modeln und welche bereits<lb n="7"/>ihren bestimmten Umfang und Einschränkung haben und Beziehungen sind, nach<lb n="8"/>denen wir Alles zu sehen gewohnt sind. – Hierauf gründet sich, beiläufig zu sagen,<lb n="9"/>ein Hauptvortheil, den die <hi rendition="#g">Erlernung</hi> <hi rendition="#g">fremder</hi> <hi rendition="#g">Sprachen</hi> hat, daß wir die<lb n="10"/>Begriffe bald allgemein zusammenfassen, bald absondern lernen. Von jener Art, sich<lb n="11"/>in unsern Zeiten zu bilden, kommt es dann, daß bei manchen Menschen die <hi rendition="#g">Reihen</hi><lb n="12"/>selbst gesammelter Ideen und erlernter Worte <hi rendition="#g">neben</hi> <hi rendition="#g">einander</hi> hinlaufen, ohne in<lb n="13"/>Ein System sich verbunden zu haben, oft ohne sich nur zu berühren oder irgendwo<lb n="14"/>in einander zu greifen.</p>
<p><lb n="15"/>Etwas anderes Charakteristisches ist, daß die Dichter besonders die äußerlichen in<lb n="16"/>die Sinne fallenden Erscheinungen der sichtbaren Natur schilderten, mit welcher sie<lb n="17"/>genau bekannt waren, da wir hingegen besser von dem <hi rendition="#g">innern</hi> <hi rendition="#g">Spiel</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Kräfte</hi><lb n="18"/>unterrichtet sind und überhaupt mehr die Ursachen der Dinge wissen, als wie sie<lb n="19"/>aussehen. Bei ihnen lernte Jeder die Verrichtungen anderer Stände von selbst kennen,<lb n="20"/>ohne übrigens die Absicht gehabt zu haben, sie zu erlernen. Daher die Kunstwörter<lb n="21"/>keineswegs gemein geworden waren. Um die feinen Schattirungen in der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>änderung der sichtbaren Natur zu bezeichnen, haben wir freilich auch Wörter, allein<lb n="23"/>sie sind nur in der niedrigen Sprache gangbar oder provinciell geworden. – Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>haupt sieht man es allen Werken der Alten sogleich an, daß sie sich ruhig dem Gang<lb n="25"/>ihrer Vorstellungen überließen und <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">Rücksicht</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Publicum</hi> ihre<lb n="26"/>Werke verfertigten; da es bei den unsern in die Augen fällt, daß sie von ihren Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>fassern mit dem Bewußtsein, man werde sie lesen, und gleichsam mit der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>stellung, als ob sie sich mit ihren Lesern unterhalten, geschrieben wurden.</p>
<p><lb n="29"/>Wir sehen gleichfalls, daß in den noch üblichen Formen der Gedichte die Um<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stände dem Genie der ersten großen Erfinder die Richtung gegeben haben. Nirgends<lb n="31"/>zeigt sich dieser Einfluß so sehr, als in der Geschichte der <hi rendition="#g">dramatischen</hi> Dicht<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>kunst. Die Tragödie hat ihren Ursprung von rohen zur Ehre des Bakchus angestellten<lb n="33"/>Lustbarkeiten, die mit Gesang und Tanz begleitet wurden (Tib. II, 1,57; Horatii ars<lb n="34"/>poëtica, v. 220). Von der Belohnung erhielt sie den Namen. Sie wurden anfangs nur<lb n="35"/>von Einer Person unterbrochen, welche alte Göttergeschichten erzählte. Aeschylus<lb n="36"/>führte zuerst zwei Personen ein, machte eine ordentliche Schaubühne, statt deren<lb n="37"/>man sich vorher einer Hütte (σκηνή) von Baumreisern bediente, die, um mehrere</p>
<pb n="48" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=62" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>Scenen darstellen zu können, in mehre Gemächer abgetheilt war. Der Zuschauer<lb n="2"/>mußte dann von einem zum andern wandern. Dies vermieden bei Einrichtung einer<lb n="3"/>ordentlichen Bühne die folgenden Dichter durch die Einheit des Orts, welche Regel<lb n="4"/>sie nur selten größeren Schönheiten aufopferten (wie Sophokles im Ajax v. 815ff.).<lb n="5"/>Von ihrem ersten eigentlichen Schöpfer bekam auch die Sprache ihre feierliche<lb n="6"/>Würde, die sie in der Folge immer ausgezeichnet hat. Es erhellt hieraus, wie die<lb n="7"/>besondere Form des Griechischen Trauerspiels, hauptsächlich das Besondere des<lb n="8"/>Chors, entstanden ist. Hätten sich die Deutschen ohne fremde Cultur nach und nach<lb n="9"/>selbst verfeinert, so hätte ihr Geist ohne Zweifel einen andern Gang genommen und<lb n="10"/>würde eigene Deutsche Schauspiele haben, statt daß wir die Form von den Griechen<lb n="11"/>entlehnt haben. – Einen gleichen Ursprung hatte ihre Komödie aus den schmutzigen<lb n="12"/>Possenspielen (φαλλικά) der Landleute, den Fescenninen der Römer (Aristot. ars poët.<lb n="13"/>Cap. II, κεφ. 4. Horat. Epist. II, Ep. 1, v. 139ff. und Wieland’s Anmerkung dazu).<lb n="14"/>Die Natur selbst lehrte die rohesten Menschen eine Art wilder Poesie, aus welcher<lb n="15"/>die Kunst dann allmälig das gemacht hat, was bei verfeinerten Völkern Poesie<lb n="16"/>heißt. Bei den Atheniensern, von denen Juvenal sagt: natio comoeda est, mußte diese<lb n="17"/>Gattung besonders ihr Glück machen, da hingegen die ernsten Römer für das feine<lb n="18"/>Komische kein Gefühl haben konnten.</p>
<p><lb n="19"/>Nur diese zwei Gattungen der dramatischen Dichtkunst kannten die Alten. Einige<lb n="20"/>Zwittergattungen, auf die man verfiel, um dem verzärtelten Geschmack der Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>hörer nachzugeben (κατ’ εὐχὴν ποιοῦντες τοῖς θεατεῖς Aristot. ars poët. VII, κεφ. 13),<lb n="22"/>scheinen sich nicht lang erhalten zu haben.</p>
<pb n="49" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=63" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>AUS EINER REDE BEIM ABGANG VOM GYMNASIUM</head>
<p><lb n="2"/>So großen Einfluß hat also die Erziehung auf das ganze Wohl eines Staates! Wie<lb n="3"/>auffallend sehen wir an dieser Nation die schrecklichen Folgen ihrer Vernachlässigung.<lb n="4"/>Betrachten wir die natürlichen Fähigkeiten der Türken und dann die Rohheit ihres<lb n="5"/>Charakters und das, was sie in den Wissenschaften leisten, so werden <hi rendition="#g">wir</hi> dagegen<lb n="6"/>unser hohes Glück erkennen und würdig schätzen lernen, daß uns die Vorsehung in<lb n="7"/>einem Staate geboren werden ließ, dessen Fürst, von der Wichtigkeit der Erziehung<lb n="8"/>und von dem allgemeinen und ausgebreiteten Nutzen der Wissenschaften überzeugt,<lb n="9"/>sich beide zu einem vorzüglichen Augenmerk seiner hohen Sorgfalt macht und<lb n="10"/>seinem Ruhm auch von dieser Seite bleibende und unvergeßliche Denkmale gestiftet<lb n="11"/>hat, welche die späte Nachwelt noch bewundern und segnen wird. Von diesen vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>trefflichen Gesinnungen und diesem Eifer um das Wohl des Vaterlandes sind der<lb n="13"/>redendste, uns am nächsten angehende Beweis – die Einrichtungen dieses Instituts,<lb n="14"/>bei welchem die erhabene Ansicht zum Grunde liegt, dem Staat für seine Bedürfnisse<lb n="15"/>brauchbare und nützliche Mitglieder zu erziehen. Daß die Einrichtungen auf alle<lb n="16"/>mögliche Art vervollkommnet und alle Zeit aufrecht und blühend erhalten werden,<lb n="17"/>das haben wir nach <hi rendition="#g">Karl’n</hi> vorzüglich Ihnen, verehrungswürdigste Männer, zu<lb n="18"/>danken. Diese Ihre unablässige Bemühungen muß Jeder, dem das Glück seines Vater<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>landes wichtig ist, mit der innigsten Dankbarkeit verehren. Besonders aber haben<lb n="20"/>wir gegenwärtig vor Allen die dringendsten Ursachen, unsere Herzen ganz den<lb n="21"/>Gefühlen der Erkenntlichkeit gegen die hohen Gönner und Vorsteher dieses Instituts<lb n="22"/>zu überlassen. Dank Ihnen für die unschätzbaren und zahllosen Wohlthaten, die uns<lb n="23"/>von unserem zarten Alter an durch Ihre Huld in diesem den Wissenschaften und der<lb n="24"/>Erziehung geheiligten Hause zugeflossen sind. Dank besonders für die gnädigste Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nahme in die höhern zu unserer weiteren Bildung bestimmten Anstalten, wo wir<lb n="26"/>unter Ihrer weisen Leitung und wohlthätigen Aufsicht unsere Laufbahn auf einem<lb n="27"/>neuen Wege fortsetzen und vollenden. Hier ist es Pflicht, auch Ihnen, theuerste<lb n="28"/>Lehrer, öffentlich den innigsten Dank abzustatten. Dank Ihnen für den Unterricht<lb n="29"/>in Allem, was wissenswerth, für die Leitung zu Allem, was gut und edel ist. Dank<lb n="30"/>Ihnen auch für Ihre väterliche Besserung unserer mannigfachen Fehler. Verzeihen<lb n="31"/>Sie uns, verehrungswürdige Führer unserer Jugend, unsere Vergehungen gegen Ihre<lb n="32"/>zu unserem Besten abzweckende Ermahnungen, deren Weisheit der unerfahrene<lb n="33"/>Jüngling nicht immer zu schätzen weiß.</p>
<p><lb n="34"/>Sie aber, beste Freunde und Commilitonen, die Sie noch auf eben der Laufbahn</p>
<pb n="50" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=64" type="body"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>begriffen sind, die wir zum Theil in Ihrer Gesellschaft gingen, und nun so eben<lb n="2"/>zurückgelegt haben, seien Sie versichert, daß wir zum Theil schon jetzt, für das<lb n="3"/>Vergangene zu spät, es einsehen lernen, was jede Unachtsamkeit auf die Warnungen<lb n="4"/>unserer Lehrer und Vorgesetzten für nachtheilige Folgen hat und daß wir von dieser<lb n="5"/>Wahrheit mit dem Wachsthum unserer Erfahrungen und reiferen Kenntnisse immer<lb n="6"/>mehr werden überzeugt werden. – Das Gefühl von der Wichtigkeit Ihrer Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>mung wird Ihnen immer neuen Muth und nach und nach eine Liebe zu Ihrer Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schäftigung geben, welche Sie durch mehreres, ächteres und dauerhafteres Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gnügen und Glückseligkeit belohnen wird, als die feinsten Erfindungen der Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichkeit je gewähren können. Lassen Sie uns miteinander den festen Vorsatz fassen,<lb n="11"/>durch Fleiß und Wohlverhalten uns dieser Sorgfalt und Wohlthaten würdig zu<lb n="12"/>machen. Danken Sie mit uns dem gütigsten Wesen, daß es unserer Jugend gerade<lb n="13"/>diese Lehrer und diese Erzieher schenkte. Lassen Sie uns die Vorsehung bitten, daß<lb n="14"/>sie Ihre Bemühungen beglücken und belohnen möge; sie stärke immer Ihre Kräfte<lb n="15"/>und Gesundheit und lasse Ihre Jahre das weiteste Ziel des menschlichen Alters er<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>reichen. Das frohe Bewußtsein des vielen gewirkten Guten und das ruhevolle Zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sehen auf die verflossenen Jahre – die Belohnung eines mit Thaten bezeichneten<lb n="18"/>Lebens –, die erfreulichen Früchte, die von Ihren Bemühungen zum Theil schon<lb n="19"/>reifen, die Sie zum Theil noch blühen sehen werden, die Segnungen aller Recht<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schaffenen, möge <hi rendition="#g">Denenselben</hi> die Beschwerlichkeiten der zunehmenden Jahre<lb n="21"/>versüßen und mit der frohesten Heiterkeit mögen Sie der Alles vergeltenden Ewig<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>keit entgegensehen.</p>
<pb n="51" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=65" type="body" subtype="apparat"/>
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<head><lb xml:id="GW01-s65-z1" n="1"/>ÜBER EINIGE VORTHEILE, WELCHE UNS DIE LEKTÜRE<lb n="2"/>DER ALTEN KLASSISCHEN GRIECHISCHEN UND RÖMISCHEN<lb n="3"/>SCHRIFTSTELLER GEWÄHRT.</head>
<note xml:id="fn-51-1" place="margin" n="" target="#GW01-s65-z1" ana="#j.ohne-teil">Decemb. 1788.

Hegel.</note>
<p><lb n="4"/>Das Ansehen, in dem sich die alten griechischen und römischen Schriftsteller fast<lb n="5"/>in allen Jahrhunderten gleich stark erhielten, nur daß [man] sie freilich nicht zu jeder<lb n="6"/>Zeit um der nämlichen Ursachen willen schäzte, macht sie in uns nothwendig<lb n="7"/>merkwürdig; hätten sie freilich keine Vorzüge, als die man ehmals in ihnen fand,<lb n="8"/>keinen andern Gebrauch, als den man lange Zeit von ihnen machte, so würden sie<lb n="9"/>nur wohl in so fern unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als es eine alte für uns<lb n="10"/>unbrauchbare Rüstkammer thut. Allein ohne einen andern Werth würden sie<lb n="11"/>sich schwerlich in unserm Zeitalter erhalten haben, welches sie vorzüglich aus fol<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>genden Gründen zur Bildung tauglich fand.</p>
<p><lb n="13"/>Vors erste, daß sie so vorzüglich dienlich sind, sich daraus die Begriffe zu sammeln,<lb n="14"/>welche der Stoff sind, den die andere Seelenkräften bearbeiten.</p>
<p><lb n="15"/>Nur eine geringe Bekanntschaft mit diesen Werken und das eigene Gefühl zeigen<lb n="16"/>uns, daß diese Schriftsteller immer ihre Darstellungen aus der Natur selbst ge<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schöpft, und die Erfahrungen die sie uns vortragen selbst gesammelt hatten. Aus dem<lb n="18"/>Studium ihrer Staatsverfassung und des Systems ihrer Erziehung lernen wir noch<lb n="19"/>mehr, daß die Kenntnisse eines jeden weit entfernt waren von</p>
<quote><lb n="20"/>der kalten Buchgelehrsamkeit, die sich<lb n="21"/>mit todten Zeichen ins Gehirn nur drükt,</quote>
<p><lb n="22"/>wie Lessing in seinem Nathan die Summe der Begriffslosen Worte nennt, womit<lb n="23"/>unsere Köpfe von Jugend auf angefüllt werden, und woraus gröstentheils unser<lb n="24"/>Gedankensystem besteht. Diese Bildung ihres [Geistes] prägte sich nothwendig<lb n="25"/>auch in ihren Schriften ab. Ihre Schilderungen sowohl der sichtbaren als sittlichen</p>
<pb n="52" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=66" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>Natur sind aus eben dem Grunde sinnlicher also lebhafter und leichter zu fassen;<lb n="2"/>bei abstrakten Untersuchungen sowohl über moralische als metaphysische Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>stände, sehen wir immer den Gang den ihre Spekulation nahm, wie sie von Er<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fahrungen ausgeht, und [aus] den Beobachtungen Schlüsse zieht, und auf diese<lb n="5"/>weiter fortbaut. Ferner bei der verschiedenen Art und dem verschiedenen<lb n="6"/>Gange und Grade ihrer Kultur, der nur wenig von aussen her bestimmt wurde,<lb n="7"/>war es nothwendig, daß sie überhaupt die Dinge in andern Verhältnissen ansahen,<lb n="8"/>und diese Beziehungen auf einander in ihrer Sprache ausdrükten, und also Begriffe<lb n="9"/>hatten, die wir [nicht] haben können, weil uns die Worte dazu fehlen; bemerkt<lb n="10"/>man auch zufälliger Weise eine solche Beziehung oder eine Ähnlichkeit, so ist der<lb n="11"/>Eindruk aus Mangel eines Worts zu flüchtig, als daß wir den dunkeln Begriff fest<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>halten können. Auch ist in dieser Rüksicht die Sprache für uns eine ganz begränzte<lb n="13"/>Sammlung bestimmter Begriffe, nach denen wir alles modeln, was wir sehen oder<lb n="14"/>bemerken. Ein wesentlicher Vortheil, den die Erlernung fremder Sprachen gewährt,<lb n="15"/>ist wohl die auf diese Art bewirkte Bereicherung unserer Begriffe; besonders wenn<lb n="16"/>die Kultur der Völker, die diese Sprache redten, von der unsrigen verschieden war.</p>
<p><lb n="17"/>Aber die Alten, besonders die Griechen, – die hier vorzüglich gemeint sind, da<lb n="18"/>die Römische Schriften ohne Rüksicht auf den Innhalt betrachtet, meistens nur<lb n="19"/>Nachahmungen jener sind, – hatten in ihrer Sprache einen erstaunlichen Reichtum<lb n="20"/>an Wörtern, welche die Erscheinungen von Veränderungen in sinnlichen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ständen und der sichtbaren Natur, die feinste Schattirungen derselben, besonders<lb n="22"/>aber auch die verschiedene Modifikationen der Leidenschaften, Gemüthszustände<lb n="23"/>und Charaktere – ausdrükten; unsere Sprache hat zwar auch einen grossen Vorrath<lb n="24"/>an solchen Worten; er würde aber noch grösser seyn, wenn nicht die meisten der<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>selben theils provinziell, theils pöbelhaft, und also in beiden Fällen aus der Sprache<lb n="26"/>der gesitteten Welt, und der Bücher verbannt worden wären. Die Versuche solche<lb n="27"/>Begriffe in unsere Sprache überzutragen gibt die Veranlassung, die Worte nach<lb n="28"/>ihren feinern Bestimmungen genauer zu prüfen, und richtiger zu gebrauchen. Man<lb n="29"/>sieht von selbst, wie sehr durch diese Untersuchung der Unterschiede der Worte</p>
<pb n="53" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=67" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ÜBER EINIGE VORTHEILE</fw>
<p><lb n="1"/>die Begriffe selbst an Bestimmtheit gewinnen, und wie sehr der Verstand dadurch<lb n="2"/>geschärft und geübt wird.</p>
<p><lb n="3"/>Ausser diesem gewähren die alte Schriftsteller aus der blühenden Epoche der<lb n="4"/>Kultur ihrer Nation den grossen Vortheil, daß der Geschmak dadurch gebildet wird.<lb n="5"/>Geschmak ist im allgemeinen Gefühl fürs Schöne. Schon diß ist Gewinn genug, daß<lb n="6"/>die empfindende Kraft unserer Seele dadurch entwikelt und gestärkt wird; wahrer<lb n="7"/>Ausdruk der Empfindung trift immer das Herz, und wekt das Mitgefühl, das bei<lb n="8"/>unsern Verhältnissen nur zu oft unterdrükt wird! Und wo können wir bessere Muster<lb n="9"/>des Schönen erwarten, als von einer Nation, bei der alles das Gepräge der Schönheit<lb n="10"/>hatte, wo die ästhetischen Seelenkräfte alle mögliche Veranlassung hatten sich zu<lb n="11"/>entwikeln, wo die Weisen und Helden den Grazien opferten.</p>
<p><lb n="12"/>In Absicht auf die Historie sind ihre Geschichtschreiber aüsserst schäzbare Über<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bleibsel. – Für uns sind sie in 2erlei Hinsichten merkwürdiger 1) in Ansehung der<lb n="14"/>historischen Kunst, in der ihnen wohl keine Nation zuvor und nur wenige gleich<lb n="15"/>kamen. Die Veranlassung, die Gründe, den Gang der Begebenheiten sieht man immer<lb n="16"/>sich ganz natürlich vor seinen Augen entwikeln; die Charaktere und Leidenschaften<lb n="17"/>der vorkommenden Personen stellen sich aus ihren Handlungen von selbst dar, ohne<lb n="18"/>daß der Schriftsteller nöthig hätte, die Züge derselben nachzuholen. Zugleich ist<lb n="19"/>das Ganze in der edelsten Simplizität sowohl in Rüksicht auf den Ausdruk als den<lb n="20"/>Gedanken vorgetragen. 2) in Ansehung auf die Geschichte der Menschheit. Wir<lb n="21"/>sehen hier den menschlichen Geist in ganz besondern Lagen und Umständen sich<lb n="22"/>entwikeln. Aus der Reihe und dem Geiste der übriggebliebenen Schriften können<lb n="23"/>wir eine vollständige Geschichte ihrer Kultur abstrahiren, und es lassen sich daraus<lb n="24"/>auch manche anderwärtige Erscheinungen mehr ins Licht sezen; um ein Beispiel<lb n="25"/>anzuführen, so läßt sich manches in der Kultur, den Gewohnheiten, Sitten und<lb n="26"/>Gebraüchen des Israëlitischen Volkes, die auf uns so vielen Einfluß hatten, und noch<lb n="27"/>haben, daraus natürlicher erklären und begreiflicher machen. Denn der menschliche<lb n="28"/>Geist war zu allen Zeiten im allgemeinen derselbe, nur daß seine Entwiklung durch<lb n="29"/>die Verschiedenheit der Umstände unterschiedlich modificirt wird.</p>
<p><lb n="30"/>Endlich da die Werke der Alten, wie schon gesagt worden, so vorzüglich brauch<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>bar zur Erwerbung der Begriffe sind, so sieht man, welch eine zwekmässige Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bereitung zum Studium der Philosophie das Lesen derselben ist; man bringt dadurch</p>
<pb n="54" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=68" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">GYMNASIUM UND TÜBINGER STIFT</fw>
<p><lb n="1"/>doch schon einen Vorrath von abstrakten Begriffen, und eine wenigstens etwas<lb n="2"/>geübte Denkkraft mit; – besonders da sie zu vielen Theilen dieser Wissenschaft,<lb n="3"/>wenigstens den Saamen und die erste Gründe enthalten, die in neuern Zeiten, haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sächlich deutlicher auseinandergesezt, entwikelt und näher bestimmt worden sind;<lb n="5"/>die vielen Widersprüche der Alten Philosophen besonders in den Spekulationen über<lb n="6"/>den Praktischen Theil der Weltweisheit haben wenigstens die Mühe erleichtert, den<lb n="7"/>Mittelweg zu finden, wo die Wahrheit liegt.</p>
<p><lb n="8"/>Diß sind meine Bemerkungen über einige Vortheile, die das Studium der Alten<lb n="9"/>gewährt; an nicht wenigen Orten wird ihnen die gehörige Bestimmtheit und Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ständigkeit fehlen.</p>
<p><lb n="11"/>Es [ist] hier weder der Ort, noch bin ich im Stande, etwas von dem zu sagen, was<lb n="12"/>in Ansehung des Innhalts, der reifere Mann in ihnen findet, der ihre Bemerkungen<lb n="13"/>mit seinen eigenen Erfahrungen zusammenhalten und vergleichen kan, und die<lb n="14"/>vielerlei Vorstellungen und Systeme von Glükseeligkeit, welche der Mensch verfolgt,<lb n="15"/>angesehen, und beobachtet, oder selbst zum Theil eine Zeitlang mit durchgemacht hat.</p>
<pb n="55" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=69" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>VIER PREDIGTEN<lb n="2"/>1792–1793</head>
<pb n="57" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=72" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<head><lb n="1"/>I.</head>
<head type="sub"><lb xml:id="GW01-s72-z2" n="2"/>Jes. 61,7.8.</head>
<note xml:id="fn-57-1" place="margin" n="" target="#GW01-s72-z2" ana="#j.ohne-teil">den 10 Jan 92.</note>
<p><lb n="3"/>Für eure Schmach soll 2fältiges kommen, und für die Schande sollen sie fröhlich<lb n="4"/>auf ihren Äkkern seyn: denn sie sollen zwiefältiges besizen in ihrem Lande, sie sollen<lb n="5"/>ewige Freude haben – denn Ich bin der Herr der das Recht liebet und hasse raüberische<lb n="6"/>Brandopfer; und will schaffen, daß ihre Arbeit soll gewis seyn, und einen ewigen<lb n="7"/>Bund will ich mit ihnen machen.</p>
<p><lb n="8"/>Nichts ist tröstender nichts ermunternder für unser Herz als die Beschäftigung mit<lb n="9"/>Gedanken an die grosse Eigenschaften Gottes. Sie erweken unsere höchste Bewun<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>derung, erfüllen uns mit Demuth und reizen uns zur Anbetung der Grösse des<lb n="11"/>Schöpfers: Diese Betrachtung führt überdem die eindringendsten Beweggründe zur<lb n="12"/>freudigen Ausübung unserer Pflichten bei sich – indem Verlezung derselben izt zu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gleich Beleidigung unsers grösten Wohlthäters und Undankbarkeit gegen ihn ist:<lb n="14"/>diese Betrachtung stärkt endlich unsern Muth im Leiden, lehrt sie uns geduldig er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>tragen, – indem wir wissen, daß Gott es ist, der sie über uns verhängt, daß alle unsere<lb n="16"/>Schiksaale in der Hand dessen stehen, der es aufs beste mit uns meint.</p>
<space/>
<p><lb n="17"/>Nach Anleitung meines TextWortes werde ich<lb n="18"/><hi rendition="#g">Von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gerechtigkeit</hi> <hi rendition="#g">Gottes</hi> reden</p>
<p><lb n="19"/>1) wie sie sich als strafende – und</p>
<p><lb n="20"/>2) als belohnende Gerechtigkeit zeigt.</p>
<p><lb n="21"/>I. Gott, unser Schöpfer hat in unsere Seele ein unauslöschliches Gesez geschrieben,<lb n="22"/>das unabhängig von unserer Sinnlichkeit und den Umständen, die feste Richtschnur<lb n="23"/>unserer Handlungen seyn soll – Dieses Gesez hat er mit einem Gefühle begleitet,<lb n="24"/>welches gute – pflichtmässige Handlungen mit Zufriedenheit belohnt – bei entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gesezten uns aber unangenehm und beunruhigend wird. Diese Stimme des Gewissens<lb n="26"/>erkennt uns selbst, wenn wir dieses heilige Gesez verlezen, verdiente Strafe an, und<lb n="27"/>versezt uns in eine Furcht vor den übeln Folgen, die niemals ausbleiben, oder macht<lb n="28"/>auch, wenn wir von diesen nichts zu befürchten haben, daß wir uns in unsern eigenen<lb n="29"/>Augen verachten müssen.</p>
<pb n="58" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=73" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<p><lb n="1"/>Ausser dieser jedem Menschen gegebenen Offenbahrung hat Gott seinen Willen<lb n="2"/>noch auf mannichfaltige Art und bestimmter und deutlicher kundgethan – Jene<lb n="3"/>Stimme des Gewissens bedarf haüfig dringendere Anreizungen, um in dem Men<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schen stärker und mehr entwikelt zu werden – Schon in einem natürlichern Zustande<lb n="5"/>des Menschen herrscht die Sinnlichkeit so stark, daß er der innern Stimme der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nunft wenig Gehör gibt, und ihr nicht Raum läst sich zu entwikeln – noch mehr<lb n="7"/>wenn wir von Jugend an so vielerlei Bedürfnisse gewöhnt werden, wenn uns so<lb n="8"/>manches zu unserem Leben unentbehrlich wird, das oft mit viel Anstrengung, oft<lb n="9"/>mit Kränkung der Rechte anderer Menschen erworben seyn will – so würde dieser<lb n="10"/>verstärkten Macht der Sinnlichkeit, die so früh in die Seele sich gepflanzt hat – das<lb n="11"/>innere Gefühl von Recht und Unrecht wenig Widerstand leisten, wenn nicht ein<lb n="12"/>anderer mächtigerer Damm jenem Strome entgegengesezt würde – und dieser ist<lb n="13"/>die von Gott uns geoffenbahrte Gesezgebung, die er theils im A. T. und noch reiner<lb n="14"/>durch seinen Sohn uns hat bekannt machen lassen – Diese Ordnung stimmt aufs<lb n="15"/>genaueste mit dem überein, was unser Gewissen uns sagt; und wir [sind] so stark an<lb n="16"/>dieselbe gebunden, daß wir uns schlechterdings verpflichtet fühlen, sie zu beobachten<lb n="17"/>– oder uns selbst verachtungswürdig zu scheinen, und zugleich überzeugt zu seyn<lb n="18"/>die Geringschäzung bei andern, das Misfallen Gottes, und den Verlust unserer Glük<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seeligkeit verdient zu haben – Aber zugleich ist diese Gesezgebung so eingerichtet,<lb n="20"/>daß nur in ihrer Befolgung sowohl das allgemeine Wohl des menschlichen Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schlechts, als eines jeden einzelen am sichersten erreicht wird, nur in der bestmög<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichen Beobachtung dieser göttlichen Geseze der Wunsch jedes Menschen, hier und<lb n="23"/>einst in jener Welt glüklich zu seyn erfüllt werden kan; so wie im Gegentheil der<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>jenige das gröste Maas von Unseeligkeit zu gewarten hat, der sich von dem Willen<lb n="25"/>seines Schöpfers, und dem edelsten Triebe seines Herzens entfernt. Gott hat nach<lb n="26"/>seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, unsere Natur und die Einrichtung aller Wesen<lb n="27"/>ausser uns so veranstaltet, daß Strafe auf Vergehen folgt. Schon an [und] für sich<lb n="28"/>selbst mus dieser Einrichtung gemäs Unsittlichkeit sich bestrafen. Es knüpfen uns so<lb n="29"/>manche Bande an diese Erde, so vielerlei Arten von Genus sind unsern Sinnen be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>reitet – aber wenn der Mensch von diesen Banden zu stark sich fesseln läst, wenn er<lb n="31"/>dem Genusse sich unmässig überläst, so zerstört er seine eigene Maschine, macht sich<lb n="32"/>untüchtig und unbrauchbar zu fernern und zu edlern Vergnügungen – und zieht sich<lb n="33"/>Entkräftung und Schmerzen im Körper zu, die den ohnehin zerrütteten Geist noch<lb n="34"/>mehr niederschlagen; denn dieser wird von Reue, von Unzufriedenheit gefoltert,<lb n="35"/>hält ihm nur das Bild seiner Nichtswürdigkeit vor, quält ihn mit dem Gedanken,</p>
<pb n="59" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=74" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ERSTE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/>sich selbst diese Leiden zugezogen zu haben, und die Zeit, die ihm zu bessern Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schäftigungen gegeben war, nicht nur ungenuzt vorbeigehen gelassen, sondern sie<lb n="3"/>sogar zu seinem eigenen Schaden verwendet zu haben. Andere Verbrechen würdigen<lb n="4"/>ihn ebensosehr herab, machen ihn der Achtung und Liebe anderer Menschen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lustig und berauben ihn des Wohlgefallens und des Seegens Gottes. – Diese unglük<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>liche Folgen werden noch durch andere vermehrt – Das Mislingen seiner Arbeiten<lb n="7"/>und Anschläge hat der lasterhafte zwar mit dem, der mit seinen Bemühungen gute<lb n="8"/>Absichten hat – oft gemein, aber er entbehrt seinen Trost, für fruchtlose Arbeit Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schädigung zu erhalten; ja hat noch ausserdem Verdruß, seine Anschläge vereitelt zu<lb n="10"/>sehen – noch die Furcht in Zukunft gestraft zu werden –</p>
<p><lb n="11"/>Endlich hat Gott denen, die ungeachtet so vielfältiger Aufmunterungen zum<lb n="12"/>Guten doch den Weg nicht wandelten, den er uns vorgezeichnet hat, noch besondere<lb n="13"/>Strafen angedroht, die er nach seiner Wahrhaftigkeit gewis einst vollziehen wird.<lb n="14"/>Und darin handelt er um so gerechter, da er es nie an Gelegenheiten, nie an Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>munterungen fehlen lies, die Menschen zum Guten zu führen; da er voraus diese<lb n="16"/>Drohungen hat bekannt machen lassen, daß jeder weis, welches Schiksaal ihn treffen<lb n="17"/>wird, daß die Entschuldigung nicht statt finden kan, von dem Gesez, und den darauf<lb n="18"/>gesezten Strafen nichts gewust zu haben.</p>
<p><lb n="19"/>So streng Gott sich zeigt, wenn er Ursache zu strafen hat, so glänzend erscheint</p>
<p><lb n="20"/>II. seine belohnende Gerechtigkeit, die sich so unerschöpflich als unendlich gros<lb n="21"/>aüssert. Gott vergilt uns nicht nach unsern Sünden, sondern nach seiner grossen<lb n="22"/>Barmherzigkeit – Getreue Ausübung der Pflichten, wenn sie schon hie und da mangel<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>haft ist – belohnt Gott hier schon mit zeitlichem Glük – der Tod seines Sohnes hat<lb n="24"/>uns von der Furcht der Strafen befreit, der immer jeder Mensch unterworfen war,<lb n="25"/>weil alle gesündigt haben – und so kan izt Freude und Zufriedenheit ungestöhrt in<lb n="26"/>das Herz des Menschen einkehren, der Gott fürchtet, und in Vertrauen auf ihn und<lb n="27"/>seine Hülfe recht zu thun sich bestrebt. In seinen Unternehmungen, weil er sich<lb n="28"/>rechtmässiger Mittel dazu bedient, begleitet ihn ein glüklicher Erfolg und Seegen;<lb n="29"/>oder findet er, daß sie mislingen, so ist er überzeugt, daß sie mit dem Plane der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sehung nicht übereinstimmten, daß es also für das Ganze und für ihn im einzelen<lb n="31"/>vortheilhafter war, daß sie unterblieben. Sein ruhiges Gewissen läst ihn an reinen<lb n="32"/>Freuden theilnehmen, und versüst ihm den Genus derselben. Die lezte Veränderung,<lb n="33"/>vor der alle Menschen erbeben, der Tod ist ihm nur ein Übergang in einen weitern<lb n="34"/>Schauplaz der Vollkommenheiten der Schöpfung und der Grösse des Schöpfers –<lb n="35"/>ein Übergang zur weitern Ausbildung seiner Fähigkeiten, und zu grössern Freuden.</p>
<pb n="60" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=75" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>II.</head>
<p><lb n="2"/>Eins der vorzüglichsten Verdienste und eine der wichtigsten Wohlthaten der<lb n="3"/>christlichen Religion ist die, daß sie uns wahre Tugenden hat kennen und von fal<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schen hat unterscheiden lernen: alle die geraüschvollen Tugenden womit die Men<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schen oft andere blenden, oft sich selbst und ihr eigen Gewissen betriegen, verlieren<lb n="6"/>ihren Glanz, sobald sie nicht aus der rechten Quelle fliessen, sobald sie nicht Liebe<lb n="7"/>zu Gott und Liebe zu den Menschen zum Grunde haben; nur der Mensch, der aus<lb n="8"/>solchen Beweggründen handelt, ist ein wahrer Christ zu nennen, und handelt im<lb n="9"/>Geist der Lehre Jesu. Es gibt manche Tugenden die leicht auszuüben sind, und die<lb n="10"/>sehr in die Augen fallen, denen aber gerade das wesentliche, das was ihnen in den<lb n="11"/>Augen Gottes einen Werth gibt, abgeht, und was eben oft am schwersten zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>kämpfen ist, nemlich eine völlige Umänderung und Besserung des Herzens. Ein<lb n="13"/>solches Gemüth, das von den Leidenschaften der Sinnlichkeit gereinigt, das nur<lb n="14"/>von Liebe zu Gott und seinen Gesezen, und von Liebe gegen alle Menschen durch<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>drungen ist, ist allein derjenigen Tugend fähig, die der Gegenstand unsrer weitern<lb n="16"/>Betrachtung ist, ich werde nemlich nach Anleitung des heutigen Evangeliums von <hi rendition="#g">der</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">Versöhnlichkeit</hi> <hi rendition="#g">sprechen</hi>, und 1) von <hi rendition="#g">welcher</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">müsse</hi>, wenn sie rechter Art seyn soll, und daß wir 2) nur der <hi rendition="#g">Vergebung</hi> <hi rendition="#g">unsrer</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Sünden</hi> fest <hi rendition="#g">versichert</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> darfen, wenn <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">dise</hi> <hi rendition="#g">Tugend</hi> besizen!</p>
<p><lb n="20"/>Du Gott der Liebe und des Friedens erfülle auch unsere Herzen mit deinem Geiste,<lb n="21"/>und mache uns bereit und tüchtig dein Gebot zu erfüllen, das uns befiehlt, nachsichtig<lb n="22"/>gegen die Fehler unserer Mitmenschen zu seyn, unsern Beleidigern zu verzeihn, und<lb n="23"/>die zu lieben die uns hassen. Amen.</p>
<p><lb n="24"/>Ehe wir weiter betrachten, von welcher Beschaffenheit die Versöhnlichkeit seyn<lb n="25"/>müsse, lasset uns vorher die Quellen aufsuchen, aus welchen <hi rendition="#g">Unversöhnlichkeit</hi><lb n="26"/>entspringt, die a) <hi rendition="#g">Eigenliebe</hi>, die uns zu sovielen Fehlern und Lastern hinführt,<lb n="27"/>hat auch an dieser Untugend vorzüglich theil. Wir sehen es haüfig unter den Men<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schen, oft selbst unter Freunden, daß wenn einer den andern beleidigt hat, und beide<lb n="29"/>oft zur Aussöhnung geneigt wären, daß dann doch der Stolz, die Eigenliebe keinem</p>
<pb n="61" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=76" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ZWEITE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/>erlauben will, den ersten Schritt zu thun, daß es dem beleidigenden Theil, wenn er<lb n="2"/>auch schon sein Unrecht fühlt sauer ankommt zu seinem Bruder zu gehen, zu ihm<lb n="3"/>zu sagen: ich habe dir Unrecht gethan, verzeih mir. Nicht selten sehen wir aber,<lb n="4"/>daß niedrigere, den Menschen mehr entehrende Triebe Theil an diser Stimmung des<lb n="5"/>Gemüths haben: <hi rendition="#g">Rachbegierde</hi>, <hi rendition="#g">Haß</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Groll</hi> sind es oft die uns zum Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zeihen ganz ungeneigt machen, die das Herz gegen die Stimme der Menschlichkeit,<lb n="7"/>gegen den Ruf Gottes verschliessen – Menschen die Bitterkeit und Haß im Herzen<lb n="8"/>haben, sind eben so sehr zu bedauern, als die mit ihnen umzugehen haben; sie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bittern andern das Leben, das sie sich angenehm machen sollten, sie vergrössern die<lb n="10"/>Leiden, die sie einander tragen helfen, und versüssen sollten, und machen sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fähig auch das Gute mit Dank und Freudigkeit zu geniessen, das ihnen Gott zu<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>fliessen läst. Weil innerer Friede nicht in ihrem Herzen wohnt, so sind sie auch nicht<lb n="13"/>geneigt andern Gutes zu thun. Wohlthaten, die ihnen andere Menschen, die ihnen<lb n="14"/>Gott erzeigt, Beispiele von Grosmuth machen wenig Eindruk mehr auf sie, sie<lb n="15"/>bewegen sie nicht zur Milde und Nachsicht gegen andere Menschen: ein <hi rendition="#g">solches</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">Beispiel</hi> von Härte des Herzens gibt uns das heutige Evangelium, wo Christus uns<lb n="17"/>einen König vorstellt, der einem seiner Knechte, gerührt durch das Elend, in das er<lb n="18"/>ihn durch Strenge sezen würde, eine so beträchtliche Schuld erläst, mehr als diser<lb n="19"/>je von ihm erwarten konnte: er hätte allenfalls von der Güte seines Herrn hoffen<lb n="20"/>können, daß er ihm einen Theil der Schuld nachlassen werde, oder eine Zeitlang<lb n="21"/>Geduld mit ihm haben werde, bis er sich in Stand gesezt hätte, ohne das Verderben<lb n="22"/>seines Hauswesens ihm seine Schuld abzutragen – Aber diß Glük, statt ihn selbst mil<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>der und nachsichtiger zu machen hat vielmehr die Wirkung daß es ihn noch härter<lb n="24"/>und unbarmherziger macht: denn unmittelbar nach disem Vorfall trift er einen<lb n="25"/>seiner Mitknechte an, der ihm eine geringe Summe schuldig war, besonders gegen<lb n="26"/>die ihm sein Herr so eben erlassen hatte, er fodert diese mit der aüssersten Strenge<lb n="27"/>von ihm, und stürzt ihn und seine Familie dadurch ins Unglük. Aber er genoß der<lb n="28"/>Früchte seiner Härte, den geringen Zuwachs zu seinem Vermögen nicht lange,<lb n="29"/>seine andere Mitknechte, erbittert über diese Sünde erzählten ihrem Herrn den Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gang, der ihn dann nach seinen Thaten strafte – Lasset uns dises <hi rendition="#g">Beispiel</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">uns</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">anwenden</hi>, und sehen, ob auch wir uns nicht oft in einem ähnlichen Falle befinden.<lb n="32"/>Jeder Mensch wird eingestehen, daß auch er sehr oft Nachsicht brauche, keiner wird<lb n="33"/>behaupten wollen, daß er bei allem Bestreben keine seiner Pflichten zu verabsaümen,<lb n="34"/>nicht es zuweilen hie und da auf eine oder die andere Art fehlen lasse, daß er nicht<lb n="35"/>andere im Zorn, im Feuer einer Leidenschaft, wo er seiner nicht ganz mächtig ist,</p>
<pb n="62" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=77" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<p><lb n="1"/>oft blos aus übler Laune beleidige, daß er nicht je zuweilen weniger thätige Hülfe<lb n="2"/>anwendet, einem Unglüklichen beizustehen, oder ihn aus der Noth zu retten, als es<lb n="3"/>Pflicht erfodert und seine Umstände es ihm wirklich erlauben – jeder Mensch wird<lb n="4"/>eingestehen, daß er Fehler begehe, bei denen er der Verzeihung anderer nöthig hat,<lb n="5"/>nur Stolz und Eitelkeit können ihn das Gegentheil überreden: wenn [er] aber Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zeihung von andern erhalten will, wenn er wünscht, daß man nicht mit Strenge<lb n="7"/>gegen ihn handelt, so muß auch [er] gelind und nachsichtig gegen andere seyn, die<lb n="8"/>Fehler seiner Nebenmenschen mit Liebe ertragen, und ihnen Beleidigungen gern<lb n="9"/>verzeihen. Noch mehr aber wird er einsehen, daß er es nicht nöthig hat, hart und<lb n="10"/>unbarmherzig gegen andere zu seyn, wenn er bedenkt, wie langmüthig und geduldig<lb n="11"/>Gott gegen ihn ist; wenn wir redlich mit uns zu werk gehen, so wird unser Gewissen<lb n="12"/>uns bald lehren, daß wir der mancherlei Wohlthaten Gottes nicht würdig sind, daß<lb n="13"/>wir sie durch unser Verhalten gegen ihn nicht verdient haben, daß wir also durch<lb n="14"/>Unversöhnlichkeit sowohl seinem Gesez, als seinem an uns selbst bewiesenen Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>spiel zuwider handeln, dessen Nachahmung unser höchstes Bestreben unser höchster<lb n="16"/>Stolz seyn [müßte]. Eine unversöhnliche Gemüthsart ist gerade das Gegentheil von<lb n="17"/><hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Geiste</hi>, mit dem uns das <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Christentum</hi> erfüllt, von dem Verhalten,<lb n="18"/>woran man nach dem ausdrüklichen Ausspruch Jesu seine wahre Jünger unter<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>scheiden soll: Liebet euch untereinander, sagt er zu ihnen, daran soll man erkennen,<lb n="20"/>ob ihr meine wahre Jünger seyd. – Eine solche christliche Liebe ist es allein, die uns<lb n="21"/>fähig macht unsern Beleidigern von Herzen zu verzeihen. Wenn also <hi rendition="#g">Menschen</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">Unrecht</hi> <hi rendition="#g">thun</hi>, wenn sie unsere Ehre, oder was uns sonst werth ist, kränken,<lb n="23"/>so gebietet uns diese christliche Liebe, ihnen dise Beleidigungen nicht mit Belei<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>digungen zu erwiedern, wenn wir auch im Stande wären, uns an ihnen zu rächen,<lb n="25"/>ihnen ebensoviel Schaden zuzufügen, als sie uns zufügten; der Christ unterdrükt die<lb n="26"/>Begierde nach Rache, die nur rohen Menschen süß ist: aber wenn diese Verzeihung<lb n="27"/>vollkommen seyn soll, so wird auch noch erfodert, daß wir auch in der Folge keinen<lb n="28"/>Groll gegen Beleidiger im Herzen behalten; sie wenn wir sie auch nicht lieben<lb n="29"/>können, doch nicht hassen, sondern ihnen vielmehr unser Mitleid schenken – Es gibt<lb n="30"/>ausser der offenbaren Rache, der Wiedervergeltung des bösen mit bösem, noch eine<lb n="31"/>geheimere Art von Rache, die für den, der sie ausübt, weniger gefährlich, aber oft<lb n="32"/>für den, gegen den sie ins Werk gesezt wird, kränkender ist – ich meine das <hi rendition="#g">Übel</hi></p>
<pb n="63" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=78" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ZWEITE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Nachreden</hi>, und <hi rendition="#g">Verleumden</hi>; ein solcher Verleumder gibt sich dabei oft das<lb n="2"/>Ansehen von Grosmuth; sagt, er wolle ihm das nicht vergelten, was [er] ihm gethan<lb n="3"/>habe, zerreist aber dabei heimtükischer Weise des andern guten Namen, und schadet<lb n="4"/>ihm dadurch oft mehr, als durch eine wirkliche Rache – einer solchen Handlungsart<lb n="5"/>sind aber immer nur kleine und feige Seelen fähig; und ein Mensch, dem es mit dem<lb n="6"/>Verzeihen ernst ist, verachtet sie, und thut im Gegentheile seinem Feinde Gutes,<lb n="7"/>versagt ihm sein Mitleiden und seine Hülfe selbst dann nicht, wenn er ihn im Elend<lb n="8"/>sieht: er ist weit davon entfernt, den unglüklichen, der ihm ehmals böses that, es izt<lb n="9"/>fühlen zu lassen, daß es izt in seiner Macht stehe, ihm jezt gleiches mit gleichem zu<lb n="10"/>vergelten: ebenso entfernt ist er von <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> falschen <hi rendition="#g">Tugend</hi>, die oft den<lb n="11"/>Schein von Grosmuth und Versöhnlichkeit annimmt, wenn man nemlich seinem<lb n="12"/><hi rendition="#g">Feinde</hi> <hi rendition="#g">verzeiht</hi>, dabei aber <hi rendition="#g">hoft</hi> und <hi rendition="#g">wünscht</hi>, es werde ihm von selbst in<lb n="13"/>der Zukunft nicht gut gehen, und dabei den Ausdruk aus der heiligen Schrift mis<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>braucht, man stelle die Rache Gott anheim, und dann, wenn ihm wirklich ein Un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>glük begegnet, ihm zuruft: das hast du ehmals an mir verdient. Eine solche Schaden<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>freude wohnt nicht in einem durch Liebe zu Gott gebesserten Herzen, es verabscheut<lb n="17"/>zwar die Handlungen der Bosheit, aber hat zugleich Mitleiden mit den Menschen,<lb n="18"/>die sie begehen. Ebenso nachsichtig ist der Christ gegen solche <hi rendition="#g">Fehler</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Ge</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">brechen</hi> anderer, die keinen persönlichen Nachtheil zuziehen, er sucht sie zwar,<lb n="20"/>mehr durch sein Beispiel als durch unnüze Ermahnungen zu bessern und zum Guten<lb n="21"/>zu führen und ist vorsichtig in den Urtheilen; denn er ist sich bewust, daß der<lb n="22"/>Mensch zu kurzsichtig ist, das Herz anderer zu durchschauen, daß Allwissenheit des<lb n="23"/>Schöpfers dazu gehört, die Handlungen nach ihrem wahren innern Werth zu<lb n="24"/>schäzen, daß dem allein alle Triebfedern bekannt sind, aus denen die Handlung her<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stammt, die Kräfte, die dem Menschen zugetheilt sind, und die Umstände, die auch<lb n="26"/>auf den geprüftesten einen mächtigen Einfluß haben: schlimme Beweggründe, die<lb n="27"/>wir bei den Handlungen anderer vermuthen fliessen nicht selten auch aus unserem<lb n="28"/>eigenen bösen Herzen, das sich bewust ist, in ähnlichen Fällen mit nicht bessern<lb n="29"/>Absichten gehandelt zu haben. Wem es ums Gute recht zu thun ist, der gibt sich<lb n="30"/>nicht damit ab, an andern Fehler aufzusuchen, und ein Geschrei darüber zu erheben,<lb n="31"/>sondern greift in seinen eigenen Busen, gesteht sich seine Fehler, und sucht sie zu<lb n="32"/>bessern, verträgt die Thorheiten anderer, und wird nicht <hi rendition="#g">müde</hi> ihnen zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>zeihen. Es ist nicht genug, wenn man glaubt, damit ein grosses gethan zu haben,<lb n="34"/>wenn man dem Beleidiger ein oder das andremal etwas übersieht, aber bei öfters<lb n="35"/>wiederhohltem Unrecht ärgerlich wird; als Petrus seinen Herrn fragte, ob es genug</p>
<pb n="64" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=79" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<p><lb n="1"/>sey, wenn er seinem Feinde 7mal verzeihe, so antwortete ihm Jesus: Nicht nur 7, du<lb n="2"/>sollst ihm 77mal verzeihen: Deine Geduld, deine Liebe zu den Menschen soll durch<lb n="3"/>noch oft wiederhohlte Beleidigungen nicht erschöpft werden –</p>
<p><lb n="4"/>Aber könnte man denken, so befiehlt dann die christliche Religion, ich soll mir<lb n="5"/>mein Vermögen, meine Ehre von andern <hi rendition="#g">rauben</hi>, <hi rendition="#g">mich</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">Dürftigkeit</hi> und<lb n="6"/>Mangel <hi rendition="#g">versezen</hi> <hi rendition="#g">lassen</hi>, ohne <hi rendition="#g">mich</hi> <hi rendition="#g">dagegen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">rühren</hi>, ich solle mich dem<lb n="7"/>Muthwillen, der Ungerechtigkeit, die mir das meinige raubt im geringsten nicht<lb n="8"/>widersezen; das Christentum macht zu harte Foderungen an uns: Man würde den<lb n="9"/>Sinn Christi misverstehen, wenn man glaubte, daß Jesus diß fodere. Wir sollen im<lb n="10"/>Gegentheil für das unsrige Sorge tragen, es auf rechtmässige Art zu vermehren<lb n="11"/>[suchen] und es gegen ungerechte Ansprüche in Schuz nehmen. Aber wenn uns das<lb n="12"/>unsrige entrissen wird, so fodert die christliche Liebe, in Verfolgung unsers Rechts<lb n="13"/>nicht weiter zu gehen, als um gerade das wieder zu erhalten, was man uns entrissen<lb n="14"/>hat – wir sollen dabei auf alle Art von Rache Verzicht thun.</p>
<p><lb n="15"/>So sehr uns aber das Evangelium <hi rendition="#g">Nachsicht</hi> <hi rendition="#g">gegen</hi> die Fehler <hi rendition="#g">anderer</hi> ein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schärft, <hi rendition="#g">sowenig</hi> sollen wir es <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> seyn. Es könnte leicht geschehen,<lb n="17"/>daß man dächte, weil man gegen andere nachsichtig ist, ihnen Fehler übersieht, so<lb n="18"/>dürfe man hoffen, andere werden eben so Geduld mit uns haben; eine solche Träg<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heit würde dem Bestreben, immer vollkommener zu werden, und es im Guten<lb n="20"/>immer weiter zu bringen gerade entgegen seyn. Am wenigsten aber lasse sich so ein<lb n="21"/>Vertrag von gegenseitiger Nachsicht mit Gott eingehen: der wahre Christ soll streng<lb n="22"/>gegen sich selber aber geduldig gegen andere seyn.</p>
<p><lb n="23"/>Das erhabenste <hi rendition="#g">Muster</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">solchen</hi> <hi rendition="#g">Versöhnlichkeit</hi>, eines Herzens das<lb n="24"/>von Groll und Bitterkeit gegen seine Verfolger ganz frei und nur mit Mitleid und<lb n="25"/>Liebe für sie erfüllt war, <hi rendition="#g">stellt</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">Christus</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> auf. In die Welt<lb n="26"/>gesandt, seine Mitbürger Wahrheit zu lehren, ihnen Heil und ewige Seeligkeit zu<lb n="27"/>verkünden, wird er von ihnen zurükgestossen, mit Undank belohnt – So fruchtlos<lb n="28"/>seine Bemühungen bei dem grösten Haufen sind, so wird er nicht müde, ihnen das<lb n="29"/>was sie an ihm verschuldeten, zu verzeihen. Als er nach Jerusalem seinen Leiden ent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gegenging, und so die ins Verderben versunkene Stadt vor sich sah, so fällt ihm<lb n="31"/>[nicht] das ein, was er in ihr gelitten hat, und noch leiden sollte, sondern innigstes<lb n="32"/>Gefühl des Mitleidens macht ihn Thränen der Wehmuth, nicht die Thränen die ein<lb n="33"/>unmächtiger Zorn weint über sie vergiessen; mit der tiefsten Traurigkeit sagt er das<lb n="34"/>Elend voraus, das Jerusalem treffen werde, ohne es der Stadt anzuwünschen, ohne</p>
<pb n="65" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=80" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ZWEITE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/>die geringste Schadenfreude, die mancher empfinden würde, wenn man gewiß vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>aus sagte, daß sein Feind dereinst unglüklich werde.</p>
<p><lb n="3"/>Als Petrus sich stark genug glaubte, seine Anhänglichkeit an Jesum auch im Leiden<lb n="4"/>und bis in den Tod zu beweisen, so sagt ihm sein Herr mit Liebe voraus, daß er ihn<lb n="5"/>in kurzer [Zeit] 3mal verleugnen werde; und nachher, da Petrus sich seines Meisters<lb n="6"/>selbst unwürdig fühlte, entzieht ihm Jesus seine Liebe sein Vertrauen nicht, stöst ihn<lb n="7"/>nicht zurük, wie mancher Mensch es mit einem Freunde gemacht haben würde, der<lb n="8"/>ihn in der Noth verläst, sondern hat Mitleid mit ihm und mit der Schwäche der<lb n="9"/>menschlichen Natur. Das erhabenste Beispiel endlich von Liebe gegen seine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>folger gab Jesus, als er verspottet, geschlagen und dann ans Kreuz geheftet wurde – er<lb n="11"/>übersieht die ganze Schaar seiner Mörder, ihre rohe Wuth und Schadenfreude über<lb n="12"/>ihren Sieg, aber diser Anblik bringt keinen Groll in sein Herz. In der Stunde des<lb n="13"/>Todes, wo der Mensch oft erst die Larve ablegt, womit er sein ganzes Leben hin<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>durch andere taüschte, zeigt er die nemliche Gelassenheit, unter den fürchterlichsten<lb n="15"/>Martern, die ihm eben seine Feinde zubereitet hatten, bittet er seinen himmlischen<lb n="16"/>Vater durchdrungen von Mitleiden: Vater vergib ihnen denn sie wissen nicht, was<lb n="17"/>sie thun. Lasset uns, meine Freunde, diß grosse Beispiel nicht umsonst zur Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>ahmung aufgestellt seyn; durch anhaltende Wachsamkeit auf die Regungen der bösen<lb n="19"/>Neigungen unsers Herzens lasset uns [uns] bestreben es bis zu dem hohen Grad von<lb n="20"/>Liebe und Versöhnlichkeit zu bringen, wie sie uns Jesus in der grösten Lauterkeit<lb n="21"/>dargestellt hat: daß weder Eigenliebe und Stolz, noch niedrige Rachsucht uns zum<lb n="22"/>Verzeihen ungeneigt machen, daß nur Wohlwollen und Freude an dem Glük der<lb n="23"/>Menschen unser Herz erfüllen.</p>
<p><lb n="24"/>II. Ich habe noch mit wenigem zu zeigen, daß wir nur durch aufrichtige Versöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichkeit, der Vergebung unserer Sünden von Gott versichert seyn können. Als Jo<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>hannes unter den Menschen auftratt, rief er sie auf, Busse zu thun, und von den Sün<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>den abzulassen – Jesus gab uns ein höheres Gebot, er belehrte die Menschen, daß es<lb n="28"/>nicht viel heissen wolle, sich vor auffallenden Sünden zu hüten, grobe Ausbrüche<lb n="29"/>von Leidenschaften zu verhindern, sondern um Gott wohlzugefallen verlangte er<lb n="30"/>ein ganz reines mit Liebe erfülltes Herz, er gab uns ein neues Gebot, das Gebot der<lb n="31"/>Liebe, die Paulus 1 Cor. 13. in dem Geiste Christi beschreibt. Nur auf eine solche<lb n="32"/>Liebe kan der wahre Glauben gegründet seyn, der in kindlichem Vertrauen sich bei</p>
<pb n="66" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=81" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<p><lb n="1"/>allen Schiksalen auf Gott verläst, alles Glük von seiner Güte erwartet, das Unglük<lb n="2"/>mit Geduld erträgt, weil der Gedanke ihm Muth gibt, daß auch diß von der Hand<lb n="3"/>seines Vaters komme, und sich zum besten wenden werde. Nicht der Glaube, der<lb n="4"/>Jesum nur mit dem Munde bekennt, und nicht die wahren Früchte des Glaubens<lb n="5"/>zeigt, sondern nur der Glaube, der aus Liebe zu ihm entspringt, kan der Wohlthaten<lb n="6"/>fähig werden, die Gott durch Christum dem menschlichen Geschlecht angedeihen<lb n="7"/>läst. Mit diesem Glauben und dieser Liebe ist Versöhnlichkeit aufs innigste ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>bunden, sie ist das wahre unterscheidende Kennzeichen des rechten Glaubens: wie<lb n="9"/>kan der Gott lieben, den er nicht siehet, der seinen Bruder hast, den er sieht? wie kan<lb n="10"/>Liebe zu Gott mit Haß und Härte gegen die Menschen bestehen? In einem Herz, das<lb n="11"/>mit Gedanken an Gott, mit Verehrung des erhabensten Wesen erfüllt ist, können<lb n="12"/>niedrige Leidenschaften, können Schadenfreude, Hartherzigkeit nicht Plaz greifen,<lb n="13"/>es betrachtet alle Menschen als Söhne eines Vaters, und liebt sie als seine Brüder; ist<lb n="14"/>bereit mit ihren Schwachheiten Nachsicht zu haben, und ihnen ihre Fehler zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zeihen, und kan dann auch versichert seyn, daß Jesus die Verheissungen die er auf eine<lb n="16"/>solche Versöhnlichkeit gesezt hat, nicht unerfüllt lassen werde. So ihr den Menschen<lb n="17"/>ihre Fehle vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater eure Fehle auch vergeben.<lb n="18"/>Nur dann können wir hoffen, daß Gott unsre tägliche Bitte im Gebet des Herrn er<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>hören werde: vergib uns unsre Schuld als wir vergeben etc. Wir sprechen uns hier<lb n="20"/>selbst unser Verdammungsurtheil, indem wir Gott selbst bitten, uns unsere Schulden<lb n="21"/>zu erlassen, aber dabei zugleich versprechen, auch von unserer Seite Liebe gegen<lb n="22"/>unsern Nächsten zu üben. Lasset uns, meine Freunde, in diesem göttlichem Geiste<lb n="23"/>wandeln, den Geboten und dem Beispiele Christi nachkommen, damit auch wir<lb n="24"/>Hofnung haben, an der Seeligkeit theil zu nehmen, die er uns durch sein Leiden und<lb n="25"/>seinen Tod erworben hat, und zu den Wohnungen des Friedens einzugehen, wo wir<lb n="26"/>kein Unrecht, keine Beleidigung mehr werden zu vergeben haben, wo aber uns noch<lb n="27"/>so vieles vorher von Gott wird zu verzeihen sein müssen.</p>
<space/>
<quote><lb n="28"/>Durch Sanftmuth (übe nur die pflicht)<lb n="29" type="absatz"/>wirst du den Feind besiegen.<lb n="30" type="absatz"/>O raube deiner Seele nicht,<lb n="31" type="absatz"/>diß göttliche Vergnügen,<lb n="32" type="absatz"/>dann wird der Herr auch dir verzeihn<lb n="33" type="absatz"/>dein Vater und Vergelter seyn.</quote>
<pb n="67" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=82" type="body"/>
<fw type="header" place="top">ZWEITE PREDIGT</fw>
<quote><lb n="1"/>Herr aus Gehorsam gegen dich<lb n="2" type="absatz"/>will ich mich selbst nicht rächen,<lb n="3" type="absatz"/>verzeih ich gern, dann wird für mich<lb n="4" type="absatz"/>die gute Sache sprechen.<lb n="5" type="absatz"/>Der sanftmuth Sinn kommt nur von dir<lb n="6" type="absatz"/>durch deinen Geist, Herr gib ihn mir!</quote>
<pb n="68" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=83" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>III.</head>
<head type="sub"><lb n="2"/>Am Feiertag Phil. u. Jak. 1793</head>
<p><lb n="3"/>Zu einem wahren Glauben, zu einer soweit es dem Menschen möglich ist, voll<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>kommenen Tugend gehört lange Übung – das verdorbene Herz des Menschen –<lb n="5"/>Stärke der Sinnlichkeit – Beispiel an den Aposteln, deren Gedächtnis wir heute<lb n="6"/>feyern, sie hatten schon ins 3te Jahr den Unterricht Jesu genossen, und konnten noch<lb n="7"/>Fragen an ihn thun, deren Antwort jeder von uns sich selbst zu geben wüste. Das<lb n="8"/>ausserordentliche der Begebenheit – sie sahen ihn wie einen gewöhnlichen Menschen<lb n="9"/>handeln – er ging mit ihnen wie mit seinesgleichen um; sie sahen zwar daß Gott<lb n="10"/>ihm besonders beistehe – sie ahndeten was von seiner künftigen Herrlichkeit – aber<lb n="11"/>sie hatten die Auferstehung Christi noch nicht erlebt, den Schlusstein des christlichen<lb n="12"/>Glaubens. Wenn wir schon mehr wissen von der Person Christi, als die Apostel bei<lb n="13"/>der Unterredung wusten, die [wir] im heutigen Evangelium lesen, so darfen wir<lb n="14"/>doch nicht glauben, daß der wahre Glaube nur in Wissenschaft bestehe, daß wenn<lb n="15"/>unser Gedächtnis mehr wisse, daß unser Glaube fester, besser, lebendiger sey – der<lb n="16"/>wahre Glaube mus darauf beruhen, daß der Vater in Jesu gewohnt habe – und dann<lb n="17"/>werden wir auch die ächten Früchte des Glaubens wahrnehmen –</p>
<p><lb n="18"/>Wie der wahre Glauben beschaffen seyn müsse</p>
<p><lb n="19"/>1) <hi rendition="#g">gegründet</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Überzeugung</hi> <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">Christus</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Sohn</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Gottes</hi> <hi rendition="#g">gewesen</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>,</p>
<p><lb n="21"/>2) <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">wahren</hi> <hi rendition="#g">Glaubens</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Werken</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">er</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">hervorbringt</hi>, zu ersehen</p>
<p><lb n="23"/>Du hast uns, o Gott in die Lage versezt, daß wir von Jugend auf in deiner besee<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ligenden Religion erzogen werden, daß wir es von Jugend auf lernen, daß Jesus dein<lb n="25"/>eingebohrner Sohn ist, den du in die Welt gesandt hast, uns den Weg zu führen, der<lb n="26"/>zum ewigen Leben führt – Gib daß dise Wissenschaft zum lebendigen Glauben in<lb n="27"/>uns werde, daß er reich werde an guten Früchten, schenk uns o Gott! deinen Geist,<lb n="28"/>daß er uns in alle Wahrheit und zu allem Guten leite. Amen.</p>
<p><lb n="29"/>I. <hi rendition="#g">Warum</hi> <hi rendition="#g">heissen</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">Christen</hi>? Nicht darum weil wir wissen, daß Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stus der Stifter unserer Religion ist – sondern</p>
<pb n="69" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=84" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DRITTE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/>a) <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">wahren</hi> <hi rendition="#g">GottesErkenntnis</hi> gehört es Christum so anzusehen –<lb n="2"/>diese grosse Anstalt und Wohlthat um die Menschen – grösserer Beweis seiner Güte<lb n="3"/>grössere Dankbarkeit, grössere Liebe, nähere Verbindung mit ihm. Den Zugang zu<lb n="4"/>Gott hat aber Christus erst aufgeschlossen. Eph. 2,18.</p>
<p><lb n="5"/>b) <hi rendition="#g">fodert</hi> <hi rendition="#g">Christus</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">solchen</hi> anzusehen, er muste es<lb n="6"/>am besten wissen, woher er gekommen ist – wer der war der ihn sandte, was Gott<lb n="7"/>ihm vor Aufträge an die Menschen aufgab; unser Vertrauen auf seine Versicherungen</p>
<p><lb n="8"/>c) nicht blos auf seine Versicherung, <hi rendition="#g">auch</hi> α) <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Werke</hi> <hi rendition="#g">15,24</hi> sinnliche<lb n="9"/>Menschen brauchen ihrer –</p>
<p><lb n="10"/>β) <hi rendition="#g">Zeugnisse</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Vaters</hi> bei sei<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ner Geburt, seiner Taufe, auch noch 12,28. das gröste Zeugnis seine Auferwekung<lb n="12"/>von den Todten – die Kraft des Vaters – und endlich seine Himmelfahrt.</p>
<p><lb n="13"/>II. Diser Glaube ist nicht blos Sache des Verstandes</p>
<p><lb n="14"/>a) aber kein <hi rendition="#g">schwärmerischer</hi> <hi rendition="#g">Wunderglaube</hi>, wie es noch izt Leute gibt,<lb n="15"/>denen die Stelle in unserm Evangelium Veranlassung gegeben hat – Misverstand –<lb n="16"/>geht nur auf die Apostel und die ersten Zeiten des Christentums, wo es zur Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>breitung der christlichen Religion ausserordentlicher Anstalten bedurfte, unsre<lb n="18"/>Stelle geht nur die Apostel an wie auch Matth. 17,19.20. – Aber selbst zu den Zeiten<lb n="19"/>der Apostel waren solche Wundergaben nicht immer Beweise des wahren Glaubens –<lb n="20"/>Matth. 7,22. wir bleiben so gern am aüsserlichen hangen – wollen wie die Juden<lb n="21"/>Zeichen und Wunder – und dringen nicht auf den Geist, auf die Kraft.</p>
<p><lb n="22"/>b) <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Früchte</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Glaubens</hi>? an ihren Werken etc. Nicht<lb n="23"/>beten oder fasten – die Pharisäer Matth. 6,1.2. die Absicht Gutes zu thun – nicht um<lb n="24"/>zu prahlen beten Matth. 6,5. überhaupt nicht aüsserliches, Gott siehet auf das Herz –<lb n="25"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wittwe</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">Groschen</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Kasten</hi> <hi rendition="#g">legte</hi> – <hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">wir</hi>,<lb n="26"/>wir thun Gott einen Dienst daran, wir verherrlichen ihn – er bleibt wie er ist; es ist<lb n="27"/>leichter, aüsserliche Gottesdienstliche Handlungen zu verrichten, aber nicht so leicht,<lb n="28"/>seine Begierden, Lieblingsneigungen, böse Lüste des Herzens zu bezähmen – ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dorbene Natur – das Fleisch gelüstet wider [den] Geist – der Geist ist schwach – das<lb n="30"/>Gebot der Liebe –</p>
<p><lb n="31"/>c) wenn wir uns Mühe geben, kommt Gott unsrer Schwachheit zu Hülfe, er<lb n="32"/>unterstüzt uns mit seinem Geiste, der in uns wohnen wird, auf daß wir eins seyen<lb n="33"/>mit ihm, wie Christus mit ihm eins – daß wir vollkommen werden wie Christus es<lb n="34"/>war – Freundschaft, Freiheit, und Kindschaft Gottes</p>
<pb n="70" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=85" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>IV.</head>
<head type="sub"><lb n="2"/>Predigt über Matth. 5,1–16. 3ten Trinit. 1793.</head>
<p><lb n="3"/>Unser Text [ist] genommen aus der Bergpredigt, dem Innbegrif der Pflichten, die<lb n="4"/>Christus von seinen wahren Jüngern fodert, worin er vollständig den Geist schildert,<lb n="5"/>von dem ein wahrer Mitbürger des Reichs Gottes beseelt seyn mus – Ausserdem<lb n="6"/>gehen die meisten Lehren Jesu, die viele schönen Gleichnisse, die uns die Evangelien<lb n="7"/>aufbehalten haben dahin, auf den Zwek, seine Jünger und uns auf den rechten Begrif<lb n="8"/>vom Reich Gottes hinzuleiten, und uns zu Bürgern dises Reichs zu erziehen und zu<lb n="9"/>bilden – Wir wollen – vom Reich Gottes reden und</p>
<p><lb n="10"/>I. zeigen daß es nichts aüsserliches sondern etwas innerliches sey</p>
<p><lb n="11"/>II. daß Christus uns den Weg dazu aufgeschlossen habe –</p>
<p><lb n="12"/>Du aber eingebohrner Sohn des himmlischen Vaters – den die Kraft Gottes zum<lb n="13"/>Herrn über alles, zum Herrscher und König dieses geistigen dises himmlischen Rei<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ches erhoben hat – und du Geist des Sohnes, schlage deine Wohnung in unsern<lb n="15"/>Herzen auf – daß wir das irrdische verachten lernen, und Kinder Gottes, Erben des<lb n="16"/>Lichts werden, erhöre unsre tägliche Bitte, daß dein Reich auch zu uns komme, und<lb n="17"/>daß dein Wille geschehe auf Erden, wie er von deinen heiligen im Himmel geschieht.<lb n="18"/>Amen.</p>
<p><lb n="19"/>I. Jesus kam in die Welt, um die Sünder zur Busse zu rufen, ihnen anzukündigen,<lb n="20"/>daß das Reich Gottes vor der Thüre sey – er kam in die Welt – uns den Zutritt<lb n="21"/>dahin zu erwerben – und den Weg zu lehren, wie wir würdige Bürger dises Reichs<lb n="22"/>werden sollen.</p>
<p><lb n="23"/>a) dises Reich ist nicht ein weltlicher Staat – wie seine Jünger und Zeitgenossen<lb n="24"/>lange hoften – Aber seine ganze Lehre ist dagegen, seine Knechtsgestalt, er ent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>aüsserte sich der Macht, mit der er eins hätte errichten können – vor Pilatus deutlich<lb n="26"/>erklärt: mein Reich ist nicht von diser Welt – was in diser Welt für groß gehalten<lb n="27"/>wird, ist es nicht im Reiche Gottes –</p>
<p><lb n="28"/>b) auch nicht die sichtbare Kirche – wir heissen Alle Christen – die christliche<lb n="29"/>Religion ausgebreitet auf Erden – heute auf allen Kanzeln der halben Welt – die<lb n="30"/>Lehre Christi verkündigt, sein Name überall gepriesen – vor seiner Majestät die</p>
<pb n="71" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=86" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VIERTE PREDIGT</fw>
<p><lb n="1"/>Kniee gebogen – Anbetung geweiht – Ist diß das Reich Gottes – durch die Gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schaft mit diser Kirche Bürger des Reichs Gottes? daß wir uns aüsserlich bekennen,<lb n="3"/>auf seinen Namen getauft sind, Herr! Herr! sagen? sein Nachtmal geniessen –</p>
<p><lb n="4"/>c) das Reich Gottes zeigt sich nicht in aüsserlichen Ceremonien – die Verehrung<lb n="5"/>Gottes nicht im aüsserlichen Gottesdienst – Luc. 17,20.21. – Taufe, Genuß des Abend<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mahls – Bekenntnis mit dem Munde macht uns noch nicht zu Kindern Gottes, der<lb n="7"/>Geist Christi mus in uns wohnen, diser mus uns zu Gott beten lehren – der Buch<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stabe tödtet, aber der Geist macht lebendig: wir müssen durch die Gnade Gottes<lb n="9"/>wiedergebohren werden Joh. 3,3. 1.Petr. 1,22.23. Ablegung des alten Menschen und<lb n="10"/>Anlegung des Neuen Eph. 4,22–24. Anziehen Christi Rom. 13,14. Wenn wir so aus<lb n="11"/>Gott gebohren sind – neue Menschen geworden sind d. h. wenn wir den Sünden<lb n="12"/>abgestorben, unsre böse Gewohnheiten abgelegt – über unsere Sinnlichkeit Meister<lb n="13"/>geworden sind, wenn unser Herz durch die Liebe zu Gott und Christum gebessert,<lb n="14"/>daß wir seine Gebote willig und freudig erfüllen, so sind wir Bürger seines Reichs,<lb n="15"/>so ist das Reich Gottes zu uns gekommen, so sind wir auch unsrer künftigen Seelig<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>keit gewis – Diser Geist Gottes macht, daß wir geistlich arm und demüthig sind, –<lb n="17"/>friedfertig – getrost im Leiden – denn er vergewissert uns der Hofnung daß wir<lb n="18"/>künftig getröstet werden – daß wir Kinder Gottes heissen und Gott schauen werden –</p>
<p><lb n="19"/>II.</p>
<p><lb n="20"/>a) daß es schwer ist – wer sich es leicht vorstellt – entweder blosse Unwissenheit –<lb n="21"/>und Nachlässigkeit in Erkenntnis unsrer Pflichten und dem was zur Vollkommen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>heit erfodert wird – oder öfters Selbstzufriedenheit, Stolz, nicht kennen will die<lb n="23"/>angeborne Verdorbenheit des menschlichen Herzens, nicht die Macht der Welt und<lb n="24"/>ihrer Lüste – der Gewohnheiten und LieblingsNeigungen, zu starken Hang an den<lb n="25"/>Schäzen diser Erde – Matth. 19,24.</p>
<p><lb n="26"/>b) so schwer es ist, so gibt Gott doch Trost v. 26. – so die Sünde mächtig, so ist<lb n="27"/>Gottes Gnade noch viel mächtiger – Gott muthet dem Menschen nicht mehr zu, als<lb n="28"/>er ertragen kan – er hat uns in Christo eine Quelle des Heils und der Seeligkeit<lb n="29"/>eröfnet – dieser hat uns von der Knechtschaft des Mosaischen Gesezes befreit, und<lb n="30"/>[wir] von Gott nun nicht Strafe, sondern Hülfe und Heil erwarten dürfen – wir<lb n="31"/>darfen dadurch aber nicht glauben, daß wir schon überhaupt frei sind schon zu<lb n="32"/>Kindern Gottes erhoben sind, zwar nicht mehr unter dem Dienst des Gesezes – aber<lb n="33"/>wohl noch unter dem Dienst der Sünde – und dem Afterdienst der Worte – uns nicht<lb n="34"/>davon freimachen – als durch festen Glauben an die Gnade und Verheissungen<lb n="35"/>Gottes, und an das Verdienst Christi – dise Zuversicht, diser Glaube durch den Geist</p>
<pb n="72" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=87" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PREDIGTEN</fw>
<p><lb n="1"/>Gottes unterstüzt, aber der Mensch muß nicht unthätig, sondern nie müde werden in<lb n="2"/>Bekämpfung seiner Eigenliebe, seiner Lüste und Begierde – dann erst kan der wahre<lb n="3"/>Glauben entspringen, der fruchtbar ist an guten Werken, der den Menschen fried<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fertig – demüthig, barmherzig und getrost im Leiden macht – Wenn wir einen<lb n="5"/>solchen Glauben [haben,] so sind wir Kinder des Lichts, das h. wir hassen die Werke<lb n="6"/>der Finsternis, die Bosheit, die sich zu verbergen hat, wir lieben die Wahrheit im<lb n="7"/>Reden und Handeln, die sich offen und frei vor jedem darf sehen lassen – dann [sind]<lb n="8"/>wir Söhne Gottes d. h. wir haben kindliches Vertrauen zu ihm, wie ein Kind von<lb n="9"/>seinem Vater gute Gaben erwartet, so hoffen wir von ihm alles Gute – und empfahen<lb n="10"/>es auch von ihm – so wohnt Gottes Geist in uns, so [sind] wir Bürger des Reichs<lb n="11"/>Gottes – d. h. Bürger, Mitgenossen desjenigen Reichs, wo Gott als höchster Gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>geber und Regierer von uns im Geist und in der Wahrheit verehrt – nicht durch<lb n="13"/>schreien – Herr! Herr! sondern daß wir ihn nach menschlicher Schwachheit nach<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ahmen – fleissig sind zu guten Werken, unser Licht leuchten lassen unter Men<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schen, und ihm den angenehmsten Gottesdienst erweisen daß wir gut und recht<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schaffen sind – dann sind wir auch Erben seiner Seeligkeit – die er bereitet hat allen<lb n="17"/>denen, die die breite Heerstrasse des Lasters verlassen und zur engen und kampfvollen<lb n="18"/>Pforte der christlichen Tugend in sein Reich eingehen, und im Himmel wohl<lb n="19"/>belohnt werden –</p>
<space/>
<quote><lb n="20"/>Wie seelig, wer aus dir gebohren<lb n="21" type="absatz"/>Ein neues Herz von dir empfängt,<lb n="22" type="absatz"/>Und dir zum Eigenthum erkohren<lb n="23" type="absatz"/>Der sünd entsagt, und göttlich denkt,<lb n="24" type="absatz"/>Und göttlich lebt! Wie seelig ist<lb n="25" type="absatz"/>Dein Kind, dein Eigenthum,<lb n="26" type="absatz"/>der wahre Christ –</quote>
<pb n="73" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=88" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>STUDIEN<lb n="2"/>1792/93–1794</head>
<pb n="75" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=91" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<head><lb n="1"/>WIEFERN IST RELIGION …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenblatt)</p>
<p><lb n="3"/>wiefern ist Religion zu schäzen als subjektive oder als objektive? – in Ansehung der<lb n="4"/>Empfindungen vorzüglich? die objektive ist vielmehr Theologie s. Fichte Einleitung.<lb n="5"/>Wie weit darf sich Räsonnement einmischen um noch Religion zu bleiben – Hieraus<lb n="6"/>ist das Schimpfen über Gözendiener zu beurtheilen –</p>
<p><lb n="7"/>Opfer und die Begriffe auf die [sie] sich gründen, lassen sich bei einem Volk nim<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>mer einführen, das einen gewissen Grad von Aufklärung erreicht hat¹ – sie müssen<lb n="9"/>aus dem kindlichen Geist einer Nation entstanden, und durch Herkommen fort<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gepflanzt werden – wie können sie, wenn sie einmal da sind, bei einer aufgeklärten<lb n="11"/>Nation sich halten. Es gehört dazu oder wird unterhalten ein Geist der Frohheit, des<lb n="12"/>Wohlseyns – ein freiwilliges Darbringen sezt ihn voraus –</p>
<p><lb n="13"/>Bei allen Begriffen der Griechen von ihren Göttern, sie mögen uns noch so ab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>surd – noch so in Widerspruch mit unserm Ideal vorkommen Mendelssohn Jerus.<lb n="15"/>p. 101. noch so erniedrigend, müssen wir bedenken, daß sie aufs innigste mit dem all<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gemeinen Begrif von Schiksal verbunden waren – eine ganz menschliche Theorie –<lb n="17"/>lächerlich dagegen das Räsonnement über Zulassung mancher Begebenheiten von<lb n="18"/>Gott – und die Gründe dises Zulassens, wodurch man die Vorsehung zu retten<lb n="19"/>glaubt – Kampe’s Entdekung v. Amer.</p>
<p><lb n="20"/>Parallele zwischen Priestern und Pfarrern –</p>
<p><lb n="21"/>Mendels. Jerus. p. 125. die jüdische Nation verlangte einen König – man gehorcht<lb n="22"/>lieber einem Könige als daß man sich alle Augenblike von seinesgleichen überlästig<lb n="23"/>mäkeln läßt, mancher Bauer ist seinem Anwald – Richter u.s.w. feinder, läst sich<lb n="24"/>ungerner Kleinigkeiten von seines Gleichen gefallen als oft Unterdrükung und Er<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>pressungen seiner Fürsten im Grossen – jenes der Geist der jüdischen Religion p. 121.</p>
<note xml:id="fn-75-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>wir sind zuweit von der Natur entfernt, wir sehen nimmer<lb n="27"/>die Hand der Geberin – wir sehen nur dabei unsre Mühe –</note>
<pb n="76" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=92" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>der christlichen Tertull. c. 39. und nach den Zeiten der Reformation¹ wo man die<lb n="2"/>Reinigkeit und Lauterkeit der Religion und Sitten der ersten Jahrhunderte wider<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>herstellen wollte – Censur – Kirchenbusse – bei den Juden zu viel Büssungen, Stra<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fen – kleinlicher Charakter – statt den Charakter der Nation im Grossen zu bilden<lb n="5"/>kleinliche Herrschsucht u.s.w. – Vereinigte das jüdische CeremonialGesez öffentliche<lb n="6"/>und PrivatReligion?</p>
<p><lb n="7"/>Worin besteht das Amt eines allgemeinen Lehrers und Aufsehers bei einer Religion,<lb n="8"/>die eigentlich PrivatReligion ist? In Censur, spezielle Bildung, Besserung, Ermah<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nung – ist unvereinbar – Welches ist das Verhältnis und das wahre Geschäfte unsrer<lb n="10"/>Pfarrer?</p>
<p><lb n="11"/>Pietät bei Griechen und Römern –</p>
<space/>
<p><lb n="12"/>p. 121 Mendelss. Jerus. Mit Zerstörung des Tempels – so lebte Römer und<lb n="13"/>Grieche in seinem Vaterland, Cato umfaste ganz sein Vaterland und das Vaterland<lb n="14"/>erfüllte seine ganze Seele – Cosmopolitismus nur für einzele, der Staat mus Fehler<lb n="15"/>haben wo er aufkommt, so die Christen der ersten Zeit Tert. c. 38.</p>
<note xml:id="fn-76-1" type="rand" n="¹"><lb n="16"/><seg type="marke">¹ </seg>die Reformatoren sahen den Werth der subjektiven Religion ein; und ar<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>beiteten darauf los, den Menschen zu bessern, wollten dise Kunst in ein System der Worte<lb n="18"/>bringen; diß sieht man noch allen Compendien der Theologie [an], wo die loci von loco de<lb n="19"/>gratia an bis zur unio mystica einen so grossen wichtigen Theil einnehmen; aber heutzutage hat<lb n="20"/>man gefunden, daß subjektive Religion sich nicht in eine Dogmatik einzwängen läst, und drägt<lb n="21"/>mehr objektive Religion vor – in einem Compendio ist diß zwekmässiger, aber dadurch Men<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schen bessern zu wollen heist nichts: jezt gelehrt – locus de scriptura sacra einen grossen Plaz,<lb n="23"/>statt daß ihn die ältern Kompendien voraussezten, wie die Schrift den Glauben an einen Gott –</note>
<pb n="77" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=93" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WIEFERN IST RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>die die Natur so verschieden wollte, über Einen Leist schlagen wollen – es ist<lb n="2"/>hier nicht blos von dem die Rede, daß man haben will, [daß] alle Menschen gleiche<lb n="3"/>Pflichten haben, das nämliche für alle Menschen Pflicht sey, man will auch die Patho<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>logie der menschlichen Seele, in Ein Modell zwingen – was kommt heraus bei<lb n="5"/>Longin c. ult. Gerechtigkeit hat ihre Geseze und beziehen sich vielleicht mehr aufs<lb n="6"/>Einzelne – wer will den Leidenschaften im allgemeinen Geseze vorschreiben? Für<lb n="7"/>wen ist in den Moralen die Menge BehutsamkeitsRegeln; kaum für einen einzelen<lb n="8"/>Menschen – die ganze Reihe von Triebfedern und Beweggründen, womit man dise<lb n="9"/>jene Tugend motivirt – die ganze Menge diser jener Einschränkungen, und ewigen<lb n="10"/>Restriktionen wie weit man in jeder Leidenschaft, in jener Thätigen Kraft der Sinne<lb n="11"/>gehen soll – kaum für den einzelen. Nur bei dem schon weisen, guten sind dise<lb n="12"/>Motive wirksam – Sie sind Regeln allenfalls, nach denen ich disen jenen bilden kan –<lb n="13"/>aber diß ist die langsame PrivatBildung –</p>
<space/>
<p><lb n="14"/>Ein Christ soll ein vollkommener Mensch seyn¹ – wenn er sündigt hört er auf ein<lb n="15"/>Christ zu seyn – quoad ecclesiam invisibilem, aber er bekennt sich noch zur Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>religion – ist noch ein Mitglied der christlichen Kirche – was ist christliche Kirche –<lb n="17"/>eine Menge einzelner Menschen (nicht eine verbundene Menge von Menschen) die<lb n="18"/>eine gewisse Vollkommenheit der Moralität erreicht haben. Oder ist das christliche<lb n="19"/>VolksReligion – das Auswendiglernen der Dogmen – das auch der christliche Böse<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wicht mit dem wahren Christen gemein hat.</p>
<space/>
<p><lb n="21"/>Gute Handlungen im kleinen – kein Grosser – Gemeingeist der kleinliche Leiden<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schaften bei Seite sezt, und für ein Ganzes zu handeln weis, das viele kleinliche<lb n="23"/>macht Eine Grosse Wirkung, die sehr klein, sehr dürftig ist –</p>
<p><lb n="24"/>Ist es eine vereinigte Wirkung der Religion und Despotismus zugleich?</p>
<p><lb n="25"/>Warum Weiber religiöser als Männer?</p>
<note xml:id="fn-77-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>Die christliche Religion als Volksreligion erfoderte eine öffentliche Kirchen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zucht, und dise ist der Natur ganz unangemessen, fruchtet nichts, schadet mehr, wegen der<lb n="28"/>grossen Schande,</note>
<pb n="78" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=94" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>ABER DIE HAUPTMASSE …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenblatt)</p>
<p><lb n="3"/>Aber die Hauptmasse, der Stoff aus dem sich eigentlich alles bildet, ist doch nur<lb n="4"/>Sinnlichkeit.</p>
<p><lb n="5"/>Das bekannte, und nur deswegen in Errinnerung zu bringende weil es so oft ausser<lb n="6"/>Augen gesezt wird, Resultat ist, daß der Mensch ein aus Sinnlichkeit und Vernunft<lb n="7"/>zusammengeseztes Wesen ist – daß jeder Mensch unter (bricht ab)</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>Atheisterei erscheint in den Augen des Haufens wohl deswegen als ein so fürchter<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>liches Laster, oder eine blosse Abweichung von den gemeinen Vorstellungen der<lb n="10"/>Gottheit erscheint deswegen sobald als Atheisterei – weil an dise Vorstellungen alle<lb n="11"/>Gefühle der Demuth, der Dankbarkeit, – alle Hofnungen geknüpft waren – und dises<lb n="12"/>Gewebe von Empfindungen abgerissen, zerstört wird, wenn jene Vorstellungen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ändert werden –</p>
<p><lb n="14"/>Die Griechen und Römer lissen einen Aristophanes, einen Plautus ihre Götter<lb n="15"/>verspotten, ihnen die lächerlichste Handlungen beilegen, wenn er ihnen nur ihre<lb n="16"/>eigentümlichsten VorstellungsArten liß, Jupiter mochte sich noch so sehr vergehen,<lb n="17"/>wenn [der Dichter] ihm nur seine Donnerkeile liß, er mochte im Prometheus als Tyrann<lb n="18"/>erscheinen¹ – aber einem Sokrates, einem Aristoteles verziehen sie es nicht, wenn er<lb n="19"/>ihnen τον θεον in einer reinen über Donnerkeile und Leden erhabenern Idee zeigte –</p>
<p><lb n="20"/>Die christliche Religion hat viele Märtirer – Helden im Dulden, aber nicht Helden<lb n="21"/>im Handeln hervorgebracht –</p>
<p><lb n="22"/>Durch Einschärfung der mancherlei Pflichten im einzelen verliehrt man das<lb n="23"/>Grosse, das Ganze aus den Augen, das Gefühl des vielen was man thun sollte ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wirrt, läst das Bewustseyn seiner Kraft nicht aufkommen, und pflanzt den Geist<lb n="25"/>nicht, aus dessen Fülle Tugend und jede Pflichtmässigkeit entspringen mus.</p>
<note xml:id="fn-78-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>sie behielten dabei ihre Traditionen und wie sie ihre Götter aus der<lb n="27"/>Überlieferung aus ihren wiederkommenden Volksfesten, aus ihren täglichen religiösen<lb n="28"/>Gebraüchen, aus ihren Volksliedern und den grossen öffentlichen Denkmälern der Kunst<lb n="29"/>eines Zeuxis kannten</note>
<pb n="79" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=95" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ABER DIE HAUPTMASSE…</fw>
<p><lb n="1"/>Die Christliche Religion gewährt der Phantasie einen weiten Spielraum, aus dem<lb n="2"/>unser grosse christliche EpopeenDichter majestätischere Gemählde, schauerlichere<lb n="3"/>Scenen, und rührendere Züge geschöpft hat, als je in eines Dichters Seele vorher<lb n="4"/>gekommen waren¹. Aber die Einbildungskraft des Volks hat keine Leitung, keine<lb n="5"/>schöne Darstellungen der Bilder vor sich weder durch die Mahlerei, noch Bildhauer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kunst – noch Poësie hingestellt, – denen sie folgen, an die sie sich hängen könnte,<lb n="7"/>welches auch einer Religion, die Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten lehrt,<lb n="8"/>und ihrem ältern Ursprung nach allen Bildern von göttlichen Wesen den Krieg<lb n="9"/>ankündigte, unschiklich gehalten werden würde.</p>
<note xml:id="fn-79-1" type="rand" n="¹"><lb n="10"/><seg type="marke">¹</seg>, aber sie sind nicht zum gemeinen Volk herab<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gestiegen, sie können es auch nicht, sie sind nicht öffentlich anerkannt, durch nichts sank<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tionirt – überdiß wird eine Vernunft, welche die Idee dieses Gedichts zu fassen vermag, – ein<lb n="13"/>Herz, das für die feine, und tiefe Empfindung dieses Gedichts Empfänglichkeit hat, wieder<lb n="14"/>vieles zurükstossen, das für derbere Menschen verdaubar, glaubwürdig ist, die dafür aber [an]<lb n="15"/>den höhern Schönheiten, die für die Gebildete Vernunft und Herz sind, vorbeigehen würden –</note>
<pb n="80" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=96" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>UNSRE TRADITION …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenblatt)</p>
<p><lb n="3"/>Unsre Tradition – Volksgesänge etc.</p>
<p><lb n="4"/>Es ist kein Harmodius, kein Aristogiton, die ewiger Ruhm begleitete, da sie den<lb n="5"/>Tyrannen schlugen, und gleiche Rechte und Geseze gaben ihren Bürgern, die in dem<lb n="6"/>Munde unsers Volkes, in seinen Gesängen lebten –</p>
<p><lb n="7"/>Was sind die Geschichtskenntnisse unsers Volkes? eigentümliche vaterländische<lb n="8"/>Tradition fehlt ihnen – das Gedächtnis die Phantasie ist mit der Urgeschichte der<lb n="9"/>Menschheit – mit der Geschichte eines fremden Volkes – den Thaten und Unthaten<lb n="10"/>ihrer Könige angefüllt die uns nichts angehen – und der Wiz übt sich sogut an ihren<lb n="11"/>Lächerlichkeiten als der Wiz eines Aristophanes an seinen Göttern</p>
<pb n="81" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=97" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>SCHON IN DER BAUART …</head>
<p><lb n="2"/>Schon in der Bauart zeigt sich der verschiedene Genius der Griechen und Deut<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schen – jene wohnten frei, in weiten Strassen, in ihren Haüsern waren offene un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bedekte Höfe – in ihren Städten haüffige Grosse Pläze – ihre Tempel in einem<lb n="5"/>schönen edeln Stil gebaut – einfach wie der Geist der Griechen – erhaben wie der<lb n="6"/>Gott, dem sie geweiht waren: die Bilder der Götter – die höchsten Ideale des schönen<lb n="7"/>– die schönste menschliche Form wie sie in der Morgenröthe der Auferstehung her<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>vorgehen mag – alles in seiner höchsten Kraft seines Daseyns und Lebens dargestellt,<lb n="9"/>keine Bilder der Verwesung – die scheusliche Larve des Todes war bei ihnen der<lb n="10"/>sanfte Genius, der Bruder des Schlummers –</p>
<p><lb n="11"/>Was bei dem Gottesdienst der Catholiken schön ist – ist entlehnt von den Griechen<lb n="12"/>und Römern – der wohlduftende Weihrauch, und die schöne Madonnen, aber die<lb n="13"/>Tempel sind gothische Massen; die gröste Werke der Kunst gewöhnlich in einem<lb n="14"/>Winkel vergraben und überhaüft mit kindischen kleinlichten Zierrathen wie das<lb n="15"/>Kind, das etwas grosses etwas erhabenes noch nicht fassen kan, dessen Seele noch<lb n="16"/>nicht im Jünglings- oder MannsAlter des Geschmaks ist –</p>
<p><lb n="17"/>die Formen der andern Bilder von der plumpesten Menschenrace entlehnt,<lb n="18"/>die den Mahler umgibt – drükken die Gesichter Thätigkeit aus – Schmerz oder<lb n="19"/>Freude, so sind es grinsende Carrikaturen, Verzerrungen der Muskeln. Der Pinsel,<lb n="20"/>der die meisten Ältern Bilder verfertigte scheint in Nacht getaucht zu seyn – das Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sehen ist düstern – keine heitere, frohe Phantasie belebte sie.</p>
<p><lb n="22"/>Unsre Städte haben enge stinkende Strassen – die Zimmer sind eng, dunkel ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>täfert, mit dunkeln Finstern – grosse Säle niedrig und drüken, wenn man darin ist – um<lb n="24"/>ja nichts freyes zu haben wurden Saülen in der Mitte angebracht so viel man konnte –<lb n="25"/>es ist zutraulicher in einem kleinen Zimmer beisammen zu sizen – hausväterlicher –<lb n="26"/>ehmals zwar grosse Zimmer gewöhnlich aber die ganze Haushaltung darin – Knecht<lb n="27"/>und Mägde – man schlief man speiste da – der ehmalige Geist der Deutschen haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sächlich in Hinsicht auf Kultur Hausväterlichkeit – ihre gröste Ergözlichkeit z. B.<lb n="29"/>schrekliches Saufen überhaupt (wie auch in Treue und Glauben) Solidität – die<lb n="30"/>Freude der Griechen lauter – fröhlicher – mässiger – leichtsinniger – die deutschen</p>
<pb n="82" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=98" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>tranken nicht einen sokratischen sorgenfreyen Becher – sondern Becher, bei denen<lb n="2"/>man entweder bacchantisch lärmte – oder war er mässiger, bei [dem] man sorgte – –<lb n="3"/>die gothische Bauart schauerlich erhaben</p>
<pb n="83" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=99" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN ANGELEGENHEITEN …</head>
<p><lb n="2"/>A. 1)</p>
<p><lb n="3"/>Religion ist eine der wichtigsten Angelegenheiten unsers Lebens. Als Kinder sind<lb n="4"/>wir schon gelehrt worden, Gebete an die Gottheit zu stammeln, schon wurden uns<lb n="5"/>die Händchen gefaltet, um sie zu dem erhabensten Wesen zu erheben, unserem<lb n="6"/>Gedächtnis eine Sammlung damals noch unverständlicher Säze aufgeladen, zum<lb n="7"/>künftigen Gebrauch und Trost in unserm Leben –</p>
<p><lb n="8"/>Wann wir älter werden, füllen Beschäftigungen mit der Religion einen grossen<lb n="9"/>Theil unsers Lebens aus, ja bei manchen hängt der Ganze Umkreis ihrer Gedanken<lb n="10"/>und Neigungen, [mit ihr] wie der aüssere Circel eines Rads mit dem Mittelpunkt<lb n="11"/>zusammen – wir weihen ausser andern ZwischenFesten ihr den ersten Tag jeder<lb n="12"/>Woche, der uns von Jugend auf in einem schönern, festlichern Lichte erscheint, als<lb n="13"/>alle andern Tage. Wir sehen um uns her eine besondre Klasse von Menschen, die<lb n="14"/>ausschliesslich für den Dienst der Religion bestimmt ist; allen wichtigen Begeben<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>heiten, Handlungen des Lebens [der Menschen], von denen ihr PrivatGlük abhängt,<lb n="16"/>schon der Geburt, der Ehe, dem Tode und Leichenbegängnis wird etwas religiöses<lb n="17"/>beigemischt –</p>
<p><lb n="18"/>Denkt nun der Mensch nach, wenn er älter wird, über die Natur und Eigenschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ten des Wesens, besonders über das Verhältnis der Welt zu disem Wesen, auf das<lb n="20"/>alle seine Empfindungen gerichtet sind? – Die menschliche Natur ist so eingerichtet,<lb n="21"/>daß das was in der Lehre von Gott praktisch ist, was ihm zu Triebfedern zu Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lungen, zur Quelle der Erkenntnis der Pflichten und zur Quelle des Trostes werden</p>
<pb n="84" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=100" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>kan, sich dem unverdorbenen MenschenSinne bald darbietet – und der Unterricht,<lb n="2"/>den man von Jugend auf uns davon gibt, die Begriffe, alles das aüsserliche, was darauf<lb n="3"/>Bezug hat, und was einen Eindruk auf uns macht, sind von der Art, daß sie auf ein<lb n="4"/>natürliches Bedürfniß des menschlichen Geistes geimpft werden – oft unmittelbar, zu<lb n="5"/>haüfig aber leider nur durch willkührliche – weder in der Natur der Seele noch in den<lb n="6"/>aus den Begriffen selbst zu schöpfenden und zu entwikelnden Wahrheiten – ge<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gründete Bande angeknüpft werden –</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>des menschlichen Lebens in Bewegung sezen – die erhabene Foderungen der<lb n="9"/>Vernunft an die Menschheit, deren Rechtmässigkeit wir so oft mit vollem Herzen<lb n="10"/>anerkennen, wenn es damit erfüllt ist, und die anziehende Beschreibungen, die eine<lb n="11"/>reine schöne Phantasie von unschuldigen oder weisen Menschen machte – sollten<lb n="12"/>sich unsrer nie so bemeistern, daß wir viel davon in der wirklichen Welt zu finden<lb n="13"/>hoften, oder diß schöne Luftbild hier oder dort in der Wirklichkeit zu erhaschen<lb n="14"/>und zu sehen glaubten, Unzufriedenheit mit dem, was wir finden, verdrüsliche<lb n="15"/>Laune, würde seltner unsern Sinn umnebeln – Erschreken wir also nicht, wenn wir<lb n="16"/>zu finden glauben müssen, daß Sinnlichkeit das HauptElement bei allem Handeln<lb n="17"/>und Streben der Menschen ist; wie schwer ist es zu unterscheiden – ob blosse Klug<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit oder wirkliche Moralität der Bestimmungsgrund des Willens sey. Befriedigung<lb n="19"/>des Trieb nach Glükseeligkeit als höchster Zwek des Lebens angenommen, wenn<lb n="20"/>man dabei nur gut zu berechnen weis, wird dem aüssern Aussehen nach wohl die<lb n="21"/>nemliche Wirkungen hervorbringen – als wenn das Gesez der Vernunft unsern<lb n="22"/>Willen bestimmt. So genau in einem System der Moral reine Moralität von Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichkeit in Abstrakto gesondert werden mus, so sehr diese unter jene erniedrigt wird –<lb n="24"/>so sehr müssen wir¹ bei Betrachtung des Menschen überhaupt und seines Lebens</p>
<note xml:id="fn-84-1" type="rand" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>wenn wir von Menschen, von uns und unsersgleichen</note>
<pb n="85" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=101" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>seine Sinnlichkeit, seine Abhängigkeit von der aüssern und innern Natur – von dem<lb n="2"/>was ihn umgibt, und in dem er lebt, und von den sinnlichern Neigungen und dem<lb n="3"/>blinden Instinkt vorzüglich in Anschlag bringen – die Natur des Menschen ist mit<lb n="4"/>den Ideen der Vernunft gleichsam nur geschwängert – Wie das Salz ein Gericht<lb n="5"/>durchdringt, aber, wenn es gut bereitet ist, nirgends in einem Klumpen sich zeigen<lb n="6"/>darf, aber seinen Geschmak doch dem ganzen mittheilt, oder wie das Licht alles<lb n="7"/>durchdringt, erfüllt, seinen Einfluß in der ganzen Natur zeigt, aber nicht als Substanz<lb n="8"/>dargestellt werden kan, den Gegenständen aber doch ihre Gestalt gibt, sich in jedem<lb n="9"/>verschieden bricht, aus den Pflanzen heilsame Luft entwikelt, so beleben die Ideen<lb n="10"/>der Vernunft das ganze Gewebe seiner Empfindungen, so zeigen sich ihm durch<lb n="11"/>ihren Einfluß die Handlungen in einem eigenen Licht, sie selbst zeigen sich selten in<lb n="12"/>ihrem Wesen, aber ihre Wirkung durchdringt doch alles als eine feine Materie, und<lb n="13"/>gibt jeden Neigungen, und Trieben einen eigenen Anstrich –</p>
<space/>
<p><lb n="14"/>A. 1)</p>
<p><lb n="15"/>Es liegt in dem Begrif der Religion, daß sie nicht blosse Wissenschaft von Gott,<lb n="16"/>seinen Eigenschaften, unserm Verhältnis und dem Verhältnis der Welt zu ihm und<lb n="17"/>der Fortdauer unserer Seele, was uns allenfalls entweder durch blosse Vernunft an<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nehmbar – oder auch auf einem andern Weg uns bekannt wäre – nicht eine blosse<lb n="19"/>historische oder raisonnirte Kenntnis ist, sondern daß sie das Herz interessirt; daß sie<lb n="20"/>einen Einfluß auf unsre Empfindungen und auf die Bestimmung unsers Willens hat –<lb n="21"/>indem theils unsere Pflichten und die Geseze einen stärkern Nachdruk dadurch er<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>halten, daß sie als Geseze Gottes uns vorgestellt werden; theils indem die Vorstellung<lb n="23"/>der Erhabenheit, und der Güte Gottes gegen uns – unser Herz mit Bewunderung und<lb n="24"/>mit Empfindungen der Demuth und Dankbarkeit erfüllt. Die Religion gibt also der<lb n="25"/>Moralität und ihren Beweggründen – einen neuen, erhabenern Schwung, sie gibt<lb n="26"/>einen neuen stärkern Damm gegen die Gewalt der sinnlichen Antriebe ab. Bei sinn-</p>
<pb n="86" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=102" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>lichen Menschen ist auch die Religion sinnlich – die religiöse Triebfedern zum Gut<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>handeln müssen sinnlich seyn, um auf die Sinnlichkeit wirken zu können; sie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lieren dadurch freilich gewöhnlich an ihrer Würde insofern sie moralische Trieb<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>federn sind – aber sie haben dadurch ein so menschliches Ansehen erhalten, sich so<lb n="5"/>sehr an unsre Empfindungen angeschmiegt, daß wir angezogen von unserm Herzen<lb n="6"/>und geschmeichelt durch die schöne Phantasie oft leicht vergessen, daß eine kalte<lb n="7"/>Vernunft solche¹ Vorstellungen misbilligt oder gar verbietet auch nur was darüber<lb n="8"/>sagen zu wollen –</p>
<p><lb n="9"/>Wenn man von öffentlicher Religion spricht – so versteht man darunter die<lb n="10"/>Begriffe von Gott und Unsterblichkeit, und was darunter Beziehung hat sofern sie<lb n="11"/>die Überzeugung eines Volks ausmachen, sofern sie Einfluß auf die Handlungen und<lb n="12"/>Denkart desselben haben – ferner gehören hieher auch die Mittel, wodurch diese<lb n="13"/>Ideen dem Volke theils gelehrt, theils eindringlich fürs Herz gemacht werden –<lb n="14"/>unter diser Wirkung ist nicht blos die unmittelbare verstanden, daß ich nicht stehle,<lb n="15"/>weil Gott es verbot – besonders die entferntern müssen in Anschlag gebracht werden<lb n="16"/>und sind oft am wichtigsten zu schäzen, dise sind hauptsächlich Erhebung, Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>edlung des Geists einer Nation – daß das so oft schlummernde Gefühl ihrer Würde in<lb n="18"/>ihrer Seele erwekt werde, daß sich das Volk nicht wegwirft und nicht wegwerfen<lb n="19"/>läst, daß es sich aber nicht nur als Menschen fühlt, sondern daß auch sanftere Tinten<lb n="20"/>von Menschlichkeit und Güte in das Gemählde gebracht werden –</p>
<p><lb n="21"/>Die Hauptlehren der christlichen Religion sind [seit] ihrer Entstehung wohl die<lb n="22"/>nemliche geblieben, aber nach den Zeitumständen, wurde die eine Lehre ganz in<lb n="23"/>Schatten gestellt, und eine andre vorzüglich erhoben, ans Licht gestellt, und auf<lb n="24"/>Kosten der verdunkelten verdreht, entweder zu weit ausgedehnt, oder zu sehr ein<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>geschränkt –</p>
<p><lb n="26"/>Die ganze Masse von ReligionsGrundsäzen – und von den daraus fliessenden<lb n="27"/>Empfindungen; und besonders der Grad von Stärke, womit sie auf HandlungsArt</p>
<note xml:id="fn-86-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Bilder</note>
<pb n="87" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=103" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN…</fw>
<p><lb n="1"/>einflüssen können, ist der Hauptpunkt einer Volksreligion – Auf einen unterdrükten<lb n="2"/>Geist¹, der unter der Last seiner Ketten seine Jugendliche Kraft verloren und zu altern<lb n="3"/>anfängt können ReligionsIdeen wenig Eindruk machen –</p>
<space/>
<p><lb n="4"/>Der jugendliche Genius eines Volks<lb n="5"/>– alternde –<lb n="6"/>jener fühlt sich und jauchzt in seiner Kraft, fliegt mit Heishunger auf etwas Neues,<lb n="7"/>interessirt sich aufs lebhafteste davor, verläst es aber vielleicht wieder, und ergreift<lb n="8"/>was anders, nie aber kan diß etwas seyn, das seinem stolzen freyen Naken Fesseln<lb n="9"/>auflegen wollte – der alternde Genius zeichnet sich vorzüglich [aus] durch feste An<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>hänglichkeit an das hergebrachte in jeder Rüksicht, trägt daher die Fesseln wie ein<lb n="11"/>Alter das Podagra, über das er brummt, aber das er nicht von sich schaffen kan –<lb n="12"/>läst sich stossen und rütteln, wie sein Herrscher es will – geniest aber nur mit halbem<lb n="13"/>Bewustseyn, nicht frey, nicht offen, mit heiterer schöner Freude, die andere zu Sim<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>pathie einladet – seine Feste sind Geschwäze, wie einem Alten nichts über plaudern<lb n="15"/>geht – nicht lauter Ausruf – nicht vollblütiger Genuß.</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>Auseinandersezung des Unterschieds zwischen objektiver und subjektiver Reli<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gion; Wichtigkeit dieser Auseinandersezung in Ansehung der ganzen Frage.</p>
<p><lb n="18"/>Objektive Religion ist fides quae creditur, der Verstand und das Gedächtnis sind die<lb n="19"/>Kräfte, die dabei wirken, die Kenntnisse erforschen, durchdenken, und behalten oder<lb n="20"/>auch glauben – zur Objektiven Religion können auch praktische Kenntnisse ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>hören, aber insofern sind sie nur ein todtes Kapital – die objektive Religion läst sich<lb n="22"/>im Kopfe ordnen, sie läst sich in ein System bringen, in einem Buche darstellen,<lb n="23"/>und andern durch Rede vortragen; die subjektive Religion aüssert sich nur in Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>findungen und Handlungen – sag ich von einem Menschen, er hat Religion, so heist<lb n="25"/>das nicht, er hat grosse Kenntnisse derselben, sondern es heist, sein Herz fühlt die<lb n="26"/>Thaten, die Wunder, die Nähe der Gottheit, es erkennt, es sieht Gott in seiner Natur,<lb n="27"/>in den Schiksalen der Menschen, er wirft sich vor ihm nieder, dankt ihm und preist</p>
<note xml:id="fn-87-1" type="ueber" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Genius</note>
<pb n="88" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=104" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>ihn in seinen Thaten – sieht bei seinen Handlungen nicht blos darauf, ob es gut oder<lb n="2"/>klug sey, sondern auch der Gedanke, es ist Gott wohlgefällig, ist ihm ein Beweggrund<lb n="3"/>weiter – oft der stärkste, beim Genus bei einem glüklichen Ereignis richtet er zu<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gleich einen Blik auf Gott, und dankt ihm dafür – Subjektive Religion ist Lebendig,<lb n="5"/>Wirksamkeit im innern des Wesen, und Thätigkeit nach aussen. Subjektive Religion<lb n="6"/>ist etwas individuelles, objektive die Abstraktion, jene das lebendige Buch der Natur,<lb n="7"/>die Pflanzen Insekten Vögel und Thiere, wie sie untereinander eins vom andern lebt,<lb n="8"/>jedes lebt, jedes geniest, sie sind vermischt, überall trift man alle Arten beisammen<lb n="9"/>an – dise das Kabinet des Naturlehrers, der die Insekten getödtet, die Pflanzen<lb n="10"/>gedörrt, die Thiere ausgestopft oder in Brantwein aufbehält, – und alles zusammen<lb n="11"/>rangirt, was die Natur trennte – nur nach Einem Zwek ordnet, wo die Natur eine<lb n="12"/>unendliche Mannichfaltigkeit von Zweken in ein freundschaftliches Band verschlang –</p>
<p><lb n="13"/>Die ganze Masse von religiösen Kenntnissen, die zur objektiven Religion gehören,<lb n="14"/>kan bei einem grossen Volke dieselbe seyn, sie könnte es an sich auf dem ganzen<lb n="15"/>Erdboden seyn: sie ist in die subjektive Religion verflochten, aber macht nur einen<lb n="16"/>kleinen, zimlich unwirksamen Theil derselben aus – modificirt sich in jedem Men<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schen anders – das wichtigste, das in Betrachtung kommt bei der subjektiven Religion,<lb n="18"/>ist, ob und wie weit das Gemüth gestimmt ist, sich von religiösen Beweggründen<lb n="19"/>bestimmen zu lassen – wie groß seine Reizbarkeit für diselbe ist; und dann welche<lb n="20"/>Arten von Vorstellungen vorzüglich Eindruk auf das Herz machen – welche Arten<lb n="21"/>von Empfindungen am meisten in der Seele angebaut, und am leichtesten hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zubringen sind – der eine Mensch hat keinen Sinn für die sanftern Vorstellungen von<lb n="23"/>Liebe; Beweggründe von der Liebe Gottes hergenommen schlagen nicht an sein<lb n="24"/>Herz an – seine gröbern EmpfindungsOrgane werden nur durch Erregung der<lb n="25"/>Furcht, durch Donner und Bliz aufgerüttelt; die Seiten seines Herzens erklingen nicht<lb n="26"/>dem sanften Anschlag der Liebe; andre Ohren sind taub gegen die Stimme der<lb n="27"/>Pflicht – es nüzt nichts sie auf den innern Richter [der] Handlungen, der seinen Stuhl<lb n="28"/>in dem Herzen des Menschen selbst aufgeschlagen hat – auf das Gewissen aufmerksam<lb n="29"/>zu machen – in ihnen ist dise Stimme nie erschallt – Eigennuz ist der Pendel, dessen<lb n="30"/>Schwingungen ihre Maschine im Lauf erhalten.</p>
<p><lb n="31"/>Von diser Stimmung – von diser Receptivität hängt es ab, wie in einem jedem<lb n="32"/>einzelen die subjektive Religion beschaffen seyn soll. Objektive Religion lehrt man</p>
<pb n="89" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=105" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>uns von Jugend auf in den Schulen; frühzeitig genug ladet man sie unserm Gedächt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nisse auf, daß oft der noch nicht erstarkte Verstand, die schöne zarte Pflanze des<lb n="3"/>ofnen freien Sinns unter der Bürde niedergedrükt [wird], oder wie Wurzeln sich<lb n="4"/>durch ein lokres Erdreich durcharbeiten, und damit verschlingen und Nahrung dar<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>aus saugen, aber von einem Steine abgebogen werden, und andre Richtungen suchen;<lb n="6"/>so bleibt, die dem Gedächtnisse auferlegte Bürde unaufgelöst liegen, die erstarkte<lb n="7"/>Seelenkräfte schütteln sie entweder ganz ab, oder lassen sie auf der Seite liegen und<lb n="8"/>ziehen keinen nährenden Saft aus ihr ein.</p>
<p><lb n="9"/>In jeden Menschen hat die Natur einen Keim der feinern aus Moralität hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gehenden Empfindungen gesenkt, sie hat einen Sinn fürs moralische, für weitere<lb n="11"/>Zweke, als die blosse Sinnlichkeit [in] ihn gelegt; daß diese schöne Keime nicht<lb n="12"/>erstiken, daß daraus eine wirkliche Receptivität für moralische Ideen und Empfin<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>dungen entstehe, diß ist Sache der Erziehung, der Bildung – Religion ist nicht das<lb n="14"/>erste, was im Gemüth Wurzel fassen kan, sie mus einen gebauten Boden antreffen,<lb n="15"/>in dem sie erst gedeihen kan.</p>
<p><lb n="16"/>Auf subjektive Religion kommt alles an, dise hat einen eigentlich wahren<lb n="17"/>Werth – die Theologen mögen sich über die Dogmen, über das, was zur objektiven<lb n="18"/>Religion gehört, über die nähern Bestimmungen dieser Säze streiten; jeder Religion<lb n="19"/>liegen einige wenige FundamentalSäze zum Grunde, die nur in den verschiedenen<lb n="20"/>Religionen mehr minder modificirt, verunstaltet – mehr oder weniger rein dar<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gestellt sind – die den Grund alles Glaubens, aller Hofnungen ausmachen, welche die<lb n="22"/>Religion uns an die Hand gibt. Wenn ich von Religion spreche, so abstrahire ich<lb n="23"/>schlechterdings von aller wissenschaftlichen oder vielmehr metaphysischen Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nis Gottes, unsers und der ganzen Welt Verhältnisses zu ihm u.s.w. – Eine solche<lb n="25"/>Erkenntnis, bei der sich blos der raisonnirende Verstand beschäftigt, ist Theologie,<lb n="26"/>nicht mehr Religion. Ich rechne hier nur insoweit Kenntnisse von Gott und Unsterb<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lichkeit zur Religion, als das Bedürfnis der praktischen Vernunft fodert, und was in<lb n="28"/>einem leicht einzusehenden Zusammenhang damit steht – Dabei sind Nähere Auf-</p>
<pb n="90" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=106" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>schlüsse über besondre Anstalten Gottes zum besten der Menschen nicht aus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>geschlossen.</p>
<p><lb n="3"/>Von objektiver Religion spreche ich aber nur insofern auch, als sie einen Bestand<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>theil der subjektiven ausmacht –</p>
<p><lb n="5"/>Meine Absicht ist nicht, zu untersuchen, welche religiöse Lehren, am meisten<lb n="6"/>Interesse fürs Herz haben, der Seele am meisten Trost und Erhebung geben können –<lb n="7"/>nicht wie die Lehren einer Religion beschaffen seyn müssen, die ein Volk besser und<lb n="8"/>glüklicher machen soll – sondern was für Anstalten dazu gehören, daß die Lehren<lb n="9"/>und die Kraft der Religion in das Gewebe der menschlichen Empfindungen ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gemischt, ihren Triebfedern zu handeln beigesellt, und sich in ihnen lebendig und<lb n="11"/>wirksam erweise – daß sie ganz subjektiv werde – wenn sie das ist – so aüssert sie ihr<lb n="12"/>Daseyn nicht blos durch Händefalten, durch Beugen der Kniee und des Herzens vor<lb n="13"/>dem Heiligen, sondern sie verbreitet sich auf alle Zweige der menschlichen Nei<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gungen (ohn daß die Seele gerade es sich bewust ist,) und wirkt überall – aber nur<lb n="15"/>mittelbar mit – sie wirkt, um mich so auszudrükken, negativ, bei dem frohen Genus<lb n="16"/>menschlicher Freuden – oder bei Ausführung erhabener Thaten und Übung der<lb n="17"/>sanftern Tugenden der Menschenliebe, wenn sie auch nicht unmittelbar einwirkt,<lb n="18"/>so hat sie doch den feinern Einfluß, daß sie die Seele wenigstens frei und offen dabei<lb n="19"/>fortwirken läst, und die Sehnen ihrer Thätigkeit nicht lähmt – zur Aüsserung mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>licher Kräfte, es sey des Muths, der Menschlichkeit, wie zum Frohseyn zum Lebens<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>genus gehört Freiheit von bösartiger Stimmung der Seele zum Neid – u. drgl.,<lb n="22"/>gehört Unschuld, reines Gewissen, und dise 2 Eigenschaften hilft die Religion mit<lb n="23"/>befördern. So hat sie auch insofern Einfluß, daß Unschuld, mit ihr verbunden genau<lb n="24"/>den Punkt zu treffen weis, wo Frohseyn in Ausschweifung, Muth und Entschlossen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>heit in Eingrif in fremde Rechte ausarten würde –</p>
<space/>
<p><lb xml:id="GW01-s106-z26" n="26"/>Wenn Theologie Sache des Verstands und des Gedächtnisses ist, – ihr Ursprung<lb n="27"/>mag übrigens seyn woher er will – aus der Religion selbst – Religion aber Sache des<lb n="28"/>Herzens, wegen eines Bedürfnisses der praktischen Vernunft interessant, so erhellt<lb n="29"/>von selbst, daß verschiedene Seelenkräften bei Religion und Theologie wirksam, und</p>
<note xml:id="fn-90-1" place="margin" n="" target="#GW01-s106-z26" ana="#j.ohne-teil">subjekt. Relig.</note>
<pb n="91" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=107" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>auch verschiedene Vorbereitungen des Gemüths für beide erfodert werden – Um<lb n="2"/>hoffen zu können, daß das höchste Gut dessen einen Bestandtheil wirklich zu<lb n="3"/>machen uns als Pflicht auferlegt, im Ganzen wirklich werde fodert die praktische<lb n="4"/>Vernunft Glauben an eine Gottheit – an Unsterblichkeit</p>
<p><lb n="5"/>Diß ist wenigstens der Keim, aus dem Religion entspringt – und das Gewissen, der<lb n="6"/>innere Sinn für Recht und Unrecht, und das Gefühl, daß auf Unrecht – Strafe, auf<lb n="7"/>Rechtthun Glükseeligkeit folgen müsse – ist diser Deduktion der Religion nur in<lb n="8"/>seine Bestandtheile, in deutliche Begriffe aufgelöst. Mag die Idee eines mächtigen<lb n="9"/>unsichtbaren Wesens durch irgend eine furchtbare NaturErscheinung in der Seele<lb n="10"/>des Menschen geworden seyn, oder mag sich Gott im Wetter den Menschen zuerst<lb n="11"/>geoffenbahrt haben, wo jeder näher die Gegenwart Gottes fühlt, oder im sanften<lb n="12"/>Saüseln des Abendwindes, so traf sie auf jenes moralische Gefühl, das seinem Bedürf<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nisse jene Idee ganz angemessen fand –</p>
<p><lb n="14"/>Religion ist blosser Aberglauben, wenn man aus ihr in solchen Fällen Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mungsgründe zum handeln hernimmt, wo nur Klugheit rathen sollte, oder wenn die<lb n="16"/>Furcht vor der Gottheit gewisse Handlungen verrichten macht, wodurch man ihre<lb n="17"/>Unzufriedenheit abwenden zu können glaubt. Bei vielen sinnlichen Völkern ist wohl<lb n="18"/>Religion so beschaffen – die Vorstellung von Gott und seiner Handlungsart mit den<lb n="19"/>Menschen schränkt sich darauf ein, daß er nach den Gesezen der menschlichen Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichkeit und nur auf ihre Sinnlichkeit wirke – und nur sehr wenig moralisches ist<lb n="21"/>disem Begrif beigemischt – der Begrif von Gott und die [Vorstellung] an ihn sich zu<lb n="22"/>wenden¹ ist schon moralischer das h. deutet schon mehr auf Bewustseyn von einer<lb n="23"/>höhern nach grössern Zweken als sinnlichen bestimmten Ordnung hin – wenn der oben<lb n="24"/>berührte Aberglaube zwar auch beigemischt ist – aber mit der Anfrage an die Gottheit<lb n="25"/>wegen der Zukunft, des Erfolgs einer Unternehmung auch Anrufung um ihren Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>stand, das Gefühl, daß von ihren Schlüssen alles abhange, beigesellt ist, und überall<lb n="27"/>der Glaube zum Grunde liegt, oder wenigstens neben dem Glauben an Schiksal, Na<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>turNothwendigkeit stattfindet – daß sie nur dem Gerechten Glük ausspende, über den</p>
<note xml:id="fn-91-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>(Dienst</note>
<pb n="92" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=108" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Ungerechten und Übermüthigen aber Unglük verhänge – und wenn aus der Re<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ligion moralische Beweggründe des handeln hergehohlt werden –</p>
<p><lb n="3"/>Subjektive Religion ist bei guten Menschen, die objektive mag fast eine Farbe<lb n="4"/>haben wie sie will, so zimlich gleich –</p>
<quote><lb n="5"/>was<lb n="6" type="absatz"/>mich euch zum Christen macht, das macht euch mir<lb n="7" type="absatz"/>zum Juden –</quote>
<p><lb n="8"/>sagt Nathan, denn Religion ist Sache des Herzens, welches oft inkonsequent handelt,<lb n="9"/>gegen die Dogmen, die sein Verstand oder Gedächtnis annimmt – die verehrungs<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>würdigste Menschen sind gewis nicht immer diejenigen, die am meisten über Religion<lb n="11"/>spekulirt haben, die ihre Religion sehr oft in Theologie verwandeln d. h. oft Fülle,<lb n="12"/>Herzlichkeit des Glaubens gegen kalte Erkenntnisse und WortParaden vertauschen –</p>
<p><lb n="13"/>Religion gewinnt durch den Verstand, aber sehr wenig, seine Operationen, seine<lb n="14"/>Zweifel können im Gegentheil das Herz mehr erkalten, als wärmen – und derjenige,<lb n="15"/>der gefunden hat, daß die Vorstellungsarten anderer Nationen, oder der Heyden,<lb n="16"/>wie man sie nennt, viel absurdes enthalten, und sich seiner höhern Einsichten, seines<lb n="17"/>Verstandes, den er weiter sehen läst, als die grösten Männer sahen, deswegen höchlich<lb n="18"/>freut – der kennt nicht das Wesen der Religion. Der seinen Jehova Jupiter oder<lb n="19"/>Brama nennt – und ein wahrer GottesVerehrer ist – bringt wie der wahre Christ<lb n="20"/>eben so kindlich seinen Dank sein Opfer – Wen rührt nicht die schöne Einfalt, wenn<lb n="21"/>die Unschuld an ihren grösten Wohlthäter bei dem Guten, das ihr die Natur anbeut,<lb n="22"/>denkt, ihm das beste, das makelloseste, die Erstlinge des Korns und der Schaafe dar<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bietet – Wer bewundert nicht den Coriolan, wenn er in der Grösse seines Glüks die<lb n="24"/>Nemesis fürchtend, wie sich Gustav Adolph in der Schlacht bei Lüzen vor Gott<lb n="25"/>demüthigte, die Götter bittet, – nicht den Genius der römischen Grösse, sondern ihn<lb n="26"/>zu demüthigen –</p>
<p><lb n="27"/>Dergleichen Züge sind fürs Herz, und wollen mit dem Herzen, mit Einfalt des<lb n="28"/>Geistes und der Empfindung genossen seyn, nicht mit dem kalten Verstand be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>kunstrichtert werden – Nur der Eigendünkel des Sektengeists, der sich weiser dünkt<lb n="30"/>als alle Menschen andrer Partheien, kan bei dem unschuldigem leztem Willen des<lb n="31"/>Sokrates, dem Gott der Gesundheit einen Hahn darzubringen, die schöne Empfindung</p>
<pb n="93" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=109" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>des Sokrates, daß er für seinen Tod, den er für Genesung ansehe, den Göttern danke,<lb n="2"/>ungenossen vorbeilassen, und die hämische Anmerkung machen, die Tertull. Apolog.<lb n="3"/>c. 46. macht –</p>
<quote><lb n="4"/>Socrates etc.</quote>
<p><lb n="5"/>Wo das Herz wie bei dem Klosterbruder in der Scene im Nathan, woraus die<lb n="6"/>obige Worte entlehnt sind, nicht lauter spricht, als [der] Verstand, wenn es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schlossen bleibt, und diesem Zeit läst, über eine Handlung zu räsonniren – dessen<lb n="8"/>Herz taugt schon nicht viel, die Liebe wohnt nicht in ihm – Nirgend ist die Stimme<lb n="9"/>der unverdorbenen Empfindung, des lautern Herzens – und die Rechthaberei des<lb n="10"/>Verstandes schöner einanderentgegengesezt, als in der Geschichte, in dem Evan<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gelium, wo Jesus von einem ehmals übelberüchtigten Weibe das Salben seines Leibes,<lb n="12"/>als offnen, durch die Umstehende Gesellschaft sich nicht irremachen lassenden Erguß<lb n="13"/>einer schönen von Reue, Zutrauen und Liebe durchdrungenen Seele, mit Wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gefallen und Liebe annahm, wo aber einige seiner Apostel ein zu kaltes Herz hatten,<lb n="15"/>um das tiefe diser weiblichen Empfindung, ihr schönes Opfer des Zutrauens mit<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zuempfinden, und die kalte mit dem Vorwand eines Interesses der Mildthätigkeit<lb n="17"/>verbrämte Randglosse machen konnten – Welch eine kahle und forcirte Anmerkung<lb n="18"/>ist es, wenn der gute Gellert irgendwo sagt – ein kleines Kind wisse heutzutage mehr<lb n="19"/>von Gott – als der weiseste Heyde, gerade wie Tertullian Apolog. 46. deum quilibet<lb n="20"/>opifex etc. Gerade als wenn das Compendium der Moral, das ich hier in meinem<lb n="21"/>Schranke stehen habe, wo es nur bei mir steht, ob ich es zu Emballage eines stinkendes<lb n="22"/>Käses gebrauchen will, mehr Werth hätte als das vielleicht zuweilen ungerechte Herz<lb n="23"/>eines Friedrich II.; denn der Unterschied zwischen dem opifex des Tertullian, dem<lb n="24"/>Kind Gellerts, dem man theologischen Sauertaig mit dem Catechismus eingeprügelt<lb n="25"/>hat – und dem Papier, auf das [man] Moral gedrukt hat ist im Ganzen in diser Hin<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sicht nicht sehr groß – eigentlich durch Erfahrung erworbenes Bewustseyn fehlt<lb n="27"/>beiden fast in gleichem Grade</p>
<pb n="94" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=110" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Aufklärung – wirken wollen durch Verstand –</p>
<p><lb n="2"/>Der Verstand dient nur der objektiven Religion – die Grundsäze zu laütern, in<lb n="3"/>ihrer Reinigkeit darzustellen – er hat herrliche Früchte, Lessings Nathan, hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gebracht, und verdient die Elogen mit denen man ihn immer erhebt –</p>
<p><lb n="5"/>Aber durch den Verstand werden die Grundsäze nie praktisch gemacht</p>
<p><lb n="6"/>Der Verstand ist ein Hofmann, der sich nach den Launen seines Herrn gefällig<lb n="7"/>richtet – er weis zu jeder Leidenschaft, zu jeder Unternehmung Rechtfertigungs<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gründe aufzutreiben – er ist vorzüglich ein Diener der Eigenliebe, die immer sehr<lb n="9"/>scharfsinnig ist, den begangenen oder zu begehenden Fehlern eine schöne Farbe zu<lb n="10"/>geben, sie lobt sich oft selber darüber – daß sie so einen guten Vorwand für sich<lb n="11"/>gefunden hat</p>
<p><lb n="12"/>Aufklärung des Verstands macht zwar klüger aber nicht besser – Führt man auch<lb n="13"/>die Tugend auf Klugheit zurük, rechnet man dem Menschen vor, daß er ohne Tugend<lb n="14"/>nicht glükseelig werden könne, so ist die Berechnung viel [zu] spizfindig, und zu<lb n="15"/>kalt, als daß sie im Moment des Handelns wirksam seyn, als daß sie überhaupt Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>fluß aufs Leben haben könnte –</p>
<p><lb n="17"/>Wer die beste Moral zu hand nimmt, sich über die allgemeine Grundsäze sowohl<lb n="18"/>als über die einzele Pflichten und Tugenden die genausten Bestimmungen bekannt<lb n="19"/>macht, und man wollte beim wirklichen Handeln an diesen Hauffen von Regeln und<lb n="20"/>Ausnahmen denken, so käme eine solche verzwikte Handlungsart heraus – die ewig<lb n="21"/>ängstlich und mit sich selbst im Streit, wäre – Wer der je eine Moral geschrieben hat,<lb n="22"/>würde selbst je hoffen, daß es einen Menschen geben würde, der entweder das Buch<lb n="23"/>auswendig lernen, oder bei allem was er thut, bei jeder Neigung, die ihm ankommt,<lb n="24"/>seine Moral nachschlagen solle, ob sie auch sittlich ob sie erlaubt sey – Und doch ist<lb n="25"/>diß eigentlich die Foderung die man mit einer Moral an einen macht – Daß schlimme<lb n="26"/>Neigungen gar nicht aufsteigen, daß sie nicht zu einer gewissen Höhe gelangen,<lb n="27"/>diß kan keine gedrukte Moral – keine Aufklärung des Verstandes leisten – diese<lb n="28"/>negative Wirkung Campe’s Theophron – der Mensch soll selbst handeln, selbst<lb n="29"/>wirken, sich selbst entschliessen, nicht andre für sich handeln lassen – er ist da nichts<lb n="30"/>weiter als blosse Maschine –</p>
<pb n="95" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=111" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn man davon spricht: man kläre ein Volk auf, so sezt diß voraus, daß Irr<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>thümer bei demselben herrschen – VolksVorurtheile – die sich auf Religion beziehen<lb n="3"/>– und die meisten sind mehr oder weniger von dieser Beschaffenheit – gründen sich<lb n="4"/>auf Sinnlichkeit auf der blinden Erwartung daß eine Wirkung erfolgen werde, die<lb n="5"/>mit der Ursache, wodurch die Wirkung hervorgebracht werden soll, garnicht im<lb n="6"/>Zusammenhang steht – bei dem Volke, das viele Vorurtheile hat, scheint der Begrif<lb n="7"/>der Ursache sich meist noch auf den Begrif der blossen Aufeinanderfolge zu gründen<lb n="8"/>– indem sie [nicht] selten auch wo sie von Ursachen sprechen die mittlern Glieder<lb n="9"/>der aufeinanderfolgenden Wirkungen auslassen und nicht einsehen – Sinnlichkeit<lb n="10"/>und Phantasie sind die Quellen der Vorurtheile, auch richtige vor der Untersuchung<lb n="11"/>des Verstands standhaltende Säze sind beim gemeinen Volk insofern auch Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>urtheile, als sie nur daran glauben; indem sie keine Gründe dafür kennen. Vorurtheile<lb n="13"/>können also von zweierlei Art sein a) wirkliche Irrtümer b) wirkliche Wahrheiten<lb n="14"/>die aber nicht wie Wahrheiten eingesehen werden sollen, durch Vernunft als solche<lb n="15"/>erkannt, sondern auf Treu und Glauben anerkannt werden – wobei also subjektiv<lb n="16"/>kein grösseres Verdienst stattfindet – dem Volk seine Vorurtheile nehmen, es auf<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>klären heist also – denn Vorurtheile praktischer Art d. h. die auf die Bestimmung des<lb n="18"/>Willens Einflus haben, haben ganz andere Quellen und andre Folgen, und von disen<lb n="19"/>ist hier nicht die Rede – heist – seinen Verstand in Rüksicht auf Gewisse Gegenstände<lb n="20"/>so ausbilden, daß er einerseits sich von Überzeugung und der Gewalt der Irrtümer<lb n="21"/>wirklich losreist – theils von den wirklichen Wahrheiten durch Gründe überzeugt<lb n="22"/>ist – Allein vors erste: Welcher sterbliche will überhaupt entscheiden was Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heit ist?</p>
<p><lb n="24"/>Allein nehmen wir hier an, wie es seyn mus wenn von dem menschlichen Wissen<lb n="25"/>mehr in concreto gesprochen wird, und was man auch blos in politischer Hinsicht<lb n="26"/>annehmen mus, wenn menschliche Gesellschaft statthaben soll, daß es allgemein<lb n="27"/>geltende Principien gibt, die nicht nur dem gesunden MenschenVerstande einleuch<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ten, sondern auch jeder Religion zum Grunde liegen müssen, wenn sie disen Namen<lb n="29"/>verdienen soll, sie mögen auch noch so verunstaltet seyn – α) so ist es gewis daß<lb n="30"/>deren nur wenige sind, und daß ebendeswegen, weil sie theils so allgemein und ab<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>strakt sind theils wenn sie rein dargestellt werden sollen, wie die Vernunft es verlangt–</p>
<pb n="96" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=112" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>sie der Erfahrung und dem sinnlichen Schein [widersprechen], da sie nicht eine Regel<lb n="2"/>für diese sind, sondern nur auf eine entgegengesezte Ordnung der Dinge passen<lb n="3"/>können – so qualificiren sie sich nicht leicht zu einer lebendigen Anerkennung von<lb n="4"/>Seiten des Volks, und wenn das Gedächtnis sie auch behalten hat – so machen sie<lb n="5"/>noch keinen Theil des geistigen, des begehrenden System des Menschen aus β) da es<lb n="6"/>unmöglich ist, daß eine Religion, die allgemein fürs Volk seyn soll, aus allgemeinen<lb n="7"/>Wahrheiten bestehen kan, worauf zu jeder Zeit nur ausgezeichnetere Menschen<lb n="8"/>gekommen sind, und sie mit Liebe und dem ganzen Herzen umfasten – und also<lb n="9"/>immer theils Zusäze beigemischt seyn müssen, die blos auf Treu und Glauben an<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>genommen werden müssen – oder daß die reinern Säze vergröbert in eine sinnlichere<lb n="11"/>Hülle gestekt werden müssen, wenn sie verstanden werden und der Sinnlichkeit<lb n="12"/>annehmlich seyn sollen – und theils auch solche Gebraüche eingeführt werden müssen,<lb n="13"/>von deren Nothwendigkeit oder Nuzen auch zutraulicher Glaube oder Angewöh<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nung von Jugend auf beredet, so erhellt daß Volksreligion, und was schon mit dem<lb n="15"/>Begrif der Religion an sich verbunden ist, – wenn ihre Lehren in Leben und That<lb n="16"/>wirksam seyn sollen – unmöglich auf blosse Vernunft gebaut seyn könne – Positive<lb n="17"/>Religion beruht nothwendig auf Glauben an die Tradition, durch die sie uns über<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>liefert wird – und also können wir von ihren religiösen Gebraüchen auch nur durch<lb n="19"/>diesen Grund von der Verbindlichkeit zu denselben, von dem Glauben, daß Gott sie<lb n="20"/>als wohlgefällig – als Pflicht von uns fodre, überzeugt werden. Aber an sich blos mit<lb n="21"/>Vernunft betrachtet kan von ihnen nur so viel behauptet werden, daß sie zur Er<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bauung zur Erwekung frommer Empfindungen dienen, und ihre Zwekmässigkeit<lb n="23"/>hiezu kan untersucht werden – Allein sobald ich mich überzeugt habe, daß Gott<lb n="24"/>durch diese Gebraüche, durch unsern Dienst – an sich nicht geehrt werde, daß Recht<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tun ihm der wohlgefälligste Dienst sey, daß ich aber doch einsehe daß dise Gebraüche<lb n="26"/>zur Erbauung dienen, so haben ebenhiedurch dise Gebraüche einen grossen Theil<lb n="27"/>ihres sonst möglichen Eindruks auf mich verlohren –</p>
