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<title type="main">Jenaer Kritische Schriften</title>
<title type="short">Jenaer Kritische Schriften</title>
<author><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Hegel, Georg Wilhelm Friedrich</persName></author>
<respStmt><resp>Transkription und Kodierung</resp><persName>Giuliano Infantino</persName></respStmt>
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<publisher>Digitale Hegel Edition</publisher>
<idno type="work_id">gw-4</idno>
<idno type="siglum">GW 4</idno>
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<licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
<p n="database">CC BY 4.0</p>
<p n="text">public domain (Hegel, gest. 1831)</p>
<p n="attribution">Giuliano Infantino, Digitale Hegel-Edition, hegeledition.com</p>
<p n="excludes">Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht enthalten.</p>
<p n="warranty">Ohne Gewaehr. Keine Haftung fuer Richtigkeit oder Eignung.</p>
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<title type="source">Jenaer Kritische Schriften</title>
<title type="series">GW</title>
<biblScope unit="volume" n="4">4</biblScope>
<publisher>Felix Meiner Verlag</publisher>
<idno type="source_pdf">GW/GW 04 Jenear Kritische Schriften.pdf</idno>
<idno type="pdf_filename">GW 04 Jenear Kritische Schriften.pdf</idno>
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<projectDesc><p>Quellfassung der Digitalen Hegel-Edition: der vollständige Bestand des Bandes einschließlich
Titel-, Verzeichnis-, Leer- und Anhangseiten, aus dem sich die Leserdaten (work-*.js) exakt zurückgewinnen lassen.
Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht erfasst.</p></projectDesc>
<editorialDecl>
<p>Der Text steht einmal, in der Zeilenfolge des Drucks (lb/@n = gedruckte Zeilenzahl). Daraus ergeben sich zwei Fassungen:
die Druckzeilen und die Lesefassung. lb ergibt in der Lesefassung ein Leerzeichen, lb[@break="no"] nichts,
lb[@type="zeile"] einen Zeilenwechsel, lb[@type="absatz"] einen Absatzwechsel; das erste lb einer Einheit ergibt nichts.
Text vor dem ersten lb einer Einheit gehört nur der Lesefassung an.</p>
<p>Nur in den Druckzeilen stehen: pc[@force="weak"] (Trennstrich am Zeilenende), seg[@type="balken"] (Blattwechselbalken
der GW mit seinen Leerzeichen), seg[@type="marke"] (gedruckte Notenmarke am Notenanfang), seg[@type="verweis"]
(Verweisziffer auf den nicht erfassten Apparat), seg[@type="fuehrungspunkte"] und seg[@type="leerraum"] (Führungspunkte und Leerraum, die nur der Druck hat) und choice/orig. seg[@rend="g-umgekehrt"] steht in beiden Fassungen, in den Druckzeilen mit umgekehrtem Sperrzustand. Nur in der Lesefassung steht choice/reg.
ref[@type="anker"] gibt in den Druckzeilen die gedruckte Marke wieder, in der Lesefassung den Notenanker;
ptr[@type="anker"] steht in beiden Fassungen als Anker.</p>
<p>hi[@rendition="#g"] ist Sperrsatz; ein leeres hi steht für zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Grenzen.
lb[@rend="g-umgekehrt"]: an diesem Zeilenwechsel gilt in den Druckzeilen der umgekehrte Sperrzustand
(der Lauf ist dort zeilenweise geschlossen und neu geöffnet, in der Lesefassung läuft er durch, oder umgekehrt).</p>
<p>pb/@n ist die Buchseite der GW, pb/@facs die Seite im PDF-Scan, pb/@type die Seitenart des Bestands
(nur "body" erscheint im Leser), pb[@subtype="apparat"]: die Seite trägt im Druck Herausgeberapparat.
milestone[@unit="vorlage"]/@n: Seiten- oder Blattangabe der Vorlage (Originaldruck, Handschrift).
fw[@type="header"]: Kolumnentitel.</p>
<p>Hegels Noten: note/@xml:id ist die Notenkennung des Bestands (weitere Teile mit .t2, .t3 …, verkettet über
@prev/@next), @n die Marke, @type die Lage in der Handschrift (rand, ueber, kopf …), @place die Stellung im Druck
(margin, supralinear), @target die Zeile, an der eine Randnote steht. Überschriften öffnen ein neues div;
eine Hierarchie wird nicht behauptet.</p>
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<rendition xml:id="g" scheme="free">Sperrsatz</rendition>
<rendition xml:id="anmerkung" scheme="free">Anmerkung zum Paragraphen (im Druck kleiner)</rendition>
<rendition xml:id="grad2" scheme="free">zweiter Schriftgrad der GW</rendition>
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<profileDesc><langUsage><language ident="de">Deutsch</language></langUsage></profileDesc>
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<div type="inhalt" subtype="toc_printed"><list>
<item n="1"><ref n="1">DIFFERENZ DES FICHTE'SCHEN UND SCHELLING'SCHEN SYSTEMS DER PHILOSOPHIE</ref></item>
<item n="2"><ref n="5">Vorerinnerung</ref></item>
<item n="2"><ref n="9">Mancherlei Formen, die bey dem jetzigen Philosophiren vorkommen</ref></item>
<item n="2"><ref n="34">Darstellung des Fichte'schen Systems</ref></item>
<item n="2"><ref n="62">Vergleichung des Schelling'schen Princips der Philosophie mit dem Fichte'schen</ref></item>
<item n="2"><ref n="77">Reinhold</ref></item>
<item n="1"><ref n="93">KRITIKEN UND ANZEIGEN AUS DER ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</ref></item>
<item n="2"><ref n="95">Bouterweks Anfangsgründe der spekulativen Philosophie</ref></item>
<item n="2"><ref n="105">Zwei Schriften Werneburgs</ref></item>
<item n="2"><ref n="107">Gerstäckers Deduktion des Rechtsbegriffs</ref></item>
<item n="2"><ref n="112">Krugs Entwurf eines neuen Organon's der Philosophie</ref></item>
<item n="1"><ref n="113">KRITISCHES JOURNAL DER PHILOSOPHIE</ref></item>
<item n="2"><ref n="115">Ersten Bandes erstes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="117">Einleitung. Ueber das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt, und ihr Verhältniß zum gegenwärtigen Zustand der Philosophie insbesondere</ref></item>
<item n="3"><ref n="129">Ueber das absolute Identitäts-System und sein Verhältniß zu dem neuesten (Reinholdischen) Dualismus</ref></item>
<item n="3"><ref n="174">Wie der gemeine Menschenverstand die Philosophie nehme, – dargestellt an den Werken des Herrn Krug's</ref></item>
<item n="3"><ref n="188">Notizenblatt</ref></item>
<item n="4"><ref n="188">1. Besonderer Zweck des Blatts</ref></item>
<item n="4"><ref n="190">2. Ein Brief von Zettel an Squenz</ref></item>
<item n="2"><ref n="195">Ersten Bandes zweytes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="197">Verhältniß des Skepticismus zur Philosophie, Darstellung seiner verschiedenen Modificationen, und Vergleichung des neuesten mit dem alten</ref></item>
<item n="3"><ref n="239">Rückert und Weiß, oder die Philosophie zu der es keines Denkens und Wissens bedarf</ref></item>
<item n="3"><ref n="256">Notizenblatt</ref></item>
<item n="4"><ref n="256">1. Neue Entdeckung über die Fichte'sche Philosophie</ref></item>
<item n="4"><ref n="257">2. Bayern</ref></item>
<item n="5"><ref n="257">a) Beförderung auf der Landesuniversität Landshut</ref></item>
<item n="5"><ref n="257">b) Ausbruch der Volksfreude über den endlichen Untergang der Philosophie</ref></item>
<item n="4"><ref n="261">3. a) Aufnahme, welche die durchaus praktische Philosophie in Göttingen gefunden hat</ref></item>
<item n="5"><ref n="262">b) Ansicht des Idealismus daselbst</ref></item>
<item n="2"><ref n="263">Ersten Bandes drittes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="265">Ueber das Verhältniß der Naturphilosophie zur Philosophie überhaupt</ref></item>
<item n="3"><ref n="277">Ueber die Construction in der Philosophie</ref></item>
<item n="3"><ref n="294">Anzeige einiger die Naturphilosophie betreffenden Schriften. 1. Le Joyand</ref></item>
<item n="3"><ref n="298">Notizenblatt</ref></item>
<item n="4"><ref n="298">A. Notiz von Herrn Villers Versuchen, die Kantische Philosophie in Frankreich einzuführen</ref></item>
<item n="4"><ref n="309">B. Göttingen. I.–III.</ref></item>
<item n="2"><ref n="313">Zweyten Bandes erstes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="315">Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjectivität, in der Vollständigkeit ihrer Formen, als Kantische, Jacobische, und Fichtesche Philosophie</ref></item>
<item n="4"><ref n="325">A. Kantische Philosophie</ref></item>
<item n="4"><ref n="346">B. Jacobische Philosophie</ref></item>
<item n="4"><ref n="387">C. Fichtesche Philosophie</ref></item>
<item n="2"><ref n="415">Zweyten Bandes zweytes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="417">Ueber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie, und sein Verhältniß zu den positiven Rechtswissenschaften</ref></item>
<item n="2"><ref n="465">Zweyten Bandes drittes Stück</ref></item>
<item n="3"><ref n="467">Ueber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie, und sein Verhältniß zu den positiven Rechtswissenschaften. (Beschluß)</ref></item>
<item n="3"><ref n="486">Ueber Dante in philosophischer Beziehung</ref></item>
<item n="3"><ref n="494">Anzeige einiger die Naturphilosophie betreffenden Schriften. 2. Oersted</ref></item>
<item n="3"><ref n="497">Anhang zu No. II</ref></item>
<item n="2"><ref n="501">Anzeigen zum Kritischen Journal der Philosophie</ref></item>
<item n="3"><ref n="503">Ankündigung des Kritischen Journals</ref></item>
<item n="3"><ref n="505">Anzeige zum ersten Heft des zweiten Bandes</ref></item>
<item n="1"><ref n="507">MAXIMEN DES JOURNALS DER DEUTSCHEN LITERATUR</ref></item>
</list></div>
<div type="inhalt" subtype="toc_headings"><list>
<item n="2"><ref n="5">VORERINNERUNG.</ref></item>
<item n="2"><ref n="7">VORREDE</ref></item>
<item n="2"><ref n="9">MANCHERLEI FORMEN, DIE BEY DEM JETZIGEN PHILOSOPHIREN VORKOMMEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="9">GESCHICHTLICHE ANSICHT PHILOSOPHISCHER SYSTEME.</ref></item>
<item n="2"><ref n="12">BEDÜRFNISS DER PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="16">REFLEXION ALS INSTRUMENT DES PHILOSOPHIRENS.</ref></item>
<item n="2"><ref n="20">VERHÄLTNISS DER SPEKULATION ZUM GESUNDEN MENSCHENVERSTAND.</ref></item>
<item n="2"><ref n="23">PRINCIP EINER PHILOSOPHIE IN DER FORM EINES ABSOLUTEN GRUNDSATZES.</ref></item>
<item n="2"><ref n="27">TRANSSCENDENTALE ANSCHAUUNG.</ref></item>
<item n="2"><ref n="29">POSTULATE DER VERNUNFT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="30">VERHÄLTNISS DES PHILOSOPHIRENS ZU EINEM PHILOSOPHISCHEN SYSTEM.</ref></item>
<item n="2"><ref n="34">DARSTELLUNG DES FICHTE’SCHEN SYSTEMS.</ref></item>
<item n="2"><ref n="35">FICHTE’SCHES SYSTEM</ref></item>
<item n="2"><ref n="62">VERGLEICHUNG DES SCHELLING’SCHEN PRINCIPS DER PHILOSOPHIE MIT DEM FICHTE’SCHEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="77">REINHOLD</ref></item>
<item n="1"><ref n="93">KRITIKEN UND ANZEIGEN AUS DER ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</ref></item>
<item n="2"><ref n="95">BOUTERWEKS ANFANGSGRÜNDE DER SPEKULATIVEN PHILOSOPHIE</ref></item>
<item n="2"><ref n="105">ZWEI SCHRIFTEN WERNEBURGS</ref></item>
<item n="2"><ref n="107">GERSTÄCKERS DEDUKTION DES RECHTSBEGRIFFS</ref></item>
<item n="2"><ref n="112">KRUGS ENTWURF EINES NEUEN ORGANON’S DER PHILOSOPHIE</ref></item>
<item n="1"><ref n="113">KRITISCHES JOURNAL DER PHILOSOPHIE HERAUSGEGEBEN VON F. W. J. SCHELLING UND G. W. F. HEGEL</ref></item>
<item n="2"><ref n="115">ERSTEN BANDES ERSTES STÜCK TÜBINGEN 1802</ref></item>
<item n="2"><ref n="115">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="117">EINLEITUNG.</ref></item>
<item n="2"><ref n="117">UEBER DAS WESEN DER PHILOSOPHISCHEN KRITIK ÜBERHAUPT, UND IHR VERHÄLTNISS ZUM GEGENWÄRTIGEN ZUSTAND DER PHILOSOPHIE INSBESONDERE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="129">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM UND SEIN VERHÄLTNISS ZU DEM NEUESTEN (REINHOLDISCHEN) DUALISMUS.</ref></item>
<item n="2"><ref n="129">EIN GESPRÄCH ZWISCHEN DEM VERFASSER UND EINEM FREUND.</ref></item>
<item n="2"><ref n="174">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND DIE PHILOSOPHIE NEHME, – DARGESTELLT AN DEN WERKEN DES HERRN KRUG’S.</ref></item>
<item n="2"><ref n="188">NOTIZENBLATT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="188">1. BESONDERER ZWECK DES BLATTS.</ref></item>
<item n="2"><ref n="190">2. EIN BRIEF VON ZETTEL AN SQUENZ.</ref></item>
<item n="2"><ref n="195">ERSTEN BANDES ZWEYTES STÜCK TÜBINGEN 1802</ref></item>
<item n="2"><ref n="195">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="197">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE, DARSTELLUNG SEINER VERSCHIEDENEN MODIFICATIONEN, UND VERGLEICHUNG DES NEUESTEN MIT DEM ALTEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="239">RÜCKERT UND WEISS, ODER DIE PHILOSOPHIE ZU DER ES KEINES DENKENS UND WISSENS BEDARF.</ref></item>
<item n="2"><ref n="256">NOTIZENBLATT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="256">1. NEUE ENTDECKUNG ÜBER DIE FICHTE’SCHE PHILOSOPHIE. Jen. Allg. Lit. Zeitung. 1801. N. 362.</ref></item>
<item n="2"><ref n="257">2. BAYERN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="257">A) BEFÖRDERUNG AUF DER LANDESUNIVERSITÄT LANDSHUT. (Oberd. allg. Liter. Zeit. CXXVIII. 10. Nov. 1801.)</ref></item>
<item n="2"><ref n="257">B) AUSBRUCH DER VOLKSFREUDE ÜBER DEN ENDLICHEN UNTERGANG DER PHILOSOPHIE. (Ober. Allg. Lit. Zeit. CXXXIII. 1801. Recension der Kritik der theoret. Philosophie von Schulze. Erster Band.)</ref></item>
<item n="2"><ref n="261">3. A.) AUFNAHME, WELCHE DIE DURCHAUS PRAKTISCHE PHILOSOPHIE IN GÖTTINGEN GEFUNDEN HAT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="262">B.) ANSICHT DES IDEALISMUS DASELBST.</ref></item>
<item n="2"><ref n="263">ERSTEN BANDES DRITTES STÜCK TÜBINGEN 1802</ref></item>
<item n="2"><ref n="263">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="265">I. UEBER DAS VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE ZUR PHILOSOPHIE ÜBERHAUPT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="277">II. UEBER DIE CONSTRUCTION IN DER PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="294">III. ANZEIGE EINIGER DIE NATURPHILOSOPHIE BETREFFENDEN SCHRIFTEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="295">NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN · LE JOYAND</ref></item>
<item n="2"><ref n="298">NOTIZENBLATT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="298">A. NOTIZ VON HERRN VILLERS VERSUCHEN, DIE KANTISCHE PHILOSOPHIE IN FRANKREICH EINZUFÜHREN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="309">B. GÖTTINGEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="313">ZWEYTEN BANDES ERSTES STÜCK TÜBINGEN 1802</ref></item>
<item n="2"><ref n="313">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="315">GLAUBEN UND WISSEN ODER DIE REFLEXIONSPHILOSOPHIE DER SUBJECTIVITÄT, IN DER VOLLSTÄNDIGKEIT IHRER FORMEN, ALS KANTISCHE, JACOBISCHE, UND FICHTESCHE PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="317">GLAUBEN UND WISSEN · EINLEITUNG</ref></item>
<item n="2"><ref n="325">A. KANTISCHE PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="346">B. JACOBISCHE PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="347">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</ref></item>
<item n="2"><ref n="387">C. FICHTESCHE PHILOSOPHIE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="415">ZWEYTEN BANDES ZWEYTES STÜCK TÜBINGEN 1802</ref></item>
<item n="2"><ref n="415">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="417">UEBER DIE WISSENSCHAFTLICHEN BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS, SEINE STELLE IN DER PRAKTISCHEN PHILOSOPHIE, UND SEIN VERHÄLTNISS ZU DEN POSITIVEN RECHTSWISSENSCHAFTEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="465">ZWEYTEN BANDES DRITTES STÜCK TÜBINGEN 1803</ref></item>
<item n="2"><ref n="465">INHALTSANZEIGE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="486">II. UEBER DANTE IN PHILOSOPHISCHER BEZIEHUNG.</ref></item>
<item n="2"><ref n="494">III. ANZEIGE EINIGER DIE NATURPHILOSOPHIE BETREFFENDEN SCHRIFTEN. (FORTSETZUNG.)</ref></item>
<item n="2"><ref n="495">NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN · OERSTED</ref></item>
<item n="2"><ref n="497">IV. ANHANG ZU NO. II.</ref></item>
<item n="2"><ref n="500">SCHLUSSANMERKUNG.</ref></item>
<item n="1"><ref n="501">ANZEIGEN ZUM KRITISCHEN JOURNAL DER PHILOSOPHIE</ref></item>
<item n="2"><ref n="503">ANKÜNDIGUNG DES KRITISCHEN JOURNALS</ref></item>
<item n="2"><ref n="504">Inhalt des ersten Heftes.</ref></item>
<item n="2"><ref n="505">ANZEIGE ZUM ERSTEN HEFT DES ZWEITEN BANDES</ref></item>
<item n="1"><ref n="507">MAXIMEN DES JOURNALS DER DEUTSCHEN LITERATUR</ref></item>
<item n="2"><ref n="509">MAXIMEN DES JOURNALS DER DEUTSCHEN LITERATUR.</ref></item>
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<pb n="1" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=6" type="body"/>
<head><lb n="1"/>DIFFERENZ DES FICHTE'SCHEN<lb n="2"/>UND SCHELLING'SCHEN SYSTEMS<lb n="3"/>DER PHILOSOPHIE</head>
<pb n="5" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=10" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="III–V"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<head><lb n="1"/>VORERINNERUNG.</head>
<p><lb n="2"/>Aus den wenigen öffentlichen Aeusserungen, in welchen man ein Gefühl der Dif<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ferenz des Fichte’schen und Schelling’schen Systems der Philosophie erkennt, leuchtet<lb n="4"/>mehr das Bestreben heraus, diese Verschiedenheit zu umgehen oder sie sich zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bergen, als eine Deutlichkeit des Bewußtseyns darüber. Weder die unmittelbare<lb n="6"/>Ansicht beyder Systeme, wie sie vor dem Publikum liegen, – noch unter andern die<lb n="7"/>Schelling’sche Beantwortung der idealistischen Einwürfe Eschenmayers gegen die<lb n="8"/>Naturphilosophie hat jene Verschiedenheit zur Sprache gebracht. Im Gegentheil hat<lb n="9"/>z. B. Reinhold so wenig eine Ahndung hierüber gehabt, daß vielmehr die einmahl<lb n="10"/>für bekannt angenommene völlige Identität beyder Systeme ihm den Gesichtspunkt<lb n="11"/>für das Schelling’sche System auch hierüber verrückt hat. Diese Reinholdische Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wirrung ist mehr, als die gedrohte – oder vielmehr schon als geschehen angekündigte<lb n="13"/>Revolution der Philosophie durch ihre Zurükführung auf Logik – die Veranlassung<lb n="14"/>der folgenden Abhandlung.</p>
<p><lb n="15"/>Die Kantische Philosophie hatte es bedurft, daß ihr Geist vom Buchstaben geschie<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>den, und das rein spekulative Princip aus dem übrigen herausgehoben wurde, was<lb n="17"/>der raisonnirenden Reflexion angehörte, oder für sie benutzt werden konnte. In dem<lb n="18"/>Princip der Deduktion der Kategorieen ist diese Philosophie ächter Idealismus, und<lb n="19"/>dieß Princip ist es, was Fichte in reiner und strenger Form heraus gehoben und den<lb n="20"/>Geist der Kantischen Philosophie genannt hat. Daß die Dinge an sich, – wodurch<lb n="21"/>nichts, als die leere Form der Entgegensetzung, objektiv ausgedrückt ist, wieder<lb n="22"/>hypostasirt und als absolute Objektivität, wie die Dinge des Dogmatikers, – gesetzt, –<lb n="23"/>daß die Kategorieen selbst, theils zu ruhenden todten Fächern der Intelligenz, theils<lb n="24"/>zu den höchsten Principien gemacht worden sind, vermittelst welcher der Ausdruk,<lb n="25"/>in dem das Absolute selbst ausgesprochen wird, wie z. B. die Substanz des Spinoza,<lb n="26"/>vernichtet werden, und somit das negative Räsonniren sich nach wie vor an die Stelle<lb n="27"/>des Philosophirens, nur mit mehr Prätension unter dem Nahmen kritischer Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sophie, setzen konnte – diese Umstände liegen höchstens in der Form der Kantischen<lb n="29"/>Deduktion der Kategorieen, nicht in ihrem Princip, oder Geist; und, wenn wir von<lb n="30"/>Kant sonst kein Stük seiner Philosophie hätten, als dieses, würde jene Verwandlung</p>
<pb n="6" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=11" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="V–VIII"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>fast unbegreiflich seyn; in jener Deduktion der Verstandes-Formen ist das Princip<lb n="2"/>der Spekulation, die Identität des Subjekts und Objekts aufs bestimmteste aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesprochen; diese Theorie des Verstands ist von der Vernunft über die Tauffe gehalten<lb n="4"/>worden. – Hingegen wenn nun Kant diese Identität selbst, als Vernunft, zum Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stand der philosophischen Reflexion macht, verschwindet die Identität bei sich selbst;<lb n="6"/>wenn der Verstand mit Vernunft behandelt worden war, wird dagegen die Vernunft<lb n="7"/>mit Verstand behandelt. Hier wird es deutlich, auf welcher untergeordneten Stuffe die<lb n="8"/>Identität des Subjekts und Objekts aufgefaßt worden war. Die Identität des Subjekts<lb n="9"/>und Objekts schränkt sich auf zwölf oder vielmehr nur auf neun reine Denkthätigkei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ten ein – denn die Modalität giebt keine wahrhaft objektive Bestimmung, es besteht in<lb n="11"/>ihr wesentlich die Nichtidentität des Subjekts und Objekts; – es bleibt ausser den<lb n="12"/>objektiven Bestimmungen durch die Kategorieen ein ungeheures empirisches Reich<lb n="13"/>der Sinnlichkeit und Wahrnehmung, eine absolute Aposteriorität, für welche keine<lb n="14"/>Apriorität als nur eine subjektive Maxime der reflektirenden Urtheilskraft aufgezeigt<lb n="15"/>ist; d. h. die Nichtidentität wird zum absoluten Grundsatz erhoben; wie es nicht<lb n="16"/>anders konnte, nachdem aus der Idee, dem Vernunftprodukt, die Identität, d. h. das<lb n="17"/>vernünftige weggenommen, und sie dem Seyn absolut entgegengesetzt; – nachdem<lb n="18"/>die Vernunft als praktisches Vermögen, nicht als absolute Identität, sondern in unend<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>licher Entgegensetzung, als Vermögen der reinen Verstandes-Einheit dargestellt wor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>den war, wie sie vom endlichen Denken, d. i. vom Verstand gedacht werden muß;<lb n="21"/>es entsteht hierdurch das kontrastirende Resultat, daß für den Verstand keine absolute<lb n="22"/>objektive Bestimmungen, hingegen für die Vernunft vorhanden sind.</p>
<p><lb n="23"/>Das reine Denken seiner selbst, die Identität des Subjekts und des Objekts, in der<lb n="24"/>Form Ich = Ich ist Princip des Fichte’schen Systems, und wenn man sich unmittelbar<lb n="25"/>an dieses Princip, so wie in der Kantischen Philosophie an das transscendentale Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>cip, welches der Deduktion der Kategorieen zum Grunde liegt, allein hält, so hat man<lb n="27"/>das kühn ausgesprochne ächte Princip der Spekulation. So wie aber die Spekulation,<lb n="28"/>aus dem Begriff, den sie von sich selbst aufstellt, heraustritt, und sich zum System<lb n="29"/>bildet, so verläßt sie sich und ihr Princip und kommt nicht in dasselbe zurück; sie<lb n="30"/>übergibt die Vernunft dem Verstand, und geht in die Kette der Endlichkeiten des<lb n="31"/>Bewußtseyns über, aus welchen sie sich zur Identität und zur wahren Unendlichkeit<lb n="32"/>nicht wieder rekonstruirt. Das Princip selbst, die transscendentale Anschauung erhält<lb n="33"/>hierdurch die schiefe Stellung eines Entgegengesetzten gegen die aus ihm deducirte<lb n="34"/>Mannigfaltigkeit; das Absolute des Systems zeigt sich nur in der Form seiner Er<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>scheinung von der philosophischen Reflexion aufgefaßt, und diese Bestimmtheit,<lb n="36"/>die durch Reflexion ihm gegeben ist, also die Endlichkeit und Entgegensetzung wird<lb n="37"/>nicht abgezogen; das Princip, das Subjekt-Objekt erweißt sich als ein subjektives</p>
<pb n="7" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=12" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="VIII–X"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>Subjektobjekt. Das aus ihm deducirte erhält hierdurch die Form einer Bedingung des<lb n="2"/>reinen Bewußtseyns, des Ich = Ich, und das reine Bewußtseyn selbst die Form eines<lb n="3"/>bedingten, durch eine objektive Unendlichkeit, den Zeit-Progreß in infinitum, in<lb n="4"/>dem die transcendentale Anschauung sich verliert, und Ich nicht zur absoluten Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>anschauung sich konstituirt, also Ich = Ich, sich in das Princip: Ich soll gleich Ich<lb n="6"/>seyn, verwandelt. Die in die absolute Entgegensetzung gesetzte, also zum Verstand<lb n="7"/>herabpotenzirte Vernunft wird somit Princip der Gestalten, die das Absolute sich<lb n="8"/>geben muß, und ihrer Wissenschaften.</p>
<p><lb n="9"/>Diese zwey Seiten des Fichte’schen Systems – die eine, nach welcher es den Begriff<lb n="10"/>der Vernunft und der Spekulation rein aufgestellt also Philosophie möglich machte,<lb n="11"/>– die andere, nach welcher es Vernunft und reines Bewußtseyn als eines gesetzt, und<lb n="12"/>die in einer endlichen Gestalt aufgefaßte Vernunft zum Princip erhob, – diese zwei<lb n="13"/>Seiten unterscheiden zu müssen, muß sich als innere Nothwendigkeit der Sache selbst<lb n="14"/>zeigen, die äussere Veranlassung giebt das Zeitbedürfniß, und zunächst die in diesem<lb n="15"/>Zeitbedürfnisse schwimmenden Beyträge Reinholds zur Uebersicht des Zustands der<lb n="16"/>Philosophie zu Anfang des neuen Jahrhunderts – in welchen sowohl die Seite, von<lb n="17"/>welcher das Fichte’sche System ächte Spekulation und also Philosophie ist, übersehen<lb n="18"/>worden, als auch die Seite des Schellingschen Systems, von welcher dieses sich vom<lb n="19"/>Fichte’schen unterscheidet, und dem subjektiven Subjektobjekt, das objektive Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>jektobjekt in der Naturphilosophie entgegenstellt, und beyde in einem höhern, als<lb n="21"/>das Subjekt ist, vereinigt darstellt.</p>
<p><lb n="22"/>Was das Zeitbedürfniß betrifft, so hat die Fichte’sche Philosophie so sehr Aufsehen<lb n="23"/>und Epoche gemacht, daß auch diejenigen, die sich gegen sie erklären, und sich<lb n="24"/>bestreben, eigene spekulative Systeme auf die Bahn zu bringen, nur trüber und un<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>reiner in das Princip der Fichte’schen Philosophie fallen, und sich dessen nicht zu<lb n="26"/>erwehren vermögen. Die nächste sich darbietende Erscheinung bey einem Epoche<lb n="27"/>machenden System sind die Mißverständnisse und das ungeschikte Benehmen seiner<lb n="28"/>Gegner. Wenn man von einem System sagen kann, daß es Glük gemacht habe, so<lb n="29"/>hat sich ein allgemeineres Bedürfniß der Philosophie, das sich für sich selbst nicht zur<lb n="30"/>Philosophie zu gebähren vermag, – denn damit hätte es sich durch das Schaffen eines<lb n="31"/>Systems befriedigt – mit einer instinktartigen Hinneigung zu demselben gewendet;<lb n="32"/>und der Schein der passiven Aufnahme rührt daher, daß im innern das vorhanden ist,<lb n="33"/>was das System ausspricht, welches nunmehr jeder in seiner wissenschaftlichen oder<lb n="34"/>lebendigen Sphäre geltend macht. Man kan vom Fichte’schen System in diesem Sinne<lb n="35"/>nicht sagen, daß es Glük gemacht habe. So viel davon den unphilosophischen Ten-</p>
<pb n="8" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=13" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="X–XII"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>denzen des Zeitalters zur Last fällt, so sehr ist zugleich, je mehr der Verstand und die<lb n="2"/>Nützlichkeit sich Gewicht zu verschaffen, und beschränkte Zwekke sich geltend zu<lb n="3"/>machen wissen, in Anschlag zu bringen, daß um so kräftiger das Drängen des bessern<lb n="4"/>Geistes besonders in der unbefangenern noch jugendlichen Welt ist. Wenn Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>nungen, wie die Reden über die Religion, – das spekulative Bedürfniß nicht unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bar angehen, so deuten sie und ihre Aufnahme, noch mehr aber die Würde, welche<lb n="7"/>mit dunklerem oder bewußterem Gefühl, Pöesie und Kunst überhaupt in ihrem<lb n="8"/>wahren Umfange, zu erhalten anfängt, auf das Bedürfniß nach einer Philosophie hin,<lb n="9"/>von welcher die Natur für die Mishandlungen, die sie in dem Kantischen und<lb n="10"/>Fichte’schen Systeme leidet, versöhnt, und die Vernunft selbst in eine Überein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stimmung mit der Natur gesetzt wird, nicht in eine solche, worin sie auf sich Verzicht<lb n="12"/>thut oder eine schaale Nachahmerin derselben werden müßte, sondern eine Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stimmung dadurch, daß sie sich selbst zur Natur aus innerer Kraft gestaltet.</p>
<p><lb n="14"/>Was die allgemeinen Reflexionen, womit diese Schrift anfängt, über Bedürfniß,<lb n="15"/>Voraussetzung, Grundsätze u.s.w. der Philosophie betrifft, so haben sie den Fehler,<lb n="16"/>allgemeine Reflexionen zu seyn und ihre Veranlassung darin, daß mit solchen For<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>men, als Voraussetzung, Grundsätzen, u.s.w. der Eingang in die Philosophie noch<lb n="18"/>immer übersponnen und verdekt wird, und es daher in gewissem Grade nöthig ist,<lb n="19"/>sich darauf einzulassen, biß einmal durchaus nur von der Philosophie selbst die Rede<lb n="20"/>ist. – Einige der interessantern dieser Gegenstände werden sonst noch eine grössere<lb n="21"/>Ausführung erhalten.</p>
<space/>
<p><lb n="22"/>Jena im Juli 1801.</p>
<pb n="9" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=14" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
<fw type="header" place="top">MANCHERLEI FORMEN</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>MANCHERLEI FORMEN, DIE BEY DEM JETZIGEN<lb n="2"/>PHILOSOPHIREN VORKOMMEN.</head>
<head><lb n="3"/>GESCHICHTLICHE ANSICHT PHILOSOPHISCHER SYSTEME.</head>
<p><lb n="4"/>Ein Zeitalter, das eine solche Menge philosophischer Systeme, als eine Vergangen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit hinter sich liegen hat, scheint zu derjenigen Indifferenz kommen zu müssen,<lb n="6"/>welche das Leben erlangt, nachdem es sich in allen Formen versucht hat; der Trieb<lb n="7"/>zur Totalität äussert sich noch als Trieb zur Vollständigkeit der Kenntnisse, wenn die<lb n="8"/>verknöcherte Individualität sich nicht mehr selbst ins Leben wagt; sie sucht sich durch<lb n="9"/>die Mannichfaltigkeit dessen, was sie hat, den Schein desjenigen zu verschaffen, was<lb n="10"/>sie nicht ist. Indem sie die Wissenschaft in eine Kenntniß umwandelt, hat sie den<lb n="11"/>lebendigen Antheil, den die Wissenschaft fodert, ihr versagt, sie in der Ferne, und<lb n="12"/>in rein objektiver Gestalt, und sich selbst gegen alle Ansprüche, sich zur Allgemeinheit<lb n="13"/>zu erheben, in ihrer eigenwilligen Besonderheit ungestört erhalten. Für diese Art der<lb n="14"/>Indifferenz, wenn sie bis zur Neugierde aus sich herausgeht, giebt es nichts angelegent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>licheres, als einer neuen ausgebildeten Philosophie einen Nahmen zu geben, und wie<lb n="16"/>Adam seine Herrschaft über die Thiere dadurch ausgesprochen hat, daß er ihnen<lb n="17"/>Nahmen gab, die Herrschaft über eine Philosophie durch Findung eines Nahmens<lb n="18"/>auszusprechen. Auf diese Weise ist sie in den Rang der Kenntnisse versetzt; Kennt<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nisse betreffen fremde Objekte, in dem Wissen von Philosophie, das nie etwas anders,<lb n="20"/>als eine Kenntniß war, hat die Totalität des Innern sich nicht bewegt, und die Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gültigkeit ihre Freyheit vollkommen behauptet.</p>
<p><lb n="22"/>Kein philosophisches System kann sich der Möglichkeit einer solchen Aufnahme<lb n="23"/>entziehen; jedes ist fähig, geschichtlich behandelt zu werden. Wie jede lebendige<lb n="24"/>Gestalt zugleich der Erscheinung angehört, so hat sich eine Philosophie als Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nung derjenigen Macht überliefert, welche es in eine todte Meinung und von An<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>beginn an in eine Vergangenheit verwandeln kann. Der lebendige Geist, der in einer<lb n="27"/>Philosophie wohnt, verlangt, um sich zu enthüllen, durch einen verwandten Geist<lb n="28"/>gebohren zu werden; er streifft vor dem geschichtlichen Benehmen, das aus irgend<lb n="29"/>einem Interesse auf Kennntnisse von Meinungen auszieht, als ein fremdes Phänomen<lb n="30"/>vorüber, und offenbart sein Innres nicht; es kan ihm gleichgültig seyn, daß er dazu<lb n="31"/>dienen muß, die übrige Kollektion von Mumien und den allgemeinen Hauffen der<lb n="32"/>Zufälligkeiten zu vergrößern, denn er selbst ist dem neugierigen Sammlen von<lb n="33"/>Kenntnissen unter den Händen entflohen. Dieses hält sich auf seinem gegen Wahrheit</p>
<pb n="10" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=15" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–17"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>gleichgültigen Standpunkte fest; und behält seine Selbstständigkeit, es mag Meynun<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gen annehmen, oder verwerfen, oder sich nicht entscheiden; es kann philosophischen<lb n="3"/>Systemen kein anderes Verhältniß zu sich geben, als daß sie Meynungen sind; und<lb n="4"/>solche Accidenzien, wie Meynungen können ihm nichts anhaben, es hat nicht er<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>kannt, daß es Wahrheit gibt.</p>
<p><lb n="6"/>Die Geschichte der Philosophie gewinnt aber, wenn der Trieb, die Wissenschaft<lb n="7"/>zu erweitern, sich darauf wirft, eine nützlichere Seite, indem sie nemlich nach Rein<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>hold dazu dienen soll, in den Geist der Philosophie tiefer als je geschah, einzudringen,<lb n="9"/>und die eigenthümlichen Ansichten der Vorgänger über die Ergründung der Realität<lb n="10"/>der menschlichen Erkenntniß durch neue eigenthümliche Ansichten weiter zu führen;<lb n="11"/>nur durch eine solche Kenntniß der bisherigen vorübenden Versuche, die Aufgabe<lb n="12"/>der Philosophie zu lösen, könne endlich der Versuch wirklich gelingen, wenn anders<lb n="13"/>dieß Gelingen der Menschheit beschieden ist. – Man sieht, daß dem Zwekke einer<lb n="14"/>solchen Untersuchung eine Vorstellung von Philosophie zu Grunde liegt, nach wel<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>cher diese, eine Art von Handwerkskunst wäre, die sich durch immer neuerfundne<lb n="16"/>Handgriffe verbessern läßt; jede neue Erfindung setzt die Kenntniß der schon ge<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>brauchten Handgriffe und ihrer Zwekke voraus; aber nach allen bisherigen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>besserungen bleibt immer noch die Hauptaufgabe, die sich Reinhold nach allem so zu<lb n="19"/>denken scheint, daß nemlich ein allgemeingültiger letzter Handgriff zu finden wäre,<lb n="20"/>wodurch für jeden, der sich nur damit bekannt machen mag, sich das Werk selbst<lb n="21"/>macht. Wenn es um eine solche Erfindung zu thun, und die Wissenschaft ein todtes<lb n="22"/>Werk fremder Geschicklichkeit wäre, so käme ihr freylich diejenige Perfektibilität<lb n="23"/>zu, deren mechanische Künste fähig sind, und jeder Zeit wären allemal die bisherigen<lb n="24"/>philosophischen Systeme für weiter nichts zu achten, als für Vorübungen großer<lb n="25"/>Köpfe. Wenn aber das Absolute, wie seine Erscheinung die Vernunft, ewig ein und<lb n="26"/>dasselbe ist, wie es denn ist; so hat jede Vernunft, die sich auf sich selbst gerichtet und<lb n="27"/>sich erkannt hat, eine wahre Philosophie producirt, und sich die Aufgabe gelöst,<lb n="28"/>welche, wie ihre Auflösung, zu allen Zeiten dieselbe ist. Weil in der Philosophie die<lb n="29"/>Vernunft, die sich selbst erkennt, es nur mit sich zu thun hat, so liegt auch in ihr selbst<lb n="30"/>ihr ganzes Werk wie ihre Thätigkeit, und in Rücksicht aufs innre Wesen der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sophie gibt es weder Vorgänger noch Nachgänger.</p>
<p><lb n="32"/>Eben so wenig, als von beständigen Verbesserungen, kann von <hi rendition="#g">eigenthüm</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">Ansichten</hi> der Philosophie die Rede seyn; wie sollte das Vernünftige eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>thümlich seyn? Was einer Philosophie eigenthümlich ist, kann eben darum, weil es<lb n="35"/>eigenthümlich ist, nur zur Form des Systems nicht zum Wesen der Philosophie<lb n="36"/>gehören. Wenn ein Eigenthümliches wirklich das Wesen einer Philosophie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>machte, so würde es keine Philosophie seyn; und wenn ein System selbst, ein Eigen-</p>
<pb n="11" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=16" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="17–19"/>
<fw type="header" place="top">MANCHERLEI FORMEN</fw>
<p><lb n="1"/>thümliches für sein Wesen erklärt, so konnte es dessen ungeachtet aus ächter Speku<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lation entsprungen seyn, die nur im Versuch, in der Form einer Wissenschaft sich<lb n="3"/>auszusprechen gescheitert ist. Wer von einer Eigenthümlichkeit befangen ist, sieht in<lb n="4"/>andern nichts als Eigenthümlichkeiten; wenn partikularen Ansichten im Wesen der<lb n="5"/>Philosophie ein Platz verstattet wird, und wenn Reinhold dasjenige, zu welchem er<lb n="6"/>sich in neuern Zeiten gewendet hat, für eine eigenthümliche Philosophie ansieht, dann<lb n="7"/>ist es freylich möglich, überhaupt alle bisherigen Arten, die Aufgabe der Philosophie<lb n="8"/>darzustellen und aufzulösen, mit Reinhold für weiter nichts als für Eigenthümlich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>keiten und Vorübungen anzusehen, durch welche aber doch – weil, wenn wir auch<lb n="10"/>die Küsten der glükseeligen Inseln der Philosophie, wohin wir uns sehnen, nur mit<lb n="11"/>Trümmern gescheiterter Schiffe bedeckt, und kein erhaltenes Fahrzeug in ihren<lb n="12"/>Buchten erblikken, wir die teleologische Ansicht nicht fahren lassen dürfen, – der<lb n="13"/>gelingende Versuch, vorbereitend herbeigeführt werde. – Nicht weniger muß auch<lb n="14"/>aus der Eigenthümlichkeit der Form, in welcher sich die Fichtesche Philosophie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesprochen hat, erklärt werden, daß Fichte von Spinoza sagen konnte, Spinoza<lb n="16"/>könne an seine Philosophie nicht geglaubt, nicht die volle innere lebendige Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>zeugung gehabt haben, – und von den Alten, daß selbst dieß zweifelhaft sey, ob sie<lb n="18"/>sich die Aufgabe der Philosophie mit Bewußtseyn gedacht haben.</p>
<p><lb n="19"/>Wenn hier die Eigenthümlichkeit der Form des eignen Systems, die ganze<lb n="20"/>sthenische Beschaffenheit derselben eine solche Äußerung producirt, so besteht da<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gegen die Eigenthümlichkeit Reinholdischer Philosophie in der Ergründungs- und<lb n="22"/>Begründungs-Tendenz, die sich mit eigenthümlichen philosophischen Ansichten,<lb n="23"/>und einem geschichtlichen Bemühen um dieselbe viel zu schaffen macht. Die Liebe<lb n="24"/>und der Glauben an Wahrheit, hat sich in eine so reine und ekkle Höhe gesteigert,<lb n="25"/>daß er, damit der Schritt in den Tempel recht ergründet und begründet werde, einen<lb n="26"/>geräumigen Vorhof erbaut, in welchem sie, um den Schritt zu ersparen, sich mit<lb n="27"/>Analysiren und Methodisiren und Erzählen so lange zu thun macht, bis sie zum Trost<lb n="28"/>ihrer Unfähigkeit für Philosophie sich beredet, die kühnen Schritte anderer seyen<lb n="29"/>weiter nichts, als Vorübungen oder Geistesverirrungen gewesen.</p>
<p><lb n="30"/>Das Wesen der Philosophie ist gerade bodenlos für Eigenthümlichkeiten, und um<lb n="31"/>zu ihr zu gelangen, ist es, wenn der Körper die Summe der Eigenthümlichkeiten<lb n="32"/>ausdrükt, nothwendig, sich à corps perdu hineinzustürzen; denn die Vernunft, die<lb n="33"/>das Bewußtseyn in Besonderheiten befangen findet, wird allein dadurch zur philo<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sophischen Spekulation, daß sie sich zu sich selbst erhebt, und allein sich selbst, und<lb n="35"/>dem Absoluten, das zugleich ihr Gegenstand wird, sich anvertraut; sie wagt nichts<lb n="36"/>daran als Endlichkeiten des Bewußtseyns, und um diese zu überwinden, und das<lb n="37"/>Absolute im Bewußtseyn zu konstruiren, erhebt sie sich zur Spekulation, und hat in</p>
<pb n="12" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=17" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="19–21"/>
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<p><lb n="1"/>der Grundlosigkeit der Beschränkungen und Eigenthümlichkeiten ihre eigene Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gründung in sich selbst ergriffen. Weil die Spekulation die Thätigkeit der einen und<lb n="3"/>allgemeinen Vernunft auf sich selbst ist, so muß sie, statt in den philosophischen<lb n="4"/>Systemen verschiedener Zeitalter und Köpfe, nur verschiedene Weisen und<lb n="5"/>rein-eigenthümliche Ansichten zu sehen, wenn sie ihre eigne Ansicht von den Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>fälligkeiten und Beschränkungen befreyt hat, durch die besondern Formen durch sich<lb n="7"/>selbst, – sonst eine blosse Mannigfaltigkeit verständiger Begriffe und Meynungen<lb n="8"/>finden, und eine solche Mannigfaltigkeit ist keine Philosophie. Das wahre Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>thümliche einer Philosophie ist die interessante Individualität, in welcher die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nunft aus dem Bauzeug eines besondern Zeitalters sich eine Gestalt organisirt hat, die<lb n="11"/>besondre spekulative Vernunft findet darin Geist von ihrem Geist, Fleisch von ihrem<lb n="12"/>Fleisch, sie schaut sich in ihm als ein und dasselbe und als ein anderes lebendiges<lb n="13"/>Wesen an. Jede Philosophie ist in sich vollendet, und hat, wie ein ächtes Kunstwerk,<lb n="14"/>die Totalität in sich. So wenig des Apelles und Sophokles Werke, wenn Raphael und<lb n="15"/>Shakespeare sie gekannt hätten, diesen als blosse Vorübungen für sich hätten erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nen können – sondern als eine verwandte Kraft des Geistes, – so wenig kann die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>nunft in frühern Gestaltungen ihrer selbst nur nützliche Vorübungen für sich er<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>blikken; und wenn Virgil den Homer für eine solche Vorübung für sich und sein<lb n="19"/>verfeinertes Zeitalter betrachtet hat, so ist sein Werk dafür eine Nachübung ge<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>blieben. –</p>
</div>
<div>
<head><lb n="21"/>BEDÜRFNISS DER PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="22"/>Betrachten wir die besondere Form näher, welche eine Philosophie trägt, so sehen<lb n="23"/>wir sie einerseits, aus der lebendigen Originalität des Geistes entspringen, der in ihr<lb n="24"/>die zerrissene Harmonie durch sich hergestellt und selbstthätig gestaltet hat, anderer<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>seits aus der besondern Form, welche die Entzweiung trägt, aus der das System her<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>vorgeht. Entzweiung ist der Quell <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bedürfnisses</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, und als<lb n="27"/>Bildung des Zeitalters die unfreye gegebene Seite der Gestalt. In der Bildung hat sich<lb n="28"/>das, was Erscheinung des Absoluten ist, vom Absoluten isolirt, und sich als ein<lb n="29"/>Selbstständiges fixirt. Zugleich kann aber die Erscheinung ihren Ursprung nicht<lb n="30"/>verleugnen, und muß darauf ausgehen, die Mannigfaltigkeit ihrer Beschränkungen<lb n="31"/>als ein Ganzes zu konstituiren; die Kraft des Beschränkens, der Verstand, knüpft an<lb n="32"/>sein Gebäude, das er zwischen den Menschen und das Absolute stellt, alles, was dem</p>
<pb n="13" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=18" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="21–23"/>
<fw type="header" place="top">MANCHERLEI FORMEN</fw>
<p><lb n="1"/>Menschen werth und heilig ist, befestigt es durch alle Mächte der Natur und der<lb n="2"/>Talente, und dehnt es in die Unendlichkeit aus; es ist darin die ganze Totalität der<lb n="3"/>Beschränkungen zu finden, nur das Absolute selbst nicht; in den Theilen verlohren<lb n="4"/>treibt es den Verstand zu seiner unendlichen Entwiklung von Mannigfaltigkeit, der,<lb n="5"/>indem er sich zum Absoluten zu erweitern strebt, aber endlos nur sich selbst pro<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ducirt, seiner selbst spottet. Die Vernunft erreicht das Absolute nur, indem sie aus<lb n="7"/>diesem mannigfaltigen Theilwesen heraustritt; je fester und glänzender das Gebäude<lb n="8"/>des Verstandes ist, desto unruhiger wird das Bestreben des Lebens, das in ihm als<lb n="9"/>Theil befangen ist, aus ihm sich heraus in die Freyheit zu ziehen; indem es als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nunft in die Ferne tritt, ist die Totalität der Beschränkungen zugleich vernichtet, in<lb n="11"/>diesem Vernichten auf das Absolute bezogen, und zugleich hiemit als blosse Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>nung begriffen und gesetzt; die Entzweiung zwischen dem Absoluten und der Totali<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tät der Beschränkungen ist verschwunden.</p>
<p><lb n="14"/>Der Verstand ahmt die Vernunft im absoluten Setzen nach, und giebt sich durch<lb n="15"/>diese Form selbst den Schein der Vernunft, wenn gleich die Gesetzten an sich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gegengesetzte also endliche sind; er thut dieß mit so viel größerem Schein, wenn er<lb n="17"/>das vernünftige Negiren in ein Produkt verwandelt und fixirt; das Unendliche, in<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sofern es dem Endlichen entgegengesetzt wird, ist ein solches vom Verstand gesetztes<lb n="19"/>Vernünftiges; es drükt für sich als vernünftiges, nur das Negiren des Endlichen aus;<lb n="20"/>indem der Verstand es fixirt, setzt er es dem Endlichen absolut entgegen; und die<lb n="21"/>Reflexion, die sich zur Vernunft erhoben hatte, indem sie das Endliche aufhob, hat<lb n="22"/>sich wieder zum Verstand erniedrigt, indem sie das Thun der Vernunft in Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>setzung fixirte; überdem macht sie nun die Prätension, auch in diesem Rükfall ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nünftig zu seyn. – Solche Entgegengesetzte, die als Vernunftprodukte und Absolute<lb n="25"/>gelten sollten, hat die Bildung verschiedener Zeiten in verschiedenen Formen auf<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gestellt, und der Verstand an ihnen sich abgemüht. Die Gegensätze, die sonst unter<lb n="27"/>der Form von Geist und Materie, Seele und Leib, Glauben und Verstand, Freyheit<lb n="28"/>und Nothwendigkeit u.s.w. und in eingeschränktern Sphären noch in mancherlei<lb n="29"/>Arten bedeutend waren, und alle Gewichte menschlicher Interessen an sich anhenkten,<lb n="30"/>sind im Fortgang der Bildung in die Form der Gegensätze von Vernunft und Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichkeit, Intelligenz und Natur, für den allgemeinen Begriff, von absoluter Subjek<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tivität und absoluter Objektivität übergegangen.</p>
<p><lb n="33"/>Solche festgewordene Gegensätze aufzuheben, ist das einzige Interesse der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>nunft; diß ihr Interesse hat nicht den Sinn, als ob sie sich gegen die Entgegensetzung<lb n="35"/>und Beschränkung überhaupt setzte, denn die nothwendige Entzweyung ist Ein<lb n="36"/>Faktor des Lebens, das ewig entgegensetzend sich bildet, und die Totalität ist, in der<lb n="37"/>höchsten Lebendigkeit, nur durch Wiederherstellung aus der höchsten Trennung</p>
<pb n="14" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=19" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="23–25"/>
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<p><lb n="1"/>möglich. Sondern die Vernunft setzt sich gegen das absolute fixiren der Entzweyung<lb n="2"/>durch den Verstand, und um so mehr, wenn die absolut entgegengesetzten selbst aus<lb n="3"/>der Vernunft entsprungen sind.</p>
<p><lb n="4"/>Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet,<lb n="5"/>und die Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben,<lb n="6"/>und Selbstständigkeit gewinnen, entsteht das Bedürfniß der Philosophie; es ist in<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>sofern eine Zufälligkeit; aber unter der gegebenen Entzweiung der nothwendige<lb n="8"/>Versuch, die Entgegensetzung der festgewordenen Subjektivität und Objektivität<lb n="9"/>aufzuheben, und das Gewordenseyn der intellektuellen und reellen Welt, als ein<lb n="10"/>Werden, ihr Seyn als Produkte, als ein Produciren zu begreiffen; in der unendlichen<lb n="11"/>Thätigkeit des Werdens und Producirens hat die Vernunft das, was getrennt war,<lb n="12"/>vereinigt, und die absolute Entzweyung zu einer relativen heruntergesetzt, welche<lb n="13"/>durch die ursprüngliche Identität bedingt. – Wann? und Wo? und in welcher<lb n="14"/>Form? solche Selbstreproduktionen der Vernunft als Philosophieen auftreten, ist zu<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fällig. Diese Zufälligkeit muß daraus begriffen werden, daß das Absolute als eine<lb n="16"/>objektive Totalität sich setzt; die Zufälligkeit ist eine Zufälligkeit in der Zeit, in<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sofern die Objektivität des Absoluten als ein Fortgehen in der Zeit angeschaut wird;<lb n="18"/>insofern sie aber als Nebeneinander im Raum erscheint, ist die Entzweyung kli<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>matisch; in der Form der fixirten Reflexion, als eine Welt von denkendem und<lb n="20"/>gedachtem Wesen, im Gegensatz gegen eine Welt von Wirklichkeit, fällt diese Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>zweyung in den westlichen Norden.</p>
<p><lb n="22"/>Je weiter die Bildung gedeyht, je mannichfaltiger die Entwicklung der Äußerungen<lb n="23"/>des Lebens wird, in welche die Entzweyung sich verschlingen kan, desto grösser wird<lb n="24"/>die Macht der Entzweyung, desto fester ihre klimatische Heiligkeit, desto fremder<lb n="25"/>dem Ganzen der Bildung und bedeutungsloser die Bestrebungen des Lebens, sich zur<lb n="26"/>Harmonie wieder zu gebähren. Solche in Beziehung aufs Ganze wenige Versuche,<lb n="27"/>die gegen die neuere Bildung statt gefunden haben, und die bedeutendern schöne<lb n="28"/>Gestaltungen der Vergangenheit oder der Fremde haben nur diejenige Aufmerksam<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>keit erwekken können, deren Möglichkeit übrig bleibt, wenn die tiefere ernste<lb n="30"/>Beziehung lebendiger Kunst nicht verstanden werden kan; mit der Entfernung des<lb n="31"/>ganzen Systems der Lebens-Verhältnisse von ihr ist der Begriff ihres allumfassenden<lb n="32"/>Zusammenhangs verlohren, und in den Begriff entweder des Aberglaubens oder eines<lb n="33"/>unterhaltenden Spiels übergegangen. Die höchste ästhetische Vollkommenheit, wie<lb n="34"/>sie sich in einer bestimmten Religion formt, in welcher der Mensch sich über alle<lb n="35"/>Entzweiung erhebt, und im Reich der Gnade die Freyheit des Subjekts und die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>wendigkeit des Objekts verschwinden sieht, hat nur bis auf eine gewisse Stuffe der<lb n="37"/>Bildung und in allgemeiner oder in Pöbel-Barbarei energisch seyn können. Die fort-</p>
<pb n="15" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=20" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="25–27"/>
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<p><lb n="1"/>schreitende Kultur hat sich mit ihr entzweyt, und sie <hi rendition="#g">neben</hi> sich, oder sich <hi rendition="#g">neben</hi> sie<lb n="2"/>gestellt, und weil der Verstand seiner sicher geworden ist, sind beyde zu einer gewissen<lb n="3"/>Ruhe nebeneinander gediehen, dadurch daß sie sich in ganz abgesonderte Gebiete<lb n="4"/>trennen, für deren jedes dasjenige keine Bedeutung hat, was auf dem andern vorgeht.</p>
<p><lb n="5"/>Aber der Verstand kann auch unmittelbar auf seinem Gebiete durch die Vernunft<lb n="6"/>angegriffen, und die Versuche, durch die Reflexion selbst, die Entzweyung und somit<lb n="7"/>seine Absolutheit zu vernichten, können eher verstanden werden; deßwegen hat die<lb n="8"/>Entzweyung, die sich angegriffen fühlte, sich so lange mit Haß und Wuth gegen die<lb n="9"/>Vernunft gekehrt, bis das Reich des Verstandes zu einer solchen Macht sich empor<lb n="10"/>geschwungen hat, in der es sich vor der Vernunft sicher halten kan. – So wie man<lb n="11"/>aber von der Tugend zu sagen pflegt, daß der größte Zeuge für ihre Realität der<lb n="12"/>Schein sey, den die Heuchelei von ihr borgt, so kann sich auch der Verstand der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nunft nicht erwehren, und er sucht gegen das Gefühl der innern Gehaltlosigkeit, und<lb n="14"/>gegen die geheime Furcht, von der die Beschränktheit geplagt wird, sich durch einen<lb n="15"/>Schein von Vernunft zu bewahren, womit er seine Besonderheiten übertüncht; die<lb n="16"/>Verachtung der Vernunft zeigt sich nicht dadurch am stärksten, daß sie frey ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schmäht und geschmäht wird, sondern daß die Beschränktheit sich der Meisterschaft<lb n="18"/>über die Philosophie und der Freundschaft mit ihr rühmt. Die Philosophie muß die<lb n="19"/>Freundschaft mit solchen falschen Versuchen ausschlagen, die sich unredlicher Weise<lb n="20"/>der Vernichtung der Besonderheiten rühmen, von Beschränkung ausgehen, und um sol<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>che Beschränkungen zu retten und zu sichern, Philosophie als ein Mittel anwenden.</p>
<p><lb n="22"/>Im Kampfe des Verstandes mit der Vernunft kommt jenem eine Stärke nur in<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>soweit zu, als diese auf sich selbst Verzicht thut; das Gelingen des Kampfs hängt deß<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wegen von ihr selbst ab, und von der Ächtheit des Bedürfnisses nach Wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>herstellung der Totalität, aus welchem sie hervorgeht.</p>
<p><lb n="26"/>Das Bedürfniß der Philosophie kann als ihre <hi rendition="#g">Voraussetzung</hi> ausgedrükt werden,<lb n="27"/>wenn der Philosophie, die mit sich selbst anfängt, eine Art von Vorhof gemacht<lb n="28"/>werden soll, und es ist in unsern Zeiten viel von einer absoluten Voraussetzung<lb n="29"/>gesprochen worden. Das, was man Voraussetzung der Philosophie nennt, ist nichts<lb n="30"/>anders, als das ausgesprochne Bedürfniß. Weil das Bedürfniß hiedurch für die Re<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>flexion gesetzt ist, so muß es zwey Voraussetzungen geben.</p>
<p><lb n="32"/>Die Eine ist das Absolute selbst; es ist das Ziel, das gesucht wird; es ist schon vor<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>handen, wie könnte es sonst gesucht werden? die Vernunft producirt es nur, indem<lb n="34"/>sie das Bewußtseyn von den Beschränkungen befreyt, dieß Aufheben der Beschrän<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>kungen ist bedingt durch die vorausgesetzte Unbeschränktheit.</p>
<p><lb n="36"/>Die andere Voraussetzung würde das Herausgetretenseyn des Bewußtseyns aus<lb n="37"/>der Totalität seyn, die Entzweyung in Seyn und Nicht-Seyn, in Begriff und Seyn,<lb n="38"/>in Endlichkeit und Unendlichkeit. Für den Standpunkt der Entzweyung ist die<lb n="39"/>absolute Synthese ein Jenseits, das ihren Bestimmtheiten entgegengesetzte Un-</p>
<pb n="16" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=21" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="27–29"/>
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<p><lb n="1"/>bestimmte und Gestaltlose; das Absolute ist die Nacht, und das Licht jünger als sie,<lb n="2"/>und der Unterschied beyder, so wie das Heraustreten des Lichts aus der Nacht, eine<lb n="3"/>absolute Differenz; – das Nichts das Erste, woraus alles Seyn, alle Mannichfaltigkeit<lb n="4"/>des Endlichen hervorgegangen ist. – Die Aufgabe der Philosophie besteht aber darinn,<lb n="5"/>diese Voraussetzungen zu vereinen, das Seyn in das Nichtseyn – als Werden, die<lb n="6"/>Entzweyung in das Absolute – als seine Erscheinung, – das Endliche in das Unendliche<lb n="7"/>– als Leben zu setzen.</p>
<p><lb n="8"/>Es ist aber ungeschikt, das Bedürfniß der Philosophie als eine Voraussetzung der<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>selben auszudrükken; denn hiedurch erhält das Bedürfniß eine Form der Reflexion;<lb n="10"/>diese Form der Reflexion erscheint als widersprechende Sätze, wovon unten die<lb n="11"/>Rede seyn wird; es kan an Sätze gefodert werden, daß sie sich rechtfertigen; die<lb n="12"/>Rechtfertigung dieser Sätze, als Voraussetzungen, soll noch nicht die Philosophie<lb n="13"/>selbst seyn, und so geht das Ergründen und Begründen vor und ausser der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sophie los.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="15"/>REFLEXION ALS INSTRUMENT DES PHILOSOPHIRENS.</head>
<p><lb n="16"/>Die Form, die das Bedürfniß der Philosophie erhalten würde, wenn es als Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>aussetzung ausgesprochen werden sollte, gibt den Übergang vom Bedürfnisse der<lb n="18"/>Philosophie, zum <hi rendition="#g">Instrument</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Philosophirens</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Reflexion</hi> als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nunft. Das Absolute soll fürs Bewußtseyn konstruirt werden, ist die Aufgabe der<lb n="20"/>Philosophie; da aber das Produciren, so wie die Produkte der Reflexion nur Be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schränkungen sind, so ist diß ein Widerspruch. Das Absolute soll reflektirt, gesetzt<lb n="22"/>werden, damit ist es aber nicht gesetzt, sondern aufgehoben worden, denn indem es<lb n="23"/>gesetzt wurde, wurde es beschränkt. Die Vermittlung dieses Widerspruchs ist die<lb n="24"/>philosophische Reflexion. Es ist vornemlich zu zeigen, in wiefern die Reflexion das<lb n="25"/>Absolute zu fassen fähig ist, und in ihrem Geschäfte, als Spekulation die Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit und Möglichkeit trägt, mit der absoluten Anschauung synthesirt, und für sich,<lb n="27"/>subjektiv, eben so vollständig zu seyn, als es ihr Produkt, das im Bewußtseyn kon<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>struirte Absolute, als bewußtes und bewußtloses zugleich, seyn muß.</p>
<p><lb n="29"/>Die isolirte Reflexion, als Setzen Entgegengesetzter wäre ein Aufheben des Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>soluten, sie ist das Vermögen des Seyns und der Beschränkung; aber die Reflexion</p>
<pb n="17" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=22" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="29–31"/>
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<p><lb n="1"/>hat als Vernunft Beziehung auf das Absolute, und sie ist nur Vernunft durch diese<lb n="2"/>Beziehung; die Reflexion vernichtet insofern sich selbst und alles Seyn und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schränkte, indem sie es aufs Absolute bezieht; zugleich aber eben durch seine<lb n="4"/>Beziehung auf das Absolute hat das Beschränkte ein Bestehen.</p>
<p><lb n="5"/>Die Vernunft stellt sich als Kraft des negativen Absoluten, damit als absolutes<lb n="6"/>Negiren, und zugleich als Kraft des Setzens der entgegengesetzten objektiven und<lb n="7"/>subjektiven Totalität dar. Einmal erhebt sie den Verstand über ihn selbst, treibt ihn,<lb n="8"/>zu einem Ganzen nach seiner Art; sie verführt ihn, eine objektive Totalität zu produ<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ciren; jedes Seyn ist, weil es gesetzt ist, ein entgegengesetztes, bedingtes und be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>dingendes; der Verstand vervollständigt diese seine Beschränkungen durch das Setzen<lb n="11"/>der entgegengesetzten Beschränkungen, als der Bedingungen; diese bedürfen der<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>selben Vervollständigung, und seine Aufgabe erweitert sich zur unendlichen. Die<lb n="13"/>Reflexion scheint hierinn nur verständig, aber diese Leitung zur Totalität der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>wendigkeit ist der Antheil und die geheime Wirksamkeit der Vernunft; indem sie<lb n="15"/>den Verstand grenzenlos macht, findet er und seine objektive Welt in dem unend<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichen Reichthum den Untergang; denn jedes Seyn das der Verstand producirt, ist<lb n="17"/>ein Bestimmtes, und das Bestimmte hat ein Unbestimmtes vor sich und hinter sich,<lb n="18"/>und die Mannichfaltigkeit des Seyns liegt zwischen zwey Nächten, haltungslos, sie<lb n="19"/>ruht auf dem Nichts, denn das Unbestimmte ist Nichts für den Verstand, und endet<lb n="20"/>im Nichts. Der Eigensinn des Verstands vermag die Entgegensetzung des Bestimmten<lb n="21"/>und Unbestimmten, der Endlichkeit und der aufgegebenen Unendlichkeit unver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>einigt neben einander bestehen zu lassen; und das Seyn gegen das ihm eben so noth<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wendige NichtSeyn festzuhalten. Weil sein Wesen auf durchgängige Bestimmung<lb n="24"/>geht, sein bestimmtes aber unmittelbar durch ein Unbestimmtes begränzt ist, so<lb n="25"/>erfüllt sein Setzen und Bestimmen nie die Aufgabe, im geschehenen Setzen und<lb n="26"/>Bestimmen selbst liegt ein NichtSetzen und ein Unbestimmtes, also immer wieder<lb n="27"/>die Aufgabe selbst, zu setzen und zu bestimmen. – Fixirt der Verstand diese Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gegengesetzten, das Endliche und Unendliche, so daß beyde zugleich als einander<lb n="29"/>entgegengesetzt bestehen sollen, so zerstört er sich, denn die Entgegensetzung des<lb n="30"/>Endlichen und Unendlichen hat die Bedeutung, daß insofern eines derselben gesetzt,<lb n="31"/>das andere aufgehoben ist. Indem die Vernunft diß erkennt, hat sie den Verstand<lb n="32"/>selbst aufgehoben, sein Setzen erscheint ihr als ein Nichtsetzen, seine Produkte, als<lb n="33"/>Negationen. Dieses Vernichten, oder das reine Setzen der Vernunft ohne Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>setzen wäre, wenn sie der objektiven Unendlichkeit entgegengesetzt wird, die sub<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>jektive Unendlichkeit, das der objektiven Welt entgegengesetzte Reich der Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit; weil dieses in dieser Form selbst entgegengesetzt und bedingt ist, so muß die<lb n="37"/>Vernunft, um die Entgegensetzung absolut aufzuheben, auch dieß in seiner Selbst-</p>
<pb n="18" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=23" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="31–33"/>
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<p><lb n="1"/>ständigkeit vernichten; sie vernichtet beyde, indem sie beyde vereinigt, denn sie sind<lb n="2"/>nur dadurch, daß sie nicht vereinigt sind. In dieser Vereinigung bestehen zugleich<lb n="3"/>beyde; denn das Entgegengesetzte, und also Beschränkte, ist hiemit aufs Absolute<lb n="4"/>bezogen; es besteht aber nicht für sich, nur insofern es in dem Absoluten d. h. als<lb n="5"/>Identität, gesetzt ist; das Beschränkte, insofern es einer der entgegengesetzten also<lb n="6"/>relativen Totalitäten angehört, ist entweder nothwendig, oder frey; insofern es der<lb n="7"/>Synthese beyder angehört, hört seine Beschränkung auf, es ist frey und nothwendig<lb n="8"/>zugleich; bewußtes und bewußtloses. Diese bewußte Identität des Endlichen und der<lb n="9"/>Unendlichkeit, die Vereinigung beyder Welten, der sinnlichen und der intellek<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tuellen, der nothwendigen und der freyen, im Bewußtseyn ist <hi rendition="#g">Wissen</hi>. Die Reflexion<lb n="11"/>als Vermögen des Endlichen, und das ihr entgegengesetzte Unendliche sind in der<lb n="12"/>Vernunft synthetisirt, deren Unendlichkeit das Endliche in sich faßt.</p>
<p><lb n="13"/>Insofern die Reflexion sich selbst zu ihrem Gegenstand macht, ist ihr höchstes<lb n="14"/>Gesetz, das ihr von der Vernunft gegeben und wodurch sie zur Vernunft wird, ihre<lb n="15"/>Vernichtung; sie besteht, wie Alles, nur im Absoluten, aber als Reflexion ist sie ihm<lb n="16"/>entgegengesetzt; um also zu bestehen, muß sie sich das Gesetz der Selbstzerstörung<lb n="17"/>geben. Das immanente Gesetz, wodurch sie sich aus eigner Kraft als absolut kon<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stituirte, wäre das Gesetz des Widerspruchs; nemlich daß ihr Gesetztseyn sey und<lb n="19"/>bleibe; sie fixirte hierdurch ihre Produkte als absolut entgegengesetzte dem Absoluten,<lb n="20"/>machte es sich zum ewigen Gesetz, Verstand zu bleiben und nicht Vernunft zu wer<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den, und an ihrem Werk das in Entgegensetzung zum Absoluten Nichts ist, – und als<lb n="22"/>beschränktes ist es dem Absoluten entgegengesetzt, – festzuhalten.</p>
<p><lb n="23"/>So wie die Vernunft dadurch ein Verständiges, und ihre Unendlichkeit eine sub<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>jektive wird, wenn sie in eine Entgegensetzung gesetzt ist, so ist die Form, welche das<lb n="25"/>Reflektiren als Denken ausdrückt, eben dieser Zweydeutigkeit und dieses Misbrauchs<lb n="26"/>fähig. Wird das Denken nicht als die absolute Thätigkeit der Vernunft selbst gesetzt,<lb n="27"/>für die es schlechthin keine Entgegensetzung gibt, sondern gilt Denken nur für ein<lb n="28"/>reineres Reflektiren d. i. ein solches, in welchem von der Entgegensetzung nur ab<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>strahirt wird, so kann ein solches abstrahirendes Denken aus dem Verstande nicht ein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mal zur Logik heraus kommen, welche die Vernunft in sich begreifen soll, viel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>weniger zur Philosophie. Das Wesen oder der innere Charakter des Denkens als<lb n="32"/>Denkens wird von Reinhold gesetzt als die unendliche Wiederhohlbarkeit von<lb n="33"/>Einem und Ebendemselben als Eins und Ebendasselbe, in Einem und Ebendemselben<lb n="34"/>und durch Eins und Ebendasselbe; oder als Identität; man könnte durch diesen<lb n="35"/>scheinbaren Charakter einer Identität verleitet werden, in diesem Denken die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nunft zu sehen; aber durch den Gegensatz desselben a) gegen eine Anwendung des<lb n="37"/>Denkens b) gegen eine absolute Stoffheit wird es klar, daß dieß Denken nicht die<lb n="38"/>absolute Identität, die Identität des Subjekts und Objekts, welche beyde in ihrer Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>gegensetzung aufhebt, und in sich faßt; sondern eine <hi rendition="#g">reine</hi> Identität, d. h. eine durch</p>
<pb n="19" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=24" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="33–35"/>
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<p><lb n="1"/>Abstraktion entstandne und durch Entgegensetzung bedingte ist, der abstrakte<lb n="2"/>Verstands-Begriff der Einheit, Eines von fixirten Entgegengesetzten. Reinhold sieht<lb n="3"/>den Fehler aller bisherigen Philosophie in der unter den Philosophen unserer Zeit so<lb n="4"/>weit verbreiteten und so tief eingewurzelten Gewohnheit, sich das Denken überhaupt,<lb n="5"/>und in seiner Anwendung als ein bloß subjektives vorzustellen. – Wenn es mit der<lb n="6"/>Identität und Nicht-Subjektivität dieses Denkens ein rechter Ernst wäre, so könnte<lb n="7"/>Reinhold schon gar keinen Unterschied zwischen Denken und Anwendung des<lb n="8"/>Denkens machen; wenn das Denken wahre Identität, kein subjektives ist, wo soll<lb n="9"/>noch so was von Denken unterschiedenes, eine Anwendung herkommen, vom Stoff<lb n="10"/>gar nicht zu sprechen, der zum Behuf der Anwendung postulirt wird? Wenn die<lb n="11"/>analytische Methode eine Thätigkeit behandelt, so muß diese, weil sie analysirt wer<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>den soll, ihr als eine synthetische erscheinen; und durchs Analysiren entstehen nun<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>mehr die Glieder der Einheit, und einer ihr entgegengesetzten Mannichfaltigkeit.<lb n="14"/>Was die Analysis als Einheit darstellt, wird subjektiv genannt; und als eine solche<lb n="15"/>dem Mannichfaltigen entgegengesetzte Einheit, als eine abstrakte Identität wird das<lb n="16"/>Denken charakterisirt; es ist auf diese Art ein rein beschränktes und seine Thätigkeit<lb n="17"/>ein gesetzmäßiges und regelgerechtes Anwenden auf eine sonst vorhandene Materie,<lb n="18"/>das nicht zum Wissen durchdringen kann.</p>
<p><lb n="19"/>Nur insofern die Reflexion Beziehung aufs Absolute hat, ist sie Vernunft, und ihre<lb n="20"/>That ein Wissen; durch diese Beziehung vergeht aber ihr Werk, und nur die Beziehung<lb n="21"/>besteht, und ist die einzige Realität der Erkenntniß; es gibt deßwegen keine Wahrheit<lb n="22"/>der isolirten Reflexion, des reinen Denkens, als die ihres Vernichtens. Aber das<lb n="23"/>Absolute, weil es im Philosophiren von der Reflexion fürs Bewußtseyn producirt wird,<lb n="24"/>wird hierdurch eine objektive Totalität, ein Ganzes von Wissen, eine Organisation von<lb n="25"/>Erkenntnissen; in dieser Organisation ist jeder Theil zugleich das Ganze, denn er besteht<lb n="26"/>als Beziehung auf das Absolute; als Theil, der andre außer sich hat, ist er ein Beschränktes<lb n="27"/>und nur durch die andern; isolirt als Beschränkung ist er mangelhaft, Sinn und Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tung hat er nur durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen. Es kann deßwegen nicht<lb n="29"/>von einzelnen Begriffen für sich, einzelnen Erkenntnissen, als einem Wissen die Rede<lb n="30"/>seyn. Es kann eine Menge einzelner empirischer Kenntnisse geben; als Wissen der<lb n="31"/>Erfahrung zeigen sie ihre Rechtfertigung in der Erfahrung auf, d. h. in der Identität<lb n="32"/>des Begriffs und des Seyns, des Subjekts und Objekts; sie sind eben darum kein<lb n="33"/>wissenschaftliches Wissen, weil sie nur diese Rechtfertigung in einer beschränkten,<lb n="34"/>relativen Identität haben und sich weder als nothwendige Theile eines im Bewußtseyn<lb n="35"/>organisirten Ganzen der Erkenntnisse legitimiren, noch die absolute Identität, die<lb n="36"/>Beziehung auf das Absolute in ihnen durch die Spekulation erkannt worden ist.</p>
<pb n="20" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=25" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="35–37"/>
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</div>
<div>
<head><lb n="1"/>VERHÄLTNISS DER SPEKULATION ZUM GESUNDEN<lb n="2"/>MENSCHENVERSTAND.</head>
<p><lb n="3"/>Auch das Vernünftige, was der sogenannte gesunde Menschenverstand weiß, sind<lb n="4"/>gleichfalls Einzelheiten, aus dem Absoluten ins Bewußtseyn gezogen, lichte Punkte,<lb n="5"/>die für sich aus der Nacht der Totalität sich erheben, mit denen der Mensch sich ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nünftig durchs Leben durchhilft; es sind ihm richtige Standpunkte von denen er aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>geht, und zu denen er zurückkehrt.</p>
<p><lb n="8"/>Aber wirklich hat auch der Mensch nur solches Zutrauen zu ihrer Wahrheit, weil<lb n="9"/>ihn das Absolute in einem Gefühl dabey begleitet, und dieß ihnen allein die Bedeutung<lb n="10"/>gibt. So wie man solche Wahrheiten des gemeinen Menschenverstands für sich<lb n="11"/>nimmt, sie bloß verständig, als Erkenntnisse überhaupt, isolirt, so erscheinen sie<lb n="12"/>schief und als Halbwahrheiten; der gesunde Menschenverstand kann durch die<lb n="13"/>Reflexion in Verwirrung gesetzt werden; so wie er sich auf sie einläßt, so macht das<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>jenige, was er itzt als Satz für die Reflexion ausspricht, Anspruch, für sich als ein<lb n="15"/>Wissen, als Erkenntniß zu gelten, und er hat seine Kraft aufgegeben, nemlich seine<lb n="16"/>Aussprüche nur durch die dunkle, als Gefühl vorhandne Totalität zu unterstützen,<lb n="17"/>und allein mit demselben sich der unstäten Reflexion entgegenzustemmen. Der<lb n="18"/>gesunde Menschenverstand drükt sich wohl für die Reflexion aus, aber seine Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sprüche enthalten nicht auch fürs Bewußtseyn ihre Beziehung auf die absolute<lb n="20"/>Totalität, sondern diese bleibt im innern und unausgedrükt; die Spekulation versteht<lb n="21"/>deßwegen den gesunden Menschenverstand wohl, aber der gesunde Menschenver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stand nicht das Thun der Spekulation. Die Spekulation anerkennt als Realität der<lb n="23"/>Erkenntniß nur das Seyn der Erkenntniß in der Totalität, alles Bestimmte hat für sie<lb n="24"/>nur Realität und Wahrheit in der erkannten Beziehung aufs Absolute; sie erkennt<lb n="25"/>deßwegen auch das Absolute in demjenigen, was den Aussprüchen des gesunden<lb n="26"/>Menschenverstandes zum Grunde liegt; aber weil für sie die Erkenntniß nur, in<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sofern sie im Absoluten ist, Realität hat, ist vor ihr das Erkannte und Gewußte, wie<lb n="28"/>es für die Reflexion ausgesprochen ist, und dadurch eine bestimmte Form hat, zu<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gleich vernichtet; die relativen Identitäten des gesunden Menschenverstands, die<lb n="30"/>ganz, wie sie erscheinen, in ihrer beschränkten Form auf Absolutheit Anspruch<lb n="31"/>machen, werden Zufälligkeiten für die philosophische Reflexion. Der gesunde<lb n="32"/>Menschenverstand kann es nicht fassen, wie das für ihn unmittelbar Gewisse für<lb n="33"/>die Philosophie zugleich ein Nichts ist; denn er fühlt in seinen unmittelbaren<lb n="34"/>Wahrheiten nur ihre Beziehung aufs Absolute, aber trennt dieß Gefühl nicht<lb n="35"/>von ihrer Erscheinung, durch welche sie Beschränkungen sind, und doch auch<lb n="36"/>als solche Bestand und absolutes Seyn haben sollen, aber vor der Spekulation ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schwinden.</p>
<pb n="21" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=26" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="37–39"/>
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<p><lb n="1"/>Nicht nur aber kann der gesunde Menschenverstand die Spekulation nicht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>stehen, sondern er muß sie auch hassen, wenn er von ihr erfährt, und, wenn er nicht<lb n="3"/>in der völligen Indifferenz der Sicherheit ist, sie verabscheuen und verfolgen. Denn<lb n="4"/>wie für den gesunden Menschenverstand die Identität des Wesens und des Zufälligen<lb n="5"/>seiner Aussprüche absolut ist, und er die Schranken der Erscheinung nicht von dem<lb n="6"/>Absoluten zu trennen vermag, so ist auch dasjenige, was er in seinem Bewußtseyn<lb n="7"/>trennt, absolut entgegengesetzt, und was er als beschränkt erkennt, kann er mit dem<lb n="8"/>Unbeschränkten nicht im Bewußtseyn vereinigen; sie sind wohl in ihm identisch,<lb n="9"/>aber diese Identität ist und bleibt ein Innres, ein Gefühl, ein unerkanntes und ein un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ausgesprochnes. So wie er an das Beschränkte erinnert und es ins Bewußtseyn gesetzt<lb n="11"/>wird, so ist für dieses, das Unbeschränkte dem Beschränkten absolut entgegengesetzt.<lb n="12"/>Dieß Verhältniß oder Beziehung der Beschränktheit auf das Absolute, in welcher<lb n="13"/>Beziehung nur die Entgegensetzung im Bewußtseyn, hingegen über die Identität<lb n="14"/>eine völlige Bewußtlosigkeit vorhanden ist, heißt <hi rendition="#g">Glauben</hi>; der Glauben drükt nicht<lb n="15"/>das Synthetische des Gefühls oder der Anschauung aus, er ist ein Verhältniß der<lb n="16"/>Reflexion zum Absoluten, welche in diesem Verhältniß zwar Vernunft ist, und sich<lb n="17"/>als ein trennendes und getrenntes, so wie ihre Produkte – ein individuelles Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn – zwar vernichtet, aber die Form der Trennung noch behalten hat; die un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>mittelbare Gewißheit des Glaubens, von der, als dem Letzten und Höchsten des<lb n="20"/>Bewußtseyns so viel gesprochen worden ist, ist nichts als die Identität selbst, die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nunft, die sich aber nicht erkennt, sondern vom Bewußtseyn der Entgegensetzung<lb n="22"/>begleitet ist. Aber die Spekulation erhebt die dem gesunden Menschenverstand<lb n="23"/>bewußtlose Identität zum Bewußtseyn, oder sie konstruirt das im Bewußtseyn des<lb n="24"/>gemeinen Verstandes nothwendig entgegengesetzte zur bewußten Identität, und diese<lb n="25"/>Vereinigung des im Glauben getrennten ist ihm ein Greuel. Weil das Heilige und Gött<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>liche in seinem Bewußtseyn nur als Objekt besteht, so erblikt er in der aufgehobenen<lb n="27"/>Entgegensetzung, in der Identität fürs Bewußtseyn nur Zerstörung des Göttlichen.</p>
<p><lb n="28"/>Besonders muß aber der gemeine Menschenverstand nichts als Vernichtung in<lb n="29"/>denjenigen philosophischen Systemen erblikken, welche die Foderung der bewußten<lb n="30"/>Identität in einer solchen Aufhebung der Entzweyung befriedigen, wodurch Eins der<lb n="31"/>entgegengesetzten, besonders wenn ein solches durch die Bildung der Zeit sonst<lb n="32"/>fixirt ist, zum Absoluten erhoben und das Andre vernichtet wird. Hier hat wohl die<lb n="33"/>Spekulation als Philosophie die Entgegensetzung aufgehoben, aber als System ein<lb n="34"/>seiner gewöhnlichen bekannten Form nach beschränktes zum Absoluten erhoben.<lb n="35"/>Die einzige Seite, die hiebey in Betracht kommt, nemlich die spekulative, ist für den<lb n="36"/>gemeinen Menschenverstand gar nicht vorhanden; von dieser spekulativen Seite ist<lb n="37"/>das Beschränkte ein ganz anderes, als es dem gemeinen Menschenverstand erscheint;</p>
<pb n="22" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=27" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="39–41"/>
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<p><lb n="1"/>dadurch nemlich, daß es zum Absoluten erhoben worden ist, ist es nicht mehr diß<lb n="2"/>Beschränkte; die Materie des Materialisten, oder das Ich des Idealisten, ist – jene nicht<lb n="3"/>mehr die todte Materie, die ein Leben zur Entgegensetzung und Bildung hat; – dieses<lb n="4"/>nicht mehr das empirische Bewußtseyn, das als ein beschränktes ein Unendliches<lb n="5"/>ausser sich setzen muß. Die Frage gehört der Philosophie an, ob das System die end<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>liche Erscheinung, die es zum Unendlichen steigerte, in Wahrheit von aller Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit gereinigt hat, ob die Spekulation in ihrer grösten Entfernung vom gemeinen<lb n="8"/>Menschenverstande und seinem Fixiren Entgegengesetzter, nicht dem Schicksal ihrer<lb n="9"/>Zeit unterlegen ist, eine Form des Absoluten, also ein seinem Wesen nach entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gesetztes absolut gesetzt zu haben. Hat die Spekulation das Endliche, das sie unend<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lich machte, wirklich von allen Formen der Erscheinung befreyt, so ist es der Nahmen<lb n="12"/>zunächst, an dem sich hier der gemeine Menschenverstand stößt, wenn er sonst vom<lb n="13"/>spekulativen Geschäfte keine Notiz nimmt. Wenn die Endlichen, welche die Speku<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lation der That nach zum Unendlichen steigert, und dadurch vernichtet, – und<lb n="15"/>Materie, Ich, insofern sie die Totalität umfassen sollen, sind nicht mehr Ich, nicht<lb n="16"/>mehr Materie, – so fehlt zwar der letzte Akt der philosophischen Reflexion nemlich<lb n="17"/>das Bewußtseyn über ihre Vernichtung, und wenn auch dieser der That nach<lb n="18"/>geschehenen Vernichtung ungeachtet, das Absolute des Systems noch eine bestimmte<lb n="19"/>Form behalten hat, so ist wenigstens die ächt spekulative Tendenz nicht zu verkennen,<lb n="20"/>von der aber der gemeine Menschenverstand nichts versteht. Indem er nicht einmal<lb n="21"/>das philosophische Princip, die Entzweyung aufzuheben, sondern nur das systemati<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sche Princip erblikt, Eins der entgegengesetzten zum Absoluten erhoben und das<lb n="23"/>andre vernichtet findet, so war auf seiner Seite noch ein Vortheil in Rüksicht auf die<lb n="24"/>Entzweyung; in ihm so wie im System ist eine absolute Entgegensetzung vorhanden,<lb n="25"/>aber er hatte doch die <hi rendition="#g">Vollständigkeit</hi> der Entgegensetzung, und wird doppelt<lb n="26"/>geärgert. – Sonst kommt einem solchen philosophischen System, dem der Mangel<lb n="27"/>anklebt, ein von irgend einer Seite noch Entgegengesetztes zum Absoluten zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>heben, außer seiner philosophischen Seite noch ein Vortheil und Verdienst zu, von<lb n="29"/>denen der gemeine Verstand nicht nur nichts begreift, sondern die er auch ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>abscheuen muß, – der Vortheil, durch die Erhebung eines Endlichen zum unend<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichen Princip, die ganze Masse von Endlichkeiten, die am entgegengesetzten Princip<lb n="32"/>hängt, mit einem Mahl niedergeschlagen zu haben, – das Verdienst in Rüksicht auf<lb n="33"/>die Bildung, die Entzweyung um so härter gemacht, und das Bedürfniß der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>einigung in der Totalität um so viel verstärkt zu haben.</p>
<p><lb n="35"/>Die Hartnäkkigkeit des gesunden Menschenverstandes sich in der Kraft seiner Träg<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit, das Bewußtlose in seiner ursprünglichen Schwere und Entgegensetzung gegen</p>
<pb n="23" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=28" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="41–43"/>
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<p><lb n="1"/>das Bewußtseyn, die Materie gegen die Differenz gesichert zu halten, die das Licht nur<lb n="2"/>darum in sie bringt, um sie in einer höhern Potenz wieder zur Synthese zu kon<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>struiren – erfodert wohl unter nördlichen Klimaten eine längere Zeitperiode, um vor<lb n="4"/>der Hand nur so weit überwunden zu werden, daß die atomistische Materie selbst<lb n="5"/>mannichfaltiger, die Trägheit zunächst durch ein mannichfaltigeres Kombiniren und<lb n="6"/>Zersetzen derselben und durch die hiemit erzeugte größere Menge fixer Atomen in<lb n="7"/>eine Bewegung auf ihrem Boden versetzt wird, so daß der Menschenverstand in<lb n="8"/>seinem verständigen Treiben und Wissen sich immer mehr verwirrt, bis er sich fähig<lb n="9"/>macht, die Aufhebung dieser Verwirrung und der Entgegensetzung selbst zu ertragen.</p>
<p><lb n="10"/>Wenn für den gesunden Menschenverstand nur die vernichtende Seite der Speku<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lation erscheint, so erscheint ihm auch diß Vernichten nicht in seinem ganzen<lb n="12"/>Umfang, wenn er diesen Umfang fassen könnte, so hielte er sie nicht für seine<lb n="13"/>Gegnerin; denn die Spekulation fodert in ihrer höchsten Synthese des Bewußten und<lb n="14"/>Bewußtlosen, auch die Vernichtung des Bewußtseyns selbst, und die Vernunft ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>senkt damit ihr Reflektiren der absoluten Identität und ihr Wissen und sich selbst in<lb n="16"/>ihren eignen Abgrund, und in dieser Nacht der blossen Reflexion und des räsonniren<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>den Verstandes, die der Mittag des Lebens ist, können sich beyde begegnen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="18"/>PRINCIP EINER PHILOSOPHIE IN DER FORM EINES<lb n="19"/>ABSOLUTEN GRUNDSATZES.</head>
<p><lb n="20"/>Die Philosophie als eine durch Reflexion producirte Totalität des Wissens wird ein<lb n="21"/>System, ein organisches Ganzes von Begriffen, dessen höchstes Gesetz nicht der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stand sondern die Vernunft ist; jener hat die Entgegengesetzten seines Gesetzten, seine<lb n="23"/>Gräntze, Grund und Bedingung richtig aufzuzeigen, aber die Vernunft vereint diese<lb n="24"/>Widersprechenden, setzt beyde zugleich und hebt beyde auf. An das System als eine<lb n="25"/>Organisation von Sätzen kann die Foderung geschehen, daß ihm das Absolute,<lb n="26"/>welches der Reflexion zum Grunde liegt, auch nach Weise der Reflexion, als oberster<lb n="27"/>absoluter Grundsatz vorhanden sey. Eine solche Foderung trägt aber ihre Nichtigkeit<lb n="28"/>schon in sich; denn ein durch die Reflexion gesetztes, ein Satz ist für sich ein Be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schränktes und Bedingtes, und bedarf einen andern zu seiner Begründung u.s.f. ins<lb n="30"/>Unendliche. Wenn das Absolute in einem durch und für das Denken gültigen<lb n="31"/>Grundsatz ausgedrückt wird, dessen Form und Materie gleich sey, so ist entweder die<lb n="32"/>blosse Gleichheit gesetzt, und die Ungleichheit der Form und Materie ausgeschlossen,<lb n="33"/>und der Grundsatz durch diese Ungleichheit bedingt; in diesem Fall ist der Grund-</p>
<pb n="24" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=29" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="43–45"/>
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<p><lb n="1"/>satz nicht absolut, sondern mangelhaft, er drükt nur einen Verstandesbegriff, eine<lb n="2"/>Abstraktion aus; – oder die Form und Materie ist als Ungleichheit zugleich in ihm<lb n="3"/>enthalten, der Satz ist analytisch und synthetisch zugleich, so ist der Grundsatz eine<lb n="4"/>Antinomie, und dadurch nicht ein Satz, er steht als Satz unter dem Gesetz des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>standes, daß er sich nicht in sich widerspreche, nicht sich aufhebe sondern ein gesetztes<lb n="6"/>seye, als Antinomie aber hebt er sich auf.</p>
<p><lb n="7"/>Dieser Wahn, daß ein nur für die Reflexion gesetztes nothwendig an der Spitze<lb n="8"/>eines Systems als oberster absoluter Grundsatz stehen müsse, oder daß das Wesen<lb n="9"/>eines jeden Systems in einem Satze, der fürs Denken absolut sey, sich ausdrükken<lb n="10"/>lasse, macht sich mit einem System, auf das er seine Beurtheilung anwendet, ein<lb n="11"/>leichtes Geschäft; denn von einem Gedachten, das der Satz ausdrükt, läßt sich sehr<lb n="12"/>leicht erweisen, daß es durch ein Entgegengesetztes bedingt, also nicht absolut ist; es<lb n="13"/>wird von diesem dem Satze Entgegengesetzten erwiesen, daß es gesetzt werden<lb n="14"/>müsse, daß also jenes Gedachte, das der Satz ausdrükt, nichtig ist. Der Wahn hält sich<lb n="15"/>um so mehr für gerechtfertigt, wenn das System selbst das Absolute, das sein Princip<lb n="16"/>ist, in der Form eines Satzes oder einer Definition ausdrükt, die aber im Grunde eine<lb n="17"/>Antinomie ist, und sich deßwegen als ein Gesetztes für die blosse Reflexion selbst auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>hebt; so hört z. B. Spinoza’s Begriff der Substanz, die als Ursache und Bewirktes, als<lb n="19"/>Begriff und Seyn zugleich, erklärt wird, auf, ein Begriff zu seyn, weil die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gesetzten in einen Widerspruch vereinigt sind. – Kein Anfang einer Philosophie kann<lb n="21"/>ein schlechteres Aussehen haben, als der Anfang mit einer Definition, wie bei Spinoza,<lb n="22"/>ein Anfang, der mit dem Begründen, Ergründen, Deduciren der Principien des<lb n="23"/>Wissens, dem mühsamen Zurükführen aller Philosophie auf höchste Thatsachen des<lb n="24"/>Bewußtseyns u.s.w. den seltsamsten Kontrast macht; wenn aber die Vernunft von<lb n="25"/>der Subjektivität des Reflektirens sich gereinigt hat, so kann auch jene Einfalt Spi<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>noza’s, welche die Philosophie mit der Philosophie selbst anfängt, und die Vernunft<lb n="27"/>gleich unmittelbar mit einer Antinomie auftreten läßt, gehörig geschätzt werden.</p>
<p><lb n="28"/>Soll das Princip der Philosophie in formalen Sätzen für die Reflexion ausgesprochen<lb n="29"/>werden, so ist zunächst als Gegenstand dieser Aufgabe nichts vorhanden, als das Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sen, im allgemeinen die Synthese des Subjektiven und Objektiven, oder das absolute<lb n="31"/>Denken; die Reflexion aber vermag nicht die absolute Synthese in einem Satz aus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>zudrükken, wenn nemlich dieser Satz als ein eigentlicher Satz für den Verstand gelten<lb n="33"/>soll; sie muß, was in der absoluten Identität Eins ist, trennen und die Synthese und<lb n="34"/>die Antithese getrennt, in Zwei Sätzen, in einem die Identität, im andern die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zweyung, ausdrükken.</p>
<p><lb n="36"/>In A = A, als dem Satze der Identität wird reflektirt auf das Bezogenseyn; und diß<lb n="37"/>Beziehen, diß Einsseyn, die Gleichheit ist in dieser reinen Identität enthalten; es wird</p>
<pb n="25" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=30" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–47"/>
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<p><lb n="1"/>von aller Ungleichheit abstrahirt; A = A, der Ausdruk des absoluten Denkens, oder<lb n="2"/>der Vernunft, hat für die formale, in verständigen Sätzen sprechende Reflexion nur<lb n="3"/>die Bedeutung der Verstandes-Identität, der reinen Einheit d. h. einer solchen, worin<lb n="4"/>von der Entgegensetzung abstrahirt ist.</p>
<p><lb n="5"/>Aber die Vernunft findet sich in dieser Einseitigkeit der abstrakten Einheit nicht<lb n="6"/>ausgedrükt; sie postulirt auch das Setzen desjenigen, wovon in der reinen Gleichheit<lb n="7"/>abstrahirt wurde, das Setzen des entgegengesetzten, der Ungleichheit; das eine A ist<lb n="8"/>Subjekt, das andere Objekt, und der Ausdruk für ihre Differenz ist A nicht = A,<lb n="9"/>oder A = B. Dieser Satz widerspricht dem vorigen geradezu; in ihm ist abstrahirt<lb n="10"/>von der reinen Identität, und die Nichtidentität, die reine Form des Nichtdenkens<lb n="11"/>gesetzt, wie der erste die Form des reinen Denkens, das ein anderes ist, als das<lb n="12"/>absolute Denken, die Vernunft; nur weil auch das Nichtdenken gedacht, A nicht = A,<lb n="13"/>durchs Denken gesetzt wird, kann er überhaupt gesetzt werden; in A nicht = A oder<lb n="14"/>A = B ist die Identität, das Beziehen, das = des ersten Satzes ebenfalls, aber nur sub<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jektiv, d. h. nur insofern das Nichtdenken durchs Denken gesetzt ist; aber diß<lb n="16"/>Gesetztseyn des Nichtdenkens fürs Denken ist dem Nichtdenken durchaus zufällig,<lb n="17"/>eine blosse Form für den zweyten Satz, von der, um seine Materie rein zu haben,<lb n="18"/>abstrahirt werden muß.</p>
<p><lb n="19"/>Dieser zweyte Satz ist so unbedingt, als der erste, und insofern Bedingung des<lb n="20"/>ersten, so wie der erste Bedingung des zweyten Satzes ist. Der erste ist bedingt durch<lb n="21"/>den zweyten, insofern er durch die Abstraktion von der Ungleichheit, die der zweyte<lb n="22"/>Satz enthält, besteht; der Zweyte, insofern er, um ein Satz zu seyn, einer Beziehung<lb n="23"/>bedarf.</p>
<p><lb n="24"/>Der zweyte Satz ist sonst unter der subalternen Form des Satzes des Grundes aus<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gesprochen worden; oder vielmehr er ist erst in diese höchst subalterne Bedeutung<lb n="26"/>dadurch herabgezogen worden, daß man ihn zum Satze der Kausalität gemacht hat.<lb n="27"/>A hat einen Grund, heißt, dem A kommt ein Seyn zu, das nicht ein Seyn des A ist,<lb n="28"/>A ist ein Gesetztseyn, das nicht das Gesetztseyn des A ist; also A nicht = A; A = B.<lb n="29"/>Wird davon abstrahirt, daß A ein Gesetztes ist, wie abstrahirt werden muß, um den<lb n="30"/>zweyten Satz rein zu haben, so drükt er überhaupt ein Nichtgesetztseyn des A aus.<lb n="31"/>A als gesetztes und als Nichtgesetztes zugleich zu setzen ist schon die Synthese des<lb n="32"/>ersten und zweyten Satzes.</p>
<p><lb n="33"/>Beyde Sätze sind Sätze des Widerspruchs nur im verkehrten Sinne; der erste der<lb n="34"/>Identität sagt aus, daß der Widerspruch = 0 ist; der Zweyte, insofern er auf den<lb n="35"/>ersten bezogen wird, daß der Widerspruch eben so nothwendig ist, als der Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>widerspruch; beyde sind als Sätze, für sich Gesetzte von gleicher Potenz. Insofern der</p>
<pb n="26" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=31" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="47–49"/>
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<p><lb n="1"/>zweyte so ausgesprochen wird, daß der erste zugleich auf ihn bezogen ist, so ist er<lb n="2"/>der höchst mögliche Ausdruk der Vernunft durch den Verstand; diese Beziehung<lb n="3"/>beyder ist der Ausdruk der Antinomie; und als Antinomie, als Ausdruk der absoluten<lb n="4"/>Identität, ist es gleichgültig, A = B; oder A = A zu setzen, wenn nemlich A = B,<lb n="5"/>und A = A als Beziehung beyder Sätze genommen wird; A = A enthält die Dif<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ferenz des A als Subjekts und A als Objekts, zugleich mit der Identität, so wie<lb n="7"/>A = B die Identität des A und B, mit der Differenz beyder.</p>
<p><lb n="8"/>Erkennt der Verstand im Satze des Grundes, als einer Beziehung beyder, nicht die<lb n="9"/>Antinomie, so ist er nicht zur Vernunft gediehen, und formaliter ist der zweyte Satz<lb n="10"/>kein neuer für ihn; für den blossen Verstand sagt A = B nicht mehr aus, als der<lb n="11"/>erste Satz; der Verstand begreift alsdenn nemlich das Gesetztseyn des A als B nur<lb n="12"/>als eine Wiederhohlung des A, d. h. er hält nur die Identität fest, und abstrahirt davon,<lb n="13"/>daß indem A als B, oder in B gesetzt, wiederhohlt wird, ein anderes, ein Nicht A<lb n="14"/>gesetzt ist, und zwar als A; also A als Nicht A. – Wenn man bloß auf das formelle<lb n="15"/>der Spekulation reflektirt, und die Synthese des Wissens, in analytischer Form fest<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hält, so ist die Antinomie, der sich selbst aufhebende Widerspruch, der höchste for<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>melle Ausdruk des Wissens und der Wahrheit.</p>
<p><lb n="18"/>In der Antinomie, wenn er für den formellen Ausdruk der Wahrheit anerkannt<lb n="19"/>wird, hat die Vernunft das formale Wesen der Reflexion unter sich gebracht. Das<lb n="20"/>formale Wesen hat aber die Oberhand, wenn das Denken in der einzigen Form des<lb n="21"/>ersten, dem Zweyten entgegengesetzten Satzes, mit dem Charakter einer abstrakten<lb n="22"/>Einheit als das erste Wahre der Philosophie gesetzt und aus der Analyse der Anwen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dung des Denkens ein System der Realität der Erkenntniß errichtet werden soll; als<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>denn ergibt sich der ganze Verlauf dieses rein analytischen Geschäfts auf folgende Art.</p>
<p><lb n="25"/>Das Denken ist als unendliche Wiederholbarkeit des A, als A, eine Abstraktion,<lb n="26"/>der erste Satz als Thätigkeit ausgedrükt; nun fehlt aber der zweyte Satz, das Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>denken; nothwendig muß zu ihm als der Bedingung des ersten übergegangen, und<lb n="28"/>auch dieses, die Materie, gesetzt werden; hiemit sind die Entgegengesetzten voll<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ständig, und der Übergang ist eine gewisse Art von Beziehung beyder auf einander,<lb n="30"/>welche eine Anwendung des Denkens heißt, und eine höchst unvollständige Syn<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>these ist. Aber auch diese schwache Synthese ist selbst gegen die Voraussetzung, des<lb n="32"/>Denkens als Setzens des A als A ins Unendliche fort; denn in der <hi rendition="#g">Anwendung</hi><lb n="33"/>wird A zugleich als Nicht A gesetzt, und das Denken in seinem absoluten Bestehen<lb n="34"/>als ein unendliches Wiederhohlen des A als A aufgehoben. – Das dem Denken ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gegengesetzte ist durch seine Beziehung aufs Denken bestimmt als ein Gedachtes,<lb n="36"/>= A. Weil aber ein solches Denken, Setzen = A, bedingt durch eine Abstraktion,<lb n="37"/>und also ein Entgegengesetztes ist, so hat auch das Gedachte, ausser dem daß es</p>
<pb n="27" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=32" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="49–51"/>
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<p><lb n="1"/>Gedachtes = A ist, noch andere Bestimmungen = B, die vom blossen Bestimmtseyn<lb n="2"/>durchs reine Denken ganz unabhängig sind; und diese sind dem Denken bloß<lb n="3"/>gegeben; es muß also für das Denken, als Princip des analytischen Philosophirens<lb n="4"/>einen absoluten Stoff geben, wovon weiter unten die Rede seyn wird. Die Grundlage<lb n="5"/>dieser absoluten Entgegensetzung läßt dem formalen Geschäfte, worinn die berühmte<lb n="6"/>Erfindung, die Philosophie auf Logik zurükzuführen beruht, keine andere immanente<lb n="7"/>Synthese, als die der Verstandes-Identität, A ins unendliche zu wiederhohlen; aber<lb n="8"/>selbst zur Wiederhohlung braucht sie eines B, C u.s.w., in denen das wiederhohlte A<lb n="9"/>gesetzt werden kann; diese B, C, D u.s.w. sind um der Wiederhohlbarkeit des A<lb n="10"/>willen ein mannichfaltiges, sich entgegengesetztes, – jedes hat durch A nicht gesetzte<lb n="11"/>besondere Bestimmungen, – d. h. ein absolut mannichfaltiger Stoff, dessen b, c, d<lb n="12"/>u.s.w. sich mit dem A <hi rendition="#g">fügen</hi> muß, wie es kann; eine solche Ungereimtheit des<lb n="13"/>Fügens kommt an die Stelle einer ursprünglichen Identität. Der Grundfehler kann so<lb n="14"/>vorgestellt werden, daß in formaler Rücksicht auf die Antinomie des A = A, und des<lb n="15"/>A = B, nicht reflektirt ist; einem solchen analytischen Wesen liegt das Bewußtseyn<lb n="16"/>nicht zum Grunde, daß die rein formale Erscheinung des Absoluten der Widerspruch<lb n="17"/>ist, ein Bewußtseyn, das nur entstehen kann, wenn die Spekulation von der Vernunft,<lb n="18"/>und dem A = A als absoluter Identität des Subjekts und Objekts ausgeht.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="19"/>TRANSSCENDENTALE ANSCHAUUNG.</head>
<p><lb n="20"/>Insofern die Spekulation von der Seite der blossen Reflexion angesehen wird,<lb n="21"/>erscheint die absolute Identität, in Synthesen Entgegengesetzter, also in Antinomieen;<lb n="22"/>die relativen Identitäten, in die sich die absolute differenzirt, sind zwar beschränkt,<lb n="23"/>und insofern für den Verstand und nicht antinomisch; zugleich aber weil sie Identi<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>täten sind, sind sie nicht reine Verstandesbegriffe; und sie müssen Identitäten seyn,<lb n="25"/>weil in einer Philosophie kein gesetztes ohne Beziehung aufs Absolute stehen kann;<lb n="26"/>von der Seite dieser Beziehung aber ist selbst jedes Beschränkte eine (relative)<lb n="27"/>Identität, und insofern für die Reflexion ein antinomisches; – und dieß ist die negative<lb n="28"/>Seite des Wissens, das formale, das von der Vernunft regiert, sich selbst zerstört.<lb n="29"/>Ausser dieser negativen Seite hat das Wissen eine positive Seite, nemlich die An<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schauung. Reines Wissen, das hiesse, Wissen ohne Anschauung, ist die Vernichtung<lb n="31"/>der Entgegengesetzten im Widerspruch; Anschauung ohne diese Synthese Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gesetzter ist empirisch, gegeben, bewußtlos. Das transcendentale Wissen vereinigt<lb n="33"/>beydes, Reflexion und Anschauung; es ist Begriff und Seyn zugleich. Dadurch, daß</p>
<pb n="28" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=33" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="51–53"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>die Anschauung transcendental wird, tritt die Identität des Subjektiven und Objek<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tiven, welche in der empirischen Anschauung getrennt sind, ins Bewustseyn; das<lb n="3"/>Wissen, insofern es transcendental wird, setzt nicht bloß den Begriff und seine<lb n="4"/>Bedingung, – oder die Antinomie beyder, das subjektive, sondern zugleich das ob<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>jektive, das Seyn. Im philosophischen Wissen ist das Angeschaute eine Thätigkeit der<lb n="6"/>Intelligenz und der Natur, des Bewußtseyns und des Bewußtlosen zugleich; es gehört<lb n="7"/>beyden Welten, der ideellen und reellen zugleich an – der ideellen, indem es in der<lb n="8"/>Intelligenz, und dadurch in Freyheit gesetzt ist, – der reellen, indem es seine Stelle in<lb n="9"/>der objektiven Totalität hat, als ein Ring in der Kette der Nothwendigkeit deducirt<lb n="10"/>wird. Stellt man sich auf den Standpunkt der Reflexion oder der Freyheit, so ist das<lb n="11"/>ideelle das Erste, und das Wesen, und das Seyn nur die schematisirte Intelligenz;<lb n="12"/>stellt man sich auf den Standpunkt der Nothwendigkeit oder des Seyns, so ist das<lb n="13"/>Denken nur ein Schema des absoluten Seyns. Im transcendentalen Wissen ist beydes<lb n="14"/>vereinigt, Seyn und Intelligenz; eben so ist transcendentales Wissen und tran<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>scendentales Anschauen Eins und dasselbe; der verschiedene Ausdruk deutet nur auf<lb n="16"/>das Überwiegende des ideellen oder reellen Faktors. Es ist von der tiefsten Bedeutung,<lb n="17"/>daß mit so vielem Ernst behauptet worden ist, ohne transcendentale Anschauung<lb n="18"/>könne nicht philosophirt werden; was hiesse denn ohne Anschauung philosophiren?<lb n="19"/>In absoluten Endlichkeiten sich endlos zerstreuen; diese Endlichkeiten seyen subjek<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tive oder objektive, Begriffe oder Dinge, oder es werde auch von einer Art zu der<lb n="21"/>andern übergegangen, so geht das Philosophiren ohne Anschauung an einer endlosen<lb n="22"/>Reihe von Endlichkeiten fort, und der Übergang vom Seyn zum Begriffe, oder vom<lb n="23"/>Begriff zum Seyn ist ein ungerechtfertigter Sprung; ein solches Philosophiren heißt<lb n="24"/>ein formales, denn Ding wie Begriff ist jedes für sich nur Form des Absoluten; es setzt<lb n="25"/>die Zerstörung der transcendentalen Anschauung, eine absolute Entgegensetzung des<lb n="26"/>Seyns und Begriffs voraus, und wenn es vom Unbedingten spricht, so macht es selbst<lb n="27"/>dieß wieder, etwa in der Form einer Idee, die dem Seyn entgegengesetzt sey, zu<lb n="28"/>einem formalen. Je besser die Methode ist, desto greller werden die Resultate. Für die<lb n="29"/>Spekulation sind die Endlichkeiten Radien des unendlichen Fokus, der sie ausstrahlt,<lb n="30"/>und zugleich von ihnen gebildet ist; in ihnen ist der Fokus, und im Fokus sie gesetzt;<lb n="31"/>in der transcendentalen Anschauung ist alle Entgegensetzung aufgehoben, aller Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>schied der Konstruktion des Universums durch und für die Intelligenz, und seiner als<lb n="33"/>ein objektives angeschauten, unabhängig erscheinenden Organisation vernichtet. Das<lb n="34"/>Produciren des Bewußtseyns dieser Identität ist die Spekulation, und weil Idealität<lb n="35"/>und Realität in ihr Eins ist, ist sie Anschauung.</p>
<pb n="29" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=34" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="53–55"/>
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<div>
<head><lb n="1"/>POSTULATE DER VERNUNFT.</head>
<p><lb n="2"/>Die Synthese der Zwey von der Reflexion gesetzten Entgegengesetzten, foderte<lb n="3"/>als Werk der Reflexion, ihre Vervollständigung; als Antinomie, die sich aufhebt, ihr<lb n="4"/>Bestehen in der Anschauung. Weil das spekulative Wissen als Identität der Reflexion<lb n="5"/>und der Anschauung begriffen werden muß; so kann man, insofern der Antheil der<lb n="6"/>Reflexion, der als vernünftig antinomisch ist, allein gesetzt wird, aber in noth<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wendiger Beziehung auf die Anschauung steht, in diesem Fall von der Anschauung<lb n="8"/>sagen, sie werde von der Reflexion postulirt. Es kann nicht davon die Rede seyn,<lb n="9"/>Ideen zu postuliren; denn diese sind Produkte der Vernunft, oder vielmehr, das ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nünftige durch den Verstand als Produkt gesetzt; das vernünftige muß seinem be<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stimmten Inhalte nach, nemlich aus dem Widerspruch bestimmter entgegengesetzter,<lb n="12"/>deren Synthese das vernünftige ist, deducirt werden, nur die diß antinomische aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>füllende und haltende Anschauung ist das postulable. Eine solche sonst postulirte Idee<lb n="14"/>ist der unendliche Progreß, eine Vermischung von empirischem und vernünftigem;<lb n="15"/>jenes ist die Anschauung der Zeit; diß die Aufhebung aller Zeit, die Verunend<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichung derselben; im empirischen Progreß ist sie aber nicht rein verunendlicht, denn<lb n="17"/>sie soll in ihm als endliches, – als beschränkte Momente bestehen, er ist eine empirische<lb n="18"/>Unendlichkeit. Die wahre Antinomie, die beydes, das Beschränkte und unbeschränkte,<lb n="19"/>nicht nebeneinander, sondern zugleich als identisch setzt, muß damit zugleich die<lb n="20"/>Entgegensetzung aufheben; indem die Antinomie die bestimmte Anschauung der<lb n="21"/>Zeit postulirt, muß diese, – beschränkter Moment der Gegenwart, – und Un<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>beschränktheit seines Außersichgesetztseyns – beydes zugleich, also Ewigkeit seyn. –<lb n="23"/>Eben so wenig kann die Anschauung als ein der Idee, oder besser der nothwendigen<lb n="24"/>Antinomie entgegengesetztes gefodert werden; die Anschauung, die der Idee ent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gegengesetzt ist, ist beschränktes Daseyn, eben weil sie die Idee ausschließt; die<lb n="26"/>Anschauung ist wohl das von der Vernunft postulirte, aber nicht als beschränktes,<lb n="27"/>sondern zur Vervollständigung der Einseitigkeit des Werks der Reflexion, nicht daß<lb n="28"/>sie sich entgegengesetzt bleiben, sondern Eins seyen. Man sieht überhaupt, daß diese<lb n="29"/>ganze Weise des Postulirens darin allein ihren Grund hat, daß von der Einseitigkeit<lb n="30"/>der Reflexion ausgegangen wird; diese Einseitigkeit bedarf es, zur Ergänzung ihrer<lb n="31"/>Mangelhaftigkeit, das aus ihr ausgeschlossene Entgegengesetzte zu postuliren. Das<lb n="32"/>Wesen der Vernunft erhält aber in dieser Ansicht eine schiefe Stellung, denn sie<lb n="33"/>erscheint hier als ein nicht sich selbst genügendes, sondern als ein bedürftiges. Wenn<lb n="34"/>aber die Vernunft sich als absolut erkennt, so fängt die Philosophie damit an, womit<lb n="35"/>jene Manier, die von der Reflexion ausgeht, aufhört; mit der Identität der Idee und</p>
<pb n="30" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=35" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="55–57"/>
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<p><lb n="1"/>des Seyns; sie postulirt nicht das eine, denn sie setzt mit der Absolutheit unmittelbar<lb n="2"/>beyde und die Absolutheit der Vernunft ist nichts anders, als die Identität beyder.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="3"/>VERHÄLTNISS DES PHILOSOPHIRENS ZU EINEM<lb n="4"/>PHILOSOPHISCHEN SYSTEM.</head>
<p><lb n="5"/>Das Bedürfniß der Philosophie kann sich darin befriedigen, zum Princip der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nichtung aller fixirten Entgegensetzung, und zu der Beziehung des Beschränkten auf<lb n="7"/>das Absolute durchgedrungen zu seyn; diese Befriedigung im Princip der absoluten<lb n="8"/>Identität findet sich im Philosophiren überhaupt; das gewußte wäre seinem Inhalte<lb n="9"/>nach ein zufälliges, die Entzweiungen, aus deren Vernichtung es ging, gegeben, und<lb n="10"/>verschwunden, und nicht selbst wieder konstruirte Synthesen, der Inhalt eines solchen<lb n="11"/>Philosophirens hätte überhaupt keinen Zusammenhang unter sich, und machte nicht<lb n="12"/>eine objektive Totalität des Wissens aus. Wegen des unzusammenhängenden seines<lb n="13"/>Inhalts allein ist diß Philosophiren gerade nicht nothwendig ein Räsonniren; lezteres<lb n="14"/>zerstreut die Gesetzten nur in grössere Mannichfaltigkeit, und wenn es in diesen<lb n="15"/>Strom gestürzt, haltungslos schwimmt, so soll die ganze selbst haltungslose Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dehnung der verständigen Mannichfaltigkeit bestehen bleiben; dem wahren obschon<lb n="17"/>unzusammenhängenden Philosophiren dagegen verschwindet das Gesetzte und seine<lb n="18"/>Entgegengesetzten, indem es dasselbe nicht bloß in Zusammenhang mit andern<lb n="19"/>Beschränkten, sondern in Beziehung aufs Absolute bringt, und dadurch aufhebt.</p>
<p><lb n="20"/>Weil aber diese Beziehung des Beschränkten auf das Absolute ein mannichfaltiges<lb n="21"/>ist, da die Beschränkten es sind, so muß das Philosophiren darauf ausgehen, diese<lb n="22"/>Mannichfaltigkeit als solche in Beziehung zu setzen; es muß das Bedürfniß entstehen,<lb n="23"/>eine Totalität des Wissens, ein System der Wissenschaft zu produciren. Hierdurch<lb n="24"/>erst befreyt sich die Mannichfaltigkeit jener Beziehungen von der Zufälligkeit, indem<lb n="25"/>sie ihre Stellen im Zusammenhang der objektiven Totalität des Wissens erhalten,<lb n="26"/>und ihre objektive Vollständigkeit zu Stande gebracht wird. Das Philosophiren, das<lb n="27"/>sich nicht zum System konstruirt, ist eine beständige Flucht vor den Beschrän<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>kungen, mehr ein Ringen der Vernunft nach Freyheit, als reines Selbsterkennen der<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>selben, das seiner sicher, und über sich klar geworden ist. Die freye Vernunft und<lb n="30"/>ihre That ist Eins, und ihre Thätigkeit ein reines Darstellen ihrer selbst.</p>
<p><lb n="31"/>In dieser Selbstproduktion der Vernunft gestaltet sich das Absolute in eine objek<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tive Totalität, die ein Ganzes, in sich selbst getragen und vollendet, ist, keinen Grund<lb n="33"/>außer sich hat, sondern durch sich selbst in ihrem Anfang, Mittel und Ende begründet</p>
<pb n="31" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=36" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>ist. Ein solches Ganzes erscheint als eine Organisation von Sätzen und Anschauungen;<lb n="2"/>jede Synthese der Vernunft, und die ihr korrespondirende Anschauung, die beyde<lb n="3"/>in der Spekulation vereinigt sind, ist als Identität des Bewußten und Bewußtlosen<lb n="4"/>für sich im Absoluten und unendlich; zugleich aber ist sie endlich und beschränkt,<lb n="5"/>insofern sie in der objektiven Totalität gesetzt ist, und andere ausser sich hat. Die<lb n="6"/>unentzweyteste Identität objektiv – die Materie, subjektiv – das Fühlen, (Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bewußtseyn) ist zugleich eine unendlich entgegengesetzte, eine durchaus relative<lb n="8"/>Identität; die Vernunft, das Vermögen (insofern der objektiven) Totalität vervoll<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ständigt sie durch ihr entgegengesetztes, und producirt durch die Synthese beyder<lb n="10"/>eine neue Identität, die selbst wieder vor der Vernunft eine mangelhafte ist, die eben<lb n="11"/>so sich wieder ergänzt. Am reinsten gibt sich die weder synthetisch noch analytisch<lb n="12"/>zu nennende Methode des Systems, wenn sie als eine Entwiklung der Vernunft selbst<lb n="13"/>erscheint, welche die Emanation ihrer Erscheinung, als eine Duplicität, nicht in sich<lb n="14"/>immer wieder zurükruft – hiemit vernichtete sie dieselbe nur – sondern sich in ihr zu<lb n="15"/>einer durch jene Duplicität bedingten Identität konstruirt, diese relative Identität<lb n="16"/>wieder sich entgegensetzt, so daß das System bis zur vollendeten objektiven Totali<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>tät fortgeht, sie mit der entgegenstehenden subjektiven zur unendlichen Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>anschauung vereinigt, deren Expansion sich damit zugleich in die reichste und ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>fachste Identität kontrahirt hat.</p>