<p><lb n="28"/>Wie Religion überhaupt eine Sache des Herzens ist, so könnte es eine Frage seyn,<lb n="29"/>wie weit sich Räsonnement einmischen darf, um Religion zu bleiben – Denkt man<lb n="30"/>viel nach über die Entstehung der Empfindungen, über die Gebraüche, die man mit<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zumachen hat, und durch die, Fromme Gefühle gewekt werden sollen, über ihren<lb n="32"/>historischen Ursprung, über ihre Zwekmässigkeit u. drgl. so verliehren sie gewis von</p>
<pb n="97" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=113" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>dem Nimbus der Heiligkeit, mit dem wir sie immer zu sehen gewohnt waren,<lb n="2"/>wie die Dogmen der Theologie von ihrem Ansehen verlieren, wenn wir sie mit der<lb n="3"/>KirchenGeschichte beleuchten – Aber wie wenig ein solches kaltes Nachdenken dem<lb n="4"/>Menschen Haltung gewährt, sehen wir haüfig bei solchen, wenn sie in Lagen kom<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>men, wo das zerrissene Herz einen festern Stab braucht, wo die Verzweiflung dann<lb n="6"/>oft wieder nach dem greift, was ihr ehmals Trost gewährte, und was sie izt desto<lb n="7"/>fester und ängstlicher umfast, damit es ihr nicht wieder entwische, und das Ohr<lb n="8"/>geflissentlich den Sophistereien des Verstands zuhält – Etwas anderes als Aufklärung,<lb n="9"/>als Räsonnement ist Weisheit – Aber Weisheit ist nicht Wissenschaft – Weisheit ist<lb n="10"/>eine Erhebung der Seele, die sich durch Erfahrung verbunden mit Nachdenken über<lb n="11"/>Abhängigkeit von Meinungen wie von den Eindrükken der Sinnlichkeit erhoben hat,<lb n="12"/>und nothwendig, wenn es praktische Weisheit, nicht blosse selbstgefällige oder<lb n="13"/>prahlende Weisheit, von einer ruhigen Wärme, einem sanften Feuer begleitet seyn<lb n="14"/>mus; sie räsonnirt wenig, sie ist auch nicht methodo mathematica von Begriffen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gegangen, und durch eine Reihe von Schlüssen in barbara et barrocco zu dem, was sie<lb n="16"/>für Wahrheit nimmt gekommen – sie hat ihre Überzeugung nicht auf dem all<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gemeinen Markt eingekauft, wo man das Wissen an jeden, der richtig bezahlt,<lb n="18"/>hergibt, wüste sie auch nicht in blanker Münze, in den gangbarn Sorten auf den<lb n="19"/>Tisch wieder hin zu zählen – sondern spricht aus der Fülle des Herzens</p>
<p><lb n="20"/>Bildung des Verstands und Anwendung desselben, auf die Gegenstände, die unser<lb n="21"/>Interesse auf sich ziehen – Aufklärung bleibt deswegen ein schöner Vorzug, so wie<lb n="22"/>deutliche Kenntnis der Pflichten, Aufklärung über praktische Wahrheiten – Aber<lb n="23"/>sie sind nicht von der Beschaffenheit, daß sie dem Menschen Moralität geben könn<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ten – sie stehen im Werth unendlich gegen Güte und Reinigkeit des Herzens zurük,<lb n="25"/>sie sind damit eigentlich [nicht] commensurabel –</p>
<p><lb n="26"/>Frohseyn ist in dem Charakter eines gutgearteten Jünglings ein Hauptzug; ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>hindern ihn Umstände daran, daß er sich auf sich selbst mehr zurükziehen mus, und<lb n="28"/>er fast den Entschlus sich zu einem tugendhaften Menschen zu bilden, und hat dabei<lb n="29"/>noch nicht Erfahrung genug, daß Bücher ihn nicht dazu machen können – so nimmt<lb n="30"/>er vielleicht Campe’s Theophron in die Hände – um sich diese Lehren der Weisheit<lb n="31"/>und Klugheit zur Richtschnur seines Lebens zu machen – er liest morgends und<lb n="32"/>abends einen Abschnitt daraus, und denkt den ganzen Tag daran – was wird die Folge<lb n="33"/>seyn? Etwa wirkliche Vervollkommnung?¹ zu dieser gehört jahrelange Übung und</p>
<note xml:id="fn-97-1" type="rand" n="¹"><lb n="34"/><seg type="marke">¹ </seg>Menschenkenntnis? praktische Klugheit?</note>
<pb n="98" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=114" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Erfahrung – aber die Meditationen über Campe und das Kampische Lineal werden<lb n="2"/>ihm in 8 Tagen entleiden! Düstern und ängstlich geht er in die Gesellschaft, wo nur<lb n="3"/>derjenige willkommen ist, der sie aufzuheitern weis, schüchtern geniest er ein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gnügen, das nur dem schmekt, der mit frohem Herzen dabei ist – vom Gefühl seiner<lb n="5"/>Unvollkommenheit durchdrungen bükt er sich gegen jedermann – Umgang mit<lb n="6"/>Fraunzimmern heitert ihn nicht auf, weil er da fürchtet – eine leise Berührung<lb n="7"/>irgendeines Mähdchens möchte ein entzündendes Feuer durch seine Adern giessen –<lb n="8"/>und diß gibt ihm ein linkisches, steifes Ansehen – er wird es aber nicht lange aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>halten, sondern schüttelt bald die Aufsicht dieses mürrischen Hofmeisters ab, und<lb n="10"/>wird sich besser dabei befinden.</p>
<p><lb n="11"/>Wenn Aufklärung das leisten soll, was ihre grossen Lobredner von ihr ausgeben,<lb n="12"/>wenn sie ihre Lobsprüche verdienen soll, so ist es wahre Weisheit, sonst bleibt sie<lb n="13"/>gemeinhin Afterweisheit, die sich brüstet, und ihrer lumières, die sie vor so vielen<lb n="14"/>schwachen Brüdern vorauszuhaben sich einbildet, sich erhebt. Dieser Dünkel findet<lb n="15"/>sich gemeinhin bei den meisten Jünglingen oder Männern, die durch Schriften neue<lb n="16"/>Einsichten erlangen, und ihren bisherigen Glauben, den sie mit den meisten, die um<lb n="17"/>sie waren, gemein hatten – aufzugeben anfangen, wobei oft die Eitelkeit einen<lb n="18"/>besonders grossen Antheil hat – Wer da von der unbegreiflichen Dummheit der<lb n="19"/>Menschen viel zu sagen weis, wer einem auf das Haar hin demonstrirt, daß es die<lb n="20"/>gröste Thorheit sey, daß ein Volk ein solches Vorurtheil habe, wer dabei mit den<lb n="21"/>Worten, als da sind Aufklärung, MenschenKenntnis, Geschichte der Menschheit,<lb n="22"/>Glükseeligkeit, Vollkommenheit immer um sich wirft, ist weiter nichts als ein<lb n="23"/>Schwäzer der Aufklärung, ein Marktschreier der schaale UniversalMedicinen feil<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>bietet – sie speisen einander mit kahlen Worten, und übersehen das heilige, das zarte<lb n="25"/>Gewebe der menschlichen Empfindung – Jeder wird vielleicht solche Beispiele um<lb n="26"/>sich herumschnattern hören; mancher hat es vielleicht wohl an sich selbst erfahren,<lb n="27"/>denn in unsern vollgeschriebenen Zeiten ist diser Gang der Bildung sehr haüfig –<lb n="28"/>Wenn einer oder der andre durch das Leben selbst das auch mehr verstehen lernt,<lb n="29"/>was vorher nur als todtes Kapital in seiner Seele lag, so bleibt doch noch in jedem<lb n="30"/>Magen ein Wust von Buchgelehrsamkeit unverdaut liegen – der weil der Magen<lb n="31"/>damit genug zu schaffen, eine gesündere Nahrung verhindert – und dem übrigen<lb n="32"/>System des Körpers keine nahrhafte Säfte zufliessen läst – das aufgedunsene Ansehen</p>
<pb n="99" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=115" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>gibt vielleicht den Schein der Gesundheit – aber in allen Gliedern lähmt ein saftloses<lb n="2"/>Phlegma die freye Bewegung –</p>
<space/>
<p><lb n="3"/>Ein Geschäft des aufklärenden Verstands ist es – die objektive Religion zu sichten –<lb n="4"/>Aber wie die Kraft kein grosses Moment hat, wenn Besserung der Menschen, Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>Erziehung zu grossen, starken Gesinnungen, zu edeln Gefühlen, zu einer entschlos<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>senen Selbstständigkeit – hervorgebracht werden soll – so hat auch das Produkt – die<lb n="7"/>objektive Religion kein grosses Gewicht dabei.</p>
<p><lb n="8"/>Es schmeichelt dem menschlichen Verstand, wenn er sein Werk – ein grosses hohes<lb n="9"/>Gebäude der GottesErkenntnis und der Erkenntnis der menschlichen Pflichten und<lb n="10"/>der Natur – betrachtet – das Bauzeug die Materialien hat er allerdings dazu herbei<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>geschaft; er hat daraus einen Bau verfertigt, fährt immer fort, ihn zu verschönern,<lb n="12"/>oder auch Schnörkel daran zu machen; aber je weitschichtichter, je zusammengesezter<lb n="13"/>der Bau, an dem die ganze Menschheit arbeitet, wird, desto weniger gehört er jedem<lb n="14"/>einzelen eigen – Wer nur disen allgemeinen Bau kopirt, von ihm nur, sich sammelt,<lb n="15"/>wer nicht in sich selbst und aus sich selbst ein eigenes Haüschen zu seiner Bewohnung<lb n="16"/>[baut] mit dem Dach- und Fachwerk, wo er ganz einheimisch ist, wo er jeden Stein<lb n="17"/>wonicht ganz aus dem rohen gearbeitet – doch ihn zurechtgelegt, ihn in den Händen<lb n="18"/>herumgekehrt hat – der ist ein BuchstabenMensch – der hat nicht selbst gelebt und<lb n="19"/>gewebt –</p>
<p><lb n="20"/>Wer nur jenem grossen Haus sich einen Pallast nachbaut – lebt darin wie Louis XIV<lb n="21"/>in Versailles, er kennt kaum alle Gemächer seines Eigentums; und füllt nur ein sehr<lb n="22"/>kleines Cabinetchen aus – da ein Hausvater in seinem groselterlichen Haüschen über<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>all besser Bescheid, von jeder Schraube jedem Schränkchen Red und Antwort, über<lb n="24"/>ihren Gebrauch und ihre Geschichte zu geben weis – Less. Nathan –</p>
<quote><lb n="25"/>bei dem meisten kan ich noch sagen,<lb n="26" type="absatz"/>wie? wo? warum ich es gelernt –</quote>
<p><lb n="27"/>Sein kleines Haüschen, das der Mensch alsdenn sein eigen nennen kan, mus Religion<lb n="28"/>bauen helfen, wie viel kan sie ihm dabei helfen</p>
<p><lb n="29"/>Wenn zwischen reiner Vernunftreligion, die Gott im Geist und in der Wahrheit<lb n="30"/>anbetet, und seinen Dienst nur in die Tugend sezt – und zwischen dem Fetisch-</p>
<pb n="100" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=116" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Glauben, der sich bei Gott auch noch durch etwas [anderes] als einen an sich guten<lb n="2"/>Willen, beliebt machen zu können glaubt – ein so weiter Unterschied ist, daß dieser<lb n="3"/>im Gegensaz gegen jene gar keinen Werth hat, daß beide von ganz verschiedener<lb n="4"/>Gattung sind, und so wichtig es für die Menschheit ist, diese immer mehr zur<lb n="5"/>VernunftReligion hinzuführen, und den FetischGlauben zu verdrängen, so fragt es<lb n="6"/>sich, da eine allgemeine geistige Kirche nur ein Ideal der Vernunft bleibt – und da es<lb n="7"/>nicht wohl möglich ist, daß eine öffentliche Religion etablirt werden könnte, die alle<lb n="8"/>Möglichkeit, FetischGlauben daraus zu ziehen benähme – wie eine Volksreligion im<lb n="9"/>allgemeinen eingerichtet seyn müsse, um a) negativ so wenig als möglich Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>anlassung zu geben an dem Buchstaben und den Gebraüchen hängen zu bleiben und<lb n="11"/>b) positiv – daß das Volk zur VernunftReligion geführt, Empfänglichkeit dafür<lb n="12"/>bekäme</p>
<p><lb n="13"/>Wann in der Moral die Idee der Heiligkeit als die lezte Höhe der Sittlichkeit, und<lb n="14"/>der lezte Punkt des Bestrebens gesezt wird, so beweisen die Einwendungen der<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jenigen, die sagen, eine solche Idee sey dem Menschen nicht erreichbar (welches auch<lb n="16"/>jene Moralisten selbst einraümen) sondern er brauche ausser der reinen Achtung fürs<lb n="17"/>Gesez noch andre sich auf seine Sinnlichkeit beziehende Triebfedern – nicht soviel,<lb n="18"/>daß der Mensch sich nicht bestreben dürfe, sich sei’s auch bis in alle Ewigkeit jener<lb n="19"/>Idee zu nähern, sondern nur daß [man] bei der Rohheit und bei dem mächtigem<lb n="20"/>Hang zur Sinnlichkeit – bei den meisten Menschen haüfig zufrieden seyn müsse,<lb n="21"/>auch nur Legalität hervorzubringen, welches hervorzubringen, keine reinsittliche<lb n="22"/>Triebfedern erfodert werden¹, wofür sie wenig Sinn hätten – und daß es schon<lb n="23"/>Gewinn sey, wenn nur die grobe Sinnlichkeit verfeinert –² und statt eigentlich<lb n="24"/>thierischer Triebe Empfindungen gewekt werden, die des Einflusses der Vernunft<lb n="25"/>mehr fähig werden, und sich dem moralischen mehr nähern, oder wobei es eigentlich<lb n="26"/>nur möglich ist, daß wenn das laute Geschrei der Sinnlichkeit etwas gedämpft, auch<lb n="27"/>moralische Empfindungen aufkeimen – überhaupt schon blosse Kultur sei ein<lb n="28"/>Gewinnst – sie wollen nur soviel, daß es wohl auf dieser Erde nicht wahrscheinlich<lb n="29"/>sey, daß die Menschheit oder auch ein einzeler Mensch je der nicht moralischen</p>
<note xml:id="fn-100-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>cf Matth. 19, v. 16–</note>
<note xml:id="fn-100-2" type="rand" n="²"><lb n="31"/><seg type="marke">² </seg>wenigstens nur Interesse für etwas höhers gewekt werde</note>
<pb n="101" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=117" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Triebfedern werde entbehren können – und in unsre Natur selbst sind solche Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>findungen verwebt, – die obzwar nicht moralisch, nicht aus der Achtung fürs Gesez<lb n="3"/>entspringend, und also weder ganz fest und sicher noch an sich einen Werth haben<lb n="4"/>und wieder Achtung verdienen, doch liebenswürdig sind, böse Neigungen hindern,<lb n="5"/>und das Beste der Menschen befödern – von der Art sind alle gutartige Neigungen,<lb n="6"/>Mitleiden, Wohlwollen, Freundschaft u.s.w. Zu diesem empirischen Charakter, der<lb n="7"/>innerhalb des Kraises der Neigungen eingeschlossen ist gehört auch das moralische<lb n="8"/>Gefühl, das seine zarte Fäden in das ganze Gewebe ausschiken mus; das Grundprincip<lb n="9"/>des empirischen Charakters ist Liebe – die etwas analoges mit der Vernunft hat<lb n="10"/>insofern – als die Liebe in andern Menschen sich selbst findet, oder vielmehr sich<lb n="11"/>selbst vergessend – sich ausser seiner Existenz heraussezt, gleichsam in andern lebt,<lb n="12"/>empfindet und thätig ist – so wie die Vernunft als Princip allgemeingeltender Geseze<lb n="13"/>sich selbst wieder in jedem vernünftigen Wesen erkennt, als Mitbürgerin einer<lb n="14"/>intelligiblen Welt. Der empirische Charakter des Menschen wird zwar von Lust<lb n="15"/>und Unlust afficirt – Liebe, wenn es schon ein pathologisches Princip des Handelns<lb n="16"/>ist, ist uneigennüzig, sie handelt nicht darum gut, weil sie berechnet hat, daß Freuden,<lb n="17"/>die aus ihren Handlungen entspringen, unvermischter, und länger dauernd sind, als<lb n="18"/>die der Sinnlichkeit, oder die aus der Befriedigung irgend einer Leidenschaft ent<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>springen – es ist also nicht das Princip der verfeinerten Selbstliebe, wo das Ich am<lb n="20"/>Ende immer der lezte Zwek ist –</p>
<p><lb n="21"/>Zur Aufstellung von Grundsäzen taugt der Empirismus freilich schlechterdings<lb n="22"/>nicht – aber wenn die Rede davon ist, wie man auf die Menschen zu wirken hat, so<lb n="23"/>mus man sie nehmen, wie sie sind, und alle gute Triebe und Empfindungen auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>suchen, wodurch wenn auch nicht unmittelbar seine Freyheit erhöht, doch seine<lb n="25"/>Natur veredelt werden kan – Bei einer Volksreligion besonders ist es von der grösten<lb n="26"/>Wichtigkeit, daß Phantasie und Herz nicht unbefriedigt bleiben, daß die erste mit<lb n="27"/>grossen, reinen Bildern erfüllt, und in dem leztern die wohlthätigern Gefühle gewekt<lb n="28"/>werden – daß beide eine gute Richtung erhalten, ist um so wichtiger, bei der Religion,<lb n="29"/>deren Gegenstand so groß so erhaben ist, wo beide sich zu leicht selbst Wege bahnen,<lb n="30"/>oder sich irreleiten lassen, entweder daß das Herz durch falsche Vorstellungen und<lb n="31"/>seine eigene Bequemlichkeit verführt sich an Aussendinge hängt, oder in niedrigen<lb n="32"/>falschdemüthigen Gefühlen Nahrung findet, und damit Gott zu dienen glaubt –</p>
<pb n="102" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=118" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>oder daß die Phantasie Dinge als Ursachen und Wirkungen verknüpft, deren Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>einanderfolge blos zufällig ist, und sich gegen die Natur ausserordentliche Wir<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>kungen verspricht. Der Mensch ist ein so vielseitiges Ding, daß sich alles aus ihm<lb n="4"/>machen läst, das so mannichfaltig verflochtene Gewebe seiner Empfindungen hat<lb n="5"/>sovielerlei Enden, daß alles, gehts nicht von der einen, so gehts an andern – sich<lb n="6"/>daran anknüpfen läst, daher ist er des thörichtsten Aberglaubens, der grösten hierar<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>chischen und politischen Sklaverey fähig gewesen – dise schöne Fäden der Natur<lb n="8"/>dieser gemäs in ein edles Band zu flechten – mus vornehmlich Geschäft der Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>religion seyn –</p>
<p><lb n="10"/>VolksReligion unterscheidet sich von privatReligion vornehmlich dadurch, daß<lb n="11"/>der Zwek jener ist, indem sie mächtig auf Einbildungskraft und Herz wirkt, der<lb n="12"/>Seele überhaupt die Kraft und den Enthusiasmus – den Geist einzuhauchen, der zur<lb n="13"/>grossen zur erhabenen Tugend unentbehrlich ist – die Ausbildung des einzelen<lb n="14"/>seinem Charakter gemäs, die Belehrung über Collisionsfälle der Pflichten, die beson<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dern Beföderungsmittel der Tugend, Trost und Aufrichtung in einzelen Leiden und<lb n="16"/>Unglüksfällen, müssen der PrivatBildung zur Religion überlassen werden – und daß<lb n="17"/>sie nicht zu einer Öffentlichen Volksreligion qualificiren erhellt daraus</p>
<p><lb n="18"/>a) die Belehrung über CollisionsFälle der Pflichten – dise sind so mannichfaltig,<lb n="19"/>daß ich mir dabei entweder nur durch den Rath rechtschaffner und erfahrner Män<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ner – oder durch die Überzeugung daß Pflicht und Tugend der höchste Grundsaz<lb n="21"/>sind, – die vorher allenfalls durch die öffentliche Religion fest und Maxime meiner<lb n="22"/>Handlungen zu werden – fähig geworden ist – für mein Gewissen befriedigend<lb n="23"/>herauszuhelfen vermag: öffentlicher Unterricht wie Unterricht über Moral – wovon<lb n="24"/>oben – zu troken – und so wenig als sie wird er es vermögen, daß das Gemüth in den<lb n="25"/>Augenbliken des Handelns sich von feinen casuistischen Regeln bestimmen lasse –<lb n="26"/>oder [es] würde eine ewige Skrupulosität erzeugt, die der zur Tugend erforderlichen<lb n="27"/>Entschlossenheit und Kraft ganz entgegen ist –</p>
<p><lb n="28"/>b) wenn die Tugend kein Produkt der Lehre und des Geschwäzes ist, sondern eine<lb n="29"/>Pflanze, die – obzwar mit gehöriger Pflege – doch aus eigenem Trieb und eigener<lb n="30"/>Kraft gebildet wird – so verderben die vielerlei Künste, die man erfunden haben will,<lb n="31"/>um Tugend wie in einem Treibhaus hervorzubringen, und wo es gleichsam nicht</p>
<pb n="103" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=119" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>soll fehlen können, mehr am Menschen, als wenn man ihn verwildern läst – der<lb n="2"/>religiöse öffentliche Unterricht, bringt es seiner Natur nach mit sich, daß nicht nur der<lb n="3"/>Verstand über die Idee von Gott, unserm Verhältnis zu ihm aufgeklärt wird, son<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>dern daß man auch sucht, alle andre Pflichten aus den Verbindlichkeiten, die wir<lb n="5"/>[gegen] Gott haben abzuleiten – und uns jene desto eindringlicher zu machen, sie als<lb n="6"/>desto bindender vorzustellen – Allein diese Ableitung hat schon etwas gesuchtes,<lb n="7"/>etwas weithergehohltes, es ist eine Verbindung wo blos der Verstand den Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>hang einsieht, der oft sehr erkünstelt ist, und wenigstens, dem gemeinen Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sinn nicht einleuchtet – und es ist gewöhnlich, je mehr Beweggründe man für eine<lb n="10"/>Pflicht anführt, desto kälter wird man gegen sie</p>
<p><lb n="11"/>c) der einzige wahre Trost im Leiden (für Schmerzen gibt es keinen Trost – denen<lb n="12"/>ist nur Stärke der Seele entgegenzusezen) ist Vertrauen auf die Vorsehung Gottes,<lb n="13"/>alles andre ist leeres Geschwäz das vom Herzen abgleitet</p>
<space/>
<p><lb n="14"/>Wie mus VolksReligion beschaffen seyn? (VolksReligion ist hier objektiv ge<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nommen)</p>
<p><lb n="16"/>a) in Ansehung der objektiven Lehren</p>
<p><lb n="17"/>b) in Ansehung der Ceremonien</p>
<p><lb n="18"/>A I. Ihre Lehren müssen auf der allgemeinen Vernunft gegründet seyn.</p>
<p><lb n="19"/>II. Phantasie, Herz und Sinnlichkeit müssen dabei nicht leer ausgehen</p>
<p><lb n="20"/>III. sie muß so beschaffen seyn, daß sich alle Bedürfnisse des Lebens – die öffent<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichen StaatsHandlungen daran anschliessen –</p>
<p><lb n="22"/>B. Was hat sie zu vermeiden</p>
<p><lb n="23"/>den FetischGlauben – worunter besonders auch der in unserm wortreichen Zeit<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>alter haüfig ist, daß man den Foderungen der Vernunft durch Tiraden über Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>klärung u. drgl. Genüge geleistet zu haben glaubt – daß man sich über dogmatische<lb n="26"/>Lehren ewig in den Haaren liegt, und indessen wenige an sich oder andern etwas<lb n="27"/>bessern</p>
<space/>
<p><lb n="28"/>I. Die Lehren müssen nothwendig, auch wenn ihre Autorität auf einer göttlichen<lb n="29"/>Offenbahrung beruht, so beschaffen seyn, daß sie eigentlich durch die allgemeine<lb n="30"/>Vernunft der Menschen autorisirt sind, daß ihre Verpflichtung jeder Mensch einsieht<lb n="31"/>und fühlt, wenn er darauf aufmerksam geworden ist – denn ausserdem daß solche</p>
<pb n="104" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=120" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Lehren, die entweder uns ein besonderes Mittel – Gottes Wohlgefallen zu erlangen<lb n="2"/>anzugeben oder sonst irgend besondere höhere Kenntnisse, nähere Aufschlüsse über<lb n="3"/>unerreichbare Gegenstände und zwar zum Behuf der Vernunft nicht blos der Phan<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tasie uns zu verschaffen versprechen – ausserdem daß sie früher oder später ein<lb n="5"/>Gegenstand des Angrifs von denkenden Männern und ein Gegenstand des Streits<lb n="6"/>werden, – wobei immer das praktische Interesse verlohren geht oder wegen des<lb n="7"/>Streits, genaue – intolerante Symbole aufgestellt werden – so werden sie gewiß,<lb n="8"/>weil ihre Verknüpfung mit den wahren Bedürfnissen und Foderungen der Vernunft<lb n="9"/>immer unnatürlich bleibt, und sie wenn dennoch dise Verbindung durch Gewohnheit<lb n="10"/>ganz fest geworden ist, leicht zu Misbräuchen Anlaß geben – niemals im Gemüth<lb n="11"/>die Wichtigkeit eines reinen ächten auf Moralität unmittelbar sich beziehenden<lb n="12"/>praktischen Moments erlangen –</p>
<p><lb n="13"/>Diese Lehren müssen aber auch einfach seyn, und wenn es Wahrheiten der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nunft sind, so sind sie ebendeswegen einfach, weil sie alsdann weder eines Apparats<lb n="15"/>von Gelehrsamkeit, noch eines Aufwands von mühsamen Beweisen bedürfen: und<lb n="16"/>durch diese Eigenschaft, daß sie einfach sind, werden sie um so mehr Kraft und Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>druk auf das Gemüth, auf die Bestimmung des Willens zu Handlungen ausüben – und<lb n="18"/>so concentrirt weit mehr Einflus, weit mehr Antheil an der Bildung eines Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>Geistes haben, als wenn die Gebote gehaüft, künstlich geordnet sind und ebendes<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wegen immer vieler Ausnahmen bedürfen –</p>
<p><lb n="21"/>Diese allgemeinen Lehren müssen zugleich menschlich seyn – eine grosse und<lb n="22"/>schwere Foderung – und zwar so menschlich, daß sie der GeistesCultur – und der<lb n="23"/>Stufe von Moralität angemessen sind auf der ein Volk steht – Gerade einige der<lb n="24"/>erhabensten, und für die Menschen interessantesten Ideen qualificiren sich wohl<lb n="25"/>schwerlich dazu allgemein als Maximen aufgenommen zu werden – sie scheinen<lb n="26"/>wohl nur das Eigenthum weniger geprüfter durch lange Erfahrung zur Weisheit<lb n="27"/>durchgedrungener Menschen zu seyn, in denen sie zum festen Glauben, zur – gerade<lb n="28"/>in den Lagen, wo sie aufrichten soll, nicht zu erschütternden Überzeugung geworden<lb n="29"/>sind – Von der Art ist besonders der Glaube an eine weise und gütige Vorsehung, mit<lb n="30"/>dem, wenn er lebendig, rechter Art ist, gänzliche Ergebenheit in Gott verbunden ist.</p>
<p><lb n="31"/>Diese Lehre so sehr sie und alles was mit ihr zusammenhängt Hauptlehre in den<lb n="32"/>christlichen Gemeinen ist, indem alles, was darin vorgetragen wird, sich auf die</p>
<pb n="105" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=121" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>unerschwingliche Liebe Gottes reducirt, auf die alles hinauslauft – ferner uns Jahraus,<lb n="2"/>jahrein Gott als immer nahe und gegenwärtig, alles, was um uns vorgeht, bewirkend<lb n="3"/>– vorgestellt wird, so sehr diß nicht blos als mit unserer Moralität, und dem was uns<lb n="4"/>am heiligsten ist, im nothwendigsten Zusammenhang stehend vorgestellt wird –<lb n="5"/>sondern auch durch haüfige Versicherungen Gottes selbst, durch andre Fakta, die uns<lb n="6"/>davon unwidersprechlich überzeugen sollen zur vollsten Gewisheit erhoben wird,<lb n="7"/>– so sehen wir doch in Erfahrung – bei dem grossen Haufen – daß ein Wetterschlag,<lb n="8"/>eine kalte Nacht diß Vertrauen auf die Vorsehung, und die geduldige Ergebung in<lb n="9"/>den Willen Gottes, die daraus erfolgen sollte, sehr kleinmüthig zu machen vermag –<lb n="10"/>daß es überhaupt nur der Antheil eines weisen Mannes ist, sich über Ungeduld,<lb n="11"/>Ärger über fehlgeschlagene Hofnungen – Mismuth über Unglüksfälle hinweg<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zusezen – Jene so plözliche Niederschlagung des Vertrauens auf Gott, der schnelle<lb n="13"/>Übergang zur Unzufriedenheit mit ihm – wird dadurch um so mehr erleichtert,<lb n="14"/>daß man den christlichen Pöbel nicht nur von Jugend auf angewöhnt – unaufhörlich<lb n="15"/>zu beten – sondern sie auch immer von der höchsten Nothwendigkeit desselben<lb n="16"/>dadurch zu überreden sucht, daß man ihnen gewisse Erfüllung desselben verspricht.</p>
<p><lb n="17"/>Ferner hat man der leidenden Menschheit zum besten von allen Enden und Orten<lb n="18"/>her einen solchen Haufen von Trostgründen im Unglük zu gebrauchen – zu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sammengeschaft, daß es einem am Ende leid thun könnte, daß man nicht alle 8 Tage<lb n="20"/>einen Vater oder Mutter zu verlieren hat oder nicht mit Blindheit geschlagen ist –<lb n="21"/>Die Betrachtung hat hier den Gang genommen, daß man mit unglaublichem Scharf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sinn [die] physischen und moralischen Wirkungen aufs weiteste verfolgt, und heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>geklügelt hat, und indem man diese als Zweke der Vorsehung aufstellte, dadurch<lb n="24"/>nähere Einsichten in ihre Plane mit den Menschen, nicht blos im allgemeinen sondern<lb n="25"/>auch im einzelen erlangt zu haben glaubte –</p>
<p><lb n="26"/>Sobald wir aber hierüber uns nicht damit begnügen, voll heiliger Ehrfurcht den<lb n="27"/>Finger auf den Mund zu legen, und zu verstummen, so ist nichts gewöhnlicher, als<lb n="28"/>daß der anmassende Vorwiz sich herausnimmt, ihre Wege auch meistern zu wollen,<lb n="29"/>welcher Hang zwar nicht beim gemeinen Volk noch durch die vielen idealische<lb n="30"/>Ideen, die im Cours sind, verstärkt wird. Welches alles eben zur Beförderung der<lb n="31"/>Ergebenheit in Gottes Willen, und der Zufriedenheit wenig beiträgt. Es möchte sehr</p>
<pb n="106" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=122" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>interessant seyn, den Glauben der Griechen damit zu vergleichen – Bei ihnen lag<lb n="2"/>einerseits der Glauben – daß die Götter den Guten hold seyen und das Böse der<lb n="3"/>furchtbaren Nemesis anheimstellen – zum Grunde – erbaut auf das tiefe moralische<lb n="4"/>Bedürfniß der Vernunft, lieblich belebt durch den warmen Hauch der Empfin<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>dungen – nicht auf die kalte – aus einzelen Fällen deducirte Überzeugung daß alles<lb n="6"/>zum Besten gewendet werde – die niemals ins wahre Leben gebracht werden kan –<lb n="7"/>andererseits war Unglük bei ihnen Unglük – Schmerz war Schmerz – Was geschehen<lb n="8"/>war, und sich nicht ändern lies – über dessen Absicht konnten sie nicht grübeln, denn<lb n="9"/>ihre μοιρα, ihre ἀναγκαια τυχη war blind – aber diser Nothwendigkeit unterwarfen<lb n="10"/>sie sich dann auch willig mit aller möglichen Resignation, und hatten wenigstens den<lb n="11"/>Vortheil, daß man das leichter erträgt, was man von Jugend auf als nothwendig<lb n="12"/>anzusehen gewohnt worden ist, und daß das Unglük zu dem Schmerz, zu dem<lb n="13"/>Leiden, das es gebiert, nicht auch den viel beschwerlichern – unerträglichern – Ärger,<lb n="14"/>Mismuth, Unzufriedenheit hervorbringt –</p>
<p><lb n="15"/>Dieser Glauben, da er Achtung vor dem Strome der Naturnothwendigkeit einer<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seits und zugleich die Überzeugung daß die Menschen von den Göttern nach mora<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lischen Gesezen beherrscht werden [einschließt] – scheint menschlich der Erhabenheit<lb n="18"/>der Gottheit, und der Schwäche, der Abhängigkeit von der Natur und dem ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>geschränkten Gesichtskrais des Menschen angemessen zu seyn –</p>
<p><lb n="20"/>Einfache auf allgemeine Vernunft gegründete Lehren vertragen sich mit jedem<lb n="21"/>Grad der Volksbildung, und diese wird allmählig jene auch nach ihren Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>änderungen modificiren, obgleich mehr nach dem Aussenwerk, mehr was die<lb n="23"/>Mahlerei der sinnlichen Phantasie betrift –</p>
<p><lb n="24"/>Diese Lehren, wenn es auf allgemeine MenschenVernunft gegründete Lehren<lb n="25"/>sind, können dabei ihrer Beschaffenheit nach keinen andern Zwek haben als theils<lb n="26"/>durch sich selbst, theils durch die damit verbundenen Zauber von mächtig ein<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>dringenden Zeremonien, nur im grossen auf den Geist des Volks zu wirken – so daß<lb n="28"/>sie sich weder in die Ausübung der bürgerlichen Gerechtigkeit mischen noch sich<lb n="29"/>eine PrivatCensur anmassen werden, noch werden sie, da auch ihre Formeln einfach,<lb n="30"/>leicht Veranlassung geben, über sie selbst zu streiten – und da sie nur wenig positives<lb n="31"/>verlangen und festsezen sondern die Gesezgebung der Vernunft nur formell ist, so<lb n="32"/>ist die Herrschsucht der Priester einer solchen Religion beschränkt</p>
<pb n="107" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=123" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>II. Jede Religion, die eine Volksreligion seyn soll, mus nothwendig so beschaffen<lb n="2"/>seyn, daß sie Herz und Phantasie beschäftigt – Auch die reinste VernunftReligion<lb n="3"/>wird in den Seelen der Menschen – noch mehr des Volks verkörpert, und es wäre<lb n="4"/>wohl gut, um abentheuerliche Ausschweifungen der Phantasie zu verhüten, schon<lb n="5"/>mit der Religion selbst Mythen zu verbinden, um der Phantasie wenigstens einen<lb n="6"/>schönen Weg zu zeigen, den sie sich dann mit Blumen bestreuen kan – Die Lehren<lb n="7"/>der christlichen Religion sind grossentheils an Geschichte angeknüpft, oder dadurch<lb n="8"/>dargestellt, und der Schauplaz ist auf der Erde, wenn auch nicht blosse Menschen<lb n="9"/>dabei handelten; hier ist also der Phantasie ein gut zu erkennendes Ziel vorgestekt –<lb n="10"/>aber doch bleiben noch eine Menge Pläze übrig, wo ihr ein freyer Spielraum offen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>steht, und wenn sie mit schwarzer Galle gefärbt ist – sich eine fürchterliche Welt aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>mahlen kan, auf der andern Seite aber leicht ins kindische fällt, da eigentlich das lieb<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>liche, die schönen aus der Sinnlichkeit gehohlten Farben durch den Geist unserer<lb n="14"/>Religion ausgeschlossen sind – und wir überhaupt zu sehr Vernunft- und Wort<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>männer sind, um schöne Bilder zu lieben. Was die Ceremonien betrift, so ist wohl<lb n="16"/>einerseits keine Volksreligion ohne diselben gedenkbar, auf der andern Seite aber<lb n="17"/>wohl nichts schwerer als zu verhindern, daß sie nicht von dem Pöbel für das Wesen<lb n="18"/>der Religion selbst genommen werden –</p>
<p><lb n="19"/>Die Religion besteht aus 3erlei, a) Begriffen b) wesentliche Gebraüchen c) Cere<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>monien.</p>
<p><lb n="21"/>Sehen wir die Taufe, das Nachtmal als ritus an woran gewisse ausserordentliche<lb n="22"/>Wohlthaten und Begnadigungen gebunden sind, die uns als Pflichten an sich selbst<lb n="23"/>aufgelegt sind, deren Ausübung uns an sich vollkommner, moralischer macht, so<lb n="24"/>gehören sie zur 2ten Klassen – Sehen wir [sie] aber bloß als Mittel an, deren Zwek<lb n="25"/>und Wirkung nur Erwekkung frommer Empfindungen ist, so gehören sie in die 3te<lb n="26"/>Klasse –</p>
<p><lb n="27"/>Opfer gehören auch hieher, können aber nur uneigentlich Ceremonien genannt<lb n="28"/>[werden] weil [sie] bei der Religion mit der sie zusammenhangen, wesentliche sind<lb n="29"/>– zum Gebaüde selbst gehören – Ceremonien aber nur die Zierrathen – die Form<lb n="30"/>dises Gebaüdes sind –</p>
<p><lb n="31"/>Auch die Opfer können von zweyerlei Seiten betrachtet werden a) zum theil</p>
<pb n="108" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=124" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>wurden sie den Altären der Götter dargebracht als Sühnopfer, als Ablaß, als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wandlung der gefürchteten physischen oder moralischen Strafe in eine Geldbusse,<lb n="3"/>als Einschmeichlung in die verlorne Gnade des Oberherrns, des Ausspenders der<lb n="4"/>Belohnungen und Strafen – wobei in Beurtheilung des Unwerths einer solchen<lb n="5"/>Gewohnheit zwar die Vernunftwidrigkeit, und die Verfälschung des Begrifs von<lb n="6"/>Moralität mit Recht gerügt wird – zugleich aber bedacht werden mus, daß so ganz<lb n="7"/>kraß die Idee der Opfer nirgends (als vielleicht in der christlichen Kirche)¹ in der<lb n="8"/>That existirt hat – und dann doch der Werth der Empfindungen,² die dabei wirkten<lb n="9"/>– der heiligen Ehrfurcht vor dem heiligen Wesen – der demüthigenden Nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>werfung Zerknirschung des Herzens vor ihm – des Zutrauens, das die belastete – nach<lb n="11"/>Ruhe seufzende Seele zu disem Anker hintrieb – nicht ganz verkannt werden mus –<lb n="12"/>Ein Pilger, den die Last seiner Sünden drükt – der Bequemlichkeit Weib und Kind,<lb n="13"/>seinen vaterländischen Boden verläst – um barfuß und im härnen Kleid die Welt zu<lb n="14"/>durchwandern, der unwegsame Gegenden sucht, um seinen Füssen Schmerzen zu<lb n="15"/>machen – und mit seinen Thränen die heiligen Örter benezt, [für seinen] kämpfenden,<lb n="16"/>zerrissenen Geist Ruhe sucht, in jeder vergossenen Thräne, in jeder Büssung – in jeder<lb n="17"/>Aufopferung Linderung findet – und bei dem Gedanken – hier hat Christus gewandelt,<lb n="18"/>hier ist er für mich gekreuzigt worden – ermuntert wird, wieder etwas Stärke –<lb n="19"/>wieder etwas Zutrauen zu sich selbst empfäht – sollte ein solcher Pilger mit der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>falt seines Herzens für den, dem eine solche Stimmung wegen andern Begriffen<lb n="21"/>seiner Zeit nicht mehr möglich ist, sollte er dann bei uns, das PharisäersGefühl: ich<lb n="22"/>bin gescheuter, als solche Menschen – in uns erweken – oder sollten dise heiligen<lb n="23"/>Empfindungen Gegenstand des Spottes für uns werden – Auch solche Büssungen sind<lb n="24"/>eine Art von der Art von Opfern, von der ich hier sprach, die aus dem nemlichen<lb n="25"/>Geiste dargebracht werden, als jene Büssungen geschehen</p>
<p><lb n="26"/>b) eine Andere mildere, einem sanftern Himmelstrich entsprossene Gestalt des<lb n="27"/>Opferns ist die wahrscheinlich ursprüngliche und allgemeinere – die sich auf Dank-</p>
<note xml:id="fn-108-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>(es war ausser der christlichen Kirche höchstens ein Tropfen Balsam in die<lb n="29"/>Seele des Verbrechers, sein Gewissen (denn es wird sich wohl kein Beispiel von einer solchen<lb n="30"/>moralischen Verdorbenheit eines Volks geben lassen) war darum nicht zufriedengestellt)</note>
<note xml:id="fn-108-2" type="rand" n="²"><lb n="31"/><seg type="marke">² </seg>wenn sie auch nicht unvermischt waren</note>
<pb n="109" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=125" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>barkeit und Wohlwollen gründete – wo das Gefühl von einem Wesen, das erhabener<lb n="2"/>ist als der Mensch – das Bewustseyn, daß man ihm alles zu danken hat, und daß es<lb n="3"/>das, was man in Unschuld ihm darbringt, nicht verschmäht – und die Gesinnung,<lb n="4"/>bei dem Anfang jedes Unternehmens es zuerst um Beistand anzuflehen – an dasselbe<lb n="5"/>bei jeder Freude, jedem erlangten Glük¹ – vor jedem bescherten Genuß zuerst zu<lb n="6"/>denken – ihm die Erstlinge, die Blume jedes Guten darbringt, dieses Wesen einladet<lb n="7"/>– und hoft, daß es freundlich um den Menschen weilen werde – die Gesinnung die<lb n="8"/>ein solches Opfer darbrachte – war entfernt von dem Gedanken – an Sünden und<lb n="9"/>den verdienten Strafen derselben etwas abgebüst zu haben, oder sein Gewissen über<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>redete ihn deswegen nicht, die nemesis sey dadurch befriedigt, und habe ihre An<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sprüche an ihn deswegen und ihre Geseze in Herstellung des moralischen Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gewichts aufgegeben –</p>
<p><lb n="13"/>Solche wesentliche Gebraüche der Religion müssen eigentlich mit diser nicht näher<lb n="14"/>zusammenhangen, als mit dem Geiste des Volks, und aus disem eigentlich hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesproßt seyn – sonst [ist] ihre Ausübung, ohne Leben, kalt, kraftlos, die Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>findungen, die [man] dabei hat erkünstelt, heraufgepompt – oder es sind Gebraüche,<lb n="17"/>die der VolksReligion nicht wesentlich sind – aber es für die PrivatReligion<lb n="18"/>seyn können – so das Nachtmahl nach der Gestalt die es jezt unter den Christen<lb n="19"/>hat, ungeachtet eigentlich seine Bestimmung ein Mahl zum Genuß in Gesellschaft<lb n="20"/>war.</p>
<p><lb n="21"/>Nothwendige Eigenschaften der Ceremonien einer Volksreligion sind:</p>
<p><lb n="22"/>a) und vorzüglich daß sie so wenig als möglich Veranlassung zum FetischDienste<lb n="23"/>werden können, daß sie [nicht so] beschaffen sind, daß blos das Werk der Mechanis<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mus bleibt – und der Geist verfliegt – Ihre Absicht mus allein seyn, die Andacht, die<lb n="25"/>heilige Empfindungen zu erhöhen – und als ein solches reines Mittel, das am wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sten des Misbrauchs fähig ist, und dise Wirkung hervorbringt, bleibt vielleicht allein<lb n="27"/>die heilige Musik und der Gesang eines ganzen Volkes übrig – vielleicht auch Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>feste wo sich Religion einmischen mus –</p>
<p><lb n="29"/>III. Sobald eine Scheidewand zwischen Leben und Lehre – oder nur eine Tren<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nung und weite Entfernung beider voneinander ist – so entsteht der Verdacht – daß<lb n="31"/>die Form der Religion einen Fehler habe – entweder daß sie zuviel mit Wort<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>krämerei umgeht, oder an die Menschen zu grosse frömmelnde Foderungen macht –</p>
<note xml:id="fn-109-1" type="rand" n="¹"><lb n="33"/><seg type="marke">¹ </seg>an dasselbe, an die Nemesis</note>
<pb n="110" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=126" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>ihren natürlichen Bedürfnissen – den Trieben einer wohlgeordneten Sinnlichkeit –<lb n="2"/>της σωφροσυνης – zuwider ist – oder daß beides zugleich der Fall ist – Wenn die<lb n="3"/>Freuden, die Fröhlichkeit der Menschen sich vor der Religion zu schämen haben –<lb n="4"/>wenn von einem offentlichen Feste sich der sich lustig machte – in den Tempel<lb n="5"/>schleichen mus, so hat die Form der Religion eine zu düstere Aussenseite, als daß sie<lb n="6"/>sich versprechen dürfte, daß man für ihre Foderungen die Freuden des Lebens dahin<lb n="7"/>geben würde – Sie mus um alle Geschäfte des Lebens freundlich weilen – sich nicht<lb n="8"/>eindringen wollen – sondern überall willkommen seyn. Wenn Religion aufs Volk<lb n="9"/>soll wirken können, so mus sie ihn freundlich überall hinbegleiten – bei seinen<lb n="10"/>Geschäften und ernstern Angelegenheiten des Lebens, wie bei seinen Festen und<lb n="11"/>Freuden ihm zur Seite stehen – aber nicht so daß sie sich aufzudringen schiene oder<lb n="12"/>eine beschwerliche Hofmeisterin würde – sondern daß sie die Anführerin, die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>muntererin sey – Die VolksFeste der Griechen waren wohl alle ReligionsFeste – einem<lb n="14"/>Gott oder einem um ihren Staat wohlverdienten und deswegen vergötterten Men<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schen zu Ehren – Alles selbst die Ausschweifungen der Bacchanten waren einem<lb n="16"/>Gotte geheiligt – selbst ihre öffentliche Schauspiele hatten einen religiösen Ursprung –<lb n="17"/>den sie bei ihrer weitern Ausbildung nie verleugneten –</p>
<p><lb n="18"/>So vergaß Agathon die Götter nicht als er durch eine Tragödie den Preis davon<lb n="19"/>trug – den andern Tag stellte er den Göttern ein Fest an. Sympos. p. 166.</p>
<p><lb n="20"/>VolksReligion – die grosse Gesinnungen erzeugt – und nährt – geht Hand in Hand<lb n="21"/>mit der Freyheit.</p>
<p><lb n="22"/>Unsre Religion will die Menschen zu Bürgern des Himmels, deren Blik immer<lb n="23"/>aufwärts gerichtet ist, erziehen, und darüber werden ihnen menschliche Empfin<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dungen fremd. Bei unserm grösten öffentlichen Fest naht man sich dem Genusse<lb n="25"/>der heiligen Gabe in der Farbe der Trauer mit gesenktem Blik – beim Fest – das das<lb n="26"/>Fest der allgemeinen Verbrüderung seyn sollte – fürchtet mancher vom brüderlichen<lb n="27"/>Kelch durch einen venerischen – der ihn vor ihm genoß angestekt zu werden, und<lb n="28"/>damit ja sein Gemüth nicht aufmerksam, nicht in heiligen Empfindungen erhalten<lb n="29"/>werde, so muß man während dem Aktus das Opfer aus der Tasche langen, und auf<lb n="30"/>das Teller legen – statt die Griechen mit den freundlichen Geschenken der Natur –<lb n="31"/>mit Blumen bekränzt, mit Farben der Freude begleitet – auf ihren offenen, zur<lb n="32"/>Freundschaft und Liebe einladenden Gesichtern Frohsein verbreitend – sich den<lb n="33"/>Altären ihrer guten Götter nahten –</p>
<pb n="111" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=127" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Geist des Volks, Geschichte, Religion, Grad der politischen Freiheit desselben –<lb n="2"/>lassen sich weder nach ihrem Einflusse aufeinander noch nach ihrer Beschaffenheit ab<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesondert betrachten – sie sind in ein Band zusammenverflochten – wie von 3 Amts<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>brüdern keiner ohne den andern etwas thun kan, jeder aber auch vom andern etwas<lb n="5"/>annimmt – die Moralität einzeler Menschen zu bilden ist Sache einer PrivatReligion,<lb n="6"/>der Eltern, eigener Anstrengung und der Umstände – den Geist des Volks zu bilden<lb n="7"/>ist zum theil auch Sache der VolksReligion zum theil der politischen Verhältnisse –</p>
<p><lb n="8"/>Der Vater dises Genius ist der Chronos, von dem er sein ganzes Leben in einiger<lb n="9"/>Abhängigkeit bleibt (die ZeitUmstände) – seine Mutter: die πολιτεια, die Verfassung –<lb n="10"/>seine Wehmutter, seine Saügamme die Religion – die zu Gehülfen der Erziehung die<lb n="11"/>schönen Künste – die Musik der körperlichen und geistigen Bewegungen annahm –<lb n="12"/>ein ätherisches Wesen – wird er von einem leichten Band an die Erde gezogen, das<lb n="13"/>aber durch einen magischen Zauber allen Versuchen es zu zerreissen widersteht, denn<lb n="14"/>es ist ganz in sein Wesen verschlungen, dises Band, dessen grobe Grundlage die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dürfnisse sind, ist aus tausendfachen Fäden der Natur zusammengewebt; darin, daß<lb n="16"/>er durch jeden neuen Faden sich fester an die Natur anknüpft, fühlt er so wenig etwas<lb n="17"/>drükendes, daß er vielmehr, da es Werk seiner Selbstthätigkeit ist, Erweiterung seines<lb n="18"/>Genusses, Ausdehnung seines Lebens in diser freiwilligen Vergrösserung, Verviel<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>fältigung der Fäden findet.</p>
<p><lb n="20"/>Alle schönern feinern Empfindungen haben sich in ihm entwikelt, die in den Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nuß, in den Umgang tausend Abwechslungen von Vergnügen bringen – Ihn um<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tanzen die Fröhlichkeit und Freude, seine ernsthaftern Gespielen sind Freundschaft<lb n="23"/>und die Liebe, nicht der Waldfaun – sondern der lose, aber feinempfindende seelen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>vollere Amor – diser Reichtum von schönen Empfindungen kan nur angebaut wer<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>den, nur keimen und aufblühen und reifen langsam wie jede Frucht der Natur – und<lb n="26"/>diser schöne Sohn kan nur großgezogen werden, wenn seine Mutter – die πολιτεια,<lb n="27"/>nicht stiefmütterlich an ihm handelt – wenn sie keine scheltende keine harte Mutter<lb n="28"/>ist, ihn der Erziehung der Natur soviel möglich überläst, die jede Pflanze am schön<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sten treibt, je weniger auf sie gepropft – an ihr gekünstelt wird – cf. Longin. ult.<lb n="30"/>Plat. Symp. p. 186.</p>
<p><lb n="31"/>Wie die Amme bei den Griechen Hausfreundin und Freundin des Zöglings ihr<lb n="32"/>ganzes Leben hindurch blieb, so blieb sie immer seine Freundin, der er unverdorben<lb n="33"/>seinen freien Dank, freie Liebe darbringt, theilt als gesellige Freundin, seine Freuden,</p>
<pb n="112" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=128" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>seine Spiele mit ihm, ist ihre Seele ihre Anführerin – und [er] wird in seinen Freuden<lb n="2"/>nicht von ihr gestört – sie behält ihre Würde dabei aufrecht, und sein eigen Gewissen<lb n="3"/>straft jede Vernachlässigung derselben – sie erhält ihre Herrschaft auf immer, denn sie<lb n="4"/>ist auf Liebe, auf Dankbarkeit auf die edelsten Gefühle ihres Zöglings gebaut –<lb n="5"/>in ihrem Schmuk schmeichelte¹ sie den Launen seiner Phantasie – aber sie lehrte ihn die<lb n="6"/>eiserne Nothwendigkeit ehren, sie lehrte ihn disem unabänderlichen Schiksal ohne<lb n="7"/>Murren folgen –²</p>
<p><lb n="8"/>Wir kennen disen Genius nur vom Hörensagen, nur einige Züge von ihm in hinter<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lassenen Kopieen seiner Gestalt ist uns vergönnt mit Liebe mit Bewunderung zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>trachten, die nur ein schmerzliches Sehnen nach dem Original erwekken – Er ist, der<lb n="11"/>schöne Jüngling, den wir auch in seinem Leichtsinne lieben, mit dem Ganzen Gefolge<lb n="12"/>der Grazien, mit ihnen der balsamische Athem der Natur, die Seele, die von ihnen<lb n="13"/>eingehaucht, er aus jeder Blume sog, er ist von der Erde entflohen –</p>
<note xml:id="fn-112-1" type="darunter" n="¹"><lb n="14"/><seg type="marke">¹ </seg>gehorchte</note>
<note xml:id="fn-112-2" n="²"><lb n="15"/><seg type="marke">²</seg><lb n="16" break="no"/><lb n="17" break="no"/>Geist des Volks, Religion, Grad der politischen Freiheit – lassen sich weder nach ihrem Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>flusse aufeinander noch nach ihrer Beschaffenheit abgesondert betrachten – sie sind in ein<lb n="19"/>Band zusammenverflochten – wie von 3 Amtsbrüdern keiner ohne den andern etwas thun<lb n="20"/>kan, jeder aber auch vom andern etwas annimmt – die Moralität einzeler Menschen zu bil<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den ist Sache einer PrivatReligion, der Eltern, eigener Anstrengung und der Umstände – den<lb n="22"/>Geist des Volks zu bilden ist zum theil Sache der VolksReligion zum theil der politischen<lb n="23"/>Verhältnisse –<lb n="24" type="absatz"/>Der Vater dises Genius ist der Chronos (die ZeitUmstände) – seine Mutter in deren Schooß<lb n="25"/>er gebohren wird – die πολιτεια, die Verfassung – seine Wehmutter, seine Saügamme die<lb n="26"/>Religion – die zu Gehülfen der Erziehung die schönen Künste – die Musik der körperlichen<lb n="27"/>und geistigen Bewegungen annahm – ein ätherisches Wesen – wird er von einer geheimen ma<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gnetischen Kraft sanft an die Erde gezogen und auf ihr festgehalten, zum Beweise, daß seine<lb n="29"/>Natur nicht ganz geistig ist, dises Band ist aus tausendfachen Fäden der Natur zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gewebt – er fühlt nicht, daß er durch jeden fester sich anknüpft, sondern findet, da es<lb n="31"/>Werk seiner Selbstthätigkeit ist, Erweiterung seines Genusses, Ausdehnung seines Lebens in<lb n="32"/>diser freiwilligen Vergrösserung des Bandes. Das Bedürfniß gibt die Grundlage des Gewebes,</note>
<pb n="113" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=129" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">RELIGION IST EINE DER WICHTIGSTEN …</fw>
<p><lb n="1"/>⟨Einen andern Genius der Nationen hat das Abendland ausgehekt – Seine Gestalt<lb n="2"/>ist alternd – schön war er nie, aber einige wenige Züge von Männlichkeit sind ihm<lb n="3"/>noch in schwachen Spuren geblieben – sein Naken ist gebükt, er wagt es nicht,<lb n="4"/>weder zum frohen Umherbliken in der Welt – noch im Gefühl seiner selbst – sich<lb n="5"/>emporzuheben – er ist kurzsichtig und kan nur kleine Gegenstände auf einmal<lb n="6"/>sehen, ohne Muth, ohne Zutrauen auf seine Kraft wagt er keinen kühnen Wurf,<lb n="7"/>eiserne Fesseln roh, un⟩</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>die Grazien umwinden es mit Rosen – und am Ende werden jene gröbern Fäden der Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lage so verfeinert, so mannichfaltig durchschlungen, daß sich die Zusäze unmöglich mehr<lb n="10"/>von ihnen trennen lassen – Ihn umtanzen<lb n="11" break="no"/></p>
<p><lb n="12"/>Wenn der Vater dieses Genius glüklich ist, seine Geschäfte gut besorgt, um seinem Sohn<lb n="13"/>ein gutes Auskommen ohne zuviele Noth doch auch nicht ganz ohne Arbeit zu verschaffen –<lb n="14"/>wenn die Mutter nicht eigensinnig seine zarten Gliedern in Windeln zwängt, nicht nach Lau<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nen mit ihm handelt – so mus auch noch die Saügamme – die Gouvernantin ihn den Sohn<lb n="16"/>der Natur nicht mit Furcht vor der Ruthe (der Hölle und des Herrschers) noch mit dem<lb n="17"/>Zukerbrod der Mystik, das mit seiner Saüre den Magen erschlaft, und die Zähne verderbt –<lb n="18"/>noch an dem Gängelbande der Worte ihn groß ziehen – zum Jüngling bilden wollen – son<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dern ihn früh selbst handeln lassen, als gesellige Freundin, seine Freuden, seine Spiele mit<lb n="20"/>ihm theilen, ihre Seele ihre Anführerin seyn, daß er ohne ihre Gegenwart nur halb genies<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sen zu können glaubt, Dankbarkeit gegen sie als die schönste freudige Pflicht ausübt –</p>
<note xml:id="fn-113-1" type="rand" n=""><lb n="22"/>Die Amme war bei den Griechen Hausfreundin und Freundin des Zöglings ihr<lb n="23"/>ganzes Leben hindurch</note>
<pb n="114" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=130" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Ach! aus den fernen Tagen der Vergangenheit strahlt der Seele, die Gefühl für<lb n="2"/>menschliche Schönheit, Grösse, im Grossen hat – ein Bild entgegen – das Bild eines<lb n="3"/>Genius der Völker – eines Sohns des Glüks, der Freiheit, eines Zöglings der schönen<lb n="4"/>Phantasie, auch ihn fesselte das eherne Band der Bedürfnisse an die Muttererde, aber<lb n="5"/>er hat es durch seine Empfindungen durch seine Phantasie so bearbeitet, verfeinert,<lb n="6"/>verschönert, mit Hülfe der Grazien mit Rosen umwunden, daß¹ es ganz sein Werk<lb n="7"/>zu sein schien. Seine Diener waren die Freude, die Fröhlichkeit, die Anmuth; seine<lb n="8"/>Seele erfüllt von dem Bewustseyn ihrer Kraft, und ihrer Freiheit, seine ernsthaftern<lb n="9"/>Gespielen, Freundschaft und Liebe, nicht der Waldfaun, sondern der feinemp<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>findende, seelenvolle, mit allen Reizen des Herzens, und der lieblichen Träume<lb n="11"/>geschmükte Amor.</p>
<p><lb n="12"/>Von seinem Vater, einem Günstling des Glüks und einem Sohn der Kraft erhielt<lb n="13"/>er zum Erbtheil das Vertrauen auf sein Glük, und den Stolz auf seine Thaten – Seine<lb n="14"/>nachsichtige Mutter, kein scheltendes hartes Weib, überlies ihren Sohn der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>ziehung der Natur, zwang seine zarten Glieder nicht in einengende Windeln, und als<lb n="16"/>eine gute Mutter – folgte sie mehr den Launen, den Einfällen ihres Lieblings, als daß<lb n="17"/>sie diselbige eingeschränkt hätte – In Harmonie mit disen muste ihn, das Kind der<lb n="18"/>Natur, die Saügamme nicht mit Furcht vor der Ruthe, oder einem Gespenst der<lb n="19"/>Finsternis, nicht mit dem sauersüssen Zukerbrod der Mystik, das den Magen er<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schlaft – noch an dem Gängelbande der Worte, das ihn in ewiger Unmündigkeit<lb n="21"/>erhalten hätte – groß ziehen – zum Jüngling bilden wollen – sondern sie tränkte ihn<lb n="22"/>mit lauterer gesunder Milch reiner Empfindungen – an der Hand der schönen freien<lb n="23"/>Phantasie schmükte sie mit ihren Blumen den undurchdringlichen Schleier, der die<lb n="24"/>Gottheit unsern Bliken entzieht, bevölkerte und zauberte sich hinter demselben<lb n="25"/>lebendige Bilder, auf die er die grossen Ideen seines eigenes Herzens mit der ganzen<lb n="26"/>Fülle hoher und schöner Empfindung übertrug –</p>
<note xml:id="fn-114-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>er sich in disen Fesseln, als in seinem Werk, als einem Theil seiner<lb n="28"/>selbst gefällt.</note>
<pb n="115" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=131" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>AUSSER DEM MÜNDLICHEN UNTERRICHT …</head>
<p><lb n="2"/>Ausser dem mündlichen Unterricht, der immer nur einen sehr eingeschränkten<lb n="3"/>Wirkungskrais [hat], sich nur auf die erstrekt, die die Natur zunächst mit uns ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bunden hat – ist die einzige Wirkungsart im Grossen – durch Schriften – hier stellt<lb n="5"/>sich der Belehrer auf eine unsichtbare Kanzel vor das ganze Publikum, und weil er<lb n="6"/>nicht gesehen wird, so hat er hier das Herz, demselben von seinem moralischen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>derben die grellste Gemählde aufzustellen, und geht so wenig schonend mit ihm<lb n="8"/>[um], als er sonst kaum gegen den verachtetsten Menschen einen Ton annehmen<lb n="9"/>würde, man hat wohl schwerlich je gesehen, daß wenn es nicht Amts halber geschah,<lb n="10"/>ein Moraliste je nur die Hälfte von dem, was er dem ganzen nach Stand und Würden<lb n="11"/>hochgeehrten Publikum ins Gesicht sagt, – unaufgerufen, blos getrieben von<lb n="12"/>innerem Gefühl eines Berufs, die Menschen zu bessern – dem Krais von Menschen<lb n="13"/>vorzuhalten das Herz hatte, aus dem er doch, wenn seine Gemählde nicht anders<lb n="14"/>blosse Radotage, und seine Mittel dagegen blosse theoretische Quaksalbereien sind –<lb n="15"/>die Züge dazu abstrahirt hatte – wie sich überhaupt die Art des Unterrichts immer<lb n="16"/>nach dem Genie und dem Ton richten mus, mit dem man bei einem Volk ankommen<lb n="17"/>kan – so finden wir auch hier die Manier verschieden. Sokrates der in einem republi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kanischen Staate lebte, wo jeder Bürger mit dem andern frei sprach, wo aber eine<lb n="19"/>feine Urbanität im Umgang der Antheil selbst fast des niedrigsten Pöbels war, stieg<lb n="20"/>den Leuten so in der Conversation auf die unbefangenste Art in der Welt aufs Dach –<lb n="21"/>und ohne den didaktischen Ton, ohne den Anschein belehren zu wollen fing er eine<lb n="22"/>gewöhnliche Conversation an, und führte auf die feinste Art zu einer Lehre die sich<lb n="23"/>von selbst gab, und auch einer Diotima nicht aufdringend scheinen konnte – die<lb n="24"/>Juden hingegen waren es schon gewohnt – von ihren Voreltern her, durch ihre<lb n="25"/>NationalDichter auf eine rauhere Art haranguirt zu werden, schon aus ihren Syn<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>agogen her waren ihre Ohren an die moralische Predigten und einen direkten Ton<lb n="27"/>der Belehrung – von ihrer Schriftgelehrten und Pharisäer Zänkereien an eine derbere</p>
<pb n="116" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=132" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>WiderlegungsArt der Gegner [gewohnt] – und also von einem, der auch nicht gerade<lb n="2"/>Pharisäer oder Sadducäer war, klang ihnen eine Anrede, wie: Ihr Schlangen und<lb n="3"/>Ottergezüchte eben nicht so hart, wie es griechischen Ohren geklungen hätte.</p>
<p><lb n="4"/>Man sollte glauben, ein Mensch könne immer auch bei den besten Anlagen und<lb n="5"/>der vortreflichsten Erziehung – sein ganzes Leben hindurch nie aufhören, an seiner<lb n="6"/>intellektuellen und moralischen Vollkommenheit fortzuarbeiten, und ein un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>befangener dabei thätiger Mann habe in den mancherlei Verhältnissen, worin er<lb n="8"/>theils durch den Zufall mit andern Menschen gesezt ist, theils worin ihn seine eigene<lb n="9"/>Thätigkeit [bringt] – immer noch etwas zu lernen; könne nie leicht mit sich fertig<lb n="10"/>werden, oder glauben es zu seyn – und diß um so mehr bei den verwikelten Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>hältnissen unsers bürgerlichen Lebens, wo sich oft selbst die entschiedenste Recht<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schaffenheit in einer zweideutigen Collision von Pflichten – z. B. haüfig zwischen<lb n="13"/>Billigkeit und Mitleid im einzelnen und zwischen allgemeinen Principien von<lb n="14"/>Gerechtigkeit oder wenigstens von verjährten Rechten finden wird – und wo die<lb n="15"/>Klugheit umsomehr aus Pflicht vorsichtig seyn mus, wenn sie nicht ihre eigne An<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gelegenheiten besorgt – sondern im grössern oder im kleinern einen Zweig des<lb n="17"/>Wohlstands von einer grössern Menge Menschen zu befördern mithilft – daher auch<lb n="18"/>schon mancher gewissenhafte Nathanaël um seinem Herzen nicht Gewalt anthun zu<lb n="19"/>müssen, oder um sich die Verlegenheiten zu erspahren, sich lieber ganz aus disen<lb n="20"/>Verhältnissen herauszusezen vorgezogen hat – denn je mannichfaltiger die Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nisse, desto mannichfaltiger die Pflichten, und also je einfacher jene, desto einfacher<lb n="22"/>auch diese – und es kostet gewöhnlich mehr Überwindung herauszutretten als gar<lb n="23"/>nicht hineinzugehen – so wie es leichter ist, sonstige Bedürfnisse zu entbehren, als<lb n="24"/>ihnen freiwillig zu entsagen – Ein Diogenes also, dessen Temperament mit einer<lb n="25"/>Handvoll Wasser und einem schlechten Stuk Brod vorlieb nehmen kan – dessen<lb n="26"/>Ehrgeiz nicht durch einen Purpur – wohl aber durch einen zerrissenen Mantel be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>friedigt [ist] – der also weder als Freund noch als Vater noch durch seinen Erwerb<lb n="28"/>weiter keine grosse Pflichten gegen andre hat – als sie nicht zu schlagen, und – wozu</p>
<pb n="117" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=133" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">AUSSER DEM MÜNDLICHEN UNTERRICHT …</fw>
<p><lb n="1"/>er nicht leicht Versuchung haben kan – nicht zu stehlen – der hat es sich leicht<lb n="2"/>gemacht – ein vollkommener moralischer Mann zu seyn, und sogar eine Art von<lb n="3"/>Recht erworben, ein grosser Mann zu heissen, er hat Zeit und Weile genug nun auch<lb n="4"/>an andern zu arbeiten –</p>
<p><lb n="5"/>Unter den Römern ist kein Christus, kein Sokrates aufgestanden; kein Römer zu<lb n="6"/>den Zeiten ihrer Stärke, wo nur Eine Tugend galt, konnte verlegen [seyn] zu wissen<lb n="7"/>was er zu thun hatte – es gab nur Römer in Rom, keine Menschen, in Griechenland<lb n="8"/>hingegen wurden die studia humanitatis, menschliche Empfindung – menschliche<lb n="9"/>Neigungen und Künste geschäzt – und es gab der Abwege mehrerlei von der Natur,<lb n="10"/>auf die es einem Sokrates oder sonst einem weisen einfallen konnte, zurükzuführen –<lb n="11"/>Abweichung von der römischen Natur war StaatsVerbrechen. Wo Menschen irgend<lb n="12"/>eine Linie der Vollkommenheit festgesezt und Tugend an etwas objektives geknüpft<lb n="13"/>haben, in dessen Dienste die Leidenschaften selbst Tugenden werden können, so ist<lb n="14"/>es leichter zu beurtheilen, was sich ihr nähert oder von ihr abweicht – als es da ist –<lb n="15"/>wo ein höheres Interesse statt findet, und in dem Gedränge mannichfaltiger kolli<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dirender Pflichten – oder in der Erstarkung menschlicher Neigungen und Pflichten<lb n="17"/>Tugend und die Gränze bis wohin Natur sich der Vernunft unterwerfen soll – un<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>endlich schwerer zu unterscheiden ist –</p>
<p><lb n="19"/>Christus hatte 12 Apostel, die Zahl 12 war eine feste bleibende Zahl – der Jünger<lb n="20"/>mehrere, aber die Apostel waren die, die seines vertrautern Umganges genossen, die<lb n="21"/>sich aller andern Verhältnisse entschlagen hatten, und nur seinen Umgang, seinen<lb n="22"/>Unterricht genossen, ihm so viel als möglich in allem ähnlich zu werden sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>strebten – sich durch die Länge der Zeit, des Unterrichts und seines lebendigen Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>spiels – seines Geistes sich zu bemächtigen suchten; und wie eingeschränkt jüdisch,<lb n="25"/>wie ganz irdisch anfangs ihre Erwartungen, Hofnungen, Ideen waren, und wie lang<lb n="26"/>sie ihren Blik, und ihr Herz von einem jüdischen Messias, und Stifter eines Reichs,<lb n="27"/>wo General- und HofmarschallStellen zu vergeben seyn würden – und von dem<lb n="28"/>Eigennuz, der zuerst an sich denkt, nicht erheben, nicht erweitern konnten zu dem<lb n="29"/>blossen Ehrgeiz ein Mitbürger des Reiches Gottes zu werden – es genügte dem Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stus nicht, Jünger zu haben, wie Nathanaël, Joseph von Arimathäa, Nikodemus<lb n="31"/>und drgl. – das heist mit Männern von Geist, und vortreflichem Herzen, Gedanken<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>Korrespondenzen gehabt zu haben, etwa einige neue Ideen, einige Funken in ihre</p>
<pb n="118" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=134" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Seele geworfen zu haben, die, wenn das Zeug, wo sie hinfallen, nicht gut ist, selbst<lb n="2"/>Brennstoff enthält – ohne dem verloren sind – solche Männer, theils glüklich und<lb n="3"/>zufrieden lebend im Schoose ihrer Familie, und nüzlich thätig in ihrem Wirkungs<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>kraise, theils bekannt mit der Welt, und ihren Vorurtheilen, daher tolerant gegen sie,<lb n="5"/>obzwar streng gegen sich – wären für die Anfoderung – eine Art von Abentheurer zu<lb n="6"/>werden nicht empfänglich gewesen. Christus sagt, das Reich Gottes zeigt sich nicht mit<lb n="7"/>aüsserlichen Gebehrden; es scheint also, seine Schüler haben ihn bei dem Befehl: gehet<lb n="8"/>hin in alle Welt u.s.w. und taufet sie – in soweit misverstanden, daß sie dise Taufe – ein<lb n="9"/>aüsseres Zeichen, für allgemein nothwendig hielten, welches umso schädlicher ist, da<lb n="10"/>Unterscheidung durch aüssere Zeichen Sektirerei, Entfernung von andern nach sich<lb n="11"/>zieht – überhaupt der Unterschied durch das moralische, dadurch daß ihm noch ein an<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>derer Unterschied zugegeben wird, geschwächt – gleichsam schon von seiner Beleuch<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tung verliehrt. Christus sagt – wer da glaubet, es heist aber nicht gerade – wer <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">mich</hi><lb n="14"/>glaubt – es sey nun darunter zu verstehen oder nicht, so nahmen es die Apostel<lb n="15"/>einmal so, und das Schiboleth ihrer Freunde – der Bürger ihres Reichs Gottes war<lb n="16"/>nicht: Tugend, Rechtschaffenheit – sondern: Christus, Taufe u.s.w. – Wär ihr Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stus nicht ein so guter Mann gewesen – s. Nathan –</p>
<p><lb n="18"/>Sokrates hatte Schüler von allerlei Art; oder vielmehr er hatte keine – er war nur<lb n="19"/>Lehrer und Meister, wie jeder durch sein Beispiel der Rechtschaffenheit und durch<lb n="20"/>vorzügliche Vernunft – sich auszeichnende Mann es für jeden ist – wenn man ihn<lb n="21"/>schon nicht von Catheder oder von einem Berg herunter predigen hört – wie hätte<lb n="22"/>es überhaupt einem Sokrates in Griechenland einfallen sollen zu predigen – er ging<lb n="23"/>darauf aus – die Menschen zu belehren, über das was ihr höchstes Interesse erweken<lb n="24"/>soll – aufzuklären, und dafür zu beleben – er lies sich für seine Weisheit nicht be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>zahlen – er jagte ihr zuliebe sein unfreundliches Weib nicht aus dem Hause, daß er<lb n="26"/>nichts mit ihr hätte zu schaffen haben wollen – sondern blieb ohne Widerwillen<lb n="27"/>seiner Weisheit ohnbeschadet in den Verhältnissen als Mann, als Vater –</p>
<p><lb n="28"/>Die Zahl seiner nähern Freunde war unbestimmt, der 13, 14te u.s.w. war ihm<lb n="29"/>ebenso willkommen als die vorhergehende, wenn er ihnen nur an Geist und Herz<lb n="30"/>gleich war – Sie waren seine Freunde seine Schüler, so doch daß jeder für sich blieb,<lb n="31"/>was er war, daß Sokrates nicht in ihnen lebte, nicht das Haupt war, von dem sie als<lb n="32"/>Glieder den Lebenssaft erhielten – Er hatte keinen Model, in den er seine Charaktere<lb n="33"/>giessen wollte; keine Regel, nach denen er ihre Verschiedenheiten hätte ausgleichen</p>
<pb n="119" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=135" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">AUSSER DEM MÜNDLICHEN UNTERRICHT …</fw>
<p><lb n="1"/>wollen – dazu wären ihm nur kleine Geister zu gebotte gestanden, deren er sich zwar<lb n="2"/>annahm; aber die gerade nicht seine intimste Freunde wurden – es war ihm nicht<lb n="3"/>daran gelegen, sich ein kleines Corps zu seiner Leibwache in gleicher Uniform,<lb n="4"/>gleichem Exerzitium, gleicher Parole, die zusammen nur Einen Geist hatten – zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>rechtzuhobeln, die dann auf immer seinen Namen getragen hätten – daher hat es<lb n="6"/>zwar Sokratiker aber nie keine Zunft gegeben, die wie die Maurer an Hammer und<lb n="7"/>Kelle wären zu unterscheiden gewesen – Jeder seiner Schüler war Meister für sich;<lb n="8"/>viele stifteten eigene Schulen, mehrere waren grosse Generale, Staatsmänner, Helden<lb n="9"/>aller Art – nicht von Einem, demselben Schlag, jeder in einem eigenen Fach – nicht<lb n="10"/>Helden im Marthyrthum und Leiden, sondern im Handeln und im Leben – Ausser<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dem blieb Fischer wer Fischer war, keiner sollte Haus und Hof verlassen – er fing bei<lb n="12"/>jedem von seinem Handwerk an, und führte ihn so von der Hand zum Geist – von<lb n="13"/>einer Sache, wo jeder zu Haus kam, mit dem er sich unterhielt – er entwikelte aus<lb n="14"/>der Seele der Menschen Begriffe, die darin lagen, und nichts weiter brauchten als<lb n="15"/>eine Hebamme: er gab Niemand Veranlassung zu sagen: Wie – ist diß nicht der<lb n="16"/>Sohn des Sophroniskus? woher kommt ihm solche Weisheit, daß er sich unterfangt<lb n="17"/>uns zu lehren? er beleidigte Niemand durch Grosthun mit seiner Wichtigkeit – oder<lb n="18"/>durch misteriöse, hohe Redensarten – die nur unwissenden und leichtglaübigen<lb n="19"/>imponiren mögen – er wäre unter den Griechen ein Gegenstand des Lachens gewor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>den. Vor seinem Tode, – er starb als Grieche, der dem Aeskulap einen Hahn opferte,<lb n="21"/>nicht wie Maupertuis in einer CapuzinerKutte starb – nicht wie ihr kommuniciret –<lb n="22"/>vor seinem Tode also sprach er mit seinen Jüngern über die Unsterblichkeit der Seele<lb n="23"/>wie ein Grieche spricht zur Vernunft und zur Phantasie – er sprach so lebendig, er<lb n="24"/>zeigte ihnen dise Hofnung in seinem ganze Wesen so nahe, so überzeugend, die<lb n="25"/>Prämissen zu disem Postulate hatten sie in ihrem ganzen Leben gesammelt – dise<lb n="26"/>Hofnung – es widerspricht der menschlichen Natur, und den Vermögen ihres Geistes,<lb n="27"/>daß uns soviel gegeben werden könnte, daß sie zur Gewisheit werden sollte, – belebte<lb n="28"/>er bis zu dem Punkte – als der menschliche Geist, seinen sterblichen Gefährten ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gessend, sich herausheben kan – daß wenn es auch seyn sollte, daß je ein Geist aus<lb n="30"/>seiner Gruft stiege, und uns Meldung thäte von der Vergelterin – daß er uns mehr zu<lb n="31"/>hören gäbe als die Tafeln Mosis, und die Orakel der Propheten, die wir im Herzen<lb n="32"/>haben, – daß wenn diß den Gesezen der Menschlichen Natur zuwider doch hätte seyn</p>
<pb n="120" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=136" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>dörfen – er nicht nöthig gehabt hätte, sie durch eine Auferstehung zu stärken – nur<lb n="2"/>in ärmlichen Geistern, die die Prämissen zu diser Hofnung – d. i. die Idee der Tugend<lb n="3"/>und des höchsten Gutes nicht in sich lebend haben – ist auch die Hofnung der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sterblichkeit schwach. Er hinterlies keine maurerische Zeichen, keinen Befehl – seinen<lb n="5"/>Namen zu verkündigen – keine Methode, der Seele auf das Dach zu steigen, und<lb n="6"/>Moralität in sie einzugiessen – das ἀγαθον ist mit uns gebohren, etwas, das nicht ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gepredigt [werden kann] –, zur Fertigkeit im Guten die Menschen zu bringen zeigte<lb n="8"/>er keinen Umweg¹, der <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> gehen sollte,² – keinen ordinem salutis, wo jeder<lb n="9"/>Charakter, jeder Stand, jedes Alter, jedes Temperament gewisse stationen – des Lei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>dens – gewisse Seelenzustände durchzumachen hätten – sondern er klopfte gleich an<lb n="11"/>der rechten Pforte an – ohne Mittler – führte nur den Menschen in sich selbst hinein<lb n="12"/>– wo er nicht einem wildfremden Gast – Geiste Wohnung bereiten sollte – der aus<lb n="13"/>einem fernen Lande ankommen würde – sondern er solle nur besser Licht und Raum<lb n="14"/>seinem alten Hausherrn machen, den die Menge der Geiger und Pfeiffer in altes<lb n="15"/>Dachkämmerlein sich zurükzuziehen genöthigt hätten –</p>
<note xml:id="fn-120-1" type="rand" n="¹"><lb n="16"/><seg type="marke">¹ </seg>über duftende den Kopf angreifende Blumen</note>
<note xml:id="fn-120-2" type="rand" n="²"><lb n="17"/><seg type="marke">² </seg>wo er der Mittelpunkt, gleichsam die Hauptstadt wäre, in die man mühsam<lb n="18"/>reisen, und daraus die gnädigste ertheilte Nahrung heimzutransportiren, und in Zinsen zu<lb n="19"/>legen hätte</note>
<pb n="121" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=137" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
</div>
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<head><lb n="1"/>NICHT ZU LEUGNEN …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenblatt)</p>
<p><lb n="3"/>Nicht zu leugnen sind die verkehrten und unmoralischen Begriffe der Juden von<lb n="4"/>dem Zorn, der Partheilichkeit, des Hasses gegen andre Völker, der Intoleranz ihres<lb n="5"/>Jehova, Begriffe die leider in die Praktik und Theorie der christlichen Religion über<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gegangen sind, und zuviel Schaden angerichtet haben, als daß man nicht wünschen<lb n="7"/>sollte, daß sie in einer menschenfreundlichern Religion ihren Ursprung gehabt, oder<lb n="8"/>weniger von ihr angenommen hätte – Und wir haben es nicht ihren Priestern, son<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>dern der Philosophie, von welchen sie deswegen gehast wurde, und dem mildern<lb n="10"/>Lichte unserer Zeiten zu danken, daß ihre düstere Zanksucht, ihre Intoleranz, und ihr<lb n="11"/>Eigendünkel abgenommen hat – Indem die Champions der Orthodoxie sie gegen<lb n="12"/>die Riesen, von denen sie angegriffen wurden, vertheidigten, nahmen sie allmählig<lb n="13"/>selbst von ihren Begriffen an, und der einzige Ausweg die HauptVestung zu retten,<lb n="14"/>war die unhaltbaren Aussenwerke aufzugeben – und um doch nichts dem Ruhm zu<lb n="15"/>vergeben, hintennach zu sagen man habe dise [nicht] zu vertheidigen im Sinne<lb n="16"/>gehabt; wie der General, der am Abend des Treffens das Schlachtfeld noch inne<lb n="17"/>gehabt, und die blasenden Postillions seinen Sieg in der Hauptstadt verkündigen lies<lb n="18"/>und dem Pöbel dabei imponirt, der beruhigt Te Deum anstimmt, – doch oft nicht der<lb n="19"/>eigentliche Sieger ist, sondern durch die folgende Raümung der Gegend sich verräth –<lb n="20"/>so nicht die Theologie die […] das lezte Wort gehabt hat – sondern […] ihrer<lb n="21"/>Compendien nach 10–20 Jahren</p>
<p><lb n="22"/>Wie viele Dinge waren vor 30 Jahren Kezereien, die es nicht mehr sind, und (bricht ab)</p>
<space/>
<p><lb n="23"/>Willst du aber vollkommen seyn, so verkaufe was du hast, und gib deine Habe den<lb n="24"/>Armen, sagte Christus zu dem Jüngling – dieses Bild der Vollkommenheit, das Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stus aufstellt trägt in sich selber den Beweis, wie sehr Christus bei seinem Unterricht</p>
<pb n="122" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=138" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>nur die Bildung und Vollkommenheit des einzelen Menschen vor Augen hatte, und<lb n="2"/>wie wenig es sich auf eine Gesellschaft im Grossen ausdehnen läst –</p>
<p><lb n="3"/>Die Gegner des Christentums haben die Verdorbenheit der Christen besonders<lb n="4"/>der Geistlichkeit als Beweis gegen ihre Wahrheit und Wohlthätigkeit sehr beissend<lb n="5"/>und zum Theil bitter ausgeführt – die Vertheidiger desselben geben diß für den<lb n="6"/>schwächsten obzwar glänzenden Angrif aus – doch wenn sie so wirkend, sollte sich<lb n="7"/>doch ihr Hauptwesen nicht verkennen lassen – Moralische Besserung – am wenigsten<lb n="8"/>bei denen, deren Geschäft es ist, sie von Jugend auf immer zu überlegen mente revol<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>vere. Ihre Ausrede ist immer, die christliche Religion sey verkannt worden – doch<lb n="10"/>hatten sie die Bibel so gut als wir – sie geben zu verstehen es habe nur an ihrem<lb n="11"/>Kompendium gefehlt, wenn das herausgewesen wäre – so wäre alles anders ge<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gangen – Hat sie sich dem Despotismus widersezt – wie lang ist es, daß sie sich dem<lb n="13"/>Sklavenhandel widersezt? es gehen ihre Priester mit den Schiffen nach Guinea – oder<lb n="14"/>dem Menschenhandel? man schikt Feldprediger mit – den Kriegen? dem Despotis<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mus aller Art? die Künste der Aufklärung haben unsre Moral gebessert – hintennach<lb n="16"/>sagt man, die christliche Religion habe diß gethan, ohne sie hätte sie die Philosophie<lb n="17"/>ihre Grundsäze nicht gefunden</p>
<p><lb n="18"/>Wenn die Vernunft das Gebäude von Begriffen, das sie aus dem Geiste des Men<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schen und der Erfahrung von Jahrhunderten geschöpft hat – mit SelbstGefälligkeit<lb n="20"/>und Freude an ihrem Werke aufstellt und gegen die, die das Privilegium diser Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heiten zu haben vermeinen, grosthut, und sich selbst genugsam zeigt daß sie jener<lb n="22"/>Quellen entbehren kan – so ist ihr Vorgeben, als ob sie das Bauzeug doch hergegeben<lb n="23"/>hätten, und schon längst vor jenen Entdekungen eben soviel ja noch [mehr] gewust,<lb n="24"/>und noch izt wissen, eben so eitel als wenn sich ein Landjunker gegen Neuton ge<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>rühmt hätte, er habe schon in seinem 5ten Jahre Äpfel von den Baümen fallen<lb n="26"/>gesehen, und schon damals gewust, daß die Sonne nicht auf die Erde falle.</p>
<p><lb n="27"/>Wo hat man vor einer glüklichen Veränderung in dem Gange der wissenschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen Kultur eine Veränderung in den ReligionsBegriffen vorhergehen gesehen, von<lb n="29"/>welcher jene bewirkt worden wäre, – hat nicht vielmehr Erweiterung der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schaften – der Prüfungsgeist in denselben Aufklärung der theologischen Begriffe<lb n="31"/>immer erst nach sich gezogen, und zwar unter der möglichsten Entgegenstimmung<lb n="32"/>der Verwahrer dieser Begriffe</p>
<pb n="123" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=139" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>DIE STAATSVERFASSUNGEN …</head>
<p><lb n="2"/>Die StaatsVerfassungen, Gesezgebungen und Religionen der Völker tragen lange<lb n="3"/>noch Spuren ihres ursprünglichen kindlichen Geistes an sich, auch wenn dieser<lb n="4"/>schon längst verflogen ist. Lange ist noch die Gewalt in den Händen eines Einzigen,<lb n="5"/>von dem eine Familie als von ihrem Vater sie mit Kindersinn ausüben lies – wenn<lb n="6"/>das Volk längst aufgehört hat, eine Familie, und der Fürst – ein Vater zu seyn – In<lb n="7"/>Ansehung der StaatsVerfassungen und Gesezgebungen fühlten die Völker bald, so<lb n="8"/>wie sie sich ein wenig ausdehnten, daß ihr kindliches Vertrauen gemisbraucht wurde,<lb n="9"/>und schränkten durch bestimmte Geseze den bösen oder guten Willen ihrer Macht<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>haber ein – der kindliche Geist in den Religionen hat sich länger erhalten, und diese<lb n="11"/>tragen immer Spuren desselben an sich, wenn in den Staaten lange schon keinem<lb n="12"/>mehr Gutes zugetraut wird, als ihm zu thun erlaubt oder befohlen ist –</p>
<p><lb n="13"/>Dieser Kindessinn in der Religion sieht Gott als einen mächtigen Herren an,¹ der<lb n="14"/>im übrigen, Neigungen Leidenschaften auch gar Launen hat wie die Herrscher unter<lb n="15"/>Menschen, und also nicht immer nach der Regel des Rechts straft oder glüklich<lb n="16"/>macht – bei dem man sich also einschmeicheln kan – dem man mehr Ehrfurcht als<lb n="17"/>Liebe weiht, dem, wie vor Alters und noch izt den Fürsten des Orients – wie noch<lb n="18"/>izt die Unschuld ihren Gönnern oder Freunden, von den guten Gaben, die die Natur<lb n="19"/>dem Menschen gibt – der Frohsinn, die Zufriedenheit – etwas darbeut, oft das<lb n="20"/>schönste, das frühste als freiwilligen Tribut des Zutrauens und der Freude zurüklegt –<lb n="21"/>den die Phantasie hier oder dort näher glaubt, der ihr hier oder da² lieber zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>weilen dünkt – und der dise Örter, dise Menschen heiliger, ehrwürdiger – σεμνοι,<lb n="23"/>πελωριοι, scheinen – der dem kindlichen Verstand in Wettern, Überschwemmungen,</p>
<note xml:id="fn-123-1" type="rand" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>Gott ruhte aus –</note>
<note xml:id="fn-123-2" type="rand" n="²"><lb n="25"/><seg type="marke">² </seg>um gute ehrwürdige Menschen, um die Hütten der Unschuld – einer Baucis</note>
<pb n="124" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=140" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Pest u.s.w. im Wogen des Meeres, im Drohen der Felsen¹ unmittelbarer zu wirken<lb n="2"/>scheint – und auf [den] die kindliche Einbildungskraft – die Geschäfte und Verhältnisse<lb n="3"/>des menschlichen Lebens² überträgt –</p>
<p><lb n="4"/>Diser Kindersinn hat den religiösen Einrichtungen, Gebraüchen³ – und Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lungen den Ursprung gegeben – die der Vernunft oft bizarr und lächerlich, oft ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>abscheuungswürdig, und das am meisten, wenn sie sieht, daß Herrschsucht die gute<lb n="7"/>Herzen der Menschen dabei betrogen, – immer unwürdig – scheinen, dem Geist<lb n="8"/>aber und der Phantasie, die sich in jenen Sinn zurüksezt – oft lieblich, oft erhaben,<lb n="9"/>gar oft im höchsten Grad rührend sind. Sie werden durchs Herkommen geheiligt,<lb n="10"/>fortgepflanzt; das Interesse vieler Menschen verwikelt sich ausserdem so mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>faltig darein, daß die gröste Ausartung einestheils und die Fortschritte der Vernunft<lb n="12"/>andererseits dazu gehören, um unter gewaltigen Erschütterungen ein solches System,<lb n="13"/>das in die allgemeine Gewohnheit verwebt ist – zu verbannen – Je mehr auf einer<lb n="14"/>Seite der Geist verfliegt, der ursprünglich in disen Einrichtungen hauchte – und die<lb n="15"/>heiligen Gebraüche und Übungen alsdenn zu einer Last werden, die die Frömmigkeit<lb n="16"/>vorher nicht fühlte – und auf der andern Seite die Vernunft mehr Boden gewinnt,<lb n="17"/>desto näher sind jene Gebraüche sichrem Sturze – Mit der Vernunft, die Handlungen<lb n="18"/>der Pflicht fodert, unvertragbar ist sowohl die Frömmigkeit, die Gaben und Opfer<lb n="19"/>zu den Tempeln der Gottheit bringt – oder in Abbüssungen, Kasteiungen Fasten,<lb n="20"/>langem heftigem Betten ihr Herz erleichtert – oder die in frommen Gefühlen der<lb n="21"/>Liebe – mistischen Empfindungen schwelgt. Mit den Fortschritten der Vernunft<lb n="22"/>gehen unaufhaltsam viele Empfindungen verloren, viele sonst rührende Associationen<lb n="23"/>der Einbildungskraft werden schwächer, die wir Einfalt der Sitten heissen, und deren<lb n="24"/>Gemählde uns erfreut, uns rührt⁴ – deren Verlust wir oft nicht mit Unrecht bedauern.<lb n="25"/>Spuren davon – geheime Züge,⁵ wo der ganz vernünftig seyn wollende Mensch⁶</p>
<note xml:id="fn-124-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>ebenderselbe, oder mehrere</note>
<note xml:id="fn-124-2" type="rand" n="²"><lb n="27"/><seg type="marke">² </seg>Gott kam vom Himmel herab, um Sodom und Babel zu sehen –</note>
<note xml:id="fn-124-3" type="rand" n="³"><lb n="28"/><seg type="marke">³ </seg>besonders Opfer – Gebete und Abbüssungen</note>
<note xml:id="fn-124-4" type="rand" n="⁴"><lb n="29"/><seg type="marke">⁴ </seg>der lucus wird ein Hauffen Holz, und die Tempel eine Steinmasse wie andre –</note>
<note xml:id="fn-124-5" type="rand" n="⁵"><lb n="30"/><seg type="marke">⁵ </seg>ausser denen, die mit jeder menschlichen Neigung, Leidenschaft, verknüpft sind.</note>
<note xml:id="fn-124-6" type="zwischen" n="⁶"><lb n="31"/><seg type="marke">⁶ </seg>bei seiner Menschlichkeit</note>
<pb n="125" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=141" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DIE STAATSVERFASSUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>gleichsam oft überrascht [wird] – bleiben immer noch zurük. Warum hat man noch<lb n="2"/>in unsern Tagen – Reliquien von Friedrich dem Grossen, von Rousseau emsig auf<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesucht, und theuer verkauft? –</p>
<p><lb n="4"/>Solche Züge sind es, die uns z. B. ausser ihrer Tapferkeit und Treue – die Szenen<lb n="5"/>aus der Ritterzeit so anziehend machen – die Verschwindung solcher Associationen<lb n="6"/>ist es, die das Alter für Verschwindung der Sitten selbst nimmt – und [die] seine Klagen<lb n="7"/>veranlast – Wann diese Einfalt der Sitten bei einem Volke noch allgemein ist – wenn<lb n="8"/>den Fürsten, den Priestern alles noch eben so heilig ist – wie dem ganzen Volk – da<lb n="9"/>gibt es kein rührender, kein wohlthätigers Schauspiel – diß ist das Glük der Südsee<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>insulaner – auch war es der Peruaner vielleicht vor dem Streite Athahualpa’s und<lb n="11"/>Huaskar’s – Aber [wenn] ein Stand – der regierende oder der Priesterstand – oder<lb n="12"/>beide zugleich diesen Geist der Einfalt verlieren, der ihre Geseze und Ordnungen<lb n="13"/>stiftete, und bisher beseelte, so ist sie nicht [nur] unwiderbringlich dahin – sondern<lb n="14"/>die Unterdrükkung, die Entehrung, Herabwürdigung des Volks ist dann gewiß<lb n="15"/>(daher die Absonderung in Stände für die Freiheit schon gefährlich, weil es einen<lb n="16"/>esprit de corps geben kan – der bald dem Geist des Ganzen zuwider wird.) Wenn<lb n="17"/>dem Volk auch nicht mehr Opfer, nicht mehr Büssungen – aufgelegt werden, als es<lb n="18"/>vorher immer gewohnt war, so ist das Ganze zusammen doch nimmer eine Gemeine,<lb n="19"/>die gemeinschaftlich in dem nemlichen Sinne einmüthig vor die Altäre ihrer Götter<lb n="20"/>tritt – sondern ein Haufe, dem seine Führer heilige Empfindungen abloken – und<lb n="21"/>dabei selbst nicht mitfühlen – wie der Taschenspieler dem Gaffenden Publikum<lb n="22"/>Bewunderung, wo er selbst zwar nichts bewundert – aber sich auch nicht stellt –<lb n="23"/>als theile er ihr Staunen, da hingegen jene in Anstand, Gesicht und Worten die Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>empfindung heucheln – Dieser Kontrast ist dann für den ruhigen Zuschauer desto<lb n="25"/>empörender je mehr ihn die Einfalt die Unschuld der Menge rührt – der Anblik<lb n="26"/>des andächtigen Volks, der gegen Himmel gerichteten Blike – der gefalteten Hände,<lb n="27"/>der gebogenen Kniee, des tiefen Seufzens, des brennenden Gebets würde unwider<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>stehlich mit reiner Wärme sein Herz erheben – wenn nicht die Hauptpersonen des<lb n="29"/>Spiels gerade Bitterkeit in seine Empfindung mischten</p>
<pb n="126" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=142" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Woran wird das Volk erkennen, ob seine Priester bei seinem Gottesdienst andere<lb n="2"/>Absichten haben, als nur seine Frömmigkeit zu vermehren, ob sein Vertrauen in sie<lb n="3"/>nicht gemisbraucht wird –</p>
<p><lb n="4"/>Die Ursache der Möglichkeit diser Ausartung liegt wohl darin, daß ausserdem daß<lb n="5"/>der Gegenstand der Religion etwas misteriöses ist, die meisten besondern aüsserlichen<lb n="6"/>Religionen ihre geheime oder auch allgemein bekannte Misterien hatten – daß um<lb n="7"/>zum Depositair derselben fähig zu seyn, besondre Eigenschaften, besondre Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>bereitungen gehörten – die ihnen eine Auszeichnung gaben, und als näher bei dem<lb n="9"/>Heiligthum selbst floß auf sie selbst ein Theil der Verehrung, die jenem geweiht<lb n="10"/>war – Sie hatten alsdann die Anordnung der religiösen Feste – (und bei jedem Natio<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nalfest präsidirte die Religiosität) zu machen – die Einnahme, Aufbewahrung oder<lb n="12"/>Verwendung der Geschenke für die Gottheit war ihrer Gewissenhaftigkeit anver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>traut –</p>
<p><lb n="14"/>Ein Volk also, das seinen öffentlichen Gottesdienst so einrichten will, daß Sinne,<lb n="15"/>Phantasie und das Herz gerührt werden – ohne daß die Vernunft dabei leer ausgeht –<lb n="16"/>daß seine Andacht aus einer vereinigten Beschäftigung und Erhöhung aller Kräfte<lb n="17"/>der Seele entspringt – die Vorstellung der strengen Pflicht durch die Schönheit und<lb n="18"/>Frohheit erheitert und zugänglicher gemacht wird – ein solches Volk wird, um nicht<lb n="19"/>durch seine Empfindungen einer Klasse von Menschen das Heft seiner Abhängigkeit<lb n="20"/>in die Hände zu geben, seine Feste selbst anordnen, seine Spenden selbst verwenden –<lb n="21"/>und wenn durch seine einheimischen Anstalten seine Sinne beschäftigt – seine Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bildungskraft etonnirt (frappirt) sein Herz gerührt – und seine Vernunft befriedigt<lb n="23"/>wird, so wird sein Geist kein Bedürfnis fühlen – oder es würde ihm vielmehr kein<lb n="24"/>Genüge thun, die Ohren alle 7 Tage Phrasen und Bildern zu leihen, die nur vor<lb n="25"/>einigen 1000 Jahren in Syrien verständlich und an ihrem Plaze waren.</p>
<pb n="127" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=143" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>WIE WENIG DIE OBJEKTIVE RELIGION …</head>
<p><lb n="2"/>Wie wenig die objektive Religion für sich ohne korrespondirende Anstalten des<lb n="3"/>Staats und Regierung – ausgerichtet hat, zeigt uns ihre Geschichte seit der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stehung des Christenthums. Wie wenig hat sie über die Verdorbenheit aller Stände,<lb n="5"/>über die Barbarei der Zeiten, über die groben Vorurtheile der Völker Meister werden<lb n="6"/>können. Gegner der christlichen Religion, die mit einem Herzen voll Menschlicher<lb n="7"/>Empfindung die Geschichte der Kreuzzüge – der Entdekkung von Amerika – des<lb n="8"/>izigen Sklavenhandels und nicht bloß dieser brillanten Begebenheiten wo zum theil<lb n="9"/>die christliche Religion eine ausgezeichnete Rolle spielte – sondern überhaupt die<lb n="10"/>ganze Kette der fürstlichen Verdorbenheit und der Verworfenheit der Nationen<lb n="11"/>lasen¹ – und denen das Herz dabei blutete – mußten mit einer Bitterkeit mit einem<lb n="12"/>Haß gegen die christliche Religion erfüllt werden, den ihre Vertheidiger oft einer<lb n="13"/>teuflischen Boßheit des Herzens zuschrieben –</p>
<p><lb n="14"/>Den brillanten, schauderhaften Gemählden von den Greuelthaten, von dem Elende,<lb n="15"/>das der Eifer für eine besondre Religion angestiftet hat, – welche die Gegner der<lb n="16"/>christlichen nicht aufhören mit aller Stärke des Pinsels und aller Schärfe des Wizes<lb n="17"/>aufzustellen – sezen ihre Vertheidiger entgegen, daß diese Waffen schon zu abgenüzt<lb n="18"/>und die Gründe, die [sich] daraus ziehen liessen, schon längst widerlegt seyen, beson<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ders aber geben sie ihnen zu verstehen – daß alles diß Unheil nicht geschehen wäre,<lb n="20"/>wenn zum Glükke der Menschheit doch nur ihre Kompendien schon wären heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gewesen –.</p>
<p><lb n="22"/>Aber hatten die Päpste und ihre Kardinäle, hatte Kukupeter und die Pfaffen seiner<lb n="23"/>Zeit, hatten sie nicht Mosen und die Propheten, konnten sie nicht dieselbe hören,<lb n="24"/>hatten sie nicht die lautere Quelle der Moral wie wir noch heutzutage haben –<lb n="25"/>brauchte diese denn unserer Paraphrasen, unserer gelehrten Lehrbegriffen, war sie</p>
<note xml:id="fn-127-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>und dann dagegen die Ansprüche der Lehrer und Diener der Religion an Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>treflichkeit an Allgemeine Nüzlichkeit u. drgl. Deklamationen hielten.</note>
<pb n="128" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=144" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>für [sich] unvollständig? war sie für sich nicht fähig, ich will nicht sagen, die Sitten,<lb n="2"/>die Rohheit des Volks zu bessern oder wenigstens zu bändigen – aber doch einen<lb n="3"/>grössern Einfluß auf die Menschenklasse zu haben, deren Geschäft ihr ganzes Leben<lb n="4"/>hindurch es war sie zu kennen, und an sich zu arbeiten – war sie nicht fähig, die<lb n="5"/>Herrschsucht der Geistlichkeit, die entweder Grosse Unverschämtheiten oder kleine<lb n="6"/>Niederträchtigkeiten verübte, zu mässigen, da diese Klasse von Menschen die geist<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>liche Demuth zum Schild aus hiengen, da sie die Belohnungen, die Empfehlungen<lb n="8"/>diser Tugenden täglich in den Lehren des Mannes fanden, dem sie ihr ganzes Leben<lb n="9"/>zu weihen vorgaben? – welches Laster ist nicht unter ihnen im Schwange gegangen?<lb n="10"/>und welches ist doch nicht von ihrem Herrn und Meister verboten gewesen? waren<lb n="11"/>nicht die Zeiten, wo die Fürsten von ihren Beichtvätern geleitet – die Länder wo die<lb n="12"/>Geistlichen Herren regieren die unglüklichsten –</p>
<p><lb n="13"/>Wie leicht ist in eine Wagschale gelegt: die ganze Heilsordnung mit dem ausführ<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichsten und gelehrtesten: was ist das? dazu – in den Kopf geprest – gegen die andere,<lb n="15"/>wo alle Leidenschaften, die Macht der Umstände, der Erziehung, der Beispiele – der<lb n="16"/>Regierung, jene hoch in die Lüfte schnellen –</p>
<p><lb n="17"/>Als Wirkung und Hauptzwek der christlichen Religion wird angegeben: mora<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lische Besserung und Wohlgefallen bei Gott – und als Bedingung, unter der man die<lb n="19"/>wahre Religion, den wahren Glauben haben könne, wird gefodert, entweder daß<lb n="20"/>man Gott schon so wohlgefällig sey, daß er einem von selbst den wahren Glauben<lb n="21"/>schenke – oder so moralisch gut, daß man das böse hasse und nach der Gerechtigkeit<lb n="22"/>dürste – d. h. durch die christliche Religion könne man gut werden, wenn man schon<lb n="23"/>vorher gut ist –</p>
<p><lb n="24"/>Montesq. l. 24. ch. 2. C’est mal raisonner contre la religion de rassembler dans<lb n="25"/>un grand ouvrage une longue énumération des maux qu’elle a produits, si l’on ne<lb n="26"/>fait de même celle de biens qu’elle a faits. Si je voulois raconter tous les maux qu’ont<lb n="27"/>produit dans le monde les loix civiles, la Monarchie, le gouvernement républicain,<lb n="28"/>je dirois des choses effroyables.</p>
<p><lb n="29"/>Unter den Geboten, die Christus seinen Schülern und Zuhörern gab, sind viele,<lb n="30"/>deren Ausübung, wenn sie nicht in dem Geiste, der der Geist der Tugend ist – son<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>dern nur dem Buchstaben nach geschieht – unnüz oft gar schädlich seyn würde –</p>
<pb n="129" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=145" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WIE WENIG DIE OBJEKTIVE RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>sowie die Gesezgebung eines Staats, in dem mehr die Sitten als die Geseze herrschen<lb n="2"/>– für einen andern, wo man sich alles erlauben würde, was nicht durch die Geseze<lb n="3"/>verboten ist, sehr unvollständig und unbrauchbar seyn würde – So sind viele Gebote<lb n="4"/>Christi den ersten Grundlagen der Gesezgebungen in bürgerlichen Gesellschaften, den<lb n="5"/>Grundsäzen der Rechte des Eigenthums, der Selbstvertheidigung u.s.w. entgegen –<lb n="6"/>Ein Staat, der heutzutage die Gebote Christi unter sich einführen würde, – nur mit<lb n="7"/>den aüsserlichen könnte er es thun, denn der Geist derselben läst sich nicht gebieten,<lb n="8"/>würde sich bald selbst auflösen – Man hat noch nie gehört, daß ein Mann, dem sein<lb n="9"/>Rok gestohlen worden ist, und der noch seine Weste und Hosen retten konnte von<lb n="10"/>einem christlichen Lehrer, sey geschmält worden, daß er diese nicht auch selbst<lb n="11"/>noch preisgab – bei dem Eide, in Ansehung dessen doch die Geistlichkeit das aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>drükliche Verbot Christi gewis kennt, hat diese die feierlichste Rolle zu spielen. –<lb n="13"/>Was erregte vorzüglich auch den Haß der Schriftgelehrten und die Räthe der<lb n="14"/>Juden – gegen Christus? war es nicht seine individuelle Art theils selbst zu handeln,<lb n="15"/>theils die Handlungen anderer Menschen zu beurtheilen, die nicht nur gegen ihre<lb n="16"/>heilige Gewohnheiten, sondern auch gegen [die] bürgerlichen Geseze ansties – wenn<lb n="17"/>davon die Rede war, wie ein Fall nach den Gerichtlichen Gesezen zu beurtheilen<lb n="18"/>sey, so grif Christus die Handhaber dieser Geseze an – und gesezt, diese wären<lb n="19"/>die untadelhaftesten Männer und ganz seines Sinnes gewesen, so hätten sie doch<lb n="20"/>nicht darnach, sondern den Gesezen gemäß richten müssen – der Richter mus<lb n="21"/>oft anders sprechen, als der Mensch; jener oft etwas verdammen, was dieser ent<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schuldigt –</p>
<p><lb n="23"/>Aus allem erhellt, daß die Lehren Jesu, seine Grundsäze eigentlich nur für die Bil<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dung einzeler Menschen paßten, und darauf gerichtet waren – z. B. wenn er den<lb n="25"/>Jüngling, der ihn fragt: Meister was soll ich thun, um vollkommen zu seyn? seine<lb n="26"/>Güter verkaufen und den Armen auszutheilen hies, so führt der Fall, wenn man ihn<lb n="27"/>als Grundsaz nur einer kleinen Gemeine, eines geringes Dorfs ausgeführt sich dächte<lb n="28"/>auf zu absurde Consequenzen, als daß man sich einfallen lassen könnte, sie auf ein<lb n="29"/>Volk auszudehnen – oder vereinigt sich [eine Gemeine] wie die ersten Christen mitten<lb n="30"/>unter einem andern Volke unter einem solchen Geseze der Gütergemeinschaft, so<lb n="31"/>ist der Geist eines solches Gesezes gerade im Augenblik der Einrichtung selbst ver-</p>
<pb n="130" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=146" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>schwunden,¹ die die Wohlthätigkeit einer solchen Resignation nur auf ihre Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>glieder, auf die Mitgenossen ihrer Gebraüche und UnterscheidungsZeichen ein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schränkt, und dem Geist der Menschenliebe entgegen ist, die ihren Seegen auf<lb n="4"/>beschnittene und unbeschnittene, getaufte und ungetaufte ausgiest –</p>
<note xml:id="fn-130-1" type="rand" n="¹"><lb n="5"/><seg type="marke">¹ </seg>die durch eine Art Zwang nicht nur die Lust zu Verheimlichungen, wie bei<lb n="6"/>Ananias veranlast.</note>
<pb n="131" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=147" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>ÖFFENTLICHE GEWALT …</head>
<p><lb n="2"/>öffentliche Gewalt, die sich ins Heiligthum des Herzens hineinzudringen heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>nimmt, wo nur der Freund freiwillig zugelassen wird – izt geht es an eine Er<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>klärung der Absichten, die aus Umständen zusammengekünstelt werden –</p>
<p><lb n="5"/>Die Anmassung, die Herzen und Nieren zu prüfen und die Gewissen zu richten<lb n="6"/>und zu strafen, die sich nach und nach einschlich, und leicht einschleichen konnte,<lb n="7"/>da in dem ersten Ursprung des Christentums schon der Keim derselben lag, da<lb n="8"/>fälschlich was nur für eine kleine Familie angeht – auf die bürgerliche Gesellschaft<lb n="9"/>ausgedehnt wurde – dise Anmassung, die sich auf eine unglaubliche Art festsezte –<lb n="10"/>denn es sollte unglaublich scheinen, daß Menschen ihre Rechte soweit vergessen,<lb n="11"/>und disen Verlust sowenig empfinden sollten – hat die empörendste Auswüchse von<lb n="12"/>Gewaltsamen Einrichtungen und Bethörungen der Menschheit veranlast – Ohren<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>beichte, Kirchenbann, Abbüssungen, und die ganze Folge diser entehrenden Denk<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>mäler von der Erniedrigung der Menschheit – Die Reformatoren, die in ihren Lehr<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>säzen die Aussprüche des N. T., in ihren kirchlichen PoliceyEinrichtungen – denn<lb n="16"/>ohne solche glaubten sie nicht, daß Ausübung der Religion statt finden [könne] –<lb n="17"/>denn eine KirchenGewalt als Stüze der GewissensFreiheit zum Gegengewicht gegen<lb n="18"/>Fürstengewalt aufzustellen, daran dachten sie nicht, denn sie unterwarfen das Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stenthum der weltlichen Macht – in der KirchenPolicey die Einfalt der ersten Kirche<lb n="20"/>[be]folgen wollten – wurden dadurch verführt den Unterschied zwischen den<lb n="21"/>nöthigen Einrichtungen bei einer herrschenden Volksreligion und den privat<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>Gesezen einer partiellen Gesellschaft eines Klubbs zu übersehen – wie hätten sie sich<lb n="23"/>von dem Begrif einer Kirche als einer Art von status in statu, von einer sichtbaren<lb n="24"/>gleichförmigen Gemeinschaft – und Verbindung zu einem bestimmten ritus los<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>reissen können – wie weit z. B. Luther von der Idee der Verehrung Gottes in Geist<lb n="26"/>und Wahrheit entfernt war, zeigen seine traurige Streitigkeiten mit Zwingel, Oeko<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lampad u.s.w. – er benahm den Geistlichen die Macht durch Gewalt und über die<lb n="28"/>Beutel zu herrschen – aber er wollte es noch über die Meinungen – Die Fürsten mit<lb n="29"/>ihren Hofpfaffen als die Vormünder ihres Volkes gaben ihren Kindern Hofmeister –</p>
<pb n="132" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=148" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>die sie gängeln, ermahnen, im Nothfall auch mit der Ruthe züchtigen sollten – daher<lb n="2"/>wurden die kirchlichen Strafen, ausser den politischen, die Kirchenbussen u. drgl.,<lb n="3"/>daher die Beichten beibehalten – die eigentliche Ohrenbeichte abgestellt, aber die<lb n="4"/>Geistliche als Beichtväter beibehalten – um den beunruhigten Gewissen zu hülfe zu<lb n="5"/>kommen, deren Phantasie man unaufhörlich bestürmte, und erst ängstlich machte –<lb n="6"/>dadurch, daß man die Religion auf Besserung des Herzens Busse und Bekehrung<lb n="7"/>zurükführte, aber nicht bei disen allgemeinen Ausdrükken von einem Zustande stehen<lb n="8"/>blieb, sondern die eigentlich in dem Herzen eines jeden Menschen was anders, seinem<lb n="9"/>Temperament, Neigungen und Phantasie nach Verschiedenes sind – die Zustände so<lb n="10"/>zergliederte, so sich in Spielwerke von Empfindungen einließ – da man dise Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stände als etwas handgreifliches oder in die Sinne fallendes darstellte, deren Ankunft<lb n="12"/>oder Vorhandenseyn man sogut wissen könne, als man auf der Uhr sehen kan, ob<lb n="13"/>es zwölf ist – da man detaillirte psychologische Beschreibungen diser Zustände, als<lb n="14"/>ob sie bei allen Menschen diselben wären, die also ohnedem nicht nach einer wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichen Kenntniß des menschlichen Herzens, sondern nach theologischen Vorurtheilen<lb n="16"/>von einer angebohrnen Verderbnis der menschlichen Natur, die von einer – ohne<lb n="17"/>Menschenkenntnis begleiteten lächerlichen Exegese künstlich in einander gefügt,<lb n="18"/>und nach einander geordnet waren – da diß alles so in das Gedächtniß und das<lb n="19"/>Gewissen des gemeinen Mannes unaufhörlich hineingepoltert oder getändelt wurde,<lb n="20"/>so muste ein solcher Sauersüßteig, nothwendig seine gesunde kräftige thätige Säfte<lb n="21"/>verderben – es musten ohnzählige Misverständnisse mit seinen eigenen Neigungen<lb n="22"/>Regungen entstehen, eine solche desorganisirte Ängstlichkeit des Gewissens, daß an<lb n="23"/>die Stelle einer Fülle der Empfindung, einer Thatkraft, Zuversicht zu sich, Achtung<lb n="24"/>vor sich selbst – fade Empfindelei, ein unverdauter Wortkram, eine heuchelnde<lb n="25"/>Demuth, eine geistliche Eitelkeit, die immer mit sich und ihren Regungen beschäf<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tigt ist und unendlich von ihren Gefühlen, Hingebungen, Anfechtungen zu schwazen<lb n="27"/>weis, und damit zu thun hat – tretten muste – izt hatten freilich die Geistliche die</p>
<pb n="133" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=149" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ÖFFENTLICHE GEWALT …</fw>
<p><lb n="1"/>Hände voll Zweifel zu lösen, gegen Anfechtungen zu stärken, für geheime Einflüsse<lb n="2"/>des bösen zu warnen, in Leiden zu trösten, die die Welt, die Anfechtungen des<lb n="3"/>Satans, und eigene böse Lüste und Begierde hervorbringen – es sind Patienten, die<lb n="4"/>die gesunde Luft und frisches Wasser nicht vertragen können, sondern izt von faden<lb n="5"/>Brühen und den Mischungen des Apothekers leben, über jeden Wind, der ihre Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>geweide drükt, jedes Niesen und Raüspern ein Tagebuch halten – und sonst mit<lb n="7"/>Niemand mehr zu schaffen haben als mit sich – allenfalls dem Bittenden von ihren<lb n="8"/>Tisanen präsentiren, und ihn der Obhut Gottes empfehlen. Man sieht es den theo<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>logischen Kompendien an, wo nicht eigentlich ReligionsKenntnis [sondern] das was<lb n="10"/>nur Kenntniß des psychologischen Gangs, oder der Art gewisse Seelenzustände her<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>vorzubringen ist – den Haupttheil ausmacht – dem Grundsaze gemäß, daß eigentlich<lb n="12"/>Busse und Bekehrung das wichtigste ist – wozu aber durch die unerwartetste Um<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wege geführt wird, wo es dann kein Wunder ist, wenn man in disen [sich] zu sehr<lb n="14"/>verliert, um ans eigentliche feste Ziel zu gelangen – diser Gedanke der Besserung<lb n="15"/>und des Wegs dazu, ist so ausgesponnen, in soviele Stationen abgetheilt, mit soviel<lb n="16"/>fremden Namen, die einerlei Sache ausdrükken – aber durch ihre Befremdung und<lb n="17"/>Verschiedenheit wunder welche Geheimnisse, und Wichtigkeiten in sich zu halten<lb n="18"/>scheinen – von der gratia applicatrix bis zur unio mystica hinaus, ausstaffirt – daß man<lb n="19"/>die einfachsten Sachen nimmer darin erkennt, und wenn man die Sache mit gesunden<lb n="20"/>Augen beim Lichte betrachtet, sich schämen mus, daß alle dise Kunst und Gelehr<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>samkeit für eine Sache aufgewendet ist, die der gemeine MenschenVerstand in einer<lb n="22"/>Viertelstunde begreift – heutzutage hat man gefunden, daß subjektive Religion sich<lb n="23"/>nicht in Dogmatik einzwingen läst, und das Objektive nimt izt den Haupttheil der<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>selben ein, Lehren, die wo nicht immer vor die Vernunft sind, doch das Gedächtnis<lb n="25"/>und den Verstand unterhalten –</p>
<p><lb n="26"/>Diese Kirchenzucht der Christen ist nicht etwas, das erst nach seiner Entstehung<lb n="27"/>neu in die Statute der christlichen Gesellschaft wäre eingetragen worden, sondern sie<lb n="28"/>ist, wie wir gesehen haben, in ihrem ersten unausgebildeten Entwurf schon enthalten –<lb n="29"/>und dann von der Herrschsucht und Heuchelei benuzt und ausgedehnt worden – So<lb n="30"/>sehr sich die Spuren ihres gröbsten Misbrauchs zu verlieren anfangen, so ist doch noch</p>
<pb n="134" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=150" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>unendlich viel von ihrem Geiste zurükgeblieben, und sie gibt uns ein neues Beispiel<lb n="2"/>zu den vielen, daß Einrichtungen, Geseze einer kleinen Gesellschaft, wo jedem Bürger<lb n="3"/>die Freiheit [belassen ist] Mitglied zu seyn oder nicht, – wenn sie auf die grosse bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>liche Gesellschaft ausgedehnt werden, nimmer schiklich sind und mit der bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichen Freiheit nicht bestehen können. So kan in einem Staate, wo nicht jeder Bürger<lb n="6"/>der natürliche Vertheidiger seines Vaterlandes ist, wo es aber doch freiwillige genug<lb n="7"/>gibt, die für etwas Geld dises Amt über sich nehmen, – eine Gesellschaft sich unter<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>einander verbinden, nie Waffen in die Hände zu nehmen, nie an Kriegen theil zu<lb n="9"/>nehmen, deren Rechtmässigkeit sie sowenig kennt, als die Vortheile, wenn der Staat<lb n="10"/>Sieger bleibt, in dem sie leben, und die sich überhaupt in keinem Fall berechtigt glaubt<lb n="11"/>auf den Mord anderer Menschen auszugehen, und den einzelen Gewältigkeiten<lb n="12"/>nur Gedult und Unterwürfigkeit entgegensezt – Aber wenn eine solche Gesellschaft<lb n="13"/>selbst zu einem Staate erwüchse – so kan sie ihre Maxime in ihrer Allgemeinheit<lb n="14"/>nimmer beibehalten – wenn sie sich nicht in Gefahr sezen will, mit Unterdrükung<lb n="15"/>alles natürlichen Gefühls – ihr Ganzes Gebäude von der Glükseligkeit des ganzen<lb n="16"/>Volks der Frechheit einer handvoll von Raübern preiszugeben –</p>
<p><lb n="17"/>So wie die beste Erziehung der Kinder – das gute Beispiel ist, das sie täglich um<lb n="18"/>sich sehen, und so wie sie zum Ungehorsam und zum mürrischen Eigensinn desto<lb n="19"/>mehr geneigt werden, je mehr man ihnen immer zu befehlen hat – so ist es auch mit<lb n="20"/>der Erziehung der Menschen im Grossen – Sie entziehen sich, sie scheuen (ils ne se<lb n="21"/>prètent pas, ils se refusent) eine Religion, die sie immer und ewig gängeln will – ihnen<lb n="22"/>von einer Menge Tugenden und Laster herabschwazt, die sie nie im Leben so in<lb n="23"/>abstracto zu Gesicht bekommen haben – wie man sie ihnen hier beschreibt – oder die<lb n="24"/>für die Menschlichen Lagen gar nicht taugen – desto mehr, ohne daß sie es selbst<lb n="25"/>wissen, hat einen geheimen Einfluß auf sie, steht auch der freyste Mensch in Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>hängigkeit von dem Geist der Menschen, die ihn umgeben – der sonst gegen Mäkelei<lb n="27"/>am unlittigsten wäre – wenn auf den Kanzeln im allgemeinen eine Tugend, oder<lb n="28"/>Busse und Bekehrung überhaupt anempfohlen wird, so nimmt das jeder schon an,<lb n="29"/>jeder läst es sich gesagt seyn, weil es alle nicht weniger angeht als ihn – Aber wird<lb n="30"/>ein detaillirtes getreues Gemählde von herrschenden Verderben gemacht – werden<lb n="31"/>individuelle Züge eingewebt – so wirkt diß in dem, der sich getroffen, der sein Eigen-</p>
<pb n="135" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=151" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ÖFFENTLICHE GEWALT …</fw>
<p><lb n="1"/>tum seine Handlungsweise angegriffen fühlt – eher Erbitterung, er hält keine Autori<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tät für befugt sich dergleichen anzumassen. (Kinder werden durch blosse Sinnlich<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>keit – durch Liebe und Furcht geleitet – der erwachsene Mensch ist dabei auch fähig<lb n="4"/>durch Vernunft geführt zu werden; wenigstens thut er schwerlich, wie das Kind, was<lb n="5"/>für sein eigenes Beste ist – blos andern zu Gefallen, aus Liebe für jemand, ohne vorher<lb n="6"/>einzusehen, daß es gut ist) –</p>
<p><lb n="7"/>Jeder findet es unerträglich, wenn fremde sich in seine Sachen, besonders in seine<lb n="8"/>Handlungsweise mischet, am unerträglichsten sind öffentlich aufgestellte Sitten<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wächter – wer mit lautern Herzen handelt wird am ersten misverstanden von den<lb n="10"/>Leuten mit dem Moralischen und religiösen Lineal</p>
<pb n="136" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=152" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>ÜBER DEN UNTERSCHIED DER SZENE DES TODTES –</head>
<p><lb n="2"/>Das ganze Leben des Christen soll eine Vorbereitung auf dise Veränderung seyn –<lb n="3"/>seine Wünsche sind dahin sogar gerichtet, der tägliche Umgang mit den Bildern des<lb n="4"/>Todtes, und den Hofnungen jenes Lebens, gegen welche die Genüsse, die Freuden<lb n="5"/>dieser Welt, wo er sich nicht attachirt – nur wie ein fremder einen schwachen<lb n="6"/>Antheil nimmt, keiner Aufmerksamkeit werth sind, soll ihm das Verlassen dises<lb n="7"/>Schauplazes seiner Wirksamkeit nicht nur nicht fürchterlich auch sogar angenehm<lb n="8"/>machen – Noch weniger als ihm der Augenblik des Todes fürchterlich ist – bangt<lb n="9"/>ihm weder vor Zernichtung, vor dem Aufhören der Harmonie, wenn das Instrument<lb n="10"/>zerbrochen wäre, – noch vor seinem künftigen Schiksal – sein ganzes Leben war eine<lb n="11"/>meditatio mortis; – es dünkt ihm nur die VorbereitungsSchule zum künftigen, es hat<lb n="12"/>an sich keinen, nur in Bezug aufs künftige einigen Werth – Was sind auch 50–80 Jahre<lb n="13"/>dazu verwendet, aufgebraucht, die gegen die Gränzenlose Ewigkeit – die ganze<lb n="14"/>Dauer unsrer Existenz nur ein Augenblik sind? wer sollte in 60 Jahren einen Augen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>blik die fürchterliche Alternative: ewige Seeligkeit – oder ewige Verdamnis ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gessen können? wer sollte gegen die immer neuerwachende Furcht der Unwürdig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit zur erstern nicht hinfliehen zu den Gnademitteln angebotten von eben der<lb n="18"/>Lehre, die uns mit disen Schreken bekannt macht – wer sollte nicht auf den Augen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>blik dieser fürchterlichen Katastrophe, wo er nicht nur Abschied nimmt von allem,<lb n="20"/>was ihm irgend theuer war, sondern wo er in wenigen Stunden oder Minuten<lb n="21"/>nimmer den Glanz diser Sonne – aber des Richterthrones wird schimmern sehen,<lb n="22"/>vor welchem sein Schiksal izt auf Ewigkeit entschieden wird – wer sollte nicht für<lb n="23"/>disen Augenblik der bangen Erwartung alle Waffen des Trostes um sich her ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sammeln – wer sollte wenigstens nicht da noch in Eile wie einer, der plözlich eine<lb n="25"/>Reise unternehmen [muß], auf die er nicht Zeit hatte sich vorzubereiten – noch von<lb n="26"/>geistlichem Geräthe zusammenpaken – als es die Zeit und seine Krankheit erlaubt?<lb n="27"/>Daher sehen wir die Bette der Kranken von Geistlichen und Freunden umringt, die<lb n="28"/>der beklommenen Seele des Sterbenden die gedrukten und vorgeschriebenen Seufzer</p>
<pb n="137" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=153" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">UNTERSCHIED DER SZENE DES TODTES</fw>
<p><lb n="1"/>vorächzet – daher hören wir daß bei allen Errinnerungen und Ermahnungen den Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schluß der Refrain macht: memento mori, die mächtigste aller Beweggründe zu han<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>deln werden jenseits des Grabes hergehohlt – schön oder fromm sterben, noch<lb n="4"/>Besinnung genug zu haben – der in der Schule mit Schweiß erlernten Sprüchen und<lb n="5"/>Reimen sich izt wieder errinnern und ein und andere sagen zu können –</p>
<p><lb n="6"/>Die Helden aller Nationen sterben auf gleiche Art, denn sie haben gelebt, und<lb n="7"/>haben in ihrem Leben gelernt, die Macht der Natur anzuerkennen – Aber Unlittig<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>keit gegen diese, gegen ihre geringe Übel – macht auch dann ungeschikt ihre grössere<lb n="9"/>Wirkungen zu ertragen. Wie könnte es sonst kommen, daß die Völker, in deren<lb n="10"/>Religion ein Hauptpunkt – ein Hauptstein in dem ganzen Gebaüde, Vorbereitung<lb n="11"/>zum Tode ist – im Ganzen so unmännlich sterben – dahingegen andere Nationen<lb n="12"/>unbefangener disen Augenblik nahen sehen – wie zu einer Mahlzeit – der eine des<lb n="13"/>Morgens früh anfängt, seine Haare kraüseln zu lassen, seine Prunkkleider anlegt –<lb n="14"/>seine Pferde anspannen läst – voll von der Wichtigkeit der bevorstehenden Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nehmung die ganze Zeit überlegt, wie er sich benehmen, wie er die Konversation<lb n="16"/>führen soll, und wie ein junger Redner Angst hat, ob er seine Sache gut machen<lb n="17"/>werde¹ – ein anderer hingegen des Morgens seinen Geschäften nachgeht, und erst<lb n="18"/>wenige Minuten vor der Stunde der Tafel sich der Einladung errinnert und so schlicht<lb n="19"/>und unbefangen dazutritt – als ob er zu hause wäre – Wie verschieden die Bilder, die<lb n="20"/>von dem Tode in die Phantasieen unsers Volks und der Griechen übergegangen sind –<lb n="21"/>bei diesen ein schöner Genius, der Bruder des Schlafs, verewigt in Monumenten<lb n="22"/>über den Gräbern, bei uns der Knochenmann, dessen grauser Schedel über allen<lb n="23"/>Särgen paradirt. Der Tod errinnerte sie an den Genus des Lebens, uns – es uns zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>leiden – er war ihnen Geruch zum Leben uns zum Tode – wie wir in einer ehrbaren<lb n="25"/>Gesellschaft – von gewissen natürlichen Dingen nicht sprechen, sie nicht einmal<lb n="26"/>schreiben – so umschrieben sie den Tod, milderten seine Bilder, die Redner und<lb n="27"/>Prediger uns um Schreken einzujagen, uns den Genus zu verleiden mit allen mög<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen scheuslichen Farben ausmahlen.</p>
<note xml:id="fn-137-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>bei frommen Leuten ist die Affektation, die Güter dises Lebens zu verachten<lb n="30"/>allgemein – Grimasse.</note>
<pb n="138" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=154" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>UNTER OBJEKTIVER RELIGION …</head>
<p><lb n="2"/>Unter¹ objektiver Religion verstehe ich das ganze System von dem Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>hange unserer Pflichten und Wünschen mit der Idee von Gott und der Unsterblich<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>keit der Seele – und ist also auch Theologie zu nennen, wenn diese sich nicht blos<lb n="5"/>mit der Erkenntnis des Daseyns und der Eigenschaften Gottes beschäftigt, sondern<lb n="6"/>diß in Beziehung auf die Menschen und die Bedürfnisse ihrer Vernunft thut –</p>
<p><lb n="7"/>Sofern diese Theorie nicht blos in Büchern existirt, sondern die Begriffe von<lb n="8"/>Menschen begriffen, die Liebe zur Pflicht und die Achtung vor das moralische<lb n="9"/>Gesez, sofern sie durch die Idee verstärkt werden – empfunden werden, so fern ist<lb n="10"/>die Religion subjektiv – Da nun die bürgerliche Gesezgebung nicht die Moralität,<lb n="11"/>sondern nur Legalität zum unmittelbaren Zweke hat – und für die Beförderung der<lb n="12"/>Achtung vor dem moralischen Gesez, und der Disposition die Geseze dem Geiste<lb n="13"/>nach zu erfüllen keine besondre Anstalten gemacht sind, die diesen Zwek hätten –<lb n="14"/>sondern diß als auch zur Religion gehörig angesehen wird – wollen wir diß hier<lb n="15"/>auch nicht von einander trennen, sondern als Zwek der religiösen Anstalten nicht<lb n="16"/>blos Beförderung der Moralität durch die Idee von Gott – sondern auch der Moralität<lb n="17"/>überhaupt ansehen.</p>
<note xml:id="fn-138-1" type="rand" n="¹"><lb n="18"/><seg type="marke">¹ </seg>A. Einleitung<lb n="19" type="absatz"/>B. a) Lehren<lb n="20" type="absatz"/>b) Traditionen<lb n="21" type="absatz"/>c) Ceremonien<lb n="22" type="absatz"/>d) öffentliche Religion</note>
<pb n="139" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=155" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">UNTER OBJEKTIVER RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>Nicht alle Triebe der menschlichen Natur als der Fortpflanzung u.s.w. haben<lb n="2"/>Moralität zum Zwek – aber der höchste Zwek des Menschen ist Moralität und unter<lb n="3"/>seinen Anlagen, disen zu befördern ist seine Anlage zur Religion eine der vorzüg<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lichsten – die Erkenntnis Gottes kan ihrer Natur nach nicht todt seyn, sie hat im<lb n="5"/>praktischen¹ Bedürfnisse ihren Ursprung – und aus ihr entspringt wieder Moralität –<lb n="6"/>oder sollte Ausbreitung des Ruhms Christi – oder Mahomets ihr Hauptzwek seyn,<lb n="7"/>so verdiente in Griechenland ebensogut Orpheus oder Homer berümter und geehrter<lb n="8"/>zu seyn, als Jupiter und Pallas – so hätte sie Ursache, auf den Sachsenbekehrer Karl<lb n="9"/>– oder proselitenmachenden Spanier in Amerika – oder auf den JudenAufsucher<lb n="10"/>Schulz am stolzesten zu seyn – oder Verherrlichung des Namens Gottes? so gäbe es<lb n="11"/>keine bessere Christen – als die liederreichen BrigittenSchwalben – und der Pabst bei<lb n="12"/>der grossen Messe in der Peterskirche wäre ein würdigerer Gegenstand des Wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gefallens Gottes als der Korporal (Woltemar) der 13 Personen mit Gefahr seines<lb n="14"/>Lebens aus dem Schifbruch rettete und bei der 14ten im Dienst der Menschheit starb.</p>
<p><lb n="15"/>Die objektive Religion subjektiv zu machen mus das grosse Geschäft des Staats<lb n="16"/>seyn, die Anstalten müssen sich mit der Freiheit der Gesinnungen vertragen, dem<lb n="17"/>Gewissen und der Freiheit nicht Zwang anthun, sondern indirekte auf die Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mungsgründe des Willens wirken – wie viel kan der Staat thun? – Wie viel muß<lb n="19"/>jedem Menschen überlassen werden?</p>
<p><lb n="20"/>Beförderung der Moralität, dises Zweks der Religion geschieht a) durch ihre<lb n="21"/>Lehren b) Ceremonien. Jede Religion hat schon für beides gesorgt und enthält schon<lb n="22"/>die Anlage zu beidem – der Staat durch seine Verfassung durch den Geist seiner<lb n="23"/>Regierung.</p>
<p><lb n="24"/>in wiefern² qualificirt sich die christliche Religion dazu³ – a) ihre α) <hi rendition="#g">praktische</hi></p>
<note xml:id="fn-139-1" type="rand" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>der moralischen Natur des Menschen</note>
<note xml:id="fn-139-2" type="rand" n="²"><lb n="26"/><seg type="marke">² </seg>die christliche Religion ist ursprünglich eine PrivatReligion<lb n="27"/>modificirt nach den Bedürfnissen der Umstände ihrer Entstehung, der Menschen und der<lb n="28"/>Vorurtheile –</note>
<note xml:id="fn-139-3" type="rand" n="³"><lb n="29"/><seg type="marke">³ </seg>a) Lehren<lb n="30" type="absatz"/>α) praktische<lb n="31" type="absatz"/>β) Geschichtswahrheiten<lb n="32" type="absatz"/>b) Ceremonien<lb n="33" type="absatz"/>d) sonstige Handlungen der Frömmigkeit –</note>
<pb n="140" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=156" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Lehren</hi> sind rein, und haben das Gute meist in Beispielen dargestellt zu seyn – denn<lb n="2"/>wo Matth. 5. 6. etc. der Geist der Moralität allgemein dargestellt ist – und sich nicht<lb n="3"/>blos auf das formelle einschränkt – sondern materielle Vorschriften hat – da ist sie<lb n="4"/>Misverständnissen unterworfen und ist auch misverstanden worden –</p>
<p><lb n="5"/>β) Geschichtswahrheiten auf die sie gebaut ist – darin das wunderbare א) immer<lb n="6"/>dem Unglauben unterworfen; so lange sie PrivatReligion ist – steht es jedem frei sie<lb n="7"/>zu glauben oder nicht, aber als öffentliche Religion mus es immer unglaubige geben<lb n="8"/>ב) nicht für die Phantasie gesorgt – wie bei den Griechen – sie ist traurig, melancho<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lisch, – orientalisch – nicht auf unserm Boden gewachsen, kan sich nie damit assimiliren</p>
<p><lb n="10"/>c) die Ceremonien zwekmässig als PrivatReligion haben ganz ihren Sinn und Geist<lb n="11"/>verloren, da sie öffentliche Religion geworden ist, ausserdem noch als Gnadenmittel –<lb n="12"/>nicht mit dem Geist der Fröhlichkeit verbrüdert – doch da sie öffentlich wurden –<lb n="13"/>hätten sie können Beförderinn der Toleranz werden, wenn man sie nicht gewalt aus<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schliessende Hypothesen mitverbunden hätte – izt leider UnterscheidungsZeichen<lb n="15"/>von Sekten, da sie doch das Gegentheil hätten seyn können</p>
<p><lb n="16"/>d) sonstige Befehle in Ansehung der Lebensart – a) Entfernung von öffentlichen<lb n="17"/>Geschäften b) Austheilung der Allmosen – Zusammentragen seines Vermögens<lb n="18"/>möglich bei PrivatReligion, nicht ausführbar in einem Staate – auch was sonst Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lungen der Frömmigkeit – izt mit öffentlicher Ehre verbunden</p>
<pb n="141" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=157" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</head>
<p><lb n="2"/>a)<lb n="3"/>Es sollte eine schwere Aufgabe scheinen, ein System von religiösen und morali<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schen Wahrheiten aufstellen, das aller oder doch der meisten freien Beifall haben<lb n="5"/>könnte, da wir es als ein Nothwendiges Erfordernis einer VolksReligion ansehen,<lb n="6"/>daß sie ihre Lehren nicht aufdringe, keines Menschen Gewissen Zwang leide – es<lb n="7"/>sollte schwer scheinen, wenn man nur obenhin, die unendliche Verschiedenheit der<lb n="8"/>Systeme und Hypothesen betrachtet, die von den Philosophen – und Theologen,<lb n="9"/>seitdem sich die Vernunft zu Ideen und zum Spekuliren über dieselbe entwikelt hat –<lb n="10"/>erdacht worden sind: Eben diese Erfahrung, daß sovielerlei Vorstellungsarten mög<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lich und so bizarr uns manche scheinen, sie doch an allgemeine Ideen oder Bedürf<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>nisse der Menschheit angeknüpft – immer ihre Anhänger gefunden haben – zugleich<lb n="13"/>auch die Erfahrung, daß, sobald durch öffentlichen Befehl oder Verbot einer gewissen<lb n="14"/>Vorstellungsart eine Wichtigkeit darein gelegt wird – nicht nur die Gewissens<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>Freiheit der Menschen gekränkt, sondern auch leicht ein gefährlicher Fanatismus<lb n="16"/>angezündet werden kan – dise Erfahrungen geben eben für die Dogmen einer Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>religion die Regel, daß sie so einfach als möglich seyn, nichts enthalten sollen, was<lb xml:id="GW01-s157-z18" n="18"/>nicht die allgemeine MenschenVernunft anerkennt – nichts wodurch etwas bestimmt<lb n="19"/>etwas dogmatisch behauptet würde, das die Gränzen der Vernunft übersteigt – wenn<lb n="20"/>die Befugnis dazu auch im Himmel selbst ihren Ursprung haben sollte.</p>