<p><lb n="20"/>Es ist möglich, daß eine ächte Spekulation sich in ihrem System nicht vollkommen<lb n="21"/>ausspricht, oder daß die Philosophie des Systems und das System selbst nicht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sammenfallen; daß ein System aufs bestimmteste die Tendenz, alle Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>setzungen zu vernichten, ausdrükt, und für sich nicht zur vollständigsten Identität<lb n="24"/>durchdringt. Die Unterscheidung dieser beyden Rüksichten wird besonders in Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>urtheilung philosophischer Systeme wichtig. Wenn in einem System sich das zum<lb n="26"/>Grunde liegende Bedürfniß nicht vollkommen gestaltet hat, und ein Bedingtes, nur<lb n="27"/>in der Entgegensetzung bestehendes zum Absoluten erhoben hat, so wird es als System<lb n="28"/>Dogmatismus, aber die wahre Spekulation kann sich in den verschiedensten sich<lb n="29"/>gegenseitig als Dogmatismen und Geistesverirrungen verschreyenden Philosophieen<lb n="30"/>finden. Die Geschichte der Philosophie hat allein Werth und Interesse, wenn sie<lb n="31"/>diesen Gesichtspunkt festhält; sonst giebt sie nicht die Geschichte der in unendlich<lb n="32"/>mannichfaltigen Formen sich darstellenden ewigen und einen Vernunft; sondern<lb n="33"/>nichts als eine Erzählung zufälliger Begebenheiten des menschlichen Geistes, und<lb n="34"/>sinnloser Meinungen, die der Vernunft aufgebürdet werden, da sie doch allein dem<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>jenigen zur Last fallen, der das Vernünftige in ihnen nicht erkannt, und sie deß<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>wegen verkehrt hat.</p>
<pb n="32" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=37" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="59–61"/>
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<p><lb n="1"/>Eine ächte Spekulation, die aber nicht zu ihrer vollständigen Selbstkonstruktion<lb n="2"/>im System durchdringt, geht nothwendig von der absoluten Identität aus; die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zweyung derselben in Subjektives und Objektives ist eine Produktion des Absoluten.<lb n="4"/>Das Grundprincip ist also völlig transcendental, und von seinem Standpunkt aus, gibt<lb n="5"/>es keine absolute Entgegensetzung des Subjektiven und Objektiven. Aber somit ist<lb n="6"/>die Erscheinung des Absoluten, eine Entgegensetzung; das Absolute ist nicht in seiner<lb n="7"/>Erscheinung; beyde sind selbst entgegengesetzt. Die Erscheinung ist nicht Identität.<lb n="8"/>Diese Entgegensetzung kann nicht transscendental aufgehoben werden, d. h. nicht<lb n="9"/>so, daß es an sich keine Entgegensetzung gebe; hiemit ist die Erscheinung nur ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nichtet, und die Erscheinung soll doch gleichfalls seyn; es würde behauptet, daß das<lb n="11"/>Absolute in seiner Erscheinung aus sich herausgegangen wäre. Das Absolute muß<lb n="12"/>sich also in der Erscheinung selbst setzen, d. h. diese nicht vernichten, sondern zur<lb n="13"/>Identität konstruiren. Eine falsche Identität ist das Kausal-Verhältniß zwischen dem<lb n="14"/>Absoluten und seiner Erscheinung, denn diesem Verhältniß liegt die absolute Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gegensetzung zum Grunde; in ihm bestehen beyde Entgegengesetzte aber in ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schiedenem Rang; die Vereinigung ist gewaltsam, das eine bekommt das andre unter<lb n="17"/>sich; das eine herrscht, das andre wird bottmäßig; die Einheit ist in einer nur rela<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tiven Identität erzwungen, die Identität, die eine absolute seyn <hi rendition="#g">soll</hi>, <hi rendition="#g">ist</hi> eine un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>vollständige; das System ist zu einem Dogmatismus – zu einem Realismus, der die<lb n="20"/>Objektivität, – oder zu einem Idealismus, der die Subjektivität absolut setzt, – wider<lb n="21"/>seine Philosophie geworden, wenn beyde, was bei jenem zweideutiger ist, als bey<lb n="22"/>diesem, aus wahrer Spekulation hervorgegangen sind.</p>
<p><lb n="23"/>Der reine Dogmatismus, der ein Dogmatismus der Philosophie ist, bleibt auch<lb n="24"/>seiner Tendenz nach in der Entgegensetzung immanent, das Verhältniß der Kausalität,<lb n="25"/>in seiner vollständigern Form als Wechselwirkung, die Einwirkung des intellek<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tuellen auf das sinnliche, oder des sinnlichen auf das intellektuelle ist in ihm als<lb n="27"/>Grundprincip herrschend. Im konsequenten Realismus und Idealismus spielt es nur<lb n="28"/>eine untergeordnete Rolle, wenn es auch zu herrschen scheint, und in jenem das<lb n="29"/>Subjekt als Produkt des Objekts, in diesem das Objekt als Produkt des Subjekts<lb n="30"/>gesetzt wird; das Kausalitäts-Verhältniß ist aber dem Wesen nach aufgehoben, indem<lb n="31"/>das Produciren, ein absolutes Produciren, das Produkt ein absolutes Produkt ist,<lb n="32"/>d. h. indem das Produkt keinen Bestand hat, als nur im Produciren, nicht gesetzt ist<lb n="33"/>als ein selbstständiges, vor und unabhängig von dem Produciren bestehendes, wie im<lb n="34"/>reinen Kausalitäts-Verhältniß, dem formellen Princip des Dogmatismus der Fall ist;<lb n="35"/>in diesem ist es ein durch A gesetztes, und zugleich auch nicht durch A gesetztes,<lb n="36"/>A also absolut nur Subjekt, und A = A, drükt nur die Verstandesidentität aus. Wenn<lb n="37"/>auch die Philosophie in ihrem transcendentalen Geschäfte sich des Kausalverhältnisses</p>
<pb n="33" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=38" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="61–63"/>
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<p><lb n="1"/>bedient, so ist B, das dem Subjekt entgegengesetzt erscheint, seinem Entgegengesetzt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyn nach eine blosse Möglichkeit, und bleibt absolut eine Möglichkeit, d. h. es ist<lb n="3"/>nur Accidenz; und das wahre Verhältniß der Spekulation, das Substantialitäts<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>verhältniß ist unter dem Schein des Kausalverhältnisses das transcendentale Princip.<lb n="5"/>Formell läßt sich dieß auch so ausdrükken: Der wahre Dogmatismus anerkennt<lb n="6"/>beyde Grundsätze A = A; und A = B, aber sie bleiben in ihrer Antinomie, unsyn<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>thesirt nebeneinander; er erkennt nicht, daß hierin eine Antinomie liegt, und darum<lb n="8"/>auch nicht die Nothwendigkeit, das Bestehen der Entgegengesetzten aufzuheben;<lb n="9"/>der Übergang von einem zum andern durch Kausalitäts-Verhältniß ist die einzige<lb n="10"/>ihm mögliche unvollständige Synthesis. Ungeachtet nun die Transcendental-Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sophie diesen scharfen Unterschied von dem Dogmatismus hat, so ist sie insofern als<lb n="12"/>sie sich zum System konstruirt, fähig, in ihn überzugehen, wenn sie nemlich, insofern<lb n="13"/>nichts ist, als die absolute Identität, und in ihr alle Differenz und das Bestehen Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegengesetzter sich aufhebt, kein reelles Kausal-Verhältniß gelten läßt; aber insofern<lb n="15"/>die Erscheinung zugleich bestehen, und hiemit ein anderes Verhältniß des Absoluten<lb n="16"/>zur Erscheinung, als das der Vernichtung der letztern vorhanden seyn soll, das<lb n="17"/>Kausalitäts-Verhältniß einführt, die Erscheinung zu einem Bottmässigen macht, und<lb n="18"/>also die transcendentale Anschauung nur subjektiv, nicht objektiv, oder die Identität<lb n="19"/>nicht in die Erscheinung setzt. A = A; und A = B bleiben beyde unbedingt; es <hi rendition="#g">soll</hi><lb n="20"/>nur A = A gelten; d. h. aber ihre Identität ist nicht in ihrer wahren Synthese, die kein<lb n="21"/>blosses Sollen ist, dargestellt. So ist im Fichteschen System Ich = Ich, das absolute;<lb n="22"/>die Totalität der Vernunft führt den zweyten Satz herbei, der ein Nicht-Ich setzt; es<lb n="23"/>ist nicht nur in dieser Antinomie des Setzens beyder, Vollständigkeit vorhanden,<lb n="24"/>sondern auch ihre Synthese wird postulirt. Aber in dieser bleibt die Entgegensetzung;<lb n="25"/>es sollen nicht beyde, Ich wie Nicht-Ich, vernichtet werden, sondern der eine Satz<lb n="26"/>soll bestehen, der eine höher an Rang seyn, als der andere; die Spekulation des Sy<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>stems fodert die Aufhebung der Entgegengesetzten, aber das System selbst hebt sie<lb n="28"/>nicht auf, die absolute Synthesis, zu welcher dieses gelangt, ist nicht Ich = Ich, son<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dern Ich <hi rendition="#g">soll</hi> gleich Ich seyn; das Absolute ist für den transcendentalen Gesichts<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>punkt, aber nicht für den der Erscheinung konstruirt, beyde wiedersprechen sich<lb n="31"/>noch; weil die Identität nicht zugleich in die Erscheinung gesetzt worden, oder die<lb n="32"/>Identität nicht auch vollkommen in die Objektivität übergegangen ist, so ist die<lb n="33"/>Transcendentalität selbst ein entgegengesetztes, das subjektive, und man kann auch<lb n="34"/>sagen, die Erscheinung ist nicht vollständig vernichtet worden.</p>
<p><lb n="35"/>Es soll in der folgenden Darstellung des Fichteschen Systems versucht werden, zu<lb n="36"/>zeigen, daß das reine Bewußtseyn, die im System als absolut aufgestellte Identität des<lb n="37"/>Subjekts und Objekts, eine subjektive Identität des Subjekts und Objekts ist; die</p>
<pb n="34" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=39" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–64"/>
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<p><lb n="1"/>Darstellung wird den Gang nehmen, Ich, das Princip des Systems, als subjektives<lb n="2"/>SubjektObjekt zu erweisen, sowohl unmittelbar, als an der Art der Deduktion der<lb n="3"/>Natur, und besonders an den Verhältnissen der Identität in den besondern Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schaften der Moral und des Naturrechts, und dem Verhältniß des ganzen Systems<lb n="5"/>zum Ästhetischen.</p>
<p><lb n="6"/>Es erhellt schon aus dem obigen, daß in dieser Darstellung zunächst von dieser<lb n="7"/>Philosophie als System, die Rede ist, und nicht insofern es die gründlichste und tiefste<lb n="8"/>Spekulation, ein ächtes Philosophiren, und durch die Zeit, in welcher sie erscheint,<lb n="9"/>und in der auch die Kantische Philosophie die Vernunft nicht zu dem abhanden<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gekommenen Begriff ächter Spekulation hatte erregen können, um so merkwür<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>diger ist.</p>
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<div>
<head><lb n="12"/>DARSTELLUNG DES FICHTE’SCHEN SYSTEMS.</head>
<p><lb n="13"/>Die Grundlage des <hi rendition="#g">Fichte’schen</hi> <hi rendition="#g">Systems</hi> ist intellektuelle Anschauung, reines<lb n="14"/>Denken seiner selbst, reines Selbstbewußtseyn Ich = Ich; Ich bin; das Absolute ist<lb n="15"/>Subjekt-Objekt, und Ich ist diese Identität des Subjekts und Objekts.</p>
<p><lb n="16"/>Im gemeinen Bewußtseyn kommt Ich in Entgegensetzung vor; die Philosophie<lb n="17"/>hat diese Entgegensetzung gegen ein Objekt zu erklären; sie erklären heißt ihre<lb n="18"/>Bedingtheit durch ein anderes aufzeigen, und also sie als Erscheinung erweisen.<lb n="19"/>Wenn vom empirischen Bewußtseyn erwiesen wird, daß es im reinen Bewußtseyn<lb n="20"/>vollständig begründet, und nicht bloß durch dasselbe bedingt ist, so ist damit ihre<lb n="21"/>Entgegensetzung aufgehoben; wenn anders die Erklärung vollständig, d. h. wenn<lb n="22"/>nicht bloß eine theilweise Identität des reinen und empirischen Bewußtseyns auf<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gezeigt ist. Die Identität ist nur eine theilweise, wenn dem empirischen Bewußtseyn eine<lb n="24"/>Seite übrig bliebe, von welcher es durch das reine nicht bestimmt, sondern unbedingt<lb n="25"/>wäre; und weil nur reines und empirisches Bewußtseyn als die Glieder des höchsten<lb n="26"/>Gegensatzes auftreten, so würde das reine Bewußtseyn selbst bestimmt und bedingt<lb n="27"/>seyn vom empirischen, insofern dieses unbedingt wäre. Das Verhältniß würde auf diese<lb n="28"/>Art ein Wechselverhältnis seyn, welches gegenseitiges bestimmen und bestimmtseyn<lb n="29"/>in sich faßt, aber eine absolute Entgegensetzung der in Wechselwirkung stehenden,<lb n="30"/>und also die Unmöglichkeit, die Entzweiung in absoluter Identität zu heben, voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>setzt.</p>
<pb n="35" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=40" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="64–66"/>
<fw type="header" place="top">FICHTE’SCHES SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Dem Philosophen entsteht dieß reine Selbstbewußtseyn dadurch, daß er in seinem<lb n="2"/>Denken von allem fremdartigen abstrahirt, was nicht Ich ist, und nur die Beziehung<lb n="3"/>des Subjekts und Objekts festhält; in der empirischen Anschauung sind sich Subjekt<lb n="4"/>und Objekt entgegengesetzt, der Philosoph faßt die Thätigkeit des Anschauens auf,<lb n="5"/>er schaut das Anschauen an, und begreift es hiedurch als eine Identität. Dieß An<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schauen des Anschauens ist einerseits philosophische Reflexion, und der gemeinen<lb n="7"/>Reflexion, so wie dem empirischen Bewußtseyn überhaupt entgegengesetzt, das sich<lb n="8"/>nicht über sich selbst und seine Entgegensetzungen erhebt; – andererseits ist diese<lb n="9"/>transcendentale Anschauung zugleich der Gegenstand der philosophischen Reflexion,<lb n="10"/>das Absolute, die ursprüngliche Identität; der Philosoph hat sich in die Freyheit und<lb n="11"/>auf den Standtpunkt des Absoluten erhoben.</p>
<p><lb n="12"/>Seine Aufgabe ist nunmehr die, die scheinbare Entgegensetzung des transcenden<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>talen Bewußtseyns und des empirischen aufzuheben, im allgemeinen geschieht dieß<lb n="14"/>dadurch, daß das letztere aus dem erstern deducirt wird. Nothwendig kann diese<lb n="15"/>Deduktion nicht ein Übergang in ein Fremdes seyn; die TranscendentalPhilosophie<lb n="16"/>geht allein dahin, das empirische Bewußtseyn nicht aus einem, ausserhalb desselben<lb n="17"/>befindlichen, sondern aus einem immanenten Princip, als eine thätige Emanation,<lb n="18"/>oder Selbstproduktion des Princips zu konstruiren; im empirischen Bewußtseyn<lb n="19"/>kann so wenig etwas vorkommen, was nicht aus dem reinen Selbstbewußtseyn kon<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>struirt wird, als das reine Bewußtseyn ein vom empirischen dem Wesen nach ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schiedenes ist. Die Form beyder ist gerade darinn verschieden, daß dasjenige, was<lb n="22"/>im empirischen Bewußtseyn als Objekt, entgegengesetzt dem Subjekt, erscheint, in<lb n="23"/>der Anschauung dieses empirischen Anschauens als identisch gesetzt, und hiedurch<lb n="24"/>das empirische Bewußtseyn durch dasjenige vervollständigt wird, was sein Wesen<lb n="25"/>ausmacht, worüber es aber kein Bewußtseyn hat.</p>
<p><lb n="26"/>Die Aufgabe kann auch so ausgedrückt werden, durch die Philosophie soll reines<lb n="27"/>Bewußtseyn als Begriff aufgehoben werden. In der Entgegensetzung gegen das<lb n="28"/>empirische Bewußtseyn erscheint die intellektuelle Anschauung, das reine Denken<lb n="29"/>seiner selbst, als Begriff, nemlich als Abstraktion von allem Mannichfaltigen, aller<lb n="30"/>Ungleichheit des Subjekts und Objekts. Sie ist zwar lauter Thätigkeit, Thun, An<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schauen, sie ist nur vorhanden in der freyen Selbstthätigkeit, die sie hervorbringt;<lb n="32"/>dieser Akt, der sich von allem Empirischen, Mannichfaltigen, Entgegengesetzten los<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>reißt, und sich zur Einheit des Denkens, Ich = Ich, Identität des Subjekts und Objekts<lb n="34"/>erhebt, hat eine Entgegensetzung an andern Akten, er ist insofern fähig als ein Begriff<lb n="35"/>bestimmt zu werden, und hat mit den ihm entgegengesetzten eine gemeinschaftliche<lb n="36"/>höhere Sphäre, die des Denkens überhaupt; es gibt ausser dem Denken seiner selbst,<lb n="37"/>noch anderes Denken, ausser dem Selbstbewußtseyn noch mannichfaltiges empirisches</p>
<pb n="36" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=41" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="66–69"/>
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<p><lb n="1"/>Bewußtseyn, ausser Ich als Objekt, noch mannichfaltige Objekte des Bewußtseyns.<lb n="2"/>Der Akt des Selbstbewußtseyns unterscheidet sich bestimmt von anderm Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn dadurch, daß sein Objekt gleich sey dem Subjekt; Ich = Ich, ist insofern einer<lb n="4"/>unendlichen objektiven Welt entgegengesetzt.</p>
<p><lb n="5"/>Auf diese Weise ist durch die transcendentale Anschauung kein philosophisches<lb n="6"/>Wissen entstanden, sondern im Gegentheil, wenn sich die Reflexion ihrer bemächtigt,<lb n="7"/>sie anderem Anschauen entgegensetzt und diese Entgegensetzung festhält, ist kein<lb n="8"/>philosophisches Wissen möglich. Dieser absolute Akt der freyen Selbstthätigkeit ist<lb n="9"/>die Bedingung des philosophischen Wissens, aber er ist noch nicht die Philosophie<lb n="10"/>selbst; durch diese wird die objektive Totalität des empirischen Wissens gleich gesetzt<lb n="11"/>dem reinen Selbstbewußtseyn; letzteres hiemit ganz als Begriff oder als Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gesetztes aufgehoben, und damit auch das Erstere; es wird behauptet, daß es überhaupt<lb n="13"/>nur reines Bewußtseyn gibt, Ich = Ich ist das Absolute; alles empirische Bewußtseyn<lb n="14"/>wäre nur ein reines Produkt des Ich = Ich; und empirisches Bewußtseyn würde in<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sofern durchaus geleugnet, als in ihm oder durch es eine absolute Zweyheit seyn, ein<lb n="16"/>Gesetztseyn in ihm vorkommen sollte, das nicht ein Gesetztseyn des Ich für Ich und<lb n="17"/>durch Ich wäre; mit dem Selbstsetzen des Ich wäre alles gesetzt, und ausser diesem<lb n="18"/>Nichts; die Identität des reinen und empirischen Bewußtseyns ist nicht eine Abstrak<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tion von ihrem ursprünglichen Entgegengesetztseyn, sondern im Gegentheil ihre<lb n="20"/>Entgegensetzung ist eine Abstraktion von ihrer ursprünglichen Identität.</p>
<p><lb n="21"/>Die intellektuelle Anschauung ist hierdurch gesetzt gleich Allem, sie ist die Totali<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tät; dieß identischseyn alles empirischen Bewußtseyns mit dem reinen ist <hi rendition="#g">Wissen</hi>;<lb n="23"/>und die Philosophie, die dieß identischseyn weiß, ist die Wissenschaft des Wissens;<lb n="24"/>sie hat die Mannichfaltigkeit des empirischen Bewußtseyns als identisch mit dem<lb n="25"/>reinen, durch die That, durch die wirkliche Entwiklung des Objektiven aus dem<lb n="26"/>Ich zu zeigen und die Totalität des empirischen Bewußtseyns als die objektive Totali<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tät des Selbstbewußtseyns zu beschreiben; in Ich = Ich ist ihr die ganze Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>faltigkeit des Wissens gegeben. Der blossen Reflexion erscheint diese Deduktion, als<lb n="29"/>das widersprechende Beginnen, aus der Einheit die Mannichfaltigkeit, aus reiner<lb n="30"/>Identität die Zweyheit abzuleiten; aber die Identität des Ich = Ich, ist keine <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="31"/>Identität, d. h. keine durchs Abstrahiren der Reflexion entstandne; wenn die Re<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>flexion Ich = Ich, als Einheit begreift, so muß sie dasselbe zugleich auch als Zweyheit<lb n="33"/>begreiffen; Ich = Ich ist Identität und Duplicität zugleich, es ist eine Entgegensetzung<lb n="34"/>in Ich = Ich; Ich ist einmal Subjekt, das anderemal Objekt, aber was dem Ich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gegengesetzt ist, ist gleichfalls Ich; die entgegengesetzten sind identisch. Das empiri<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sche Bewußtseyn kann darum nicht als ein Herausgehen aus dem reinen betrachtet<lb n="37"/>werden; nach dieser Ansicht wäre freilich eine Wissenschaft des Wissens, die vom<lb n="38"/>reinen Bewußtseyn ausgeht, etwas widersinniges; der Ansicht, als ob in dem em<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>pirischen Bewußtseyn aus dem reinen herausgetreten würde, liegt die obige Abstrak-</p>
<pb n="37" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=42" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="69–71"/>
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<p><lb n="1"/>tion zum Grunde, in welcher die Reflexion ihr Entgegensetzen isolirt. Die Reflexion<lb n="2"/>als Verstand ist an und für sich unfähig, die transcendentale Anschauung zu fassen;<lb n="3"/>und wenn die Vernunft auch zur Selbsterkennung durchgedrungen ist, so verkehrt<lb n="4"/>die Reflexion das Vernünftige, wo ihr Raum gegeben wird, wieder in ein Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gesetztes.</p>
<p><lb n="6"/>Wir haben bisher die rein transcendentale Seite des Systems beschrieben, in welcher<lb n="7"/>die Reflexion keine Macht hat, sondern durch die Vernunft die Aufgabe der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sophie bestimmt und beschrieben worden ist. Wegen dieser ächt transcendentalen<lb n="9"/>Seite ist die andere, worin die Reflexion herrscht, um so schwerer sowohl ihrem<lb n="10"/>Anfangspunkt nach zu ergreifen, als überhaupt festzuhalten, weil dem Verständigen,<lb n="11"/>worein die Reflexion das Vernünftige verkehrt hat, immer der Rükzug nach der<lb n="12"/>transcendentalen Seite offen bleibt. Es ist demnach zu zeigen, daß zu diesem System<lb n="13"/>die zwey Standpunkte, der der Spekulation, und der der Reflexion wesentlich und<lb n="14"/>so gehören, daß der letztere, nicht eine untergeordnete Stelle hat, sondern daß sie im<lb n="15"/>Mittelpunkte des Systems absolut nothwendig und unvereinigt sind. – Oder Ich = Ich,<lb n="16"/>ist absolutes Princip der Spekulation, aber diese Identität wird vom System nicht<lb n="17"/>aufgezeigt; das objektive Ich wird nicht gleich dem subjektiven Ich; beyde bleiben<lb n="18"/>sich absolut entgegengesetzt; Ich findet sich nicht in seiner Erscheinung, oder in<lb n="19"/>seinem Setzen, um sich als Ich zu finden, muß es seine Erscheinung zernichten; das<lb n="20"/>Wesen des Ich und sein Setzen fallen nicht zusammen, <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">objektiv</hi>.</p>
<p><lb n="22"/>Fichte hat in der Wissenschaftslehre für die Darstellung des Princips seines Systems<lb n="23"/>die Form von Grundsätzen gewählt, von deren Unbequemlichkeit oben die Rede<lb n="24"/>war; der erste Grundsatz ist absolutes sich selbst setzen des Ich, das Ich als unendliches<lb n="25"/>Setzen; der zweyte absolutes Entgegensetzen, oder Setzen eines unendlichen Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>ich; der dritte ist die absolute Vereinigung der beyden ersten, durch absolutes Theilen<lb n="27"/>des Ich und des Nichtich, und ein Vertheilen der unendlichen Sphäre an ein theilbares<lb n="28"/>Ich und an ein theilbares Nichtich. Diese drey absolute Grundsätze stellen drey<lb n="29"/>absolute Akte des Ich dar. Aus dieser Mehrheit der absoluten Akte folgt unmittelbar,<lb n="30"/>daß diese Akte und die Grundsätze nur relative, oder insofern sie in die Konstruktion<lb n="31"/>der Totalität des Bewußtseyns eingehen, nur ideelle Faktoren sind. Ich = Ich hat in<lb n="32"/>dieser Stellung, worin es andern absoluten Akten entgegengesetzt wird, nur die<lb n="33"/>Bedeutung des reinen Selbstbewußtseyns, insofern dieses dem empirischen entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gesetzt ist; es ist als solches bedingt durch die Abstraktion von dem empirischen, und<lb n="35"/>sogut der zweyte Grundsatz und der dritte bedingte sind, so sehr ist es auch der erste<lb n="36"/>Grundsatz; schon die Mehrheit absoluter Akte deutet unmittelbar darauf, wenn ihr<lb n="37"/>Innhalt auch ganz unbekannt ist. Es ist gar nicht nothwendig, daß Ich = Ich, das</p>
<pb n="38" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=43" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="71–73"/>
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<p><lb n="1"/>absolute sich selbst setzen, als ein Bedingtes begriffen wird, im Gegentheil haben wir<lb n="2"/>es oben in seiner transcendentalen Bedeutung als absolute (nicht blos als Verstandes-)<lb n="3"/>Identität gesehen; aber in dieser Form, wie Ich = Ich als <hi rendition="#g">Einer</hi> unter mehrern Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sätzen aufgestellt wird, so hat er keine andere Bedeutung als die des reinen Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bewußtseyns, welches dem empirischen, die der philosophischen Reflexion, welche<lb n="6"/>der gemeinen entgegengesetzt wird.</p>
<p><lb n="7"/>Diese ideellen Faktoren des reinen Setzens und des reinen Entgegensetzens könnten<lb n="8"/>aber nur zum Behuf der philosophischen Reflexion gesetzt seyn, welche, ob sie zwar<lb n="9"/>von der ursprünglichen Identität ausgeht, gerade um das wahre Wesen dieser Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tität zu beschreiben, mit der Darstellung absolut entgegengesetzter anfängt, und sie<lb n="11"/>zur Antinomie verbindet, – die einzige Weise der Reflexion, das Absolute dar<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zustellen, um die absolute Identität sogleich aus der Sphäre der Begriffe weg<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zunehmen, und sie als eine Identität, die nicht von Subjekt und Objekt abstrahirt,<lb n="14"/>sondern als eine Identität des Subjekts und Objekts zu konstituiren. Diese Identität<lb n="15"/>kann nicht so gefaßt werden, daß das reine sich selbst Setzen, und das reine Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>setzen, beydes Thätigkeiten Eines und eben desselben Ich sind; eine solche Identität<lb n="17"/>wäre durchaus nicht eine transcendentale, sondern eine transcendente; der absolute<lb n="18"/>Widerspruch der Entgegengesetzten sollte bestehen, die Vereinigung beyder redu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>cirte sich auf eine Vereinigung im allgemeinen Begriffe der Thätigkeit. Es wird eine<lb n="20"/>transcendentale Vereinigung gefodert, worinn der Widerspruch beyder Thätigkeiten<lb n="21"/>selbst aufgehoben, und aus den ideellen Faktoren eine wahre, zugleich ideelle und<lb n="22"/>reelle Synthese konstruirt wird. Diese gibt der dritte Grundsatz, Ich setzt im Ich dem<lb n="23"/>theilbaren Ich ein theilbares NichtIch entgegen; die unendliche objektive Sphäre, das<lb n="24"/>Entgegengesetzte ist weder absolutes Ich, noch absolutes Nicht-Ich, sondern das die<lb n="25"/>Entgegengesetzten umschliessende, von entgegengesetzten Faktoren ausgefüllte, die<lb n="26"/>sich in dem Verhältniß befinden, daß soviel der eine –, soviel der andere nicht, gesetzt<lb n="27"/>ist, insofern der eine steigt, der andere fällt.</p>
<p><lb n="28"/>In dieser Synthese aber ist das objektive Ich nicht gleich dem subjektiven; das<lb n="29"/>subjektive ist Ich; das objektive, Ich + Nicht-Ich. Es stellt sich in ihr nicht die ur<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sprüngliche Identität dar; das reine Bewußtseyn Ich = Ich, und das empirische<lb n="31"/>Ich = Ich + Nicht-Ich mit allen Formen, worin sich dieses konstruirt, bleiben sich<lb n="32"/>entgegengesetzt. Die Unvollständigkeit dieser Synthese, die der dritte Grundsatz<lb n="33"/>ausspricht, ist nothwendig, wenn die Akte des ersten und zweyten Grundsatzes<lb n="34"/>absolut entgegengesetzte Thätigkeiten sind; oder im Grunde ist gar keine Synthese<lb n="35"/>möglich; die Synthese ist nur alsdenn möglich, wenn die Thätigkeiten des sich selbst</p>
<pb n="39" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=44" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="73–75"/>
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<p><lb n="1"/>Setzens und des Entgegensetzens, als ideelle Faktoren gesetzt sind. Es scheint sich zwar<lb n="2"/>selbst zu widersprechen, daß Thätigkeiten, die schlechterdings keine Begriffe seyn<lb n="3"/>sollen, nur als ideelle Faktoren zu behandeln seyen; ob Ich und Nicht-Ich, subjektives<lb n="4"/>und objektives, die zu vereinigenden, als Thätigkeiten, – Setzen und Entgegensetzen,<lb n="5"/>oder als Produkte, – objektives Ich und Nicht-Ich ausgedrükt werden, macht an sich<lb n="6"/>und auch für ein System, dessen Princip die Identität ist, keinen Unterschied. Ihr<lb n="7"/>Charakter, absolut entgegengesetzt zu seyn, macht sie schlechthin zu einem bloß<lb n="8"/>ideellen, und Fichte anerkennt diese reine Idealität derselben; die entgegengesetzten<lb n="9"/>sind ihm <hi rendition="#g">vor</hi> der Synthese etwas ganz anderes als <hi rendition="#g">nach</hi> der Synthese; <hi rendition="#g">vor</hi> der<lb n="10"/>Synthese seyen sie bloß entgegengesetzte, und nichts weiter; das eine ist, was das<lb n="11"/>andre nicht ist, und das andre, was das eine nicht ist; ein blosser Gedanke ohne alle<lb n="12"/>Realität, noch dazu Gedanke der blossen Realität; wie eins eintritt, ist das andre ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nichtet, aber da dieses eine bloß unter dem Prädikate des Gegentheils vom andern<lb n="14"/>eintreten kann, mithin mit seinem Begriff der Begriff des andern zugleich eintritt,<lb n="15"/>und es vernichtet, kann selbst dieses eine nicht eintreten. Mithin ist gar nichts vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>handen; und es war nur eine wohlthätige Täuschung der Einbildungskraft, die un<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>vermerkt jenen bloß entgegengesetzten ein Substrat unterschob, und es möglich<lb n="18"/>machte, über sie zu denken. – Aus der Idealität der entgegengesetzten Faktoren ergibt<lb n="19"/>sich, daß sie Nichts sind, als in der synthetischen Thätigkeit, daß durch diese allein ihr<lb n="20"/>Entgegengesetztseyn und sie selbst gesetzt sind, und ihre Entgegensetzung nur zum<lb n="21"/>Behuf der philosophischen Konstruktion, um das synthetische Vermögen verständ<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lich zu machen gebraucht worden ist; die produktive Einbildungskraft wäre die<lb n="23"/>absolute Identität selbst, als Thätigkeit vorgestellt, welche nur, indem sie das Produkt,<lb n="24"/>die Gränze –, zugleich die Entgegengesetzten, als die begränzenden setzt; daß die<lb n="25"/>produktive Einbildungskraft, als synthetisches Vermögen, das durch Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gesetzte bedingt ist, erscheint, würde nur für den Standpunkt der Reflexion gelten,<lb n="27"/>welche von entgegengesetzten ausgeht, und die Anschauung nur als eine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>einigung derselben begreift; zugleich aber müßte die philosophische Reflexion, um<lb n="29"/>diese Ansicht als eine subjektive, der Reflexion angehörige, zu bezeichnen, den tran<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>scendentalen Standpunkt dadurch herstellen, daß sie jene absolute entgegengesetzten<lb n="31"/>Thätigkeiten für gar nichts anders, als für ideelle Faktoren, für durchaus relative<lb n="32"/>Identitäten, in Rüksicht auf die absolute Identität erkennt, in welcher das empirische<lb n="33"/>Bewußtseyn nicht weniger als sein Gegensatz, das reine Bewußtseyn, das als Abstrak<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tion von jenem an ihm einen Gegensatz hat, aufgehoben sind. Nur in diesem Sinne<lb n="35"/>ist Ich der transcendentale Mittelpunkt beyder entgegengesetzten Thätigkeiten, und<lb n="36"/>gegen beyde indifferent; ihre absolute Entgegensetzung hat allein für ihre Idealität<lb n="37"/>eine Bedeutung.</p>
<pb n="40" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=45" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="75–77"/>
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<p><lb n="1"/>Allein schon die Unvollkommenheit der Synthese, die im dritten Grundsatze aus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gedrükt ist, und in welcher das objektive Ich ein Ich + Nichtich ist, erwekt an sich<lb n="3"/>den Verdacht, daß die entgegengesetzten Thätigkeiten nicht bloß als relative Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>titäten, als ideelle Faktoren gelten sollten, wofür man sie halten könnte, wenn man<lb n="5"/>bloß auf ihr Verhältniß zur Synthese sieht, und von dem Titel der Absolutheit, den<lb n="6"/>beyde Thätigkeiten, wie die dritte, führen, abstrahirt.</p>
<p><lb n="7"/>In dieß Verhältniß aber unter sich und gegen die synthetische Thätigkeiten sollen<lb n="8"/>das sich selbst Setzen und das Entgegensetzen nicht treten. Ich = Ich ist absolute<lb n="9"/>Thätigkeit, die in keiner Rüksicht, als relative Identität und als ideeller Faktor soll<lb n="10"/>betrachtet werden; für dieses Ich = Ich, ist ein Nicht-Ich ein absolut entgegengesetztes;<lb n="11"/>aber ihre Vereinigung ist nothwendig, und das einzige Interesse der Spekulation.<lb n="12"/>Welche Vereinigung ist aber bei Voraussetzung absolut entgegengesetzter möglich?<lb n="13"/>Offenbar eigentlich gar keine; oder da von der Absolutheit ihrer Entgegensetzung<lb n="14"/>wenigstens zum Theil abgegangen werden, und der dritte Grundsatz nothwendig<lb n="15"/>eintreten muß, die Entgegensetzung aber zum Grunde liegt, nur eine theilweise<lb n="16"/>Identität; die absolute Identität ist zwar Princip der Spekulation, aber es bleibt, wie<lb n="17"/>sein Ausdruk: Ich = Ich, nur die Regel, deren unendliche Erfüllung postulirt, aber<lb n="18"/>im System nicht konstruirt wird.</p>
<p><lb n="19"/>Der Hauptpunkt muß der seyn, zu beweisen, daß sich selbst Setzen, und Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gegensetzen, absolut entgegengesetzte Thätigkeiten im System sind. Fichte’s Worte<lb n="21"/>sprechen diß zwar unmittelbar aus; aber diese absolute Entgegensetzung soll gerade<lb n="22"/>die Bedingung seyn, unter welcher die produktive Einbildungskraft allein möglich<lb n="23"/>ist. Die produktive Einbildungskraft aber ist Ich nur als theoretisches Vermögen, das<lb n="24"/>sich nicht über die Entgegensetzung erheben kann; fürs praktische Vermögen fällt<lb n="25"/>die Entgegensetzung weg, und das praktische Vermögen allein ist es, welches sie<lb n="26"/>aufhebt; es ist demnach zu erweisen, daß auch für dieses die Entgegensetzung absolut<lb n="27"/>ist, und selbst im praktischen Vermögen Ich nicht als Ich sich setzt, sondern das<lb n="28"/>objektive Ich gleichfalls ein Ich + Nicht-Ich ist, und das praktische Vermögen nicht<lb n="29"/>zum Ich = Ich durchdringt. Umgekehrt ergiebt sich die Absolutheit der Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>setzung aus der Unvollständigkeit der höchsten Synthese des Systems, in welcher sie<lb n="31"/>noch vorhanden ist.</p>
<p><lb n="32"/>Der dogmatische Idealismus erhält sich die Einheit des Princips dadurch, daß er das<lb n="33"/>Objekt überhaupt leugnet, und Eins der entgegengesetzten, das Subjekt in seiner<lb n="34"/>Bestimmtheit als das Absolute setzt; so wie der Dogmatismus, in seiner Reinheit<lb n="35"/>Materialismus, das Subjektive leugnet. Wenn dem Philosophiren das Bedürfniß nur<lb n="36"/>nach einer solchen Identität zum Grunde liegt, welche dadurch zu Stande gebracht<lb n="37"/>werden soll, daß eins der Entgegengesetzten geleugnet, von ihm absolut abstrahirt</p>
<pb n="41" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=46" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="77–79"/>
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<p><lb n="1"/>wird, so ist es gleichgültig, welches von beyden, das Subjektive, oder das Objektive<lb n="2"/>geleugnet wird. Ihre Entgegensetzung ist im Bewußtseyn, und die Realität des einen<lb n="3"/>ist so gut wie die Realität des andern darin begründet; das reine Bewußtseyn kann<lb n="4"/>im empirischen nicht mehr und nicht weniger nachgewiesen werden, als das Ding an<lb n="5"/>sich des Dogmatikers; weder das Subjektive noch das Objektive allein füllt das<lb n="6"/>Bewußtseyn aus; das rein Subjektive ist Abstraktion so gut wie das rein Objektive;<lb n="7"/>der dogmatische Idealismus setzt das Subjektive als Realgrund des Objektiven, der<lb n="8"/>dogmatische Realismus das Objektive als Realgrund des Subjektiven. Der konse<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>quente Realismus leugnet überhaupt das Bewußtseyn als eine Selbstthätigkeit des<lb n="10"/>sich Setzens; wenn aber auch sein Objekt, das er als Realgrund des Bewußtseyns<lb n="11"/>setzt, als Nicht-Ich = Nicht-Ich ausgedrükt wird, wenn er, die Realität seines Objekts<lb n="12"/>im Bewußtseyn aufzeigt, und also ihm die Identität des Bewußtseyns, als ein Abso<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lutes gegen sein objektives Aneinanderreihen des Endlichen an Endliches geltend<lb n="14"/>gemacht wird, so muß er freylich die Form seines Princips, einer reinen Objektivität<lb n="15"/>aufgeben; so wie er ein Denken zugibt, so ist Ich = Ich aus der Analyse des Denkens<lb n="16"/>darzustellen; es ist das Denken als Satz ausgedrükt; denn Denken ist selbstthätiges<lb n="17"/>Beziehen entgegengesetzter, und das Beziehen ist, die Entgegengesetzten als gleich<lb n="18"/>setzen. Allein wie der Idealismus die Einheit des Bewußtseyns geltend macht, so<lb n="19"/>kann der Realismus die Zweyheit desselben geltend machen. Die Einheit des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyns setzt eine Zweyheit, das Beziehen, ein Entgegengesetztseyn voraus; dem<lb n="21"/>Ich = Ich steht ein anderer Satz eben so absolut entgegen: das Subjekt ist nicht gleich<lb n="22"/>dem Objekt; beyde Sätze sind von gleichem Range. So sehr einige Formen, in<lb n="23"/>welchen Fichte sein System dargestellt hat, verleiten könnten, es als ein System des<lb n="24"/>dogmatischen Idealismus zu nehmen, der das ihm entgegengesetzte Princip leugnet,<lb n="25"/>wie denn Reinhold die transcendentale Bedeutung des Fichte’schen Princips über<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sieht, nach welcher in Ich = Ich zugleich die Differenz des Subjekts und Objekts zu<lb n="27"/>setzen gefodert wird, und im Fichte’schen System, ein System der absoluten Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>jektivität, d. i. einen dogmatischen Idealismus erblikt, – so unterscheidet sich der<lb n="29"/>Fichte’sche Idealismus gerade dadurch, daß die Identität, die er aufstellt, nicht das<lb n="30"/>Objektive leugnet, sondern das Subjektive und Objektive auf gleichen Rang der<lb n="31"/>Realität und Gewißheit setzt, – und reines und empirisches Bewußtseyn Eins ist. Um<lb n="32"/>der Identität des Subjekts und Objekts willen, setze ich Dinge ausser mir eben so<lb n="33"/>gewiß, als ich mich setze, so gewiß Ich bin, sind die Dinge. – Aber setzt Ich nur,<lb n="34"/>Dinge oder sich selbst, nur Eins von beyden, oder auch Beyde zugleich aber getrennt,<lb n="35"/>so wird Ich sich im System nicht selbst Subjekt = Objekt; das Subjektive ist<lb n="36"/>wohl Subjekt = Objekt, aber das Objektive nicht, und also nicht Subjekt gleich<lb n="37"/>Objekt.</p>
<pb n="42" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=47" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Ich vermag als <hi rendition="#g">theoretisches</hi> <hi rendition="#g">Vermögen</hi> nicht, sich vollständig objektiv zu<lb n="2"/>setzen, und aus der Entgegensetzung heraus zu kommen. Ich setzt sich als bestimmt<lb n="3"/>durch NichtIch, ist derjenige Theil des dritten Grundsatzes, durch welchen sich Ich,<lb n="4"/>als intelligentes konstituirt. Wenn sich nun gleich die objektive Welt als ein Accidenz<lb n="5"/>der Intelligenz erweißt, und das NichtIch, wodurch die Intelligenz sich selbst be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stimmt setzt, ein Unbestimmtes, und jede Bestimmung desselben ein Produkt der<lb n="7"/>Intelligenz ist, so bleibt doch eine Seite des theoretischen Vermögens übrig, von<lb n="8"/>welcher es bedingt ist; nemlich die objektive Welt in ihrer unendlichen Bestimmtheit<lb n="9"/>durch die Intelligenz, bleibt zugleich immer ein Etwas für sie, das für sie zugleich<lb n="10"/>unbestimmt ist; das NichtIch hat zwar keinen positiven Charakter, aber es hat den<lb n="11"/>negativen, ein Anderes d. h. ein Entgegengesetztes überhaupt zu seyn; – oder wie<lb n="12"/>Fichte sich ausdrükt, die Intelligenz ist durch einen Anstoß bedingt, der aber an sich<lb n="13"/>durchaus unbestimmt ist. Da NichtIch nur das Negative, ein Unbestimmtes ausdrükt,<lb n="14"/>so kommt ihm selbst dieser Charakter nur durch ein Setzen des Ich zu, Ich setzt sich<lb n="15"/>als nicht gesetzt, das Entgegensetzen überhaupt, das Setzen eines absolut durch Ich<lb n="16"/>unbestimmten ist selbst ein Setzen des Ich. In dieser Wendung ist die Immanenz des<lb n="17"/>Ich, auch als Intelligenz in Rüksicht auf ihr Bedingtseyn durch ein Anderes, = X,<lb n="18"/>behauptet; aber der Widerspruch hat nur eine andere Form erhalten, durch die er<lb n="19"/>selbst immanent geworden ist; nemlich das Entgegensetzen des Ich, und das sich<lb n="20"/>selbst Setzen des Ich widersprechen sich; und aus dieser Entgegensetzung vermag das<lb n="21"/>theoretische Vermögen nicht heraus zu kommen; sie bleibt deßwegen für dasselbe<lb n="22"/>absolut. Die produktive Einbildungskraft ist ein Schweben zwischen absolut ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gegengesetzten, die sie nur in der Grenze synthesiren, aber deren entgegengesetzte<lb n="24"/>Enden sie nicht vereinigen kann.</p>
<p><lb n="25"/>Durchs theoretische Vermögen wird sich Ich nicht objektiv, statt zu Ich = Ich<lb n="26"/>durch zu dringen, entsteht ihm das Objekt als Ich + NichtIch; oder das reine<lb n="27"/>Bewußtseyn erweißt sich nicht gleich dem empirischen.</p>
<p><lb n="28"/>Es ergibt sich hieraus der Charakter der transcendentalen Deduktion einer objek<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tiven Welt. Ich = Ich als Princip der Spekulation oder der subjektiven philosophi<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schen Reflexion, welche dem empirischen Bewußtseyn entgegengesetzt ist, hat sich<lb n="31"/>objektiv als Princip der Philosophie dadurch zu erweisen, daß es die Entgegensetzung<lb n="32"/>gegen das empirische Bewußtseyn aufhebt. Dieß muß geschehen, wenn das reine<lb n="33"/>Bewußtseyn aus sich selbst eine Mannichfaltigkeit von Thätigkeiten producirt,<lb n="34"/>welche der Mannichfaltigkeit des empirischen Bewußtseyns gleich ist; hiedurch<lb n="35"/>würde sich Ich = Ich als den immanenten Realgrund der Totalität des Aussereinander<lb n="36"/>der Objektivität erweisen. Aber im empirischen Bewußtseyn ist ein Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gesetztes, ein X, welches das reine Bewußtseyn, weil es ein sich selbst Setzen ist, nicht</p>
<pb n="43" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=48" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="81–83"/>
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<p><lb n="1"/>aus sich produciren noch überwinden kann, sondern es voraussetzen muß. Es ist die<lb n="2"/>Frage: ob die absolute Identität nicht auch insofern sie als theoretisches Vermögen<lb n="3"/>erscheint, gänzlich von der Subjektivität und von der Entgegensetzung gegen em<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>pirisches Bewußtseyn abstrahiren, und innerhalb dieser Sphäre sich selbst objektiv,<lb n="5"/>A = A, werden kann? Aber dieses theoretische Vermögen, als Ich, das sich setzt als<lb n="6"/>Ich, bestimmt durch Nicht-Ich, ist überhaupt keine reine immanente Sphäre, auch<lb n="7"/>innerhalb derselben ist jedes Produkt des Ich zugleich ein durch Ich nicht Bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tes; das reine Bewußtseyn insofern es die Mannichfaltigkeit des empirischen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyns aus sich producirt, erscheint deßwegen mit dem Charakter der Mangelhaftig<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>keit; diese ursprüngliche Mangelhaftigkeit desselben konstituirt sonach die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>keit einer Deduktion der objektiven Welt überhaupt, und das subjektive desselben<lb n="12"/>erscheint in dieser Deduktion aufs klarste. Ich setzt eine objektive Welt, weil es sich,<lb n="13"/>insofern es sich selbst setzt, als mangelhaft erkennt; und damit fällt die Absolutheit<lb n="14"/>des reinen Bewußtseyns hinweg. Die objektive Welt erhält zum Selbstbewußtseyn<lb n="15"/>das Verhältniß, daß sie eine <hi rendition="#g">Bedingung</hi> desselben wird; reines Bewußtseyn und<lb n="16"/>empirisches bedingen sich gegenseitig, eins ist so nothwendig als das andere, es wird,<lb n="17"/>nach Fichte’s Ausdruk, zum empirischen Bewußtseyn fortgegangen, weil das reine<lb n="18"/>Bewußtseyn kein vollständiges Bewußtseyn ist. – In diesem Wechselverhältniß bleibt<lb n="19"/>ihre absolute Entgegensetzung; die Identität, welche statt finden kann, ist eine höchst<lb n="20"/>unvollständige, und oberflächliche; es ist eine andere nothwendig, welche reines und<lb n="21"/>empirisches Bewußtseyn in sich faßt, aber beyde, als das was sie sind, aufhebt.</p>
<p><lb n="22"/>Von der Form, welche das objektive (oder die Natur) durch diese Art der Deduk<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tion erhällt, wird unten die Rede seyn. Aber die Subjektivität des reinen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>seyns, die sich aus der erörterten Form der Deduktion ergibt, gibt uns über eine<lb n="25"/>andere Form derselben Aufschluß, in welcher die Produktion des Objektiven ein<lb n="26"/>reiner Akt der freyen Thätigkeit ist. Ist das Selbstbewußtseyn bedingt durch das<lb n="27"/>empirische Bewußtseyn, so kann das empirische Bewußtseyn nicht Produkt absoluter<lb n="28"/>Freyheit seyn, und die freye Thätigkeit des Ich würde nur Ein Faktor in der Kon<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>struktion der Anschauung einer objektiven Welt werden. Daß die Welt ein Produkt<lb n="30"/>der Freyheit der Intelligenz ist, ist das bestimmt ausgesprochene Princip des Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mus, und wenn der Fichtesche Idealismus dieß Princip nicht zu einem System kon<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>struirt hat, so wird sich der Grund davon in dem Charakter finden, in welchem die<lb n="33"/>Freyheit in diesem System auftritt.</p>
<p><lb n="34"/>Die philosophische Reflexion ist ein Akt absoluter Freyheit, sie erhebt sich mit<lb n="35"/>absoluter Willkühr aus der Sphäre des Gegebenseyns und producirt mit Bewußtseyn,<lb n="36"/>was im empirischen Bewußtseyn die Intelligenz bewußtlos producirt, und was daher<lb n="37"/>als gegeben erscheint; in dem Sinne, in welchem der philosophischen Reflexion die</p>
<pb n="44" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=49" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="83–85"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>Mannichfaltigkeit der nothwendigen Vorstellungen, als ein durch Freyheit hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gebrachtes System entsteht, wird die bewußtlose Produktion einer objektiven Welt<lb n="3"/>nicht als ein Akt der Freyheit behauptet, denn insofern ist empirisches und philo<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sophisches Bewußtseyn entgegengesetzt, sondern insofern beyde die Identität des sich<lb n="5"/>selbst Setzens sind; das sich selbst Setzen, Identität des Subjekts und Objekts ist freye<lb n="6"/>Thätigkeit. In der vorigen Darstellung der Produktion der objektiven Welt, aus dem<lb n="7"/>reinen Bewußtseyn oder dem sich selbst Setzen fand sich nothwendig ein absolutes<lb n="8"/>Entgegensetzen ein; dieß kommt, insofern die objektive Welt als ein Akt der Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heit deducirt werden soll, als ein Selbstbeschränken des Ich durch sich selbst zum<lb n="10"/>Vorschein; und die produktive Einbildungskraft wird aus den Faktoren der un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bestimmten, ins unendliche gehenden, und der beschränkenden auf Verendlichung<lb n="12"/>gehenden Thätigkeit konstruirt. Wird die reflektirende Thätigkeit, gleichfalls als eine<lb n="13"/>unendliche gesetzt, wie sie, weil sie hier ideeller Faktor, ein absolut entgegengesetztes<lb n="14"/>ist, gesetzt werden muß, so kann auch sie selbst als ein Akt der Freyheit gesetzt wer<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>den, und Ich beschränkt sich mit Freyheit; auf diese Weise würde nicht Freyheit und<lb n="16"/>Schranke einander entgegenstehen, aber sich unendlich – und endlich setzen; – dasselbe<lb n="17"/>was oben als Gegensatz des ersten und zweyten Grundsatzes vorkam. Die Beschränkung<lb n="18"/>ist hiemit allerdings ein immanentes, denn es ist das Ich, das sich selbst beschränkt, die<lb n="19"/>Objekte werden nur gesetzt, um diese Beschränkung zu erklären, und das sich selbst be<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schränken der Intelligenz ist das einzige reelle; auf diese Art ist die absolute Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>setzung, welche das empirische Bewußtseyn zwischen Subjekt und Objekt setzt, aufge<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>hoben, aber sie ist in anderer Form in die Intelligenz selbst getragen; und die Intelligenz<lb n="23"/>findet sich einmal in unbegreifliche Schranken eingeschlossen, es ist ihr absolut un<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>begreifliches Gesetz, sich selbst zu beschränken; aber gerade die Unbegreiflichkeit<lb n="25"/>der Entgegensetzung des gemeinen Bewußtseyns für dasselbe ist, was zur Spekulation<lb n="26"/>treibt; die Unbegreiflichkeit bleibt aber in dem System, durch die in die Intelligenz<lb n="27"/>selbst gesetzte Schranke, deren Krais zu durchbrechen, das einzige Interesse des philo<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sophischen Bedürfnisses ist. – Wird die Freyheit der beschränkenden Thätigkeit ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gegen gesetzt, als sich selbst Setzen, dem entgegensetzen, so ist die Freyheit bedingt,<lb n="30"/>was nicht seyn soll; wird auch die beschränkende Thätigkeit, als eine Thätigkeit der<lb n="31"/>Freyheit gesetzt, – wie oben sich selbst setzen, und entgegensetzen beydes ins Ich<lb n="32"/>gesetzt wurde, so ist die Freyheit absolute Identität, aber sie widerspricht ihrer Er<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>scheinung, die immer ein nicht-identisches, endliches, und unfreyes ist, es gelingt der<lb n="34"/>Freyheit im System nicht, sich selbst zu produciren; das Produkt entspricht nicht<lb n="35"/>dem Producirenden; das System, das vom sich selbst Setzen ausgeht, führt die<lb n="36"/>Intelligenz, zu ihrer bedingten Bedingung in ein Endloses von Endlichkeiten fort,<lb n="37"/>ohne sie in ihnen und aus ihnen wiederherzustellen.</p>
<p><lb n="38"/>Weil im bewußtlosen Produciren die Spekulation ihr Princip Ich = Ich nicht voll<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>ständig aufweisen kann, sondern das Objekt des theoretischen Vermögens nothwen-</p>
<pb n="45" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=50" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="85–87"/>
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<p><lb n="1"/>dig ein von Ich nicht bestimmtes in sich enthält, so wird an das praktische Vermögen<lb n="2"/>verwiesen. Dem Ich kann es nicht durch bewußtloses Produciren gelingen, sich als<lb n="3"/>Ich = Ich zu setzen, oder sich als Subjekt = Objekt anzuschauen; die Foderung ist<lb n="4"/>also noch vorhanden, daß Ich sich als Identität, als Subjekt = Objekt, d. i. praktisch<lb n="5"/>producire; daß Ich sich selbst in das Objekt metamorphosire. Diese höchste Foderung<lb n="6"/>bleibt im Fichte’schen System eine Foderung; sie wird nicht nur nicht in eine ächte<lb n="7"/>Synthese aufgelöst, sondern als Forderung fixirt, damit das ideale dem reellen ab<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>solut entgegengesetzt, und die höchste Selbstanschauung des Ichs als eines Subjekt =<lb n="9"/>Objekts unmöglich gemacht.</p>
<p><lb n="10"/>Ich = Ich wird praktisch postulirt, und dieß so vorgestellt, daß Ich sich auf diese<lb n="11"/>Art als Ich zum Objekt werde, indem es mit dem NichtIch ins Kausalitätsverhältniß<lb n="12"/>trete, wodurch NichtIch verschwände, und das Objekt ein absolut vom Ich bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tes also = Ich wäre. Hier wird das Kausalitätsverhältniß herrschend, und dadurch die<lb n="14"/>Vernunft, oder das Subjekt = Objekt als Eins der entgegengesetzten fixirt, und die<lb n="15"/>wahre Synthese unmöglich gemacht.</p>
<p><lb n="16"/>Diese Unmöglichkeit, daß das Ich sich aus der Entgegensetzung der Subjektivität<lb n="17"/>und des X, das ihm im bewußtlosen Produciren entsteht, rekonstruirt, und Eins wird<lb n="18"/>mit seiner Erscheinung – drükt sich so aus, daß die höchste Synthese, die das System<lb n="19"/>aufzeigt, ein <hi rendition="#g">Sollen</hi> ist; Ich <hi rendition="#g">gleich</hi> Ich verwandelt sich in: Ich <hi rendition="#g">soll</hi> gleich Ich<lb n="20"/>seyn; das Resultat des Systems kehrt nicht in seinen Anfang zurük.</p>
<p><lb n="21"/>Ich <hi rendition="#g">soll</hi> die objektive Welt vernichten, Ich soll absolute Kausalität auf NichtIch<lb n="22"/>haben; dieß wird widersprechend gefunden, denn damit würde Nicht-Ich aufgehoben,<lb n="23"/>und das Entgegensetzen oder das Setzen eines NichtIch ist absolut; die Beziehung der<lb n="24"/>reinen Thätigkeit auf ein Objekt kann also nur als <hi rendition="#g">Streben</hi> gesetzt werden. Das<lb n="25"/>objektive dem subjektiven gleiche Ich, hat, weil es Ich = Ich darstellt, ein Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>setzen, also ein NichtIch zugleich gegen sich; jenes das ideale, und dieses das reelle<lb n="27"/><hi rendition="#g">sollen</hi> gleich seyn. Dieß praktische Postulat des absoluten Sollens drükt nichts als<lb n="28"/>eine <hi rendition="#g">gedachte</hi> Vereinigung der Entgegensetzung, die sich nicht in eine Anschauung<lb n="29"/>vereinigt, nur die Antithese des ersten und zweyten Grundsatzes aus.</p>
<p><lb n="30"/>Ich = Ich ist hiemit von der Spekulation verlassen worden, und der Reflexion<lb n="31"/>anheim gefallen; das reine Bewußtseyn tritt nicht mehr als absolute Identität auf,<lb n="32"/>sondern in seiner höchsten Würde ist es dem empirischen Bewußtseyn entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gesetzt. – Es erhellt hieraus, welchen Charakter die Freyheit in diesem Systeme hat;<lb n="34"/>sie ist nemlich nicht das Aufheben der Entgegengesetzten, sondern die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>setzung gegen dieselben; und wird in dieser Entgegensetzung als negative Freyheit<lb n="36"/>fixirt; die Vernunft konstituirt sich durch Reflexion als Einheit, der absolut eine<lb n="37"/>Mannichfaltigkeit gegenüber steht; das Sollen drükt diese bestehende Entgegen-</p>
<pb n="46" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=51" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="87–89"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>setzung, das NichtSeyn der absoluten Identität aus. Das reine Setzen, die freye<lb n="2"/>Thätigkeit ist als eine Abstraktion, in der absoluten Form eines subjektiven gesetzt.<lb n="3"/>Die transcendentale Anschauung, wovon das System ausgeht, war in der Form der<lb n="4"/>philosophischen Reflexion, die sich zum reinen Denken seiner selbst durch absolute<lb n="5"/>Abstraktion erhebt, ein subjektives; um die transcendentale Anschauung in ihrer<lb n="6"/>wahren Formlosigkeit zu haben, mußte von diesem Charakter eines subjektiven<lb n="7"/>abstrahirt werden; die Spekulation mußte von ihrem subjektiven Princip diese Form<lb n="8"/>entfernen, um es zur wahren Identität des Subjekts und Objekts zu erheben; so aber<lb n="9"/>sind, – die transcendentale Anschauung, insofern sie der philosophischen Reflexion<lb n="10"/>angehört, und die transcendentale Anschauung, insofern sie weder subjektives noch<lb n="11"/>objektives ist, – Eins und Dasselbe geblieben; das Subjekt = Objekt kommt aus der<lb n="12"/>Differenz, und aus der Reflexion nicht mehr heraus; es bleibt ein subjektives Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>jekt = Objekt, welchem die Erscheinung absolut ein Fremdes ist, und welches nicht<lb n="14"/>dazu gelangt, sich selbst in seiner Erscheinung anzuschauen.</p>
<p><lb n="15"/>So wenig das theoretische Vermögen des Ich zur absoluten Selbstanschauung<lb n="16"/>gelangen konnte, so wenig kann es das praktische; dieses wie jenes ist durch einen<lb n="17"/>Anstoß bedingt, der sich als Faktum nicht aus dem Ich ableiten läßt, dessen Deduk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tion die Bedeutung hat, daß er als Bedingung des theoretischen und praktischen<lb n="19"/>Vermögens aufgezeigt wird. Die Antinomie bleibt als Antinomie, und wird im<lb n="20"/>Streben, welches das Sollen, als Thätigkeit ist, ausgedrükt. Diese Antinomie ist nicht<lb n="21"/>die Form, in welcher das Absolute, der Reflexion erscheint, wie für die Reflexion kein<lb n="22"/>anderes Auffassen des Absoluten, als durch Antinomie möglich ist; sondern dieser<lb n="23"/>Gegensatz der Antinomie ist das Fixirte, das Absolute, er soll als Thätigkeit – nem<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lich als ein Streben, die höchste Synthese seyn, und die Idee der Unendlichkeit, eine<lb n="25"/>Idee in dem Kantischen Sinne bleiben, in welchem sie der Anschauung absolut ent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gegengesetzt ist. Diese absolute Entgegensetzung der Idee und der Anschauung, und<lb n="27"/>die Synthese derselben, die nichts als eine sich selbst zerstörende Foderung ist, nem<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lich eine Foderung der Vereinigung, die aber nicht geschehen soll, drükt sich im<lb n="29"/>unendlichen Progreß aus. Die absolute Entgegensetzung wird hiemit in die Form<lb n="30"/>eines niedrigern Standpunkts geschoben, welche lange für eine wahre Aufhebung der<lb n="31"/>Entgegensetzung und die höchste Auflösung der Antinomie durch Vernunft gegolten<lb n="32"/>hat. Das in die Ewigkeit verlängerte Daseyn schließt beydes, Unendlichkeit der Idee<lb n="33"/>und Anschauung in sich, aber beydes in solchen Formen, die ihre Synthese unmög<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lich macht. Die Unendlichkeit der Idee schließt alle Mannichfaltigkeit aus; die Zeit<lb n="35"/>hingegen schließt unmittelbar Entgegensetzung, ein Aussereinander in sich; und das<lb n="36"/>Daseyn in der Zeit ist ein sich entgegengesetztes, mannichfaltiges; und die Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>lichkeit ist ausser ihr. – Der Raum ist gleichfalls ein Aussersichgesetztseyn, aber in</p>
<pb n="47" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=52" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="89–91"/>
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<p><lb n="1"/>seinem Charakter der Entgegensetzung kann er eine unendlich reichere Synthese<lb n="2"/>genannt werden, als die Zeit; der Vorzug, den die Zeit erhält, daß der Progreß in ihr<lb n="3"/>geschehen soll, kann nur darinn liegen, daß das Streben absolut einer äussern Sinnen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>welt entgegen, und als ein innres gesetzt wird, wobei Ich als absolutes Subjekt, als<lb n="5"/>Einheit des Punkts, und populärer als Seele hypostasirt wird. – Soll die Zeit Totalität<lb n="6"/>seyn, als unendliche Zeit, so ist die Zeit selbst aufgehoben, und es war nicht nöthig<lb n="7"/>zu ihrem Namen, und zu einem Progreß des verlängerten Daseyns zu fliehen; das<lb n="8"/>wahre Aufheben der Zeit ist zeitlose Gegenwart, d. i. Ewigkeit; und in dieser fällt<lb n="9"/>das Streben, und das Bestehen absoluter Entgegensetzung weg; jenes verlängerte<lb n="10"/>Daseyn beschönigt die Entgegensetzung nur in der Synthese der Zeit, deren Dürftig<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>keit durch diese beschönigende Verbindung mit einer ihr absolut entgegengesetzten<lb n="12"/>Unendlichkeit nicht vervollständigt, sondern auffallender wird.</p>
<p><lb n="13"/>Alle fernern Entwiklungen des im Streben enthaltenen, und die Synthesen der aus<lb n="14"/>der Entwiklung sich ergebenden Entgegensetzungen haben das Princip der Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>identität in sich. Die ganze weitere Ausführung des Systems gehört einer kon<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sequenten Reflexion, die Spekulation hat keinen Theil daran. Die absolute Identität<lb n="17"/>ist nur in der Form eines entgegengesetzten, nemlich, als <hi rendition="#g">Idee</hi>, vorhanden; das un<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>vollständige Kausalverhältniß liegt jeder ihrer Vereinigungen mit dem Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gesetzten zum Grunde. Das sich in der Entgegensetzung setzende oder sich selbst<lb n="20"/>beschränkende Ich, und das ins Unendliche gehende, treten, jenes unter dem Nahmen<lb n="21"/>des Subjektiven, dieses unter dem Nahmen des Objektiven in diese Verbindung, daß<lb n="22"/>das sich selbst Bestimmen des subjektiven Ich ein Bestimmen nach der Idee des<lb n="23"/>objektiven Ich, der absoluten Selbstthätigkeit, der Unendlichkeit ist, und das ob<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>jektive Ich, die absolute Selbstthätigkeit, wird durch das subjektive nach dieser Idee<lb n="25"/>bestimmt. Ihr bestimmen ist ein wechselbestimmen; das subjektive, ideelle Ich, erhält<lb n="26"/>vom objektiven, um es so auszudrükken, die Materie seiner Idee, nemlich die absolute<lb n="27"/>Selbstthätigkeit, die Unbestimmtheit; das Objektive ins Unendliche gehende, reelle<lb n="28"/>Ich, wird begränzt vom subjektiven; aber das subjektive, weil es nach der Idee der<lb n="29"/>Unendlichkeit bestimmt, hebt die Begränzung wieder auf, macht das objektive in<lb n="30"/>seiner Unendlichkeit zwar endlich, aber zugleich in seiner Endlichkeit unendlich. In<lb n="31"/>dieser Wechselbestimmung bleibt die Entgegensetzung der Endlichkeit und Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lichkeit, der reellen Bestimmtheit und ideellen Unbestimmtheit; Idealität und Realität<lb n="33"/>sind unvereinigt; oder Ich, als ideelle und reelle Thätigkeit zugleich, die sich nur als<lb n="34"/>verschiedene Richtungen unterscheiden, hat in einzelnen unvollständigen Synthesen,<lb n="35"/>wie sich nachher zeigen wird, im Trieb, im Gefühl seine verschiedenen Richtungen ver-</p>
<pb n="48" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=53" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="91–93"/>
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<p><lb n="1"/>einigt, aber es gelangt in ihnen nicht zu einer vollständigen Darstellung seiner selbst; es<lb n="2"/>producirt in dem unendlichen Progreß des verlängerten Daseyns, endlos Theile von<lb n="3"/>sich, aber nicht sich selbst in der Ewigkeit des sich selbst Anschauens als Subjekt-Objekt.</p>
<p><lb n="4"/>Das Festhalten an der Subjektivität der transcendentalen Anschauung, durch welches<lb n="5"/>Ich ein subjektives Subjekt-Objekt bleibt, erscheint in dem <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> am auffallendsten, theils in der Deduktion derselben, theils in den darauf<lb n="7"/>sich gründenden Wissenschaften.</p>
<p><lb n="8"/>Weil Ich subjektives Subjektobjekt ist, so bleibt ihm eine Seite, von welcher ihm<lb n="9"/>ein Objekt absolut entgegengesetzt ist, von welcher es durch dasselbe bedingt ist; das<lb n="10"/>dogmatische Setzen eines absoluten Objekts verwandelt sich in diesem Idealismus,<lb n="11"/>wie wir gesehen haben, in ein – der freyen Thätigkeit absolut entgegengesetztes – sich<lb n="12"/>selbst beschränken; dieß Gesetztseyn der Natur durch Ich ist ihre Deduktion, und der<lb n="13"/>transcendentale Gesichtspunkt; es wird sich zeigen, wie weit er reicht und was seine<lb n="14"/>Bedeutung ist.</p>
<p><lb n="15"/>Als Bedingung der Intelligenz wird eine ursprüngliche Bestimmtheit postulirt,<lb n="16"/>was oben als Nothwendigkeit erschien, weil das reine Bewußtseyn kein vollständiges<lb n="17"/>Bewußtseyn ist, zum empirischen Bewußtseyn fortzugehen. Ich soll sich selbst absolut<lb n="18"/>begränzen, entgegensetzen; es ist Subjekt, und die Schranke, ist im Ich und durch Ich.<lb n="19"/>Diese Selbstbegränzung wird sowohl eine Begränzung der subjektiven Thätigkeit,<lb n="20"/>der Intelligenz, als der objektiven Thätigkeit; die begränzte objektive Thätigkeit ist<lb n="21"/>der <hi rendition="#g">Trieb</hi>; die begränzte subjektive, ist der <hi rendition="#g">Zwekbegriff</hi>. Die Synthese dieser<lb n="22"/>gedoppelten Bestimmtheit ist <hi rendition="#g">Gefühl</hi>; in ihm ist Erkenntnis und Trieb vereinigt.<lb n="23"/>Zugleich aber ist Fühlen ein lediglich subjektives, und im Gegensatz gegen Ich = Ich,<lb n="24"/>gegen das Unbestimmte erscheint es allerdings, als ein bestimmtes überhaupt, und<lb n="25"/>zwar als ein subjektives im Gegensatz gegen Ich als Objektives; es erscheint als ein<lb n="26"/>endliches überhaupt sowohl gegen die unendliche reelle Thätigkeit, als gegen die<lb n="27"/>ideelle Unendlichkeit, im Verhältniß zur letztern als ein Objektives. Aber für sich ist<lb n="28"/>Fühlen als Synthesis des subjektiven und objektiven, der Erkenntniß und des Triebes<lb n="29"/>charakterisirt worden, und weil es Synthesis ist, fällt sein Gegensatz gegen ein Un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bestimmtes weg, dieß Unbestimmte sey nun eine unendliche objektive oder sub<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>jektive Thätigkeit; es ist überhaupt nur endlich für die Reflexion, die jene Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>setzung der Unendlichkeit producirt; an sich ist es gleich der Materie, subjektives und<lb n="33"/>objektives zugleich, Identität, insofern diese sich nicht zur Totalität rekonstruirt hat.</p>
<p><lb n="34"/>Gefühl sowohl als Trieb erscheinen als begränzte und die Äusserung des Begränz<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ten und der Begränzung in uns ist Trieb und Gefühl; das ursprüngliche bestimmte<lb n="36"/>System von Trieben und Gefühlen ist die <hi rendition="#g">Natur</hi>. Da das Bewußtseyn derselben sich<lb n="37"/>uns aufdringt, und zugleich die Substanz, in welcher dieses System von Begränzungen</p>
<pb n="49" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=54" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="93–96"/>
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<p><lb n="1"/>sich findet, diejenige seyn soll, welche frey denkt, und will, und die wir als uns selbst<lb n="2"/>setzen, ist es <hi rendition="#g">unsere</hi> Natur, und Ich und meine Natur machen das subjektive Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>jektobjekt aus, meine Natur ist selbst im Ich.</p>
<p><lb n="4"/>Es müssen aber zwei Arten der <hi rendition="#g">Vermittlung</hi> der Entgegensetzung der Natur<lb n="5"/>und Freyheit, des ursprünglich beschränkten und des ursprünglich unbeschränkten<lb n="6"/>unterschieden werden, und es ist wesentlich zu erweisen, daß die Vermittlung auf<lb n="7"/>verschiedene Art geschieht; dieß wird uns die Verschiedenheit des transcendentalen<lb n="8"/>Standpunkts, und des Standpunkts der Reflexion, deren letzterer den erstern ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>drängt, – die Differenz des Anfangspunkts und des Resultats dieses Systems in einer<lb n="10"/>neuen Form zeigen.</p>
<p><lb n="11"/>Einmal ist Ich = Ich, Freyheit und Trieb sind eines und ebendasselbe, – dieß ist der<lb n="12"/>transcendentale Gesichtspunkt, – ob gleich ein Theil dessen, das mir zukommt, nur<lb n="13"/>durch Freyheit möglich seyn soll, und ein anderer Theil desselben von der Freyheit<lb n="14"/>unabhängig, und sie von ihm unabhängig seyn soll, so ist dennoch die Substanz,<lb n="15"/>welcher beides zukommt, nur eine und eben dieselbe, und wird als eine und eben<lb n="16"/>dieselbe gesetzt. Ich, der ich fühle, und ich, der ich denke, ich, der Ich getrieben bin,<lb n="17"/>und ich, der ich mit freyem Willen mich entschliesse; bin derselbe. – Mein Trieb, als<lb n="18"/>Naturwesen, meine Tendenz, als reiner Geist, sind vom transcendentalen Gesichts<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>punkte aus ein und eben derselbe Urtrieb, der mein Wesen konstituirt, nur wird er ange<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sehen von zwei verschiedenen Seiten; ihre Verschiedenheit ist nur in der Erscheinung.</p>
<p><lb n="21"/>Das andremal sind beyde verschieden, eins die Bedingung des andern, eins herr<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schend über das andre. Die Natur als Trieb muß zwar <hi rendition="#g">gedacht</hi> werden, als sich<lb n="23"/>selbst durch sich selbst bestimmend, – aber sie ist charakterisirt durch den Gegensatz<lb n="24"/>der Freyheit; die Natur bestimmt sich selbst, heißt darum, sie <hi rendition="#g">ist</hi> bestimmt sich zu<lb n="25"/>bestimmen, durch ihr Wesen, formaliter, sie kann nie unbestimmt seyn, wie ein<lb n="26"/>freyes Wesen gar wohl seyn kann; auch ist sie gerade so, materialiter bestimmt, und<lb n="27"/>hat nicht wie das freye Wesen die Wahl zwischen einer gewissen Bestimmung, und<lb n="28"/>ihrer entgegengesetzten. Die Synthesis der Natur und der Freyheit gibt nun folgende<lb n="29"/>Rekonstruktion der Identität aus der Entzweyung zur Totalität. Ich, als Intelligenz,<lb n="30"/>der unbestimmte – und Ich, der ich getrieben bin, die Natur, der bestimmte, werde<lb n="31"/>dadurch derselbe, daß der Trieb zum Bewußtseyn kommt; insofern nun steht er in<lb n="32"/><hi rendition="#g">meiner</hi> <hi rendition="#g">Gewalt</hi>, er wirkt in dieser Region gar nicht, sondern <hi rendition="#g">ich</hi> wirke oder<lb n="33"/>wirke nicht zufolge desselben. – Das reflektirende ist <hi rendition="#g">höher</hi> als das reflektirte; der<lb n="34"/>Trieb des reflektirenden, des Subjekts des Bewußtseyns, heißt der höhere Trieb; der<lb n="35"/>niedrigere, die Natur muß in <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Bottmässigkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">höhern</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Re</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">flexion</hi>, gesetzt werden. Dieß Verhältniß der Bottmässigkeit einer Erscheinung des<lb n="37"/>Ich gegen die andere soll die höchste Synthese seyn.</p>
<p><lb n="38"/>Aber diese letztere Identität und die Identität des transcendentalen Gesichtspunkts<lb n="39"/>sind sich ganz entgegengesetzt; im transcendentalen ist Ich = Ich, Ich ins Substan-</p>
<pb n="50" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=55" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="96–98"/>
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<p><lb n="1"/>tialitäts-Verhältniß, oder wenigstens noch ins Wechselverhältniß gesetzt; in dieser<lb n="2"/>Rekonstruktion der Identität hingegen ist das eine das herrschende, das andre das<lb n="3"/>beherrschte, das subjektive nicht gleich dem objektiven, sondern sie stehen im<lb n="4"/>Kausalitäts-Verhältniß, eins kommt in die Bottmäßigkeit; von den zwey Sphären<lb n="5"/>der Freyheit und Nothwendigkeit ist diese jener untergeordnet. So wird das Ende<lb n="6"/>des Systems seinem Anfang, das Resultat seinem Princip ungetreu. Das Princip war<lb n="7"/>Ich = Ich; das Resultat ist Ich nicht = Ich. Die erstere Identität ist eine ideell-reelle,<lb n="8"/>Form und Materie ist Eins; die letztere eine bloß ideelle, Form und Materie ist<lb n="9"/>getrennt; sie ist eine bloß formale Synthese.</p>
<p><lb n="10"/>Diese Synthese des Beherrschens ergiebt sich auf folgende Art; dem reinen Triebe,<lb n="11"/>der auf absolutes Selbstbestimmen zur Thätigkeit um der Thätigkeit willen geht,<lb n="12"/>ist entgegen ein objektiver Trieb, ein System von Beschränkungen; indem sich<lb n="13"/>Freyheit und Natur vereinigen, giebt jene von ihrer Reinheit, diese von ihrer Un<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>reinheit auf; die synthetische Thätigkeit, damit sie doch rein und unendlich sey, muß<lb n="15"/>gedacht werden als eine objektive Thätigkeit, deren Endzwek absolute Freyheit,<lb n="16"/>absolute Unabhängigkeit von aller Natur ist, ein nie zu erreichender Endzwek;<lb n="17"/>eine unendliche Reihe, durch deren Fortsetzung das Ich absolut = Ich würde; d. h.<lb n="18"/>Ich hebt sich als Objekt selbst auf, und damit auch als Subjekt; aber es soll sich nicht<lb n="19"/>aufheben; so gibt es für Ich nur eine mit Beschränkungen, Quantitäten erfüllte, un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bestimmbar verlängerte Zeit, und der bekannte Progreß soll aushelfen; wo die<lb n="21"/>höchste Synthese erwartet wird, bleibt immer dieselbe Antithese der beschränkten<lb n="22"/>Gegenwart, und einer ausser ihr liegenden Unendlichkeit. Ich = Ich ist das Absolute,<lb n="23"/>die Totalität, ausser Ich nichts; aber so weit bringt es Ich im System nicht, und wenn<lb n="24"/>die Zeit eingemischt werden soll, nie; es ist absolut mit einem NichtIch afficirt, und<lb n="25"/>vermag sich immer nur als ein Quantum von Ich zu setzen.</p>
<p><lb n="26"/><hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> ist hiemit sowohl in theoretischer als in praktischer Rüksicht ein<lb n="27"/>wesentlich bestimmtes und todtes. In jener Rüksicht ist sie die angeschaute Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>beschränkung, d. h. die objektive Seite des Selbstbeschränkens; indem sie als Be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dingung des Selbstbewußtseyns deducirt, und, um das Selbstbewußtseyn zu erklären,<lb n="30"/>gesetzt wird, ist sie blos ein zum Behuf der Erklärung durch Reflexion gesetztes, ein<lb n="31"/>ideell bewirktes; wenn sie schon dadurch, daß das Selbstbewußtseyn bedingt durch sie<lb n="32"/>erwiesen wird, eine gleiche Würde der Selbstständigkeit mit jenem erhält, so ist, weil<lb n="33"/>sie nur durch die Reflexion gesetzt ist, ihre Selbstständigkeit ebendadurch auch ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>nichtet, und ihr Grundcharakter der des Entgegengesetztseyns.</p>
<p><lb n="35"/>Eben so wird in praktischer Rüksicht, in der Synthese des bewußtlosen sich<lb n="36"/>selbst bestimmens, und des selbstbestimmens durch einen Begriff, des Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>triebs, und des Triebs der Freyheit um der Freyheit willen, die Natur durch die</p>
<pb n="51" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=56" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="98–100"/>
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<p><lb n="1"/>Kausalität der Freyheit zu einem reell bewirkten; das Resultat ist, der Begriff soll<lb n="2"/>Kausalität auf die Natur haben, und die Natur als ein absolut bestimmtes gesetzt<lb n="3"/>werden.</p>
<p><lb n="4"/>Wenn die Reflexion ihre Analyse des Absoluten vollständig in einer Antinomie<lb n="5"/>setzt, das eine Glied, als Ich, Unbestimmtheit, oder sich selbst bestimmen, das andre<lb n="6"/>als Objekt, Bestimmtseyn, und beyde als ursprünglich anerkennt, so behauptet sie<lb n="7"/>die relative Unbedingtheit, und damit auch die relative Bedingtheit beyder. Über<lb n="8"/>diese Wechselwirkung des gegenseitigen Bedingens kann die Reflexion nicht hinaus;<lb n="9"/>sie erweist sich als Vernunft dadurch, daß sie die Antinomie des bedingten Un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bedingten, aufstellt, und indem sie durch dieselbe auf eine absolute Synthese der<lb n="11"/>Freyheit und des Naturtriebs hinweist, hat sie die Entgegensetzung und das Bestehen<lb n="12"/>beyder, oder eines derselben, und sich selbst nicht als das Absolute und Ewige<lb n="13"/>behauptet sondern vernichtet, und in den Abgrund ihrer Vollendung gestürzt; wenn<lb n="14"/>sie aber sich und Eins ihrer Entgegengesetzten als das Absolute behauptet, und am<lb n="15"/>Kausalitätsverhältnisse festhält, so ist der transcendentale Gesichtspunkt und die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nunft, dem Standpunkt der blossen Reflexion und dem Verstand unterlegen, dem es<lb n="17"/>gelungen ist, das Vernünftige in der Form einer Idee, als ein absolutentgegengesetztes<lb n="18"/>zu fixiren; für die Vernunft bleibt nichts als die Ohnmacht des sich selbst auf<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>hebenden Foderns, und der Schein einer, – aber verständigen, formalen – Vermitt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lung der Natur und Freyheit in der blossen <hi rendition="#g">Idee</hi> der Aufhebung der Gegensätze, in<lb n="21"/>der <hi rendition="#g">Idee</hi> der Unabhängigkeit des Ich, und des absolut bestimmtseyns der Natur, die<lb n="22"/>als ein zu negirendes, als absolut abhängig gesetzt ist; der Gegensatz ist aber nicht<lb n="23"/>verschwunden, sondern, weil indem Ein Glied desselben besteht, auch das andre<lb n="24"/>besteht, unendlich gemacht.</p>
<p><lb n="25"/>Auf diesem höchsten Standpunkte hat die Natur den Charakter der absoluten<lb n="26"/>Objektivität oder des Todes; nur auf einem niedrigern Standpunkte tritt sie mit dem<lb n="27"/>Schein eines Lebens, als Subjekt = Objekt auf. Wie auf dem höchsten Standpunkte<lb n="28"/>das Ich die Form seiner Erscheinung als Subjekt nicht verliert, so wird dagegen der<lb n="29"/>Charakter der Natur, Subjekt = Objekt zu seyn, ein blosser Schein, und absolute<lb n="30"/>Objektivität ihr Wesen.</p>
<p><lb n="31"/>Die Natur ist nemlich das bewußtlose Produciren des Ich, und Produciren des Ich<lb n="32"/>ist ein sich selbst bestimmen, die Natur also selbst Ich, Subjekt = Objekt, und so wie<lb n="33"/>meine Natur gesetzt ist, gibt es noch Natur ausser der meinen, welche nicht die ganze<lb n="34"/>Natur ist; die Natur ausser mir wird gesetzt, um meine Natur zu erklären. Weil<lb n="35"/>meine Natur bestimmt ist, als ein Trieb, ein sich selbst bestimmen durch sich selbst,<lb n="36"/>so muß auch die Natur ausser mir so bestimmt werden, und diese Bestimmung ausser<lb n="37"/>mir ist Erklärungsgrund meiner Natur.</p>
<p><lb n="38"/>Von diesem sich selbst bestimmenden durch sich selbst müssen nun die Reflexions-<lb n="39" break="no"/>Produkte, Ursache und Wirkung, Ganzes und Theil u.s.w. in ihrer Antinomie prä-</p>
<pb n="52" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=57" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="100–102"/>
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<p><lb n="1"/>dicirt, die Natur also als Ursache und Wirkung ihrer selbst, als Ganzes und Theil<lb n="2"/>zugleich u.s.w. gesetzt werden, wodurch sie den Schein erhält, ein Lebendiges und<lb n="3"/>Organisches zu seyn.</p>
<p><lb n="4"/>Allein dieser Standpunkt, auf welchem das Objektive von der reflektirenden Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>theilskraft als ein Lebendiges charakterisirt wird, wird zu einem niedrigern Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>punkt. Ich <hi rendition="#g">findet</hi> sich nemlich nur als Natur, insofern es seine ursprüngliche Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gränztheit allein anschaut, und die absolute Schranke des Urtriebs, also sich selbst<lb n="8"/>objektiv setzt. Auf dem transcendentalen Standpunkte wird aber Subjekt = Objekt<lb n="9"/>nur im reinen Bewußtseyn, im unbeschränkten sich selbst Setzen anerkannt; dieses<lb n="10"/>sich selbst Setzen hat aber ein absolutes Entgegensetzen gegen sich, welches hierdurch<lb n="11"/>als absolute Schranke des Urtriebs bestimmt ist. Insofern Ich, als Trieb, sich nicht<lb n="12"/>nach der Idee der Unendlichkeit bestimmt, also sich endlich setzt, ist dieses Endliche,<lb n="13"/>die Natur; es ist als Ich, zugleich unendlich, und Subjektobjekt. Der transcendentale<lb n="14"/>Gesichtspunkt, weil er nur das Unendliche als Ich setzt, macht hiemit eine Trennung<lb n="15"/>des Endlichen und Unendlichen; er zieht die Subjekt = Objektivität aus dem, was als<lb n="16"/>Natur erscheint, heraus, und dieser bleibt nichts, als die todte Schaale der Objektivität;<lb n="17"/>ihr, dem vorher endlichunendlichen, wird die Unendlichkeit genommen, und sie<lb n="18"/>bleibt reine Endlichkeit, dem Ich = Ich entgegengesetzt; was Ich an ihr war, wird<lb n="19"/>zum Subjekt gezogen. Wenn nun der transcendentale Gesichtspunkt von der Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tität, Ich = Ich, worinn weder subjektives noch objektives ist, zur Differenz beyder,<lb n="21"/>welche als Entgegensetzen gegen das sich selbst Setzen, gegen Ich = Ich geblieben ist,<lb n="22"/>fortgeht, und die Entgegengesetzten immer weiter bestimmt, so kommt er auch zu<lb n="23"/>einem Standpunkt, auf welchem Natur für sich, als Subjekt = Objekt gesetzt ist;<lb n="24"/>aber es soll nicht vergessen werden, daß diese Ansicht der Natur nur ein Produkt der<lb n="25"/>Reflexion auf dem niedrigern Standpunkt sey; in der transcendentalen Deduktion,<lb n="26"/>bleibt die Schranke des Urtriebs, (– objektiv gesetzt, – Natur) eine dem Urtrieb,<lb n="27"/>dem wahren Wesen, das Ich = Ich, Subjekt = Objekt ist, absolut entgegengesetzte<lb n="28"/>reine Objektivität. Diese Entgegensetzung ist die Bedingung, durch welche Ich prak<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tisch wird, d. h. die Entgegensetzung aufheben muß; diese Aufhebung wird so<lb n="30"/>gedacht, daß eins vom andern abhängig gesetzt wird; die Natur wird in praktischer<lb n="31"/>Rücksicht gesetzt, als ein absolut durch den Begriff bestimmtes; insofern sie nicht<lb n="32"/>vom Ich bestimmt ist, hat Ich nicht Kausalität, oder ist nicht praktisch; und der Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>punkt, welcher die Natur lebendig setzte, fällt wieder weg, denn ihr Wesen, ihr An<lb n="34"/>sich, sollte nichts seyn, als eine Schranke, eine Negation. Die Vernunft bleibt auf<lb n="35"/>diesem praktischen Standpunkte nichts als die todte und tödtende Regel formaler<lb n="36"/>Einheit, in die Hand der Reflexion gegeben, welche Subjekt und Objekt ins Ver-</p>
<pb n="53" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=58" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="102–104"/>
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<p><lb n="1"/>hältniß der Abhängigkeit des einen vom andern oder der Kausalität setzt, und auf<lb n="2"/>diese Weise das Princip der Spekulation, die Identität gänzlich beseitigt.</p>
<p><lb n="3"/>In der Darstellung und <hi rendition="#g">Deduktion</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>, wie sie im <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">Naturrechts</hi> gegeben ist, zeigt sich die absolute Entgegensetzung der Natur und<lb n="5"/>der Vernunft, und die Herrschaft der Reflexion in ihrer ganzen Härte.</p>
<p><lb n="6"/>Das Vernunftwesen muß sich nemlich eine Sphäre für seine Freyheit bilden; diese<lb n="7"/>Sphäre schreibt es sich zu, es ist aber diese Sphäre selbst nur im Gegensatz, nur inso<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>fern es sich ausschliessend darein setzt, daß keine andere Person darin wähle; indem<lb n="9"/>es sie sich zuschreibt, setzt es sie sich zugleich wesentlich entgegen. Das Subjekt – als<lb n="10"/>das Absolute, in sich selbst thätige, und sich selbst bestimmende zum Denken eines<lb n="11"/>Objekts, – setzt die ihm zugehörige Sphäre seiner Freyheit ausser sich und sich<lb n="12"/>geschieden von ihr; seine Beziehung auf dieselbe ist nur ein <hi rendition="#g">haben</hi>. Der Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>charakter der Natur ist, eine Welt des organischen, ein absolut entgegengesetztes zu<lb n="14"/>seyn; das Wesen der Natur ist ein atomistisches Todtes, eine flüssigere oder zähere<lb n="15"/>und haltbarere Materie, die auf mannichfaltige Art gegenseitig Ursache und Wir<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>kung ist; der Begriff der Wechselwirkung mindert die völlige Entgegensetzung des<lb n="17"/>bloß ursächlichen und des blos bewirkten wenig; die Materie wird dadurch mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>faltig gegenseitig modifikabel; aber selbst die Kraft zu dieser dürftigen Verbindung<lb n="19"/>liegt ausser ihr. Die Unabhängigkeit der Theile, vermöge welcher sie in sich selbst<lb n="20"/>organische Ganze seyn sollen, so wie die Abhängigkeit der Theile vom Ganzen, ist<lb n="21"/>die teleologische Abhängigkeit vom Begriff; denn die Artikulation ist gesetzt zum<lb n="22"/>Behuf eines andern, des Vernunft-Wesens, das wesentlich von ihr geschieden ist.<lb n="23"/>Luft, Licht u.s.w. werden zur atomistischen bildsamen Materie; und zwar Materie<lb n="24"/>hier überhaupt im gewöhnlichen Sinne, als schlechthin dem sich selbst setzenden<lb n="25"/>entgegengesetzt.</p>
<p><lb n="26"/>Fichte kommt auf diese Art näher dazu, mit dem Gegensatz der Natur und der<lb n="27"/>Freyheit fertig zu werden, und die Natur als ein absolut bewirktes und todtes auf<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>zuzeigen, als Kant; bei diesem ist die Natur gleichfalls gesetzt als ein absolut be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stimmtes. Weil sie aber nicht durch dasjenige, was bei Kant Verstand heißt, bestimmt<lb n="30"/>gedacht werden kann, sondern ihre besondern mannichfaltigen Erscheinungen durch<lb n="31"/><hi rendition="#g">unsern</hi> <hi rendition="#g">menschlichen</hi> diskursiven <hi rendition="#g">Verstand</hi> unbestimmt gelassen werden, so<lb n="32"/>müssen sie durch einen <hi rendition="#g">andern</hi> Verstand bestimmt gedacht werden, aber so daß<lb n="33"/>dieß nur als Maxime unserer reflektirenden Urtheilskraft gilt, und nichts über die<lb n="34"/>Wirklichkeit eines andern Verstands ausgemacht wird. Fichte bedarf dieses Umwegs,<lb n="35"/>die Natur erst durch die Idee eines andern aparten Verstandes, als der menschliche<lb n="36"/>ist, zu einem bestimmten, werden zu lassen, nicht; sie ist es unmittelbar durch und</p>
<pb n="54" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=59" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="104–106"/>
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<p><lb n="1"/>für die Intelligenz; diese beschränkt sich selbst absolut, und dieß sich selbst beschrän<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ken ist aus Ich = Ich nicht abzuleiten, nur daraus zu deduciren, d. h. seine Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>wendigkeit aus der Mangelhaftigkeit des reinen Bewußtseyns aufzuzeigen, und die<lb n="4"/>Anschauung dieser ihrer absoluten Beschränktheit, der Negation, ist die objektive<lb n="5"/>Natur.</p>
<p><lb n="6"/>Auffallender wegen der daraus sich ergebenden Konsequenzen, wird dieß Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>hältniß der Abhängigkeit der Natur vom Begriff, die Entgegensetzung der Vernunft,<lb n="8"/>in den <hi rendition="#g">beyden</hi> <hi rendition="#g">Systemen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gemeinschaft</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi>.</p>
<p><lb n="9"/>Diese Gemeinschaft ist vorgestellt als eine Gemeinschaft von Vernunftwesen,<lb n="10"/>welche den Umweg durch die Begriffs-herrschaft nehmen muß. Jedes Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wesen ist ein gedoppeltes fürs andere; a) ein freyes, vernünftiges Wesen; b) eine<lb n="12"/>modifikable Materie, ein fähiges als blosse Sache behandelt zu werden. Diese Tren<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nung ist absolut, und so wie sie in ihrer Unnatürlichkeit einmal zu Grunde liegt, ist<lb n="14"/>keine reine Beziehung mehr gegeneinander möglich, in welcher die ursprüngliche<lb n="15"/>Identität sich darstellte und erkännte, sondern jede Beziehung ist ein Beherrschen<lb n="16"/>und Beherrschtwerden nach Gesetzen eines konsequenten Verstandes; das ganze<lb n="17"/>Gebäude der Gemeinschaft lebendiger Wesen ist von der Reflexion erbaut.</p>
<p><lb n="18"/>Die Gemeinschaft vernünftiger Wesen erscheint als bedingt durch die nothwendige<lb n="19"/>Beschränkung der Freyheit, die sich selbst das Gesetz gibt, sich zu beschränken; und<lb n="20"/>der Begriff des Beschränkens konstituirt ein Reich der Freyheit, in welchem jedes<lb n="21"/>wahrhaft freye, für sich selbst unendliche und unbeschränkte, d. h. schöne Wechsel<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>verhältniß des Lebens dadurch vernichtet wird, daß das Lebendige in Begriff und<lb n="23"/>Materie zerrissen ist, und die Natur unter eine Bottmässigkeit kommt. – Die Freyheit<lb n="24"/>ist der Charakter der Vernünftigkeit, sie ist das an sich alle Beschränkung aufhebende,<lb n="25"/>und das Höchste des Fichte’schen Systems; in der Gemeinschaft mit andern aber muß<lb n="26"/>sie <hi rendition="#g">aufgegeben</hi> werden, damit die Freyheit aller in Gemeinschaft stehender Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nunftwesen möglich sey, und die Gemeinschaft ist wieder eine Bedingung der Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>heit; die Freyheit muß sich selbst aufheben, um Freyheit zu seyn. Es erhellt hieraus<lb n="29"/>wieder, daß Freyheit hier ein bloß negatives, nemlich absolute Unbestimmtheit, oder<lb n="30"/>wie oben vom sich selbst setzen gezeigt worden ist, ein rein ideeller Faktor ist, die<lb n="31"/>Freyheit vom Standpunkte der Reflexion betrachtet. Diese Freyheit findet sich nicht<lb n="32"/>als Vernunft, sondern als Vernunftwesen, d. h. synthesirt mit seinem entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gesetzten, einem endlichen; und schon diese Synthese der Personalität schließt die<lb n="34"/>Beschränkung des einen der ideellen Faktoren, wie hier die Freyheit ist, in sich.<lb n="35"/>Vernunft und Freyheit als Vernunftwesen ist nicht mehr Vernunft und Freyheit,<lb n="36"/>sondern ein Einzelnes; und die Gemeinschaft der Person mit andern muß daher<lb n="37"/>wesentlich nicht als eine Beschränkung der wahren Freyheit des Individuums sondern<lb n="38"/>als eine Erweiterung derselben angesehen werden; die höchste Gemeinschaft ist die<lb n="39"/>höchste Freyheit, sowohl der Macht als der Ausübung nach, – in welcher höchsten</p>
<pb n="55" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=60" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="106–108"/>
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<p><lb n="1"/>Gemeinschaft aber gerade die Freyheit, als ideeller Faktor, und die Vernunft, als<lb n="2"/>entgegengesetzt der Natur, ganz wegfällt.</p>
<p><lb n="3"/>Wenn die Gemeinschaft der Vernunftwesen wesentlich ein Beschränken der wah<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>ren Freyheit wäre, so würde sie an und für sich die höchste Tirannei seyn; aber weil<lb n="5"/>es vor der Hand nur die Freyheit, als unbestimmtes, und ideeller Faktor ist, die<lb n="6"/>beschränkt wird, so entsteht durch jene Vorstellung für sich, in der Gemeinschaft<lb n="7"/>noch nicht unmittelbar Tirannei. Aber sie entsteht aufs vollständigste durch die Art,<lb n="8"/>wie die Freyheit beschränkt werden soll, damit die Freyheit der andern Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wesen möglich sey; nemlich die Freyheit soll durch die Gemeinschaft nicht die Form,<lb n="10"/>ein ideelles, entgegengesetztes zu seyn, verlieren, sondern als solches fixirt, und herr<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schend werden. Durch eine ächtfreye Gemeinschaft lebendiger Beziehungen, hat das<lb n="12"/>Individuum auf seine Unbestimmtheit, das hieße, Freyheit Verzicht gethan; in der<lb n="13"/>lebendigen Beziehung ist allein insofern Freyheit, als sie die Möglichkeit, sich selbst<lb n="14"/>aufzuheben, und andere Beziehungen einzugehen in sich schließt, d. h. die Freyheit,<lb n="15"/>ist als ideeller Faktor, als Unbestimmtheit weggefallen; die Unbestimmtheit ist in<lb n="16"/>einem lebendigen Verhältnisse, insofern es frey ist, nur das <hi rendition="#g">Mögliche</hi>, nicht ein<lb n="17"/>zum herrschenden gemachtes Wirkliches, nicht ein gebietender Begriff. Aber die auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gehobne Unbestimmtheit, ist unter der freyen Beschränkung seiner Freyheit im<lb n="19"/>System des Naturrechts nicht verstanden; sondern indem die Beschränkung durch<lb n="20"/>den gemeinsamen Willen zum Gesetz erhoben, und als Begriff fixirt ist, wird die<lb n="21"/>wahre Freyheit, die Möglichkeit, eine bestimmte Beziehung aufzuheben, vernichtet;<lb n="22"/>die lebendige Beziehung ist nicht mehr möglich, unbestimmt zu seyn, also nicht mehr<lb n="23"/>vernünftig, sondern absolut bestimmt, und durch den Verstand festgesetzt, das Leben<lb n="24"/>hat sich in die Bottmässigkeit begeben, und die Reflexion die Herrschaft über das<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>selbe und den Sieg über die Vernunft davon getragen. Dieser Stand der Noth wird<lb n="26"/>als Naturrecht, und zwar nicht so behauptet, daß das höchste Ziel wäre, ihn auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zuheben, und an die Stelle dieser verständigen, und unvernünftigen Gemeinschaft<lb n="28"/>eine, von aller Knechtschaft unter dem Begriff, freye Organisation des Lebens durch<lb n="29"/>die Vernunft zu konstruiren, sondern der Nothstand und seine unendliche Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>dehnung über alle Regungen des Lebens gilt als absolute Nothwendigkeit. Diese<lb n="31"/>Gemeinschaft unter der Herrschaft des Verstands wird nicht so vorgestellt, daß sie<lb n="32"/>selbst, es sich zum obersten Gesetze machen müßte, diese Noth des Lebens, in die es<lb n="33"/>durch den Verstand gesetzt wird, und diese Endlosigkeit des Bestimmens und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>herrschens – in der wahren Unendlichkeit einer schönen Gemeinschaft aufzuheben,<lb n="35"/>die Gesetze durch Sitten, die Ausschweifungen des unbefriedigten Lebens, durch<lb n="36"/>geheiligten Genuß, und die Verbrechen der gedrükten Kraft durch mögliche Thätig-</p>
<pb n="56" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=61" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="108–110"/>
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<p><lb n="1"/>keit für grosse Objekte – entbehrlich zu machen; – sondern im Gegentheil die Herr<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schaft des Begriffs, und die Knechtschaft der Natur, ist absolut gemacht, und ins<lb n="3"/>unendliche ausgedehnt.</p>
<p><lb n="4"/>Die Endlosigkeit des Bestimmens, in die der Verstand verfallen muß, zeigt am<lb n="5"/>unmittelbarsten die Mangelhaftigkeit seines Princips, des Herrschens durch den Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>griff. – Auch dieser Nothstaat kennt den Zwek, die Verletzungen seiner Bürger mehr<lb n="7"/>zu verhindern, als sie, wenn sie schon geschehen sind, zu rächen. Er muß also nicht<lb n="8"/>nur wirkliche Verletzung unter Strafen verbieten, sondern auch der Möglichkeit<lb n="9"/>einer Verletzung vorbeugen, zu dem Endzwekke Handlungen untersagen, welche an<lb n="10"/>und für sich keinem Menschen schaden, und völlig gleichgültig scheinen: die aber die<lb n="11"/>Verletzung anderer leichter machen, und die Beschützung derselben, oder die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>dekkung der Schuldigen, erschweren. Wenn nun einerseits der Mensch sich auch<lb n="13"/>weiter aus keinem andern Triebe einem Staate unterwirft, als um so frey als möglich<lb n="14"/>sein Vermögen zu gebrauchen und zu geniessen, so giebt es doch auf der andern Seite<lb n="15"/>schlechterdings keine Handlung, von der nicht der konsequente Verstand dieses<lb n="16"/>Staats einen möglichen Schaden für andere berechnen könnte, und mit dieser end<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>losen Möglichkeit hat es der vorbeugende Verstand und seine Gewalt, die Pflicht der<lb n="18"/>Policey, zu thun, und es gibt in diesem Ideal von Staate kein Thun noch Regen, das<lb n="19"/>nicht nothwendig einem Gesetz unterworfen, unter unmittelbare Aufsicht genom<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>men, und von der Policey und den übrigen Regierern beachtet werden müßte, so daß<lb n="21"/>S. 155. 2. Th. in einem Staate von der nach diesem Princip aufgestellten Konstitution<lb n="22"/>die Policey so ziemlich weiß, wo jeder Bürger zu jeder Stunde des Tages sey und was<lb n="23"/>er treibe.¹</p>
<note xml:id="fn-56-1" n="¹" next="#fn-56-1.t2"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>Wie die Endlosigkeit des Bestimmens in sich selbst, ihren Zwek und sich verliert, wird<lb n="25"/>am besten an einigen Beispielen erhellen; durch die Vervollkommnung der Policey, ist der<lb n="26"/>ganzen Menge von Verbrechen, die in unvollkommnen Staaten möglich sind, vorgebeugt.<lb n="27"/>Z. B. der Verfälschung von Wechseln, und Gelde: Wir sehen, auf welche Art S. 148ff. Jeder,<lb n="28"/>der einen Wechsel übergibt, muß durch einen Paß beweisen, daß er diese<lb n="29"/>bestimmte Person sey, wo er zu finden sey u.s.f. Der Annehmer setzt dann<lb n="30"/>zum Namen des Übergebers auf der Rükseite des Wechsels blos: mit Paß von<lb n="31"/>der und der Obrigkeit. – Es sind zwei Worte mehr zu schreiben, und ein oder<lb n="32"/>zwei Minuten Zeit mehr nöthig, um den Paß und die Person anzusehen; und<lb n="33"/>übrigens ist die Sache so einfach als vorher (oder vielmehr einfacher, denn ein vor<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sichtiger Mann wird sich wahrscheinlich hüten, von einem Menschen, den er gar nicht kennt,<lb n="35"/>einen Wechsel, wenn dieser auch ganz in der Ordnung zu seyn scheint, anzunehmen, und einen<lb n="36"/>Paß und eine Person ansehen ist unendlich einfacher, als auf irgend eine andere Art einige</note>
<pb n="57" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=62" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">FICHTE’SCHES SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>In dieser Unendlichkeit zu der es fortgehen muß hat das Bestimmen und Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>werden sich selbst aufgehoben; die Begränzung der Freyheit soll selbst unendlich<lb n="3"/>seyn; in dieser Antinomie der unbegränzten Begränztheit ist das Beschränken der<lb n="4"/>Freyheit, und der Staat verschwunden; die Theorie des Bestimmens hat das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stimmen, ihr Princip, dadurch daß sie es ins Unendliche ausdehnte, vernichtet.</p>
<p><lb n="6"/>Die gewöhnlichen Staaten sind darinn inkonsequent, ihr Ober-Policey-Recht nur<lb n="7"/>auf wenige Möglichkeiten von Verletzungen auszudehnen, und im übrigen, die<lb n="8"/>Bürger sich selbst anzuvertrauen; in der Hoffnung, daß jeder nicht erst durch einen</p>
<note xml:id="fn-56-1.t2" n="¹" prev="#fn-56-1"><lb n="9"/>Notizen von ihr zu erhalten.) – <hi rendition="#g">Falls</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wechsel</hi> <hi rendition="#g">doch</hi> <hi rendition="#g">falsch</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Person</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">bald</hi> <hi rendition="#g">gefunden</hi>, <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Untersuchung</hi> <hi rendition="#g">bis</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">zurükgekommen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; <hi rendition="#g">es</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">keinem</hi> <hi rendition="#g">erlaubt</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">Orte</hi> <hi rendition="#g">abzureisen</hi>, <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">kann</hi> <hi rendition="#g">unter</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Thore</hi> (– daß<lb n="12"/>unsere Dörfer und viele Städte nicht, noch weniger die einzeln stehenden Wohnungen Thore,<lb n="13"/>haben, diese Wirklichkeit ist kein Einwurf; sondern es ist hiemit die Nothwendigkeit der<lb n="14"/>Thore deducirt) <hi rendition="#g">angehalten</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> – <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">muß</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Ort</hi> <hi rendition="#g">wo</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">hinreist</hi>, <hi rendition="#g">bestimmen</hi>,<lb n="15"/><hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Register</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Orts</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Passe</hi> <hi rendition="#g">bemerkt</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> (es liegt hierin das Postulat<lb n="16"/>an die Thorschreiber, einen Reisenden von jedem andern durchs Thor gehenden unterscheiden<lb n="17"/>zu können). – <hi rendition="#g">Er</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">nirgend</hi> <hi rendition="#g">angenommen</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Paß</hi> <hi rendition="#g">bemerkten</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">Ort</hi>. <hi rendition="#g">Im</hi> <hi rendition="#g">Paß</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Beschreibung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Person</hi> S. 146. <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">statt</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">immer</hi> <hi rendition="#g">zweydeutig</hi> <hi rendition="#g">bleiben</hi> <hi rendition="#g">muß</hi>, <hi rendition="#g">bei</hi> <hi rendition="#g">wichtigen</hi> <hi rendition="#g">Personen</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">also</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">bezahlen</hi> <hi rendition="#g">können</hi>, in unserm Fall solche, die Wechsel zu verfälschen fähig wären, <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">wohlgetroffnes</hi> <hi rendition="#g">Bildniß</hi> <hi rendition="#g">befindlich</hi>. – <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Paß</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">ausschliessend</hi> <hi rendition="#g">dazu</hi> <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">fertigtem</hi> <hi rendition="#g">Papier</hi> <hi rendition="#g">geschrieben</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Händen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">unter</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Aufsicht</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Obrigkeit</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Unterobrigkeiten</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">verbrauchte</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Papier</hi> RECHNUNG <hi rendition="#g">abzulegen</hi> <hi rendition="#g">haben</hi>. <hi rendition="#g">Nachgemacht</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi> <hi rendition="#g">Papier</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">werden</hi>, <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">falschen</hi> <hi rendition="#g">Wechsel</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">Eines</hi> <hi rendition="#g">Passes</hi> <hi rendition="#g">bedarf</hi>, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">so</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">viele</hi> <hi rendition="#g">Anstalten</hi> <hi rendition="#g">getroffen</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">viele</hi> <hi rendition="#g">Künste</hi> <hi rendition="#g">vereinigt</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">müßten</hi>; (es ist<lb n="27"/>sonach postulirt, daß in einem wohleingerichteten Staate das Bedürfnis nur Eines einzigen<lb n="28"/>falschen Passes eintreten könnte, also Fabriken von falschen Pässen, wie sie in den gewöhnlichen<lb n="29"/>Staaten zuweilen entdekt werden, keine Abnehmer finden würden.) – Zur Verhütung der<lb n="30"/>Nachahmung des privilegirten Papiers, würde aber auch eine andere Staatseinrichtung mit<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wirken, die nach S. 152. zur <hi rendition="#g">Verhütung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">falschen</hi> <hi rendition="#g">Münzens</hi> getroffen wird; <hi rendition="#g">weil</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">nemlich</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Staat</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Monopol</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Metalle</hi> u.s.w. <hi rendition="#g">hat</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">muß</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">die</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">Kleinhändler</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ausgeben</hi>, <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">Nachweisung</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">Wen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">welchem</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">Gebrauche</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">erst</hi> <hi rendition="#g">erhaltene</hi> <hi rendition="#g">ausgegeben</hi> <hi rendition="#g">worden</hi>. – Jeder Staatsbürger wird nicht,<lb n="35"/>wie beim preussischen Militär, ein Ausländer, nur Einen Vertrauten zur Aufsicht hat, nur<lb n="36"/>Einen, sondern wenigstens ein halb Duzend Menschen mit Aufsicht, Rechnungen u.s.w<lb n="37"/>beschäftigen, jeder dieser Aufseher ebenso u. so fort ins Unendliche; so wie jedes der einfachsten<lb n="38"/>Geschäfte, eine Menge von Geschäften ins Unendliche veranlaßt.</note>
<pb n="58" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=63" type="body"/>
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<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>Begriff und vermöge eines Gesetzes beschränkt werden müsse, des andern modi<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>fikable Materie nicht zu modificiren; wie jeder eigentlich kann, da er als Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>wesen sich nach seiner Freyheit, als bestimmend das NichtIch, setzen, und sich das<lb n="4"/>Vermögen zuschreiben muß, die Materie überhaupt zu modificiren. Die unvoll<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>kommenen Staaten sind deßwegen unvollkommen, weil sie irgend einen Gegensatz<lb n="6"/>fixiren müssen; sie sind inkonsequent, weil sie ihren Gegensatz nicht durch alle<lb n="7"/>Beziehungen durchführen; aber den Gegensatz, der den Menschen in ein Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wesen und in eine modificable Materie absolut entzweyt, unendlich, und das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>stimmen endlos zu machen, diese Konsequenz hebt sich selbst auf, und jene In<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>konsequenz ist das Vollkommenste an unvollkommnen Staaten.</p>
<p><lb n="11"/>Das Naturrecht wird durch den absoluten Gegensatz des reinen und des Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>triebs, eine Darstellung der vollständigen Herrschaft des Verstands, und Knechtschaft<lb n="13"/>des Lebendigen; ein Gebäude, an welchem die Vernunft keinen Theil hat, und das sie<lb n="14"/>also verwirft, weil sie in der vollkommensten Organisation, die sie sich geben kann,<lb n="15"/>in der Selbstgestaltung zu einem Volk, am ausdrücklichsten sich finden muß. Aber<lb n="16"/>jener Verstandes-Staat ist nicht eine Organisation, sondern eine Maschine; das Volk<lb n="17"/>nicht der organische Körper eines gemeinsamen und reichen Lebens, sondern eine<lb n="18"/>atomistische Lebensarme Vielheit, deren Elemente absolut entgegengesetzte Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stanzen, theils eine Menge von Punkten, den Vernunftwesen, theils mannichfaltig<lb n="20"/>durch Vernunft – d. h. in dieser Form – durch Verstand modifikable Materien sind, –<lb n="21"/>Elemente, deren Einheit ein Begriff, deren Verbindung ein endloses Beherrschen ist.<lb n="22"/>Diese absolute Substantialität der Punkte gründet ein System der Atomistik der prak<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tischen Philosophie, worin, wie in der Atomistik der Natur, ein den Atomen fremder<lb n="24"/>Verstand, Gesetz wird, das sich im praktischen, Recht nennt; ein <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Totali<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tät, der sich jeder Handlung – denn jede ist eine bestimmte – entgegensetzen, sie<lb n="26"/>bestimmen, also das Lebendige in ihr, die wahre Identität, tödten soll. Fiat justitia,<lb n="27"/>pereat mundus, ist das Gesetz, nicht einmal in dem Sinne, wie es Kant ausgelegt hat:<lb n="28"/>das Recht geschehe, und wenn auch alle Schelme in der Welt zu Grunde gehen,<lb n="29"/>sondern: das Recht muß geschehen, ob schon deßwegen Vertrauen, Lust und Liebe,<lb n="30"/>alle Potenzen einer ächt sittlichen Identität, mit Stumpf und Stil, wie man sagt, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gerottet werden würden.</p>
<p><lb n="32"/>Wir gehen zum System der <hi rendition="#g">sittlichen</hi> <hi rendition="#g">Gemeinschaft</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> über.</p>
<p><lb n="33"/>Die <hi rendition="#g">Sittenlehre</hi> hat mit dem Naturrecht gemein, daß die Idee den Trieb, die Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>heit die Natur absolut beherrsche; sie unterscheiden sich aber darin, daß im Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>recht, die Bottmässigkeit freyer Wesen unter dem Begriff, überhaupt absoluter Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>zwek ist, so daß das fixirte Abstraktum des gemeinsamen Willens auch ausser dem<lb n="37"/>Individuum bestehe und Gewalt über dasselbe habe; in der Sittenlehre muß der<lb n="38"/>Begriff und die Natur in einer und ebenderselben Person vereinigt gesetzt werden;<lb n="39"/>im Staat soll nur das Recht herrschen, im Reiche der Sittlichkeit soll die Pflicht nur</p>
<pb n="59" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=64" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Macht haben, insofern sie von der Vernunft des Individuums als Gesetz anerkannt wird.</p>
<p><lb n="2"/>Sein eigner Herr und Knecht zu seyn scheint zwar einen Vorzug vor dem Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>stande zu haben, worin der Mensch der Knecht eines fremden ist. Allein das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>hältniß der Freyheit und der Natur, wenn es in der Sittlichkeit eine subjektive Herr<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schaft und Knechtschaft, eine <hi rendition="#g">eigne</hi> Unterdrükkung der Natur werden soll, wird<lb n="6"/>viel unnatürlicher, als das Verhältniß im Naturrecht, in welchem das Gebietende,<lb n="7"/>und Machthabende, als ein Anderes, ausser dem lebendigen Individuum befindliches<lb n="8"/>erscheint. Das Lebendige hat in diesem Verhältnisse immer noch eine in sich selbst<lb n="9"/>geschlossene Selbstständigkeit; was nicht einig in ihm ist, schließt es von sich aus;<lb n="10" break="no"/>das widerstreitende ist eine fremde Macht; und, wenn auch der Glaube an die Einig<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>keit des innern mit dem äussern wegfällt, so kann doch der Glauben an seine innere<lb n="12"/>Übereinstimmung, eine Identität als Charakter bestehen; die innere Natur ist sich<lb n="13"/>treu. Wenn aber in der Sittenlehre das Gebietende in den Menschen selbst verlegt,<lb n="14"/>und in ihm ein Gebietendes und ein Bottmässiges absolut entgegengesetzt ist, so ist<lb n="15"/>die innre Harmonie zerstört, Uneinigkeit und absolute Entzweyung machen das<lb n="16"/>Wesen des Menschen aus. Er hat nach einer Einheit zu suchen, aber bei zu Grunde<lb n="17"/>liegender absoluter Nichtidentität bleibt ihm nur eine formale Einheit übrig.</p>
<p><lb n="18"/>Die formale Einheit des Begriffs, der herrschen soll, und die Mannichfaltigkeit der<lb n="19"/>Natur widersprechen sich, und das Gedränge zwischen beyden zeigt bald einen<lb n="20"/>bedeutenden Übelstand; der formale Begriff soll herrschen; aber er ist ein leeres, und<lb n="21"/>muß durch Beziehung auf den Trieb erfüllt werden, und so entsteht eine unendliche<lb n="22"/>Menge von Möglichkeiten zu handeln. Erhält aber die Wissenschaft ihn in seiner<lb n="23"/>Einheit, so hat sie durch einen solchen leeren, formalen Grundsatz nichts geleistet. –<lb n="24" break="no"/>Ich soll sich selbst bestimmen nach der Idee der absoluten Selbstthätigkeit, die objek<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tive Welt aufzuheben, soll auf das objektive Ich Kausalität haben, kommt also mit<lb n="26"/>ihm in Beziehung; der sittliche Trieb wird ein gemischter, und dadurch ein so<lb n="27" break="no"/>mannichfaltiges, als der objektive Trieb selbst ist; woraus denn eine grosse Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>faltigkeit von Pflichten hervorgeht. Sie kann sehr gemindert werden, wenn man, wie<lb n="29"/>Fichte, bey der Allgemeinheit der Begriffe stehen bleibt; aber dann hat man wieder<lb n="30"/>nur formale Grundsätze. Die Entgegensetzung der mannichfaltigen Pflichten kommt<lb n="31"/>unter dem Nahmen von Collisionen vor, und führt einen bedeutenden Widerspruch<lb n="32"/>mit sich; wenn die deducirten Pflichten absolut sind, so können sie nicht collidiren;<lb n="33"/>aber sie collidiren nothwendig, weil sie entgegengesetzt sind; um ihrer gleichen<lb n="34"/>Absolutheit willen ist Wahl möglich, und wegen der Collision nothwendig, es ist<lb n="35"/>nichts vorhanden, das entscheide, als die Willkühr. Sollte keine Willkühr statt haben,<lb n="36"/>so müßten die Pflichten nicht auf gleichem Range der Absolutheit stehen, eine müßte,<lb n="37"/>wie man nun sprechen muß, absoluter seyn als die andere, was dem Begriffe wider-</p>