<note xml:id="fn-141-1" place="margin" n="" target="#GW01-s157-z18" ana="#j.ohne-teil">I misteriöse, theoretische.</note>
<p><lb n="21"/>Solche Lehren sezen sich der zuverlässig, bälder oder später eintrettenden Gefahr<lb n="22"/>aus, von der Vernunft in Anspruch genommen, und angegriffen zu werden; die<lb n="23"/>vorreifen Früchte können dann vielleicht erstikt, unterdrükt, abgeschlagen werden –<lb n="24"/>aber mit der fortgehenden Reife werden weder Scheiterhaufen für die Schriftsteller<lb n="25"/>oder nur ihre Schriften noch beschworne Symbole dem Übel Einhalt thun, dessen<lb n="26"/>Saame in der menschlichen Natur selbst unzerstörbar liegt. Denn unwiderstehlich<lb n="27"/>führt die Vernunft auf den grossen Grundsaz von der Selbstgenügsamkeit der Pflicht<lb n="28"/>und der Tugend, welche durch weitschweifigere oder heterogenere Beweggründe –</p>
<pb n="142" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=158" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>als blos durch die Verbindung mit der Idee von Gott befördern zu wollen schon Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>heiligung ist – und wenn Männer dieses Glaubens die Rolle der wunderbaren Lehre<lb n="3"/>nicht gar für nachtheilig, der Moralität schädlich – der Despotie aber beförderlich<lb n="4"/>halten – so würdigen sie ihr Geschäft doch nur dahin, höchstens ein Kapzaum des<lb n="5"/>rohen Pöbels zu seyn – Nun überzeugt von der Identität ihres Wesens mit ihrem<lb n="6"/>Vernunftglauben sucht jeder auf seine Art seinen Gegner kraftlos zu machen – der<lb n="7"/>eine bestreitet die positive Religion mit Gründen aus ihr oder aus ihren Dokumenten<lb n="8"/>selbst – einer mit den Waffen des Wizes, einem andern genügt seine Überzeugung,<lb n="9"/>daß er die positiven Lehren eigentlich für unbedeutend [hält], doch weil sie im<lb n="10"/>Glauben der Völker etwas geheiligtes sind, sie seinen Ideen anzupassen sucht – Wir<lb n="11"/>finden es bei sovielen Männern, die die Idee der Moralität rein aus ihrem eigenen<lb n="12"/>Herzen entwikelten – und darin als in einem Spiegel die Schönheit derselben erblik<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ten und von ihr entzükt wurden – und deren Seele von Hochachtung für Tugend<lb n="14"/>und Moralische Grösse am vollsten war – bei einem Spinoza, Schäftesbury, Rousseau,<lb n="15"/>Kant – Je höher ihre Hochachtung für die Moral und für die Moral der Lehre Christi<lb n="16"/>steigt – desto heterogener, desto entbehrlicher daücht ihnen das übrige –</p>
<p><lb n="17"/>Die Geheimnisse, die unbegreifliche Dogmen weder für Vernunft oder Verstand<lb n="18"/>vorstellbar – eben weil sie unbegreiflich sind – ebensowenig für die Phantasie, für<lb n="19"/>diese sind sie ganz und gar widersprechend – Wenn von solchen Lehren die Rede<lb n="20"/>ist,¹ so müssen alle drey ihre Gewöhnlichen Verrichtungen einstellen, sie müssen es<lb n="21"/>sich gefallen lassen, daß man solange ganz Verzicht auf sie thut, denn ihre Geseze<lb n="22"/>sind hier ebenso unbrauchbar, als wenn ich Wein nach der Elle messen – oder eine<lb n="23"/>Karrikatur in die Form eines ApolloKopfs passen wollte – Also bleibt das Gedächtnis<lb n="24"/>übrig, das gewisse Verbindungen von Worten in sich aufnimmt die es für sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>halten, isoliren, und sowenig als möglich den Verstand mus sehen lassen. Ihr Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gebrauch ist uns noch übrig nemlich sofern diese unbegreiflichen Lehren das Herz<lb n="27"/>angehen, die praktischen Foderungen, die an den Menschen geschehen, die Antriebe,</p>
<note xml:id="fn-142-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Es ist hier überhaupt nicht von der objektiven Wahrheit und Gültigkeit der<lb n="29"/>Lehren die Rede, sondern das, was sie, auch wenn sie als wahr erwiesen sind, für unsere Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nunft – Phantasie und unser Herz sind.</note>
<pb n="143" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=159" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</fw>
<p><lb n="1"/>die sie ihm an die Hand geben, und die Hofnungen dessen, was sie ihm versprechen –<lb n="2"/>enthalten – Einige dieser Lehren sind so beschaffen, daß sie an sich kein praktisches<lb n="3"/>Moment haben, sondern diß erst vergesellschaftet mit andern enthalten –</p>
<p><lb n="4"/>Überhaupt mus das erste Gesez aller dieser Lehren seyn, daß sie dem Menschen<lb n="5"/>keine Art Gott zu gefallen anweisen, als die durch einen guten Lebenswandel – oder<lb n="6"/>keine andre Triebfedern zum gut moralisch handeln angeben, als reinmoralische –<lb n="7"/>Die Religion stellt den Begrif Gott zu gefallen in mehr oder minder reinem Sinne<lb n="8"/>auf – Von dem Sinne: vor Gott als dem Ideal der Heiligkeit zu bestehen zu suchen,<lb n="9"/>bis zu dem herunter bei ihm wegen irgend einer sinnlichen Übung ausschliessend<lb n="10"/>und besonders wohl daran zu seyn, gibt es eine Menge Schattirungen, die freilich<lb n="11"/>nie genug voneinander abgesondert, und rein gedacht werden. So sehr also der<lb n="12"/>Begrif: Gott gefallen, den die Religion als das höchste Ziel aufstellt, unreiner Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>säze fähig ist, so mus sie um so sorgfältiger verhüten, daß sich keine praktischschäd<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>liche Vorstellung miteinschleiche.</p>
<p><lb n="15"/>An sich ist eigentlich die Foderung ein Widerspruch, daß – unsere Vernunft und<lb n="16"/>Phantasie übersteigende Lehren – sobald sie in irgend einer Beziehung mit dem<lb n="17"/>praktischen stehen, – uns keinen andern Weg, als den eines guten Lebenswandels –<lb n="18"/>keine andre Art Gott zu gefallen, als diese zeigen sollen – denn zeigten sie uns keinen<lb n="19"/>neuen Weg, so wären sie keine unbegreifliche Lehren keine Mysterien – Solche<lb n="20"/>Lehren nun, die nur gewisse Übungen, es sey nun mit dem Munde – oder mit Händen<lb n="21"/>und Füssen – es sey ein Glokenspiel von Empfindungen – oder es seyen gewisse Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>behrungen und Züchtigungen des Körpers oder gewisse Dinge zu glauben von uns<lb n="23"/>verlangen, um dem heiligen Wesen zu gefallen, daß man dadurch des Gesez der<lb n="24"/>Moralität enthoben, davon dispensirt seyn könnte – ein Gewebe von solchen Lehren,<lb n="25"/>sie mögen im Glauben der Völker und der Geschichte mit den heiligsten Siegeln<lb n="26"/>beurkundet seyn – die Vernunft mus es verwerfen – in ihrer Forderung, moralisch<lb n="27"/>gut zu seyn, kan sie sich nichts abdingen lassen –</p>
<p><lb n="28"/>Wie verworfen das Gebaüde solcher Staaten oder nur Klassen von Menschen ist,<lb n="29"/>wo diese Grundsäze im Schwange gehen – wo alle natürliche Verhältnisse durch<lb n="30"/>diesen unmoralisch-religiösen Galimathias verdreht sind, hat die Geschichte aller Zei<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ten gelehrt, und lehrt es noch heutigstags das traurige Bild der Staaten, wo diese<lb n="32"/>Systeme noch herrschen – z. B. im Kirchenstaat, in Neapel, und nur die nie ganz</p>
<pb n="144" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=160" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>zerstörbare Güte der menschlichen Natur, – die hier freilich verhunzt genug ist – nur<lb n="2"/>die Nothwendigkeit der bürgerliche Geseze, die um es möglich zu machen, daß die<lb n="3"/>Gesellschaft zur Noth zusammenhalten kan, jene Grundsäze in etwas korrigiren<lb n="4"/>müssen – verhindern es, daß die Laster und böse Neigungen den Lehren, wodurch<lb n="5"/>sie genährt, straflos, und gerechtfertigt werden, ganz konsequent sind –</p>
<p><lb n="6"/>Ich rechne hieher den öffentlich authorisirten Glauben, durch Messen hören und<lb n="7"/>AblaßKram seine Sünden nicht nur abkaufen zu können, sondern in nichts einem<lb n="8"/>guten Menschen nachzustehen – ferner daß körperliche und andre Strafen auf Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schiedenheit in den Meinungen gesezt sind, daß Verbrecher durch Asile dem Arm<lb n="10"/>der Gerechtigkeit entzogen, und von den Interpreten der Gottheit in Schuz ge<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nommen werden – daß es nicht nur als Glauben verdienstlicher ist, sondern daß es<lb n="12"/>öffentlich veranstaltet ist, daß nur der Bettler begünstigt wird – der arbeitsame Mann<lb n="13"/>hingegen sich übel befindet – Und hier ist nicht blos von den Lehren einiger Sophi<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sten, oder Empiristen die Rede, die etwa mit philosophischem Scharfsinn die Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>säze, die den Unterschied zwischen Tugend und Laster festsezen, nicht als fest<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gegründet genug haben finden können, oder Wollüstlinge, die in ihrem Leben<lb n="17"/>weiter nie sich darum bekümmerten oder deren Leidenschaften sie verhinderten, auf<lb n="18"/>die Stimme der Tugend zu hören – nicht von solchen einzelnen, – wie es überall<lb n="19"/>gibt, ist die Rede – sondern davon daß jene die Moralität verkehrende und die<lb n="20"/>Menschheit sowie die Gottheit entehrende Grundsäze nicht etwa blos von müssigen<lb n="21"/>Köpfen in Studirstuben oder auf Cathedern abgehandelt werden – sowie etwa ohne<lb n="22"/>merklichen Schaden des gemeinen Wesens von einem Professor die Glükseeligkeit –<lb n="23"/>von andern sonst empirische Säze zum Grundsaz der Moral – oder des Naturrechts<lb n="24"/>angenommen werden – nicht nur öffentlich gelehrt – sondern was lebendiger spricht<lb n="25"/>als lehren in den ganzen Zusammenhang des Staats aufs innigste eingewebt sind –</p>
<p><lb n="26"/>Männer, die das Bedürfnis besserer Grundsäze fühlen, wie auch die sonst gute<lb n="27"/>Menschen in solchen Staaten nicht auf der erlaubten Heerstrasse der Erniedrigung<lb n="28"/>und des Lasters gehen können – bringen ihre bessere Empfindung mit jenen Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>säzen durch solche Wendungen in eine Verbindung, deren Schwäche sie vor ihrem<lb n="30"/>Verstande verbergen müssen, die aber doch ihr Herz befriedigen.</p>
<pb n="145" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=161" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</fw>
<p><lb n="1"/>Solche Lehren müssen also von der Vernunft sowohl wenn sie Grundsäze für den<lb n="2"/>einzelen, als wenn sie allgemeinere die die Oekonomie eines ganzen Staats angehen,<lb n="3"/>sich wählt – schlechterdings verworfen werden –</p>
<p><lb n="4"/>Sonst aber geben die positive Lehren einer Religion, diejenigen die die Entwik<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lung der menschlichen Vernunft nicht selbst auffinden könnte – einen bessern Zwek<lb n="6"/>an – und besonders in neuern Zeiten ist man immer sehr eifrig bemüht, von jeder<lb n="7"/>dogmatischen Lehre das praktische Moment auszubilden und aufzusuchen –</p>
<p><lb n="8"/>Man ist von den Bemühungen, die Misterien der Religion durch Vernunft der<lb n="9"/>Vernunft annehmlich zu machen zurükgekommen, und hält izt sehr viel auf den<lb n="10"/>Unterschied, daß jene Lehren zwar über die Vernunft, aber nicht wider die Vernunft<lb n="11"/>seyen, ein Unterschied der doch eine gewisse scheue Rüksicht auf sie, eine gewisse<lb n="12"/>Ehrfurcht vor ihrem Richteramt andeutet – aber am Ende nicht weit her ist, denn<lb n="13"/>ist die Vernunft höchste Richterin ihres Glaubens so wird sie das, worauf sie in dem<lb n="14"/>ganzen Umfang ihres Gebrauchs und ihrer Kraftanwendung nicht kommen zu<lb n="15"/>können glaubt¹ – nicht annehmen, nicht glauben, sogut als wenn nach allen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>suchen der Schiffarth keine nordwestliche Durchfarth durch Amerika entdekt wird,<lb n="17"/>die Geographie dreist behauptet es gebe keine. Solche Worte also, die für die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nunft verloren sind, denn sie kan sie nicht begreifen, die für den Verstand undenkbar,<lb n="19"/>für die Phantasie unvorstellbar, nur für das Gedächtnis zu gebrauchen sind können<lb n="20"/>blos noch für das Herz, blos in Ansehung ihres Einflusses auf die Willensbestimmung<lb n="21"/>eine Wichtigkeit für den Menschen haben –</p>
<p><lb n="22"/>Unleugbar hat manche Seite der übermenschlichen christlichen Religionslehren<lb n="23"/>nicht eigentliche Moralität, sondern nur Legalität zum Zwek und zur Folge. Wenn<lb n="24"/>sie einer Verfeinerung und Wendung um moralisch zu werden fähig sind, so mus<lb n="25"/>doch eingestanden werden,² daß diese Versuche erst durch die Einwürfe und Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>würfe der Gegner veranlast worden sind, und lange, – lange sind sie eigentlich nur<lb n="27"/>dazu benuzt worden –</p>
<quote><lb n="28"/>die Phantasie des Traümers zu erstürmen,<lb n="29" type="absatz"/>wo des Gesezes Fakel dunkel brennt –</quote>
<note xml:id="fn-145-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>man könnte sagen, die Lehren seyen an sich der Vernunft nicht zuwider,<lb n="31"/>aber es seye der Vernunft zuwider sie zu glauben</note>
<note xml:id="fn-145-2" type="rand" n="²"><lb n="32"/><seg type="marke">² </seg>vorher wurde das Ding nicht so genau genommen</note>
<pb n="146" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=162" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>(oder haben sie zur Hofnung veranlast, Moralität auf eine übernatürliche Weise zu<lb n="2"/>erwarten – oder die Furcht eben auf diese Art verschlimmert zu werden). Ich brauche<lb n="3"/>mich nur auf die Vorstellungen zu berufen – theils der Belohnungen, die in mystische<lb n="4"/>Seeligkeiten, kindische, tändelnde, oder auf einem unmoralischen Stolze beruhende<lb n="5"/>Vorzüge gesezt wurden – theils der Strafen, die noch beredter als die Belohnungen<lb n="6"/>ausgemahlt durch ihre grellen, sinnlichen Bildern – von den Qualen der Hölle wo<lb n="7"/>der Teufel mit immer neuer Erfindungskraft die Seelen ewig ohne Hofnung der<lb n="8"/>Errettung, ewig, ewig peinigt, manche Phantasie, wie nicht zu verwundern, die<lb n="9"/>unter der Gewalt dieser Vorstellungen erlegen, zerrüttet – viele Menschen zur Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>zweiflung zur Raserei gebracht haben.</p>
<p><lb n="11"/>Wenn die Phantasie griechischer Bachantinnen überschnappte bis zum Wahn, die<lb n="12"/>Gottheit selbst gegenwärtig zu sehen, und zu den wildesten Ausbrüchen einer regel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>losen Trunkenheit – so war diß eine Begeisterung der Freude, des Jubels – eine<lb n="14"/>Begeisterung, die bald wieder ins gemeine Leben zurükkehrte – Aber jene religiösen<lb n="15"/>Ausschweifungen der Phantasie sind Ausbrüche der traurigsten ängstlichsten Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zweiflung, die die Organe von Grund aus zerrüttet und haüfig unheilbar, – die data,<lb n="17"/>selbst die bestimmtere Züge zu diesen Gemählden werden von der Dogmatik<lb n="18"/>gegeben, nicht blos die Lehre, und es ist nur der mehr oder weniger lebhaften<lb n="19"/>Phantasie des Lehrers überlassen sie greller oder minder schröklich darzustellen.</p>
<p><lb n="20"/>Die Erwartung der Belohnungen und Strafen in einer andern Welt sind so natür<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lich in dem praktischen Bedürfnis der Vernunft, einen Zusammenhang zwischen<lb n="22"/>diesem und einem andern Leben [herzustellen] gegründet, daß diese Lehre ein Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>punkt aller Religionen gewesen ist – aber um einer moralischen Religion würdig zu<lb n="24"/>seyn, mus Vorsicht bei ihrer Behandlung angewandt werden – um sie im Glauben<lb n="25"/>der Völker zu befestigen.</p>
<p><lb n="26"/>Was Ausbildung der Einbildungskraft dabei ist, kommt hier noch nicht in Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>trachtung, nur die Lehre, soweit sie auf den übervernünftigen Grundsäzen beruht,<lb n="28"/>die uns die christliche Religion gibt – obgleich auch Glauben an die Bilder der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>bildungskraft als an Dogmen gefordert wird – Die Lehre der Auferstehung der<lb n="30"/>Leiber ist von keiner grossen moralischen Wichtigkeit; nur hat sie wohl die an sich<lb n="31"/>wohl unbedeutende Folge gehabt – daß durch sie der Begrif von der Seele des Men-</p>
<pb n="147" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=163" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</fw>
<p><lb n="1"/>schen, als eines geistigern unkörperlichen Wesens, nicht allgemeiner hat werden<lb n="2"/>können – oder vielmehr hat sich die Hofnung einer Fortdauer der persönlichen<lb n="3"/>Existenz, – wogegen der Tod – die Erlöschung derselben so natürlich spricht – da<lb n="4"/>sie die Idee eines unkörperlichen unverweslichen unsterblichen Wesens nicht hatte,<lb n="5"/>damit geholfen, den Körper, als ihr Selbst – nicht blos als ihren vertrauten Gefährten<lb n="6"/>wideraufleben zu lassen –</p>
<p><lb n="7"/>Die Hofnung einer Entschädigung für ausgestandne Leiden, ist ein tröstender<lb n="8"/>Gedanke, ein Gedanke den wir vor der Gerechtigkeit fodern, aber wir müssen uns<lb n="9"/>dabei doch gewöhnen, nicht alles, was etwa unserer Erwartung entgegen geschieht,<lb n="10"/>als ein Unrecht anzusehen – wir müssen uns mehr gewöhnen, uns mehr von der<lb n="11"/>Natur abhängig zu betrachten. Die Verwiklung unserer politischen und bürgerlichen<lb n="12"/>Verhältnisse, und die Ungleichheit in der Lebensart und in den Glüksgütern hat nicht<lb n="13"/>nur das Elend aller Art, sondern auch die Reizbarkeit, und die Empfänglichkeit dafür<lb n="14"/>vermehrt, – zu den Schmerzen, denen wir vermöge unserer Natur und unserer von<lb n="15"/>dieser so oft abweichenden Lebensart ausgesezt sind, gesellt sich gar haüfig auch<lb n="16"/>Unlittigkeit, Ungeduld, die aus der Foderung entspringt, daß uns alles wohl und nach<lb n="17"/>Wunsche gehen soll, und aus dem Glauben, Unrecht bei dem Unglük zu leiden –</p>
<p><lb n="18"/>Hinter der vorgeblichen Verachtung der Güter und Ehren dieser Welt stekt gar<lb n="19"/>haüfig ein sehr übel abstechender Neid gegen die, die sie besizen; die Verachtung ist<lb n="20"/>gar haüfig eher ein Aerger darüber – und die Entbehrung derselben wird alsdenn<lb n="21"/>für ein Unrecht, für ein Leiden angesehen, wofür uns gleichfalls Entschädigung<lb n="22"/>gebühre – Viele Menschen in der Überzeugung, daß die Leiden dieser Zeit nicht<lb n="23"/>werth seyen der Herrlichkeit in der zukünftigen, glauben, ohne Leiden können sie<lb n="24"/>an dieser gar nicht Theil nehmen, bei einem ruhigen Genus dieses Lebens verbunden<lb n="25"/>mit Erfüllung seiner Pflichten leben sie immer noch [nicht allein] voll Wachsamkeit<lb n="26"/>über ihre Tugend, sondern eigentlich voll Angst – und schaffen sich eine Menge<lb n="27"/>entweder würklicher oder erträumter Leiden, und klagen¹ über diese Welt, als über<lb n="28"/>ein Jammerthal, wo sie doch würklich nichts zu klagen haben – Alle dergleichen<lb n="29"/>Dispositionen führen ab von dem Geist – von der Wahrheit eines zu hoffenden<lb n="30"/>moralischen Zusammenhangs dieses Lebens mit dem zukünftigen.</p>
<note xml:id="fn-147-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>die Gelehrten, wenn sie nicht vortheilhaft rezensirt werden, über Leiden,<lb n="32"/>feurige Pfeile</note>
<pb n="148" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=164" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Eine unterscheidende, der Vernunft unbekannte Lehre des Christenthums ist die<lb n="2"/>fürchterliche Alternative, wo es kein mittleres gibt, daß das Schiksal, das die Men<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schen in einer andern Welt erwartet entweder ewige Seelichkeit, oder ewige Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>damnis ist – eine Alternative, die wenn den Menschen die Vorstellungen der Zukunft<lb n="5"/>nach diesem Leben so sicher so zuverlässig wären, wie die Gewisheit, daß Quinquina-<lb n="6" break="no"/>Rinde das Fieber kurirt – die, sag ich, dem Menschen in diesem Leben – nach wel<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>chem das Reich der Gnaden ein Ende hat, und das Reich der unerbittlichen Gerechtig<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>keit seinen Anfang nimmt – keinen Augenblik Ruhe liesse, sondern ihn in einen<lb n="9"/>Zustand der marterndsten Ungewisheit versezte, die im Gefühl ihrer Unvoll<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>kommenheit ewig zwischen der Furcht vor dem Richter der Welt, und der Hofnung<lb n="11"/>von dem Gnädigen verzeihenden Vater wankte – ein qualvoller Zustand der nur<lb n="12"/>darum weniger haüfig ist, weil die Natur des Menschen inkonsequent in Ansehung<lb n="13"/>derjenigen ihrer Grundsäze ist, die nicht in ihr selbst gegründet sind, sondern nur von<lb n="14"/>aussen in den Kopf eingetrieben sind.</p>
<p><lb n="15"/>Von sehr grosser praktischer Wichtigkeit aber ist die Geschichte Jesu, nicht bloß<lb n="16"/>seine oder die ihm zugeschriebene Lehren. Um das gute zu lieben, das rechte recht<lb n="17"/>zu üben, nicht blossen augenbliklichen guten Regungen den Schein der Tugend zu<lb n="18"/>danken zu haben, sondern aus freier Wahl sie zu lieben, dazu gehören Grundsäze,<lb n="19"/>ein Übergewicht unserer Metaphysik über unsere Physik, abstrakter Ideen über das<lb n="20"/>sinnliche – Wann wird es mit dem Menschengeschlecht so weit kommen, daß Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>säze mehr herrschen, als Empfindungen, Geseze mehr [als] Individuen. Wenn die<lb n="22"/>Tugend, sagte Plato, sichtbar unter den Menschen erschiene, so würden alle sterbliche<lb n="23"/>sie lieben müssen – an tugendhafte Menschen glaubte doch wohl Plato, aber um die<lb n="24"/>Menschen zur eifernden Bewunderung zu begeistern verlangte er die Tugend selbst –<lb n="25"/>Die Geschichte Jesu stellt uns nicht blos einen Menschen dar, der sich in der Einsam<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit vorher selbst gebildet hatte, und dann seine Zeit allein auf Besserung der Men<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schen verwandte ja diesem Zwek endlich selbst sein Leben aufopferte – um das be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>kannteste Beispiel anzuführen, so hätte uns Sokrates insofern ebenso gut zum Spie<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gel zum Muster aufgestellt werden können, er schöpfte seine Weisheit im Getümmel<lb n="30"/>des thätigen Lebens, in den Schlachten, wo er mit Lebensgefahr seinen Freund er<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>rettete, er widmete sein Leben der Besserung seiner Bürger, und die Wahrheit reichte<lb n="32"/>ihm endlich den Giftbecher, den er mit der erhabenste Ruhe leerte – Was fehlt uns<lb n="33"/>hier zu einem Vorbild der Tugend? War nicht Sokrates ein Mensch mit nicht mehr</p>
<pb n="149" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=165" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</fw>
<p><lb n="1"/>Kräften als wir, können wir nicht an das Werk der Nachahmung mit der Hofnung<lb n="2"/>gehen, die Stufe von Vollkommenheit – in unserer Lebensweise ebenso gut erreichen<lb n="3"/>zu können? Was kostete Christum, die Hülfe die er Kranken reichte? ein Wort –<lb n="4"/>Mit göttlicher Kraft versehen, der weder die Sinnlichkeit irgendeine leise Neigung<lb n="5"/>oder Empfindung entgegenstellen – noch der Mangel an Mitteln und Kraft im Wege<lb n="6"/>stehen konnte – sollte das untadeliche Leben Jesu, seine Standhaftigkeit, seine Ruhe<lb n="7"/>im Leiden uns nicht als bewundernswürdig vorkommen, und nicht zur Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ahmung reizen, die wir ganz entblöst – ohne Hofnung sind, es so weit zu bringen –<lb n="9"/>Aber auf diß Räsonnement des kalten Verstandes achtet die Phantasie [nicht], und<lb n="10"/>gerade die Beimischung der Zusaz des göttlichen qualificirt den tugendhaften Men<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schen Jesus, – zu einem Ideale der Tugend, – Ohne das göttliche seiner Person hätte<lb n="12"/>wir nur den Menschen, hier aber ein wahres übermenschliches Ideal, das der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lichen Seele, soweit sie sich davon entfernt denken mus, doch nicht fremde ist –<lb n="14"/>Ausserdem hat dieses Ideal noch den Vortheil kein kaltes Abstraktum zu seyn – seine<lb n="15"/>Individualisirung, daß wir es sprechen hören, es handeln und wandeln sehen, bringt<lb n="16"/>es, das schon unserm Geiste verwandt ist, für unsre Empfindung noch näher. Hier ist<lb n="17"/>also für den Glaübigen nicht mehr ein tugendhafter Mensch, sondern die Tugend<lb n="18"/>selbst erschienen – bei jenem sind wir immer geneigt, noch geheime Schatten, oder<lb n="19"/>doch ehmaligen Kampf, wie bei Sokrates nur aus der Physiognomie – voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zusezen, – hier hat der Glaube die makellose, doch nicht entkörperte Tugend.</p>
<p><lb n="21"/>Der Zusaz des göttlichen bei Jesu, statt dem Scheine nach unsern Eifer im Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>ahmen zu schwächen, da es uns durch die Betrachtung der Unmöglichkeit, sich ihm<lb n="23"/>zu nähern abschreken sollte, ist vielmehr unserm Hang zu Idealen, die Mehr als<lb n="24"/>menschlich sind, günstig –</p>
<p><lb n="25"/>So wie man aber, um ein guter Nachahmer zu seyn, selbst ein Stük von einem<lb n="26"/>Original seyn mus – wie in allem andern so auch noch mehr im moralischen – sonst<lb n="27"/>ist sie nur etwas gezwungenes, etwas, dem man es ansieht, daß es nicht natürlich ist,<lb n="28"/>wo hie und da etwas nicht recht an seinem Orte ist, nicht recht passen will, zum<lb n="29"/>übrigen absticht, so mus die Tugend besonders etwas selbsterfahrnes, etwas selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>geübtes seyn – Die andern nachgebetete, auswendiggelernte Tugend hat etwas lin<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>kisches, etwas das nicht gegen Erfahrung und fortschreitende Bekanntschaft mit der<lb n="32"/>Welt bestehen kan, das keinen Werth, keinen Verdienst hat.</p>
<p><lb n="33"/>So hat also die Menge, unzählige Menschen ohne Belang, d. h. ohne edle Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>findungen, ohne delikate Lagen, ohne Situationen, wo Tugend und Stärke oder</p>
<pb n="150" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=166" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Geduld sich zeigen konnten, die aber doch ohne entfernt in ähnlichen Lagen oder<lb n="2"/>ähnlicher Thätigkeit begriffen zu seyn, schlechterdings ihrem Urbild gleich seyn<lb n="3"/>wollten, ihren Kleinigkeiten den Namen hoher Tugenden umgelegt. Daher die<lb n="4"/>Menge der klagenden leidenden, denen nichts fehlte – der verfolgten, die man ruhig<lb n="5"/>ließ, oder die nicht ehr selbst Ruhe hatten, als bis man sie verfolgte – die Menge der<lb n="6"/>lehrenden, deren Weisheit kein Mensch bedurfte – Das Muster von Tugend, das sich<lb n="7"/>die Menschen nach ihrem Ideal bildeten, nahm natürlich auch den Ton derjenigen<lb n="8"/>Tugenden an, die an dem Ideal hauptsächlich hervorstechen – aber das Nachgeahmte<lb n="9"/>hat dann gemacht daß diese Tugenden haüffig ausarteten, ungeschikt angebracht wur<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>den. Aus dem Belehren wollen ist Rechthaberei, und daraus Intoleranz entstanden –</p>
<space/>
<p><lb n="11"/>Lehre von der Vorsehung, ein der christlichen Religion eigener Begrif – ein<lb n="12"/>Begrif der Vernunft, dessen wir uns eigentlich bei keinem einzelen Fall bedienen<lb n="13"/>sollten, da er nicht ein Verstandsbegrif ist, und also nichts erklärt –</p>
<space/>
<p><lb xml:id="GW01-s166-z14" n="14"/>Sehr viele Gegner des eigentümlichen des Christenthums haben dagegen die gröste<lb n="15"/>Achtung gegen die Moral der christlichen Religion bezeigt, – so sehr sie die Drei<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>einigkeits- die Versöhnungs- die Erbsünde-lehre zum Gegenstand ihres Spotts oder<lb n="17"/>ihrer sonstigen Waffen gemacht haben, sosehr sind sie von der Moral des Christen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>thums begeistert worden, und haben sie als eine Wohlthat, die dem Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>geschlecht widerfahren ist, erhoben. Und in der That, das reinste System der Moral,<lb n="20"/>das schlechterdings alle materiale Principien ausschliest, hat sich nirgends ungezwun<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gener an die christliche Religion anschliessen können, als in Ansehung der Moral –<lb n="22"/>Und so sehr wieder andere einzele Aussprüche Jesu oder seiner Apostel, einzele<lb n="23"/>Befehle, oder Aüsserungen von Gesinnungen als mit einer reinen Moral unverträg<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lich gefunden haben, so ausgemacht ist es, daß der ganze Geist der Moral Christi mit<lb n="25"/>der¹ erhabensten Moral in Übereinstimmung gebracht werden kan, daß der un<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bedingteste Gehorsam gegen das Gesez darin eingeschärft wird –</p>
<note xml:id="fn-150-2" place="margin" n="" target="#GW01-s166-z14" ana="#j.ohne-teil">II praktische, moralische</note>
<note xml:id="fn-150-1" type="ueber" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>jeder</note>
<pb n="151" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=167" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ES SOLLTE EINE SCHWERE AUFGABE …</fw>
<p><lb n="1"/>Aber die Hauptsache ist nicht, ob sich die Aussprüche einer reinen Moral in der<lb n="2"/>Lehre Jesu auffinden lassen; sie lassen sich ebenso gut aus den Schriften eines Plato,<lb n="3"/>Xenophons, Rousseau’s finden – es ist auch nicht in Anschlag zu bringen, daß die<lb n="4"/>praktische Grundsäze nicht in ein System gebracht, oder wenigstens alle Pflichten und<lb n="5"/>die Motive derselben bestimmt gegeben sind, die Hauptsache ist, in welchem Licht,<lb n="6"/>in welcher Verbindung, in welchem Rang sie aufgestellt sind. Johannes Anrede an<lb n="7"/>das Volk war: thut Busse; Christi: thut Busse und glaubet an das Evangelium – der<lb n="8"/>Apostel: Glaubet an Christum, und der Weg der leztern hat sich bis auf den heutigen<lb n="9"/>Tag in allen Schulen, Compendien, Predigten erhalten – Auch heutigestages, wo der<lb n="10"/>Geist, die Ideen der Zeit das Bedürfnis einer Sühne für Verbrechen nicht mehr haben,<lb n="11"/>fangt man theils der Zeit theils der Wichtigkeit nach mit dem an, Christum uns als<lb n="12"/>SündenVersöhner kennen zu lehren, der der beleidigten Heiligkeit Gottes als Opfer<lb n="13"/>für die Menschheit gefallen, von welcher jedes Individuum nicht in einzelen Fällen,<lb n="14"/>sondern für seine Existenz schon, und für sein ganzes Leben eine Sühne bedürfte –<lb n="15"/>Die Dankbarkeit gegen die Person, die diß für uns gelitten hat und gestorben ist –<lb n="16"/>als ob nicht schon viele Millionen für geringere Zweke sich hingeopfert – mit<lb n="17"/>Lächeln, ohne blutigen Angstschweis, mit Freudigkeit sich für ihren König, für ihr<lb n="18"/>Vaterland, für ihre Geliebte – hingegeben hätten – wie wären sie erst für das Men<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schengeschlecht gestorben – die Dankbarkeit gegen diesen Tod, das wichtigste, das<lb n="20"/>Centrum unsrer Religion, das feierlichste für die Beschäftigung unsrer Phantasie – soll<lb n="21"/>zur Verehrung Christi und Gottes führen, zu dieser Verehrung gehört unter anderm<lb n="22"/>Ausbreitung seines Namens, u.s.w. auch endlich Frömmigkeit, Mildthätigkeit u.s.w.<lb n="23"/>Durch diese Umwege sind wir an die Moral gelangt, aber nicht in aufsteigender<lb n="24"/>sondern in Absteigender Linie. Der Vorwurf wäre also ungerecht, daß die christliche<lb n="25"/>Religion überhaupt Moralität nicht befördere – aber wie viel jene Umwege der<lb n="26"/>Moralität dadurch, daß man sie so leicht für einzige Hauptzweke angenommen hat,<lb n="27"/>der Moralität geschadet haben, liegt am Tage – Schon dadurch ist das Ziel der<lb n="28"/>Moralität aus den Augen verrukt worden, daß man nicht sie sondern Seeligkeit<lb n="29"/>zum lezten Zwek dieser Lehren gemacht hat –</p>
<p><lb n="30"/>Die Anpreisung des Glaubens hat haüfig die Folge gehabt, daß man sich mit<lb n="31"/>einem todten Glauben – des Gedächtnisses – des Mundes, – mit Empfindungen<lb n="32"/>begnügt hat, und die Gute Gesinnung und gute Handlungen erspart hat – Schon die</p>
<pb n="152" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=168" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Verfahrungsart der Apostel Menschen in ihre Gemeine aufzunehmen, war von der,<lb n="2"/>die Christus bei denen beobachtete, die er zu seinen Freunden annahm gänzlich ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schieden. Jenen genügte es, wenn eine Menge meist unwissender Menschen sich<lb n="4"/>durch die Beredsamkeit einer oder etlicher Stunden so hatten in Erstaunen sezen<lb n="5"/>lassen, daß sie ihren Worten glaubten und sich von den Aposteln taufen liessen, und<lb n="6"/>damit waren sie dann gemachte Christen – diese Bekehrungs[art] ist viele Jahr<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>hunderte fortgesezt worden, und wird noch heutigstags im Ganzen auf die nemliche<lb n="8"/>Art am Ganges, am Oronoko, am Lorenzstrom geübt.</p>
<p><lb n="9"/>Weil die dankbare Verehrung Christi, die Ausbreitung seines Namens auf dem<lb n="10"/>Erdboden, für einen Hauptzwek, für eine Hauptpflicht ausgegeben wird, so hat diß<lb n="11"/>die Folge gehabt, daß der Vorwurf gar nicht ungerecht ist, den Sittah im Nathan<lb n="12"/>macht. p. 60. Denn wozu Missionäre ausschiken, so lange es noch moralischschlechte<lb n="13"/>Menschen unter den Christen gibt – Nicht blos die Katholiken, die Protestanten<lb n="14"/>ebensogut und die Englische Kirche haben weitlaüfige kostbare Anstalten, deren<lb n="15"/>Ausführung viel Arbeit, Schweis, Beschwerlichkeiten, selbst Blut gekostet hat – um<lb n="16"/>mit einem Namen, mit Geschichten die Phantasie von Völkern anzufüllen, die sich<lb n="17"/>ihrem Bedürfnisse gemäs ihre Götter, ihre Religion schon selbst geschaffen hatten –</p>
<pb n="153" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=169" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</head>
<p><lb n="2"/>Wenn man von der christlichen Religion schreibt, ist man jederzeit der Gefahr<lb n="3"/>ausgesezt, des Fehlers beschuldigt zu werden, daß man sich eine unrichtige Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stellung von dem Zwek und Wesen derselben mache, und bei dem, was man an der<lb n="5"/>Vorstellung die man sich davon macht, auszusezen findet, ist man gleich mit der<lb n="6"/>Gegenantwort bereit, diß treffe die christliche Religion nicht – sondern nur eine<lb n="7"/>gewisse Vorstellung von derselben. Bittet man sich aus, man möchte einem doch<lb n="8"/>den Lehrbegrif zeigen, worin man zuverlässig das lautere System der christlichen<lb n="9"/>Religion antreffe, so werden die Herrn alle aus Einem Munde antworten: ist Ihnen<lb n="10"/>denn mein Compendium nicht bekannt? – Aber, meine Herrn, ihre selbstgeschrieb<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nen, Kompendien oder die die sie als ihr Glaubenssystem zum Grunde legen, sind<lb n="12"/>selbst so verschieden, daß man Sie ersuchen muß, sich vorher zu vereinbaren, ehe Sie<lb n="13"/>etwas als nicht zur christlichen Religion gehöriges ausgeben – Das was im folgenden<lb n="14"/>als zur christlichen Religion gehörig angesehen werden wird, ist entweder unmittelbar<lb n="15"/>aus dem N. Test. geschöpft, oder das was man mehr als Lehre eines Systems ansehen<lb n="16"/>kan, sehr wenige Lehrbücher und die Überzeugungen einzelner aufgeklärter Männer<lb n="17"/>abgerechnet, wohl noch immer öffentlich von den Consistorien und Kirchenräthen<lb n="18"/>anerkannte Volkslehre, noch immer der Gang, der auf den meisten Kanzeln, und<lb n="19"/>Schulen genommen wird – wenigstens das System, in dem wohl die ganze izt groß<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gewordene Generation erzogen und unterrichtet worden ist – und es ist wohl des<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wegen immer noch wichtig, manches in dieser Heilsordnung zu beleuchten – bis<lb n="22"/>gesündere Vorstellungen allgemeiner Plaz gegriffen haben, und jene Systeme nur<lb n="23"/>etwa für den neugierigen Forscher in dem Geist verflossener Zeiten, noch Interesse<lb n="24"/>haben – Ich glaube daher nicht in den Fehler derjenigen verfallen zu seyn, die andern<lb n="25"/>die Kräze geben, um sie krazen zu können – Keine Versicherung würde mir mehr<lb n="26"/>Vergnügen machen, als die, bei manchen Vorstellungsarten, die mir anstössig schie<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nen, sei es deswegen unnöthig gewesen, etwas zu errinnern, weil sie längst vergessen<lb n="28"/>seyen, wenn ich anders diese Versicherung für allgemein wahr annehmen könnte –</p>
<p><lb n="29"/>Wirkung der Religion ist Verstärkung der Triebfedern der Sittlichkeit durch die<lb n="30"/>Idee von Gott als moralischen Gesezgebers – und Befriedigung der Aufgaben unserer</p>
<pb n="154" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=170" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>praktischen Vernunft in Ansehung des von ihr uns gesezten Endzweks, des höchsten<lb n="2"/>Guts – Wegen dieser Wirkungen kan die Religion Zwek der Gesezgeber und der<lb n="3"/>Verwalter eines Staats werden – und das natürliche Bedürfnis der Menschen zu der<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>selben kan von ihnen durch besondre Anstalten befriedigt werden – Gewöhnlich hat<lb n="5"/>der Wille der Nation schon längst sich für eine bestimmte Religion erklärt, eh die<lb n="6"/>Regierungen dieselbe zum Zweke sezen konnten, nur die Fortpflanzung, die Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>rechthaltung, die immerwährende Auffrischung der Kenntniß derselben kan eine<lb n="8"/>Regierung sich zum Zweke machen – Wenn man nun weiß, von wie grossem Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>fluß, bei der Masse der Nationen in monarchischen Staaten, die öffentliche Anstalten<lb n="10"/>zur Erhaltung eines gewissen ReligionsSystems sind, wo das Volk selten in dem Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stand ist, selbst untersuchen, selbst wählen zu können, sondern sich beim Unterricht<lb n="12"/>überhaupt leidend verhält – so ist es wohl erlaubt zu fragen, ist die Religion, die einst<lb n="13"/>für das Volk zwekmässig war, – es würde sich sonst nicht zu ihr gewandt haben –<lb n="14"/>ist diese Religion in der gleichen Gestalt – unter ganz veränderten Umständen immer<lb n="15"/>noch ebenso zwekmässig – war die Religion in ihrem ersten Ursprung so beschaffen,<lb n="16"/>daß sie fähig war, bei jeder Veränderung der Regierungsform, der Aufklärung, – als<lb n="17"/>allgemeine Religion sowohl als als PrivatReligion ihre Würde, ihre Zwekmässigkeit<lb n="18"/>zu behalten, und ihre Wirksamkeit gleich auszuüben? Hat der Geist der Völker das,<lb n="19"/>was an ihr etwa temporell war, selbst nach und nach abgelegt, oder verändert –?<lb n="20"/>oder haben die machthabende es in ihre Gewalt bekommen, die Religion auszuspen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den, und haben diese ein Interesse darein gelegt, die Gestalt, die sie von ihren Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>eltern erbten, festzuhalten, und als ein theures ihnen anvertrautes Gut unverändert<lb n="23"/>wieder den Händen ihrer Nachfolger zu überliefern? Bis Veränderungen das Bedürf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nis einer ganzen Nation wurden, und dann nicht mehr aufzuhalten waren, hat es<lb n="25"/>immer Jahrhunderte erfodert, – und das Volk war gewöhnlich mit einem Stosse<lb n="26"/>zufrieden, lies sich dann das Heft bald wieder aus den Händen winden, wodurch<lb n="27"/>gewöhnlich weiterer Fortgang, mehrere Verbesserungen selbst durch die Anhäng<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichkeit an den neuen Fund, und das Mistrauen, man gehe darauf um, ihn ihnen<lb n="29"/>wieder aus den Händen zu reissen, auf Jahrhunderte unmöglich gemacht wurden –</p>
<space/>
<p><lb n="30"/>Eine Religion kan betrachtet werden</p>
<p><lb n="31"/>a) in Ansehung ihrer Lehren</p>
<p><lb n="32"/>b) ihrer Traditionen –</p>
<pb n="155" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=171" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>c) ihrer Ceremonien –</p>
<p><lb n="2"/>d) ihres Verhältnisses zum Staat oder als öffentliche Religion – Anstalten</p>
<p><lb n="3"/>Welches sind die Erfordernisse einer Volksreligion in Ansehung dieser Gesichts<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>punkte – treffen wir sie bei der christlichen Religion an.</p>
<space/>
<p><lb n="5"/>a.</p>
<p><lb n="6"/>α) Die praktische Vernunft sezt dem Menschen als höchsten Zwek alles seines<lb n="7"/>Bestrebens, sie legt ihm die Aufgabe auf, Hervorbringung des höchsten Guts in der<lb n="8"/>Welt. Moralität und ihr angemessene Glükseeligkeit –</p>
<p><lb n="9"/>Ich glaube es als zimlich allgemeine Lehre des Christenthums annehmen zu dürfen,<lb n="10"/>daß die Hofnung einer ewigen Seeligkeit das ist, was für den Christen das gröste<lb n="11"/>Interesse hat, in Vergleich mit welchem alles andre nur einen untergeordneten Werth<lb n="12"/>[hat] – Wohlgefallen Gottes an ihm ist ihm darum wichtig, weil dieser der Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>spender jener Seeligkeit ist – Diese Idee der Seeligkeit kommt in Ansehung der<lb n="14"/>Materie zimlich mit dem überein, was die Vernunft sezt.</p>
<p><lb n="15"/>Die oberste Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts ist nach der Vernunft<lb n="16"/>die Angemessenheit der Gesinnung zum moralischen Gesez – Nach der christlichen<lb n="17"/>Religion ist die oberste Bedingung der ewigen Seeligkeit – Glaube an Christum –<lb n="18"/>und an die Kraft seines versöhnenden Todes – und zwar nicht weil dieser Glaube am<lb n="19"/>Ende zur Moralität führen kan, die alsdenn doch die eigentliche Bedingung, und<lb n="20"/>jener Glaube nur das Mittel wäre – sondern der Glaube an sich selbst ist Grund des<lb n="21"/>Wohlgefallens Gottes, und dieses Wohlgefallen gibt deswegen ewige Seeligkeit<lb n="22"/>denen, die an Christum glauben, welche sie eigentlich nie verdienen konnten –</p>
<p><lb n="23"/>Diese Verschiedenheit in dem, was für den Menschen höchstes Gebot seyn soll,<lb n="24"/>führt zu mehrern Consequenzen, – oder ist vielmehr auf einigen wichtigen vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gehenden Säzen gebaut: nemlich durch alles Bestreben, durch allen aufrichtigen Eifer<lb n="26"/>zum Guten, kan der Mensch es wegen seiner völligen Unfähigkeit zur Moralität nie<lb n="27"/>so weit bringen, Glükseeligkeit zu verdienen, welcher Grad ihm von derselben zu<lb n="28"/>Theil wird, hat er von der unverdienten freien Gnade Gottes, von ihrer Gerechtigkeit<lb n="29"/>würde er nichts als Unglük und Strafe zu erwarten haben – Hier wird unwider<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sprechlich der Saz zum Grunde gelegt: der gute Mensch verdient Glükseeligkeit, er<lb n="31"/>kan sie als Recht fodern, er ist derselben würdig – Nur wird die Unmöglichkeit, vor<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>ausgesezt, ein guter Mensch zu werden –</p>
<pb n="156" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=172" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Man hat diesen Säzen – bis zum langweilig werden, den Sokrates, soviele tugend<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>hafte Haiden, so manche ganze unschuldige Völkerschaft entgegengesezt – aber<lb n="3"/>immer die elende Antwort bekommen, die für den gefühlvollen Mann, der an<lb n="4"/>Tugend glaubt, empörend ist, die ein herzleerer Kirchenvater ausgebrütet, und die<lb n="5"/>ebenso leere Schüler ihm bis zum Ekel nachgeschwazt haben – diß seyen nur glän<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zende Laster gewesen – Jenen Saz, der in der allgemeinen moralischen Natur des<lb n="7"/>Menschen so tief gegründet ist – daß der Gute der Glükseeligkeit würdig ist – ein<lb n="8"/>Grundsaz, der sich allgemein in der Urtheilungsart des gesunden Menschenverstands<lb n="9"/>aüssert, legen die Theologen bei ihrer Lehre von Gerechtigkeit selbst zum Grunde,<lb n="10"/>aber es ist ein Saz, der ihnen doch Mühe macht, den sie zu verheimlichen suchen,<lb n="11"/>nicht recht eingestehen wollen – denn er ist ihrer Grundlehre von dem genug<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>thuenden Leiden und Tod Christi doch in etwas zuwider –</p>
<p><lb n="13"/>Der Saz von der Verdorbenheit nicht nur der Menschen, sondern der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichen Natur, dem die Erfahrung da widerspricht, wo nicht schlechte Regierungen<lb n="15"/>die Menschheit herabgewürdigt haben, würde durch die schwache Exegese einiger<lb n="16"/>unzusammenhängenden Stellen der Schrift, die diß zu sagen schienen, nicht allein<lb n="17"/>behauptet und so ausgebildet worden seyn, wenn er nicht im Zusammenhang des<lb n="18"/>Ganzen eine so grosse Wichtigkeit hätte – Von dieser Verdorbenheit, und dem<lb n="19"/>Widerwillen gegen das Gute, gegen das die Vernunft einen unüberwindlichen Ekel<lb n="20"/>fühle hat man sogar die physische Ursache in der h. Schrift zu finden geglaubt, und<lb n="21"/>nicht bedacht, daß durch diese Fortpflanzung, wo der Wille des Menschen schlechter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dings keinen Einfluß haben kan, wonach schon die Kinder für strafwürdig erklärt<lb n="23"/>werden, – daß dadurch ja der Mensch – der ausserdem noch unter den Einflüssen<lb n="24"/>böser Geister stehen solle – gerade von aller Schuld für frei erklärt, daß Zurechnung<lb n="25"/>ganz und gar nicht stattfinden kan, wo keine praktische Freiheit ist, wo ihm das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mögen abgesprochen wird, theils das Gute als solches anzuerkennen, theils es zu<lb n="27"/>achten, theils ihm Übergewicht über die Sinnlichkeit zu geben. Ganz konsequent<lb n="28"/>sind daher die Haiden ohne Gnade und Barmherzigkeit verdammt worden, und die<lb n="29"/>menschenfreundliche Gesinnung derjenigen Theologen, die izt doch nimmer so<lb n="30"/>gerade darüber abzusprechen wagen, steht in Widerspruch mit ihrem übrigen<lb n="31"/>System –</p>
<p><lb n="32"/>Da Moralität nun nicht zur obersten Bedingung der Seeligkeit gemacht werden<lb n="33"/>kan, weil die Menschen ihrer nicht fähig sind, und Seeligkeit also gar nicht statt<lb n="34"/>finden könnte, so ist von der erbarmenden Gnade Gottes ein anders Ingrediens,</p>
<pb n="157" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=173" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>dessen der Mensch noch fähig ist, dafür substituirt worden (an dessen Stelle gesezt),<lb n="2"/>nemlich der Glaube an Christum – Man mag als einen noch so nothwendigen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>standtheil des Glaubens – die Thätigkeit desselben in guten Werken fodern, so liegt<lb n="4"/>doch nach dem Ausspruch der Theologen im leztern, welches uns verdienstlich<lb n="5"/>seyn, uns einen eigenthümlichen Werth geben könnte, nicht dasjenige vors erste,<lb n="6"/>was das Wohlgefallen Gottes auf uns ziehen könnte, – und dann hängt der Glauben<lb n="7"/>überhaupt von einer Überzeugung des Verstands, oder der Phantasie ab, die Dinge<lb n="8"/>für wahr halten sollen, welche theils auf historischer Glaubwürdigkeit beruhen, theils<lb n="9"/>von der Art sind, daß der Verstand sich nicht mit ihnen vereinbarn kan – Der<lb n="10"/>Glauben an Christum als an eine historische Person, ist nicht ein Glauben in einem<lb n="11"/>praktischen Vernunftbedürfnis gegründet, sondern ein Glauben, der auf Zeugnissen<lb n="12"/>anderer beruht –</p>
<p><lb n="13"/>Was Interesse für die Vernunft hat, was dem Daseyn und der Thätigkeit des Men<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schen einen höchsten Endzwek sezt – was den Schlußstein des ganzen Systems seiner<lb n="15"/>Beruhigung – der Auflösung der für ihn wichtigen Fragen macht hat nach dem, was<lb n="16"/>die Vernunft uns hierüber sagt, sein Princip, sein Fundament in der Vernunft selbst,<lb n="17"/>deren Entwiklung nur nöthig ist, um jedem Menschen die Auflösung jener Probleme<lb n="18"/>zu geben, und der Zugang dazu ist also jedem offen, der ihre Stimme hören will,<lb n="19"/>(ein Tag sagts dem andern u.s.w.) historischer Glauben dagegen ist seiner Natur<lb n="20"/>[nach] eingeschränkt, die Ausbreitung desselben hängt von zufälligen Umständen ab,<lb n="21"/>es ist eine Quelle aus der nicht jeder schöpfen kan, – und doch soll die Bedingung des<lb n="22"/>Wohlgefallens Gottes an uns, unsers Schiksals für die Ewigkeit [davon] abhängen –<lb n="23"/>Man stelle sich hiebei noch so bescheiden und demüthig mit unserer Unwissenheit in<lb n="24"/>Ansehung der Wege und Absichten der Vorsehung, – der man in andern Fällen doch<lb n="25"/>so genau auf die Spur gekommen seyn will – wir können nicht fragen, warum hat<lb n="26"/>die Natur den Thieren, die Talente des Menschen, seine Anlagen zur Vernunft und<lb n="27"/>Moralität versagt? – aber wenn ein elender Stolz, der sich bei der angenommenen<lb n="28"/>Verdorbenheit unserer Natur auf nichts als auf diese selbst stüzen könnte, uns nicht<lb n="29"/>im Range der Wesen auf eine höhere Stufe als so unzählige andere Nationen sezen<lb n="30"/>will, so können wir erwarten, daß die Mittel, die Schule zu einer Vollkommenheit,<lb n="31"/>die dem Menschen allein Werth geben, dem ganzen menschlichen Geschlecht offen<lb n="32"/>stehen – Und es sind nur 2 Fälle möglich: entweder war der grössere Theil des<lb n="33"/>menschlichen Geschlechts von dem Seegen ausgeschlossen, der durch jenen Glauben</p>
<pb n="158" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=174" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>auf uns auserwählte traüft, uns, deren Verdorbenheit nach unserem eigenem Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>geständnis der Verdorbenheit des übrigen Menschengeschlechtes wenigstens gleich<lb n="3"/>war, und also nichts bessers verdiente, in welchem Fall wir die so wichtige Begriffe<lb n="4"/>von der Würdigkeit glüklich zu seyn, die auf Sittlichkeit beruht, unserer Vernunft<lb n="5"/>und dem allgemeinen Menschengefühl absprechen, und das moralische Verhältnis<lb n="6"/>der Gottheit zur Welt und den Menschen, den Begrif seiner Gerechtigkeit, weswegen<lb n="7"/>doch die Existenz desselben allein Interesse für uns hat, aufheben, und leugnen, daß<lb n="8"/>die Moralischen Eigenschaften Gottes irgend in einem Grade für uns erkennbar¹<lb n="9"/>seyen, daß wir uns irgend einen Begrif von seiner moralischen Natur machen<lb n="10"/>können – von seiner Art, die Menschen zu richten, was die Tugend in seinen Augen<lb n="11"/>sey, – da wir doch so manche transcendentalen, und gänzlich misteriöse Eigenschaften<lb n="12"/>desselben aus der christlichen Religion sollen kennen lernen – entweder müssen wir<lb n="13"/>ganz darauf Verzicht thun, oder aber müssen wir zugeben, daß jener Glauben nicht<lb n="14"/>von der enormen Wichtigkeit sey, die man von ihm ausgibt, nicht die einzige aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schliessende Bedingung, unter der Menschen von ihrem Endzwek auf der Welt etwas<lb n="16"/>begreifen, unter der sie vor Gott und der Vernunft einen Werth haben können –</p>
<p><lb n="17"/>Die Gründe des Glaubens an Christum beruhen auf Geschichte – wenn Einfalt der<lb n="18"/>Sitten in einem Volke noch vor der grossen Ungleichheit der Stände bewahrt hat,<lb n="19"/>und die Geschichte sich auf dem eigenen Boden des Volks zugetragen hat, so pflanzen<lb n="20"/>sich die Sagen von Eltern zu den Kindern fort, sie sind in gleichem Maase jedermanns<lb n="21"/>Eigenthum; sobald aber in einer Nation besondre Stände sich bilden, nimmer der<lb n="22"/>Vater der Familie zugleich Hohepriester ist, so wird sich früh ein Stand hervorthun,<lb n="23"/>der der Depositair der Sagen ist, von dem alsdenn die Kenntnis derselben unter das<lb n="24"/>Volk ausgeht, besonders wird diß der Fall seyn, wenn die Sagen aus einem fremden<lb n="25"/>Lande, unter fremden Sitten in fremder Sprache entsprungen sind – Hier kann der<lb n="26"/>Grund, der Innhalt der Sagen in seiner ursprünglichen Form nicht mehr das Eigenthum<lb n="27"/>aller seyn, indem, um jene Form kennen zu lernen viele Zeit und ein mannichfaltiger<lb n="28"/>Apparat von Kenntnissen erfodert wird – Auf diese Art wird jener Stand bald zu<lb n="29"/>einer Herrschaft über den öffentlichen Glauben gelangen, die sich bis zu einer sehr</p>
<note xml:id="fn-158-1" type="ueber" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>bestimmbar</note>
<pb n="159" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=175" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>ausgedehnten Gewalt erweitern kan, oder wenigstens immer in Ansehung der Lehren<lb n="2"/>der Volksreligion das Heft in den Händen behält –</p>
<p><lb n="3"/>Glauben an das, was Leute uns sagen,¹ die unser Zutrauen besizen, oder vom<lb n="4"/>Staate dazu privilegirt sind, daß man ihnen glaubt, ist eine unendlich bequemere<lb n="5"/>Sache, als selbst sich zum Nachdenken zu gewöhnen, der historische Glauben ist<lb n="6"/>auch fähig, Untersuchungen zu veranlassen, aber es liegt nicht unmittelbar in seiner<lb n="7"/>Natur den Geist des Nachdenkens zu erweken; bei moralischen oder Klugheitsregeln<lb n="8"/>glaubt sich jeder berechtigt, und findet sich veranlast, sie mit seinem Gefühl und mit<lb n="9"/>seinen Erfahrungen zusammenzuhalten, und über die Wahrheit und Anwendbarkeit<lb n="10"/>derselben zu urtheilen – Bei Geschichtswahrheiten ist das Volk dazu gewöhnt, das<lb n="11"/>zu glauben, was ihm von Jugend auf erzählt wird, und nie in Zweifel darüber zu<lb n="12"/>gerathen, und dazu verdammt, sich in Untersuchungen über die Wahrheit desselben<lb n="13"/>nie einlassen zu können – Da der Grund unserer Seeligkeit nicht auf dem beruhen<lb n="14"/>soll, was unsre Vernunft, Aufmerksamkeit auf uns selbst, und andre, und Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>denken zu prüfen fähig wäre, sondern auf der Autorität derer, denen der Staat vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>züglich die Sorge für die Fortpflanzung der Geschichtswahrheiten anvertraut hat, so<lb n="17"/>kan man vielleicht sagen, es liege in der Natur der Sache, daß durch sie Gebrauch und<lb n="18"/>Kultur des Verstands, Vertrauen auf seine eigene Einsichten, Selbstständigkeit in<lb n="19"/>seinen Überzeugungen, so wenig befödert wird, und so wenig allgemein ist –</p>
<p><lb n="20"/>Glauben ist endlich² noch dem Schiksal ausgesezt, er mag noch so sehr mit Autori<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>täten umlagert, die Umstände mögen noch so fein und künstlich in ein System kom<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>binirt [seyn] – dem man nirgend beikommen kan, ohne sich in ein endloses Detail<lb n="23"/>verwikeln zu müssen – um alle Hypothesen, alle Möglichkeiten wegzuschaffen, – so<lb n="24"/>wagt es am Ende doch die Vernunft, aus sich selbst jenen Glauben zu prüfen, aus sich<lb n="25"/>selbst die Principien der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zu schöpfen, un<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>angesehen jenes künstlichen historischen Gebaüdes, das sie auf der Seite liegen läst,<lb n="27"/>und einen Primat über die Überzeugung von Vernunftwahrheiten aus historischen<lb n="28"/>Gründen behauptet –</p>
<p><lb n="29"/>Ist die Vernunft einmal so weit großgezogen, daß sie diese ihre Avtonomie fühlt,<lb n="30"/>so hat ihre aus sich selbst geschöpfte, in sich selbst gegründete Überzeugung eine</p>
<note xml:id="fn-159-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>Sache des Gedächtnisses,</note>
<note xml:id="fn-159-2" type="rand" n="²"><lb n="32"/><seg type="marke">² </seg>– dieser Glauben unterscheidet sich noch von dem historischen, durch seinen<lb n="33"/>höhern Grad von Lebhaftigkeit, – eine Spannung der Seele –</note>
<pb n="160" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=176" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>solche Stärke, daß sie entweder jenen historischen Glauben und seine Beweisgründe<lb n="2"/>gänzlich nicht achtet, ganz darum unbekümmert ist, und sich den Vorwurf eines<lb n="3"/>sträflichen Leichtsinns zuzieht; oder wenn nicht aufgehört wird, ihr jenen Glauben<lb n="4"/>vor Augen zu halten, sie damit zu bestürmen, und sie diesen nicht in sich selbst auch<lb n="5"/>aus historischen Gründen anzugreifen versteht, wenn ihr die Gelehrsamkeit dazu<lb n="6"/>mangelt, und also hartnäkkig die Übergabe verweigert, so wird [sie] einer vorsez<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichen Blindheit angeklagt – oder sie sucht den historischen Glauben entweder selbst<lb n="8"/>zu erschüttern, durch Wiz, durch die Vorstellung der Ungereimtheit mancher Er<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>zählung, oder daß sie die heilige Geschichte wie ein anderes menschliches Werk<lb n="10"/>behandelt, und bei ihren Sagen ebenso die Möglichkeit, verändert worden zu seyn,<lb n="11"/>oder nur in einem Volksglauben ihren Grund gehabt zu haben voraussezt, als bei den<lb n="12"/>Traditionen andrer Völker – oder daß sie den historischen Glauben mit seinen eignen<lb n="13"/>Waffen angreift, und in den Büchern, die sein Fundament ausmachen, das nicht<lb n="14"/>findet, was er daraus zieht, und sich dieselbe auf alle mögliche Art anzupassen sucht,<lb n="15"/>– in diesem Fall wird sie des Mangels an Achtung für das göttliche Wort – der Boß<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit und Unredlichkeit beschuldigt –</p>
<p><lb n="17"/>Der Glauben an Christum ist der Glauben an ein personificiertes Ideal, (s. n. 3)</p>
<p><lb n="18"/>Warum reichen uns Beispiele von Menschen nicht hin, uns im Kampfe der Tugend<lb n="19"/>zu stärken, den göttlichen Funken in uns, die Kraft die [in] uns liegt, über das Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>liche Meister zu werden, zu fühlen? warum erkennen wir in tugendhaften Menschen<lb n="21"/>nicht, daß sie nicht nur Fleisch von unserm Fleisch, Bein von unserm Bein, sondern<lb n="22"/>fühlen auch die moralische Sympathie, daß diß Geist von unserm Geist, Kraft von<lb n="23"/>unserer Kraft ist? – Ach man hat uns überredet, daß diese Vermögen fremdartig, daß<lb n="24"/>der Mensch nur in die Reihe der Naturwesen, und zwar verdorbener gehöre – man<lb n="25"/>hat die Idee der Heiligkeit gänzlich isolirt, und allein einem fernem Wesen beigelegt,<lb n="26"/>sie mit der Einschränkung unter eine sinnliche Natur für unvereinbar gehalten; –<lb n="27"/>wenn daher dieser moralische Vollkommenheit zugeschrieben werden könnre, so<lb n="28"/>würde sie nicht ein Theil unseres eigenes Wesens ausmachen sondern nur durch<lb n="29"/>Verbindung jenes Wesens aller Wesen selbst mit uns, durch sein Innwohnen in uns<lb n="30"/>(unio mystica), sein Wirken in uns, möglich seyn – Diese Erniedrigung der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichen Natur erlaubte es uns also nicht, in tugendhaften Menschen uns selbst wieder<lb n="32"/>zu erkennen, – für ein solches Ideal, das uns Bild der Tugend wäre, bedurfte es eines</p>
<pb n="161" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=177" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">WENN MAN VON DER CHRISTLICHEN RELIGION …</fw>
<p><lb n="1"/>Gottmenschen – Wohl uns immer noch, wenn wir das wahrhaft göttliche in ihm<lb n="2"/>finden, nicht gerade darin daß er die zweite Person der Gottheit, daß er vom Vater<lb n="3"/>von Ewigkeit her gezeugt u.s.w. sondern darin, daß sein Geist, seine Gesinnung mit<lb n="4"/>dem moralischen Gesez übereinstimmte, dessen Idee wir am Ende freilich aus uns<lb n="5"/>selbst hohlen müssen, wenn schon sein Buchstabe in Zeichen und Worten gegeben<lb n="6"/>seyn kan – Daß aber diß wahre göttliche in ihr oft verkannt, bei Seite gesezt worden<lb n="7"/>ist, zeigen einestheils, die Streitigkeiten oft auf Leben und Tod der Gelehrten und der<lb n="8"/>Priester, d. h. derer, deren Pflicht es war, die Aufmerksamkeit auf jene Moralische<lb n="9"/>Eigenschaften zu erhalten – über für die Moralität so unfruchtbare Prädikate, als die<lb n="10"/>ewige Zeugung, die Art der Verbindung der göttlichen mit der menschlichen<lb n="11"/>[Natur] u.s.w., über welche ausserwesentliche Eigenschafte man in schulgerechten<lb n="12"/>Kompendien die erschöpfendste Bestimmungen findet die am Ende so fein werden,<lb n="13"/>daß sie einem unter den Fingern entwischen, – die verschiedene Meinungen hierüber<lb n="14"/>sind zu wesentlichen Angelegenheiten der Religion gemacht, sie sind nicht in den<lb n="15"/>Studierstuben geblieben, sondern das Volk, die Regierungen sind zur Theilnahme<lb n="16"/>aufgefodert worden, um ihre Gewalt gegen die Andersdenkende Parthie zu ge<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>brauchen, und diese in ihrem Blute oder im Kerker ihre Irrthümer büssen zu lassen.<lb n="18"/>Auf diesem Wege ist offenbar das wesentliche des Ideals übersehen, miskannt wor<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>den – die Eigenschaft, wegen welcher es für uns Ideal, göttlich seyn sollte – Nicht<lb n="20"/>weniger aber zeigen uns andre ebenso traurige Erfahrungen, daß diß nicht die einzig<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>mögliche Art war, es zu verkennen, daß die Menschen noch an ausserwesentlicheren<lb n="22"/>Eigenschaften desselben hängen,¹ für dieselbe ihr eignes und fremdes Blut aufopfern<lb n="23"/>konnten, für seinen blossen Namen, für Worte, die damit verbunden wurden, oder<lb n="24"/>die von ihm herrühren (n. 4) – Durch welche Veranstaltungen es aber zu stande<lb n="25"/>gebracht werden könne, daß in Christo nicht der Mensch nur, nicht sein Name nur,<lb n="26"/>sondern die Tugend selbst erkannt und geliebt werde, die Beantwortung dieser Frage<lb n="27"/>beruht auf der Auflösung des Problems, wie ein Volk überhaupt zur Empfänglichkeit<lb n="28"/>für moralische Ideen und zur Moralität großgezogen werden könne, ein Problem,<lb n="29"/>dessen Ausführung für unsre Absicht zu weitaussehend wäre, und wovon blos<lb n="30"/>Gegenstand unserer Betrachtung der Antheil, den die christliche Religion beilaüfig<lb n="31"/>durch die Umwege ihres Glaubens daran nehmen will – Der Angel aber, um den<lb n="32"/>sich die ganze Hofnung unserer Seeligkeit dreht, ist der Glauben an Christum, als</p>
<note xml:id="fn-161-1" type="rand" n="¹"><lb n="33"/><seg type="marke">¹ </seg>– falsche Nachahmung</note>
<pb n="162" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=178" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>den Versöhner Gottes mit der Welt, als den, der an unsrer Statt, die Strafen die das<lb n="2"/>Menschengeschlecht theils wegen seiner natürlichen Verdorbenheit, theils selbst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schuldet verdient hatte, ausstand, welche Leiden eines unschuldigen – denn er war<lb n="4"/>Gott, an der unermeßlichen Schuld des Menschengeschlechts abgeschrieben, und uns<lb n="5"/>zu gut aufgerechnet werden sollen –</p>
<p><lb n="6"/>Gegen dieses Stokwerk im Gebäude des christlichen Glaubens sind die andern<lb n="7"/>Lehre nur als soviel unterstüzende Strebepfeiler anzunehmen, darum war es nöthig,<lb n="8"/>die Nichtswürdigkeit der Menschen, und ihre Unfähigkeit [zu behaupten], natür<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>licher Weise je einen Werth zu bekommen, – die Lehre von der Gottheit Christi,<lb n="10"/>– denn nur das Leiden einer solchen, konnte die Schuld des Menschengeschlechts<lb n="11"/>aufwiegen, – darum die Lehre von der freien Gnade Gottes, weil jene Geschichte, an<lb n="12"/>die unsre Seeligkeit gebunden ist, der halben Welt ohne ihr Verschulden unbekannt<lb n="13"/>bleiben konnte – und so manche andre, die damit zusammenhängt, auszubilden.<lb n="14"/>Wenn man dabei auch die abgeschmakte Vorstellung, Christus habe in der That<lb n="15"/>selbst die Strafe der ganzen Welt in seinen Leiden ausgestanden, dadurch entfernt,<lb n="16"/>daß man nur überhaupt sagt, Gott [habe] an diese Leiden die Vergebung unserer<lb n="17"/>Sünden geknüpft, sie seien die Bedingung der Widerkehr seiner Gnade gewesen,<lb n="18"/>welches der Mensch freilich aus seinem moralischen Verhältnis zur Gottheit nicht<lb n="19"/>begreifen, und wodurch der obigen Ungereimtheit eben nicht so gar viel abgeholfen<lb n="20"/>ist – so bleibt also noch der Hauptgedanke übrig, wegen fremdem Verdienst wird<lb n="21"/>den Menschen ihre Schuld erlassen, wenn sie nur diß glauben wollen –</p>
<pb n="163" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=179" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
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<head><lb n="1"/>JEZT BRAUCHT DIE MENGE …</head>
<p><lb n="2"/>Jezt braucht die Menge, die keine öffentliche Tugend mehr hat, die weggeworfen<lb n="3"/>im Zustande der Unterdrükkung lebt, andre Stüzen, andern Trost, um eine Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schädigung für ihr Elend zu haben, das sie nicht zu vermindern wagen kan – die<lb n="5"/>innere Gewisheit des Glaubens an Gott und Unsterblichkeit muß durch aüssere<lb n="6"/>Versicherungen durch Glauben an Menschen ersezt werden, die mehr davon wissen<lb n="7"/>zu können von sich die Meinung zu erregen wusten – Der freie Republikaner, der im<lb n="8"/>Geiste seines Volks für sein Vaterland seine Kräfte, sein Leben aufwand, und diß aus<lb n="9"/>Pflicht that, rechnet seine Mühe nicht so hoch an, daß er Ersaz, Entschädigung dafür<lb n="10"/>verlangen könnte – er hat für seine Idee, für seine Pflicht gearbeitet – was hat er da<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gegen zu fodern – er erwartet nur, weil er brav war, in Gesellschaft der Helden in<lb n="12"/>Elisium oder Walhalla zu leben, dort nur darum glüklicher als hier, weil er frei von<lb n="13"/>den Plagen der gebrechlichen Menschheit ist – Ebenso, wer Gehorsam unter Natur<lb n="14"/>und Nothwendigkeit als Maxime in seine Vernunft aufgenommen und diß Gesez als<lb n="15"/>uns zwar unverständlich aber als heilig ehrt, was bleiben für Ansprüche auf Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schädigungen zu machen übrig? was kan ein Oedip für Schadloshaltung für seine<lb n="17"/>unverschuldete Leiden fodern, da er sich im Dienste¹ des Fatums zu stehen glaubte –<lb n="18"/>Aber blinden Gehorsam unter die bösen Launen verworfener Menschen sich zur<lb n="19"/>Maxime zu machen, ist nur ein Volk von der höchsten Verdorbenheit, von der<lb n="20"/>tiefsten moralischen Kraftlosigkeit fähig, nur die Länge der Zeit, die gänzliche Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gessenheit eines bessern Zustands kan es dahin bringen – Ein solches Volk, das von<lb n="22"/>sich selbst und von allen Göttern verlassen, ein Privatleben führt – braucht Zeichen<lb n="23"/>und Wunder, braucht Versicherungen der Gottheit, daß es ein zukünftiges Leben<lb n="24"/>gebe, da es diesen Glauben in sich selbst nicht mehr haben kan – Es ist aber doch nicht<lb n="25"/>so weit zu bringen, um die Idee der Moralität zu fassen, und auf diese seinen Glauben<lb n="26"/>zu bauen, die Ideen sind vertroknet, sind izt Chimären, sondern sein Glauben kan<lb n="27"/>nur an einem Individuum hängen – kan nur an eine Person sich anlehnen, die ihm</p>
<note xml:id="fn-163-1" type="ueber" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>unter der Herrschaft</note>
<pb n="164" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=180" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1792/93–1794</fw>
<p><lb n="1"/>Beispiel, die der Gegenstand seiner Bewunderung ist – Daher der offne, willkommne<lb n="2"/>Empfang der christlichen Religion zu den Zeiten der verschwundenen öffentlichen<lb n="3"/>Tugend der Römer, und der sinkenden aüssern Grösse. Daher wenn nach Jahr<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>hunderten die Menschheit wieder Ideen fähig wird, das Interesse an dem individuellen<lb n="5"/>verschwindet, die Erfahrung von der Verdorbenheit der Menschen zwar bleibt, aber<lb n="6"/>die Lehre von der Verworfenheit des Menschen abnimmt, und dasjenige was uns<lb n="7"/>das Individuum interessant machte, selbst als Idee in ihrer Schönheit nach und nach<lb n="8"/>hervortritt, von uns gedacht unser Eigenthum wird, [wir] das schöne der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichen Natur, was wir selbst in das fremde Individuum hineinlegten, indem wir von<lb n="10"/>ihr nur alles ekelhafte, dessen sie fähig ist, zurükbehielten, – wieder als unser eignes<lb n="11"/>Werk freudig erkennen, es uns wieder aneignen, und dadurch Selbstachtung für uns<lb n="12"/>empfinden lernen, da wir vorher nur uns eigen glaubten, was nur Gegenstand der<lb n="13"/>Verachtung seyn kan –</p>
<p><lb n="14"/>Im Privatleben mußte Liebe zum Leben – Bequemlichkeit und Verschönerung<lb n="15"/>desselben unser höchstes Interesse seyn, (welche in ein System von Klugheit gebracht<lb n="16"/>unsre Moralität ausmachten) jezt – wenn moralische Ideen in dem Menschen Plaz<lb n="17"/>greifen können, so sinken jene Güter im Werth und Verfassungen, die nur Leben und<lb n="18"/>Eigenthum garantiren, werden nimmer für die besten gehalten – der ganze ängstliche<lb n="19"/>Apparat, das künstliche System von Triebfedern und Trostgründen, worin so viele<lb n="20"/>tausend Schwache ihr Labsal fanden, wird entbehrlicher. Das System der Religion,<lb n="21"/>das immer die Farbe der Zeit und der StaatsVerfassungen annahm, deren höchste<lb n="22"/>Tugend Demuth, Bewustsein seines Unvermögens, das alles anders woher – das böse<lb n="23"/>selbst zum Theil erwartet – wird izt eigne wahre selbstständige Würde erhalten –</p>
<pb n="165" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=181" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>EIN MANUSKRIPT<lb n="2"/>ZUR PSYCHOLOGIE<lb n="3"/>UND<lb n="4"/>TRANSZENDENTALPHILOSOPHIE<lb n="5"/>1794</head>
<pb n="167" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=184" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<head><lb n="1"/>Psychologie.</head>
<p><lb n="2"/>empirische Seele muß erst durch Aufzählung der Theile erkannt werden<lb n="3"/>rationale; diese erst nach der Untersuchung ob unsre Vernunft eines solchen<lb n="4"/>Begrifs fähig ist, möglich da der Begrif der rationalen Psychologie in<lb n="5"/>keiner Erfahrung liegt –¹</p>
<p><lb n="6"/>I. Nicht blos die Geseze der Erkenntnis², auch II. der Ursprung und die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit derselben</p>
<p><lb n="8"/>I. durch Beobachtung wie der Physiker aus dem einzelen das allgemeinere.</p>
<p><lb n="9"/>a) an sich selbst – die Verbindung – ohne Leidenschaft, nur durch meine eigene<lb n="10"/>Erfahrung kan ich Begriffe von den Wirkungsarten überhaupt machen, daher das<lb n="11"/>Vergnügen bei Situationen in denen man selbst war, Charaktere die man selbst kennt<lb n="12"/>u.s.w.</p>
<p><lb n="13"/>b) an andern – 1) wir beobachten selbst andre, Verstellung – verschwindet bei</p>
<note xml:id="fn-167-1" type="rand" n="¹"><lb n="14"/><seg type="marke">¹</seg><lb n="15" break="no"/>Dinges an sich, – absolutes Subjekt, – d. Begr. der Vernunft<lb n="16"/>– die Erkenntnis selbst – die reine Wissenschaft – der Formen der Vermögen der Seele<lb n="17"/>d. h. desjenigen was die Seele beim Erkennen Begehren selbstthätig wirkt</note>
<note xml:id="fn-167-2" type="ueber" n="²"><lb n="18"/><seg type="marke">² </seg>Veränderungen</note>
<pb n="168" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=185" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Leidenschaften, und fortgesezter Beobachtung – wir erschweren es uns selbst durch<lb n="2"/>Leidenschaft – 2) andre theilen uns ihre Beobachtungen mit an sich selbst – auf<lb n="3"/>Glaubwürdigkeit – und auf Beobachtungen an uns selbst – überhaupt auch von<lb n="4"/>andern – Menschen die in vielen Verhältnissen gelebt haben – historische Schriften,<lb n="5"/>Biographien – Reisebeschreibungen (hir Kritik nöthig) – Dramatische Schriften –<lb n="6"/>Romanen.</p>
<p><lb n="7"/>II. Ursprung der Erkenntnis</p>
<p><lb n="8"/>Erfahrung ist immer zusammengesezt. Was gibt uns eigentlich das Objekt, was ist<lb n="9"/>Zusaz unsrer Selbstthätigkeit – theils in der Erfahrung theils in Begriffen, deren<lb n="10"/>Objekt über alle Erfahrung hinaus ist¹ – Beziehung auf Objekte – die engere un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bekümmert darum, geht bloß auf die Geseze der Veränderungen in der Seele – diese<lb n="12"/>ob nicht alles blosser Schein wie der Umlauf der Sonne sey, was den Dingen selbst<lb n="13"/>zukomme</p>
<p><lb n="14"/>Die Anschauung muß sich nach der Beschaffenheit unseres AnschauungsVermögens,<lb n="15"/>und als auf Objekte bezogene Begriffe richten sich nach den Gesezen meines Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>standes – von diser Erkenntnis, die die Dinge den Regeln unseres Anschauungs<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>Vermögens und Verstands gemäs – die Erkenntnis durch Vernunft, welche das<lb n="18"/>Unbedingte verlangt – würde in Widerspruch mit sich selbst gerathen, wenn wir<lb n="19"/>annähmen, die Dinge an sich selbst, durch Sinnlichkeit und Verstand zu erkennen –<lb n="20"/>die Vernunft kommt daher auch nicht über die Erfahrung hinaus, auf Dinge an sich<lb n="21"/>selbst, da die VerstandesBegriffe nur auf Erscheinungen anwendbar sind. Ein Schein<lb n="22"/>in dem Vermögen der Vernunft selbst gegründet – Sie erweitert sie nur die Gränzen</p>
<note xml:id="fn-168-1" type="rand" n="¹"><lb n="23"/><seg type="marke">¹ </seg>die wir als solche erkennen</note>
<pb n="169" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=186" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>der Sinnlichkeit als praktisches Vermögen, sofern sie selbstthätig ein Gesez des<lb n="2"/>Willens aufstellt – a priori, à posteriori<lb n="3" type="absatz"/>synthetische Urtheile, analytische</p>
<space/>
<p><lb n="4"/>GrundVermögen entdekt die Erfahrung keines, auch die Abstraktion – aus dem<lb n="5"/>sich alle andern begreifen liessen, wie die verschiedenen Wirkungen des Pulvers, des<lb n="6"/>Worts des Generals –</p>
<p><lb n="7"/>VorstellungsVermögen Generalkraft – Im Bewustseyn wird die Vorstellung durch<lb n="8"/>das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden, und auf beide bezogen – Saz<lb n="9"/>des Bewustseyn – aber die übrigen Zweige können nicht daraus hergeleitet werden –<lb n="10"/>(PulverExplosion</p>
<p><lb n="11"/>[Vermögen der] Erkenntnis, Empfindsamkeit, BegehrungsVermögen</p>
</div>
<div>
<head><lb n="12"/>I. Abschnitt. ErkenntnisVermögen</head>
<p><lb n="13"/>I. EmpfindungsVermögen }<lb n="14" type="absatz"/>II. Phantasie } unteres<lb n="15" type="absatz"/>III. Verstand und Vernunft } oberes</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>EmpfindungsVorstellungen</p>
<p><lb n="17"/>Die Fähigkeit Vorstellungen durch die Art wie wir von Gegenständen afficirt<lb n="18"/>werden – zu bekommen – ist Sinnlichkeit – Anschauungen – unterschieden von<lb n="19"/>Begriffen – diese Wirkung ist Empfindung – ein Begrif bezieht sich nur mittelbar auf<lb n="20"/>die Objekte, durch allgemeine Merkmale.</p>
<pb n="170" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=187" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>A aüsserer, B innerer Sinn</head>
<p><lb n="2"/>A.</p>
<p><lb n="3"/>I. Geseze, aüssere Bedingungen unter denen in der Seele eine Anschauung zum<lb n="4"/>Bewustseyn gelangt –</p>
<p><lb n="5"/>a) gegenwärtig b) auf die bestimmte Art von Nerven c) hinlängliche Stärke und<lb n="6"/>Dauer – d) durch die Nerven bis ins Gehirn fortgepflanzt werden¹ α) Nerven unter<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bunden oder nicht in Verbindung mit dem Gehirn sind. β) Nerven im Gehirn oder<lb n="8"/>γ) Rükenmark, die zur Empfindung gehören δ) Gehirn selbst unverlezt – e) Leute<lb n="9"/>noch Schmerzen in einem Glied, das sie nimmer haben. f) Stimmen gehört ohne<lb n="10"/>aüssere Eindrüke, Fanatiker</p>
<p><lb n="11"/>Frage vom Siz der Seele</p>
<p><lb n="12"/>Wie werden die Nerven Werkzeuge der Empfindung – a) Fluidum b) die Haüte,<lb n="13"/>Membranen – c) Schwingung –</p>
<p><lb n="14"/>a) α) Analogie β) Menge des Bluts ins Gehirn γ) Verbrauch des Nervensafts,<lb n="15"/>bei Ermüdung durch Kopfarbeit</p>
<p><lb n="16"/>II. innere, d. h. von Seiten der Seele, eine Selbstthätigkeit – Aufmerksamkeit, daß<lb n="17"/>sie die Vorstellungen von andern auskennt und unterscheidet, einige Augenblike sich<lb n="18"/>dabei verweilt – nicht auf zu viele Gegenstände²</p>
<note xml:id="fn-170-1" type="rand" n="¹"><lb n="19"/><seg type="marke">¹ </seg>oder eigentlich in Verbindung mit ihm stehen –</note>
<note xml:id="fn-170-2" type="rand" n="²"><lb n="20"/><seg type="marke">² </seg>sie nimmt sie nicht gewahr, wenn sie auf andre Gegenstände oder auf mehrere,<lb n="21"/>– es gibt eine Kunst zu sehen – jedes Handwerk – Wissenschaft hat seine eigne, die mehr sieht<lb n="22"/>als andre – durch unterscheidende Begriffe</note>
<pb n="171" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=188" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>II. Verschiedene Arten: A. Die Hauptgattungen</p>
<p><lb n="2"/>Nur solche die uns von Beschaffenheiten der Objekte belehren also nicht Hunger,<lb n="3"/>auch nicht Gefühl von Lust und Unlust – und andre. Alles aufs Gefühl, kommt bei<lb n="4"/>allen vor, aber enthält nicht die Verschiedenheit</p>
<p><lb n="5"/>1. GefühlsVermögen – Berührung insofern jeder Sinn – unmittelbar auf die Nerven<lb n="6"/>der Haut – Grösse Solidität Impenetrabilität, Härte, Rauheit, Glätte</p>
<p><lb n="7"/>2. Geschmak – Siz die Zunge, und Gaumen – nicht mit Namen benennen –</p>
<p><lb n="8"/>3. Geruch – Haut der Nase – feine Theile, deren er eine Menge verlieren kan – sehr<lb n="9"/>lange riechen, 4. Gehör – zitternde Bewegung der Luft, Schälle Töne – 5. Gesicht –<lb n="10"/>Lichtstrahlen in den Feuchtigkeiten gebrochen – Licht und Farben – <hi rendition="#g">reine</hi> – von<lb n="11"/>gemischten zu unterscheiden – Entfernung bei Kindern und Blindgebohrnen –</p>
<p><lb n="12"/>A. Wodurch unterscheiden sie sich</p>
<p><lb n="13"/>a) Beschaffenheit und Feinheit der Organe in Verhältnis mit der Feinheit der<lb n="14"/>Materie – b) Art des Afficirens, unmittelbar oder mittelbar – Gefühl die ganze<lb n="15"/>Masse – Geschmak öhlichte, salzige schweflichte Theile – Geruch Berührung der<lb n="16"/>feinern Theile – GehörsMedium die Luft – Gesicht Luft und Lichtmaterie c) Umfang<lb n="17"/>und Menge – im Rang Gesicht, Gehör, – d) Klarheit – e) Leichtigkeit der Reproduk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tion – Gesichts und GehörsVorstellungen¹</p>
<note xml:id="fn-171-1" type="rand" n="¹"><lb n="19"/><seg type="marke">¹ </seg>d) GesichtsVorstellungen deutlich, man kan die partiellen Vorstellungen<lb n="20"/>unterscheiden – Geruch, Geschmak Gemische nicht so e) Innhalt, die Gesichts und Gefühls<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>Vorstellungen, der Begrif des Raums gewekt, die andre verbinden sich erst damit – Gefühle<lb n="22"/>von Modifikationen unsrer selbst – auf den Gedanken, daß der Gegenstand verschieden sei<lb n="23"/>von uns</note>
<pb n="172" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=189" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>II Innerer Sinn.</head>
<p><lb n="2"/>auf Gegenstände die wir uns blos in der Zeit vorstellen oder auf die Bestimmungen<lb n="3"/>unsrer eignen Sele da alle Wahrnehmungen Veränderungen unsers eignen Selbsts sind,</p>
<p><lb n="4"/>A. Gegenstände der Wahrnehmung des innern Sinns.</p>
<p><lb n="5"/>a) selbstthätige Aüsserungen der Denkkraft und des Willens ob sogleich oder erst<lb n="6"/>in ihren Wirkungen b) passive Veränderungen GemüthsZustände – c) das Gefühl<lb n="7"/>unsrer Selbst, das Selbstbewustseyn verbunden mit jeder Veränderung – wie sie sich<lb n="8"/>selbst empfinde, durch Organe –</p>
<p><lb n="9"/>B) Gibt es Veränderungen und Zustände, deren wir uns nicht oder doch in man<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>chen Zeitpunkten bewust werden – es ist wahrscheinlich daß in jeder Minute gewisse<lb n="11"/>Modifikationen sind, deren sie sich nicht bewust ist –</p>
<p><lb n="12"/>a) Ideen in der Seele aufbehalten b) mehrerer zusammengesezte Vorstellungen<lb n="13"/>viele blos klar – die einzele Theile dunkel –</p>
<p><lb n="14"/>I) Vorstellungen von der Seele ohne ihr Bewustseyn bearbeitet – der Seele Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kraft vorstellende Kraft</p>
<p><lb n="16"/>Erfahrung 1) im Traümen z. B. vornimmt zur gewissen Zeit aufzustehen – ohne<lb n="17"/>Errinnerung ohne Bewußtseyn, lezters Nachtwandler – Starrsucht, ohne Bewustseyn,<lb n="18"/>indeß die Idee festhält, die sie vorher beschäftigte –</p>
<p><lb n="19"/>C) Geseze der Klarheit</p>
<p><lb n="20"/>a) Nach der Beschaffenheit der innern Veränderungen</p>
<pb n="173" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=190" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>α) die schwächern schwerer wahrgenommen als die lebhaftern – wie im tiefen<lb n="2"/>Schlaf –</p>
<p><lb n="3"/>β) durch die Menge der Veränderungen zu gedrängt als daß klares Bewustseyn –<lb n="4"/>heftige Affekten eine Ohnmacht – Veränderungen in Affekten zwar fühlen, aber nicht<lb n="5"/>wahrnehmen – b) auf Beschaffenheit und Zustand der Seele – Gewohnheit – gehindert<lb n="6"/>α) durch eine aüssere Empfindung unterbrochen¹ – β) sehr stark mit andern Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stellungen beschäftigt – Traurigkeit – γ) vom Reiz der Veränderungen ob […] –<lb n="8"/>von unangenehmem lenkt sich die Seele ab und sucht es nicht zu erhalten – das<lb n="9"/>neue – auf Übung, Gewohnheit</p>
<space/>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>Phantasie</head>
<p><lb n="11"/>I. Aufbehalten der Vorstellungen (Gedächtnis</p>
<p><lb n="12"/>II. Wiedererwekung der Vorstellungen</p>
<p><lb n="13"/>III. Rekognition, Errinnerung</p>
<p><lb n="14"/>IV. DichtungsVermögen</p>
<space/>
<p><lb n="15"/>I. a. werden Vorstellungen aufbehalten – Wiedererwekung sezt Aufbehalten<lb n="16"/>voraus –</p>
<p><lb n="17"/>b) wo? 3 Partheien α) blos im Gehirn – β) blos in der Seele – γ) in beiden zu<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gleich</p>
<p><lb n="19"/>α) ist wahrscheinlich, nur nichts von der Beschaffenheit der aufbehaltnen Spuren –<lb n="20"/>eine Disposition, Leichtigkeit zu solchen Veränderungen – Kopfschmerzen auf Nach-</p>
<note xml:id="fn-173-1" n="¹"><lb n="21"/><seg type="marke">¹</seg><lb n="22" break="no"/>Leute in der Einsamkeit, Selbstbeobachter – Rousseau</note>
<pb n="174" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=191" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>denken – also Veränderung im Gehirn mit Beschäftigung der Seele verbunden –<lb n="2"/>Gedächtnis durch Krankheit geschwächt¹ – In der Fiberhize Vorstellungen der Seele<lb n="3"/>gegen ihre Willkühr – wahrscheinlich im Gehirn gewisse Dispositionen – nichts<lb n="4"/>nähers – Hypothesen –</p>
<p><lb n="5"/>β) in der Seele aa) Veränderungen Spuren zurük – bb) ihr eigne – Verbindung zur<lb n="6"/>Einheit – der Vorstellungen – blos Werk der Seele – Anschauung des Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>faltigen noch nicht Verbindung, VerhältnisVorstellungen, diese Fertigkeit Disposition<lb n="8"/>der Seele cc) auf Namen besinnen wo mehrere herbeigeführt werden, die Seele<lb n="9"/>erkennt – also IntellektualVorstellung</p>
<p><lb n="10"/>c) Geseze der Behaltsamkeit der Vorstellungen</p>
<p><lb n="11"/>α) es kommt auf die Beschaffenheit der Eindrüke selbst an, je klarer, je stärker,</p>
<p><lb n="12"/>β) auf die Fähigkeit der Organe – zu weich in der Kindheit – zu steif im Alter –</p>
<p><lb n="13"/>γ) in Rüksicht auf die Thätigkeit – Zustand – Beschaffenheit der Seele selbst –<lb n="14"/>1) Aufmerksamkeit [je] länger sie sich damit beschäftigt 2) Verhältnis des Eindruks –<lb n="15"/>angenehm – Interesse – mit dem GedankenSystem übereinstimmt – auch kontra<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stirend</p>
<p><lb n="17"/>δ) Spuren ganz aus der Seele oder Gehirn ausgelöscht? Beweisen läst sichs nicht –<lb n="18"/>auffällige Erfahrung: Vorstellungen die sehr lang nicht wiederholt vergessen zu<lb n="19"/>haben scheinen, durch ausserordentliche Umstände wieder hervorgerufen werden –</p>
<note xml:id="fn-174-1" type="rand" n="¹"><lb n="20"/><seg type="marke">¹ </seg>Gehirn nicht disponirt, Veränderungen der Seele aufnehmen – Seele kan nicht<lb n="21"/>wirken<lb n="22" type="absatz"/>in der Seele selbst Vorstellungen gegen ihren Willen aufeinanderfolgen</note>
<pb n="175" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=192" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>B.<lb n="2"/>Wiedererwekung der Vorstellungen</head>
<p><lb n="3"/>I. nach welchen Gesezen</p>
<p><lb n="4"/>a) spezielle Geseze</p>
<p><lb n="5"/>α) Vorstellungen die Ort und Zeit verbinden – Lokal- und WortGedächtnis –<lb n="6"/>wenn die eine zurükkommt auch die andre, ohne daß die Ursache selbst wirkt –<lb n="7"/>Lokal und Wortgedächtnis, Möglichkeit der Sprachen – Worte willkührliche Zei<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>chen der Ideen</p>
<p><lb n="9"/>β) Subjekt auf Beschaffenheit und Handlung und umgekehrt – das Ganze und<lb n="10"/>Theile</p>
<p><lb n="11"/>γ) Ursache und Wirkung – Hagel, Wetter –</p>
<p><lb n="12"/>δ) Ähnlichkeit der Vorstellungen – Portrait GespensterGeschichten</p>
<p><lb n="13"/>ε) kontrastirend – Finsternis Licht – Kälte – Krankheit</p>
<p><lb n="14"/>ζ) Zeichen und bezeichnetes</p>
<p><lb n="15"/>b) allgemein: Wenn 2 Vorstellungen zu gleicher Zeit in die Seele gekommen<lb n="16"/>oder auf einander gefolgt sind, im Verhältnis der Koëxistenz oder Succession stehen,<lb n="17"/>die eine die andre erwekt α) klar β) B und A ähnlich also x gemeinschaftlich, koexi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stirend, in beiden PartialMerkmal</p>
<p><lb n="19"/>c) Warum von mehreren durch Koexistenz und Sukzession verbundenen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stellungen gerade nur diese nicht andre gewekt werden?</p>
<p><lb n="21"/>α) je gelaüfiger eine Art von Vorstellung ist, desto leichter durch eine, die mit ihr<lb n="22"/>in Verbindung ist – erwekt – Jedes Metier – β) je enger und fester eine Idee A mit B<lb n="23"/>verbunden ist – öfters zusammengedacht – je mehr der Verhältnisse sind – grösserer</p>
<pb n="176" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=193" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Grad des Verhältnisses grössere Ähnlichkeit γ) je klarer lebhafter – erst vor kurzem<lb n="2"/>δ) die auf die Stimmung der Seele sich bezieht am lebhaftesten reproducirt werden.</p>
<p><lb n="3"/>א) auf den Zustand einer Leidenschaft¹ – Zur Unterhaltung, Verstärkung – alle<lb n="4"/>andern verschmähen – nicht unter einander verbunden nur in Beziehung darauf<lb n="5"/>stehen – auf fremde Gegenstände gerichtet immer den Gang der Leidenschaft folgen –<lb n="6"/>alles in ihren Krais hineinreissen – bei 2 Leidenschaften die verbundenen Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lungen immer abwechseln –</p>
<p><lb n="8"/>ב) auf den Zustand des Nachdenkens – damit in Verbindung stehen – mehr die<lb n="9"/>wesentliche als zufällige Vorstellungen</p>
<p><lb n="10"/>ג) bei jedem Menschen auf die Wirksamkeit gewisser IdeenVerhältnisse a) bei<lb n="11"/>jedem Menschen verschieden, eine wirksamer als die andre – Gewohnheit – oder<lb n="12"/>natürliche Anlage – unausgebildete [auf] zufällige Beschaffenheiten, gebildete mehr<lb n="13"/>auf Ursache und Wirkung auch hier Verschiedenheiten – b)</p>
<p><lb n="14"/>II. Ursachen [der] Wiedererwekung der Vorstellungen</p>
<p><lb n="15"/>3 Hypothesen</p>
<p><lb n="16"/>a) blos im Gehirn in mechanischen Ursachen – eine Fiber die andre, diese eine<lb n="17"/>Vorstellung in der Seele – eine Vorstellung die andre, nicht in der Seele unmittelbar</p>
<p><lb n="18"/>α) Gründe für</p>
<p><lb n="19"/>a) unwillkührliche Erwekungen der Ideen – Trunkenheit Fieber Traum – oft auf<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>drängen einer Vorstellung gegen ihren Willen nicht entfernen kan – Hypochonder<lb n="21"/>– durch Hebung von körperlichen Ursachen – oft aber in der Seele gewissen –</p>
<note xml:id="fn-176-1" type="rand" n="¹"><lb n="22"/><seg type="marke">¹ </seg>Traurigkeit Haß.</note>
<pb n="177" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=194" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>mit jeder Vorstellung GehirnBewegung verbunden – dise Fiber reizbarer, also aus<lb n="2"/>Veranlassung die Sele die Idee öfters in sich hervorbringt</p>
<p><lb n="3"/>b) Schwächung des Gedächtnisses – kommt mit der Gesundheit zurük – Virtuose<lb n="4"/>schlechtes Instruments – wegen fehlerhafter Beschaffenheit des Gehirns nicht zum<lb n="5"/>deutlichen Bewustseyn</p>
<p><lb n="6"/>c) Übermacht über Reihen – sie entfernen –</p>
<p><lb n="7"/>durch Krankheit das Gehirn sinnliche Eindrüke die Vorstellungen in der Seele<lb n="8"/>veranlassen aber nicht nach den Gesezen der Phantasie</p>
<p><lb n="9"/>daß durch Krankheit oder widernatürliche Beschaffenheit des Gehirns die Seele<lb n="10"/>ihre Übermacht und Willkühr Reihen von Vorstellungen zu unterbrechen oder fort<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>zusezen oder gewisse Vorstellungen zu entfernen verhindert wird</p>
<p><lb n="12"/>Gewisse Zustände des Gehirns gewisse Empfindungen rege gemacht, alsdenn<lb n="13"/>Ideenreihen nach ihren eignen AssociationsGesezen</p>
<p><lb n="14"/>III. Was veranlast die Seele bestimmte Ideen oder IdeenReihen zu erweken</p>
<p><lb n="15"/>a) sinnliche Eindrüke – besonders Gesichts- und GehörsVorstellungen</p>
<p><lb n="16"/>b) körperliche Zustände – Blut nach der Brust, Angst –</p>
<p><lb n="17"/>c) Abwesenheit aüsserer Gegenstände – Mangel gewisser körperlicher Bewegungen<lb n="18"/>– Hinderung der Ideen</p>
<p><lb n="19"/>IV. Beschaffenheit der widererwekten Vorstellungen</p>
<p><lb n="20"/>A. Unterschied von EmpfindungsVorstellungen</p>
<p><lb n="21"/>durch Schwäche – verbunden die Vorstellung der Abwesenheit des Gegenstandes,<lb n="22"/>mit Empfindungsvorstellung die [der] Gegenwart, a) es kan geschehen daß die<lb n="23"/>PhantasieVorstellung einen eben so grossen Grad von Lebhaftigkeit hat – die Seele</p>
<pb n="178" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=195" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>nicht Besonnenheit genug – Vergleichungen anzustellen, verwechselt daher – Fieber<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>Paroxism Verrükung – Visionär von Natur eine starke Einbildungskraft und durch<lb n="3"/>aüssere Mittel sie erhöhen b) Empfindungsvorstellungen schwächer [im Vergleich]<lb n="4"/>mit den Phantasievorstellungen – Träume – kein allgemeines Criterium. Bei jedem<lb n="5"/>Menschen die sinnliche Vorstellung ein bestimtes Verhältnis mit der Phantasie<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>Vorstellung – das der Verstand nicht bestimmen kan.</p>
<p><lb n="7"/>B. Verhältnis gegen andre</p>
<p><lb n="8"/>selten allein, gewöhnlich eine ganze Verbindung von GesichtsVorstellungen – auch<lb n="9"/>damit Vorstellungen andrer Sinne, Töne – Namen – GefühlsVorstellung sehr früh –<lb n="10"/>auch zuweilen Geruchs-GeschmaksVorstellung – wenn eine Haupteigenschaft ist –</p>
<p><lb n="11"/>V. Folge auf die Widererwekung der Vorstellung –</p>
<p><lb n="12"/>a) in der Seele der Zustand der ehmals damit begleitet war b) im Körper α) die<lb n="13"/>unwillkührliche Bewegung von der sie gewöhnlich begleitet ist – β) willkührliche<lb n="14"/>Bewegungen – ein Ansaz, Anwandlung, Musiker, Jäger – Nerven – Kunstfertigkeit<lb n="15"/>eine gewisse Reihe körperlicher Bewegungen hervorzubringen, die man mit Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stellungen verbindet – Klavierschlagen.</p>
<space/>
<p><lb n="17"/>C. I. WiderErrinnerung – Erkennung – Vergleichung und Unterscheidung eines<lb n="18"/>gegenwärtigen Eindruks von einem ehmaligen – Bewustseyn die gegenwärtige Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stellung einerlei sey mit einer schon gehabten – Unterschied von Reproduktions<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>Vermögen α) eine reproducirte Vorstellung ohne Errinnerung seyn – β) Errinnerungs<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>Vermögen nicht blos bei widererwekten Vorstellungen – auch bei wirklichen Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>findungen wirksam – γ) Errinnerung wirksam, wo die Reproduktionskraft un<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>vermögend –</p>
<pb n="179" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=196" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>II. Regeln α) auf die Klarheit des Bewustseyns von der Empfindung an die man<lb n="2"/>sich errinnern soll – Nachdenken über eine Stelle in einem Buch – β) Nebenumstände<lb n="3"/>Widererwekung – Vergessen Gedächtnis – Ursache unerklärlich – Zurükführen auf<lb n="4"/>einfacheres Vermögen oder mechanische Ursachen – verschiedenes Gefühl bei einer<lb n="5"/>schon einmal geschwungenen Fiber.</p>
<p><lb n="6"/>D. DichtungsVermögen – Vorstellungen hervorzubringen verschieden von den<lb n="7"/>gehabten, Grösse, Qualität, Ordnung</p>
<p><lb n="8"/>a) Bilder in einer ganz andern Ordnung, Lage, Proportion – auf die Theile vor<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>stellen</p>
<p><lb n="10"/>b) Bestandtheile einer Empfindung trennen oder verbinden – Maler –</p>
<p><lb n="11"/>c) Vergrössern und Verkleinern – gewaltig groß erhaben d) Allgemeine Bil<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>der – sinnliche Abstrakta – [das] ähnliche zusammenfliest – ob neue – Zerlegung von<lb n="13"/>einfachen oder Zusammensezen – Einbildungskraft entweder willkührlich – oder<lb n="14"/>unter Leitung des Verstands und Vernunft – Gewisse ReproduktionsKraft nicht mit<lb n="15"/>der Dichtkraft vereinbar.</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>Anwendung auf gewisse Zustände – wo die Phantasie Antheil hat – Traümen,<lb n="17"/>Nachtwandeln, Verrükung Ahndungen Visionen.</p>
<p><lb n="18"/>I. Schlaf. a) Unterschied vom Wachen – dunkler Vorstellungen – aber oft klare<lb n="19"/>Vorstellung – Haller Unfähigkeit sich freiwillig zu bewegen und klar zu empfinden<lb n="20"/>bei gesunden Organen – Unmacht – Unfähigkeit klare aüssere Empfindungen die<lb n="21"/>nicht durch eine Leidenschaft sondern durch allmählige Ermüdung unsers Körpers –<lb n="22"/>Vielerlei Arten von Schlaf a) tiefe Schlaf α) dessen nicht mehr errinnern kan β) bei<lb n="23"/>dem alle willkührlichen Bewegungen des Körpers und alle aüssere Empfindungen</p>
<pb n="180" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=197" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>fehlen b) Traumschlaf – eine Reihe von Vorstellungen der Seele gegenwärtig, mit<lb n="2"/>Bewustseyn gedacht und errinnern kan. – Die Seele alles als Empfindung was nur Bild<lb n="3"/>der Phantasie ist, nicht daran, daß der Gegenstand nicht gegenwärtig ist – oft gar<lb n="4"/>keine Bewegungen c) Nachtwandelns wenn freiwillige und lebhaftere Bewegungen<lb n="5"/>hervorgebracht und durch einige Sinne klarere Empfindungen bekommen – Mitt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lerer Zustand zwischen Wachen und Traümen,</p>
<p><lb n="7"/>A) Traüme α) wodurch veranlast 1) durch aüssere Empfindungen א) aüssere<lb n="8"/>Gegenstände also nicht die Klarheit wie im Wachen, dunkle Vorstellung wenn der<lb n="9"/>tiefe Schlaf aufhört – dunkle Empfindung Reihe klarer Vorstellungen veranlast –<lb n="10"/>brennen im Körper – wohl oder übelseyn – fürchterliche Vorstellungen – Angst. –<lb n="11"/>2) Vorstellungen vor dem Einschlafen – Lebensgeister lebhafter als im tiefen Schlaf<lb n="12"/>β) wodurch die IdeenFolge bestimmt – a) nach den AssociationsGesezen – Sprünge –<lb n="13"/>die Errinnerung fehlt – Im Wachen oft auch albern – aber im Wachen eine Leiden<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schaft – oder ein Zwek – Verstand nicht thätig – b) oft die Vernunft und Urtheils<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kraft – bei Leuten die gewohnt sind zu denken oft wirksamer als im Wachen –<lb n="16"/>Johnson – Gelehrte – Reinhold – Probleme – unbekannte Sprachen – c) neue Sen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sationen daher die Sprünge der Einbildungskraft – Bettfeder – γ) PhantasieVorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lungen mit sinnlichen Empfindungen verwechseln a) aüssere Empfindungen weniger<lb n="19"/>lebhaft – Seele gewohnt nach der Lebhaftigkeit b) Erfahrungen über die Natur.<lb n="20"/>Bewustseyn der Zeit des Orts, der vorhergehenden Zustände – δ) Folgen a) Körper –<lb n="21"/>oft nachtheilige oft gute – bei Kranken – b) Taüschung fürs ErkenntnisVermögen<lb n="22"/>c) aufs BegehrungsVermögen – grössere Disposition in der Ökonomie der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichen Natur – beim Abspannen der körperlichen bewegenden Kräften – durch<lb n="24"/>Einbildungskraft die Lebensorgane innigst bewegen – ein völliges Erlöschen des</p>
<pb n="181" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=198" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Lebens. ε) bisweilen die Traüme selbst bestimmen – gewisses Verhalten im wachen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>den Zustand auf den Körper – Seele im Wachen die Vorstellung der Schädlichkeit<lb n="3"/>recht lebhaft damit verbindet – Macht über die Einbildungskraft – Börhave – Kinder<lb n="4"/>ins Bett pissen – im Wachen über die Traüme nachdenken – schrekliche Phantasie<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>Vorstellungen – ζ) Schluß auf den logischen, moralischen Karakter – wichtig für<lb n="6"/>Eltern, Erzieher</p>
<p><lb n="7"/>b) Nachtwandeln¹ α) sinnliche Eindrüke, lebhafter verschieden – Sehen – nicht<lb n="8"/>klar – Gefühl ungewohnte gefährliche Orte – Gehör – Geruch, Geschmak – sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>liche Eindrüke wirksamer als beim traümenden β) Verrichtungen – Bewegungen<lb n="10"/>ähnlich im Wachen – GehirnFibern reizbarer als bei den traümenden – Wie sie<lb n="11"/>ungewöhnliche Dinge verrichten – sicher bewegt – keine Vorstellung von der<lb n="12"/>Gefahr – in Acht nehmen einen Nachtwandler in disem Zustand zu unterbrechen –<lb n="13"/>γ) warum nimmer erinnert – nicht vollständig die Ursachen erklären – Gehirn eine<lb n="14"/>Spannung die sich verlirt wenn der Zustand aufhört (eine Krankheit oft in schlimmere<lb n="15"/>Zufälle ausgeartet) – sich ein andersmal wieder erinnerte – Magnetischer – klarere<lb n="16"/>Empfindungen – schwächere Empfindungen, Geisteskräfte erhöht auch beim Schlaf<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wandler und Traümenden –</p>
<p><lb n="18"/>II. Verrükung – A) schwankender Ausdruk – Einbildungen lebhafter als Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>findungen – verwechselt gewisse Einbildungen mit sinnlichen Empfindungen – ein<lb n="20"/>daurender Zustand untereinander – nicht zu überzeugen vom Gegentheil – oft nur<lb n="21"/>eine einzige Idee – natürlich mehrere Taüschungen Bezug darauf – ihren Zustand<lb n="22"/>für einen andern – Schlüsse richtig – Könige, Kardinäle – Person in der Gottheit –<lb n="23"/><hi rendition="#g">Narrheit</hi>. andre überhaupt mehrere PhantasieVorstellungen verwechseln mit sinn-</p>
<note xml:id="fn-181-1" type="ueber" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>Schlafwanderer.</note>
<pb n="182" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=199" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>lichen Empfindungen, Wahnsinn – oft mit Tollheit – mit verstekten bösartigen<lb n="2"/>Launen. Raserei mit ungestümen Ausbrüchen – Melancholie – traurige Gedanken<lb n="3"/>Narrheit B) Ursachen – im allgemeinen widernatürliche regellose Phantasie –<lb n="4"/>I. physische Ursache, ohne Zuthun der Seele, oft natürliche geerbte Disposition, zur<lb n="5"/>Zeit der Schwangerschaft theils Einwirkungen fremder Körper – giftige Kraüter,<lb n="6"/>tolle Hunde – Ursachen in unserm Körper – KrankheitsMaterie auf das Gehirn –<lb n="7"/>Einimpfung der Kräze – II. in der Seele 1) ein Bild der Phantasie zu einer solcher<lb n="8"/>Lebhaftigkeit – allzuhaüfige Widerhohlung – zu lebhafte Vergegenwärtigung – sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>liche Empfindung überwiegt – Leidenschaft Stolz – verliebt – Spekulationen – eine<lb n="10"/>zu lebhafte Sensation mit einer Vorstellung, zu grosse Freude, endlich alles darauf<lb n="11"/>zurükgeführt – endlich Wahnsinn – b) Wahnsinn a) Anstrengung der Denk<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>organe – anders empfinden als andre Menschen – die Einbildung dise Bewegung für<lb n="13"/>Empfindung – Schlüsse und Urtheile richtig in der Form – Stimmung – b) heftige<lb n="14"/>Leidenschaften, ausschweifende Befriedigung der Sinnlichkeit – die meisten Verrük<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>ten 3 Leidenschaften, Hochmuth Eifersucht Liebe – unmässige Befriedigung des<lb n="16"/>animalischen Triebs. III. Heilart – körperliche – oft auch auf die Seele – im Anfang<lb n="17"/>der Verrükkung Zerstreuung. 2) die Voraussezung gelten lassen daß das Bild eine<lb n="18"/>sinnliche Empfindung sey, sein Phantom auf eine Art wegschaffen, die seiner Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>bildung widerspricht – Hörner – pissen; Gerstenkorn, Füß von Glaß, Glöklein im<lb n="20"/>Leib – Wifern Verstand verloren – über ihre Einbildungen oft richtig urtheilen –</p>
<p><lb n="21"/>III. Voraussehungen und Ahnungen – Schluß von Wirkung auf Ursache, Zeichen<lb n="22"/>auf das Bezeichnete – nicht die Rede – hier Vorhersehungen von deren Entstehung<lb n="23"/>man sich keinen befriedigenden Grund angeben kan und doch vom Erfolg bestätigt<lb n="24"/>werden – nicht eintreffen –</p>
<pb n="183" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=200" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>allgemeiner ErfahrungsGrundsaz daß die Seele oft lebhafte Vorstellungen von<lb n="2"/>zukünftigen Dingen hat, keine Rechenschaft geben – a) manche einer schnellen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gleichung ihres Schlusses nicht bewust, Resultat – im Traümen Bilder zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stellt, Ideen überlegt, verknüpft, wie nicht im Wachen – Sensationen bei Krankheit<lb n="5"/>Tod. – Disposition klarer gewahrnehmen Somnambulismus. b) oft Ahndung wie<lb n="6"/>Ursache und Wirkung – die Vorstellung von Krankheit Tod so lebhaft wirken,<lb n="7"/>Zerrüttung hervorbringen, wirklich realisirt wird – freudigen Dingen – eine Mutter<lb n="8"/>gibt sich alle Mühe, ihren Sohn zu Ehrenstellen zu bringen – c) Zufall – nur lebhaft<lb n="9"/>an die, die nicht eintreffen – errinnern was man gehört oder gelesen hatte – oft in<lb n="10"/>die Ahndung etwas hineingeschoben von dem Erfolg – noch nicht befriedigend,<lb n="11"/>eignes AhndungsVermögen –</p>
<p><lb n="12"/>IV. Visionärs – blos durchs Auge – bei gesundem Verstand – Empfindung von<lb n="13"/>Gegenständen die andre Menschen nicht haben – oder durch die Sinne überhaupt –<lb n="14"/>einige selbst für taüschend – die andre verrükte – Ursachen theils körperlich – oder<lb n="15"/>nur ein Fehler im Auge – viele Menschen im kleinen – Seele ungewöhnliche Phan<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tasie – spannten – mit Phantomen umgingen – Gesichtsbilder am leichtesten repro<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>duciren – gewöhnlicher lebhaft – dise für wirklich – Vorbereitung der Sinne durch<lb n="18"/>grosses Geraüsch – Salben – ins Finstre – Visionärs Umgang mit Geistern höhern –<lb n="19"/>Verstorbene – auch durch den innern Sinn Eindrüke empfangen, Schwedenborg –<lb n="20"/>sonst Betrüger oder Schwärmer – optische Illusion – GespensterErscheinungen<lb n="21"/>Taüschung der Sinne theils der Imagination a) wahre sinnliche Eindrüke vorher<lb n="22"/>überzeugt seyn – wenn man etwas sich nicht gleich erklären kan – b) wahre Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>findungen durch die Phantasie verfälscht – d) Wirkung der Phantasie – die angefüllt<lb n="24"/>ist mit solchen Bildern – Kirchhöfen Schlachtfeldern – beleidigte – Gewissen einen</p>
<pb n="184" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=201" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>an den Ort wo sie sich gern im Leben aufhielten – Verbrecher – Über Verabredung<lb n="2"/>im Leben –</p>
<p><lb n="3"/>V. Schwärmerei und Enthusiasmus – beiden sehr lebhafte Empfindungen und Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bildungen, die sich auf einen gewissen Gegenstand beziehen daß sich die Seele in<lb n="5"/>einer ausserordentlichen Anstrengung befindet – Begeisterung – eine Erhizung der<lb n="6"/>Seele die aus einer unmittelbaren Anschauung des Schönen Guten Edlen entsteht –<lb n="7"/>Schwärmerei lebhafte Anschauung von Gegenständen die gar nicht oder anders als<lb n="8"/>die berauschte Seele sich vorstellt vorhanden sind – a) wahre Begeisterung auf helle<lb n="9"/>richtige Einsichten – und Empfindungen – Schwärmer – Fanatiker d. i. religiöse<lb n="10"/>Schwärmer auf unähnliche Vorstellungen – bisweilen auf Einbildung, innres Licht –<lb n="11"/>Enthusiasmus wohltätig – b) Enthusiast richtiges Mittel in Verhältnis mit dem<lb n="12"/>Zwek – Schwärmer gleichgiltig ob rechtmäßig, Zwangsmittel, Mord – so ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schieden als die Gegenstände – Ursache besondere Reizbarkeit der Organe, Lebhaftig<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit der Einbildungen – lebhafte Empfindungen – religiöse [Schwärmer] Stolz –<lb n="15"/>übernatürliche ErkenntnisQuellen – Unwissenheit – natürliche aus übernatürlichen –</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>Verstand</p>
<p><lb n="17"/>Die Geseze des Verstandes und der Vernunft sind Gegenstand der Logik – ab<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>strahirt von allem Innhalt, also analytische</p>
<p><lb n="19"/>A. Vermögen der Begriffe</p>
<p><lb n="20"/>I. Begrif allgemeine Vorstellung die mehrere andre Vorstellungen in sich und unter<lb n="21"/>sich begreift.</p>
<p><lb n="22"/>a) mehrere Vorstellungen in eine verbinden – d. i. deutliche Vorstellung – der<lb n="23"/>einzelen Vorstellungen und der Verbindung bewußt</p>
<p><lb n="24"/>b) allgemeine α) einzelne Merkmale abgesondert – β) in mehreren sinnlichen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stellungen das gemeinschaftliche Merkmal – Abstraktion – höhere aus niedern –<lb n="26"/>gemeiniglich der Begrif nach und nach allgemeiner –</p>
<pb n="185" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=202" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Allgemeines Gesez des Verstandes beim Bilden von Urtheilen und Begriffen –<lb n="2"/>ursprüngliches Gesez – Widerspruch nicht wahrnehmen oder in Worten.</p>
<p><lb n="3"/>II. Zeichen der Begriffe – wenn bei einer Vorstellung eine andere ohne unser will<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>kührliches Zuthun gewekt wird – mit mehr Klarheit als andere – wie gelangt der<lb n="5"/>Verstand zu bestimmten IdeenZeichen – a) die Vorstellung von den Zeichen weniger<lb n="6"/>Interesse und Mannichfaltigkeit hat also die Aufmerksamkeit als – b) Folge – Donner<lb n="7"/>und Bliz – c) auffallende Ähnlichkeit –</p>
<p><lb n="8"/>Sprache – A. Vortheile – Festhaltung, leichte Widerhohlung – für abstrakte Be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>griffe – Gewinn an Ideen – erleichtern die Operationen der Denkkraft – Mitthei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lung – Deutlichmachung – Physiognomien B. wie konnte der Mensch dazu kom<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>men an solche Zeichen seine Ideen zu knüpfen – Welche Fähigkeit Sprache zu erfinden</p>
<p><lb n="12"/>א) Tonsprache – a) Gegenstände die tönen – seine Sprachwerkzeuge allerlei Laute<lb n="13"/>nachahmen – diß absichtlich – gewisse innere Empfindungen instinktartige Töne –<lb n="14"/>willkührlich hervorbringen b) die keinen Laut geben – das Bedürfnis von den andern<lb n="15"/>her α) Ähnlichkeit mit tönenden Gegenständen, verschiedene Modifikationen – Ton<lb n="16"/>Ähnlichkeit mit nicht tönenden Gegenständen – schnell β) Kausalzusammenhang –<lb n="17"/>tönend und nichttönend γ) blosse Koëxistenz und Succession – Kinder oft heterogene<lb n="18"/>Namen – oft unwillkührliche instinktive, mechanisch c) abstrakte Begriffe – Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stände ausser sinnlicher Wahrnehmung – allgemeine Verhältnisse – nichts näheres<lb n="20"/>mehr – Zeit, Verbindung – Bildung allgemeiner Begriffe von sinnlichen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ständen die für einzelne Gegenstände – nichtsinnliche Eigenschaften irgend eine Ähn<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichkeit mit sinnlichen – thierische mit menschlichen – Hieroglyphen – die Konjunk<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tionen Präpositionen anfangs Worte Zeitverhältnisse infinitiv hebräische Sprache –<lb n="24"/>ב) Schriftsprache – α) hieroglyphische – Bedürfnis abwesende, Andenken – grosse<lb n="25"/>Steinhaufen, Gesänge – Abbilden Schatten – Abkürzung der Gemählde – nach und</p>
<pb n="186" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=203" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>nach willkührliche [Zeichen], besonders Verhältnisse – hieroglyphische blosse<lb n="2"/>Abbildung, andere blos willkührliche – reden ohne lesen und umgekehrt – China<lb n="3"/>hieroglyphische wortreicher als Tonsprache – allgemeine philosophische Sprache<lb n="4"/>β) alphabetische – unmittelbar auf die Töne, mittelbar auf die Sachen – nur für einen<lb n="5"/>Taubstummen unmittelbar – schwer – die Laute in einfache Elementartheile auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lösen, diese bezeichnen stufenweis Sylben – unendlich vortheilhafter als hiero<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>glyphische</p>
<p><lb n="8"/>B Vermögen zu urtheilen – einen Begrif auf andern bezihen vermittelst eines<lb n="9"/>VerhältnisBegrifs – verbinden trennen</p>
<p><lb n="10"/>a) Einerleiheit – Verschiedenheit b) Ursache Wirkung 3) Koexistenz Sukzession<lb n="11"/>4) Inhaerenz</p>
<p><lb n="12"/>transcendentale Logik mit dem Inhalt und Materie der Erkenntnis, Ursprung –<lb n="13"/>a priori synthetische Säze – Logik der Wahrheit    Logik des Scheins<lb n="14"/>Analytik        Dialektik<lb n="15"/>Formen des Denkens wie der Sinnlichkeit – Begriffe – nothwendig</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>transcendentale Logik hat es mit der Materie und dem Innhalt unserer Erkenntnisse<lb n="17"/>zu thun, und mit ihrem Ursprung zu thun – Analytik Logik der Wahrheit</p>
<p><lb n="18"/>a) wie der Verstand synthetische Säze à priori machen kan – und was Categorien<lb n="19"/>sind</p>
<p><lb n="20"/>b) wie Begriffe des Verstandes dennoch eine Beziehung auf Gegenstände – objek<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tive Realität haben können</p>
<p><lb n="22"/>c) die Gränze, in welche der Gebrauch der Erkenntnis à priori eingeschlossen ist.</p>
<pb n="187" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=204" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>a) Formen des Denkens, die es möglich machen, daß wir das Mannichfaltige<lb n="2"/>unserer Vorstellungen – in gewissen bestimmten Verhältnissen geordnet denken<lb n="3"/>können – sind Begriffe – die Formen des Urtheilens auch Formen des Denkens –<lb n="4"/>Categorien p. 128. Categorien sind Begriffe von einem Gegenstand überhaupt<lb n="5"/>dadurch dessen Anschauung in Ansehung einer der logischen Funktionen zu Urthei<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>len als bestimmt angesehen wird – Ihre Anzahl 12.</p>
<p><lb n="7"/>b. α) Deduktion – reine VerstandesBegriffe blosse Form des Denkens, also leer –<lb n="8"/>Anschauung unmittelbar auf den Gegenstand, VerstandesBegrif nur vermittelst der<lb n="9"/>Anschauung – mittelbar – sonst leer. Also als Form von Urtheilen über die Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nungen deren Verbindung er als allgemein und nothwendig bestimmt – Erfahrung</p>
<p><lb n="11"/>β) subjektive Fähigkeiten.</p>
<p><lb n="12"/>Wahrnehmung Anschauung mit Bewustseyn – Mannichfaltiges nimmt die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bildungskraft – die Reproduktion ruft die ganze Reihe hervor – das Bewustseyn daß<lb n="14"/>eine Vorstellung die gleiche ist – Recognition – Bewustseyn von der Identität der<lb n="15"/>Vorstellungen – innerer Zustand fliessend – reines unwandelbares Selbstbewustseyn.</p>
<p><lb n="16"/>c. an sich keinen Inhalt, bezeichnen keinen Gegenstand, nur Gegenstände die<lb n="17"/>gegeben sind durch die Sinnlichkeit erkennen – von Dinge an sich selbst ganz leer –</p>
<p><lb n="18"/>Möglichkeit der Anwendung auf Erscheinungen – Subsumirung unter Begriffe<lb n="19"/>Urtheilskraft – transcendentale Logik – auf Erkenntnis der Gegenstände –</p>
<p><lb n="20"/>Wie kan man Gegenstände unter reine Verstandesbegriffe subsumiren, gleichartig –<lb n="21"/>etwas enthalten was im Gegenstand vorgestellt wird – Cirkel Teller – ein 3tes gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>artiges – Zeit – Schema ist nicht Bild – Zeitbestimmungen à priori nach Regeln –</p>
<pb n="188" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=205" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>die Schemate restringiren die Begriffe auf Erscheinungen – reine Verstandesbegriffe<lb n="2"/>blosse Verstandesformen, stellen keinen Gegenstand vor</p>
<p><lb n="3"/>Lehrsäze der Mathematik – Ursachen der Erzeugung p. 118.</p>
<p><lb n="4"/>Der allgemeine logische Grundsaz ist: keinem Ding kommt ein Prädikat zu, das<lb n="5"/>ihm widerspricht – ob aber deswegen ein Urtheil wahr sei, d. h. mit der Erfahrung<lb n="6"/>übereinstimmt – kan diser Grundsaz und die Logik – überhaupt nicht ausmachen –<lb n="7"/>sie kan nur die verschiedenen Arten von Urtheilen angeben –</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>transcendentale Logik s. oben – die Logik der Wahrheit.</p>
<p><lb n="9"/>A) Verstand</p>
<p><lb n="10"/>Die Formen des Denkens sind nicht Anschauungen sondern Begriffe, in der Natur<lb n="11"/>des Verstandes also a priori – Categorien – und so viel ursprüngliche Begriffe als es<lb n="12"/>Arten von Urtheilen gibt – Da ein reiner Begrif die blosse Form des Denkens und<lb n="13"/>Urtheilens enthält so kan er sich [nicht anders] auf Gegenstände beziehen, als ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>mittelst der Anschauung welche ihm ein Mannichfaltiges geben mus, das der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stand ordnet, d. h. denkt, sonst wäre der Begrif leer und ohne Bedeutung – solche<lb n="16"/>Begriffe (12) sind z. B. der Begrif von Ursache – Substanz – Unter diese Begriffe<lb n="17"/>Gegenstände wirklich zu subsumiren ist Geschäft der Urtheilskraft – damit diß<lb n="18"/>möglich sei, mus die Vorstellung von Zeit mit dem Begrif verknüpft werden, die<lb n="19"/>eine Regel a priori und zugleich die Form jeder Erscheinung ist – die sinnliche<lb n="20"/>Bedingung unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden können –<lb n="21"/>Die transcendentale Philosophie kan à priori zugleich den Fall anzeigen worauf die</p>
<pb n="189" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=206" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>reinen Verstandesbegriffe angewandt werden sollen – und die Urtheile die aus reinen<lb n="2"/>VerstandesBegriffen unter disen Bedingungen herfliessen angeben, d. i. die Grundsäze<lb n="3"/>des reinen Verstandes –</p>
<p><lb n="4"/>z. B. Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz – alles was geschieht<lb n="5"/>hat eine Ursache oder alle Veränderungen geschehen nach dem Gesez der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>knüpfung der Ursache und Wirkung – Aus der Bedingung, die die Anwendung<lb n="7"/>und Bedeutung der Cathegorien möglich macht erhellt aber auch ihre Einschränkung<lb n="8"/>auf blosse Erscheinungen –</p>
<p><lb n="9"/>B) reflektirende [Urtheilskraft], wenn nicht das allgemeine sondern das besondre<lb n="10"/>gegeben ist, wozu sie das allgemeine finden soll – die bestimmten empirischen Geseze<lb n="11"/>müssen [wir] in Ansehung dessen, was durch die allgemeinen NaturGeseze die ihren<lb n="12"/>Grund im Verstand haben, unbestimmt gelassen ist¹ – nach einer solchen Einheit<lb n="13"/>betrachten, als ob sie gleichfalls ein Verstand gegeben hätte – der Begrif – Zwek –</p>
<p><lb n="14"/>Zu einem Ding als Zwek überhaupt wird erfodert, daß die Theile nur in Beziehung<lb n="15"/>aufs Ganze möglich sind – Ein Ding nur auf dise Art möglich ist ein Kunstwerk –<lb n="16"/>soll es aber dabei NaturProdukt d. i. in sich ohne die Caussalität […] – Zwekmässig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit der Natur kan nur dadurch Gegenstand unserer Erkenntnis werden, daß wir uns<lb n="18"/>einen Verstand als Grund der Einheit des Mannichfaltigen der Natur denken –<lb n="19"/>§. 75. – §. 67. System der Zweke §. 82. 63. 83.</p>
<p><lb n="20"/>Vernunft ist das Vermögen zu schliessen – schliest unmittelbar – oder mittelbar²</p>
<note xml:id="fn-189-1" type="rand" n="¹"><lb n="21"/><seg type="marke">¹ </seg>zufällig sind</note>
<note xml:id="fn-189-2" type="rand" n="²"><lb n="22"/><seg type="marke">² </seg>Obersaz Untersaz Schlußsaz – Vernunft nicht aus der Erfahrung – verschiedene<lb n="23"/>Arten von Schlüssen</note>
<pb n="190" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=207" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>eigentümliches Gesez der Vernunft keinen bedingten als wahr annehmen, ohne<lb n="2"/>einen unbedingten vorauszusezen – will sie einen Saz – sucht sie allgemeine […] –<lb n="3"/>auf Prämissen, die nicht als Folgen anderer Urtheile angesehen oder die noch eines<lb n="4"/>Beweises bedürfen – bis sie auf Prämissen kommt die keines Beweises mehr bedürfen<lb n="5"/>– bei hypothetischen keinen kategorischen Schlußsaz – unbedingten dessen Wahrheit<lb n="6"/>nicht die Wahrheit eines andern voraussezt – p. 359 – also das Unbedingte gegeben<lb n="7"/>seyn – Vernunft Quelle eigner Begriffe – transcendent p. 365. 367. Idee. 372. 384.<lb n="8"/>eigenthümlich unbedingte Totalität der Bedingungen – regressiv – progressiv. 388.<lb n="9"/>3erlei Ideen 391. a) denkendes Subjekt – Psychologie Ich 400. 405. – die Welt.<lb n="10"/>Ich ist bloß das Selbstbewustseyn – leer, gibt uns keinen Begrif von einem Gegenstand</p>
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</div>
<div>
<head><lb n="11"/><hi rendition="#g">Kosmologie</hi></head>
<p><lb n="12"/>Vernunft ist das Vermögen zu schliessen d. h. das Besondre aus dem Allgemeinen<lb n="13"/>durch Begriffe zu erkennen – In jedem VernunftSchluße denke ich zuerst eine Regel,<lb n="14"/>(Obersaz) dann subsumire ich durch die Urtheilskraft ein Erkenntniß unter die<lb n="15"/>Bedingung der Regel (Untersaz) endlich bestimme ich mein Erkenntniß durch das<lb n="16"/>Prädikat der Regel (conclusio) mithin à priori durch die Vernunft</p>
<p><lb n="17"/>a) der Vernunftschluß geht nicht auf Anschauungen sondern nur auf Begriffe und<lb n="18"/>Urtheile</p>
<p><lb n="19"/>b) sucht die Vernunft die allgemeine Bedingung ihres Urtheils, zu dieser Regel<lb n="20"/>sucht sie wieder die Bedingung, und sezt diß fort, bis sie zu dem bedingten Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>niß das Unbedingte gefunden hat – durch dise ihre Verfahrungsart wird sie Quelle<lb n="22"/>von Begriffen die Ideen heissen und denen keine adäquate Erfahrung gegeben werden<lb n="23"/>kan, sind also problematische Begriffe. Eine solche Idee ist a) die unbedingte Einheit</p>
<pb n="191" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=208" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>des denkenden Subjekts – der Versuch diese Idee als reell zu beweisen und darauf eine<lb n="2"/>Wissenschaft der menschlichen Seele und ihrer übersinnlichen Eigenschaften aus<lb n="3"/>blossen Begriffen zu bauen heist die rationale Psychologie die von aller Erfahrung<lb n="4"/>abstrahirt weil diese sie nicht zu ihrem Zwek, die übersinnlichen Eigenschaften der<lb n="5"/>Seele, kennen zu lernen führen kan – sie schliest allein aus dem Begrif Ich, der bei<lb n="6"/>allem Denken vorkommt – aber diser Gedanke ist ein blosses Bewustseyn, wodurch<lb n="7"/>von dem Objekt selbst schlechterdings nichts erkannt wird, ob es eine Substanz,<lb n="8"/>eine einfache also unzerstörbare Substanz sey, ob es Persönlichkeit habe, und das<lb n="9"/>Unterfangen aus blossen Begriffen der spekulativen Vernunft etwas von den inter<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>essanten Eigenschaften der Seele kennen zu lernen ist gänzlich eitel – b) die Idee einer<lb n="11"/>unbedingten Vollständigkeit in der Reihe der Bedingungen der Erscheinungen – der<lb n="12"/>Welt – ist der Gegenstand der Kosmologie – diese absolute Vollständigkeit ist α) Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ständigkeit der Grösse der Welt sowohl in Ansehung ihrer verflossenen Dauer als des<lb n="14"/>Raums den sie einnimmt – hier kommt die Frage vor: hat die Welt einen Anfang<lb n="15"/>und ist sie […] b) absolute Vollständigkeit in Ansehung der Theilung der Materie,<lb n="16"/>hier ist die Frage […] c) in der Reihe der Ursachen d) in den Bedingungen des zu<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>fälligen Daseyns, unbedingte Nothwendigkeit – von allen diesen 4 Säzen kan die<lb n="18"/>Vernunft den Saz so streng beweisen als den Gegensaz –</p>
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<p><lb n="19"/>Wäre von Dingen an sich selbst die Rede, so wäre aus disem Widerstreite nicht<lb n="20"/>heraus kommen, denn hier schliest [der] reine Begrif des Bedingten schon den Begrif<lb n="21"/>der Bedingung in sich, und da diß von jedem Gliede in der Reihe der Bedingungen</p>
<pb n="192" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=209" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN MANUSKRIPT ZUR PSYCHOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>gilt, so ist hier durch das Bedingte zugleich die vollständige Reihe aller seiner<lb n="2"/>Bedingungen mithin das Unbedingte gegeben – Allein in der Welt der Erscheinun<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gen sind durch das Bedingte noch nicht die Bedingungen und ihre vollständige Reihe –<lb n="4"/>das Unbedingte gegeben sondern ich [muß] von jenen auf dise blos successiv fort<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gehen – und die Vernunft gebietet mir nur in der Reihe der Erscheinungen beständig<lb n="6"/>fortzugehen, und keine empirische Grenze für eine absolute Grenze gelten zu lassen –<lb n="7"/>den beiden ersten liegt ein widersprechender Begrif zum Grund – denn die Welt der<lb n="8"/>Erscheinungen [als] absolut unbedingtes Ganzes ist uns nicht gegeben – ebensowenig<lb n="9"/>als die Reihe der Theile aus denen die Materie besteht als ein gegebenes unbedingtes<lb n="10"/>Ganzes – In Ansehung der 3ten und 4ten Idee besteht die Taüschung darin,<lb n="11"/>daß die Vernunft Dinge die vereinbar sind, sich als widersprechend vorstellt, hier kan<lb n="12"/>also Saz und Gegensaz wahr sein. Ursache und Wirkung können nemlich ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>artig seyn, die ungleichartige Bedingungen können also auch nicht sinnlich seyn, ein<lb n="14"/>Ding an sich; das ausser der Reihe der Erscheinungen liegt.¹ Welcher Begrif für die<lb n="15"/>spekulative Vernunft nichts widersprechendes hat, aber für sie nur problematisch ist<lb n="16"/>nicht erwisen werden kan – aber ebenso sind die Einwürfe gegen die Freiheit und das<lb n="17"/>Daseyn eines nothwendigen Wesens nichtig</p>
<note xml:id="fn-192-1" type="rand" n="¹"><lb n="18"/><seg type="marke">¹ </seg>so wäre freie Wesen, die Ursache von etwas seyn können,<lb n="19"/>ohne selbst wieder von einer andern Ursache abzuhängen, und unbedingt nothwendige Wesen<lb n="20"/>d. h. von dessen Dasein der Grund nicht wieder in einem andern – den Gesezen der Abhängig<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>keit und der Zufälligkeit der Erscheinungen nicht unterworfen.</note>
<pb n="193" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=210" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>STUDIEN<lb n="2"/>1795</head>
<pb n="195" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=213" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795</fw>
<head><lb n="1"/>DIE TRANSCENDENTALE IDEE …</head>
<head><lb n="2"/>I.</head>
<p><lb n="3"/>Die transcendentale Idee von Gott als dem allerrealsten Wesen, wenn auch die<lb n="4"/>spekulative Vernunft fähig wäre, die Realität und Existenz derselben zu beweisen,<lb n="5"/>oder auch nur einen Glauben an dasselbe hervorzubringen, würde doch an sich für<lb n="6"/>uns schlechterdings nicht erkannt, aus sich allein seinen Eigenschaften nach bestimmt<lb n="7"/>werden können, wenn nicht Naturbetrachtung, und der Begrif von einem Endzwek<lb n="8"/>der Welt zu Hülfe genommen werden – Da aber der Versuch der spekulativen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nunft, ihrem Ideal, das so erfüllt es scheint, doch insofern als es allein Interesse für den<lb n="10"/>Menschen, nicht blos für die Logik hat – leer wäre, Wesenheit und Bestimmung zu<lb n="11"/>verleihen, selbst wenn sie Naturbetrachtung zu Hülfe ruft, fehlschlägt, so kan nur<lb n="12"/>praktische Vernunft einen Glauben an einen Gott gründen –</p>
</div>
<div>
<head><lb n="13"/>A.</head>
<p><lb n="14"/>Praktische Vernunft bringt selbstthätig ein Gesez hervor, welches als Form des<lb n="15"/>obern Begehrungsvermögens, als eine Thatsache erscheint. Schelling p. 32. Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stellung in praktischer Bedeutung unmittelbare Bestimmung des in der Vorstellung<lb n="17"/>enthaltenen Ichs, durchs absolute Ich, (und Aufhebung des in der Vorstellung ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>haltenen Nichtichs, insofern es in derselben unter der Form des Bestimmens vor<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>handen ist –)</p>
</div>
<div>
<head><lb n="20"/>B.</head>
<p><lb n="21"/>Trieb (Bestimmen durchs Nichtich – sinnliches Begehrungsvermögen, Materie des<lb n="22"/>Wollen thierisches Begehrungsvermögen durch Vernunft zu ordnen –</p>
</div>
<div>
<head><lb n="23"/>C.</head>
<p><lb n="24"/>Freiheit des Willens sich zum Gehorsam oder Ungehorsam gegen das Gesez<lb n="25"/>bestimmen durch absolute Selbstthätigkeit – zu kontradiktorisch entgegengesezten<lb n="26"/>Handlungen (oder ist Freiheit nur Aufhebung des Bestimmens des Nichtichs –)</p>