<pb n="60" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=65" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="116–118"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>spricht, da jede Pflicht als Pflicht absolut ist. Weil denn aber bey dieser Collision<lb n="2"/>doch gehandelt also die Absolutheit aufgegeben und eine Pflicht der andern vor<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gezogen werden muß, so kommt izt, damit eine Selbstbestimmung erfolgen könne,<lb n="4"/>alles darauf an, durch die Beurtheilung den Vorzug des einen Pflichtbegriffs vor dem<lb n="5"/>andern auszumitteln, und unter den bedingten Pflichten nach bester Einsicht zu<lb n="6"/>wählen; wenn die Willkühr und das Zufällige der Neigungen in der Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bestimmung der Freyheit durch den höchsten Begriff ausgeschlossen wird, so geht<lb n="8"/>die Selbstbestimmung nunmehr in die Zufälligkeit der Einsicht, und damit in die<lb n="9"/>Bewußtlosigkeit dessen, wodurch eine zufällige Einsicht entschieden wird, – über.<lb n="10"/>Man sieht, wenn Kant in seiner Sittenlehre jeder als absolut aufgestellten Pflicht<lb n="11"/>kasuistische Fragen zugibt, und man nicht glauben will, daß er damit eigentlich über<lb n="12"/>die Absolutheit der aufgestellten Pflicht seinen Spott habe treiben wollen, so muß<lb n="13"/>angenommen werden, daß er vielmehr auf die Nothwendigkeit einer Kasuistik für<lb n="14"/>die Sittenlehre hingedeutet habe, und damit auf die Nothwendigkeit sich seiner<lb n="15"/>eignen Einsicht, die ja etwas durchaus Zufälliges ist, nicht anzuvertrauen. Die Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>fälligkeit ist es allein, die durch eine Sittenlehre aufgehoben werden soll; die Zufällig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit der Neigungen in die Zufälligkeit der Einsicht verwandeln, kann den sittlichen<lb n="18"/>Trieb, der auf Nothwendigkeit geht, nicht befriedigen.</p>
<p><lb n="19"/>In solchen Systemen der Sittenlehre und des Naturrechts ist bey der fixen, abso<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>luten Polarität der Freyheit und Nothwendigkeit an keine Synthese und an keinen<lb n="21"/>Indifferenz-Punkt zu denken; die Transcendentalität geht in der Erscheinung, und<lb n="22"/>ihrem Vermögen, dem Verstande völlig verlohren; die absolute Identität findet sich<lb n="23"/>nicht, und stellt sich in ihr nicht her; die Entgegensetzung bleibt auch in der<lb n="24"/>Beschönigung des unendlichen Progresses absolut fixirt, sie kann sich weder für das<lb n="25"/>Individuum in den Indifferenz-Punkt der Schönheit des Gemüths und des Werks,<lb n="26"/>noch für die vollständige lebendige Gemeinschaft der Individuen in eine Gemeine<lb n="27"/>wahrhaft auflösen.</p>
<p><lb n="28"/>Zwar spricht auch Fichte, wo er unter den Pflichten der verschiedenen Stände<lb n="29"/>auch auf die Pflichten des <hi rendition="#g">ästhetischen</hi> Künstlers, als auf eines der letzten Anhängsel<lb n="30"/>der Moral zu reden kömmt, von dem ästhetischen Sinne als einem Vereinigungsband<lb n="31"/>zwischen Verstand und Herz, und weil der Künstler weder an den Verstand allein,<lb n="32"/>wie der Gelehrte, noch ans Herz allein, wie der Volkslehrer, sondern an das ganze<lb n="33"/>Gemüth in Vereinigung seiner Vermögen sich wendet, schreibt er dem ästhetischen<lb n="34"/>Künstler und der ästhetischen Bildung eine höchst wirksame Beziehung auf die<lb n="35"/>Beförderung des Vernunftzweks zu.</p>
<p><lb n="36"/>Ausser dem, daß man nicht begreift, wie in der Wissenschaft, die auf absoluter<lb n="37"/>Entgegensetzung, wie dieß System der Sittenlehre beruht, von einem Vereinigungs-</p>
<pb n="61" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=66" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>bande des Verstands und des Herzens, von der Ganzheit des Gemüths die Rede seyn<lb n="2"/>kann, – denn absolute Bestimmung der Natur nach einem Begriff ist die absolute<lb n="3"/>Beherrschung des Herzens durch den Verstand, die durch die aufgehobne Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>einigung bedingt ist; – so zeigt schon die ganz subalterne Stellung, in welcher die<lb n="5"/>ästhetische Bildung auftritt, wie wenig überhaupt zur Vollendung des Systems auf<lb n="6"/>sie gerechnet sey. Die Kunst wird dahin verwiesen, eine höchst wirksame Beziehung<lb n="7"/>auf die Beförderung des Vernunft-Zweks zu haben, indem sie der Moralität den<lb n="8"/>Boden bereite, so daß, wenn die Moralität eintritt, sie schon die halbe Arbeit gethan<lb n="9"/>findet, nemlich die Befreiung aus den Banden der Sinnlichkeit.</p>
<p><lb n="10"/>Es ist merkwürdig, wie Fichte sich über Schönheit vortreflich aber inkonsequent<lb n="11"/>in Rüksicht auf sein System ausdrükt, davon überhaupt keine Anwendung auf das<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>selbe, und unmittelbar eine falsche Anwendung auf die Vorstellung des Sittengesetzes<lb n="13"/>macht.</p>
<p><lb n="14"/><hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Kunst</hi>, drükt sich Fichte aus, <hi rendition="#g">macht</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">transcendentalen</hi> <hi rendition="#g">Gesichts</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">punkt</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">gemeinen</hi>, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">jenem</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi> <hi rendition="#g">gemacht</hi>, <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">sem</hi> <hi rendition="#g">gegeben</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">ästhetischen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">gegeben</hi>, <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">gemacht</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">ist</hi>. – Durch das ästhetische Vermögen ist eine wahre Vereinigung des Producirens<lb n="18"/>der Intelligenz, und des ihr als gegeben erscheinenden Produkts, – des sich als un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>beschränkt, und zugleich als Beschränktheit setzenden Ich anerkannt; oder vielmehr<lb n="20"/>eine Vereinigung der Intelligenz und der Natur, welche letztere eben um dieser<lb n="21"/>möglichen Vereinigung willen, noch eine andere Seite hat, als Produkt der Intelligenz<lb n="22"/>zu seyn, – die Anerkennung der ästhetischen Vereinigung des Producirens und des<lb n="23"/>Produkts ist etwas ganz anderes als das Setzen des absoluten Sollens und Strebens,<lb n="24"/>und des unendlichen Progresses, Begriffe, die sich, so wie jene höchste Vereinigung<lb n="25"/>anerkannt wird, als Antithesen, oder nur als Synthesen subalternerer Sphären, und<lb n="26"/>damit als einer höhern bedürftig ankündigen.</p>
<p><lb n="27"/>Die ästhetische Ansicht wird weiter so beschrieben. Die gegebene Welt, die Natur<lb n="28"/>hat zwey Seiten, sie ist Produkt unserer Beschränkung, und sie ist Produkt unsers<lb n="29"/>freyen idealen Handelns; jede Gestalt im Raum ist anzusehen als Äusserung der<lb n="30"/>innern Fülle und Kraft des Körpers selbst, der sie hat. Wer der ersten Ansicht nach<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>geht, sieht nur verzerrte, gepreßte, ängstliche Formen, er sieht die Häßlichkeit; wer<lb n="32"/>der letzten nachgeht, sieht kräftige Fülle der Natur, Leben und Aufstreben – er sieht<lb n="33"/>die Schönheit. – Das Handeln der Intelligenz im Naturrecht hatte die Natur nur als<lb n="34"/>eine modificable Materie producirt; es war also kein freyes ideales Handeln, kein<lb n="35"/>Handeln der Vernunft, sondern des Verstandes. Die ästhetische Ansicht der Natur<lb n="36"/>wird nun auch aufs Sittengesetz angewandt, und freilich dürfte die Natur vor dem<lb n="37"/>Sittengesetz nicht den Vorzug der Fähigkeit einer schönen Ansicht haben. <hi rendition="#g">Das</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">Sittengesetz</hi> <hi rendition="#g">gebietet</hi> <hi rendition="#g">absolut</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">drükt</hi> <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Naturneigung</hi> <hi rendition="#g">nieder</hi>;<lb n="39"/><hi rendition="#g">wer</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">ansieht</hi>, <hi rendition="#g">verhält</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Sklav</hi>. <hi rendition="#g">Aber</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Sittengesetz</hi></p>
<pb n="62" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=67" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="120–122"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">doch</hi> <hi rendition="#g">zugleich</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">kömmt</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">innern</hi> <hi rendition="#g">Tiefe</hi> <hi rendition="#g">unsers</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">eignen</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi>; <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">gehorchen</hi>, <hi rendition="#g">gehorchen</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">doch</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; <hi rendition="#g">wer</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">ansieht</hi>, <hi rendition="#g">sieht</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ästhetisch</hi> <hi rendition="#g">an</hi>. – Wir gehorchen<lb n="4"/>uns selbst, heißt, unsre Naturneigung gehorcht unserm Sittengesetz; aber in der<lb n="5"/>ästhetischen Anschauung der Natur als der Äusserung der innern Fülle und Kraft der<lb n="6"/>Körper kommt kein solches Getrenntseyn des Gehorchens vor, wie wir in der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichkeit nach diesem System, im sich selbst gehorchen, die Naturneigung als begränzt<lb n="8"/>durch die benachbarte Vernunft, den Trieb bottmässig dem Begriff anschauen. Diese<lb n="9"/>nothwendige Ansicht dieser Sittlichkeit, statt eine ästhetische zu seyn, muß gerade<lb n="10"/>diejenige seyn, welche die verzerrte, ängstliche, gepreßte Form, die Häßlichkeit, zeigt.</p>
<p><lb n="11"/>Fodert das Sittengesetz nur Selbstständigkeit als ein Bestimmen nach und durch<lb n="12"/>Begriffe, und kann die Natur zu ihrem Recht, nur durch eine Beschränkung der Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>heit nach dem <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Freyheit vieler Vernunftwesen gelangen, und sind diese<lb n="14"/>beyden gepreßten Arten, die höchsten, wodurch sich der Mensch als Mensch kon<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stituirt; so ist für den ästhetischen Sinn, der in seinem weitesten Umfange genommen<lb n="16"/>werden muß, für die vollendete Selbst-Gestaltung der Totalität in der Vereinigung<lb n="17"/>der Freyheit und Nothwendigkeit, des Bewußtseyns und des Bewußtlosen weder,<lb n="18"/>insofern er sich rein in seinem unbeschränkten Selbstgenusse darstellt, noch in seinen<lb n="19"/>eingeschränkten Erscheinungen, in der bürgerlichen Rechtlichkeit und in der<lb n="20"/>Moralität, Raum zu finden; denn im ästhetischen Sinn ist gerade alles Bestimmen<lb n="21"/>nach Begriffen so sehr aufgehoben, daß ihm dieß verständige Wesen des Herrschens<lb n="22"/>und Bestimmens, wenn es an ihn kommt, häßlich, und zu hassen ist.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="23"/>VERGLEICHUNG DES SCHELLING’SCHEN PRINCIPS DER PHILOSOPHIE<lb n="24"/>MIT DEM FICHTE’SCHEN.</head>
<p><lb n="25"/>Als Grundcharakter des Fichte’schen Princips ist aufgezeigt worden, daß Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>jekt = Objekt aus dieser Identität heraustritt, und sich zu derselben nicht mehr<lb n="27"/>wiederherzustellen vermag, weil das differente ins Kausalitätsverhältniß versetzt<lb n="28"/>wurde; das Princip der Identität wird nicht Princip des Systems; so wie das System<lb n="29"/>sich zu bilden anfängt, wird die Identität aufgegeben, das System selbst ist eine kon<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sequente verständige Menge von Endlichkeiten, welche die ursprüngliche Identität</p>
<pb n="63" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=68" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="122–124"/>
<fw type="header" place="top">VERGLEICHUNG SCHELLINGS MIT FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>nicht in den Fokus der Totalität, zur absoluten Selbstanschauung zusammen zu<lb n="2"/>greifen vermag. Das Subjekt = Objekt macht sich daher zu einem subjektiven; und<lb n="3"/>es gelingt ihm nicht, diese Subjektivität aufzuheben, und sich objektiv zu setzen.</p>
<p><lb n="4"/>Das Princip der Identität ist absolutes Princip des <hi rendition="#g">ganzen</hi> Schelling’schen<lb n="5"/>Systems; Philosophie und System fallen zusammen; die Identität verliert sich nicht<lb n="6"/>in den Theilen, noch weniger im Resultate.</p>
<p><lb n="7"/>Daß absolute Identität das Princip eines ganzen Systems sey, dazu ist nothwendig,<lb n="8"/>daß das Subjekt und Objekt, <hi rendition="#g">beyde</hi> als Subjektobjekt gesetzt werden; die Identität<lb n="9"/>hat sich im Fichte’schen System, nur zu einem subjektiven Subjektobjekt konstituirt;<lb n="10"/>dieß bedarf zu seiner Ergänzung eines objektiven Subjektobjekts, so daß das Absolute<lb n="11"/>sich in jedem der beyden darstellt, vollständig sich nur in beyden zusammen findet,<lb n="12"/>als höchste Synthese in der Vernichtung beyder, insofern sie entgegengesetzt sind,<lb n="13"/>als ihr absoluter Indifferenzpunkt, beyde in sich schließt, beyde gebiert, und sich aus<lb n="14"/>beyden gebiert.</p>
<p><lb n="15"/>Wenn die Aufhebung der Entzweyung als formale Aufgabe der Philosophie ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>setzt wird; so kann die Vernunft die Lösung der Aufgabe auf die Art versuchen, daß<lb n="17"/>sie Eins der entgegengesetzten vernichtet, und das Andere zu einem Unendlichen<lb n="18"/>steigert; dieß ist der Sache nach im Fichte’schen System geschehen; allein die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gegensetzung bleibt auf diese Art; denn dasjenige, was als Absolutes gesetzt wird, ist<lb n="20"/>durchs andere bedingt, und so wie es besteht, besteht auch das andere. Um die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>zweyung aufzuheben, müssen beyde Entgegengesetzte, Subjekt, und Objekt auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gehoben werden; sie werden als Subjekt und Objekt aufgehoben, indem sie identisch<lb n="23"/>gesetzt sind. In der absoluten Identität ist Subjekt und Objekt auf einander bezogen,<lb n="24"/>und damit vernichtet; insofern ist für die Reflexion und das Wissen nichts vor<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>handen. So weit geht das Philosophiren überhaupt, das nicht zu einem System<lb n="26"/>gelangen kann; es ist mit der negativen Seite befriedigt, die alles Endliche im Un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>endlichen versenkt; es könnte wohl auch wieder zum Wissen herauskommen, und<lb n="28"/>es ist eine subjektive Zufälligkeit, ob das Bedürfniß eines Systems damit verbunden<lb n="29"/>ist, oder nicht. Ist aber diese negative Seite selbst Princip, so soll nicht zum Wissen<lb n="30"/>herausgegangen werden, weil jedes Wissen von einer Seite zugleich in die Sphäre der<lb n="31"/>Endlichkeit tritt. An diesem Anschauen des farbelosen Lichts, hält die Schwärmerei<lb n="32"/>fest; eine Mannichfaltigkeit ist in ihr nur dadurch, daß sie das Mannichfaltige be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>kämpft. Der Schwärmerei fehlt das Bewußtseyn über sich selbst, daß ihre Kontrak<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tion bedingt ist durch eine Expansion; sie ist einseitig, weil sie selbst an einem Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gegengesetzten festhält, und die absolute Identität zu einem entgegengesetzten macht.<lb n="36"/>In der absoluten Identität ist Subjekt und Objekt aufgehoben; aber weil sie in der<lb n="37"/>absoluten Identität sind, bestehen sie zugleich; und dieß Bestehen derselben ist es,<lb n="38"/>was ein Wissen möglich macht; denn im Wissen ist zum Theil die Trennung beyder<lb n="39"/>gesetzt; die trennende Thätigkeit ist das Reflektiren, sie hebt die Identität und das</p>
<pb n="64" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=69" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="124–126"/>
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<p><lb n="1"/>Absolute auf, insofern sie für sich betrachtet wird; und jede Erkenntniß würde<lb n="2"/>schlechthin ein Irrthum seyn, weil in ihr ein Trennen ist. Diese Seite, von welcher das<lb n="3"/>Erkennen ein trennen, und ihr Produkt ein Endliches ist, macht jedes Wissen zu<lb n="4"/>einem beschränkten, und damit zu einer Falschheit; aber insofern jedes Wissen zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gleich eine Identität ist, insofern gibt es keinen absoluten Irrthum. – So gut die Identi<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tät geltend gemacht wird, so gut muß die Trennung geltend gemacht werden; in<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>sofern die Identität und die Trennung einander entgegengesetzt werden, sind beyde<lb n="8"/>absolut; und wenn die Identität dadurch festgehalten werden soll, daß die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>zweyung vernichtet wird, bleiben sie einander entgegengesetzt. Die Philosophie muß<lb n="10"/>dem Trennen in Subjekt und Objekt sein Recht wiederfahren lassen, aber indem sie<lb n="11"/>es gleich absolut setzt mit der der Trennung entgegengesetzten Identität, hat sie es<lb n="12"/>nur bedingt gesetzt, so wie eine solche Identität, – die durch Vernichten der ent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gegengesetzten bedingt ist, – auch nur relativ ist. Das Absolute selbst aber ist darum<lb n="14"/>die Identität der Identität und der Nichtidentität; Entgegensetzen und Einsseyn ist<lb n="15"/>zugleich in ihm.</p>
<p><lb n="16"/>Indem die Philosophie trennt, kann sie die Getrennten nicht setzen, ohne sie im<lb n="17"/>Absoluten zu setzen; denn sonst sind es rein entgegengesetzte, die keinen andern<lb n="18"/>Charakter haben, als daß das eine nicht ist, insofern das andere ist. Diese Beziehung<lb n="19"/>auf das Absolute ist nicht wieder ein Aufheben beyder, denn somit wäre nicht<lb n="20"/>getrennt, sondern sie sollen als getrennte bleiben, und diesen Charakter nicht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lieren, insofern sie im Absoluten oder das Absolute in ihnen gesetzt ist. Und zwar<lb n="22"/>müssen beyde im Absoluten gesetzt werden, welches Recht käme dem einen vor<lb n="23"/>dem andern zu? Nicht nur das gleiche Recht, sondern die gleiche Nothwendigkeit<lb n="24"/>findet bey beyden statt; denn würde nur Eines aufs Absolute bezogen, das andere<lb n="25"/>nicht, so wäre ihr Wesen ungleich gesetzt, und die Vereinigung beyder, also die<lb n="26"/>Aufgabe der Philosophie, die Entzweyung aufzuheben, unmöglich. Fichte hat nur<lb n="27"/>Eins der Entgegengesetzten ins Absolute, oder es als das Absolute gesetzt; das Recht<lb n="28"/>und die Nothwendigkeit liegt ihm im Selbstbewußtseyn, denn nur dieß ist ein sich<lb n="29"/>selbstsetzen, ein Subjekt = Objekt; und dieß Selbstbewußtseyn wird nicht erst auf<lb n="30"/>das Absolute, als ein Höheres bezogen, sondern es ist selbst das Absolute, die absolute<lb n="31"/>Identität; sein höhers Recht, als das Absolute gesetzt zu werden, besteht eben darinn,<lb n="32"/>daß es sich selbst setzt; das Objekt hingegen nicht, welches allein durchs Bewußtseyn<lb n="33"/>gesetzt ist. Daß aber diese Stellung des Objekts nur eine zufällige ist, erhellt aus der<lb n="34"/>Zufälligkeit des SubjektsObjekts, insofern es als Selbstbewußtseyn gesetzt ist; denn<lb n="35"/>dieß Subjektobjekt ist selbst ein bedingtes; sein Standpunkt ist darum nicht der<lb n="36"/>höchste, es ist die Vernunft in einer beschränkten Form gesetzt; und nur vom Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>punkt dieser beschränkten Form aus erscheint das Objekt als ein nicht sich selbst</p>
<pb n="65" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=70" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="126–129"/>
<fw type="header" place="top">VERGLEICHUNG SCHELLINGS MIT FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>bestimmendes, als ein absolut bestimmtes. Es müssen daher beyde in das Absolute<lb n="2"/>oder das Absolute in beyden Formen gesetzt werden, und zugleich beyde als ge<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>trennte bestehen; das Subjekt ist hiemit subjektives Subjektobjekt, – das Objekt,<lb n="4"/>objektives Subjektobjekt; und weil nunmehr, da eine Zweyheit gesetzt ist, jedes der<lb n="5"/>entgegengesetzten ein sich selbst entgegengesetztes ist, und die Theilung ins Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>liche geht, so ist jeder Theil des Subjekts, und jeder Theil des Objekts selbst im<lb n="7"/>Absoluten, eine Identität des Subjekts und Objekts; jedes Erkennen eine Wahrheit,<lb n="8"/>so wie jeder Staub eine Organisation.</p>
<p><lb n="9"/>Nur indem das Objekt selbst ein Subjektobjekt ist, ist Ich = Ich das Absolute;<lb n="10"/>Ich = Ich verwandelt sich nur dann nicht in: Ich soll gleich Ich seyn, wenn das<lb n="11"/>Objektive Ich selbst Subjekt = Objekt ist.</p>
<p><lb n="12"/>Indem das Subjekt sowohl als das Objekt, ein Subjekt-Objekt sind, ist die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gegensetzung des Subjekts und Objekts eine reelle Entgegensetzung, denn beyde<lb n="14"/>sind im Absoluten gesetzt, und haben dadurch Realität. Die Realität entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesetzter, und reelle Entgegensetzung findet allein durch die Identität beyder statt.¹<lb n="16"/>Ist Objekt ein absolutes Objekt, so ist es ein bloß ideelles, so wie die Entgegensetzung<lb n="17"/>eine bloß ideelle; dadurch daß das Objekt nur ein ideales, und nicht im Absoluten ist,<lb n="18"/>wird auch das Subjekt, ein bloß ideelles; und solche ideale Faktoren sind Ich, als sich<lb n="19"/>selbst setzen, und NichtIch, als sich entgegensetzen; es hilft nichts, daß Ich, lauter<lb n="20"/>Leben und Agilität, das Thun und Handeln selbst ist, das allerrealste, unmittelbarste<lb n="21"/>im Bewußtseyn eines jeden; so wie es dem Objekt absolut entgegengesetzt wird, ist<lb n="22"/>es kein reales, sondern ein nur gedachtes, ein reines Produkt der Reflexion, eine blosse<lb n="23"/>Form des Erkennens. Und aus blossen Reflexionsprodukten kann sich die Identität<lb n="24"/>nicht als Totalität konstruiren, denn sie entstehen durch Abstraktion von der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>soluten Identität, die sich gegen sie unmittelbar nur vernichtend, nicht construirend<lb n="26"/>verhalten kann. Eben solche Reflexions-Produkte sind, Unendlichkeit und Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>keit, Unbestimmtheit und Bestimmtheit u.s.w. vom Unendlichen gibt es keinen<lb n="28"/>Übergang zum Endlichen, vom Unbestimmten keinen Übergang zum Bestimmten;<lb n="29"/>der Übergang, als die Synthese wird eine Antinomie; eine Synthese des Endlichen<lb n="30"/>und Unendlichen, des Bestimmten und Unbestimmten aber kann die Reflexion, das</p>
<note xml:id="fn-65-1" n="¹"><lb n="31"/><seg type="marke">¹ </seg>Plato drükt die reelle Entgegensetzung durch die absolute Identität so aus: das wahrhaft<lb n="32"/>schöne Band ist das, welches sich selbst und die verbundnen Eins macht. Denn wenn von irgend<lb n="33"/>drey Zahlen, oder Massen, oder Kräften, das Mittlere, was das Erste für dasselbe ist, eben das<lb n="34"/>für das Letzte ist; und umgekehrt was das Letzte für das Mittlere ist, das Mittlere eben dieß für<lb n="35"/>das Erste ist; – und dann das Mittlere, zum Ersten und Letzten geworden, das Erste und Letzte<lb n="36"/>aber umgekehrt, beydes zum Mittlern geworden sind, so werden sie nothwendig alle dasselbe<lb n="37"/>seyn; die aber dasselbe gegeneinander sind, sind alle Eins.</note>
<pb n="66" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=71" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="129–130"/>
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<p><lb n="1"/>absolute Trennen, nicht zu Stande kommen lassen, und sie ist es, die hier das Gesetz<lb n="2"/>gibt; sie hat das Recht nur eine formale Einheit geltend zu machen, weil die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zweyung in Unendliches und Endliches, welche ihr Werk ist, verstattet und auf<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>genommen wurde; die Vernunft aber synthesirt sie in der Antinomie und vernichtet<lb n="5"/>sie dadurch. Wenn eine ideelle Entgegensetzung Werk der Reflexion ist, die von der<lb n="6"/>absoluten Identität ganz abstrahirt, so ist dagegen eine reelle Entgegensetzung, Werk<lb n="7"/>der Vernunft, welche die entgegengesetzten nicht bloß in der Form des Erkennens,<lb n="8"/>sondern auch in der Form des Seyns, Identität und Nichtidentität identisch setzt; und<lb n="9"/>eine solche reelle Entgegensetzung allein ist die, in welcher Subjekt und Objekt, beyde<lb n="10"/>als Subjektobjekt gesetzt werden, beyde im Absoluten bestehend, in beyden das<lb n="11"/>Absolute, also in beyden Realität. Deßwegen ist auch nur in der reellen Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>setzung das Princip der Identität ein reelles Princip; ist die Entgegensetzung ideell<lb n="13"/>und absolut, so bleibt die Identität ein bloß formales Princip, sie ist nur in Einer der<lb n="14"/>entgegengesetzten Formen gesetzt, und kann sich nicht als Subjektobjekt geltend<lb n="15"/>machen; die Philosophie, deren Princip ein formales ist, wird selbst eine formelle<lb n="16"/>Philosophie, wie denn Fichte auch irgendwo sagt, daß fürs Selbstbewußtseyn Gottes,<lb n="17"/>– ein Bewußtseyn, in welchem durch das Gesetztseyn des Ich alles gesetzt wäre, – sein<lb n="18"/>System nur formale Richtigkeit hätte. Wenn hingegen die Materie, das Objekt,<lb n="19"/>selbst ein Subjektobjekt ist, so kann die Trennung der Form und Materie wegfallen,<lb n="20"/>und das System, so wie sein Princip ist nicht mehr ein bloß formales, sondern for<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>males und materiales zugleich; es ist durch die absolute Vernunft alles gesetzt. Nur<lb n="22"/>in realer Entgegensetzung kann das Absolute sich in der Form des Subjekts oder<lb n="23"/>Objekts setzen; das Subjekt in Objekt, oder Objekt in Subjekt dem Wesen nach<lb n="24"/>übergehen, – das Subjekt sich selbst objektiv werden, weil es ursprünglich objektiv,<lb n="25"/>oder weil das Objekt selbst Subjektobjekt ist; oder das Objekt subjektiv werden, weil<lb n="26"/>es nur ursprünglich Subjektobjekt ist. Hierinn besteht allein die wahre Identität, daß<lb n="27"/>beyde ein Subjektobjekt sind, und zugleich die wahre Entgegensetzung, deren sie<lb n="28"/>fähig sind. Sind nicht beyde Subjektobjekt, so ist die Entgegensetzung ideell, und das<lb n="29"/>Princip der Identität formal. Bei einer formalen Identität, und einer ideellen Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gegensetzung ist keine andere als unvollständige Synthese möglich, d. h. die Identität,<lb n="31"/>insofern sie die Entgegengesetzten synthesirt, ist selbst nur ein Quantum, und die<lb n="32"/>Differenz ist qualitativ; nach Art der Kategorieen, bey welchen die erste z. B. Realität<lb n="33"/>in der dritten, wie die zweyte, nur quantitativ gesetzt ist. Umgekehrt aber wenn die<lb n="34"/>Entgegensetzung reell ist, ist sie nur quantitativ, das Princip ist ideell und reell zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gleich, es ist die einzige Qualität, und das Absolute, das sich aus der quantitativen<lb n="36"/>Differenz rekonstruirt, ist kein Quantum, sondern Totalität.</p>
<pb n="67" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=72" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="131–133"/>
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<p><lb n="1"/>Um die wahre Identität des Subjekts und Objekts zu setzen, werden beyde als<lb n="2"/>Subjektobjekt gesetzt; und jedes für sich ist nunmehr fähig, der Gegenstand einer<lb n="3"/>besondern Wissenschaft zu seyn. Jede dieser Wissenschaften fodert Abstraktion von<lb n="4"/>dem Princip der andern; im System der Intelligenz sind die Objekte nichts an sich,<lb n="5"/>die Natur hat nur ein Bestehen im Bewußtseyn; es wird davon abstrahirt, daß das<lb n="6"/>Objekt eine Natur und die Intelligenz, als Bewußtseyn dadurch bedingt ist; – im<lb n="7"/>System der Natur wird vergessen, daß die Natur ein gewußtes ist, die idealen<lb n="8"/>Bestimmungen, welche die Natur in der Wissenschaft erhält, sind zugleich in ihr<lb n="9"/>immanent. Die gegenseitige Abstraktion, ist aber nicht eine Einseitigkeit der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schaften, nicht eine subjektive Abstraktion, vom reellen Princip der andern; welche<lb n="11"/>zum Behuf des Wissens gemacht würde, und auf einem höhern Standpunkt insofern<lb n="12"/>verschwände; daß an sich betrachtet, die Objekte des Bewußtseyns, die im Idealismus<lb n="13"/>nichts sind, als Produkte des Bewußtseyns, doch etwas absolut anders wären, und ein<lb n="14"/>absolutes Bestehen ausser dem Wesen des Bewußtseyns hätten; – und dagegen die<lb n="15"/>Natur, welche in ihrer Wissenschaft als sich selbst bestimmend, und in sich selbst<lb n="16"/>ideell gesetzt wird, an sich betrachtet, nur Objekt, und alle Identität, die die Vernunft<lb n="17"/>in ihr erkennt, nur eine ihr vom Wissen geliehene Form wäre. Es wird nicht vom<lb n="18"/>innern Princip, sondern nur von der eigenthümlichen Form der andern Wissenschaft<lb n="19"/>abstrahirt, um jede rein d. h. die innere Identität beyder zu erhalten; und die<lb n="20"/>Abstraktion vom eigenthümlichen der andern, ist eine Abstraktion von der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seitigkeit. Natur und Selbstbewußtseyn sind <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> so, wie sie in der eigenen<lb n="22"/>Wissenschaft einer jeden von der Spekulation gesetzt werden; sie sind deßwegen so<lb n="23"/>an sich selbst, weil es die Vernunft ist, die sie setzt, und die Vernunft setzt sie als<lb n="24"/>Subjektobjekt, also als das Absolute; und das einzige An sich ist das Absolute; sie<lb n="25"/>setzt sie als Subjektobjekt, weil sie es selbst ist, die sich als Natur, und als Intelligenz<lb n="26"/>producirt, und sich in ihnen erkennt.</p>
<p><lb n="27"/>Um der wahren Identität willen, in welche Subjekt und Objekt gesetzt, nemlich<lb n="28"/>indem beyde Subjektobjekt sind, und weil ihre Entgegensetzung daher eine reelle,<lb n="29"/>also eins ins andere überzugehen fähig ist, ist der verschiedene Standpunkt beyder<lb n="30"/>Wissenschaften kein widersprechender. Wäre Subjekt und Objekt, absolut ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gegengesetzt, nur Eins das Subjektobjekt, dann könnten die beyden Wissenschaften<lb n="32"/>nicht nebeneinander in gleicher Würde bestehen; nur der Eine Standpunkt würde<lb n="33"/>der vernünftige seyn. Beyde Wissenschaften sind ganz allein dadurch möglich, daß<lb n="34"/>in beyden Ein und ebendasselbe in den nothwendigen Formen seiner Existenz kon<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>struirt wird. Beyde Wissenschaften scheinen sich zu widersprechen, weil in jeder das<lb n="36"/>Absolute in einer entgegengesetzten Form gesetzt ist; ihr Widerspruch hebt sich aber<lb n="37"/>nicht dadurch auf, daß nur Eine derselben als die einzige Wissenschaft behauptet,</p>
<pb n="68" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=73" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="133–135"/>
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<p><lb n="1"/>und von ihrem Standpunkt aus die andere vernichtet wird; der höhere Standpunkt,<lb n="2"/>der die Einseitigkeit beyder Wissenschaften in Wahrheit aufhebt, ist derjenige, der<lb n="3"/>in beyden ebendasselbe Absolute erkennt. Die Wissenschaft vom subjektiven Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>jektobjekt hat bisher Transcendental-Philosophie geheissen; die vom objektiven Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>jektobjekt, Naturphilosophie. Insofern sie einander entgegengesetzt sind, ist in jener<lb n="6"/>das Subjektive das Erste, in dieser das Objektive. In beyden ist das Subjektive und<lb n="7"/>Objektive ins Substantialitäts-Verhältniß gesetzt; in der Transcendental-Philosophie<lb n="8"/>ist das Subjekt, als Intelligenz, die absolute Substanz, und die Natur ist Objekt, ein<lb n="9"/>Accidenz; – in der Naturphilosophie ist die Natur die absolute Substanz, und das<lb n="10"/>Subjekt, die Intelligenz nur ein Accidenz. Der höhere Standpunkt ist nun weder ein<lb n="11"/>solcher, in welchem die eine, oder die andere Wissenschaft aufgehoben, und ent<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>weder nur das Subjekt oder nur das Objekt als absolutes behauptet wird, noch auch<lb n="13"/>ein solcher, in welchem beyde Wissenschaften vermengt werden.</p>
<p><lb n="14"/>Was das Vermengen betrift, so gibt das der Naturwissenschaft angehörige in das<lb n="15"/>System der Intelligenz gemischt, die transcendenten Hypothesen, die durch einen<lb n="16"/>falschen Schein der Vereinigung des Bewußtseyns und des Bewußtlosen blendend<lb n="17"/>werden können; sie geben sich für natürlich aus, und überfliegen auch wirklich das<lb n="18"/>palpable nicht; wie die Fiberntheorie des Bewußtseyns; – dagegen gibt das intelli<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gente als solches, in die Naturlehre gemischt, die hyperphysischen, besonders teleo<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>logischen Erklärungen. Beyde Misgriffe des Vermengens gehen von der Tendenz des<lb n="21"/>Erklärens aus, zu dessen Behuf Intelligenz und Natur ins Kausalitätsverhältniß, das<lb n="22"/>Eine als Grund, das andere als Begründetes gesetzt werden, wodurch aber nur die<lb n="23"/>Entgegensetzung als absolut fixirt, und durch den Schein einer solchen formalen<lb n="24"/>Identität, wie die Kausalidentität ist, der Weg zur absoluten Vereinigung völlig<lb n="25"/>abgeschnitten wird.</p>
<p><lb n="26"/>Der andere Standpunkt, wodurch das widersprechende beyder Wissenschaften<lb n="27"/>sollte aufgehoben werden, wäre derjenige, welcher eine oder die andere Wissenschaft<lb n="28"/>nicht als eine Wissenschaft des Absoluten gelten läßt. Der Dualismus kann der<lb n="29"/>Wissenschaft der Intelligenz sehr gut folgen, und die Dinge doch noch als eigene<lb n="30"/>Wesen gelten lassen; er kann zu diesem Behuf die Naturwissenschaft, als ein solches<lb n="31"/>System vom eigenen Wesen der Dinge nehmen; jede gälte ihm soviel sie will; sie<lb n="32"/>haben friedlich nebeneinander Platz; aber damit würde das Wesen beyder Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>schaften, Wissenschaften des Absoluten zu seyn übersehen, denn das Absolute ist<lb n="34"/>kein Nebeneinander.</p>
<p><lb n="35"/>Oder es gibt noch einen Standpunkt, auf welchem die eine oder die andere<lb n="36"/>Wissenschaft nicht als eine Wissenschaft des Absoluten gälte, nemlich derjenige,</p>
<pb n="69" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=74" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="135–137"/>
<fw type="header" place="top">VERGLEICHUNG SCHELLINGS MIT FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>auf welchem das Princip der einen als im Absoluten, oder das Absolute in der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>scheinung dieses Princips gesetzt aufgehoben würde. Der merkwürdigste Standpunkt<lb n="3"/>ist in dieser Rücksicht der Standpunkt des gewöhnlich so genannten transcendentalen<lb n="4"/>Idealismus; es wurde behauptet, daß diese Wissenschaft des subjektiven Subjekt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>objekts selbst eine der integrirenden Wissenschaften der Philosophie, aber auch nur<lb n="6"/>die Eine ist. Es ist die Einseitigkeit dieser Wissenschaft, wenn sie sich als die Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schaft κατ’ ἐξοχην, behauptet, und die Gestalt, welche die Natur von ihr aus hat,<lb n="8"/>aufgezeigt worden. Hier kommt noch die Form in Betrachtung, welche die Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schaft der Natur erhält, wenn sie von diesem Standpunkt aus erbaut wird.</p>
<p><lb n="10"/>Kant anerkennt eine Natur, indem er das Objekt als ein (durch den Verstand) un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bestimmtes setzt; und stellt die Natur als ein Subjektobjekt dar, indem er das Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>produkt als Naturzwek betrachtet, zwekmäßig ohne Zwekbegriff, nothwendig ohne<lb n="13"/>Mechanismus, Begriff und Seyn identisch. Zugleich aber soll diese Ansicht der Natur<lb n="14"/>nur teleologisch, d. h. nur als Maxime unseres eingeschränkten, discursivdenkenden,<lb n="15"/>menschlichen Verstandes gelten, in dessen allgemeinen Begriffen die besondern Er<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>scheinungen der Natur nicht enthalten seyen; durch diese <hi rendition="#g">menschliche</hi> Betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>tungsart soll über die Realität der Natur nichts ausgesagt seyn; die Betrachtungsart<lb n="18"/>bleibt also ein durchaus subjektives, und die Natur ein rein objektives, ein bloß<lb n="19"/>gedachtes. Die Synthese der durch den Verstand bestimmten und zugleich unbestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ten Natur in einem sinnlichen Verstand soll zwar eine blosse Idee bleiben, es soll <hi rendition="#g">für</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> zwar unmöglich seyn, daß die Erklärung auf dem Wege des<lb n="22"/>Mechanismus mit der Zweckmässigkeit zusammentreffe; diese höchst untergeord<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>neten und unvernünftigen kritischen Ansichten erheben sich, wenn sie gleich mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>liche und absolute Vernunft einander schlechthin entgegensetzen, doch zur <hi rendition="#g">Idee</hi><lb n="25"/>eines sinnlichen Verstandes d. h. der Vernunft; es soll doch <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, das hieße in<lb n="26"/>der Vernunft nicht unmöglich seyn, daß Naturmechanismus und Naturzwek<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>mässigkeit zusammentreffen. Kant hat aber den Unterschied eines <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">mög</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">reellen</hi> nicht fallen lassen, noch die nothwendige höchste Idee<lb n="29"/>eines sinnlichen Verstands zur Realität erhoben, und deßwegen ist ihm in seiner<lb n="30"/>Naturwissenschaft theils überhaupt die Einsicht in die Möglichkeit der Grundkräfte<lb n="31"/>ein unmögliches, theils kann eine solche Naturwissenschaft, für welche die Natur<lb n="32"/>eine Materie, d. i. absolut entgegengesetztes, sich nicht selbst bestimmendes, nur eine<lb n="33"/>Mechanik konstruiren; mit der Armuth von Anzieh- und Zurükstoßungskräften, hat<lb n="34"/>sie die Materie schon zu reich gemacht; denn die Kraft ist ein inneres, das ein äusseres<lb n="35"/>producirt, ein sich selbst setzen, = Ich, und ein solches kann vom rein idealistischen<lb n="36"/>Standpunkt aus, der Materie nicht zukommen; er begreift die Materie bloß als das</p>
<pb n="70" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=75" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="137–139"/>
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<p><lb n="1"/>objektive, das dem Ich entgegengesetzte; jene Kräfte sind für ihn nicht nur über<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>flüssig, sondern entweder reinideell, und dann sind es keine Kräfte; oder transcendent.<lb n="3"/>Es bleibt für ihn keine dynamische sondern nur eine mathematische Konstruktion der<lb n="4"/>Erscheinungen. Die Durchführung der Erscheinungen, die gegeben seyn müssen,<lb n="5"/>durch die Kategorieen, kann wohl mancherlei richtige Begriffe, aber für die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>scheinungen keine Nothwendigkeit geben und die Kette der Nothwendigkeit ist das<lb n="7"/>Formale des Wissenschaftlichen der Konstruktion; die Begriffe bleiben ein der Natur,<lb n="8"/>so wie die Natur ein den Begriffen Zufälliges; richtig konstruirte Synthesen durch<lb n="9"/>Kategorieen hätten darum nicht nothwendig ihre Belege in der Natur selbst; die<lb n="10"/>Natur kann nur mannichfaltige Spiele darbieten, welche als zufällige Schemate für<lb n="11"/>Verstandes-Gesetze gelten könnten; Beispiele, deren eigenthümliches und lebendiges<lb n="12"/>gerade insofern wegfiele, als die Reflexions-Bestimmungen allein in ihnen erkannt<lb n="13"/>werden; umgekehrt sind die Kategorieen nur dürftige Schemate der Natur.</p>
<p><lb n="14"/>Wenn die Natur nur Materie, nicht Subjekt-Objekt ist, bleibt keine solche wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schaftliche Konstruktion derselben möglich, für welche Erkennendes und Erkanntes<lb n="16"/>Eins seyn muß; eine Vernunft, welche sich durch absolute Entgegensetzung gegen das<lb n="17"/>Objekt, zur Reflexion gemacht hat, kann a priori von der Natur, nur durch Deduk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tion, mehr aussagen, als ihren allgemeinen Charakter der Materie; dieser bleibt zu<lb n="19"/>Grunde liegen, die Mannigfaltigen weitern Bestimmungen sind für und durch die<lb n="20"/>Reflexion gesetzt; eine solche Deduktion hat Schein einer Aprioritaet daher, daß sie<lb n="21"/>das Reflexions-Produkt, den Begriff, als ein objektives setzt; weil sie weiter nichts<lb n="22"/>setzt, bleibt sie freylich immanent. Eine solche Deduktion ist ihrem Wesen nach<lb n="23"/>dasselbe mit jener Ansicht, die in der Natur nur äussere Zwekmässigkeit anerkennt;<lb n="24"/>der Unterschied ist allein, daß jene systematischer von einem bestimmten Punkte,<lb n="25"/>z. B. dem Leib des Vernunftwesens ausgeht; in beyden ist die Natur ein absolut von<lb n="26"/>dem Begriff, einem ihr fremden, bestimmtes. Die teleologische Ansicht, welche die<lb n="27"/>Natur nur nach äussern Zwekken bestimmt, anerkennt, hat in Rüksicht der Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ständigkeit einen Vorzug, da sie die Mannigfaltigkeit der Natur, wie sie empirisch<lb n="29"/>gegeben ist, aufnimmt; die Deduktion der Natur hingegen, die von einem bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ten Punkt ausgeht, und wegen der Unvollständigkeit desselben, noch weiteres postu<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lirt, – worinn dieß deduciren besteht – ist mit dem postulirten unmittelbar befriedigt,<lb n="32"/>welches unmittelbar so viel leisten soll, als der Begriff fodert; ob ein wirkliches<lb n="33"/>Objekt der Natur das gefoderte allein zu leisten vermöge, geht sie nichts an, und sie<lb n="34"/>kann dieß nur durch Erfahrung finden; findet sich das unmittelbar postulirte Objekt<lb n="35"/>in der Natur nicht hinreichend, so wird ein anderes deducirt u.s.f. bis der Zwek sich<lb n="36"/>erfüllt findet. Die Ordnung dieser deducirten Objekte hängt von den bestimmten<lb n="37"/>Zweken ab, von denen ausgegangen wird; und nur soweit, als sie in Rüksicht auf</p>
<pb n="71" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=76" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="139–141"/>
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<p><lb n="1"/>diesen Zwek eine Beziehung haben, haben sie Zusammenhang unter sich. Eigentlich<lb n="2"/>aber sind sie keines innern Zusammenhangs fähig; denn wenn das Objekt, das un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mittelbar deducirt wurde, in der Erfahrung für unzureichend zu dem Begriff, der<lb n="4"/>erfüllt werden soll, gefunden wird, so ist durch ein solches einziges Objekt, weil es<lb n="5"/>äusserlich unendlich bestimmbar ist, die Zerstreuung in die Unendlichkeit auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gethan, eine Zerstreuung, die etwa nur dadurch vermieden würde, daß die Deduk<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tion ihre mannigfaltigen Punkte zu einem Kreise drehte, in dessen innern Mittelpunkt<lb n="8"/>sie aber sich zu stellen nicht fähig ist, weil sie von Anfang an im äussern ist; für den<lb n="9"/>Begriff ist das Objekt, für das Objekt der Begriff ein Äusseres.</p>
<p><lb n="10"/>Keine der beyden Wissenschaften kann sich also als die einzige konstituiren; keine<lb n="11"/>die andere aufheben; das Absolute würde hierdurch nur in Einer Form seiner Exi<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stenz gesetzt; und so wie es in der Form der Existenz sich setzt, muß es sich in einer<lb n="13"/>Zweyheit der Form setzen; denn Erscheinen und sich entzweyen ist Eins.</p>
<p><lb n="14"/>Wegen der innern Identität beyder Wissenschaften, da beyde das Absolute dar<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stellen, wie es sich aus den niedrigen Potenzen Einer Form der Erscheinung zur<lb n="16"/>Totalität in dieser Form gebiert, ist jede Wissenschaft ihrem Zusammenhange, und<lb n="17"/>ihrer Stufenfolge nach der andern gleich; eine ist ein Beleg der andern; wie ein<lb n="18"/>älterer Philosoph davon ungefähr so gesprochen hat: die Ordnung und der Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sammenhang der Ideen (des subjektiven) ist derselbe, als der Zusammenhang und die<lb n="20"/>Ordnung der Dinge (des objektiven); alles ist nur in Einer Totalität; die objektive<lb n="21"/>Totalität und die subjektive Totalität, das System der Natur und das System der<lb n="22"/>Intelligenz ist eines und ebendasselbe; einer subjektiven Bestimmtheit korrespondirt<lb n="23"/>ebendieselbe objektive Bestimmtheit.</p>
<p><lb n="24"/>Als Wissenschaften sind sie objektive Totalitäten, und gehen von beschränktem<lb n="25"/>zu beschränktem fort; jedes beschränkte ist aber selbst im Absoluten, also innerlich<lb n="26"/>ein unbeschränktes; seine äussere Beschränkung verliert es dadurch, daß es im syste<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>matischen Zusammenhange in der objektiven Totalität gesetzt ist; in dieser hat es<lb n="28"/>auch als ein beschränktes Wahrheit, und Bestimmung seiner Stelle ist das Wissen von<lb n="29"/>ihm. – Zu Jakobi’s Ausdruk, daß die Systeme ein organisirtes Nichtwissen seyen,<lb n="30"/>muß nur hinzugefügt werden, daß das Nichtwissen, – das Erkennen Einzelner – da<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>durch, daß es organisirt wird, ein Wissen wird.</p>
<p><lb n="32"/>Ausser der äussern Gleichheit, insofern diese Wissenschaften abgesondert stehen,<lb n="33"/>durchdringen ihre Principien sich zugleich nothwendig unmittelbar. Wenn das<lb n="34"/>Princip der einen das subjektive Subjektobjekt, das andere das objektive Subjekt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>objekt ist, so ist ja im System der Subjektivität zugleich das Objektive, im System<lb n="36"/>der Objektivität zugleich das Subjektive; die Natur so gut eine immanente Idealität,<lb n="37"/>als die Intelligenz eine immanente Realität; beyde Pole des Erkennens und des Seyns</p>
<pb n="72" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=77" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="141–143"/>
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<p><lb n="1"/>sind in jedem, beyde haben also auch den Indifferenzpunkt in sich; nur ist in dem<lb n="2"/>einen System der Pol des ideellen, in dem andern der Pol des reellen überwiegend;<lb n="3"/>jener kommt in der Natur nicht bis zum Punkt der absoluten Abstraktion, die sich<lb n="4"/>gegen die unendliche Expansion als Punkt in sich selbst setzt, wie das ideelle sich in<lb n="5"/>der Vernunft konstruirt; dieser kommt in der Intelligenz nicht bis zur Einwiklung<lb n="6"/>des Unendlichen, das in dieser Kontraktion sich unendlich ausser sich setzt, wie das<lb n="7"/>reelle sich in der Materie konstruirt.</p>
<p><lb n="8"/>Jedes System ist ein System der <hi rendition="#g">Freyheit</hi> und der <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> zugleich.<lb n="9"/>Freyheit und Nothwendigkeit sind ideelle Faktoren, also nicht in reeller Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>setzung; das Absolute kann sich daher in keiner von beyden Formen, als Absolutes<lb n="11"/>setzen; und die Wissenschaften der Philosophie können nicht, die eine ein System<lb n="12"/>der Freyheit, die andere ein System der Nothwendigkeit seyn. Eine solche getrennte<lb n="13"/>Freyheit wäre eine formale Freyheit, so wie eine getrennte Nothwendigkeit eine<lb n="14"/>formale Nothwendigkeit. Freyheit ist Charakter des Absoluten, wenn es gesetzt<lb n="15"/>wird, als ein Inneres, das, insofern es sich in eine beschränkte Form, in bestimmte<lb n="16"/>Punkte der objektiven Totalität setzt, bleibt, was es ist, ein nicht beschränktes; wenn<lb n="17"/>es also in Entgegensetzung mit seinem Seyn, d. h. als inneres betrachtet wird, dem<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nach mit der Möglichkeit es zu verlassen, und in eine andere Erscheinung über<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>zugehen. Nothwendigkeit ist Charakter des Absoluten, insofern es betrachtet wird,<lb n="20"/>als ein Äusseres, als eine Objektive Totalität, also als ein Aussereinander, dessen Thei<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>len aber kein Seyn zukommt, ausser in dem Ganzen der Objektivität. Weil Intelligenz<lb n="22"/>sowohl, als die Natur, dadurch daß sie im Absoluten gesetzt sind, eine reelle Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gegensetzung haben, kommen die ideellen Faktoren der Freyheit und Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>keit einer jeden zu. Aber der Schein der Freyheit, die Willkühr, d. h. eine Freyheit,<lb n="25"/>in welcher ganz von der Nothwendigkeit, oder von der Freyheit als einer Totalität<lb n="26"/>abstrahirt würde, – was nur geschehen kann, insofern die Freyheit schon innerhalb<lb n="27"/>einer einzelnen Sphäre gesetzt ist; – so wie der, der Willkühr für die Nothwendigkeit<lb n="28"/>entsprechende Zufall, mit welchem einzelne Theile gesetzt sind, als ob sie nicht in der<lb n="29"/>objektiven Totalität, und durch sie allein, sondern für sich wären, – Willkühr und<lb n="30"/>Zufall, die nur auf untergeordnetern Standpunkten Raum haben, sind aus dem<lb n="31"/>Begriff der Wissenschaften des Absoluten verbannt. Hingegen Nothwendigkeit ge<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>hört der Intelligenz an wie der Natur; denn da die Intelligenz im Absoluten gesetzt<lb n="33"/>ist, so kommt ihr gleichfalls die Form des Seyns zu; sie muß sich entzweyen, und<lb n="34"/>erscheinen; sie ist eine vollendete Organisation von Erkennen und Anschauen; jede<lb n="35"/>ihrer Gestalten ist durch entgegengesetzte bedingt, und wenn die abstrakte Identität<lb n="36"/>der Gestalten als Freyheit, von den Gestalten selbst isolirt wird, so ist sie nur Ein<lb n="37"/>ideeller Pol des Indifferenzpunktes der Intelligenz, der eine objektive Totalität als den</p>
<pb n="73" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=78" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="143–145"/>
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<p><lb n="1"/>andern immanenten Pol hat. Die Natur dagegen hat Freyheit, denn sie ist nicht ein<lb n="2"/>ruhendes Seyn, sondern zugleich ein Werden; ein Seyn, das nicht von aussen ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zweyt und synthesirt wird, sondern sich in sich selbst trennt, und vereint, und in<lb n="4"/>keiner ihrer Gestalten sich als ein bloß beschränktes, sondern als das Ganze, frey setzt;<lb n="5"/>ihre bewußtlose Entwiklung ist eine Reflexion der lebendigen Kraft, die sich endlos<lb n="6"/>entzweyt, aber in jeder beschränkten Gestalt sich selbst setzt, und identisch ist; und<lb n="7"/>insofern ist keine Gestalt der Natur beschränkt, sondern frey. – Wenn daher die<lb n="8"/>Wissenschaft der Natur, überhaupt der <hi rendition="#g">theoretische</hi> <hi rendition="#g">Theil</hi>, die Wissenschaft der<lb n="9"/>Intelligenz der <hi rendition="#g">praktische</hi> <hi rendition="#g">Theil</hi> der Philosophie ist, so hat zugleich jede wieder<lb n="10"/>für sich einen eigenen theoretischen und praktischen Theil. Wie in dem System der<lb n="11"/>Natur die Identität, in der Potenz des Lichts, der schweren Materie nicht an sich,<lb n="12"/>sondern als Potenz ein fremdes ist, das sie zur Kohäsion entzweyt, und einet, und ein<lb n="13"/>System der anorganischen Natur producirt; so ist für die in objektiven Anschauungen<lb n="14"/>sich producirende Intelligenz, die Identität in der Potenz des sich selbst Setzens ein<lb n="15"/>nicht vorhandenes, die Identität erkennt nicht sich selbst in der Anschauung, beydes<lb n="16"/>ist ein nicht auf ihr Handeln reflektirendes Produciren der Identität; also Gegenstand<lb n="17"/>eines theoretischen Theils. Ebenso hingegen, wie im Willen die Intelligenz sich er<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kennt, und sich als sich selbst in die Objektivität hineinsetzt, ihre bewußtlos produ<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>cirten Anschauungen vernichtet, so wird die Natur in der organischen Natur prak<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tisch, indem das Licht zu seinem Produkt tritt, und ein Innres wird. Wenn es in der<lb n="21"/>anorganischen Natur den Kontraktions-Punkt nach aussen in die Kristallisation als<lb n="22"/>eine äussere Idealität setzt; so bildet das Licht in der organischen Natur sich als Innres<lb n="23"/>zur Kontraktion des Gehirns, schon in der Pflanze als Blume, in welcher das innre<lb n="24"/>LichtPrincip in Farben sich zerstreut, und in ihnen schnell hinwelkt; aber in ihr, so<lb n="25"/>wie fester im Thier setzt es sich durch die Polarität der Geschlechter, subjektiv und<lb n="26"/>objektiv zugleich; das Individuum sucht und findet sich selbst in einem andern.<lb n="27"/>Intensiver im Innern bleibt das Licht im Thier, in welchem es als mehr oder weniger<lb n="28"/>veränderliche Stimme – seine Individualität als ein subjektives in allgemeiner Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>theilung, sich erkennend und anzuerkennend setzt. Indem die Natur-Wissenschaft<lb n="30"/>die Identität wie sie die Momente der anorganischen Natur von innen heraus <hi rendition="#g">re</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">konstruirt</hi> darstellt, hat sie in sich einen praktischen Theil; der rekonstruirte, prak<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tische Magnetismus ist die Aufhebung der nach aussen sich in Pole expandirenden<lb n="33"/>Schwerkraft, ihre Rekontraktion in den Punkt der Indifferenz des Gehirns, und ihr<lb n="34"/>Versetzen der zwey Pole nach innen, als zweyer Indifferenzpunkte, wie sie die Natur<lb n="35"/>auch in den elliptischen Bahnen der Planeten aufstellt; die von innen rekonstruirte<lb n="36"/>Elektricität setzt die GeschlechterDifferenz der Organisationen, deren jede durch sich</p>
<pb n="74" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=79" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="145–147"/>
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<p><lb n="1"/>selbst die Differenz producirt, um ihres Mangels willen sich ideell setzt, in einer<lb n="2"/>andern sich objektiv findet, und die Identität durch Zusammenfliessen mit ihr sich<lb n="3"/>geben muß; – die Natur, insofern sie durch chemischen Proceß praktisch wird, hat<lb n="4"/>das Dritte, die differenten vermittelnde, in sie selbst als ein Innres zurük gelegt,<lb n="5"/>welches als Ton, ein inneres sich selbst producirendes Klingen, – wie der dritte Körper<lb n="6"/>des anorganischen Processes, ein potenzloses ist, und vergeht, die absolute Substan<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tialität der differenten Wesen auslöscht, und sie zur Indifferenz des gegenseitigen sich<lb n="8"/>Anerkennens bringt, eines idealen Setzens, das nicht wieder, wie das Geschlechts<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>verhältniß in einer reellen Identität erstirbt.</p>
<p><lb n="10"/>Wir haben bisher beyde Wissenschaften bey ihrer innern Identität einander ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gegengesetzt; in der einen ist das Absolute ein subjektives, in der Form des Erkennens,<lb n="12"/>in der andern ein objektives in der Form des Seyns. Seyn und Erkennen werden da<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>durch ideelle Faktoren, oder Formen, daß sie einander entgegengesetzt sind; in<lb n="14"/>beyden Wissenschaften ist beydes, aber in der einen ist Erkennen die Materie, und<lb n="15"/>Seyn die Form; in der andern ist Seyn die Materie, Erkennen die Form. Weil das<lb n="16"/>Absolute in beyden dasselbe ist, und die Wissenschaften nicht bloß die entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gesetzten, als Formen, sondern insofern das Subjektobjekt sich in ihnen setzt, darstellt,<lb n="18"/>so sind die Wissenschaften selbst, nicht in ideeller sondern in reeller Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>setzung, und deßwegen müssen sie zugleich in Einer Kontinuität, als Eine zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>hängende Wissenschaft betrachtet werden. Insofern sie sich entgegengesetzt sind,<lb n="21"/>sind sie zwar innerlich in sich beschlossen, und Totalitäten; aber zugleich nur relative,<lb n="22"/>und als solche streben sie nach dem Indifferenzpunkt; als Identität und als relative<lb n="23"/>Totalität liegt er überall in ihnen selbst; als absolute Totalität ausser ihnen. Insofern<lb n="24"/>aber beyde, Wissenschaften des Absoluten, und ihre Entgegensetzung eine reelle ist,<lb n="25"/>hängen sie als Pole der Indifferenz in dieser selbst zusammen, sie selbst sind die<lb n="26"/>Linien, welche den Pol mit dem Mittelpunkt verknüpfen. Aber dieser Mittelpunkt<lb n="27"/>ist selbst ein gedoppelter, einmal Identität, das andremal Totalität, und insofern er<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>scheinen beyde Wissenschaften als der Fortgang der Entwiklung oder Selbstkon<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>struktion der Identität zur Totalität. Der Indifferenzpunkt, nach welchem die beyden<lb n="30"/>Wissenschaften, insofern sie von Seiten ihrer ideellen Faktoren betrachtet entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gesetzt sind, streben, ist das Ganze, als eine Selbstkonstruktion des Absoluten vor<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gestellt, das letzte und höchste derselben. Das Mittlere, der Punkt des Übergangs von<lb n="33"/>der sich als Natur konstruirenden Identität, zu ihrer Konstruktion als Intelligenz,<lb n="34"/>ist das innerlich werden des Lichts der Natur; der wie Schelling sagt, einschlagende<lb n="35"/>Blitz des ideellen in das reelle, und sein sich selbst konstituiren als Punkt. Dieser</p>
<pb n="75" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=80" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="147–149"/>
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<p><lb n="1"/>Punkt, als Vernunft der Wendepunkt beyder Wissenschaften ist die höchste Spitze<lb n="2"/>der Pyramide der Natur, ihr letztes Produkt, bey dem sie, sich vollendend, an<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>kömmt; aber als Punkt muß er sich gleichfalls in eine Natur expandiren. Wenn die<lb n="4"/>Wissenschaft in ihn als Mittelpunkt sich gestellt, und von ihm sich in zwei Theile<lb n="5"/>getheilt hat, und der einen Seite das bewußtlose Produciren, der andern das bewußte<lb n="6"/>anweißt, so weiß sie zugleich, daß die Intelligenz als ein reeller Faktor, zugleich die<lb n="7"/>ganze Selbstkonstruktion der Natur auf der andern Seite, mit sich herübernimmt,<lb n="8"/>und das vorhergehende, oder ihr zur Seite stehende in sich hat, so wie daß in der<lb n="9"/>Natur als einem reellen Faktor, das in der Wissenschaft ihr entgegenstehende, gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>falls immanent ist; und hiemit ist alle Idealität der Faktoren, und ihre einseitige<lb n="11"/>Form aufgehoben; dieß ist der einzige höhere Standpunkt, auf welchem beyde<lb n="12"/>Wissenschaften ineinander verlohren sind, indem ihre Trennung, nur als ein wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schaftliches und die Idealität der Faktoren, nur als ein zu diesem Behuf gesetztes<lb n="14"/>anerkannt ist. Diese Ansicht ist unmittelbar nur negativ, nur die Aufhebung der<lb n="15"/>Trennung beyder Wissenschaften, und der Formen, in welchen sich das Absolute<lb n="16"/>gesetzt hat, nicht eine reelle Synthese, nicht der absolute Indifferenzpunkt, in wel<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>chem diese Formen dadurch vernichtet sind, daß sie vereinigt beyde bestehen. Die<lb n="18"/>ursprüngliche Identität, welche ihre bewußtlose Kontraktion – subjektiv, des Füh<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lens, – objektiv der Materie, in das endlos organisirte Neben- und Nacheinander des<lb n="20"/>Raums und der Zeit, in objektive Totalität ausbreitete, und dieser Expansion die<lb n="21"/>durch Vernichtung derselben sich konstituirende Kontraktion in den sich erkennenden<lb n="22"/>Punkt (subjektiver) Vernunft, – die subjektive Totalität entgegensetzte, muß beydes<lb n="23"/>vereinigen in die Anschauung des sich selbst in vollendeter Totalität objektiv wer<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>denden Absoluten, – in die Anschauung der ewigen Menschwerdung Gottes, des<lb n="25"/>Zeugens des Worts vom Anfang.</p>
<p><lb n="26"/>Diese Anschauung des sich selbst gestaltenden, oder sich objektiv findenden<lb n="27"/>Absoluten kann gleichfalls wieder in einer Polarität betrachtet werden, insofern die<lb n="28"/>Faktoren dieses Gleichgewichts, auf einer Seite das Bewußtseyn, auf der andern das<lb n="29"/>Bewußtlose überwiegend gesetzt wird. Jene Anschauung erscheint in der <hi rendition="#g">Kunst</hi><lb n="30"/>mehr in einen Punkt koncentrirt und das Bewußtseyn niederschlagend – entweder in<lb n="31"/>der eigentlich sogenannten Kunst, als Werk, das als objektiv theils daurend ist, theils<lb n="32"/>mit Verstand als ein todtes äusseres genommen werden kann, ein Produkt des<lb n="33"/>Individuums, des Genies, aber der Menschheit angehörend – oder in der Religion,<lb n="34"/>als ein lebendiges Bewegen, das als subjektiv, nur Momente erfüllend, vom Verstand<lb n="35"/>als ein bloß innres gesetzt werden kann; das Produkt einer Menge, einer allgemeinen<lb n="36"/>Genialität, aber auch jedem einzelen angehörend. In der <hi rendition="#g">Spekulation</hi> erscheint<lb n="37"/>jene Anschauung mehr als Bewußtseyn, und im Bewußtseyn ausgebreitetes, als ein<lb n="38"/>Thun subjektiver Vernunft, welche die Objektivität und das Bewußtlose aufhebt.<lb n="39"/>Wenn der Kunst in ihrem wahren Umfang, das Absolute mehr in der Form des</p>
<pb n="76" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=81" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="149–151"/>
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<p><lb n="1"/>absoluten Seyns erscheint, so erscheint es der Spekulation mehr als ein in seiner un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>endlichen Anschauung sich selbst erzeugendes; aber indem sie es zwar als ein Werden<lb n="3"/>begreift, setzt sie zugleich die Identität des Werdens und Seyns, und das als sich er<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zeugend ihr erscheinende wird zugleich als das ursprüngliche absolute Seyn gesetzt, das<lb n="5"/>nur werden kann, insofern es ist; sie weiß sich auf diese Art das Übergewicht, welches<lb n="6"/>das Bewußtseyn in ihr hat, selbst zu nehmen; ein Übergewicht, das ohnehin ein ausser<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wesentliches ist; beydes, Kunst und Spekulation sind in ihrem Wesen der Gottesdienst;<lb n="8"/>beydes ein lebendiges Anschauen des absoluten Lebens, und somit ein Einsseyn mit ihm.</p>
<p><lb n="9"/>Die Spekulation und ihr Wissen ist somit im Indifferenzpunkt; aber nicht an und<lb n="10"/>für sich im wahren Indifferenzpunkt; ob sie sich darin befinde, hängt davon ab, ob<lb n="11"/>sie sich nur als Eine Seite desselben erkennt; die Transcendental-Philosophie ist Eine<lb n="12"/>Wissenschaft des Absoluten; denn das Subjekt ist selbst Subjektobjekt, und insofern<lb n="13"/>Vernunft; setzt sie sich als diese subjektive Vernunft als das Absolute, so ist sie eine<lb n="14"/>reine d. h. formale Vernunft, deren Produkte, Ideen, einer Sinnlichkeit oder Natur<lb n="15"/>absolut entgegengesetzt sind, und den Erscheinungen nur als die Regel einer ihnen<lb n="16"/>fremden Einheit dienen können. Indem das Absolute in die Form eines Subjekts<lb n="17"/>gesetzt ist, hat diese Wissenschaft eine immanente Gränze; sie erhebt sich allein da<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>durch zur Wissenschaft des Absoluten, und in den absoluten Indifferenzpunkt, daß<lb n="19"/>sie ihre Gränze kennt, und sich und dieselbe aufzuheben weiß, und zwar wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schaftlich – denn es ist wohl ehmals viel von den Gränzpfählen der menschlichen<lb n="21"/>Vernunft gesprochen worden, und auch der transcendentale Idealismus anerkennt<lb n="22"/>unbegreifliche Schranken des Selbstbewußtseyns, in die wir einmal eingeschlossen<lb n="23"/>sind; aber indem die Schranken dort für Gränzpfähle der Vernunft, hier für unbegreif<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lich ausgegeben werden, erkennt die Wissenschaft ihr Unvermögen, sich durch sich<lb n="25"/>selbst, das heißt nicht durch einen salto mortale aufzuheben, oder von dem subjek<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tiven, worein sie die Vernunft gesetzt hat, wieder zu abstrahiren.</p>
<p><lb n="27"/>Weil die Transcendental-Philosophie, ihr Subjekt als ein Subjektobjekt setzt, und<lb n="28"/>hiemit eine Seite des absoluten Indifferenzpunktes ist, so ist allerdings die Totalität in<lb n="29"/>ihr, die gesammte Naturphilosophie selbst fällt als ein Wissen innerhalb ihrer Sphäre;<lb n="30"/>und es kann der Wissenschaft des Wissens, – die nur einen Theil der Transcendental-<lb n="31" break="no"/>Philosophie ausmachen würde, – nicht verwehrt werden, so wenig als der Logik,<lb n="32"/>auf die Form, die sie zum Wissen gibt, und auf die Identität, die im Wissen ist,<lb n="33"/>Anspruch zu machen, oder vielmehr, die Form als Bewußtseyn zu isoliren, und die<lb n="34"/>Erscheinung für sich zu konstruiren. Aber diese Identität, von allem mannichfaltigen<lb n="35"/>des Wissens abgesondert, als reines Selbstbewußtseyn, zeigt sich als eine relative<lb n="36"/>darinn, daß sie aus ihrem Bedingtseyn durch ein Entgegengesetztes, in keiner ihrer<lb n="37"/>Formen herauskommt.</p>
<p><lb n="38"/>Das absolute Princip, der einzige Realgrund, und feste Standpunkt der Philosophie<lb n="39"/>ist, sowohl in Fichte’s, als in Schellings Philosophie, die intellektuelle Anschauung; –</p>
<pb n="77" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=82" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="151–153"/>
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<p><lb n="1"/>für die Reflexion ausgedrükt, Identität des Subjekts und Objekts. Sie wird in der<lb n="2"/>Wissenschaft Gegenstand der Reflexion; und darum ist die philosophische Reflexion<lb n="3"/>selbst transcendentale Anschauung, sie macht sich selbst zum Objekt, und ist eins<lb n="4"/>mit ihm; hiedurch ist sie Spekulation; Fichte’s Philosophie ist deßwegen ächtes<lb n="5"/>Produkt der Spekulation. Die philosophische Reflexion ist bedingt, oder die tran<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>scendentale Anschauung kommt ins Bewußtseyn durch freye Abstraktion von aller<lb n="7"/>Mannichfaltigkeit des empirischen Bewußtseyns, und insofern ist sie ein subjektives;<lb n="8"/>macht die philosophische Reflexion sich insofern selbst zum Gegenstand, so macht sie<lb n="9"/>ein bedingtes zum Princip ihrer Philosophie; um die transcendentale Anschauung<lb n="10"/>rein zu fassen, muß sie noch von diesem subjektiven abstrahiren, daß sie ihr als<lb n="11"/>Grundlage der Philosophie weder subjektiv noch objektiv sey, weder Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn, der Materie entgegengesetzt, noch Materie entgegengesetzt dem Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bewußtseyn, sondern absolute, weder subjektive, noch objektive Identität, reine<lb n="14"/>transcendentale Anschauung. Als Gegenstand der Reflexion wird sie Subjekt und<lb n="15"/>Objekt; diese Produkte der reinen Reflexion setzt die philosophische Reflexion, in<lb n="16"/>ihrer bleibenden Entgegensetzung, ins Absolute; die Entgegensetzung der speku<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lativen Reflexion ist nicht mehr ein Objekt und ein Subjekt, sondern eine sub<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>jektive transcendentale Anschauung, und eine objektive transcendentale Anschauung;<lb n="19"/>jene Ich, diese Natur, beydes die höchsten Erscheinungen der absoluten sich selbst<lb n="20"/>anschauenden Vernunft. Daß diese beyden entgegengesetzten, sie heißen nun Ich<lb n="21"/>und Natur, reines und empirisches Selbstbewußtseyn, Erkennen und Seyn, sich selbst<lb n="22"/>setzen und entgegensetzen, Endlichkeit und Unendlichkeit – zugleich in dem Abso<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>luten gesetzt werden, in dieser Antinomie erblikt die gemeine Reflexion nichts als<lb n="24"/>den Widerspruch, nur die Vernunft in diesem absoluten Widerspruche die Wahrheit,<lb n="25"/>durch welchen beydes gesetzt und beydes vernichtet ist, weder beyde, und beyde<lb n="26"/>zugleich sind.</p>
<space/>
<p><lb n="27"/>Es ist noch übrig theils etwas von <hi rendition="#g">Reinholds</hi> <hi rendition="#g">Ansicht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Fichte’schen</hi> und<lb n="28"/><hi rendition="#g">Schellingschen</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, theils von seiner eigenen zu sprechen.</p>
<p><lb n="29"/>Was <hi rendition="#g">jene</hi> <hi rendition="#g">Ansicht</hi> betrifft, so hat Reinhold fürs erste die Differenz beyder als<lb n="30"/>Systeme übersehen, und sie fürs andere nicht als Philosophieen genommen.</p>
<p><lb n="31"/>Reinhold scheint nicht geahnet zu haben, daß seit Jahr und Tag eine andere Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sophie vor dem Publikum liegt als reiner transcendentaler Idealismus; er erblikt<lb n="33"/>wunderbarer Weise in der Philosophie, wie sie Schelling aufgestellt hat, nichts als ein<lb n="34"/>Princip, des begreiflichen der Subjektivität, die Ichheit. Reinhold vermag in Einer<lb n="35"/>Verbindung zu sagen, Schelling habe die Entdekkung gemacht, daß das Absolute,<lb n="36"/>inwieferne dasselbe nicht bloße Subjektivität ist, nichts weiter sey, und seyn könne,</p>
<pb n="78" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=83" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="153–155"/>
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<p><lb n="1"/>als die bloße Objektivität, oder die bloße Natur als solche; und der <hi rendition="#g">Weg</hi> <hi rendition="#g">hiezu</hi><lb n="2"/>sey, das Absolute in die absolute Identität der Intelligenz und der Natur zu setzen; –<lb n="3"/>also in Einem Zug das Schelling’sche Princip so vorzustellen: a) das Absolute in<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>wiefern es nicht bloße Subjektivität ist, sey es bloße Objektivität, also nicht die<lb n="5"/>Identität beyder, und b) das Absolute sey die Identität beyder; umgekehrt mußte das<lb n="6"/>Princip der Identität, des Subjekts und Objekts, der Weg werden, um einzusehen,<lb n="7"/>daß das Absolute, als Identität weder bloße Subjektivität, noch bloße Objektivität<lb n="8"/>sey; richtig stellt nachher Reinhold das Verhältniß der beyden Wissenschaften so vor,<lb n="9"/>daß beyde nur verschiedene Ansichten von einer und ebenderselben – <hi rendition="#g">Sache</hi> frei<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lich nicht, von der absoluten Dieselbigkeit, von dem Alleins seyen; und eben deß<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wegen ist weder das Princip der einen, noch das Princip der andern blosse Subjek<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tivität noch blosse Objektivität, noch weniger das worin sich beyde allein durch<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>dringen, die reine Ichheit, welches wie die Natur im absoluten Indifferenzpunkt ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schlungen wird.</p>
<p><lb n="15"/>Wer, meint Reinhold, durch Liebe und Glauben an Wahrheit, und nicht durch<lb n="16"/>System eingenommen ist, werde sich leicht überzeugen, daß der Fehler dieser be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schriebenen Auflösung in der Art und Weise der Fassung der Aufgabe liegt – aber<lb n="18"/>worin der Fehler der Reinholdischen Beschreibungen von dem, was nach Schelling<lb n="19"/>Philosophie ist, liegt, und wie diese Art und Weise sie zu fassen möglich war, dar<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>über ist nicht so leicht Aufschluß zu finden.</p>
<p><lb n="21"/>Es kann nichts helfen, auf die Einleitung des transcendentalen Idealismus selbst, in<lb n="22"/>welcher sein Verhältniß zum Ganzen der Philosophie und der Begriff dieses Ganzen<lb n="23"/>der Philosophie aufgestellt ist, zu verweisen, denn in seinen Beurtheilungen desselben,<lb n="24"/>schränkt Reinhold sich selbst auf diese ein, und sieht das Gegentheil darin, von dem was<lb n="25"/>darin ist; ebenso wenig kann auf einzelne Stellen derselben aufmerksam gemacht wer<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>den, worin der wahre Gesichtspunkt aufs bestimmteste ausgesprochen wird; denn die<lb n="27"/>bestimmtesten Stellen führt R. in seiner ersten Beurtheilung dieses Systems selbst<lb n="28"/>an, – welche enthalten, daß nur <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einen</hi> nothwendigen Grundwissenschaft<lb n="29"/>der Philosophie, im transcendentalen Idealismus, das Subjektive das <hi rendition="#g">Erste</hi> sey; nicht,<lb n="30"/>wie in Reinhold die Sache unmittelbar sich verkehrt stellt, das Erste der ganzen<lb n="31"/>Philosophie, noch als rein subjektives auch nur Princip des transcendentalen Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mus, sondern als subjektives <hi rendition="#g">Subjekt-Objekt</hi>.</p>
<p><lb n="33"/>Für diejenigen, die fähig sind, aus bestimmten Ausdrükken nicht das Gegentheil<lb n="34"/>derselben zu vernehmen, ist es vielleicht nicht überflüssig, ausser der Einleitung zum<lb n="35"/>System des transcendentalen Idealismus selbst, und ohnehin den neuern Stükken der<lb n="36"/>Zeitschrift für spekulative Physik, schon auf das zweyte Stük des ersten Bandes der-</p>
<pb n="79" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=84" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="155–157"/>
<fw type="header" place="top">REINHOLD</fw>
<p><lb n="1"/>selben aufmerksam zu machen, worin sich Schelling so ausdrükt: <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">philosophie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">physikalische</hi> <hi rendition="#g">Erklärung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi>; – <hi rendition="#g">die</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Ferne</hi> <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Anlage</hi> <hi rendition="#g">gemacht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Höhe</hi>, <hi rendition="#g">welche</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi> <hi rendition="#g">erreicht</hi>. – <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Philosoph</hi> <hi rendition="#g">übersieht</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi> <hi rendition="#g">nur</hi>, <hi rendition="#g">weil</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Objekt</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Akt</hi> <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> – <hi rendition="#g">als</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">aufnimmt</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Physiker</hi> <hi rendition="#g">kommt</hi> <hi rendition="#g">hinter</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Täuschung</hi>. <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Idealist</hi> <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">Recht</hi>, <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi> <hi rendition="#g">zum</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">Selbstschöpfer</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">allem</hi> <hi rendition="#g">macht</hi>, <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">eigne</hi> <hi rendition="#g">Intention</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">eben</hi> <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Intention</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">ist</hi> – <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">jener</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">Erklärbares</hi>, – <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">damit</hi> <hi rendition="#g">fällt</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">theoretische</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi> <hi rendition="#g">zusammen</hi>. – <hi rendition="#g">Wenn</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Men</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">schen</hi> <hi rendition="#g">erst</hi> <hi rendition="#g">lernen</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>, <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">theoretisch</hi>, BLOSS OBJEKTIV OHNE ALLE<lb n="13"/>EINMISCHUNG VON SUBJEKTIVEM <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">denken</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi> <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">stehen</hi> <hi rendition="#g">lernen</hi>.</p>
<p><lb n="15"/>Wenn Reinhold das Hauptgebrechen der bisherigen Philosophie darein setzt, daß<lb n="16"/>man bisher das Denken unter dem Charakter einer blos subjektiven Thätigkeit vor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gestellt hat, und fodert, den Versuch zu machen, von der Subjektivität desselben zu<lb n="18"/>abstrahiren, so ist, wie es nicht nur in dem Angeführten, sondern im Princip des<lb n="19"/>ganzen Schellingschen Systems liegt, die Abstraktion vom subjektiven der tran<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>scendentalen Anschauung der formelle Grundcharakter dieser Philosophie; der noch<lb n="21"/>bestimmter, Zeitschr. der spekulat. Physik II. B. 1. St. zur Sprache gekommen ist,<lb n="22"/>bey Gelegenheit der Eschenmayerschen <hi rendition="#g">Einwürfe</hi> <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Naturphilo</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">sophie</hi>, die aus <hi rendition="#g">Gründen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">transcendentalen</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi> <hi rendition="#g">genommen</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">sind</hi>, in welchem die Totalität nur als eine Idee, ein Gedanke d. i. ein subjektives<lb n="25"/>gesetzt wird.</p>
<p><lb n="26"/>Was die <hi rendition="#g">Reinholdische</hi> <hi rendition="#g">Ansicht</hi> der <hi rendition="#g">gemeinschaftlichen</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> <hi rendition="#g">beyder</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">Systeme</hi> betrift, spekulative Philosophieen zu seyn, so erscheinen sie dem eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>thümlichen Standpunkt Reinholds nothwendig, als Eigenthümlichkeiten, und dem<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>nach nicht als Philosophieen. Wenn es nach Reinhold das wesentlichste Geschäfte,<lb n="30"/>Thema und Princip der Philosophie ist, die Realität der Erkenntniß durch Analysis<lb n="31"/>d. h. durch Trennen zu begründen, so hat die Spekulation, deren höchste Aufgabe<lb n="32"/>ist, die Trennung in der Identität des Subjekts und Objekts aufzuheben, freylich gar<lb n="33"/>keine Bedeutung und die wesentlichste Seite eines philosophischen Systems, Speku<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lation zu seyn, kann alsdenn nicht in Betracht kommen; es bleibt nichts als eine<lb n="35"/>eigenthümliche Ansicht, und stärkere oder schwächere Geistesverirrung. So erscheint<lb n="36"/>z. B. Reinholden auch der Materialismus, nur von der Seite einer Geistesverirrung,<lb n="37"/>die Deutschland nicht einheimisch sey, und er erkennt darin nichts von dem ächten</p>
<pb n="80" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=85" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="157–159"/>
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<p><lb n="1"/>philosophischen Bedürfniß, die Entzweyung in der Form von Geist und Materie auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>zuheben. Wenn die westliche Lokalität der Bildung, aus der dieß System hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gegangen ist, es aus einem Lande entfernt hält, so ist die Frage, ob diese Entfernung<lb n="4"/>nicht aus einer entgegengesetzten Einseitigkeit der Bildung herstammt; und wenn<lb n="5"/>sein wissenschaftlicher Werth auch ganz gering wäre, so ist zugleich nicht zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kennen, daß z. B. im Systeme de la Nature sich ein an seiner Zeit irregewordener<lb n="7"/>und sich in der Wissenschaft reproducirender Geist ausspricht, und wie der Gram,<lb n="8"/>über den allgemeinen Betrug seiner Zeit, über die bodenlose Zerrüttung der Natur,<lb n="9"/>über die unendliche Lüge, die sich Wahrheit und Recht nannte, wie der Gram hier<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>über, der durch das Ganze weht, Kraft genug übrig behält, um das aus der Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nung des Lebens entflohene Absolute sich als Wahrheit mit ächt philosophischem<lb n="12"/>Bedürfniß und wahrer Spekulation in einer Wissenschaft zu konstruiren, deren Form<lb n="13"/>in dem lokalen Princip des Objektiven erscheint, so wie die deutsche Bildung da<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegen sich in die Form des Subjektiven – worunter auch Liebe und Glauben gehört –<lb n="15"/>häufig ohne Spekulation einnistet. – Weil die analytische Seite, da sie auf absoluter<lb n="16"/>Entgegensetzung beruht, an einer Philosophie gerade ihre philosophische Seite, die<lb n="17"/>auf absolute Vereinigung geht, übersehen muß, so kommt es ihr am allersonder<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>barsten vor, daß Schelling, wie sich Reinhold ausdrükt, die Verbindung des End<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichen und Unendlichen in die Philosophie eingeführt habe – als ob philosophiren<lb n="20"/>etwas anders wäre, als das Endliche in das Unendliche setzen; – mit andern Worten es<lb n="21"/>kommt ihr am sonderbarsten vor, daß in die Philosophie das Philosophiren ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>geführt werden soll.</p>
<p><lb n="23"/>Eben so übersieht Reinhold, im Fichte’schen und Schellingschen System, nicht nur<lb n="24"/>die spekulative, philosophische Seite überhaupt, sondern er hält es für eine wichtige<lb n="25"/>Entdekkung und Offenbahrung, wenn ihm die Principien dieser Philosophie sich in<lb n="26"/>das allerpartikulärste verwandeln, und das allgemeinste, die Identität des Subjekts und<lb n="27"/>Objekts sich für ihn in das besonderste, nemlich die eigene, individuelle Individualität<lb n="28"/>der Herren, Fichte und Schelling verwandelt. Wenn Reinhold so vom Berge seines<lb n="29"/>beschränkten Princips und seiner eigenthümlichen Ansicht in den Abgrund der be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schränkten Ansicht dieser Systeme herunterfällt; so ist dieß begreiflich und noth<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendig; aber zufällig und gehässig ist die Wendung, wenn Reinhold vorläufig im<lb n="32"/>deutschen Merkur, und weitläuffiger im nächsten Heft der Beyträge¹, die Parti<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>kularität dieser Systeme aus der Unsittlichkeit erklären wird, und zwar so, daß die<lb n="34"/>Unsittlichkeit in diesen Systemen die Form eines Princips, und der Philosophie<lb n="35"/>erhalten hätte. Man kann eine solche Wendung eine Erbärmlichkeit, einen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>behelf der Erbitterung, u.s.w. wie man will, nennen und schimpfen; denn so was ist<lb n="37"/>vogelfrey. Allerdings geht eine Philosophie aus ihrem Zeitalter, und wenn man seine</p>
<note xml:id="fn-80-1" n="¹"><lb n="38"/><seg type="marke">¹ </seg>Was, seit dieß geschrieben, geschehen ist.</note>
<pb n="81" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=86" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="159–161"/>
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<p><lb n="1"/>Zerrissenheit als eine Unsittlichkeit begreiffen will, aus der Unsittlichkeit hervor;<lb n="2"/>aber um gegen die Zerrüttung des Zeitalters den Menschen aus sich wiederher<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zustellen, und die Totalität, welche die Zeit zerrissen hat, zu erhalten.</p>
<p><lb n="4"/>Was die <hi rendition="#g">eigene</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">Reinholds</hi> betrift, so gibt er eine öffentliche<lb n="5"/>Geschichte davon, daß er im Verlauf seiner philosophischen Metempsychose zuerst<lb n="6"/>in die Kantische gewandert, nach Ablegung derselben in die Fichte’sche, von dieser<lb n="7"/>in die Jakobische und seit er auch sie verlassen habe, in Bardili’s Logik eingezogen<lb n="8"/>sey; nachdem er nach S. 163. der Beitr. »seine Beschäftigung mit derselben aufs reine<lb n="9"/>Lernen, lautere Empfangen, und <hi rendition="#g">Nach</hi>denken im eigentlichsten Verstande ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>geschränkt, um die verwöhnte Einbildungskraft unterzukriegen, und die alten<lb n="11"/>transcendentalen Typen endlich durch die neuen rationalistischen aus dem Kopfe zu<lb n="12"/>verdrängen« – so beginnt er nunmehr die Bearbeitung derselben in den Beiträgen<lb n="13"/>zur leichtern Übersicht des Zustands der Philosophie beym Anfange des 19. Jahr<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>hunderts. Diese Beyträge ergreiffen die in dem Fortgang der Bildung des mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichen Geistes so wichtige Epoche des Anbruchs eines neuen Jahrhunderts, diesem<lb n="16"/>»Glük zu wünschen, daß die Veranlassung aller philosophischen Revolutionen – nicht<lb n="17"/>früher und nicht später als im vorletzten Jahre des 18. Jahrhunderts, wirklich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>dekt, und damit in der Sache selbst aufgehoben worden ist.« Wie: la révolution est<lb n="19"/>finie, zu sehr häuffigen Mahlen in Frankreich dekretirt worden ist, so hat auch Rein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>hold schon mehrere Enden der philosophischen Revolution angekündigt, jezt er<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>kennt er die letzte Beendigung der Beendigungen, obschon die schlimmen Folgen<lb n="22"/>der transcendentalen »Revolution noch eine geraume Zeit fortdauern werden;« fügt<lb n="23"/>auch die Frage hinzu, »ob er sich auch izt wieder täusche? – ob gleichwohl auch dieß<lb n="24"/>wahre und eigentliche Ende – etwa wieder nur der Anfang einer neuen krummen<lb n="25"/>Wendung seyn dürfte?« Vielmehr müßte die Frage gemacht werden, ob dieß Ende,<lb n="26"/>so wenig es fähig ist, ein Ende zu seyn, fähig sey der Anfang von irgend Etwas<lb n="27"/>zu seyn?</p>
<p><lb n="28"/>Die Begründungs- und Ergründungs-Tendenz, das Philosophiren vor der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sophie, hat nehmlich endlich sich vollkommen auszusprechen gewußt; sie hat genau<lb n="30"/>gefunden, um was es zu thun war; es ist die Verwandlung der Philosophie ins For<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>male des Erkennens, in Logik.</p>
<p><lb n="32"/>Wenn die Philosophie als Ganzes sich, und die Realität der Erkenntnisse, ihrer<lb n="33"/>Form und ihrem Inhalt nach, in sich selbst begründet, so kommt dagegen das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gründen und Ergründen in seinem Gedränge des Bewährens und Analysirens, und<lb n="35"/>des weil und inwiefern, und dann und insoferne – weder aus sich heraus, noch in die</p>
<pb n="82" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=87" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="161–163"/>
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<p><lb n="1"/>Philosophie hinein; für die haltungslose Ängstlichkeit, die sich in ihrer Geschäftigkeit<lb n="2"/>immer nur vermehrt, kommen alle Untersuchungen zu bald, und jeder Anfang ist<lb n="3"/>ein Vorgreifen, so wie jede Philosophie nur eine Vorübung. Die Wissenschaft be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>hauptet, sich in sich dadurch zu begründen, daß sie jeden ihrer Theile absolut setzt,<lb n="5"/>und hierdurch in dem Anfang und in jedem einzelnen Punkt eine Identität und ein<lb n="6"/>Wissen konstituirt; als objektive Totalität begründet das Wissen – sich zugleich<lb n="7"/>immer mehr, je mehr es sich bildet, und seine Theile sind nur gleichzeitig mit diesem<lb n="8"/>Ganzen der Erkenntnisse begründet; Mittelpunkt und Krais sind so auf einander<lb n="9"/>bezogen, daß der erste Anfang des Kraises schon eine Beziehung auf den Mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>punkt ist, und dieser ist nicht ein vollständiger Mittelpunkt, wenn nicht alle seine<lb n="11"/>Beziehungen, der ganze Krais, vollendet sind; ein Ganzes, das so wenig einer beson<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>dern Handhabe des Begründens bedarf, als die Erde, einer besondern Handhabe,<lb n="13"/>um von der Kraft, die sie um die Sonne führt, und zugleich in der ganzen lebendigen<lb n="14"/>Mannichfaltigkeit ihrer Gestalten hält, gefaßt zu werden.</p>
<p><lb n="15"/>Aber das Begründen giebt sich damit ab, immer die Handhabe zu suchen, und<lb n="16"/>einen Anlauf an die lebendige Philosophie hin zu nehmen; es macht dieß Anlaufen<lb n="17"/>zum wahren Werk; und durch sein Princip macht es sich unmöglich, zum Wissen<lb n="18"/>und zur Philosophie zu gelangen. Die logische Erkenntniß, wenn sie wirklich bis zur<lb n="19"/>Vernunft fortgeht, muß auf das Resultat geführt werden, daß sie in der Vernunft sich<lb n="20"/>vernichtet, sie muß als ihr oberstes Gesetz, die Antinomie erkennen. Im Reinholdi<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schen Thema, der Anwendung des Denkens, wird das Denken als die unendliche<lb n="22"/>Wiederhohlbarkeit des A als A in A und durch A, – zwar auch antinomisch, indem<lb n="23"/>A in der Anwendung der That nach als B gesetzt wird. Aber diese Antinomie ist<lb n="24"/>ganz bewußtlos und unanerkannt vorhanden, denn das Denken, seine Anwendung,<lb n="25"/>und sein Stoff stehen friedlich nebeneinander. Darum ist das Denken als Vermögen<lb n="26"/>der abstrakten Einheit, so wie die Erkenntniß blos formal und die ganze Begründung<lb n="27"/>soll nur problematisch und hypothetisch seyn, bis man mit der Zeit im Fortgang des<lb n="28"/>problematischen und hypothetischen auf das Urwahre am Wahren, und auf das<lb n="29"/>Wahre durchs Urwahre, stößt. Aber theils ist dieß unmöglich, denn aus einer ab<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>soluten Formalität ist zu keiner Materialität zu kommen; beyde sind absolut ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gegengesetzt; noch weniger zu einer absoluten Synthese, die mehr seyn muß als ein<lb n="32"/>blosses Fügen; – theils ist mit einem hypothetischen und problematischen überhaupt<lb n="33"/>gar nichts begründet. Oder aber die Erkenntniß wird aufs Absolute bezogen, sie wird<lb n="34"/>eine Identität des Subjekts und Objekts, des Denkens und des Stoffs; so ist sie nicht<lb n="35"/>mehr formal, es ist ein leidiges Wissen entstanden, und das Begründen vor dem</p>
<pb n="83" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=88" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="163–165"/>
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<p><lb n="1"/>Wissen wieder verfehlt worden. Der Angst, ins Wissen hineinzugerathen, bleibt<lb n="2"/>nichts übrig, als an ihrer Liebe und ihrem Glauben, und ihrer zielenden fixen Tendenz<lb n="3"/>mit Analysiren, Methodisiren und Erzählen sich zu erwärmen.</p>
<p><lb n="4"/>Wenn das Anlaufen nicht über den Graben hinüber kommt, so wird der Fehler<lb n="5"/>nicht auf das Perenniren dieses Anlaufens, sondern auf die Methode desselben gescho<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ben. Die wahre Methode aber wäre die, wodurch das Wissen schon diesseits des<lb n="7"/>Grabens in den Spielraum des Anlauffens selber, herüber gezogen, und die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sophie auf die Logik reducirt wird.</p>
<p><lb n="9"/>Wir können nicht sogleich zur Betrachtung dieser Methode, wodurch die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sophie in den Bezirk des Anlaufens versetzt werden soll, übergehen, sondern müssen<lb n="11"/>zuerst von denjenigen <hi rendition="#g">Voraussetzungen</hi>, welche Reinhold <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi><lb n="12"/>für nothwendig erachtet, also von dem Anlauffen zu dem Anlauffen sprechen.</p>
<p><lb n="13"/>Als <hi rendition="#g">vorhergehende</hi> <hi rendition="#g">Bedingung</hi> des Philosophirens, wovon das Bestreben, die<lb n="14"/>Erkenntniß zu ergründen, ausgehen muß, nennt Reinhold, die <hi rendition="#g">Liebe</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Wahr</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> und zur Gewißheit; und weil dieß bald und leicht genug anerkannt werde, so<lb n="16"/>hält sich Reinhold auch nicht weiter damit auf. Und in der That kann das Objekt der<lb n="17"/>philosophischen Reflexion nichts anders als das Wahre und Gewisse seyn; wenn nun<lb n="18"/>das Bewußtseyn mit diesem Objekt erfüllt ist, so hat eine Reflexion auf das subjektive,<lb n="19"/>in Form einer Liebe, keinen Platz darinn; diese Reflexion macht erst die Liebe, indem<lb n="20"/>sie das subjektive fixirt, und zwar macht sie sie, die einen so erhabenen Gegenstand<lb n="21"/>hat, als die Wahrheit ist, – wie nicht weniger das Individuum, das, von solcher Liebe<lb n="22"/>beseelt, sie postulirt, zu etwas höchst erhabenem.</p>
<p><lb n="23"/>Die zweyte wesentliche Bedingung des Philosophirens, der <hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">Wahr</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> als Wahrheit, denkt Reinhold, werde nicht so leicht anerkannt, als die Liebe.<lb n="25"/>Glauben hätte wohl hinreichend ausgedrückt was ausgedrükt werden soll; in Bezug<lb n="26"/>auf Philosophie könnte etwa von dem Glauben an Vernunft, als der ächten Gesund<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>heit gesprochen werden; die Überflüssigkeit des Ausdruks: Glauben an Wahrheit als<lb n="28"/>Wahrheit, bringt, statt ihn erbaulicher zu machen, etwas schiefes hinein. Die Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sache ist, daß Reinhold mit Ernst erklärt: <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">solle</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">fragen</hi>, <hi rendition="#g">was</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>? <hi rendition="#g">wem</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">klar</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>,<lb n="31"/><hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">kennt</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bedürfniß</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi>, denselben im Wissen bewährt zu finden,<lb n="32"/>das nur von diesem Glauben ausgehen kann; er versteht sich in jener Frage selbst<lb n="33"/>nicht, und Reinhold hat <hi rendition="#g">Ihm</hi> <hi rendition="#g">denn</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">weiter</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">sagen</hi>.</p>
<p><lb n="34"/>Wenn Reinhold sich berechtigt glaubt, zu postuliren – so findet sich ebenso die<lb n="35"/>Voraussetzung, eines über allen Beweis erhabenen, und das daraus folgende Recht<lb n="36"/>und Nothwendigkeit des Postulirens in dem Postulate der transcendentalen An<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schauung. Fichte und Schelling haben denn doch, wie Reinhold selbst sagt, das</p>
<pb n="84" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=89" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="165–167"/>
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<p><lb n="1"/>eigentliche Thun der reinen Vernunft, die transcendentale Anschauung als ein in sich<lb n="2"/>zurükgehendes Handeln beschrieben; aber Reinhold hat dem, den die Frage, nach<lb n="3"/>einer Beschreibung des Reinholdischen Glaubens ankommen könnte, gar nichts zu<lb n="4"/>sagen; – doch thut er mehr, als er verbunden zu seyn glaubt; er bestimmt den Glauben<lb n="5"/>wenigstens durch den Gegensatz gegen das Wissen, als ein durch kein Wissen fest<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stehendes Fürwahrhalten; und die Bestimmung dessen, was Wissen ist, wird sich im<lb n="7"/>Verfolg der problematischen und hypothetischen Begründung, so wie die gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schaftliche Sphäre des Wissens und des Glaubens auch ausweisen, und also die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schreibung sich vollständig machen.</p>
<p><lb n="10"/>Wenn Reinhold sich durch ein Postulat alles Weiter-sagens überhoben zu seyn<lb n="11"/>glaubt, so scheint es ihm dagegen sonderbar vorzukommen, daß die Herren Fichte<lb n="12"/>und Schelling postuliren; ihr Postulat gilt ihm als eine Idiosynkrasie in dem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn gewisser ausserordentlicher, mit dem besondern Sinne dazu ausgestatteter Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>viduen, in deren Schriften die reine Vernunft selber ihr handelndes Wissen und<lb n="15"/>wissendes Handeln publicirte. Auch Reinhold glaubt S. 143. in diesem Zauberkreise<lb n="16"/>sich befunden zu haben, aus demselben herausgekommen zu seyn, und sich nun im<lb n="17"/>Stande zu befinden, das Geheimniß zu offenbahren; was er denn aus der Schule<lb n="18"/>schwatzt, ist, daß das allgemeinste, das Thun der Vernunft, für ihn sich in das beson<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>derste, in eine Idiosynkrasie der Herren Fichte und Schelling verwandelt. – Nicht<lb n="20"/>weniger muß derjenige, dem die Reinholdische Liebe und Glauben nicht für sich<lb n="21"/>klar ist, und dem Reinhold nichts darüber zu sagen hat, ihn in dem Zauberkreise eines<lb n="22"/>arcanums erblikken, dessen Besitzer als Representant der Liebe und des Glaubens,<lb n="23"/>eben mit besonderm Sinne ausgestattet zu seyn vorgebe, eines Arcanums, das sich in<lb n="24"/>dem Bewußtseyn dieses ausserordentlichen Individuums auf- und darstellte, und<lb n="25"/>durch den Grundriß der Logik und die ihn bearbeitenden Beiträge sich in der Sinnen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>welt habe publiciren wollen u.s.w.</p>
<p><lb n="27"/>Das Postulat der Liebe und des Glaubens klingt etwa angenehmer und sanfter, als<lb n="28"/>so eine wunderliche Foderung, einer transcendentalen Anschauung; ein Publikum kann<lb n="29"/>durch ein sanftes Postulat mehr erbaut, durch das rauhe Postulat der transcendentalen<lb n="30"/>Anschauung aber zurükgestossen werden; allein dieß thut zur Hauptsache nichts.</p>
<p><lb n="31"/>Wir kommen nunmehr zur <hi rendition="#g">Hauptvoraussetzung</hi>, welche endlich das Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sophiren unmittelbarer angeht. Dasjenige, was der Philosophie vorläuffig, um auch<lb n="33"/>nur als Versuch denkbar zu seyn, vorauszusetzen ist, nennt Reinhold das Urwahre¹,</p>
<note xml:id="fn-84-1" n="¹" next="#fn-84-1.t2"><lb n="35"/><seg type="marke">¹ </seg>Reinhold behält hier die Sprache Jacobi’s, aber nicht die Sache bey; er hat, wie er sagt,<lb n="36"/>diesen verlassen müssen. Wenn Jacobi von der Vernunft als dem Vermögen der <hi rendition="#g">Voraus</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">setzung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wahren</hi> spricht, so setzt er das Wahre, als das wahre <hi rendition="#g">Wesen</hi>, der formellen</note>
<pb n="85" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=90" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="167–169"/>
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<p><lb n="1"/>das für sich selbst Wahre und Gewisse, den Erklärungsgrund alles begreiflichen<lb n="2"/>Wahren; dasjenige aber, womit die Philosophie anhebt, muß das Erste begreifliche<lb n="3"/>Wahre, und zwar das Wahre Erste begreifliche seyn, welches vor der Hand im<lb n="4"/>Philosophiren als Streben, nur problematisch und hypothetisch angenommen wird;<lb n="5"/>im Philosophiren als Wissen bewährt es sich aber erst, als einzig mögliches Erstes erst<lb n="6"/>dann und insoferne, wann und inwieferne mit völliger Gewißheit hervorgeht, daß<lb n="7"/>und warum es selbst, und die Möglichkeit und Wirklichkeit des Erkennbaren sowohl<lb n="8"/>als der Erkenntniß durch das Urwahre als den Urgrund von allem, welches sich an<lb n="9"/>dem Möglichen und Wirklichen ankündigt, möglich und wie und warum es durch<lb n="10"/>das Urwahre wahr sey, das ausser seinem Verhältnisse zum Möglichen und Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichen, woran es sich offenbahrt, das schlechthin Unbegreifliche, Unerklärbare und<lb n="12"/>Unnennbare ist.</p>
<p><lb n="13"/>Man sieht aus dieser Form des Absoluten, als eines Urwahren, daß es hiernach in<lb n="14"/>der Philosophie nicht darum zu thun ist, Wissen und Wahrheit durch die Vernunft<lb n="15"/>zu produciren; daß das Absolute, in der Form der Wahrheit nicht ein Werk der<lb n="16"/>Vernunft ist, sondern es ist <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ein Wahres und Gewisses, also<lb n="17"/>ein Erkanntes und Gewußtes; die Vernunft kann sich kein thätiges Verhältniß zu<lb n="18"/>ihm geben; im Gegentheil würde jede Thätigkeit der Vernunft, jede Form, die das<lb n="19"/>Absolute durch sie erhielte, als eine Veränderung desselben anzusehen seyn, und eine<lb n="20"/>Veränderung des Urwahren wäre die Produktion des Irrthums. Philosophiren heißt<lb n="21"/>demnach das schon ganz fertige Gewußte mit schlechthin passiver Receptivität in<lb n="22"/>sich aufnehmen; – und die Bequemlichkeit dieser Manier ist nicht zu leugnen. Es<lb n="23"/>braucht nicht erinnert zu werden, daß Wahrheit und Gewißheit, ausser der Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>niß, diese sey nun ein Glauben oder ein Wissen, ein Unding ist, und daß durch die<lb n="25"/>Selbstthätigkeit der Vernunft allein, das Absolute zu einem Wahren und Gewissen<lb n="26"/>wird. Aber es wird begreiflich, wie sonderbar dieser Bequemlichkeit, die ein fertiges<lb n="27"/>Urwahres schon voraussetzt, es vorkommen müsse, wenn gefodert wird, daß das<lb n="28"/>Denken sich durch Selbstthätigkeit der Vernunft zum Wissen potenzire, daß durch<lb n="29"/>die Wissenschaft die Natur fürs Bewußtseyn geschaffen werde, und das Subjekt-<lb n="30" break="no"/>Objekt nichts ist, zu was es sich nicht durch Selbstthätigkeit schafft. Die Vereinigung<lb n="31"/>der Reflexion und des Absoluten im Wissen geschieht vermöge jener bequemen<lb n="32"/>Manier, völlig nach dem Ideale eines philosophischen Utopiens, in welchem das<lb n="33"/>Absolute schon sich für sich selbst zu einem Wahren und Gewußten zubereitet, und</p>
<note xml:id="fn-84-1.t2" n="¹" prev="#fn-84-1"><lb n="35"/>Wahrheit entgegen, leugnet aber als Skeptiker, daß es menschlich <hi rendition="#g">gewußt</hi> werden könne;<lb n="36"/>Reinhold hingegen sagt, er habe es denken gelernt, durch ein formelles Begründen, in welchem<lb n="37"/>sich für Jacobi das Wahre nicht findet.</note>
<pb n="86" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=91" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="169–171"/>
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<p><lb n="1"/>sich der Passivität des Denkens, das nur den Mund aufzusperren braucht, ganz und<lb n="2"/>gahr zu geniessen gibt; – aus diesem Utopien ist das mühsame, assertorische und<lb n="3"/>kategorische Schaffen und Konstruiren verbannt; durch ein problematisches und<lb n="4"/>hypothetisches Schütteln fallen von dem Baum der Erkenntniß, der auf dem Sand<lb n="5"/>des Begründens steht, die Früchte durch sich selbst gekaut und verdaut, herab. Für<lb n="6"/>das ganze Geschäft der reducirten Philosophie, die nur ein problematischer und hypo<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>thetischer Versuch und Vorläufigkeit seyn will, muß das Absolute nothwendig<lb n="8"/>schon als urwahr und gewußt, gesetzt werden, wie sollte sich sonst aus dem Proble<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>matischen und Hypothetischen Wahrheit und Wissen ergeben können?</p>
<p><lb n="10"/>Weil nun und inwieferne die Voraussetzung der Philosophie das an sich Unbegreif<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>liche und Urwahre ist, darum und insoferne soll es sich nur an einem begreiflichen<lb n="12"/>Wahren ankündigen können, und das Philosophiren kann nicht von einem unbegreif<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lichen Urwahren, sondern von einem begreiflichen Wahren ausgehen. – Diese Fol<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gerung ist nicht nur durch nichts erwiesen, sondern es ist vielmehr der entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesetzte Schluß zu machen: – Wenn die Voraussetzung der Philosophie das Urwahre<lb n="16"/>ein unbegreifliches ist, so würde das Urwahre an einem Begreiflichen, sich durch sein<lb n="17"/>entgegengesetztes, also falsch ankündigen. Man müßte vielmehr sagen, die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sophie müsse zwar mit Begriffen, aber mit unbegreiflichen Begriffen anfangen, fort<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gehen und endigen; denn in der Beschränkung eines Begriffs ist das Unbegreifliche,<lb n="20"/>statt angekündigt zu seyn, aufgehoben; – und die Vereinigung entgegengesetzter<lb n="21"/>Begriffe in der Antinomie, für das Begreifungsvermögen der Widerspruch, – ist die<lb n="22"/>nicht bloß problematische und hypothetische, sondern wegen des unmittelbaren<lb n="23"/>Zusammenhangs mit demselben, seine assertorische und kategorische Erscheinung,<lb n="24"/>und die wahre, durch Reflexion mögliche Offenbahrung des Unbegreiflichen in<lb n="25"/>Begriffen. Wenn nach Reinhold das Absolute nur <hi rendition="#g">ausser</hi> seinem Verhältnisse zum<lb n="26"/>Wirklichen und Möglichen, woran es sich offenbart, ein Unbegreifliches, also im<lb n="27"/>Möglichen und Wirklichen zu erkennen ist, so würde dieß nur eine Erkenntniß durch<lb n="28"/>den Verstand, und keine Erkenntniß des Absoluten seyn; denn die Vernunft, die das<lb n="29"/>Verhältniß des Wirklichen und Möglichen zum Absoluten anschaut, hebt eben damit<lb n="30"/>das Mögliche und Wirkliche, als Mögliches und Wirkliches, auf; vor ihr verschwin<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>den diese Bestimmtheiten, so wie ihre Entgegensetzung; und sie erkennt hierdurch<lb n="32"/>nicht die äussere Erscheinung als Offenbahrung, sondern das Wesen, das sich offen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>bart; muß hingegen einen Begriff für sich wie die abstrakte Einheit des Denkens<lb n="34"/>nicht als ein Ankündigen desselben, sondern als ein Verschwinden desselben aus dem<lb n="35"/>Bewußtseyn erkennen; an sich ist es freylich nicht verschwunden, aber aus einer<lb n="36"/>solchen Spekulation.</p>
<pb n="87" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=92" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Wir gehen zur Betrachtung desjenigen über, was das <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Geschäft</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Logik</hi> <hi rendition="#g">reducirten</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> ist; es soll nemlich durch die Analysis der<lb n="3"/>Anwendung des Denkens als Denkens, das Urwahre mit dem Wahren, und das<lb n="4"/>Wahre durch das Urwahre entdekken und aufstellen, und wir sehen die mancherlei<lb n="5"/>Absoluta, die hiezu erforderlich sind:</p>
<p><lb n="6"/>a. Das <hi rendition="#g">Denken</hi> wird nicht erst in der Anwendung und durch die Anwendung und<lb n="7"/>als ein Angewendetes zu einem Denken, sondern es muß sein <hi rendition="#g">innerer</hi> Charakter<lb n="8"/>hier verstanden werden, und dieser ist die unendliche Wiederhohlbarkeit von<lb n="9"/>Einem und ebendemselben, in Einem und ebendemselben, und durch Ein und<lb n="10"/>Ebendasselbe – die reine Identität, die absolute, alles Aussereinander, Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>einander, und Nebeneinander aus sich ausschliessende Unendlichkeit.</p>
<p><lb n="12"/>b. Ein ganz anderes, als das Denken selbst, ist die <hi rendition="#g">Anwendung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi>;<lb n="13"/>so gewiß das Denken selbst keineswegs die Anwendung des Denkens ist, so gewiß<lb n="14"/>muß in der Anwendung und durch dieselbe zum Denken</p>
<p><lb n="15"/>c. noch ein drittes hinzukommen = C, die <hi rendition="#g">Materie</hi> der Anwendung des Denkens;<lb n="16"/>diese im Denken theils vernichtete theils mit ihm sich fügende Materiatur wird<lb n="17"/>postulirt; und die Befugniß und die Nothwendigkeit, die Materie anzunehmen<lb n="18"/>und vorauszusetzen liegt darinn, daß das Denken unmöglich angewendet werden<lb n="19"/>könnte, wenn nicht eine Materie wäre. Weil nun die Materie nicht seyn kann,<lb n="20"/>was das Denken ist, – denn, wenn sie dasselbe wäre, wäre sie nicht ein anderes,<lb n="21"/>und es fände keine Anwendung statt; weil der innre Charakter des Denkens die<lb n="22"/>Einheit ist, – so ist der innere Charakter der Materie der jenem entgegengesetzte,<lb n="23"/>Mannichfaltigkeit. – Was ehmals geradezu als empirisch gegeben angenommen<lb n="24"/>wurde, wird seit den Kantischen Zeiten postulirt, und so was heißt dann<lb n="25"/>immanent bleiben; nur im subjektiven – das objektive muß postulirt seyn –<lb n="26"/>werden empirisch gegebene Gesetze, Formen oder wie man sonst will, unter<lb n="27"/>dem Nahmen von Thatsachen des Bewußtseyns annoch verstattet.</p>
<p><lb n="28"/>Was zuerst das Denken betrifft, so setzt, wie schon oben erinnert, Reinhold den<lb n="29"/>Grundfehler aller neuern Philosophie in das Grundvorurtheil und böse Angewöh<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nung, daß man das Denken für eine bloß subjektive Thätigkeit nehme, und ersucht,<lb n="31"/>nur zum Versuch, vor der Hand, einmal, von aller Subjektivität und Objektivität<lb n="32"/>desselben zu abstrahiren. Es ist aber nicht schwer zu sehen, daß so wie das Denken<lb n="33"/>in die reine d. h. von der Materiatur abstrahirende, also entgegengesetzte Einheit<lb n="34"/>gesetzt wird, und dann, wie nothwendig ist, auf diese Abstraktion das Postulat einer<lb n="35"/>vom Denken wesentlich verschiedenen und unabhängigen Materie folgt, – jener<lb n="36"/>Grundfehler und Grundvorurtheil selbst in seiner ganzen Stärke hervortritt; das<lb n="37"/>Denken ist hier wesentlich nicht die Identität des Subjekts und Objekts, wodurch es</p>
<pb n="88" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=93" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="173–175"/>
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<p><lb n="1"/>als die Thätigkeit der Vernunft charakterisirt und damit zugleich von aller Subjek<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tivität und Objektivität nur dadurch abstrahirt wird, daß es beydes zugleich ist;<lb n="3"/>sondern das Objekt ist eine fürs Denken postulirte Materie, und dadurch das Denken<lb n="4"/>nichts anders als ein subjektives. Wenn man dem Ersuchen also auch den Gefallen<lb n="5"/>thun wollte, von der Subjektivität des Denkens zu abstrahiren, und es als subjektiv<lb n="6"/>und objektiv zugleich, und also zugleich mit keinem dieser Prädikate zu setzen, so<lb n="7"/>wird dieß nicht verstattet, sondern durch die Entgegensetzung eines objektiven, wird<lb n="8"/>es als ein subjektives bestimmt, und die absolute Entgegensetzung zum Thema und<lb n="9"/>Princip der durch die Logik in Reduktion gefallenen Philosophie gemacht.</p>
<p><lb n="10"/>Nach diesem Princip fällt denn auch die Synthese aus; sie ist mit einem populären<lb n="11"/>Worte als eine Anwendung ausgedrükt, und auch in dieser dürftigen Gestalt, für<lb n="12"/>welche von zwey absolut entgegengesetzten zum synthesiren nicht viel abfallen kann,<lb n="13"/>stimmt sie damit nicht überein, daß das erste Thema der Philosophie ein Begreif<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>liches seyn soll; denn auch die geringe Synthese des Anwendens enthält einen Über<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gang der Einheit in das Mannichfaltige, eine Vereinigung des Denkens und der<lb n="16"/>Materie, schließt also ein sogenanntes Unbegreifliches in sich; um sie synthesiren zu<lb n="17"/>können, müßte Denken und Materie nicht absolut entgegengesetzt, sondern ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lich Eins gesetzt werden, und damit wären wir bey der leidigen Identität des Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>jekts und Objekts, der transcendentalen Anschauung, dem intellektuellen Denken.</p>