<pb n="196" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=214" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795</fw>
<p><lb n="1"/>(jenes nennt Fichte Freiheit der Willkühr) sich zur Befriedigung oder Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>befriedigung einer Foderung des Begehrungsvermögen bestimmen?¹</p>
<p><lb n="3"/>Trieb durchs Sittengesez bestimmt oder eingeschränkt ist gesezmässig (moralisch<lb n="4"/>möglich) und wenn der Trieb der Welt der Erscheinungen geböte auch gesezlich<lb n="5"/>(moralisch wirklich) Würdigkeit. Kan das Sittengesez alle seine ertheilte Rechte<lb n="6"/>zurüknehmen? wenn man freiwillig allen Foderungen des Triebes entsagt, bleiben<lb n="7"/>die Rechte darauf? Wenn ein Mann den Genuß von Glükgütern, eine glükliche Ehe<lb n="8"/>nur unter der Bedingung eines Ungehorsams gegen das Sittengesez behalten könnte,<lb n="9"/>und er lieber jene aufgibt, so fallen auch seine Rechte, die er daran hat, weg – Kan nun<lb n="10"/>der, der den Genus der Glükseeligkeit aufgegeben hat, so betrachtet werden, als hätte<lb n="11"/>er es, sein Recht geltend zu machen, nur aufgeschoben, um diß in einem andern<lb n="12"/>Leben zu thun? bei einem solchen, dessen gesezmässige Triebe durch die Natur oder<lb n="13"/>Bosheit der Menschen ihr Recht nicht durchtreiben konnten, kan die Natur ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>langen, daß die Vernunft ihr Recht geltend mache, nicht bei einem solche, der den<lb n="15"/>Trieben selbst entsagt hat – Die Vernunft sezt als Endzwek der Welt das höchste Gut,<lb n="16"/>Sittlichkeit und in Proportion damit Glükseeligkeit – aber sezt sie sich selbst diesen<lb n="17"/>Endzwek – sie verlangt die Wirklichwerdung desselben also von einem andern<lb n="18"/>Wesen, aber wenigstens nicht vom Menschen, von der Causalität der Vernunft so<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lange sie durch Sinnlichkeit eingeschränkt ist –</p>
</div>
<div>
<head><lb n="20"/>D.</head>
<p><lb n="21"/>Die Gottheit – die Macht – die Rechte die die Vernunft ertheilt hat, auszuführen,<lb n="22"/>geltend zu machen – durch diese Bestimmung mus die Erkenntnis aller anderer<lb n="23"/>Eigenschaften derselben bestimmt sein</p>
<note xml:id="fn-196-1" type="rand" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>(auch der Hund)</note>
<pb n="197" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=215" type="body" subtype="apparat"/>
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<div>
<head><lb n="1"/>UNKUNDE DER GESCHICHTE …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenblatt)</p>
<p><lb xml:id="GW01-s215-z3" n="3"/>Unkunde der Geschichte bei Luc. 2,3. 3,1.</p>
<note xml:id="fn-197-2" place="margin" n="" target="#GW01-s215-z3" ana="#j.ohne-teil">theolog. Journ.</note>
<space/>
<p><lb n="4"/>Über Selbstmord grosser Helden und Staatsmänner – ihre Tugenden waren nicht<lb n="5"/>sowohl die Frucht vernünftiger Grundsäze, als einer unbegränzten Ehrliebe, und<lb n="6"/>eines ungezügelten Stolzes, der keinen andern Gedanken ertragen konnte als Sieg<lb n="7"/>oder Tod. Freiheit¹ und Furcht vor einer Zukunft, für die er keine Fassung hat,<lb n="8"/>reichen ihm den Dolch in der Stunde der Verzweiflung – zerstört den Grundsaz<lb n="9"/>der Moral, sich selbst als Zwek zu betrachten. Glauben an die Gerechtigkeit einer<lb n="10"/>alles zum Besten lenkenden Vorsehung verleugnet –) Cato und Cleomenes und<lb n="11"/>andern, die [sich] nach Aufhebung der freien Verfassung ihres Vaterlands das Leben<lb n="12"/>nahmen – war es unmöglich in den Privatstand zurükzutretten, ihre Seele hatte<lb n="13"/>eine Idee umfast, izt war es unmöglich mehr für diese zu arbeiten; ihre Seele aus<lb n="14"/>dem grossen WirkungsKrais herausgestossen, sehnte sich von den Fesseln des Kör<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>pers loszukommen, und wieder in eine Welt unendlicher Ideen überzugehen –</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>Auch das böse im Menschen ist veraüssert worden an den Satanas, und an Adam,<lb n="17"/>der nach Oertels Ausdruk einen allgemeinen Bankrutt der Menschheit gemacht hat –</p>
<space/>
<p><lb n="18"/>Daß Prediger sich nicht mit dem Akerbaue beschäftigen sollen, eine Meinung<lb n="19"/>vornehmer Professoren, die so etwas unter ihrer Würde hielten, und aus allen<lb n="20"/>Pfarrern Universitätsgelehrte machen wollten – nicht viel entfernt mit dem Verbot<lb n="21"/>sich nicht zu verheurathen, –</p>
<space/>
<p><lb n="22"/>An der Mythologie der Griechen stöst sich unsre Phantasie [nicht], wir folgen<lb n="23"/>gern Homern, wenn seine Götter im Himmel herumfahren, Rath halten, sich<lb n="24"/>bekriegen, und ihren menschlichen Leidenschaften – die Andacht des betenden und<lb n="25"/>opfernden ist uns heilig – Selbst ihre barbarischen Gewohnheiten, Menschenopfer<lb n="26"/>u. drgl. waren allgemeiner Volksglaube, auf Herkommen und Phantasie gegründet,</p>
<note xml:id="fn-197-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>(Feigheit</note>
<pb n="198" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=216" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>– hingegen Grausamkeiten der Inquisition, Untoleranz aller Art, ist nicht Sache der<lb n="2"/>Phantasie, durch Alterthum geheiligtes Herkommen, sondern es soll auf Rechte<lb n="3"/>gründen, die Befugniß dazu durch ewig alte und ewig neue Gründe der Vernunft<lb n="4"/>bewiesen werden – Ein Individuum eines neuern Volkes hat nicht Ursache stolz zu<lb n="5"/>seyn gegen ein Individuum eines ältern Volkes, das Jupitern u.s.w. verehrte – Men<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schen opferte – denn die Abschaffung dieser Gewohnheiten ist nicht Werk der<lb n="7"/>Vernunft, so wie die Einführung bei dem leztern nicht Werk des Lasters oder eines<lb n="8"/>bösen Willens – sondern Glük – in zufälligen Umständen gegründet – sondern<lb n="9"/>Schande nur Behauptung unvernünftiger Glaubensartikel und unmenschlicher<lb n="10"/>Handlungen durch Vernunft und Recht –</p>
<space/>
<p><lb n="11"/>Alle Argumente ad hominem, d. h. die Bestreitungen der Dogmatik aus ihr<lb n="12"/>selbst mit ihren eigenen Waffen konnten nur hie und da Zweifelsucht, Aufmerk<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>samkeit erregen, die Schlummernden aus dem Todesschlaf der von Vernunft un<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>beunruhigten Selbstzufriedenheit stören – bei allen Angriffen blikte das Princip<lb n="15"/>hindurch, Vernunft war das Loosungswort, und man fühlte das Gewicht dieses<lb n="16"/>Worts, aber, was diese sey, woher ihre Befugnis, sich den obersten Richterstuhl<lb n="17"/>anzumassen, woher die Unwiderstehlichkeit ihr anzuhängen, sich immer aus<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>zubreiten – Kant lies das polemisiren, das Bestreiten durch argumenta ad hominem,<lb n="19"/>er stellt ruhig, ohne auf die Konsequenzen aufmerksam zu machen, sein Princip<lb n="20"/>auf, man erkannte in ihm die Tochter des Himmels, Wahrheit, alles andre ward<lb n="21"/>gleichgültig – So Jesus, stellte das Princip der Tugend auf, beiher grif er auch direkt<lb n="22"/>die Moralitätzerstörenden Sazungen der Juden an, oder suchte sie zu πληρωσαι,<lb n="23"/>ihnen den Geist derselben zu geben – welche, wenn seine Lehre sich sonst verbreitet<lb n="24"/>hätte, von selbst gleichgültig geworden und gefallen wären – Sokrates bestritt<lb n="25"/>gleichfalls die Mythologie seines Volks nicht direkt – direkte Angriffe stossen eine<lb n="26"/>positive Religion um, und führen eo ipso wieder [in] eine positive –</p>
<space/>
<p><lb n="27"/>Die Verbindung der christlichen Urkunden mit den jüdischen¹ hat vielleicht<lb n="28"/>das meiste Unheil angerichtet, das man der Religion die aus jenen geschöpft ist,</p>
<note xml:id="fn-198-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>Gnostiker verwarfen die jüdischen Urkunden</note>
<pb n="199" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=217" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">UNKUNDE DER GESCHICHTE …</fw>
<p><lb n="1"/>[zur Last gelegt hat;] in den jüdischen sind unmoralische unrechtmässige Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lungen und Vorstellungen als von Gott befohlen angeführt; diese Grundsäze die<lb n="3"/>politisch waren – auf eine Staatsverfassung sich bezogen (die im Zustand des<lb n="4"/>Rechts des Stärkern gegen einander sind) sind zu Grundsäzen der Kirche gemacht<lb n="5"/>worden –</p>
<space/>
<p><lb n="6"/>Unter einer despotischen Regierung wird leicht Eigensinn erzeugt (– wie bei<lb n="7"/>Kindern –) wenn dieser etwas bekommt, das er festhalten will, und durch Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stand gereizt wird, der Sclave will in etwas seinen Willen haben; besonders da der<lb n="9"/>Übergang in den Despotismus aus einer Republik geschah, wo immer noch eine<lb n="10"/>Schattirung von eigenem Willen erhalten wird –¹</p>
<space/>
<p><lb n="11"/>ein objektives Wunder ist ein Widerspruch – Objektivität der Vorstellungen<lb n="12"/>durch Anwendung der Geseze des Verstands – und beim Wunder gerade dieses<lb n="13"/>nicht gelten – diese Behauptung ist ganz etwas anders als wenn man die physische<lb n="14"/>und logische und ethische Möglichkeit der Wunder untersucht – aber nur den<lb n="15"/><hi rendition="#g">Beweis</hi> der Wirklichkeit nicht geben zu können glaubt – hieher gehört eine<lb n="16"/>Untersuchung des Begrifs von Möglichkeit und Wirklichkeit – s. d. Kathegorieen.<lb n="17"/>über Wunder ist also nur ein subjektives Urtheil möglich; wie unterscheidet sich<lb n="18"/>diese Subjektivität von der Subjektivität des Begrifs Zwek und Organisation, – und<lb n="19"/>des Glaubens an Gottheit und Unsterblichkeit –</p>
<space/>
<p><lb n="20"/>⟨Die Gebote des Sittengesezes sind insofern als göttliche Gebote anzusehen, weil<lb n="21"/>wir nur unter dieser Bedingung ihn als Handhaber der Gerechtigkeit, der Kon<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gruenz der Glükseeligkeit mit Sittlichkeit annehmen können –⟩</p>
<space/>
<p><lb n="23"/>Wie besteht Freiheit der Moralischen Handlungen mit der Allwissenheit Gottes?<lb n="24"/>diese Consequenz aus jener, die Consequenz darf ihrem Saze nicht widersprechen –<lb n="25"/>Gott ändert in seiner Weltregierung nicht die Geseze, nur den Lauf der Natur</p>
<note xml:id="fn-199-1" type="rand" n="¹"><lb n="26"/><seg type="marke">¹ </seg>– besonders auch Sclaven hatten durch Annahme der christlichen Religion<lb n="27"/>izt etwas, das allein den Launen und Willen ihrer Meister nicht ausgesezt war, ein Eigenthum,<lb n="28"/>das ihnen nicht geraubt werden konnte.</note>
<pb n="200" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=218" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795</fw>
<p><lb n="1"/>Durch die Ritterromane die Phantasie der Deutschen, denen römische und<lb n="2"/>griechische Phantasie unzugänglich – oder die sich selbst durch Vernunft nicht davon<lb n="3"/>unabhängig machen kan – abgeleitet von der einzigen Nationalphantasie, der<lb n="4"/>jüdischen – Klopst. Mess. die Religion zu einer Sache der Phantasie gemacht –</p>
<space/>
<p><lb n="5"/>Positive Religion, die sich auf vernünftigen Glauben zu stüzen vorgibt, muß<lb n="6"/>ihrer Natur nach geneigt seyn, Proselyten zu machen – denn als vernünftig soll sie<lb n="7"/>allgemeingültig seyn, und jeder findet für sich selbst eine Bestätigung seines eignen<lb n="8"/>Glaubens darin, wenn er andre von der Wahrheit seines Glaubens auch über<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>zeugen kan –</p>
<space/>
<p><lb n="10"/>christliche Religion die erste, bei der der Begrif ewiger Seeligkeit und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dammniß vorkommt, und die erste, deren jede Sekte diese an den Glauben ihrer<lb n="12"/>positiven Lehren gebunden hat –</p>
<space/>
<p><lb n="13"/>Der elende unglükliche Zustand der unterdrükten Römer machte sie empfäng<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lich für die Erwartung einer baldigen Zerstörung der Welt, und der Erscheinung<lb n="15"/>des Messias – für die Freude, ihre Unterdrükker einst brennen und sich selbst<lb n="16"/>belohnt zu sehen, machte sie empfänglich für die Vergessenheit der izigen Welt<lb n="17"/>wo sie kein Interesse hatten, und leben in der Hofnung auf eine bessere – eine Art<lb n="18"/>von Geiz –¹</p>
<p><lb n="19"/>Erst in neuern Zeiten, da die Menschen wieder Rechte² erhalten haben, hat<lb n="20"/>Thätigkeit wieder sich zu aüssern angefangen und der leidende Gehorsam und<lb n="21"/>Geduld erstrekt sich nicht sowohl mehr auf Privatbeleidigungen, als auf die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>hältnisse, wo der Mensch keine Rechte hat, Kriege, Maasregeln der Regierung im<lb n="23"/>Grossen – überhaupt Staatsverfassung und Verwaltung – daher die ersten Christen</p>
<note xml:id="fn-200-1" type="rand" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>wäre ein grosses Interesse für Staat und Vaterland vorhanden gewesen, so<lb n="25"/>würden schwerlich die elenden, abgeschmakten, aber mit Wuth geführten Streitigkeiten der<lb n="26"/>Bischöffe des 4 und 5ten Jahrh. stattgefunden haben, denn jeder Mensch hätte ein lebendiges,<lb n="27"/>grosses Interesse jener Art dem Interesse an mystischen Worten leeren Spizfindigkeiten, und<lb n="28"/>todten Glaubensformeln vorgezogen</note>
<note xml:id="fn-200-2" type="rand" n="²"><lb n="29"/><seg type="marke">² </seg>wenigstens bürgerliche die Rechte des Eigenthums und der Sicherheit des<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>selben,</note>
<pb n="201" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=219" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">UNKUNDE DER GESCHICHTE …</fw>
<p><lb n="1"/>thätig für ihre Kirche, in Ansehung derselben sie Rechte¹ hatten, die sie sich als von<lb n="2"/>Gott gegeben anmasten und nicht gesonnen waren, sie aufzugeben.</p>
<p><lb n="3"/>Die ersten Christen fanden in ihrer Religion Trost und Hofnung künftiger Beloh<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>nung für sich und Strafe für ihre Feinde – gegen ihre Unterdrükker, welche<lb n="5"/>Gözendiener waren, – aber der Unterthan eines Klosters oder auch überhaupt ein<lb n="6"/>Unterthan eines despotischen Staats kan gegen seinen schwelgenden den Schweis des<lb n="7"/>Armen vergeudenden Prälaten oder Finanzpächter seine Religion nicht zur Rache<lb n="8"/>gegen ihn aufrufen, da diser auch die gleiche Messen hört, ja selbst liest u.s.w. – er<lb n="9"/>hat aber so viel Trost, soviel Entschädigung gegen allen Verlust seiner Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>rechte in seiner mechanischen Religion gefunden, daß er in seiner Thierheit den<lb n="11"/>Sinn seiner Menschheit verlohren hat – und durch die Schönheit seiner Bilder kan<lb n="12"/>er nicht dazu zurükgeführt werden, weil dise Schönheit nicht als Schönheit gefallen<lb n="13"/>kan, sondern nur als Werth geschäzt wird –</p>
<space/>
<p><lb n="14"/>Bei einer allgemeinen Sittenverderbniß müssen in der christlichen Religion²<lb n="15"/>immer Sekten entstehen, die sich davon rein zu halten suchen, aber wenn sie an<lb n="16"/>Anzahl der Mitglieder zunehmen, wieder ebensowenig dem allgemeinen Strom<lb n="17"/>sich entgegensezen können, die Luft der Anstekung von sich abhalten können<lb n="18"/>– (nebst andern Inkonvenienzen) wieder Gelegenheit zu neuen Sekten geben –</p>
<space/>
<p><lb n="19"/>So bald die ersten Christen Gelegenheit zur Thätigkeit fanden in der Regierung<lb n="20"/>der Kirche – ihre Zahl sich ausbreitete, lies der Eifer, Märtirer zu werden, nach –</p>
<space/>
<p><lb n="21"/>Die christliche Religion wurde herabgewürdigt, eine Helferin Bemäntlerin vieler<lb n="22"/>Schandthaten Constantins und seiner Söhne zu seyn, Bischof von Nikomedien<lb n="23"/>brachte ein Testament Constantins hervor, daß diser Verdacht habe von seinen<lb n="24"/>Neveus vergiftet worden zu seyn – und gab Konstantius Vorwand sie und viele<lb n="25"/>andre Prinzen zu ermorden – und Vorwände zu diesen Schandthaten zu leihen;<lb n="26"/>der asiatische Despot mordet aus Laune und bewogen durch Intriguen, und der</p>
<note xml:id="fn-201-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>zu glauben, sich selbst, unabhängig zu regieren –</note>
<note xml:id="fn-201-2" type="rand" n="²"><lb n="28"/><seg type="marke">² </seg>wo Sittlichkeit mit Religion zusammenhängt – unter den Griechen und<lb n="29"/>Römern philosophische Sekten weil Religion mehr Sache der Phantasie war –</note>
<pb n="202" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=220" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795</fw>
<p><lb n="1"/>Orientaler sieht [es] als ein Fatum an – die christliche Religion spottete noch dazu<lb n="2"/>der Unschuld mit dem Vorwande des Rechts und der heiligsten Namen –¹</p>
<p><lb n="3"/>Die christliche Religion war unter den römischen Kaisern nicht fähig, dem<lb n="4"/>Verfall jeder Tugend, der Unterdrükkung der Freiheit, und der Rechte der Römer,<lb n="5"/>der Tyrannei und Grausamkeit der Regenten, dem Verfall des Genies und aller<lb n="6"/>schönen Künste – aller Gründlichen Wissenschaften einen Damm entgegenzusezen –<lb n="7"/>dem gesunkenen Muth, jedem verdorrten Zweige von Nationaltugend und National<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>glükseeligkeit Leben wieder zu geben – sondern von diser allgemeinen Pest selbst<lb n="9"/>angefressen, vergiftet – und in dieser verzerrten Gestalt mit ihren Dienern – ein<lb n="10"/>Werkzeug des Despotismus; sie brachte den Verfall der Künste und Wissenschaften<lb n="11"/>– die leidende Geduld bei Zertrettung jeder schönen Blüthe der Menschlichkeit²<lb n="12"/>und Frei[heit] – den Gehorsam gegen den Despoten in ein System, eine Advokatin<lb n="13"/>und die Feurigste Lobpreiserin der himmelschreienden Verbrechen des Despotismus,<lb n="14"/>und was noch ärger ist als solche einzele Verbrechen in den Maasregeln, des alle<lb n="15"/>menschliche Lebenskraft aussaugenden und durch langsames heimliches Gift unter<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>grabenden Despotismus</p>
<p><lb n="17"/>Es sollte unglaublich scheinen, daß das Primat der Vernunft so weit verkannt<lb n="18"/>worden ist, daß ihr historische Traditionen an die Seite gesezt, ja über dieselbe<lb n="19"/>erhoben worden sind –</p>
<note xml:id="fn-202-1" type="rand" n="¹"><lb n="20"/><seg type="marke">¹ </seg>(Revolution der Einbildungskraft in Ansehung des Kreuzes Gibb. 3. p. 205.</note>
<note xml:id="fn-202-2" type="rand" n="²"><lb n="21"/><seg type="marke">² </seg>der Humanität</note>
<pb n="203" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=221" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>IN EINER REPUBLIK …</head>
<p><lb n="2"/>(Notizenzettel)</p>
<p><lb n="3"/>In einer Republik ist es eine Idee, für die man lebt; in Monarchien immer fürs<lb n="4"/>einzelne – in diesen können die Menschen doch nicht ohne eine Idee seyn, sie machen<lb n="5"/>auch eine einzele Idee, ein Ideal – dort eine Idee wie es seyn soll; hier ein Ideal das ist,<lb n="6"/>das sie selten selbst geschaffen haben, die Gottheit – der grosse Geist in der Republik<lb n="7"/>wendet alle seine Kräfte physische und moralische an seine Idee, sein Ganzer Wirkungs<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>krais hat Einheit – der fromme Christ, der sich dem Dienst seines Ideals ganz weiht, ist<lb n="9"/>ein mystischer Schwärmer; füllt ihn sein Ideal ganz aus, kan er sich nicht theilen<lb n="10"/>zwischen dieses, und seinen weltlichen Wirkungskrais, und treibt alle seine Kräfte<lb n="11"/>nach jener Seite, so wird eine Guyon – die Foderungen, das Ideal anzuschauen, wird<lb n="12"/>die überspannte Einbildungskraft befriedigen, und auch die Sinnlichkeit behauptet<lb n="13"/>ihre Rechte; Beispiele die unzähligen Mönche und Nonnen, die mit Jesu liebelten,<lb n="14"/>und ihn zu umarmen glaubten – die Idee des Republikaners ist von der Art, daß alle<lb n="15"/>seine edelsten Kräfte ihre Befriedigung in wahrer Arbeit finden, da die des Schwär<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mers nur die Taüschungen der Einbildungskraft</p>
<p><lb n="17"/>(Jamerai Düval)</p>
<space/>
<p><lb n="18"/>Griechische und Gothische Baukunst, jene schön, diese erhaben; welche eigentlich<lb n="19"/>für Gebäude zwekmässiger? diese für Tempel aber für Gebäude überhaupt die<lb n="20"/>Griechische – wird ein Tempel von einem Beobachter, der ohne die Empfindungen<lb n="21"/>der Frömmigkeit – es blos als Gebäude betrachtet – besucht, und füllt ihn mit dem<lb n="22"/>Gefühl der Erhabenheit – so sind ihm die Mauern zu eng, er möchte sich Raum<lb n="23"/>machen, mit den Armen die Seiten mit dem Kopf bis ins unendliche entfernen – diese<lb n="24"/>Schranken, die das Gefühl der Erhabenheit wekten sind ebendarum ihm izt nicht<lb n="25"/>gelegen – er verlangt izt noch mehr – Unendlichkeit</p>
<pb n="205" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=223" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>DAS LEBEN JESU<lb n="2"/>1795</head>
<pb n="207" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=226" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb xml:id="GW01-s226-z1" n="1"/>Die reine aller Schranken unfähige Vernunft ist die Gottheit selbst – Nach Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nunft ist also der Plan der Welt überhaubt geordnet; oft ist sie zwar verfinstert, aber<lb n="3"/>doch nie ganz ausgelöscht worden, selbst in der Finsterniß hat sich immer ein<lb n="4"/>schwacher Schimmer derselben erhalten –</p>
<note xml:id="fn-207-2" place="margin" n="" target="#GW01-s226-z1" ana="#j.ohne-teil">den 9 May 95.</note>
<note xml:id="fn-207-3" place="margin" n="" target="#GW01-s226-z1" ana="#j.ohne-teil">Joh. 1.</note>
<p><lb n="5"/>Unter den Juden war es Johannes, der die Menschen wieder auf diese ihre Würde<lb n="6"/>aufmerksam machte – die ihnen nichts fremdes sein sollte, sondern die [sie] in sich<lb n="7"/>selbst, ihrem wahren Selbst, nicht in der Abstammung, nicht in dem Triebe nach<lb n="8"/>Glükseeligkeit, nicht darin suchen sollten, Diener eines großgeachteten Mannes zu<lb n="9"/>seyn, sondern in der Ausbildung des göttlichen Funkens der ihnen zu theil geworden<lb n="10"/>ist, der ihnen das Zeugnis gibt, daß sie in einem erhabnern Sinne von der Gottheit<lb n="11"/>selbst abstammen – Ausbildung der Vernunft ist die einzige Quelle der Wahrheit,<lb n="12"/>und der Beruhigung, die Johannes etwa nicht ausschliessend, oder als eine Seltenheit<lb n="13"/>zu besizen vorgab, sondern die alle Menschen in sich selbst aufschliessen können –</p>
<p><lb n="14"/>Mehr Verdienste aber um die Besserung der verdorbenen Maximen der Menschen<lb xml:id="GW01-s226-z15" n="15"/>und um die Erkenntniß der ächten Moralität und der gelaüterten Verehrung Gottes<lb n="16"/>hat sich Christus erworben.</p>
<note xml:id="fn-207-4" place="margin" n="" target="#GW01-s226-z15" ana="#j.ohne-teil">Matth. 1.2.</note>
<p><lb n="17"/>Der Ort, wo er gebohren wurde, war ein Dorf Bethlehem in Judäa; seine Eltern<lb n="18"/>Joseph und Maria¹, wovon jener sein Geschlecht von David ableitete, nach Art der</p>
<note xml:id="fn-207-1" type="rand" n="¹"><lb n="19"/><seg type="marke">¹ </seg>die sonst in Nazareth in Galiläa ansässig waren, aber nach Bethlehem dem<lb n="20"/>Stammort der Familie Josephs reisen musten, um sich dort in die Liste, die von der jüdischen<lb n="21"/>Volksmenge auf einen Befehl Augusts gemacht wurde, einschreiben zu lassen – der Grund soll<lb n="22"/>gewesen seyn</note>
<pb n="208" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=227" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Juden, die viel auf Ahnentafeln hielten – Jesus wurde nach den jüdischen Gesezen<lb xml:id="GW01-s227-z2" n="2"/>acht Tage nach seiner Geburt beschnitten</p>
<note xml:id="fn-208-2" place="margin" n="" target="#GW01-s227-z2" ana="#j.ohne-teil">Luc. 2,21.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s227-z3" n="3"/>Von seiner Erziehung ist nichts bekannt, als daß er früh Spuren von einem nicht<lb n="4"/>gemeinen Verstand [gezeigt], und Interesse an religiösen Gegenständen genommen<lb n="5"/>habe, wie ein Beispiel davon angeführt wird, daß er sich in seinem 12te Jahre einst<lb n="6"/>von seinen Eltern verlief, sie dadurch in grossen Kummer sezte, aber von ihnen im<lb n="7"/>Tempel zu Jerusalem unter Priester gefunden wurde, die er durch die für sein Alter<lb n="8"/>ungewöhnliche Kenntnisse und UrtheilungsVermögen in Verwunderung sezte –<lb n="9"/>Von seiner fernern Bildung als Jüngling bis zu der Zeit da er selbst als gebildeter<lb n="10"/>Mann und Lehrer auftratt, von der ganzen so höchst merkwürdigen Entwiklungs<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>periode bis zum 30sten Jahr sind nur folgende Nachrichten auf uns gekommen, daß<lb xml:id="GW01-s227-z12" n="12"/>er in Bekanntschaft mit dem obengenannten Johannes kam, der sich den Taüfer<lb xml:id="GW01-s227-z13" n="13"/>nannte, weil er die Gewohnheit hatte, diejenigen die seinen Aufruf sich zu bessern<lb n="14"/>annahmen, zu taufen – Dieser Johannes fühlte den Beruf in sich, seine Landsleute auf<lb n="15"/>höhere Zweke, als blossen Genuß, auf bessere Erwartungen, als die Widerherstellung<lb n="16"/>des ehmaligen Glanzes des Jüdischen Reichs aufmerksam zu machen – der Ort wo er<lb n="17"/>lehrte und sich aufhielt, war gewöhnlich eine abgelegene Gegend, seine sonstige<lb n="18"/>Bedürfnisse sehr einfach, sein Kleid bestand in einem kamelhärnen Mantel mit einem<lb n="19"/>ledernen Gürtel, seine Speise in Heuschreken, die in jenen Gegenden eßbar sind, und<lb n="20"/>Honig von wilden Bienen. Von seiner Lehre ist im allgemeinen nur bekannt, daß er<lb n="21"/>die Menschen zur Sinnesänderung [und] diese durch Thaten zu beweisen aufrief –¹<lb n="22"/>und wenn, die welche zu ihm kamen, Reue über ihre bisherige Aufführung zeigten,<lb n="23"/>so taufte er sie, eine symbolische Handlung, die nach der Ähnlichkeit des Abwaschens<lb n="24"/>der Unreinigkeiten – auf die Ablegung einer verderbten Sinnesart hindeutete – So<lb n="25"/>kam auch Jesus zu ihm, und lies sich von ihm taufen, doch scheint Johannes nicht eine<lb n="26"/>Ehre dareingesezt zu haben, Jünger zu haben, und sie an sich zu knüpfen, denn als er<lb n="27"/>in Jesus die grosse Anlagen entdekte, die er in der Folge bewies, so bezeugte er<lb n="28"/>ihm, daß er nicht nöthig [habe] getauft zu werden, und wies auch andre an, sich an</p>
<note xml:id="fn-208-3" place="margin" n="" target="#GW01-s227-z3" ana="#j.ohne-teil">Luc. 2,41.</note>
<note xml:id="fn-208-4" place="margin" n="" target="#GW01-s227-z12" ana="#j.ohne-teil">Luc. 3.</note>
<note xml:id="fn-208-5" place="margin" n="" target="#GW01-s227-z13" ana="#j.ohne-teil">Matth. 3.</note>
<note xml:id="fn-208-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>daß die Juden, die wegen ihrer Abkunft von Abraham derselben<lb n="30"/>nicht bedürften um der Gottheit wohlgefällig zu seyn, im Irrthum seyen</note>
<pb n="209" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=228" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Jesum zu wenden, um von ihm sich belehren zu lassen – bezeugte auch nachher seine<lb xml:id="GW01-s228-z2" n="2"/>Freude darüber, als er hörte, daß Jesus soviele Zuhörer finde, und so viele taufe (doch<lb n="3"/>taufte er selbst nicht sondern nur seine Freunde)</p>
<note xml:id="fn-209-2" place="margin" n="" target="#GW01-s228-z2" ana="#j.ohne-teil">Joh. 3,27.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s228-z4" n="4"/>Johannes wurde zulezt das Opfer der beleidigten Eitelkeit des Herodes, des Fürsten<lb n="5"/>jener Gegenden, und eines Weibes – er hatte nemlich dessen Umgang mit Herodias,<lb n="6"/>der Schwägerin des Herodes getadelt, und wurde deswegen von ihm ins Gefängnis<lb n="7"/>gesezt; doch wagte es Herodes [nicht] ihn ganz aus dem Wege zu schaffen, weil das<lb n="8"/>Volk ihn für einen Propheten hielt – Als er einst an seinem Geburtstag ein glänzendes<lb n="9"/>Fest gab, und eine Tochter jener Herodias ihre Talente im Tanzen zeigte, so wurde<lb n="10"/>Herodes dadurch so entzükt, daß er ihr erlaubte sich eine Gnade von ihm auszubitten,<lb n="11"/>und wenn es die Hälfte seines Reiches wäre; er würde sie ihr gewähren; die Mutter,<lb n="12"/>deren beleidigte Eitelkeit ihre Rache gegen Johannes bisher hatte zurükhalten müssen,<lb n="13"/>gab ihrer Tochter an, sich den Tod des Johannes auszubitten – Herodes hatte nicht<lb n="14"/>den Muth zu glauben, und es vor den Gästen zu bezeugen, daß in seinem gegebenen<lb n="15"/>Wort kein Verbrechen mitbegriffen sei – und der Kopf des Johannes wurde dem<lb n="16"/>Kinde in einer Schüssel überreicht, die ihn ihrer Mutter brachte – Seinen Körper<lb n="17"/>begruben seine Jünger.</p>
<note xml:id="fn-209-3" place="margin" n="" target="#GW01-s228-z4" ana="#j.ohne-teil">Matth. 14.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s228-z18" n="18"/>Ausser diesem sind aus dieser Periode seines Lebens nur noch einige schwache Züge<lb xml:id="GW01-s228-z19" n="19"/>von dem Gang der Entwiklung seines Geistes auf die Nachwelt gekommen –</p>
<note xml:id="fn-209-4" place="margin" n="" target="#GW01-s228-z18" ana="#j.ohne-teil">Luc. 4.</note>
<note xml:id="fn-209-5" place="margin" n="" target="#GW01-s228-z19" ana="#j.ohne-teil">Matth. 4.</note>
<p><lb n="20"/>In den Stunden seines Nachdenkens in der Einsamkeit kam ihm einst der Gedanke,<lb n="21"/>ob es nicht der Mühe verlohnte, durch Studium der Natur und vielleicht durch Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bindung mit höhern Geistern es soweit zu bringen zu suchen, unedlere Stoffe in<lb n="23"/>edlere, für den Menschen unmittelbarer brauchbare zu verwandeln, etwa wie Steine<lb n="24"/>in Brod,¹ aber er wies diesen Gedanken ab, durch die Betrachtung der Schranken,<lb n="25"/>die die Natur dem Menschen in seiner Macht über sie gesezt hat, – durch die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>trachtung, daß es selbst unter der Würde des Menschen ist, nach einer solchen Macht<lb n="27"/>zu streben, da er in sich eine über die Natur erhabene Kraft besizt, deren Ausbildung<lb n="28"/>und Erhöhung die wahre Bestimmung seines Lebens ist –</p>
<p><lb n="29"/>Ein anders mal ging auch vor seiner Einbildungskraft alles das vorüber, was unter<lb n="30"/>den Menschen für groß, für würdig gehalten wird, der Gegenstand der Thätigkeit</p>
<note xml:id="fn-209-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>oder sich von der Natur überhaupt unabhängiger zu machen – (herunterstürzen</note>
<pb n="210" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=229" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>eines Menschen zu seyn, über Millionen zu gebieten, die halbe Welt von sich reden<lb n="2"/>zu machen, tausende von seinem Willen, von seinen Launen abhängig zu sehen, –<lb n="3"/>oder in fröhlichem Genusse der Befriedigung seiner Wünsche zu leben – alles was<lb n="4"/>die Eitelkeit oder die Sinne reizen kan – Als er aber weiter über die Bedingungen<lb n="5"/>nachdachte, unter welchen diß alles nur erworben [werden] kan, selbst wenn man<lb n="6"/>dessen Besiz nur zum Wohl der Menschheit gebrauchen wollte, nemlich¹ seiner<lb n="7"/>höhern Würde zu vergessen, der Selbstachtung zu entsagen, so verwarf er ohne sich<lb n="8"/>zu bedenken den Gedanken jene Wünsche je zu den seinigen zu machen, entschlossen,<lb n="9"/>dem ewig getreu zu bleiben, was unauslöschlich in seinem Herzen geschrieben stand,<lb n="10"/>allein das ewige Gesez der Sittlichkeit, und den zu verehren, dessen heiliger Wille<lb n="11"/>unfähig ist, von etwas anderm affizirt zu werden, als von jenem Gesez.</p>
<p><lb n="12"/>In seinem dreysigsten Jahre erst trat [Jesus] selbst öffentlich als Lehrer auf, sein<lb n="13"/>Vortrag scheint im Anfang mehr auf einzelne eingeschränkt gewesen zu seyn, bald<lb xml:id="GW01-s229-z14" n="14"/>gesellten sich theils durch den Geschmak, den sie an seiner Lehre fanden, theils auf<lb n="15"/>seinen Zuruf [Jünger zu ihm], von denen er meist überall begleitet wurde, und aus<lb n="16"/>denen er durch sein Beispiel, und seine Belehrungen den eingeschränkten Geist<lb n="17"/>jüdischer Vorurtheile und Nationalstolzes zu vertreiben, und sie mit seinem Geiste,<lb n="18"/>der nur in Tugend, die nicht an eine besondere Nation, oder positive Einrichtungen<lb n="19"/>gebunden ist, einen Werth sezte [zu erfüllen suchte] – Der gewöhnliche Ort, wo er<lb n="20"/>sich aufhielt, war Galilea, und (darin) Capernaum, – von da aus machte er gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lich an den hohen Festen der Juden, besonders am jährlichen Osterfest eine Reise<lb n="22"/>nach Jerusalem.</p>
<note xml:id="fn-210-2" place="margin" n="" target="#GW01-s229-z14" ana="#j.ohne-teil">Joh. 1,35–51.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s229-z23" n="23"/>Das erstemal daß er nach Jerusalem kam, seitdem er öffentlich als Lehrer auftratt,<lb n="24"/>machte er durch eine auffallende Begebenheit viel Aufsehen – Als er in den Tempel<lb n="25"/>tratt, wohin alle Bewohner Judäas zusammenströmten, wo sie in gemeinschaftlicher<lb n="26"/>Anbetung der Gottheit sich über die kleinen Interessen des Lebens erhoben, und sich</p>
<note xml:id="fn-210-3" place="margin" n="" target="#GW01-s229-z23" ana="#j.ohne-teil">Joh. 2,12 ss.</note>
<note xml:id="fn-210-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>sich unter seine und fremde Leidenschaften zu<lb n="28"/>erniedrigen</note>
<pb n="211" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=230" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>der Gottheit näherten – traf er eine Menge Krämer an, die auf die Religiosität der<lb n="2"/>Juden Spekulationen machten, und mit allen Arten von Waaren Handel trieben,<lb n="3"/>die die Juden zu ihren Opfern gebrauchten, und bei dem Zusammenfluß der Menge<lb n="4"/>aus allen Gegenden Judäas, zur Zeit der Feste und im Tempel ihre Geschäfte machten –<lb n="5"/>Jesus voll Unwillen über diesen kaufmännischen Geist – jagte die Krämer zum Tem<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>pel hinaus.</p>
<p><lb n="7"/>Er fand viele, bei denen seine Lehre Eingang hatte – er kannte die Anhänglichkeit<lb n="8"/>der Juden, an ihre eingewurzelte NationalVorurtheile, und ihren Mangel an Sinn für<lb n="9"/>etwas höheres zu gut – als daß er sich mit ihnen näher eingelassen, Vertrauen in ihre<lb n="10"/>Überzeugung gesezt hätte, er hielt diese nicht für fähig, nicht für von der Art, daß<lb n="11"/>etwas grösseres darauf gebaut werden könnte – und von der Eitelkeit, durch den<lb n="12"/>Beifall einer grossen Anzahl von Menschen sich geehrt [zu] glauben, und von der<lb n="13"/>Schwäche dadurch als durch ein Zeugniß in seiner eigenen Überzeugung mehr<lb n="14"/>befestigt zu werden – war er zu weit entfernt, er bedurfte keines Beifalls, keiner<lb n="15"/>Autorität, um an die Vernunft zu glauben –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s230-z16" n="16"/>Das Aufsehen, das Jesus hier machte, schien auf die Lehrer des Volks und Priester<lb n="17"/>wenig Eindruk zu machen, oder gaben sie sich wenigstens die Mine, mit Verachtung<lb n="18"/>auf ihn herabzubliken, doch fühlte sich einer von ihnen, Nikodemus dadurch ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>anlast, mit Jesu in nähere Bekanntschaft zu kommen, und sich aus seinem Munde zu<lb n="20"/>überzeugen, worin das Neue und Unterscheidende der Lehre Jesu bestehe, und ob es<lb n="21"/>einer Aufmerksamkeit würdig seie – Er kam, um sich nicht dem Hasse – oder dem<lb n="22"/>Gelächter auszusezen, in der Dunkelheit der Nacht zu ihm –</p>
<note xml:id="fn-211-1" place="margin" n="" target="#GW01-s230-z16" ana="#j.ohne-teil">Joh. 3.</note>
<p><lb n="23"/>Auch ich, sagte Nikodemus, komme, um von dir belehrt zu werden – denn alles,<lb n="24"/>was ich von dir höre, beweist mir, daß du ein Gesandter Gottes bist, daß Gott in dir<lb n="25"/>wohnt, daß du vom Himmel kommst – Ja wohl, antwortete Jesus, wer nicht seinen<lb n="26"/>Ursprung aus dem Himmel hat, in wem nicht göttliche Kraft wohnt, ist kein Bürger<lb n="27"/>des Reiches Gottes – Aber, erwiederte Nikodemus, wie sollte der Mensch seinen<lb n="28"/>natürlichen Anlagen entsagen, wie sollte er zu höhern gelangen können – er müßte</p>
<pb n="212" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=231" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>in den Leib seiner Mutter zurükkehren und ein anderer – als Wesen eines andern<lb n="2"/>Geschlechts gebohren werden –</p>
<p><lb n="3"/>Der Mensch als Mensch, versezte Jesus, ist nicht bloß ein ganz sinnliches Wesen –<lb n="4"/>Seine Natur ist nicht blos auf Triebe nach Vergnügen eingeschränkt – es ist auch<lb n="5"/>Geist in ihm, auch ein Funken des göttlichen Wesens, das Erbtheil aller vernünftigen<lb n="6"/>Wesen ist ihm zu theil geworden. So wie du den Wind zwar wohl sausen hörst, und<lb n="7"/>sein Wehen empfindest, aber nichts über ihn vermagst, noch weißt, woher er<lb n="8"/>komme, oder wohin er gehe, so kündigt sich dir unwiderstehlich, jenes selbständige<lb n="9"/>unveränderliche Vermögen innerlich an – aber wie es mit dem übrigen dem Wechsel<lb n="10"/>unterworfenen Gemüth des Menschen verknüpft, wie es zu einer Obermacht über<lb n="11"/>das sinnliche Vermögen kommen könne – das ist uns unbekannt –</p>
<p><lb n="12"/>Nikodemus gestand, diß seien Begriffe die er nicht kenne – Wie, sagte Jesus, du<lb n="13"/>bist ein Lehrer in Israel und das, was ich sagte, begreifst du nicht – in mir ist die Über<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zeugung davon so lebendig, als die Gewißheit, dessen, was ich sehe und höre – wie<lb n="15"/>kan ich euch aber zumuthen, es auf mein Zeugnis zu glauben, wenn ihr auf das<lb n="16"/>innere Zeugnis eures Geistes, auf diese himmlische Stimme nicht achtet, nur sie,<lb n="17"/>deren Wurzel im Himmel ist – vermag euch über das zu belehren, was höheres<lb n="18"/>Bedürfnis der Vernunft sei, und doch nur im Glauben an sie, durch Gehorsam gegen<lb n="19"/>sie ist Ruhe und wahre Grösse, die Würde des Menschen zu finden – denn sosehr hat<lb n="20"/>die Gottheit den Menschen vor der übrigen Natur ausgezeichnet, daß sie ihn mit<lb n="21"/>dem Widerglanze ihres Wesens, beseelte, ihn mit Vernunft begabte – durch den<lb n="22"/>Glauben an sie erfüllt der Mensch allein seine hohe Bestimmung – sie verdammt<lb n="23"/>nicht die Triebe der Natur – aber leitet und veredelt sie. Nur wer ihr nicht gehorcht,<lb n="24"/>der hat sich dadurch selbst gerichtet – daß er jenes Licht verkannte, es in sich nicht<lb n="25"/>nährte, und so durch seine Handlungen zeigte, wes Geistes Kind er sei – er zieht<lb n="26"/>[sich] vor dem Glanz der Vernunft, die, Sittlichkeit als Pflicht gebietet, zurük, denn<lb n="27"/>seine bösen Werke straüben sich gegen jene Beleuchtung, die ihn mit Schaam,<lb n="28"/>Selbstverachtung und Reue erfüllen würde –</p>
<pb n="213" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=232" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Aber wer aufrichtig mit sich zu Werke geht, nähert sich gern dem Richterstuhle<lb n="2"/>der Vernunft, scheut sich nicht vor ihren Zurechtweisungen, vor der Selbstkenntnis,<lb n="3"/>die sie ihm gibt, – und braucht seine Handlungen nicht zu verheimlichen, denn sie<lb n="4"/>zeugen von dem Geiste, der ihn beseelte, dem Geiste der vernünftigen Welt, dem<lb n="5"/>Geiste der Gottheit.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s232-z6" n="6"/>Jesus verlies Jerusalem wieder, als er hörte, daß die Menge, derer, die seiner Lehre<lb n="7"/>Beifall gaben, die Aufmerksamkeit der Pharisäer auf sich zog – er reiste daher wieder<lb n="8"/>nach Galiläa, wo ihn der Weg durch Samaria führte; er hatte seine Jünger voraus in<lb n="9"/>die Stadt geschikt, um Speise zu kaufen, er selbst weilte indeß an einer Quelle,<lb n="10"/>welche schon Jakob, einer der Stammväter des jüdischen Volks, besessen haben soll.<lb n="11"/>Er traf hier ein samaritisches Weib an, die er bat, ihm einen Trunk Wassers herauf<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zuziehen – Sie wunderte sich darüber, daß er ein Jude, von einer Samariterin zu<lb n="13"/>trinken begehre; denn beide Völker haben einen solchen Religions- und NationalHaß<lb n="14"/>gegeneinander, daß sie schlechterdings keinen Umgang miteinander haben –</p>
<note xml:id="fn-213-1" place="margin" n="" target="#GW01-s232-z6" ana="#j.ohne-teil">Joh. 4.</note>
<p><lb n="15"/>Jesus versezte: Wenn du meine Grundsäze kenntest, du würdest mich nicht nach<lb n="16"/>dem gemeinen Schlag von Juden beurtheilt haben – du hättest selbst auch kein<lb n="17"/>Bedenken getragen, mich darum zu bitten, und ich hätte dir eine andre Quelle<lb n="18"/>lebendigen Wassers eröfnet – wer aus derselben schöpft, dessen Durst ist gestillt, das<lb n="19"/>Wasser, das aus ihr quillt, ist ein Strom, der ins ewige Leben leitet – Ich höre, daß du<lb n="20"/>ein weiser Mann bist, erwiederte die Samariterin, ich wage es dich um Aufschluß<lb n="21"/>über die wichtigste StreitFrage unserer und deiner Religion zu bitten – Unsere Väter<lb n="22"/>verrichten hier auf dem Berge Garizim ihren Gottesdienst, und ihr behauptet Jerusa<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lem allein sei der Ort, wo man den Allerhöchsten verehren solle – Glaube mir,<lb n="24"/>Weib, antwortete Jesus, es wird eine Zeit kommen, wo ihr keinen Gottesdienst mehr<lb n="25"/>feyern werdet, weder auf Garizim noch in Jerusalem – wo man nicht mehr glauben<lb n="26"/>wird, der Gottesdienst schränke sich auf vorgeschriebene Handlungen, oder einen<lb n="27"/>bestimmten Ort ein – Es wird die Zeit kommen, und sie ist eigentlich schon da, wo<lb n="28"/>die ächten Verehrer Gottes den allgemeinen Vater im wahren Geist der Religion<lb n="29"/>verehren werden – denn nur solche sind ihm wohlgefällig – der Geist, in dem allein<lb n="30"/>Vernunft und ihre Blüthe, das Sittengesez herrscht, – hierauf allein muß die ächte<lb n="31"/>Verehrung Gottes gegründet seyn –</p>
<pb n="214" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=233" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Die Erzählung der Frau, die sie ihren Mitbürgern, von Jesu und ihrem Gespräch<lb n="2"/>mit ihm, machte, brachte ihnen schon eine hohe Meinung von ihm bei. Sie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>anlaste viele Samariter hinauszugehen, um Belehrung von ihm zu erhalten. Während<lb n="4"/>sich Jesus mit ihnen unterhielt – boten ihm seine Jünger, die indessen zurükgekehrt<lb n="5"/>waren, zu essen an – Lasset das, antwortete er ihnen, ich denke nicht an leibliche<lb n="6"/>Nahrung, den Willen Gottes zu thun, und das Werk der Besserung der Menschen<lb n="7"/>auszuführen ist meine Beschäftigung, eure Gedanken sind auf Speise gerichtet, auf<lb n="8"/>die Erndte, die bevorsteht – Erweitert eure Blike – schauet auf zur Erndte, der das<lb n="9"/>Menschengeschlecht entgegenreift, auch diese Saat zeitiget – in diesen Gefilden habt<lb n="10"/>ihr nicht ausgesäet – der Keim des Guten, den die Natur in die Herzen der Menschen<lb n="11"/>einsezte, hat sich hie und da von selbst entwikelt, eure Sache aber ist es, diese Blüthen<lb n="12"/>zu pflegen, in die Arbeit einzutretten, die die Natur angefangen hat, und die Saat zur<lb n="13"/>Zeitigung zu bringen. Auf das Ersuchen der Samariter blieb Jesus 2 Tage bei ihnen,<lb n="14"/>und gab ihnen Gelegenheit, durch eigene Erfahrung, die hohe Meinung, die sie von<lb n="15"/>ihm auf die Erzählung der Frau gefast hatten, bestätigt zu finden –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s233-z16" n="16"/>Nach 2 Tagen sezte er seinen Weg weiter fort nach Galiläa, wo er hinkam rief er<lb xml:id="GW01-s233-z17" n="17"/>die Menschen zur Sinnesänderung, und Besserung auf, suchte sie aus ihrem Schlum<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s233-z18" n="18" break="no"/>mer, und der unfruchtbaren, unthätigen Hofnung zu erweken, ein Messias werde<lb xml:id="GW01-s233-z19" n="19"/>bald erscheinen, und den Glanz des jüdischen Gottesdienstes und Staates wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>herstellen – Wartet nicht auf einen andern, rief ihnen Jesus zu, legt selbst Hand an<lb n="21"/>das Werk eurer Besserung – sezt euch ein höheres Ziel, als das, wieder zu werden,<lb n="22"/>was die alten Juden waren, bessert euch – dann bringt ihr das Reich Gottes herbei –<lb xml:id="GW01-s233-z23" n="23"/>So lehrte Jesus überall, in Capernaum am See Genezareth, an öffentlichen Örtern<lb n="24"/>und in den Lehrsälen der Juden – unter anderm auch redte er über eine Stelle aus<lb n="25"/>den heiligen Büchern seiner Landsleute – in Nazareth seinem Geburtsort – da hieß es<lb n="26"/>denn: ist diß nicht Josephs Sohn der unter uns gebohren und erzogen wurde – das<lb n="27"/>Vorurtheil der Juden, daß der, den sie als ihren Retter erwarteten, von vornehmer<lb n="28"/>Abkunft seyn und mit aüsserm Glanz auftretten müsse, war unüberwindlich – und</p>
<note xml:id="fn-214-1" place="margin" n="" target="#GW01-s233-z16" ana="#j.ohne-teil">Joh. 4,43.</note>
<note xml:id="fn-214-2" place="margin" n="" target="#GW01-s233-z17" ana="#j.ohne-teil">Matth. 4,12.</note>
<note xml:id="fn-214-3" place="margin" n="" target="#GW01-s233-z18" ana="#j.ohne-teil">Luc. 4,14.</note>
<note xml:id="fn-214-4" place="margin" n="" target="#GW01-s233-z19" ana="#j.ohne-teil">Matth. 4,17.</note>
<note xml:id="fn-214-5" place="margin" n="" target="#GW01-s233-z23" ana="#j.ohne-teil">Luc. 4,16–30.</note>
<pb n="215" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=234" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>zulezt wurde er von seinen Mitbürgern zur Stadt hinaus weit vertrieben, wobei ihm<lb n="2"/>selbst das Sprichwort einfiel, ein Prophet gilt nirgend weniger als in seinem Vater<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lande.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s234-z4" n="4"/>Hier lud er auch Petrus und Andreas, wie auch Jakobus und Johannes ein ihm<lb xml:id="GW01-s234-z5" n="5"/>nachzufolgen, die er mit Fischfangen, ihrem Handwerk beschäftigt antraf, wobei er<lb n="6"/>zu Petrus sagte – laß die Fische, ich will [dich] zu einem Menschenfischer machen –</p>
<note xml:id="fn-215-1" place="margin" n="" target="#GW01-s234-z4" ana="#j.ohne-teil">Matth. 4,18–22.</note>
<note xml:id="fn-215-2" place="margin" n="" target="#GW01-s234-z5" ana="#j.ohne-teil">c. l. parall.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s234-z7" n="7"/>Die Zahl seiner Anhänger fing izt an sehr beträchtlich zu werden – aus Städten<lb n="8"/>und Dörfern begleiteten ihn viele Menschen – Vor einer so zahlreichen Menge wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>scheinlich hielt er einst in dieser Periode seines Lebens auf einem Berge folgende<lb n="10"/>Rede an sie:</p>
<note xml:id="fn-215-3" place="margin" n="" target="#GW01-s234-z7" ana="#j.ohne-teil">Matth. 4,25.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s234-z11" n="11"/>Wohl den demüthigen und armen, das Himmelreich ist ihr Theil.</p>
<note xml:id="fn-215-4" place="margin" n="" target="#GW01-s234-z11" ana="#j.ohne-teil">Matth. 5.</note>
<p><lb n="12"/>Wohl denen, die Leide tragen, sie werden einst getröstet werden –</p>
<p><lb n="13"/>Wohl den sanftmüthigen, sie werden zum Genuß der Ruhe gelangen.</p>
<p><lb n="14"/>Wohl denen, die Verlangen tragen nach Gerechtigkeit, ihr Verlangen wird er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>füllt werden</p>
<p><lb n="16"/>Wohl denen, die mitleidig sind, auch ihrer wird man sich erbarmen.</p>
<p><lb n="17"/>Wohl denen, die reines Herzens sind, sie nähern sich dem Heiligen.</p>
<p><lb n="18"/>Wohl denen, die den Frieden lieben, ihnen kommt der Name, Kinder Gottes, zu –</p>
<p><lb n="19"/>Wohl denen, die um der gerechten Sache willen verfolgt werden, die Schmach<lb n="20"/>und Verlaümdung darob erleiden, – Freuet euch und jauchzet – ihr seid Bürger des<lb n="21"/>Himmelreichs –</p>
<p><lb n="22"/>Von euch, meine Freunde, wünschte ich sagen zu können, ihr seid das Salz der<lb n="23"/>Erde, wenn aber dises unschmakhaft wird, womit soll man noch salzen? es verliert<lb n="24"/>sich unfühlbar unter den andern gemeinen Stoffen. Wenn in euch die Kraft des<lb n="25"/>Guten erstürbe – so gingen eure Thaten unter mit dem übrigen zweklosen Dringen<lb n="26"/>und Treiben der Menschen. Zeigt euch [als] Lichter der Welt, daß eure Thaten die<lb n="27"/>Menschen erleuchten, und das Bessere, das [in] ihnen liegt, entzünden, daß sie auf<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schauen lernen zu höhern Zweken, und zum Vater im Himmel –</p>
<pb n="216" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=235" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Glaubt nicht, daß ich etwa gekommen sei, Ungültigkeit der Geseze zu predigen,<lb n="2"/>nicht die Verbindlichkeit zu denselben aufzuheben, bin ich gekommen, sondern sie<lb n="3"/>vollständig zu machen – diesem todten Gerippe Geist einzuhauchen – Himmel und<lb n="4"/>Erde mögen wohl vergehen, aber nicht die Foderungen des Sittengesezes nicht die<lb n="5"/>Pflicht, ihnen zu gehorchen – wer sich und andre von Befolgung derselben freispricht,<lb n="6"/>ist unwürdig, den Namen eines Bürgers des Reiches Gottes zu tragen; wer sie aber<lb n="7"/>selbst erfüllt, und noch andere sie ehren lehrt, der wird angesehen sein in dem Himmel<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>Reich – Aber was ich um das ganze System der Geseze auszufüllen hinzuseze ist die<lb n="9"/>Hauptbedingung, daß ihr euch nicht mit der Beobachtung des Buchstabens der<lb n="10"/>Geseze begnügt,¹ wie die Pharisäer, und die Gelehrte eures Volks, sondern im Geiste<lb n="11"/>des Gesezes aus Achtung für die Pflicht handelt. Um euch diß mit einigen Beispielen<lb n="12"/>aus eurem Gesezbuch zu erlaütern, so ist euch es als ein altes Gebot bekannt, du sollt<lb n="13"/>nicht tödten – wer tödtet, der soll vor das Gericht gezogen werden – ich aber sage<lb n="14"/>euch, daß nicht gerade der Tod des andern das strafwürdige des Verbrechens aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>macht – wer seinem Bruder ungerechterweise zürnt, kan zwar von keinem weltlichen<lb n="16"/>Gericht gestraft werden, aber dem Geiste des Gesezes nach ist er so strafwürdig als<lb n="17"/>jener – wer aber aus Menschenverachtung</p>
<space/>
<p><lb n="18"/>So ist euch befohlen, zu gewißen Zeiten Opfer darzubringen, wenn ihr euch dem<lb n="19"/>Altare nähert, und ihr euch dort errinnert, daß ihr einen Menschen beleidigt habt,<lb n="20"/>und dieser deswegen unzufrieden ist, so last eure Gabe vor dem Altar stehen, bietet<lb n="21"/>eurem Bruder die Hand zur Aussöhnung, dann nahet ihr euch erst Gottwohlgefällig<lb n="22"/>dem Altare.</p>
<p><lb n="23"/>Auch heist eines eurer Gebote: du sollst nicht ehebrechen – ich aber sage euch,<lb n="24"/>daß nicht blos die wirkliche That ein Vergehen ist, sondern die Lüsternheit überhaupt<lb n="25"/>beweist, daß das Herz schon unrein ist – Welche Neigung es sey, die natürlichste,<lb n="26"/>liebste, thut ihr Gewalt an, verlezet sie sogar, eh ihr euch von ihr über die Linie des<lb n="27"/>Rechts hinüberreissen, und dadurch eure Maximen nach und nach untergraben und</p>
<note xml:id="fn-216-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>die allein, der Gegenstand menschlicher Gerichte sein kan.</note>
<pb n="217" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=236" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>verderben last, wenn ihr bei der Befriedigung eurer Neigung wohl den Buchstaben<lb n="2"/>des Gesezes nicht verleztet.</p>
<p><lb n="3"/>Weiter ist es ein altes Gesez: du sollst nicht falsch schwören; – überhaupt aber,<lb n="4"/>wenn ihr Achtung für euch selbst habt, muß jede Versicherung jedes Versprechen<lb n="5"/>mit einem blossen Ja, oder Nein, ebenso aufrichtig, ebenso heilig und unverbrüch<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lich seyn, als ein Schwur bei der Gottheit; denn euer Ja oder Nein müst ihr nur mit<lb n="7"/>der Überzeugung geben, daß ihr in alle Ewigkeit so handeln würdet.</p>
<p><lb n="8"/>So ist es auch ein bürgerliches Gesez: Aug’ um Auge, Zahn um Zahn – aber lasset<lb n="9"/>diese gerichtliche Sazung nicht den Maasstab eures PrivatLebens, in Erwiederung von<lb n="10"/>Beleidigungen, oder in Erweisung von Gefälligkeiten seyn – Opfert gleichgültig<lb n="11"/>gegen den Besiz des Eigenthums – den edlern Gefühlen der Sanftmuth und der Güte<lb n="12"/>– die Rachsucht, und eure eigene, wenn schon oft gerechte Vortheile auf –</p>
<p><lb n="13"/>Auch ist euch zwar Liebe gegen eure Freunde und eure Nation geboten, aber da<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bei Haß gegen eure Feinde und Fremde erlaubt – ich sage euch dagegen, Achtet auch<lb n="15"/>in euren Feinden die Menschheit, wenn ihr sie nicht lieben könnt, wünschet denen<lb n="16"/>Gutes, die euch fluchen, und thut wohl denen, die euch hassen, bittet bei andern für<lb n="17"/>die, welche euch bei andern verlaümden und durch andre euch unglüklich zu machen<lb n="18"/>suchen – so werdet ihr ächte Kinder des Vaters im Himmel, ähnlich dem allgütigen,<lb n="19"/>der über Gute und Böse seine Sonne scheinen, redlichen und ungerechten seinen<lb n="20"/>Regen angedeihen läst – denn wenn ihr die wieder liebet, die euch lieben, euren<lb xml:id="GW01-s236-z21" n="21"/>Wohlthätern Gutes thut, oder ausleiht, um den gleichen Werth zurükzuempfangen,<lb n="22"/>welches Verdienst habt ihr dabei? diß ist Empfindung der Natur, die auch von den<lb n="23"/>Bösen nicht verleugnet wird – für die Pflicht habt ihr damit noch nichts gethan –<lb n="24"/>Heiligkeit sey euer Ziel, wie die Gottheit heilig ist.</p>
<note xml:id="fn-217-1" place="margin" n="" target="#GW01-s236-z21" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,35.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s236-z25" n="25"/>Allmosen Geben und Mildthätigkeit sind empfehlungswürdige Tugenden, aber<lb n="26"/>sie, wenn sie nicht wie die obigen Gebote im Geiste der Tugend – nur um sich sehen<lb n="27"/>zu lassen, ausgeübt werden, sind ohne alles Verdienst – wenn ihr also Allmosen</p>
<note xml:id="fn-217-2" place="margin" n="" target="#GW01-s236-z25" ana="#j.ohne-teil">Matth. 6.</note>
<pb n="218" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=237" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>geben wollt, so laßt es nicht in den Strassen, und auf den Kanzeln oder in Zeitungen<lb n="2"/>ausposaunen, wie die Heuchler thun, um von den Leuten hochgepriesen zu werden;<lb n="3"/>thu es im Verborgenen, daß gleichsam die linke Hand nicht weis, was die Rechte<lb n="4"/>gibt – Euer Lohn, wenn ihr der Vorstellung eines Lohns als Aufmunterung bedürft,<lb n="5"/>ist der stille Gedanke gut gehandelt zu haben, und daß so wenig die Welt den Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heber kennt, doch die Wirkung eurer Handlung, sei es auch im kleinen, – die Hülfe,<lb n="7"/>die ihr dem Unglük gebracht, der Trost, den ihr dem Elend gereicht, – in Ewigkeit<lb n="8"/>reich ist an wohlthätigen Folgen –</p>
<p><lb n="9"/>Wenn ihr betet, so geschehe es ebenso wenig nach Art der Heuchler, die in den<lb n="10"/>Kirchen auf den Knien liegen, auf den Straßen die Hände falten, oder den Nachbarn<lb n="11"/>mit ihrem Singen beschwerlich fallen – um vor den Menschen sich damit sehen zu<lb n="12"/>laßen – wahrlich ihr Gebet ist ohne Frucht – Euer Gebet, es sei in der freyen Natur<lb n="13"/>oder in eurem Zimmer, sei eine Erhebung eures Gemüths über die kleinen Zweke,<lb n="14"/>die sich die Menschen sezen, und über die Begierden, die sie hin und her treiben,<lb n="15"/>durch den Gedanken an den Heiligen, der euch an das Gesez errinnere, das in euren<lb n="16"/>Busen gegraben ist, und euch mit Achtung für dasselbe, unverlezbar durch alle Reize<lb n="17"/>der Neigungen – erfülle –</p>
<p><lb n="18"/>Sezet das Wesen des Gebets nicht in viele Worte, wodurch abergläubische Men<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schen sich bei Gott in Gunst zu sezen, oder etwas über ihn und den Plan seiner<lb n="20"/>ewigen Weisheit vermögen zu können vermeinen. Gleichet ihnen darin nicht, Euer<lb n="21"/>Vater weis, wessen ihr bedürfet, eh’ ihr ihn darum bittet; Bedürfnisse der Natur,<lb n="22"/>Wünsche der Neigungen können also nicht Gegenstand eures Gebets seyn, denn wie<lb n="23"/>könnt ihr wissen, ob die Befriedigung derselben Zwek des moralischen Planes des<lb n="24"/>heiligen sey? Der Geist eures Gebets sei, daß ihr von dem Gedanken an die Gottheit<lb n="25"/>belebt vor derselben den festen Vorsaz faßt, euren ganzen Wandel der Tugend zu<lb n="26"/>weihen. Dieser Geist des Gebets würde sich in Worte ausgedrükt etwa so darstellen<lb n="27"/>lassen: Vater der Menschen, dem alle Himmel unterworfen sind, du, der alleinheilige<lb n="28"/>seyest das Bild, das uns vorschwebe, dem wir uns zu nähern trachten, daß dein Reich</p>
<pb n="219" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=238" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>einst kommen möge, in welchem alle vernünftige Wesen das Gesez allein zur Regel<lb n="2"/>ihrer Handlungen machen – dieser Idee werden alle Neigungen, selbst das Schreien<lb n="3"/>der Natur nach und nach unterworfen – Im Gefühl unsrer Unvollkommenheit gegen<lb n="4"/>deinen heiligen Willen, wie sollten wir uns zu strengen, oder gar rachsüchtigen<lb n="5"/>Richtern unsrer Brüder aufwerfen? wir wollen vielmehr nur an uns arbeiten, daß<lb n="6"/>wir unser Herz bessern, die Triebfedern unserer Handlungen veredeln, und unsere<lb n="7"/>Gesinnung vom Bösen immer mehr und mehr reinigen, um dir ähnlicher zu wer<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>den, dessen Heiligkeit und Seeligkeit allein unendlich ist –</p>
<p><lb n="9"/>Ein Kennzeichen eurer Zunahme an moralischer Vollkommenheit habt ihr, diß<lb n="10"/>ist, eure Zunahme an Bruderliebe, und an Geneigtheit zur Verzeihung. Nicht Schäze<lb n="11"/>auf der Erde, die ihr nicht einmal ganz euer eigen nennen könnt, Gold und Silber<lb n="12"/>oder Schönheit, Geschiklichkeit – die der Vergänglichkeit, dem Wechsel der Um<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stände, sogar dem Rost, und dem Zerfressen von Insekten, oder der Gefahr gestohlen<lb n="14"/>zu werden, ausgesezt sind – nicht solche seyen es, die eure Seele ausfüllen – Sammelet<lb n="15"/>einen unvergänglichen Schaz in euch selbst, einen Reichtum von Moralität, nur<lb n="16"/>einen solchen könnt ihr in vollem Sinne des Worts euer Eigenthum nennen, denn<lb n="17"/>er hängt eurem eigensten Selbst an, – der Zwang der Natur, oder der böse Willen<lb n="18"/>der Menschen, selbst der Tod vermag nichts über ihn – Wie das Auge als Leuchte<lb n="19"/>dem Leib dient, und wenn es gesund ist, ihn in allen seinen Verrichtungen leitet,<lb n="20"/>wenn es aber fehlerhaft ist, der Leib in allem ungeschikt ist – so wenn das Licht der<lb n="21"/>Seele, die Vernunft verdunkelt ist, woher sollte irgend ein Trieb, irgend eine Neigung<lb n="22"/>ihre wahre Richtung erhalten? So wie man nicht 2 Herren mit gleichem Eifer dienen<lb n="23"/>kan, so ist der Dienst Gottes und der Vernunft mit dem Dienst der Sinne unvereinbar,<lb n="24"/>der eine von beiden schliest den andern aus, oder es entsteht ein unseeliges unmäch<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tiges hin und her Schwanken zwischen beiden – Darum ermahne ich euch, entreist<lb n="26"/>euch doch den ewigen Sorgen, um Essen und Trinken und Kleidung, Bedürfnisse,<lb n="27"/>die den ganzen Kreis des Bestrebens der meisten Menschen ausmachen, die der</p>
<pb n="220" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=239" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Wichtigkeit nach, – die sie darein legen, ihre Bestimmung, den lezten Endzwek<lb n="2"/>ihres Daseyns auszumachen scheinen – Liegt im menschlichem Gemüth doch nicht<lb n="3"/>noch ein erhabeneres Bedürfnis, als das um Nahrung um Kleidung? Sehet doch die<lb n="4"/>sorgenfreien Vögel unter dem Himmel, sie säen sie erndten nicht, und sammeln<lb n="5"/>nicht in die Scheunen, der Vater der Natur hat für ihre Nahrung gesorgt – Ist eure<lb n="6"/>Bestimmung nicht höher als die ihrige, und ihr solltet von der Natur verdammt<lb n="7"/>seyn, alle die edlen Kräften eurer Seele nur dazu anzuspannen um die Bedürfnisse des<lb n="8"/>Magens zu befriedigen – Ihr wendet soviel Mühe auf Puz und Verschönerung der<lb n="9"/>Gestalt, die euch die Natur verlieh, – Kann eure Eitelkeit mit allem Aufwand von<lb n="10"/>Sinnen und Sorgen eurer Länge einen Zoll zusezen? – oder seht die Blumen des<lb n="11"/>Feldes an, die heute so prächtig blühen, und morgen zu Heu gemacht werden,<lb n="12"/>konnte Salomo in aller seiner Pracht der freien Schönheit der Natur es nachthun?<lb n="13"/>Entschlagt euch also doch ein wenig, der ängstlichen Sorgen um Nahrung und Klei<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>dung; – Das höchste Ziel eures Bestrebens sei das Reich Gottes, und die Sittlichkeit,<lb n="15"/>wodurch ihr allein würdig werdet, Bürger desselben zu seyn – das übrige wird sich<lb n="16"/>dann von selber geben –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s239-z17" n="17"/>Seyd nicht streng in euren Urtheilen über andere, denn eben den Maasstab, den<lb n="18"/>ihr gebrauchet, wird man auch auf euch anwenden, und diß möchte nicht immer zu<lb n="19"/>eurem Vortheil ausfallen – Warum seht ihr so gern, den geringern Splitter in dem<lb n="20"/>Auge des andern, und den viel grössern in eurem eigenen bemerkt ihr nicht? und<lb n="21"/>sagt gar etwa noch zu ihm: Halt, mein bester, laß dir doch diesen Splitter aus deinem<lb n="22"/>Auge nehmen – und siehe, in eurem eigenen ist der viel grössere. – Heuchler, zieh<lb n="23"/>zuvor diesen aus, und dann erst denke daran, den andern zu heilen – arbeite zuvor an<lb n="24"/>dir selbst, eh du an andern arbeiten willt – wie kan ein Blinder einem Blinden den<lb n="25"/>Weg weisen, werden nicht beide in die Grube fallen? oder kan der Lehrer den<lb xml:id="GW01-s239-z26" n="26"/>Schüler geschikter machen als er selber ist? Wenn ihr nun andre bessern wollt, so<lb n="27"/>wendet euch damit nicht unvorsichtiger Weise an einen jeden ohne Unterschied,<lb n="28"/>werfet das heilige¹ nicht vor die Hunde noch die Perlen vor die Schweine, sie würdet<lb n="29"/>es nur unter die Füsse tretten, und sich gegen euch selber kehren, und euch umstür<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>zen – Nahet euch den Menschen mit Bitten, und sie werden euch oft nachgeben,</p>
<note xml:id="fn-220-2" place="margin" n="" target="#GW01-s239-z17" ana="#j.ohne-teil">Matth. 7.</note>
<note xml:id="fn-220-3" place="margin" n="" target="#GW01-s239-z26" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,40.</note>
<note xml:id="fn-220-1" type="darunter" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>(Ringe)</note>
<pb n="221" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=240" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>suchet eine Seite auf, wo ihr ihnen beikommen könnt, ihr werdet eine finden,<lb n="2"/>klopfet leise an, und ihr werdet Eingang finden –</p>
<p><lb n="3"/>Was ihr wollen könnt, daß als allgemeines Gesez unter den Menschen, auch<lb n="4"/>gegen euch gelte, nach einer solchen Maxime handelt – diß ist das Grundgesez der<lb n="5"/>Sittlichkeit – der Innhalt aller Gesezgebungen, und der heiligen Bücher aller Völker –<lb n="6"/>Gehet durch diese Pforte des Rechts ein in den Tempel der Tugend, diese Pforte ist<lb n="7"/>zwar eng, der Weg dahin gefahrvoll, und eurer Gefährten werden wenige seyn,<lb n="8"/>desto gesuchter ist der Pallast des Laster und Verderbens, – dessen Thore weit, und<lb n="9"/>dessen Strasse eben ist. Nehmt euch auf dem Wege, besonders in Acht für falschen<lb n="10"/>Lehrern, die mit der sanftmüthigen Mine eines Lammes sich euch nähern, und dar<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>unter die Begierden reißender Wölfe verbergen – Ihr habt ein sicheres Merkmal,<lb n="12"/>durch ihre Verstellung leicht durchzudringen – beurtheilt sie nach ihren Werken –<lb n="13"/>man liest ja doch nicht Trauben von Dornbüschen, oder Feigen von Disteln? Jeder<lb n="14"/>gute Baum trägt gute und der schlechte Baum – schlechte Früchte – der ist doch<lb xml:id="GW01-s240-z15" n="15"/>kein guter Baum, der schlechte Früchte trägt, und der kein fauler, der gute Früchte<lb n="16"/>trägt. An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen – Aus dem Reichtum eines<lb xml:id="GW01-s240-z17" n="17"/>guten Herzen quillt gutes, aus der Fülle eines schlechten Herzens quillt schlechtes<lb n="18"/>hervor. Nicht durch Worte der Frömmigkeit last euch taüschen – Nicht jeder, der<lb n="19"/>zu Gott ruft, der ihm Gebete und Opfer darbringt, ist ein Glied seines Reichs,<lb n="20"/>sondern nur der, der den Willen Gottes thut, welcher dem Menschen in dem Geseze<lb n="21"/>seiner Vernunft angekündigt ist – Viele werden in der Ewigkeit vor dem Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>richter sagen, Herr, Herr, wenn wir Wunder thaten, wenn wir böse Geister aus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>trieben, und sonst grosse Dinge verrichteten, haben wir nicht deinen Namen dabei<lb n="24"/>gebraucht, dich dabei gepriesen, dir dafür, als deinen Werken gedankt – dann wird<lb n="25"/>ihnen geantwortet werden: Was sollen eure Wunder, Weissagungen, oder grosse<lb n="26"/>Thaten, war es darum zu thun? – Gott erkennt euch nicht als die seinigen, – ihr seyd</p>
<note xml:id="fn-221-1" place="margin" n="" target="#GW01-s240-z15" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,43.</note>
<note xml:id="fn-221-2" place="margin" n="" target="#GW01-s240-z17" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,45.</note>
<pb n="222" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=241" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>nicht Bürger seines Reichs, ihr Wunderthäter, ihr Weissager, ihr Verrichter grosser<lb n="2"/>Thaten! ihr thatet dabei Böses, und Sittlichkeit ist der einzige Maasstab der Wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gefälligkeit Gottes! Jeden, der diese Grundsäze gehört hat, und sie zu den seinigen<lb n="4"/>macht, den vergleiche ich mit einem klugen Manne, der sein Haus auf einen Felsen<lb n="5"/>baute, da nun ein Sturm kam, und die Ströme daherrauschten, und die Winde weh<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ten, so stießen sie auch auf jenes Haus, aber es fiel nicht, denn es war auf einen Felsen<lb n="7"/>gegründet – den, der diese Lehre zwar hörte, aber sie nicht befolgt, den vergleiche<lb n="8"/>ich einem Thoren, der sein Haus auf Sand baute, da nun der Sturm kam, so sties er<lb n="9"/>auch auf dieses Haus, und stürzte es mit grossen Krachen ein – denn es hatte einen<lb n="10"/>leichten Grund.</p>
<p><lb n="11"/>Diese Rede machte grossen Eindruk auf seine Zuhörer, denn er sprach mit Kraft<lb n="12"/>und Nachdruk, und die Gegenstände waren solche, die das höchste Interesse der<lb n="13"/>Menschheit ausmachen –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s241-z14" n="14"/>Der Zulauf, Jesum zu hören, wurde von dieser Zeit an immer grösser, aber auch<lb xml:id="GW01-s241-z15" n="15"/>die Aufmerksamkeit der Pharisäer und jüdischen Priesterschaft auf ihn wurde ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mehrt – um dem Geraüsch jener Menge und den Nachstellungen dieser zu entgehen,<lb n="17"/>zog er sich oft in die Einsamkeit zurük – Während seinem Aufenthalt in Galiläa<lb n="18"/>kam er einst bei einem Zollhause vorbei, und sah dort einen Beamten Nahmens<lb n="19"/>Matthäus¹ sizen, den er auch zu seiner Nachfolge einladete, und ihn auch nachher<lb n="20"/>seines vertrautern Umgangs würdigte – Er speiste mit ihm, und die Gesellschaft<lb n="21"/>bestand aus noch mehrern solchen Beamten – da Zollbeamten und Sünder bei den<lb n="22"/>Juden gleichbedeutende Worte waren, so bezeugten die Pharisäer den Freunden Jesu<lb n="23"/>ihre Verwunderung darüber; da diser es hörte, so sagte er zu ihnen: Die Gesunden<lb n="24"/>bedürfen des Arztes nicht, sondern nur die Kranken – Überleget aber noch bei euch<lb xml:id="GW01-s241-z25" n="25"/>auf dem Wege, was es heissen wolle, was in euren heiligen Büchern irgendwo steht:<lb n="26"/>Nicht Opfer, sondern Rechtschaffenheit sind mir wohlgefällig –</p>
<note xml:id="fn-222-2" place="margin" n="" target="#GW01-s241-z14" ana="#j.ohne-teil">Matth. 9.</note>
<note xml:id="fn-222-3" place="margin" n="" target="#GW01-s241-z15" ana="#j.ohne-teil">Mar. 2,13.</note>
<note xml:id="fn-222-4" place="margin" n="" target="#GW01-s241-z25" ana="#j.ohne-teil">Hos. 6.</note>
<p><lb n="27"/>Einigen Jüngern des Johannes des Taüfers fiel es dagegen auf, daß sie und die<lb n="28"/>Pharisäer so viele Fasten halten, die Freunde Jesu dagegen nicht, auf ihre Frage dar<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>über, antwortete ihnen Jesus: Welchen Anlaß hätten sie auch wirklich zur Traurig-</p>
<note xml:id="fn-222-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>höchst wahrscheinlich die gleiche Geschichte und gleiche Person wovon<lb n="31"/>Luc. 5,27. Mar. 2,13 die Rede ist, nur daß hier der Mann unter dem Namen Levi vorkommt</note>
<pb n="223" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=242" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>keit, die Tage werden schon kommen, wo ihnen auch ihr Lehrer, wie euch der eurige<lb n="2"/>wird entrissen werden – dann mögen sie fasten –! warum sollte ich überhaupt eine<lb n="3"/>solche Strenge in ihrer Lebensart von ihnen fodern? es würde weder zu ihrer bis<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>herigen Gewohnheit, noch zu meinen Grundsäzen passen, die keinen Werth in ein<lb n="5"/>strenges Aüssere legen, und noch weniger mir erlauben, andern eine Beobachtung<lb n="6"/>gewisser Gebraüche aufzulegen –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s242-z7" n="7"/>Da izt wieder ein Passahfest einfiel, so begab auch Jesus sich nach Jerusalem;<lb n="8"/>während seines Aufenthalts daselbst, war es den Juden sehr anstössig, daß er einmal<lb n="9"/>einem armen Kranken an einem Sabbath einen Liebesdienst erwies – sie sahen darin<lb n="10"/>eine Entweihung dieses heiligen Tages, und eine Anmassung, ein Gebot, das Gott<lb n="11"/>selbst gegeben, für nicht verbindlich zu halten – sich gleichsam ein Recht, das nur<lb n="12"/>Gott zu komme, herauszunehmen, und seine Autorität der Autorität der Gottheit<lb n="13"/>gleichzusezen – Jesus gab ihnen zur Antwort: Wenn ihr eure kirchlichen Statuten<lb n="14"/>und positiven Gebote für das höchste Gesez haltet, das dem Menschen gegeben ist –<lb n="15"/>so verkennt ihr die Würde des Menschen, und das Vermögen in ihm, aus sich selbst,<lb n="16"/>den Begrif der Gottheit, und die Erkenntnis ihres Willens zu schöpfen – wer diß<lb n="17"/>Vermögen in sich nicht ehrt, der ehrt die Gottheit nicht – was der Mensch sein Ich<lb n="18"/>nennen kan, und was über Grab und Verwesung erhaben ist, und sich selbst seinen<lb n="19"/>verdienten Lohn bestimmen wird, ist fähig sich selbst [zu] richten – es kündigt sich<lb n="20"/>als Vernunft an, deren Gesezgebung von nichts mehr sonst abhängig ist – der keine<lb n="21"/>andere Autorität auf Erden oder im Himmel einen andern Maasstab des Richtens an<lb n="22"/>die Hand geben kan – Das was ich lehre, gebe ich nicht für meine Einfälle, für mein<lb n="23"/>Eigenthum aus, ich verlange nicht, daß irgend jemand auf meine Autorität es an<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nehmen solle, denn ich suche nicht meinen Ruhm – (ich unterwerfe es der Beur<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>theilung der allgemeinen Vernunft, die jeden bestimmen mag, es zu glauben oder<lb n="26"/>nicht –) Wie könntet aber ihr Vernunft als höchsten Maasstaab, des Wissens und des<lb n="27"/>Glaubens gelten lassen, da ihr die Stimme [der] Gottheit nie vernammt, auf den<lb n="28"/>Nachhall dieser Stimme in eurem Herzen nie hörtet, auf den nicht achtet, der diesen<lb n="29"/>Ton anschlägt –? da ihr euch ausschliessend im Besiz der Wissenschaft dessen, was<lb n="30"/>Willen Gottes sey, glaubt, und die Auszeichnung, die euch vor allen andern Men<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schenkindern zukommen soll, zum Gegenstand eures Ehrgeizes macht! da ihr euch<lb n="32"/>auf Moses, und immer auf Moses beruft, und euren Glauben auf fremde Autorität</p>
<note xml:id="fn-223-1" place="margin" n="" target="#GW01-s242-z7" ana="#j.ohne-teil">Joh. 5.</note>
<pb n="224" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=243" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>eines einzelen Menschen gründet –! Ja leset nur eure heilige Bücher aufmerksam,<lb n="2"/>aber ihr müst dazu den Geist der Wahrheit und der Tugend mitbringen, und ihr<lb n="3"/>werdet in ihnen Zeugnis von diesem Geiste – und zugleich eure eigene Anklage darin<lb n="4"/>finden, daß euer Stolz, der sich in seinem eingeschränkten Gesichtskraise gefällt, es<lb n="5"/>euch nicht erlaubt zu etwas höherm aufzuschauen als eure geistlose Wissenschaft,<lb n="6"/>und eure mechanische Gebraüche sind –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s243-z7" n="7"/>Noch einige andere Anlässe gaben den Pharisäern Veranlassung, Christus und<lb xml:id="GW01-s243-z8" n="8"/>seinen Jüngern Entheiligung des Sabbaths vorzuwerfen – er spazierte an einem sol<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>chen Tage mit seinen Freunden durch ein Saatfeld, diese hatten Hunger, und rauften<lb n="10"/>Aehren¹ aus, und assen die Körner (welches sonst wohl erlaubt war) – Pharisäer die<lb n="11"/>diß sahen machten Christum darauf aufmerksam, daß seine Jünger etwas thun, was<lb n="12"/>am Sabbath nicht erlaubt ist – Christus gab ihnen aber zur Antwort: errinnert ihr<lb n="13"/>euch nicht aus der Geschichte eures Volks, daß David, als er Hunger hatte, die<lb n="14"/>geweihte Brodte des Tempels aß, und auch seinen Gefährten davon austheilte? –<lb n="15"/>oder daß die Priester im Tempel auch am Sabbath mannichfaltige Verrichtungen<lb n="16"/>haben? Soll der Tempel diese Verrichtungen heiligen? ich sage euch, der Mensch ist<lb n="17"/>mehr als ein Tempel, der Mensch, nicht ein gewisser Ort heiligt die Handlungen,<lb n="18"/>oder macht sie unheilig – der Sabbath ist um des Menschen willen geordnet, nicht<lb n="19"/>dieser um des Sabbaths willen gemacht; der Mensch ist auch Herr des Sabbaths –<lb n="20"/>wenn ihr überhaupt bedacht hättet, was ich bei einer andern Gelegenheit einigen<lb n="21"/>eures Standes sagte was es heisse: Gott verlangt Liebe, nicht Opfer, so hättet ihr un<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s243-z22" n="22" break="no"/>schuldige nicht so streng getadelt – Ebenso fragten ihn die Pharisäer in einer Syn<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>agoge an einem andern Sabbath, um einen Grund ihn anzuklagen zu finden, bei der<lb n="24"/>Gelegenheit, daß ein Mann, der eine beschädigte Hand hatte, gegenwärtig war – ob<lb n="25"/>es erlaubt sei, diesen heute zu heilen. Jesus versezte: Wer ist unter euch, der nicht<lb n="26"/>sein Schaaf, wenn es ihm an einem Sabbath in eine Grube fällt, herausziehe? und wie</p>
<note xml:id="fn-224-2" place="margin" n="" target="#GW01-s243-z7" ana="#j.ohne-teil">Matth. 12,1–8</note>
<note xml:id="fn-224-3" place="margin" n="" target="#GW01-s243-z8" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,1–5.</note>
<note xml:id="fn-224-4" place="margin" n="" target="#GW01-s243-z22" ana="#j.ohne-teil">Matth. 12,9–12.</note>
<note xml:id="fn-224-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>oder was es sonst für Pflanzen etwa orientalische Bohnen waren</note>
<pb n="225" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=244" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>viel grössern Werth hat nicht ein Mensch als ein Schaaf? so wird es doch wohl er<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>laubt seyn, am Sabbath eine gute Handlung zu verrichten! Schon aus mehrern Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>spielen haben wir dabei den bösen Willen der Pharisäer gegen Jesum gesehen, und<lb n="4"/>von der Zeit verbanden sie sich wirklich mit der Parthei des Herodes, Jesum wo<lb n="5"/>möglich aus dem Wege zu raümen –</p>
<p><lb n="6"/>Wir treffen diesen izt wieder in Galiläa an, wo er seinen Aufenthalt wegen jener<lb n="7"/>Nachstellungen verborgen hielt, auch seinen Zuhörer, die sich bei ihm einfanden,<lb n="8"/>es einschärfte, seinen Aufenthalt nicht bekannt zu machen –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s244-z9" n="9"/>Aus der Menge seiner Zuhörer sonderte Jesus izt zwölfe ab, die er seines besondern<lb n="10"/>Unterrichts würdigte, um sie tüchtig zu machen, ihn in der Ausbreitung seiner Lehre<lb n="11"/>zu unterstüzen, und da Jesus nur zu gut einsah, daß das Leben und die Kraft Eines<lb n="12"/>Menschen nicht hinreiche, eine ganze Nation zur Moralität zu bilden, – um doch einige<lb n="13"/>zu haben, denen er seinen Geist rein einhauchen könnte – Ihre Namen sind Marc. 3. c.</p>
<note xml:id="fn-225-1" place="margin" n="" target="#GW01-s244-z9" ana="#j.ohne-teil">Luc. 6,12.13.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s244-z14" n="14"/>Bei der Gelegenheit, daß Johannes einige seiner Freunde an Jesum geschikt hatte,<lb n="15"/>um ihn über den Zwek seine Lehre zu befragen, machte Jesus den Pharisäern Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>würfe über den Kaltsinn, womit sie den Aufruf des Johannes zur Besserung an<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>genommen hatten – Welche Neugierde, sagt er, trieb euch? denn Begierde euch zu<lb n="18"/>bessern war es doch wohl nicht – hinaus in die Wüste? – etwa einen euresgleichen,<lb n="19"/>einen charakterlosen Mann zu sehen, der seine Maximen nach seinem Vortheil<lb n="20"/>ändert? ein Schilfrohr, das vom Wind hin und her getrieben wird? oder einen Mann<lb n="21"/>in prächtigen Kleidern, der viel Aufwand macht? solche treft ihr nicht in einer<lb n="22"/>Wüste nur in den Pallästen der Könige an! oder etwa einen Wahrsager? einen<lb n="23"/>Wundermann? Johannes war mehr als diß! beim gemeinen Volk fand Johannes noch<lb n="24"/>eher Eingang – aber die Herzen von Pharisäern und rechtglaubigen Gesezgelehrten<lb n="25"/>konnte Johannes nicht erschüttern, oder sie des Guten empfänglich machen? Mit<lb n="26"/>was soll ich denn diese Menschenart vergleichen? etwa mit Knaben die auf dem<lb n="27"/>Markte spielen, und den andern zurufen: Wir haben euch gepfiffen, ihr habt nicht</p>
<note xml:id="fn-225-2" place="margin" n="" target="#GW01-s244-z14" ana="#j.ohne-teil">Luc. 7,18–</note>
<pb n="226" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=245" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>getanzt! nun haben wir euch traurige Lieder gesungen, aber ihr habt auch nicht<lb n="2"/>geweint! Johannes aß kein Brod, und trank keinen Wein – ihr saget, eine böse Laune<lb n="3"/>plage ihn, ich esse und trinke wie andre Leute, da sagt ihr, der Mann ist ein Fresser<lb n="4"/>und Saüfer und geht mit schlechten Leuten um – Doch Weisheit und Tugend werden<lb n="5"/>Verehrer finden, die ihren Werth rechtfertigen werden –</p>
<p><lb n="6"/>Ohngeachtet dieser Strafpredigt lud ihn ein Pharisäer, Namens Simon, zum Mittag<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>essen ein – Eine Frau, die den Lehren Jesu wahrscheinlich viel zu verdanken hatte,<lb n="8"/>hatte diß erfahren, und kam mit einem Gefäß köstlicher Salben in das Zimmer,<lb n="9"/>näherte sich Jesu. Der Anblik des tugendhaften, und das Gefühl ihres schuldvollen<lb n="10"/>Lebens machte sie Thränen vergiessen und sich zu seinen Füssen werfen, in der Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>findung dessen, was er zu ihrer Reue und Rükkehr auf den Weg der Tugend bei<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>getragen hatte, küste sie seine Füsse, benezte sie mit ihren Thränen und troknete sie<lb n="13"/>mit ihren Loken und salbte sie mit köstlicher Salbe. Die Güte, womit Jesus diese<lb n="14"/>Aüsserungen, worin ein reuvolles und dankbares Herz Linderung findet, aufnahm,<lb n="15"/>die Güte Jesu, die diese Empfindungen nicht zurüksties, beleidigte die Delikatesse<lb n="16"/>der Pharisäer, sie gaben in ihren Mienen ihr Befremden zu erkennen, daß Jesus einer<lb n="17"/>Frau von einem solchen übeln Rufe so gütig begegne – Jesus merkte es und sagte zu<lb n="18"/>Simon, ich hätte dir etwas zu erzählen – Rede nur, sagte Simon – Ein Schuldherr,<lb n="19"/>erzählte Jesus, hat 2 Schuldner, deren einer ihm 500, der andre 50 Denarien schuldig<lb n="20"/>war, da sie ausser stands waren, ihm die Schuld heimzubezahlen, so erlies er sie<lb n="21"/>ihnen. Welcher wird ihn von beiden mehr lieben? – Wohl der, sagte Simon, dem er<lb n="22"/>am meisten schenkte – Ohne Zweifel, erwiederte Jesus und, indem er auf die Frau<lb n="23"/>[wies:] Schau hieher, fuhr er fort, ich kam in dein Haus, du hast mir kein Wasser,<lb n="24"/>die Füsse zu waschen, angeboten, sie hat sie mit ihren Thränen benezt, und mit den<lb n="25"/>Loken ihres Hauptes abgetroknet, – du hast mir keinen Kuß gegeben, sie hat es nicht<lb n="26"/>unter ihrer Würde gehalten, mir sogar die Füsse zu küssen – du hast mein Haupt<lb n="27"/>nicht mit Oel gesalbt, sie hat es mit köstlicher Salbe meinen Füssen gethan – Einem<lb n="28"/>Weibe, das solcher Liebe, solcher Dankbarkeit fähig ist, sind ihre Fehler, und wenn<lb n="29"/>es schon viele waren, verziehen, Kälte solcher edler Empfindungen zeigt keine Rük-</p>
<pb n="227" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=246" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>kehr zur Unbefangenheit der Tugend an – Ein göttlicher Genuß, sagte Jesus noch<lb n="2"/>zu der Frau, diesen Sieg des Glaubens an dich selbst, noch des guten fähig zu seyn,<lb n="3"/>und deines Muthes zu sehen – Lebe wohl!</p>
<p><lb xml:id="GW01-s246-z4" n="4"/>Jesus zog weiter durch Städte und Dörfer und predigte überall, seine Begleiter<lb n="5"/>waren seine 12 Apostel, auch einige zum theil reiche Frauen, die die Gesellschaft aus<lb n="6"/>ihrem Vermögen unterhielten. Einst in Gegenwart einer grossen Versammlung legte<lb n="7"/>er ihnen folgende Parabel vor (d. i. eine erdichtete Erzählung, die eine gewisse<lb n="8"/>Lehre sinnlich darstellt, sie unterscheidet sich von den Fabeln, daß in diesen Thiere,<lb n="9"/>von den Mythen, daß in diesen Dämonen oder allegorische Wesen – in den Parabeln<lb n="10"/>Menschen die handelnden Personen sind): Ein Sämann ging aus seinen Saamen zu<lb n="11"/>säen, ein Theil desselben fiel auf den Weg, und wurde zertretten, und von den<lb n="12"/>Vögeln gefressen – ein andrer Theil fiel auf Felsengrund, wo er nicht viel Erde hatte,<lb n="13"/>er ging bald auf, aber von der Hize welkte er bald dahin, weil er keine tiefen Wur<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zeln hatte; anderer Saamen fiel in Dornheken, die aufschossen, und ihn erstikten – ein<lb n="15"/>Theil fiel auch auf gutes Land, und gab 30–60 bis 100fältige Früchte – Als seine Jünger<lb n="16"/>ihn darüber befragten, warum er dem Volk die Lehren in Parabeln eingehüllt vor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>trage, so gab er ihnen zur Antwort: Ihr habt wohl Sinn für die erhabenen Ideen<lb n="18"/>von dem Reiche Gottes, und von der Sittlichkeit, die das Bürgerrecht in demselben<lb n="19"/>gibt – aber die Erfahrung hat mich belehrt, daß diß verlohrne Worte bei den Juden<lb n="20"/>sind und doch verlangen sie etwas von mir zu hören – ihre tiefen Vorurtheile lassen<lb n="21"/>die nakte Wahrheit nicht bis an ihr Herz dringen, wer Anlagen hat, etwas bessers in<lb n="22"/>sich aufzunehmen, der kan Nuzen aus meinen Lehren ziehen – wem aber jener bessere<lb n="23"/>Sinn fehlt, dem dient auch die wenige Erkenntnis des Guten zu nichts, die er etwa<lb n="24"/>haben mag. Sie haben Augen und sehen nicht, Ohren, und hören nicht, deswegen<lb n="25"/>habe ich nur durch ein Gleichniß zu ihnen gesprochen das ich euch izt erklären will.<lb n="26"/>Der ausgesäete Saamen ist die Erkenntnis des Sittengesezes. Wer nun Gelegenheit<lb n="27"/>hat, zu dieser Erkenntnis zu gelangen, sie aber nicht fest auffaste, dem reist gar leicht<lb n="28"/>ein Verführer das wenige Gute aus dem Herzen, das etwa darein gesäet war – diß</p>
<note xml:id="fn-227-1" place="margin" n="" target="#GW01-s246-z4" ana="#j.ohne-teil">Luc. 8.</note>
<pb n="228" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=247" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>bedeutet den Saamen, der auf die Straße fiel – der auf einen felsigten Grund gesät<lb n="2"/>wurde, ist die Erkenntnis, die zwar mit Freuden aufgenommen wird, aber weil sie<lb n="3"/>keine tiefe Wurzeln geschlagen hatte bald den Umständen nachgibt, und wenn Noth<lb n="4"/>und Unglük die Rechtschaffenheit bedrohen, daran scheitert. Der Saamen, der in<lb n="5"/>Heken fiel, ist der Zustand solcher, die zwar wohl auch von der Tugend haben<lb n="6"/>sprechen hören, in denen sie aber von den Sorgen des Lebens, und der taüschenden<lb n="7"/>Verführung des Reichtums erstikt wird, und ohne Früchten bleibt. Der Saamen, der<lb n="8"/>auf einen guten Grund gesät wurde, ist die Stimme der Tugend, die verstanden<lb xml:id="GW01-s247-z9" n="9"/>wurde, und 30–60 bis 100fältige Früchte trägt –</p>
<note xml:id="fn-228-1" place="margin" n="" target="#GW01-s247-z9" ana="#j.ohne-teil">Matth. 13,18–23.</note>
<p><lb n="10"/>Er legte ihnen noch andre Parabeln vor: Das Reich des Guten läst sich mit einem<lb n="11"/>Aker vergleichen – den der Besizer desselben mit gutem Saamen angesäet hatte –<lb n="12"/>Während die Leute schliefen, kam sein Feind, und säte Unkraut unter den Waizen,<lb n="13"/>und schlich sich davon. Als nun der Saamen in Ähren zu schiessen anfing, so zeigte<lb n="14"/>sich auch das Unkraut, die Knechte frugen den Herrn, du hast doch reinen Saamen<lb n="15"/>gesäet, wie kommt es, daß so viel Unkraut auf dem Aker ist? ein Feind von mir<lb n="16"/>wird es wohl gesät haben, antwortete der Herr, die Knechte sagten, willt du nicht,<lb n="17"/>daß wir es ausjäten? Nein, versezte der klügere Herr, denn mit [dem] Unkraut würdet<lb n="18"/>ihr auch die WaizenAehren ausreissen, last beides nur bis zu der Erndte miteinander<lb n="19"/>wachsen, dann werde ich den Schnittern befehlen, das Unkraut zu sondern, und<lb n="20"/>wegzuschaffen, und den reinen Waizen aufzuheben.</p>
<p><lb n="21"/>Als Jesus mit seinen Jüngern allein war, und sie ihn um die Erklärung desselben<lb n="22"/>befragten, gab er ihnen folgende: Der Säman des guten Saamen sind gute Men<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schen, die durch ihre Lehren und ihr Beispiel die Menschen auf die Tugend auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>merksam machen – der Aker ist die Welt – der gute Saamen sind die bessere Men<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>schen, das Unkraut die lasterhaften, – der Feind, der Unkraut aussäet, sind Verfüh<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>rungen, und Verführer – die Zeit der Erndte ist die Ewigkeit, die Vergelterin des guten<lb n="27"/>und des bösen – indessen stehen Tugend und Laster in zu genauer Verbindung mit<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>einander als daß dieses ohne Schaden der erstern schon ausgerottet werden könnte –</p>
<p><lb n="29"/>Auch verglich er das Reich des Guten mit einem verborgenen Schaz in einem<lb n="30"/>Aker, den einer entdekt, aber wieder verbirgt, und dann in der Freude alles verkauft,</p>
<pb n="229" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=248" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>was er hat, und jenen Aker kauft – oder mit einem Kaufmann der schöne Perlen<lb n="2"/>sucht, – und eine sehr kostbare findet, für die alles verkauft, um Besizer derselben<lb n="3"/>zu werden – oder mit einem Fischer, der in seinem Nez Fische aller Art gefangen<lb n="4"/>hat, sie dann am Ufer ausliest, die guten in seine Gefässe legt, die schlechten aber<lb n="5"/>hinauswirft – So werden in der grossen Erndtezeit gute und böse Menschen sich<lb n="6"/>von einander unterscheiden, jene durch Belohnung die sie in der Ruhe finden, die<lb n="7"/>die Tugend gibt, – diese durch Reue, Selbstanklage und Schaam.</p>
<p><lb n="8"/>In einer andern Rüksicht verglich er das Reich des Guten mit einem Senfkorn,<lb n="9"/>das so klein ist, zu einer grossen Staude aufwächst, daß die Vögel darin nisten können<lb n="10"/>– oder mit ein wenig gesaüerten Teig, der unter 3 Scheffel Mehl geknettet, die ganze<lb n="11"/>Masse durchsaüert – Es geht mit dem Reiche des Guten, wie mit dem Saamen der<lb n="12"/>in den Boden gesäet keiner weitern Mühe bedarf, er keimt, und treibt sich, ohne<lb n="13"/>daß man es bemerkt; denn die Erde hat von Natur eine eigne Triebkraft, wodurch<lb xml:id="GW01-s248-z14" n="14"/>der Saame keimt, zu Halmen, aufschiest, und volle Aehren trägt</p>
<note xml:id="fn-229-1" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z14" ana="#j.ohne-teil">Marc. 4,26 ss.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s248-z15" n="15"/>Indeßen waren Anverwandte Jesu gekommen ihn zu besuchen, von der Menge<lb n="16"/>Menschen, die ihn umgaben, konnten sie sich ihm nicht nähern, da man es Jesu<lb n="17"/>sagte, antwortete er, Meine Brüder und Verwandte [sind] sie, die auf die Stimme<lb n="18"/>der Gottheit hören, und ihr folgen.</p>
<note xml:id="fn-229-2" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z15" ana="#j.ohne-teil">Luc. 8,19–</note>
<p><lb xml:id="GW01-s248-z19" n="19"/>Auf die Nachricht von der Ermordung des Johannes lies er sich an das östliche<lb xml:id="GW01-s248-z20" n="20"/>Ufer des Sees Tiberias überschiffen – hielt sich aber nur eine kurze Zeit unter den<lb xml:id="GW01-s248-z21" n="21"/>Gadarenern auf, und kehrte wieder nach Galiläa zurük.</p>
<note xml:id="fn-229-3" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z19" ana="#j.ohne-teil">Luc. 8,22.</note>
<note xml:id="fn-229-4" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z20" ana="#j.ohne-teil">Matth. 14,13.</note>
<note xml:id="fn-229-5" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z21" ana="#j.ohne-teil">– v. 37.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s248-z22" n="22"/>Seine 12 Apostel schikte Jesus um diese Zeit aus, um wie er, die Vorurtheile der<lb n="23"/>Juden zu bestreiten, die stolz auf ihren Namen, und auf ihre Abstammung dieß,<lb n="24"/>welches in ihren Augen ein großer Vorzug war, über den einzigen Werth sezten,<lb n="25"/>den die Sittlichkeit dem Menschen gibt – Ihr braucht keine grossen Anstalten zu<lb n="26"/>eurer Reise zu machen, sagte Jesus, euch durch irgend einen Aufwand anzukündigen –<lb n="27"/>Wo man euch Gehör gibt, da haltet euch eine Zeitlang auf, – wer euch ungütig auf<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>nimmt, dem dringt euch nicht auf, sondern verlasset den Ort gleich wieder, und sezt<lb n="29"/>euren Weg weiters fort –</p>
<note xml:id="fn-229-6" place="margin" n="" target="#GW01-s248-z22" ana="#j.ohne-teil">Luc. 9,</note>
<pb n="230" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=249" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Es scheint, sie seien nur wenige Zeit ausgeblieben, und haben sich bei Jesu bald<lb n="2"/>wieder eingefunden –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s249-z3" n="3"/>Einst befand er sich in einer Gesellschaft von Pharisäern und Gesezgelehrten, die<lb n="4"/>von Jerusalem kamen, diesen fiel es auf, daß die Jünger sich mit unreinen d. h.<lb n="5"/>ungewaschnen Händen zu Tische sezten: denn die Juden nach einer Vorschrift, die<lb n="6"/>sich auf das Herkommen gründet essen nichts, ehe sie sich nicht sehr reinlich<lb n="7"/>gewaschen haben – so mußten auch ausser dem, daß sie schon rein gemacht waren,<lb n="8"/>vor jedem Essen, alle Trinkgeschirre, und sonstige Gefässe, Stühle und Bänke mit<lb n="9"/>Wasser besprizt werden – die Pharisäer fragten Jesum: Warum leben doch deine<lb n="10"/>Schüler nicht nach den Vorschriften unserer Väter, sondern sezen sich mit un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>geweihten Händen zu Tische? Jesus antwortete: eine Stelle eurer heiligen Bücher<lb n="12"/>läst sich gut auf euch anwenden, sie heist: dieß Volk dient mir mit den Lippen, ihr<lb n="13"/>Herz aber ist weit von mir; seelenlos ist ihre Verehrung, denn sie ist eine Befolgung<lb n="14"/>willkührlicher Sazungen – ihr achtet nicht das göttliche Gebot, sondern haltet euch<lb n="15"/>ganz an menschliche Gebraüche, z. B. an das Weihen der Becher und Stühle durch<lb n="16"/>Wasser – und ähnliche drgl. Dinge, darin seid ihr genau – Ein göttliches Gebot z. B.<lb n="17"/>das ihr so aufhebt, um euren kirchlichen Statuten getreu zu bleiben ist das Gesez:<lb n="18"/>ehre deinen Vater und deine Mutter – wer gegen Vater oder Mutter lieblose Reden<lb n="19"/>ausstost, soll sterben – Ihr aber habt ein anderes Gesez aufgestellt – wenn jemand im<lb n="20"/>Zorn zu seinem Vater oder Mutter gesprochen hat: was ich euch noch für Dienste<lb n="21"/>erweisen – oder euch gutes thun könnte, das soll dem Tempel geweiht seyn, – so<lb n="22"/>erklärt ihr ihn dadurch als durch ein Gelübde gebunden, ihnen nichts mehr Gutes zu<lb n="23"/>erweisen, und rechnet es ihm für eine Sünde aus, wenn er seinem Vater oder Mutter<lb n="24"/>noch irgend einen Dienst erwiese – So hebt ihr jenes göttliche Gebot durch eure<lb n="25"/>Gebote auf – auf ähnliche Art habt ihr noch mehrere Sazungen – Jesus sagte darauf<lb n="26"/>zu der Menge, die um ihn her stand, Höret mir zu, und begreift was ich euch sage:<lb n="27"/>nichts,¹ das der Mensch von aussenher in sich nimmt, kan ihn verunreinigen, sondern<lb n="28"/>das, dessen Urheber er ist, was aus seinem Munde ausgeht, zeigt an, ob seine Seele</p>
<note xml:id="fn-230-2" place="margin" n="" target="#GW01-s249-z3" ana="#j.ohne-teil">Marc. 7.</note>
<note xml:id="fn-230-1" type="ueber" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>kein körperliches Ding</note>
<pb n="231" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=250" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>rein oder unrein ist – Seine Schüler wollten ihn darauf aufmerksam machen, daß die<lb n="2"/>Pharisäer ein Aergerniß an diesen Reden nehmen – Laßet sie sich ärgern, solche<lb n="3"/>Pflanzungen, die von Menschen herrühren, müssen ausgerottet werden, sagte Jesus –<lb n="4"/>es sind Blinde, die Blinden den Weg weisen, und solchen blinden Wegweisern<lb n="5"/>möchte ich das Volk entreissen, sonst fällt dieses mit denen in die Grube, denen es<lb n="6"/>sich anvertraut – Als das Volk sich zerstreut hatte, und Jesus in das Haus zurük<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gekehrt war, so fragten ihn seine Freunde um Erlaüterung dessen, was er dem Volke<lb n="8"/>von reinen und unreinen Dingen gesagt hatte – Wie? versezte Jesus, auch ihr seyd<lb n="9"/>noch nicht so weit gekommen, es zu fassen? Begreift ihr denn nicht, daß was durch<lb n="10"/>[den] Mund des Menschen geht, im Magen und in den Gedärmen verarbeitet, und<lb n="11"/>durch die Abführungswege fortgeschaft wird? – was aber aus dem Munde geht,<lb n="12"/>Worte – und Handlungen überhaupt, kommen aus dem Gemüth des Menschen, und<lb n="13"/>diese können rein oder unrein, heilig oder unheilig seyn – aus der Seele entspringen<lb n="14"/>doch die bösen Gedanken, die Mordthaten, die Ehebrüche, die Diebstähle, die falsche<lb n="15"/>Zeugnisse, die Schmähungen, Neid, Hochmuth, Schwelgerei, Geiz – diese Laster<lb n="16"/>sind es, die den Menschen entheiligen – nicht das, wenn er etwa die Hände nicht mit<lb n="17"/>Wasser weiht, ehe er sich zu Tische sezt –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s250-z18" n="18"/>Zur Zeit des Laubhüttenfestes der Juden redten Jesu seine Verwandten zu, mit<lb n="19"/>ihnen nach Jerusalem zu reisen, um dort auf einem grössern Schauplaz, als in den<lb n="20"/>Galiläischen Städten und Dörfern, sich hören zu lassen, und bekannt zu machen. Er<lb n="21"/>gab ihnen aber zur Antwort, für ihn seye es izt keine schikliche Zeit, sie können nur<lb n="22"/>immer gehen, sie werden von den Menschen nicht gehast, wie er, weil [er] den<lb n="23"/>Juden das Zeugnis gegeben habe, daß ihre Sitten verderbt, und ihre Handlungen<lb n="24"/>böse seien – Erst einige Tage nachdem seine Verwandte aus Galiläa abgereist waren,<lb n="25"/>ging auch Jesus aber ganz in der Stille nach Jerusalem. Dort waren schon Nachfragen<lb n="26"/>nach ihm geschehen, denn man hatte ihn als einen Juden erwartet, das Urtheil des<lb n="27"/>Volks, besonders der Galiläer, fiel verschieden über ihn aus, ein Theil hielt ihn für<lb n="28"/>einen rechtschaffenen Mann, ein anderer Theil sah ihn als einen Verführer an, doch<lb n="29"/>wagten es die Galiläer aus Furcht für den Juden nicht öffentlich von ihm zu sprechen –</p>
<note xml:id="fn-231-1" place="margin" n="" target="#GW01-s250-z18" ana="#j.ohne-teil">Joh. 7.</note>
<pb n="232" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=251" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Erst in der Mitte der Tage des Festes, begab sich Jesus in den Tempel, und lehrte<lb n="2"/>dort, die Juden wunderten sich hierüber, da sie wusten, daß er nicht studirt habe,<lb n="3"/>Jesus gab ihnen zur Antwort, Meine Lehre ist nicht eine Erfindung der Menschen,<lb n="4"/>die mühsam von andern erlernt zu werden brauchte. Wer ohne Vorurtheile dem<lb n="5"/>unverfälschten Geseze der Sittlichkeit zu folgen sich vorgesezt hat, der wird meine<lb n="6"/>Lehre gleich prüfen können, ob sie meine Erfindung ist; wer seinen eignen Ruhm<lb n="7"/>sucht, sezt freilich einen grossen Werth auf Spekulationen und Gebote der Men<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schen – wer aber die Ehre Gottes wahrhaftig sucht, der ist aufrichtig genug, jene<lb n="9"/>Erfindungen, die die Menschen dem Sittengesez beigesellt, oder gar an seine Statt<lb n="10"/>gesezt haben, zu verwerfen – So weiß ich daß ihr mich haßt und gar mich zu tödten<lb n="11"/>trachtet, weil ich es für erlaubt erklärt habe, am Sabbath einen Menschen zu heilen –<lb n="12"/>erlaubte euch doch Moses, am Sabbath zu beschneiden! wie viel mehr, ihn gesund<lb n="13"/>zu machen? Einige Jerusalemiten, die ihn sprechen hörten, zeigten durch ihre Reden,<lb n="14"/>daß sie von einem Vorhaben des hohen Raths, Jesum aus dem Wege zu raümen<lb n="15"/>gehört hatten, – sie wunderten sich ihn so öffentlich und frei sprechen zu hören, und<lb n="16"/>daß doch noch niemand Hand an ihn lege, da man diß doch im Sinne habe – der<lb n="17"/>Messias, den die Juden erwarteten, um den Glanz ihres Gottesdiensts, und die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>abhängigkeit ihres Reichs wiederher[zu]stellen, könne Jesus freilich nicht seyn, denn<lb n="19"/>von ihm wissen sie ja, woher er sei; der Messias hingegen werde den Prophezeiungen<lb n="20"/>zu folge, plözlich erscheinen – So standen Jesu immer die Vorurtheile der Juden ent<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gegen, die wenig nach einem Lehrer fragten, der ihre Sitten zu verbessern, und sie<lb n="22"/>von ihren der Moralität entgegengesezten Vorurtheilen zurükzubringen suchte, son<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dern einen Messias wollten, der sie von der Abhängigkeit der Römer befreite, und<lb n="24"/>einen solchen an Jesu nicht fanden – Den Mitgliedern des hohen Raths gaben ihre<lb n="25"/>Diener bald Nachricht davon, daß Jesus sich im Tempel befinde, sie bekamen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>würfe, daß sie Jesum nicht gleich gefangen mitgebracht hatten, sie entschuldigten<lb n="27"/>sich damit, daß sie noch niemand so haben sprechen hören, und es nicht gewagt<lb n="28"/>haben, ihn zu paken – Die Pharisäer sagten ihnen darauf: Wie? es scheint, auch euch<lb n="29"/>habe er verführt, seht ihr denn, daß ein Mitglied des Raths oder ein Pharisäer etwas<lb n="30"/>auf ihn hält? nur der unserer Geseze unkundige Pöbel, läst sich von ihm taüschen –<lb n="31"/>Als Nikodemus, der Jesum einst bei Nacht besucht hatte, ihnen vorstellte, daß man<lb n="32"/>nach den Gesezen niemand verdammen könne, ohne ihn vorher gehört, und von</p>
<pb n="233" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=252" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>seinen Handlungen genau sich unterrichtet zu haben, so warfen ihm die andern vor,<lb n="2"/>er sei wohl auch ein Anhänger des Galiläers – aus Galiläa könne doch kein Prophet<lb n="3"/>herstammen – Ohne, wie es scheint, wegen Jesu einen förmlichen Schluß gefast zu<lb n="4"/>haben, ging der Rath wieder auseinander.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s252-z5" n="5"/>Jesus brachte die Nacht auf dem Oelberg, vielleicht in Bethanien zu, das an dem<lb n="6"/>Fuß dieses Bergs lag, wo er bekannte hatte, doch kam er wieder in die Stadt und<lb n="7"/>in den Tempel zurük; während er da lehrte, führten einige Gesezgelehrten und<lb n="8"/>Pharisäer, eine Frau, die im Ehbruch ertappt worden war, zu ihm, stellten sie in die<lb n="9"/>Mitte, um gleichsam Gericht über sie zu halten – und legten Jesu den Fall vor, daß<lb n="10"/>das Gesez Mosis befehle, eine solche mit Steinen todtzuwerfen, und fragten ihn,<lb n="11"/>was seine Meinung sei? Jesus sah ihre Absicht ihm eine Schlinge zu legen, wohl<lb n="12"/>ein, stellte sich nichts gehört zu haben, und bükte sich und machte mit dem Finger<lb n="13"/>Figuren in den Sand – Als sie darauf bestanden, seine Meinung zu hören, erhob er<lb n="14"/>sich, und sagte zu ihnen, wer sich unter euch ohne Vergehen weis, der werfe den<lb n="15"/>ersten Stein auf sie – dann machte er wieder wie vorhin Figuren in den Sand – Auf<lb n="16"/>jene Antwort Jesu hatte sich von den Schriftgelehrten einer um den andern davon<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>geschlichen, und Jesus blieb mit der Frau allein – Jesus erhob sich izt, und sah nie<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mand mehr als noch die Frau – Wo sind deine Ankläger, fragte er, hat keiner dich<lb n="19"/>verurtheilt? – Keiner, sagte sie – Auch ich, erwiederte Jesus, verdamme dich nicht,<lb n="20"/>lebewohl, und vergehe dich in Zukunft nimmer –</p>
<note xml:id="fn-233-2" place="margin" n="" target="#GW01-s252-z5" ana="#j.ohne-teil">Joh. 8.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s252-z21" n="21"/>Als Jesus ein andermal im Tempel einen öffentlichen Vortrag hielt, so hielten ihm<lb n="22"/>die Pharisäer entgegen, welches Zeugnis er aufweisen könne, das ihm selbst und<lb n="23"/>andern die Wahrheit seiner Lehren verbürgen könne? sie geniessen das Glük, eine<lb n="24"/>Verfassung und Geseze zu haben, die durch feierliche Offenbahrungen der Gottheit<lb xml:id="GW01-s252-z25" n="25"/>legitimirt seyn – Jesus gab ihnen zur Antwort: glaubt ihr etwa, die Gottheit habe<lb n="26"/>das menschliche Geschlecht in die Welt geworfen, der Natur überlassen, ohne ein<lb n="27"/>Gesez, ohne ein Bewustseyn des Endzweks ihres Daseyns, ohne die Möglichkeit in<lb n="28"/>sich selbst es zu finden, wie es der Gottheit wohlgefällig werden könne¹ – es sei<lb n="29"/>eine Sache des Glüks – die Kenntnis der moralischen Geseze, das euch allein, diesem<lb n="30"/>Winkel der Erde, man weiß nicht warum, ausschlieslich von allen Nationen der Erde</p>
<note xml:id="fn-233-3" place="margin" n="" target="#GW01-s252-z21" ana="#j.ohne-teil">8,12–20.</note>
<note xml:id="fn-233-4" place="margin" n="" target="#GW01-s252-z25" ana="#j.ohne-teil">21–30</note>
<note xml:id="fn-233-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>Göthe: jeder vernimmt sie, dem des Lebens Quelle rein im Busen fliest –</note>
<pb n="234" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=253" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>zu theil geworden sey – diß macht euch die selbsüchtige Eingeschränktheit eurer<lb n="2"/>Köpfe zu wähnen – Ich halte mich allein an die unverfälschte Stimme meines Her<pc force="weak">-</pc><lb n="3"/>zens und Gewissens – wer aufrichtig dieser horcht, dem leuchtet aus ihr Wahrheit<lb n="4"/>entgegen – auf diese Stimme zu hören, fodre ich allein von meinen Schülern – dieses<lb n="5"/>innerliche Gesez ist ein Gesez der Freiheit, dem sich als von ihm selbst gegeben, der<lb n="6"/>Mensch freiwillig unterwirft¹ – ihr seid Sklaven, denn ihr steht unter dem Joche<lb n="7"/>eines Gesezes, das euch von aussenher aufgelegt ist, und darum nicht die Macht hat,<lb n="8"/>euch durch Achtung für euch selbst dem Dienste der Neigungen zu entreissen</p>
<p><lb xml:id="GW01-s253-z9" n="9"/>Die Aufnahme, die Jesus in Jerusalem gefunden hatte, die Stimmung der Juden,<lb n="10"/>und besonders der Priesterschaft gegen ihn, welche den Beschluß abgefast hatten<lb xml:id="GW01-s253-z11" n="11"/>diejenigen in Bann zu thun, diejenigen aus der Theilnehmung am Gottesdienst und<lb n="12"/>am öffentlichen Unterricht auszuschließen, die Jesum für den Messias, den die Juden<lb n="13"/>erwarteten, halten würden – wofür er sich nie öffentlich ausgegeben hatte – diese<lb n="14"/>feindseelige Stimmung gab ihm ein Vorgefühl von Gewaltthätigkeiten², die er noch<lb n="15"/>werde zu erdulden haben – und [er] theilte diese Gedanken auch seinen Jüngern<lb n="16"/>mit – Wir wollen doch nicht hoffen, sagte Petrus, da sei Gott für! – Wie, antwortete<lb n="17"/>Jesus, bist du schwach genug, nicht darauf bereitet zu seyn, oder etwa mich nicht<lb n="18"/>darauf bereitet zu glauben? wie sinnlich denkst du noch, du kennst die göttliche Kraft<lb n="19"/>noch nicht, die die Achtung für Pflicht gibt, ihr zuliebe die Foderungen der Nei<pc force="weak">-</pc><lb n="20"/>gungen und selbst die Liebe zum Leben zu besiegen! Dann wandte er sich zu den<lb n="21"/>übrigen Jüngern: Wer der Tugend folgen will, muß sich Verleugnungen aufzulegen<lb n="22"/>wissen, wer ihr unverrükt getreu bleiben will, muß ihr selbst sein Leben aufzuopfern<lb n="23"/>bereit seyn – wer sein Leben lieb hat, wird seine Seele entadeln – wer es verachtet,</p>
<note xml:id="fn-234-3" place="margin" n="" target="#GW01-s253-z9" ana="#j.ohne-teil">Luc. 9,21.</note>
<note xml:id="fn-234-4" place="margin" n="" target="#GW01-s253-z11" ana="#j.ohne-teil">Joh. 9.</note>
<note xml:id="fn-234-1" type="rand" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>es ist ewig, in ihm liegt das Gefühl der Unsterblichkeit – für die Pflicht, die<lb n="25"/>Menschen damit bekannt zu machen, bin ich bereit wie ein treuer [Hirt] für seine Heerde, das<lb n="26"/>Leben zu laßen – ihr mögt mir es nehmen, so raubt ihr es mir nicht, sondern frei opfre ich es<lb n="27"/>selbst auf.</note>
<note xml:id="fn-234-2" type="ueber" n="²"><lb n="28"/><seg type="marke">² </seg>vielleicht den Tod</note>
<pb n="235" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=254" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>der bleibt seinem besserm Ich getreu und rettet es aus dem Zwange der Natur –<lb n="2"/>welcher Werth bliebe dem Menschen, dem die ganze Welt zur Beute würde, und [der]<lb n="3"/>sein Selbst darüber erniedrigte? welchen Preis gäb es, der eine Entschädigung für die<lb n="4"/>verlorne Tugend wäre? Einst wird der unterdrükte in Herrlichkeit glänzen, und die in<lb n="5"/>ihre Rechte eingesezte Vernunft wird selbst jedem den Lohn seiner Thaten bestimmen.</p>
<p><lb n="6"/>Nach längern Aufenthalt in Jerusalem als Jesus sonst machte (denn er blieb vom<lb xml:id="GW01-s254-z7" n="7"/>Lauberhüttenfest bis zum Fest der Tempelweihe im Dezember) kehrte Jesus – und zwar<lb n="8"/>zum lezten male nach der Gegend, die der gewöhnliche Schauplaz seines Lebens war,<lb xml:id="GW01-s254-z9" n="9"/>nach Galiläa zurük, in dieser Zeit seines dortigen Aufenthalts scheint er nicht mehr<lb xml:id="GW01-s254-z10" n="10"/>wie vorhin, vor einer grossen Volksmenge gelehrt, sondern sich vorzüglich mit der<lb n="11"/>Bildung seiner Jünger beschäftigt zu haben –</p>
<note xml:id="fn-235-1" place="margin" n="" target="#GW01-s254-z7" ana="#j.ohne-teil">Joh. 10,22.</note>
<note xml:id="fn-235-2" place="margin" n="" target="#GW01-s254-z9" ana="#j.ohne-teil">Matth. 17,22.</note>
<note xml:id="fn-235-3" place="margin" n="" target="#GW01-s254-z10" ana="#j.ohne-teil">Marc. 9,30.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s254-z12" n="12"/>In Kapernaum foderte man [von] ihm die jährliche Steuer zum Besten des Tem<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>pels. Was, meinst du, Petrus, sagte er zu diesem, als er mit ihm ins Haus tratt, die<lb n="14"/>Könige der Erde fodern Steuern ein, etwa von ihren Söhnen, oder von andern?<lb n="15"/>Von andern, sagte Petrus – So wären also die Söhne frei, erwiederte Jesus, und wir,<lb n="16"/>die Gott im wahren Geiste des Wortes, verehren, brauchten nichts zur Erhaltung<lb n="17"/>eines Tempels beizutragen, dessen wir nicht bedürfen, um Gott zu dienen, denn wir<lb n="18"/>suchen diß durch einen guten Lebenswandel zu thun – doch damit sie kein Ärgernis<lb n="19"/>nehmen, und wir keine Verachtung desjenigen zeigen, was ihnen so heilig ist – so<lb n="20"/>bezahle für uns.</p>
<note xml:id="fn-235-4" place="margin" n="" target="#GW01-s254-z12" ana="#j.ohne-teil">Matth. 17,24–27.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s254-z21" n="21"/>Unter den Jüngern Jesu entstand ein Streit über den Rang, der einem jedem<lb n="22"/>gebührte, besonders im Reiche Gottes wenn es einst erscheinen sollte, indem sie<lb n="23"/>damit noch sehr sinnliche Ideen verbanden, von dem jüdischen Sinne eines welt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichen Reiches noch nicht ganz frei waren, noch nicht sich die Idee des Reichs<lb n="25"/>Gottes als einen Reichs des Guten, worin Vernunft und Gesez allein gebieten, rein<lb n="26"/>dachten – Jesus hörte mit Wehmuth diesen Streit, rief dann ein Kind, und sagte<lb n="27"/>ihnen, Wenn ihr euch nicht ändert, und zu der Unschuld, zu der Einfalt, und An<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>spruchlosigkeit, die dieses Kind hat, zurükkehrt, so seyd ihr wahrlich nicht Bürger</p>
<note xml:id="fn-235-5" place="margin" n="" target="#GW01-s254-z21" ana="#j.ohne-teil">Luc. 9,46–50.</note>
<pb n="236" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=255" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>des Reiches Gottes – wer sich gegen andre selbst gegen ein solches Kind fühlt, und<lb n="2"/>sich gegen sie etwas herausnehmen oder sie gleichgültig behandeln zu dürfen glaubt,<lb n="3"/>der ist ein unwürdiger – wer aber die Heiligkeit der Unschuld beleidigt, und ihrer<lb n="4"/>Reinheit wehe thut, dem wäre es besser, man hienge ihm einen Mühlstein an [den]<lb n="5"/>Hals, und ersaüfte ihn im Meere – In der Welt wird es freilich immer nie an Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lezungen einer reinen Gesinnung fehlen, aber wehe dem Menschen, der einer solchen<lb n="7"/>Ärgerniß gibt – Sehet euch wohl für – niemand am wenigsten Einfalt des Herzens<lb n="8"/>zu verachten, es ist die zarteste, die edelste Blüthe der Menschheit – das reinste Eben<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bild der Gottheit, sie allein gibt einen und zwar den höchsten Rang, diese Einfalt ist<lb n="10"/>es werth, daß ihr alles aufgeopfert werde, was eure liebste Neigungen sind, jede Regung<lb n="11"/>von Eitelkeit und Ehrgeiz, oder von falscher Schaam, alle die Rüksichten von Nuzen<lb n="12"/>oder Vortheil – wenn ihr derselben nachstrebt, wenn ihr die Würde, zu der jeder<lb n="13"/>Mensch bestimmt, und deren jeder fähig ist, zu schäzen wist, und endlich bedenkt,<lb n="14"/>daß nicht allen Baümen eine Rinde wachsen könne, sondern daß wer in dem, was der<lb n="15"/>Menschheit Noth thut, nur nicht wider euch ist, im übrigen aber was gleichgültig<lb n="16"/>ist, andre Sitten, andre Manieren hat, daß der für euch ist, – so wird euch keine Eitel<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit, keine Überhebung über andre anwandeln – Wo ihr aber wirklich etwas ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>loren glaubt, da gebt euch Mühe, statt es zu verachten, es zu bessern, den Menschen<lb n="19"/>auf den Weg der Tugend zu leiten. Was meint ihr wird nicht der Hirt, dem von<lb n="20"/>100 Schaafen eins sich verirrt hat, die Gebirge durchstreifen um diß verirrte zu<lb n="21"/>suchen, und wenn er das Glük hat es zu finden, so wird seine Freude über dasselbe<lb n="22"/>grösser seyn, als über die 99, die sich nicht verirrten –</p>
<p><lb n="23"/>Wenn aber ein Mensch sich gegen dich verfehlt, so suche es zwischen ihm und<lb n="24"/>dir auszumachen, bringe ihn zur Erklärung, und verständige dich mit ihm, hört er<lb n="25"/>dich an, so ist es dein Fehler, wenn du dich nicht mit ihm verständigen kannst – hört<lb n="26"/>er dich nicht an, so nehme noch einen oder zwei mit dir, um das Misverständnis zu<lb n="27"/>heben, gelingt auch das nicht, so unterwerfe euren Streit dem Urtheil mehrerer</p>
<pb n="237" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=256" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Schiedsrichter – Beut [er] euch dann die Hand nicht zur Versöhnung und du hast<lb n="2"/>von deiner Seite alles gethan, so flieh ihn, und habe nichts mehr mit ihm zu schaffen –<lb n="3"/>Beleidigungen, und Unrecht, die Menschen einander verziehen und wieder gut<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gemacht, ersezt haben, sind auch im Himmel verziehen – wenn ihr so im Geist der<lb n="5"/>Liebe und Versöhnlichkeit beisammen seid, da ist der Geist unter euch, mit dem<lb n="6"/>ich euch zu beleben wünschte –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s256-z7" n="7"/>Petrus fragte hierauf Jesum: Wie oft muß ich einem Menschen vergeben, der<lb n="8"/>mich beleidigt, oder mir Unrecht thut, etwas bis auf 7mal? Glaubst du etwa, diß<lb n="9"/>sei oft? Ich sage dir, versezte Jesus, bis auf 70 mal 7male: Höret eine Geschichte: Ein<lb n="10"/>Fürst wollte Rechnung halten, mit seinen Dienern, bei einem fand er eine Schuld<lb n="11"/>von 10000 Talenten, da er diese Summe nun nicht hatte, so hieß er ihn alles, was er<lb n="12"/>sein Eigenthum nennen könne, selbst Frau und Kinder als Sklaven zu verkaufen,<lb n="13"/>und zu bezahlen. Der Diener fiel ihm zu Füße, flehte um Geduld, und um Frist,<lb n="14"/>er wolle noch alles bezahlen, der Herr fühlte Mitleiden mit seiner Lage, und erlies<lb n="15"/>ihm die ganze Schuld – Als dieser Diener von seinem Herrn weggieng, traf [er] einen<lb n="16"/>seiner Mitdiener an, der ihm 100 Denarien (eine Summe gegen die obre, wie 1 zu<lb n="17"/>mehr als einer Million) schuldig war, er fuhr ihn an, und verlangte ungestüm die<lb n="18"/>Bezahlung der Schuld, hörte nicht auf das fußfällige Flehen des andern um Geduld,<lb n="19"/>sondern lies ihn ins Gefängnis sezen, bis das Ganze abbezahlt sei – Die andern Diener,<lb n="20"/>die diß mit ansahen, betrübte diese Behandlung aufs aüsserste, und meldeten es dem<lb n="21"/>Fürsten – dieser lies den harten Mann zu sich kommen, und sagte ihm – Hartherziger,<lb n="22"/>auf deine Bitten hab ich dir deine grosse Schuld erlassen; hättest du nicht dich des<lb n="23"/>andern erbarmen sollen, wie ich mit dir Mitleiden hatte? Hinweg mit ihm, und der Fürst<lb n="24"/>befahl, ihn im Gefängnis zu behalten, bis er alles würde abgetragen haben – In diesem<lb n="25"/>Bilde seht ihr, daß Versöhnlichkeit ein Kennzeichen einer gereinigten Gesinnung ist,<lb n="26"/>welche allein von der heiligen Gottheit für die oft mangelhafte That als vollgültig ange<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nommen wird, welche die einzige Bedingung ist, unter welcher ihr hoffen könnt, von<lb n="28"/>der ewigen Gerechtigkeit Freiheit von Straffe zu erhalten, die euer vorheriger Lebens<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wandel verdiente, – die Bedingung, durch Sinnesänderung andre Menschen zu werden</p>
<note xml:id="fn-237-1" place="margin" n="" target="#GW01-s256-z7" ana="#j.ohne-teil">Matth. 18,23–35</note>
<p><lb xml:id="GW01-s256-z30" n="30"/>Jesus entschloß sich izt wieder nach Jerusalem zurükzugehen, und zwar den Weg<lb n="31"/>durch Samaria zu nehmen, er schikte einige von seiner Gesellschaft voraus, um in</p>
<note xml:id="fn-237-2" place="margin" n="" target="#GW01-s256-z30" ana="#j.ohne-teil">Luc. 9,51.</note>
<pb n="238" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=257" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>einem Fleken das nöthige vorzubereiten – Weil aber die Samariter ihren Entschluß,<lb n="2"/>sahen, auf das Passahfest nach Jerusalem zu reisen, so wollten sie ihnen keine Gast<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>freundschaft erweisen – oder verweigerten ihnen gar die Durchreise – Einige Be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gleiter Jesu hatten den Einfall, den Himmel bitten zu wollen, mit seinen Blizen<lb n="5"/>diesen Fleken zu verzehren – Jesus wandte sich unwillig gegen sie, ist diß der Geist,<lb n="6"/>der euch beseelt, der Geist der Rache? der wenn ihm die Kräfte der Natur zu Gebote<lb n="7"/>ständen, sie anwendete, eine unfreundliche Begegnung mit Zerstörung zu ahnden!<lb n="8"/>Zum Reiche des Guten aufzubauen, nicht zu zerstören sei euer Ziel! – Sie begaben<lb n="9"/>sich sodann wieder zurük</p>
<p><lb xml:id="GW01-s257-z10" n="10"/>Auf dem Wege bot sich ein Gesezgelehrter zu einem beständigen Begleiter Jesu<lb n="11"/>an – Jesus sagte ihm: aber bedenke, daß die Füchse Höhlen, und die Vögel – Nester<lb n="12"/>haben, ich aber kan keine Stelle mein eigen nennen, wo mein Haupt ruhen könnte –</p>
<note xml:id="fn-238-1" place="margin" n="" target="#GW01-s257-z10" ana="#j.ohne-teil">Luc. 9,57.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s257-z13" n="13"/>Jesus nahm nun einen andern, etwas weitern Weg nach Jerusalem, schikte immer<lb n="14"/>2 seiner Begleiter voraus, um die Leute auf seine Ankunft gefast zu machen – denn<lb n="15"/>sein Gefolge war sehr zahlreich – er gab ihnen Verhaltungsregeln mit auf den Weg,<lb n="16"/>keine Gefälligkeit ertrozen zu wollen, wo man sie nicht aufnehmen wolle, weiter zu<lb n="17"/>gehen, – überall zu ihrem Hauptaugenmerk zu machen, die Menschen zum Guten<lb n="18"/>aufzumuntern, es sei noch so viel hierin zu thun, und der Arbeiter so wenige.</p>
<note xml:id="fn-238-2" place="margin" n="" target="#GW01-s257-z13" ana="#j.ohne-teil">Luc. 10</note>
<p><lb xml:id="GW01-s257-z19" n="19"/>Seine Jünger brachten ihm die Nachricht, sie haben hier und da guten Eingang<lb xml:id="GW01-s257-z20" n="20"/>gefunden, Jesus brach hiebei in die Worte aus: Dank und Preis sei dir, Vater des<lb n="21"/>Himmels und der Erde, daß es nicht ein Eigenthum der Gelehrsamkeit und der<lb n="22"/>Kenntnisse ist, zu erkennen, was Pflicht für jeden ist, daß jedes unverdorbene Herz den<lb n="23"/>Unterschied zwischen gut und bös selber fühlen kan. Ach wären die Menschen hie<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>bei stehen geblieben, und hätten nicht ausser den Pflichten, welche die Vernunft<lb n="25"/>auferlegt noch eine Menge Lasten erfunden, die arme Menschheit damit zu plagen –<lb n="26"/>die eine Quelle von Stolz werden, und in denen keine Beruhigung ausser auf Kosten<lb n="27"/>der Tugend, zu finden ist.</p>
<note xml:id="fn-238-3" place="margin" n="" target="#GW01-s257-z19" ana="#j.ohne-teil">Luc. 10,18 sqq.</note>
<note xml:id="fn-238-4" place="margin" n="" target="#GW01-s257-z20" ana="#j.ohne-teil">Matth. 11,20–30.</note>
<p><lb n="28"/>Auf dieser Reise traf Jesus einen Gesezgelehrten an, der um die Grundsäze Jesu<lb n="29"/>kennen zu lernen [und] zu prüfen sich mit ihm in eine Unterredung einließ – Was<lb n="30"/>muß ich thun, Lehrer, um der Glükseeligkeit würdig zu seyn? Was ist dir im Geseze</p>
<pb n="239" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=258" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>aufgegeben? fragte ihn Jesus wieder. Du sollst, antwortete jener, die Gottheit als das<lb n="2"/>Urbild der Heiligkeit von ganzer Seele, und deinen Nächsten lieben, als wenn er du<lb n="3"/>selbst – wäre – Du hast gut geantwortet, versezte Jesus, befolge diß, und du bist<lb n="4"/>der höchsten Glükseeligkeit würdig. Der Gesezgelehrte wollte zeigen, daß diese<lb n="5"/>einfache Antwort seinem tiefergehenden Geiste noch nicht befriedigend sey, – Es<lb n="6"/>bedarf noch einer Erlaüterung, wen wir unter dem Nächsten, der uns zu lieben<lb n="7"/>geboten ist, bestimmt zu verstehen haben? Ich will dir diese Erlaüterung durch eine<lb n="8"/>Geschichte geben – Ein Mann reiste von Jerusalem nach Jericho,¹ und fiel unter<lb n="9"/>Raübern, die ihn auszogen, ihm verschiedene Wunden beibrachten, und ihn halbtod<lb n="10"/>liegen ließen. Von ungefähr kam gleich nach dieser That ein Priester dieselbe Strasse,<lb n="11"/>sah den Verwundeten, sezte aber seinen Weg weiter fort; ebenso ein Levite der<lb n="12"/>diesen Weg kam, ging ohne Mitleiden vorüber. Ein Samariter aber, der vorbei<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>reiste, erbarmte sich seiner, sobald er ihn sah, ging zu ihm hin, verband seine Wun<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>den, und wusch sie mit Oel und Wein – nahm ihn auf sein Maulthier, und brachte<lb n="15"/>ihn in eine Herberge, wo er ihn besorgen lies, und da er des andern Tags weiter<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>reiste, hinterließ er dem Wirth noch Geld, um davon zu bestreiten, was der Kranke<lb n="17"/>sonst noch nöthig hätte – und wenn schon die Kosten diß Geld übersteigen so solle<lb n="18"/>er nichts sparen, er wolle das übrige im Rükweg ersezen – Welcher von diesen dreyen<lb n="19"/>nun hat sich als Nächster gegen den Unglüklichen bewiesen? welcher hat ihn für<lb n="20"/>seinen Nächsten angesehen? – Der Gesezgelehrte: Der, welcher sich mitleidig seiner<lb n="21"/>annahm – So sieh auch du, sagte Jesus, jeden für deinen Nächsten an, der deiner<lb n="22"/>Hülfe, deines Mitleidens bedarf – von welcher Nation, von welchem Glauben, von<lb n="23"/>welcher Farbe er sey.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s258-z24" n="24"/>Die Pharisäer unzugänglich für die Lehren Jesu, der ihnen die Unzulänglichkeit<lb n="25"/>ihres gesezlichen Betragens zur Sittlichkeit vorstellte, foderten zu verschiedenen<lb n="26"/>malen von ihm als eine Beglaubigung seines Vortrags, der ihrer Gesezgebung den<lb n="27"/>Werth abspreche, irgend eine ausserordentliche Lufterscheinung, so wie bei der<lb n="28"/>feierlichen Bekanntmachung, ihr Jehova es sanktionirt habe – Jesus gab ihnen zur</p>
<note xml:id="fn-239-2" place="margin" n="" target="#GW01-s258-z24" ana="#j.ohne-teil">Luc. 11,16. u. Matth. 16,1.</note>
<note xml:id="fn-239-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>ein Weg, der durch eine Wüste führte, und unsicher war.</note>
<pb n="240" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=259" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Antwort: Des Abends sagt ihr, es wird morgen schön Wetter, denn der Himmel<lb n="2"/>hat eine schöne Abendröthe – ist aber der Himmel des Morgens so trüb roth, so<lb n="3"/>prophezeiht ihr Regen daraus – So versteht ihr euch auf das Aussehen des Himmels,<lb n="4"/>um daraus die Witterung vorher zu sagen, aber die Zeichen der gegenwärtigen Zeit<lb n="5"/>versteht ihr nicht zu beurtheilen? Bemerkt ihr nicht, daß höhere Bedürfnisse in den<lb n="6"/>Menschen, daß die Vernunft erwacht ist – die eure willkührliche Lehren und Sazungen,<lb n="7"/>eure Herabwürdigung des Endzweks der Menschen – der Tugend unter dieselbe,<lb n="8"/>den Zwang, womit ihr das Ansehen eures Glaubens und eurer Gebote unter eurem<lb n="9"/>Volk aufrechterhalten wollt – in Anspruch nehmen wird! Kein anderes Zeichen<lb n="10"/>wird euch gegeben, als Lehrer, von denen auch ihr lernen könntet, was zu eurem<lb n="11"/>und der Menschheit Besten diente.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s259-z12" n="12"/>Ein Pharisäer lud Jesum bei dieser Gelegenheit zum Mittagessen ein, jener wun<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s259-z13" n="13" break="no"/>derte sich, da er bemerkte, daß Jesus nicht, eh er sich sezte, die Hände wusch,¹ –<lb n="14"/>Jesus sagte ihnen, ihr wascht wohl das aüssere des Bechers und der Tafel, aber ist<lb n="15"/>deswegen auch das innere rein? wer sein aüsseres gut in Ordnung hat, ist der mit<lb n="16"/>seinem innern in Richtigkeit? wo die Seele geweiht ist, da ist schon auch das aüssere<lb n="17"/>geweiht – Ihr gebt richtig den Zehenten vom Majoran, und Rauten und jedem<lb n="18"/>unbedeutenden Kraütchen, das in euren Gärten wächst – vergest ihr über dieser<lb n="19"/>Aengstlichkeit in Kleinigkeiten, die ihr für Vollkommenheit ausgebt, nicht, daß es<lb n="20"/>noch höhere Pflichten gibt? deren Beobachtung das Wesen der Tugend ausmacht²,<lb n="21"/>wobei man das andere dann doch auch thun muß. Sind nicht eure Begriffe von dem,<lb n="22"/>was einen Werth hat nur aufs aüssere berechnet? so haltet ihr aüsserst auf einen hohen<lb n="23"/>Rang in den Lehrsälen, auf den Vorsiz bei Gastmahlen oder darauf, von jedermann<lb n="24"/>auf den Strassen gegrüst zu werden – ihr beschwert das Volk mit einer Menge<lb n="25"/>lästiger Gebote, und ihr selbst bleibt bei dem aüssern derselben stehen! – Ihr maast<lb n="26"/>euch an, Bewahrer des Schlüssels zum Tempel der Wahrheit zu seyn, aber ihr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sperrt euch und andern den Eingang zu diesem Heiligthume durch unnöthige Gebote –</p>
<note xml:id="fn-240-3" place="margin" n="" target="#GW01-s259-z12" ana="#j.ohne-teil">Luc. 11,37.</note>
<note xml:id="fn-240-4" place="margin" n="" target="#GW01-s259-z13" ana="#j.ohne-teil">cf. Matth. 23.</note>
<note xml:id="fn-240-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>s. oben –</note>
<note xml:id="fn-240-2" type="rand" n="²"><lb n="29"/><seg type="marke">² </seg>Gerechtigkeit, Mitleiden und Treue</note>
<pb n="241" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=260" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Solche Verweise, die Jesus oft noch mit stärkern Ausdrüken an die Pharisäer und Gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gelehrte – in deren Händen die Regierung des Landes war, – und gegen ihre ge<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heiligten Gebraüche richtete, trugen immer mehr bei, sie zu erbittern, und den<lb n="4"/>Endschluß in ihnen zur Reife zu bringen, eine Anklage gegen ihn anhängig zu<lb n="5"/>machen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s260-z6" n="6"/>Vor einer grossen Menge Volks sprach er noch dringender von der Gefahr, sich<lb n="7"/>von dem Geist der Pharisäer ansteken zu lassen. Nehmet euch in Acht, sagte er, vor<lb n="8"/>dem Sauerteige der Pharisäer, der unbemerkbar für sich, auch das aüssere des Ganzen<lb n="9"/>nicht verändert, ihm aber doch einen völlig andern Geschmak gibt – ich meine vor<lb n="10"/>der Heuchelei! Diese Verstellung wird das Auge des Allsehenden nicht betrügen –<lb n="11"/>vor ihm liegt die Gesinnung des Herzens offen, man mag sie noch so sehr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>bergen – er der allwissende braucht allein die Menschen nicht nach ihren Thaten,<lb n="13"/>den aüssern, für Menschen oft trüglichen Erscheinungen ihres Charakters zu richten,<lb n="14"/>sondern richtet nach der innern Güte des Willens. Ich sage euch, meine Freunde,<lb n="15"/>fürchtet euch doch nicht vor Menschen, die doch nur den Körper tödten können,<lb n="16"/>deren Macht sich ja weiter nicht erstrekt – fürchtet euch aber dafür, die Würde eures<lb n="17"/>Geistes zu erniedrigen – und damit vor der Vernunft und vor der Gottheit, als des<lb n="18"/>Verlusts der Glükseeligkeit würdig erklärt zu werden. Aus Menschenfurcht aber es<lb n="19"/>nicht zu wagen, die Grundsäze der Wahrheit und Tugend in Handlungen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zudrükken – oder sie durch Reden zu bekennen ist eine verächtliche Heuchelei – Von<lb n="21"/>mir, oder einem andern Lehrer der Tugend, übel zu sprechen ist noch eine verzeihliche<lb n="22"/>Sache – Wer aber den heiligen Geist der Tugend selbst lästert, der ist ein Verworfener.<lb n="23"/>– Habt dabei nicht kindische Angst, ihr möchtet in Verlegenheit kommen, wenn<lb n="24"/>man euch vor Gerichten, oder in Lehrsälen über euer freies Bekenntnis des Guten zu<lb n="25"/>Rede stellt, vom Geiste der Tugend beseelt wird es euch weder an Muth, noch an<lb n="26"/>Worten fehlen, sie zu vertheidigen –</p>
<note xml:id="fn-241-1" place="margin" n="" target="#GW01-s260-z6" ana="#j.ohne-teil">Luc. 12.</note>
<p><lb n="27"/>Einer aus der anwesenden Menge tratt zu Jesu, und ersuchte ihn, in Hofnung, das<lb n="28"/>Ansehen Jesu werde mehr ausrichten als er, – seinen Bruder zu bewegen, sein Erbgut<lb n="29"/>mit ihm zu theilen. Jesus gab ihm aber den Bescheid: Wer hat mich zum Richter</p>
<pb n="242" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=261" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>oder Theiler zwischen euch gesezt? und wandte sich zu den andern, Ergebt euch<lb n="2"/>nicht der Habsucht, durch reicher und immer reicher werden, erfüllt der Mensch<lb n="3"/>seine Bestimmung nicht – Ich will euch diß durch ein Beispiel deutlicher machen:<lb n="4"/>Einem reichen Mann trugen seine Güter so viele Früchte, daß er mit der Menge<lb n="5"/>derselben in Verlegenheit kam, er muste seine Scheunen grösser machen lassen, um<lb n="6"/>sie aufzuheben, dann dachte er bei sich, wenn diß in Ordnung ist, so hältst du<lb n="7"/>alles sehr sorgfältig auf und hast reichlich zu leben auf viele Jahre, dann ruh’ aus, iß,<lb n="8"/>trink, und laß dir wohl seyn. Aber izt vernahm er die Stimme des Todes: Thor,<lb n="9"/>heute Nacht wird man deine Seele von dir fodern – für wen hast du izt gesammelt?<lb n="10"/>So macht sich der verlorne Arbeit für einen niedrigen Zwek, der Schäze haüft, und<lb n="11"/>nicht auf einen Reichthum, auf eine Bestimmung denkt, deren Zwek ewig ist – Die<lb n="12"/>Sorge für Reichthum fülle nicht eure Seele aus, euer Geist sei allein der Pflicht<lb n="13"/>geweiht; eure Arbeit dem Reiche des Guten, – so steht ihr als Männer gerüstet, zum<lb n="14"/>Leben und zum Tode – sonst wird die Liebe zum Leben den Tod mit Schreken<lb n="15"/>gegen euch wafnen, und die Furcht vor dem Tode, euch das Leben stehlen. Schiebt<lb n="16"/>es nicht auf, und denkt nicht etwa, es habe keine Eile, sich höhern Zweken zu wid<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>men, als Schäze zu sammeln und dem Vergnügen zu leben – Jede Zeit die ihr dem<lb n="18"/>Dienste des Guten entzogen habt, ist für eure Bestimmung verloren – oder übereilt<lb n="19"/>euch der Tod, und ihr gleicht einem Haushalter, dessen Herr abwesend ist, und ihm<lb n="20"/>indessen sein Hauswesen anvertraut hat; der Aufseher denkt nun bei sich, mein Herr<lb n="21"/>wird noch lange ausbleiben, und fängt an, das Gesinde zu mishandeln, zu schwelgen,<lb n="22"/>und sich zu betrinken. Aber zu einer Zeit, wo er es am wenigsten erwartet, wird der<lb n="23"/>Herr ihn überraschen, und ihm seinen verdienten Lohn ertheilen. Und wie der<lb n="24"/>Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, aber ihn [nicht] befolgt, härter gestraft<lb n="25"/>wird, als der so zwar auch strafwürdig handelt, aber den Willen seines Herrn nicht<lb n="26"/>wuste, so wird auch von dem Menschen, dem viel anvertraut wurde, der Talente<lb n="27"/>und Gelegenheit hatte, viel Gutes zu thun, viel gefodert werden. Glaubt ihr etwa,</p>
<pb n="243" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=262" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>ich habe euch zu einem ruhigen Lebensgenuß eingeladen? eine kummerfreie, glük<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>liche Zukunft, sey auch das Schiksal das ich für mich erwarte, und verlange? Nein,<lb n="3"/>Verfolgung wird mein Loos seyn, so wie das eure! Uneinigkeit und Streit die Folge,<lb n="4"/>die meine Lehren haben werden – Dieser Streit zwischen Laster und Tugend, und<lb n="5"/>zwischen Anhänglichkeit an hergebrachten Meinungen und Gebraüchen des Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bens, die durch irgend eine Autorität in den Köpfen und Herzen der Menschen<lb n="7"/>gegründet worden sind, – und zwischen der Rükkehr zum wiederauflebenden<lb n="8"/>Dienste der in ihre Rechte eingesezten Vernunft – dieser Streit wird Freunde und<lb n="9"/>Familien entzweien – Dieser Streit wird dem bessern Theile der Menschheit Ehre<lb n="10"/>machen, aber unseelig wird er seyn, wenn die, die das Alte stürzten, weil es der Frei<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>heit der Vernunft Fesseln anlegte, und die Quellen der Sittlichkeit verunreinigte –<lb n="12"/>an seine Stelle, wieder einen befohlnen Glauben an Buchstaben gebunden sezten, der<lb n="13"/>von neuem der Vernunft das Recht nähme, aus sich selbst das Gesez zu schöpfen,<lb n="14"/>und mit Freiheit daran zu glauben, und sich ihm zu unterwerfen – – ach! und wenn<lb n="15"/>sie diesen befohlnen Glauben mit dem Schwerd und aüsserer Gewalt wafneten, und<lb n="16"/>Väter wider Söhne, Brüder wider Brüder, Mütter wider Töchtern hezten – und die<lb n="17"/>Menschheit zur Verrätherin an der Menschheit machten!</p>
<p><lb xml:id="GW01-s262-z18" n="18"/>Man erzählte Jesu eine Begebenheit die sich um diese Zeit zugetragen hatte.<lb n="19"/>Pilatus, der Prokonsul von Judäa, hatte nämlich man weis nicht aus welchem Grunde,<lb n="20"/>einige Galiläer während sie im Opfern begriffen waren, hinrichten lassen – Mit der<lb xml:id="GW01-s262-z21" n="21"/>Denkungsart seiner Jünger bekannt, die schon ein andersmal, als ihnen ein blind<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gebohrner begegnete, den raschen Schluß gemacht hatten, entweder dieser blinde,<lb n="23"/>oder seine Eltern müsse grosse Verbrecher seyn – nahm hier Jesus Veranlassung<lb n="24"/>ihnen folgende Errinnerung zu geben: Habt ihr hiebei etwa den Gedanken, diese<lb n="25"/>Galiläer, seien die schlimmsten aus ihrem Volke gewesen, daß sie diß Schiksal<lb n="26"/>hatten, – oder jene 8 oder 10, die neulich von einem Thurm zu Siloah erschlagen<lb n="27"/>wurden, seien die verdorbensten unter den Bewohnern Jerusalems gewesen? Nein,<lb n="28"/>über Menschen, denen ein solches Unglük widerfährt, ein liebloses Urtheil zu fällen,<lb n="29"/>ist nicht die Seite, von der ihr eine solche Begebenheit anzusehen habt, sondern auf<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>geschrekt dadurch von der Ruhe, mit der ihr euch eurer Selbstzufriedenheit überlast,</p>
<note xml:id="fn-243-1" place="margin" n="" target="#GW01-s262-z18" ana="#j.ohne-teil">Luc. 13.</note>
<note xml:id="fn-243-2" place="margin" n="" target="#GW01-s262-z21" ana="#j.ohne-teil">Joh. 9.</note>
<pb n="244" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=263" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>in euren eignen Busen zu greifen, und euch aufrichtig zu fragen, ob ihr nicht ein<lb n="2"/>solches Schiksal verdient habt? Höret folgende Geschichte, der Besizer eines Wein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>bergs hatte auch einen Feigenbaum darin gepflanzt, so oft er kam, um Früchte davon<lb n="4"/>zu pflükken, fand er nie keine; er sagte deswegen zum Gärtner: Schon 3 Jahre<lb n="5"/>komme ich immer vergebens zu diesem Baum, hau’ ihn aus, daß der Plaz, den er<lb n="6"/>einnimmt, besser benuzt werden könne; der Gärtner erwiederte, Laß ihn noch, daß<lb n="7"/>ich um ihn herum den Boden auflokre, und ihm Dünger zugebe, so hoffe ich viel<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>leicht, ihm noch Früchte abzunöthigen, wo nicht, so will ich [ihn] dann umhauen –<lb n="9"/>Lange verzögert oft so das verdiente Schiksal, und gibt dem Verbrecher Zeit sich<lb n="10"/>aufzurichten, dem sorglosen, mit höhern Zweken bekannt zu werden – versaümt<lb n="11"/>er unbekümmert diese Frist, so ereilt ihn sein Schiksal, und es trift ihn die strafende<lb n="12"/>Vergeltung.</p>
<p><lb n="13"/>Indessen sezte Jesus seinen Weg gegen Jerusalem hin immer weiter fort, hielt sich<lb n="14"/>hie und da auf, wo er Gelegenheit fand, den Menschen gute Lehren zu geben – Auf<lb n="15"/>dieser Reise wurde auch die Frage an ihn gemacht, ob deren nur wenige seyen, die<lb n="16"/>zur Seeligkeit gelangen? Jesus antwortete auf diese Frage: ein jeder ringe für sich,<lb n="17"/>den schmalen Weg des guten Lebenswandels zu treffen, viele die es versuchen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>fehlen ihn – Wenn ein Hausherr einmal seine Thüre verschlossen hat, und [ihr] izt<lb n="19"/>anklopft, und rufet, euch aufzuthun, so wird er euch antworten, ich kenne euch<lb n="20"/>nicht; wenn ihr euch denn darauf beruft, ihr habet doch sonst schon mit ihm ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>speist, und getrunken, und seid seine Zuhörer gewesen, so wird er euch wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>hohlen: wohl habt [ihr] mit mir gespeist und getrunken, und wart meine Zuhörer,<lb n="23"/>wenn ich lehrte – aber ihr seid lasterhafte geworden, ich erkenne euch nicht für<lb n="24"/>meine Freunde – Weg von hier. So werden viele von Morgen und von Abend, von<lb n="25"/>Mittag und Mitternacht, die den Zevs, oder Brama, oder Wodan verehrten, vor<lb n="26"/>dem Richter der Welt Gnade finden, und von denen, welche stolz auf ihre Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nis Gottes durch ihr Leben dieser bessern Erkenntnis Schande machten, und die<lb n="28"/>ersten zu sein sich einbildeten, viele verworfen werden –</p>
<pb n="245" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=264" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Einige Pharisäer warnten Jesum ob aus guter oder irgend einer andern Absicht,<lb n="2"/>ist nicht bekannt, das Gebiet des Herodes zu verlassen, weil dieser Anschläge auf sein<lb n="3"/>Leben habe, Jesu Antwort war, seine Verrichtungen seien von der Art, daß sie dem<lb n="4"/>Herodes schlechterdings keine Besorgnisse erregen könne, und ausserdem wäre es<lb n="5"/>ausser der Regel, wenn Jerusalem – der gewöhnliche Schauplaz des Todes so vieler<lb n="6"/>Lehrer, die das jüdische Volk von seiner Hartnäkigkeit in seinen Vorurtheilen, und<lb n="7"/>von dem Schwindel, womit es für dieselbe, alle Regeln der Sittlichkeit und der<lb n="8"/>Klugheit verlezte, zu heilen versuchten, wenn Jerusalem nicht auch der Ort wäre,<lb n="9"/>wo ihn ein solches Loos treffen sollte.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s264-z10" n="10"/>Er speiste auch wieder bei einem Pharisäer, hier bemerkte er an einigen eine Sorg<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>falt, die obersten Pläze auszulesen, die sie nach ihrem Range einnehmen zu müssen<lb n="12"/>glaubten – und machte die Bemerkung, sich an die obern Pläze zu drängen, könne<lb n="13"/>oft die Schuld an Verlegenheiten werden, denn wenn noch ein Vornehmerer komme,<lb n="14"/>so müsse man mit Beschämung sich gefallen lassen, seinen Plaz abzutretten, und ihn<lb n="15"/>mit einem untern zu vertauschen – da hingegen der, welcher sich unten an sezt und<lb n="16"/>von dem Gastgeber weiter herauf gerufen wird, mehr Ehre davon habe – Überhaupt,<lb n="17"/>wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt, der bescheidne dagegen wird gehoben<lb n="18"/>werden. Gegen den Gastgeber bemerkte [er], er kenne, ausser der Gastfreundschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichkeit, seine Verwandten oder Freunde oder seine reichen Nachbarn zu einem<lb n="20"/>Essen einzuladen, von denen ein solcher Beweis der Freundschaft gewöhnlich durch<lb n="21"/>gegenseitige Einladungen erwiedert werde, ausser dieser Freigebigkeit kenne er noch<lb n="22"/>eine andere edlere, nemlich arme, kranke oder andere unglükliche zu speisen, die eine<lb n="23"/>Wohlthat nicht wieder erstatten können, als durch die unverstellten Ausdrükke<lb n="24"/>ihres Danks und des Gefühls ihres gelinderten Kummers, als durch [das] Bewust<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>seyn, das dir solche Handlungen geben, Balsam in die Wunden des Unglüklichen<lb n="26"/>gegossen, und dem Elend wohlgethan zu haben. Wohl dem, rief einer der Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gäste aus, der zu dieser Zahl gehört, der ein Bürger des Reiches Gottes ist – Jesus</p>
<note xml:id="fn-245-1" place="margin" n="" target="#GW01-s264-z10" ana="#j.ohne-teil">Luc. 14.</note>
<pb n="246" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=265" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb xml:id="GW01-s265-z1" n="1"/>erläuterte disen Begrif vom Reiche Gottes durch [das] Bild eines Fürsten, der die<lb n="2"/>Hochzeit seines Sohnes durch ein grosses Mahl feiern wollte, und viele Gäste einlud;<lb n="3"/>am Tage des Festes schikte er seine Diener zu den geladenen, um sie zu bitten, izt<lb n="4"/>zu kommen, das Mahl warte auf sie. Der eine nun lies sich entschuldigen daß er<lb n="5"/>nicht kommen könne, denn er habe Felder gekauft, die er in Augenschein nehmen<lb n="6"/>müsse; ein zweiter, denn er habe die 5 Paar Ochsen, die er erst gekauft habe, zu<lb n="7"/>besichtigen – ein dritter entschuldigte sein Ausbleiben, mit seiner Heurath, die er<lb n="8"/>erst vollzogen habe – andere behandelten sogar die Diener mit Verachtung, sodaß<lb n="9"/>von den eingeladenen Gästen keiner erschien. Der Fürst unwillig darüber, befahl<lb n="10"/>seinen Dienern, da der Aufwand schon gemacht sei, auf die Gassen und Pläze der<lb n="11"/>Stadt zu gehen, und die Armen, Blinden, Lahmen, oder sonst gebrechliche ein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zuladen – die Diener thaten es, da aber noch Plaz übrig war, schikte der Herr die<lb n="13"/>Diener noch einmal, um auf den Landstrassen und an den Zaünen zu suchen, und<lb n="14"/>was sie fänden herzubringen, damit das Haus voll werde – So verhält es sich auch<lb n="15"/>mit dem Reiche Gottes; vielen sind kleinere Zweke wichtiger, als ihre höhere Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stimmung, viele, in einen grössern Wirkungskreis von der Natur oder dem Glük<lb n="17"/>gesezt, vernachlässigen unverantwortlich die Gelegenheit – viel Gutes wirken zu<lb n="18"/>können – und oft ist Rechtschaffenheit in niedere Hütten verbannt, oder eingeschränk<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ten Talenten überlassen. Aufopfern zu können ist eine Haupteigenschaft eines Bür<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gers des Reichs des Guten – wem die Verhältnisse als Sohn, oder als Bruder, als Eh<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>mann, als Vater, wem seine Glükseeligkeit, und sein Leben theurer sind – als die<lb n="22"/>Tugend, der ist nicht geschikt dazu, weder der Vollkommenheit entgegen sich selbst<lb n="23"/>durchzuarbeiten, noch andere dahin zu führen. Besonders wer für andre arbeiten<lb n="24"/>will, prüfe seine Kräfte vorher wohl, ob ers hinauszuführen im Stande sei – wie ein<lb n="25"/>Mann, der ein Haus zu bauen anfängt, es aber unvollendet lassen muß, weil er die<lb n="26"/>Kosten des Ganzen vorher nicht berechnete, – den Leuten zum Gespötte wird – oder</p>
<note xml:id="fn-246-1" place="margin" n="" target="#GW01-s265-z1" ana="#j.ohne-teil">cf. Matth. 22.</note>
<pb n="247" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=266" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>wie ein Fürst seine Stärke vorher prüft, eh er sich an einen andern wagt, der ihm<lb n="2"/>Krieg droht, und wenn er seine Kräfte ihm nicht gewachsen findet, Frieden mit ihm<lb n="3"/>zu machen sucht – so prüfe sich jeder, der sich der Verbesserung des Menschen weihen<lb n="4"/>will, ob er fähig seyn werde, in diesem Kampfe auf alles Verzicht zu thun, was sonst<lb n="5"/>Reize für ihn hatte –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s266-z6" n="6"/>Auch hier nahmen die Pharisäer wieder einen Anstoß daran, daß sie Zollbediente,<lb n="7"/>und schlechte Leute, unter den Zuhörern Jesu sahen, und daß er solche nicht von sich<lb n="8"/>wies – Jesus sagte darüber: Wenn ein Schaaf sich von der Heerde eines Hirten ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>irrte, macht es ihm nicht Freude, es wieder zu finden, oder wenn ein Weib ein Stük<lb n="10"/>Geld verlohren hat, sucht sie es nicht sorgfältig, und wenn sie es wiederfindet, ist ihr<lb n="11"/>Vergnügen an dem gefundenen Stüke nicht grösser als – an den andern, die sie nicht<lb n="12"/>verlohr – Ist es nicht auch so eine Freude für gute Menschen, einen verirrten zur<lb n="13"/>Tugend zurükkehren zu sehen. Ich will euch eine Geschichte erzählen: Ein Mann<lb n="14"/>hatte zwey Söhne. Auf die Bitte des jüngern, ihm sein Erbtheil herauszugeben,<lb n="15"/>theilte der Vater mit seinen Söhnen – der jüngere pakte seine Sachen nach einigen<lb n="16"/>Tagen zusammen, und um es ungehindert nach seinem Geschmak geniessen zu<lb n="17"/>können, reiste er damit in ein entlegners Land, und durchschwelgte dort sein ganzes<lb n="18"/>Vermögen – Er befand sich schon in Mangel, als dieser durch eine grosse Theurung<lb n="19"/>noch vermehrt wurde, und dadurch aufs höchste stieg – er kam endlich noch bei<lb n="20"/>einem Manne unter, der ihn aufs Feld schikte, um die Schweine zu hüten, mit denen<lb n="21"/>er die Eichelnkost theilen muste – Sein trauriges Schiksal errinnerte ihn izt wieder<lb n="22"/>an das Haus seines Vaters. Wie viel besser, sagte er bei sich selbst, haben es die Tag<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>löhner meines Vaters, denen es nie an Brod fehlte, als ich, den hier der Hunger auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zehrt? ich will zu meinem Vater zurükkehren, ihm bekennen, ach Vater! ich habe<lb n="25"/>gegen den Himmel und gegen dich gesündigt, ich bin nicht werth, dein Sohn mehr<lb n="26"/>zu heissen; nehme mich nur als einen deiner Taglöhner an – Er führte diesen Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>danken aus, sein Vater sah ihn schon von weitem kommen, lief auf ihn zu, fiel ihm<lb n="28"/>um den Hals, und küste ihn – Ach meine Fehler, sagte der reuige Unglükliche,<lb n="29"/>machen mich unwerth, mein Vater, mich noch deinen Sohn zu nennen; der Vater</p>
<note xml:id="fn-247-1" place="margin" n="" target="#GW01-s266-z6" ana="#j.ohne-teil">Luc. 15.</note>
<pb n="248" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=267" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>aber befahl seinen Knechten, den besten Rok zu hohlen, und ihm Schuhe zu geben;<lb n="2"/>und schlachtet das gemästete Kalb, wir wollen alle uns gütlich thun, denn mein<lb n="3"/>Sohn, der für mich todt war, ist ins Leben zurükgekehrt; er war verlohren, und ist<lb n="4"/>wieder gefunden – Indessen kehrte der ältere Sohn vom Felde zurük, als er sich dem<lb n="5"/>Hause näherte, hörte er die laute Freude, und fragte was es gäbe? da ein Knecht es<lb n="6"/>ihm sagte, ward er unwillig darüber, und wollte nicht ins Haus gehen – Der Vater<lb n="7"/>kam heraus, und machte ihm Vorstellungen – der Sohn wollte nichts davon hören,<lb n="8"/>solange bin ich bei dir, arbeite dir, befolge überall deinen Willen, und du hast mir<lb n="9"/>noch nie es angeboten, mir mit meinen Freunden eine Freude zu machen; und dieser<lb n="10"/>Sohn, der sein Vermögen mit liederlichen Weibern verpraste, kommt, und du stellst<lb n="11"/>ihm Feste an! Mein Sohn, sagte der Vater, du bist immer bei mir, es gebricht dir an<lb n="12"/>nichts, all das meinige ist dein; du solltest dich freuen, und guter Dinge seyn, daß<lb n="13"/>dein Bruder, der verlohren war, sich wieder gefast hat, – den wir aufgegeben hatten,<lb n="14"/>wieder genesen ist –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s267-z15" n="15"/>Bei einer andern Veranlassung, die uns aber unbekannt ist, erzählte Jesus seinen<lb n="16"/>Freunden folgende Geschichte – Ein reicher Mann hatte einen Verwalter, dieser<lb n="17"/>wurde bei ihm angegeben, als ein Verschwender des ihm anvertrauten Vermögens;<lb n="18"/>der Herr ließ ihn rufen, und sagte ihm: Was höre ich von dir? Lege mir Rechnung<lb n="19"/>von deiner Verwaltung ab, denn du kanst dein Amt nicht länger behalten – Dieser<lb n="20"/>überlegte jezt, was zu machen sey; sein Amt verliere er, zum taglöhnen habe er<lb n="21"/>nicht Kraft, und zu bettlen schäme er sich, – endlich fiel ihm ein Mittel ein – sich aus<lb n="22"/>der Verlegenheit [zu ziehen,] nemlich die Schuldner seines Herrn sich zu Freunden<lb n="23"/>zu machen, damit, wenn er seinen Posten verlassen, sie ihn aufnehmen; [er] lies<lb n="24"/>einen nach dem andern, kommen, und den einen der 100 Tonnen Oels schuldig lies<lb n="25"/>er eine andre Schuldverschreibung machen, worin die Schuld nur auf 50 Tonnen<lb n="26"/>angegeben war – einen andern ließ er seine Schuld von 100 Malter Waizen auf<lb n="27"/>80 herabsezen, und so machte ers auch mit den übrigen – Der Herr muste als er es<lb n="28"/>nachher erfuhr, dem ungetreuen Verwalter, wenigstens das Zeugniß der Klugheit<lb n="29"/>geben – an welcher die guten Menschen meistens von den bösen übertroffen werden,<lb n="30"/>da der leztern Klugheit sich kein Gewissen daraus macht, die Ehrlichkeit zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lezen – Ich nehme aus der erzählten Geschichte für euch den Rath, daß eure Klug-</p>
<note xml:id="fn-248-1" place="margin" n="" target="#GW01-s267-z15" ana="#j.ohne-teil">Luc. 16.</note>
<pb n="249" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=268" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>heit in Anwendung des Gelds, das ihr etwa habt, darin bestehe, euch davon Freunde<lb n="2"/>unter den Menschen, besonders unter unglüklichen zu machen – aber nicht, wie<lb n="3"/>jener Verwalter, auf Kosten der Rechtschaffenheit; denn wer im kleinen ungetreu<lb n="4"/>ist, wird es noch mehr am grossen seyn – wenn ihr in Geldssachen nicht ehrlich sein<lb n="5"/>könnt, wie werdet ihr für das höhere Interesse der Menschheit empfänglich seyn? –<lb n="6"/>wenn ihr an etwas, das ihr, als euch fremd, behandeln solltet, so hängt, daß ihr ihm<lb n="7"/>zu lieb die Tugend vergäset, was wäre noch großes von euch zu erwarten? Seinen<lb n="8"/>Vortheil, oder den Dienst der Tugend – zum höchsten Ziele seines Lebens zu sezen –<lb n="9"/>sind zwei Dinge, die unvereinbar sind –</p>
<p><lb n="10"/>Einige Pharisäer, die diß mit anhörten, und das Geld sehr liebten, spotteten dar<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>über, daß Jesus den Werth des Reichthums so sehr herabsezte – Jesus wandte sich an<lb n="12"/>sie, und sagte ihnen – Ihr legt es nur darauf an, [euch] in den Augen der Menschen<lb n="13"/>einen Schein von Heiligkeit zu geben, aber Gott kennt eure Herzen – was der sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichen Art zu urtheilen als groß, als achtungswerth vorkommt, verschwindet in sein<lb n="15"/>Nichts vor der Gottheit –</p>
<p><lb n="16"/>Es war einst ein reicher Mann, der sich in Purpur und Seide kleidete – und täglich<lb n="17"/>im vollauf schwelgte – Vor seiner Thüre saß oft ein armer Namens Lazarus dessen<lb n="18"/>krankem Körper, er war voll Geschwüre, niemand als etwa Hunde durch ihr Leken<lb n="19"/>einige Linderung gaben, er hätte gern oft seinen Hunger, nur mit übrigen Broken<lb n="20"/>von der Tafel des reichen Manns gestillt – der Arme starb, und wohnte izt in den<lb n="21"/>Gefilden der Seeligen – Bald hernach starb auch der Reiche und ward mit Pomp<lb n="22"/>zur Erde bestattet. Aber [das] Loos des armen Manns war izt nicht sein Loos; Als<lb n="23"/>er seine Augen erhub, und den Lazarus bei Abraham erblikte, so rief er laut, ach<lb n="24"/>Vater Abraham, erbarme dich meiner, und schike Lazarus, daß er mich in meiner<lb n="25"/>Quaal nur mit einem Tropfen Linderung erquike, wie ein Fieberkranker mit einem<lb n="26"/>Tropfen Wassers gelabt wird – Abraham antwortete: Errinnere dich mein Sohn daß<lb n="27"/>du dein Gutes in jenem Leben genossen hast, Lazarus hingegen unglüklich war –<lb n="28"/>dieser wird izt getröstet, und du leidest – So bitte ich dich nur, Vater, daß du ihn in<lb n="29"/>mein väterliches Haus schikest; denn ich habe noch 5 Brüder, damit er sie von</p>
<pb n="250" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=269" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>meinem Schiksal belehre, und sie warne, nicht auch ein solches zu verdienen. Sie<lb n="2"/>haben in ihrer Vernunft ein Gesez, und die Lehren guter Menschen, die sollen sie<lb n="3"/>hören – Diß ist nicht hinreichend für sie, sagte der Unglükliche – aber wenn ein<lb n="4"/>Todter aus seiner Gruft ihnen erschiene, so würden sie wohl sich bessern. Dem<lb n="5"/>Menschen, versezte Abraham, ist das Gesez seiner Vernunft gegeben, weder von<lb n="6"/>Himmel noch aus dem Grabe kan ihm eine andere Belehrung zukommen, denn eine<lb n="7"/>solche wäre dem Geist jenes Gesezes gänzlich zuwider, welches eine freie, nicht durch<lb n="8"/>Furcht, erzwungene, knechtische Unterwerfung verlangt.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s269-z9" n="9"/>Bei einer andern gleichfalls unbekannten Veranlassung, machten die Freunde Jesu<lb n="10"/>die sonderbare Bitte an ihn, ihren Muth und Standhaftigkeit zu stärken, – Jesus gab<lb n="11"/>ihnen zur Antwort, Diß kan allein, der Gedanke an eure Pflicht thun und an das<lb n="12"/>grosse Ziel der Bestimmung, das dem Menschen gesezt ist; so werdet [ihr] nie am<lb n="13"/>Ende eurer Arbeit zu seyn, und izt zum Genuß euch berechtigt zu seyn glauben –<lb n="14"/>Wenn ein Knecht vom Felde heimkommt, so wird sein Herr ihm nicht sagen, gehe<lb n="15"/>izt, und thue dir gütlich, sondern mach’ izt mein Essen fertig, und bediene mich dabei,<lb n="16"/>dann kanst auch du essen, und wenn der Knecht diß gethan hat, so wird er ihm nicht<lb n="17"/>Dank dafür schuldig zu seyn glauben – So auch ihr, wenn ihr gethan, was ihr solltet,<lb n="18"/>so denkt nicht, wir haben etwas übriges gethan, die Zeit der Arbeit ist izt vorbei,<lb n="19"/>und die Zeit des Genußes muß izt eintretten, sondern, wir haben nichts gethan, als<lb n="20"/>was unsre Schuldigkeit war.</p>
<note xml:id="fn-250-1" place="margin" n="" target="#GW01-s269-z9" ana="#j.ohne-teil">Luc. 17,5.</note>
<p><lb n="21"/>Ein anders mal fragten Pharisäer, die ihre sinnliche Vorstellung vom Reiche Gottes<lb n="22"/>nicht ablegen konnten, Jesum, der diese Idee oft im Munde führte: wann dann das<lb n="23"/>Reich Gottes komme? Jesus antwortete ihnen: Das Reich Gottes zeigt sich nicht<lb n="24"/>durch Gepräng, oder aüsserliche Gebährden. Man kan auch nie sagen, sieh hie ist es,<lb n="25"/>oder dort ist es, denn siehe das Reich Gottes muß inwendig in euch errichtet werden.<lb n="26"/>Er wandte sich hierauf zu seinen Jüngern: Ihr werdet oft auch wünschen, das Reich<lb n="27"/>Gottes auf Erden errichtet zu sehen; oft wird man euch sagen, hier oder dort gibt [es]<lb n="28"/>eine solche glükliche Verbrüderung von Menschen unter Tugendgesezen – Lauft<lb n="29"/>solchen Vorspieglungen nicht nach; hoft das Reich Gottes nicht in einer aüssern<lb n="30"/>glänzenden Vereinigung von Menschen zu sehen – etwa in einer aüssern Form eines</p>
<pb n="251" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=270" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Staates, in einer Gesellschaft, unter den öffentlichen Gesezen einer Kirche – Eher als<lb n="2"/>so ein ruhiger, glänzender Zustand, wird Verfolgung das Loos der wahren Bürger<lb n="3"/>des Reiches Gottes, der tugendhaften seyn – oft am meisten von denen, die etwa,<lb n="4"/>wie die Juden, als Glieder einer solchen Gesellschaft sich viel damit wissen – Von<lb n="5"/>zwei, die einerlei Glauben bekennen, zu einerlei Kirche sich halten, kan der Eine ein<lb n="6"/>tugendhafter, der andre ein Verworfner seyn – Bleibt also nicht an der aüssern<lb n="7"/>Form hängen, last euch nicht durch das Vertrauen, in pünktlicher Beobachtung der<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>selben eure Pflicht erfüllt zu haben, in eine träge Ruhe versenken; wobei auch wohl<lb n="9"/>die Liebe zum Leben und Lebensgenuße ihre Rechnung fände – denn wer dieß nicht<lb n="10"/>für die Pflicht aufzuopfern vermag – der macht sich eben dadurch desselben un<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s270-z11" n="11" break="no"/>würdig. Ebenso wenig darf euch Standhaftigkeit verlassen; daß, wenn ihr Hof<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>nungen, durch euren Kampf gutes auszurichten, solange nicht in Erfüllung gehen<lb n="13"/>seht, ihr müde würdet, und in verdrüslicher Laune mit dem allgemeinen Strome der<lb n="14"/>Verdorbenheit fortzuschwimmen euch entschlößet – wie oft ein Client nicht von<lb n="15"/>der Rechtschaffenheit des Richters in seiner Angelegenheit gefördert wird, sondern<lb n="16"/>weil er sich von den anhaltenden Bitten des Clienten losmachen wollte – so werdet<lb n="17"/>auch [ihr] viel Gutes durch Standhaftigkeit ausrichten – und dann: wenn ihr die<lb n="18"/>Grösse des Ziels, das die Pflicht stekt, mit ganzer Seele aufgefast habt, so wird euer<lb n="19"/>Streben wie dieses Ziel für die Unendlichkeit seyn, und nie ermatten, ihr mögt in<lb n="20"/>diesem Leben Früchte reifen sehen oder nicht –</p>
<note xml:id="fn-251-1" place="margin" n="" target="#GW01-s270-z11" ana="#j.ohne-teil">Luc. 18.</note>
<p><lb n="21"/>In Beziehung auf die Pharisäer, die sich so vollkommen dünken, und die wegen<lb n="22"/>diesem Eigendünkel die übrige Menschen verachten, erzählte Jesus folgende Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schichte: Es gingen zwei Menschen in den Tempel zu beten; deren der eine ein<lb n="24"/>Pharisäer, der andre ein Zollbedienter war; das Gebet des Pharisäers lautet so: Ich<lb n="25"/>danke dir, o Gott, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, ein Raüber, ein<lb n="26"/>ungerechter, ein Ehebrecher, oder einer wie dieser Zöllner, ich faste zweimal in der<lb n="27"/>Woche, besuche regelmäßig den Gottesdienst, und gebe gewissenhaft meinen Zehen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ten für deinen Tempel – Der Zöllner stand weit von diesem heiligen, wagte seinen<lb n="29"/>Blik nicht gegen Himmel zu erheben, sondern schlug auf seine Brust, und flehte, ach</p>
<pb n="252" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=271" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Gott! sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: dieser ging mit wahrerer Beruhigung des<lb n="2"/>Gewissens nach Hause als jener Pharisäer –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s271-z3" n="3"/>Ein vornehmer Jüngling tratt zu Jesu; guter Lehrer, was muß ich thun, fragte er<lb n="4"/>ihn, um tugendhaft, um vor Gott, der Glükseeligkeit nach diesem Leben würdig zu<lb n="5"/>seyn – Warum nennt du mich gut, erwiederte Jesus, vollkommen gut, ist niemand<lb n="6"/>als Gott – übrigens kennst du ja die Gebote eurer Sittenlehrer: du sollst nicht eh<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>brechen, nicht tödten, kein falscher Zeuge seyn, deinen Vater und deine Mutter<lb n="8"/>ehren; der Jüngling sagte hierauf: ich habe von Jugend auf alle diese Gebote gehalten –<lb n="9"/>Nun, sagte Jesus, wenn du es fühlst, daß du noch mehr thun könntest, so wende deinen<lb n="10"/>Reichthum zur Unterstüzung der armen und zur Beförderung der Sittlichkeit an,<lb n="11"/>und werde darin mein Gehülfe – Der Jüngling hörte diß mit Betrübnis, denn er war<lb n="12"/>sehr reich – Jesus bemerkte diß, und sagte zu seinen Jüngern: Wie fest kan doch die<lb n="13"/>Liebe zum Reichthum den Menschen umstrikken? welch grosses Hinderniß zur<lb n="14"/>Tugend für ihn werden? Die Tugend verlangt Aufopferung, die Liebe zum Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>thum immer neuen Erwerb, jene – sich auf sich selbst einzuschränken, diese – sich<lb n="16"/>auszubreiten, das, was er sein eigen nennt, immer zu vergrößern. Die Freunde Jesu<lb n="17"/>fragten ihn: aber wie kan man hoffen, daß dieser Trieb der menschlichen Natur es<lb n="18"/>nicht unmöglich mache, tugendhaft zu seyn – Den Widerspruch dieser Triebe, ant<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wortete Jesus, hebt der Umstand auf, daß Gott dem einen eine eigenthümliche gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gebende Gewalt verliehen hat, die die Pflicht auferlegt, eine Übermacht über den<lb n="21"/>andern zu bekommen, und ihm auch die Kraft beigelegt hat, diß zu können – Petrus<lb n="22"/>einer seiner Freunde erwiederte hierauf: Du weißst wir haben alles verlassen, um uns<lb n="23"/>deiner Bildung zu übergeben, und uns allein der Sittlichkeit zu weihn – Für das,<lb n="24"/>was ihr aufgegeben habt, sagte Jesus, ist der Erwerb des Bewustseyns, der Pflicht<lb n="25"/>allein gelebt zu haben, ein reichlicher Ersaz in diesem Leben, und in alle Ewigkeit –</p>
<note xml:id="fn-252-1" place="margin" n="" target="#GW01-s271-z3" ana="#j.ohne-teil">Luc. 18,18–</note>
<p><lb xml:id="GW01-s271-z26" n="26"/>Jesus war izt mit seiner Begleitung, die nur aus seinen 12 auserlesenen Freunden<lb xml:id="GW01-s271-z27" n="27"/>bestand, in die Nähe von Jerusalem gekommen, und machte sie mit den trüben<lb n="28"/>Ahndungen bekannt, die er von der Art seiner dortigen Aufnahme und Behandlung</p>
<note xml:id="fn-252-2" place="margin" n="" target="#GW01-s271-z26" ana="#j.ohne-teil">Luc. 18,31.</note>
<note xml:id="fn-252-3" place="margin" n="" target="#GW01-s271-z27" ana="#j.ohne-teil">Matth. 20,17.</note>
<pb n="253" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=272" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>hatte – Ahndungen die mit demjenigen sehr im Widerspruch standen, was seine<lb n="2"/>Jünger sich von seiner Ankunft und seinem Aufenthalt in Jerusalem versprachen –<lb n="3"/>Sogar sie, die den täglichen Umgang und die Belehrung Jesu genossen, hatten aus<lb n="4"/>ihren jüdischen Köpfen die sanguinische Hofnung, Jesus werde bald öffentlich als<lb n="5"/>König auftretten, den Glanz des jüdischen Staats und seine Unabhängigkeit von den<lb n="6"/>Römern wieder herstellen, und sie als seine Freunde und Gehülfen durch Macht<lb n="7"/>und Ehre für das, was sie indeß entbehrt hatten, belohnen – diese Hofnungen hatten<lb n="8"/>sie noch nicht verbannt, sie hatten noch nicht den Geistigen Sinn des Reiches Gottes,<lb n="9"/>als einer Herrschaft der Tugendgeseze unter den Menschen – [sich] zu eigen gemacht –<lb n="10"/>So tratt izt, die Mutter des Johannes und Jakobus zu Jesu, fiel ihm zu Füßen, und auf<lb n="11"/>die Frage Jesu was sie verlange – that sie mit ihnen die Bitte an Jesum – weil sie izt<lb n="12"/>die Entwiklung ihrer Hofnungen herannahen zu sehen glaubten – Wenn [du] nun<lb n="13"/>dein Reich errichtest, so erhebe meine Söhne zum nächsten Rang nach dir. Jesus gab<lb n="14"/>ihnen zur Antwort: ihr wist nicht, um was ihr bittet! Seid ihr bereit, der Pflicht, –<lb n="15"/>die ihr über euch genommen habt, der Verbesserung der Menschen zu leben, und<lb n="16"/>mein Schiksal zu theilen, es warte auf mich, was es sei? – Sie antworteten wahrschein<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lich in der Hofnung, daß dieses kein anderes als ein glänzendes sein werde – ja wir<lb n="18"/>sind bereit – Nun, sagte Jesus, so thut eure Pflicht, und unterwerft euch ruhig eurem<lb n="19"/>Schiksal – erwartet aber dabei nicht die Hofnungen, die ihr durch eure Bitte gezeigt<lb n="20"/>habt, erfüllt zu sehen; die Reinheit eurer Gesinnung allein, die vor der Gottheit,<lb n="21"/>nicht vor mir offen liegt, kan den Werth bestimmen, den ihr vor der Gottheit habt –<lb n="22"/>Die übrigen Freunde Jesu, wurden über diese Bitte der 2 Brüder sehr erbittert – Jesus<lb n="23"/>gab ihnen die Weisung – ihr wißt, daß Herrschsucht eine sehr verführerische und<lb n="24"/>sehr allgemeine Leidenschaft unter den Menschen [ist] – sie aüssert sich in den grossen<lb n="25"/>sowohl als in eingeschränkten Kraisen des Lebens – Aus eurer Gesellschaft sei sie<lb n="26"/>verbannt – Sezt eure Ehre untereinander darein, gegenseitig gefällig zu seyn, und<lb n="27"/>einander zu dienen – so wie der Zwek meines Lebens nie war, über andre zu gebieten,<lb n="28"/>sondern der Menschheit zu dienen, und für sie selbst mein Leben aufzuopfern. In<lb n="29"/>Beziehung auf diese Erwartungen der Begleiter Jesu, seine Freundschaft werde ihnen</p>
<pb n="254" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=273" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>aus Gunst für sie bei der izt herannahenden Periode seiner Macht, einen glänzenden<lb n="2"/>Antheil daran einraümen – belehrte sie Jesus von dem Unterschiede des Werthes der<lb n="3"/>Menschen durch folgende Parabel: Ein Fürst verreiste einst in ein entferntes Land,<lb n="4"/>um die Regierung desselben zu übernehmen; eh er aus dem abreiste, dessen Regent<lb n="5"/>er schon war, vertraute er seinen Dienern 10 Pfund an, um damit zu gewinnen. Die<lb n="6"/>Bürger schikten ihm eine Gesandschaft nach, ihm die Erklärung zu machen, daß sie<lb n="7"/>ihn nimmer als ihren Fürsten anerkennen. Ongeachtet dessen behauptete er bei seiner<lb n="8"/>Zurükkunft den Thron, und verlangte izt von seinen Dienern Rechnung über die<lb n="9"/>Anwendung des ihnen zurükgelassenen Geldes. Der erste sagte, mit dem Pfund, das<lb n="10"/>du mir anvertraut hast, habe ich 10 gewonnen; wohl, versezte der Fürst, du hast mit<lb n="11"/>wenigem gut hausgehalten, ich will dich über mehr sezen, ich übertrage dir die<lb n="12"/>Regierung über 10 Städte. Der andere hatte mit seinem Pfunde 5 gewonnen; der<lb n="13"/>Fürst gab ihm die Regierung über 5 Städte – Ein anderer sagte: ich bringe dir dein<lb n="14"/>Pfund unverloren wieder, ich habe es sorgfältig bewahrt; ich fürchtete es an etwas<lb n="15"/>zu wagen, da du ein strenger Herr bist, willst nehmen, wo du nichts hingesezt,<lb n="16"/>erndten, wo du nicht gesät hast – Deine Rechtfertigung verurtheilt dich, antwortete<lb n="17"/>der Fürst, wenn du wustest, daß ich ein strenger Mann bin, erndten will wo ich<lb n="18"/>nicht gesät habe, warum hast du nicht dein Geld den Wechslern gegeben, und hättest<lb n="19"/>mir dann dein Pfund mit den Zinsen zurükgeben können? – Du verlierst dein Geld,<lb n="20"/>und es sei dessen, der Zehen gewonnen hat. Den andern Dienern fiel es auf, daß der,<lb n="21"/>der schon 10 Pfund habe, diß auch bekommen solle; der Fürst sagte ihnen aber, dem,<lb n="22"/>der das gut angewandt hat, was ihm anvertraut worden ist, wird noch mehr zugelegt<lb n="23"/>werden – der aber von dem ihm anvertrauten einen schlechten oder gar keinen<lb n="24"/>Gebrauch gemacht hat, macht sich dadurch auch des ihm gegebenen unwürdig –<lb n="25"/>Und izt führt diejenigen vor mich, die mir den Gehorsam aufgesagt haben, daß ich<lb n="26"/>sie zur Strafe ziehe – Wie dieser Fürst, so richtet Gott den Werth der Menschen nach<lb n="27"/>dem treuen Gebrauch der ihnen verliehenen Kräfte, und nach dem Gehorsam gegen<lb n="28"/>die moralischen Geseze, unter denen sie stehen.</p>
<pb n="255" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=274" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Auch hier (Jesus war izt in Jericho etwa 6 Stunden von Jerusalem) zeigten wieder<lb n="2"/>Pharisäer ihre Misbilligung, daß Jesus in dem Hause eines Zöllners einkehrte; er<lb n="3"/>hieß Zachäus; um Jesum, dem Zachäus sich wegen der Menge Menschen nicht<lb n="4"/>nähern konnte, und weil er von Person sehr klein war, zu sehen, war er auf einen<lb n="5"/>Baum gestiegen, und war von der Ehre überrascht, daß Jesus sein Haus zum Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ruhen wählte; Da er denken konnte, welche Begriffe sich Jesus von seinem Charakter<lb n="7"/>aus seinem bisherigen Amte machen würde, und es fühlte, daß er ihm in einem<lb n="8"/>nachtheiligen Lichte erscheinen müste, so machte er Jesum mit der Verbesserung<lb n="9"/>seiner vormahligen Denkungsart bekannt, und sagte ihm: von meinem erworbenen<lb n="10"/>Vermögen gebe ich die Hälfte den Armen, und wen ich übervortheilt habe, dem<lb n="11"/>er[seze] ich den Schaden vierfach – Jesus bezeugte ihm sein Gefallen über diese Rük<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>kehr zur Rechtschaffenheit – und daß seine Absicht auf der Erde sei, die Menschen<lb n="13"/>auf diesen Weg zu führen –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s274-z14" n="14"/>Das Passahfest war izt wieder eingefallen, und die meisten Juden hatten sich des<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wegen schon in Jerusalem eingefunden – Jesus hielt sich noch einige Tage in der<lb n="16"/>Nähe von Jerusalem auf, in einer Stadt Nahmens Ephraim, und besonders zu Be<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s274-z17" n="17" break="no"/>thanien; bei einem Gastmahl, das ihm hier gegeben wurde, war auch ein Frauen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>zimmer, Maria, eine Freundin Jesu zugegen – sie salbte seine Füsse mit einem kost<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>baren Balsam; und troknete sie mit ihren Haaren; ein Apostel Jesu, Judas, der das<lb n="20"/>Geld der Gesellschaft verwaltete, bemerkte darüber, man hätte dise Salbe besser<lb n="21"/>anwenden können, wenn man sie verkauft und das Geld den Armen ausgetheilt<lb n="22"/>hätte. Judas hatte gehoft, diß Geld alsdenn in seinen Beutel zu bekommen, und bei<lb n="23"/>der Vertheilung desselben unter die Arme würde er sich nicht vergessen haben –<lb n="24"/>Jesus gab ihm aber die Weisung, er würde durch seinen Tadel dem Herzen der Maria<lb n="25"/>nicht wehe gethan haben, wenn er den Ausdruk ihrer Freundschaft in ihrer Handlung<lb n="26"/>empfunden hätte – die dem ähnlich seye, wenn man den Todten seine Liebe durch<lb n="27"/>Einbalsamiren zeige – Seine vorgegebene Mildthätigkeit gegen Arme werde er sonst<lb n="28"/>jederzeit Gelegenheit haben, zu zeigen –</p>
<note xml:id="fn-255-1" place="margin" n="" target="#GW01-s274-z14" ana="#j.ohne-teil">Joh. 11,54.</note>
<note xml:id="fn-255-2" place="margin" n="" target="#GW01-s274-z17" ana="#j.ohne-teil">Joh. 12.</note>
<p><lb xml:id="GW01-s274-z29" n="29"/>Indessen hatte der hohe Rath von Jerusalem, der erwartete, Jesus werde, wie jeder<lb n="30"/>Jude, auf das Fest kommen, den Beschluß gefast, Jesum bei dieser Gelegenheit<lb n="31"/>gefangen zu nehmen, und dann es dahin zu bringen, daß er am Leben gestraft würde,</p>
<note xml:id="fn-255-3" place="margin" n="" target="#GW01-s274-z29" ana="#j.ohne-teil">Matth. 26,3.</note>
<pb n="256" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=275" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>das leztere aber ward ausgemacht, bis nach dem Feste zu verschieben; weil sie<lb n="2"/>fürchteten, seine während dieser Zeit anwesende Landsleute, die Galiläer möchten<lb xml:id="GW01-s275-z3" n="3"/>etwa einen Versuch machen, Jesum zu befreien; es wurde daher die Veranstaltung<lb n="4"/>von dem hohen Rath gemacht, daß es ihm sogleich angezeigt würde, wenn Jesus im<lb n="5"/>Tempel bemerkt würde, und diejenigen die diesen Auftrag hatten, waren in den<lb n="6"/>ersten Tagen des Festes verlegen, als sie in diesen Jesum nirgends sahen –</p>
<note xml:id="fn-256-1" place="margin" n="" target="#GW01-s275-z3" ana="#j.ohne-teil">Joh. 11,56.57.</note>
<p><lb n="7"/>Sechs Tage nach jenem Mahle ging Jesus nach Jerusalem selbst; als er die Stadt<lb n="8"/>zu Gesicht bekam, tratten ihm Thränen in die Augen: Ach, sagte er, wenn du es<lb n="9"/>einsähest, was zu deinem Wohl diente! so aber ist es dir verborgen – denn euer Stolz –<lb n="10"/>eure Hartnäkigkeit in euren Vorurtheilen, eure Intoleranz, werden eure Feinde<lb n="11"/>gegen euch reizen, und werden euch umlagern, und an allen Orten ängstigen, bis<lb n="12"/>euer Staat, eure Verfassung – der Gegenstand eures Stolzes, – zernichtet, und ihr<lb n="13"/>unter seinen Ruinen begraben werdet – ohne das Gefühl, ohne den Ruhm zu haben,<lb n="14"/>in einer edlen Vertheidigung einer guten, einer grossen Sache – gestorben zu seyn!</p>
<p><lb n="15"/>Jesus ritt nach Art der Morgenländer auf einem Esel, eine Menge Volkes, die ihn<lb n="16"/>kannte, kam ihm entgegen und begleitete ihn, mit Oehlzweigen in der Hand, und<lb n="17"/>unter den Jubelgesängen desselben zog er in die Stadt –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s275-z18" n="18"/>Jesus blieb nicht in Jerusalem sondern in Bethanien über Nacht, kehrte aber des<lb n="19"/>Morgens dorthin wieder zurük, zeigte sich öffentlich im Tempel, und lehrte – Seine<lb xml:id="GW01-s275-z20" n="20"/>Feinde suchten ihn durch verfängliche Fragen zu veranlassen, eine Blösse zu geben,<lb n="21"/>um theils einen Vorwand, ihn anzuklagen, zu finden, theils ihn bei dem Volk verhast<lb n="22"/>zu machen, wegen dessen sie nicht ruhig waren, besonders hatte der grosse Zulauf<lb n="23"/>bei seiner Ankunft in der Stadt ihre Besorgnisse noch vermehrt – So fragten sie ihn<lb n="24"/>einmal, als er vor einer grossen Menge Zuhörer im Tempel saß, aus welcher Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>macht er diß Amt, öffentlich zu lehren, verrichte – Jesus sagte, laßt mich eine Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>frage an euch thun, die Beweggründe des Johannes öffentlich zu lehren, waren sie<lb n="27"/>Eifer für Wahrheit, und Tugend, oder hatte er selbstsüchtige Absichten dabei? –<lb n="28"/>Diejenigen die ihn gefragt hatten, dachten, antworten wir, das erstere, so fragt uns<lb n="29"/>Jesus wieder, warum habt ihr ihm nicht Gehör gegeben; antworten wir das leztere,<lb n="30"/>so bringen wir das Volk gegen uns auf – sie antworteten also, sie wissen es nicht;</p>
<note xml:id="fn-256-2" place="margin" n="" target="#GW01-s275-z18" ana="#j.ohne-teil">Matth. 21,17.</note>
<note xml:id="fn-256-3" place="margin" n="" target="#GW01-s275-z20" ana="#j.ohne-teil">Luc. 20,</note>
<pb n="257" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=276" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>nun, sagte Jesus, so kan ich euch auch auf eure Frage nicht antworten. Urtheilt aber<lb xml:id="GW01-s276-z2" n="2"/>einmal! Ein Mann, der 2 Söhne hatte, hieß den einen heute in den Weinberg gehen,<lb n="3"/>und arbeiten; dieser gab zur Antwort, er gehe nicht; bereute diß aber hernach und<lb n="4"/>ging; eben diesen Befehl gab der Vater dem zweiten, der gleich Bereitwilligkeit<lb n="5"/>zeigte, und zu gehen versprach, – aber dann doch nicht ging. Welcher hat nun<lb n="6"/>dem Vater Gehorsam bewiesen? – Sie antworteten, der erste. Ebenso, antwortete<lb n="7"/>Jesus, geht es unter euch; Menschen, die im allgemeinen Rufe der sittlichen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>dorbenheit stunden, haben auf die Aufforderung des Johannes der Stimme der<lb n="9"/>Tugend Gehör gegeben, und übertreffen euch izt in guter Gesinnung, euch, die<lb n="10"/>ihr den Namen Gottes immer im Munde führt, und seinem Dienst allein zu leben<lb n="11"/>vorgebt –</p>
<note xml:id="fn-257-1" place="margin" n="" target="#GW01-s276-z2" ana="#j.ohne-teil">Matth. 21,28.</note>
<p><lb n="12"/>Jesus legte ihnen noch eine andre Geschichte vor: Ein Mann legte einen großen<lb n="13"/>Weinberg an, umgab ihn mit Mauern, befestigte ihn und gab ihn Winzern zum<lb n="14"/>bauen, und reiste weg – Zur Herbstzeit, schikte er Leute dahin, um das, was der<lb n="15"/>Weinberg getragen hatte, einzunehmen. Sie wurden aber von den Winzern auf alle<lb n="16"/>mögliche Art mishandelt; ebenso ging es den zweiten, die der Besizer des Gutes<lb n="17"/>schikte – In der Hofnung, sie werden Ehrfurcht vor seinem Sohn haben, schikte er<lb n="18"/>izt diesen; allein die Winzer dachten, dieß sey der Erbe, und durch seinen Tod sezen<lb n="19"/>sie sich in den völligen Besiz des Gutes – Sie ermordeten also auch diesen; Was wird<lb n="20"/>nun der Herr des Weinbergs thun, fragte Jesus die umstehende; diese sagten, er wird<lb n="21"/>die Winzer mit der Strenge, die sie verdienen, strafen, und den Weinberg andern<lb n="22"/>Winzern geben, von denen er die Früchte richtig erhält – So, sagte Jesus, haben die<lb n="23"/>Juden das Glük gehabt, früher als manche andre Nationen würdigere Begriffe von<lb n="24"/>der Gottheit, und von dem zu erlangen, was ihr Wille an die Menschen ist – aber<lb n="25"/>ihr erzeuget nicht die Früchte, die den Menschen in den Augen der Gottheit wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gefällig machen, – darum ist es ein eitler Wahn, euch durch jenen Vorzug allein,<lb n="27"/>Lieblinge der Gottheit zu glauben – und ein Verbrechen, Menschen zu mishandeln,<lb n="28"/>die es fühlen, und es euch sagen, daß es etwas höheres ist, das dem Menschen einen<lb n="29"/>wahren Werth gibt. – Die Mitglieder des hohen Raths, die die Veranlassung zu</p>
<pb n="258" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=277" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>diesem ihnen gemachten Vorwurf gegeben hatten, würden die Hände gleich an<lb n="2"/>Jesum gelegt haben, wenn sie es wegen des Volks gewagt hätten.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s277-z3" n="3"/>Einige griechische Juden, die auch aufs Fest gekommen waren, wünschten Jesum<lb n="4"/>zu sprechen, und wandten sich daher an einige von den Freunden Jesu um sich von<lb n="5"/>Jesu, wie es scheint, eine PrivatUnterredung auszubitten – Jesus bezeugte, wie es<lb n="6"/>scheint, keine Lust dazu, weil er dachte, sie bringen die gewöhnlichen jüdischen<lb n="7"/>Messiasideen mit, und wollten sich ihm, als dem zukünftigen König und Herrscher<lb n="8"/>der Juden, zum voraus empfehlen; in Beziehung hierauf sagte er bei dieser Gelegen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heit zu seinen Jüngern: – Diese Menschen irren sich, wenn sie mir den Ehrgeiz zu<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>trauen, mich zu einem Messias aufwerfen zu wollen, wie sie einen erwarten, wenn sie<lb n="11"/>glauben, ich verlange, daß sie mir dienen sollen, oder ich finde mich dadurch ge<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schmeichelt, wenn sie sich anerbieten, mein Gefolge vermehren zu wollen. Wenn sie<lb n="13"/>dem heiligen Geseze ihrer Vernunft gehorchen, so sind wir Brüder, so sind wir von<lb n="14"/>Einer Gesellschaft – Wenn sie Macht und Ruhm für meinen Zwek halten, so ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kennen sie die erhabene Bestimmung des Menschen, oder glauben ich verkenne sie.<lb n="16"/>Wie ein Saatkorn, das in die Erde gelegt wird, erst abstirbt, daß sein Keim zu einem<lb n="17"/>Halm aufschiesse – so verlange auch ich nicht, die Früchte von dem zu erleben, was<lb n="18"/>der Zwek meiner Arbeit war, – so hat auch mein Geist in der Hülle dieses Körpers<lb n="19"/>seine Bestimmung nicht vollendet – Um dieses Leben zu erhalten, sollte ich dem<lb n="20"/>ungetreu werden, was ich als Pflicht erkenne; ich sehe es mit Betrübnis, wohin die<lb n="21"/>Anschläge der Regenten dieses Volkes gehen, sie wollen mir das Leben nehmen,<lb n="22"/>aber sollte ich darum wünschen, oder Gott bitten: Vater entreisse mich dieser Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>fahr! Nein mein Bestreben, die Menschen zum wahren Dienste der Gottheit, zur<lb n="24"/>Tugend, zu rufen, hat mich in diese Lage gebracht, und ich bin bereit, mich jeder<lb n="25"/>Folge, die daraus entspringen mag, zu unterwerfen – Widerspricht diß wieder euren<lb n="26"/>Erwartungen, daß der Messias, auf den ihr hoft nicht sterben werde – so ist euch das<lb n="27"/>Leben für sich so etwas grosses, und der Tod so etwas fürchterliches, daß ihr diesen<lb n="28"/>an einem Menschen nicht reimen könnt, der eure Achtung verdienen sollte! Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lange ich denn aber Achtung für meine Person? oder Glauben an mich? oder will ich<lb n="30"/>einen Maasstaab, den Werth der Menschen zu schäzen, und sie zu richten, als eine<lb n="31"/>Erfindung von mir euch aufdringen? Nein, Achtung für euch selbst, Glauben an<lb n="32"/>das heilige Gesez eurer Vernunft, und Aufmerksamkeit auf den innern Richter in</p>
<note xml:id="fn-258-1" place="margin" n="" target="#GW01-s277-z3" ana="#j.ohne-teil">Joh. 12,20–</note>
<pb n="259" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=278" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>eurem Busen, auf das Gewissen, einen Maasstab, der auch der Maasstab der Gottheit<lb n="2"/>ist, diß wollte ich in euch erweken –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s278-z3" n="3"/>Es wurden izt wieder von den Pharisäern und Anhängern des Herodischen Hauses,<lb n="4"/>einige an Jesum geschikt, um sich mit ihm in ein Gespräch einzulaßen, in dem sie<lb n="5"/>einen Grund finden könnten, ihn bei der Römischen Obrigkeit anzuklagen – Um<lb n="6"/>einzusehen, wie verfänglich die Frage war, und wie leicht Jesus sich in der Antwort<lb n="7"/>entweder gegen diese Obrigkeit oder gegen die Vorurtheile der Juden hätte ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stoßen können, so muß man sich an die jüdische Denkungsart erinnern, die es ganz<lb n="9"/>unerträglich fand, einem fremden Fürsten Abgaben zu bezahlen, weil sie solche<lb n="10"/>ihrem Gott und seinem Tempel bezahlen wollte – Die an ihn abgeschikten redten<lb n="11"/>ihn also an: Wir wissen Lehrer, daß du in dem, was du sagst, aufrichtig bist, dich an<lb n="12"/>die unverfälschte Wahrheit hältst, und niemand zu gefallen etwas behauptest – Sage<lb n="13"/>uns, ist es recht, daß wir [dem] Römischen Kaiser Auflagen entrichten – Jesus merkte<lb n="14"/>ihre Absicht, und sagte, Ihr Heuchler, was sucht ihr, mir eine Falle zu legen? Zeigt<lb n="15"/>mir einen Denarius – Wessen ist diß Bild, und die Umschrift (Legende)? Sie ant<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>worteten: des Kaisers – Wenn ihr denn dem Kaiser, sagte Jesus, das Recht einräumt,<lb n="17"/>Münzen zu eurem Gebrauch zu prägen, so gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers<lb n="18"/>ist, und eurem Gotte, was zu seinem Dienste erfodert wird – Sie mußten mit dieser<lb n="19"/>Antwort zufrieden seyn, ohne ihm etwas anhaben zu können – Auch die Sadducäer,<lb n="20"/>eine Sekte unter den Juden, die nicht an Unsterblichkeit der Seele glaubte, wollten<lb n="21"/>ihre Einsichten auch gegen Jesum wagen, und sagten ihm daher: Nach unsern Gesezen<lb n="22"/>muß ein Mann, dessen Bruder ohne Kinder stirbt, die hinterlassene Wittwe heu<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>rathen; nun geschah es, daß eine Frau auf diese Art, 7 Brüder nacheinander heurathete,<lb n="24"/>da einer nach dem andern starb, ohne Kinder mit ihr zu erzeugen; wessen sollte<lb n="25"/>nun, wenn die Menschen nach dem Tode fortdauerten, die Frau seyn? Jesus ant<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>wortete auf diesen abgeschmakten Einwurf: in diesem Leben verheurathen sich wohl<lb n="27"/>die Menschen; – aber die Unsterblichen, die izt in die Gesellschaft der reinen Geister<lb n="28"/>getretten sind, werden mit dem Körper solche Bedürfnisse ablegen –</p>
<note xml:id="fn-259-1" place="margin" n="" target="#GW01-s278-z3" ana="#j.ohne-teil">Luc. 20,20</note>
<p><lb n="29"/>Ein Pharisäer, der die guten Antworten Jesu auf die Fragen der andern mit an<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gehört hatte, that, wie es scheint, mit keiner bösen Absicht, auch eine Frage an</p>
<pb n="260" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=279" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Jesum, welches der höchste Grundsaz der Sittenlehre sey, Jesus antwortete ihm: Es<lb n="2"/>ist Ein Gott, und diesen sollt du von ganzem Herzen lieben, und ihm deinen Willen,<lb n="3"/>deine ganze Seele, alle deine Kräfte weihn, diß ist das erste Gebot; das zweite ist<lb n="4"/>diesem an Verbindlichkeit ganz gleich, und lautet so: liebe jeden Menschen, als wenn<lb n="5"/>er du selbst wäre; ein höheres Gebot gibt es nicht – Der Pharisäer bewunderte die<lb n="6"/>Vortreflichkeit dieser Antwort, und erwiederte – Du hast der Wahrheit gemäß<lb n="7"/>geantwortet – Gott seine ganze Seele weihn, und den Nächsten als sich selbst lieben<lb n="8"/>ist mehr als alle Opfer und Raücherungen! Jesum freute die gute Gesinnung des<lb n="9"/>Mannes, und sagte ihm: in dieser Gesinnung bist du nicht weit entfernt, ein Bürger<lb n="10"/>des Reiches Gottes zu seyn, wo nicht durch Opfer oder Abbüssungen, oder Lippen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dienst, oder Entsagung der Vernunft um seine Gunst geworben werden soll –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s279-z12" n="12"/>In einem Theile des Tempels war eine Büchse aufgestellt, wo man die Geschenke<lb n="13"/>für den Tempel einlegte – Jesus beobachtete unter denen, die ihren Beitrag gaben,<lb n="14"/>neben den Reichen, die grosse Summen steuerten, auch eine arme Wittwe, die 2 Heller<lb n="15"/>einlegte – er sagte darüber: Diese hat mehr eingelegt, als alle andern; denn alle haben<lb n="16"/>aus ihrem Überfluß gegeben, diese aber gab in diesem wenigen ihr ganzes Vermögen.</p>
<note xml:id="fn-260-2" place="margin" n="" target="#GW01-s279-z12" ana="#j.ohne-teil">Luc. 21,1–</note>
<p><lb xml:id="GW01-s279-z17" n="17"/>Auf Veranlassung von diesen Versuchen der Pharisäer gegen Jesum nahm er<lb n="18"/>Gelegenheit, das Volk und seine Freunde für den Pharisäern zu warnen – Die Phari<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>säer und Gesezgelehrten haben sich, sagte er, auf den Stuhl des Moses gesezt – die<lb n="20"/>Geseze nun, die sie euch gebieten zu halten, die haltet; aber ihrem Beispiele, ihrer<lb n="21"/>Handlungsweise folget nicht – denn sie handhaben zwar die Geseze des Moses, aber<lb n="22"/>sie selbst halten sie nicht – Ihre Handlungen haben allein den Zwek, sich vor den<lb n="23"/>Menschen einen aüssern Schein der Rechtschaffenheit zu geben –</p>
<note xml:id="fn-260-3" place="margin" n="" target="#GW01-s279-z17" ana="#j.ohne-teil">Matth. 23.</note>
<p><lb n="24"/>Ihr verzehrt das Gut der Wittwen, und thut euch gütlich bei ihnen, unter dem<lb n="25"/>Vorwand, mit ihnen zu beten – Ihr gleicht übertünchten Gräbern, deren aüsseres<lb n="26"/>bemahlt ist, und in deren innerem die Verwesung haust; aüsserlich gebt ihr euch den<lb n="27"/>Schein der Heiligkeit, euer inneres ist Heuchelei, und Ungerechtigkeit – Er faste noch<lb n="28"/>manche Züge zusammen, die er einzeln bei den Gelegenheiten, die sich angebotten<lb n="29"/>hatten, schon an ihnen gerügt hatte.¹</p>
<note xml:id="fn-260-1" n="¹" next="#fn-260-1.t2"><lb n="30"/><seg type="marke">¹</seg><lb n="31" break="no"/>Unter dem herumspazieren in den verschiedenen Theilen des Tempels unterhielten sich<lb n="32"/>die Freunde Jesu über die Schönheit desselben. Jesus sagte dabei – es ahnde ihm, dieser pomp-</note>
<pb n="261" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=280" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb xml:id="GW01-s280-z1" n="1"/>Unter dem herumspazieren in den verschiedenen Theilen des Tempels unter<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>hielten sich die Freunde Jesu über die Pracht desselben. Jesus sagte dabei – es ahnde<lb n="3"/>ihm, dieser pompvolle Gottesdienst, und diese Gebaüde selbst werden ihr Ende<lb n="4"/>erreichen. Den Freunden Jesu war diß sehr aufgefallen, und als sie nachher allein<lb n="5"/>mit ihm auf dem Oelberg, von wo aus sie die Aussicht auf die schönen Tempel<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gebaüde und einen grossen Theil der Stadt hatten, waren, so fragten sie ihn: Wenn<lb n="7"/>wird dieses geschehen, wovon du uns vorhin sprachst? und an welchen Zeichen<lb n="8"/>werden wir die Annäherung der Vollendung des Reichs des Messias erkennen?<lb n="9"/>Jesus antwortete ihnen: Diese Erwartung eines Messias wird meine Landsleute noch<lb n="10"/>in grosse Gefahren stürzen, und verbunden mit ihren übrigen Vorurtheilen und<lb n="11"/>ihrer blinden Hartnäkkigkeit, ihren völligen Untergang graben; diese chimerische<lb n="12"/>Hofnung wird [sie] zum Spiel listiger Betrüger, oder kopfloser Schwärmer machen –<lb n="13"/>Nehmt euch in Acht, daß auch ihr dadurch euch nicht in Irrthum führen last – Oft</p>
<note xml:id="fn-261-1" place="margin" n="" target="#GW01-s280-z1" ana="#j.ohne-teil">Matth. 24.</note>
<note xml:id="fn-260-1.t2" n="" prev="#fn-260-1"><lb n="14"/>volle Gottesdienst, und diese Gebaüde selbst werden ihr Ende erreichen. Den Freunden Jesu<lb n="15"/>war diß sehr aufgefallen, und als sie allein mit ihm auf dem Oelberg waren, so fragten sie ihn:<lb n="16"/>Wenn wird dieses geschehen? und an welchen Zeichen können wir die Vollendung des Reichs<lb n="17"/>des Messias erkennen? Jesus antwortete ihnen: Diese Erwartung eines Messias wird meine<lb n="18"/>Landsleute in grosses Unglük stürzen. Nehmt euch in Acht, daß ihr euch nicht auch dadurch<lb n="19"/>in Irrthum führen last – Oft wird es heißen: hier oder dort ist der erwartete Messias, viele<lb n="20"/>werden sich dafür ausgeben, und Weissagungen verkünden, und Wunder verrichten, last<lb n="21"/>euch dadurch nicht verführen ihnen nachzulaufen, diß wird zu Aufruhren und Zwiespalten<lb n="22"/>Anlaß geben; man wird Parthei nehmen, und in diesem Partheigeist einander haßen, und<lb n="23"/>diesem Eifer für Namen und Worte die heiligsten Pflichten der Menschlichkeit aufzuopfern<lb n="24"/>sich berechtigt glauben. Bleibt ihr in diesen Stürmen ruhig, unverrükt der Tugend getreu,<lb n="25"/>und last euch nicht verführen, Parthei zu nehmen; wenn auch euch ihr Eifer anfällt, und<lb n="26"/>mishandelt; glaubt nicht in solchen Zusammenrottungen oder in Verbindungen, die auf den<lb n="27"/>Namen und Glauben einer Person schwören, den Plan der Gottheit vollendet zu sehen; er<lb n="28"/>schränkt sich nicht auf Ein Volk, Einen Glauben ein, sondern umfast mit unpartheischer Liebe,<lb n="29"/>das ganze menschliche Geschlecht; Dann könnt ihr sagen, er ist vollendet, wenn der Dienst<lb n="30"/>nicht von Namen und Worten sondern der Dienst der Vernunft und der Tugend auf der<lb n="31"/>ganze Erde anerkannt, und geübt wird – Seid immer wachsam, last euch nicht in eine träge<lb n="32"/>Ruhe versinken, durch eine falsche Beruhigung, die sich auf Anhänglichkeit an gewisse<lb n="33"/>Glaubensformeln, auf Lippendienst, und pünktliche Beobachtung der Ceremonien einer<lb n="34"/>Kirche gründet;</note>
<pb n="262" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=281" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>wird es heißen: hier oder dort ist der erwartete Messias, viele werden sich für den<lb n="2"/>Messias ausgeben, unter diesem Titel sich zu Anführern von Empörungen und<lb n="3"/>Haüpter religiöser Sekten aufwerfen, Weissagungen verkünden, und Wunder ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>richten, um wo möglich auch die guten irre zu machen; oft wird es heissen: dort in<lb n="5"/>der Wüste zeigt sich der erwartete Messias, hier in Grüften hält er sich noch ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>borgen – last euch dadurch nicht verführen ihnen nachzulaufen. Solche Anmassun<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gen, und Gerüchte werden zu politischen Aufruhren und Spaltungen des Glaubens<lb n="8"/>Anlaß geben; man wird Parthei nehmen, und in diesem Partheigeist einander haßen<lb n="9"/>und verrathen, und diesem blinden Eifer für Namen und Worte die heiligsten Pflich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ten der Menschlichkeit aufzuopfern sich berechtigt glauben. Zerrüttung des Staats,<lb n="11"/>Auflösung aller Bande der Gesellschaft und der Menschlichkeit, und in ihrem<lb n="12"/>Gefolge Pest, und Hungernoth, wird diß unglükliche Land leicht zur Beute aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wärtiger Feinde machen. Wehe dann den Schwangern und Saüglingen. Last euch<lb n="14"/>in diesen Stürmen nicht verführen, Parthei zu nehmen, viele werden von diesem<lb n="15"/>Schwindelgeiste angestekt, ohne selbst recht zu wissen, wie ihnen geschah, im Wirbel<lb n="16"/>fortgerissen mit jedem Schritte von der Mässigung sich entfernen, und am Ende in<lb n="17"/>die Verbrechen und den Ruin ihrer Parthei sich ohne Möglichkeit der Rükkehr<lb n="18"/>verwikelt sehen – Flieht, flieht vielmehr wenn ihr könnt, diesen Schauplaz der<lb n="19"/>Zerrüttung und Lieblosigkeit – entreist euch allen haüslichen Verhältnissen, zaudert<lb n="20"/>nicht um noch diß oder das zu besorgen, oder zu retten, in jedem Fall bleibt unver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>rükt euren Grundsäzen getreu, ihr Zelotengeist mag euch anfallen und mishandeln,<lb n="22"/>predigt Mässigung und ermahnet zur Liebe und zum Frieden, und interessirt euch<lb n="23"/>für keine dieser religiösen und politischen Partheien – glaubt nicht in solchen<lb n="24"/>Zusammenrottungen oder in Verbindungen, die auf den Namen und Glauben einer<lb n="25"/>Person schwören, den Plan der Gottheit vollendet zu sehen; er schränkt sich nicht<lb n="26"/>auf Ein Volk, Einen Glauben ein, sondern umfast mit unpartheischer Liebe, das<lb n="27"/>ganze menschliche Geschlecht; Dann könnt ihr sagen, er ist vollendet, wenn der<lb n="28"/>Dienst nicht von Namen und Worten sondern der Dienst der Vernunft und der<lb n="29"/>Tugend auf der ganze Erde anerkannt, und geübt wird – die feste Hinsicht auf diese<lb n="30"/>Hofnung der Menschheit, nicht die eitle Nationalhofnung der Juden, wird euch</p>
<pb n="263" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=282" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>frei von Sektengeist sowohl als immer aufrecht und muthvoll erhalten. Unter diesen<lb n="2"/>Spaltungen gründe sich eure Ruhe, euer Muth auf unverfälschte Tugend, seid<lb n="3"/>wachsam daß nicht eine falsche, träge Beruhigung sich in euer Herz einschleiche,<lb n="4"/>die sich auf Anhänglichkeit an Glaubensformeln, auf Lippendienst, und pünktliche<lb xml:id="GW01-s282-z5" n="5"/>Beobachtung der Ceremonien einer Kirche gründet; Es würde dem ähnlich seyn,<lb n="6"/>wie wenn 10 Jungfrauen den Braütigam mit Lampen erwarten, der die Braut<lb n="7"/>heimführt; wovon 5 sich klüglich mit Oel versahen, 5 aber thörigt diß vernach<pc force="weak">-</pc><lb n="8"/>lässigten; nach langem Warten kommt endlich, spät in der Nacht der Braütigam,<lb n="9"/>sie wollen ihm entgegen; die 5, die kein Oel hatten, – wollten in der Eile fort,<lb n="10"/>um sich noch zu kaufen, – die andern konnten ihnen nicht leihen, weil sie gerade<lb n="11"/>für sich genug hatten, in ihrer Abwesenheit kommt indeß der Braütigam an, die<lb n="12"/>5 klugen begleiteten ihn ins Haus zum Hochzeitsmahle, die andern, die auf die<lb n="13"/>Einladung sich verliessen, aber von ihrer Seite an dem wesentlichen es fehlen liessen,<lb n="14"/>aber wurden ausgeschloßen – So glaubet auch ihr es nicht hinreichend, einen Glauben<lb n="15"/>ergriffen zu haben, wenn ihr es am nothwendigsten, an der Übung der Tugend fehlen<lb n="16"/>last, und dann etwa in der Noth oder beim Herannahen des Todes noch geschwind<lb n="17"/>einige gute Grundsäze zusammenraffen, oder mit fremdem Verdienst, woran jeder<lb n="18"/>für sich genug hat, und andern nichts zukommen lassen kan, euch auszuschmüken<lb n="19"/>gedächtet – ihr würdet mit eurem Kirchenglauben allein, und der Vertröstung auf<lb n="20"/>fremdes Verdienst vor dem heiligen Richter der Welt nicht bestehen. Ich vergleiche<lb n="21"/>sein Gericht mit dem Gerichte eines Königes, der seine Völker versammelt, und wie<lb n="22"/>ein Hirte die Böke von den Lämmern, die Guten von den Bösen sondert; zu jenen<lb n="23"/>spricht er, nähert euch mir, ihr meine Freunde, geniesset des Glüks, dessen ihr euch<lb n="24"/>würdig gemacht habt; denn ich hungerte und ihr gabt mir zu essen, ich litt Durst,<lb n="25"/>und ihr tränktet mich; wenn ich als fremder unter euch war, so nahmt ihr mich auf;<lb n="26"/>wenn ich nakt war, kleidetet ihr mich, wenn ich krank war, pflegtet ihr mich, im<lb n="27"/>Gefängnis besuchtet ihr mich – Sie werden voll Verwunderung fragen: Herr wann<lb n="28"/>sahen wir dich hungrig, oder durstig, daß wir dich gesättigt hätten, oder nakt oder</p>
<note xml:id="fn-263-1" place="margin" n="" target="#GW01-s282-z5" ana="#j.ohne-teil">Matth. 25.</note>
<pb n="264" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=283" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>als einen fremden, oder krank oder im Gefängnis, daß wir dich bekleidet, auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>genommen oder besucht hätten? Der König aber antwortet ihnen: Was ihr einem<lb n="3"/>der geringsten meiner und eurer Brüder thatet, das belohne ich, als mir erwiesen –<lb n="4"/>Zu den andern aber wird er sprechen, entfernt euch und empfangt den Lohn eurer<lb n="5"/>Thaten, wenn ich hungerte oder dürstete, speistet, tränktet [ihr] mich nicht, wenn<lb n="6"/>ich nakt, oder krank oder im Gefängnis war, nahmt ihr euch meiner nicht an; diese<lb n="7"/>werden ihn auch fragen, wo sahen wir dich hungrig oder durstig, oder nakt oder<lb n="8"/>krank oder im Gefängnis, daß wir dir einen Dienst hätten erweisen können; der<lb n="9"/>König wird ihnen die gleiche Antwort geben; was ihr dem geringsten nicht gethan<lb n="10"/>habt, das vergelte ich, als hättet ihr es mir nicht gethan – So spricht auch der Richter<lb n="11"/>der Welt das Urtheil der Verwerfung denen, die die Gottheit nur mit den Lippen<lb n="12"/>und andächtigen Minen, nicht in ihrem Bilde, in der Menschheit ehren.</p>
<p><lb n="13"/>Des Tags über pflegte Jesus sich in den Gebaüden und Höfen des Tempels, und<lb n="14"/>des Nachts ausserhalb der Stadt bei dem OlivenBerge aufzuhalten. Der hohe Rath<lb n="15"/>wagte es nicht, seinen Schluß Jesum gefangen zu nehmen öffentlich auszuführen,<lb n="16"/>nichts kam ihnen daher erwünschter, als das Anerbieten des Judas, eines der 12 ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>trautern Freunde Jesu, ihnen für eine Summe Gelds den Nachtaufenthalt Jesu zu<lb n="18"/>verrathen, und ihnen behülflich zu seyn, ihn da heimlich gefangen zu nehmen –<lb n="19"/>Habsucht scheint die Hauptleidenschaft des Judas gewesen zu seyn, die durch seinen<lb n="20"/>Umgang mit Jesu nicht einer bessern Gesinnung Plaz gemacht hatte, und die wohl<lb n="21"/>sein ursprünglicher Grund, Jesu Anhänger zu werden gewesen seyn mochte, indem<lb n="22"/>er sie befriedigen zu können hofte, wenn Jesus sein MessiasReich aufgerichtet haben<lb n="23"/>würde – da Judas anzusehen anfing, daß ein solches Reich nicht der Zwek Jesu sey,<lb n="24"/>und daß er sich in seiner Hofnung betrogen habe, so suchte er aus seiner Freundschaft<lb n="25"/>mit Jesu durch Verrätherei an derselben noch den gröstmöglichsten Nuzen zu ziehen.</p>
<p><lb n="26"/>Jesus lies nach Gewohnheit der Juden, in Jerusalem ein Passahmahl, wobei ein<lb n="27"/>Schaaf das vorzüglichste Gerichte war, zubereiten; es war der lezte Abend, den er mit</p>
<pb n="265" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=284" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>seinen Freunden zubrachte – er widmete ihn denselben ganz, um einen tiefen Eindruk<lb n="2"/>von demselben in ihnen zu hinterlassen –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s284-z3" n="3"/>Bei dem Anfang des Essens stund Jesus noch einmal auf, legte seine Oberkleider<lb n="4"/>ab, schürzte sich auf, nahm ein Leintuch, und wusch seinen Freunden die Füße (eine<lb n="5"/>Verrichtung die gewöhnlich von Dienstboten geschah) – Petrus wollte diß nicht<lb n="6"/>geschehen lassen; Jesus sagte ihm, er werde den Grund davon gleich erfahren; als<lb n="7"/>er mit allen fertig war, so sagte er: ihr seht, was ich that; ich, den ihr euren Lehrer<lb n="8"/>nennt, habe euch die Füsse gewaschen; ich wollte euch damit ein Beispiel geben,<lb xml:id="GW01-s284-z9" n="9"/>wie ihr euch gegeneinander betragen sollt – Fürsten lieben die Herrschaft, und lassen<lb n="10"/>sich dafür Wohlthäter des menschlichen Geschlechts nennen – ihr nicht also, keiner<lb n="11"/>erhebe sich über den andern, nehme sich etwas heraus über ihn, sondern als Freunde,<lb n="12"/>sei jeder gefällig und dienstfertig, und mache seine Dienste nicht als eine Wohlthat,<lb n="13"/>oder als eine Herablassung – gegen andere gelten – Ihr wißt diß, wohl euch, wenn ihr<lb n="14"/>es auch thut – ich spreche dabei nicht von euch allen, denn ich kan hier das anwenden,<lb n="15"/>was er irgend heist: einer der mit mir Brod ißt, stoßt seinen Fuß gegen mich – denn<lb n="16"/>einer unter euch wird mich verrathen, dieser Gedanke machte Jesum traurig, und<lb n="17"/>ebenso seine Freunde verlegen, Johannes der Jesu zunächst lag, fragte ihn leise, wel<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>cher es doch sei? Jesus sagte ihm, dem ich dieses Stük Brod gebe, der ists, – und reichte<lb n="19"/>es dem Judas dar, mit den Worten: was du thun willt, das thue bald – Von den<lb n="20"/>übrigen verstund keiner, was diß sagen wollte, sie meinten es betreffe sonst einen<lb n="21"/>Auftrag, weil Judas die Kasse der Gesellschaft verwaltete – Judas vielleicht in der<lb n="22"/>Furcht von Jesu noch öffentlich beschämt zu werden, weil er sahe, daß sein Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>haben Jesu nicht unbekannt sei – oder durch längere Gegenwart in seinem Vorsaz<lb n="24"/>wankend gemacht zu werden, verließ eilig die Gesellschaft.</p>
<note xml:id="fn-265-1" place="margin" n="" target="#GW01-s284-z3" ana="#j.ohne-teil">Joh. 13.</note>
<note xml:id="fn-265-2" place="margin" n="" target="#GW01-s284-z9" ana="#j.ohne-teil">Luc. 22,25.</note>
<p><lb n="25"/>Jesus sprach izt weiter: Euer Freund, meine Lieben, hat bald seine Bestimmung<lb n="26"/>vollendet – ihn nimmt der Vater der Menschen, in die Wohnungen seiner Seeligkeit<lb n="27"/>auf; nicht lange mehr so werde ich euch entrissen werden. Als Vermächtnis an euch<lb n="28"/>hinterlasse ich euch das Gebot, euch untereinander zu lieben, und das Beispiel meiner<lb n="29"/>Liebe zu euch – nur durch diese gegenseitige Liebe sollt ihr euch als meine Freunde<lb n="30"/>auszeichnen – Petrus fragte Jesum, wo gedenkst du denn hinzugehen, daß du uns<lb n="31"/>verlassen willt – Auf dem Weg, den ich gehe, sagte Jesus, kannst du mich nicht be-</p>
<pb n="266" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=285" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>gleiten – Warum, antwortete [Petrus,] sollte ich dir nicht folgen können? ich bin<lb n="2"/>bereit, es mit Gefahr meines Lebens zu thun! – Dein Leben willt du mir aufopfern?<lb n="3"/>sagte Jesus, ich kenne dich zu gut, daß du dafür noch nicht Stärke genug hast – eh<lb n="4"/>es wieder Morgen wird, kannst du darüber auf die Probe gesezt werden. Werdet<lb n="5"/>nicht bestürzt darüber, daß ich von euch getrennt werde – ehret den Geist¹, der in<lb n="6"/>euch wohnt, hört auf seine unverfälschte Stimme, so sind zwar unsere Personen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schieden und getrennt, aber unser Wesen ist eins – und wir sind einander nicht fern.<lb n="8"/>Bisher war ich euer Lehrer, und meine Gegenwart leitete eure Handlungen; da ich<lb n="9"/>euch verlasse, so lasse ich euch nicht als Waisen zurük; ich hinterlasse euch einen<lb n="10"/>Führer in euch selbst; den Saamen des Guten, den die Vernunft in euch legte, hab’<lb n="11"/>ich in euch aufgewekt, und das Andenken an meine Lehren, und an meine Liebe zu<lb n="12"/>euch [wird] diesen Geist der Wahrheit und der Tugend in euch aufrecht erhalten,<lb n="13"/>dem die Menschen nur deswegen nicht huldigen, weil sie ihn nicht kennen, und nicht<lb n="14"/>in sich selbst suchen – ihr seid Männer geworden, die ohne fremdes Gängelband sich<lb n="15"/>endlich selbst anzuvertrauen sind – wenn auch ich nicht mehr bei euch bin, so sei<lb n="16"/>von nun eure entwikelte Sittlichkeit euer Wegweiser; Ehret mein Andenken, meine<lb n="17"/>Liebe zu euch dadurch, daß ihr den Weg der Rechtschaffenheit verfolgt, auf den ich<lb n="18"/>euch geleitet habe – der heilige Geist der Tugend wird euch vor Fehltritten be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wahren – euch noch vollständiger das lehren, für was ihr izt noch nicht empfänglich<lb n="20"/>wart, und euch Vieles ins Gedächtnis zurükrufen, und ihm Bedeutung geben, was<lb n="21"/>ihr noch nicht verstundet. Ich hinterlasse euch meinen Seegen, nicht den Gruß, der<lb n="22"/>bedeutungslos gegeben wird, sondern der reich an Früchten des Guten sei – Daß ich<lb n="23"/>euch verlasse, ist selbst für euch besser, denn nur durch eigne Erfahrung und Übung<lb n="24"/>werdet ihr Selbstständigkeit bekommen, und lernen euch selbst zu führen – daß ich<lb n="25"/>von euch gehe, soll euch nicht mit Betrübnis sondern mit Freude erfüllen, denn ich<lb n="26"/>trette eine höhere Laufbahn in bessern Welten an, wo der Geist schrankenloser sich<lb n="27"/>zum Urquell alles Guten emporschwingt, und in seine Heimath, in das Reich der<lb n="28"/>Unendlichkeit, eintritt.</p>
<p><lb n="29"/>Mit Verlangen habe ich dem Genuß dieses Mahles in eurer Gesellschaft entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gesehen – laßt die Speisen und den Becher herumgehen – last uns hier den Bund<lb n="31"/>der Freundschaft erneuern – und dann theilte er nach der Sitte der Morgenländer</p>
<note xml:id="fn-266-1" type="rand" n="¹"><lb n="32"/><seg type="marke">¹ </seg>durch ihn lernt ihr den Willen der Gottheit kennen, durch ihn seid ihr mit ihr<lb n="33"/>verwandt, ihres Geschlechtes, nur in ihm ist euch der Weg zu ihr und zur Wahrheit auf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>geschlossen</note>
<pb n="267" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=286" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>– wie noch heutigstags bei den Arabern durchs Essen vom gleichem Brod, und Trinken<lb n="2"/>aus demselben Kelche unverbrüchliche Freundschaft gestiftet wird – einem jeden<lb n="3"/>Brod aus, und nach dem Essen lies er ebenso den Kelch umhergehen, und sagte<lb n="4"/>dabei – Wenn ihr so in freundschaftlichem Kraise zusammenspeist, so errinnert euch<lb n="5"/>auch eures alten Freundes und Lehrers, und wie euch das Passah ein Bild des Passah<lb n="6"/>war, das eure Väter in Egypten assen, und das Blut eine Errinnerung des Opferbluts<lb n="7"/>bei dem Bunde, wodurch Moses 2 B. 24,8. einen Bund zwischen Jehova und seinem<lb n="8"/>Volke stiftete, so gedenkt in Zukunft bei dem Brode an seinen Leib, den er auf<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>opferte, und bei dem Becher Weins, an sein vergossenes Blut! behaltet mich in<lb n="10"/>eurem Angedenken, der sein Leben für euch hingab – und mein Andenken, mein<lb n="11"/>Beispiel sei euch ein kräftiges Stärkungsmittel zur Tugend. Ich sehe euch um mich,<lb n="12"/>wie die Schosse eines Weinstoks, die von ihm genährt Früchte trugen, und izt bald,<lb n="13"/>von ihm abgenommen, durch eigne Lebenskraft das Gute zur Reife bringen – Liebt<lb n="14"/>einander, liebt alle Menschen, wie ich euch liebte; daß ich mein Leben zum [Wohle]<lb n="15"/>meiner Freunde hingebe, ist der Beweis meiner Liebe – Ich nenne euch nicht mehr<lb n="16"/>Schüler oder Zöglinge, diese folgen dem Willen ihrer Erzieher, ohne oft den Grund<lb n="17"/>zu wissen, warum sie so handeln müssen, ihr seid zur Selbstständigkeit des Mannes,<lb n="18"/>zur Freiheit eigenes Willens erwachsen, aus eigner Tugendkraft werdet ihr Früchte<lb n="19"/>tragen, wenn schon der Geist der Liebe, die Kraft, die euch und mich begeistert,<lb n="20"/>dieselbe ist.</p>
<p><lb n="21"/>Wenn man euch verfolgt und mishandelt, so errinnert euch an mein Beispiel, daß<lb n="22"/>es mir und tausenden nicht besser gegangen ist. Würdet ihr euch auf die Seite der<lb n="23"/>herrschenden Laster und Vorurtheile schlagen, so würdet ihr Freunde genug finden,<lb n="24"/>so aber wird man euch hassen, weil ihr Freunde des Guten seid; das Leben eines<lb n="25"/>Rechtschaffenen ist ein beständiger Vorwurf für den Bösen, der diß fühlt, und da<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>durch erbittert wird, und wenn ihm kein Vorwand übrig bleibt, den Guten, vor<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>urtheilfreien Mann zu verfolgen, so wird er die Sache der Vorurtheile, der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>drükkung und des Lasters zur Sache Gottes machen, und sich und die Menschen<lb n="29"/>überreden, er thue mit dem Haß des Guten der Gottheit einen Dienst. Aber der<lb n="30"/>Geist der Tugend wird, wie ein Strahl aus bessern Welten, euch beseelen, und euch</p>
<pb n="268" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=287" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>über die kleinlichte und lasterhafte Zweke der Menschen erheben. Ich spreche euch<lb n="2"/>zum voraus hievon, damit es euch nicht unerwartet kommt. Wie die Angst der<lb n="3"/>Gebährerin in Freüde verwandelt wird, wenn sie einen Menschen in die Welt<lb n="4"/>gebohren hat, so wird der Kummer, der eurer wartet, einst in Seeligkeit über<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gehen.</p>
<p><lb n="6"/>Dann erhub Jesus seine Augen gen Himmel; mein Vater, sagte er, meine Stunde<lb n="7"/>ist gekommen, – die Stunde, den Geist, dessen Ursprung deine Unendlichkeit ist,<lb n="8"/>in seiner Würde zu zeigen, – und heimzukehren zu dir! seine Bestimmung ist die<lb n="9"/>Ewigkeit, und Erhebung über alles, was Anfang und Ende hat, über alles, was end<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lich ist – Meine Bestimmung auf Erden, dich Vater, und die Verwandschaft meines<lb n="11"/>Geistes mit dir zu erkennen, und durch Treue gegen dieselbe mich zu ehren, und die<lb n="12"/>Menschen durch das erwachte Bewustseyn dieser Würde zu veredeln – diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stimmung auf Erden habe ich vollendet – Die Liebe zu dir hat mir Freunde zugeführt,<lb n="14"/>welche es einsehen gelernt haben, daß ich nicht etwas fremdes oder willkührliches<lb n="15"/>den Menschen aufdringen wollte, sondern daß es dein Gesez ist, was ich sie lehrte,<lb n="16"/>das still nur verkannt von den Menschen in aller Busen wohnt. Nicht durch etwas<lb n="17"/>eigenthümliches oder auszeichnendes mir Ehre zu erwerben, sondern die verlohrne<lb n="18"/>Achtung gegen die weggeworfne Menschheit wiederherzustellen, war meine Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sicht – und der allgemeine Charakter vernünftiger Wesen, die Anlage zur Tugend,<lb n="20"/>die allen zu theil geworden ist – mein Stolz – Vollkommenster, bewahre sie, daß<lb n="21"/>nur Liebe zum Guten das höchste Gesez in ihnen sei, das sie beherrsche, so sind sie<lb n="22"/>Eins, so bleiben sie vereinigt mit dir und mit mir. Ich gehe zu dir, und richte diß<lb n="23"/>Gebet an dich, daß die freudige Stimmung, die mich belebt, auch sie durchströme;<lb n="24"/>ich habe sie mit deiner Offenbahrung bekannt gemacht, und weil sie sie ergriffen<lb n="25"/>haben, so hast die Welt [sie], wie mich, der ich ihr gehorche – ich bitte dich nicht,<lb n="26"/>daß du sie von der Welt nehmest – eine Bitte dieser Art kan nicht vor deinen Thron<lb n="27"/>gebracht werden – aber heilige sie durch deine Wahrheit, – nur aus deinem Geseze<lb n="28"/>strahlet sie. Deinen hohen Ruf, die Menschen zur Tugend zu bilden, dem ich folgte,<lb n="29"/>habe ich in ihre Hände niedergelegt; mögen sie auch in ihrem Theil ihn vollenden,<lb n="30"/>und Freunde erziehen, die vor keinem Gözen mehr die Kniee beugen, keine Worte,<lb n="31"/>keinen Glauben zum Bande ihrer Vereinigung machen, als die Tugend, und An<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>näherung zu dir, dem Heiligen! –</p>
<pb n="269" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=288" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb xml:id="GW01-s288-z1" n="1"/>Nach diesen Gesprächen stund die Gesellschaft auf, verlies Jerusalem (die Nacht<lb xml:id="GW01-s288-z2" n="2"/>war izt angebrochen) wie gewöhnlich, ging über den Bach Kedron, nach einem<lb n="3"/>Meyerhofe, Namens Gethsemane, in der Gegend des Oelbergs. Dieser Ort des nächt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lichen Aufenthalts Jesu war auch dem Judas bekannt, weil er oft mit Jesu dort ge<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wesen war – Er hieß seine Jünger beisammen bleiben, und er selbst ging mit dreyen<lb n="6"/>an einen abgelegenern Ort, um sich seinen Gedanken zu überlassen – Hier tratt die<lb n="7"/>Natur auf einige Zeit in ihre Rechte ein, der Gedanke der Verrätherei seines Freundes,<lb n="8"/>der Ungerechtigkeit seiner Feinde, und der Härte seines bevorstehenden Schiksals<lb n="9"/>bemächtigte sich des Jesus hier in der Einsamkeit der Nacht, erschütterte ihn, und<lb n="10"/>erfüllte ihn mit Angst – er bat seine Jünger bei ihm zu bleiben und mit ihm zu wachen<lb n="11"/>– ging unruhig hin und her, sprach bald einiges mit ihnen, ermunterte sie wieder,<lb n="12"/>wenn sie in Schlaf gefallen waren, ging von Zeit zu Zeit auf die Seite und betete<lb n="13"/>einigemal: Mein Vater, laß wenn es möglich sei, den bittern Kelch des Leidens, der<lb n="14"/>mir bevorsteht, bei mir vorübergehen! doch nicht mein Wille, sondern dein Wille<lb n="15"/>geschehe – wenn es nicht seyn soll daß ich dieser Stunde überhoben sei, so ergebe<lb n="16"/>ich mich in deinen Willen – Der Schweiß lief ihm in grossen Tropfen herunter – Als er<lb n="17"/>wieder einmal bei seinen Jüngern stand, und ihnen zuredete, zu wachen, so vernahm<lb n="18"/>er das kommen von Menschen; wachet auf, last uns gehen, rief er zu seinen Jüngern,<lb n="19"/>mein Verräther nahet!</p>
<note xml:id="fn-269-1" place="margin" n="" target="#GW01-s288-z1" ana="#j.ohne-teil">Luc. 22,39</note>
<note xml:id="fn-269-2" place="margin" n="" target="#GW01-s288-z2" ana="#j.ohne-teil">c. l. parall.</note>
<p><lb n="20"/>Judas näherte sich izt mit bewaffneten, und Fakeln; Jesus hatte wieder seine Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>haftigkeit gesammelt, ging ihnen entgegen, wen suchet ihr, fragte er, sie sagten,<lb n="22"/>Jesum den Nazaräer; ich bins, antwortete Jesus; sie waren verlegen, ob sie am rechten<lb n="23"/>seyen – er fragte sie noch einmal, und erwiederte das gleiche mit dem Zusaz, wenn<lb n="24"/>ihr mich sucht, so last diese meine Freunde, verschont – Izt nahte sich Judas, und gab<lb n="25"/>seinen Begleitern das Zeichen, das er mit ihnen verabredet hatte, um ihnen Jesum<lb n="26"/>kenntlich zu machen – er sagte nemlich: Sey gegrüst, Lehrer; und umarmte ihn<lb n="27"/>dabei; Jesus erwiederte noch: Freund, mit einem Kuße verräthst du mich? ward<lb n="28"/>dann von den Soldaten ergriffen; als Petrus diß sah, zog er sein Schwert, schlug dar<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ein, und hieb einem Knechte des Hohenpriesters das Ohr ab; Jesus verwieß ihn zur</p>
<pb n="270" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=289" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Ruhe, laß das, und ehre das Schiksal, das die Gottheit mir bestimmt – Die übrigen<lb n="2"/>Freunde Jesu flohen, und zerstreuten sich – als sie sahen, daß die Schaar sich Jesu<lb n="3"/>bemächtigt und ihn gebunden hatte, und izt wegführte; ausser ein Jüngling vom<lb n="4"/>Schlaf aufgeschrekt, der in der Eile nichts als einen Mantel um sich geworfen hatte,<lb n="5"/>wollte Jesu folgen, wurde aber von den Soldaten ergriffen, und rettete sich da<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>durch, daß er ihnen entschlüpfte, und den Mantel in den Händen ließ. Im Gehen<lb n="7"/>sagte Jesus zu seinen Führern, ihr kommt zu mir gewafnet, mich wie einen Raüber<lb n="8"/>zu pakken – und doch saß ich alle Tage unter euch öffentlich im Tempel, und ihr<lb n="9"/>ergrift mich nicht – Aber die Mitternacht ist eure Stunde, und die Finsterniß euer<lb n="10"/>Element.</p>
<p><lb n="11"/>Jesus wurde zuerst zu Hannas, dem alten Hohepriester und Schwiegervater des<lb n="12"/>Kaiphas, und dann zu dem leztern, der dieses Jahr Hohepriester war, geführt, wo<lb n="13"/>der ganze hohe Rath von Jerusalem versammelt den Gefangenen erwartete, und wo<lb n="14"/>Kaïphas die Maxime eingeschärft hatte, Einen zum Besten des ganzen Volks auf<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zuopfern sei Pflicht. Petrus war nur von ferne den Häschern gefolgt, und hätte es<lb n="16"/>nicht gewagt, in den Pallast selbst einzutretten, wenn nicht Johannes, der mit dem<lb n="17"/>Hohepriester wohl bekannt war, und freien Zutritt in seinem Hause hatte, der Thür<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>hüterin gesagt hätte, den Petrus auch einzulassen; diese machte die Anmerkung gegen<lb n="19"/>den leztern: bist du nicht auch einer von den Anhängern dieses Mannes? Petrus<lb n="20"/>leugnete diß geradezu und stellte sich an das Kohlfeuer unter die Gerichtsdiener und<lb n="21"/>Knechte, um sich da, wie sie, zu wärmen.</p>
<p><lb n="22"/>Der Hohepriester, vor dem izt Jesus stand, that verschiedene Fragen an ihn, die<lb n="23"/>seine Lehre, und seine Schüler betrafen. Jesus antwortete hierauf, Ich habe frei und<lb n="24"/>öffentlich vor jedermann geredt, ich habe im Tempel, und in den Synagogen gelehrt,<lb n="25"/>wo die Juden alle hinzugehen pflegen, ich habe keine geheime Lehren; warum fragst<lb n="26"/>du also mich? frage die, die mich gehört haben, um was ich lehrte, es werden alle<lb n="27"/>es dir sagen können. Einem der Häscher schien diese Antwort Jesu gegen den Hohe<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>priester unbescheiden – so antwortest du dem Hohepriester! sagte er, und gab ihm<lb n="29"/>einen Schlag. Jesus sagte mit ruhiger Fassung zu ihm: habe ich nicht recht geant<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>wortet, so sage mir den Fehler; habe ich aber gut geantwortet, warum schlägst du</p>
<pb n="271" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=290" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>mich –?¹ Viele Zeugen waren aufgebotten worden, um Aussagen gegen Jesum vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>zubringen, aber die Priester konnten keinen Gebrauch davon machen, theils weil sie<lb n="3"/>nicht entscheidend genug waren, theils nicht übereinstimmten. Endlich tratten einige<lb n="4"/>auf, die aussagten, sie haben ihn unehrerbietig vom Tempel sprechen gehört, aber<lb n="5"/>auch diese stimmten in den nähern Ausdrükken nicht miteinander – Jesus schwieg<lb n="6"/>zu allem still; endlich tratt der Oberpriester ungeduldig hervor, Antwortest du zu<lb n="7"/>allen diesen Anklagen nichts? so beschwöre ich dich bei dem lebendigen Gott, uns<lb n="8"/>zu sagen – ob du ein Geweihter, ein Sohn der Gottheit bist. Ja, ich bin es, antwortete<lb n="9"/>Jesus, und diesen verachteten Menschen, der der Gottheit und der Tugend geheiligt<lb n="10"/>war, werdet ihr einst mit Herrlichkeit bekleidet und über die Sterne erhaben er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bliken – Der hohe Priester zerriß sein Kleid, und rief: er hat Gott gelästert, was<lb n="12"/>brauchen wir anderer Zeugnisse, ihr habt sein eigenes gehört – was ist eure Meinung?<lb n="13"/>Er hat des Todes sich schuldig gemacht, war ihr Urtheil. Dieser Ausspruch war für<lb n="14"/>die Häscher ein Signal zu Mishandlungen und Verhöhnungen Jesu, der izt in ihren<lb n="15"/>Händen blieb, da der hohe Rath izt auf einige Stunden auseinanderging, um früh<lb xml:id="GW01-s290-z16" n="16"/>morgens sich wieder zu versammeln. Petrus hatte indessen immer bei dem Feuer<lb n="17"/>gestanden, und noch eine andere Weibsperson, die auch in Diensten des Hohen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>priesters stand, erkannte den Petrus, und sagte zu den Umstehenden, gewiß dieser ist<lb n="19"/>auch einer der Begleiter des Gefangenen; Petrus antwortete wieder mit einem un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bedingten Nein! – aber ein Knecht des Hohepriesters, ein Anverwandter dessen, den<lb n="21"/>Petrus einige Stunden vorher verwundet hatte, sagte, habe ich dich nicht bei Jesu<lb n="22"/>in dem Meyerhofe gesehen? Auch die übrigen stimmten ein, auch seine Mundart<lb n="23"/>verrate ihn, daß er aus Galiläa sei – Bei so vielen Umständen, die gegen ihn zeugten,<lb n="24"/>vergaß sich Petrus in der Verlegenheit und Angst so weit, daß er es hoch be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>theuerte, und beschwur, daß er nichts begreife, was sie wollen; daß er den Menschen,<lb n="26"/>für dessen Freund sie ihn ansehen, ganz und gar nicht kenne. Indessen fingen die<lb n="27"/>Hähne an, den werdenden Morgen anzukündigen, und gerade, unter diesen</p>
<note xml:id="fn-271-2" place="margin" n="" target="#GW01-s290-z16" ana="#j.ohne-teil">Marc.</note>
<note xml:id="fn-271-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Nach Joh. 18,24. schiene diß in dem Pallast des Hannas vorgefallen zu seyn<lb n="29"/>– war aber bei Kaiphas der Rath versammelt, und geschah dort das eigentliche Verhör, so<lb n="30"/>stimmte der Ort, wo Petrus Jesum verleugnete nicht zusammen – bei Kaiphas allein es heist<lb n="31"/>überall ἀρχ. im plural.</note>
<pb n="272" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=291" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Betheurungen wurde Jesus an ihm vorbeigeführt, der sich gegen ihn zu wandte,<lb n="2"/>und einen Blik auf ihn warf – Petrus fühlte diesen tief, fühlte izt das Verächtliche<lb n="3"/>seines Betragens, fühlte es, wie sehr Jesus in der Abendunterredung berechtigt<lb n="4"/>gewesen war, zu zweifeln, ob die Standhaftigkeit, deren sich Petrus so sehr ge<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>rühmt hatte, die Probe aushalten würde – entfernte sich eilig, und vergoß bittere<lb n="6"/>Thränen der Selbstbeschämung und Reue.</p>
<p><lb n="7"/>Die wenigen übrigen Stunden der Nacht verflossen, und der hohe Rath hatte sich<lb n="8"/>wieder versammelt, und da dieser ihn für des Todes schuldig erkannte, aber das<lb n="9"/>Recht nicht mehr hatte ein solches Urtheil zu fällen und vollziehen, so verfügte sich<lb n="10"/>die Versammlung gleich des Morgens mit Jesu zu Pilatus, dem Römischen Stadt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>halter dieser Provinz, um demselben Jesum zu übergeben, und dadurch es unmöglich<lb n="12"/>zu machen, daß nicht zu Gunsten Jesu unter dem Volke [Unruhe] entstünde; wenn<lb n="13"/>er noch in ihren Händen wäre.</p>
<p><lb n="14"/>Als izt Judas der Verräther sah, daß es mit Jesu soweit ging, daß er zum Tode<lb n="15"/>verurtheilt worden war, so reute ihn seine That – er brachte das Geld, (30 Silberlinge)<lb n="16"/>den Priester wieder zurük, und sagte, ich habe unrecht gethan, euch einen unschul<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>digen in die Hände zu liefern; man antwortete ihm aber, diß seye seine Sache, sie<lb n="18"/>gehe seine That nichts an; Judas warf das Geld in die TempelBüchse, und erhenkte<lb n="19"/>sich – Die Prister hatten nun GewissensScrupel darüber, diß Geld, weil es Blutgeld<lb n="20"/>sei, zu dem Gelde des Tempels zu fügen, und kauften einen Aker dafür, den sie zum<lb n="21"/>Begräbnisplaze für Fremde bestimmten –</p>
<p><lb n="22"/>Sie gingen nicht in den Pallast selbst hinein, weil diß noch ein Tag des Festes war,<lb n="23"/>um sich nicht zu verunreinigen. Pilatus kam heraus in den Vorhof und fragte sie:<lb n="24"/>Welcher Verbrechen klagt ihr diesen Menschen an, daß ihr seine Verurtheilung ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>langt – Wäre er nicht ein Verbrecher, so hätten wir dir ihn nicht überliefert – ant<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>worteten die Priester. Pilatus erwiederte: Nun, so macht ihm den Proceß, und richtet<lb n="27"/>ihn nach euern Gesezen – Wir dürfen ja kein Todesurtheil fällen, versezten sie – Als</p>
<pb n="273" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=292" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Pilatus also hörte, daß das Verbrechen des Todes würdig seyn sollte, so konnte er<lb n="2"/>nicht mehr ablehnen, der Richter über Jesum zu seyn, und lies sich izt die Anklagen<lb n="3"/>des Raths gegen ihn vortragen – Mit dem, was nach jüdischen Begriffen eine<lb n="4"/>Lästerung der Gottheit war, daß Jesus für einen Sohn derselben sich bekannt hatte,<lb n="5"/>und was der Rath für das todeswürdige Verbrechen hielt, mit dieser Anklage wuste<lb n="6"/>der Jüdische Rath wohl, konnte er von Pilatus kein VerdammungsUrtheil zum Tode<lb n="7"/>erhalten, sie klagten Jesum also an, daß er das Volk verführe, es zur Gleichgültigkeit<lb n="8"/>gegen die Staatsverfassung verleite, woraus zulezt die Weigerung entstehen werde,<lb n="9"/>dem Kaiser den Tribut zu bezahlen, und daß er sich für einen König ausgebe – Als<lb n="10"/>Pilatus diese Anklagspunkte angehört hatte, verfügte er sich in seinen Pallast zurük,<lb n="11"/>ließ Jesum vor sich rufen, und fragte ihn: Gibst du dich wirklich für den König der<lb n="12"/>Juden aus? Jesus fragte ihn dagegen, bist du für dich selbst veranlast worden, den<lb n="13"/>Verdacht zu haben, daß ich mich dafür ausgebe, oder fragst du mich nur, weil andere<lb n="14"/>dessen mich beschuldigen? Pilatus antwortete: bin ich denn ein Jude, daß ich für<lb n="15"/>mich selbst einen König eurer Nation erwartete? dein Volk und die Hohenpriester<lb n="16"/>haben dich bei mir dessen angeklagt; was hast du gethan, das sie dazu veranlaste?<lb n="17"/>Jesus antwortete: Sie beschuldigen mich, ich maße mir ein Reich an; aber dieses<lb n="18"/>Reich ist [nicht] das, was man sonst für einen Begrif mit einem Reiche verbindet –<lb n="19"/>wäre es diß, so würde ich Untergebene und Anhänger haben, die für mich gekämpft<lb n="20"/>hätten, daß ich nicht in die Hände der Juden gefallen wäre. So gibst du dich doch,<lb n="21"/>erwiederte Pilatus, für einen König aus, da du von deinem Reiche sprichst? Wenn<lb n="22"/>du es so nennen willt, ja, antwortete Jesus, ich glaubte mich dafür gebohren, diß für<lb n="23"/>meine Bestimmung in der Welt, Wahrheit zu lehren, und ihr Anhänger zu werben –<lb n="24"/>und wer sie liebte, der hörte auf meine Stimme! Was ist Wahrheit? erwiederte Pilatus –</p>
<quote><lb n="25"/>mit der Mine des Hofmanns,<lb n="26" type="absatz"/>die kurzsichtig doch lächelnd des Ernstes Sache verdammet –</quote>
<p><lb n="27"/>und hielt wohl Jesum für einen Schwärmer, der sich für ein Wort¹ aufopferte, das<lb n="28"/>in der Seele des Pilatus bedeutungslos war, und betrachtete das Ganze als eine Sache,<lb n="29"/>die bloß auf die Religion der Juden Bezug habe, und die weder ein Verbrechen</p>
<note xml:id="fn-273-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>für eine Abstraktion</note>
<pb n="274" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=293" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>[gegen] bürgerliche Geseze betreffe, noch dabei für die Sicherheit des Staats Gefahr<lb n="2"/>sei. Er verlies Jesum und ging hinaus zu den Juden und sagte ihnen, er finde keine<lb n="3"/>Schuld an dem Menschen. Diese wiederhohlten ihre Anklagen, daß er durch seine<lb n="4"/>Lehre im ganzen Lande von Galiläa an bis nach Jerusalem Unruhe stifte – Pilatus<lb n="5"/>aufmerksam dadurch gemacht, daß sie Galiläa als die Gegend nannten, von wo er zu<lb n="6"/>lehren angefangen habe, erkundigte sich, ob der Mann ein Galiläer sey; da er diß<lb n="7"/>hörte, so schien er froh zu seyn, diesen verdrieslichen Handel sich von dem Halse zu<lb n="8"/>schaffen, weil Jesus als Galiläer unter Herodes dem Fürsten dieser Gegend stund, und<lb n="9"/>schikte ihn daher diesem zu, der sich des Festes wegen gerade in Jerusalem befand.<lb n="10"/>Dem Herodes machte es Freude, Jesum zu sehen, er wünschte diß schon längst, weil<lb n="11"/>er so viel von Jesu reden gehört hatte, und etwas ausserordentliches von ihm zu sehen<lb n="12"/>hofte – Er that viele Fragen an ihn, auch die Hohenpriester und ihre Begleiter wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>hohlten hier ihre Anklagen; Jesus antwortete nichts zu allem, ebenso gelassen blieb er,<lb n="14"/>als Herodes und seine Höflinge in Spott sich gegen ihn ergossen, und ihm zulezt ein<lb n="15"/>Kleid, das ein Zeichen der fürstlichen Würde war, anlegten. Da Herodes nichts mit<lb n="16"/>ihm zu machen wuste, und ihm Jesus nur ein Gegenstand des Spottes, nicht einer<lb n="17"/>Straffe zu seyn schien, so schikte er ihn wieder zu Pilatus zurük; übrigens hatte diese<lb n="18"/>Aufmerksamkeit des Pilatus die Gerichtsbarkeit des Herodes über Jesum als einen<lb n="19"/>Galiläer zu respektiren, die Wirkung, die Freundschaft zwischen beiden, die vorher<lb n="20"/>unterbrochen worden war, wieder herzustellen. Pilatus war in der vorigen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>legenheit, berief die Hohenpriester und Rathsglieder zusammen, und erklärte ihnen,<lb n="22"/>sie haben diesen Menschen als einen Unruhstifter bei ihm angeklagt, er finde aber<lb n="23"/>nichts, aus dem sich eine Schuld, die den Tod verdiene, ergebe, eben so wenig als<lb n="24"/>auch Herodes; weiter als ihn geißeln zu lassen, könne er nichts thun, und dann werde<lb n="25"/>er ihm die Freiheit wieder geben – Die Juden waren mit dieser Strafe nicht befriedigt,<lb n="26"/>sondern drangen auf die Todesstrafe; Pilatus, der die Ruhe Jesu bei allen diesen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>handlungen bewunderte, und aüsserst ungern daran kam, ein Werkzeug zu seyn,</p>
<pb n="275" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=294" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>dem jüdischen Religionshaß Jesum aufzuopfern, da auch seine Frau ihm zuschikte<lb n="2"/>und sich für Jesum interessirte – so brachte Pilatus einen andern Ausweg auf die<lb n="3"/>Bahn – Es war nemlich eine Gewohnheit daß der Römische Stadthalter, am Oster<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>feste einem jüdischen Gefangenen Freiheit und Leben schenkte – Ausser Jesu war<lb n="5"/>noch ein anderer Jude damals im Gefängnis, Namens Barrabas, den die Juden wegen<lb n="6"/>verübter Raübereien und Todtschläge angeklagt hatten. Pilatus in der Hofnung, die<lb n="7"/>Juden werden diß Herkommen auszuüben nicht unterlassen wollen, und eher die<lb n="8"/>Freiheit Jesu als des Mörders verlangen, überlies ihnen die Wahl zwischen beiden,<lb n="9"/>zwischen Barrabas und dem König der Juden, wie er Jesum spottend nannte. Die<lb n="10"/>Priesterschaft überredete leicht das umstehende Volk, die Loslassung des Barrabas,<lb n="11"/>und den Tod des Jesus zu begehren; als sie Pilatus noch einmal fragte, zu was sie sich<lb n="12"/>entschlossen hätten, welchen er ihnen frei geben sollte, so riefen sie – den Barrabas!<lb n="13"/>Unwillig rief Pilatus: und was soll ich denn mit Jesus anfangen? Laß ihn kreuzigen!<lb n="14"/>war ihr Geschrei! Aber was hat er denn böses gethan? frug Pilatus wieder – Sie riefen<lb n="15"/>stärker: Ans Kreuz, ans Kreuz mit ihm! Pilatus lies hierauf Jesum geisseln, die Sol<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>daten flochten eine Krone von Dornen (Bärenklau, Heracleum) sezten sie ihm aufs<lb n="17"/>Haupt, zogen ihm einen PurpurMantel an und gaben ihm einen Steken statt des<lb n="18"/>Scepters in die Hand, und riefen: Sei gegrüst, König der Juden! und gaben ihm<lb n="19"/>Stösse dabei. Pilatus hofte ihre Wuth dadurch gesättigt zu sehen, sagte ihnen, ich<lb n="20"/>wiederhohle es euch, daß ich nichts schuldiges an ihm finde; lies ihn in diesem Aufzug<lb n="21"/>herausführen, und sagte: da seht ihn, weidet eure Augen an diesem Schauspiel –<lb n="22"/>Dieser Anblik besänftigte sie nicht; sie verlangten lärmend seinen Tod – So nimmt<lb n="23"/>ihn, rief Pilatus noch ungeduldiger, kreuzigt ihn, ich finde ihn nicht schuldig – Die<lb n="24"/>Juden versezten – Er ist nach unsern Gesezen des Todes schuldig, denn er hat sich<lb n="25"/>für einen Sohn der Gottheit ausgegeben; den Pilatus, der sich hiebei nach Römischen<lb n="26"/>Begriffen einen Göttersohn dachte, wandelte noch mehr Bedenklichkeit [an] – und<lb n="27"/>fragte Jesum, woher bist du eigentlich? Jesus gab aber keine Antwort darauf – Wie,<lb n="28"/>sagte Pilatus, auch mir antwortest du nicht, weist du, daß dein Leben und dein Tod<lb n="29"/>ganz von mir abhängt? Jesus erwiederte: Nur soweit, als mein Leben oder mein Tod<lb n="30"/>in den Plan der Vorsehung past – doch vermindert diß die Schuld derer nicht, die<lb n="31"/>mich überlieferten – Pilatus war immer mehr für Jesum eingenommen, und geneigt,</p>
<pb n="276" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=295" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>ihn frei zu lassen – Die Juden, die diß sahen, warfen sich izt in die Rolle getreuer und<lb n="2"/>für Cäsars Interesse allein besorgter Unterthanen, eine Rolle, die ihnen sauer genug<lb n="3"/>ankommen muste, die aber ihren Zwek nicht leicht verfehlen konnte; lässest du<lb n="4"/>diesen los, riefen sie, so bist du nicht ein Freund Cäsars, denn wer sich für einen König<lb n="5"/>ausgibt, ist ein Rebell gegen unsern Fürsten. Pilatus sezte sich izt feierlich zu Gericht,<lb n="6"/>lies Jesum vorführen, seht hier euern König – soll ich euern König ans Kreuz schlagen<lb n="7"/>lassen. Kreuzige ihn; wir erkennen keinen König als Cäsarn. Als Pilatus den Lerm<lb n="8"/>und das Getümmel immer grösser werden sah, und Unruhen, vielleicht einen Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>stand zu befürchten hatte, dem die Juden einen für Pilatus höchst gefährlichen<lb n="10"/>Anstrich des Eifers für die Ehre Cäsars, geben konnten – und sah daß die Hart<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>näkkigkeit der Juden unbezwinglich war, lies er sich ein Gefäß mit frischem Wasser<lb n="12"/>bringen, wusch seine Hände vor dem Volke, und sagte: ich bin unschuldig an dem<lb n="13"/>Blute dieses Gerechten! ihr habts zu verantworten! Die Juden riefen: Ja, sein Tod<lb n="14"/>werde an uns und unsern Kindern gestraft! Der Sieg der Juden war entschieden –<lb n="15"/>Barrabas freigegeben, und Jesus zum Tod am Kreuze verurtheilt – (eine römische<lb n="16"/>aber so entehrende Todesart, als heutzutage der Tod am Galgen.) Jesus blieb dem<lb n="17"/>rohen Spott und den Mishandlungen der Soldaten ausgesezt, bis er hinaus zum Richt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>plaz geführt wurde – der Verurtheilte mußte den Pfahl sonst selbst hinausschleppen –<lb n="19"/>doch wurde er Jesu abgenommen, und einem Manne mit Namen Simon, der eben<lb n="20"/>in der Nähe stand, zu tragen gegeben – Der Zulauf der Menge war sehr groß; seine<lb n="21"/>Freunde wagten es nicht sich ihm zu nähern, sondern folgten und sahen der Hin<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>richtung nur zerstreut und aus der Ferne zu – Ihm näher waren mehrere Frauen, die<lb n="23"/>ihn gekannt hatten, und izt weinten, und sein Schiksal bejammerten – Jesus wandte<lb n="24"/>sich im Gehen zu ihnen, und redte sie an: beweint nicht mich, ihr Frauen von Jeru<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>salem, vielmehr euch selbst, und eure Kinder, es werden Zeiten kommen, wo man<lb n="26"/>die Kinderlosen, die Brüsten, die nie saügten, die Leiber, die nicht gebahren, glüklich<lb n="27"/>preisen wird – ihr seht, wie es mir geht, zieht den Schluß, wohin ein solcher Geist<lb n="28"/>unter einem Volke es noch bringen wird.</p>
<p><lb n="29"/>Jesus wurde in Gesellschaft zweier Verbrecher gekreuzigt, sein Kreuz kam in die<lb n="30"/>Mitte zu stehen; während man ihn daran befestigte (durch Annäglung der Hände,</p>
<pb n="277" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=296" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>und wahrscheinlich nur¹ Anbindung der Füsse) rief Jesus aus, Vater vergib ihnen,<lb n="2"/>sie wissen nicht, was sie thun! Seine Kleider vertheilten wie gewöhnlich die Sol<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>daten unter sich – Pilatus lies die Aufschrift über sein Kreuz heften in hebräischer,<lb n="4"/>Griechischer, und Lateinischer Sprache, diß ist der König der Juden. Die Priester ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>droß diß, und sie meinten, Pilatus hätte schreiben sollen, daß Jesus sich nur dafür<lb n="6"/>ausgegeben habe; Pilatus der unwillig wegen der ganzen Anklage über sie war, sah<lb n="7"/>gern, daß sie das demüthigende, das für sie in seiner Überschrift lag, empfanden,<lb n="8"/>und gab ihnen auf ihr Ansuchen, es zu ändern, zur Antwort: es bleibt bei dem, was<lb n="9"/>ich geschrieben habe. Indessen war Jesus ausser dem körperlichen Schmerz dem<lb n="10"/>triumphirenden Spotte, des jüdischen, vornehmen und gemeinen Pöbels wie auch<lb n="11"/>dem rohen Wize der römischen Soldaten ausgesezt – auch den einen Verbrecher,<lb n="12"/>der mit Jesu gekreuzigt worden war, machte die Gleichheit ihres Schiksals nicht<lb n="13"/>freundschaftlicher gegen Jesum, es hinderte ihn nicht, auch seinen Spott in den Hohn<lb n="14"/>der Menge zu mischen; dem andern aber war menschlichere Empfindung und Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wissen bei seinen Verbrechen nicht ganz fremd geworden, er verwies es jenem, daß<lb n="16"/>er noch in solchen Umständen gegen einen, der in gleichem Leiden mit ihm sich<lb n="17"/>befinde, bitter seyn könne; und, sezte er hinzu, unser Loos ist gerecht, denn wir<lb n="18"/>empfangen, was unsere Thaten verdienten; und diesem ist schuldlos ein gleiches<lb n="19"/>Schiksal zu theil geworden! Gedenke meiner, sagte er zu Jesu, wenn du in deinem<lb n="20"/>Reiche bist – Bald werden uns zusammen, erwiederte Jesus, die Gefilde der Seelig<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>keit aufnehmen.</p>
<p><lb n="22"/>Unter dem Kreuze stand in tiefer Betrübnis die Mutter Jesu, mit einigen ihrer<lb n="23"/>Freundinnen; Johannes allein von allen Vertrautern Jesu war bei ihnen, und theilte<lb n="24"/>ihren Schmerzen. Jesus erblikte sie beisammen, und sagte zu seiner Mutter, siehe da<lb n="25"/>ein Sohn, statt meiner, und zu Johannes: Sieh diese als Mutter an; Johannes nahm<lb n="26"/>sie auch dem Wunsche seines sterbenden Freundes gemäß in sein Haus, und in seine<lb n="27"/>Pflege auf.</p>
<note xml:id="fn-277-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Paulus Memor.</note>
<pb n="278" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=297" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DAS LEBEN JESU</fw>
<p><lb n="1"/>Nach einigen Stunden, die er schon am Kreuze hing, rief er überwältigt von<lb n="2"/>Schmerz, aus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Nachdem er<lb n="3"/>noch gerufen, es dürste ihn, und ein wenig Essig, den man ihm in einem Schwamm<lb n="4"/>reichte¹ zu sich genommen hatte, sprach er noch: es ist vollendet, und zulezt mit<lb n="5"/>lauter Stimme: Vater, in deine Hände befehl ich meinen Geist, neigte das Haupt und<lb n="6"/>verschied.</p>
<p><lb n="7"/>Selbst der römische Hauptmann, der bei der Hinrichtung kommandierte, bewun<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>derte, die ruhige Fassung, und die sich gleichbleibende Würde, mit welcher Jesus<lb n="9"/>starb. Seine Freunde hatten dem Ende ihres theuren Lehrers von ferne zugesehen.</p>
<p><lb n="10"/>Weil die gekreuzigten sonst nur langsam abstarben, und oft noch mehrere Tage<lb n="11"/>am Pfahle lebten, und der folgende Tag bei den Juden ein grosser Festtag war, so<lb n="12"/>baten sie Pilatus, damit morgen die Körper nicht am Kreuze seien, den gerichteten<lb n="13"/>die Beine zerschlagen zu lassen, und sie abzunehmen, bei den 2 Missethäter, die<lb n="14"/>mit Jesu gerichtet worden waren, geschah diß, weil sie noch lebten; bei Jesu selbst<lb n="15"/>sahen sie, daß diß nicht nöthig war; sie stießen ihm also nur einen Speer in die Seite,<lb n="16"/>woraus ein Wasser (eine Lymphe) mit Blut vermischt heraus floß – Joseph von<lb n="17"/>Arimathäa, ein Mitglied des hohen Raths zu Jerusalem, ein sonst unbekannter Freund<lb n="18"/>Jesu, bat es sich von Pilatus aus, ihm den Leichnam Jesu anzuvertrauen; Pilatus<lb n="19"/>erlaubte diß; Joseph in Gesellschaft des Nikodemus eines andern Freundes nahm den<lb n="20"/>todten also ab, balsamirte ihn mit Myrrhen und Aloë, umwikelte ihn mit Leinwand<lb n="21"/>(Linnen) und sezte ihn in seiner FamilienGruft bei, die in seinem Garten in Felsen<lb n="22"/>gehauen war, und die nahe bei der Gerichtsstätte war, wo sie also um so eher mit<lb n="23"/>diesen Zurüstungen fertig werden konnten, noch vor dem Anfange des Festes selbst,<lb xml:id="GW01-s297-z24" n="24"/>an dem es nicht erlaubt gewesen wäre mit Todten zu thun zu haben.</p>
<note xml:id="fn-278-2" place="margin" n="" target="#GW01-s297-z24" ana="#j.ohne-teil">den 24 Jul. 95.</note>
<note xml:id="fn-278-1" type="rand" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>λεγων· αφετε – last ihn nun,<lb n="26"/>quält ihn nicht weiter daß er etwa zu zeitig stirbt; wir brächten uns ja nur um den Spaß,<lb n="27"/>wenn Elias kommt und ihm hilft. Mar. 15,36.</note>
<pb n="279" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=298" type="body"/>
</div>
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<head><lb n="1"/>STUDIEN<lb n="2"/>1795–1796</head>
<pb n="281" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=301" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<head><lb n="1"/>MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</head>
<p><lb n="2"/>man mag die widersprechendste Betrachtungen über sie anstellen, von welcher<lb n="3"/>[Art] sie seyen, so werden immer viele Stimmen mit Anführung des Grundes sich<lb n="4"/>dagegen erheben, eine solche Behauptung treffe zwar wohl dieses oder jenes System<lb n="5"/>der christlichen Religion aber nicht die christliche Religion selbst, und jeder sezt<lb n="6"/>sein System als die christliche Religion und verlangt, daß jeder diß vor Augen habe.<lb n="7"/>Die Behandlungsart der christlichen Religion die zu unsern Zeiten im Schwange geht,<lb n="8"/>die Vernunft und Moralität zur Basis ihrer Prüfung, und den Geist der Nationen und<lb n="9"/>Zeiten in der Erklärung zu Hülfe nimmt, – wird von einem durch Kenntnisse,¹ und<lb n="10"/>gute Absichten sehr ehrwürdigen Theile unsrer Zeitgenossen als wohlthätige Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>klärung angesehen, die zum Ziele der Menschheit, zu Wahrheit und Tugend<lb n="12"/>führe, von dem andern durch gleiche Kenntnisse, und gleichwohlmeinende Zweke<lb n="13"/>respektabeln, noch dazu durch das Ansehen von Jahrhunderten und der öffentlichen<lb n="14"/>Macht unterstüzten Theile für baare Verschlimmerungen ausgeschrieen – Noch<lb n="15"/>mislicher in einer andern Rüksicht sind Untersuchungen der Art, wie sie der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stand dieser Abhandlung sind; hat man nemlich in der Meinung christlicher Gelehr<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ten auch nicht mit einem blossen entweder selbstgeschaffenen oder längstverschwun<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>denen Phantom von christlicher Religion zu thun gehabt, sondern wirklich eine Seite<lb n="19"/>des Systems berührt, das der Gegenstand der Achtung und des Glaubens vieler<lb n="20"/>Menschen ist, so hat [man] sehr Ursache mit der Milde zufrieden zu seyn, wenn<lb n="21"/>man wegen der Verblindung, manches nicht in dem gleich hellen Lichte der Wichtig<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>keit und unantastbaren Ehrwürdigkeit anzusehen, bloß bemitleidet wird –</p>
<note xml:id="fn-281-1" type="ueber" n="¹"><lb n="23"/><seg type="marke">¹ </seg>heller Vernunft</note>
<pb n="282" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=302" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Ein Glaubensbekenntniß an die Spize dieser Abhandlung gestellt würde daher<lb n="2"/>auch kein Auskunftsmittel seyn, sich befriedigend zu erklären, und da es gegen den<lb n="3"/>Zwek dieser Abhandlung sein würde, fruchtbar für die Sache selbst die Gründe dar<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zulegen und den Innhalt desselben hinlänglich zu rechtfertigen, so müste eine solche<lb n="5"/>trokne Skizze eher die Meinung erregen, als ob der Verfasser seine individuelle Über<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zeugung für etwas wichtiges ansähe, und seine Person bei dem Ganzen in Betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tung käme – Ganz allein in Bezug auf die Sache selbst wird hier bemerkt, daß überall<lb n="8"/>der Grundsaz zum Fundament aller Urtheile über die verschiedene Gestalt, Modifi<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>kationen und Geist der christlichen Religion gelegt worden sei, – daß der Zwek und<lb n="10"/>das Wesen aller wahren Religion und auch unserer Religion – Moralität der Menschen<lb n="11"/>sei, und daß alle speziellere Lehren des Christentums, alle Mittel, dieselbe aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zubreiten, alle Pflichten zu meinen, und sonst an sich willkührliche Handlungen zu<lb n="13"/>beobachten, nach ihrer nähern oder entferntern Verbindung mit jenem Zweke, in<lb n="14"/>Ansehung ihres Werths und ihrer Heiligkeit geschäzt werden –</p>
</div>
<div>
<head><lb n="15"/>A.<lb n="16"/>Vergleichung mit der Ausartung einer Staatsverfassung s. Skizze –</head>
<head><lb n="17"/>a.</head>
<p><lb xml:id="GW01-s302-z18" n="18"/>Der traurige Zustand der jüdischen Nation, – einer Nation, die ihre Gesezgebung<lb n="19"/>von der höchsten Weisheit selbst ableitete, und deren Geist nun unter einer Last<lb n="20"/>statutarischer Gebote zu Boden gedrükt war, die pedantisch jeder gleichgültigen<lb n="21"/>Handlung des täglichen Lebens eine Regel vorschrieben, und der ganzen Nation das<lb n="22"/>Ansehen eines Mönchsordens gaben – sowie sie das heiligste, den Dienst Gottes und<lb n="23"/>der Tugend, in todte Formulare geordnet und eingezwängt hatten, und dem Geist<lb n="24"/>nichts als noch hartnäkkigen Stolz auf diesen Gehorsam der Sklaven gegen sich<lb n="25"/>nicht selbst gegebene Geseze übrig liessen, der auch durch die Unterwerfung des Staats<lb n="26"/>unter eine fremde Gewalt tief gekränkt und erbittert wurde – dieser Zustand der<lb n="27"/>jüdischen Nation muste in Menschen von besserm Kopf und Herzen, die ihr Selb-</p>
<note xml:id="fn-282-1" place="margin" n="" target="#GW01-s302-z18" ana="#j.ohne-teil">Zustand der jüdischen Religion</note>
<pb n="283" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=303" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>gefühl nicht aufgeben und sich nicht zu todten Maschinen herunterbeugen konnten,<lb n="2"/>das Bedürfniß einer freiern Thätigkeit, und eignern Tugend, als mit mönchischer<lb n="3"/>Geschäftigkeit eines geist- und wesenlosen Mechanismus kleinlicher Gebraüche ein<lb n="4"/>Daseyn ohne Selbstbewustseyn zu leben, – eines edlern Genusses als in diesem Sklaven-<lb n="5" break="no"/>Handwerk sich groß zu dünken – erweken. Bekanntschaft mit fremden Nationen<lb n="6"/>lehrte einige, die schöneren Blüthen des menschlichen Geistes kennen, die Essener<lb n="7"/>versuchten es eine selbstständigere Tugend in sich zu bilden – Johannes tratt dem<lb n="8"/>Sittenverderbniß, das wechselseitig Folge und Quelle jener verkehrten Begriffe war,<lb xml:id="GW01-s303-z9" n="9"/>muthig in den Weg. Jesus bis in sein männliches Alter mit seiner eigenen Bildung –<lb n="10"/>beschäftigt, selbst frei von der anstekenden Krankheit seines Zeitalters und seiner<lb n="11"/>Nation, – frei von der eingeschränkten Trägheit, die an die gemeine Bedürfnisse und<lb n="12"/>Bequemlichkeiten des Lebens ihre einzige Thätigkeit verwendet – wie von Ehrgeiz,<lb n="13"/>und andern Neigungen, – deren gewünschte Befriedigung ihn genöthigt haben<lb n="14"/>würde, in den Vertrag der Vorurtheile und der Laster einzutretten – unternahm es,<lb n="15"/>Religion und Tugend zur Moralität zu erheben, und die Freiheit derselben, worin ihr<lb n="16"/>Wesen besteht, wiederherzustellen, denn so wie jede Nation, eine hergebrachte<lb n="17"/>Nationaltracht, eine eigne Manier zu essen und zu trinken, und in seiner übrigen<lb n="18"/>Lebenart eigne Gewohnheiten hat, so war Moralität von der ihr eigenthümlichen<lb n="19"/>Freiheit zu einem System solcher Gebraüche herabgesunken; er rief die moralische<lb n="20"/>Principien, die in den heiligen Büchern seines Volkes lagen, demselben ins Gedächtnis<lb n="21"/>zurük (die höchsten Grundsäze der Moral fand Jesus vor, und stellte keinen neuen auf<lb n="22"/>Matth. 22,36. s. Deut. 6,5. Lev. 19,18. (Lev. 18,5.) Matth. 5,48. s. seid heilig, wie<lb n="23"/>etc. Matth. 7,12. hat einen zu weiten Umfang, und ist auch für den Lasterhaften<lb n="24"/>als Maxime der Klugheit zu gebrauchen – als daß es einen moralischen Grundsaz<lb n="25"/>abgeben könnte, – und wirklich wäre es sonderbar gewesen, wenn eine Religion wie<lb n="26"/>die jüdische, die die Gottheit zu ihrem politischen Gesezgeber machte, nicht auch<lb n="27"/>reinmoralische Principien enthalten hätte) würdigte nach denselben, die Ceremonien<lb n="28"/>und die Menge Ausflüchte, die man gefunden hatte, das Gesez zu eludiren, – die</p>
<note xml:id="fn-283-1" place="margin" n="" target="#GW01-s303-z9" ana="#j.ohne-teil">Jesus</note>
<pb n="284" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=304" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Beruhigung, die das Gewissen in Befolgung des Buchstabens des Gesezes, in den<lb n="2"/>Opfern und andern heiligen Gebraüchen statt in dem Gehorsam gegen das Sitten<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesez, fand, – nur diesem, nicht der Abstammung von Abraham, legte er einen Werth<lb n="4"/>in Augen der Gottheit bei, nur ihm gestand er Würdigkeit [zu], in einem andern<lb n="5"/>Leben der Seeligkeit theilhaftig zu werden. Den Werth einer tugendhaften Gesin<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nung, und die Unwürdigkeit einer heuchelnden Genauigkeit blos in aüssern Übungen<lb n="7"/>des Gottesdienstes lehrte Jesus öffentlich vor dem Volke, sowohl in seinem Vater<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lande, Galiläa, als in Jerusalem, dem Mittelpunkt des Judenthums, besonders bildete<lb n="9"/>er im vertrautern Umgange eine Anzahl Männer, die ihn in seinen Bemühungen, im<lb n="10"/>grössern auf das ganze Volk zu wirken unterstüzen sollten – Aber seine einfache<lb n="11"/>Lehre, die Kampf mit den Neigungen, Entsagung, und Aufopferung verlangte, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>mochte wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten NationalStolzes, der<lb n="13"/>in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit, und der<lb n="14"/>Vortheile derjenigen, die zugleich dem Glauben und der Ausübung der Geseze vor<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stunden. Jesus hatte den Kummer, zu sehen, daß sein Plan, Moralität in die Religiosität<lb n="16"/>seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stens in einigen Männern bessere Hofnungen und einen bessern Glauben anzuzünden,<lb n="18"/>eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (s. Matth. 20,20.<lb n="19"/>ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jacobus mit Jesu von<lb n="20"/>einigen Jahren zutrug – Judas – selbst in den lezten Augenbliken seines Aufenthalts<lb n="21"/>auf Erden, einige Augenblikke vor seiner sogenannten Himmelfahrt zeigten sie noch<lb n="22"/>die jüdische Hofnung in ihrer ganzen Grösse, daß er den Israëlitischen Staat wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>herstellen werde Act. 1,6.) er selbst wurde ein Opfer des Hasses der Priesterschaft,<lb n="24"/>und der gekränkten NationalEitelkeit seines Volkes –</p>
<p><lb n="25"/>Wie hätte man erwarten sollen, daß ein solcher Lehrer, der sich nicht gegen die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>geführte Religion selbst, sondern nur gegen den moralischen Aberglauben, durch die<lb n="27"/>Beobachtung ihrer Gebraüche, den Foderungen, des Sittengesezes Genüge geleistet<lb n="28"/>zu haben, erklärte, – der auf eine nicht auf Autorität gegründete Tugend (welches<lb n="29"/>entweder ohne Sinn, oder ein unmittelbarer Widerspruch ist) sondern auf eigne,<lb n="30"/>freie Tugend drang, – daß ein solcher Lehrer Veranlassung zu einer positiven (auf</p>
<pb n="285" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=305" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Autorität gegründeten, und den Werth des Menschen gar nicht, oder wenigstens<lb xml:id="GW01-s305-z2" n="2"/>nicht allein in Moralität sezenden) Religion geben würde! Dieser Vorstellung, daß<lb n="3"/>Jesus Lehrer einer reinmoralischen, nicht positiven Religion gewesen sey, daß Wun<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>der u. drgl. nicht die Absicht gehabt haben, Lehren zu begründen, die nie auf That<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sachen beruhen können, sondern nur etwa Aufmerksamkeit durch solche auffallende<lb n="6"/>Erscheinungen in einem fürs moralische tauben Volke zu erregen, – daß er manche<lb n="7"/>Vorstellungen seiner Zeitgenossen, z. B. ihre Erwartungen von einem Messias, – Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stellung der Unsterblichkeit unter dem Bilde der Auferstehung, daß sie heftige, un<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heilbare Krankheiten der Wirkung eines bösen mächtigen Wesens zuschrieben u. drgl.<lb n="10"/>mehr, daß Jesus diese Vorstellungen nur Gebraucht habe, theils um ihnen einen edlern<lb n="11"/>Begrif zu unterlegen, theils weil sie in keiner unmittelbaren Beziehung auf Moralität<lb n="12"/>stehen, daß sie als Zeitideen nicht zum Innhalt einer Religion gehören, welcher ewig<lb n="13"/>und unwandelbar sein müsse, daß die Lehre Jesu überhaupt nicht positiv sei, nichts<lb n="14"/>auf seine Autorität habe gründen wollen – gegen diese Vorstellung erheben sich zwei<lb n="15"/>Partheien, die darin übereinstimmen, daß die Religion allerdings Principien der Tu<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gend, aber zugleich auch positive Vorschriften, das Wohlgefallen Gottes noch durch<lb n="17"/>andere Übungen Gefühle und Handlungen zu erwerben, als durch Moralität ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>halte; – aber welche 2 Partheien sich darin von einander unterscheiden, daß die eine<lb n="19"/>diß positive an einer reinen Religion für ausserwesentlich ja für verwerflich hält, und<lb n="20"/>wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer TugendReligion nicht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gestehen will; die andere hingegen den Vorzug derselben gerade in dieses positive<lb n="22"/>sezt, es für gleich heilig mit den Principien der Sittlichkeit hält, oft gar diese auf jenes<lb n="23"/>baut, ja ihm selbst zuweilen eine grössere Wichtigkeit als ihnen einraümt. Die Frage,<lb n="24"/>wie die Religion Jesu positiv geworden sei, hat die leztere Parthei leicht zu beant<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>worten, indem sie nemlich behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen,<lb n="26"/>für alle seine Lehren, selbst die Geseze der Tugend habe Jesus nur auf seine Autorität,<lb n="27"/>die er auch noch durch Wunder, seine Auferstehung beglaubigte, Glauben gefodert,<lb n="28"/>und diese Parthei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan von ihnen sagt:</p>