<p><lb n="20"/>Doch hat Reinhold in dieser vorhergehenden und einleitenden Exposition nicht<lb n="21"/>alles angebracht, was aus dem Grundriß der Logik zur Milderung jener Art von<lb n="22"/>Schwierigkeit, die in der absoluten Entgegensetzung liegt, dienen kann; nemlich der<lb n="23"/>Grundriß postulirt, ausser der postulirten Materie und ihrer deducirten Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>faltigkeit, auch eine innre Fähigkeit und Geschicklichkeit der Materie, gedacht zu<lb n="25"/>werden; neben der Materiatur, die im Denken zernichtet werden muß, noch etwas,<lb n="26"/>das sich durchs Denken nicht zernichten läßt, das auch den Gewahrnehmungen der<lb n="27"/>Pferde nicht fehle; eine vom Denken unabhängige Form, mit welcher, weil sich<lb n="28"/><hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Gesetze</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> die Form nicht durch die Form zerstören läßt, sich<lb n="29"/>die Form des Denkens <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">fügen</hi> <hi rendition="#g">hat</hi>, – einen ausser der nichtdenkbaren Materiatur,<lb n="30"/>dem Ding an sich, einen absoluten vorstellbaren Stoff der vom Vorstellenden un<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>abhängig ist, aber in der Vorstellung auf die Form bezogen wird. Dieß Beziehen der<lb n="32"/>Form auf den Stoff nennt Reinhold immer Anwendung des Denkens und vermeidet<lb n="33"/>den Ausdruk: Vorstellen, den Bardili dafür gebraucht. Es ist nemlich behauptet<lb n="34"/>worden, daß der <hi rendition="#g">Grundriß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Logik</hi> nichts als die <hi rendition="#g">aufgewärmte</hi> <hi rendition="#g">Elemen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">tar-Philosophie</hi> sey. Es scheint nicht, daß man Reinhold die Absicht zugeschrieben<lb n="36"/>habe, als ob er etwa die im philosophischen Publikum nicht mehr gesuchte Elementar-</p>
<pb n="89" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=94" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="175–177"/>
<fw type="header" place="top">REINHOLD</fw>
<p><lb n="1"/>Philosophie in dieser kaum veränderten Form in die philosophische Welt hätte wieder<lb n="2"/>einführen wollen, sondern daß das lautere Empfangen, und reine Lernen der Logik<lb n="3"/>unwissenderweise eigentlich bey sich selbst in die Schule gegangen sey; Reinhold<lb n="4"/>setzt dieser Ansicht der Sache folgende Beweisgründe in den Beiträgen entgegen;<lb n="5"/>daß <hi rendition="#g">Er</hi>, <hi rendition="#g">erstens</hi> statt seine Elementarphilosophie im Grundriß der Logik zu suchen,<lb n="6"/>»Verwandschaft mit dem Idealismus in ihm gesehen, und zwar wegen des bittern<lb n="7"/>Spottes, womit Bardili der Reinholdischen Theorie bey jeder Gelegenheit erwähne,<lb n="8"/>eher jede andere Philosophie darinn geahnet habe;</p>
<p><lb n="9"/>– daß die Worte Vorstellung, Vorgestelltes und blosse Vorstellung u.s.w. im<lb n="10"/>Grundriß durchaus in einem Sinne vorkommen, der demjenigen, in welchem sie<lb n="11"/>von dem Verfasser der Elementar-Philosophie gebraucht wurden, was Er wohl am<lb n="12"/>besten wissen müsse, durchaus entgegengesetzt sey;</p>
<p><lb n="13"/>– durch die Behauptung, daß jener Grundriß, auch nur in irgend einem denkbaren<lb n="14"/>Sinne, Umarbeitung der Reinholdischen Elementar-Philosophie, thue der, der dieß<lb n="15"/>behauptete, augenscheinlich dar, daß er nicht verstanden habe, was er beurtheilt.«</p>
<p><lb n="16"/>Auf den ersten Grund, den bittern Spott, ist sich weiter nicht einzulassen; die<lb n="17"/>übrigen sind Behauptungen, deren Triftigkeit aus einer kurzen Vergleichung der<lb n="18"/>Hauptmomente der Theorie mit dem Grundriß sich ergeben wird.</p>
<p><lb n="19"/>Nach der Theorie gehört zum Vorstellen als innere Bedingung, wesentlicher<lb n="20"/>Bestandtheil der Vorstellung</p>
<p><lb n="21"/>a) ein Stoff der Vorstellung, das der Receptivität gegebene, dessen Form die Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>faltigkeit ist;</p>
<p><lb n="23"/>b) eine Form der Vorstellung, das durch die Spontaneität hervorgebrachte, dessen<lb n="24"/>Form die Einheit ist.</p>
<p><lb n="25"/>In der Logik</p>
<p><lb n="26"/>a) ein Denken, eine Thätigkeit deren Grundcharakter Einheit,</p>
<p><lb n="27"/>b) eine Materie, deren Charakter Mannichfaltigkeit ist,</p>
<p><lb n="28"/>c) das Beziehen beyder aufeinander heißt in der Theorie und in der Logik, Vorstellen,<lb n="29"/>nur daß Reinhold immer Anwendung des Denkens sagt; Form und Stoff, Denken<lb n="30"/>und Materie sind in beyden gleicherweise für sich selbst bestehend. Was noch die<lb n="31"/>Materie betrifft, so ist</p>
<p><lb n="32"/>a) ein Theil derselben, in der Theorie und in der Logik, das <hi rendition="#g">Ding</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>;<lb n="33"/>dort der Gegenstand selbst, insofern er nicht vorstellbar ist, aber so wenig<lb n="34"/>geleugnet werden kann, als die vorstellbaren Gegenstände selbst; hier die<lb n="35"/>Materiatur, die im Denken zernichtet werden muß, das nicht denkbare der<lb n="36"/>Materie.</p>
<pb n="90" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=95" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="178–180"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>b) Der andere Theil des Objekts ist in der Theorie der bekannte Stoff der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>stellung; in der Logik die vom Denken unabhängige unvertilgbare Form des<lb n="3"/>Objekts, mit welcher die Form des Denkens, weil die Form die Form nicht<lb n="4"/>zernichten kann, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">fügen</hi> muß.</p>
<p><lb n="5"/>Und über diese Zweitheiligkeit des Objekts, einmal einer fürs Denken absoluten<lb n="6"/>Materiatur, mit welcher das Denken sich nicht <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">fügen</hi>, sondern nichts anzu<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>fangen weiß, als sie zu zernichten, d. h. von ihr zu abstrahiren, – das andremal einer<lb n="8"/>Beschaffenheit, die dem Objekt wieder unabhängig von allem Denken zukommt,<lb n="9"/>aber einer Form, die es geschikt macht gedacht zu werden, mit der sich das Denken<lb n="10"/>fügen muß, so gut es kann, – soll sich das Denken in das Leben hinein stürzen; in<lb n="11"/>der Philosophie kommt das Denken aus dem Sturze in eine solche absolute Dualität<lb n="12"/>mit gebrochenem Halse an; eine Dualität, die ihre Formen unendlich wechseln kann,<lb n="13"/>aber immer eine und ebendieselbe Unphilosophie gebiert. In dieser neu aufgelegten<lb n="14"/>Theorie seiner eignen Lehre findet Reinhold, nicht unähnlich jenem Manne, der zu<lb n="15"/>seiner größten Zufriedenheit, aus dem eigenen Keller unwissenderweise bewirthet<lb n="16"/>wurde, – alle Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung gegangen, die philosophischen<lb n="17"/>Revolutionen im neuen Jahrhundert geendigt, so daß nunmehr der philosophische<lb n="18"/>ewige Frieden, in der allgemeingültigen Reduktion der Philosophie durch Logik<lb n="19"/>unmittelbar eintreten kann.</p>
<p><lb n="20"/>Die neue Arbeit in diesem philosophischen Weinberg fängt Reinhold, wie sonst<lb n="21"/>das politische Journal jedes seiner Stükke, mit der Erzählung an, daß es anders und<lb n="22"/>abermal anders ausgefallen sey, als er vorausgesagt habe – »anders – als er es im<lb n="23"/>Anfange der Revolution ankündigte; anders, als er in der Mitte derselben ihren Fort<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gang zu befördern suchte; – anders als er gegen das Ende derselben ihr Ziel erreicht<lb n="25"/>glaubte; – er fragt, ob er sich nicht zum viertenmal täusche?« – Sonst wenn die<lb n="26"/>Menge der Täuschungen die Berechnung der Wahrscheinlichkeit erleichtern kann,<lb n="27"/>und in Rücksicht auf dasjenige, was man eine Autorität nennt, in Betracht kommen<lb n="28"/>kann, so kann man aus den Beiträgen, vor dieser, die keine wirkliche seyn sollte, zu<lb n="29"/>jenen drey erkannten noch mehrere aufzählen;</p>
<p><lb n="30"/>– nemlich nach S. 126. hat Reinhold den Zwischenstandpunkt zwischen der<lb n="31"/>Fichteschen und Jakobischen Philosophie, den er gefunden zu haben glaubte, auf<lb n="32"/>immer verlassen müssen –</p>
<p><lb n="33"/>– er glaubte, wünschte u.s.w. S. 129. daß sich das Wesentliche der Bardilischen<lb n="34"/>Philosophie auf das Wesentliche der Fichte’schen und umgekehrt zurükführen lasse;<lb n="35"/>und legte es alles Ernstes bey Bardili darauf an, ihn zu überzeugen, daß er ein Idealist<lb n="36"/>sey, aber nicht nur war Bardili nicht zu überzeugen, im Gegentheil wurde Reinhold<lb n="37"/>durch Bardili’s Briefe (S. 130.) gezwungen, den Idealismus überhaupt aufzugeben;</p>
<pb n="91" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=96" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="180–182"/>
<fw type="header" place="top">REINHOLD</fw>
<p><lb n="1"/>– da der Versuch mit Bardili mißlungen war, legte er Fichten den Grundriß<lb n="2"/>dringend ans Herz S. 163. wobei er ausruft, »welch’ ein Triumpf für die gute Sache,<lb n="3"/>wenn Fichte durch das Bollwerk seines und Ihres (Bardili’s) Buchstabens hindurch bis<lb n="4"/>zur Einheit mit Ihnen durchdränge!« – Wie es ausgefallen ist, ist bekannt.</p>
<p><lb n="5"/>Endlich darf auch in Rüksicht auf die geschichtlichen Ansichten nicht vergessen<lb n="6"/>werden, daß es anders ist, als Reinhold dachte, wenn er in einem Theile der Schelling<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schen Philosophie das ganze System zu sehen glaubte, und diese Philosophie für das<lb n="8"/>hielt, was man gewöhnlich Idealismus nennt.</p>
<p><lb n="9"/>Wie es endlich mit der logischen Reduktion der Philosophie ausfallen werde,<lb n="10"/>darüber ist nicht leicht etwas voraus zu sagen; die Erfindung ist, um sich ausserhalb<lb n="11"/>der Philosophie zu halten, und doch zu philosophiren, zu dienlich, als daß sie nicht<lb n="12"/>erwünscht seyn sollte; nur führt sie ihr eigenes Gerichte mit sich; weil sie nemlich<lb n="13"/>unter vielen möglichen Formen des Standpunkts der Reflexion irgend eine wählen<lb n="14"/>muß, so steht es in eines jeden Belieben, eine andre sich zu schaffen; so etwas heißt<lb n="15"/>alsdenn durch ein neues System ein altes System verdrängen, und muß so heissen,<lb n="16"/>weil die Reflexionsform für das Wesen des Systems genommen werden muß; so<lb n="17"/>hat auch Reinhold selbst in Bardili’s Logik, ein anderes System als in seiner Theorie<lb n="18"/>sehen können.</p>
<p><lb n="19"/>Die <hi rendition="#g">Begründungstendenz</hi>, die darauf ausgeht, die Philosophie auf Logik zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>rückzuführen, muß als eine sich fixirende <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">all</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> <hi rendition="#g">Bedürfnisses</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> ihre nothwendige und bestimmte<lb n="22"/>objektive Stelle in der Mannichfaltigkeit der Bestrebungen der Bildung einnehmen,<lb n="23"/>die sich auf Philosophie beziehen, aber eine feste Gestalt sich geben, ehe sie zur Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sophie selbst gelangen; das Absolute in der Linie seiner Entwiklung, die es bis zur<lb n="25"/>Vollendung seiner selbst producirt, muß zugleich, auf jedem Punkte sich hemmen<lb n="26"/>und sich in eine Gestalt organisiren; und in dieser Mannichfaltigkeit erscheint es als<lb n="27"/>sich bildend.</p>
<p><lb n="28"/>Wenn das Bedürfniß der Philosophie, ihren Mittelpunkt nicht erreicht, zeigt es<lb n="29"/>die zwey Seiten des Absoluten, welches inneres und äusseres, Wesen und Erscheinung<lb n="30"/>zugleich ist, getrennt; das innre Wesen, und die äussere Erscheinung besonders. Die<lb n="31"/>äussere Erscheinung für sich, wird zur absolut-objektiven Totalität, zu der in’s un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>endliche zerstreuten Mannichfaltigkeit, welche in dem Streben nach der unendlichen<lb n="33"/>Menge ihren bewußtlosen Zusammenhang mit dem Absoluten kund giebt; und<lb n="34"/>man muß dem unwissenschaftlichen Bemühen die Gerechtigkeit wiederfahren<lb n="35"/>lassen, daß es vom Bedürfniß einer Totalität insofern verspürt, als es das empirische<lb n="36"/>ins unendliche hinaus auszubreiten strebt; ob zwar eben dadurch nothwendig am<lb n="37"/>Ende der Stoff sehr dünne wird. Dieses Bemühen mit dem unendlichen objektiven</p>
<pb n="92" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=97" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="182–184"/>
<fw type="header" place="top">DIFFERENZSCHRIFT</fw>
<p><lb n="1"/>Stoff bildet den entgegengesetzten Pol zu dem Pol der Dichtigkeit, die im innern<lb n="2"/>Wesen zu bleiben strebt, und aus der Kontraktion ihres gediegenen Stoffs nicht zur<lb n="3"/>wissenschaftlichen Expansion herausgelangen kann. Jenes bringt in den Tod des<lb n="4"/>Wesens, das es behandelt, durch unendliche Geschäftigkeit, zwar nicht ein Leben,<lb n="5"/>aber doch ein Regen; und wenn die Danaiden wegen des ewigen Auslaufens des<lb n="6"/>Wassers, nie zur Fülle gelangen, so jene Bemühungen dagegen nicht, indem sie durch<lb n="7"/>das beständige Zugiessen ihrem Meer eine unendliche Breite geben; wenn sie die<lb n="8"/>Befriedigung nicht erreichen, nichts mehr zu finden, das unbegossen wäre, so erhält<lb n="9"/>die Geschäftigkeit eben darinn ewige Nahrung auf der unermeßlichen Oberfläche;<lb n="10"/>feststehend auf dem Gemeinspruch, daß ins innre der Natur kein erschaffner Geist<lb n="11"/>dringt, giebt sie auf, Geist und ein Innres zu erschaffen und das todte zur Natur zu<lb n="12"/>beleben. – Die innre Schwerkraft des Schwärmers hingegen verschmäht das Wasser,<lb n="13"/>durch dessen Zutritt zu der Dichtigkeit sie sich zur Gestalt krystallisiren könnte; der<lb n="14"/>gährende Drang, der aus der Naturnothwendigkeit, eine Gestalt zu produciren,<lb n="15"/>stammt, stößt ihre Möglichkeit zurük, und lößt die Natur in Geister auf; bildet sie<lb n="16"/>zu gestaltlosen Gestalten, oder wenn die Reflexion überwiegend ist über die Phan<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>tasie, entsteht ächter Skepticismus.</p>
<p><lb n="18"/>Einen falschen Mittelpunkt zwischen beyden bildet eine Popular- und Formular-<lb n="19" break="no"/>Philosophie, welche beyde nicht gefaßt hat, und darum es ihnen so zu Dank machen<lb n="20"/>zu können glaubt, daß das Princip einer jeden in seinem Wesen bliebe, und durch<lb n="21"/>eine Modifikation beyde sich in einander schmiegten; sie ergreift nicht beyde Pole<lb n="22"/>in sich, sondern in einer oberflächlichen Modifikation und nachbarlichen Vereinigung,<lb n="23"/>entschwindet ihr das Wesen beyder und sie ist beyden so wie der Philosophie fremde.<lb n="24"/>Sie hat vom Pole der Zerstreuung das Princip der Entgegensetzung, aber die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gegengesetzten sollen nicht blosse Erscheinungen und Begriffe ins Unendliche, son<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>dern Eins derselben auch ein Unendliches und Unbegreifliches seyn; somit sollte das<lb n="27"/>Bedürfniß des Schwärmers nach einem Übersinnlichen befriedigt werden. Aber das<lb n="28"/>Princip der Zerstreuung verschmäht das Übersinnliche, wie das Princip der Schwär<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>merey die Entgegensetzung des Übersinnlichen und irgend ein Bestehen eines Be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schränkten neben demselben verschmäht. Ebenso wird jeder Schein eines Mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>punkts, den die Popularphilosophie ihrem Princip der absoluten Nichtidentität eines<lb n="32"/>Endlichen und Unendlichen, giebt, von der Philosophie verworfen, welche den Tod<lb n="33"/>der Entzweyten, durch die absolute Identität zum Leben erhebt, und durch die, sie<lb n="34"/>beyde in sich verschlingende, und beyde gleich mütterlich setzende Vernunft nach<lb n="35"/>dem Bewußtseyn dieser Identität des Endlichen und Unendlichen d. h. nach Wissen<lb n="36"/>und Wahrheit strebt.</p>
<pb n="93" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=98" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>KRITIKEN UND ANZEIGEN<lb n="2"/>AUS DER<lb n="3"/>ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</head>
<pb n="95" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=101" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1441–1442"/>
<fw type="header" place="top">ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</fw>
<head><lb n="1"/>BOUTERWEKS ANFANGSGRÜNDE<lb n="2"/>DER SPEKULATIVEN PHILOSOPHIE</head>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Anfangsgründe</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">spekulativen</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>. Versuch eines Lehrbuchs<lb n="4"/>von <hi rendition="#g">Fried</hi>. <hi rendition="#g">Bouterwek</hi>. Göttingen, b. Dietrich 1800. S. 242. (18 Gr.)</p>
<p><lb n="5"/>Ein allgemeiner Begriff von den vorliegenden Anfangsgründen wird sich am<lb n="6"/>besten nach der Vorlegung des Inhalts ergeben und rechtfertigen. Die Verhandlungen<lb n="7"/>über eine Lehre, welche man auch bekenne, oder bezweifle oder verwerfe, meynt<lb n="8"/>der Hr. <hi rendition="#g">Verf</hi>. <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vorrede</hi>, können füglich <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Anstand</hi> und <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">Frieden</hi><lb n="9"/>geführt werden. – In Rücksicht auf jenen sieht man aus dem Schluß der Vorrede,<lb n="10"/>daß der Verf. ihm einen weiten Umfang giebt; was diesen betrifft, so wird Rec.<lb n="11"/>nicht ohne Unfrieden mit diesen Anfangsgründen verhandeln können.</p>
<p><lb n="12"/>Die äußere Form dieses Lehrbuchs bestimmt der Verf. in der Vorrede dahin, daß<lb n="13"/>es <hi rendition="#g">einmahl</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Lehrbuch</hi> <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">skeptischer</hi> <hi rendition="#g">Methode</hi> seyn<lb n="14"/>soll. Im ganzen Gange der Entwicklung nimmt der Verf. vorzüglich Bedacht darauf,<lb n="15"/>immer nur so weit zu gehen, als der Skeptiker geschehen lassen könne; – bis endlich<lb n="16"/>der Skepticismus in §. 384 förmlich widerlegt wird. Der Verf. ist diesem Vorsatz<lb n="17"/>theils nicht getreu, theils getreu geblieben; – nicht getreu, in so fern als er, auf den<lb n="18"/>Grund, daß Zweifeln selbst ein Denken sey, das ganze System der Denkgesetze, als<lb n="19"/>Logik, wie nicht minder das ganze System der transscendentalen Vorstellungsgesetze<lb n="20"/>(d. h. die Kantische Kritik der Vern. im Auszug) erbaut, da doch der konsequente<lb n="21"/>Skeptiker überhaupt den Begriff eines Gesetzes läugnet; – getreu in so fern, als der<lb n="22"/>Verf. das Ganze überhaupt innerhalb der Sphäre einer Magerkeit hält, mit welcher<lb n="23"/>der Skeptiker sich abzugeben gar nicht der Mühe werth halten kann; – allerdings die<lb n="24"/>kräftigste Manier ihn abzutreiben. Warum hat doch der Verf. nicht sogleich mit<lb n="25"/>jener späten Widerlegung des Skeptikers angefangen? so konnte das, mehrere hun<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>dert §§. durchgehende, problematische und provisorische Philosophiren, wie es der<lb n="27"/>Verf. nennt, erspart werden; man begreift die Nothwendigkeit, und damit den<lb n="28"/>relativen Werth provisorischer Regierungen, provisorischer Entscheidungen bey<lb n="29"/>Gerichten u.s.w. aber welchen Sinn hätte denn ein provisorisches Philosophiren?<lb n="30"/>Mit jener Widerlegung des Skepticismus §. 430 konnte um so mehr angefangen<lb n="31"/>werden, da, wenn der Skeptiker die eine Seite des Dilemms, das ihm vorgelegt ist,<lb n="32"/>ergreift, erklärt wird, daß <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">weiter</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">können</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi></p>
<pb n="96" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=102" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1442–1443"/>
<fw type="header" place="top">ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Worte</hi> <hi rendition="#g">an</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">spricht</hi>, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">widersprechen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">lassen</hi>; – oder,<lb n="2"/>wenn er die andere Seite aufnimmt, so wird er gefragt, <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> skeptisch <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">komme</hi>, und dann auf eine<lb n="4"/>Argumentation verwiesen, in welcher behauptet wird, daß auch den Begriffen und<lb n="5"/>Vorstellungen ein Daseyn zu Grunde liege; dies Daseyn der Vorstellungen und<lb n="6"/>Begriffe aber, das der Skeptiker nicht bezweifle, denken wir nur als ein uneigentliches<lb n="7"/>Daseyn, und <hi rendition="#g">unbezweifelbar</hi> mit dem Begriffe des Daseyns etwas, das Princip<lb n="8"/>der Vorstellungen und <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>; <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi>, <hi rendition="#g">die</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">voraussetzen</hi> müsse. – Diese Widerlegung besteht in nichts<lb n="10"/>anderem, als in der positiven Behauptung dessen, was der Skeptiker negirt; – wenn<lb n="11"/>sie gründlicher genommen wird, in der Einsicht, daß der Skepticismus eigentlich un<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>widerlegbar ist. Es hinderte nichts mit jener sogenannten Widerlegung, die zu einer<lb n="13"/>absoluten Voraussetzung sich flüchtet, oder mit dieser Einsicht, die ganze spekulative<lb n="14"/>Philosophie anzufangen, alle Rücksicht auf den Skeptiker bey Seite zu legen, und<lb n="15"/>gleich statt provisorisch, apodiktisch zu philosophiren. In diesem provisorischen<lb n="16"/>Philosophiren, das kein Philosophiren ist, besteht die sogenannte skeptische Methode,<lb n="17"/>die §. 22 sehr pathetisch angepriesen, wie es Hr. <hi rendition="#g">Bout.</hi> nennt, praktisch verdeutlicht<lb n="18"/>wird: »laß <hi rendition="#g">weder</hi> Stolz <hi rendition="#g">noch</hi> Bewunderung, <hi rendition="#g">noch</hi> irgend eine andere Leiden<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schaft in deiner Seele irgend einem Grundsatze das Wort reden! – Wenn du jeden<lb n="20"/>Satz, den dir ein Anderer als wahr anzuerkennen zumuthet, zum Anfange als <hi rendition="#g">viel</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">leicht</hi> <hi rendition="#g">irrig</hi> denkst; dann bist du im Zustande der reinen Skepsis; und nur in diesem<lb n="22"/>Zustande bist du sicher, den Gesichtspunkt der reinen Wahrheit nicht zu verfehlen!«<lb n="23"/>S. 12 wird gesagt, daß wir mit Recht gegen bestrittene Systeme um so mißtrauischer<lb n="24"/>seyen, je mehr sie von seltenen Talenten ihrer Urheber zeugen, und <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">geachtet</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">alle</hi> guten Köpfe auf ihre Seite gezogen haben. Einem Cento von<lb n="26"/>Kantischen oder eigenen Formalitäten, der dem Skeptiker keine Blösse geben soll,<lb n="27"/>wäre die Darstellung des Systems irgend eines seltenen Kopfs, oder auch das noch<lb n="28"/>mehr vorzuziehen gewesen, wovor der Verf. S. 11 warnt, nämlich »auf den Skep<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tiker gar nicht zu achten, und einem blinden aber recht sehr konsequenten Dogmatis<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mus anzuhängen.« Es giebt der konsequenten (sage, konsequenten) Dogmatismen<lb n="31"/>eben nicht sehr viele, und einen solchen aufzustellen, ist eine ganz andere Arbeit, als<lb n="32"/>auf provisorische Art philosophiren.</p>
<p><lb n="33"/>Die Einleitung handelt in 60 §§. I. Von der Philosophie überhaupt, II. Vom Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>hältnisse der Philosophie zur Gelehrsamkeit, III. Vom ersten und letzten Gegenstande<lb n="35"/>alles philosophischen Denkens, IV. Von der Eintheilung der Philosophie, V. Von der<lb n="36"/>Methode des philosophischen Studiums; von dem Tone, in dem diese Einleitung</p>
<pb n="97" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=103" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1443–1444"/>
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<p><lb n="1"/>geschrieben ist, mag der erste §. ein Beyspiel seyn, er lautet so: »Unter den Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schaften, die von den hellsten und besten Köpfen jedes kultivirten Zeitalters des<lb n="3"/>Studiums werth gefunden wurden, giebt es eine, die sich gewöhnlich Philosophie,<lb n="4"/>im Teutschen zuweilen mit dem wunderlichen Namen der Weltweisheit nennt.« In<lb n="5"/>III. wird gesagt, daß eine Wissenschaft, die alle Voraussetzungen verwirft, und also<lb n="6"/>durchaus keinen Satz als Beweisgrund ohne Beweis an die Spitze ihrer nachfolgenden<lb n="7"/>Sätze stellen dürfe, mit nichts Anderem anfangen könne, als mit einer Auffoderung<lb n="8"/>an das denkende Wesen, sich als denkendes Wesen durch das Denken selbst an<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>zuerkennen; – man gewinnt die Hoffnung, der Verf. habe durch diese Foderung der<lb n="10"/>intellektuellen Anschauung einen festen Punkt gewonnen, von welchem aus er das<lb n="11"/>Bewußtseyn konstruiren werde; allein, nachdem noch in §. 39 bemerkt worden ist,<lb n="12"/>daß im Anerkennen unserer selbst die Beziehung unsrer selbst auf etwas <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>,<lb n="13"/>das wir <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> finden, so fern wir es erkennen, liege, so wird §. 40 die Frage auf<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>geworfen: »<hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">welchem</hi> <hi rendition="#g">Satz</hi> <hi rendition="#g">sollen</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">fortfahren</hi> zu philosophiren, nach<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dem wir uns selbst überhaupt nur als denkend, ÜBRIGENS ABER <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">durchaus</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">unbekannt</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gedacht</hi> <hi rendition="#g">haben</hi>?« Da der Verf. auf diese Frage keine<lb n="17"/>Antwort hat, und nicht weiß, wie er fortfahren soll, so fällt ihm §. 41 die Methode<lb n="18"/>ein, »es sich so bequem zu machen, wie es die Philosophen lange genug gemacht<lb n="19"/>haben, nämlich dann anzufangen, eine Reihe von sogenannten Seelenkräften auf<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zuzählen;« aber, fragt er: »was uns denn zu dieser Aufzählung <hi rendition="#g">berechtige</hi>? –<lb n="21"/>Wenn man dann <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">dazu</hi> <hi rendition="#g">finde</hi>, daß das Verzeichniß in jeder Schule anders<lb n="22"/>ausfalle, daß der Streit über die Wirkungen dieser Kräfte oft ein leerer Wortstreit sey<lb n="23"/>zu dem nur die Unbestimmtheit und die Verschiedenheit <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sprachen</hi> Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>anlassung gegeben hat, so werden wir <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi> mißtrauisch gegen alle solche<lb n="25"/>Verzeichnisse;« nachdem zum Ueberflusse eben dasselbe §. 42 gesagt, und bemerkt<lb n="26"/>worden ist, daß auch der vorausgesetzte Eintheilungsgrund, erst nach Voraussetzung<lb n="27"/>der Abtheilungen zu demonstriren versucht werde, und es bey einem solchen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>fahren unmöglich sey, irgend ein System als Philosophie zu begründen, so wird doch<lb n="29"/>mit irgend einem System von Seelenkräften angefangen, und versucht, wie weit man<lb n="30"/>damit komme. So unbedeutend jene Gründe sind, so hätten sie doch hingereicht,<lb n="31"/>sich die Psychologie vom Leibe zu halten; der Grund, warum denn doch mit ihr<lb n="32"/>angefangen wird, ist §. 43 wörtlich so angegeben: »<hi rendition="#g">Da</hi> <hi rendition="#g">indessen</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">philo</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">sophische</hi> <hi rendition="#g">Spekulation</hi> <hi rendition="#g">immer</hi> <hi rendition="#g">diesen</hi> <hi rendition="#g">Gang</hi> <hi rendition="#g">genommen</hi> hat, <hi rendition="#g">muß</hi> <hi rendition="#g">er</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">natürlichste</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>.« – Auch sey es sowohl zum Verständnisse der<lb n="35"/>berühmtesten Philosophieen, als zum Uebergange von der populären zur philo<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sophischen Vorstellungsart nothwendig. – Nach diesem willkommenen Fund <hi rendition="#g">eines</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">psychologischen</hi> <hi rendition="#g">Eingangs</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, werden sowohl eine <hi rendition="#g">psy</hi>-</p>
<pb n="98" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=104" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1444–1445"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">chologische</hi> <hi rendition="#g">Eintheilung</hi> der Philosophie §. 44, als auch psychologische Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>aussetzungen erlaubt, §. 46, nach denen wir gewisse Richtungen der Aufmerksam<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>keit auf uns selbst von andern unterscheiden, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">fern</hi> diese Unterscheidungen,<lb n="4"/>(a) als <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gewiß</hi>, (b) eben sowohl von <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">gemeinen</hi> <hi rendition="#g">Men</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">schenverstande</hi> behauptet, als (c) <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">allen</hi> <hi rendition="#g">philosophirenden</hi> <hi rendition="#g">Schulen</hi><lb n="6"/>gebilligt werden. §. 48. Weil nun die Zweifel auch Gedanken sind, und wir, auch<lb n="7"/>wenn wir zweifeln, irgend einer Regel folgen, als einem nothwendigen Verhältniß<lb n="8"/>unserer Gedanken zu einander, so gewinnen wir durch die Absonderung dieses Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>hältnisses den Begriff der Logik. »Wie §. 49 aber das bloße Denken, das auch den<lb n="10"/>Zweifel in sich schließt, von dem Wissen verschieden ist, das den Zweifel aus<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schließt, darüber sind auch noch nicht zwey philosophische Schulen einverstanden.« –<lb n="12"/>Die problematische Wissenschaft der Begründung aller Theile des philosophischen<lb n="13"/>Wissens ist die <hi rendition="#g">Elementarlehre</hi>, oder <hi rendition="#g">Metaphysik</hi>. – Nach dieser psycho<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>logischen Eintheilung, die ein Beyspiel von der problematischen und skeptischen<lb n="15"/>Methode des Verf. ist, zerfallen diese Anfangsgründe spek. Philos. in drey Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>theile, mit vielen höchst methodischen Unterabtheilungen. Wir werden von den<lb n="17"/>zwey ersten Theilen nur wenige Proben geben und uns vorzüglich an den dritten<lb n="18"/>halten. In der <hi rendition="#g">propädevtischen</hi> <hi rendition="#g">Psychologie</hi> werden nach Abweisung der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>hauptung eines Seelendings, als Grundbedingungen des Begriffs der Selbstbeob<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>achtung die gewöhnlichen drey Begriffe, Subjekt, Objekt und Vorstellung an<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gegeben; provisorisch wird Sinnlichkeit und Vernunft nach der Selbstbeobachtung<lb n="22"/>entgegengesetzt, beyde psychologisch abgehandelt; und das Gewöhnliche von obern<lb n="23"/>und untern Seelenkräften beygebracht; dadurch daß alles nur provisorisch, und wie<lb n="24"/>es beobachtet wird, aufgestellt werden soll, hat sich der Verf. von allen Forderungen<lb n="25"/>einer Konstruktion dieser Mannichfaltigkeit der Vermögen befreyt; es geht von<lb n="26"/>einem zum andern in folgenden Arten über, §. 80. <hi rendition="#g">Da</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">ferner</hi> <hi rendition="#g">eines</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">Vermögens</hi> <hi rendition="#g">bewußt</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, verschwundene Eindrücke wieder zum Bewußtseyn<lb n="28"/>zu bringen, wenn es gleich damit nicht immer glückt, so bezeichnen wir es erstens<lb n="29"/>mit dem Namen des Erinnerungsvermögens, und <hi rendition="#g">schliessen</hi> zweytens auf ein<lb n="30"/>anderes Vermögen, in dem die Vorstellungen <hi rendition="#g">gleichsam</hi> ruhen, wenn sie aus dem<lb n="31"/>Bewußtseyn verschwunden sind, – Gedächtniß; (das also das Vermögen des Er<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>innerungsvermögens ist, – nicht einmahl der gemeine Unterschied zwischen Gedächt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>niß und Erinnerungsvermögen ist richtig angegeben.) §. 81. <hi rendition="#g">Nahe</hi> <hi rendition="#g">verwandt</hi> mit<lb n="34"/>der Erinnerung, aber doch verschieden von ihr, ist die Einbildungskraft u.s.f. Aus<lb n="35"/>§. 92 sieht man schon vorläufig, was man von der Logik zu erwarten hat; »die Frage:<lb n="36"/><hi rendition="#g">woher</hi> die Gesetze oder nothwendigen Bedingungen des Denkens? bleibt hier (in</p>
<pb n="99" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=105" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1445–1446"/>
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<p><lb n="1"/>der Psychologie) noch unbeantwortet. <hi rendition="#g">Sie</hi> <hi rendition="#g">möchte</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">immer</hi> <hi rendition="#g">un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">beantwortet</hi> <hi rendition="#g">bleiben</hi>.«</p>
<p><lb n="3"/>In der <hi rendition="#g">Logik</hi> ist die Unterscheidung von Begriffen, Urtheilen und Schlüssen<lb n="4"/>durch folgende Rechtfertigung zu Grunde gelegt. §. 135. b. »In den meisten Schulen<lb n="5"/>sehe man die Begriffe als Produkte des Verstandes in der engern Bedeutung, die<lb n="6"/>Sätze, als Produkte der Urtheilskraft, und die Schlüsse als Produkte der Vernunft in<lb n="7"/>engerer Bedeutung an; da wir aber auf dem Wege <hi rendition="#g">unserer</hi> <hi rendition="#g">Spekulation</hi> die<lb n="8"/>Vernunft nur als das Denkprincip überhaupt kennen gelernt (der Verf. verweist hier<lb n="9"/>auf einen §. der Psychologie und vermag also jenes psychologische Provisiren wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lich für Spekulation anzusehen) ein besonderes Vermögen der Urtheilskraft aber<lb n="11"/>anzunehmen noch keine Veranlassung gefunden haben, so halten wir uns fürs Erste<lb n="12"/>nur an den Begriff der Synthesis überhaupt, diesem gemäß <hi rendition="#g">hängt</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">von</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">ab</hi>, <hi rendition="#g">uns</hi> der Begriffe, Sätze und Schlüsse, SO WIE <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">gemeinen</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Leben</hi> <hi rendition="#g">unterscheidet</hi>, als <hi rendition="#g">verschiedener</hi> <hi rendition="#g">Vorstellungen</hi>, die nur durch die<lb n="15"/>Synthesis möglich sind, <hi rendition="#g">bewußt</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>.« S. 57 lernen wir, daß <hi rendition="#g">Sprache</hi> mit<lb n="16"/>dem Verstande zusammenfalle; so wie wir diesen auf irgend etwas beziehen, und<lb n="17"/>dieses als ein von jedem Abgesondertes durch Merkmale anerkennen, bedürfen wir<lb n="18"/>eine sinnliche Vorstellung um den Begriff daran als an ein <hi rendition="#g">zweytes</hi> <hi rendition="#g">Merkmal</hi> im<lb n="19"/>Gedächtniß festzuknüpfen; dies Merkmal heißt <hi rendition="#g">Wort</hi>. S. 67 erfahren wir, daß in<lb n="20"/>der Kantischen Schule die Verbindung der Begriffe zu Sätzen die reine Synthesis<lb n="21"/>oder Synthesis a priori heisse. – Nach §. 182. S. 88 ist die Bedingung eines Satzes,<lb n="22"/>daß zwey Begriffe durch einen dritten Begriff auf einander bezogen werden; dieser<lb n="23"/>dritte Begriff sey das, was die Logiker Copula nennen und bedeute das Denken selbst; –<lb n="24"/>aber eben weil die Copula das Denken selbst als Thätigkeit bedeutet, so ist sie kein<lb n="25"/>Begriff im Satze selbst; wie sie vorhanden ist, in so fern über sie reflektirt, in so fern<lb n="26"/>sie also zum Begriff gemacht wird, ist sie nicht im Satze vorhanden, die Beziehung im<lb n="27"/>Satze geschieht nicht durch einen dritten Begriff; dieß ist der Schluß. – Reich an<lb n="28"/>solchen Unbestimmtheiten, oder an solchen tiefen Aufschlüssen, wie der obige über<lb n="29"/>die Sprache, lauffen die Definitionen der mancherley Arten von Begriffen, Sätzen und<lb n="30"/>Schlüssen, nach den meist gewöhnlichen Kantischen Momenten, durch die Logik<lb n="31"/>mit einem sehr methodischen Aussehen von Abtheilungen, fort.</p>
<p><lb n="32"/><hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">dritte</hi> <hi rendition="#g">Theil</hi>. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Elementarphilosophie</hi> wird nach einer Einleitung<lb n="33"/>mit einer Zweifelslehre angefangen, welche, da sie den Skepticismus nicht vom<lb n="34"/>höchsten Standpunkte aus, der immer noch verschoben wird, konstruirt, formal und<lb n="35"/>ohne wissenschaftliches Interesse ist. Man hofft, daß der zweyte Theil der Elementar<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>phil., die Wissenslehre, nunmehr endlich an das Wissen selbst und an die Wahrheit</p>
<pb n="100" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=106" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1446–1447"/>
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<p><lb n="1"/>gehen werde, aber man findet sich wieder betrogen; es wird »mit einer Theorie der<lb n="2"/>allgemeinen Gesetze der menschlichen Vorstellungen angefangen, um sich mit dem<lb n="3"/>Skeptiker fürs Erste über den Umfang und das System dieser Gesetze zu vergleichen;«<lb n="4"/>als Grund hievon wird angegeben: <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">unterdessen</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">schaden</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">könne</hi>. Diese transscendentale Theorie ist denn weiter nichts, als die abgedroschenen<lb n="6"/>Kantischen Expositionen des Raums und der Zeit, und der Kategorien, die durch ihre<lb n="7"/>unendlichen Wiederhohlungen in allen Lehrbüchern vollends eckelhaft geworden<lb n="8"/>sind. Glaubt denn der Verf. im Ernste, daß der Skeptiker sich diese transscendentalen<lb n="9"/>Gesetze der Vorstellungen gefallen lasse? – In der Logik mußte man hoffen, daß von<lb n="10"/>den Formen, die zur Eintheilung der Begriffe und Sätze dienen, denn doch in der<lb n="11"/>Elementarphilosophie eine transscendentale Deduktion gegeben werden würde; aber<lb n="12"/>der Verf. nimmt alles gerade auf, wie es bey Kant gefunden wird, und glaubt, man<lb n="13"/>müsse die vom Urheber der Vernunftkritik aufgestellte Kategorientafel für voll<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ständig gelten lassen, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">lange</hi> <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> mit Grunde gegen die behauptete Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>ständigkeit <hi rendition="#g">erinnern</hi> <hi rendition="#g">kann</hi>. Er schreibt übrigens »der Behauptung dieser Vollständig<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>keit nur den Werth <hi rendition="#g">psychologischer</hi> Wahrheit zu, so lange nicht die Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>scheidung sowohl des Mathematischen und Dynamischen in unserm Wissen, als des<lb n="18"/>Subjektiven und Objektiven zur völligen Befriedigung der Vernunft erklärt ist.«<lb n="19"/>Warum hat denn also der Verf. nicht die Kategorien, so wie die ganze Logik, erst<lb n="20"/><hi rendition="#g">nach</hi> dieser durch Vernunft begründeten Unterscheidung abgehandelt, wodurch er<lb n="21"/>sich die Möglichkeit, jene zu deduciren, bereitet hätte? Doch im folg. §. hören wir,<lb n="22"/>daß »zum Glück an dem Ausgange des Streites über die Vollständigkeit und Gründ<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichkeit der Kantischen Kategorientafel <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">viel</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">gelegen</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>; da der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stand doch damit nie ein Objekt erkenne, so <hi rendition="#g">mögen</hi> der Kategorien <hi rendition="#g">immer</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">weniger</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>.« Es ist zu glauben, daß auch den meisten Kantianern<lb n="26"/>im Grunde des Herzens an ein Paar Kategorien mehr oder weniger nichts gelegen ist,<lb n="27"/>aber so offen ist’s nicht leicht eingestanden worden. Da der Verf. einmahl zu dem<lb n="28"/>guten Gefühl gekommen ist, daß an ein Paar Kategorien mehr oder weniger der<lb n="29"/>Sache der Philosophie nichts gelegen ist, wie wir durch sie, die Objekte doch nicht,<lb n="30"/>wie sie sind, erkennen, also nicht zur Wahrheit durch sie kommen; wofür hat der<lb n="31"/>Verf. eine solche propädevtische Psychologie, eine solche Reihe formeller logischer<lb n="32"/>Definitionen, an denen noch weniger gelegen ist, aufstellen mögen? Es ist kein Grund<lb n="33"/>abzusehen, als daß das bessere Gefühl, dem es mit allen diesen Gleichgültigkeiten<lb n="34"/>nicht Ernst ist, sich durch die hergebrachte Sitte hat übermeistern lassen. Wenn der<lb n="35"/>Verf. vollends (in III. Von der transscendentalen Verbindung der Vernunft und der<lb n="36"/>Sinnlichkeit) die kritische Philosophie als ein System der transscendentalen <hi rendition="#g">Vor</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">stellungen</hi>, d. i. als einen leeren »Formalismus« bestimmt erkennt, so müßte der</p>
<pb n="101" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=107" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Verf. um so mehr die Trivialitäten der Logik, und die Leerheit dessen, was er trans<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>scendentales Wissen nennt, auf der Seite liegen lassen, wenn er ihm nicht durch eine<lb n="3"/>Konstruktion vom obersten Standpunkt aus eine reelle Bedeutung verschaffen<lb n="4"/>konnte. In §. 416 kommen in der Apodiktik diese Anfangsgründe der Philosophie<lb n="5"/>auf ein Princip der Philosophie, von welchem wir Rechenschaft zu geben haben.<lb n="6"/>Nach §. 420 werden wir in das Dilemma befangen, »<hi rendition="#g">entweder</hi> dem Begriffe der<lb n="7"/>Realität so fern er ursprünglich etwas anders, als die Vernunft selbst bedeuten soll,<lb n="8"/>alle Bedeutung abzusprechen und die reine Vernunft allein für die wahre Realität,<lb n="9"/>die sinnlichen Vorstellungen aber für mittelbare Produkte der reinen Vernunft zu<lb n="10"/>halten; – <hi rendition="#g">oder</hi> wir müssen ein Realprincip behaupten, das, von der Vernunft so<lb n="11"/>verschieden, als von der Sinnlichkeit, beyden <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi> liegt;« – der Verf.<lb n="12"/>hatte hier theils den Kantischen Vernunftbegriff vor Augen, nach welchem die reine<lb n="13"/>Vernunft der Sinnlichkeit absolut entgegengesetzt wird, theils aber vermengt er<lb n="14"/>wieder die Vernunft im idealistischen Sinne, mit jener formellen reinen Vernunft;<lb n="15"/>im Kantischen Systeme, wie es nämlich gewöhnlich genommen wird, sind die sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichen Vorstellungen nicht Produkte der Vernunft; werden sie aber als solche gesetzt,<lb n="17"/>so hat ja der Begriff der Realität auch für die Produkte der Vernunft, Bedeutung und<lb n="18"/>zwar die höchste. Im nächsten §. setzt der Vf. der ersten Seite des Dilemma, der<lb n="19"/>Selbstproduktion der Vernunft, im idealistischen Systeme, nach welchem die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>nunft das Bewußtseyn und die Objektivität schafft, entgegen, daß »damit das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wußtseyn <hi rendition="#g">übersprungen</hi> werde, denn <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> verhalte sich<lb n="22"/>alles <hi rendition="#g">umgekehrt</hi>, und das erkennende Subjekt <hi rendition="#g">findet</hi> sich <hi rendition="#g">nur</hi> in der <hi rendition="#g">Beziehung</hi><lb n="23"/>auf Objekte, <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> als Producenten derselben.« Was ist gegen einen solchen<lb n="24"/>Grund zu machen? des Verf. Realprincip fällt darnach aus, es ist <hi rendition="#g">Subjekt</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">Objekt</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ursprünglicher</hi> <hi rendition="#g">Entgegensetzung</hi>. Da die Sache so beschaffen ist,<lb n="26"/>so zweifelt Rec., ob der Verf. ihn verstehen wird, wenn er sagt, daß ganz allein<lb n="27"/>darum philosophirt wird, um die Entgegensetzung des Subjekts und Objekts, und die<lb n="28"/>Widersprüche, in die sich die Erkenntniß verliert, wenn sie dieselbe so aufnimmt,<lb n="29"/>wie sie im Bewußtseyn <hi rendition="#g">gefunden</hi> wird, aufzuheben; diese Auflösung wird aller<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>dings in ein <hi rendition="#g">ursprüngliches</hi> Entgegensetzen eines Subjekts und Objekts gesetzt,<lb n="31"/><hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">so</hi>, daß es durch ein ursprüngliches Identischseyn beyder bedingt ist; meynt<lb n="32"/>der Verf., daß durch diese Identität der Idealismus das Bewußtseyn überspringe, so<lb n="33"/>dient zur Antwort, daß diese Identität allerdings im Bewußtseyn, und das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>seyn selbst ist, aber bewußtlos vorhanden, als Vernunft, die sich nur im Philosophiren<lb n="35"/>selbst erkennt. Mit seiner ursprünglichen Entgegensetzung der Urtheilskraft, als<lb n="36"/>Realprincip findet nun der Verf. alle Räthsel der Psychologie und der Logik gelöst;</p>
<pb n="102" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=108" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="1448–1449"/>
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<p><lb n="1"/>in der Logik hätte es unerklärt und unentschieden bleiben müssen, ob denn die<lb n="2"/>Begriffe, Sätze, Realität haben, die Logik konnte das Objekt, worauf sich die Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>stellungen u.s.w. bezogen, nicht erklären; durch das Realprincip ist nunmehr alles<lb n="4"/>real gesetzt, die Gedanken sind ein Wissen, das Denken an sich setzte das Objekt vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>aus, das Realprincip spricht erst kurz und gut den Objekten absolute Realität zu. Man<lb n="6"/>kann auf die gute Meynung gerathen, in dem Realprincip des Verf. sey wirklich die<lb n="7"/>absolute Identität des Subjekts und Objekts enthalten, wenn, wie oben angeführt,<lb n="8"/>das Realprincip der Sinnlichkeit und der Vernunft zum Grunde liegen soll, wenn<lb n="9"/>ferner §. 429 das absolute Realurtheil als Selbstbehauptung des Subjekts mit einem<lb n="10"/>entgegengesetzten Objekt in <hi rendition="#g">Einer</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> ausgedrückt wird; allein es erhellt<lb n="11"/>bald, daß diese Eine Realität nur eine <hi rendition="#g">gleiche</hi> Realität, d. i. ein Begriff, oder ein<lb n="12"/>Substrat, nicht eine lebendige Identität beyder ist; schon zu Anfang dieser Anfangs<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gründe dieser spekulativen Philosophie sahen wir, daß der Verf. nachdem er das sich<lb n="14"/>selbst Denken als Anfangspunkt der Philosophie von der Weise des Idealismus auf<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>genommen, nun <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">wußte</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">fortmachen</hi> sollte, und also zum<lb n="16"/>natürlichen Wege der Psychologie und Logik eine Zuflucht nahm, Wege, die ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schmäht werden mußten, wenn das Realprincip die absolute Identität ist; vollends<lb n="18"/>wird man aufgeklärt, wenn neben jenes Realprincip, ein absolutes Idealprincip von<lb n="19"/>§. 431 an gestellt wird, <hi rendition="#g">weil</hi> (<hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">doch</hi> sollte das Realprincip der <hi rendition="#g">Vernunft</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="20"/>der Sinnlichkeit zu Grunde liegen) <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">subjektive</hi> <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi><lb n="21"/>auch zum Räsonniren gehöre, und durch jenes Realprincip nicht <hi rendition="#g">erklärt</hi> sey –<lb n="22"/>sofern sie auf der reinen Abstraktion beruhe; und nach §. 434 <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">unmöglich</hi><lb n="23"/>nicht nur, die Realität aus der Vernunft, oder die Vernunft aus der Realität, <hi rendition="#g">son</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">dern</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">Beydes</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">absolut</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erklären</hi>.</p>
<p><lb n="25"/>Noch einmahl steigt bey §. 438 die Hoffnung auf, daß der Verf. endlich sich aus<lb n="26"/>dem Dualismus herausfinden werde; es ist hier von der <hi rendition="#g">Idee</hi> des Absoluten die<lb n="27"/>Rede; <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">höchste</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi> <hi rendition="#g">bedeute</hi> <hi rendition="#g">sowohl</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Realprincip</hi>,<lb n="28"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Idealprincip</hi>; wenn der Verf. sich verdeutlicht hätte, was er damit sagte,<lb n="29"/>so konnte er ein Paar §§. vorher es nicht für unmöglich erklären, das Ideal- und<lb n="30"/>Realprincip als Eins zu setzen; was bedeutet denn diese gedoppelte Bedeutung des<lb n="31"/>Absoluten? wie kann das Absolute beydes bedeuten, wenn es nicht Real- und Ideal<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>princip zugleich ist, und wenn eben dadurch nicht beyde <hi rendition="#g">Eines</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Dasselbe</hi><lb n="33"/>sind. Hat der Verf. vergessen, daß er §. 410 den Kantianern vorwarf, daß sie das<lb n="34"/>Absolute zu einer <hi rendition="#g">bloßen</hi> <hi rendition="#g">Idee</hi> machen? Warum richtet er nicht die Frage an sich,<lb n="35"/>die er §. 430 an den Skeptiker richtete: wie kommt die Idee des Absoluten, als des<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>jenigen, das sowohl Ideal- als Realprincip bedeutet, auch nur skeptisch in den Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>stand? – Das Absolute dient aber dem Verf. zu weiter nichts, als zu bemerken, daß<lb n="38"/>wir durch <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> desselben, in <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Bedeutung</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Realprincip</hi>, ein<lb n="39"/>objektives, ein geschlossenes Ganzes oder Totales denken; und daß er in seiner</p>
<pb n="103" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=109" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1449–1450"/>
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<p><lb n="1"/>Bedeutung <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Idealprincip</hi>, der Begriff des transscendental Unendlichen, und<lb n="2"/>dadurch auch des unendlichen Zweifels im Denken, als in einer nie geschlossenen<lb n="3"/>Reihe von Begriffen sey.</p>
<p><lb n="4"/>Wenn Kant die gemeine Definition, daß der Mensch aus Seele und Leib bestehe,<lb n="5"/>in die: daß er aus Vernunft und Sinnlichkeit bestehe, übersetzt hat, so ist nicht viel<lb n="6"/>gebessert worden, aber beydes giebt den Gegensatz doch sehr klar; Hrn. <hi rendition="#g">Bout</hi>,<lb n="7"/>Uebersetzung in ein Ideal- und in ein Realprincip verwirrt die Sache hingegen nur<lb n="8"/>mehr; sein Realprincip setzt schon neben das Objekt ein Subjekt, das §. 432 räson<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>niren, nur nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">denken</hi> kann; »ob denn gleich freylich die Schulen beydes<lb n="10"/>für Eines nehmen.« Neben der Vernunft, als dem Idealprincip, und neben dem Real<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>princip, hat Hr. <hi rendition="#g">Bout</hi>. denn doch auch noch die Sinnlichkeit besonders nöthig,<lb n="12"/>denn, so wie das Realprincip, der Vernunft so schlecht zum Grunde liegt, daß man noch<lb n="13"/>eine Vernunft außer dem Realprincip braucht, so wird es wohl auch der Sinnlichkeit<lb n="14"/>nicht besser zum Grunde liegen; man findet erst weiter unten darüber Aufschluß.</p>
<p><lb n="15"/>Der letzte Abschnitt dieser transsc. Phil. – von der transscend. Resignation, der<lb n="16"/>damit anfängt, daß <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">allem</hi> <hi rendition="#g">Philosophiren</hi> uns nicht über den spekula<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>tiven Gegensatz des Ideal- und Realprincips erheben können – führt die Räthsel auf,<lb n="18"/>die nach allem Philosophiren noch übrig bleiben; a) das Bewußtseyn ist sich selbst<lb n="19"/>ein unauflösliches Räthsel; b) <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Mehrheit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Mannichfaltigkeit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">sinn</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">Vorstellungen</hi> ist weder durch das Ideal- noch <hi rendition="#g">Realprincip</hi> erklärt;<lb n="21"/>letzteres giebt nichts als nur das <hi rendition="#g">Objekt</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, nicht <hi rendition="#g">dieses</hi> oder <hi rendition="#g">jenes</hi><lb n="22"/>Objekt, §. 446. Ersteres §. 447 ist das Ich im Denken, als <hi rendition="#g">einfach</hi> im Gegensatze<lb n="23"/>mit der Mannichfaltigkeit; wir brauchen also zur Erklärung derselben <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Sinn</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>. §. 448. c) §. 451 bleibt in Ansehung der Form des Erkennens, und der<lb n="25"/>Kantischen Vorstellungsgesetze nichts übrig, als sie überhaupt auf sich beruhen zu<lb n="26"/>lassen. – Bey dieser Unmöglichkeit einer transscend. Befriedigung der Vernunft ist<lb n="27"/>die absolute Wahrheit nur <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Idee</hi>, und! §. 453 »im Bewußtseyn der Unmöglich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>keit, sie realisirt <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">finden</hi>, BEHELFEN wir uns DENN EMPIRISCH mit dem<lb n="29"/>Begriffe <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">empirischen</hi> oder PSYCHOLOGISCHEN Wahrheit die wir – als eine<lb n="30"/>Uebereinstimmung unserer Vorstellungen mit ihren Gegenständen denken!!« satis<lb n="31"/>superque. – Am Ende folgen noch die kantischen Abfertigungen der rationalen<lb n="32"/>Psychologie, Kosmologie und Theologie; bey der Idee von Gott §. 462 erkennt<lb n="33"/>Hr. <hi rendition="#g">Bout</hi>. wieder nur das <hi rendition="#g">antinomische</hi> des <hi rendition="#g">Bestehens</hi> des Gegensatzes zwischen<lb n="34"/>Realität und Idealität, und des <hi rendition="#g">Vernichtens</hi> desselben durch den reinen Gedanken;<lb n="35"/>nicht, daß die Synthese des Alles und des Nichts, die absolute Realität seyn muß.</p>
<p><lb n="36"/>Das höchste dieser Philosophie ist das Bewußtseyn, in diesem findet man, man weiß<lb n="37"/>nicht warum? ein Ideal- und Realprincip, eine Sinnlichkeit und noch eine große</p>
<pb n="104" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=110" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1450–1451"/>