<note xml:id="fn-285-1" place="margin" n="" target="#GW01-s305-z2" ana="#j.ohne-teil">woher das positive.</note>
<quote><lb n="29"/>was – noch von ihrem Stifter her<lb n="30" type="absatz"/>Mit Menschlichkeit den —glauben wirzt,<lb n="31" type="absatz"/>Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist;<lb n="32" type="absatz"/>Weils Christus lehrt; weils Christus hat gethan. –</quote>
<pb n="286" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=306" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>und die Erscheinung, wie eine positive Religion so sehr Eingang finden konnte,<lb n="2"/>erklärt sie dadurch, daß keine Religion wie diese, den Bedürfnissen der Menschheit so<lb n="3"/>sehr angemessen sey, indem sie die Probleme der praktischen Vernunft, die diese sich<lb n="4"/>unmöglich selbst lösen könne, z. B. wie Vergebung der Sünden, auch für den besten,<lb n="5"/>der davon nicht frei ist, zu hoffen sei, befriedigend beantwortet habe, wodurch diese<lb n="6"/>seynsollende Probleme izt gar zu dem Rang von Postulaten der praktischen Vernunft<lb n="7"/>erhoben, und was ehmals auf dem theoretischen Wege versucht worden ist, die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>heit der christlichen Religion aus Vernunftgründen zu erweisen, das wird izt durch<lb n="9"/>eine sogenannte praktische Vernunft erwiesen. Da es aber bekannt ist, daß mehrere<lb n="10"/>Jahrhunderte lang an dem System christlicher Religion, wie es heutzutage sich vor<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>findet, gearbeitet worden ist, daß in dieser allmähligen Bestimmung der einzelen<lb n="12"/>Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mässigung und Vernunft, die heiligen Väter ge<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>leitet hat, daß bei der Annahme der christlichen Religion nicht blos reine Liebe zur<lb n="14"/>Wahrheit, sondern zum theil sehr zusammengesezte Triebfedern, sehr unheilige<lb n="15"/>Rüksichten, unreine Leidenschaften, und oft nur auf Aberglauben gegründete Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dürfnisse des Geistes gewirkt haben, so muß es erlaubt seyn, um die Entstehung des<lb n="17"/>Gebaüdes der christlichen Religion zu erklären, anzunehmen, daß auch aüssere Um<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stände, der Geist der Zeiten Einfluß auf die Bildung ihrer Form gehabt haben; wel<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ches der Zwek der Kirchen-, noch eigentlicher der Zwek der Dogmengeschichte –<lb n="20"/>die Absicht gegenwärtiger Untersuchung, soll nicht diese speziellere Entwiklung<lb n="21"/>des Gangs, den die Kirche dabei genommen hat, an der leitenden Hand der Geschichte<lb n="22"/>seyn, sondern theils in der ursprünglichen Gestalt der Religion Jesu selbst theils in<lb n="23"/>dem Geist der Zeiten selbst sollen einige allgemeine Gründe aufgesucht werden,<lb n="24"/>durch welche es möglich geworden, daß man frühzeitig christliche Religion als<lb n="25"/>Tugendreligion verkennen, sie anfangs zu einer Sekte, und nachher zu einem posi<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tiven Glauben machen konnte.</p>
<p><lb n="27"/>Das oben aufgestellte Bild von den Bemühungen Jesu, die Juden zu überzeugen,<lb n="28"/>daß das Wesen der Tugend, oder der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht in der<lb n="29"/>blossen Befolgung des mosaischen Gesezes liege, – wird zwar von allen Partheien des<lb n="30"/>christlichen Glaubens als richtig anerkannt, aber zugleich für sehr unvollständig aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gegeben werden –</p>
<pb n="287" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=307" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Die Behauptung daß auch die Tugendgeseze Jesu etwas positives seyen, d. h. daß<lb n="2"/>sie daher ihre Gültigkeit haben, weil Jesus sie geboten habe, zeugt zwar von einer<lb n="3"/>demüthigen Bescheidenheit, und einer Resignation auf alles eigne Gute, Edle und<lb n="4"/>Grosse in der menschlichen Natur, aber sie mus doch wenigstens voraussezen, daß<lb n="5"/>der Mensch ein natürliches Gefühl der Verpflichtung zu göttlichen Geboten habe;<lb n="6"/>und entspräche in unserm Herzen der Auffoderung zur Tugend schlechterdings<lb n="7"/>nichts, würde dadurch keine eigne Saite in uns angeschlagen, so wäre das Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>nehmen Jesu, die Menschen Tugend zu lehren, von der gleichen Beschaffenheit, und<lb n="9"/>von gleichem Erfolge gewesen, wie der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den<lb n="10"/>Fischen zu predigen, welcher sich auch darauf hätte verlassen können, daß das, was<lb n="11"/>weder seine Predigt, noch die Natur der Fische vermochte, durch einen Beistand von<lb n="12"/>oben in ihnen gewirkt werden könne. Wie es aber gekommen ist, daß selbst Tugend<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>geseze als etwas positives angesehen worden sind, darauf werden wir in der Folge<lb n="14"/>kommen. Da unsre Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive<lb n="15"/>Lehre in das Christenthum gekommen ist, oder welche Veränderungen mit ihr nach<lb n="16"/>und nach vorgegangen sind, noch ob diese oder jene Lehre wirklich ganz oder zum<lb n="17"/>theil positiv, aus Vernunft erkennbar sey, oder nicht, so werden wir überhaupt nur<lb n="18"/>dasjenige berühren, was in der Religion Jesu die Veranlassung gab, daß sie positiv<lb n="19"/>wurde, d. h. die Anfoderung machte, nicht durch Vernunft postulirt, ihr sogar<lb n="20"/>widerstreitend, oder auch damit übereinstimmend, doch nur auf Autorität hin ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>glaubt zu werden.</p>
<p><lb n="22"/>Eine Sekte sezt überhaupt Verschiedenheit der Lehre, der Meinungen gewöhnlich<lb n="23"/>von den herrschenden, oder auch nur von andern voraus; eine philosophische Sekte<lb n="24"/>kan man eine solche nennen, die sich durch ihre Lehren von dem, was wesentlich für<lb n="25"/>den Menschen Pflicht und Tugend ist, durch ihre Vorstellungen von der Gottheit,<lb n="26"/>unterscheidet; Verwerfung, und Unwürdigkeit nur an Abweichung von der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lichkeit, nicht an Irrthümer über die Art, wie sie deducirt wird, knüpft, den Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>glauben der Phantasie dabei für eines denkenden Mannes unwürdig, aber nicht für<lb n="29"/>sträflich hält; einer philosophischen Sekte sollte man nicht sowohl eine religiöse, als<lb n="30"/>eine positive entgegensezen, die ausser der Sittlichkeit auch das was eigentlich nicht</p>
<pb n="288" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=308" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>[auf] Vernunft beruht, sondern in der Phantasie der Völker seinen Glaubensgrund hat,<lb n="2"/>nicht zur Moralität für unwesentlich sondern entweder blos für sündlich hält, und<lb n="3"/>sich dafür hütet, oder auch an die Stelle dieses positiven etwas anderes positives sezt,<lb n="4"/>dem Glauben an welches sie gleichen Werth und Rang mit Sittlichkeit zugesteht, ja<lb n="5"/>sogar, welche nicht daran¹ glauben, moralischschlechten Menschen gleichsezt. Für<lb n="6"/>diese Art von Sekten sollte man eigentlich den Namen Sekte aufbewahren, da er<lb n="7"/>etwas widriges an sich hat, und eine philosophische Parthei nicht mit einem Namen<lb n="8"/>belegt zu werden verdient, der die Nebenidee von Verdammung und Intoleranz bei<lb n="9"/>sich führt. Auch sollte man solche positive Sekten nicht, wie gewöhnlich religiöse<lb n="10"/>Sekten nennen, da das Wesen der Religion doch in etwas anderem als einem posi<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tiven besteht. Man könnte zwischen diese zwei Arten eine dritte sezen, eine solche,<lb n="12"/>die zwar von einer Seite das positive Princip des Glaubens und des Erkenntnisses von<lb n="13"/>dem, was Willen Gottes, und Pflicht ist, als heilig zur Basis des Glaubens macht, aber<lb n="14"/>für das wesentliche in demselben nicht die gebotenen darin etwa vorkommenden<lb n="15"/>positive Lehren und befohlne Gebraüche, sondern die Tugendgebote hält. Von dieser<lb n="16"/>Art war die Lehre Jesu. Er war ein Jude, das Princip seines Glaubens und seines Evan<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>geliums war der geoffenbahrte Willen Gottes, wie die Traditionen der Juden ihm<lb n="18"/>denselben überliefert hatten, aber zugleich das lebendige Gefühl seines eignen Herzens<lb n="19"/>von Pflicht und Recht, in die Befolgung dieses moralischen Gesezes sezte er die Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bedingung des Wohlgefallens Gottes; Ausser dieser Lehre, der Anwendung der<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>selben auf einzele Fällen, und Versinnlichung durch fingierte Beispiele (Parabeln)<lb n="22"/>kommen in seiner Geschichte noch andre Umstände hinzu, die das ihrige dazu bei<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>trugen, einen Glauben auf Autorität zu gründen.</p>
<p><lb n="24"/>So sehr nemlich auch bei einem Manne, der Tugend lehrt, und dem Strom der<lb n="25"/>Sittenverderbnis seiner Zeit entgegenarbeiten will, es auf seinen eigenen moralischen<lb n="26"/>Charakter ankommt, und ohne einen solchen seine Rede todt und kalt von seinen<lb n="27"/>Lippen fallen würde, so kam doch hier manches zusammen, das die Person des Leh<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>rers wichtiger machte, als es für die Empfehlung der Wahrheit an sich nöthig war.</p>
<note xml:id="fn-288-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>, auch ohne ihre Schuld, welches beim positiven nicht beim<lb n="30"/>moralischen Glauben der Fall seyn kan.</note>
<pb n="289" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=309" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb xml:id="GW01-s309-z1" n="1"/>Jesus war nemlich für sich selbst genöthigt, sehr viel von sich, von seiner Person zu<lb n="2"/>sprechen; die Umstände, die ihn dazu veranlasten, war die Art, wie sein Volk sich<lb n="3"/>allein wollte beikommen lassen; ihre ganze Verfassung, alle ihre gottesdienstliche,<lb n="4"/>politische und bürgerliche Geseze waren sie innigst überzeugt, von der Gottheit selbst<lb n="5"/>empfangen zu haben – diß war ihr Stolz, dieser Glauben schnitt alle eigne Speku<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lationen ab, und schränkte sie ganz allein auf das Studium der heiligen Urkunden –<lb n="7"/>und die Wirksamkeit der Tugend auf einen blinden Gehorsam gegen diese sich nicht<lb n="8"/>selbst gegebnen Gebote ein; – der Lehrer der mehr in seinem Volke wirken wollte,<lb n="9"/>als einen neuen Kommentar darüber zu liefern, und es von der Unzulänglichkeit des<lb n="10"/>statutarischen Kirchenglaubens überzeugen wollte, muste nothwendig seine Behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tungen auf die gleiche Autorität gründen, auf Vernunft allein sich berufen zu wollen,<lb n="12"/>hätte den Fischen predigen geheissen, da sie für eine solche Auffoderung keinen Sinn<lb n="13"/>hatten; bei Empfehlung einer moralischen Gesinnung kam ihm allerdings die un<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>vertilgbare Stimme des moralischen Gebotes im Menschen, und die Stimme des<lb n="15"/>Gewissens zu Hülfe, und die kan die Wirkung haben, von selbst, die Wichtigkeit des<lb n="16"/>Kirchenglaubens sinken zu machen; aber wenn das Gefühl der Moralität ganz und<lb n="17"/>gar die Richtung des Kirchenglaubens genommen hat, ganz damit amalgamirt ist,<lb n="18"/>wenn dieser selbst in den Gemüthern allein herrschend ist, wenn alle Tugend nur<lb n="19"/>darauf gegründet und eine falsche daraus entsprungen ist, so kan ihm nur durch die<lb n="20"/>Entgegensezung einer gleicher Autorität, einer göttlichen beigekommen werden;<lb n="21"/>daher Jesus für seine Lehren nicht deswegen Aufmerksamkeit verlangt, weil sie den<lb n="22"/>moralischen Bedürfnissen unsers Geistes angemessen, sondern weil sie Gottes Willen<lb n="23"/>seyen; diese Übereinstimmung dessen, was er sagte, mit dem Willen Gottes, daß wer<lb n="24"/>an ihn glaube, an den Vater glaube, daß er nichts lehre, als was ihn der Vater gelehrt<lb n="25"/>habe (welches bei Johannes besonders die herrschende, und immer wiederkehrende<lb n="26"/>Vorstellung ist), ohne diese Autorität für sich zu haben, konnte Jesus durch eine noch<lb n="27"/>so beredte Vorstellung des Werths der Tugend an sich, nicht auf seine Zeitgenossen<lb n="28"/>wirken; er mochte nun sich einer Verbindung mit Gott selbst bewust seyn, oder auch<lb n="29"/>nur das uns in die Brust gegrabene Gesez für eine unmittelbare Offenbahrung der<lb n="30"/>Gottheit gehalten¹ [haben], und durch die Gewisheit, daß er nur lehre, was dieses</p>
<note xml:id="fn-289-2" place="margin" n="" target="#GW01-s309-z1" ana="#j.ohne-teil">Jesus spricht viel von seinem Individuum</note>
<note xml:id="fn-289-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>daß es ein Funken der Gottheit sey.</note>
<pb n="290" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=310" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Gesez gebiete, sich der Übereinstimmung der Lehre mit dem Willen Gottes bewust<lb n="2"/>gewesen seyn. Wie weit diß gehen könne, daß die Menschen ihrer eignen angestamm<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ten Kraft und Freiheit entsagen, daß sie sich so willig unter eine ewige Vormund<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schaft beugen, daß die Anhänglichkeit an diese Ketten der Vernunft desto grösser<lb n="5"/>wird, je lästiger sie werden, – davon sieht jeder alle Tage Beispiele vor sich. Neben<lb n="6"/>der Empfehlung einer Tugendreligion muste Jesus auch nothwendig immer sich, den<lb n="7"/>Lehrer derselben, ins Spiel bringen – und Glauben an seine Person fodern, dessen<lb n="8"/>seine VernunftReligion nur bedurfte, um sich dem positiven entgegenzusezen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s310-z9" n="9"/>Eine andre Ursache, die in der erstern gegründet war, kam hinzu, nemlich die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wartung eines Messias, der mit Macht angethan, als ein Bevollmächtigter des Jehova<lb n="11"/>ihren Staat wieder von neuem gründen sollte, – eine neue Belehrung, als die die Juden<lb n="12"/>schon in ihren Urkunden besaßen, waren sie nur von diesem Messias anzunehmen<lb n="13"/>geneigt. Das Gehör, das sie, und die meisten seiner nähern Freunde, Jesu gaben,<lb n="14"/>gründete sich gröstentheils auf die Möglichkeit, daß er es vielleicht seye, und sich<lb n="15"/>bald in seiner Grösse zeigen werde – Jesus, der unter keiner andern Bedingung, als<lb n="16"/>durch diese Vermuthung Eingang finden konnte, konnte ihr nicht geradezu wider<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sprechen; aber er suchte, das was sie von dem Messias erwarteten, mehr auf morali<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sches zu leiten, und sezte [die] Zeit der Erscheinung seiner Grösse hinaus in die Zeit<lb n="19"/>nach seinem Tode. Wie sehr seine Jünger noch an diesem Glauben gehangen haben,<lb n="20"/>ist oben errinnert worden. – Wieder eine Veranlassung, von seiner Person zu spre<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>chen. Eine andere war auch die Gefahr, worin er für seine Sicherheit, Freiheit und<lb n="22"/>Leben schwebte; diese Besorgnisse für seine Person nöthigten ihn sich oft zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>theidigen, seine Absichten, den Zwek der Lebensart, die er gewählt hatte, zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>klären, und an die Empfehlung der Gerechtigkeit überhaupt die Empfehlung der<lb n="25"/>Gerechtigkeit gegen sich anzuknüpfen.</p>
<note xml:id="fn-290-1" place="margin" n="" target="#GW01-s310-z9" ana="#j.ohne-teil">als vom Messias</note>
<p><lb n="26"/>Wie endlich bei einem durch seine Lehre ausserordentlichen Mann auch nach den<lb n="27"/>Umständen seines Lebens gefragt wird, und schon geringe Züge, die von gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen Menschen erzählt gleichgültig sind, [Interesse erweken,] so [muste die] Per<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>son Jesu auch unabhängig von seiner Lehre, durch die Geschichte seines Lebens, und</p>
<pb n="291" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=311" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>ungerechten Todes noch unendlich wichtiger werden, und die Einbildungskraft und<lb n="2"/>Aufmerksamkeit an sich fesseln. Wir nehmen an interessanten Schiksalen unbekann<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ter, selbst erdichteter Personen Antheil, leiden, freuen uns mit ihnen, fühlen die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gerechtigkeit, die einem Irokesen widerfährt; wie viel tiefer muste, das Bild ihres<lb n="5"/>unschuldig aufgeopferten Freundes und Lehrers, seinen Freunden gegenwärtig seyn?<lb n="6"/>wie werden sie bei Ausbreitung der Lehre, den Lehrer vergessen können? Ein dank<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bares Andenken an ihn, sein Lob, wird ihnen so theuer, so angelegentlich seyn als<lb n="8"/>seine Lehre. Noch angelegentlicher aber mus es ihnen werden, durch [das] ausser<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ordentliche, menschliche Natur und Kräfte übersteigende in seiner Geschichte.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s311-z10" n="10"/>Ein grosser Theil des Zutrauens und der Aufmerksamkeit, die Jesus unter den<lb n="11"/>einen selbsterrungenen und in sich selbst gegründeten Glaubens unfähigen Juden er<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>hielt, war seinen Wundern zuzuschreiben, ungeachtet daß eine solche Kraft seinen<lb n="13"/>gelehrtern Zeitgenossen wie es scheint, nicht sosehr auffiel (z. B. Heilung der Dämo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nischen verrichteten auch Juden – ferner als Jesus die verdorrte Hand in der Syn<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>agoge heilte, fiel ihnen nicht diese Heilung, sondern die Entweihung des Sabbaths<lb n="16"/>zunächst auf) wie es doch bei Leuten, die mit dem, was durch Natur möglich ist oder<lb n="17"/>nicht, wohl bekannter sind, als gemeine Leute, hätte geschehen sollen, – ungeachtet<lb n="18"/>dessen, was Gegner des Christenthums gegen die Wirklichkeit, und Philosophen<lb n="19"/>gegen die Möglichkeit der Wunder vorgebracht haben, so wird soviel von allen zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gestanden, und diß ist hier genug für uns; daß diese Thaten Jesu Wunder für seine<lb n="21"/>Schüler und Freunde waren. Nichts hat wohl sosehr als dieser Glauben an Wundern<lb n="22"/>dazu beigetragen, die Religion Jesu positiv zu machen, sie gänzlich selbst ihrer Tugend<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lehre nach auf Autorität zu gründen. Ungeachtet Jesus nicht wegen dieser seiner<lb n="24"/>Wunder, sondern wegen seiner Lehre Glauben verlangte, ungeachtet ewige Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>heiten ihrer Natur nach, wenn sie nothwendig und allgemeingültig seyn sollen, auf<lb n="26"/>das Wesen der Vernunft allein, nicht auf, für die Vernunft zufällige Erscheinungen<lb n="27"/>der aüssern Sinnenwelt allein gegründet werden können, so nahm izt doch die Über<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>zeugung von der Verbindlichkeit zur Tugend folgenden Weg – Wunder auf Treu<lb n="29"/>und Glauben angenommen, begründeten einen Glauben, eine Autorität des Thäters<lb n="30"/>derselben, und diese Autorität desselben wurde das Princip der Verbindlichkeit zur<lb n="31"/>Moralität, und die Christen hätten auf diesem Wege, wenn sie immer an das Ziel</p>
<note xml:id="fn-291-1" place="margin" n="" target="#GW01-s311-z10" ana="#j.ohne-teil">Wunder.</note>
<pb n="292" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=312" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>desselben gelangt wären, noch viel vor den Juden voraus gehabt; aber so blieben sie<lb n="2"/>zulezt auf dem halben Wege stehen; und wie die Juden, Opfer, Ceremonien, und<lb n="3"/>einen Frohnglauben, so machten sie Lippendienst, aüsserliche Handlungen, innere<lb n="4"/>Empfindungen, einen historischen Glauben zum Wesen der Religion – Ausserdem,<lb n="5"/>daß dieser Umweg zur Moralität über Wunder, und Autorität einer Person, und<lb n="6"/>dann noch manchen Stationen, an denen man sich aufzuhalten hat, – den Fehler jedes<lb n="7"/>Umweg hat, daß er das Ziel entfernter macht, als es wirklich ist, und den Wanderer<lb n="8"/>leicht veranlassen kan, in seinen Beugungen und zerstreuenden Stationen den Weg<lb n="9"/>gar aus den Augen zu verlieren, so thut er der Würde der Moralität Abbruch, die<lb n="10"/>selbständig jedes andere Fundament verschmäht, sich selbst genug nur auf sich ge<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gründet seyn will. Nicht die Tugendlehre Jesu war es izt mehr, die für sich selbst ein<lb n="12"/>Gegenstand der Achtung seyn sollte, wo sie dann auch Achtung für den Lehrer<lb n="13"/>bewirkt hätte, sondern jene verlangte nur Achtung wegen des Lehrers, und dieser<lb n="14"/>wegen seiner Wunder. Wer auf diesem Umweg ein frommer und tugendhafter<lb n="15"/>Mensch geworden ist, dessen Demuth schreibt seiner eignen Tugendkraft, der Ach<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tung, die er dem Ideal der Heiligkeit zollt, weder den grösten Antheil an seiner<lb n="17"/>moralischen Gesinnung, noch sich überhaupt eigne Fähigkeit oder Empfänglichkeit<lb n="18"/>für Tugend und den Charakter der Freiheit zu; aber der hat diesem Charakter, der<lb n="19"/>Quelle der Moralität, gänzlich entsagt, wer sich jenem Gesez nur aus Furcht vor der<lb n="20"/>Strafe seines Herren gezwungen unterwirft, und also, wenn der theoretische Glaube<lb n="21"/>an diese Gewalt, von der er abhängig ist, in ihm weggenommen ist, er wie ein ent<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fesselter Sklave, kein Gesez mehr kennt, denn das Gesez dessen Joch er trug, hatte<lb n="23"/>er nicht selbst sich gegeben,¹ [nicht seine Vernunft,] denn diese konnte er nicht als eine<lb n="24"/>Freye, als eine Herrinn, sondern muste sie nach dem gelaüfigen Ausdruk, als eine<lb n="25"/>Magd ansehen, und bei seinen Neigungen bleibt ihr izt nur diß Amt übrig. Daß dieser<lb n="26"/>Weg von der Geschichte der Wunder aus zum Glauben an eine Person, von diesem</p>
<note xml:id="fn-292-1" type="rand" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>daher Verlassen einer blos positiven Religion so haüfig Sittenlosigkeit im<lb n="28"/>Gefolge hat, wenn der Glauben blos ein positiver Glauben war – die Schuld des positiven<lb n="29"/>Glaubens unmittelbar, nicht des Verlassens desselben –</note>
<pb n="293" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=313" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Glauben wenn es gut geht, zur Sittlichkeit, – die durch Symbole befohlne Land<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>strasse sey, ist so bekannt, als es erwiesen ist, daß die eigenthümliche Grundlage der<lb n="3"/>Tugend in der Vernunft des Menschen liegt, und daß der Rang der menschlichen<lb n="4"/>Natur, die Stufe der Vollkommenheit, die von ihr gefodert wird, höher zu sezen ist,<lb n="5"/>als auf den Standpunkt der Unmündigkeit, auf dem sie ewig eines Vormund bedarfen<lb n="6"/>soll, und nie in den Stand der Männlichkeit zu tretten vermöge.</p>
<p><lb n="7"/>Ein kleines Ziel zu steken u.s.w. (Klopst.)</p>
<p><lb n="8"/>Jesus erhob seine Religionslehre nicht selbst zu einer eigenthümlichen, sich durch<lb n="9"/>eigne Gebraüche unterscheidenden Sekte, es kam auf den Eifer seiner Freunde, und<lb n="10"/>auf die Art, mit welchem diese seine Lehre aufgefast hatten, an, in was für einer<lb n="11"/>Gestalt, mit welchen Ansprüchen sie dieselbe weiter verkündigen, auf was für Gründe<lb n="12"/>sie dieselbe stüzen würden. Es ist hier also, die Frage, was trugen theils der Charakter<lb n="13"/>und die Talente, der Jünger Jesu, theils die Art ihrer Verbindung mit ihrem Lehrer<lb n="14"/>bei, die Lehre Jesu zu einer positiven Sekte zu machen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s313-z15" n="15"/>So wenig spezielles uns von dem Charakter der meisten Schüler Jesu bekannt ist,<lb n="16"/>so scheint doch soviel gewiß zu seyn, daß sie [sich durch] Rechtschaffenheit, Muth<lb n="17"/>und Standhaftigkeit im Bekennen der Lehre ihres Meisters, durch Demuth und<lb n="18"/>Freundlichkeit auszeichneten; dabei aber an einen eingeschränkten Krais der Thätig<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>keit gewöhnt, ihre Handwerke, so wie man diese gewöhnlich lernt und treibt, hand<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>werkmässig gelernt und getrieben hatten, und sich weder als Generale, noch als tiefe<lb n="21"/>Staatsmänner auszeichneten, im Gegentheil ihren Ruhm darein sezten, dieses nicht zu<lb n="22"/>seyn; – mit diesem Geiste kamen sie in die Bekanntschaft und Schule Jesu; ihr<lb n="23"/>Gesichtskrais erweiterte sich ein wenig, doch nicht über alle jüdische Ideen und Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>urtheile hinaus (s. von Petrus, dem feurigsten unter allen ein Beispiel in der Ap.Gesch.<lb n="25"/>– Nun erst erkenne ich, und das Gefäs mit den verschiedene Thiere – und was oben<lb n="26"/>schon angeführt ist), und ohne einen grossen Schaz eigner Energie des Geistes zu<lb n="27"/>besizen, hatte ihre Überzeugung von der Lehre Jesu vorzüglich auch in ihrer Freund<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schaft und Anhänglichkeit an ihn ihren Grund;¹ ihr Ehrgeiz war, diese getreu auf<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zufassen, und aufzubewahren, und sie ebenso getreu ohne Zusaz, ohne daß sie durch<lb n="30"/>eigne Bearbeitung abweichende Eigenthümlichkeiten erhalten sollte, andern zu über-</p>
<note xml:id="fn-293-2" place="margin" n="" target="#GW01-s313-z15" ana="#j.ohne-teil">positives von seinen Jüngern</note>
<note xml:id="fn-293-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>sie hatten Wahrheit und Freiheit nicht selbst errungen, sondern kamen nur<lb n="32"/>durch mühsames Lernen zu einem dunkeln Gefühl und zu Formeln derselben.</note>
<pb n="294" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=314" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>liefern. Und so muste es seyn, wenn sich die christliche Religion erhalten, wenn sie<lb n="2"/>als öffentliche Religion [sich] festsezen und als solche auf die Nachwelt kommen<lb n="3"/>sollte. Wenn es erlaubt ist, in diesem Punkt das Schiksal der Philosophie des Sokrates,<lb n="4"/>mit dem Schiksal der Lehre Jesu zu vergleichen, so finden wir unter anderm auch in<lb n="5"/>der Verschiedenheit der Schüler beider Weisen, einen Grund, daß die Sokratische<lb n="6"/>Philosophie nicht in Griechenland oder wo es sonst sei, zur öffentlichen Religion<lb n="7"/>gediehen ist.</p>
<p><lb n="8"/>Die Jünger Jesu hatten jedes andre Interesse, das freilich nicht weit gieng, und wel<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ches sie nicht schwer ankommen konnte, aufgegeben, hatten alles verlassen, und waren<lb n="10"/>Jesu nachgefolgt; kein Interesse für den Staat hatten sie nicht, wie ein Republikaner<lb n="11"/>für sein Vaterland hat, alles ihr Interesse war auf die Person Jesu eingeschränkt. Die<lb n="12"/>Freunde des Sokrates hatten von Jugend auf ihre Kräfte vielseitiger entwikelt; hatten<lb n="13"/>republikanischen Geist eingesogen, der jedem Individuum für sich mehr Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit gibt, und es einem etwas guten Kopfe unmöglich macht, ganz und gar nur an<lb n="15"/>einer Person zu hängen, in ihrem Staate war es noch der Mühe werth, sich für ihn zu<lb n="16"/>interessiren, und ein solches Interesse kan nie aufgegeben werden. Sie hatten meist<lb n="17"/>schon andre Philosophen, andre Lehrer gehabt; liebten den Sokrates um seiner Tugend<lb n="18"/>und seiner Philosophie wegen, nicht die Tugend und seine Philosophie um seinet<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>willen. Wie Sokrates selbst für sein Vaterland gestritten, jede Pflichten eines freyen<lb n="20"/>Bürgers im Krieg als tapferer Soldat, im Frieden als gerechter Richter erfüllt hatte,<lb n="21"/>so waren auch alle seine Freunde etwas mehr, als blosse unthätige Philosophen, etwas<lb n="22"/>mehr als blosse Schüler des Sokrates – Sie vermochten dann auch in ihren eignen<lb n="23"/>Köpfen das gelernte zu bearbeiten, und ihm den Stempel eigner Originalität auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zudrüken, viele stifteten eigne Schulen, und waren so gut selbstständig grosse Männer,<lb n="25"/>als Sokrates –</p>
<p><lb xml:id="GW01-s314-z26" n="26"/>Jesus hatte es für gut befunden, die Anzahl seiner vertrauten Freunde auf zwölfe<lb n="27"/>festzusezen, und diesen auch nach seiner Auferstehung grosse Vollmachten als seinen<lb n="28"/>Gesandten und Nachfolgern gegeben. Zur Verbreitung der Tugend hat jeder Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>macht, und um das Reich Gottes auf Erden zu gründen gibt es keine heilige Zahl für<lb n="30"/>Menschen, die sich berufen fühlen, es zu unternehmen; auch Sokrates hatte nicht 7,<lb n="31"/>oder 3 mal 3 – Jünger, jeder Freund der Tugend war ihm willkommen; für eine</p>
<note xml:id="fn-294-1" place="margin" n="" target="#GW01-s314-z26" ana="#j.ohne-teil">Zwölf</note>
<pb n="295" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=315" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>bürgerliche Verfassung ist es zwekmässig, und nöthig, für die Representation des<lb n="2"/>Volks, für Gerichte die Zahl der Mitglieder zu bestimmen, und darauf festzuhalten –<lb n="3"/>aber eine Tugendreligion kan solche Formen aus Staatsverfassungen, nicht an<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>nehmen; durch die Einschränkung des grösten Ansehens auf eine bestimmte Anzahl,<lb n="5"/>wurde ein Ansehen von Individuen gegründet, und dieser Umstand wurde nachher<lb n="6"/>in der Konstitution der christlichen Kirche, je mehr sich diese ausbreitete, immer<lb n="7"/>etwas wesentlicheres, machte Concilien möglich, die nach der Mehrheit der Stimmen<lb n="8"/>über Wahrheiten absprachen, und ihre Dekrete der Welt als Glaubens-Norm auf<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>drangen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s315-z10" n="10"/>Ein andrer Umstand ist auffallend in der Geschichte Jesu – er schikte einmal eine<lb n="11"/>grössere, und ein andersmal eine geringere Anzahl seiner Freunde und Zuhörer in<lb n="12"/>Gegenden, die er selbst nicht zu bereisen und zu erleuchten Gelegenheit hatte. Beide<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>male scheinen sie nicht länger als einige Tage von ihm entfernt gewesen zu seyn – In<lb n="14"/>der kurzen Zeit, die sie auf diesen Reisen der Bildung und Besserung der Menschen<lb n="15"/>widmen konnten, war es unmöglich viel auszurichten – Höchstens konnten sie das<lb n="16"/>Volk auf sich und ihren Lehrer aufmerksam [machen], die Geschichte seiner wunder<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>baren Thaten verbreiten, aber für die Tugend keine grosse Eroberungen machen;<lb n="18"/>und eine solche Art eine Religion zu verbreiten, kan nur einem positiven Glauben<lb n="19"/>zukommen; für die Ausrottung jüdischen Aberglaubens, und für die Verbreitung der<lb n="20"/>Sittlichkeit konnte kein Gewinn entstehen, da Jesus selbst durch jahrelange Bemühung<lb n="21"/>und Umgang seine vertrautesten Freunde noch nicht sehr weit gebracht hatte.</p>
<note xml:id="fn-295-1" place="margin" n="" target="#GW01-s315-z10" ana="#j.ohne-teil">Ausschikkung derselben ins Land</note>
<p><lb xml:id="GW01-s315-z22" n="22"/>Merkwürdig ist in dieser Rüksicht auch noch der Befehl, den Jesus nach seiner<lb n="23"/>Auferstehung seinen Jüngern zur Ausbreitung seiner Lehre und seines Namens gibt.<lb n="24"/>So charakteristisch der rührende Abschied vor seinem Tode in dem Munde eines<lb n="25"/>Tugendlehrers ist, der mit der Stimme der zärtlichsten Freundschaft, mit dem<lb n="26"/>begeisternden Gefühle des Werths der Religion und Sittlichkeit, in dem wichtigsten<lb n="27"/>Momente seines Lebens, die wenigen ihm übrigen Augenblike noch dazu anwendet,<lb n="28"/>seinen Freunden Liebe und Duldsamkeit zu empfehlen, ihnen Gleichgültigkeit gegen<lb n="29"/>die Gefahren, in welche sie Tugend und Wahrheit bringen könnte, einzuprägen, so<lb n="30"/>sehr charakterisirt der Befehl nach seiner Auferstehung den Lehrer einer positiven</p>
<note xml:id="fn-295-2" place="margin" n="" target="#GW01-s315-z22" ana="#j.ohne-teil">Auferstehung und Befehl nach seiner Auferstehung</note>
<pb n="296" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=316" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Religion, besonders wie dieser Befehl bei Markus ausgedrükt ist. Statt: gehet hin<lb n="2"/>u.s.w. hätte ein Tugendlehrer vielleicht gesagt: ein jeder in dem Kraise der Thätig<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>keit, den ihm Natur und Vorsehung angewiesen, wirke soviel gutes als möglich; in<lb n="4"/>jenem Abschiede legt der Tugendlehrer allen Werth auf das Thun, hier auf Glauben;<lb n="5"/>hier sezt er auch ein aüsseres Zeichen, das Taufen, als Unterscheidungszeichen, und<lb n="6"/>macht diese 2 positive Sachen, Glauben, und getauft werden zur Bedingung der<lb n="7"/>Seeligkeit, und auf den Unglauben sezt er Verdammniß. Man mag den Glauben noch<lb n="8"/>so sehr hinaufsteigern zu einem lebendigen in Werken der Barmherzigkeit und<lb n="9"/>Menschenliebe thätigen glauben, und den Unglauben so sehr herabsezen zu einer<lb n="10"/>gegen sein besseres Wissen, und gegen Gewissen hartnäkigen Weigerung, die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>heit des Evangeliums anzuerkennen, und zugeben, daß nur ein solcher Glauben und<lb n="12"/>Unglauben gemeint sey, wenn es auch schon nicht gerade in den dürren Worten<lb n="13"/>liege, so bleibt ihm doch noch etwas positives wesentlich anklebend, und dieses<lb n="14"/>positive ist an Würde der Moralität wenigstens gleich, als unzertrennlich von ihr<lb n="15"/>gesezt, es ist Seeligkeit und Verdammniß daran gebunden – Daß aber diß positive<lb n="16"/>vorzüglich auch in diesem Befehl gemeint sey, erhellt auch aus dem folgenden, wo<lb n="17"/>die Gaben, die Eigenschaften, die den Glaubigen werden zu theil werden, angegeben:<lb n="18"/>in seinem Namen Teufel auszutreiben, mit neuen Zungen zu reden, Schlangen ohne<lb n="19"/>Gefahr aufzuheben, ohne Gefahr giftige Getränke zu verschluken, Kranke durch<lb n="20"/>Auflegung der Hände zu heilen. Auffallend kontrastiren die Eigenschaften, die hier<lb n="21"/>den gottwohlgefälligen Menschen zugeschrieben werden, mit dem was besonders<lb n="22"/>Matth. 7,22. gesagt wird; hier werden gerade die ähnliche Züge im Gemählde auf<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>geführt, nemlich in Jesu Namen Teufel auszutreiben, in seinem Namen Propheten-<lb n="24"/>Sprache zu reden (welches bekanntlich einen weitern Umfang hat, als bloß zu weis<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sagen und mit καιναις γλωσσαις λαλειν so zimlich zusammentrift, oder wenigstens<lb n="26"/>damit verwandt ist) und andre viele gewaltige Thaten zu thun, und doch mit allen<lb n="27"/>diesen Eigenschaften könne ein Mensch so beschaffen seyn, daß das Urtheil der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>werfung von dem Richter der Welt ausgesprochen werde. Diese Worte Marc. 16,</p>
<pb n="297" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=317" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>15–18. sind nur in dem Munde eines Lehrers einer positiven Religion nicht in dem<lb n="2"/>Munde eines Tugendlehrers möglich.</p>
<p><lb n="3"/>Diese verschiedene Umstände, die sich in der Lehre Jesu finden, ausserdem daß sie<lb n="4"/>einen unbedingten und uneigennüzigen Gehorsam gegen den Willen Gottes und das<lb n="5"/>Sittengesez fodert, und denselben zur Bedingung des Wohlgefallens Gottes und der<lb n="6"/>Hofnung der Seeligkeit macht, konnten es veranlassen, daß diejenigen die seine Re<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ligion aufbehielten, und verbreiteten, die Kenntnis des Willens Gottes, und die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>pflichtung zu demselben, allein auf die Autorität Jesu gründeten, daß sie selbst die<lb n="9"/>Anerkennung dieser Autorität, als einen Theil des göttlichen Willens, und also eine<lb n="10"/>Pflicht aufstellten, daß die Vernunft zu einem bloß empfangenden, nicht gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gebenden Vermögen gemacht, und alles, was sich sonst als Lehre Jesu, und nachher<lb n="12"/>seiner Stellvertreter erweisen liesse, bloß deswegen weil es Lehre Jesu sey, als Willen<lb n="13"/>[Gottes] geachtet, und daß daran Seeligkeit und Verdammnis gebunden wurde; daß<lb n="14"/>selbst die Tugendlehren izt positiv, d. h. als nicht für sich selbst, sondern als Gebote<lb n="15"/>Jesu verpflichtend, das innere Criterium ihrer Nothwendigkeit verloren, und mit<lb n="16"/>jedem andern positiven, speziellen Gebot, mit jeder aüssern Anordnung, die in<lb n="17"/>Umständen oder auf Klugheit gegründet ist, in gleichen Rang gesezt wurden, und<lb n="18"/>was sonst ein widersprechender Begrif ist, die Religion Jesu wurde zu einer positiven<lb n="19"/>Tugendlehre. Daß nun die Lehre Jesu nicht blos sich nur von dem öffentlichen Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ben unterschied, und denselben für gleichgültig hielt, und also nur eine philosophische<lb n="21"/>Schule bildete, sondern diesen öffentlichen Glauben, und die Befolgung seiner Gebote<lb n="22"/>und Gebraüche auch für sündlich hielt, und [den] lezten Endzwek des Menschen nur<lb n="23"/>als durch ihre Gebote, die theils in Tugendgeboten theils in positiven Glaubens<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>meinungen und Ceremonien bestunden, erreichbar vorstellte – daß die Lehre Christi<lb n="25"/>also zu einem positiven SektenGlauben wurde, daraus entwikelten sich für ihre<lb n="26"/>aüssere Form sowohl als für ihren Innhalt, die wichtigsten Folgen, die sie von dem,<lb n="27"/>was man anfängt für das Wesen jeder wahren, und auch der christlichen Religion<lb n="28"/>zu halten, von der Bestimmung, die Pflichten des Menschen und die Triebfedern<lb n="29"/>zu denselben, in ihrer Reinheit aufzustellen, und die Möglichkeit des höchsten<lb n="30"/>Guts durch die Idee von Gott zu zeigen, immer mehr und mehr abgebracht<lb n="31"/>haben.</p>
<pb n="298" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=318" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb xml:id="GW01-s318-z1" n="1"/>Einer Sekte, die die Tugendgebote, als positive Gebote betrachtet, und damit noch<lb n="2"/>andre positive Gebote verbindet, kleben Eigenthümlichkeiten an, die einer blos<lb n="3"/>philosophischen Sekte (d. h. deren Gegenstand zwar auch religiöse Lehren sind, die<lb n="4"/>aber keinen andern Richter als die Vernunft anerkennt) ganz fremd sind, die zwar<lb n="5"/>bei einer kleinen Gesellschaft von Sektenglaübigen angemessen, erlaubt und für sie<lb n="6"/>zwekmässig sind, die aber, sobald die Gesellschaft, ihr Glauben ausgebreiteter, ja<lb n="7"/>allgemein in einem Staate wird, theils nicht mehr angemessen bleiben, oder wenn sie<lb n="8"/>doch beibehalten werden, einen andern Sinn bekommen, theils wirklich ungerecht<lb n="9"/>und unterdrükkend werden – Blos aus dem Grunde, daß auch die Anzahl der Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sten sich mehrte, zulezt alle Bürger des Staates umfaste, wurden Anordnungen und<lb n="11"/>Anstalten, die Niemands Rechte kränkten, als die Gesellschaft noch klein war, – zu<lb n="12"/>Staats- und Bürgerpflichten, die es nie werden konnten.</p>
<note xml:id="fn-298-1" place="margin" n="" target="#GW01-s318-z1" ana="#j.ohne-teil">Was anwendbar in einer kleiner Gesellschaft ist, ungerecht in einem Staate.</note>
<p><lb n="13"/>Manches, was dem kleinen Haüfchen der SektenGlaübigen, eigenthümlich war,<lb n="14"/>mußte mit Vergrösserung ihrer Anzahl ganz wegfallen – z. B. die so enge Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>einigung und Verbrüderung der Mitglieder, die sich um so näher zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schlossen, je mehr sie gedrükt und verachtet wurden. Dieses Band des gleichen Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>bens ist so loker geworden, daß wen nicht sonst Freundschaft, oder Interesse zu<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sammenknüpft, durch dasselbe in weiter keine enge Verbindung kommt, und<lb n="19"/>wer um in irgend etwas unterstüzt zu werden, keine andre Titel, Armuth, Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dienste, Talente, oder Reichthum, nichts als die Brüderschaft in Christo aufweisen<lb n="21"/>kan, der wird auf das Mitleiden oder Empfehlung selbst guter Christen wenig rechnen<lb n="22"/>können. Jene enge Verbindung der Christen, als einer positiven Sekte, war von dem<lb n="23"/>Verhältniß, in welchem die Freunde einer philosophischen Sekte stehen mögen, ganz<lb n="24"/>verschieden – Sich einer philosophischen Sekte zuzugesellen, ändert in den haüslichen,<lb n="25"/>bürgerlichen und sonstigen Verhältnissen wenig, oder nichts; man bleibt mit Frau<lb n="26"/>und Kindern und allen unstudierten Leuten auf dem gleichen Fuß, und die Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>liebe, die der Freund einer philosophischen Sekte etwa hat, wird die gleiche Richtung<lb n="28"/>und Umfang behalten; hingegen, wer sich mit der kleinen christlichen Sekte ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>band, entfernte sich dadurch von vielen, die sonst Verwandschaft, Amt oder Dienst<lb n="30"/>an ihn geknüpft hatte, sein Mitleiden, seine Wohlthätigkeit wurde auf einen be-</p>
<pb n="299" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=319" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>stimmten engen Krais eingeschränkt, der sich izt wegen der Gleichheit der Meinun<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gen, seiner Menschenliebe, seinen Dienstleistungen, dem Einfluß, den er etwa sonst<lb xml:id="GW01-s319-z3" n="3"/>haben konnte, vorzüglich empfahl. Ebensobald verlor sich die nur einer kleinen<lb n="4"/>Sekte mögliche Gemeinschaft der Güter, wo es dem in die Gemeine aufgenommenen<lb n="5"/>Glaübigen zu einem Verbrechen an der Majestät der Gottheit gemacht wurde, von<lb n="6"/>seinem Eigenthume etwas für sich zurükzubehalten – Diese Maxime, die für den, der<lb n="7"/>nichts besaß, so zuträglich, für den aber eine schwere Aufgabe seyn muste, der ein<lb n="8"/>Eigenthum hatte, und izt aller Sorge dafür entsagen sollte, welche bisher die ganze<lb n="9"/>Sphäre seiner Thätigkeit ausgefüllt hatte – diese Maxime würde, wenn mit aller<lb n="10"/>Strenge darauf wäre gehalten worden, der Ausbreitung des Christenthums wenig<lb n="11"/>Vorschub gethan haben, und sie wurde daher frühzeitig, weislich oder nothgedrungen<lb n="12"/>insofern aufgegeben, als sie izt von dem, der in die Gesellschaft aufgenommen werden<lb n="13"/>wollte, nicht mehr als eine Bedingung seiner Aufnahme gefodert wurde, aber desto<lb n="14"/>mehr freiwillige Beiträge zur Kasse der Gesellschaft als ein Mittel sich im Himmel<lb n="15"/>einzukaufen, eingeschärft [wurden]; wodurch die Geistlichkeit in der Folge noch<lb n="16"/>gewan, indem sie den Layen diese Freigebigkeit gegen sich empfahl, aber sich wohl<lb n="17"/>hütete, ihr eignes erworbenes Eigenthum zu verschleudern, und so um sich selbst,<lb n="18"/>als die Armen und Hülfsbedürftigen, zu bereichern, die andre Hälfte der Menschen<lb n="19"/>zu Bettlern machte –</p>
<note xml:id="fn-299-1" place="margin" n="" target="#GW01-s319-z3" ana="#j.ohne-teil">Gemeinschaft der Güter</note>
<p><lb n="20"/>In der katholischen Kirche hat sich diese Bereicherung der Klöster, Geistlichen<lb n="21"/>und Kirchen erhalten, wovon den Armen wenig und diß wenige auf eine Art zu<lb n="22"/>theil wird, daß die Bettelei dadurch sich erhält, und durch eine unnatürliche Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>kehrung der Dinge an manchen Orten der herumziehende Tagdieb, der auf der<lb n="24"/>Strasse übernachtet, besser daran ist, als der fleissige Arbeitsmann. In der protestan<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tischen Kirche wird der etwaige Beitrag an Butter und Eiern dem Seelenhirten frei<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>willig als einem Freunde, wenn er sich die Zuneigung seiner Heerde erwirbt, nicht<lb n="27"/>als ein Mittel den Himmel zu erkaufen, gereicht; und in Ansehung des Allmose von<lb n="28"/>der Thüre des mildthätigen wird auch ein armer Betteljude nicht weggejagt.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s319-z29" n="29"/>In Ansehung der Gleichheit unter den ersten Christen, da der Sklave der Bruder<lb n="30"/>seines Herrn wurde, da Demuth, sich über niemand zu erheben, die Menschen nicht<lb n="31"/>nach Ehren und Würden, nicht nach Talenten und andern glänzenden Eigenschaften,<lb n="32"/>sondern nach der Stärke ihres Glaubens zu schäzen, das Gefühl seiner eignen Un-</p>
<note xml:id="fn-299-2" place="margin" n="" target="#GW01-s319-z29" ana="#j.ohne-teil">Gleichheit</note>
<pb n="300" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=320" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>würdigkeit, das erste Gesez eines Christen wurde, diese Theorie ist allerdings in<lb n="2"/>ihrem ganzen Umfange beibehalten worden, aber klüglich wird beigefügt, daß es so<lb n="3"/>in den Augen des Himmels sey, und es wird daher in diesem Erden-Leben weiter<lb n="4"/>keine Notiz davon genommen; und der Einfältige, der diese Grundsäze der Demuth<lb n="5"/>und der die Verabscheuung alles Stolzes und aller Eitelkeit mit rührender Beredsam<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>keit von seinem Bischoffe oder Superintendenten vortragen hört, und [die] Miene<lb n="7"/>der Erbauung mitansieht, womit die vornehmen Herren und Damen diß in der<lb n="8"/>Gemeine mitanhören, der einfältige, der izt nach der Predigt seinen Prälaten sammt<lb n="9"/>den vornehmen Herren und Damen vertraulich anginge, und in ihnen demüthige<lb n="10"/>Brüder und Freunde zu finden hoffte, würde in ihrer lächelnden oder verächtlichen<lb n="11"/>Mine bald lesen können, daß diß nicht so dem Worte [nach] zu nehmen sey, daß<lb n="12"/>davon erst im Himmel eigentlich die Anwendung werde zu finden seyn – und wenn<lb n="13"/>vornehme christliche Prälaten noch heutigstags einer Anzahl Armen jährlich die<lb n="14"/>Füsse waschen, so ist das nicht viel mehr als eine Comödie, nach welcher alles beim<lb n="15"/>Alten belassen wird, und die auch dadurch an Bedeutung verlohren hat, daß das<lb n="16"/>Fußwaschen nach unsern Sitten nicht mehr wie den Juden eine tägliche Handlung<lb n="17"/>und eine Höflichkeit gegen Gäste war, die gewöhnlich nur die Sklaven oder die<lb n="18"/>Bediente verrichteten – dahingegen das jährliche Pflügen des chinesischen Kaisers,<lb n="19"/>so sehr es zu einer Comedie herabgesunken ist, doch dadurch noch mehr und eine<lb n="20"/>unmittelbarere Bedeutung für jeden Zuschauer behalten hat, daß den Akker zu<lb n="21"/>pflügen, immer noch eine Hauptbeschäftigung des grösten Theil seiner Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>thanen ist.</p>
<p><lb n="23"/>So hat auch eine andre Handlung in dem Munde und unter den Augen des Tugend<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lehrers Jesu selbst, eine ganz andre Gestalt in der eingeschränkten und dann wieder<lb xml:id="GW01-s320-z25" n="25"/>eine andre in der allgemeingewordenen Sekte erhalten. Wenn man ohne durch<lb n="26"/>dogmatische Begriffe die Gabe der Auslegung geschärft zu haben, die Geschichte der<lb n="27"/>lezten, oder einiger lezten Abende liest, die Jesus noch im Schoose der vertrauten<lb n="28"/>Freundschaft zubrachte, so findet man die Unterhaltung sicher erhaben, die er mit<lb n="29"/>seinen Jüngern über Ergebenheit in sein Schiksal, die Erhabenheit des Tugendhaften</p>
<note xml:id="fn-300-1" place="margin" n="" target="#GW01-s320-z25" ana="#j.ohne-teil">Abendmahl</note>
<pb n="301" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=321" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>über Leiden und Ungerechtigkeiten in dem Bewustseyn seiner Pflicht, allgemeine<lb n="2"/>Menschenliebe, durch welche allein der Gehorsam gegen Gott bewiesen werden<lb n="3"/>könne [geführt hat]. Ebenso rührend und menschlich ist die Art, wie Jesus das<lb n="4"/>jüdische Passah zum leztenmahle mit ihnen feiert, sie dabei errinnert, wenn sie nun<lb n="5"/>ihre Pflichten erfüllt, und bei einem religiösen oder sonst einem freundschaftlichen<lb n="6"/>Mahle, sich erhohlten, seiner, ihres treuen Freunds und Lehrers, der nicht mehr in<lb n="7"/>ihrer Mitte seyn werde, zu gedenken, beim Genuß des Brodes sich seines für die<lb n="8"/>Wahrheit aufzuopfernden Leibes, beim Genuß des Weins seines zu vergiessenden<lb n="9"/>Blutes sich zu erinnern, ein Sinnbild, wodurch er in der Vorstellung, das Andenken<lb n="10"/>an sich mit Theilen der Mahle, die sie geniessen würden, selbst in Verbindung sezte,<lb n="11"/>das zwar aus Gegenständen, die gerade gegenwärtig waren, sehr natürlich gegriffen<lb n="12"/>war, aber blos von der ästhetischen Seite betrachtet, etwas spielend scheinen kan,<lb n="13"/>aber doch an sich gefälliger ist, als der solange durchgeführte Gebrauch der Worte,<lb n="14"/>Blut und Fleisch, Speise und Trank, Joh. 6,47ss.¹ der selbst von Theologen für etwas<lb n="15"/>hart erklärt worden ist.</p>
<p><lb n="16"/>Diese menschliche Bitte eines Freundes, der von seinen Freunden Abschied nimmt,<lb n="17"/>wurde bald von den zur Sekte gewordenen Christen, in ein Gebot, das den Befehlen<lb n="18"/>der Gottheit gleich ist, die Pflicht, das Andenken des Lehrers zu ehren, die aus der<lb n="19"/>Freundschaft freiwillig hervorgeht, in eine religiöse Pflicht, und das Ganze in eine<lb n="20"/>misteriöse gottesdienstliche Handlung verwandelt, die an die Stelle der jüdischen<lb n="21"/>und römischen Opfermahlzeiten tratt; wobei die Arme durch die Freigebigkeit der<lb n="22"/>Reichern in den Stand gesezt wurden, diese Pflicht auch zu erfüllen, die sie sonst<lb n="23"/>dürftig oder mit Mühe verrichtet hätten, und die ihnen dadurch angenehm wurde.<lb n="24"/>Bald wurde solchen Mahlzeiten zur Ehre Christi, ausser der Kraft, die jede gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>liche gesunde Mahlzeit auf den Körper, die eine freie Unterhaltung auf die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>heiterung, oder hier fromme Gespräche auf die Erbauung hatten, eine hievon un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>abhängige Wirkung zugeschrieben. Wie aber bei der Allgemeinerwerdung des<lb n="28"/>Christenthums eine grössere Ungleichheit des Ranges der Christen statt fand, die zwar<lb n="29"/>in der Theorie verworfen, aber in praxi beibehalten wurde, so hörte ein solches<lb n="30"/>Fraternisiren auf, und statt daß ehmals hie und da die Klage geführt wurde, daß die</p>
<note xml:id="fn-301-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>in metaphorischem Sinne</note>
<pb n="302" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=322" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Mahle der geistlichen Liebe, zuweilen in Gelage und Scenen einer fleischlichen Liebe<lb n="2"/>ausgeartet seyen, so wurde nach und nach an der leiblichen Sättigung immer mehr<lb n="3"/>und mehr abgezogen, dagegen die geistliche, mystische desto höher angeschlagen,<lb n="4"/>und andre geringfügigere Empfindungen, die im Anfang dabei statt fanden, freund<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schaftliche Unterhaltung, geselliges Beisammenseyn, wechselseitige Öfnung und Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heiterung der Gemüther kommen bei einem so erhabenen Genuß nicht mehr in<lb n="7"/>Betrachtung.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s322-z8" n="8"/>Eine andre Eigenthümlichkeit einer positiven Sekte, ist ihr Eifer sich auszubreiten,<lb n="9"/>für ihren Glauben und für den Himmel Proselyten zu machen.</p>
<note xml:id="fn-302-2" place="margin" n="" target="#GW01-s322-z8" ana="#j.ohne-teil">Ausbreitungssucht</note>
<p><lb n="10"/>So wie der rechtschaffene Mann,¹ der einem philosophischen System zugethan ist,<lb n="11"/>das Moralität zur Grundlage und zum Ziel alles Lebens und Philosophirens macht,<lb n="12"/>– die Inkonsequenz des Epikuräers, oder überhaupt eines jedes übersieht, der Glük<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seeligkeit zum Princip seines moralischen Systems macht; wenn in einem solchen,<lb n="14"/>ungeachtet seiner Theorie, die in strenger Konsequenz verfolgt, keinen Unterschied<lb n="15"/>zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Unsittlichkeit übrig lassen würde, – den<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>noch der bessere Theil seiner selbst die Oberhand in ihm behält; so wie er auch den<lb n="17"/>Christen hochschäzt, der aus seinem dogmatischen Systeme oder wenigstens aus<lb n="18"/>mancher Seite desselben, für sein Gewissen Polster einer falschen Beruhigung sich<lb n="19"/>zurechtmachen könnte, aber eher sich an das wahre göttliche seiner Religion, an das<lb n="20"/>Moralische hält, und ein Tugendhafter Mann ist; – und wie ihn ein solcher Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>spruch zwischen Kopf und Herzen eher veranlast, die unbestechbare Macht des Ichs<lb n="22"/>zu bewundern, das über Tugendzerstöhrende Überzeugungen des Verstands und<lb n="23"/>gelernte Worte des Gedächtnisses triumphirt, so wird auch der rechtschaffene Mann,<lb n="24"/>welcher positiven Sekte er zugethan sey, Moralität als das höchste seines Glaubens<lb n="25"/>anerkennen, und in jedem andern Sektenglaübigen, in dem er einen Freund der<lb n="26"/>Tugend findet, einen Bruder, einen Anhänger der gleichen Religion umarmen – und<lb n="27"/>ein solcher Christ wird zu einem solchen Juden sagen wie der Klosterbruder zu<lb n="28"/>Nathan:</p>
<note xml:id="fn-302-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>der rechtschaffene Mann, dem es Tugend zu verbreiten am Herzen liegt, ist<lb n="30"/>dabei ebenso tief von dem Gefühl des Recht eines jeden, seine eigene Überzeugung und seinen<lb n="31"/>Willen zu haben, durchdrungen – und ist billig genug, die zufälligen Verschiedenheiten der<lb n="32"/>Meinung und des Glaubens für ausserwesentlich zu halten – und für etwas, an das, wenn es<lb n="33"/>einmal gewählt ist, kein andrer ein Recht hat, es zu ändern.</note>
<pb n="303" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=323" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<quote><lb n="1"/>Ihr seyd ein Christ, bei Gott, ihr seyd ein Christ!<lb n="2"/>Ein beßrer Christ war nie!</quote>
<p><lb n="3"/>einem solchen Christen entgegnet ein solcher Jude –</p>
<quote><lb n="4"/>Wohl uns! denn was<lb n="5"/>mich Euch zum Christen macht, das macht euch mir<lb n="6"/>zum Juden!</quote>
<p><lb n="7"/>Ja! wohl euch! denn Reinheit des Herzens war euch beiden das wesentliche eures<lb n="8"/>Glaubens, und darum konnte jeder den andern als den Genossen des seinigen be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>trachten.</p>
<p><lb n="10"/>Derjenige, in dessen Augen hingegen das positive seiner Religion einen unend<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichen Werth hat, und dessen Herz über dieses positive nichts höheres zu sezen hat,<lb n="12"/>wird je nachdem sein sonstiger Charakter beschaffen ist, andre Sektenglaübigen ent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>weder bemitleiden, oder verabscheuen – Im ersten Fall wird er den einzigen Weg<lb n="14"/>des Glüks, das er für sich hoft, andern unwissenden, und unglüklichen auch zu weisen<lb n="15"/>sich gedrungen fühlen besonders wenn er sonst Gründe hat, sie zu lieben, um so<lb n="16"/>mehr, da das Mittel, diesen Weg zu finden, so leicht, so leicht scheint, da das Gedächt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>nis in einigen Stunden alles auffassen kan, was dazu nöthig ist, und da der verirrte,<lb n="18"/>wenn er sich nur einmal auf dem rechten Wege findet, so viele Brüder, die ihn<lb n="19"/>unterstüzen, so viele Stärkungsmittel, Ruhepunkte, und Trostpläze findet – Der sich<lb n="20"/>im andern Falle befindet, kan, da sein positiver Glaube so fest mit ihm verwebt ist,<lb n="21"/>als das Gefühl seiner Existenz, nicht anders glauben, als daß denselben nicht annehmen,<lb n="22"/>nur in einem bösen Willen seinen Grund haben könne. Verschiedenheit des Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ters, und der Neigungen finden gewöhnliche Menschen überhaupt begreiflicher und<lb n="24"/>erträglicher, als Verschiedenheit der Meinungen; man hält dafür es sei so leicht, diese<lb n="25"/>zu ändern, und glaubt diß fodern zu können, weil man andern so gern seine Art zu<lb n="26"/>sehen zutraut, oder zumuthet, und was unserm Kopfe verträglich ist, auch dem<lb n="27"/>andern nicht anstössig seyn könne. Auch wirkt als Grund oder als Vorwand der<lb n="28"/>fromme, aber in diesem Falle eingeschränkte Gedanke dabei, es sei Pflicht, die Ehre<lb n="29"/>Gottes zu befördern, ihm die Art der Anbetung und des Dienstes zu verschaffen,<lb n="30"/>die seiner allein würdig sey, und der Unterlassung solcher positiver Meinungen und<lb n="31"/>Gebraüche – als einer Übertrettung der heiligsten Pflichten, zu steuern, von der einer<lb n="32"/>den Übertretter durch Überzeugung oder Überredung zurükzuführen [suchen]</p>
<pb n="304" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=324" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>wird, – welche aber die Spanier in Amerika, und noch izt ihre heilige Inquisition sich<lb n="2"/>berufen fühlt, zu strafen, und diese Verbrechen der beleidigten Majestät der Gottheit<lb n="3"/>durch Mord zu rächen – die meisten übrigen catholischen und protestantischen<lb n="4"/>GlaubensRegierungen durch Ausschliessung von bürgerlichen Rechten zu ahnden.<lb n="5"/>Der einzelne wird von seinem positiven Glauben desto fester überzeugt, je mehrere<lb n="6"/>Personen er davon überzeugen kan, oder überzeugt sieht; der Glauben an Tugend<lb n="7"/>stüzt sich auf das Gefühl ihrer Nothwendigkeit, auf das Gefühl, daß sie eins ist mit<lb n="8"/>dem eigensten Selbst; bei jeden positiven Glaubensmeynungen strebt der Glaubige<lb n="9"/>sein eigenes Gefühl, daß noch Zweifel dagegen möglich sind, die Erfahrung an<lb n="10"/>andern, in denen diese Zweifel bis zu Gründen der Verwerfung jenes positiven Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bens sich verstärkt haben – dadurch zu entfernen, daß er so viele als möglich zu der<lb n="12"/>Fahne seines Glaubens zu versammeln sucht; es kommt den SektenGlaübigen immer<lb n="13"/>eine Art von Befremdung an, wenn [er] von Menschen hört, die nicht seines Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bens sind – und diß Gefühl von Unbehaglichkeit, das sie ihm verursachen, verwan<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>delt sich sehr leicht in Abneigung, in Haß gegen sie; es ist ein Zug der Vernunft, die<lb n="16"/>sich unvermögend fühlt, den positiven auf Geschichte gegründeten Lehren, den<lb n="17"/>Charakter der Nothwendigkeit zu geben, ihnen wenigstens den andern Charakter<lb n="18"/>der VernunftWahrheiten, den der Allgemeinheit so gut sich thut aufzudrükken,<lb n="19"/>oder bei ihnen zu finden; so hat auch unter den sogenannten Beweisen vom Daseyn<lb n="20"/>Gottes, der Beweis ex consensu gentium immer eine Stelle gefunden, und führt wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stens etwas beruhigendes mit sich; selbst gegen die Schrekken der Hölle, hat ja oft<lb n="22"/>der Gedanke, dort nur das Schiksal vieler zu theilen etwas tröstendes gehabt; und<lb n="23"/>jedes, so auch das Joch des Glaubens wird erträglicher, je grössere Gesellschaft man<lb n="24"/>dabei hat, und insgeheim wirkt oft auch ein Unwillen, daß ein anderer von Fesseln,<lb n="25"/>die wir tragen, und von denen wir nicht Kraft genug haben, uns los zu machen, frei<lb n="26"/>seyn wolle, bei der Sucht mit, ihn zum Proselyten zu machen. Da das Christenthum<lb n="27"/>im Gebiete des Haidenthums aber schon so grosse Eroberungen gemacht, da die<lb n="28"/>Theologen es mit grosser Zufriedenheit rühmen, daß die Weissagungen des A. T. in<lb n="29"/>Erfüllung gegangen sind, oder nächstens vollends gehen werden, daß der Glaube<lb n="30"/>Christi bald auf der ganzen Erde ausgebreitet sey, daß ihm alle Völker des Erdbodens</p>
<pb n="305" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=325" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>anhangen, so ist bei einem solchen Überflusse von Christen der BekehrungsEifer<lb n="2"/>lauer geworden, und ungeachtet die Polemik das ganze Arsenal der gegen Haiden<lb n="3"/>und Juden so siegreichen christlichen Waffen aufbehalten hat, auch an den Muham<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>medanern besonders, und auch den Juden noch viel zu thun übrig wäre, so sind doch<lb n="5"/>die Anstalten, die gegen Indianer und Amerikaner gerichtet sind, in Verhältnis<lb n="6"/>mit dem, was man von der Menge, der Überlegenheit in allen Künsten, dem Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>thume der Völker, die zusammen die Christenheit ausmachen, erwarten könnte, – in<lb n="8"/>der That nur dürftig zu nennen; gegen die Juden vollends, die sich mitten unter uns<lb n="9"/>immer mehr einnisteln, zieht höchstens ein Sanftmuth Sieget aus, und seine Ritter<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>züge erweken höchstens die Theilnahme einer eingeschränkten [Anzahl] von Men<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schen. Ungeachtet die schnelle und weite Ausbreitung des Christenthums, durch<lb n="12"/>Wunder, durch den standhaften Muth seiner Bekenner und Märtirer, durch die<lb n="13"/>fromme Klugheit seiner späterer Vorsteher, die zum Besten ihrer guten Sache zu<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>weilen einen heiligen Betrug anzuwenden genöthigt waren, dergleichen ungeweihte<lb n="15"/>aber immer unheilig nennen – ungeachtet diese ausserordentlich schnelle Verbreitung<lb n="16"/>des Christenthums einen grossen Beweis seiner Wahrheit, und der göttlichen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sehung bildet, so findet es sich heutzutage doch nicht selten, daß die erbaulichen<lb n="18"/>Bekehrungsgeschichten aus Malabar, Paraguai oder Kalifornien nicht sowohl wegen<lb n="19"/>der frommen Betriebsamkeit ihrer Verfasser, und wegen der Verkündung des<lb n="20"/>Namens Christi am Ganges oder Mississippi, nicht sowohl wegen dem Zuwachs des<lb n="21"/>Reiches Christi Interesse erweken, als vielmehr in den Augen vieler, die sich Christen<lb n="22"/>nennen, nach der daraus zu schöpfenden Bereicherung der Geographie, der Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>geschichte, und der Kenntnis der Sitten der Völker, geschäzt werden – den Prose<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lyten, die sich hie und da zur Seltenheit selbst anbieten, wird im ganzen wenig Ehre<lb n="25"/>und Aufmerksamkeit erwiesen, so daß die Verwunderung, die man bei diesem<lb n="26"/>Triumphe, bei dem Schauspiel der Taufe eines bekehrten Juden aüssert, von ihm<lb n="27"/>allerdings für einen Glükwunsch, von seiner Verirrung zurükgekommen zu seyn,<lb n="28"/>oder auch fast für Befremdung genommen werden kan, wie er sich in die christliche<lb n="29"/>Kirche verirrt habe. Daß im Ganzen so wenig mehr geschieht, ist aber auch dadurch</p>
<pb n="306" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=326" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>zu entschuldigen, daß die gefährlichsten, die innerlichen Feinde des Christenthums,<lb n="2"/>immer soviele Zurüstungen und Arbeit erfodern, daß man an das Heil der Türken<lb n="3"/>und Samojeden wenig denken kan.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s326-z4" n="4"/>In einer bürgerlichen Verfassung, kommen nur diejenigen Pflichten in Betracht,<lb n="5"/>die aus dem Rechte eines andern erst entspringen; nur insofern kan der Staat mir<lb n="6"/>etwas zur Pflicht machen; das Recht des andern muß soutenirt werden, ich mag mir<lb n="7"/>nun aus moralischen Gründen eine Pflicht daraus machen, oder nicht, es zu respek<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tiren; im leztern Falle werde ich vom Staate als Naturwesen mit Zwang behandelt –<lb n="9"/>das Recht des andern muß erst deducirt werden, eh die Pflicht für mich hervorgeht;<lb n="10"/>ein sehr gewissenhafter Mensch kan Anstand nehmen, RechtsFoderungen eines<lb n="11"/>andern für gültig an[zu]sehen, ehe der andre sie deducirt hat; wenn er sich aber von<lb n="12"/>dem Rechte des andern überzeugt hat, so wird er auch, ohne den Ausspruch eines<lb n="13"/>Richters, für sich die Pflicht erkennen, jenen Foderungen Genüge zu leisten; aber die<lb n="14"/>Erkenntnis, daß etwas Pflicht für ihn ist, entspringt erst aus der Erkenntnis des Rechts<lb n="15"/>des andern – Es gibt aber noch andre Pflichten, die nicht aus dem Rechte eines andern<lb n="16"/>entspringen – z. B. die Pflicht der Wohlthätigkeit – der unglükliche hat kein Recht<lb n="17"/>für sich an meinen Beutel, als insofern er voraussezt, daß ich mir es zur Pflicht<lb n="18"/>machen sollte, unglüklichen beizustehen; für mich gründet sich meine Pflicht nicht<lb n="19"/>in seinem Rechte; sein Recht an Leben, Gesundheit u.s.w. geht nicht an [einen]<lb n="20"/>einzelen, sondern an die Menschheit überhaupt, (das Recht des Kindes zu leben geht<lb n="21"/>an die Eltern) das dem Staat (oder überhaupt den Menschen, die zunächst um ihn<lb n="22"/>sind) die Pflicht auferlegt, ihn zu erhalten, – nicht dem einzelnen, (man hört oft die<lb n="23"/>Ausrede, wenn einem Manne zugemuthet wird, für sich allein, einem armen zu hel<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>fen, er wisse nicht, warum er? [jeder] andre könne diß so gut thun, als er; er versteht<lb n="25"/>sich zu einem Beitrag in Gesellschaft anderer eher dazu, theils weil freilich die ganze<lb n="26"/>Summe der Kosten auf diese Art nicht auf ihn fällt, theils aber weil er fühlt, daß nicht<lb n="27"/>ihm allein, sondern auch andern diese Pflicht zukommt) – der arme hat Allmosen als<lb n="28"/>ein Recht an mich als ein Glied des Staats zu fodern, er thut die Foderung hier, un<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mittelbar, da er sie durch den Staat mittelbar thun sollte; an mich als Menschen¹</p>
<note xml:id="fn-306-2" place="margin" n="" target="#GW01-s326-z4" ana="#j.ohne-teil">Das zum Staate werden einer moralischen oder religiösen Gesellschaft</note>
<note xml:id="fn-306-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>an mich als moralisches Wesen</note>
<pb n="307" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=327" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>ist es eine moralische Foderung im Namen des Sittengesezes, mir die Pflicht<lb n="2"/>der Wohlthätigkeit aufzulegen – an mich als pathologisches Wesen (mit Sympathe<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tischen Neigungen begabtes) thut er nicht eine Foderung, sondern wirkt auf mich<lb n="4"/>als Naturwesen, indem er mein Mitleiden erregt.</p>
<p><lb n="5"/>Gerechtigkeit bezieht sich darauf, daß ich die Rechte anderer respektire, eine<lb n="6"/>Tugend ist sie, wenn ich sie, nicht weil sie der Staat fordert, sondern weil sie Pflicht<lb n="7"/>ist, mir als Pflicht zu meiner Maxime mache, und insofern ist sie nicht Foderung des<lb n="8"/>Staats, sondern des Moralgesezes – Die zweite Art von Pflichten z. B. bei der Wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>thätigkeit als Beitrag zur Armenkasse, Anlegung von Hospitälern kan vom Staate<lb n="10"/>nicht als ein Individuum gegen ein Individuum sondern als Pflicht an die Staats<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bürger insgesammt gefodert werden; Wohlthätigkeit überhaupt eine Pflicht, die die<lb n="12"/>Moralität fodert –</p>
<p><lb n="13"/>Ausserdem können noch Pflichten vorkommen, die weder aus Rechten an mich<lb n="14"/>als einzelen, noch aus Rechten an die Menschheit überhaupt entspringen, sondern die<lb n="15"/>überhaupt nicht aus Rechten andrer entspringen, sondern die ich mir freiwillig (nicht<lb n="16"/>aus einer Foderung des Sittengesez) auferlegt habe; in welchem [Falle] die Rechte,<lb n="17"/>die ich einem andern einraüme, ebenso blos aus freier Willkühr eingeraümt sind<lb n="18"/>– Von der Art sind die Pflichten, die ich mir freiwillig auflege, indem ich in irgend<lb n="19"/>eine Gesellschaft trette, deren Zwek dem Zweke des Staats nicht entgegen ist, (in<lb n="20"/>welchem Falle ich gegen die Rechte des Staats mich vergienge) – durch den Eintritt<lb n="21"/>in eine solche Gesellschaft erhalten die Mitglieder gewisse Rechte über mich, die<lb n="22"/>sich blos auf meinen freiwilligen Eintritt, und die dadurch freiwillig übernommenen<lb n="23"/>Pflichten gründen –</p>
<p><lb n="24"/>Die Rechte die ich einer solchen Gesellschaft über mich einraüme, können keine<lb n="25"/>Rechte seyn, die der Staat an mich hat, ich würde sonst eine im Staat vorhandene,<lb n="26"/>vom Staat verschiedene Gewalt anerkennen, die gleiche Rechte mit ihm hätte; der<lb n="27"/>Staat kan nicht zugeben, daß ich einer Gesellschaft das Recht über mein Leben, oder<lb n="28"/>in Streit über Eigenthum als Richter abzusprechen einraüme (wohl als freundschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>licher Schiedsrichter, dessen Ausspruch ich mich freiwillig unterwerfe); einer solchen<lb n="30"/>Gesellschaft kan ich nun auch das Recht einraümen, Aufsicht über meine Moralität<lb n="31"/>zu haben, mich in dieser Rüksicht zu leiten, Geständnisse meiner Fehler an mich zu<lb n="32"/>fodern, mir Büssungen dafür aufzulegen, – diese Rechte können aber nur so lange</p>
<pb n="308" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=328" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>währen, als mein Endschluß dauert, mir die Pflichten aufzulegen, durch welche jene<lb n="2"/>Rechte entstehen; da diese Pflichten nicht in Rechten eines andern gegründet sind,<lb n="3"/>so habe ich die Willkühr, jene Pflichten, und zugleich die Rechte des andern auf<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zuheben; da diese Pflichten ohnehin so weit freiwillig übernommen werden, daß sie<lb n="5"/>nicht einmal vom Sittengesez geboten waren; kan ich doch auch Rechte eines andern,<lb n="6"/>die erst aus mir durchs Sittengesez aufgelegte Pflichten entstehen, aufheben, z. B. ich<lb n="7"/>kan das Recht, das ich einem armen einraümte, einen wöchentlichen Beitrag an mich<lb n="8"/>zu fodern, willkührlich aufheben; weil sein Recht nicht an sich selbst gegründet war,<lb n="9"/>sondern erst daraus entsprang, daß ich mir selbst die Pflicht auflegte, ihm diesen<lb n="10"/>Beitrag zu geben.</p>
<p><lb n="11"/>Da der Staat, nicht als Staat, sondern nur als moralisches Wesen, Moralität von<lb n="12"/>seinen Bürgern fodern kan, und ausserdem daß es vielmehr Pflicht für den Staat ist,<lb n="13"/>keine Anordnungen zu treffen, die entweder der Moralität entgegen sind, oder die<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selbe heimlich untergraben, da er für sich selbst, das gröste Interesse hat, schon um<lb n="15"/>Legalität, die sein Zwek ist, heraus zubringen, daß seine Bürger auch moralisch gut<lb n="16"/>seyen, so wird er Anstalten machen, diß unmittelbar (denn von dem Unterschiede<lb n="17"/>der Staatsverfassungen insofern durch ihren unsichtbaren Einfluß, ein tugendhafter<lb n="18"/>Geist des Volks gebildet wird, ist hier nicht die Rede) zuwege zu bringen; Geseze, die<lb n="19"/>der Staat gäbe, seine Bürger sollen moralisch seyn, kämen ihm nicht zu, wären<lb n="20"/>widersprechend, und lächerlich – Die Bürger dazu zu bringen, sich dieser Anstalten<lb n="21"/>zu bedienen, vermag er allein durch Zutrauen, das er für sie erweken muß. Religion<lb n="22"/>ist vorzüglich dieses Mittel, und es kommt auf den Gebrauch, den der Staat davon<lb n="23"/>macht, an, ob sie tauglich ist, dem Zwek zu entsprechen; dieser Zwek ist bei den<lb n="24"/>Religionen aller Völker deutlich, sie haben alle das miteinander daß sie sich immer<lb n="25"/>darauf beziehen, die Gesinnung hervorzubringen, welche kein Objekt bürgerlicher<lb n="26"/>Geseze seyn kan – und sie sind besser oder schlechter, je nachdem sie, um diese<lb n="27"/>Gesinnung, die Handlungen gebiert, welche theils den bürgerlichen theils den mora<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lischen Gesezen angemessen sind, hervorzubringen, je nachdem die Religion mit ihren<lb n="29"/>Schrekken auf die Einbildungskraft, und durch diese auf den Willen, oder mehr<lb n="30"/>durch moralische Triebfedern wirken will – Werden die religiösen Anordnungen<lb n="31"/>des Staats zu Gesezen, so kommt er wieder nicht weiter als durch alle andern bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lichen Geseze zur Legalität –</p>
<pb n="309" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=329" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Was nun dem Staat unmöglich ist, die Menschen dahin zu bringen, daß sie aus<lb n="2"/>Achtung für der Pflicht handeln, wenn er auch Religion zu Hülfe nimmt, wodurch<lb n="3"/>er noch dazu die Menschen verführt, zu glauben, in der Beobachtung dieser religiösen<lb n="4"/>vom Staat angeordneten Gebraüche, der Moralität selbst Genüge gethan zu haben,<lb n="5"/>und sie überredet, diß sey für den Menschen überhaupt genug – diß haben immer<lb n="6"/>sowohl im kleinen als im grossen gute Menschen versucht –</p>
<p><lb n="7"/>Diß versuchte auch Jesus unter einem Volke, dem um so schwerer mit Moralität<lb n="8"/>beizukommen war, in dem der Wahn, Legalität sei schon Moralität um so tiefer<lb n="9"/>haftete, weil ihnen alle moralische Gebote, zugleich religiöse Gebote, und überhaupt<lb n="10"/>nur deswegen Gebote, nur deswegen verpflichtend waren, weil es Gebote Gottes<lb n="11"/>waren – Wenn nun ein Israëlite diese Gebote seines Gottes, erfüllte, d. h. wenn er<lb n="12"/>richtig seine Feste feyerte, richtig seine Opfer verrichtete, und seinem Gott den<lb n="13"/>Zehenden gab, so hatte er alles gethan, was er für seine Pflicht halten konnte; die<lb n="14"/>Gebote aber, die zugleich auch moralisch seyn konnten, waren auch Staatsgeseze,<lb n="15"/>und solche konnten nichts weiter als Legalität herausbringen, und zu etwas weiter<lb n="16"/>konnte ein frommer Israëlite sich nicht verbunden glauben, weil er ja leistete, was<lb n="17"/>die Gebote Gottes verlangten, Legalität. Der Zwek Jesu war, den Sinn für Moralität<lb n="18"/>wieder zu erweken, auf die Gesinnung zu wirken; deswegen legte er theils in Parabeln<lb n="19"/>Beispiele rechtschaffener Handlungsarten vor, besonders im Gegensaz gegen das, was<lb n="20"/>etwas ein bloß gesezlicher Levite zu thun schuldig, und überließ es ihrem Gefühl zu<lb n="21"/>beurtheilen, ob am lezteren genug sey. Besonders zeigte er ihnen den Kontrast zwi<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schen dem was nur die bürgerlichen sowohl als die zu bürgerlichen Gesezen gewor<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dene religiöse Gebote, und dem, was Moralität fodere;¹ wie wenig die Beobachtung<lb n="24"/>jener Gebote das Wesen der Tugend ausmache – den Geist, aus Achtung für die<lb n="25"/>Pflicht zu handeln weil sie Pflicht ist, und weil es dann auch göttliches Gebot ist, d. h.<lb n="26"/>Religion im wahren Sinne des Wortes suchte er ihnen beizubringen. Bei aller ihrer<lb n="27"/>Religiosität konnten sie nur Bürger des jüdischen Staats seyn, Bürger des Reiches<lb n="28"/>Gottes waren nur wenige – Entfesselt von positiven Geboten, die die Stelle der</p>
<note xml:id="fn-309-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>vorzüglich in der Bergpredigt, – das complementum der Geseze, – die mora<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lische Gesinnung</note>
<pb n="310" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=330" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Moralität vertretten sollten, hätte die Vernunft in Freiheit gesezt izt ihren eigenen<lb n="2"/>Geboten folgen können, aber zu jung, zu ungeübt, eigenen Gesezen zu folgen, un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>bekannt mit dem Genuße selbsterrungener Freiheit warf man ihr wieder ein Joch<lb n="4"/>von Formeln über.</p>
<p><lb n="5"/>Die ersten Christen, durch den gemeinschaftlichen Glauben verbunden, machten<lb n="6"/>ausser diesem Vereinigungspunkt noch eine Gesellschaft aus, deren Mitglieder ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ander wechselseitig im Fortschreiten zum Guten, und zum starken Glauben auf<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>munterten, über GlaubensSachen und sonstige Pflichten unterrichteten, Zweifel auf<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lösten, die wankenden befestigten, eins das andere auf seine Fehler aufmerksam<lb n="10"/>machte, seine eignen gestund, und seine Reue so wie sein Bekenntnis in den Busen<lb n="11"/>der Gesellschaft ausschüttete, Gehorsam gegen die Gesellschaft, und die, denen sie die<lb n="12"/>Oberaufsicht anvertraut hatte, und gegen die Strafen, die sie auflegen mochten,<lb n="13"/>versprach – Mit der Annahme des christlichen Glaubens tratt man zugleich in diese<lb n="14"/>Gesellschaft ein, übernahm Pflichten gegen sie, und tratt ihr Rechte auf sich ab; den<lb n="15"/>christlichen Glauben annehmen, und sich nicht zugleich der christlichen Gesellschaft<lb n="16"/>und ihren Ansprüchen auf den Proselyten und jeden Christen unterwerfen wäre<lb n="17"/>widersprechend gewesen, und sein grösserer oder geringerer Grad von Frömmigkeit<lb n="18"/>ward besonders im Anfang nach dem Grad seiner Anhänglichkeit oder Gehorsams<lb n="19"/>gegen die Gesellschaft gemessen. Auch hiedurch unterscheidet sich eine positive<lb n="20"/>Sekte von einer philosophischen; durch die Anerkennung und Überzeugung von den<lb n="21"/>Lehrsäzen eines philosophischen System, oder im praktischen, durch Tugend wird in<lb n="22"/>jenem Falle ein Mann Anhänger einer philosophischen Sekte, oder in diesem Bürger<lb n="23"/>des Reichs der Moralität, der unsichtbaren Kirche, ohne dadurch andere Pflichten auf<lb n="24"/>sich [zu] nehmen als die er sich selbst auferlegt, einer solchen Gesellschaft Rechte über<lb n="25"/>sich zu geben, als die er selbst einraümt; die Pflicht rechtschaffen zu handeln, das<lb n="26"/>Recht, diß an ihn zu fodern; durch den Eintritt in die Gesellschaft der positiven<lb n="27"/>christlichen Sekte hingegen übernahm [er] die Pflicht des Gehorsams gegen ihre Sta<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tuten, nicht weil er selbst etwas für pflichtmässig, für gut, und nüzlich hielt, sondern<lb n="29"/>[er hatte] die Beurtheilung hierüber der Gesellschaft zu überlassen, und auf anderer<lb n="30"/>Gebot und Einsicht hin, etwas als Pflicht anzuerkennen; er übernahm die Pflicht,<lb n="31"/>etwas zu glauben, für wahr zu halten, weil es die Gesellschaft gebot zu glauben, bei</p>
<pb n="311" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=331" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>der Überzeugung von einem philosophischen System behalte ich mir das Recht vor,<lb n="2"/>diese Überzeugung zu ändern, wenn meine Vernunft es verlangt; beim Eintritt in<lb n="3"/>die christliche Gesellschaft übertrug der Proselyte ihr das Recht, auch für ihn aus<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zumachen was wahr sey, und nahm die Pflicht über sich, diß unabhängig von seiner<lb n="5"/>Vernunft, mit Widerspruch derselben anzunehmen; er übernahm wie im gesell<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schaftlichen Vertrag die Pflicht, seine Willkühr, der Mehrheit der Stimmen, dem<lb n="7"/>allgemeinen Willen zu unterwerfen; es wird einem bange um die Brust, sich in eine<lb n="8"/>solche Lage zu denken, noch trauriger wird die Aussicht, wenn man denkt, was bei<lb n="9"/>einer solcher Pedanterei herauskommen konnte, und am kläglichsten ist der Anblik,<lb n="10"/>wenn man wirklich in der Geschichte nachsieht, welche elende Form von Bildung,<lb n="11"/>dadurch, daß jeder für sein Individuum und für seine Nachkommen allem Recht,<lb n="12"/>selbst zu beurtheilen, was in den wichtigsten Gegenständen unsers Wissens und Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bens und in allen andern Dingen wahr sei, was gut und recht sei, entsagte, das<lb n="14"/>Menschengeschlecht angenommen hat – Das Ideal von Vollkommenheit, das die<lb n="15"/>christliche Sekte in ihren Mitgliedern zu realisiren suchte, war in verschiedenen Zei<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ten verschieden, und im Ganzen zu jeder Zeit höchst verworren und mangelhaft; es<lb n="17"/>läst sich diß schon aus der Art vermuthen, wie es realisirt werden sollte, nemlich<lb n="18"/>durch Ertödtung aller Freiheit des Willens und der Vernunft (der theoretischen und<lb n="19"/>praktischen Vernunft) und es läst sich nach den Helden beurtheilen, an denen die<lb n="20"/>Kirche ihr Ideal realisirt gefunden hat, wo das, was wirklich fromme Menschen mit<lb n="21"/>Tagdieben, Tollhaüslern und Schurken gemeinschaftlich haben können, in einen<lb n="22"/>Begrif vereinigt, die Heiligkeit des Willens gibt, wie ihn die christliche Kirche von<lb n="23"/>ihren Idealen foderte. Da ein Ideal von moralischer Vollkommenheit überhaupt nicht<lb n="24"/>der Gegenstand von bürgerlichen Gesezgebungen und am wenigsten das Ideal der<lb n="25"/>Christen ein Gegenstand jüdischer und heidnischer Regierungen seyn konnte, so<lb n="26"/>versuchte es also die christliche Sekte auf die Gesinnung zu wirken; und nach dieser<lb n="27"/>den Werth der Menschen, ihre verdiente Belohnungen und Strafen zu bestimmen.<lb n="28"/>Die Tugenden, die sie hochhielt, und belohnte, waren von der Art, die der Staat<lb n="29"/>nicht belohnen kan, ebenso die Fehler die sie bestrafte, waren nicht insofern Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stand der Ahndung der Kirche, als sie auch gegen die bürgerliche Geseze verstiessen,<lb n="31"/>sondern insofern sie gegen die Gebote Gottes waren, als Sünden, also theils solche</p>
<pb n="312" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=332" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Laster und Vergehen, die obzwar unmoralisch nicht von der Kompetenz bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>licher Gerichte seyn können, theils solche, die zwar auch bürgerlicher Strafe fähig<lb n="3"/>sind, aber zugleich gegen moralische oder kirchlich moralische Gebote waren; und<lb n="4"/>welche von der Kirche nur in lezterer Rüksicht gestraft werden konnten, theils<lb n="5"/>solche, die gegen blos aüssere Anordnungen der Kirche verstiessen. Diese sezte sich<lb n="6"/>nicht an die Stelle des Staats, um sein Richteramt zu versehen, das Richteramt beider<lb n="7"/>war ganz verschieden – eher suchte sie einen Verbrecher gegen bürgerliche Geseze<lb n="8"/>dem Arm des Richters oft zu entziehen, wenn er im Geiste der Sekte gehandelt hatte.<lb n="9"/>Zu einem ähnlichen Zwek und durch ähnliche Mittel, nemlich Moralität durch<lb n="10"/>wechselseitige Aufmunterung, Ermahnung, Belehrung zu befördern, kan sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>beschadet der Rechte eines jeden, und der Rechte des Staats eine kleine Gesellschaft<lb n="12"/>von Menschen verbinden. Achtung gegen die moralischen Eigenschaften des Freun<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>des, Zuversicht in seine Liebe gegen mich, müssen mir Zutrauen gegen ihn erwekt<lb n="14"/>haben, um versichert zu seyn, daß ich bei der Beschämung, mit der ich meine Fehler<lb n="15"/>bekenne, nicht verächtliche Aufnahme, nicht ein erbitterndes Lächeln, bei dem Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>trauen, mit dem ich meine Geheimnisse in seinen Schoos niederlege, nicht Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>rätherei zu befürchten habe, und daß bei seinem Rathe zum Guten, zu meinem<lb n="18"/>Besten Interesse an meinem Wohl, und Achtung für das, was recht ist, noch höher<lb n="19"/>als mein Nuzen, seine Triebfeder sey; mit einem Worte es müssen Freunde seyn,<lb n="20"/>unter denen eine solche Vereinigung möglich ist. Schon diese Bedingung schränkt<lb n="21"/>eine solche Gesellschaft auf wenige ein; dehnt sie sich aus, so werde ich genöthigt,<lb n="22"/>Menschen, deren Neigung ich gegen mich nicht kenne, zu Zeugen meiner Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schämung, von deren Klugheit ich keine Erfahrung habe, zu meinen Rathgebern –<lb n="24"/>deren Tugend ich noch nicht achten kan, zu Leitern in meinen Pflichten anzunehmen;<lb n="25"/>eine Foderung, die unbillig ist. In einer solchen Gesellschaft kan ich Gehorsam nur in<lb n="26"/>so weit geloben, und sie kan ihn nur von mir fodern, wenn sie mich von einer<lb n="27"/>Handlungsart überzeugt hat, daß sie Pflicht ist; – ich kan ihr nur Glauben ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sprechen, und sie kan ihn nur fodern, wenn ich selbst über die Gründe der Wahrheit<lb n="29"/>mit mir einig geworden bin – Ich kan eine solche Gesellschaft verlassen, wenn ich<lb n="30"/>ihrer nicht mehr zu bedürfen, wenn ich mündig geworden zu seyn glaube, oder wenn<lb n="31"/>sie mir so beschaffen scheint, daß ich ihr mein Zutrauen nicht mehr schenken kan,<lb n="32"/>daß sie mir ihren Zwek nicht mehr zu erfüllen scheint, oder daß ich meinen Zwek,<lb n="33"/>moralische Fortschritte zu machen, den zwar die Tugend, aber kein Mensch von mir<lb n="34"/>fodern kan, überhaupt, oder wenigstens auf die Art, wie es die Gesellschaft verlangt, –</p>
<pb n="313" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=333" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>aufgeben will; auch in der Gesellschaft selbst [muß] mir die Wahl der Mittel, wenn ich<lb n="2"/>auch den Zwek noch will, freistehen, und nur von meiner Einsicht, gutgeheissen,<lb n="3"/>oder aus Vertrauen zu Freunden übernommen werden.</p>
<p><lb n="4"/>Dieser Vertrag, der eigentlich bei jeder Freundschaft stattfindet, die auf gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>seitige Achtung oder gemeinschaftlichen Willen zum Guten sich gründet, kan leicht<lb n="6"/>beschwerlich und kleinlicht werden, wenn er sich über Kleinigkeiten ausdehnt, und<lb n="7"/>in Dingen mäkelt, die eigentlich immer der Willkühr überlassen werden müssen –</p>
<p><lb n="8"/>Die ersten [Christen] waren ebenso auch Freunde; das gemeinschaftliche der Lehre,<lb n="9"/>und der unterdrükten Lage machte sie dazu, oder bestärkte die vorhergehende Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>kanntschaft; Trost, Belehrung, Unterstüzung jeder Art fand jeder beim andern; ihr<lb n="11"/>Zwek war nicht sowohl freie Aufsuchung der Wahrheit, denn diese war schon<lb n="12"/>gegeben, als vielmehr Hebung der Zweifel, und Befestigung im Glauben, und dann<lb n="13"/>was innigst damit verbunden war, Fortschritt in christlicher Vollkommenheit; bei<lb n="14"/>grösserer Ausbreitung hätte zwar jeder Christ in dem andern, der Egypter in dem<lb n="15"/>Britten, wo er ihn getroffen hätte, einen Freund, einen Bruder, wie in seinen Haus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>genossen und Nachbarn finden sollen; allein dieses Band wurde immer lokrer; und<lb n="17"/>eine solche Freundschaft ging so wenig tief, als es oft die Freundschaft der Glieder<lb n="18"/>Einer Gemeine war, die durch Eitelkeit, Collision des Interesse, getrennt einander<lb n="19"/>zwar aüsserlich und in Worten nach christlicher Liebe behandelten, aber ihren kleinen<lb n="20"/>Neid, Rechthaberei, Anmassung über den andern für Eifer für christliche Tugend<lb n="21"/>hielten, und verkauften, oder wirkliche Feindschaft leicht irgend einer Ungleichheit<lb n="22"/>in der Lehre, oder einer Unlauterkeit im Betragen zuschreiben konnten.</p>
<p><lb n="23"/>Der Eintritt in die Gesellschaft wurde zwar als Pflicht jedes Menschen, als die<lb n="24"/>heiligste Pflicht gegen die Gottheit, der Austritt als Eintritt in die Hölle angesehen;<lb n="25"/>und ob zwar auch Haß und Verfolgung von Seiten der Sekte dem zu theil wurde,<lb n="26"/>der die Gesellschaft verließ; so war damit doch nicht, so wenig als wenn man sich<lb n="27"/>ganz fern davon hielt, Verlust der bürgerlichen Rechte verbunden; so wenig als man<lb n="28"/>mit dem Eintritt bürgerliche Rechte, oder wenigstens die Möglichkeit, erst solcher<lb n="29"/>fähig zu seyn, erworben.</p>
<p><lb n="30"/>Eine Hauptbedingung des Eintritt in die christliche Gesellschaft, wodurch sie sich<lb n="31"/>von einer philosophischen gänzlich unterschied – war der unbedingte Gehorsam des<lb n="32"/>Glaubens und des Handelns, den man der Gesellschaft angeloben muste; da es jedem</p>
<pb n="314" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=334" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>freistund, Mitglied der Gesellschaft zu werden, oder nicht, da diese Eigenschaft keine<lb n="2"/>Beziehung auf bürgerliche Rechte hatte, so war mit jener Bedingung keine Un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gerechtigkeit verbunden.</p>
<p><lb n="4"/>Alle diese Züge, die sich in einem Zirkel vertrauter, zum Zwek der Untersuchung<lb n="5"/>der Wahrheit, oder moralischen Besserung vereinigter Freunde, die sich auch in der<lb n="6"/>Gesellschaft der zur Beförderung christlicher Vollkommenheit, und Befestigung in<lb n="7"/>der christlichen Wahrheit verbundenen christlichen Sekte finden, treffen wir nachher<lb n="8"/>auch im Grossen, bei der allgemeingewordenen christlichen Kirche an; aber dadurch,<lb n="9"/>daß diese Kirche izt die allgemeine in einem Staate ist, in ihrem Wesen verunstaltet,<lb n="10"/>und zu Ungerechtigkeiten und Widersprüchen geworden – und die Kirche macht<lb n="11"/>izt einen Staat aus.</p>
<p><lb n="12"/>Als die christliche Kirche noch im Entstehen war, hatte jede Gemeine das Recht,<lb n="13"/>ihre Diakonen, Presbyter, und Bischöffe selbst zu wählen; bei Ausbreitung derselben,<lb n="14"/>als die Kirche zu einem Staate wurde, muß jede einzele Gemeine diß Recht verlieren,<lb n="15"/>und wie im bürgerlichen Staat eine einzele Gemeinheit das Recht, ihre Verwalter,<lb n="16"/>Einnehmer der Einkünfte, (die sie izt auch nicht mehr selbst bestimmen kan) selbst<lb n="17"/>zu wählen, dem Souverain, dessen Wille als Ausdruk des Willens aller angesehen<lb n="18"/>wird, überläst, so hat auch jede einzele christliche Gemeine das Recht verloren, ihre<lb n="19"/>Seelenhirten selbst zu wählen, und überläst diß dem geistlichen Staate –</p>
<p><lb n="20"/>Es sind öffentlich Beichtväter, als Gewissensräthe aufgestellt; aber statt daß sonst<lb n="21"/>jedem frei steht, sich einen Freund, den er achtet, zu wählen, und ihn zum Vertrauten<lb n="22"/>seiner Geheimnisse und seiner Fehler zu machen, so haben die Regenten des geist<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichen Staats izt denselben als Beamten angeordnet, an den jeder sich zu halten hat –</p>
<p><lb n="24"/>Die sonst freiwillige Bekenntnis der Fehler ist jezt die Pflicht eines jedes Bürgers<lb n="25"/>dieses geistlichen Staats, eine Pflicht, auf deren Übertrettung die Kirche die höchsten<lb n="26"/>ihrer Strafen, ewige Verdammniß ausgesprochen hat.</p>
<p><lb n="27"/>Die Aufsicht über christliche Moralität ist das Hauptobjekt dieses geistlichen Staa<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tes, und daher selbst Gedanken, und alle solche Laster, oder fehlerhafte Neigungen,<lb n="29"/>deren Bestrafung kein Objekt des Staats seyn kan, ein Gegenstand der Gesezgebung<lb n="30"/>und Bestrafung des geistlichen Staats; Ausser dem daß ein Verbrechen gegen den<lb n="31"/>bürgerlichen Staat als solches von diesem bestraft wird, wird es, und alle Verbrechen,<lb n="32"/>die nicht Gegenstand der bürgerlichen Geseze seyn können, noch als Sünde vom</p>
<pb n="315" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=335" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>geistlichen Staate bestraft, und endlos ist deswegen das Register der kanonischen Stra<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>fen. Wie man einer jeden Gesellschaft, das Recht nicht absprechen kan, solche aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zuschliessen, die sich ihren Gesezen nicht unterwerfen wollen, indem man jedem die<lb n="4"/>Wahl läst, darein zu tretten, die Pflichten als Mitglied der Gesellschaft auf sich zu<lb n="5"/>nehmen, und dadurch ein Recht an ihre Vortheile zu erlangen, so wie jeder Zunft<lb n="6"/>und Gilde diß Recht zugestanden wird, so hat auch die Kirche das Recht, diejenigen<lb n="7"/>Menschen, die sich die Bedingungen des Glaubens und übrigen Verhaltens, die die<lb n="8"/>Kirche fodert, nicht gefallen lassen, von ihrer Gemeinschaft auszuschliessen. Aber da<lb n="9"/>dieser Staat, zugleich den Umfang des bürgerlichen Staats hat, so wird durch das<lb n="10"/>Ausschliessen aus dem geistlichen Staate ein Mensch auch seiner bürgerlichen Rechte<lb n="11"/>verlustig, und diß war der Fall nicht, als die Kirche noch eingeschränkt, noch nicht<lb n="12"/>herrschend war, und diese zweierlei Staaten kommen izt in Kollision. Daß die<lb n="13"/>protestantische Kirche sowohl als die catholische, ein Staat ist, ungeachtet die erstre<lb n="14"/>den Namen nicht haben will, erhellt daraus; daß die Kirche ein Vertrag eines mit<lb n="15"/>allen, und aller mit einem ist, sich, jedes Mitglied der Gesellschaft in einem bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ten Glauben, und bestimmten religiösen Meinungen zu beschüzen, zur Erhaltung<lb n="17"/>derselben, zu Befestigung jedes Mitgliedes in demselben Anstalten zu machen – (ich<lb n="18"/>habe gesagt, in einem bestimmten Glauben; denn jeden in seinem individuellen<lb n="19"/>Glauben zu beschüzen, nicht zuzugeben, daß irgend einer in seinem Glauben, oder<lb n="20"/>wegen desselben, durch Gewalt, wie nicht anders möglich ist, beeinträchtigt werde,<lb n="21"/>wäre ein Artikel des bürgerlichen Vertrags) jeder einzele muß daher sowohl in An<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sehung dieser Anstalten, als in Ansehung des allgemeinen Glaubens, (der das Objekt<lb n="23"/>des kirchlichen Vertrags, wie Rechte der Personen und Sachen des bürgerlichen<lb n="24"/>Vertrags ist) seine Willkühr dem allgemeinen Willen unterwerfen; der in dem Willen<lb n="25"/>des Souverain ausgedrükt ist; dieser Souverain wird nun in Ansehung der gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gebenden Gewalt in Koncilien, Synoden, in Ansehung der ausübenden Gewalt, in<lb n="27"/>den Bischöffen und Konsistorien, welche die in den Schlüssen der Concilien, und<lb n="28"/>symbolischen Büchern enthaltene Konstituzion aufrecht erhalten, und Beamte an<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ordnen, und wie natürlich über ihre Beamte das Recht behaupten, die Bedingungen<lb n="30"/>des Glaubens und des Gehorsams zu fodern, und stricto jure, solchen ihr Amt wieder<lb n="31"/>zu nehmen, die diese Bedingungen nicht erfüllen zu können glauben. Dieser geist<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>liche Staat wird eine von bürgerlichen ganz unabhängige Quelle von Rechten und<lb n="33"/>Pflichten, und wenn ein einziger Umstand, nemlich der des Eintritts in diesen Ver-</p>
<pb n="316" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=336" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>trag so bestimmt wird, daß dadurch die Länge der Zeit, in der jeder darin verharren<lb n="2"/>will, seiner Willkühr überlassen bleibt, und daß er seine Nachkommen dadurch<lb n="3"/>nicht verpflichten will, so hat dieses Kirchenrecht bis hieher, das man das reine nennen<lb n="4"/>könnte, nichts in sich, das weder den natürlichen Rechten jedes Menschen, noch des<lb n="5"/>Staats Eintrag thut. In diesen Vertrag tritt jeder Christ in seiner Gemeinde durch den<lb n="6"/>feyerlichen Taufaktus ein; weil aber der Gegenstand der Pflichten und der Rechte<lb n="7"/>der Kirche Glauben und Meinung ist, ein neugebohrnes Kind aber insofern nicht<lb n="8"/>freiwillig darein tretten, auch nicht hineingeworfen werden kan, so übernehmen<lb n="9"/>theils Taufpathen die Pflicht, es in dem Glauben der Kirche aufzuerziehn, und weil<lb n="10"/>[es] an den Wohlthaten der Kirche Theil nimmt, eh es von seiner Seite den Vertrag<lb n="11"/>des Glaubens erfüllt hat, und jene ihre Wohlthaten nicht gern umsonst verschwendet,<lb n="12"/>auch das Kind nur ein Recht daran [hat], weil es künftig an seiner Seite seine Pflich<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ten erfüllen will, so stehen die Taufpathen der Kirche dafür, sie verbürgen sich der<lb n="14"/>Kirche dafür, daß sie es schon durch die Erziehung dahin bringen wollen, daß das<lb n="15"/>Kind an seinem Theil einst den Vertrag erfülle, – theils hat man in einigen protestan<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tischen Staaten den sogenannten KonfirmationsAktus eingeführt, wodurch das Kind<lb n="17"/>seinen Taufbund erneuert, d. h. izt in seinem 14ten oder 15ten Jahr freiwillig, selbst<lb n="18"/>in den Vertrag der Kirche tritt, und also feierlich das thut, was die Taufzeugen nur<lb n="19"/>versprechen konnten; wobei aber die Kirche sorgfältig die Veranstaltung gemacht<lb n="20"/>hat, daß das Kind von nichts anderm gehört habe, als dem Glauben der Kirche, und<lb n="21"/>wobei die Kirche den Verstand und die Einsichten eines 14jährigen Kindes für mündig<lb n="22"/>erklärt, und sein meist unverstandenes Herplaudern der Glaubensformeln für die<lb n="23"/>Erklärung der freien Wahl eines Verstands annimmt, der nach der Wichtigkeit des<lb n="24"/>Gegenstands, seines ewigen Heils reife Entschliessung gefast hat, da hingegen der<lb n="25"/>bürgerliche Staat die Mündigkeit, die Fähigkeit, bürgerliche rechtskräftige Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lungen auszuüben, die doch gegen jene Gegenstände nur Koth betreffen, ins 20 bis<lb n="27"/>25te Jahr verschiebt. Die Kirche als Staat trägt Sorge, die Kinder, die einst ihre Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>glieder werden sollen, in ihrem Glauben erziehen zu lassen, indem die Eltern das<lb n="29"/>Recht behaupten, ihre Kinder in welchem Glauben sie wollen erziehen zu lassen,<lb n="30"/>dieses Rechts aber im kirchlichen Vertrag sich nicht gegen die Kinder, aber gegen die<lb n="31"/>Kirche so weit begeben haben, daß sie sich anheischig gemacht haben, sie im Glauben</p>
<pb n="317" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=337" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>der Kirche erziehen zu lassen, und diese erfüllt ihre Pflicht dadurch, daß sie die leere<lb n="2"/>Phantasie des Kindes mit ihren Bildern, sein Gedächtnis, wo nicht seinen Verstand,<lb n="3"/>mit ihren Begriffen erfüllt, und sein zartes Herz den von ihr verordneten Gang der<lb n="4"/>Empfindungen leitet; nach den Worten:</p>
<quote><lb n="5"/>– – ist<lb n="6" type="absatz"/>nicht alles, was man Kindern thut, Gewalt? –<lb n="7" type="absatz"/>zu sagen: – ausgenommen, was die Kirch’<lb n="8" type="absatz"/>an Kindern thut. –</quote>
<p><lb n="9"/>Mit diesem reinen Kirchenrecht nicht zufrieden, hat die Kirche von jeher sich mit<lb n="10"/>dem Staate verbunden, und daraus ist ein vermischtes Kirchenrecht entstanden, so<lb n="11"/>wie es auch wenige Staaten mehr gibt, in welchen das bürgerliche Recht rein geblie<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ben ist; beider Principien sind unabhängige Quellen von Pflichten und Rechten; in<lb n="13"/>Ansehung der gesezgebenden Gewalt sind beide ihrer Natur nach unvereinbar, und<lb n="14"/>es ist daher immer status in statu, sosehr sich die Protestanten gegen diesen Ausdruk<lb n="15"/>einerseits wehren, und auf der andern Seite nichts so ehrenvoll und muthig ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>theidigt haben, als die Sache selbst; in Ansehung der ausübenden Gewalt behauptet<lb n="17"/>die Katholische Kirche auch ihre völlige Unabhängigkeit vom bürgerlichen Staate,<lb n="18"/>entzieht auch ihre Beamte, die Kirchendiener seiner Gerichtsbarkeit völlig, da hin<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gegen die Protestantische Kirche sich insofern mehr dem Staate untergeordnet hat;<lb n="20"/>in den Fällen hingegen wo die Kirchen- und Staatsrechte in Kollision kommen,<lb n="21"/>haben die meisten Staaten, der protestantischen sowohl als der katholischen Kirche<lb n="22"/>weichen, und ihr ihre Rechte aufopfern müssen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s337-z23" n="23"/>a) Die bürgerliche Geseze betreffen die Sicherheit der Personen und des Eigenthums<lb n="24"/>eines jeden Bürgers, wobei seine religiöse Meinungen schlechterdings nicht in Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tracht kommen; welchem Glauben er also zugethan ist, so ist es Pflicht des Staates,<lb n="26"/>seine Rechte als Bürger zu schüzen, und gegen den Staat kan er derselben nur ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lustig werden, wenn er die Rechte anderer verlezt; alsdenn macht der Staat die<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>jenigen Maximen gegen ihn geltend, und behandelt ihn darnach, die der Bürger<lb n="29"/>aüssert; in Ansehung des Glaubens kan er sich gegen den Staat zu nichts verbinden,<lb n="30"/>denn der Staat ist nicht fähig, solche Bedingungen zu machen oder anzunehmen –</p>
<note xml:id="fn-317-1" place="margin" n="" target="#GW01-s337-z23" ana="#j.ohne-teil">Streit der Kirche mit dem Staat</note>
<pb n="318" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=338" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Auf der andern Seite aber sind alle Mitglieder dieses Staates in eine Kirche ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>einigt; und als eine Gesellschaft hat sie das Recht, jeden, der sich ihre Geseze nicht<lb n="3"/>gefallen lassen will, von sich auszuschliessen – der Bürger nun, der den Glauben der<lb n="4"/>Kirche nicht hat, oder verläst – fodert vom Staate als ein Recht, Fähigkeit, die bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>liche Rechte auszuüben; die Kirche aber schliest ihn aus ihrer Gemeinschaft, und weil<lb n="6"/>sie den ganzen Staat umfast, zugleich vom Staate aus – Welcher Theil behauptet nun<lb n="7"/>sein Recht, – der bürgerliche Staat, der den guten Bürger (und in Ansehung seiner<lb n="8"/>Geseze wollen und können wir ihn für gut annehmen, er mag einen Glauben [haben]<lb n="9"/>welchen er will) bei seinen Rechten zu sichern die Pflicht auf sich genommen und<lb n="10"/>sich auf den Glauben gar nicht einlassen kan –? – oder der kirchliche Staat, der das<lb n="11"/>Recht hat, einen andersglaübigen von seiner Gemeinschaft auszuschliessen, und ihn<lb n="12"/>somit auch aus dem Staate ausschliest? In den beinahe allermeisten katholischen als<lb n="13"/>protestantischen Ländern hat der kirchliche gegen den bürgerlichen Staat seine Rechte<lb n="14"/>behauptet; und kein andersglaübiger ist darin fähig, bürgerliche Rechte zu erlangen,<lb n="15"/>noch des Schuzes der Geseze sowohl in kriminal- als civilFällen zu geniessen, den ein<lb n="16"/>Bürger geniest; er kan keine Art von liegendem Eigenthum erwerben, kein Amt des<lb n="17"/>Staats verwalten, wird auch in Ansehung der Auflagen anders behandelt; sogar da<lb n="18"/>die Taufe nicht blos ein kirchlicher Aktus ist, durch den man in die Kirche eintritt,<lb n="19"/>sondern auch ein bürgerlicher Aktus ist, dadurch dem Staate die Existenz des Kindes<lb n="20"/>kundgethan wird, und an ihn wenigstens soviel Rechte angesprochen werden, als die<lb n="21"/>Kirche erlauben wird, so nöthigt diese den Vater des Kinds, dessen Glauben von dem<lb n="22"/>Glauben der Kirche des Lands abweicht, es nach ihren Gebraüchen und von einem<lb n="23"/>ihrer Beamten taufen zu lassen, welches die Kirche nicht in dem Sinne thut, als ob<lb n="24"/>sie das Kind dadurch in ihren Schoos aufnähme, denn sie überläst es nachher ganz<lb n="25"/>dem Vater, es in seiner Religion auferziehen zu lassen, sondern sie beweist nur da<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>durch, daß sie dem bürgerlichen Staat das Recht abgenommen hat, Bürger auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zunehmen; indem ihre Taufen, bei dem Kinde eines Anhänger der herrschenden<lb n="28"/>Kirche, Aufnahme sowohl in ihren Schoos als in den Staat ist – der ähnliche Fall<lb n="29"/>findet auch bei der Ehe statt, die in vielen Ländern auch um gültig zu seyn, nur</p>
<pb n="319" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=339" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>von einem Beamten der herrschenden Kirche vollzogen wird; wobei diese sich nicht<lb n="2"/>aufdringt, eine Ceremonie des fremden Glaubens, dem die sich vermählenden an<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>hängen, zu verrichten, sondern eine bürgerliche Handlung verrichtet. So hat also der<lb n="4"/>bürgerliche an den kirchlichen Staat sowohl wenn beide in Kollision kommen, als<lb n="5"/>wenn eine zweiseitige Handlung [vorliegt,] wo es der Sanktion von beiden bedarf,<lb n="6"/>seine Rechte und sein Amt abgetretten. Auf eine ähnliche Art, wie sich die Kirche<lb n="7"/>gegen den Staat verhält, so verhalten sich auch die Zünfte und ihre Rechte gegen ihn.<lb n="8"/>Auch diese bilden eine Gesellschaft im Staat, an welche ihre Mitglieder gewisse<lb n="9"/>Rechte abtretten, und durch den Eintritt in dieselbe gewisse Pflichten übernehmen.<lb n="10"/>Eine solche Zunft in einer Stadt umfast also alle die vom gleichem Handwerk sind,<lb n="11"/>und hat nach dem Rechte einer Gesellschaft das Recht, aufzunehmen, wen sie will;<lb n="12"/>und auszuschliessen, wer sich nicht in ihre Ordnungen fügt – nun hat auf der andern<lb n="13"/>Seite der Staat die Pflicht, jeden, der ohne die bürgerlichen Geseze zu beleidigen (und<lb n="14"/>diese können für sich nichts über Zünfte bestimmen) auf welche Art es sey, sich<lb n="15"/>ernähren will, zu schüzen; wenn es ihm aber die Zunft nicht gestattet, [ihn] also von<lb n="16"/>sich ausschliest, so schliest sie ihn zugleich aus der ganze Gemeine aus, und raubt ihm<lb n="17"/>ein Recht, das ihm der Staat gestattet, hindert ihn ein bürgerliches Recht auszuüben;<lb n="18"/>und auch hierin hat der Staat dem Rechte seiner Bürger entsagt –</p>
<p><lb n="19"/>Ebenso hat der Staat das Recht, wen er zur wissenschaftlichen Bildung seiner<lb n="20"/>Jugend gebrauchen will, zu einem solchen Beamten anzunehmen, wen er dazu<lb n="21"/>brauchbar findet; aber die Mitglieder jedes Zweigs der Gelehrsamkeit haben sich in<lb n="22"/>eine Zunft vereinigt, und eine solche behauptet das Recht, aufzunehmen oder aus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>zuschliessen, wie ihre Geseze angenommen werden oder nicht; und weil ein solcher,<lb n="24"/>der nicht zünftig wäre, von dieser Gesellschaft also zugleich insofern vom Staate aus<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>geschlossen würde, so hat der Staat sein Recht aufgegeben, und ist genöthigt, zu<lb n="26"/>seinen gelehrten Beamten solche zu nehmen, die in der Zunft dieses Zweigs der<lb n="27"/>Wissenschaften Meister, (magistri oder doctores) geworden sind, oder [es] nöthigt<lb n="28"/>wenigstens die Zunft nachher einen solchen Beamten sich in ihre Zunft aufnehmen<lb n="29"/>zu lassen, und wenn er dazu keine Lust hätte, da doch die Zunft ihr Recht behaupten</p>
<pb n="320" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=340" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>will, so macht sie ihm ein Geschenk, mit dieser Meisterschaft, welche Ehre er dann<lb n="2"/>nicht wohl ausschlagen kan, oder blos aus Bizarrerie es thun würde –</p>
<p><lb n="3"/>Wenn daher in neuern Zeiten die den Akatholiken von einigen katholischen<lb n="4"/>Regierungen erwiesene Einraümung bürgerlicher Rechte, der Anstellung eigner<lb n="5"/>Geistlicher, und der Erbauung eigner Kirchen, von der einen Seite als eine groß<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>müthige Toleranz gepriesen, von [der] andern Seite aber behauptet worden ist, das<lb n="7"/>gebrauchte Wort der Toleranz, Duldung sei hier gar nicht an seinem Plaze, was<lb n="8"/>geschehen sey, sei blosse Gerechtigkeit, so lassen sich diese Widersprüche so ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>einigen, daß von Seiten des Staats die Einraümung dieser Rechte unstreitig weiter<lb n="10"/>nichts als die Aufhebung einer grossen Ungerechtigkeit, und also eine Pflicht war,<lb n="11"/>hingegen von Seiten der Kirche, die das Recht hat, andersglaubige zwar nicht wie sie<lb n="12"/>ehmals und hie und da noch behauptet, von Luft, Boden und Wasser, aber doch vom<lb n="13"/>Staate auszuschliessen, ist es immer Duldung, und wenn der Staat, es als Pflicht fodert,<lb n="14"/>die Rechte Andersglaübiger zu respektieren, so sprechen die Beamte der duldenden<lb n="15"/>(auch protestantischen) Kirche immer, von Schonung, von Mitleiden, von Liebe,<lb n="16"/>die man gegen irrende zu beweisen habe, von Neigungen, die nicht als Pflichten<lb n="17"/>geboten werden können, sondern die man freiwillig gegen sie zeigen soll.</p>
<p><lb n="18"/>b) Zur Feirung ihres Gottesdienstes, zu ihrem Unterricht in religiösen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ständen brauchen alle Gemeinden besondere Gebaüde, besondre Lehrer, und sonst<lb n="20"/>noch einige Personen; zur Erbauung, der erstern, und der Unterhaltung beider, hat<lb n="21"/>das gesammte Volk, und zur Verschönerung mancher gottesdienstlichen Geräthe,<lb n="22"/>einzele freiwillige Abgaben und Beiträge entrichtet; die errichteten Gebaüde, die<lb n="23"/>bestimmten Besoldungen und Einkünfte der Lehrer und anderer Kirchendiener sind<lb n="24"/>also ein Eigenthum der Gemeinden, des Volks überhaupt, [nicht] des Staats; aber sie<lb n="25"/>sind fast immer insofern als ein Eigenthum des Staats betrachtet worden, insofern<lb n="26"/>dieser sich, oder insofern sich überhaupt viele Gemeinden in einen kirchlichen Staat<lb n="27"/>vereinigt haben; diese Unterscheidung, ob die Kirchen und Einkünfte der Kirchen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>diener ein Eigenthum des Staats, als bürgerlichen – oder als kirchlichen Staats seien,<lb n="29"/>ist von keinem Belang, und zeigt sich auch nicht, solang in einem Staate nur Eine</p>
<pb n="321" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=341" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Kirche sich findet; aber der Unterschied fällt sogleich in die Augen, und veranlast<lb n="2"/>Zwist, sobald verschiedene Kirchen sich ansiedeln.</p>
<p><lb n="3"/>Die erst Boden gewinnende Kirche, fodert aus Gründen, die aus den bürgerlichen<lb n="4"/>Rechten genommen sind, Antheil an diesem Eigenthume des Staats; und der Staat<lb n="5"/>ist verpflichtet den Gemeinden, welchem Glauben sie anhangen, Kirchen zu ihrem<lb n="6"/>Gottesdienste einzuraümen, und Lehrer nach ihrem Sinne anzuordnen; da hingegen<lb n="7"/>die bisher herrschende Kirche ihr Recht an ihr ihr übertragenes und nie bestrittenes<lb n="8"/>Eigenthum behauptet; hat der Staat Kraft genug, sein Recht zu behaupten und sind<lb n="9"/>seine Verwalter einsichtsvoll, unpartheiisch und gerecht genug, dieses sein Recht zu<lb n="10"/>kennen, und es behaupten zu wollen; so wird er jeder Kirche nach ihren Bedürf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nissen die Mittel nach ihrem Sinne ihren Gottesdienst zu halten, gewähren – Ohn<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>geachtet nun ein Staat, als bürgerlicher Staat, und die Gesezgeber und Verwalter<lb n="13"/>desselben als solche keinen Glauben haben sollten, so geschieht es doch gewöhnlich,<lb n="14"/>daß ihnen als Mitgliedern der herrschenden Kirche es von dieser als Pflicht aufgelegt<lb n="15"/>wird, die Rechte der herrschenden Kirche zu schüzen; und der Streit zwischen beiden<lb n="16"/>Kirchen, wird gewöhnlich nicht nach StaatRechten entschieden, sondern gewöhnlich<lb n="17"/>durch Gewalt von einer, und Noth von der andern Seite. Wenn nemlich die sich<lb n="18"/>einnistelnde Kirche sich so sehr ausbreitet, daß bei der Behauptung der Rechte der<lb n="19"/>streitigen Kirche, die nur durch Austilgung der Anhänger der neuen Lehre, oder<lb n="20"/>wenigstens nur durch grosse Gewaltthätigkeiten, und grossen Aufwand aufrecht<lb n="21"/>erhalten werden könnten, – ein allzugrosser Schaden für den Staat, und eine zu tiefe<lb n="22"/>Beleidigung seiner Geseze und Rechte entstünde, so wird er dadurch an seine Gefahr<lb n="23"/>errinnert, und raümt der neuen Kirche einige Rechte ein, gebraucht aber dabei die<lb n="24"/>Sprache der Kirche, und nennt diß Duldung – oder wird der Streit auf eine andre<lb n="25"/>Art geschlichtet, daß nemlich die bisher unterdrükte Kirche herrschend, und alsdenn<lb n="26"/>die bisher herrschende nur die geduldete wird – dann tritt gemeiniglich auch der<lb n="27"/>Staat wieder in den gleichen Bund mit der izt herrschenden Kirche, und behauptet<lb n="28"/>dieser ihre Rechte wieder so unbeschränkt, als der vorherigen. Es erhellt hieraus, wie<lb n="29"/>aus dem oben gesagten, daß die Bemerkung, die viele scharfsinnige Geschicht<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schreiber gemacht haben, daß zur Verwunderung, jede Kirche uneingedenk ihrer<lb n="31"/>ausgestandenen Leiden, welche Errinnerung sie duldend gemacht haben sollte, sobald<lb n="32"/>sie herrschend wurde, damit auch intolerant geworden ist, daß diese Bemerkung</p>
<pb n="322" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=342" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>nicht blos ein aus der Geschichte und Erfahrung abstrahirter, zufälliger Saz ist,<lb n="2"/>sondern daß er mit zwingender Nothwendigkeit aus den Rechten jeder Kirche<lb n="3"/>von selbst folgt – welches in dem Rechte jeder Gesellschaft besteht, aus ihrer Gesell<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schaft diejenigen auszuschliessen, die sich den Gesezen und Anordnungen der<lb n="5"/>Gesellschaft nicht fügen – wenn sie also herrschend in einem Staate wird, so be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>hauptet diese kirchliche Gesellschaft ihr Recht, und schliest, den andersglaübigen<lb n="7"/>aus ihrer Gemeinschaft, und damit zugleich aus dem Staate aus, und wird so<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wohl in Rüksicht auf Glauben, als auf Eigenthum der nicht herrschenden Kirche<lb n="9"/>intolerant – Dieser Gang der Dinge in Ansehung des Eigenthums einer Kirche zeigte<lb n="10"/>sich bei der ersten Verbreitung der christlichen Kirche, und bei der Ausbreitung jeder<lb n="11"/>neuen Sekte in dieser Kirche selbst – Die Christen versammelten sich anfangs in<lb n="12"/>PrivatHaüsern, erbauten eigne gottesdienstliche Gebaüde auf ihre Kosten, als sie aber<lb n="13"/>herrschend wurden, so machte die Kirche ihre Rechte geltend, zerstörte die heid<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nischen Tempel, und nahm sie für sich in Besiz, wennschon in einer Stadt oder in<lb n="15"/>einer Gemeinde noch der gröste Theil Heiden waren; eine ganz christliche Gemeinde<lb n="16"/>hatte nach dem Staatsrechte das Recht dazu; Julian behauptete das Kirchenrecht und<lb n="17"/>Staatrecht der Heiden, und nahm den Christen wieder die Tempel, die sie den Hei<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>den abgenommen hatten. Die Protestanten gebrauchten die bisher catholischen Kir<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>chen zu ihrem Gottesdienste, und verwandten die Einkünfte der Geistlichen und<lb n="20"/>Klöster nach ihrem Sinne; und [die protestantische Kirche] hatte nach dem bürger<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichen Rechte das Recht dazu, und machte auch ihr Kirchenrecht geltend – aber ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lezte dadurch das katholische Kirchenrecht; das diese Kirche immer noch behauptet,<lb n="23"/>und die protestantischen Kirchen, Bisthümer, Klöster und geistliche Einkünfte für<lb n="24"/>etwas ansieht, das de jure ihr Eigenthum ist, und konsequent ihre Bischöffe, Aebte – in<lb n="25"/>partibus hat. Zwei Kirchenrechte können gegeneinander, da sie in geradem und un<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>vereinbarem Widerspruche stehen, nicht rechtlich geschlichtet werden, nicht anders<lb n="27"/>als durch Gewalt, oder durchs Staatsrecht, das alsdenn als ein höheres Recht ein<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>geraümt werden muß, welches die katholische [Kirche] in keinem Fall, die pro<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>testantische nur in einigen Rüksichten einraümt – geschlichtet werden – was die eine<lb n="30"/>Kirche einraümt, so vergibt sie etwas von ihrem Rechte, und es ist von ihrer Seite<lb n="31"/>Gnade –</p>
<p><lb n="32"/>Wer die Kirche seines Landes verläst, verbannt sich aus seinem Vaterlande mit<lb n="33"/>dem Verluste seiner bürgerlichen Freiheiten; und dise Art zu verfahren könnte hart</p>
<pb n="323" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=343" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>und ungerecht scheinen, jemanden wegen seines Glaubens zu verfolgen, und ihm<lb n="2"/>den Genuß seiner bürgerlichen Rechte zu entziehen, ihn von allem, was ihm Natur<lb n="3"/>und Gewohnheit theuer macht, zu verbannen. Daß ihm aber kein Unrecht dadurch<lb n="4"/>geschehe, beweist die Kirche mit der Sprache der Großmuth, nicht nur der Gerechtig<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>keit, daß sie ihm in der Änderung seines Glaubens nicht im Wege gestanden sey;<lb n="6"/>daß sie seine Freiheit, aus ihr austretten zu wollen, ehre; da aber eine Bedingung der<lb n="7"/>Fähigkeit, bürgerliche Rechte in diesem Lande zu geniessen, Verbindung mit der<lb n="8"/>Kirche sey, und dise Bedingung izt durch die Aenderung seines Glaubens aufgehoben<lb n="9"/>werde, welches er selbst gewust habe, so geschehe ihm schlechterdings keine Un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gerechtigkeit dabei; er habe bei dieser Alternative freie Wahl – wenn er mit dieser<lb n="11"/>Ausschliessung nur aus der Kirche ausgeschlossen würde, so würde sie damit nur<lb n="12"/>einen ausschliessen, der sie schon verlassen hat; aber sie schliest ihn damit zugleich<lb n="13"/>auch aus dem Staate aus; und der Staat gibt es zu, daß seine Rechte verletzt werden,<lb n="14"/>der Staat und Kirche sind insofern in eins geschmolzen.</p>
<p><lb n="15"/>c) Jeder Mensch bringt ausser dem Rechte der thierischen Erhaltung, auch das<lb n="16"/>Recht, seine Fähigkeiten auszubilden, ein Mensch zu werden, auf die Welt; durch<lb n="17"/>dieses Recht übernehmen die Eltern und der Staat und theilen die Pflicht, das Kind<lb n="18"/>zwekmässig zu erziehen; und der leztere hätte ausser dieser Pflicht auch noch das<lb n="19"/>gröste Interesse, die junge Herzen seiner heranwachsenden Staatsbürger so zu bilden,<lb n="20"/>daß einst Ehre und Vortheil für ihn aus ihrem männlichen Alter erwachse – Dieser<lb n="21"/>seiner Pflicht und seinem Interesse hat ein Staat nun nicht besser und natürlicher<lb n="22"/>Genüge leisten zu können geglaubt, als wenn er diese Sorge entweder ganz oder<lb n="23"/>gröstentheils der Kirche anvertraute, und auf diese Art wird nicht nur für das Inter<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>esse des Staats sondern auch für das Interesse der Kirche, auch die jungen Bürger zu<lb n="25"/>Bürgern der Kirche zu erziehen, hinlänglich gesorgt; ob aber dadurch die jungen<lb n="26"/>Bürger in ihrem Rechte der freien Ausbildung der Kräfte nicht gefährdet werden,<lb n="27"/>hängt allein davon ab, wie die Kirche dabei ihr Amt verrichtet – Wie der Staat, der<lb n="28"/>die Rechte der Kinder, wenigstens als Personen schon zu den seinigen gemacht, und<lb n="29"/>sie als solche geschüzt hat, das Recht über sie hat, sie in seinen Maximen, und nach<lb n="30"/>seinem Zweke zu bilden, so behauptet die Kirche ebendiß Recht, weil sie die Kinder</p>
<pb n="324" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=344" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>schon ihre Wohlthaten geniessen läst, und macht sie also geschikt, und durch den<lb n="2"/>Unterricht geneigt, mit der Zeit auch gegen die Kirche ihre Pflichten zu leisten.<lb n="3"/>Wenn nun im reifen Alter des Verstands ein Bürger die Geseze oder sonstige Be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schaffenheit seines Vaterlandes sich nicht angemessen findet, so hat er in den meisten<lb n="5"/>europäischen Staaten die freie Wahl, denselben zu verlassen; und seine Abhängigkeit<lb n="6"/>von den Gesezen seines Landes gründet sich auf diese freie Entschliessung der Willkühr,<lb n="7"/>unter denselben zu leben, an dieser Entschliessung mag nun Gewohnheit, oder Furcht<lb n="8"/>einen noch so grossen Antheil genommen haben, so können diese doch die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>keit der freien Wahl nie aufheben –</p>
<p><lb n="10"/>Wenn aber die Kirche durch ihre Erziehung es so weit gebracht hätte, daß sie<lb n="11"/>Verstand und Vernunft von Seiten des religiösen Nachdenkens entweder ganz unter<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>drükt, oder die Einbildungskraft wenigstens so mit Schreken gefüllt hätte, daß Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nunft und Verstand es nicht wagen kan und darf, seiner Freiheit sich bewust zu wer<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>den, und sie auch über religiöse Gegenstände zu gebrauchen, so hätte die Kirche die<lb n="15"/>Möglichkeit der freien Wahl und Entschliessung, ihr Mitglied zu seyn, worauf sie<lb n="16"/>doch allein ihre Ansprüche auf jemand gründen kan und will, ganz hinweggenommen,<lb n="17"/>das natürliche Recht der Kinder, einer freien Ausbildung der Fähigkeiten verlezt,<lb n="18"/>und sich Sklaven, anstatt freier Bürger erzogen. Ausser dem nun, wie viel Gewalt<lb n="19"/>frühe Eindrükke auf die Einbildungskraft und Herzen der Kinder, die Macht des<lb n="20"/>Beispiels der geliebtesten und durch die ersten Bande der Natur mit uns verbundenen<lb n="21"/>Personen hat, welches bei jeder Erziehung stattfindet, ohne daß dadurch die Freiheit<lb n="22"/>der Vernunft gefesselt werden müsse, – ausserdem nun erzieht die Kirche zum Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ben, d. h. nicht Vernunft und Verstand werden so entwikelt, daß sie selbst zur Bil<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dung eigenthümlicher Principien, oder zum Urtheilen nach ihren Gesezen über das,<lb n="25"/>was ihnen vorgetragen wird, geleitet würden, sondern die Vorstellungen, und Worte,<lb n="26"/>die der Einbildungskraft, und dem Gedächtnis eingeprägt werden, werden so mit<lb n="27"/>Schreken gewafnet, und in einem so heiligen, unverlezlichen, blendenden Lichte mit<lb n="28"/>dem Befehle aufgeführt, daß theils vor ihrem Glanze die Geseze des Verstands und<lb n="29"/>der Vernunft verstummen müssen, nicht gebraucht werden dürfen, theils daß sie dem<lb n="30"/>Verstand und Vernunft Geseze, die also heterogen sind, vorschreiben – durch diese</p>
<pb n="325" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=345" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>fremde Gesezgebung ist also der Vernunft und dem Verstand die Freiheit, das heist<lb n="2"/>die Fähigkeit, Gesezen, die ihnen eigenthümlich, die in ihrer Natur gegründet sind,<lb n="3"/>zu folgen, genommen; Freiheit der Wahl in die Kirche zu tretten, findet nicht mehr<lb n="4"/>[statt], der Staat ist, so gut er es meinte, an den Rechten der Kinder einer freien Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bildung der Fähigkeiten der Seele zum Verräther geworden. Das Auskunftsmittel,<lb n="6"/>Kinder ohne den positiven Glauben einer Kirche zu erziehen, um ihnen die Freiheit<lb n="7"/>der Wahl für ihr reiferes Alter zu bewahren, würde ohne an die unzählige Schwierig<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>keiten der Möglichkeit der Ausführung [zu denken], auch aus verpflichtenden Grün<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>den deswegen nicht angenommen [werden] <hi rendition="#g">dürfen</hi>, weil die Kirche theils in einer<lb n="10"/>solchen Unwissenheit im Glauben die Kinder zu lassen, für ein Verbrechen aus Pflicht<lb n="11"/>erklärt, theils es ihr höchst mühseelig seyn würde, das was in der Jugend versaümt<lb n="12"/>worden ist, einzubringen, und es fast nicht mehr möglich ist, den Glauben so bis ins<lb n="13"/>Mark der Seele einzudrükken, so alle Zweige menschlicher Begriffe und Fähigkeiten,<lb n="14"/>alle Zweige menschlichen Strebens und Wollens damit zu umwikeln – Daher auch<lb n="15"/>der Patriarch (im Nathan) als er hört, der Jude habe</p>
<quote><lb n="16"/>das Mädchen nicht sowohl in seinem, als<lb n="17"/>vielmehr in keinem Glauben auferzogen,<lb n="18"/>und sie von Gott nicht mehr nicht weniger<lb n="19"/>gelehrt, als der Vernunft genügt. –</quote>
<p><lb n="20"/>darüber am meisten ungehalten wird und ihn dieser wegen für werth erklärt,</p>
<quote><lb n="21"/>dreymal verbrannt<lb n="22"/>zu werden! was? ein Kind ohn’ allen Glauben<lb n="23"/>erwachsen lassen? – wie? die grosse Pflicht<lb n="24"/>zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?<lb n="25"/>Das ist zu arg!</quote>
<p><lb n="26"/>Denn [es] ist noch eine viel grössere Hofnung einen Menschen, dessen Verstand<lb n="27"/>von Jugend auf an die Pflicht zu glauben gewohnt ist, zu dem Glauben einer andern</p>
<pb n="326" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=346" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Kirche zu bringen, da es dagegen viel schwerer ist einen Menschen, dessen Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>kraft von ihren Bildern und dessen Verstand von ihren Fesseln frei ist, überhaupt<lb n="3"/>zum Glauben und zum Gehorsam unter die Meinungen, den eine Kirche fodert, zu<lb n="4"/>bringen.</p>
<p><lb n="5"/>Zwei Bemerkungen können noch hinzugefügt werden, daß obschon, wer Bürger<lb n="6"/>eines christlichen Staates werden will, den Glauben des Landes annehmen muß, doch<lb n="7"/>nicht umgekehrt, ein Proselyte deswegen Bürger des Staates ist, aus dem natürlichen<lb n="8"/>Grunde, weil die Kirche einen grössern Umfang [hat] als der Staat, und dieser doch<lb n="9"/>überall noch unabhängige Rechte behauptet. (In welchem Falle waren die proselyti<lb n="10"/>portae der Hebräer?)</p>
<p><lb n="11"/>Ferner: Der Gegenstand des Vertrags, der einer Kirche zum Grunde liegt, ist<lb n="12"/>Glauben und Meinung. In der protestantischen Kirche ist besonders in neuern Zeiten<lb n="13"/>die Freiheit hierin so viel grösser als in der katholischen, daß es keine Vergleichung<lb n="14"/>leidet; aber in beiden werden die aus diesem Vertrag fliessenden Rechte strenge<lb n="15"/>behauptet – In der katholischen Kirche wird die Meinung mit eben der Genauigkeit<lb n="16"/>bewacht; in der protestantischen Kirche hingegen ist es bekannt, daß der Glauben der<lb n="17"/>gelehrtesten und rechtschaffensten Theologen gar nicht derselbe ist, den [sie] in den<lb n="18"/>Symbolischen Büchern unterschreiben, oder beschwören; von andern Beamten des<lb n="19"/>bürgerlichen Staats ist es ohnehin fast immer der Fall, daß sie die Lehren der sym<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bolischen Bücher, die sie gleichfalls unterschreiben müssen, sehr wenig kennen; wer<lb n="21"/>z. B. nicht die gleiche Meinung von der Taufe hätte, die von der Kirche aufgestellt<lb n="22"/>ist, oder ganz anders von den Hauptpunkten der protestantischen Dogmatik denkt,<lb n="23"/>als die Kirche, – den fragt man darnach weiter nicht, wenn er auch diß schon in<lb n="24"/>Schriften oder sonst öffentlich an den Tag gelegt hat; wenn er so konsequent seyn,<lb n="25"/>und sein Kind nicht taufen lassen, oder bei Übernehmung eines Amt die Symboli<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schen Bücher nicht unterschreiben wollte, so würde die Kirche, die auf seine Meinung<lb n="27"/>keinen Protest gelegt hat, doch die Konsequenzen, die natürlich daraus fliessen, in<lb n="28"/>Beschlag nehmen, und ihre Rechte geltend machen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s346-z29" n="29"/>Was nun den Vertrag selbst betrift, auf dem die Rechte der Kirche selbst beruhen,<lb n="30"/>so könnten zwar die ersten Rechte der Fürsten auf den Rechten des Eroberers beruhen,<lb n="31"/>der den Besiegten das Leben unter der Bedingung des Gehorsams ließ, und auf diesem<lb n="32"/>ursprünglichen Vertrag des Überwinders mit den überwundenen könnten die Rechte</p>
<note xml:id="fn-326-1" place="margin" n="" target="#GW01-s346-z29" ana="#j.ohne-teil">Vertrag der Kirche Representation, AktivBürger über die Lehre</note>
<pb n="327" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=347" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>der Nachkommen jener Fürsten gegründet seyn, die also sie jezt nicht mehr durch<lb n="2"/>das Recht als Eroberer, sondern durch ErbschaftsRecht besäßen, so wie auf jenem<lb n="3"/>Vertrag auch die Unterwerfung des Willens des einzelen unter den Willen des<lb n="4"/>Souverains beruhte, – eine Theorie deren Behauptung oder Widerlegung uns hier<lb n="5"/>gleichgültig ist – so bleibt doch soviel daß es in der Natur der bürgerlichen Gesell<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schaft liegt, sie und die Rechte ihrer Beherrscher und Gesezgeber mögen entstanden<lb n="7"/>seyn, wie sie wollen, daß darin die Rechte des einzelen Rechte des Staates geworden<lb n="8"/>sind, daß der Staat verpflichtet [ist], meine Rechte als die seinigen zu behaupten, und<lb n="9"/>zu beschüzen. Bei den Rechten der Kirche, als eines Staates kan es dagegen keinem<lb n="10"/>Zweifel unterworfen seyn, daß, wenigstens bei Bildung derselben, auf der freien Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>willigung aller einzelnen ihr Vertrag und ihre Rechte allein sich gründeten. In diesem<lb n="12"/>Staate wird der allgemeine Willen, d. h. die Mehrheit der Stimmen als Geseze des<lb n="13"/>Glaubens ausgedrükt; und die Gesellschaft verbindet sich zu Schüzung dieses Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bens einer für alle und alle für einen; theils zur Organisation und Ordnung der all<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gemeinen Versammlung, in der die Geseze gemacht werden, theils zur Schüzung<lb n="16"/>dieser Glaubensgeseze, zu welcher vorzüglich der Unterricht jeder Art, und der<lb n="17"/>öffentliche Gottesdienst gehört, hat der kirchliche Staat Beamten nöthig und sie auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gestellt – In Ansehung des einen Punktes, Zusammenstimmung aller zu Einem Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ben ist es nun ein sehr grosser Unterschied, ob der Vertrag der Kirche so angesehen<lb n="20"/>wird, daß ihre Vereinigung aus der Übereinstimmung des Glaubens aller von selbst<lb n="21"/>hervorgegangen sey, und ob im allgemeinen Glauben nur der Glauben aller aus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gedrükt sey, oder ob dieser auch zum Theil durch die Mehrheit der Stimmen fest<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gesezt, und ob diß als möglich angenommen worden ist. Der leztere Grundsaz ist<lb n="24"/>feierlich von der katholischen Kirche angenommen worden, indem den Kirchen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>versammlungen die höchste Gewalt aufgetragen ist, in der lezten Instanz zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>scheiden, was der Glauben der Kirche sey, und zwar ist es die Mehrheit der Stimmen,<lb n="27"/>der sich zu unterwerfen eine jeweilige Minorität die unnachlasliche Pflicht hat; In<lb n="28"/>einer solchen Versammlung sind die Mitglieder theils als Repräsentanten ihrer Heerde,<lb n="29"/>theils vorzüglich als Beamte der Kirche vorhanden – Ihre Vollmacht soll zwar aus</p>
<pb n="328" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=348" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>der Eigenschaft als Representanten fliessen, aber das Volk hat das Recht, das es mehrere<lb n="2"/>Jahrhunderte hatte, seine Repräsentanten, und Beamte selbst zu wählen längst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>loren – Die Beamten der Kirche, die wieder von Beamten, oder zum theil von einem<lb n="4"/>von dem Volke gleichfalls unabhängigen Korps ernennt werden, machen also die<lb n="5"/>Versammlung der Kirche aus, und alle zusammen bilden eine in sich vollendete<lb n="6"/>Organisation, die den Glauben des Volks, der Layen, handhaben, bestimmen und<lb n="7"/>regieren, ohne daß diesen der geringste Einfluß mehr dabei gestattet sey; – Da der<lb n="8"/>Gegenstand der Kirche, nicht Person und Eigenthum, die fähig sind, daß Gewalt um<lb n="9"/>sie zu beschüzen gebraucht werden kan, – sondern Meinung und Glauben ist, so ist<lb n="10"/>es ganz und gar gegen die Natur der Meinung, daß, was die seinige sey, der einzele<lb n="11"/>der Mehrheit der Stimmen unterwerfe, und was im bürgerlichen Vertrage möglich<lb n="12"/>ist, seinen Willen dem allgemeinen Willen zu unterwerfen, und diesen als Gesez für<lb n="13"/>sich anzusehen, kan schlechterdings keinen solchen kirchlichen Vertrag, d. i. einen<lb n="14"/>Vertrag über Glauben hervorbringen, ein solcher ist in sich selbst unmöglich und<lb n="15"/>wenn er doch gemacht worden ist, ganz null und nichtig –</p>
<p><lb n="16"/>Besteht die Versammlung aus Repräsentanten, die es nicht blos dem Namen,<lb n="17"/>sondern auch der That nach sind, d. h. die wirklich von den Gemeinen als solche<lb n="18"/>gewählt worden sind, so kan ihnen keine andre Vollmacht mitgegeben werden, als<lb n="19"/>eine Erklärung, was der Glauben der Gemeinde sey, und welche Artikel sie als die<lb n="20"/>Hauptpunkte, als die Bedingungen ansehe, unter deren Gleichheit allein sie sich mit<lb n="21"/>andern Gemeinden als Einer Kirche zugethan ansehen wolle; ihnen die Vollmacht<lb n="22"/>mitzugeben, nach ihrer Einsicht den Glauben der Gemeine zu bestimmen, und diesen<lb n="23"/>der Mehrheit der Stimmen zu unterwerfen, würde eine representative Republik bil<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>den, die dem Rechte der Menschen, ihre Meinungen nicht einer fremden Autorität<lb n="25"/>zu unterwerfen, ganz und gar widerspräche, und sie in den gleichen Fall sezte, in dem<lb n="26"/>sie bei dem so eben betrachteten Vertrag wären – welche Konstitution man eine reine<lb n="27"/>Demokratie nennen könnte – Eine solche repräsentative Republik war nun die Kirche<lb n="28"/>in den ersten Jahrhunderten ihrer Ausbreitung, und man erblikt dabei einen sonder-</p>
<pb n="329" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=349" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>baren Konflikt des Grundsazes der Freiheit der Meinungen jeder einzelen Gemeinde,<lb n="2"/>und ihres Representanten, mit dem Grundsaz daß es Pflicht sey, sich der Mehrheit<lb n="3"/>der Stimmen zu unterwerfen – Gab es nemlich Spaltungen, an denen es bekanntlich<lb n="4"/>in keiner Periode fehlte, so appellirten beide Partheien an ein freies allgemeines Con<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>cilium, und verlangten diß mit Annehmung des Grundsazes, daß es Pflicht [sey] sich<lb n="6"/>der Mehrheit zu unterwerfen, welche jeder Theil die Hofnung hatte, durch seine<lb n="7"/>triftigen Gründe und Beredsamkeit, und mehr noch durch seine Intriguen, auch Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stand der Macht, für sich zu gewinnen; der siegende Theil nun verlangte izt die<lb n="9"/>Anwendung dieses Grundsazes, und Unterwerfung der Minorität, diese hingegen<lb n="10"/>nahm izt gewöhnlich ihre Zuflucht zu dem andern Grundsaz, und schrie über Gewalt,<lb n="11"/>die man der Freiheit ihrer Überzeugung anthun wolle. Sehr haüffig gab es dabei<lb n="12"/>auch spezielle Verbindungen zu Durchsezung ihres Zweks, deren Mitglieder izt<lb n="13"/>Eine moralische Person ausmachten, und die Schlüsse der Versammlung können<lb n="14"/>dann nicht mehr als Schlüsse einer freien Mehrheit sondern als der Sieg einer Faktion<lb n="15"/>angesehen werden, die sich Betrug, und alle Art von Gewaltthätigkeiten erlaubte,<lb n="16"/>ihre Sache durchzusezen, und die überwundene Parthei als Rebellen entsezlich mis<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>handelte; eine Versammlung heiliger Väter dieser Art wurde von ihren Gegner eine<lb n="18"/>Raüberbande genannt, und Mosheim¹ hat an diesem harten Ausdruk nur das auszu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sezen, daß er nicht auch von manchen andern KirchenVersammlungen gebraucht<lb n="20"/>worden sey, die diesen Titel ebenso gut verdienten.</p>
<p><lb n="21"/>Seitdem aber die Layen auch das Recht verlohren haben, in Ansehung ihres Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bens auch nur representirt zu werden, seitdem die Bischöffe und Vorsteher der christ<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichen Kirche blosse Beamte sind, seitdem sind also die Geseze des Glaubens ganz von<lb n="24"/>ihren Regenten gemacht worden, und es kan obzwar nicht den Bischöffen aber dem<lb n="25"/>Volke zimlich gleichgültig seyn, ob sein GlaubensRegent, und Richter Eine Person,<lb n="26"/>– (der Pabst –) oder eine Menge von ihm unabhängiger Personen sind, ob seine geist<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>liche Verfassung eine Monarchie, oder eine Aristokratie sey – seine Rechte sind in<lb n="28"/>beiden Fällen gleichgroß, gleich Null – Über die Rechtmässigkeit einer solchen<lb n="29"/>Regierung, einer solchen Verfassung in Glaubenssachen, ein Wort zu verlieren, wäre<lb n="30"/>völlig unnüz –</p>
<note xml:id="fn-329-1" type="rand" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>Histor. eccles. saec. 5. pars. 2. c. 5.</note>
<pb n="330" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=350" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Es ist der erste Grundsaz der protestantischen Kirche, daß ihr Vertrag auf einer<lb n="2"/>allgemeinen Übereinstimmung aller Mitglieder derselben beruhe, daß von keinem<lb n="3"/>Menschen der Eintritt in einen kirchlichen Vertrag gefodert werden könne, dessen<lb n="4"/>Bedingung wäre, daß er seinen Glauben der Mehrheit der Stimmen unterwürfe.<lb n="5"/>Luther hat im Anfang seines grossen Werks zwar an eine freie allgemeine Kirchen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>versammlung appellirt, aber dann erst war der grosse Grundsaz der protestantischen<lb n="7"/>Freiheit, das Palladium ihrer Kirche gefunden, als man den Beitritt, die Erscheinung<lb n="8"/>auf einem Koncilium verwarf, nicht deßwegen, weil man zum voraus versichert<lb n="9"/>seyn konnte, seine Sache dort zu verlieren, sondern weil es der Natur der religiösen<lb n="10"/>Meinungen widerspreche, daß über sie durch StimmenMehrheit entschieden werden<lb n="11"/>könne; daß jeder das Recht habe, für sich darüber eins zu werden, was sein Glauben<lb n="12"/>sei – Der Glauben eines jeden Protestanten muß also sein Glauben seyn, weil es sein<lb n="13"/>Glauben ist, nicht weil es der Glauben der Kirche ist; er ist ein Mitglied der protestan<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>tischen Kirche, weil er freiwillig derselben beigetreten ist, und freiwillig darin ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>harrt; alle Rechte der Kirche über ihn beruhen allein darauf, daß sein Glauben auch<lb n="16"/>ihr Glauben ist.</p>
<p><lb n="17"/>Ist die protestantische Kirche, als sie ihr Gesezbuch, ihre Konstitution in Ansehung<lb n="18"/>des Glaubens entwarf, in allen ihren Handlungen diesem Grundsaze ihres reinen<lb n="19"/>Kirchenrechts mit unwandelbarer Festigkeit getreu geblieben, so kan sie keinem Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wurfe einer Unrechtmässigkeit ausgesezt seyn – Die Lehrer aber, die sie gründeten,<lb n="21"/>und die Beamten, die sie sich gab, und von denen nachher noch die Rede seyn wird,<lb n="22"/>wurden zuweilen versucht, sich nicht bloß als solche Representanten ihrer Gemeinden<lb n="23"/>anzusehen und als solche zu handeln, denen ihre Gemeinde nur die Erklärung ihres<lb n="24"/>Willens aufgetragen habe, sondern ihre Vollmacht als ausgedehnter zu betrachten,<lb n="25"/>daß es von den Gemeinden ihrer Einsicht überlassen sey, untereinander auszumachen,<lb n="26"/>was der Glauben der Kirche sey – welches sowohl daraus erhellt, daß sehr viele<lb n="27"/>Bestimmungen in den symbolischen Bücher der protestantischen Kirche so beschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>fen sind, daß es wegen der dabei vorkommenden Subtilitäten unmöglich ist, daß sie<lb n="29"/>als Meinung durch Beistimmung des ganzen Volks anerkannt angesehen werden<lb n="30"/>können, und nur das Werk spizfindiger Theologen sind, als ist auch aus der Ge-</p>
<pb n="331" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=351" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>schichte, wie einige dieser Schriften entstanden, und als Norm des Glaubens an<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>genommen worden sind, bekannt, daß die Sache meist allein unter den Theologen<lb n="3"/>verhandelt worden ist; wobei nur solche Layen theilnahmen, die als Gewalthabende<lb n="4"/>nöthig waren, diesen Büchern die hinlängliche Autorität zu verschaffen und zu<lb n="5"/>sichern. Zwei Umstände können dabei als Rechtfertigung für die Theologen an<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>geführt werden, daß sie den symbolischen Büchern eine gelehrtere Form, manchen<lb n="7"/>ihrer Lehren eine feinere Bestimmung zur Befriedigung ihrer Mitglieder selbst gegen<lb n="8"/>die mit solchen Waffen streitende katholische Kirche geben mußten, und daß ihnen<lb n="9"/>der ungelehrtere Theil ihrer Kirche, eine solche Behandlung seiner Glaubenslehren<lb n="10"/>übergeben konnte, ohne an seinen unwandelbaren Rechten sich dadurch etwas zu<lb n="11"/>entziehen – Es kan dagegen aber immer noch gesagt werden, daß die Theologen ihre<lb n="12"/>gelehrtere Beweise, ihre spizfündigere Unterscheidungen ganz unbeschadet der Sache<lb n="13"/>ihrer Kirche für ihre Schriften hätten aufbehalten können, da es doch hauptsächlich<lb n="14"/>nur um die Legitimation ihres Glaubens zu thun war, indem das Volk darüber, daß<lb n="15"/>es etwas glaubt, nicht durch Gründe legitimirt werden kan, die es nicht kennt; die<lb n="16"/>symbolischen Bücher hätten in einer einfachern Gestalt, die dann freilich nicht so<lb n="17"/>polemisch gegen alles die Spize geboten hätte, mehr das Ansehen einer Glaubensnorm<lb n="18"/>gehabt, die nach dem feierlichen Grundsaz der protestantischen Kirche, von der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sicht des Volkes selbst als sein Glauben anerkannt worden sey – umsomehr, da die<lb n="20"/>Waffen, die zu einer Zeit sehr gute Dienste thun, in der Folge unbrauchbar werden,<lb n="21"/>so ist die gelehrte Form der symbolischen Bücher, aus der das Volk nie, sondern nur<lb n="22"/>die Gelehrten bewiesen, izt auch insofern untauglich geworden, da in ihr die Theo<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>logen unserer Tage ihre Legitimation auch nicht mehr vorzeigen – das Volk brauchte<lb n="24"/>diese Waffen nie, und auch die Gelehrten verschmähen sie izt.</p>
<p><lb n="25"/>Der andere Umstand, der zur Rechtfertigung der Theologen, was Glauben des<lb n="26"/>Volks sey, allein ohne dieses, zu bestimmen angeführt werden kan, ist der, daß sie<lb n="27"/>sagen können, sie haben bei den spätern Büchern, worin der Glauben der protestan<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tischen Kirche enthalten ist, nur als Ausleger der vorher von dem Volke selbst an<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>genommnen GlaubensNorm gehandelt, und dieses Amt eines Auslegers, habe ihnen<lb n="30"/>ebenso unbeschadet der GlaubensRechte des Volks übertragen werden können. Und</p>
<pb n="332" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=352" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>allerdings, wenn den ausgelegten Stellen der Glaubensnorm nur Ein Sinn beigelegt<lb n="2"/>werden konnte, so kan nichts gegen diß ihr Amt eingewandt werden – Allein wenn<lb n="3"/>eine Lehre etwa zweyer oder mehrerer Auslegungen fähig ist, und die eine ist von<lb n="4"/>den Theologen angenommen worden; oder wenn von ihnen aus einem Saze Kon<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sequenzen mit der strengsten Richtigkeit gefolgert, und als Lehren der Kirche auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gestellt worden sind, so haben sie hierin eigenmächtig gehandelt – denn um zu<lb n="7"/>wissen, welche von beiden möglichen Auslegungen dem Sinn der Kirche gemäs sey,<lb n="8"/>muste diese vorher darum befragt werden, ebenso in Ansehung der Konsequenzen,<lb n="9"/>indem es ein oft freilich besonders bei Streitigkeiten wenig beobachteter aber rich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tiger Kanon der Kritik ist, daß wenn aus einem System noch so richtig Konsequenzen<lb n="11"/>fliessen, deswegen doch von dem, der diesem System zugethan ist, nicht gerade<lb n="12"/>angenommen werden darf, daß er sich deswegen auch zu diesen Konsequenzen<lb n="13"/>bekenne.</p>
<p><lb n="14"/>In Ansehung des Glaubens selbst findet eigentlich kein gesellschaftlicher Vertrag<lb n="15"/>statt, man [kan] sich zwar verbinden, den Glauben der andern zu achten, wie die<lb n="16"/>EigenthumsRechte, allein es ist eigentlich eine bürgerliche Verpflichtung, das Recht<lb n="17"/>des andern, Freiheit in Ansehung seines Glaubens zu haben, zu ehren; man kan sich<lb n="18"/>unmöglich und noch weniger seine Nachkommen verpflichten, etwas glauben zu<lb n="19"/>wollen; denn jeder Vertrag ist am Ende im Willen gegründet – nur etwas glauben<lb n="20"/>wollen kan man nicht – und der Glaube der Kirche muß im strengsten Sinne ein allge<pc force="weak">-</pc><lb xml:id="GW01-s352-z21" n="21" break="no"/>meiner Glaube dieser Kirche d. h. aller einzelner seyn – Wenn eine Gesellschaft<lb n="22"/>von Menschen, wenn ein oder mehrere Staaten, als eine Kirche, mit einer andern<lb n="23"/>Gesellschaft, die insofern ein anderer Staat ist, wenn sie schon in andern Rüksichten<lb n="24"/>wieder in Verbindung stehen, oder mit Gliedern ihres Staates, einen Vertrag macht,<lb n="25"/>so hat sie von ihrer Seite wenigstens unklug gehandelt – denn sie hat die Bedingung,<lb n="26"/>unter der der andre seinen Theil des Vertrags erfüllen soll, an Glauben, und also an<lb n="27"/>etwas wandelbares gebunden, und sich durch die Form des Vertrags in Gefahr gesezt,<lb n="28"/>entweder dem ersten, dem heiligsten Rechte jedes einzelen und jeder Gesellschaft,<lb n="29"/>ihre Überzeugung zu ändern, zu entsagen, wenn ihr viel daran gelegen ist, daß der<lb n="30"/>andre seine Pflicht erfüllt, – oder, wenn sie ihren Glauben ändert, so verschwindet die<lb n="31"/>Pflicht des andern, die nur an diese Bedingung gebunden war. Mit ihren eigenen</p>
<note xml:id="fn-332-1" place="margin" n="" target="#GW01-s352-z21" ana="#j.ohne-teil">Vertrag mit dem Staate</note>
<pb n="333" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=353" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Staatsgliedern, wenn diese insgesammt den Glauben ändern, kommt zwar der Staat<lb n="2"/>und die Kirche bald zurecht, und die protestantischen Bürger und Bauern zahlen<lb n="3"/>noch die gleiche Abgaben, Zinsen, Zehenten, und unzählige andere Kleinigkeiten,<lb n="4"/>die sie der katholischen Kirche zahlten; zum Gottesdienst der izigen Kirche müssen<lb n="5"/>sie diß beitragen – welchen einzurichten und zu halten auch Geld erfodert wird – und<lb n="6"/>Geschenke einer Kirche machen, oder ihr Rechte einraümen, wäre gerade, als wenn<lb n="7"/>jemand einen Plaz an einem Fluß verschönern wollte, mit der Bedingung, daß eben<lb n="8"/>dieselben Wellen immer an dem Plaze, den sie izt bespülen, bleiben sollen – Wohl,<lb n="9"/>aber für diesen Altar Wachskerzen noch zu bezahlen, wo keine mehr gebrannt und<lb n="10"/>gebraucht werden, diesem Kloster noch diese Abgaben zu liefern, in welchem kein<lb n="11"/>Prälat und keine Mönche mehr sind, und unzählige dergleichen Gerechtigkeiten und<lb n="12"/>onera mehr waren doch eigentlich nur für den katholischen Gottesdienst und Glauben<lb n="13"/>bestimmt, wenn dieser wegfällt, so fallen nothwendig auch die darauf gegründeten<lb n="14"/>Rechte weg, und dadurch daß die Abgaben, die man der neuen Kirche entrichten<lb n="15"/>muß, in dem gleichen Umfang und als auf dieselbe Rechte gegründet, wie in der<lb n="16"/>alten Kirche erhoben werden, ist wenigstens eine grosse Ungleichheit in den Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gaben der Mitglieder Einer Kirche beibehalten worden, die man nicht billig nennen<lb n="18"/>kan. Soll sich die Verpflichtung der kontribuirenden, der Lehensleute, und leib<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>eigenen noch izt darauf gründen, daß sie ja dieser Abtei, diesem Kloster, dieser Pfarrei<lb n="20"/>unterthänig, mit diesen Abgaben verpflichtet waren, und da die izige Kirche alles<lb n="21"/>Eigenthum, und Rechte der vorigen übernommen habe, sie auch in diese eingetretten<lb n="22"/>sey, so ging doch jene Verpflichtung nicht gegen die Individuen, oder gar gegen die<lb n="23"/>Gebaüde dieser Abtei, u.s.w. sondern gegen sie als Mitglieder, als Beamte der katho<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lischen Kirche, d. h. gegen die Kirche selbst, und da die kontribuirenden nicht mehr<lb n="25"/>in dieser sind, da die katholische Kirche hier nicht mehr ist, so sollten mit ihr auch<lb n="26"/>die aus ihr entspringenden und an sie gebundenen Rechte weggefallen seyn –</p>
<p><lb n="27"/>Und wenn z. B. noch Katholiken in einem solchen reformirten Lande zurük<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>geblieben wären, könnten von diesen noch mit Recht die gleichen Abgaben gefodert<lb n="29"/>werden – könnte sie der Staat mit Recht fodern? diesem bezahlen sie andere Abgaben,<lb n="30"/>als Staatsbürger, diese kirchliche Abgaben waren nie sein – die neue Kirche? sie</p>
<pb n="334" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=354" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>können mit Rechte behaupten, nur der alten verpflichtet zu seyn, – und auch zu der<lb n="2"/>neuen nichts beitragen zu dürfen, da sie nicht zu ihr gehören – Der ähnliche Fall<lb n="3"/>findet in vielen katholischen z. B. den österreichischen Ländern statt, der besonders<lb n="4"/>seit Josephs Toleranzedikten manche Streitigkeiten und Verlegenheiten veranlast<lb n="5"/>hat – Sind die Akatholiken verbunden, noch die gleiche Abgaben, die sie vorher an<lb n="6"/>die Kirche bezahlten, die gleiche Sporteln für Taufe, Beichtgeld, Unterhaltung der<lb n="7"/>mancherlei Erfordernisse zum katholischen Gottesdienste, wie sie bisher verpflichtet<lb n="8"/>waren, zu bezahlen? Nein, sagen die Protestanten, denn sie gehören ja nicht zur<lb n="9"/>katholischen Kirche, und was sie bezahlten, bezahlten sie der Kirche – Ja! sagen die<lb n="10"/>Katholiken, sie sind dieser Pfarrey, diesem Kloster noch das gleiche schuldig, wie<lb n="11"/>vorher, diese möchten zu einer Kirche gehören zu welcher sie wollten – Hier<lb n="12"/>argumentiren die Protestanten aus den umgekehrten Grundsäzen, die ihre Kirche<lb n="13"/>gegen ihre Mitglieder geltend macht – und die Katholiken aus denselben, die die<lb n="14"/>protestantische Kirche innerhalb ihrer im Munde führt.</p>
<p><lb n="15"/>Die gleiche Unbequemlichkeiten hat es, wenn eine Kirche mit andern Staaten<lb n="16"/>Verträge macht, als Kirche, die einen bestimmten Glauben hat; wenn sie als solche<lb n="17"/>dem andern kontrahirenden Theil etwas zur Pflicht machen will, so hat sie gleichfalls<lb n="18"/>diese Pflicht, an etwas gebunden, das sie das Recht hat zu ändern, da sie zu gleicher<lb n="19"/>Zeit doch verlangt, die Pflicht des andern solle die gleiche bleiben. So haben die<lb n="20"/>Protestanten die reichskonstitutionsmässige Freiheit ihres Glaubens und Gottesdien<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stes mit vielem Blute erkauft – aber in allen Friedensschlüssen, ist der Vertrag immer<lb n="22"/>so abgefast, daß die Katholischen Fürsten gegen die Evangelische und Reformirte<lb n="23"/>Kirche die Verpflichtung, ihren Gottesdienst, ihr Eigenthum [zu schüzen] auf sich<lb n="24"/>genommen haben. Worin nun das Wesen der protestantischen Kirchen bestehe, diß<lb n="25"/>haben diese in ihren Konfessionen und Symbolen feyerlich erklärt – Weil nun diese<lb n="26"/>Verträge mit Kirchen, insofern sie etwas bestimmtes glauben, gemacht sind, so hat<lb n="27"/>Piderit (wenn ich mich nicht irre) vor mehrern Jahren zu grosser Aergerniß der<lb n="28"/>Protestanten so argumentirt, – der Glauben dieser ist [nicht mehr] derselbe, wie aus<lb n="29"/>den Schriften der Representanten ihrer Kirche, der berühmtesten Gottesgelehrten in<lb n="30"/>Vergleichung mit ihren symbolischen Büchern erhellt; also können sie die Rechte,<lb n="31"/>die ihnen von den Katholiken in den Friedensschlüssen zugesichert worden sind,<lb n="32"/>nicht mehr fodern, denn man hat mit den Kirchen, die ihren bestimmten Glauben</p>
<pb n="335" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=355" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>angegeben haben, kontrahirt; und wenn die Protestanten noch die gleiche Rechte als<lb n="2"/>geltend behaupten wollen, so müssen sie den Glauben der Kirche beibehalten, ihrem<lb n="3"/>Recht, denselben zu ändern, entsagen, und wo sie geändert haben, zurüknehmen –<lb n="4"/>Ein solches sonst konsequentes Räsonnement wäre unmöglich, die Protestanten wür<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>den die durch keine Verträge verlierbare Freiheit, ihren Glauben zu bessern nicht<lb n="6"/>gebunden zu haben scheinen, wenn die Fürsten, welche die Friedensschlüsse machten,<lb n="7"/>nicht als Oberhaüpter, oder Mitglieder einer Kirche, mit der Beihülfe der Theologen,<lb n="8"/>die ihnen immer an der Hand waren, und sich in einer solchen Wichtigkeit gefielen –<lb n="9"/>sondern als Fürsten d. h. als Oberhaüpter ihrer Staaten, nicht für ihre Kirchen, son<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>dern für ihre Staaten die Verträge gemacht hätten – Freie Religionsübung zu haben,<lb n="11"/>und seinem Glauben getreu zu seyn, ist ein Recht, in welchem der Mensch nicht erst<lb n="12"/>als Mitglied einer Kirche, sondern als Staatsbürger geschüzt werden muß, und seinen<lb n="13"/>Unterthanen diß zu sichern hat der Fürst, als Fürst die Pflicht; und kein göttlicheres<lb n="14"/>Recht hätten die Fürsten von den kontrahirenden als Pflicht von ihrer Seite fodern<lb n="15"/>können, das sie freilich aber leider! nur als Sieger erlangten – und [statt] daß izt die<lb n="16"/>Ausdrükke in den Verträgen so lauten daß auch die reformirte und lutherische Kirche<lb n="17"/>gesezmässige freie ReligionsÜbung im deutschen Reiche haben sollte, so wären sie<lb n="18"/>richtiger so gestellt worden, daß die catholischen Fürsten sich verbindlich machen,<lb n="19"/>die freie ReligionsÜbung der brandeburgischen, sächsischen u.s.w. Staaten nicht be<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>unruhigen und beeinträchtigen zu wollen; hätte man auch gesagt, die brande<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>burgische, sächsische Kirche, so wäre es ins gleiche gekommen, denn diß bedeutet<lb n="22"/>einen Staat in sofern [er] einem Glauben, unbestimmt welchem, zugethan ist – und<lb n="23"/>so hätte man das Vergnügen gehabt, nach Jahrhunderten von Barbarei, und Jahren,<lb n="24"/>die mit Strömen für dieses Glaubensrecht vergossenen Blutes bezeichnet sind, einen<lb n="25"/>Fundamentalartikel des gesellschaftlichen Vertrags, ein Menschenrecht, das durch<lb n="26"/>keinen Eintritt, in welche Art von Gesellschaft es sei, aufgegeben werden kan, rein,<lb n="27"/>entwikelt und feierlich in den Verträgen der Nationen anerkannt zu sehen – In der<lb n="28"/>hohen Empfindung des Rechts jedes einzelen und also auch aller, d. h. der Kirche,<lb n="29"/>seinen Glauben zu verbessern, in seiner Überzeugung weiter fortzuschreiten, und auf<lb n="30"/>der andern Seite zugleich mit dem Gefühl, wie viel man von diesem Rechte sich ver-</p>
<pb n="336" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=356" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>geben habe, daß alle jene Verträge der Kirche mit fremden Staaten für die den sym<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>bolischen Büchern anhängende Kirche gemacht wurden und in welche Inkonse<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>quenzen gegen jenes ewige Recht der kirchliche Staat verfalle, wenn er innerhalb<lb n="4"/>seiner den ganzen Vertrag dieses Staats auf gewissen Symbolen beruhend glaube, und<lb n="5"/>also den pünktlichen Glauben an dieselbe mit Eifer zu bewahren müssen für Pflicht<lb n="6"/>halte, – haben grosse Männer in neuern Zeiten dem Begriffe des Namen der Prote<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stanten, den Sinn vindicirt, daß er einen Menschen oder eine Kirche bedeute, die<lb n="8"/>sich [nicht] an gewisse unveränderliche Glaubensnorm gebunden habe, sondern die<lb n="9"/>gegen alle Autorität in Glaubenssachen, gegen alle Verpflichtungen, die jenem hei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ligen Rechte widersprächen, – protestire; und wenn die Kirche mit dieser negativen<lb n="11"/>Bestimmung zufrieden seyn wollte, so hätte sie das Verdienst, den Staat, an eine<lb n="12"/>Pflicht, die er sonst verkannte, den Unterthanen die Freiheit ihres Glaubens zu<lb n="13"/>schüzen, gemahnt, und was er vernachlässigte, an seiner statt, vertheidigt zu haben.</p>
<p><lb n="14"/>Durch jeden Vertrag, den die Kirche mit jedem oder einigen einzelnen Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gliedern, oder den jeder einzele mit ihr macht, wenn dieser Vertrag Rechte betrift,<lb n="16"/>die eigentlich nur im bürgerlichen Staat statt finden, wird sie ungerecht gegen sich<lb n="17"/>selbst – oder gegen einzele ihrer Mitglieder – Man fühlt diß nicht gerade, aber es muß<lb n="18"/>sich über kurz oder lang offenbahren, und vergebens fodert dann ein Staatsbürger,<lb n="19"/>der aus der Kirche tritt, und damit bürgerliche Rechte verliert, diese vom Staate<lb n="20"/>zurük, denn dieser hatte es versaümt seine Rechte zu bestimmen, und da er es die<lb n="21"/>Kirche an seiner Stelle thun lies, so sieht diese seine Rechte als die ihrigen an, und<lb n="22"/>behauptet sie als solche, denn sie machte, was für ihren Zwek hinlänglich war, das<lb n="23"/>allgemeine Recht, Freiheit des Glaubens und Gottesdienstes nur für einen einzelnen,<lb n="24"/>für ihren Fall geltend.</p>
<p><lb n="25"/>Wenn aber die Bildung einer Kirche überhaupt in Ansehung des Glaubens nicht<lb n="26"/>als ein Vertrag angesehen werden kan, aber aus der allgemeinen Gleichförmigkeit<lb n="27"/>des Glaubens, von selbst eine Kirche, eine Vereinigung zu einem Zweke hervorgeht,<lb n="28"/>so kan dieser Zwek Schüzung und Erhaltung dieses Glaubens, Anordnung eines<lb n="29"/>Gottesdienstes, der ihm gemäß ist, und Hervorbringung derjenigen Eigenschaften in<lb n="30"/>den Mitgliedern [sein], welche dem kirchlichen Ideale der Vollkommenheit gemäß<lb n="31"/>sind –</p>
<pb n="337" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=357" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Was nun die Schüzung und Erhaltung des Glaubens betrift, und es ist damit Schuz<lb n="2"/>des Glaubens und zugleich der freien Übung des Gottesdienstes, und der Aufrecht<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>haltung anderer Anordnungen gemeint, so ist diß eigentlich eine Pflicht des Staates,<lb n="4"/>und jener Schuz, jene Garantie ist nothwendig im gesellschaftlichen Vertrage be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>griffen; und es ist nur in einem übelorganisirten Staate, oder wie schon gesagt, in<lb n="6"/>einem Staate, der dise Pflicht nicht gekannt, sich dieses Schuzrecht nicht vindicirt<lb n="7"/>hat, möglich, daß seine Bürger, oder ein Theil derselben in den Fall kommen kan,<lb n="8"/>dieses Recht mit Gewalt auch für ihren Theil behaupten zu müssen, oder desselben<lb n="9"/>nicht geniessen zu dörfen. In diesem Falle sahen sich die Protestanten, und die Für<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sten, die gegen einen andern Theil der Staatsgewalt für das Recht der freien Re<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ligionsübung ihrer Unterthanen, muthig sprachen, und tapfer fochten, haben dies aus<lb n="12"/>FürstenPflicht gethan; von den Inkonvenienzen aber, daß sie nicht auch als Fürsten,<lb n="13"/>sondern als Mitglieder oder als Oberhaüpter einer Kirche den Frieden und die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>träge schlossen, haben wir oben geredet.</p>
<p><lb n="15"/>Da die Kirche ihren Glauben also nicht gegen Gewalt schüzen kan, so bleibt nichts<lb n="16"/>übrig, als ihn gegen sich selbst zu schüzen, und zu erhalten. –</p>
<p><lb n="17"/>Ist der Glauben, der geschüzt werden soll, als allgemeiner Glauben anzusehen, von<lb n="18"/>dem einer oder der andere im ganzen oder in einzelnen Theilen abwiche, so wäre ein<lb n="19"/>solcher ebendeswegen nicht mehr Glied der Kirche, und er hätte ihren Wohlthaten<lb n="20"/>entsagt, so wie sie keine Rechte mehr auf ihn hätte; sollte sie dennoch aber das Recht<lb n="21"/>auf ihn haben, daß er verpflichtet wäre, sich von ihr belehren zu lassen, und ihren<lb n="22"/>Vorschriften, was er thun oder unterlassen sollte, zu gehorchen, so könnte diß Recht<lb n="23"/>nur darin gegründet seyn, daß er im Vertrag mit der Kirche sich auf zukünftige<lb n="24"/>Fälle verbunden hätte, in [der] Bestimmung des wahren Glaubens der Mehrheit der<lb n="25"/>Stimmen, oder den Representanten der Kirche zu vertrauen, und sich von ihr dahin<lb n="26"/>leiten zu lassen; diß hiesse aber der Kirche eine Art von Infallibilität zuschreiben, und<lb n="27"/>gegen eine Autorität der Art zu protestiren, ist die höchste Pflicht eines wahren<lb n="28"/>Protestanten – der andersdenkende befände sich hier im Fall eines Übertretters der<lb n="29"/>bürgerlichen Geseze, von deren Machthabern er gezwungen wird, sie zu respektiren;<lb n="30"/>von der Art aber kan der kirchliche Vertrag unmöglich seyn – sie kan ihren Glauben,<lb n="31"/>gleichsam ihre Geseze, nur für den für geltend halten, der dieselbe freiwillig an<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>nimmt, freiwillig ihm gemäß glaubt und lebt – Es bleibt nur der Fall übrig, daß das</p>
<pb n="338" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=358" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Recht der Kirche sich darauf gründete, den Glauben, zu dem sich einer einmal<lb n="2"/>bekannt hat, den allgemeinen Glauben der Kirche, nicht in sofern er Glauben der<lb n="3"/>Kirche, sondern insofern er einmal Glauben dieses Individuums war, gegen dieses<lb n="4"/>selbst zu schüzen – der andersdenkende befindet sich nicht sowohl in dem Falle, des<lb n="5"/>Verschwenders, dessen übriggebliebenes Vermögen der Staat in seine Verwaltung<lb n="6"/>und Aufsicht [nimmt], der Staat schüzt hier nicht sowohl das Recht des Verschwenders<lb n="7"/>gegen ihn selbst – sondern das Recht der präsumtiven Erben, oder der Gemeinde,<lb n="8"/>die ihn sonst erhalten müste – der andersdenkende befindet [sich] gegen die Kirche<lb n="9"/>eher, im Fall des wahnsinnigen, dessen sich der Staat ausser andern wichtigen Rük<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sichten auch deswegen anzunehmen verpflichtet ist, weil er sein Recht auf einen<lb n="11"/>gesunden Verstand nicht mehr selbst geltend machen und nie dafür angesehen wer<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>den kan, es aufgegeben zu haben, so übernehmen es die Verwandten oder der Staat,<lb n="13"/>ihn wieder zurechtzubringen; so will auch die Kirche das Recht eines jeden an ihren<lb n="14"/>Glauben geltend machen – aber darin ist doch der Fall verschieden, daß es doch von<lb n="15"/>jedem abhängt, ob er dises sein Recht geltend machen will, er kan schlechterdings<lb n="16"/>nicht dafür angesehen werden, wie der wahnsinnige, daß er auf den Gebrauch dieses<lb n="17"/>Rechts an einen gewissen Glauben nicht Verzicht thun könne, und daß ihn in den Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nuß ohne seine Einwilligung nolentem volentem einzusezen Pflicht der Kirche sey,<lb n="19"/>jeder muß wie vom Staat der Volljährige behandelt werden, dessen Willkühr es<lb n="20"/>überlassen wird, ein Recht geltend zu machen oder nicht. Aus diesen Grundsäzen er<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>geben sich die Schranken der Pflicht der Kirche, ihren Glauben innerhalb ihrer selbst<lb n="22"/>zu schüzen.</p>
<p><lb n="23"/>Es ist der Kirche nicht eine Pflicht, die aus dem Rechte eines andern entspränge,<lb n="24"/>in dessen Genuß er schlechterdings gesezt werden müste, sondern nur Pflicht, in<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sofern sie sich diese selbst vorschreibt, voll von der Wichtigkeit ihrer Lehren für die<lb n="26"/>Menschheit, voll von einem überfliessenden Eifer, diese damit zu beglüken. Was sie<lb n="27"/>thun kan, ist also Anstalten zu machen, daß jeder, auf den sie ihre Wohlthaten aus<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dehnen will, in Stand gesezt wird, zu ihrer Kenntnis zu gelangen; es muß dabei von<lb n="29"/>der Willkühr eines jeden abhängen diese Mittel zu gebrauchen – denn Zwangsmittel,<lb n="30"/>oder Strafen anzuwenden, hiesse das Gute, wie die Spanier in Amerika, oder Karl der<lb n="31"/>Grosse in Sachsen mit Gewalt aufdringen wollen – Und abgerechnet, daß in einigen</p>
<pb n="339" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=359" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>protestantischen Ländern die Versaümer des öffentlichen Gottesdienstes, und des<lb n="2"/>Abendmahl vor ein Gericht gefodert, und wenn die Versaümniß noch einigemal ein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tritt, gestraft werden, abgerechnet daß in einigen Ländern in denen von dem Staat<lb n="4"/>und Kirche reformirt wurde, zwar niemand zur Verlassung seines Glaubens ge<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zwungen werden sollte, aber bei Strafe anbefohlen wurde, die Predigten der neuen<lb n="6"/>Lehren zu besuchen, und dann selbst zu urtheilen, abgerechnet daß in einigen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>den die Juden, mit denen man es überhaupt nie genau genommen hat, von Zeit zu<lb n="8"/>Zeit wenigstens durch Deputirte, dem protestantischen Gottesdienste sollen bei<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wohnen müssen, – abgerechnet dieses so hat sich die protestantische Kirche ziemlich<lb n="10"/>in den angegebenen Schranken gehalten, da es hingegen die verhasteste Seite der<lb n="11"/>Geschichte katholischer Länder ist, wie und aus welchen Grundsäzen in diesen<lb n="12"/>andersdenkende als Rebellen gegen die Kirche, deren Glauben durch Mehrheit der<lb n="13"/>Stimmen oder durch absolute Macht bestimmt, Gesez für jeden seyn soll, – als<lb n="14"/>Rebellen gegen die Gottheit, deren Richteramt die Kirche an ihrer Statt zu hand<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>haben sich anmaste, behandelt worden sind, indem hier der kirchliche Vertrag ganz<lb n="16"/>dem Vertrag der bürgerlichen Gesellschaft gleich geachtet, und dem kirchlichen Staat<lb n="17"/>gleiche Rechte, wie dem bürgerlichen Staat eingeraümt worden waren.</p>
<p><lb n="18"/>In Ansehung dieser Anstalten, ihre Lehre zu erhalten nun kan allerdings ein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>trag statt finden, d. h. es kan hier der Mehrheit der Stimmen, Representanten, oder<lb n="20"/>dem Fürsten überlassen werden, nach ihren Einsichten, diese Anstalten zu organi<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sieren, die Lehrer des Volks zu prüfen, und anzuordnen. Ob diese Kirche das Recht<lb n="22"/>haben könne einen Beamten, den sie angeordnet, der aber mit seiner Gemeinde vom<lb n="23"/>kirchlichen Lehrbegrif sich entfernt, und sich von der Kirche lossagt, [zu entlassen,]<lb n="24"/>darüber kan gar keine Frage seyn, denn diese Gemeinde bildet izt eine Kirche für<lb n="25"/>sich, über welche eine andere Kirche schlechterdings keine Macht haben kan, welche<lb n="26"/>nur innerhalb ihrer als ein Machthabender Staat angesehen werden [kan] – die neue<lb n="27"/>Gemeinde ist dieser Kirche und etwa auch dem Staate höchstens die Erklärung<lb n="28"/>schuldig sich von jener getrennt zu haben, eine Rechtfertigung keinem von beiden;<lb n="29"/>und wollte etwa die alte Kirche diese Trennung nicht anerkennen wollen, den Staat<lb n="30"/>um sie zu verhindern, zu Hulfe rufen; welchen sie nahe bei der Hand hat, weil eine<lb n="31"/>herrschende Kirche eine solche heist, die die Rechte des Staats zu ihrem Vortheil aus-</p>
<pb n="340" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=360" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>übt, so wäre es unnachlasliche Pflicht des Staats, die neue Kirche in der Freiheit ihres<lb n="2"/>Glaubens und der Übung ihres Gottesdienstes zu schüzen. Eine andre Frage ist, die<lb n="3"/>in neuern Zeiten ein sehr ausgebreitetes Interesse erhalten hat, ob die Vorsteher der<lb n="4"/>Kirche, die Unrath merken, einem solchen Prediger Amt und Brod nehmen können.<lb n="5"/>Sie behaupten ganz konsequent, es sey ihre Pflicht den Glauben der Kirche zu schüzen,<lb n="6"/>und dafür zu sorgen, daß dieser gelehrt werde; ein Prediger, der anders lehre, tauge<lb n="7"/>also zu einem Beamten nicht – In der katholischen Kirche wird diß Recht der Kirche<lb n="8"/>schlechterdings nicht bestritten; in der protestantischen Kirche dagegen räsonniren<lb n="9"/>viele aus dem Grunde dagegen, daß es der Kirche unendlich mehr Ehre bringen<lb n="10"/>würde, wenn sie Tugend und Wahrheit überhaupt zum Zwek ihrer Anstalten machte<lb n="11"/>– und es seie gegen die Natur dieser beiden, sie an bestimmte Symbole binden zu<lb n="12"/>wollen – in die Seelen derjenigen, die diß unternommen haben, und die diß noch<lb n="13"/>behaupten, sei nie kein Strahl von dem, was Wahrheit heist, gefallen, – würde eine<lb n="14"/>Kirche und die Vorsteher derselben und des Staats Tugend und Wahrheit zum Ziele<lb n="15"/>ihres Strebens machen, so würde es nie der Fall seyn, daß sie einen rechtschaffenen,<lb n="16"/>thätigen, fürs Gute und die Moralität seiner Gemeinde eifrigen Mann, der aber sich<lb n="17"/>nicht genau an den kirchlichen Lehrbegrif seiner Gemeinde bände, deswegen<lb n="18"/>chikanirten, sie würden es für eine Schande halten, mit einem solchen sich nicht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tragen zu können; alles was sie thun würden, könnte das seyn, daß sie ihm hierin<lb n="20"/>Nachahmung ihrer, nemlich Klugheit, d. h. Schonung der Meinungen anderer emp<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>fählen, und wenn er solcher Vorsteher der Kirche, und des Staats würdig, oder sie<lb n="22"/>seiner würdig wären, so würde es auch kaum dieses Raths bedürfen.</p>
<p><lb n="23"/>Das wirksamste und daher auch haüfig angewandte Mittel, den Glauben der Kirche<lb n="24"/>zu schüzen, ist, die Möglichkeit zu entfernen, daß ihre Mitglieder auf Zweifel, auf<lb n="25"/>andre Glaubensmeinungen geriethen – [Dafür daß] von innen, d. h. in ihnen selbst<lb n="26"/>solche Zweifel, die aus eigner Thätigkeit des Verstands und der Vernunft ent<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sprängen, verhindert werden, ist auf mancherlei Arten hinlänglich gesorgt; dadurch<lb n="28"/>daß die jugendliche Seele die ersten Eindrükke, die das ganze Leben hindurch immer<lb n="29"/>eine gewisse Gewalt über den Menschen behalten, von der Kirche bekommt, daß die<lb n="30"/>Lehren der Kirche mit allen Schreken der Einbildungskraft gewafnet werden, daß<lb n="31"/>sie, wie gewisse Zauberer den Gebrauch der körperlichen Kräften zu hemmen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mögen sollen, alle Kräfte der Seele zu lähmen oder nur nach ihren Bildern hin sich<lb n="33"/>zu zwingen vermögen – ferner durch die wenige freie Kultur dieser Kräfte selbst,</p>
<pb n="341" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=361" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>durch die völlige Absonderung der Kenntnis der kirchlichen Lehren, die in furcht<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>barer Majestät isolirt, die Verwandschaft, die Vermischung mit andern Lehren, die<lb n="3"/>Abhängigkeit von andern Gesezen gänzlich verschmähen, eine Absonderung, die wie<lb n="4"/>2 Wege, nach verschiedenen Himmelsgegenden, nie zusammentreffen, wo auf dem<lb n="5"/>einen Wege der haüslichen Angelegenheiten, der Wissenschaften, der schönen<lb n="6"/>Künste, ein Mann, mit dem tiefsinnigsten und gewandtesten Verstande, mit dem<lb n="7"/>feinsten Scharfsinn, mit zarter Empfindung erscheint, den man nicht mehr erkennt,<lb n="8"/>von allem diesem nichts mehr wahrnimmt, wenn man ihn auf dem kirchlichen Wege<lb n="9"/>antrift – Von aussen wird die Möglichkeit der Veränderung des Glaubens durch<lb n="10"/>strenge Censur, durch Bücherverbotte u.s.w. abgeschnitten, durch die Verhütung,<lb n="11"/>daß nicht in Gesprächen, auf Kathedern, oder Kanzeln fremde Meinungen debitirt<lb n="12"/>werden – denn die Kirche hat die Pflicht, das Glaubenseigenthum eines jeden zu<lb n="13"/>schüzen, und dieses Eigenthum wird dadurch verlezt, wenn eigne Zweifel, Gründe<lb n="14"/>anderer dem Glaubigen diß entreissen könnten. Jede Kirche gibt ihren Kirchen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>glauben, für non plus ultra aller Wahrheit aus, und geht von diesem Princip aus –<lb n="16"/>einen Glauben den man also wie Geld ins Gehirn einstreichen könnte; und so wird<lb n="17"/>er denn auch wirklich behandelt – und nach der Behauptung jeder Kirche ist auf der<lb n="18"/>Welt nichts so leicht, als die Wahrheit zu finden, man braucht [nur] einen ihrer<lb n="19"/>Kathechismen in sein Gedächtnis aufzunehmen – und bei ihr gilt es nicht,</p>
<quote><lb n="20"/>Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,<lb n="21" type="absatz"/>rauscht der Wahrheit tief verstekter Born.</quote>
<p><lb n="22"/>Sie hält offentlichen Markt damit. Der Fluß der kirchlichen Wahrheit rauscht lermend<lb xml:id="GW01-s361-z23" n="23"/>durch alle Gassen, jeder kan von seinem Wasser sein Gehirn anfüllen. Die Ausspender<lb n="24"/>desselben sind die Lehrer der Kirche, die insofern auch ihre Beamte sind, sie nennen<lb n="25"/>sich Diener des göttlichen Worts – weil ihre Wissenschaft nicht aus ihrem innersten<lb n="26"/>Leben geschöpft ist, weil es Worte sind, die an sie kamen, – Diener, weil sie nicht<lb n="27"/>Herrn, nicht Gesezgeber sind, sondern einem fremden Willen gehorchen.</p>
<note xml:id="fn-341-1" place="margin" n="" target="#GW01-s361-z23" ana="#j.ohne-teil">den 2 Nov.</note>
<p><lb n="28"/>Die Art des Gottesdienstes selbst kan so wenig als der Glauben Gegenstand eines<lb n="29"/>gesellschaftlichen Vertrags seyn; wenn nemlich Gottesdienst im eigentlichen Sinne</p>
<pb n="342" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=362" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>des Wort – als gewisse Handlungen, die unmittelbar Pflichten gegen Gott seyn<lb n="2"/>sollen, – nicht aus andern Pflichten gegen sich oder andre Menschen herzuleiten<lb n="3"/>sind, – genommen wird – so muß die freiwillige Anerkennung einer solchen Pflicht<lb n="4"/>allein den Grund der Verbindlichkeit zu derselben enthalten; und die Einsicht daß<lb n="5"/>etwas eine solche Pflicht ist, kan unmöglich der Mehrheit der Stimmen überlassen<lb n="6"/>werden; zur Anordnung der Ausübung dieser allgemein anerkannten Pflicht aber<lb n="7"/>kan ein wechselseitiger Vertrag geschlossen werden, diß der Mehrheit zu überlassen,<lb n="8"/>welches in einer demokratischen Verfassung der Kirche der Fall wäre, oder in einer<lb n="9"/>monarchischen oder aristokratischen Kirche es einer Regierung aufzutragen.</p>
<p><lb n="10"/>Diese verschiedene Funktionen sind gewöhnlich und sehr natürlich vereinigt – die<lb n="11"/>Geistliche nicht nur freie Lehrer der kirchlichen Wahrheit sondern zugleich Beamte,<lb n="12"/>denen die Pflicht der Kirche, den Glauben derselben zu schüzen anvertraut ist, ferner<lb n="13"/>Priester, d. h. die theils im Namen des Volks der Gottheit die Gebete Opfer u.s.w.<lb n="14"/>darbringen, wodurch man sich bei derselben in Gunst sezen zu können vermeint,<lb n="15"/>theils dabei dem Volke Anleitung geben, und sich dabei an die Spize stellen. Ausser<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dem ist es noch vorzüglich ihr Amt, theils durch die dogmatische Lehre der Kirche<lb n="17"/>theils durch ihre Moral und sonstige Aufsicht und Ermahnungen das hervorzubrin<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gen, was man Frömmigkeit, Gottesfurcht nennt, und die also in jeder Kirche einen<lb n="19"/>andern Ton und Strich haben muß.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s362-z20" n="20"/>Die wichtigste Veränderung ist durch die Ausbreitung des Christenthums in der<lb n="21"/>Art die Moralität zu befördern vorgegangen; Daraus ist nach dem Übergang der<lb n="22"/>Kirche aus einer privatGesellschaft in einen Staat – aus einer PrivatAngelegenheit eine<lb n="23"/>Angelegenheit des Staats geworden, und was seiner Natur nach Willkühr ist, und<lb n="24"/>war, ist Pflicht geworden, und zwar zum theil ist ein aüsseres Recht der Kirche dar<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>aus erwachsen – die Kirche hat die Grundsäze der Moralität aufgestellt; ausser dieser<lb n="26"/>Moralität zugleich die Mittel angegeben, sich diese Grundsäze zu eigen zu machen,<lb n="27"/>und besonders auch über die Anwendung auf einzelne Fälle unter dem Namen der<lb n="28"/>Kasuistik eine weitlaüfige Wissenschaft aufgestellt –</p>
<note xml:id="fn-342-1" place="margin" n="" target="#GW01-s362-z20" ana="#j.ohne-teil">Welche Form die Moral in einer Kirche gewinnen muß.</note>
<p><lb n="29"/>In dem moralischen System der Kirche ist ein Hauptzug, daß es auf die Religion<lb n="30"/>und auf unsere Abhängigkeit von der Gottheit gebaut ist; das Fundament worauf es<lb n="31"/>erbaut ist, ist nicht eine Thatsache unsers Geistes, ein Saz, der aus unserm Bewustseyn</p>
<pb n="343" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=363" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>entwikelt werden könnte, sondern etwas gelerntes, und die Moral also nicht eine<lb n="2"/>selbstständige in ihren Grundsäzen unabhängige Wissenschaft; das Wesen der Morali<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tät also nicht auf Freiheit gegründet, nicht Avtonomie des Willens.</p>
<p><lb n="4"/>Mit der historischen Kenntnis wird angefangen, dieser ist vorgeschrieben, welche<lb n="5"/>Empfindungen und welchen Gemüthszustand sie hervorbringen soll, Dankbarkeit<lb n="6"/>und Furcht – um [uns] unsern Pflichten getreu zu erhalten, deren Criterium das<lb n="7"/>Wohlgefallen Gottes ist, welches von einzelnen Pflichten bekannt ist, von andern<lb n="8"/>aber künstlich daraus berechnet werden muß. Diese Rechenkunst ist so sehr aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gedehnt, und die Menge der Pflichten dadurch so unendlich vergrössert worden, daß<lb n="10"/>der freien Willkühr wenig mehr übrig gelassen ist – und was als Pflicht an sich nicht<lb n="11"/>gerade geboten oder verboten ist, das wird vollends in der Ascetik wichtig, die gar<lb n="12"/>keinen Gedanken mehr zollfrei, keine Handlung, keinen unwillkührlichen Anblik,<lb n="13"/>keinen Genuß, welcher Art er sei, Freude, Liebe, Freundschaft, Geselligkeit unkon<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>trollirt läst, sondern jede Regung der Seele, jede Gedankenassociation, jeden der<lb n="15"/>Gedanken, die von Sekunde zu Sekunde den Kopf des Menschen durchfliegen, jede<lb n="16"/>Empfindung des Wohlseyns, in Anspruch nimmt, durch eine ähnliche Rechnung, wie<lb n="17"/>das System der GlükseeligkeitsLehre, die Pflichten deducirt – durch eine lange Reihe<lb n="18"/>von Schlüssen eine Gefahr zu deduciren weis – Die Ascetik schreibt der Seele ferner<lb n="19"/>eine Menge Exercitien vor, durch die sie bearbeitet werden soll – und ist eine weit<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>laüfige Wissenschaft der Taktik, die gegen jeden Feind der Frömmigkeit, den jeder<lb n="21"/>Mensch in seinem Busen hat, zu welchem ihm jede Lage, jede Ansicht werden kan,<lb n="22"/>und besonders gegen den unsichtbaren höllischen Feind künstlich und regelmässig<lb n="23"/>manövriren lehrt –</p>
<p><lb n="24"/>In allen einzelen Fällen nun zu beurtheilen, wie gehandelt werden soll, ist für den<lb n="25"/>Layen und Ungelehrten nun allerdings sehr schwer, denn bei der Menge moralischer<lb n="26"/>und VorsichtigkeitsRegeln können bei der allereinfachsten Sache mehrere derselben<lb n="27"/>in Collision kommen, und es gehört ein wohlgeübter Scharfsinn dazu, sich aus der<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gleichen jezt verwikelten Fällen glüklich herauszufinden, wobei freilich der gesunde<lb n="29"/>Menschenverstand an alle diese Prekautionen gar nicht gedacht, und [aus] unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>barer Empfindung gewöhnlich eine richtigere Handlungsart gegriffen als die gelehr<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>testen Casuisten – und nicht, wie die Entscheidung dieser gemeiniglich ist, wegen<lb n="32"/>einer aus der Handlung vielleicht und entfernt zu entstehenden Gelegenheit zu sün<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>digen eine gute Handlung unterlassen hätte. Bei allen diesen Regeln der Moral und<lb n="34"/>der Klugheit ist à priori verfahren worden, d. h. ein todter Buchstabe ist zum Grunde</p>
<pb n="344" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=364" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>gelegt, und auf ihn ein System aufgeführt worden, wie der Mensch handeln, emp<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>finden, was diese und jene sogenannte Wahrheiten für Bewegungen hervorbringen<lb n="3"/>sollen – dem Gedächtnis ist über alle selbst die edelsten Kräfte der Seele die gesez<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gebende Gewalt eingeraümt worden. In wen nicht diese Fäden des Systems von<lb n="5"/>Jugend eingewoben worden sind, und wer sonst durch Erfahrung an andern und<lb n="6"/>eigne Empfindung die menschliche Natur kennen gelernt hat, und nun mit dem<lb n="7"/>System bekannt wird, und darin leben soll; der befindet sich in einer bezauberten<lb n="8"/>Welt; im Menschen des Systems kan er kein Wesen seiner Art erkennen, eher als aus<lb n="9"/>ihm noch, wird er in den Feenmärchen des Orients und in unsern Ritterromanen<lb n="10"/>Natur finden; und sich dabei nicht so sehr als auf jenem Wege verirren, wenn er auf<lb n="11"/>jene Dichtungen der Phantasie, ein Lehrgebaüde der Physik, und auf diese Geburten<lb n="12"/>unsrer Tage eine Psychologie gründen wollte – und wenn er sich vor Gott und den<lb n="13"/>Menschen als einen armen Sünder und verdorbenen Menschen niederwirft, so ist bei<lb n="14"/>der angebohrnen Verderbnis unserer Natur ein solcher Fehler nicht Mühe werth,<lb n="15"/>sich vor Gott, sich selbst und andern desselben schuldig zu erkennen, auch ohne diß<lb n="16"/>sind wir ja nichts nüze, und ein Trost dabei ist, daß wir diß mit allen andern Men<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schen ohnedem gemein haben, in Vergleichung mit welchen dann jeder noch voraus<lb n="18"/>zu haben glaubt – Wenn denn ein Mensch den ganzen von der Kirche vorgeschrie<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>benen Gang von Erkenntnissen, Empfindungen und GemüthsZuständen durchloffen<lb n="20"/>ist, und es doch nicht weiter gebracht hat, als ein anderer, der alles dieses Apparats<lb n="21"/>entbehrte, wie so manche Tugendhafte unter den sogenannten blinden Heiden, und<lb n="22"/>es zwar in Aengstlichkeit und Vorsicht, Unterwerfung und Gehorsam sehr weit<lb n="23"/>gekommen, dagegen in Muth, Entschlossenheit, Kraft und andern Tugenden, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>durch man allein fähig wird, das Beste der einzelen und des Staats zu befördern,<lb n="25"/>dahinten geblieben ist, oder gar leer ausgehen [wird] – Was hat dann das Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>geschlecht durch das mühsame RegelnSystem der Kirche gewonnen? Vollends<lb n="27"/>möchte man diese Frage aufwerfen, wenn man die zahlreiche Menge der Heuchler<lb n="28"/>in jeder solchen Kirche bedenkt, die alle jene Kenntnisse, Empfindungen, auch die<lb n="29"/>Sprache der Kirche innehaben, in solchen kirchlichen Übungen leben und weben,<lb n="30"/>welche Kraft kan man ihnen zuschreiben, wenn sie doch alles beobachteten und<lb n="31"/>thaten, was die Kirche fodert, und doch dabei Bösewichter bleiben, und Betrüger<lb n="32"/>obenein sind –</p>
<pb n="345" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=365" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Einen Vortheil und zwar einen grossen hat der Staat, oder vielmehr die Gewalt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>haber in demselben, – denn jener ist dabei zertrümmert, – erhalten – durch dieses<lb n="3"/>Vorhaben der Kirche, auf die Gesinnungen zu wirken – nemlich eine Herrschaft,<lb n="4"/>einen Despotismus, der nach Unterdrükkung aller Freiheit des Willens durch die<lb n="5"/>Geistlichkeit, völlig gewonnenes Spiel hat, – bürgerliche und politische Freiheit hat<lb n="6"/>die Kirche als Koth gegen die himmlischen Güter und Genuß des Lebens verachten<lb n="7"/>gelehrt, und so wie die Entbehrung der Mittel die physischen Bedürfnisse zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>friedigen, den thierischen Theil des Menschen des Lebens beraubt, so bringt auch<lb n="9"/>die Beraubung des Genusses der Freiheit des Geistes, der Vernunft den Tod – in<lb n="10"/>welchem Zustand die Menschen den Verlust derselben, Sehnsucht nach ihr so<lb n="11"/>wenig fühlen werden – als der todte Körper sich nach Speise und Trank sehnt – So<lb n="12"/>ist durch den Versuch Jesu, seine Nation auf den Geist und die Gesinnung auf<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>merksam zu machen, der bei der Beobachtung ihrer Geseze lebendig seyn müsse,<lb n="14"/>um Gottgefällig zu werden, – durch diesen Versuch ist unter dem Regiment der<lb n="15"/>Kirche dises complementum der Geseze wieder zu Regeln und Ordnungen geworden,<lb n="16"/>die immer wieder eines solchen complementi bedürfen; und dieser Versuch der Kirche<lb n="17"/>ist wieder fehlgeschlagen; denn der Geist, die Gesinnung ist ein zu ätherisches Wesen,<lb n="18"/>daß er sich in gebietenden Buchstaben und Formeln festhalten, oder in Gebotenen<lb n="19"/>Empfindungen und Gemüthszuständen darstellen liesse.</p>
<p><lb n="20"/>Ein anderer Übelstand, der nothwendig hieraus floß ist der, daß diese Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>findungen, die im Laufe des Besserwerdens vorkommen sollen, und die Handlungen,<lb n="22"/>die als Ausdrükke solcher Empfindungen angesehen werden, Abendmahl, Beichte,<lb n="23"/>gewisse Allmosengaben bei Gelegenheit derselben und während des Gottesdienstes –<lb n="24"/>öffentlich sind, dem kirchlichen Staate, oder seinen Beamten dargebracht werden,<lb n="25"/>die weil sie solche Beamte sind, unsere Freunde seyn sollen – Bei dieser öffentlichen<lb n="26"/>Ausstellung seiner Fortschritte auf dem Wege der Frömmigkeit, will nun nicht leicht<lb n="27"/>einer dahinten bleiben, macht die Empfindungen und deren Zeichen mit, – und mehr<lb n="28"/>kan die Kirche unmöglich gebieten, und zu stande bringen.</p>
<pb n="346" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=366" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Auch unsere Sitten, insofern sie Empfindungen durch aüssere Zeichen darlegen,<lb n="2"/>beziehen sich nicht sowohl auf Empfindungen, die man wirklich hat, sondern die<lb n="3"/>man haben soll, wie man [beim] Tode seiner Anverwandten Traurigkeit mehr emp<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>finden soll, als wirklich immer empfindet, und sich die aüssern Zeichen dieses Gefühls<lb n="5"/>nicht sowohl nach dem, was man wirklich fühlt, sondern was [man] empfinden soll,<lb n="6"/>richten – wobei man sogar in Ansehung der Stärke und der Dauer der Empfindung<lb n="7"/>übereingekommen ist; und da sich unsere öffentliche Religion auch in diesen Stüken,<lb n="8"/>wie auch in der Trauer und Fasten in der Fastenzeit, und dem Puz und Wohlleben<lb n="9"/>der OsternTage – und viele unserer Sitten auf Regeln der Empfindungen beziehen,<lb n="10"/>welche Regeln allgemeingelten sollen – so ist izt soviel leeres, geistloses in unsern<lb n="11"/>Gebraüchen, da die Empfindung davon gewichen, uns immer aber dieselbe in der<lb n="12"/>Regel aufgegeben ist – Nichts hat der MönchsAscetik und Casuistik so sehr geschadet<lb n="13"/>als die grössere Ausbildung des moralischen Sinnes unter den Menschen, und die<lb n="14"/>bessere Kenntnis der Natur der menschlichen Seele.¹</p>
<p><lb n="15"/>Auf diese Weise hat die Kirche nicht nur eine Menge aüsserer Handlungen vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>geschrieben, dadurch wir theils unmittelbar der Gottheit Ehre erweisen, und uns bei<lb n="17"/>ihr in Gunst sezen, theils dadurch eine solche Stimmung und Richtung unsers Geistes<lb n="18"/>hervorbringen sollen, die sie von uns verlangt; – sondern die Kirche hat auch unserer<lb n="19"/>Art zu denken, zu empfinden, und zu wollen unmittelbar die Geseze vorgeschrieben,<lb n="20"/>und die Christen sind wieder dahin gekommen, wo die Juden waren; das charakteri<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stische der jüdischen Religion – die Knechtschaft unter einem Geseze – von der frei<lb n="22"/>geworden zu seyn, die Christen sich sosehr Glük wünschen, findet sich auch wieder<lb n="23"/>in der christlichen Kirche – der Unterschied besteht zum Theil in den Mitteln, indem<lb n="24"/>die religiösen Pflichten der Juden, gewissermassen auch Zwangspflichten waren,<lb n="25"/>welches sie zum theil in der christlichen Kirche auch sind, indem derjenige, der sie<lb n="26"/>unterläst, hie und da noch verbrannt, fast allgemein aber der Rechte seines Staates<lb n="27"/>beraubt wird – das vorzüglichste Mittel, das eigentlich doch auch bei den Juden statt<lb n="28"/>fand, ist Wirkung auf die Einbildungskraft, nur daß die Vorstellungen, die bei beiden<lb n="29"/>gebraucht werden, verschieden sind – bei den Christen sind es vorzüglich</p>
<note xml:id="fn-346-1" type="rand" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>in Bezug auf leztere die Romanen eines Marivaux u.s.w.</note>
<pb n="347" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=367" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<quote><lb n="1"/>Schrekfeuer aufgestekt auf hohen Thürmen<lb n="2" type="absatz"/>die Phantasie der Traümers zu erstürmen,<lb n="3" type="absatz"/>wo des Gesezes Fakel dunkel brennt.</quote>
<p><lb n="4"/>Der Hauptunterschied soll darin bestehen, daß die Juden mit ihren aüssern Cere<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>monien der Gottheit genug zu thun glaubten, den Christen hingegen es eingeschärft<lb n="6"/>werde, daß es dabei allein auf die Gesinnung ankomme, mit der zwei Menschen die<lb n="7"/>gleiche Handlung verrichten; – die Gesinnungen des Christen nun, sind ihm ganz ge<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>nau vorgeschrieben, in der Heilsordnung ist nicht nur die Folge seiner nothwendigen<lb n="9"/>Erkenntnisse, die allerdings fähig sind, deutlich gemacht zu werden, aber auch die<lb n="10"/>Folge der verschiedenen Gemüthszustände, die sich aus jenen und auseinander ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wikeln sollen, genau vorgezeichnet – und die Kirche gebietet diesen Kursus durch<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zumachen, – und daß auch in der christlichen Kirche noch der widersprechende Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>saz, Empfindungen zu gebieten, hinzukommt, da in dem Judenthum doch nur Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lungen geboten waren – dieser Unterschied ist nicht von der Art, daß dadurch der<lb n="15"/>Zwek der Moral und Religion, Moralität bewirkt würde, sondern es ist an sich und<lb n="16"/>war auch der Kirche unmöglich auf diesem Wege mehr als Legalität und hand<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>werkmässige Tugend und Frömmigkeit hervorzubringen; – Die nothwendigen Fol<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gen davon, Empfindungen gebieten zu wollen, waren und musten diese seyn: Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>betrug, daß man die vorgeschriebene Empfindung zu haben, sein Gefühl, mit dem,<lb n="20"/>was man beschrieben fand, übereinstimmend glaubte, wobei aber eine solche her<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>vorgekünstelte Empfindung der wahren, natürlichen unmöglich weder an Kraft<lb n="22"/>noch Werthe gleichkommen konnte; [die Folge] von diesem Selbstbetruge ist ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>weder falsche Beruhigung, die auf diese in dem geistlichen Treibhaus gewirkten<lb n="24"/>Empfindungen einen hohen Werth sezt, und sich viel damit meint, und daher wo<lb n="25"/>izt Kraft nöthig wäre, schwach ist – und wenn ein solcher Mensch dieß selbst be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>merkt, in Hülfslosigkeit, Angst, Mistrauen in sich verfällt, – ein Seelenzustand, der<lb n="27"/>oft bis zum Wahnsinn getrieben wird – so wie oft auch derjenige in Verzweiflung<lb n="28"/>geräth, der mit allem guten Willen und aller möglichen Anstrengung, doch seine<lb n="29"/>Empfindungen noch nicht auf die Höhe getrieben zu haben glaubt, die von ihm<lb n="30"/>erfodert wird, und da er sich im Felde der Empfindungen befindet, und nie zu keinem<lb n="31"/>festen Maasstab seiner Vollkommenheit gelangen kan (ausser etwa durch Taüschun-</p>
<pb n="348" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=368" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>gen der Einbildungskraft) so wird er sich in einer Aengstlichkeit befinden, der Kraft<lb n="2"/>und Entschlossenheit fehlt, und [die] nur im Vertrauen auf die unbegrenzte Gnade<lb n="3"/>der Gottheit einige Beruhigung findet – nur eine kleine Erhöhung der Spannung der<lb n="4"/>Einbildungskraft, verwandelt diesen Zustand ebenfalls in Wahnsinn und Verrükt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit – Die gewöhnlichste Wirkung ist eine Art des oben angeführten Selbstbetrugs,<lb n="6"/>da man bei allem Reichthum geistlicher Empfindungen im Ganzen den Charakter<lb n="7"/>behält – und der gewöhnliche Mensch neben dem geistlichen haust, allenfalls von<lb n="8"/>diesem durch Floskeln und aüssere Gebährden ausstaffirt wird, im Handel und Wan<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>del der gewöhnliche, Sonntags aber, oder unter seinen Brüdern, oder vor seinem<lb n="10"/>Gebetbuch ganz ein anderer ist; es ist oft zu hart, einen solchen Charakter der eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichen Heuchelei zu beschuldigen; zu dieser gehört das Bewustseyn des Widerspruchs<lb n="12"/>zwischen den Beweggründen der Handlungen, und dem Schilde den man dabei<lb n="13"/>aushängt; bei jenem fehlt dieses Bewustseyn hingegen sehr, und der Mensch hat<lb n="14"/>schlechterdings keine Einheit; kommen diese beiden Arten von Gesinnungen wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lich in Kollision, und die fleischliche hat, wie diß sehr gewöhnlich zu seyn pflegt, die<lb n="16"/>Oberhand, so kan es dieser unter der ungeheuren Menge von moralischen und asceti<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schen Geboten unmöglich an einem fehlen, mit dem das Vergehen in Beziehung<lb n="18"/>gesezt werden, und dem handelnden selbst unter diesem Überzug in einer lobens<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>würdigen Gestalt erscheinen kan. Am weitesten sind diese Spizfindigkeiten bei den<lb n="20"/>Katholiken getrieben, die Lutherische Kirche hat von dem aüssern besonders das<lb n="21"/>meiste weggeworfen, aber ein System von EmpfindungsSazungen und Regeln auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gestellt, das am konsequentesten von den Pietisten behauptet und geübt wird, denn<lb n="23"/>ob diese schon nur eine Sekte dieser Kirche zu seyn scheinen, so kan man doch nicht<lb n="24"/>sagen, daß sie in ihrem Glaubens oder MoralSystem von den Sazungen ihrer Kirche<lb n="25"/>in etwas abgewichen sey, im Gegentheil scheint sie derselben System nur genauer<lb n="26"/>auszudrükken, und wenn sie von dem grösten Theil der Lutheraner sich auszuzeich<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nen scheinen, so kommt es daher, daß bei diesen die Natur und der gesunde Men<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schenverstand die Angemessenheit ihres Lebens und ihrer Gefühle zu ihrem Systeme<lb n="29"/>hindert – Am meisten scheinen im Ganzen die Reformirten Moral zur Hauptsache zu<lb n="30"/>machen, und die Ascetik zu vernachlässigen.</p>
<p><lb xml:id="GW01-s368-z31" n="31"/>Bei diesem Vorhaben der verschiedenen christlichen Kirchen, theils durch öffent<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>liche Statuten und Sazungen, theils durch die hiezu nöthige ausübende Gewalt die</p>
<note xml:id="fn-348-1" place="margin" n="" target="#GW01-s368-z31" ana="#j.ohne-teil">Nothwendigkeit der Entstehung von Sekten.</note>
<pb n="349" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=369" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Gesinnung, die Motive der Handlungen festzusezen, zu befehlen, und hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>zubringen; und bei der Unmöglichkeit durch diese Mittel über die Freiheit des<lb n="3"/>Menschen zu regieren, und mehr als Legalität hervorzubringen, muste es von Zeit<lb n="4"/>zu Zeit –, oder die Kirche müste es haben dahin bringen können, in einem Theil des<lb n="5"/>Menschengeschlechts unwiderbringlich den Charakter der Menschheit auszutilgen,<lb n="6"/>diesen Mangel zu einem unvertilgbaren Charakter einer Race zu machen – es muste<lb n="7"/>von Zeit zu Zeit Menschen geben, die in dieser kirchlichen Legalität, in einem Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ter, wie ihn die Ascetik zu bilden fähig ist, die Foderungen ihres eigenen Herzens<lb n="9"/>nicht befriedigt fanden, und sich fähig fühlten, ein Gesez der Moralität sich zu geben,<lb n="10"/>das aus Freiheit hervorgienge;¹ behielten sie ihren Glauben nicht für sich allein, so<lb n="11"/>wurden sie Stifter einer Sekte, die im Fall sie nicht von der Kirche unterdrükt wurde,<lb n="12"/>sich ausbreitete, und je mehr sie sich von ihrer Quelle an fortwälzte, wieder nur die<lb n="13"/>Regeln und Geseze ihres Stifters übrigbehielt, die für ihre Anhänger nun auch nicht<lb n="14"/>mehr Geseze aus Freiheit sondern wieder kirchliche Statuten waren; welches wieder<lb n="15"/>die Entstehung neuer Sekten herbeiführte; und so immer – zuerst [ist] in der jüdischen<lb n="16"/>Kirche, die christliche Sekte, entstanden, sie ist zur Kirche geworden, im Schoose<lb n="17"/>dieser Kirche wurden wieder neue Sekten erzeugt, die dann auch zu Kirchen gediehen,<lb n="18"/>und so muß es fortgehen, solange der Staat den Umfang seiner Rechte verkennt, und<lb n="19"/>entweder einen Staat einer herrschenden Kirche in sich entstehen läst, oder gar sich<lb xml:id="GW01-s369-z20" n="20"/>mit ihr associirt, und so seine Befugnisse wieder überschreitet – Der Grundfehler, der<lb n="21"/>bei dem ganzen System einer Kirche zum Grunde liegt, ist die Verkennung der<lb n="22"/>Rechte einer jeden Fähigkeit des menschlichen Geistes, besonders der ersten unter<lb n="23"/>ihnen, der Vernunft; und wenn diese durch das System der Kirche verkannt worden<lb n="24"/>ist, so kan [es] nicht anders als ein System der Verachtung der Menschen seyn. Die<lb n="25"/>heilsame Trennung des Gebietes der Kräfte des menschlichen Geistes, die Kant für<lb n="26"/>die Wissenschaft gemacht hat, diese Trennung ist von der Gesezgebung der Kirche<lb n="27"/>nicht gemacht worden, und Jahrhunderte werden noch vergehen, bis der Geist der<lb n="28"/>Europäer im thätigen Leben, in den Gesezgebungen, jenen Unterschied wird er-</p>
<note xml:id="fn-349-2" place="margin" n="" target="#GW01-s369-z20" ana="#j.ohne-teil">den 29 Apr. 96</note>
<note xml:id="fn-349-1" type="rand" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>Beguinen bei Mosheim</note>
<pb n="350" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=370" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>kennen und machen lernen, worauf das richtige Gefühl der Griechen sie von selbst<lb n="2"/>gebracht hatte. Die moralischen Gebote der Vernunft, werden nemlich in der christ<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lichen Kirche so wie in jeder, deren Princip reine Moral ist, gerade, wie Regeln des<lb n="4"/>Verstands behandelt, und aufgestellt. Jene sind subjektiv, diese objektiv; von der<lb n="5"/>christlichen Kirche hingegen wird das subjektive der Vernunft wie etwas objektives<lb n="6"/>als Regel aufgestellt.</p>
<p><lb n="7"/>Die Vernunft stellt moralische, nothwendige und allgemeingültige Geseze auf,<lb n="8"/>insofern werden diese von Kant, obzwar in andern Sinne, als die Regeln des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>stands, – objektiv genannt; diese Geseze nun subjektiv oder zu Maximen zu machen,<lb n="10"/>Triebfedern für sie zu finden, diß [ist] die Aufgabe, wo die Versuche unendlich<lb n="11"/>divergiren. Jene Fähigkeit der Vernunft haben die Theologen selten abgeleugnet,<lb n="12"/>und heutzutage gesteht man ihr diß so zimlich allgemein zu, – oder wenn sie es<lb n="13"/>gethan haben, so haben sie darunter vorzüglich das zweite verstanden, nemlich daß<lb n="14"/>die Vernunft nicht im Stande [sei], ihrem Geseze solche Triebfedern mitzugeben, die<lb n="15"/>für sich dem Geseze Achtung zu verschaffen und den Willen demselben gemäß zu<lb n="16"/>handeln geneigt zu machen, fähig wären. Die christliche Religion gibt uns objektive<lb n="17"/>Triebfedern, Triebfedern die nicht das Gesez selbst sind –</p>
<p><lb n="18"/>Die einzig moralische Triebfeder, Achtung für das Sittengesez, kan nur in dem<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>jenigen Subjekt bewirkt werden, in welchem dieses Gesez gesezgebend ist, aus dessen<lb n="20"/>innern es selbst hervorgeht; die christliche Religion aber kündigt uns das moralische<lb n="21"/>Gesez als etwas ausser uns bestehendes, als etwas gegebenes an, und muß also trachten,<lb n="22"/>ihm auf andere Art Achtung zu verschaffen. In den Begrif einer positiven Religion<lb n="23"/>könnte schon diß Merkmal aufgenommen werden, daß sie das Sittengesez den Men<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schen als etwas gegebenes aufstellt. Auf diese Art ist die Tugend eine Kunst von sehr<lb n="25"/>verwikelter Art geworden, da im Gegentheil ein unverdorbenes sittliches Gefühl, das<lb n="26"/>selbst entscheiden darf, im Augenblike zu entscheiden im Stande ist, – eine Kunst,<lb n="27"/>die mannichfaltige Handgriffe und Übungen hat, und die wie jede andre soll erlernt<lb n="28"/>werden können, die aber dabei das sonderbare Schiksal gehabt hat, daß während alle<lb n="29"/>menschliche Künste vervollkommnet worden sind, und eine Generation von der<lb n="30"/>andern gelernt hat, die Moralität der Menschen allein nicht sichtlich zugenommen hat,<lb n="31"/>sondern ohne die Erfahrung der vorhergehenden Geschlechter nuzen zu können,<lb n="32"/>jeder für sich selbst wieder von vornen lernen muß. Bürgerliche Gesezgebungen und</p>
<pb n="351" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=371" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">MAN MAG DIE WIDERSPRECHENDSTE BETRACHTUNGEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Verfassungen haben aüssere Rechte der Menschen zum Gegenstand; die kirchliche<lb n="2"/>Verfassung, das, was der Mensch sich selbst oder Gott schuldig ist – Was nun der<lb n="3"/>Mensch Gott und sich selbst schuldig sey, diß behauptet die Kirche zu wissen, und<lb n="4"/>sezt zugleich einen Richterstuhl, vor dem sie darüber richtet – Vor diesen hat sie<lb n="5"/>alles, was in den Handlungen und Begebenheiten der Menschen göttliches seyn kan,<lb n="6"/>gezogen, und in ihr Gesezbuch eingetragen, was die Menschen hiebei empfinden<lb n="7"/>sollen – und auf diese Art einen weitlaüfigen moralischen Codex aufgestellt – der<lb n="8"/>theils enthält, was der Mensch thun, theils [was] er wissen und glauben, theils was er<lb n="9"/>empfinden soll – Auf den Besiz und Handhabung desselben gründet sich die ganze<lb n="10"/>gesezgebende und richterliche Gewalt der Kirche, und ist es dem Rechte der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nunft eines jeden Menschen entgegen, daß er einem solchen fremden Codex unter<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>worfen sey, so ist die ganze Gewalt der Kirche unrechtmässig; und auf das Recht<lb n="13"/>sich selbst sein Gesez zu geben, sich allein für die Handhabung desselben Rechenschaft<lb n="14"/>schuldig zu seyn, kan kein Mensch Verzicht thun, denn mit dieser Veraüsserung hörte<lb n="15"/>er auf, Mensch zu seyn. Ihn aber daran zu verhindern, ist nicht die Sache des Staats,<lb n="16"/>– diß hiesse den Menschen zwingen wollen, Mensch zu seyn, und wäre Gewalt –<lb n="17"/>Die Entstehung aller Sekten in der christlichen Kirche, im mittlern und neuern Zeit<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>alter gründete sich auf das Gefühl einzeler Menschen, das Recht zu haben, sich selbst<lb n="19"/>Gesezgeber zu seyn, aber in barbarischen Zeiten, oder in einer Volksklasse gebohren,<lb n="20"/>die von ihren Herrschern zur Rohheit verdammt ist, war das Princip einer solchen<lb n="21"/>Gesezgebung, gewöhnlich eine erhizte, verwilderte, und unordentliche Phantasie,<lb n="22"/>unter deren Ausgeburten zuweilen ein schöner Funken von Vernunft hervorblizte,<lb n="23"/>und wobei doch immer das unveraüsserliche MenschenRecht behauptet wurde, aus<lb n="24"/>seinem Busen sich Geseze zu geben –</p>
<pb n="352" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=372" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
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<head><lb n="1"/>EIN POSITIVER GLAUBEN …</head>
<p><lb n="2"/>Ein positiver Glauben, ist ein solches System von religiösen Säzen, das für uns des<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>wegen Wahrheit haben soll, weil es uns geboten ist von einer Autorität, der unsern<lb n="4"/>Glauben zu unterwerfen wir uns nicht weigern können. In diesem Begrif kommt vors<lb n="5"/>erste ein System religiöser Säze, oder Wahrheiten vor, die, unabhängig von unserm<lb n="6"/>Fürwahrhalten, als Wahrheiten angesehen werden sollen, die wenn sie auch keinem<lb n="7"/>Menschen nie bekannt, von keinem Menschen nie für wahr gehalten worden wären,<lb n="8"/>dennoch Wahrheiten blieben, und die insofern haüfig objektive Wahrheiten ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nannt werden – diese Wahrheiten nun sollen auch Wahrheiten für uns, subjektive<lb n="10"/>Wahrheiten werden – diejenigen Wahrheiten, die den Verstand oder die Vernunft<lb n="11"/>betreffen, sollen von diesen als solche aufgenommen, diejenigen die Gebote für<lb n="12"/>unsern Willen enthalten, sollen von ihm als Maximen aufgenommen werden, und<lb n="13"/>zwar ist derselben erstes Gebot, die Bedingung aller übrigen – dasjenige, das uns<lb n="14"/>gebietet, jene Wahrheiten für solche zu halten – diß wird uns nemlich geboten von<lb n="15"/>einer Autorität, der wir es schlechterdings nicht ausschlagen können zu gehorchen<lb n="16"/>– Dieser Begriff gehört wesentlich in den Begriff eines positiven Glaubens, daß es<lb n="17"/>für uns Pflicht ist zu glauben – denn historischer Glauben, ferner der Glauben an das<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>jenige, was uns Eltern, Erzieher, Freunde sagen, ist gleichfalls ein Glauben auf Autori<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tät, allein dieser Glauben hat seinen Grund in einem Zutrauen zu diesen Personen, das<lb n="20"/>willkührlich ist, das grossentheils auf der Glaubwürdigkeit selbst beruht, die ihre uns<lb n="21"/>gegebnen Nachrichten für uns haben – da hingegen der Glauben an die Autorität<lb n="22"/>der positiven Lehre nichts ist, das in unserer Willkühr ist, und das Zutrauen zu ihr<lb n="23"/>vor aller Bekanntwerdung oder Beurtheilung des Innhalts der gegebnen Lehren<lb n="24"/>gegründet seyn muß. Das Recht Gottes an uns und die Pflicht unsers Gehorsams<lb n="25"/>gegen ihn beruht nun darauf, weil er unser mächtiger Herr und Gebieter, und wir<lb n="26"/>seine Geschöpfe und Unterthanen sind, – auf seinen Wohlthaten gegen uns, und<lb n="27"/>unserer Pflicht der Dankbarkeit, darauf ferner, daß er die Quelle der Wahrheit, und</p>
<pb n="353" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=373" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN POSITIVER GLAUBEN …</fw>
<p><lb n="1"/>wir unwissende, blinde sind; über diese Titel des Rechts bemerken wir nur – daß die<lb n="2"/>zwei leztern schon eine gewiße Liebe zur Wahrheit, schon eine Art von moralischer<lb n="3"/>Gesinnung voraussezen, besonders derjenige, der von den Wohlthaten Gottes her<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>genommen ist, davon ausgeht, was erst erwiesen werden soll – nemlich unsre Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>pflichtung zur positiven Religion wird in diesem Fall daraus hergeleitet, daß diese<lb n="6"/>eine Wohlthat ist, und aus Dankbarkeit gehorchen eigentlich soviel heist, es Gott zu<lb n="7"/>gefallen thun, ihm die Freude machen u.s.w.; der erste Grund unserer Verpflichtung<lb n="8"/>ist der eigentliche gewichtige, besonders da man sich damit an den sinnlichen Men<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schen wendet, in dem eine moralische Gesinnung erst hervorgebracht werden soll;<lb n="10"/>daß aus diesem Verhältnis gegen Gott, diesem Wesen eine Art von Zwangsrecht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>kommt – dessen Ausübung er nie entfliehen kan, – einem Herrn auf Erde kan der<lb n="12"/>Sclave hoffen sich zu entziehen, sich aus dem Kraise seiner Macht herausziehen; aber<lb n="13"/>nicht so Gott – nähme er Flügel der Morgenröthe, so bist du da – verkröche er sich<lb n="14"/>in das unterste Meer, so bist du auch da – Wer diese Übermacht eines Wesens nicht<lb n="15"/>nur über die Triebe seines Lebens, – denn eine solche muß jeder anerkennen es sey<lb n="16"/>nun unter dem Namen von Natur, fatum, oder Vorsehung – aber auch eine solche<lb n="17"/>Übermacht über seinen Geist, über den ganzen Umfang seines Seyns anerkennt, der<lb n="18"/>kan sich einem positiven Glauben nicht entziehen – die Fähigkeit zu einem solchen<lb n="19"/>sezt nothwendig Verlust der Freiheit der Vernunft, der Selbstständigkeit derselben vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>aus, die einer fremden Macht nichts entgegenzusezen vermag. Hier ist der erste Punkt<lb n="21"/>von welchem aller Glauben oder Unglauben an eine positive Religion ausgeht, und<lb n="22"/>zugleich der Mittelpunkt, um den sich alle Streitigkeiten deßwegen drehen, und wenn<lb n="23"/>er auch nicht zum deutlichen Bewustseyn kommt, so macht er doch den Grund aller<lb n="24"/>Unterwürfigkeit oder Widerspenstigkeit aus. Hier müssen die Orthodoxen fest<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>halten, hier nichts vergeben; – wenn sie auch einraümen, daß Moralität wirklich<lb n="26"/>absoluter und höchster Zwek der Menschheit ist, wenn sie auch einraümen, daß die<lb n="27"/>Vernunft im Stande ist, weil sie nicht mehr laügnen können, was vor ihren Augen<lb n="28"/>geschieht, – ein reines System der Moral zu erbauen – so müßen [sie] doch behaupten,<lb n="29"/>daß sie doch für sich unvermögend [sei,] sich das Primat über die Neigungen zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schaffen, ihre Foderungen zu realisiren, und sie müssen diese Foderungen, den End<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zwek der Menschheit nothwendig so bestimmen, daß wo nicht in Sezung desselben,<lb n="32"/>doch in der Ausführbarkeit der Mensch von einem Wesen ausser ihm abhängig sei.</p>
<pb n="354" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=374" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Dieses Unvermögen der Vernunft und die Abhängigkeit unsers ganzen Seyns einmal<lb n="2"/>vorausgesezt, welches die nothwendige Bedingung alles folgenden ist, so ist der<lb n="3"/>Beweis, daß eine gewisse z. B. die christliche Religion eine solche positive von Gott<lb n="4"/>gegebne Religion sey, ganz historisch zu führen, und diß ist nun um so leichter, weil<lb n="5"/>wir mit Anerkennung unserer Dienstbarkeit, eben dadurch den Maasstab einer andern<lb n="6"/>Prüfung aus der Hand gelegt, uns des Rechts, nach innern Gründen, nach der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7"/>nunftmässigkeit derselben, zu fragen, die Angemessenheit der erzählten Begeben<pc force="weak">-</pc><lb n="8"/>heiten zu den Erfahrungsgesezen [zu untersuchen], gänzlich begeben haben – Die<lb n="9"/>Frage nach Vernunftmässigkeit – oder Vernunftwidrigkeit ist hier eine ganz müssige<lb n="10"/>Frage, die etwa aus Langeweile kan angestellt werden, aber die schlechterdings nicht<lb n="11"/>als zur Entscheidung meines Glaubens beitragend angesehen werden darf – vor dem<lb n="12"/>höhern Gerichtshof, der einmal anerkannt ist, müssen alle niedrigere schweigen – was<lb n="13"/>deswegen für wahr gehalten wird, weil es vernunftmässig ist, liegt nimmer in dem<lb n="14"/>Umfange meines positiven Glaubens, ob es zwar geschehen kan, daß was ich anfangs<lb n="15"/>bloß deswegen glaubte, weil der Glauben daran mir geboten war, ich nachher<lb n="16"/>glaube – weil ich es nun meiner Vernunft angemessen finde, weil ich mich aus Grün<pc force="weak">-</pc><lb n="17"/>den davon überzeugt habe; daß der ganze Innhalt einer positiven Religion fähig,<lb n="18"/>endlich aus eigner Vernunft für wahr gehalten zu werden, diß erwarten, oder fodern,<lb n="19"/>kan nur ein anderer, der frei von diesem positiven Glauben ist, oder von einem<lb n="20"/>glaübigen kan die Zurükführung seiner positiven Lehren auf Vernunft nur etwa<lb n="21"/>darum unternommen werden, um einem solchen fremden Genüge zu leisten. Eher<lb n="22"/>wäre wenn darüber Nachfrage gehalten würde, das Gegentheil zu erwarten von einer<lb n="23"/>von Gott geoffenbahrten Religion, welche also göttliche Wahrheiten, d. h. von Gott<lb n="24"/>gedachte enthält, und die Gedanken Gottes von menschlicher Vernunft nicht gefast<lb n="25"/>nicht ermessen werden können – Wie ist nun ein positiver Glauben an solche Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="26"/>heiten gedenkbar, möglich, wie können sie subjektiv werden; wie ist das menschliche<lb n="27"/>Gemüth in diesem Zustand – afficirt, wie thätig, wie leidend? Die Ausdrükke – ein<lb n="28"/>Glauben sey eine lebhafte zum Handeln treibende, von Gefühlen begleitete Über<pc force="weak">-</pc><lb n="29"/>zeugung sind zu unbestimmt, als daß uns dadurch viel gesagt würde</p>
<pb n="355" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=375" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN POSITIVER GLAUBEN …</fw>
<p><lb n="1"/>Die christliche Religion enthält theils Gebote über Erkenntnisse von Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ständen, mit ihren praktischen Momenten, theils Gebote über Handlungen.</p>
<p><lb n="3"/>Die Möglichkeit dem andern seine Erfahrungen und Gedanken mitzutheilen sezt<lb n="4"/>voraus, daß er schon ähnliche gehabt habe, die wir ihm izt in einem andern Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sammenhange zeigen, und ihm aufgeben, sie auf die Art zu verbinden, die wir ihm<lb n="6"/>izt angeben; sezt die Fähigkeit voraus diejenigen Thätigkeiten in sich hervor[zu]<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bringen, die wir ihm bezeichnen; die Wahrheiten der christlichen Religion nun, die<lb n="8"/>sich aufs ErkenntnißVermögen beziehen, beziehen sich nun theils auf die Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>kraft, theils auf den Verstand, theils auf die Vernunft –</p>
<p><lb n="10"/>Geschichtliche Wahrheiten, die mit unsern übrigen Erfahrungsgesezen überein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stimmen, nimmt die Einbildungskraft, unter Zulassung des Verstandes, auf, wobei<lb n="12"/>ihr nichts neu ist, als der Zusammenhang, in welchen sie nun schon vorhin gehabte<lb n="13"/>Vorstellungen zu bringen angewiesen ist, sie nimmt sie zugleich mit der Neben<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>vorstellung auf – daß es wirklich Erfahrungen waren, daß Gefühle vorhanden<lb n="15"/>waren, die den Verstand zu einer – allen Menschen, denen diese Gefühle gegeben<lb n="16"/>worden wären, nothwendigen Thätigkeit veranlast hatten – diß ist es was hier der<lb n="17"/>Glauben bedeutet – Nun kommen aber geschichtliche Wahrheiten vor, von denen<lb n="18"/>ein etwas geübter Verstand sogleich einsieht, daß sie seinen Gesezen widersprechen,<lb n="19"/>und die er also geneigt ist zu verwerfen, wie alle Wunder – und andere übernatür<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>liche Begebenheiten; er ist damit nicht befriedigt, daß man auf übersinnliche Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sachen verweist, denn eine solche Antwort versteht er gar nicht, ihm ist damit gar<lb n="22"/>nichts gesagt – wie kan izt der Pflicht, zu glauben Genüge geleistet werden? Die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bildungskraft ist mit jener Angebung einer übernatürlichen Ursache vollkommen<lb n="24"/>zufrieden – ihr ist [das] gänzlich gleichgültig – aber der Verstand verwirft ihr Gedicht,<lb n="25"/>und erlaubt ihr gar keine Einsprache bei der Frage über Realität – oder Nicht-<lb n="26" break="no"/>Realität einer Vorstellung – es muß also ein höheres Vermögen, vor dem der Verstand<lb n="27"/>selbst verstummen muß, ins Spiel gezogen werden, und der Glauben wird zu einer<lb n="28"/>Sache der Pflicht gemacht, und in ein Gebiet des übersinnlichen verwiesen, worin der<lb n="29"/>Verstand gar nicht mehr erscheinen darf – in dieser Rüksicht heist glauben soviel,<lb n="30"/>einen Zusammenhang von Begebenheiten, der der Einbildungskraft gegeben ist, und<lb n="31"/>bei welchem der Verstand immer einen andern sucht – aus Pflicht d. h. hier aus Furcht</p>
<pb n="356" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=376" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>vor dem gewaltigen Gebieter festhalten, den Verstand dabei zwingen, zu diesem<lb n="2"/>Geschäfte, das ihm ein Greuel ist, noch selbst die Hände zu bieten, und den Begrif<lb n="3"/>von Ursache zu leihen, aber sobald er da sich weiter einmischen will, sogleich seine<lb n="4"/>Foderungen aus dem Bewustseyn fort zu schaffen, den der Einbildungskraft gegebnen<lb n="5"/>Zusammenhang zum Bewustseyn zu bringen, und durch dessen Festhaltung jenem<lb n="6"/>keinen Raum zu geben.</p>
<p><lb n="7"/>Die praktischen Momente nun werden der Vernunft gegeben, um Foderungen<lb n="8"/>derselben zu befriedigen – sie gehen nicht auf den Willen, um diesen zu Handlungen<lb n="9"/>zu bestimmen, sondern an die an den Willen und die Sinnenwelt Foderungen<lb n="10"/>machende Vernunft, oder Gesez – der Vernunft sind im System einer positiven<lb n="11"/>Religion nur Foderungen an die Sinnenwelt erlaubt, die diese Religion zu befriedigen<lb n="12"/>verspricht – Foderungen an den Willen macht das Gesez des Gebieters, die positive<lb n="13"/>Religion selbst, die hierin Unterstüzzung verspricht – dieser Wille nämlich, der an<lb n="14"/>seine Kraft keinen Glauben gehabt hat, und mit der, die er sich noch zutraut, die<lb n="15"/>Angemessenheit zu dem Ideale, das ihm die positive Religion aufgibt, unmöglich<lb n="16"/>erreichen zu können fühlt – erhält die Versicherung Hülfe von oben und Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stüzung zu erhalten – Bei diesem Glauben wird zum Bewustseyn erhoben und<lb n="18"/>reflektirt über das, was der Möglichkeit eines positiven Glaubens überhaupt zum<lb n="19"/>Grunde lag, die moralische Kraftlosigkeit, und das Gefühl eine obzwar noch vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stellende und von gegebnen Vorstellungen getriebne Maschine zu seyn – es wird<lb n="21"/>reflektirt über unsre Unbekanntschaft mit der Stärke dieses Räderwerks, über die<lb n="22"/>uns oft erprobte Unfähigkeit von gewissen Vorstellungen getrieben zu werden – und<lb n="23"/>damit wird die Hofnung verbunden, wie der erste Beweger dieses Werks, als ein<lb n="24"/>guter und mitleidiger Herr, sich dessen annimmt und ihm nachhilft, wo es in Stok<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>kung gerathen will. Der im positiven Glauben begriffne Mensch macht hier seinen<lb n="26"/>ganzen Zustand getreu zum Objekt seiner Reflexion, nur daß wie er sonst von den<lb n="27"/>ihm in der positiven Religion gegebnen Vorstellungen bestimmt wird, er hier diese<lb n="28"/>Bestimmung nicht durch das Medium der Vorstellung gegangen sich denkt, sondern<lb n="29"/>daß sie auf seine Thätigkeit, sein Wesen selbst gehen werde. Was die Foderungen der<lb n="30"/>praktischen Vernunft betrift, die die positive Religion zu befriedigen verspricht, so</p>
<pb n="357" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=377" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EIN POSITIVER GLAUBEN …</fw>
<p><lb n="1"/>sind sie von zweierlei Art, einige wünscht sie nemlich realisirt zu seyn, vor der<lb n="2"/>Realisirung anderer aber wäre es ihr bang – wegen beides verspricht die positive<lb n="3"/>Religion sie zu beruhigen – Schon der Ausdruk: die Vernunft wünscht, oder es ist ihr<lb n="4"/>bang, deutet darauf, daß die Sinnlichkeit hier ins Spiel kommt, daß es vielleicht<lb n="5"/>eigentlich diese wäre, die es der Vernunft unter den Fuß [legt] jene Foderungen zu<lb n="6"/>machen – und daß eigentlich sie es ist, die befriedigt seyn will – Wie kommt in dem<lb n="7"/>besonders in neuern Zeiten berühmtgewordenen, und bei allen Völkern vorkommen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>den Postulate, der Harmonie der Glükseeligkeit mit der Sittlichkeit – die Vernunft zu<lb n="9"/>einer Foderung an etwas, das sie in dieser Rüksicht als von sich unabhängig, un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bestimmbar anerkennt? Die Vernunft, die in irgend einem Subjekt zu einem Grade<lb n="11"/>von Herrschaft, von Macht gediehen ist – gibt dem Bewustseyn dieses Gefühl von<lb n="12"/>Sollen, von Herrschen – wendet sie sich damit an den Willen, der ein bestimmtes<lb n="13"/>Objekt des Triebes hat, so ist dieser nach der von der Vernunft gegebenen Form<lb n="14"/>thätig, bietet den physischen Kräften auf, siegen diese und unterliegen sie im Kampfe<lb n="15"/>mit fremden widerstrebenden Kräften, und ist der Wille festgeblieben, so ist der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nunft in jedem Falle Genüge geschehen, und wenn jemand den Tod der Ehre, oder<lb n="17"/>für Vaterland oder Tugend gestorben ist, so hat man nur in unsern Zeiten sagen<lb n="18"/>können, der Mann wäre eines bessern Schiksals würdig gewesen. Wo die Vernunft<lb n="19"/>einen Willen findet, der mehr von den sinnlichen Neigungen beherrscht wird, und<lb n="20"/>wo sie selten Gelegenheit findet sich an ihn zu wenden, in solchen Subjekten ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nimmt die Sinnlichkeit ihre Stimme, ihr: Soll; und erklärt diß nach ihren eignen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dürfnissen, und deutet dieses Soll der Vernunft als ein Verlangen nach Glükseeligkeit,<lb n="23"/>welches Verlangen darin von der sinnlichen Foderung der Glükseeligkeit aber ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schieden ist, daß es auf eine Stimme der Vernunft sich gründet, daß es eine Macht<lb n="25"/>dieser voraussezt, ein Soll aussprechen [zu] können – und dise durch Vernunft gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sam legitimirte Foderung heist dann Würdigkeit zur Glükseeligkeit – und Unwürdig<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>keit derselben heist ein Unvermögen der Vernunft, ein Soll auszusprechen – ein<lb n="28"/>Unterliegen derselben, und also auch eine Ohnmacht gegen die aüssern Umstände<lb n="29"/>– In beiden Fällen heischt die Vernunft nicht Glükseeligkeit unmittelbar, dieser<lb n="30"/>Begrif kommt ihr sowenig zu, als dem Verstand – die Empfindung – sie gibt dem<lb n="31"/>Bewustseyn nur ihr Soll – oder nicht; das von der Sinnlichkeit aufgefast wird – jene<lb n="32"/>bestimmt garnichts, was das Objekt dieses Soll – seyn soll, sie hat kein Objekt ihrer</p>
<pb n="358" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=378" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Herrschaft – auch so amalgamirt mit Sinnlichkeit fodert die Vernunft Realisirung<lb n="2"/>ihres Objekts¹, und da sie dieß Gemische, indem sie durch die Beimischung von<lb n="3"/>Natur geschwächt, und verunreinigt ist, nicht realisiren kan, so fodert sie ein fremdes<lb n="4"/>Wesen, dem die Herrschaft über die Natur beiwohne, die sie izt vermist, und die sie<lb n="5"/>izt nicht mehr verschmähen kan – In dieser Rüksicht heist Glauben, Mangel des<lb n="6"/>Bewustseyn, daß die Vernunft absolut, in sich selbst vollendet ist – daß ihre unend<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>liche Idee nur von sich selbst, rein von fremder Beimischung geschaffen werden muß,<lb n="8"/>daß diese nur durch Entfernung eben dieses sich aufdringenden Fremden – nicht<lb n="9"/>durch eine Anbildung desselben vollendet werden kan – der auf diese Art bedingte<lb n="10"/>Endzwek der Vernunft gibt den moralischen Glauben an das Daseyn Gottes, der<lb n="11"/>nicht praktisch seyn kan, insofern, als er den Willen antreiben könnte, jenen Endzwek<lb n="12"/>zu realisiren, sondern nur etwa den Theil des Endzweks, der von ihm abhängt, wozu<lb n="13"/>er durch die Betrachtung um so williger gemacht wird, daß die Sinnlichkeit dabei<lb n="14"/>auch ihre Rechnung finden werde – Wer – wie z. B. ein Republikaner, oder ein<lb n="15"/>Krieger, der nicht gerade für ein Vaterland, aber doch für die Ehre kämpft, – sich<lb n="16"/>also einen Zwek seines Daseyns gesezt hat, in dem sich das zweite Stük, – die Glük<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seeligkeit nicht findet, der hat einen Zwek, dessen Realisirung ganz von ihm ab<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>hängt, und also keiner fremden Beihülfe bedarf. Die positive Religion unterstüzt<lb n="19"/>jenen moralischen Glauben noch durch Bilder, durch Data für die Einbildungskraft,<lb n="20"/>der sie jenes Objekt näher bringt, indem sie es so sehr zum Objekt macht, daß sie<lb n="21"/>erzählt, es sei hie und da Menschen in der Erfahrung gegeben worden. Ein anderes<lb n="22"/>berühmtes Bedürfniß der Vernunft, auf das sie sich schlechterdings keine befriedigende<lb n="23"/>Antwort geben kan, ist die verlangte Beruhigung wegen der nothwendigen Strafen,<lb n="24"/>die auf Immoralität folgen müssen,</p>
<note xml:id="fn-358-1" type="rand" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>Daß so unbedingt gefodert wird, ist Thätigkeit der Vernunft, daß Glükseelig<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit gefodert wird, gibt die Sinnlichkeit.</note>
<pb n="359" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=379" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>JEDES VOLK …</head>
<p><lb n="2"/>Jedes Volk hat ihm eigene Gegenstände der Phantasie, seine Götter, Engel, Teufel<lb n="3"/>oder Heilige, die in den Traditionen des Volkes fortleben, deren Geschichte und<lb n="4"/>Thaten, die Amme den Kindern erzählt, und durch den Eindruk auf ihre Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>kraft an sich zieht, und jene Geschichten bleibend macht – Ausser diesen Geschöpfen<lb n="6"/>der Einbildungskraft leben in dem Andenken der meisten, besonders freier Völker,<lb n="7"/>die alten Helden der Geschichte ihres Vaterlandes, die Stifter oder Befreier der Staa<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ten fast weniger noch als die Tapfern vor den Zeiten, als das Volk sich in einen unter<lb n="9"/>bürgerlichen Gesezen stehenden Staat vereinigte – Diese Helden leben nicht isolirt,<lb n="10"/>allein [in] der Phantasie der Völker; ihre Geschichte, die Errinnerung ihrer Thaten<lb n="11"/>ist an öffentliche Feste, NationalSpiele, an manche innere Einrichtung oder aüsser<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>liche Verhältnisse des Staats – an wohlbekannte Haüser und Gegenden – an öffent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>liche Tempel und andre Denkmäler geknüpft. Jedes Volk, das seine eigenthümliche<lb n="14"/>Religion und Verfassung, oder das auch einen Theil derselben und seiner Kultur von<lb n="15"/>fremden Nationen erhalten, aber sich dieselbe ganz angeeignet hatte – Egypter,<lb n="16"/>Juden, Griechen, Römer haben eine solche eine NationalPhantasie gehabt – Auch die<lb n="17"/>alten Germanier, Galen, Scandinavier hatten ihr Walhalla, wo ihre Götter wohnten,<lb n="18"/>ihre Helden, die in ihren Gesängen lebten, deren Thaten sie in den Schlachten<lb n="19"/>begeisterten, oder bei den Mahlen ihre Seele mit grossen Entschlüssen füllten; sie<lb n="20"/>hatten ihre heiligen Hayne, wo diese Gottheiten ihnen näher waren –</p>
<p><lb n="21"/>Das Christenthum hat Walhalla entvölkert, die heiligen Hayne umgehauen, und<lb n="22"/>diese Phantasie des Volks als schändlichen Aberglauben, als ein teufelisches Gift aus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gerottet, und uns dafür die Phantasie eines Volks gegeben, dessen Klima, dessen<lb n="24"/>Gesezgebung, dessen Kultur, dessen Interesse uns fremd, dessen Geschichte mit uns<lb n="25"/>in ganz und gar keiner Verbindung ist. In der Einbildungskraft unsers Volkes lebt ein<lb n="26"/>David, ein Salomon, aber die Helden unsers Vaterlandes schlummern in den<lb n="27"/>Geschichtbüchern der Gelehrten, und für diese hat ein Alexander, ein Cäsar u.s.w.</p>
<pb n="360" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=380" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>ebenso viel Interesse als die Geschichte eines Karls des Gr. oder Friedrich Barbarossa.<lb n="2"/>Ausser etwa Luthern bei den Protestanten, welches könnten auch unsre Helden seyn,<lb n="3"/>die wir nie eine Nation waren? welches wäre unser Theseus, der einen Staat gegrün<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>det, und ihm Geseze gegeben hätte; wo unsre Harmodiusse und Aristogitone, denen<lb n="5"/>wir als Befreiern unseres Landes Skolien sängen? Die Kriege, welche Millionen<lb n="6"/>Deutsche gefressen haben, waren Kriege der Ehrsucht oder der Unabhängigkeit der<lb n="7"/>Fürsten, die Nation nur Werkzeug, die, wenn sie auch mit Erbitterung und Wuth<lb n="8"/>kämpfte, am Ende doch nicht zu sagen wußte: warum? oder was haben wir ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wonnen? Die Reformation und die blutige Behauptung des Rechts, eine solche zu<lb n="10"/>machen, ist [eine] von den wenigen Begebenheiten, an denen ein Theil der Nation<lb n="11"/>ein Interesse genommen hat, und zwar ein Interesse, das nicht, wie das an den Kreuz<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zügen mit der Erkaltung der Einbildungskraft, verdunstete, sondern in dem das<lb n="13"/>Gefühl eines bleibenden Rechts, des Rechts, in seinen religiösen Meinungen seiner<lb n="14"/>selbst errungenen oder erhaltenen Überzeugung zu folgen, thätig war; aber ausser<lb n="15"/>der in einigen protestantischen Kirchen gewöhnlichen jährlichen Ablesung der Augs<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>purgischen Konfession, die jedem Zuhörer gewöhnlich Langeweile macht, und<lb n="17"/>ausser der kalten Predigt, die darauf folgt, welches ist das Fest, das das Andenken<lb n="18"/>jener Begebenheit feyerte – es scheint als ob die Gewalthaber in Kirche und Staat es<lb n="19"/>gerne sähen, daß das Andenken, daß einst unsre Vorältern dieses Recht gefühlt, und<lb n="20"/>tausend Leben an die Behauptung eines solchen Rechts wagen konnten, daß das<lb n="21"/>Andenken hieran in uns schlummre, ja nicht lebendig erhalten werde –</p>
<p><lb n="22"/>Wer mit der Geschichte, der Bildung und Gesezgebung der Stadt Athen un<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bekannt Ein Jahr in ihren Mauern lebte, konnte aus den Festen sie zimlich kennen<lb n="24"/>lernen.</p>
<p><lb n="25"/>So ohne religiöse Phantasie, die auf unserem Boden gewachsen wäre, und mit<lb n="26"/>unserer Geschichte zusammenhienge, schlechterdings ohne alle politische Phantasie,<lb n="27"/>schleicht sich unter dem gemeinen Volke nur hie und da ein Rest eigner Phantasie<lb n="28"/>unter dem Namen Aberglauben herum, der als Gespensterglauben das Andenken<lb n="29"/>eines Hügels erhält, auf welchem einst Ritter ihr Unwesen trieben, odes eines Hauses,<lb n="30"/>wo Mönche und Nonnen spukten, oder wo ein für ungetreu gehaltener Verwalter,</p>
<pb n="361" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=381" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>oder Nachbar noch keine Ruhe im Grabe gefunden hat, oder der als Geburt der<lb n="2"/>Phantasie, die nicht aus der Geschichte schöpft, schwache oder böse Menschen mit<lb n="3"/>der Möglichkeit einer Hexenkraft äft, – dürftige und traurige Reste einer versuchten<lb n="4"/>Selbstständigkeit, und eines versuchten Eigenthums, welche vollends auszurotten,<lb n="5"/>als eine Pflicht der ganzen aufgeklärtern Klasse der Nation vorgestellt wird, und<lb n="6"/>allgemeiner Ton ist; durch welche Stimmung des feinern Theils der Nation, ausser<lb n="7"/>der Unbildsamkeit und Rauhigkeit des Stoffs selbst, die Möglichkeit jenen Rest von<lb n="8"/>Mythologie, und damit die Empfindungsweise und Phantasie des Volks zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>edeln völlig weggenommen wird. Die lieblichen Spiele eines Hölty, Bürgers, Mu<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>säus in diesem Fache gehen für unser Volk wohl ganz verlohren, da es um des<lb n="11"/>Genusses derselben empfänglich zu seyn, in seiner übrigen Kultur zu weit zurük ist –<lb n="12"/>wie auch die Phantasie der gebildetern Theile der Nation von der der gemeinen<lb n="13"/>Stände ein völlig anderes Gebiet hat, und Schriftsteller, und Künstler, die für jene<lb n="14"/>arbeiten, von diesen schlechterdings auch in Ansehung der Scene und der Personen<lb n="15"/>ganz und gar nicht verstanden werden – da hingegen der Atheniensische Bürger, den<lb n="16"/>seine Armuth von der Fähigkeit, seine Stimme in der öffentlichen Volksversamm<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lung zu geben, ausschloß, oder der sich gar als Sklaven verkaufen muste, sogut als<lb n="18"/>ein Perikles und Alcibiades wuste, wer der Agamemnon und der Oedipus war, den<lb n="19"/>ein Sophokles und Euripides in edlen Formen einer schönen und erhabenen Mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>heit aufs Theater brachte, oder ein Phidias und Apell in reinen Gestalten körperlicher<lb n="21"/>Schönheit darstellte – Die Wahrheit der Charaktere in der Darstellung durch Shake<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>speare hat ausserdem, daß viele aus der Geschichte bekannt sind, dieselben dem eng<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lischen Volke so tief eingeprägt, und für dasselbe einen eignen Krais von Phantasie<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>Vorstellungen gebildet, daß das Volk bei Ausstellung der Akademischen Gemählde<lb n="25"/>die Gegenstände desjenigen Theils, wo die grösten Meister wetteifern, der Shake<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>speareGallerie wohl versteht – und frei geniessen kan –</p>
<p><lb n="27"/>Diejenige Sphäre von PhantasieVorstellungen, die dem gebildetern wie dem un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gebildetern Theile unserer Nation gemein wäre, die religiöse Geschichte – hat für die<lb n="29"/>dichterische Bearbeitung, wodurch die Nation veredelt werden könnte, ausser andern<lb n="30"/>Unbequemlichkeiten in Ansehung des ungebildetern Theils, daß dieser zu steif, an</p>
<pb n="362" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=382" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>dem Stoffe als einer Glaubenssache hängt, in Ansehung des gebildetern Theils, daß<lb n="2"/>auch bei einer schönern Behandlung von Seite des Dichters, schon theils die Namen<lb n="3"/>die Vorstellung von etwas altfränkischem und gothischen mit sich führen, theils<lb n="4"/>wegen des Zwangs, mit dem sie von Jugend auf der Vernunft sind angekündigt<lb n="5"/>worden, ein Gefühl von Unbehaglichkeit mit sich bringen, das dem Genusse der<lb n="6"/>Schönheit, der aus dem freien Spiele der Seelenkräfte hervorgeht, zuwider ist; wenn<lb n="7"/>auch in einzelnen Köpfen die Phantasie sich in Freiheit gesezt hat, und dem Schönen<lb n="8"/>und grossen allein nachstrebt, so sieht man es im Ganzen ihren Idealen, oder ihrer<lb n="9"/>Empfänglichkeit für diese an, daß sie ihr von dem Kathechismus zugeschnitten<lb n="10"/>worden sind –</p>
<p><lb n="11"/>Als sich der Geschmak an alter Literatur und damit der Geschmak an schönen<lb n="12"/>Künsten ausbreitete, so nahm der gebildetere Theil der Nation, die Mythologie der<lb n="13"/>Griechen in ihre Phantasie auf, und die Empfänglichkeit derselben für diese Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lungen beweist ihre grössere Selbstständigkeit und Unabhängigkeit vom Verstande,<lb n="15"/>der sich sonst nie enthalten konnte, sie in ihrem freien Genuße zu stören. Andere<lb n="16"/>versuchten es den Deutschen eine eigenthümliche Phantasie, die auf ihrem Grunde<lb n="17"/>und Boden gewachsen war, wieder zu geben, und riefen ihnen zu:</p>
<quote><lb n="18"/>ist denn Achaja der Tuiskonen Vaterland?</quote>
<p><lb n="19"/>allein diese Phantasie ist nicht die Phantasie der izigen Deutschen; die verlorne<lb n="20"/>Phantasie einer Nation wiederherzustellen, war von jeher vergeblich und konnte im<lb n="21"/>Ganzen noch weniger Glük machen, als Julians Versuch, der Mythologie seiner<lb n="22"/>Voreltern, in den Menschen seiner Zeit ihre vorige Stärke und Allgemeinheit zu ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ben, ein Versuch, dessen Gelingen viel mehr scheinbares vor sich hatte, da in den Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>müthern noch viel davon übrig war, da dem Kaiser noch viele Mittel zu Gebote<lb n="25"/>standen, seiner Mythologie den Vorzug zu geben. Jene altdeutsche Phantasie findet<lb n="26"/>nichts in unserm Zeitalter, an das sie sich anschmiegen, anknüpfen könnte, sie steht in<lb n="27"/>dem ganzen Kraise unserer Vorstellungen, Meinungen, und Glaubens so abgerissen<lb n="28"/>da, ist uns so fremde als die Ossianische, oder Indianische – und was jener Dichter in<lb n="29"/>Ansehung der griechischen Mythologie seinem Volke zuruft, könnte man ihm und<lb n="30"/>seinem Volke in Ansehung der jüdischen mit ebendem Rechte zurufen und fragen:</p>
<quote><lb n="31"/>Ist denn Judäa der Thuiskonen Vaterland?</quote>
<pb n="363" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=383" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>So sehr die Phantasie die Freiheit liebt, so sehr gehört dazu, daß die Religions<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>Phantasie eines Volkes fest seye, daß sie ihr System, weniger an bestimmte Zeiten,<lb n="3"/>als an gewisse bekannte Orte knüpfe; diese Kenntnis des Orts ist dem Volke gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lich ein Beweis mehr, oder der sicherste, daß die Geschichte, die man da von erzählt,<lb n="5"/>wahr seye – Daher die lebendige Gegenwart, mit welcher die Mythologie der Grie<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>chen in ihren Gemüthern war; daher die Stärke des Glaubens der Katholiken an ihre<lb n="7"/>Heiligen und Wunderthäter; den Katholiken sind diejenigen Wunder viel gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wärtiger und wichtiger, die in ihrem Lande verrichtet wurden, als die oft viel<lb n="9"/>grössere, die in andern Ländern, oder die selbst von Christus verrichtet wurden.<lb n="10"/>Jedes Land hat gewöhnlich seinen Schuzpatronen, der in diesem Lande besonders<lb n="11"/>Wunder gethan hat und dort vorzüglich verehrt wird. Ausserdem glaubt sich jedes<lb n="12"/>Volk durch die besondere Aufmerksamkeit die ein solcher Schuzgott ihm geweiht<lb n="13"/>habe, vorzüglich ausgezeichnet und geehrt, und dieser Vorzug vor andern Völkern<lb n="14"/>vermehrt seine Anhänglichkeit daran, wie diß der Fall bei den Juden ist. Hiedurch<lb n="15"/>wird eine solche Phantasie einheimisch bei einem Volke.</p>
<p><lb n="16"/>Das was in unsern heiligen Büchern eigentlich Geschichte ist, wie der gröste Theil<lb n="17"/>des A. T. und nicht eigentlich wie das N. T. die GlaubensPflicht auf sich hat, also<lb n="18"/>eigentlich zum Gegenstand der VolksPhantasie werden kan, ist unsern Sitten, unserer<lb n="19"/>Verfassung, der Kultur unserer körperlicher und Seelenkräfte so fremde, daß es fast<lb n="20"/>keinen Punkt gibt, wo wir damit zusammenträfen, als hie und da die allgemeine<lb n="21"/>menschliche Natur – und für jeden, der anfängt, aufgeklärt zu werden, d. h. für die<lb n="22"/>Geseze seines Verstandes und seiner Erfahrung Allgemeinheit zu fodern, und die<lb n="23"/>Anzahl dieser Klasse der Menschen, steigt immer, – gröstentheils ungeniesbar, und<lb n="24"/>nur für zwei Klassen von Lesern zu gebrauchen, für die eine, die mit heiliger Einfalt<lb n="25"/>in dem Sinne alles für wahr annimt, daß sie überzeugt ist, es wäre auch für die all<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gemeine Erfahrung zugänglich gewesen – für die andere Klasse, der diese Frage über<lb n="27"/>Wahrheit oder Unwahrheit für den Verstand dabei gar nicht einfällt, sondern [die]<lb n="28"/>blos an subjektive, an Wahrheit für die Phantasie dabei denkt, sowie wir sie an der<lb n="29"/>Hand Herders lesen. Die Griechen hatten ihre religiöse Sagen fast nur dazu, um<lb n="30"/>Götter zu haben, denen sie ihre Dankbarkeit weihen, denen sie Altäre bauen und<lb n="31"/>Opfer darbringen könnten; uns hingegen soll die heilige Geschichte, mancherlei</p>
<pb n="364" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=384" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>nuzen, wir sollen mancherlei in moralischer Rüksicht daraus lernen und ersehen –<lb n="2"/>Aber eine gesunde moralische Urtheilskraft, die mit diesem Vorsaz daran geht, ist<lb n="3"/>gar oft genöthigt, das moralische in die meisten Geschichten hineinzulegen, ehe sie<lb n="4"/>etwas moralisches finden kan, und mit gar vielen wird sie überhaupt in Verlegenheit<lb n="5"/>kommen, sie mit ihren Grundsäzen zu reimen. Der HauptNuzen, und die Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>Wirkung, die ein frommer Mann dabei in sich verspühren kan, ist die Erbauung,<lb n="7"/>d. h. die Erwekung dunkler heiliger Empfindungen (weil er izt mit Vorstellungen<lb n="8"/>von Gott umgeht,) deren Verworrenheit auf Gewinn an Moralischer Einsicht Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>zicht thut, aber gewöhnlich eine Verstärkung anderer sogenannter heiliger Leiden<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schaften, als eines misverstandenen heiligen Eifers für Gottes Ehre, frommes Stolzes<lb n="11"/>und Eigendünkels und einer Gottergebenen Schlafsucht mit zurükbringt.</p>
<p><lb n="12"/>Jene verschiedene Art die alten Sagen mit dem Verstand oder der Phantasie zu<lb n="13"/>lesen läst sich in dem Beispiele derjenigen Geschichte Mosis sehen, wenn von ihm<lb n="14"/>erzählt wird er habe auf Sinai Gott gesehen; ein gewöhnlicher christlicher Leser<lb n="15"/>nimmt diß als eine sinnliche Wahrnehmung an, die nach den Gesezen aller unserer<lb n="16"/>sinnlichen Wahrnehmungen erfolgt ist; die aufgeklärte, verständige Recha sagt:</p>
<quote><lb n="17"/>wo er stand, stand er vor Gott.</quote>
<p><lb n="18"/>gibt das objektive Daseyn Gottes zu, aber leugnet die Möglichkeit daß er von<lb n="19"/>menschlichen Sinnen wahrgenommen werden könnte, und behauptet, Gott sey ihm<lb n="20"/>überall gegenwärtig, wenn er auch nicht daran denke – und leugnet in diesem Fall<lb n="21"/>besonders die sinnliche Gegenwart Gottes – Noch kan in einem andern Sinne behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tet werden, an jenem Orte, und in jenem Augenblikke, als Moses die Gegenwart<lb n="23"/>Gottes empfunden zu haben glaubte, sei ihm die Gottheit ebenso wahr gegenwärtig<lb n="24"/>gewesen, als je eine Empfindung für uns Wahrheit hat, aber ohne über das Objekt<lb n="25"/>absprechen zu wollen, über welches in diesem Urtheil keine Frage seyn kan; und<lb n="26"/>[man] behauptet zugleich, daß an dem Orte und in dem Augenblikke, wo der Mensch<lb n="27"/>nicht an Gott denkt, Gott nicht gegenwärtig sey –</p>
<p><lb n="28"/>Das erste Urtheil behauptet die sinnliche Wahrnehmung Gottes als eines Objekts,<lb n="29"/>das zweite leugnet die sinnliche Wahrnehmung, behauptet aber das Dagewesenseyn</p>
<pb n="365" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=385" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Gottes – das dritte behauptet die Wahrnehmung Gottes, aber nicht als eines Objekts –<lb n="2"/>das erste behauptet, in Moses seyen, Sinne und Verstand, das zweite – nur Phantasie, –<lb n="3"/>das dritte Phantasie und Vernunft thätig gewesen. Zu dem der das zweyte Urtheil<lb n="4"/>fällt, spricht nur das Objekt, und diß beurtheilt er als Objekt, nach den Gesezen<lb n="5"/>seines Verstandes und seiner Erfahrung – zu dem Geiste dessen, der das dritte Urtheil<lb n="6"/>fällt, spricht unmittelbar der Geist Mosis selbst – den er versteht, der ihm offen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gebahrt ist – unbekümmert um das Objekt –</p>
<p><lb n="8"/>das erste behauptet subjektive und objektive Wahrheit, das zweite objektive<lb n="9"/>Wahrheit, aber subjektiven Irrthum, das 3te subjektive Wahrheit, und wenn es<lb n="10"/>erlaubt wäre so zu sprechen, objektiven Irrthum.</p>
<space/>
<p><lb n="11"/>Unterschied zwischen Griechischer Phantasie- und christlicher positiver Re<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ligion.</p>
<p><lb n="13"/>Es ist eine der angenehmsten Empfindungen der Christen, ihr Glük und ihre<lb n="14"/>Wissenschaft mit dem Unglük und der Finsterniß der Heiden in Vergleichung zu<lb n="15"/>sezen, und einer der Gemeinpläze, wohin die geistlichen Hirten ihre Schaafe auf die<lb n="16"/>Weide der Selbstzufriedenheit und der stolzen Demuth am liebsten führen – ihnen<lb n="17"/>diß Glük recht lebhaft vor die Augen zu stellen, wobei dann die blinden Heiden<lb n="18"/>gewöhnlich sehr übel wegkommen. Besonders werden sie wegen der Trostlosigkeit<lb n="19"/>ihrer Religion, die ihnen keine Vergebung der Sünden verheist, besonders sie ohne<lb n="20"/>den Glauben an eine Vorsehung läst, welche ihre Schiksale nach weisen und wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>thätigen Zweken leite [bedauert] – Wir können aber bald gewahr werden, daß wir<lb n="22"/>unser Mitleiden spahren dürfen, indem wir bei den Griechen nicht diejenigen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dürfnisse antreffen, die unsre jezige praktische Vernunft hat, der man überhaupt wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lich sehr viel aufzubürden weiß.</p>
<p><lb n="25"/>Die Verdrängung der heidnischen Religion durch die christliche ist eine von den<lb n="26"/>wunderbaren Revolutionen, deren Ursachen aufzusuchen den denkenden Geschichts<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>forscher beschäftigen muß. Den grossen in die Augen fallenden Revolutionen muß<lb n="28"/>vorher eine stille, geheime Revolution in dem Geiste des Zeitalters vorausgegangen<lb n="29"/>seyn, die nicht jedem Auge sichtbar, am wenigsten für die Zeitgenossen beobachtbar,<lb n="30"/>und ebenso schwer mit Worten darzustellen, als aufzufaßen ist. Die Unbekanntschaft</p>
<pb n="366" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=386" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>mit diesen Revolutionen in der Geisterwelt macht dann das Resultat anstaunen; eine<lb n="2"/>Revolution von der Art, wie die, daß eine einheimische, uralte Religion von einer<lb n="3"/>fremden verdrängt wird, eine solche Revolution, die sich unmittelbar im Geister<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>reiche zuträgt, muß um so unmittelbarer in dem Geiste der Zeit selbst ihre Ursachen<lb n="5"/>finden –</p>
<p><lb n="6"/>Wie konnte eine Religion verdrängt werden, die seit Jahrhunderten sich in den<lb n="7"/>Staaten festgesezt hatte, die mit der Staatsverfassung aufs innigste zusammenhieng,<lb n="8"/>wie konnte der Glauben an Götter aufhören, denen die Städte und Reiche ihre Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>stehung zuschrieben, denen die Völker alle Tage Opfer brachten, deren Seegen sie<lb n="10"/>zu allen Geschäften anruften, unter deren Panier die Armeen allein siegreich gewesen<lb n="11"/>waren, denen sie für ihre Siege gedankt hatten, denen die Fröhlichkeit ihre Lieder,<lb n="12"/>so wie der Ernst seine Gebete weihte, deren Tempel, deren Altäre, Reichthümer und<lb n="13"/>Statüen der Stolz der Völker, der Ruhm der Künste war, deren Verehrung und Feste<lb n="14"/>nur Veranlassungen zur allgemeinen Freude waren – Wie konnte der Glauben an die<lb n="15"/>Götter, der mit tausend Fäden in das Gewebe des menschlichen Lebens verschlungen<lb n="16"/>war, aus diesem Zusammenhange losgerißen werden? Einer körperlichen Gewohn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>heit kan der Willen des Geistes, und andere körperlichen Kräfte, einer Gewohnheit<lb n="18"/>einer einzelen Seelenkraft, ausser dem festen Willen andre Seelenkräfte entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gesezt werden – Aber einer Gewohnheit der Seele, die nicht isolirt, wie izt haüfig die<lb n="20"/>Religion ist, sondern die alle Seiten menschlicher Kräfte durchschlingt, und mit der<lb n="21"/>selbstthätigsten Kraft selbst aufs innigste verwebt ist – wie stark muß das Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gewicht seyn, das jene Macht überwinde –</p>
<p><lb n="23"/>Die Bekanntschaft mit dem Christenthume hatte die negative Wirkung, daß die<lb n="24"/>Völker auf das dürftige, und trostlose ihrer Religion aufmerksam gemacht wurden,<lb n="25"/>daß ihr Verstand das ungereimte und lächerliche der Fabeln ihrer Mythologie einsah,<lb n="26"/>und sich damit nicht mehr befriedigte, – die positive Wirkung, daß sie das Christen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>thum, diese Religion, die allen Bedürfnissen des menschlichen Geistes und Herzens<lb n="28"/>so angemessen, alle Fragen der Menschlichen Vernunft so befriedigend beantwortet –<lb n="29"/>die ausserdem ihren göttlichen Ursprung noch durch Wunder beglaubigte, an<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nahmen – Diß ist die gewöhnliche Antwort auf jene Frage und die Ausdrükke:<lb n="31"/>Aufklärung des Verstands und neue Einsicht u. drgl. die man dabei gebraucht, sind</p>
<pb n="367" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=387" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>uns so gelaüfig, daß wir grosse Dinge dabei zu denken, und alles damit erklärt zu<lb n="2"/>haben vermeinen – und wir stellen uns jene Operation so leicht, und die Wirkung<lb n="3"/>so natürlich vor, da es uns ja so leicht ist, einem jedem Kinde begreiflich zu machen,<lb n="4"/>wie ungereimt es ist, zu glauben, daß da oben im Himmel ein solches Rudel von<lb n="5"/>Göttern, als die Heiden glaubten, herumrumorten, essen und trinken, sich herum<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>balgen, und noch andere Dinge treiben, deren sich bei uns jeder gesitteter Mensch<lb n="7"/>schämt –</p>
<p><lb n="8"/>Wer aber nur die einfältige Bemerkung gemacht hat, daß jene Heiden doch auch<lb n="9"/>Verstand hatten, daß sie ausserdem in allem, was groß, schön, edel, und frei ist, noch<lb n="10"/>so sehr unsere Muster sind, daß wir uns über diese Menschen, als ein uns fremdes<lb n="11"/>Geschlecht nur verwundern können – wer es weiß, daß die Religion besonders eine<lb n="12"/>PhantasieReligion nicht durch kalte Schlüße, die man sich da in der Studierstube<lb n="13"/>vorrechnet, aus dem Herzen, am wenigsten aus den Herzen und dem ganzen Leben<lb n="14"/>des Volks gerissen wird – wer es ferner weiß, daß bei der Verbreitung der christ<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichen Religion eher alles andere als Vernunft und Verstand sind angewendet wor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>den – wer statt durch die Wunder den Eingang des Christenthums erklärbar zu<lb n="17"/>finden, eher sich die Frage schon aufgeworfen hat, wie muß das Zeitalter beschaffen<lb n="18"/>gewesen seyn, daß Wunder und zwar solche Wunder, als uns die Geschichte erzählt,<lb n="19"/>in demselben möglich werden – Wer diese Bemerkungen schon gemacht hat, wird<lb n="20"/>die oben aufgeworfne Frage, durch jene Antwort noch nicht befriedigt finden –</p>
<p><lb n="21"/>Das freye Rom, das eine Menge Staaten, die in Asien früher, gegen Abend später<lb n="22"/>ihre Freiheit verlohren hatten, sich unterworfen, und einige wenige noch freie zer<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stört hatte, denn diese hätten sich nicht unterjochen laßen – der Siegerin der Welt<lb n="24"/>blieb allein die Ehre, wenigstens die lezte zu seyn, die ihre Freiheit verlohr. Die<lb n="25"/>griechische und römische Religion war nur eine Religion für freye Völker, und mit<lb n="26"/>dem Verlust der Freiheit, muß auch der Sinn, die Kraft derselben, ihre Angemessen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>heit für die Menschen verlohren gehen – Was sollen einer Armee Kanonen, die ihre<lb n="28"/>Ammunition verschoßen hat, sie muß andere Waffen suchen? Was sollen dem Fischer<lb n="29"/>Neze, wenn der Strom vertroknet ist?</p>
<p><lb n="30"/>Als freye Menschen gehorchten sie Gesezen, die sie sich selbst gegeben, gehorchten<lb n="31"/>sie Menschen, die sie selbst zu ihren Obern gesezt, führten sie Kriege, die sie selbst<lb n="32"/>beschloßen, gaben ihr Eigenthum, ihre Leidenschaften hin, opferten sie tausend Leben</p>
<pb n="368" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=388" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>für eine Sache, welche die ihrige war – lehrten und lernten nicht, aber übten Tugend<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>maximen durch Handlungen aus, die sie ganz ihr eigen nennen konnten; im öffent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lichen wie im privat und haüslichen Leben, war jeder ein freyer Mann, jeder lebte<lb n="4"/>nach eigenen Gesezen. Die Idee seines Vaterlandes, seines Staates, war das unsichtbare,<lb n="5"/>das höhere, wofür er arbeitete, das ihn trieb, diß sein Endzwek der Welt, oder der<lb n="6"/>Endzwek seiner Welt – den er in der Wirklichkeit dargestellt fand, oder selbst dar<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zustellen und zu erhalten mithalf. Vor dieser Idee verschwand seine Individualität, er<lb n="8"/>verlangte nur für jene Erhaltung, Leben und Fortdauer, und konnte diß selbst reali<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>siren; für sein Individuum Fortdauer oder ewiges Leben zu verlangen, oder zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>betteln konnte ihm nicht, oder nur [selten] einfallen, er konnte nur in thatenlosen, in<lb n="11"/>trägen Augenblikken einen Wunsch, der bloß ihn betraf, etwas stärker empfinden –<lb n="12"/>Kato wandte sich erst zu Plato’s Phädon, als das, was ihm bisher die höchste Ordnung<lb n="13"/>der Dinge war, seine Welt, seine Republik zerstört war, dann flüchtete er sich zu<lb n="14"/>einer noch höhern Ordnung –</p>
<p><lb n="15"/>Ihre Götter herrschten im Reiche der Natur, über alles, wodurch Menschen leiden<lb n="16"/>oder glüklich seyn können. Hohe Leidenschaften waren ihr Werk, so wie große<lb n="17"/>Gaben der Weisheit, der Rede und des Raths ihr Geschenk. Sie wurden um Rath<lb n="18"/>gefragt, wegen glüklichen oder unglüklichen Erfolgs einer Unternehmung, und um<lb n="19"/>ihren Seegen gefleht, ihnen wurde für ihre Gaben jeder Art gedankt – Diesen Herr<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schern der Natur, dieser Macht selbst konnte der Mensch sich selbst, seine Freiheit<lb n="21"/>entgegensezen, wenn er mit ihnen in Kollision kam. Ihr [sc. der Menschen] Wille war<lb n="22"/>frei, gehorchte seinen eigenen Gesezen, sie kannten keine göttliche Gebote, oder wenn<lb n="23"/>sie das MoralGesez ein göttliches Gebot nannten, so war es ihnen nirgend, in keinem<lb n="24"/>Buchstaben gegeben, es regierte sie unsichtbar.¹ Dabei erkannten sie das Recht eines<lb n="25"/>jeden, seinen Willen, er mochte gut oder bös seyn, zu haben. Die guten erkannten für<lb n="26"/>sich die Pflicht, gut zu seyn, aber ehrten zugleich die Freiheit des andern, es auch nicht<lb n="27"/>seyn zu können, und stellten daher weder eine göttliche, noch eine von sich gemachte<lb n="28"/>oder abstrahirte Moral auf, die sie andern zumutheten.</p>
<p><lb n="29"/>Glükliche Kriege, Vermehrung des Reichthums, und Bekanntschaft mit mehrern<lb n="30"/>Bequemlichkeiten des Lebens, und mit Luxus erzeugten in Athen und Rom, eine<lb n="31"/>Aristokratie des Kriegesruhmes und des Reichthums, und gaben ihr eine Herrschaft</p>
<note xml:id="fn-368-1" type="rand" n="¹"><lb n="32"/><seg type="marke">¹ </seg>Antigone.</note>
<pb n="369" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=389" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>und Einfluß über viele Menschen, die ihr bestochen durch die Thaten jener Männer,<lb n="2"/>und mehr noch durch den Gebrauch, den sie von ihren Reichthümern machten, gern<lb n="3"/>und freiwillig eine Übermacht und Gewalt im Staate einraümten, die sie sich bewust<lb n="4"/>waren, ihnen selbst gegeben zu haben, und ihnen im ersten Anfall einer übeln Laune<lb n="5"/>wieder nehmen zu können, aber nach und nach hörten sie auf, einen Vorwurf zu<lb n="6"/>verdienen, den man ihnen so oft gemacht hat, nemlich undankbar gegen sie zu seyn,<lb n="7"/>bei der Wahl zwischen diesem Unrecht, und der Freiheit das erstere vorzuziehen,<lb n="8"/>Tugenden eines Mannes verfluchen zu können, die ihrem Vaterlande den Untergang<lb n="9"/>brachten – Bald wurde die frei eingeraümte Übermacht mit Gewalt behauptet, und<lb n="10"/>schon diese Möglichkeit sezt den Verlust desjenigen Gefühls, desjenigen Bewustseyns<lb n="11"/>voraus, das Montesquieu unter dem Namen der Tugend, zum Princip der Republiken<lb n="12"/>macht, und die Fertigkeit ist, für eine Idee, die für Republikaner in ihrem Vaterlande<lb n="13"/>realisirt ist, das Individuum aufopfern zu können –</p>
<p><lb n="14"/>Das Bild des Staates, als ein Produkt seiner Thätigkeit verschwand aus der Seele<lb n="15"/>des Bürgers; die Sorge, die Übersicht des Ganzen ruhte in der Seele eines einzigen,<lb n="16"/>oder einiger wenigen, einer jeder hatte seinen ihm angewiesenen, mehr oder weniger<lb n="17"/>eingeschränkten von dem Plaze des andern verschiedenen Plaz, einer geringen Anzahl<lb n="18"/>von Bürgern war die Regierung der Staatsmaschine anvertraut, und diese dienten nur<lb n="19"/>als einzele Räder, die ihren Werth erst in Verbindung mit andern erhalten – der jedem<lb n="20"/>anvertraute Theil des zerstükkelten Ganzen war im Verhältniß zu diesem so un<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>beträchtlich, daß der einzele dieses Verhältniß nicht zu kennen oder vor Augen zu<lb n="22"/>haben brauchte – Brauchbarkeit im Staate war der große Zwek, den der Staat seinen<lb n="23"/>Unterthanen sezte, und der Zwek, den diese sich dabei sezten, war Erwerb und Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>halt, und noch etwa Eitelkeit. Alle Thätigkeit, alle Zweke bezogen sich izt aufs indi<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>viduelle, keine Thätigkeit mehr für ein Ganzes, für eine Idee – entweder arbeitete<lb n="26"/>jeder für sich, oder gezwungen für einen andern einzelen. Die Freiheit selbstgegebnen<lb n="27"/>Gesezen zu gehorchen, selbstgewählten Obrigkeiten im Frieden, und Heerführern zu<lb n="28"/>gehorchen, selbstmitbeschloßne Plane auszuführen, fiel hinweg; alle politische Frei-</p>
<pb n="370" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=390" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>heit fiel hinweg; das Recht des Bürgers gab nur ein Recht an Sicherheit des Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>thums, das izt seine ganze Welt ausfüllte, die Erscheinung, die ihm das ganze Gewebe<lb n="3"/>seiner Zweke, die Thätigkeit seines ganzen Lebens niederrieß, der Tod mußte ihm<lb n="4"/>was schrökliches seyn, denn ihn überlebte nichts, den Republikaner überlebte die<lb n="5"/>Republik und ihm schwebte der Gedanke vor, daß sie, seine Seele etwas ewiges<lb n="6"/>sey.</p>
<p><lb n="7"/>Aber so, indem alle seine Zweke, alle Thätigkeit aufs einzele giengen, indem der<lb n="8"/>Mensch für dieselbe keine allgemeine Idee mehr fand, für die er leben und sterben<lb n="9"/>mochte, fand er auch keine Zuflucht bei seinen Göttern, denn auch sie waren einzele<lb n="10"/>unvollendete Wesen, die einer Idee nicht Genüge leisten konnten. Griechen und<lb n="11"/>Römer waren mit so dürftig ausgerüsteten, mit Schwachheiten der Menschen begab<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ten Göttern zufrieden, denn das ewige, das selbstständige hatten jene Menschen in<lb n="13"/>ihrem eignen Busen. Sie konnten die Verspottung derselben auf der Bühne leiden,<lb n="14"/>denn es war nicht das heilige, das man in ihnen verspotten konnte, ein Sklave bei<lb n="15"/>Plautus durfte sagen, si summus Jupiter hoc facit, ego homuncio idem non facerem,<lb n="16"/>eine Folgerung, die seine Zuhörer seltsam und lächerlich finden musten, da ihnen das<lb n="17"/>Princip, was der Mensch zu thun habe, in den Göttern zu finden, ganz unbekannt<lb n="18"/>war, die ein Christ hingegen richtig finden müste. In diesem Zustande, ohne Glauben<lb n="19"/>an etwas haltbares, an etwas absolutes, in dieser Gewohnheit einem fremden Willen,<lb n="20"/>einer fremden Gesezgebung zu gehorchen, ohne Vaterland, in einem Staate, an dem<lb n="21"/>keine Freude haften konnte, dessen Druk der Bürger allein fühlte,¹ bei einem Götter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dienste, zu dessen Feyer, zu dessen Festen, sie den Frohsin, der aus ihrem Leben ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>flohen war, nicht mitbringen konnten – in einem Zustande, in welchem der Sclave,<lb n="24"/>seinem Herrn ohnehin sehr haüfig an natürlichen Fähigkeiten und an Bildung über<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>legen, bei ihm den Vorzug der Freiheit und Unabhängigkeit nicht mehr erblikken<lb n="26"/>konte – in diesem Zustande bot sich den Menschen eine Religion dar, die entweder<lb n="27"/>schon den Bedürfnissen der Zeit angemessen war, denn sie war unter einem Volke</p>
<note xml:id="fn-370-1" type="rand" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>dessen Kriege Ruhm und Glük</note>
<pb n="371" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=391" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>von ähnlicher Verdorbenheit und ähnlichem nur anders gefärbten Leerheit und<lb n="2"/>Mangel entstanden – oder aus der die Menschen dasjenige formen, sich an das hängen<lb n="3"/>konnten, was ihr Bedürfnis heischte.</p>
<p><lb n="4"/>Die Vernunft konnte es nie aufgeben, doch irgendwo das absolute, das selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>ständige praktische zu finden, in dem Willen der Menschen war es nicht mehr an<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zutreffen, es zeigte sich ihr noch in der Gottheit, die die christliche Religion ihr darbot,<lb n="7"/>ausserhalb der Sphäre unserer Macht, unseres Wollens, doch nicht unsers Flehens und<lb n="8"/>Bittens – die Realisirung einer moralischen Idee konnte also nur noch gewünscht<lb n="9"/>(denn was man wünschen kan, kan man nicht selbst vollbringen, man erwartet es<lb n="10"/>ohne unser Zuthun zu erhalten) nicht mehr gewollt werden. Zu einer solchen durch<lb n="11"/>ein göttliches Wesen zustandezubringenden Revolution, wobei die Menschen sich<lb n="12"/>ganz passiv verhielten, machten auch die ersten Ausbreiter der christlichen Religion<lb n="13"/>Hofnung, und als diese Hofnung endlich verschwand, so begnügte man sich jene<lb n="14"/>Revolution des Ganzen am Ende der Welt zu erwarten – Sobald einmal die Reali<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sirung einer Idee ausserhalb der Gränzen menschlicher Macht gesezt ist, und die<lb n="16"/>damalige Menschen fühlten sich zu wenig mehr fähig, so ist es gleichviel, wie weit<lb n="17"/>der Gegenstand des Hoffens ins unermeßliche ausgedehnt wird, und er war also<lb n="18"/>fähig, alles nicht für die Phantasie, sondern in der Erwartung der Wirklichkeit in<lb n="19"/>sich aufzunehmen, womit [ihn] eine Orientalische Einbildungskraft in ihrer Begei<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sterung ausgeschmükt hatte. Auch solange der Jüdische Staat Muth und Kraft sich<lb n="21"/>unabhängig zu erhalten in sich selbst fand, finden wir die Juden zur Erwartung eines<lb n="22"/>Messias selten oder wie viele wollen, nie, ihre Zuflucht nehmen, erst unterjocht von<lb n="23"/>fremden Nationen im Gefühl ihrer Ohnmacht und Schwäche sehen wir sie nach einem<lb n="24"/>solchem Troste in ihren heiligen Büchern graben; damals als sich ihnen ein Messias<lb n="25"/>anbot, der ihre politischen Hofnungen nicht erfüllte, hielt es das Volk der Mühe<lb n="26"/>werth, daß ihr Staat noch ein Staat wäre; welchem Volke diß gleichgültig ist, ein<lb n="27"/>solches wird bald aufhören, ein Volk zu seyn; und kurze Zeit nachher warf es seine<lb n="28"/>trägen Messiashofnungen weg, grif zu den Waffen, und nachdem [es] alles gethan,<lb n="29"/>was höchst begeisterter Muth leisten [kan], das grauenvollste menschliche Elend er<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>tragen hatte, begrub es sich und seinen Staat unter den Ruinen seiner Stadt, und</p>
<pb n="372" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=392" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>würde in der Geschichte, in der Meinung der Nationen neben Carthaginensern und<lb n="2"/>Saguntinern grösser als die Griechen und Römer, deren Städte ihren Staat überlebten,<lb n="3"/>dastehen, wenn das Gefühl dessen, was ein Volk für seine Unabhängigkeit thun kan,<lb n="4"/>[uns] nicht zu fremde, und wenn wir nicht den Muth hätten, einem Volke vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schreiben zu wollen, daß es seine Sache nicht hätte zu seiner Sache machen sondern<lb n="6"/>unsere Meinungen, und für diese leben und sterben sollen, zu deren Behauptung wir<lb n="7"/>keinen Finger rühren. Der zerstreute Überrest der Juden hat zwar die Idee seines<lb n="8"/>Staates nicht verlaßen, aber ist damit nie mehr zum Panier eignen Muthes sondern<lb n="9"/>wieder nur zur Fahne einer trägen Messiashofnung zurükgekehrt – Auch die An<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>hänger der heidnischen Religion fühlten diesen Mangel an praktischen Ideen, daß sie<lb n="11"/>sich unter den Menschen finden sollten, fühlte ein Lucian, ein Longin, und die<lb n="12"/>traurige Erfahrung die sie darüber [machten,] ergoß sich in bittere Klagen, andre<lb n="13"/>dagegen, wie Porphyr [und] Jamblich, versuchten es, ihre Götter mit einem Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>thume, der das Eigenthum der Menschen nicht mehr war, auszustatten, und dann<lb n="15"/>von ihnen durch Zaubereien einen Theil davon als Geschenk zurükzuerhalten.<lb n="16"/>Ausser frühern Versuchen blieb es unsern Tagen vorzüglich aufbehalten, die Schäze,<lb n="17"/>die an den Himmel verschleudert worden sind, als Eigenthum der Menschen wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stens in der Theorie zu vindiciren, aber welches Zeitalter wird die Kraft haben, dieses<lb n="19"/>Recht geltend zu machen, und sich in den Besiz zu sezen?</p>
<p><lb n="20"/>In dem Schoose dieser verdorbenen Menschheit, die sich von der moralischen Seite<lb n="21"/>selbst verachten muste, aber sonst als einen Liebling der Gottheit hochhielt, mußte die<lb n="22"/>Lehre von der Verdorbenheit der menschlichen Natur erzeugt, und gerne angenom<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>men werden; sie stimmte einerseits mit der Erfahrung überein, andererseits that sie<lb n="24"/>dem Stolze Genüge, die Schuld von sich abzuwälzen, und im Gefühl des Elends<lb n="25"/>selbst einen Grund des Stolzes zu geben, sie brachte zu Ehren, was Schande ist, sie<lb n="26"/>heiligte und verewigte jene Unfähigkeit, indem sie selbst das, an die Möglichkeit<lb n="27"/>einer Kraft glauben zu können, zur Sünde machte. Das Gebiet der Herrschaft der<lb n="28"/>heidnischen Götter, die bisher nur in der Natur ihr Wesen trieben, wurde wie das des<lb n="29"/>christlichen Gottes über die freie Geisterwelt ausgedehnt; ihm wurde nicht nur das<lb n="30"/>Recht der Gesezgebung ausschließend eingeraümt, sondern von ihm jede gute<lb n="31"/>Regung, jeder bessere Vorsaz und Entschluß als sein Werk erwartet, nicht in dem<lb n="32"/>Sinne, wie die Stoiker alles Gute der Gottheit zuschrieben, indem sie ihre Seelen als</p>
<pb n="373" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=393" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>ihres Geschlechts, als ein Funken von ihr sich dachten, sondern in dem Sinne, als das<lb n="2"/>Werk eines Wesens, das ausser uns ist, dessen Theil wir nicht sind, das uns ferne ist,<lb n="3"/>mit dem wir nichts gemeines haben. Ebenso wurde selbst das Vermögen, gegen jene<lb n="4"/>Einwirkungen Gottes sich passiv zu verhalten, noch durch die unaufhörliche Ränke<lb n="5"/>und List eines bösen Wesens geschwächt, das in das Gebiet des andern sowohl im<lb n="6"/>Natur, als im Geisterreich beständige Streifereien machte, und als die Manichäer dem<lb n="7"/>bösen Princip die ungetheilte Herrschaft im Reiche der Natur einzuraümen schienen<lb n="8"/>– so vindicierte die orthodoxe Kirche gegen diese – die Majestät Gottes entehrende<lb n="9"/>Behauptung, dieser billig den grösten Theil derselben, das böse Princip war von ihr<lb n="10"/>aber durch die Einraümung einer Macht im Reiche der Freiheit hinlänglich für diesen<lb n="11"/>Verlust entschädigt worden.</p>
<p><lb n="12"/>Mit redlichem Herzen und einem gutmeinenden Eifer flüchtete sich das kraftlose<lb n="13"/>Geschlecht, zu dem Altar, auf dem es Selbstständigkeit, und Moralität fand und<lb n="14"/>anbetete. Als aber das Christenthum in die verdorbenere, vornehmere Classe ein<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>drang, als in seinem Innern selbst – grosse Unterschiede von Vornehm und Gering<lb n="16"/>entstanden, als der Despotismus alle Quellen des Lebens und Seyns mehr vergiftete,<lb n="17"/>legte das Zeitalter die ganze Unbedeutsamkeit seines Wesens durch die Wendung<lb n="18"/>dar, die seine Begriffe von der Göttlichkeit Gottes, und seine Streitigkeiten darüber<lb n="19"/>nahmen, und es zeigte seine Blöße um so unverllhüter, da es sie mit dem Nimbus der<lb n="20"/>Heiligkeit umgab, und sie als die höchste Ehre der Menschheit hochpries.</p>
<p><lb n="21"/>Aus dem Ideal der Vollkommenheit nemlich, aus der einzigen Stätte, wo das<lb n="22"/>heilige verwahrt wurde, verschwand auch das moralische, oder wurde wenigstens in<lb n="23"/>Vergessenheit gestellt – Statt des moralischen, des wahren göttlichen, von dessen<lb n="24"/>Anschauung doch erwärmende Strahlen ins Herz zurükgeworfen worden wären,<lb n="25"/>zeigte der Spiegel nichts mehr, als das Bild seiner Zeit, Natur, zu einem Zweke, den<lb n="26"/>ihr der Stolz und Leidenschaft der Menschen beliebig leihte – Natur, denn wir sehen<lb n="27"/>alles Interesse des Wissens und Glaubens nach der metaphysischen, oder transcenden<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>talen Seite der Idee von der Gottheit hingewandt. Wir sehen [die Menschen] weniger<lb n="29"/>mit dynamischen Verstandesbegriffen beschäftigt, die die theoretische Vernunft<lb n="30"/>ins unendliche auszuspannen vermögend ist, als vielmehr damit, Zahlenbegriffe,</p>
<pb n="374" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=394" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>die ReflexionsBegriffe von Verschiedenheit u. drgl. ja sogar blosse Wahrnehmungs<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>Vorstellungen von Entstehen, Schaffen, Erzeugen, auf ihr unendliches Objekt<lb n="3"/>an[zu]wenden, und seine Eigenschaften aus Begebenheiten in seiner Natur her[zu]<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>leiten – Diese Bestimmungen und Spizfindigkeiten, blieben nicht, wie sonst in den<lb n="5"/>Studierstuben der Theologen eingeschloßen, ihr Publikum war die ganze Christen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heit, alle Stände, alle Alter, beide Geschlechter nahmen gleichen Antheil daran, und<lb n="7"/>die Verschiedenheit in solchen Meinungen erregte, den tödtlichsten Haß, die blutig<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sten Verfolgungen, oft eine völlige Zerrüttung aller moralischen Bande und der hei<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ligsten Verhältnisse. Eine solche Umkehrung der Natur konnte nicht anders als sich<lb n="10"/>aufs fürchterlichste rächen.</p>
<p><lb n="11"/>Was den Zwek betrift, den sie dieser unendlichen Natur gaben, so war er von<lb n="12"/>einem moralischen Endzweke der Welt weit entfernt, nicht nur auf die Ausbreitung<lb n="13"/>der christlichen Religion eingeschränkt, sondern auf Zweke, die eine einzele Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>meinde, einzele Menschen, besonders Priester sich sezten, die jedes Eigendünkel,<lb n="15"/>Stolz, Ehrsucht, Neid, Haß, und andre Leidenschaften ihm eingaben – Doch war es<lb n="16"/>noch nicht Zeit zu der schöngemahlten Vorsehungs- und Trost-Theorie unserer<lb n="17"/>Tage; die den Schlußstein unserer GlükseeligkeitsLehre ausmacht. Die Lage der<lb n="18"/>Christen war gröstentheils zu unglüklich, als [daß] sie viel Glükseeligkeit auf Erden<lb n="19"/>erwartet hätten, der allgemeine Begrif einer Kirche zu tief in der Seele, als daß das<lb n="20"/>Individuum soviel für sich erwartet oder gefodert hätte – Aber desto stärker waren<lb n="21"/>die Foderungen, die man machte, sobald man sein Interesse mit dem Interesse dieser<lb n="22"/>Kirche in Verbindung sezen konnte. Sie verschmähten die Freuden der Welt und die<lb n="23"/>Güter der Erde, die sie entbehren musten, und fanden ihre reichliche Entschädigung<lb n="24"/>im Himmel. An die Stelle eines Vaterlandes, eines freien Staates war die Idee der<lb n="25"/>Kirche getretten, die sich von jenem dadurch unterschied, daß ausserdem, daß in ihr<lb n="26"/>keine Freiheit Plaz haben konnte, jener vollendet sich auf Erden befand, diese hin<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gegen mit dem Himmel aufs innigste in Verbindung stand, welcher dem Empfin<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dungssystem der Christen so nahe war, daß das Hingeben aller Freuden und Güter<lb n="29"/>keine Aufopferung scheinen kan, und nur denjenigen Zuschauer des Tods der<lb n="30"/>Märtyrer ausserordentlich vorkommen muste, die jene Empfindung der Nähe des<lb n="31"/>Himmels nicht kannten. So hatte der Despotismus der Römischen Fürsten den Geist<lb n="32"/>des Menschen von dem Erdboden verjagt, der Raub der Freiheit hatte ihn gezwungen</p>
<pb n="375" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=395" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>sein ewiges, sein absolutes, in die Gottheit zu flüchten – das Elend, das er verbreitete,<lb n="2"/>Glükseeligkeit im Himmel zu suchen und zu erwarten. Die Objektivität der Gottheit<lb n="3"/>ist mit der Verdorbenheit und Sklaverei der Menschen in gleichem Schritte gegangen,<lb n="4"/>und jene ist eigentlich nur eine Offenbahrung, nur eine Erscheinung dieses Geists der<lb n="5"/>Zeiten. Auf diese Art, durch seinen Objektiven Gott offenbahrte sich dieser Geist,<lb n="6"/>als die Menschen so erstaunlich viel von Gott zu wissen anfingen, als so viele Geheim<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>nisse seiner Natur, in so vielen Formeln, nicht wie sonst Geheimnisse von einem<lb n="8"/>Nachbar dem andern ins Ohr, sondern in aller Welt ausgeschrieen wurden, und<lb n="9"/>Kinder sie auswendig wusten; der Geist der Zeit offenbahrte sich in der Objektivität<lb n="10"/>seines Gottes, als er, nicht dem Maase nach in die Unendlichkeit hinaus, sondern in<lb n="11"/>eine uns fremde Welt gesezt wurde, an deren Gebiet wir keinen Antheil, wo wir<lb n="12"/>[nicht] durch unser Thun uns anbauen, sondern höchstens hineinbetteln oder hinein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zaubern können, als der Mensch selbst ein Nicht-Ich und seine Gottheit ein anderes<lb n="14"/>Nicht-Ich war. Am klarsten offenbahrte er sich in der Menge Wunder, die er er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zeugte, die in Ansehung des Entschliessens und der Überzeugung an die Stelle eigner<lb n="16"/>Vernunft tratten. Am ungeheuersten aber, als für diesen Gott gefochten, gemordet,<lb n="17"/>verleümdet, gebrannt, gestohlen, gelogen und betrogen wurde – In einer solchen<lb n="18"/>Periode mußte die Gottheit völlig aufgehört haben, etwas subjektives zu seyn, son<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dern ganz zum Objekt geworden seyn; und jene Verkehrtheit der moralischen<lb n="20"/>Maximen ward dann gar leicht und konsequent durch die Theorie gerechtfertigt –<lb n="21"/>Die Christen wissen durch die Offenbahrung Gottes selbst, daß er der hocherhabne<lb n="22"/>des Himmels, Herr über die ganze Erde, der leblosen und lebendigen Natur, auch<lb n="23"/>Herr der Geisterwelt ist; diesem König seine Ehrfurcht zu versagen auf die Art, wie<lb n="24"/>er es selbst befohlen hat, ist nothwendig Undank und Verbrechen – diß ist das System<lb n="25"/>jeder Kirche, und nur darüber befolgen sie verschiedne Maximen, wer der Richter<lb n="26"/>und Strafer dieses Verbrechen seyn soll; Die eine Kirche verwaltet dieses Richteramt<lb n="27"/>selbst; die andre verdammt in ihrem System, rührt aber keinen Finger, diesen Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>spruch schon auf Erden auszuführen, und ist dagegen versichert, daß die Gottheit<lb n="29"/>selbst ihn ausführen werde, und der Eifer, durch Lehre oder andre kleine Mittel der<lb n="30"/>Bestechung, oder Unterdrükkung, die nur nicht bis zum Tode gehen durfte, [mit<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zuwirken] scheint nach und nach zu erkalten, und ein Mitleiden an die Stelle des</p>
<pb n="376" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=396" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>Haßes zu tretten, eine Empfindung der Ohnmacht, die sosehr ihr Grund ein Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>dünkel, der sich im Besize der Wahrheit zu seyn überredet, doch dem leztern vor<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zuziehen ist – Der freye Mann konnte jenen Eifer sowenig als dieses Mitleiden haben;<lb n="4"/>denn als ein freyer unter freyen lebend würde er keinem andern das Recht zugestehen,<lb n="5"/>an ihm zu bessern und ändern und sich in seine Maximen mischen zu wollen, auch<lb n="6"/>sich nicht anmassen, andern das Recht streitig zu machen, zu seyn, wie sie sind, und<lb n="7"/>wie sie wollen, gut oder schlecht. Frömmigkeit und Sünde sind 2 Begriffe, die den<lb n="8"/>Griechen in diesem Sinne fehlten; jenes ist uns eine Gesinnung, die aus Achtung<lb n="9"/>gegen Gott als Gesezgeber handelt; dieses eine Handlung, die Gebote, insofern sie<lb n="10"/>göttlich sind, übertritt; ἁγιον, ἀναγιον, pietas und impietas, drükt heilige Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>findungen der Menschheit, und Gesinnungen oder Handlungen aus, die denselben<lb n="12"/>angemessen oder zuwider sind, sie nennen sie zugleich auch göttliche Gebote, aber<lb n="13"/>nicht im positiven Sinne, und wenn einem die Frage hätte einfallen können, womit<lb n="14"/>er die Göttlichkeit eines Gebots oder Verbots erweisen wollte, so hätte er sich auf<lb n="15"/>kein historisches Faktum, sondern allein auf die Empfindung seines Herzens und die<lb n="16"/>Übereinstimmung aller guten Menschen berufen können.</p>
<space/>
<p><lb n="17"/>In der Lage eines Volkes, wenn nach Vertilgung aller politischen Freiheit, alles<lb n="18"/>Interesse an einem Staate, denn Interesse können wir nur an etwas nehmen, für das<lb n="19"/>wir thätig seyn können – verschwunden ist, und wenn der Zwek des Lebens nur auf<lb n="20"/>Erwerbung des täglichen Brodtes mit mehrerer oder wenigerer Bequemlichkeit oder<lb n="21"/>Überfluß und alles Interesse an dem Staat nur auf die Hofnung, daß seine Erhaltung<lb n="22"/>uns dieses gewähren oder erhalten werde, eingeschränkt – und also völlig selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>süchtig ist – muß sich in den Zügen, die wir im Geiste der Zeit erblikken, nothwendig<lb n="24"/>auch Abneigung gegen Kriegsdienste finden, da sie das Gegentheil des allgemeinen<lb n="25"/>Wunsches, eines ruhigen, gleichförmigen Genußes, – da sie Beschwerlichkeiten mit<lb n="26"/>sich führen, und selbst den Verlust der Möglichkeit, noch etwas zu geniessen, den<lb n="27"/>Tod mit sich führen, oder wer dieses lezte Hülfsmittel, sich zu erhalten, und seine<lb n="28"/>Begierden zu befriedigen, das ihm Trägheit oder Liederlichkeit oder Langeweile<lb n="29"/>übrig läst, ergreift, wird im Angesichte des Feindes nur feige seyn. In diesem Zu-</p>
<pb n="377" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=397" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JEDES VOLK …</fw>
<p><lb n="1"/>stande der Unterdrükkung, der politischen Unthätigkeit sehen wir bei den Römern<lb n="2"/>eine Menge Menschen, die sich durch Flucht, durch Bestechung, durch Verstümm<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lung der Glieder dem Kriegsdienste entzogen; und einem Volke mit dieser Stim<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mung muste eine Religion willkommen seyn, die den herrschenden Geist der Zeiten,<lb n="5"/>die moralische Ohnmacht, die Unehre mit Füssen getretten zu werden, unter dem<lb n="6"/>Namen des leidenden Gehorsams zur Ehre und zur höchsten Tugend stempelte,<lb n="7"/>durch welche Operation die Menschen mit fröhlicher Verwunderung die Verach<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tung anderer, und das Selbstgefühl eigner Schande in Ruhm und Stolz verwandelt<lb n="9"/>sahen, – eine Religion die ihnen predigte, Menschenblut zu vergiessen sey Sünde. So<lb n="10"/>sehen wir nun den heiligen Ambrosius oder Antonius mit seinem zahlreichen Volke,<lb n="11"/>dessen Stadt sich eine Horde Barbaren näherte, statt auf die Wälle zu ihrer Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>theidigung zu eilen in den Kirchen und auf den Strassen knieend um Abwendung<lb n="13"/>ihres zu fürchtenden Unglüks die Gottheit anflehen. Und warum hätten sie auch<lb n="14"/>wollen können, kämpfend zu sterben? Die Erhaltung der Stadt konnte jedem nur<lb n="15"/>wichtig seyn, um sein Eigenthum und den Genuß deßelben zu erhalten; hätte er sich<lb n="16"/>der Gefahr ausgesezt, kämpfend zu sterben, so hätte er etwas lächerliches gethan,<lb n="17"/>denn das Mittel, der Tod hätte den Zwek Eigenthum und Genuß unmittelbar auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gehoben; das Gefühl in Vertheidigung des Eigenthums nicht sowohl diß Eigenthum<lb n="19"/>selbst, als das Recht an dasselbe sterbend zu behaupten (denn wer in Vertheidigung<lb n="20"/>eines Recht stirbt, der hat es behauptet) – dieses Gefühl war einem unterdrükten<lb n="21"/>Volke fremd, dem es genügte, sein Eigenthum nur aus Gnade zu haben.</p>
<space/>
<p><lb n="22"/>Mit dem Bedürfniß einer gegebnen, objektiven Religion steht die Möglichkeit des<lb n="23"/>Wunderglaubens in genauem Zusammenhang. Eine Begebenheit, deren Bedingung<lb n="24"/>nur ein einzigesmal Bedingung derselben gewesen seyn soll, eine erzählte Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nehmung, die schlechterdings nicht zur Erfahrung erhoben werden kan, ist für den<lb n="26"/>Verstand, der hier allein Richter ist, für dessen Gerichtshof die Entscheidung gehört,<lb n="27"/>schlechterdings undenkbar, er kan es nicht unterlassen, sich die Bedingungen jener<lb n="28"/>Begebenheit als vollständig zu denken, wenn die Erzählung selbst, auch schlechter<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dings auf keine solche Data hinweist, und er sich also enthalten muß, bestimmte,</p>
<pb n="378" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=398" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">STUDIEN 1795–1796</fw>
<p><lb n="1"/>gewisse Bedingungen sich zu denken; wird ihm wahrscheinlich gemacht, daß eine<lb n="2"/>Bedingung, die er sich izt vorstellt, nicht eingetretten, so sucht er nach andern, und<lb n="3"/>wenn ihm die Unwahrscheinlichkeit aller, die der Scharfsinn ersinnen kan, gezeigt<lb n="4"/>worden ist, so gibt er seine Foderung nicht auf, daß wenn auch diese oder jene<lb n="5"/>Bedingung nicht eingetretten sey, doch vollständige Bedingungen müssen vor<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>handen gewesen seyn. Glaubt man izt sein fruchtloses Suchen dadurch zu befriedigen,<lb n="7"/>daß man ihm zur Erklärung ein höheres Wesen als Ursache hinstellt, so verstummt,<lb n="8"/>so schweigt er, denn von ihm hat man sich abgewandt, dem Verstand war diß nicht<lb n="9"/>gesagt – die Einbildungskraft hingegen ist damit leicht zufrieden, und man hat sich<lb n="10"/>izt auf ihr Feld geworfen, der Verstand läst es geschehen, er lächelt gleichsam dazu,<lb n="11"/>hat aber kein Interesse ihr ihr Spielzeug zu nehmen, denn ihm ist damit nichts mehr<lb n="12"/>zugemuthet, er läst sich auch soweit herunter [zu] ihr, ihr seinen allgemeinen Begrif<lb n="13"/>von Ursache zu überlaßen, zu leihen, um ihn zu gebrauchen, aber er ist es nicht, der<lb n="14"/>mit der Anwendung etwas zu schaffen haben kan. – Damit ist aber dem Erzähler des<lb n="15"/>Wunders nicht Genüge geschehen; er lärmt und schreit izt, über Gottlosigkeit, Blas<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>phemie, Schurkerei – Der unglaubige bleibt unbewegt, er sieht keinen Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>hang zwischen Immoralität und Irreligion, – und der Behauptung der Rechte seines<lb n="18"/>Verstandes ein – Nun aber ändert sich die Szene, man wendet sich an die Vernunft,<lb n="19"/>hält ihr grosse moralische Zwekke bei diesen Wundern, Besserung und Beseeligung<lb n="20"/>des Menschengeschlechts vor, man wendet sich an das Gefühl der Ohnmacht der<lb n="21"/>Vernunft, heizt der Einbildungskraft tüchtig ein, und die unmächtige Vernunft, die<lb n="22"/>diesen Schrekken, dieser Übermacht nichts entgegensezen kan, nimmt in der Angst<lb n="23"/>die Geseze an, die ihr gegeben werden – und legt dem Widerspruche des Verstandes<lb n="24"/>Stillschweigen auf. Mit diesem Zustande des Gemüths steht oder fällt der Wunder<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>glauben. Es ist vergebens sich auf dem Boden des Verstandes über Wunder herum<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zustreiten; der Erfolg hat immer gezeigt, daß damit nichts ausgerichtet worden ist;<lb n="27"/>das Interesse der Vernunft hat immer dafür oder darwider entschieden. Ist <hi rendition="#g">sie</hi> einer<lb n="28"/>aüssern Gesezgebung bedürftig, hat sie den Schrekken einer objektiven Welt</p>
<pb n="379" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=399" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>BERICHT ÜBER EINE<lb n="2"/>ALPENWANDERUNG<lb n="3"/><choice><orig/><reg>– </reg></choice>ELEUSIS (AN HÖLDERLIN)<lb n="4"/>1796</head>
<pb n="381" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=402" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<head>BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</head>
<p><lb n="1"/>Montags, den 25. Juli 1796, ging ich mit drei sächsischen Hofmeistern, <hi rendition="#g">Thomas</hi>,<lb n="2"/><hi rendition="#g">Stolde</hi> und <hi rendition="#g">Hohenbaum</hi>, um 4 Uhr des Morgens von Bern ab. Wir langten, da<lb n="3"/>wir uns unterwegens des Frühstückens halber aufhielten, um 10 Uhr in <hi rendition="#g">Thun</hi> an.<lb n="4"/>Um 10 1/2 Uhr schifften wir uns ein. Das Ufer, das wir zur Rechten hatten, ist anfangs<lb n="5"/>eben und erhebt sich nur nach und nach zu einem mit Fruchtfeldern, Wiesen und<lb n="6"/>Bäumen bedeckten Hügelstrich, welcher sich etwa zwei Stunden hinzieht, bis an die<lb n="7"/>Herrschaft Spieß. Eine halbe Stunde vorher wird er von der Kander durchschnitten,<lb n="8"/>die sich hier in den See ergießt. Hinter diesem Hügel erhebt sich eine zum Theil<lb n="9"/>grüne Felsenkette, deren höchster Gipfel das <hi rendition="#g">Stockhorn</hi> ist und hier das Ansehen<lb n="10"/>eines Hutkopfes hat. Die Seite aber, die derselbe gegen Thun bietet, ist ganz senkrecht<lb n="11"/>abgeschnitten, und erscheint, wenn man sich im oberen Theil des Sees befindet, in<lb n="12"/>völlig anderer Gestalt. Zwischen dem Fuß dieser Kette und dem gegenüberstehenden<lb n="13"/><hi rendition="#g">Niessen</hi>, dessen breiter Fuß sich fast bis in den See erstreckt und der sich in eine<lb n="14"/>majestätische Pyramide zuspitzt, eröffnet sich das <hi rendition="#g">Siebenthal</hi>, so wie auf der andern<lb n="15"/>Seite des Niessens, die weiter den See hinauf liegt, das <hi rendition="#g">Frutigenthal</hi>. Auf dieser<lb n="16"/>Seite erblickt man noch am Fuß des genannten Hügels in einer Art von Meerbusen<lb n="17"/>die Herrschaft <hi rendition="#g">Spieß</hi> und weiter hinauf auf einem größeren Hügel das Dorf <hi rendition="#g">Echi</hi>.<lb n="18"/>Hinter demselben ragt ein hoher Schneeberg hervor, der auch in Bern gesehen und<lb n="19"/>die <hi rendition="#g">Blümle’s</hi> <hi rendition="#g">Alp</hi> genannt wird. Auf der Seite, die wir zur Linken hatten, kommt<lb n="20"/>man an Oberhöfen und hie und da, wo der sonst wilde Berg etwas sanfter aufsteigt,<lb n="21"/>an Weinbergen vorbei, deren es auch auf der andern Seite, bei Spieß, gibt. Nach<lb n="22"/>zwei Stunden Fahrt sieht man <hi rendition="#g">Sigriswyl</hi> auf einer Anhöhe liegen. Man kann<lb n="23"/>hieher nur auf dem See oder einem gefährlichen Fußweg kommen. Nach einer<lb n="24"/>halben Stunde kommt man an die <hi rendition="#g">Nase</hi>, erblickt vorher den Eingang in das<lb n="25"/><hi rendition="#g">Wüstithal</hi>. Jetzt verliert man nach und nach den untern Theil des Sees aus den<lb n="26"/>Augen, indem er hier eine Krümmung macht. Die Ufer des obern Theils des Sees<lb n="27"/>haben eine ganz andere Gestalt. Zu beiden Seiten fährt man zwischen Felsen oder<lb n="28"/>Bergen, die besonders auf der rechten Seite zu Viehweiden gebraucht werden. Der<lb n="29"/>felsichte Berg zu unserer Linken heißt der <hi rendition="#g">Beatenberg</hi>, an dem oben ein Dorf<lb n="30"/>hängt, und aus dem tiefer unten eine Quelle aus einer Höhle fließt, die vom heiligen<lb n="31"/><hi rendition="#g">Beatus</hi>, der hier gehaus’t haben soll, <hi rendition="#g">Beatenhöhle</hi> heißt. Um 2 1/2 Uhr langten</p>
<pb n="382" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=403" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>wir in <hi rendition="#g">Neuhaus</hi> an, gingen zu Fuß über <hi rendition="#g">Unterseen</hi>, einem elenden aus bizarren<lb n="2"/>Häusern bestehenden Städtchen, nach <hi rendition="#g">Hinterlakken</hi>, das nur aus den zum ehe<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>maligen Kloster gehörigen Häusern besteht und an dem Fuß eines Berges liegt, auf<lb n="4"/>dessen anderer hinterer Seite sich das <hi rendition="#g">Habcherenthal</hi> eröffnet. Gerade aus geht<lb n="5"/>man gegen <hi rendition="#g">Brienz</hi>, links nach <hi rendition="#g">Lauterbronnen</hi> und <hi rendition="#g">Grindelwald</hi>. Wir schlu<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gen diesen Weg ein.</p>
<p><lb n="7"/>Von hier hat die Natur für einen Bewohner ebener Gegenden ein völlig ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ändertes Ansehen. Er befindet sich immer zwischen hohen zum Theil grünen Bergen<lb n="9"/>und in der Ferne zeigen sich ihm die Spitzen von Schneebergen. Die Thäler sind<lb n="10"/>ganz eng, hier aus fetten Wiesen bestehend, die mit unzähligen Obst- besonders<lb n="11"/>Nuß- und Kirschbäumen besäet sind und immer einen erfrischenden, anmuthigen,<lb n="12"/>ländlichen Anblick darbieten. Aber die Enge der Thäler, wo ihm durch die Berge<lb n="13"/>alle ferne Aussicht benommen wird, hat etwas Einengendes, Beängstigendes für ihn.<lb n="14"/>Er sehnt sich immer nach Erweiterung, nach Ausdehnung und sein Blick stößt immer<lb n="15"/>an Felsen an. – Man bekommt nach etwa einer Stunde Wegs die zwei <hi rendition="#g">Litschenen</hi><lb n="16"/>zur Seite, deren grauweißes, trübes Wasser sich durch ein steiniges Bett rauh fort<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stürzt und ein ewiges Geräusch, oft, wo sie eingepreßt, sich stärker und schäumender<lb n="18"/>durchkämpft, ein Gedonner macht, das demjenigen, der nicht daran gewöhnt ist und<lb n="19"/>der so mehrere Stunden daneben fortgeht, zuletzt Langeweile verursacht. Wo die<lb n="20"/>beiden Litschenen zusammenfließen, sind ein Paar Häuser, welche <hi rendition="#g">Zweilit</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">schenen</hi> heißen. Die links her kommt aus Grindelwald. Wir blieben auf dem Wege,<lb n="22"/>der uns rechts war und kamen nach 3 1/2 Stunden, von Hinterlakken an, nach <hi rendition="#g">Lauter</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">bronnen</hi>, ein Dorf, das aus zerstreuten, elenden Hütten besteht, die, wie alle Häuser<lb n="24"/>in diesen Gegenden, von Holz schlecht gebaut und mit hölzernen Ziegeln bedeckt<lb n="25"/>sind, welche mit großen Steinen beschwert werden, damit Stürme sie nicht fort<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>reißen. Das Thal selbst ist ganz eng und wird von einer der wilden Litschenen durch<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>rauscht. Der untere Theil der Berge, den man vom Thal aus übersehen kann, besteht<lb n="28"/>aus einer kahlen Reihe von senkrechten Felsen, die hie und da mit Tannen bewachsen<lb n="29"/>sind. Wir gingen noch des Abends, um den Staubbach zu sehen. Wir waren ihn<lb n="30"/>schon zum Theil auf dem Wege, besonders von dem Wirtshause aus, ansichtig<lb n="31"/>geworden, wo er ungeachtet unserer Nähe uns nur wie ein unbeträchtlicher Wasser<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>faden aussah und uns die Mühe und Kosten des heutigen Tages schlechterdings nicht<lb n="33"/>zu belohnen, sondern Herrn <hi rendition="#g">Meiners</hi> Urtheil völlig zu bestätigen schien. Ungeach<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tet dieser Vorurtheile gegen ihn und obschon es bereits zu dunkeln anfing, wurden<lb n="35"/>wir, als wir uns ganz nahe bei ihm und unter ihm befanden, dennoch völlig befriedigt.<lb n="36"/>Vielleicht trug der Umstand dazu bei, daß er der erste Gegenstand dieser Art war, zu<lb n="37"/>dem uns unsere Reise führte, da im Gegentheil Herr Meiners schon überfüllt mit</p>
<pb n="383" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=404" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>großen Naturgegenständen dort anlangte. Die Höhe der Felsenwand, von der er<lb n="2"/>herabstürzt, hat allein etwas Großes, der Staubbach eigentlich nicht. Desto mehr hat<lb n="3"/>das anmuthige, zwanglose, freie Niederspielen dieses Wasserstaubs etwas Liebliches.<lb n="4"/>Indem man nicht eine Macht, eine große Kraft erblickt, so bleibt der Gedanke an<lb n="5"/>den Zwang, an das <hi rendition="#g">Muß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> entfernt und das Lebendige, immer sich Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lösende, Auseinanderspringende, nicht in Eine Masse Vereinigte, ewig sich Fort<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>regende und Thätige bringt vielmehr das Bild eines freien Spieles hervor.</p>
<p><lb n="8"/>Wir waren zu ermüdet, um in der Nacht die Feerei des Mondlichts auf ihm tanzen<lb n="9"/>zu sehen. Eben so wenig wollten wir es abwarten, die berühmten Regenbogen in ihm<lb n="10"/>zu sehen, da die Sonne erst um 7 Uhr auf ihn zu fallen anfängt und wir noch die<lb n="11"/>Kühle des Morgens zu einem beschwerlichen Weg, den wir vor uns hatten, benutzen<lb n="12"/>wollten. Wir fanden Eierspeisen, Schinken, etwas Braten und vortreffliche Erd<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>beeren zum Nachtessen. – Dienstags machten wir uns, ehe noch die Sonne die hohen<lb n="14"/>Gipfel der Schneeberge im Hintergrunde des Thales erleuchtete, auf den Weg über<lb n="15"/>die <hi rendition="#g">Wengeralp</hi> nach Grindelwald. Je höher wir kamen, desto mehr erblickten wir<lb n="16"/>uns gegenüber von dem Berge, dessen Fuß die Felsenwand ausmacht, über welche<lb n="17"/>der Staubbach fällt. Wir sahen jetzt auch seinen Lauf als eines kleinen Wässerchens.<lb n="18"/>Die Höhe der Felsenwand verschwand uns immer mehr und schien uns zuletzt nur<lb n="19"/>etwa den achten Theil der ganzen Höhe des Berges auszumachen. Die ganze Seite<lb n="20"/>der Wengeralp ist bis zu einer Höhe von 1 1/2 bis 2 Stunden mit Häusern besäet, die<lb n="21"/>zur Lauterbronner Gemeinde gehören, welche im Ganzen etwa 200 Haushaltungen<lb n="22"/>begreift. In der Höhe von einer Stunde fanden wir noch Stücke Landes mit Gerste<lb n="23"/>besäet. Kühe trafen wir noch keine auf der Weide an. Alles war mit Heumachen<lb n="24"/>beschäftigt, das für den Winter aufgespart wird, indem die Heerden, so wie der<lb n="25"/>Sommer vorrückt, sich immer höher ziehen. Jeder grüne Fleck dieser Berge wird auf’s<lb n="26"/>Sorgfältigste benutzt und kleine Räume von einigen Quadratschuhen werden mit<lb n="27"/>Lebensgefahr erstiegen, um das Gras abzuholen. An die gefährlichsten, kahlsten Orte<lb n="28"/>werden immer Geiße getrieben, die diesen Bergbewohnern äußerst nützlich sind.<lb n="29"/>– Nach einem höchst beschwerlichen Steigen von mehren Stunden fanden wir uns<lb n="30"/>auf einer andern Seite des Berges, den unser Führer die <hi rendition="#g">Scheidegg</hi> nannte, wobei<lb n="31"/>zu bemerken ist, daß jedes Thal seinen Bergen, durch die es begrenzt wird, Namen<lb n="32"/>gibt, die man in den andern Thälern auch wieder findet. So gibt es ein Lauterbronner<lb n="33"/>Wetterhorn, Schreckhorn, eine Lauterbronner Jungfrau und Scheidegg; Namen,<lb n="34"/>welche von den Grindelwaldern wieder gewissen Bergen ihres Thals gegeben<lb n="35"/>werden. <hi rendition="#g">Scheidegg</hi> scheint einen solchen zu bezeichnen, der zwei große Berge<lb n="36"/>oder zwei Thäler verbindet und über den gewöhnlich der Weg von einem Thal in’s<lb n="37"/>andere führt. <hi rendition="#g">Wetterhorn</hi>, eine Bergspitze gegen Abend, um die sich zuerst<lb n="38"/>gewöhnlich Wolken herziehen, wenn Regenwetter einfallen will; <hi rendition="#g">Schreckhorn</hi>,<lb n="39"/>sonst ein hoher Felsen; <hi rendition="#g">Jungfrau</hi>, eine noch unerstiegene Spitze. Wenn man also in</p>
<pb n="384" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=405" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>Bern gewisse Berge, die man von dort sehen kann, mit diesen Namen belegen<lb n="2"/>gehört hat, und man fragt nach denselben in diesen Thälern, so wird einem in jedem<lb n="3"/>ein anderer unter diesem Namen gezeigt, und man muß wissen, daß diejenigen Berge,<lb n="4"/>die man von Ferne unter dem Namen der Schneeberge kennt, vorzüglich diejenigen<lb n="5"/>sind, die man in Grindelwald vor sich hat.</p>
<p><lb n="6"/>Auf der Scheidegg nun, über die wir gingen, hielten wir uns bei einer <hi rendition="#g">Senn</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">hütte</hi> auf, tranken Milch, Rahm, Käsmilch (Schotte) und aßen Käs. Mit Brod muß<lb n="8"/>man sich selbst versehen haben, indem man in diesen Hütten (wo sich die Küher<lb n="9"/>nur den Tag über aufhalten, hier ihren Käs machen und ihn alle Tag in ihre Speicher<lb n="10"/>tragen) keines findet. Wir bezahlten dafür, was man forderte. Schon vorher unter<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wegs hatte uns ein Küher von seinem Rahm, den er nach Hause trug, zu trinken<lb n="12"/>angeboten und es unserm Belieben überlassen, wie viel Geld wir ihm geben wollten.<lb n="13"/>Diese Gewohnheit, die wir ziemlich allgemein antrafen, hat nicht, wie viele gut<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>herzige Reisende meinen, die da von diesem Hirtenleben sich ein Bild allgemeiner<lb n="15"/>Unschuld und Gutmüthigkeit gemacht haben, in der Gastfreiheit und Uneigen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nützigkeit ihren Grund, sondern vielmehr hoffen diese Küher dadurch, daß sie die<lb n="17"/>Bezahlung dem Gutdünken der Reisenden überlassen, mehr zu erhalten, als ihre<lb n="18"/>Waare werth ist. Man kann leicht davon gewiß werden. Wenn man ihnen etwa nur<lb n="19"/>so viel gibt, als ihre Sache gerade werth ist, so danken sie schlechterdings nicht,<lb n="20"/>erwidern auch den Abschiedsgruß nicht, sondern werden stumm und machen ein<lb n="21"/>verdrießliches Gesicht. Oder gibt man ihnen weniger, als sie das Gegebene schätzen,<lb n="22"/>so darf man versichert sein, daß sie alsdann ihre vorher gegebene Unwissenheit, was<lb n="23"/>ihre Waare gelte, ablegen und bestimmt den Werth fordern.</p>
<p><lb n="24"/>Schon ehe wir bei der Hütte anlangten, hatten wir eine Seite derjenigen Jungfrau,<lb n="25"/>die in Bern so genannt wird, zu unserer Rechten, und die anderthalb Stunden, die<lb n="26"/>wir uns ihr gegenüber befanden, hörten wir alle Augenblick ein Donnern, das vom<lb n="27"/>Herabstürzen der <hi rendition="#g">Lauinen</hi> verursacht wurde. Auch auf unserer Seite ließen wir<lb n="28"/>einige geringere. Der Schnee stürzte nämlich nicht in Massen herab, sondern quoll<lb n="29"/>aus Felsenengen hervor, oder spritzte als Staub oft bei zehn Minuten lang hervor,<lb n="30"/>– wie dies gewöhnlich der Fall bei Lauinen ist, da wir sonst den Begriff von Lauinen<lb n="31"/>nach dem bilden, wie wir Schnee von unsern Dächern herabrollen sehen.</p>
<p><lb n="32"/>Mit der Jungfrau hangen zugleich die zwei <hi rendition="#g">Aiger</hi> zusammen, die kahle, oben mit<lb n="33"/>Schnee bedeckte Felsenmassen bilden. So nahe wir uns diesen Gebirgen befanden<lb n="34"/>und ungeachtet wir sie von ihrem Fuße bis zu ihrer Spitze übersahen, so machten<lb n="35"/>sie doch schlechterdings nicht den Eindruck, so erregten sie nicht das Gefühl von<lb n="36"/>Größe und Erhabenheit, wie wir erwartet hatten. Nur dann schwindelt man beim<lb n="37"/>Anblick einer Höhe, wenn man sich ganz am Fuße einer senkrechten Wand befindet,<lb n="38"/>wie unten an einem Kirchthurm, und jetzt den Blick in die Höhe richtet; sonst, wenn<lb n="39"/>das Auge sie messen kann und sich in einiger Entfernung befindet, nicht; oder zu</p>
<pb n="385" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=406" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>nah sieht es nur einen geringen Theil der Höhe. Derjenige, der nicht gewohnt ist,<lb n="2"/>die Höhe dieser Berge und die Entfernungen derselben zu schätzen, betrügt sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>aufhörlich, und erst durch Erfahrung findet er, daß er zu Ersteigung einer Höhe, auf<lb n="4"/>der er in einer Viertelstunde sein zu können glaubte, oft mehrere Stunden gebraucht.<lb n="5"/>Mühsamer als das Hinaufsteigen war noch das Hinuntersteigen nach Grindelwald.<lb n="6"/>Wir wurden dafür zum Theil durch die Aussicht in den Kessel belohnt, in welchem<lb n="7"/>Grindelwald liegt. Wir stiegen von der westlichen Seite hinab und hatten zu unserer<lb n="8"/>Linken hohe, aber grüne, mit Weiden, Hütten und Bäumen bedeckte Berge. Im<lb n="9"/>Hintergrund zur Linken erblickt man den Eingang in’s Thal von Zweilitschenen her.<lb n="10"/>Von hier ziehen sich wieder eben solche grüne Berge hin bis gerade vor uns hinüber,<lb n="11"/>deren einer die andere Scheidegg genannt wird. Von hier an uns zur rechten Hand<lb n="12"/>hat die ganze Seite eine völlig verschiedene Ansicht. Eine Reihe ganz steiler Felsen<lb n="13"/>erhebt sich hier, an deren Seiten hie und da zwischen den Steinen Tannen hängen und<lb n="14"/>sparsam ein Fleckchen Gras entdeckt wird. Ihre Gipfel sind mit ewigem Schnee<lb n="15"/>bedeckt. Diese Reihe wird durch die zwei berühmten Grindelwaldgletscher unter<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>brochen, deren einer, der kleinere, zwischen dem Aiger und dem Mettenberg und<lb n="17"/>dem Wetterhorn herabsteigt. Sie zeigen sich hier nämlich nicht als Eisthäler, sondern<lb n="18"/>erheben sich, wie gesagt, zwischen den Oeffnungen dieser Berge. Erst in einer gewissen<lb n="19"/>Höhe ziehen sie sich mehr in die Thäler, die von jenen Urgebirgen gebildet werden,<lb n="20"/>weit hinein, wie ein Meer, das verschiedene Arme, wie hier den Grindelwaldgletscher,<lb n="21"/>und weiterhin die Aarengletscher, den Lautgletscher, ausstößt, und bei zwanzig<lb n="22"/>Stunden sich weiter forterstrecken soll. Aus diesen Gletscherbergen brechen die<lb n="23"/>Litschenen hervor, die im Sommer wegen des stärkern Schmelzens des Schnee’s<lb n="24"/>stärker, im Winter zum Theil ganz unbeträchtlich sind.</p>
<p><lb n="25"/>Wir sahen heute diese Gletscher nur in der Entfernung von einer halben Stunde<lb n="26"/>und ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man kann es nur eine <hi rendition="#g">neue</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Sehen</hi> nennen, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> <hi rendition="#g">schlechterdings</hi> <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">weitere</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">Beschäftigung</hi> <hi rendition="#g">gibt</hi>, als daß ihm etwa auffällt, sich in der stärksten Hitze des<lb n="29"/>Sommers so nahe bei Eismassen zu befinden, die selbst in einer Tiefe, wo sie Kirschen,<lb n="30"/>Nüsse und Korn zur Reife bringt, von ihr nur unbeträchtlich geschmelzt werden<lb n="31"/>können. Nach unten ist das Eis sehr schmutzig und zum Theil ganz mit Koth über<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>zogen, und wer eine breite, bergabgehende, kothige Straße, in der der Schnee<lb n="33"/>angefangen hat, zu schmelzen, gesehen hat, kann sich von der Ansicht des untern<lb n="34"/>Theils der Gletscher, wie sie von fern sich darstellt, einen ziemlichen Begriff machen<lb n="35"/>und zugleich gestehen, daß dieser Anblick weder etwas Großes noch Liebliches hat. –<lb n="36"/>Weiter hinauf erscheint das Eis in Pyramiden, die ein reineres Blau haben und die<lb n="37"/>man in Vergleich mit dem untern schmutzigen Eis, wenn man will, schöner nennen<lb n="38"/>kann. Um ein Uhr etwa kamen wir in <hi rendition="#g">Grindelwald</hi> an, das ein beträchtliches<lb n="39"/>Dorf ist und sich etwas in die Höhe zieht. Das Thal ist überhaupt viel größer, an-</p>
<pb n="386" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=407" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>muthiger und fruchtbarer, als das Lauterbronner. Der größte Theil der Berge, von<lb n="2"/>denen es umgeben ist, steigt sanfter an. Die Kirschen fingen an, zu zeitigen. Man<lb n="3"/>wird von Kindern überlaufen, die den Reisenden Blumen, Erdbeeren u.s.w. anbieten,<lb n="4"/>oder auch ohne etwas dergleichen betteln. Theils unsere Müdigkeit, theils ein<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gefallenes Regenwetter, hielt uns den übrigen Theil des Tages zu Hause, dessen<lb n="6"/>Langeweile wir durch ein Lhombrespiel milderten. Wir bekamen hier das erstemal<lb n="7"/>Italienischen rothen Wein zu trinken, der von der schlechteren Gattung und sauer<lb n="8"/>war, aber besonders für Reisende in diesen Gegenden, wo sie viel fette Milch essen,<lb n="9"/>gesund sein soll.</p>
<p><lb n="10"/>Mittwochs um 4 Uhr verließen wir bei überzogenem Himmel Grindelwald, um<lb n="11"/>über die Scheidegg nach Mairingen zu gehen. Wir traten diesen Weg mit der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stellung an, den beschwerlichsten Theil der ganzen Reise vor uns zu haben, indem<lb n="13"/>uns das Bild vorschwebte, das Meiners von den Mühseligkeiten dieses Weges macht.<lb n="14"/>Unser Führer, den wir schon von Lauterbronnen mitgenommen hatten, tröstete uns<lb n="15"/>einigermaaßen, indem er uns versicherte, daß unser heutiges Tagewerk weniger<lb n="16"/>beschwerlich sein würde, als das gestrige. Wir ließen uns zuerst, um einen der<lb n="17"/>berühmten <hi rendition="#g">Gletscher</hi> in der Nähe gesehen zu haben, zu demjenigen führen, der<lb n="18"/>nicht außer unserm Wege lag und welches der größere ist. Man muß, um an seinen<lb n="19"/>Fuß zu kommen, über Granitblöcke und andere Steinmassen schreiten, die er vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>geschoben hat. Man befindet sich dann an einer oben ziemlich glatten, abgerundeten<lb n="21"/>Masse Eis, die gleichfalls an den Ecken abgeschmolzene Schründe und Spalten hat.<lb n="22"/>Außer der Befriedigung, jetzt einem solchen Gletscher so nahe zu sein, daß ich ihn<lb n="23"/>berührte und sein Eis anblicken konnte, habe ich weiter keine gefunden, besonders<lb n="24"/>da man in diesem nahen Standpunct nur wenig von ihm übersehen kann und die<lb n="25"/>nicht sehr beträchtliche Höhe der Eismasse, die man vor sich hat, nicht plötzlich,<lb n="26"/>sondern allmälig emporsteigt. Wir setzten unsern Weg weiter fort. Je höher wir<lb n="27"/>kamen, einem desto dickeren Nebel gingen wir entgegen, der uns zwar vor der<lb n="28"/>Hitze schützte, uns jedoch zugleich alle Aussicht nahm und uns der Gefahr zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>irren aussetzte. Als wir nämlich etwa 4 Stunden unterwegs gewesen waren, sagte uns<lb n="30"/>unser Führer, wir befänden uns auf der Spitze und hätten von hier immer hinab<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zusteigen. Wir konnten uns nicht genug über Herrn Meiners wundern, wie er eine<lb n="32"/>so abschreckende Beschreibung von diesem Wege habe machen können, den wir<lb n="33"/>nirgend im Geringsten steil und peinlich gefunden hatten. Als wir uns mit diesem<lb n="34"/>Gedanken rechts ein wenig hinabwandten, weil uns unser Führer hier in eine Küher<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>hütte führen wollte, um etwas erfrischende Milch zu trinken, begegneten uns zum<lb n="36"/>Glück zwei Küher, die ihre heut gemachten Käse nach Hause trugen. Diese berich<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>teten uns, wir seien im Wege, nach Grindelwald zurückzukehren. Sie wiesen uns die<lb n="38"/>Gegend, wo wir wieder den rechten Weg finden würden, und so kehrten wir um,<lb n="39"/>uns glücklich preisend, diese Männer getroffen zu haben, glaubten aber zugleich,</p>
<pb n="387" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=408" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Herrn Meiners Beschreibung könne jetzt wohl noch wahr werden. Allein nach einer<lb n="2"/>Viertelstunde fanden wir uns wirklich auf der Höhe, aber der Nebel hatte noch gar<lb n="3"/>nicht nachgelassen und wir mußten auf die Hoffnung, einer schönen Aussicht zu<lb n="4"/>genießen, völlig Verzicht thun. Wie wir allmälig tiefer kamen, löste sich der Nebel<lb n="5"/>in einen völligen Regen auf, der anhielt, so lange wir in dem Thal uns befanden, das<lb n="6"/>auf einer Seite von der Scheidegg, auf der andern von einem Gebirge, das hier auch<lb n="7"/>das Wetterhorn heißt, gebildet wird. Der <hi rendition="#g">Reichenbach</hi> durchströmt es, der, je<lb n="8"/>weiter wir hinab kamen, desto wilder und grausenvoller tobte. Oben im Thal kehr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ten wir bei einem Küher ein, der 18 Kühe besitzt, deren Milch ihm jeden Tag bei<lb n="10"/>30 Pfund Käse gibt und im Frühjahr, wenn das Gras noch besser und reichlicher ist,<lb n="11"/>bei 40 Pfund abwirft. Er erklärte uns zugleich den <hi rendition="#g">Proceß</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Käsemachens</hi><lb n="12"/>und der Benutzung der Milch. Alle Morgen wird nämlich die Milch, die am Abend<lb n="13"/>vorher und diesen Morgen selbst gemolken wurde, in einem Kessel über ganz<lb n="14"/>gelindes Feuer gesetzt und durch eine Säure, die besonders von Kälbermagen bereitet<lb n="15"/>und <hi rendition="#g">Käslab</hi> genannt wird, geschieden. Die Masse darf dabei nur lau werden. Wenn<lb n="16"/>die Scheidung, die durch beständiges Umrühren befördert wird, vor sich gegangen<lb n="17"/>ist, so wird das Wässrigte herausgenommen, in einen Lumpen geschlagen und in<lb n="18"/>einer runden hölzernen Form gepreßt. Das übrig gebliebene Flüssige, das <hi rendition="#g">Käsmilch</hi><lb n="19"/>heißt, und nicht viel verschieden von Milch, nur etwas säuerlich schmeckt und schon<lb n="20"/>eine gelbliche Farbe bekommen hat, wird jetzt über starkes Feuer gethan und durch<lb n="21"/>Kochen noch einmal geschieden. Die weiße feste Masse heißt <hi rendition="#g">Zieger</hi>, wird ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gesalzen und besonders für den Winter aufgespart. Das Flüssige heißt <hi rendition="#g">Schotte</hi> und<lb n="23"/>wird theils von den Menschen getrunken, theils den Schweinen zu saufen gegeben.</p>
<p><lb n="24"/>Nachdem wir unter beständigem Regen dies Thal verlassen hatten, wo wir noch<lb n="25"/>an mehren haufenweise beisammen liegenden Speichern vorbeikamen, die, um küh<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>ler zu haben, gewöhnlich eine Mannshöhe über dem Boden auf Pfosten ruhen,<lb n="27"/>stiegen wir im Nebel durch einen steinigten Weg, an der Seite des tobenden Reichen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bachs, immer bergab. Da wir wußten, daß auf diesem Wege sein berühmter Fall zu<lb n="29"/>sehen ist, so war uns bange, wenn der Reichenbach sich weiter entfernte, der Nebel<lb n="30"/>möchte uns seine Ansicht entzogen haben und wir möchten schon vorbei sein. Indem<lb n="31"/>wir so noch in Zweifel und Ungewißheit und in der Unmöglichkeit, weiter als auf<lb n="32"/>30 Schritt einen Gegenstand zu erkennen und unter beständig stärkerem Rauschen<lb n="33"/>des Stroms noch eine halbe Stunde den Weg fortsetzten, hörten wir auf einmal ein<lb n="34"/>fürchterliches Donnern und konnten nicht mehr zweifeln, daß dies von seinem Falle<lb n="35"/>herrühre. Zugleich konnten wir schlechterdings nicht sehen, wo wir uns ihm nähern<lb n="36"/>möchten. Nach einigen Minuten, die wir weiter gingen, hörte dies Donnern auf, und<lb n="37"/>wir sahen jetzt bald im Thale Mairingen liegen und ein trübweißes Wasser daran<lb n="38"/>vorbeifließen, welches wir für den Reichenbach hielten, der jetzt nach seinem Fall im<lb n="39"/>Thale ruhig weiter ginge. Da der Regen sich wieder einstellte und wir Niemand</p>
<pb n="388" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=409" type="body"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>fanden, der uns hätte Auskunft geben können, so wollten wir uns darin ergeben, in<lb n="2"/>Hoffnung bessern Wetters des Nachmittags eine Stunde Wegs zurückzumachen und<lb n="3"/>ihn dann zu sehen.</p>
<p><lb n="4"/>Auf einmal bot sich jetzt uns, da wir einigen Häusern näher kamen, von der Seite<lb n="5"/>der obere Theil des Falles dar und vergnügt gingen wir durch nasse Wiesen ihm ent<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gegen. Auf der grünen Anhöhe, die ihm gegenüber ist, durchnetzte uns der Wasser<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>staub vollends, den der vom Fall verursachte Wind uns entgegen jagte. Um mehr<lb n="8"/>von dem Fall zu übersehen, muß man über schlüpfriges Gras tiefer hinabsteigen bis<lb n="9"/>an den Rand des Abgrundes, in den er sich versenkt. Von hier genießt man den<lb n="10"/>Anblick des Falles, so weit man ihn übersehen mag, und das majestätische Schauspiel<lb n="11"/>hielt uns für die Mühe des unangenehmen Tages allerdings schadlos. Durch eine enge<lb n="12"/>Felsenkluft drängt oben das Wasser schmal hervor, fällt dann in breiteren Wellen<lb n="13"/>senkrecht herab; in Wellen, die den Blick des Zuschauers beständig mit sich nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ziehen und die er doch nie fixiren, nie verfolgen kann, denn ihr Bild, ihre Gestalt,<lb n="15"/>lös’t sich alle Augenblicke auf, wird in jedem Moment von einem neuen verdrängt,<lb n="16"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Falle</hi> <hi rendition="#g">sieht</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ewig</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">gleiche</hi> <hi rendition="#g">Bild</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">sieht</hi> <hi rendition="#g">zugleich</hi>,<lb n="17"/><hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">nie</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Nachdem so die Wellen eine beträchtliche Höhe mehr<lb n="18"/>heruntergefallen sind, als daß sie sich herabstürzten, treffen sie auf Felsen, wo sie<lb n="19"/>sprudelnd sich in drei oder vier Oeffnungen hervordrängen, dann zusammenfließen<lb n="20"/>und sich jetzt donnernd in einen Abgrund stürzen, in dessen Tiefe der Blick sie nicht<lb n="21"/>verfolgen kann, weil er von Felsen aufgehalten wird. Nur in einiger Entfernung sieht<lb n="22"/>man aus einer Kluft einen Rauch wogen, den man für den vom Fall aufspritzenden<lb n="23"/>Schaum erkennt.</p>
<p><lb n="24"/>Mit Recht hat Meiners auf diesen Fall aufmerksam gemacht, aber eine Beschrei<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>bung kann so wenig als ein Gemälde nur einigermaaßen die Selbstansicht ersetzen.<lb n="26"/>Bei der Beschreibung kann eher noch die Einbildungskraft, wenn sie schon ähnliche<lb n="27"/>Bilder hat, sich das Ganze hinmalen, aber ein Gemälde, wenn es nicht sehr groß<lb n="28"/>gemalt ist, kann nicht anders als dürftig ausfallen und nur eine unzureichende Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stellung geben. Die <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Gegenwart</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gemäldes</hi> erlaubt der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bildungskraft nicht, den vorgestellten Gegenstand auszudehnen, sondern sie faßt ihn<lb n="31"/>so auf, wie er sich dem Gesicht darstellt. Sie wird an seiner Erweiterung noch mehr<lb n="32"/>dadurch gehindert: wenn wir das Gemälde in der Hand halten oder an einer Wand<lb n="33"/>aufgehängt finden, so können die Sinne nicht anders, als es an unserer Größe, an der<lb n="34"/>Größe der umgebenden Gegenstände zu messen und klein zu finden. Ein solches<lb n="35"/>Gemälde müßte dem Auge so nahe gebracht werden, daß es Mühe hätte, das Ganze<lb n="36"/>zu überblicken, es nicht neben andere Gegenstände versetzen könnte und so völlig<lb n="37"/>allen Maaßstab verlöre. Außerdem muß auch im besten Gemälde das Anziehendste,<lb n="38"/>das Wesentlichste eines solchen Schauspiels fehlen: das ewige Leben, die gewaltige<lb n="39"/>Regsamkeit in demselben. Ein Gemälde kann nur einen Theil des ganzen Eindrucks</p>
<pb n="389" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=410" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>geben, nämlich die Gleichheit des Bildes, die es in bestimmten Umrissen und Par<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tieen geben muß; hingegen der andere Theil des Eindrucks, die ewige, unaufhaltbare<lb n="3"/>Veränderung jeder Partie, die ewige Auflösung jeder Welle, jedes Schaumes, die das<lb n="4"/>Auge immer mit sich herniederzieht, die keine Terze lang ihm die gleiche Richtung<lb n="5"/>des Blicks erlaubt: all diese Macht, all dies Leben geht gänzlich verloren. – Ganz<lb n="6"/>durchnetzt langten wir 1 1/2 Uhr in Mairingen an. Der anhaltende Regen hinderte<lb n="7"/>uns, den untern Fall des Reichenbachs zu sehen. Wir nahmen unsere Zuflucht wieder<lb n="8"/>zu einem L’hombre. Mein linker Fuß hatte mir auf dem gemachten Wege schon sehr<lb n="9"/>weh gethan. Dieser Umstand mit dem schlechten Wetter erzeugte den Entschluß in<lb n="10"/>mir, von hier nach Bern mit einem von der Gesellschaft zurückzukehren. Allein da<lb n="11"/>das Wetter am andern Morgen sich völlig aufheiterte und den Andern von seinem<lb n="12"/>Entschluß zurückbrachte, so mochte auch ich nicht allein umkehren, sondern ent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schloß mich, trotz meinem wunden Fuß, die Reise weiter fortzusetzen.</p>
<p><lb n="14"/>Donnerstag um 5 Uhr zogen wir mit einem neuen Führer, dem Schuhmacher, der<lb n="15"/>auch Herrn Meiners begleitet hatte und der unser Gepäck trug, das <hi rendition="#g">Haslithal</hi><lb n="16"/>weiter hinauf. Die Bewohner dieses Thals unterscheiden sich von den übrigen<lb n="17"/>Unterthanen der Stadt Bern theils durch ihre der hochdeutschen näher kommende<lb n="18"/>Aussprache, theils durch ihre größeren politischen Rechte. Ein Deutscher, der in<lb n="19"/>andern Theilen der Schweiz die größte Mühe hat, die Sprache der Leute zu verstehen<lb n="20"/>und sich ihnen verständlich zu machen, findet hier für Beides viel weniger Mühe.<lb n="21"/>Besonders wird er sich wundern, die Endungen der Zeitwörter: -en so deutlich aus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sprechen zu hören. Er wird freilich noch immer manche Worte hören, die ihm fremd<lb n="23"/>sind, aber die ihm verständlicher sein werden, je mehr <hi rendition="#g">Kenntniß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">alten</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Deutschen</hi> <hi rendition="#g">Sprache</hi> er besitzt. Ich glaube, das Studium der verschiedenen<lb n="25"/>Dialekte der Schweiz würde für die bessere Kenntniß mancher in altdeutschen<lb n="26"/>Schriften vorkommenden und uns jetzt dunkeln Ausdrücke nicht ohne eine reich<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>liche Ausbeute sein. – Was ihre Verfassung betrifft, so haben sie ein eigenes Gericht,<lb n="28"/>das aus 15 Mitgliedern besteht, und einen Landammann, der in Bern nur bestätigt<lb n="29"/>wird und ein Haslithaler sein muß. Eben so können andere Stellen nur mit solchen<lb n="30"/>besetzt werden. Durch eigne Sorglosigkeit und Nachlässigkeit oder Ungeschicklich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>keit dieser Beamten behaupten sie aber, nach und nach viele Vorrechte verloren zu<lb n="32"/>haben. Wie wenig sie es jetzt mehr schätzen, nur von Richtern aus ihrer Mitte<lb n="33"/>Urtheilssprüche zu empfangen, zeigt die Erfahrung, daß die Partei sich aus dem<lb n="34"/>Spruch ihres einheimischen Gerichts gewöhnlich gar nichts macht, sondern in den<lb n="35"/>meisten Fällen sich nach Bern wendet und von fremden Richtern sich Recht<lb n="36"/>sprechen läßt.</p>
<p><lb n="37"/>Das erste Ort, in welches wir kamen, war <hi rendition="#g">Hasli</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi>, das in einem<lb n="38"/>grünen Kessel liegt und eine runde Ebene von Wiesen ist, aus der sich die <hi rendition="#g">Aar</hi><lb n="39"/>durch eine enge Oeffnung zwischen Felsen hinausdrängt und wahrscheinlich ehe sie</p>
<pb n="390" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=411" type="body"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>diesen Ausweg fand, hier einen See bildete und an einen höhern Ort abfloß. Von hier<lb n="2"/>steigt der Weg immer und ist zum Theil sehr abwechselnd. Bald führt er durch<lb n="3"/>Tannenwälder, bald durch Wiesen an Hütten vorbei. Besonders bietet der Lauf der<lb n="4"/>Aar, die man bald zur Rechten, bald zur Linken hat, mannigfaltige Ansichten dar.<lb n="5"/>Eben so viel Abwechselung geben die vielen Bäche, die bald in senkrechten Fällen,<lb n="6"/>bald als Staub, bald über ein weniger abschüssiges steinigtes Bett der Aar zurauschen<lb n="7"/>und deren man eine Menge zu passiren hat, die man aber, so wie auch einige Wasser<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>fälle bei Mairingen selbst, dem Reichenbach gegenüber, keiner Aufmerksamkeit<lb n="9"/>würdigt, weil man von größeren Schauspielen der Art herkommt oder ihnen ent<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gegengeht. Oft läßt die Aar, die in grauser Tiefe tobt und schäumt, nur einen ganz<lb n="11"/>schmalen Weg zwischen sich und den Felsen, der mit runden Hölzern belegt ist, aber<lb n="12"/>doch von Maulthieren und Pferden betreten werden kann. – Nicht weit von Hasli<lb n="13"/>im Grund öffnet sich das <hi rendition="#g">Mühlithal</hi>. Nach etwa 3 Stunden Wegs langten wir in<lb n="14"/><hi rendition="#g">Guttanen</hi>, dem letzten Bernischen Dorfe an, wo unser Mittagsmal aus weißem<lb n="15"/>und Walliser Brod (das nur etwa zwei Finger hoch in der Form eines Kuchens und<lb n="16"/>sehr hart war), Butter, Honig und Italienischem Wein bestand. Wir ließen die größte<lb n="17"/>Hitze unter einem abermaligen Lhombrespiel vorbeigehen, machten uns etwa gegen<lb n="18"/>4 Uhr auf die Reise und, da meine Füße sich immer zu verschlimmern fortfuhren, so<lb n="19"/>machte ich von hier die Reise beständig mit niedergetretenen Schuhen. Von Guttanen<lb n="20"/>wird der Weg immer wilder, öder, einförmiger. Man hat immer gleich rauhe,<lb n="21"/>traurige Felsen zu beiden Seiten. Zuweilen erblickt man Gipfel, die mit Schnee<lb n="22"/>bedeckt sind. Der Boden, der ebener ist, und zuweilen ein Thal bildet, ist völlig mit<lb n="23"/>ungeheuern Granitblöcken übersäet. Die Aar macht einige prächtige, mit fürchter<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>licher Kraft hinabstürzende Wasserfälle. Ueber einen derselben ist eine kühne Brücke<lb n="25"/>gesprengt, auf der man von Staub ganz befeuchtet wird. Man erblickt hier in der<lb n="26"/>Nähe das gewaltige Rasen der Wellen gegen die hervorstehenden Felsen und begreift<lb n="27"/>nicht, wie sie diese Wuth festhalten können. Nirgend erhält man einen so reinen<lb n="28"/>Begriff vom <hi rendition="#g">Müssen</hi> der Natur, als beim Anblick des ewig wirkungslosen und ewig<lb n="29"/>fortgesetzten Rasens einer hervorgetriebenen Welle gegen solche Felsen! Doch sieht<lb n="30"/>man, daß ihre scharfen Ecken nach und nach abgerundet sind. Weiterhin sieht man<lb n="31"/>die Vegetation immer mehr den Fluch der wärme- und kraftlosen Natur empfinden.<lb n="32"/>Man trifft keine Tannenbäume mehr an, nur verkrüppeltes Tannengesträuch, Moos,<lb n="33"/>elendes oder gar kein Gras, einige Lerchen- und Arvenbäume; viele Gentianen wach<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sen in einer Gegend. Die Wurzeln dieser letzteren Pflanzen werden von einer Familie<lb n="35"/>gesammelt und zu Enzianwasser gebrannt. Diese Familie lebt den Sommer hier in<lb n="36"/>völliger Entfernung von Menschen und hat ihre Brennstatt unter aufgethürmten<lb n="37"/>Granitblöcken errichtet, die die Natur zwecklos über einander warf, deren zufällige<lb n="38"/>Stellung aber die Menschen zu benutzen wußten. <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">zweifle</hi>, <hi rendition="#g">ob</hi> <hi rendition="#g">hier</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="39"/><hi rendition="#g">gläubigste</hi> <hi rendition="#g">Theologe</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">wagen</hi> <hi rendition="#g">würde</hi>, der Natur selbst in diesen Gebirgen</p>
<pb n="391" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=412" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>überhaupt, <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Zweck</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Brauchbarkeit</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> zu unterlegen,<lb n="2"/>der das Wenige, Dürftige, das er benutzen kann, mit Mühe ihr abstehlen muß; der<lb n="3"/>nie sicher ist, ob er nicht über seinen armen Diebereien, über dem Raub einer Hand<lb n="4"/>voll Gras, von Steinen oder Lauinen zerschmettert; ob nicht das kümmerliche Werk<lb n="5"/>seiner Hände, seine ärmliche Hütte und sein Kuhstall, ihm in einer Nacht zertrümmert<lb n="6"/>wird. In diesen öden Wüsteneien hätten gebildete Menschen vielleicht eher alle<lb n="7"/>andere Theorieen und Wissenschaften erfunden, aber schwerlich denjenigen Theil der<lb n="8"/>Physikotheologie, der dem Stolze des Menschen beweist, wie die Natur für seinen<lb n="9"/>Genuß und Wohlleben Alles hinbereitet habe; <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Stolz</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">zugleich</hi> <hi rendition="#g">unser</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">Zeitalter</hi> <hi rendition="#g">charakterisirt</hi>, indem er eher seine Befriedigung in der Vorstellung<lb n="11"/>findet, was Alles für ihn von einem fremden Wesen gethan worden ist, als er sie in<lb n="12"/>dem Bewußtsein finden würde, daß er es eigentlich selbst ist, der der Natur alle diese<lb n="13"/>Zwecke geboten hat. Doch die Bewohner dieser Gegenden leben im Gefühle ihrer<lb n="14"/>Abhängigkeit von der Macht der Natur und dies gibt ihnen eine ruhige Ergebenheit<lb n="15"/>in die zerstörenden Ausbrüche derselben. Ist ihre Hütte zertrümmert oder verschüttet<lb n="16"/>oder weggeschwemmt, so bauen sie am gleichen Ort oder in der Nähe eine andere.<lb n="17"/>Sind auf einem Wege oft Menschen von stürzenden Felsen erschlagen worden, so<lb n="18"/>gehen sie doch ruhig denselben, anders, als die Städtebewohner, die ihre Zwecke<lb n="19"/>gewöhnlich nur durch eigene Ungeschicklichkeit oder den bösen Willen Anderer<lb n="20"/>zerstört finden, darüber unlittig und ungeduldig werden, auch wenn sie einmal die<lb n="21"/>Macht der Natur empfinden, dann Trostes bedürfen und ihn etwa in einem Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schwätze finden, das ihnen beweist, auch dieses Unglück sei ihnen vielleicht vortheil<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>haft, denn dazu können sie sich nicht erheben, ihren Nutzen aufzugeben. Dies von<lb n="24"/>ihnen zu fordern, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Entschädigung</hi> <hi rendition="#g">Verzicht</hi> <hi rendition="#g">thun</hi> <hi rendition="#g">wollen</hi>, <hi rendition="#g">hieße</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">ihnen</hi> <hi rendition="#g">ihren</hi> <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">rauben</hi>.</p>
<p><lb n="26"/>Die Aar wird, je weiter man kommt, desto unbeträchtlicher. Einigemal sahen wir<lb n="27"/>die Kluft, in der sie rauscht, mit Schnee ausgefüllt, unter welchem sie sich fortstiehlt.<lb n="28"/>Einmal gingen wir auch etwas über 200 Schritt weit über einen glatten, von keinem<lb n="29"/>Gras und keiner Erdscholle bedeckten, ganz zusammenhängenden Felsen, wo für die<lb n="30"/>Saumthiere in einer Schuhweite fingertiefe Streifen eingegraben sind. Es begegneten<lb n="31"/>uns eine Menge solcher Thiere mit ihren Wallisischen und Italienischen Treibern.<lb n="32"/>Sie trugen Reis, Wein und Branntwein. In der Rückkehr laden sie Käse. Ehe wir zum<lb n="33"/>Spital kamen, hatte ich gezählt, daß wir siebenmal die Aar, von Mairingen an,<lb n="34"/>passirt hatten, die drei letzten Mal auf steinernen, die vorhergehenden Mal auf höl<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zernen Brücken. Wir langten fast mit der einbrechenden Dämmerung dort an, in<lb n="36"/>einem steinernen Hause, das einige Stuben hat, in einer öden, traurigen Stein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>wüstenei liegt, die so wild ist, als die Gegenden, durch die wir seit einigen Stunden<lb n="38"/>kamen. Weder das Auge noch die Einbildungskraft findet auf diesen formlosen<lb n="39"/>Massen irgend einen Punct, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen, oder wo diese</p>
<pb n="392" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=413" type="body"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineralog allein findet Stoff, über<lb n="2"/>die Revolutionen dieser Gebirge unzureichende Muthmaßungen zu wagen. Die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>nunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhaben<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>heit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponirt, das ihr Staunen und<lb n="5"/>Bewunderung abnöthigte. Der Anblick dieser ewig todten Massen gab mir nichts als<lb n="6"/>die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">so</hi>.</p>
<p><lb n="7"/>Im Spital wurden wir mit Italienischem Wein, Bologneser Würsten, Schaaf-<lb n="8"/>und Kalbfleisch tractirt, das, wie das Brod, von Mairingen hergebracht wird. Was<lb n="9"/>für uns etwas Neues war, war theils geräuchertes, theils frisches <hi rendition="#g">Murmelthier</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">fleisch</hi>, das uns eben kein Leckerbissen schien. Diese Thiere werden besonders zu<lb n="11"/>Anfang des Winters, um welche Zeit sie fett sind und schon im Schlaf liegen, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gegraben. Auch Arvennüßchen wurden uns aufgestellt. Das Haus selbst nebst den<lb n="13"/>dazu gehörigen Weiden gehört dem Haslithal. Der Pächter, der darauf ist, kann es nur<lb n="14"/>9 Monat lang bewohnen. Vom December muß er in niedrigere Gegenden ziehen<lb n="15"/>und erst im März macht er sich wieder herauf. Er bezahlt Bestandgeld für die Weiden.<lb n="16"/>Arme Leute muß er umsonst bewirthen. Andern Reisenden überläßt er es, was sie<lb n="17"/>ihm geben wollen, und seine Dienstfertigkeit und guter Wille, nebst der Betrachtung,<lb n="18"/>wie beschwerlich alle Bedürfnisse hie heraufzuschaffen sind, werden ihn bei diesem<lb n="19"/>Wagen auf die Freigebigkeit der Reisenden hin nicht leicht zu kurz kommen lassen.<lb n="20"/>Wegen der Kosten, die er für die freie Unterhaltung der ärmeren hat, wird er durch<lb n="21"/>Beiträge, die er jährlich in verschiedenen Cantonen einsammeln läßt, entschädigt. –<lb n="22"/>Es befindet sich hinter diesem Hause ein See, der von der Nachbarschaft des Schnees<lb n="23"/>der Grimsel gebildet wird. Auch meines nunmehr stark geschwollenen und eiternden<lb n="24"/>Fußes nahm sich der Wirth dienstfertig an. – Man sieht den Weg zu den hintern<lb n="25"/>Aargletschern, aus welchen am Fuß des finstern und des weißen Aarhorns die Aar<lb n="26"/>hervorschmilzt. – Der Wirth hält für die Reisenden eine Art von <hi rendition="#g">Stammbuch</hi>,<lb n="27"/>das gewöhnlich Bemerkungen über den Weg und Lobpreisungen des gastfreund<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen Wirths enthält. Besonders trösteten uns mehre Bemerkungen über die Gefähr<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit des Wegs über die Mayenwand wegen der abschreckenden Beschreibung des<lb n="30"/>Herrn Meiners, worüber unter andern folgender Reim eingeschrieben ist:</p>
<quote><lb n="31"/>Herr Meiners ist ein Hasenfuß,<lb n="32" type="absatz"/>Der solche Abenteuer bleiben lassen muß.</quote>
<p><lb n="33"/>Freitags bestiegen wir in einer Stunde, theils über Schnee, theils über Steine, auf<lb n="34"/>denen keine Spur von Vegetation mehr war, vollends die <hi rendition="#g">Grimsel</hi>. Wir sahen hie<lb n="35"/>und da hohe Stangen aufgestellt, die dem Reisenden zur Zeit, wenn wieder Schnee<lb n="36"/>fällt, zu Wegzeigern dienen sollen. In diesen Gegenden sind in der Herbst- und<lb n="37"/>Frühlingszeit schon viele <hi rendition="#g">Unglücksfälle</hi> geschehen. Wenn man von schlechtem<lb n="38"/>Wetter und Schnee überfallen wird, ist der Weg gleich verloren. Richtungslos irrt</p>
<pb n="393" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=414" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>der Unglückliche umher, findet in einer Kluft im Schnee seinen Tod und Niemand<lb n="2"/>weiß, was aus ihm geworden. Noch nicht lange wollte ein armer Luzerner mit seiner<lb n="3"/>Frau und zwei Kindern auf diesem Wege in’s Wallis. Er wird vom Schnee über<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fallen, irrt so lang herum, bis seine Frau kraftlos niederfällt. Ihn selbst verlassen die<lb n="5"/>Kräfte so, daß er nur sich und ein Kind weiter fortschleppen kann. Seine Frau und<lb n="6"/>das andere Kind läßt er im Schnee zurück und man hat nichts mehr von ihnen er<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>fahren. Von hier aus sahen wir hinter uns die Aarhörner, gerade vor uns die Gegend<lb n="8"/>des Thals, in welchem Obergesteln liegt am Gehrenberg umher; weiter links einen<lb n="9"/>Theil des Gotthard; tief unter uns das Thal, in dem die Rhone fließt, und den Rhone<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gletscher; von diesem hinauf zu unserer Linken die Mayenwand; über dem Gletscher<lb n="11"/>den Galenstock, einen Urnerischen Schneeberg, und weiter im Hintergrund einen<lb n="12"/>Theil der Furka. Wir gingen jetzt über Schnee der <hi rendition="#g">Mayen</hi>- d. h. <hi rendition="#g">Blumenwand</hi><lb n="13"/>oder der grünen Wand zu; sie heißt so, weil sie ganz mit einem schönen Grün und<lb n="14"/>Blumen aller Art übersäet ist. Der Weg über sie ist allerdings so beschaffen, daß man<lb n="15"/>kaum zwei Füße neben einander stellen kann und etwa 50–60 Schritt lang mag der<lb n="16"/>Winkel, den sie bildet, bis 70 Grade betragen. Ohne sich zu bücken, kann man sich<lb n="17"/>bequem mit der Hand an der Wand halten. Wir brachen im Vorbeigehen Alprosen<lb n="18"/>und schöne Vergißmeinnicht, deren hier eine unzählige Menge wächst. Keiner hatte<lb n="19"/>die geringste Anfechtung von Angst. Man geht von hier noch eine Viertelstunde<lb n="20"/>etwa schräg hin und von da gerade bergab der Rhone zu. Dies Herabsteigen ist un<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>endlich beschwerlicher. Das Gesträuch der Alprosen, die etwa 1 bis 1 1/2 Fuß hoch<lb n="22"/>sind, erlaubt keinen festen Tritt. Mir war es besonders wegen der schlechten Beschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>fenheit meiner Füße unmöglich, mich aufrecht zu halten. Ich ahmte einige meiner<lb n="24"/>Gesellschafter nach, setzte mich auf die Hosen, ergriff mit beiden Händen neben<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stehende Alpenrosen und rutschte so den größten Theil des Berges hinunter. Unten<lb n="26"/>an der Rhone fanden wir, daß wir mit diesem Hinabsteigen, das uns sehr kurzweilig<lb n="27"/>vorgekommen war, über eine Stunde zugebracht hatten. Wir hörten während<lb n="28"/>desselben gegen die Felsen zu häufig ein <hi rendition="#g">Pfeifen</hi>, das unser Führer den Murmel<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>thieren zuschrieb. Im Thale fanden wir Quellwasser, das uns, mit Kirschwasser ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mischt, sehr erfrischte. Es entspringen einige solche Quellen in diesem Thal, welche<lb n="31"/>Viele, nicht das Gletscherwasser, für die wahren Quellen der Rhone gehalten wissen<lb n="32"/>wollen; <hi rendition="#g">worüber</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">eigentlich</hi> <hi rendition="#g">lächerlich</hi> <hi rendition="#g">scheint</hi>, <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Meinung</hi> <hi rendition="#g">haben</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">wollen</hi>, indem das Wasser aus dem Gletscher des Winters zwar unbeträchtlich<lb n="34"/>ist, aber nie versiegt, und eins so gut der Ursprung der Rhone ist, als das andre. –<lb n="35"/>Diese Gegend, die von der Furka und der Grimsel eingeschlossen ist, heißt das<lb n="36"/><hi rendition="#g">Gletsch</hi> und übertrifft an Oede und Traurigkeit Alles, was wir bisher noch sahen.<lb n="37"/>Ohne ganz an den Gletscher hinzugehen, da sein Eis gerade so wie das Eis der andern<lb n="38"/>beschaffen ist, stiegen wir rechter Hand auf und konnten von da aus ihn weit hinauf,<lb n="39"/>wo er zwischen den Bergen herabzusteigen anfängt, übersehen. Er bildete eine große,</p>
<pb n="394" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=415" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>rauhe Masse. Nach unten zu ist seine Oberfläche mit tiefen Spalten und blauen<lb n="2"/>Schründen durchschnitten. Nach Oben hin ist er mehr ausgehöhlt und hat hier mehr<lb n="3"/>ein struppichtes, mit blaulichten und weißen Pyramiden und Gräten besetztes<lb n="4"/>Ansehen. Man muß es allerdings sonderbar finden, daß eine solche Eismasse so tief in<lb n="5"/>ein Thal herabsteigt, da von ihrem Fuße an in der Höhe von 1–2 Stunden die sie<lb n="6"/>umgebenden Berge Gras und mannigfaltige Blumen tragen und die Sonnenhitze in<lb n="7"/>einem solchen Thale mit concentrirter Kraft brennt. Aber man muß sich erinnern,<lb n="8"/>daß bis zu einer beträchtlichen Höhe der auf den Gletscher selbst gefallne, und im<lb n="9"/>Thal von den Bergen herab versammelte Schnee von der Sonne vorher geschmolzen<lb n="10"/>werden muß, ehe sie auf den Gletscher selbst brennen kann, und daß die Kälte, die in<lb n="11"/>einer solchen Masse herrscht, eine Atmosphäre um sich bildet, die nur schwer erwärmt<lb n="12"/>werden kann. Wir stiegen zuerst rechts bergan und hatten bei einer Stunde den Rhone<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gletscher zu unserer Seite. Dann gingen wir über ein anderes Gletscherwasser, das<lb n="14"/>von dem vor uns liegenden Furkagletscher kommt, auf den linken Theil der <hi rendition="#g">Furka</hi><lb n="15"/>und gelangten nach einem Steigen von 2 1/2 bis 3 Stunden auf ihren Gipfel, d. h.<lb n="16"/>immer auf diejenige Spitze, über die man passirt und die nie die höchste des ganzen<lb n="17"/>Gebirges ist, sondern gewöhnlich eine Lukke heißt. In einer Walliser Hütte, in der wir<lb n="18"/>unterwegs Milch getrunken, trafen wir einige Knaben an, die sich in einer Ecke der<lb n="19"/>Hütte, welche außer der Thür kein Licht hatte, ein Lager von Steinen gemacht hatten,<lb n="20"/>auf dem einige Leintücher lagen und welches ihre Schlafstätte war. Daneben hing<lb n="21"/>ein Kessel, in dem sie ihren Käs machten. Den übrigen Theil der Hütte besitzen die<lb n="22"/>Schweine. Außer diesen gutgebildeten Knaben waren uns vorher einige Walliser<lb n="23"/>Bauern begegnet, die alle in Capuzinerfarb gekleidet waren, da die Hasler, die wir<lb n="24"/>bisher sahen, sich alle blau tragen. Das Holz, das jene Knaben zu ihrem Käse ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>brennen, holen sie über eine Stunde weit her. Weiter hinauf erblickten wir keine<lb n="26"/>Staude, keine krüppelhafte Tanne mehr. Einige Vögel von der Größe einer Wachtel<lb n="27"/>und hellgraugelber Farbe hatten uns weiter umzwitschert und waren ohne Scheu, wie<lb n="28"/>die Vögel aller unbewohnten Gegenden, uns umflogen. Höher hinauf erblickten wir<lb n="29"/>nichts als Felsen, Schnee und Gras und in einer noch größeren Höhe, als wir, er<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>blickten wir eine Heerde Kühe weiden. Um halb zwölf Uhr langten wir auf der<lb n="31"/>Spitze der Furka bei dem Kreuz an, wodurch das Walliser und Urner Gebiet geschie<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>den wird. Wir labten uns hier mit dem Brod, das mit Butter inwendig ausgestrichen war<lb n="33"/>und womit uns klüglich der Wirth des Grimselspitals versorgt hatte, und mit seinem<lb n="34"/>rothen Italienischen Wein, und unser Appetit dankte ihm aufs Herzlichste dafür.</p>
<p><lb n="35"/>Um Mittag fingen wir an, gegen das <hi rendition="#g">Urseren-Thal</hi> hinabzusteigen. Den<lb n="36"/>Anfang mußten wir damit machen, eine gute Viertelstunde weit über weichen<lb n="37"/>Schnee, den die Sonne noch blendender machte, hinabzusteigen und zu glitschen.</p>
<pb n="395" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=416" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn man aus diesem Glanze auf die gleichfalls beleuchtete Erde wieder heraustritt,<lb n="2"/>so glaubt man hier anfangs nur in einem schwachen Mondlicht zu wandeln. Nach und<lb n="3"/>nach kamen wir in besseres Gras, das mit aromatischen Blumen aller Art untermischt<lb n="4"/>war. Selbst solche, die in niederen Gegenden nicht duften, geben hier einen bal<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>samischen Geruch; z. B. ein gemeines Hieracium oder Leontodon, das auf allen<lb n="6"/>Urseren Wiesen wächst und hier zugleich eine schöne zimmtbraune Farbe hat; eben<lb n="7"/>so eine ganz niedrige Sanguisorba, die wie Chokolade roch. – Weiter hinab fanden<lb n="8"/>wir die Leute mit Heumachen beschäftigt, bis wir 2 3/4 Uhr in <hi rendition="#g">Realp</hi> ankamen, wo<lb n="9"/>uns ein <hi rendition="#g">Capuziner-Hospizium</hi> gastfreundlich aufnahm, und mit rothem Italieni<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schem Wein, dem besten, den wir bisher noch antrafen, denn er kam aus dem Keller<lb n="11"/>der geistlichen Herrn, und mit gutem Käs tractirten; es auch unserm Belieben über<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ließen, wie viel wir ihnen dafür geben wollten, wobei sie, wie mir schien, unser<lb n="13"/>Cassirer ihre Rechnung nicht finden ließ. Dessen ungeachtet waren sie höflich genug,<lb n="14"/>mir einen Handschuh, den ich dort liegen ließ, durch einen Mann, der unsere Straße<lb n="15"/>auch ging, noch nachzuschicken. – In der Abendkühle gingen wir in blumigten, mit<lb n="16"/>hohem Gras bewachsenen Wiesen und zwischen ganz grünen Bergen an einem ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>fallenen Zwingherrnschloß vorbei, zuerst durch das Dorf <hi rendition="#g">Imdorf</hi>, dann durch das<lb n="18"/>Dorf <hi rendition="#g">Hospital</hi>, von wo aus sich der Weg über den Gotthard nach Italien erhebt<lb n="19"/>und den wir rechter Hand ließen. Er hat weiter nichts Merkwürdiges und ist nichts<lb n="20"/>als eine fortgesetzte Steinkluft, daran wir herzlich überdrüssig zu werden anfingen.<lb n="21"/>Nach zwei kleinen Stunden kamen wir in’s Dorf <hi rendition="#g">Urseren</hi> oder <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Matt</hi>.<lb n="22"/>Wir begnügten uns, die beschneeten Gipfel von hier aus zu sehen. Man machte uns<lb n="23"/>auch auf ein Tannenwäldchen aufmerksam, das am Abhange eines Theils des Gott<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>hard gegen Urseren zu steht und in dem einen Ast abzuhauen bei Verlust der Freiheit<lb n="25"/>verboten ist, indem die Einwohner es für eine Art von Schutzwand gegen die Lauinen<lb n="26"/>ansehen, das ihre Kraft ein wenig bricht und aufhält. – Wir mußten hier, unseres<lb n="27"/>Unglaubens ungeachtet, uns den Geboten der Kirche unterwerfen und uns heute mit<lb n="28"/>Fastenspeisen begnügen.</p>
<p><lb n="29"/>Samstags verließen wir Urseren und durch Eintritt in das <hi rendition="#g">Urnerloch</hi> auch das<lb n="30"/>Urserenthal. Dies berühmte Loch ist eine kleine halbe Stunde von Urseren und ein<lb n="31"/>finsteres Felsengewölb 80 Schritt lang. Wir traten jetzt in eine rauhe Felsengegend,<lb n="32"/>die sich von der wilden Reuß zu beiden Seiten ungestalt und todt erhebt, und wir<lb n="33"/>begriffen, wie angenehm die Ueberraschung für die Reisenden sein müsse, die aus<lb n="34"/>dieser Wüste durch die Nacht des Urnerlochs in das heitere, grüne Urserenthal<lb n="35"/>treten. Bald gelangten wir an die so berühmte <hi rendition="#g">Teufelsbrücke</hi>, an der uns zunächst<lb n="36"/>nur ihre Berühmtheit merkwürdig war und die nothwendig auf die von Unten<lb n="37"/>kommenden Reisenden einen größeren Eindruck machen muß, welche aus der Tiefe</p>
<pb n="396" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=417" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>am Ufer der tobenden Reuß zwischen den wilden Felsen keinen Ausweg mehr<lb n="2"/>erblicken, sie jetzt von einem zum andern gesprengt sehen und über sie einen Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gang hoffen. Sie ist übrigens breit genug, daß ein kleiner Wagen, char à banc, dar<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>über fahren und 4 Personen bequem neben einander gehen können und hat schlechter<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>dings nichts Gefährliches. Gegen sie her stürzt die Reuß mit gräßlichem Schäumen<lb n="6"/>und Toben sich aus einer beträchtlichen Höhe durch widersträubende Felsen und<lb n="7"/>bildet einen merkwürdigen Wasserfall. Zu beiden Seiten des Bettes der tobenden<lb n="8"/>Reuß erheben sich senkrechte, formlose, kahle Steinmassen, auf denen hier und dort<lb n="9"/>ein dürftiger grüner Fleck sich zeigt, der mühsam erstiegen und abgemäht wird. Hin<lb n="10"/>und wieder erblickt man beschneete Gipfel. An diesen Felsen hin windet oder stiehlt<lb n="11"/>sich bald auf der einen, bald auf der andern Seite, bald aufwärts, bald abwärts, die<lb n="12"/>steinigte Straße in beständigen Schlangenwindungen. Zwischen Wassen und dem<lb n="13"/>Dorfe Steg liegt auf einer Wiese neben dem Wege ein isolirtes ungeheures Felsen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stück und es ist begreiflich, daß dem Kindersinn dieser Hirtenvölker schon lange sein<lb n="15"/>Hiersein auffiel und an dasselbe einen <hi rendition="#g">Mythos</hi> anknüpfte. Aber wie immer, wie<lb n="16"/>auch bei der Teufelsbrücke, hat die christliche Einbildungskraft nichts als eine <hi rendition="#g">ab</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">geschmackte</hi> <hi rendition="#g">Legende</hi> hervorgebracht.</p>
<p><lb n="18"/>Von <hi rendition="#g">Wassen</hi> waren wir in 3 Stunden im Dorf zum <hi rendition="#g">Steg</hi>, wo wir zu Mittag<lb n="19"/>speisten. Alle Wirthe diese Straße herab haben einen Vorrath von <hi rendition="#g">Krystallen</hi>,<lb n="20"/>die sie von Hirten, welche in die hohen Berge kommen, einkaufen und dann einen<lb n="21"/>Handel damit treiben. Sie verstehen sehr gut Unterschiede zwischen Stücken von<lb n="22"/>größerem und geringerem Werth zu machen und die Preise darnach zu bestimmen.<lb n="23"/>Von Wassen an wird die Landschaft schon etwas milder. Das Thal ist hie und da<lb n="24"/>etwas breiter. Die hohen Gebirge treten unten zum Theil mit sanftern Abhängen in<lb n="25"/>die Reuß hinab, auf welchen sich mit Obstbäumen bepflanzte Wiesen und zerstreute<lb n="26"/>Wohnungen finden. Nirgend schienen mir die Berge so hoch als hier in diesen jetzt<lb n="27"/>tieferen Gegenden, denn man erblickt hier sehr hohe Gipfel von Urnerbergen, an<lb n="28"/>deren Fuß wir uns selbst befanden, da wir vorher meist, wenn wir auch Gipfel<lb n="29"/>höherer Berge vor uns hatten, uns entweder zu weit von ihrem Fuß entfernt oder<lb n="30"/>selbst in einer beträchtlichen Höhe befanden. Oder waren wir auch am Fuße eines<lb n="31"/>jener großen Riesen, so konnten wir nur etwa den Gipfel des ersten Absatzes er<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>blicken, der uns die übrigen und die höchste Spitze entzog. Nach 3 1/2 Stunde Wegs<lb n="33"/>kamen wir Abends in <hi rendition="#g">Altdorf</hi> an und hatten so in Einem Tage gemächlich den<lb n="34"/>ganzen Canton Uri durchzogen.</p>
<p><lb n="35"/>Sonntag früh gingen wir nach <hi rendition="#g">Flüelen</hi>, das eine halbe Stunde von Altdorf liegt,<lb n="36"/>uns dort einzuschiffen. Um die Concurrenz der Schiffer zu vermeiden, muß jeder<lb n="37"/>nach der Reihe von den Reisenden genommen werden. Zugleich ist auch der Tax</p>
<pb n="397" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=418" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">BERICHT ÜBER EINE ALPENWANDERUNG</fw>
<p><lb n="1"/>von der Obrigkeit bestimmt. Wir fuhren zum Theil neben hohen Felsen zuerst nach<lb n="2"/><hi rendition="#g">Tell’s</hi> <hi rendition="#g">Capelle</hi>, die noch nicht lange frisch ausgemalt zu sein scheint, und nicht,<lb n="3"/>wie ich erwartete, durch ihr Alter oder Einfalt etwas Ehrwürdiges an sich hat. Sie<lb n="4"/>ist gut von Stein gebaut und zeichnet sich vor andern katholischen Capellen der Art<lb n="5"/>durch nichts aus, als durch die ziemlich gesudelten Malereien al fresco, die sich in<lb n="6"/>ihrem Portal befinden und sich auf die Geschichte Tell’s und der andern Gründer<lb n="7"/>der Freiheit dieser Cantone beziehen. In 2 1/2 Stunde von Flüelen aus waren wir in<lb n="8"/><hi rendition="#g">Brunnen</hi>. Wir sahen unterwegs auf der entgegengesetzten Seite auch das <hi rendition="#g">Grittli</hi><lb n="9"/>oder den grünen Fleck, wo die drei ersten Bundesbrüder den Bund beschworen. In<lb n="10"/>Brunnen fanden wir an Herrn Altlandvoigt Zollner und Hirschwirth Ulrich einen sehr<lb n="11"/>gefälligen Mann. Hier verließen uns auch 2 unserer Reisegefährten. – Auf dem Wege<lb n="12"/>von Brunnen nach Gersau kamen wir an der einsamen <hi rendition="#g">Clause</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">Wald</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">bruders</hi>, die hart am Ufer liegt, vorbei, so wie an einer Capelle, die <hi rendition="#g">Kindlein</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">mord</hi> heißt, ein Name, der auf die Veranlassung zur Erbauung der Capelle deutet.<lb n="15"/>Die Schiffer erzählten uns davon folgende durch ihre Einfalt und den Contrast der<lb n="16"/>Verdorbenheit und Unschuld rührende Geschichte. Ein Spielmann hatte auf diesem<lb n="17"/>einsamen Fleck sein kleines Mädchen allein gelassen und jenseits des Sees zu einem<lb n="18"/>Tanze aufgespielt und wohlgelebt. Als in der Nacht spät der Vater zu dem ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lass’nen Kinde zurückkam, bat es ihn ganz hungrig um Brod. Der Vater behandelte<lb n="20"/>es rauh. Das Kind bat flehentlich. Er versprach ihm endlich zu geben, wenn es drei<lb n="21"/>Fragen beantworten könne, deren zwei letzte mir noch im Gedächtniß sind. Was<lb n="22"/>süßer sei, als Honig? Das Kind antwortete: die Muttermilch. Was härter als Stein?<lb n="23"/>Des Vaters Herz, entgegnete das Kind, und voll Grimm schlug er es, daß es dort todt<lb n="24"/>gefunden wurde, und die fromme Einfalt errichtete an diesem Platze eine Capelle<lb n="25"/>zur Sühne der beleidigten Unschuld. – <hi rendition="#g">Gersau</hi> ist ein artiger Flecken, nah am Ufer<lb n="26"/>des Sees, in einem anmuthigen Thälchen, eine freie unabhängige Republik, die einige<lb n="27"/>reiche Seidenfabricanten haben soll, welche einer Menge Menschen in den umliegen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>den Gegenden Nahrung geben. Gegen uns über hatten wir schon das Unterwaldner<lb n="29"/>Gebiet. Weiterhin sahen wir in Unterwalden Bekkenried, eine Stunde davon Buochs<lb n="30"/>und, im Hintergrunde der Gegend, Stanz. Der Pilatus schließt die Aussicht. Wir<lb n="31"/>ließen diesen Arm des Sees links, passirten durch eine Enge, bekamen zum Theil den<lb n="32"/>Riggiberg zur Rechten und erblickten gegen Lucern hin zum ersten Mal wieder über<lb n="33"/>die schöne Spiegelfläche des Sees niedrigere Hügel, die unserm Auge, das bisher theils<lb n="34"/>erhabne, theils graue und traurige Berge und fast nie eine weite Aussicht gehabt hatte,<lb n="35"/>sehr wohl thaten.</p>
<p><lb n="36"/>Die Fahrt bis hieher zwischen den grünen höchst abwechselnden Ufern des Sees,<lb n="37"/>die sich auf der reinen Oberfläche spiegelten, war sehr angenehm gewesen. Jetzt</p>
<pb n="398" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=419" type="body"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<p><lb n="1"/>erhub sich hinter uns ein Ungewitter. Der Donner rollte und große Tropfen fielen<lb n="2"/>auf den doch immer ruhigen See. Wir mußten, uns vor dem Regen zu schützen, eine<lb n="3"/>Weile an’s Land treten. Gegen uns über sahen wir den Schutt von dem in den See<lb n="4"/>hinabgeglittenen Dorf <hi rendition="#g">Weggis</hi>. Ein Jahr vorher hatten im Julius mehre Männer<lb n="5"/>gefühlt, daß das Erdreich und die ganze Landschaft sich sanft bewege. Sie machten<lb n="6"/>die übrigen Bewohner des Dorfs aufmerksam darauf, die sich mit ihrer Habe flüch<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>teten; 14 Tage dauerte das Rutschen, während welcher sie Alles retten, auch einige<lb n="8"/>Häuser abbrechen und fortschaffen konnten, bis endlich von den übrigen vollends<lb n="9"/>eins nach dem andern in den See stürzte. – Wir befanden uns bald gegen der Insel<lb n="10"/>über, auf der wir <hi rendition="#g">Raynal’s</hi> Pyramide erblickten. Wir wollten uns da nicht auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>halten, weil ein neues Ungewitter uns bedrohete, das uns, indeß wir an den jetzt<lb n="12"/>angenehm mit Landhäusern besäeten Gestaden dahinflogen, noch durchnetzte, ehe<lb n="13"/>wir in <hi rendition="#g">Lucern</hi> vollends einliefen.</p>
<pb n="399" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=420" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
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<head><lb n="1"/>ELEUSIS<lb n="2"/>An Hölderlin. August. 1796.</head>
<quote><lb n="3"/>Um mich, in mir wohnt Ruhe, – der geschäftgen Menschen<lb n="4" type="absatz"/>nie müde Sorge schläft, sie geben Freiheit<lb n="5" type="absatz"/>und Musse mir – Dank dir, du meine<lb n="6" type="absatz"/>Befreierin o Nacht! – mit weissem Nebelflor<lb n="7" type="absatz"/>umzieht der Mond die ungewissen Gränzen<lb n="8" type="absatz"/>der fernen Hügel; freundlich blinkt<lb n="9" type="absatz"/>der helle Streif des Sees herüber –<lb n="10" type="absatz"/>des Tags langweil’gen Lermen fernt Errinnerung,<lb n="11" type="absatz"/>als lägen Jahre zwischen ihm und izt;<lb n="12" type="absatz"/>dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,<lb n="13" type="absatz"/>und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie<lb n="14" type="absatz"/>des Wiedersehens süssern Hofnungen –<lb n="15" type="absatz"/>Schon mahlt sich mir der langersehnten, feurigen<lb n="16" type="absatz"/>Umarmung Scene, dann der Fragen des geheimern<lb n="17" type="absatz"/>des wechselseitigen Aussphähens Scene,<lb n="18" type="absatz"/>was hier an Haltung, Ausdruk, Sinnesart am Freund<lb n="19" type="absatz"/>sich seit der Zeit geändert, – der Gewisheit Wonne,<lb n="20" type="absatz"/>des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,<lb n="21" type="absatz"/>des Bundes, den kein Eid besigelte,<lb n="22" type="absatz"/>der freyen Wahrheit nur zu leben, Frieden mit der Sazung,<lb n="23" type="absatz"/>die Meinung und Empfindung regelt, nie nie einzugehn.<lb n="24" type="absatz"/>Nun unterhandelt mit der trägern Wirklichkeit der Wunsch,<lb n="25" type="absatz"/>der über Berge Flüße leicht mich zu dir trug,<lb n="26" type="absatz"/>– doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer, und mit ihm<lb n="27" type="absatz"/>entflieh’t der süssen Phantasien Traum.<lb n="28" type="absatz"/>Mein Aug erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,<lb n="29" type="absatz"/>zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!<lb n="30" type="absatz"/>und aller Wünsche, aller Hofnungen</quote>
<pb n="400" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=421" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<quote><lb n="1"/>Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab;<lb n="2" type="absatz"/>⟨der Sinn verliert sich in dem Anschaun,<lb n="3" type="absatz"/>was mein ich nannte schwindet,<lb n="4" type="absatz"/>ich gebe mich dem unermeslichen dahin,<lb n="5" type="absatz"/>ich bin in ihm bin alles, bin nur es.<lb n="6" type="absatz"/>Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,<lb n="7" type="absatz"/>ihm graut vor dem unendlichen, und staunend fast<lb n="8" type="absatz"/>er dieses Anschauns Tiefe nicht.<lb n="9" type="absatz"/>Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige<lb n="10" type="absatz"/>vermählt es mit Gestalt –⟩ Willkommen, ihr<lb n="11" type="absatz"/>erhabne Geister, hohe Schatten,<lb n="12" type="absatz"/>von deren Stirne die Vollendung strahlt!<lb n="13" type="absatz"/>er schrekket nicht, – ich fühl’ es ist auch meiner Heimath Aether,<lb n="14" type="absatz"/>der Ernst, der Glanz, der euch umfliest.<lb n="15" type="absatz"/>Ha! sprängen, izt die Pforten deines Heiligthumes selbst,<lb n="16" type="absatz"/>O Ceres, die du in Eleusis throntest! Von<lb n="17" type="absatz"/>Begeistrung trunken fühlt’ ich izt,<lb n="18" type="absatz"/>die Schauer deiner Nähe,<lb n="19" type="absatz"/>verstände deiner Offenbahrungen,<lb n="20" type="absatz"/>ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme<lb n="21" type="absatz"/>die Hymnen bei der Götter Mahlen,<lb n="22" type="absatz"/>die hohen Sprüche ihres Raths. –<lb n="23" type="absatz"/>Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!<lb n="24" type="absatz"/>Geflohen ist der Götter Krais zurük in den Olymp<lb n="25" type="absatz"/>von den entheiligten Altären,<lb n="26" type="absatz"/>Geflohn von der entweihten Menschheit Grab,<lb n="27" type="absatz"/>der Unschuld Genius, der her sie zauberte! –<lb n="28" type="absatz"/>die Weisheit deiner Priester schweigt, kein Ton der heil’gen Weihn<lb n="29" type="absatz"/>hat sich zu uns gerettet – und vergebens sucht<lb n="30" type="absatz"/>des Forschers Neugier – mehr, als Liebe<lb n="31" type="absatz"/>zur Weisheit (sie besizen die Sucher, und</quote>
<pb n="401" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=422" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ELEUSIS · AN HÖLDERLIN</fw>
<quote><lb n="1"/>verachten dich – um sie zu meistern graben sie nach Worten,<lb n="2" type="absatz"/>in die dein hoher Sinn gepräget wär!<lb n="3" type="absatz"/>Vergebens! etwa Staub und Asche nur erhaschten sie,<lb n="4" type="absatz"/>worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.<lb n="5" type="absatz"/>Doch unter Moder und entseeltem auch gefielen sich<lb n="6" type="absatz"/>die ewigtodten! – die genügsame! – umsonst – es blieb<lb n="7" type="absatz"/>kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur!<lb n="8" type="absatz"/>Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle<lb n="9" type="absatz"/>des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,<lb n="10" type="absatz"/>als daß er trokne Zeichen ihrer würdigte.<lb n="11" type="absatz"/>Schon der Gedanke fast die Seele nicht,<lb n="12" type="absatz"/>die ausser Zeit und Raum in Ahndung der Unendlichkeit<lb n="13" type="absatz"/>versunken sich vergist, und wieder zum Bewustseyn nun<lb n="14" type="absatz"/>erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,<lb n="15" type="absatz"/>Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armuth<lb n="16" type="absatz"/>ihm graut das heilige so klein gedacht,<lb n="17" type="absatz"/>durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,<lb n="18" type="absatz"/>und daß er bebend sich den Mund verschliest.<lb n="19" type="absatz"/>Was der geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises<lb n="20" type="absatz"/>Gesez den ärmern Geistern, das nicht kund zu thun,<lb n="21" type="absatz"/>was er in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt –<lb n="22" type="absatz"/>daß nicht den bessern selbst, auch ihres Unfugs Lerm<lb n="23" type="absatz"/>in seiner Andacht stört’, ihr hohler Wörterkram<lb n="24" type="absatz"/>ihn auf das heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht<lb n="25" type="absatz"/>so in den Koth getretten würde, daß man dem<lb n="26" type="absatz"/>Gedächtnis gar es anvertraute, – daß es nicht<lb n="27" type="absatz"/>[zum] Spielzeug und zur Waare des Sophisten<lb n="28" type="absatz"/>die er obolenweiß verkaufte,<lb n="29" type="absatz"/>zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar<lb n="30" type="absatz"/>zur Ruthe schon des frohen Knaben, und so leer<lb n="31" type="absatz"/>am Ende würde, daß es nur im Widerhall<lb n="32" type="absatz"/>von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.<lb n="33" type="absatz"/>Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,<lb n="34" type="absatz"/>nicht deine Ehr’ auf Gaß’ und Markt, verwahrten sie</quote>
<pb n="402" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=423" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ALPENWANDERUNG / ELEUSIS</fw>
<quote><lb n="1"/>im innern Heiligthum der Brust –<lb n="2" type="absatz"/>drum lebtest du auf ihrem Munde nicht,<lb n="3" type="absatz"/>ihr Leben ehrte dich, in ihren Thaten lebst du noch.<lb n="4" type="absatz"/>Auch diese Nacht, vernahm ich, heilige Gottheit dich,<lb n="5" type="absatz"/>dich offenbahrt oft mir auch deiner Kinder Leben,<lb n="6" type="absatz"/>dich ahnd’ ich oft als Seele ihrer Thaten!<lb n="7" type="absatz"/>Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben<lb n="8" type="absatz"/>der, eine Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.</quote>
<pb n="403" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=424" type="body"/>
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<div>
<head><lb n="1"/>NICHT NÄHER DATIERBARES</head>
<pb n="405" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=427" type="body"/>
<fw type="header" place="top">NICHT NÄHER DATIERBARES</fw>
<head><lb n="1"/>UEBER LESSING’S BRIEFWECHSEL MIT SEINER FRAU.</head>
<p><lb n="2"/>Ich las neulich <hi rendition="#g">Lessing’s</hi> <hi rendition="#g">Briefwechsel</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Frau</hi>; – die Empfindung,<lb n="3"/>die ich Theils während des Lesens hatte, Theils zurückbehielt, war ganz eigen;<lb n="4"/>es war Interesse mit Vergnügen und Wehmuth vermischt; nach einem langen<lb n="5"/>Romanlesen kann nichts erwünschter kommen, als so eine ganz aus dem wirklichen<lb n="6"/>Leben genommene Unterhaltung. Man ist immer auf die Entwicklung begierig;<lb n="7"/>obgleich keine Intrigue und große Hindernisse die Entwicklung aufhalten, – ge<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wöhnliche Erfordernisse in einem Roman, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu<lb n="9"/>spannen, – so fehlt doch das Interesse nie, und ist um so viel herzlicher und theil<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nehmender, weil die Umstände so ganz natürlich und menschlich sind; das einzige<lb n="11"/>Hinderniß, das sich in den Weg legt, bezieht sich auf den Punkt, der heutzutage<lb n="12"/>am meisten, oft fast allein (hier freilich nicht) in Betracht kommt, nämlich das<lb n="13"/>hinlängliche Auskommen; (denn die Liebe ist nimmer so stark, daß man mitein<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ander in Wüsteneien zieht, aller Bequemlichkeiten sich entschlägt und nur von der<lb n="15"/>Liebe lebt) – und da jenes Erforderniß noch nicht hinlänglich gesichert war, so<lb n="16"/>wird die Verbindung immer aufgeschoben. – Kein grausamer Vater, kein harter<lb n="17"/>Onkel oder Vormund, kein der Unschuld nachstellender Lord ist es, der die Heirath<lb n="18"/>aufhält, – die Zeit, in welcher der Briefwechsel fortdauert, ist sechs Jahre, – welche<lb n="19"/>lange Zeit für einen Bräutigam und eine Braut! und in diesem Zwischenraum fast<lb n="20"/>nichts als Verdruß und Leiden durch Krankheiten, und dann die Dauer der Ehe<lb n="21"/>– war nur drei Jahre; – stoßen einem hier nicht Betrachtungen über die Nichtigkeit<lb n="22"/>des Menschen und seiner angenehmsten Sorgen auf? – Sollte man nicht denken,<lb n="23"/>wenn ein Mensch dieß voraus wüßte, würde er nicht einen frühern Tod, als ihm<lb n="24"/>die Natur bestimmt hat, einem solchen Leben vorziehen? – Vielleicht, wenn man<lb n="25"/>sich ein Leben voll lauter Elend und Mühseligkeit denkt, – aber man bringt nicht<lb n="26"/>in Anschlag, was das Leben in concreto ist, – die angenehme Gewohnheit des<lb n="27"/>Wirkens und Thätigseyns, wie es Göthe nennt, – das uns beständig beschäftigende<lb n="28"/>unaufhörliche Einströmen von Empfindungen in die körperliche Behaglichkeit; –<lb n="29"/>bei einem Menschen, der den Gedanken, sich selbst außer allen diesen Verhältnissen<lb n="30"/>zu setzen, ausführen kann, müssen die Vorstellungen und das Wirken der Seele<lb n="31"/>fast bloß nach innen gehen, und das Band, das durch die Sinne ihn an die ganze<lb n="32"/>Natur knüpft, muß sehr schwach seyn. – Doch von dieser Digression wieder auf<lb n="33"/>Lessing’s Briefwechsel zu kommen, so ist der ganze Ton desselben, wenigstens<lb n="34"/>größtentheils mehr geschickt, – den Leser zu Wehmuth als zu angenehmer Empfin-</p>
<pb n="406" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=428" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>dung zu stimmen. – Aber die Sprache des Schmerzes und der Leiden ist viel beredter<lb n="2"/>als die Sprache der Freude, und der Genuß der letztern nicht so bemerkbar, wie die<lb n="3"/>Empfindung des erstern. Der trübe Augenblick, in dem wir schreiben, überzieht<lb n="4"/>auch das Andenken an frohe Stunden mit einem schwarzen Flor, außerdem, daß<lb n="5"/>er das Traurige noch hervorhebt, stärkere Farben aufträgt, und zu viel Schatten<lb n="6"/>ins Gemälde bringt. – Oft mischt sich auch eine kleine – heimliche, dem Angesteck<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ten selbst unbemerkte Eitelkeit in’s Spiel, – die uns aus dem hintersten Winkel des<lb n="8"/>Herzens überredet, – es erwecke mehr Interesse, die Theilnahme sey größer, wenn<lb n="9"/>man uns leiden, als wenn man uns fröhlich sieht, wir erscheinen etwas größer im<lb n="10"/>Schmerz als in der Freude u.s.f. Noch eine Bemerkung war mir sehr auffallend;<lb n="11"/>– wenn Lessing’s Geliebte von ihrer üblen Laune, ihrer verdrüßlichen Lage u. dgl.<lb n="12"/>schreibt, – und er gerade guten Humors ist, so kommt er mit Lebensregeln an<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gezogen, mit Vorschriften aus der arte bene vivendi, – als ob er die vergnügte<lb n="14"/>Laune, in die ihn die Umstände versetzten, (vielleicht ein schöner Tag, verbunden<lb n="15"/>mit dem Gefühl der Gesundheit), – sich selber, der Befolgung seiner weisen Maximen<lb n="16"/>allein zu danken hätte. – Hierin betrügt sich das liebe eitle Herzchen oft. – Durch<lb n="17"/>Fröhlichkeit wird Zufriedenheit mit sich selbst über sein Thun und Lassen, über<lb n="18"/>das Gelingen kluger Plane, über seine äußeren Umstände befördert; – man glaubt<lb n="19"/>aber, es sey immer der Fall umgekehrt, nur wenn wir mit unserm Gewissen, mit<lb n="20"/>unserer Klugheit zufrieden zu seyn Ursache zu haben vermeinen, so soll die Folge<lb n="21"/>davon Heiterkeit des Gemüths, und wahres Vergnügen seyn; – wie gesagt, meist<lb n="22"/>ist es umgekehrt; – Gefühl der Gesundheit – schönes Wetter – Freiheit von gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wärtigen Sorgen – eine Aussicht auf ein fröhliches Mahl, setzt uns in einen Zustand<lb n="24"/>von Frohheit, und dieser täuscht uns gar zu gern; nur Unglück erweckt die Stacheln<lb n="25"/>des Gewissens, häuft das Andenken aller zu bereuenden Unbesonnenheiten zu<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sammen und läßt es selten dabei bewenden, die Seele mit dem Gefühl der traurigen<lb n="27"/>Lage, der Schmerzen u.s.f. erfüllt zu haben, sondern ruft auch Unzufriedenheit mit<lb n="28"/>sich selbst, Selbstanklage zu Hülfe, um der Seele vollends den Muth zu rauben,<lb n="29"/>der standhaft, stolz auf seine Unschuld, dem Schmerze trotzt. – Aber hier hebst<lb n="30"/>du allen Unterschied zwischen guten und bösen Menschen auf? Nur bei den letztern<lb n="31"/>mag dein hier entworfenes Gemälde passen. Nein, aber der Unterschied ist hier<lb n="32"/>nicht spezifisch, – sondern nur den Graden nach. Wo finden wir den Menschen, – der<lb n="33"/>das Bewußtseyn hat, immer mit der besten Absicht, – immer nach der ewigen<lb n="34"/>Regel des Rechts, und zugleich immer mit der größten Klugheit gehandelt zu<lb n="35"/>haben, und der sich in Ansehung dieser Punkte nichts vorzuwerfen hat. Der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>muth ruft oft längst abgethane Sachen zurück, – und so sehr wir oft streben, der<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gleichen Bilder schnell wegzuhauchen, so bleibt doch das nachfolgende Gefühl,<lb n="38"/>das sich mit dem vorhandenen Unmuth vermischt, zurück. – Doch zurück zu<lb n="39"/>kommen auf Lessing’s Moralien, so finden wir oft gleich im nächsten Briefe, – durch</p>
<pb n="407" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=429" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>Umstände die Wirksamkeit derselben ganz aufgehoben, und den auffallendsten<lb n="2"/>Beweis, wie wenig Maximen über den Eindruck, der sich auf Vergnügen und<lb n="3"/>Unlust bezieht, vermögen. –</p>
<p><lb n="4"/>Der Ton der Briefe ist gegenseitige Theilnahme, Mittheilung seiner Angelegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heiten und Geschäfte, seines Kummers und seiner Freude, – und Antheil daran auf<lb n="6"/>der andern Seite. – Der Ausdruck ist ungekünstelt und bleibt bei dem Allgemeinen<lb n="7"/>stehen, – er zergliedert die Empfindung nicht; sie giebt den Totaleindruck an, –<lb n="8"/>gerade wie wir es bei den Griechen sehen, wo eine Tragödie kein Kompendium<lb n="9"/>der empirischen Psychologie in nuce ist, wie oft heutzutage; – dieß ist Natur, – diese<lb n="10"/>geht auf Genuß und Empfindung. – Die frühen Umstände der Jugend und der<lb n="11"/>Erziehung hemmen den Eindruck der Natur in uns, – wir werden zu viel daran<lb n="12"/>gewöhnt, daß die Seele sich mit sich selbst beschäftige, – die äußern Gegenstände<lb n="13"/>zu viel nach Begriffen beurtheile, nicht nach den Empfindungen der Schönheit; – das<lb n="14"/>Herz wird verschlossen und nur der kalte, berechnende Verstand bleibt übrig, – der<lb n="15"/>am Ende bloß an den Mitteln kleben bleibt, und des Zwecks nie gedenkt. – Ein<lb n="16"/>schneidender Unterschied unserer Sitten und unsers Charakters von dem griechi<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schen ist wohl dadurch abgezeichnet, daß der Dichter, der zum Genuß des Lebens<lb n="18"/>durch Erinnerung an den Tod aufriefe: »Mensch, genieße dein Leben!« u.s.f., bei<lb n="19"/>uns sehr abgeschmackt erscheinen würde. – Wie würde ich heute das Leben genießen<lb n="20"/>können, wenn morgen der Tod mich abriefe!</p>
<p><lb n="21"/>Nur der Grieche konnte so genießen, sich für ein jedes Wesen, das Leben und<lb n="22"/>Empfindung äußert, interessiren; – überall entdeckte der reine Geist der Griechen<lb n="23"/>ein ungekünsteltes Verhältniß, woran das Herz Theil nahm; er zeigt sich von dieser<lb n="24"/>Seite am edelsten in ihren Sinngedichten, er scheint sich zu dem unsrigen zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>halten, wie ein Knabe, der an eine Rose riecht, zu dem Apotheker, der Rosenwasser<lb n="26"/>daraus macht. Keusche Reinheit und liebliche Schamhaftigkeit scheint überhaupt<lb n="27"/>ein Eigenthum des griechischen Genius gewesen zu seyn.</p>
<pb n="408" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=430" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>MENSCHEN, FRÜHE …</head>
<p><lb n="2"/>Menschen, frühe in das todte Meer moralischen Geschwätzes getaucht, gehen<lb n="3"/>zwar auch unverwundbar, wie Achilles, heraus, aber die menschliche Kraft ist auch<lb n="4"/>darin ersäuft worden.</p>
<pb n="409" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=431" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>DER STREIT ÜBER …</head>
<p><lb n="2"/>Der Streit über die <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wunder</hi> wird vor<lb n="3"/>verschiedenen Gerichtshöfen geführt und wird nicht so bald aus der Verwirrung<lb n="4"/>gesetzt werden können, als bis man die streitenden Parteien hierüber verständigt hat.<lb n="5"/><hi rendition="#g">Ueber</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Phantasie</hi> <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">Alle</hi> <hi rendition="#g">einig</hi> und nur der Phan<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tasie derjenigen sind die Wunder unzugänglich, bei denen sich der Verstand immer<lb n="7"/>darein mischt. Wenigstens die Urtheilskraft findet sich immer darein gezogen, um<lb n="8"/>die Zweckmäßigkeit zu dem vorgegebenen Zweck zu beurtheilen. Von Seiten der<lb n="9"/>ästhetischen Urtheilskraft, der Freiheit der Einbildungskraft ist <hi rendition="#g">Herder</hi> der erste,<lb n="10"/>vielleicht der einzige, der das alte Testament in diesem Sinne behandelt hat, eine<lb n="11"/>Bearbeitung, deren das neue Testament nicht fähig ist. Die Bestreiter der Wunder<lb n="12"/>ziehen die Sache gewöhnlich vor den Richterstuhl des Verstandes. Ihre Waffen sind<lb n="13"/>die Erfahrung und die Gesetze der Natur. Die Vertheidiger der Wunder verfechten<lb n="14"/>ihre Sache mit den Waffen einer Vernunft, nicht der selbstständigen, die unabhängig<lb n="15"/>aus ihrem Wesen allein sich Zwecke setzt, sondern einer Vernunft, der von Außen<lb n="16"/>Zwecke gesetzt sind und die dann denselben gemäß reflectirt, bald untergeordnete<lb n="17"/>Zwecke erfindet, bald höhere aus denselben erschließt. Der Widerspruch zwischen<lb n="18"/>beiden Parteien: <hi rendition="#g">ob</hi> <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">bei</hi> <hi rendition="#g">Gründung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Menschen</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Historie</hi> <hi rendition="#g">ausgehen</hi> <hi rendition="#g">müsse</hi>? – reducirt sich auf die Frage:<lb n="20"/>Kann der höchste Zweck der Vernunft ihr nur von ihr selbst gegeben werden, wider<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>spricht es nicht dem Innersten ihres Wesens, wenn er ihr von Außen oder durch<lb n="22"/>fremde Auctorität gesetzt wird – oder ist die Vernunft dessen unfähig? – Bei diesem<lb n="23"/>Punct allein sollten die Bestreiter der Wunder die Vertheidiger derselben festhalten.<lb n="24"/>Sich auf historische und exegetische Erörterungen einzulassen, auf ihr Feld sich zu<lb n="25"/>begeben, heißt sein Recht nicht kennen oder es nicht behaupten und die Vertheidiger<lb n="26"/>derselben haben gewonnen Spiel. Denn wenn man auch von jedem einzelnen Wun<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>der zeigen könnte, daß es sich natürlich erklären lasse (wobei jedoch alle bisherige<lb n="28"/>dergleichen Erklärungen bei den meisten im höchsten Grade gezwungen ausfallen<lb n="29"/>und im Ganzen nie für Jedermann befriedigend ausfallen können, bis der Grundsatz<lb n="30"/>allgemein geworden, durch keine Geschichte, keine Auctorität könne der Vernunft<lb n="31"/>ihr höchster Zweck gesetzt werden), so hat man dem Vertheidiger schon zu viel<lb n="32"/>eingeräumt. Wenn nur Ein Wunder sich nicht erklären ließe, so hätte die Vernunft<lb n="33"/>ihr Recht verloren. Dies ist der höchste Standpunct, auf den wir uns stellen müssen.<lb n="34"/>Auf die Führung des Streits vor dem Richterstuhl des Verstandes sich einzulassen,</p>
<pb n="410" facs="GW%2001%20Fr%C3%BChe%20Schriften%20I.pdf#page=432" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>beweist schon, daß wir dort nicht recht fest stehen, daß uns die Erzählung von<lb n="2"/>Wunderbegebenheiten stutzig gemacht hat, daß wir es nicht von dort aus allein<lb n="3"/>wagen, sie von der Hand zu weisen, sondern daß die Thatsachen, die man uns als<lb n="4"/>Wunder ausgibt, fähig sein könnten, jene Selbstständigkeit der Vernunft umzu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stoßen. – Steigt man mit dem Wundervertheidiger auf das Feld des Verstandes<lb n="6"/>herunter, so wird ein Langes und Breites über die Möglichkeit und Unmöglichkeit<lb n="7"/>gestritten. Auch dieser Punct wird gemeiniglich unentschieden gelassen und wenn es<lb n="8"/>zum Einzelnen kommt, fordert der Wunderbestreiter entweder, daß die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nehmungen zu Erfahrungen erhoben, d. h. aus Naturgesetzen erklärt werden, oder,<lb n="10"/>wenn er hieran verzweifelt, so leugnet er die Wahrnehmungen selbst – und beide<lb n="11"/>Theile verstehen einander nicht mehr. Der Vertheidiger der Wunder kann nicht<lb n="12"/>begreifen, welches Interesse der Bestreiter haben kann, die Wunder wegzuerklären<lb n="13"/>oder zu leugnen, denn dadurch, daß sich der Bestreiter hierauf eingelassen, hat er<lb n="14"/>seine Unentschiedenheit verrathen, ob seine Vernunft für sich stehen könne oder<lb n="15"/>nicht. Die Ungeschicklichkeit, die er bei seiner Aengstlichkeit zeigt und zeigen muß,<lb n="16"/>Alles erklären zu wollen, macht ihn theils verhaßt, weil man ihm dabei nur böse<lb n="17"/>Absichten zutraut, theils verräth er, daß er sich auch noch vor dem geringsten Rest<lb n="18"/>eines Wunders zu fürchten hätte, und sich oft mehr zu betäuben, als durch klare<lb n="19"/>Einsicht ganz unbefangen Ruhe und Sicherheit zu erwerben suche. Stellt sich der<lb n="20"/>Bestreiter aber aus polemischer Absicht, den Andern zu bekehren, auf einen nie<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>drigeren Standpunct, so unternimmt er, einen Mohren weiß zu waschen und stürzt<lb n="22"/>ihn in Zweifel und in einen Zustand ohne Haltung.</p>
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