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<p><lb n="1"/>Menge anderer Dinge. Dieses Bewußtseyn ist genau eben dasselbe Substrat für Alles,<lb n="2"/>wie es ehedem das Seelending war; der Unterschied ist rein formell, und die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sophie hat ihn für gar Nichts zu achten.</p>
<p><lb n="4"/>Es erhellt aus allem bisherigen, daß der Verf. bey dem Bedürfniß, ein Lehrbuch der<lb n="5"/>spekulativen Philosophie zu haben – das haltungslose der – besonders Kantischen –<lb n="6"/>Materialien sehr gut erkannte, aber in Rücksicht aufs Princip der Philosophie, nicht<lb n="7"/>über das Princip des Kantischen Systems, nicht über die <hi rendition="#g">Idee</hi> des Absoluten zum<lb n="8"/>Absoluten selbst, – Seyn oder Thätigkeit, diese Formen werden auf dem höchsten<lb n="9"/>Standpunkt der Spekulation, selbst gleichgültig, – durchgedrungen ist; – in Rücksicht<lb n="10"/>auf die Materialien, sie, weil der höchste Standpunkt nicht erreicht ist, nicht kon<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>struiren konnte, sondern ihre Blöße mit dem Behelf bedeckte, daß der Skeptiker<lb n="12"/>gegen sie in dieser Dürftigkeit nichts werde einzuwenden haben, und bey dem<lb n="13"/>wenigen Interesse, das an ihnen zu nehmen war, es mit den Definitionen, weder in<lb n="14"/>Rücksicht der richtigen Unterscheidungen, noch weniger der Tiefe genau genommen<lb n="15"/>hat; die mancherley aufgenommenen Materialien machen das Ganze zu einem<lb n="16"/>Gemische aus sehr heterogenen Elementen, aus empirischer Psychologie, gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>licher Logik, Skepticismus, Kantischem Kriticismus, auch transscendentalem Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mus; der letztere giebt nämlich zuweilen die Anfänge der Abschnitte her; der skep<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tischen Methode wegen will der Verf. nicht mit Definitionen anfangen, sondern der<lb n="20"/>Begriff des zu definirenden, soll sich – nach der Foderung des Idealismus, – durch<lb n="21"/>selbstthätiges Denken, und durch die Aufmerksamkeit darauf selbst erzeugen; allein,<lb n="22"/>es bleibt denn auch bey dieser Auffoderung, und es folgt nicht, wie zu erwarten<lb n="23"/>wäre, eine Konstruktion der Thätigkeiten in ihrer Nothwendigkeit; sondern es geht<lb n="24"/>an ein analytisches Definiren und Erzählen dessen, was sich, wie Kant und andere<lb n="25"/>versichern, im Bewußtseyn findet, wie wir oben bey den Kategorien sahen, daß sie<lb n="26"/>so aufgenommen werden, weil sie Kant in dieser Anzahl hat, eben so ists mit dem<lb n="27"/>übrigen. Originell wird ein solcher Eklekticismus schon durch sich selbst, da der<lb n="28"/>Faden, an dem die Theile der fremdartigen Systeme fortlaufen, willkührlich ist, und<lb n="29"/>der Reflexionsformen, in welchen die höchsten Gegensätze des Dualismus aufgestellt<lb n="30"/>werden können, unendliche sind. – Die Angst vor der Vernunft und der Philosophie,<lb n="31"/>legitimirt sich damit, daß die Realität der Erkenntnisse vorher recht begründet wer<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>den müsse, ehe man philosophire; sie nennt sich, wie bey Reinhold, reine Liebe und<lb n="33"/>Glauben an Wahrheit, oder Scheue vor Dogmatismus, kritisches Philosophiren,<lb n="34"/>skeptische Methode; weil nicht philosophirt und doch etwas philosophisches gethan<lb n="35"/>werden soll, so ist in unsern Zeiten die Erfindung eines provisorischen Philosophirens<lb n="36"/>gemacht, und die Geschichte der Philosophie mit diesem neuen Phänomen bereichert<lb n="37"/>worden.</p>
<pb n="105" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=111" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="105–106"/>
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<head><lb n="1"/>ZWEI SCHRIFTEN WERNEBURGS</head>
<p><lb n="2"/>I. <hi rendition="#g">Kurze</hi> <hi rendition="#g">wissenschaftliche</hi> <hi rendition="#g">Darlegung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Unhaltbarkeit</hi> – <hi rendition="#g">sowohl</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">transscend</hi>. <hi rendition="#g">ideal</hi>. <hi rendition="#g">Systems</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Fichte</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Systems</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">eiteln</hi> <hi rendition="#g">Genußlehre</hi> – <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">kritischen</hi> <hi rendition="#g">Systems</hi> – u.s.w. von J. Fr. C.<lb n="5"/><hi rendition="#g">Werneburg</hi> 1800. S. 27. 8.</p>
<p><lb n="6"/>II. <hi rendition="#g">Versuchte</hi>, <hi rendition="#g">kurze</hi>, <hi rendition="#g">faßliche</hi> <hi rendition="#g">Vorschilderung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Allwissenschafts</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">lehre</hi>, oder alleinigen sogenannten Philosophie und faßlichere Darstellung der<lb n="8"/>Grundlosigkeit beyder extrematischer Systeme des Idealismus und des Dogmatis<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>mus u.s.w. von D. J. Fr. C. <hi rendition="#g">Werneburg</hi>. Verlagshandl. für die neueste Litter.<lb n="10"/>1060 (1800) S. 70. 8.</p>
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<p><lb n="11"/>Der zweyten Schrift ist außer dem hier abgekürzten Titel, noch zum Ueberfluße<lb n="12"/>ein anderer weitläufigerer beygegeben; und die angegebenen Seitenzahlen sind auch<lb n="13"/>nach dem Taunsystem zu verstehen. – Eben diese triste Subjektivität spricht in dem<lb n="14"/>Inhalt der beyden Broschüren, die zu keiner objektiven Darstellung, so wenig als zu<lb n="15"/>wissenschaftlichen Ansichten gelangt; sondern sich in allgemeinen Deklamationen<lb n="16"/>eines und ebendesselben Inhalts, und tiefseynsollenden Andeutungen, und in einer<lb n="17"/>keinen Faden findenden Verworrenheit herumtreibt, die zugleich sehr große Präten<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sionen macht. In der Vorr. von n. 1. sagt der Verf., daß die <hi rendition="#g">mehresten</hi> der getheil<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ten philosophischen Partheyen hoffen <hi rendition="#g">insgesamt</hi> auf einen Mann, der nicht bloß<lb n="20"/>gründliche Philosophie besitze, sondern auch philosophische Mathematik damit ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>einige, – und als Schiedsrichter auftrete; er (W.) erkühne sich jetzt beyden Theilen<lb n="22"/>nach seinen Kräften unpartheyisch ihre Irrthümer zu zeigen; er fühle dabey mehr als<lb n="23"/>zu sehr die Wichtigkeit und Last eines solchen eigenmächtigerweise übernommenen<lb n="24"/>Amtes, und bloß die Hoffnung, daß u.s.w.</p>
<p><lb n="25"/>In I. nimmt der Verf. indem er die Grundlosigkeit des Fichte’schen Systems be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>weisen will, auf die Wissenschaftslehre, und dabey auf seinen (W’s) Freund, Heu<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>singer, der ihn (W.) mit seiner Schrift gegen Fichte sehr geschmerzt hat – in II. auf<lb n="28"/>die Darstellung der Wissenschaftslehre im philos. Journal Rücksicht. Wir geben das</p>
<pb n="106" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=112" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="106–107"/>
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<p><lb n="1"/>Hauptprincip des Verf. S. 19 in seinen eigenen Worten, und damit zugleich eine<lb n="2"/>Probe von seinem Stil und Manier: »der Philosoph kann und soll Beziehungsweise<lb n="3"/>rücksichtlich (jedoch schlechterdings nicht absolut, unbedingt) abstrahiren, d. i. ab<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stehen und absehen von etwas; das heißt er soll das in der Vernehmung und Er<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>fahrung, im Bewußtseyn <hi rendition="#g">Urvereinte</hi> durch Freyheit und Nothwendigkeit des<lb n="6"/>Vernehmens und Denkens <hi rendition="#g">urtheilen</hi>, trennen. Und er kann und soll <hi rendition="#g">hinwieder</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">um</hi> nach und während der Abstraktion (Abstehung und Absehung) auf das <hi rendition="#g">Ur</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">getheilte</hi> durch Freyheit und Nothwendigkeit des Vernehmens <hi rendition="#g">urvereinen</hi>, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bünden. In der Vernehmung und Erfahrung sind <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> (<hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Du</hi>), das Urnoth<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wendige, dasjenige, welches unabhängig von unserer Freyheit bestimmt seyn soll,<lb n="11"/>und ist, und wornach unsere Erkenntniß sich richten soll; und <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Intelligenz</hi>,<lb n="12"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> (das Ich), das <hi rendition="#g">Urfreye</hi>, dasjenige, welches erkennen soll, <hi rendition="#g">unzertrenn</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">lich</hi> verbunden, d. i. diese beyden Urtheile, Urgetheilten sind in ein Ganzes nicht<lb n="14"/>bloß vereint, sondern urvereint.« Das Verfahren, das wähnt von dem Du ist Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mus, – das wähnt von dem Ich gänzlich abstrahirt zu haben, Dogmatismus; das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>fahren, welches keine solche Verletzung an dem Heiligthume, dem Urvereinten,<lb n="17"/>begehe, sey Naturalismus; das Urvereinte nennt der Verf. IchDu. – Außer der<lb n="18"/>obigen Stelle, worin der Hauptgedanke des Vf. ausgedruckt ist, ist das übrige der<lb n="19"/>beyden Schriften ein eintöniges, hypochondrisches, apostrophirendes Entgegensetzen<lb n="20"/>des Idealismus und Dogmatismus, wiederkehrendes Deklamiren; u.s.w. worüber<lb n="21"/>weiter nichts gesagt werden kann; und in welchem Rec. nur noch auf Eine lichte<lb n="22"/>Stelle S. 41 gefallen ist. »Seine wahre Würde findet und erkennt der Mensch als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>nunftwesen nun erst, indem er sich gleichsam für den Spiegel anerkennt, in welchem<lb n="24"/>sich das Unendliche erst erkennt und erkennen kann. – Er ist das Organ, wodurch die<lb n="25"/>unendliche Synthesis sich ihrer erst selbst bewußt wird, und sich selbst anschaut.« –<lb n="26"/>Der Grundidee des Verf. kann nicht abgesprochen werden, daß in ihr die Idee der<lb n="27"/>Philosophie ausgedrückt seyn könnte, aber ob dies wahrhaft so ist, ist nur erkennbar,<lb n="28"/>so wie sie nur Werth und Verdienst hat, wenn sie wissenschaftlich gemacht ist.</p>
<pb n="107" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=113" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="276–277"/>
<fw type="header" place="top">ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</fw>
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<head><lb n="1"/>GERSTÄCKERS DEDUKTION DES RECHTSBEGRIFFS</head>
<p><lb n="2"/><hi rendition="#g">Versuch</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">gemeinfaßlichen</hi> <hi rendition="#g">Deduktion</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Rechtsbegriffs</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Gründen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi> als Grundlage zu einem künftigen System der<lb n="4"/>Philosophie des Rechts. Von <hi rendition="#g">K.</hi> <hi rendition="#g">Fr.</hi> <hi rendition="#g">Wilh.</hi> <hi rendition="#g">Gerstäcker</hi>, Rechtskons. zu Leipzig.<lb n="5"/>Breslau, b. Aug. Schall 1801. S. 170. 8. (14 Gr.)</p>
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<p><lb n="6"/>Der Verf. hat sich eine schwere Aufgabe gemacht, die Deduktion aus den höchsten<lb n="7"/>Gründen des Wissens mit Gemeinfaßlichkeit zu vereinigen; was bey einem solchen<lb n="8"/>Versuch gewöhnlich der Fall ist, daß die Gemeinfaßlichkeit über die Höhe der Gründe<lb n="9"/>die Oberhand gewinnt, findet sich auch in diesem Versuch.</p>
<p><lb n="10"/>Die <hi rendition="#g">Einleitung</hi> enthält tief seyn sollende Unterscheidungen von <hi rendition="#g">Metaphysik</hi><lb n="11"/>und <hi rendition="#g">Physik</hi> des Rechts; die <hi rendition="#g">Metaphysik</hi> sondere die Idee Recht von den mit ihr<lb n="12"/>so oft vertauschten Begriffen, Moralität, Glückseligkeit und willkührlicher Gewalt<lb n="13"/>(Recht des Stärkern) so wie von allen besondern empirischen Verhältnissen an denen<lb n="14"/>sie sich äussern könne, ab, entwickle mit Vollständigkeit die in ihr enthaltenen Merk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mahle, leite von diesen ein System reiner Vernunft-Grundsätze über das Recht her<lb n="16"/>u.s.w. – Das Naturrecht (die <hi rendition="#g">Physik</hi> des Rechts) beziehe die von der Metaphysik<lb n="17"/>aufgestellte Idee, so wie das von ihr hergeleitete System reiner Vernunftprincipien<lb n="18"/>auf den ganzen Umkreis möglicher menschlicher Verhältnisse, welche darunter<lb n="19"/>gehören, und der Prüfung, ob und in wiefern sie durch das Rechtsgesetz bestimmt<lb n="20"/>werden, bedürfen. – Dieses Trennen des rein formalen Rechtsbegriffs, von seiner<lb n="21"/>Realität, verwandelt die Metaphysik des Rechts in einen blossen Formalismus, der es<lb n="22"/>nur mit einem leeren Begriff und seiner Analyse zu thun hätte; die Physik des<lb n="23"/>Rechts aber in ein subsumiren der möglichen menschlichen Verhältnisse, unter den<lb n="24"/>in der vorigen sogenannten Metaphysik aufgestellten allgemeinen Begriff; aber diese<lb n="25"/>möglichen menschlichen Verhältnisse, worauf der ihnen nicht einwohnende, und<lb n="26"/>besonders aufgestellte Begriff in der Physik erst angewendet wird, wie kommt denn<lb n="27"/>ein solches Verfahren zu ihnen anders, als auf eine empirische Weise; denn im Begriff<lb n="28"/>liegen sie nicht; und jener Begriff, was ist er anders, als das Produkt eines abstrahiren<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>den Formalismus? – Diese ganze Unterscheidung der Wissenschaft des Rechts in</p>
<pb n="108" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=114" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="277–278"/>
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<p><lb n="1"/>Metaphysik und Physik drückt nichts aus, als die gemeine Methode der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schaften, die ihren Inhalt aus gemeiner Erfahrung, ihre Form aus der Reflexion neh<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>men; die letzten Gründe des Wissens, aus denen uns auf eine solche Weise das Recht<lb n="4"/>deducirt werden soll, können so wenig die letzten seyn, daß sie überhaupt nicht zur<lb n="5"/>Philosophie emporsteigen.</p>
<p><lb n="6"/>Der Verf. theilt hierauf seine Abhandlung in drey Theile; <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">erste</hi> soll aus<lb n="7"/>mannichfaltigen Aeusserungen des gemeinen Menschenverstands über rechtliche<lb n="8"/>Verhältnisse die Bestandtheile des demselben vom Rechte dunkel vorschwebenden<lb n="9"/>Begriffs auffassen, und in einen Allgemeinbegriff vereinigen; – <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">zweyte</hi> zu den<lb n="10"/>höchsten Gründen des Wissens emporsteigen, auch aus diesen die Nothwendigkeit<lb n="11"/>(Realität) des Rechts, mithin zugleich den Umfang und die Merkmale seines Begriffes<lb n="12"/>ableiten; so – <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">dritte</hi> den in dieser Höhe gefundenen Begriff mit demjenigen,<lb n="13"/>wovon die Untersuchung ausgieng, vergleichen, und für jeden in den letztern auf<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>genommenen Bestandtheil den Beweis aus dem erstern führen.</p>
<p><lb n="15"/>Was nun die Entwicklung des Rechtsbegriffs aus Urtheilen des gemeinen Men<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schenverstands betrifft, so unterscheiden sich nach demselben die Aussprüche des<lb n="17"/>gemeinen Menschenverstandes über das Recht von dem Wissen über dasselbe da<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>durch, daß jener in völliger Bewußtlosigkeit über die Idee (formale Grundsätze und<lb n="19"/>Begriffe hat er wohl, aber im vorkommenden Fall machte er selbst unmittelbar die<lb n="20"/>Einschränkungen seiner allgemeinen Begriffe, welche das Wissen schon enthalten<lb n="21"/>muß), wie über den Zusammenhang der Totalität der rechtlichen Verhältnisse ist,<lb n="22"/>und nur im einzelnen Fall, nach dem Ganzen einer Anschauung, sein: Es ist recht oder<lb n="23"/>unrecht, ausspricht. Die Urtheile des gemeinen Menschenverstands über Recht und<lb n="24"/>Unrecht können daher nicht anders als an einer Menge von Beyspielen wirklicher<lb n="25"/>Fälle dargestellt werden, eine Menge, die nicht unbestimmter Weise zusammengerafft<lb n="26"/>werden dürfte, sondern nach der Idee der Totalität in einem solchen Umfang aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gewählt werden müßte, daß der Umfang der rechtlichen Verhältnisse in ihnen er<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schöpft würde, was schon an und für sich unmöglich ist, und auch darum, weil der<lb n="29"/>gemeine Menschenverstand eben darum gemeiner Menschenverstand ist, daß er in<lb n="30"/>seinen lebendigen Urtheilen nicht abstrahirt, und kein reines Urtheil über das recht<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>liche fällt, sondern die Rücksicht des sittlichen einmischt. G. hat diesen Weg nicht<lb n="32"/>gewählt; sondern dem gemeinen Menschenverstande den allgemeinen Begriff seines<lb n="33"/>rechtlichen Urtheilens abzuhören gesucht, was denn nichts anders heißt, als daß er<lb n="34"/>das Urtheilen des gemeinen Menschenverstandes eigentlich gar nicht zum Worte<lb n="35"/>kommen läßt, sondern im Aufnehmen desselben es sogleich erklärt, d. h. nichts als die<lb n="36"/>eigenen Begriffe vorträgt; so ist z. B. als ein Urtheilen des gemeinen Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>verstandes vorgetragen, daß eine Handlung, wodurch in die freye Thätigkeitssphäre</p>
<pb n="109" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=115" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="278–279"/>
<fw type="header" place="top">GERSTÄCKERS DEDUKTION</fw>
<p><lb n="1"/>eines Menschen gewaltsam eingewirkt wird, für rechtswidrig gehalten werde, müsse<lb n="2"/>ihr Urheber dieses gewaltsame Zusammentreffen seiner That mit der äussern Freyheit<lb n="3"/>des Beschränkten gewußt, oder sich doch darum zu bekümmern die Verbindlichkeit<lb n="4"/>gehabt haben u.s.w.</p>
<p><lb n="5"/>Der <hi rendition="#g">zweyte</hi> <hi rendition="#g">Abschnitt</hi> S. 25, der die Deduktion des Rechtsbegriffs aus den<lb n="6"/>höchsten Gründen des Wissens enthält, giebt gleich über den Begriff wissenschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>licher Deduktion sonderbare Vorstellungen; der Verf. sagt S. 26: Hätte der Rechts<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>begriff sein Objekt in der Anschauung, so <hi rendition="#g">brauchte</hi> man ihn nur mit <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">sammenzuhalten</hi>, um von seiner Wahrheit überzeugt zu werden, wie <hi rendition="#g">dieß</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Fall</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Begriffen</hi> und <hi rendition="#g">Sätzen</hi> der »<hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Mathematik</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">em</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">pirischen</hi> <hi rendition="#g">Naturwissenschaft</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Die <hi rendition="#g">Richtigkeit</hi> oder <hi rendition="#g">Unrichtigkeit</hi><lb n="12"/>dieser muß sofort <hi rendition="#g">aus</hi> der <hi rendition="#g">zwischen</hi> <hi rendition="#g">ihnen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Anschauung</hi> <hi rendition="#g">vor</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">genommenen</hi> <hi rendition="#g">Vergleichung</hi> <hi rendition="#g">einleuchten</hi>, <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">nöthig</hi> hat,<lb n="14"/>nach <hi rendition="#g">gefundener</hi> <hi rendition="#g">Uebereinstimmung</hi> <hi rendition="#g">beyder</hi>, <hi rendition="#g">andere</hi> Gründe zu <hi rendition="#g">suchen</hi>.«<lb n="15"/>Denn das Daseyn der Anschauung könne Niemand, der Sinne, – und die Harmonie<lb n="16"/>eines Begriffs und Satzes mit ihr, Niemand, der die gemeine Urtheilskraft besitze,<lb n="17"/>leugnen; ein mit den Erscheinungen in allen Punkten übereinstimmender Satz habe<lb n="18"/>daher vollkommene Evidenz. – Das wäre also die Manier, nach welcher Pythagoras<lb n="19"/>den Satz: daß das Quadrat der Hypotenuse gleich ist den Quadraten der beyden<lb n="20"/>Katheten, erwiesen hätte, – daß er in den Erscheinungen probirt hätte, wie sein Satz<lb n="21"/>mit diesen damit zusammenstimme. In dem was der Verf. empirische Naturwissen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schaft nennt, wird freylich so verfahren, aber dafür ist es Empirie, und nicht Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schaft. Ohne Zweifel ist der Verf. auf solche Begriffe von der wissenschaftlichen<lb n="24"/>Konstruktion durch Mißverstehen desjenigen geleitet worden, was Kant in der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>leitung der Krit. der reinen Vern. über die Apriorität der Urtheile der Mathematik<lb n="26"/>und Naturwissenschaft, und in wiefern ihre Nothwendigkeit sich auf Anschauung<lb n="27"/>gründe, sagt.</p>
<p><lb n="28"/>Mit der Deduktion des Rechts selbst, die der Verf. aus den höchsten Gründen des<lb n="29"/>Wissens, so recht aus den tiefsten Tiefen der Vernunft heraufpumpen will, wird sehr<lb n="30"/>weit ausgehohlt; S. 29 fängt sie der Verf. damit an, daß wenn er den ganzen Horizont<lb n="31"/>des für ihn möglichen Wissens umblicke, so theile er sich in zwey ihn völlig aus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>füllende Bezirke, in das Innere und Aeußere. – Die Außenwelt, und die Innenwelt<lb n="33"/>wird dann eben so abgehört, was sich in ihnen finde, wie im ersten Abschn. der<lb n="34"/>gemeine Menschenverstand. – Viele Seiten hindurch wird erzählt, daß wenn man nie<lb n="35"/>saure Dinge geschmeckt, einen purpurfarbnen Rock gesehen hätte, man auch nicht<lb n="36"/>wüßte, was sauer u.s.w. wäre; aber eben daraus, daß jeder diese Eigenschaften emp<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>finden müsse, seyen sie nichts an den Aussendingen. »Jemehr ich darüber nachdenke,</p>
<pb n="110" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=116" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="279–280"/>
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<p><lb n="1"/>desto einleuchtender wird es mir, daß Farben und mithin Gestalten, auch Raum und<lb n="2"/>Zeit nichts an den Dingen selbst, sondern bloß Empfindungen in mir sind, einfache,<lb n="3"/>untheilbare Begebenheiten meines Geistes sind, die ich erst auf Etwas außer mir aus<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>breite; alles sind erzwungene Zustände in mir, denn nach Absonderung aller Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schaften, die offenbar nur Empfindungen sind, bleibt an den Dingen nichts mehr<lb n="6"/>übrig.« – Dieser höchste Idealismus gründet sich also allein darauf, daß darauf auf<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>merksam gemacht wird, wie alles Objektive ein Subjektives, – das Riechbare und<lb n="8"/>Schmeckbare im Riechen und Schmecken ist; eine Wahrheit, woran wohl noch kein<lb n="9"/>Realist gezweifelt hat, um deren Willen den Idealismus zu evociren unnöthig ist,<lb n="10"/>denn sie ist in der empirischen Psychologie zu Hause. – »Die Gestalten sind er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>zwungene Handlungen meines Geistes, wenn ich das sichtbare Mannichfaltige und<lb n="12"/>das Zusammengesetzte desselben aufhebe, so bleibt nichts übrig als die äußere Kraft,<lb n="13"/>eine mein Inneres auf eine bestimmte Art zwingende, eine Hemmung in der freyen<lb n="14"/>Thätigkeit meines Geistes erzeugende Wirksamkeit; – die Annahme äusserer Kräfte<lb n="15"/>habe ich aber darum nicht für ein Phantom zu halten, noch alles Aeußere für einen<lb n="16"/>bloßen Inbegriff meiner Zustände, und ihres abgezwungenen Verknüpfens; ich<lb n="17"/>müßte sonst den in der tiefsten Tiefe meines Wesens gegründeten Zwang, etwas<lb n="18"/><hi rendition="#g">von</hi> – <hi rendition="#g">einem</hi> Empfinden und Verknüpfen Unabhängiges und ihm zu Grunde<lb n="19"/>liegendes <hi rendition="#g">voraussetzen</hi> zu müssen, meiner bessern Ueberzeugung entgegen, läug<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>nen; das Ding an sich, weil das Gefühl der Nothwendigkeit doch nur in mir selbst<lb n="21"/>vorhanden ist, ist nichts als ein unbekanntes Etwas, der absolute Anstoß, den ich<lb n="22"/>setze, um mein Empfinden zu erklären, eine nothwendige Voraussetzung und seine<lb n="23"/>Beschaffenheit nicht in der Erfahrung zu entdecken; daß ich mir die unbekannte<lb n="24"/>Grundlage meines Empfindens – als <hi rendition="#g">Thätigkeiten</hi>, als Kräfte vorstelle, damit will<lb n="25"/>ich mir nicht anmassen, ihr <hi rendition="#g">inneres</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">kennen</hi>, sondern der Bewegungs<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>grund ist, für meine forschende Vernunft eine Antwort auf die Frage nach der<lb n="27"/>Bedingung der Nothwendigkeit des Empfindens und äußern Beziehens zu haben.« –<lb n="28"/>(Wie kann denn aber die forschende Vernunft sich da befriedigt finden, wo sie das<lb n="29"/>Innere Wesen nicht kennt? forscht sie denn nur nach der Erkenntniß des äußern? Ist<lb n="30"/>denn Vernunfterkenntniß etwas anderes, als Erkenntniß des innern Wesens der<lb n="31"/>Dinge? der Dinge, wie sie an sich sind?)</p>
<p><lb n="32"/>Die Untersuchung steht endlich da still, wo sie <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Gründen</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi> gelangt, S. 117. »dies sind die beyden Unendlichen, das freye Ich, und<lb n="34"/>die äußern Kräfte; wie hängen nun diese beyden Unendlichen zusammen, ist eines<lb n="35"/>das Produkt des andern? Diese Fragen sind absolut unbeantwortbar; – <hi rendition="#g">denn</hi> in<lb n="36"/>jedem Bewußtseyn mithin auch in dem des etwannigen Beantworters müssen beyde</p>
<pb n="111" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=117" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="280"/>
<fw type="header" place="top">GERSTÄCKERS DEDUKTION</fw>
<p><lb n="1"/>als antipodisch vorkommen. Durch ihr stetes Zusammentreffen, durch ihren immer<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>währenden Kampf aus entgegengesetzten Punkten entsteht allererst Wirklichkeit,<lb n="3"/>Erfahrung, Wissen, Erkenntniß. – Beyde müssen ewig unvereinbar bleiben, jedes der<lb n="4"/>entgegengesetzten ist ein Absolutes für sich, und doch jedes auch durch das andere<lb n="5"/>bedingt.« – Und dies sind <hi rendition="#g">dann</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Gründe</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi>, die wie<lb n="6"/>wir sehen, in nichts anderem als dem allergewöhnlichsten und formellsten Dualismus<lb n="7"/>mit Fichte’schen Farben, und gehörig erbaulichen und rednerischen Amplifikationen<lb n="8"/>übertüncht, bestehen.</p>
<p><lb n="9"/>Das Verhältniß der <hi rendition="#g">rechtlichen</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> wird nun so eingeführt, daß der<lb n="10"/>Mensch durch seinen Leib und die Außenwelt mit den freyen Wesen seiner Gattung<lb n="11"/>im Verhältniß möglicher Wechselwirkungen steht; wodurch einer der Wirksamkeit<lb n="12"/>des andern unwiderstehlichen Zwang entgegensetzen könne; der Zustand, in wel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>chem weder ihre Wirksamkeit gewaltsam gehemmt, noch sie untereinander dieselbe<lb n="14"/>hemmen, ist jenes Verhältniß der rechtlichen Freyheit. – Nun folgt noch manches<lb n="15"/>über das Sittengesetz, was man nicht anders als Deklamationen nennen kann; und<lb n="16"/>weder die höchsten Gründe des Wissens, noch eine Deduktion des Rechts aus den<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>selben sind irgendwo zu erblicken, sondern nichts als Kantische Moralphilosophie<lb n="18"/>und Worte des Fichte’schen Idealismus als ein Dualismus aufgefaßt, mit leerem<lb n="19"/>deklamatorischem Schwung vorgetragen, der die Sache wahrscheinlich populär und<lb n="20"/>gemeinfaßlich machen soll.</p>
<p><lb n="21"/>Der dritte Abschnitt, S. 154., der Beweis der Richtigkeit des im ersten Abschnitt<lb n="22"/>aus Urtheilen des gemeinen Verstandes entwickelten Begriffs, findet sich freylich<lb n="23"/>sehr leicht; denn im ersten Abschn. waren schon die Begriffe des zweyten in den<lb n="24"/>gemeinen Verstand hinein erklärt, und das Ganze hätte darum eben so gut unter dem<lb n="25"/>Titel des ersten Abschnitts abgehandelt werden können.</p>
<pb n="112" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=118" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="169"/>
<fw type="header" place="top">ERLANGER LITTERATUR-ZEITUNG</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>KRUGS ENTWURF EINES NEUEN ORGANON’S<lb n="2"/>DER PHILOSOPHIE</head>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Entwurf</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">neuen</hi> <hi rendition="#g">Organon’s</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, oder Versuch über die<lb n="4"/>Principien der philosophischen Erkenntniß. Von <hi rendition="#g">Wilh</hi>. <hi rendition="#g">Traug</hi>. <hi rendition="#g">Krug</hi>, Adj. der<lb n="5"/>philos. Fakultät zu Wittenberg. Τι πρωτον ἐστιν ἐργον του φιλοσοφουντος; – ἀπο<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>βαλειν ὀιησιν. Arr. Meissen, b. K. F. W. Erbstein 1801. 8. (14 Gr.)</p>
<space/>
<p><lb n="7"/>Rec. war eben im Begriff, an eine Kritik dieses Organons zu gehen, als ihm theils<lb n="8"/>die Beurtheilung der philosophischen Bestrebungen des Hrn. <hi rendition="#g">Kr’s</hi> überhaupt in<lb n="9"/>dem krit. Journal der Philosophie von Schelling und Hegel, die ihn dieser Mühe<lb n="10"/>überheben kann, theils auch die Protestationen des Hrn. <hi rendition="#g">Krugs</hi>, diesen Entwurf<lb n="11"/>nicht ohne Rücksicht auf eine Beylage zu demselben, die auf Ostern unter dem Titel:<lb n="12"/>über die wichtigsten Methoden des Philosophirens, herauskommen werde, zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>urtheilen, indem die eigentlichste Tendenz dieses Organons von den bisherigen<lb n="14"/>Beurtheilern mißverstanden worden sey, in die Hände fielen. Rec. nimmt diese<lb n="15"/>Protestation um so eher an, da es ihm sowenig als andern Beurtheilern dieses Or<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ganons gelingen wollte, eine philosophische Tendenz in demselben zu entdecken; er<lb n="17"/>ist aber aufs innigste überzeugt, daß die Schuld hievon nicht an ihm sondern an der<lb n="18"/>Schrift liegt, in welcher nichts als ein unorganischer Synkretismus, aus den Worten<lb n="19"/>der Reinholdischen Philosophie, auch des Fichte’schen Idealismus u. dergl. zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sammengebraut, und ein absoluter Mangel der Spekulation, der Erhebung über die<lb n="21"/>Thatsachen des Bewußtseyns, und ein formales Räsonniren über sie, so wie über die<lb n="22"/>Principien von vorhandenen philosophischen Systemen, zu finden ist. Rec. würde<lb n="23"/>daher <hi rendition="#g">Kr</hi>. den Rath geben, sich die Mühe, in diesem Organon eine philosophische<lb n="24"/>Tendenz nachzuweisen, zu ersparen, da es offenbar eine vergebliche Mühe ist, und<lb n="25"/>lieber etwas zu schreiben, worin schon an und für sich philosophische Tendenz zu<lb n="26"/>finden und zu erkennen wäre.</p>
<pb n="113" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=119" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>KRITISCHES<lb n="2"/>JOURNAL DER PHILOSOPHIE<lb n="3"/>HERAUSGEGEBEN VON<lb n="4"/>F. W. J. SCHELLING UND G. W. F. HEGEL</head>
<pb n="115" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=122" type="body"/>
<head><lb n="1"/>ERSTEN BANDES ERSTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1802</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>I. <hi rendition="#g">Einleitung</hi>. Ueber das Wesen der philosophischen<lb n="5"/>Kritik überhaupt, und ihr Verhältniß zu dem gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wärtigen Zustand der Philosophie insbesondre. Seite III</p>
<p><lb n="7"/>II. <hi rendition="#g">Ueber</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Identitäts-System</hi>, <hi rendition="#g">und</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">neuesten</hi> (<hi rendition="#g">Reinholdi</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">schen</hi>) <hi rendition="#g">Dualismus</hi>. Ein Gespräch zwischen dem Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>fasser und einem Freund. S. 1</p>
<p><lb n="11"/>III. <hi rendition="#g">Wie</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">gemeine</hi> <hi rendition="#g">Menschenverstand</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Philo</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">sophie</hi> <hi rendition="#g">nehme</hi> – dargestellt an den Werken des<lb n="13"/>Herrn <hi rendition="#g">Krug</hi>. S. 91</p>
<p><lb n="14"/>IV. <hi rendition="#g">Notizenblatt</hi>.</p>
<p><lb n="15"/>1. Besondrer Zweck dieses Blatts. – Aeußeres Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hältniß der Philosophie. S. 116</p>
<p><lb n="17"/>2. Ein Brief von Zettel an Squenz. S. 122</p>
<pb n="117" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=124" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="III–IV"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
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<head><lb n="1"/>EINLEITUNG.</head>
<head><lb n="2"/>UEBER DAS WESEN DER PHILOSOPHISCHEN KRITIK<lb n="3"/>ÜBERHAUPT, UND IHR VERHÄLTNISS ZUM GEGENWÄRTIGEN<lb n="4"/>ZUSTAND DER PHILOSOPHIE INSBESONDERE.</head>
<p><lb n="5"/>Die Kritik, in welchem Theil der Kunst oder Wissenschaft sie ausgeübt werde,<lb n="6"/>fodert einen Maaßstab, der von dem Beurtheilenden eben so unabhängig, als von<lb n="7"/>dem Beurtheilten, nicht von der einzelnen Erscheinung, noch der Besonderheit des<lb n="8"/>Subjects, sondern von dem ewigen und unwandelbaren Urbild der Sache selbst her<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>genommen seye. Wie die Idee schöner Kunst durch die Kunstkritik nicht erst<lb n="10"/>geschaffen oder erfunden, sondern schlechthin vorausgesetzt wird, eben so ist in der<lb n="11"/>philosophischen Kritik die Idee der Philosophie selbst die Bedingung und Voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>setzung, ohne welche jene in alle Ewigkeit nur Subjectivitäten gegen Subjectivitäten,<lb n="13"/>niemals das Absolute gegen das Bedingte zu setzen hätte.</p>
<p><lb n="14"/>Da die philosophische Kritik sich von der Kunstkritik nicht durch Beurtheilung<lb n="15"/>des Vermögens zur Objectivität, das in einem Werke sich ausdrückt, sondern nur<lb n="16"/>durch den Gegenstand, oder die Idee selbst unterscheidet, welche diesem zu Grunde<lb n="17"/>liegt, und welche keine andre als die der Philosophie selbst seyn kann, so müßte,<lb n="18"/>(da, was das erste betrifft, die philosophische Kritik mit der Kunstkritik gleiche<lb n="19"/>Ansprüche auf allgemeine Gültigkeit hat), wer derselben gleichwohl Objectivität des<lb n="20"/>Urtheils absprechen wollte, nicht die Möglichkeit bloß verschiedener Formen der<lb n="21"/>Einen und selben Idee, sondern die Möglichkeit wesentlich verschiedener und doch<lb n="22"/>gleich wahrer Philosophien behaupten, – eine Vorstellung, auf welche, so großen<lb n="23"/>Trost sie enthalten mag, eigentlich keine Rücksicht zu nehmen ist. Daß die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sophie nur Eine ist, und nur Eine seyn kann, beruht darauf, daß die Vernunft nur<lb n="25"/>Eine ist; und so wenig es verschiedene Vernunften geben kann, eben so wenig kann<lb n="26"/>sich zwischen die Vernunft und ihr Selbsterkennen eine Wand stellen, durch welche<lb n="27"/>dieses eine wesentliche Verschiedenheit der Erscheinung werden könnte, denn die<lb n="28"/>Vernunft absolut betrachtet und insofern sie Object ihrer selbst im Selbsterkennen,<lb n="29"/>also Philosophie wird, ist wieder nur Eins und dasselbe; und daher durchaus das<lb n="30"/>gleiche.</p>
<p><lb n="31"/>Da der Grund einer Verschiedenheit in der Philosophie selbst nicht im Wesen<lb n="32"/>derselben liegen kann, welches schlechthin Eines ist, auch nicht in der Ungleichheit<lb n="33"/>des Vermögens, die Idee derselben objectiv zu gestalten, weil nämlich philosophisch</p>
<pb n="118" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=125" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="IV–VI"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>betrachtet die Idee selbst alles ist, das Vermögen aber, sie darzustellen, das zu ihrem<lb n="2"/>Besitz hinzukommt, der Philosophie nur noch eine andre, ihr nicht eigenthümliche<lb n="3"/>Seite giebt, so könnte also eine Möglichkeit unendlich vieler und verschiedener<lb n="4"/>Reflexe, deren jeder, seinem Wesen nach verschieden vom andern gesetzt, gleiches<lb n="5"/>Recht hätte, sich gegen die andern zu behaupten, nur dadurch herausgebracht wer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>den, daß, indem die Philosophie als ein Erkennen des Absoluten bestimmt wird,<lb n="7"/>dieses, es seye als Gott oder in irgend einer andern Rücksicht als Natur, in unbeweg<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>licher und absoluter Entgegensetzung gegen das Erkennen als subjectives, gedacht<lb n="9"/>würde.</p>
<p><lb n="10"/>Allein auch bey dieser Ansicht würde die Verschiedenheit sich selbst aufheben und<lb n="11"/>verbessern müssen. Denn indem das Erkennen als etwas formelles vorgestellt wird,<lb n="12"/>wird es in seinem Verhältnisse zum Gegenstand als durchaus passiv gedacht, und an<lb n="13"/>das Subject, das dieses Empfangens der Gottheit, oder des reinen objectiven An<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schauens der Natur fähig seyn soll, gefodert werden, daß es überhaupt sich gegen<lb n="15"/>jedes andre Verhältniß zu irgend einer Beschränkung, verschließe, und aller eignen<lb n="16"/>Thätigkeit sich enthalte, indem dadurch die Reinheit des Empfangens getrübt<lb n="17"/>würde. Durch diese Passivität des Aufnehmens und die Gleichheit des Objects, würde<lb n="18"/>dasjenige, was als Resultat vorgestellt wird, das Erkennen des Absoluten, und eine<lb n="19"/>daraus hervorgehende Philosophie durchaus wieder nur Eine und allenthalben die<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>selbe seyn müssen.</p>
<p><lb n="21"/>Dadurch daß die Wahrheit der Vernunft, so wie die Schönheit nur Eine ist, ist<lb n="22"/>Kritik als objective Beurtheilung überhaupt möglich, und es folgt von selbst, daß sie<lb n="23"/>nur für diejenigen einen Sinn habe, in welchen die Idee der Einen und selben<lb n="24"/>Philosophie vorhanden ist; eben so nur solche Werke betreffen kann, in welchen<lb n="25"/>diese Idee als mehr oder weniger deutlich ausgesprochen zu erkennen ist. Das<lb n="26"/>Geschäft der Kritik ist für diejenigen und an denjenigen Werken durchaus verlohren,<lb n="27"/>welche jener Idee entbehren sollten. Mit diesem Mangel der Idee kommt die Kritik<lb n="28"/>am meisten in Verlegenheit, denn wenn alle Kritik Subsumtion unter die Idee ist, so<lb n="29"/>hört da, wo diese fehlt, nothwendig alle Kritik auf, und diese kann sich kein anderes<lb n="30"/>unmittelbares Verhältniß geben, als das der Verwerfung. In der Verwerfung aber<lb n="31"/>bricht sie alle Beziehung desjenigen, worin die Idee der Philosophie mangelt, mit<lb n="32"/>demjenigen, in dessen Dienst sie ist, gänzlich ab. Weil das gegenseitige Anerkennen<lb n="33"/>hiermit aufgehoben wird, erscheinen nur zwei Subjectivitäten gegeneinander; was<lb n="34"/>nichts mit einander gemein hat, tritt eben damit in gleichem Recht auf, und die<lb n="35"/>Kritik hat sich, indem sie das zu beurtheilende, für alles Andere nur nicht für Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sophie, und weil es doch nichts seyn will, als Philosophie, dadurch für gar nichts<lb n="37"/>erklärt, in die Stellung eines subjectiven versetzt, und ihr Ausspruch erscheint als ein<lb n="38"/>einseitiger Machtspruch; eine Stellung, welche, da ihr Thun objectiv seyn soll, un<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>mittelbar ihrem Wesen widerspricht; ihr Urtheil ist eine Appellation an die Idee der</p>
<pb n="119" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=126" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="VI–VIII"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Philosophie, die aber, weil sie nicht von dem Gegenpart anerkannt wird, für diesen ein<lb n="2"/>fremder Gerichtshof ist. Gegen dieß Verhältniß der Kritik, welche die Unphilosophie<lb n="3"/>von der Philosophie abscheidet, – auf einer Seite zu stehen, und die Unphilosophie auf<lb n="4"/>der entgegengesetzten zu haben, ist unmittelbar keine Rettung. Weil die Unphiloso<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>phie sich negativ gegen die Philosophie verhält, und also von Philosophie nicht die Rede<lb n="6"/>seyn kann, so bleibt nichts übrig, als zu erzählen, wie sich diese negative Seite aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>spricht, und ihr Nichtsseyn, welches, insofern es eine Erscheinung hat, Plattheit heißt,<lb n="8"/>bekennt, und da es nicht fehlen kann, daß was im Anfang nichts ist, im Fortgang nur<lb n="9"/>immer mehr und mehr als Nichts erscheine, so daß es so ziemlich allgemein als<lb n="10"/>solches erkannt werden kann, so versöhnt die Kritik durch diese von der ersten<lb n="11"/>Nullität aus fortgesetzte Construction wieder auch die Unfähigkeit, welche in dem<lb n="12"/>ersten Ausspruch nichts als Eigenmächtigkeit und Willkühr sehen konnte.</p>
<p><lb n="13"/>Wo aber die Idee der Philosophie wirklich vorhanden ist, da ist es Geschäft der<lb n="14"/>Kritik, die Art und den Grad, in welchem sie frey und klar hervortritt, so wie den<lb n="15"/>Umfang, in welchem sie sich zu einem wissenschaftlichen System der Philosophie<lb n="16"/>herausgearbeitet hat, deutlich zu machen.</p>
<p><lb n="17"/>Was das letztere betrifft, so muß man es mit Freude und Genuß annehmen, wenn<lb n="18"/>die reine Idee der Philosophie ohne wissenschaftlichen Umfang mit Geist als eine<lb n="19"/>Naivetät sich ausdrückt, welche nicht zur Objectivität eines systematischen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyns gelangt; es ist der Abdruck einer schönen Seele, welche die Trägheit hatte, sich<lb n="21"/>vor dem Sündenfall des Denkens zu bewahren, aber auch des Muths entbehrte, sich<lb n="22"/>in ihn zu stürzen, und seine Schuld bis zu ihrer Auflösung durchzuführen, darum<lb n="23"/>aber auch zur Selbstanschauung in einem objectiven Ganzen der Wissenschaft nicht<lb n="24"/>gelangte. Die leere Form solcher Geister aber, die ohne Geist in kurzen Worten,<lb n="25"/>Wesen und Hauptsache der Philosophie geben wollen, hat weder wissenschaftliche<lb n="26"/>noch sonst eine interessante Bedeutung.</p>
<p><lb n="27"/>Wenn aber die Idee der Philosophie wissenschaftlicher wird, so ist von der Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>vidualität, welche unbeschadet der Gleichheit der Idee der Philosophie, und der rein<lb n="29"/>objectiven Darstellung derselben, ihren Charakter ausdrücken wird, die Subjectivität<lb n="30"/>oder Beschränktheit, welche sich in die Darstellung der Idee der Philosophie ein<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mischt, wohl zu unterscheiden; an den hierdurch getrübten Schein der Philosophie<lb n="32"/>hat sich die Kritik vorzüglich zu wenden und ihn herunter zu reißen.</p>
<p><lb n="33"/>Wenn es sich hier zeigt, daß die Idee der Philosophie wirklich vorschwebt, so kann<lb n="34"/>die Kritik an die Foderung und an das Bedürfniß, das sich ausdrückt, das objective,<lb n="35"/>worinn das Bedürfniß seine Befriedigung sucht, halten, und die Eingeschränktheit<lb n="36"/>der Gestalt, aus ihrer eigenen ächten Tendenz nach vollendeter Objectivität wider<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>legen.</p>
<p><lb n="38"/>Es ist aber hierbey ein gedoppelter Fall möglich. Entweder hat sich das Bewußtseyn<lb n="39"/>über die Subjectivität nicht eigentlich entwickelt; die Idee der Philosophie hat sich</p>
<pb n="120" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=127" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="VIII–X"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>nicht zur Klarheit freyer Anschauung erhoben, und bleibt in einem dunklern Hinter<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>grunde stehen, etwa auch weil Formen, in denen sich viel ausgedrückt findet, und<lb n="3"/>die eine große Autorität haben, noch den Durchbruch zur reinen Formlosigkeit,<lb n="4"/>oder, was dasselbe ist, zur höchsten Form hindern. Wenn die Kritik das Werk und<lb n="5"/>die That nicht als Gestalt der Idee kann gelten lassen, so wird sie doch das Streben<lb n="6"/>nicht verkennen; das eigentlich wissenschaftliche Interesse dabei ist, die Schaale auf<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zureiben, die das innere Aufstreben noch hindert den Tag zu sehen; es ist wichtig, die<lb n="8"/>Mannichfaltigkeit der Reflexe des Geistes, deren jeder seine Sphäre in der Philosophie<lb n="9"/>haben muß, so wie das untergeordnete und mangelhafte derselben zu kennen.</p>
<p><lb n="10"/>Oder es erhellt, daß die Idee der Philosophie deutlicher erkannt worden ist, daß<lb n="11"/>aber die Subjectivität sich der Philosophie insoweit, als um sich selbst zu retten<lb n="12"/>nöthig wird, zu erwehren bestrebt ist.</p>
<p><lb n="13"/>Hier gilt es nicht darum, die Idee der Philosophie emporzuheben, sondern die<lb n="14"/>Winkelzüge aufzudecken, welche die Subjectivität, um der Philosophie zu entgehen,<lb n="15"/>anwendet, so wie die Schwäche, für welche eine Beschränktheit ein sicherer Halt ist,<lb n="16"/>theils für sich, theils in Rücksicht auf die Idee der Philosophie, die mit einer Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>jectivität vergesellschaftet wird, anschaulich zu machen; denn wahre Energie jener<lb n="18"/>Idee und Subjectivität sind unverträglich.</p>
<p><lb n="19"/>Es gibt aber noch eine Manier, an die sich die Kritik vorzüglich zu heften hat,<lb n="20"/>nämlich diejenige, welche im Besitz der Philosophie zu seyn vorgiebt, die Formen<lb n="21"/>und Worte, in welchen große philosophische Systeme sich ausdrücken, gebraucht,<lb n="22"/>viel mitspricht, aber im Grunde ein leerer Wortdunst ohne innern Gehalt ist. Ein<lb n="23"/>solches Geschwätze ohne die Idee der Philosophie erwirbt sich durch seine Weit<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>läuftigkeit und eigene Anmaßung eine Art von Autorität, theils weil es fast unglaub<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lich scheint, daß so viel Schaale ohne Kern seyn soll, theils weil die Leerheit eine Art<lb n="26"/>von allgemeiner Verständlichkeit hat. Da es nichts ekelhafteres giebt, als diese Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wandlung des Ernsts der Philosophie in Plattheit, so hat die Kritik alles aufzubieten,<lb n="28"/>um dieß Unglück abzuwehren.</p>
<p><lb n="29"/>Diese verschiedenen Formen finden sich im allgemeinen mehr oder weniger herr<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schend in dem jetzigen deutschen Philosophiren, worauf dieses kritische Journal<lb n="31"/>gerichtet ist. Dabey haben sie aber die Eigenthümlichkeit, daß, seitdem durch Kant<lb n="32"/>und noch mehr durch Fichte, die Idee einer Wissenschaft und besonders der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sophie als Wissenschaft aufgestellt worden, und die Möglichkeit, durch mancherley<lb n="34"/>philosophische Gedanken über diesen oder jenen Gegenstand, etwa in Abhandlungen<lb n="35"/>für Akademien, sich als Philosophen geltend zu machen, vorbey ist, und das einzelne<lb n="36"/>Philosophiren allen Credit verlohren hat, – jedes philosophische Beginnen sich zu</p>
<pb n="121" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=128" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="X–XII"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>einer Wissenschaft und einem System erweitert oder wenigstens als absolutes Princip<lb n="2"/>der ganzen Philosophie aufsteht, und daß dadurch eine solche Menge von Systemen<lb n="3"/>und Principien entsteht, die dem philosophirenden Theil des Publicums eine äußere<lb n="4"/>Aehnlichkeit mit jenem Zustande der Philosophie in Griechenland giebt, als jeder<lb n="5"/>vorzüglichere philosophische Kopf die Idee der Philosophie nach seiner Individuali<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tät ausarbeitete. Zugleich scheint die philosophische Freyheit, die Erhebung über<lb n="7"/>Autorität und die Selbstständigkeit des Denkens unter uns so weit gediehen zu seyn,<lb n="8"/>daß es für Schande gehalten würde, sich als Philosophen nach einer schon vor<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>handenen Philosophie zu nennen; und das Selbstdenken meynt sich allein durch<lb n="10"/>Originalität, die ein ganz eigenes und neues System erfindet, ankündigen zu<lb n="11"/>müssen.</p>
<p><lb n="12"/>So nothwendig das innere Leben der Philosophie, wenn es sich zur äußern Gestalt<lb n="13"/>gebiert, ihr von der Form seiner eigenthümlichen Organisation mitgibt, so sehr ist<lb n="14"/>das originelle des Genies verschieden von der <hi rendition="#g">Besonderheit</hi>, die sich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">Ori</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">ginalität</hi> hält und ausgibt; denn diese Besonderheit, wenn sie näher ins Auge gefaßt<lb n="16"/>wird, hält sich in Wahrheit innerhalb der allgemeinen Heerstraße der Kultur, und<lb n="17"/>kann sich nicht einmahl rühmen, aus dieser heraus zur reinen Idee der Philosophie<lb n="18"/>gekommen zu seyn; denn wenn sie diese ergriffen hätte, würde sie dieselbe in<lb n="19"/>andern philosophischen Systemen erkennen, und eben damit, wenn sie ihre eigene<lb n="20"/>lebendige Form zwar behalten muß, doch sich nicht den Nahmen einer <hi rendition="#g">eigenen</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">Philosophie</hi> beylegen können. Was sie innerhalb jener Heerstraße sich eigenes er<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schaffen hat, ist eine besondere Reflexionsform, aufgegriffen von irgend einem ein<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>zelnen und darum untergeordneten Standpunct, die in einem Zeitalter, das den Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stand so vielseitig ausgebildet, besonders auch ihn so mannichfaltig an der Philosophie<lb n="25"/>verarbeitet hat, wohlfeil zu haben ist. Eine Versammlung solcher origineller Ten<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>denzen und des mannichfaltigen Bestrebens nach eigenen Formen und Systemen bietet<lb n="27"/>mehr das Schauspiel der Quaal der Verdammten, die entweder ihrer Beschränktheit<lb n="28"/>ewig verbunden sind, oder von einer zu der andern greifen, und alle durchbewun<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dern, und eine nach der andern wegwerfen müssen, als das Schauspiel des freyen<lb n="30"/>Aufwachsens der mannichfaltigsten lebendigen Gestalten in den philosophischen<lb n="31"/>Gärten Griechenlands dar.</p>
<p><lb n="32"/>Was die Arbeit betrifft, eine <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">Besonderheit</hi> <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">System</hi> zu erweitern,<lb n="33"/>und sie als das Ganze darzustellen, so hält diese Arbeit freilich härter, und die Besonder<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>heit müßte an ihr scheitern, denn wie wäre das Beschränkte fähig sich zu einem Ganzen<lb n="35"/>auszudehnen, ohne eben damit sich selbst zu zersprengen? Schon die Sucht nach<lb n="36"/>einem besondern Princip geht darauf, etwas eigenthümliches und nur sich selbst<lb n="37"/>genügendes zu besitzen, das sich dem Anspruch an Objectivität des Wissens und an<lb n="38"/>Totalität desselben entzieht. Und doch ist das Ganze mehr oder weniger, in objectiver<lb n="39"/>Form, wenigstens als Materialien, als eine Menge des Wissens vorhanden; es ist schwer</p>
<pb n="122" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=129" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="XII–XIV"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>ihm Gewalt anzuthun, und consequent seinen eigenthümlichen Begriff durch das<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>selbe durchzuführen; zugleich ist es nimmer erlaubt, es beifällig, weil es einmal da<lb n="3"/>ist, ohne Zusammenhang aufzuführen; am genialischsten sieht es aus, sich darum nicht<lb n="4"/>zu bekümmern, und sein eigenthümlichstes Princip einmal als das alleinige hin<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zustellen, um den Zusammenhang mit welchem sich das übrige Wissen selbst be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kümmern möge; es scheint eher eine niedrige Arbeit zu seyn, dem Grundprincip<lb n="7"/>seinen wissenschaftlichen objectiven Umfang zu geben. Soll aber dieser Umfang<lb n="8"/>theils nicht fehlen, theils doch die Mühe erspart seyn, das mannichfaltige des Wissens<lb n="9"/>in den Zusammenhang unter sich und mit der Beschränktheit des Princips zu<lb n="10"/>bringen, so vereinigt diejenige Manier alle diese Foderungen, welche provisorisch<lb n="11"/>philosophirt, d. h. das vorhandene nicht aus dem Bedürfnisse eines Systems des<lb n="12"/>Wissens, sondern aus dem Grunde aufführt, weil es scheint, daß es doch auch seinen<lb n="13"/>Gebrauch, den Kopf zu üben, habe, denn wofür wäre es sonst vorhanden?</p>
<p><lb n="14"/>In dieser Rücksicht hat die kritische Philosophie einen vorzüglich guten Dienst<lb n="15"/>geleistet. Indem nämlich durch sie erwiesen worden ist, um es in ihren Worten zu<lb n="16"/>sagen, daß die Verstandesbegriffe nur ihre Anwendung in der Erfahrung haben, die<lb n="17"/>Vernunft als erkennend sich durch ihre theoretischen Ideen nur in Widersprüche ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wickelt, und dem Wissen überhaupt seine Objecte durch die Sinnlichkeit gegeben<lb n="19"/>werden müssen, so wird dieß dahin benutzt, auf die Vernunft in der Wissenschaft<lb n="20"/>Verzicht zu thun, und sich dem krassesten Empirismus zu ergeben. Wenn die rohesten<lb n="21"/>in die Erfahrung hineingetragenen Begriffe, eine durch die grellsten Geburten einer<lb n="22"/>geistlosen Reflexion verunreinigte Anschauung, für innere und äußere Erfahrung und<lb n="23"/>für Thatsachen des Bewußtseyns ausgegeben und unter diesem Titel alles zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gerafft wird, auf irgend woher erhaltene Versicherung, daß es im Bewußtseyn sich<lb n="25"/>vorfinde, so geschieht dieß mit Berufung auf die kritische Philosophie, welche die<lb n="26"/>Erfahrung und Wahrnehmung zur Erkenntniß für nothwendig erweise, und der<lb n="27"/>Vernunft kein constitutives, sondern nur ein regulatives Verhältniß zum Wissen<lb n="28"/>erlaube. Außerdem daß die Unphilosophie und Unwissenschaftlichkeit, wie sie sonst<lb n="29"/>die Philosophie frey verachtete, eine philosophische Form zu ihrer Rechtfertigung<lb n="30"/>angenommen hat, hat sie hierdurch zugleich noch höhere Vortheile erreicht, nämlich<lb n="31"/>den gesunden Menschenverstand und jedes beschränkte Bewußtseyn, und die höch<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sten Blüthen desselben, nämlich die jeweiligen höchsten moralischen Interessen der<lb n="33"/>Menschheit mit der Philosophie ausgesöhnt.</p>
<p><lb n="34"/>Wenn aber die Subjectivität ohne Rücksicht der Schwierigkeit, welche sie findet,<lb n="35"/>sich als ein System darzustellen, auch darum, weil bereits die kritische Philosophie<lb n="36"/>wenigstens einen großen Umfang endlicher Formen verdächtig oder unbrauchbar<lb n="37"/>gemacht hat, mit einer Einsicht in ihre Beschränktheit und einer Art von bösem</p>
<pb n="123" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=130" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="XIV–XVI"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Gewissen behaftet ist, und sich scheut, sich als absolut hinzustellen, wie mag sie ohn<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>erachtet des eigenen bessern Wissens und der vorschwebenden Idee der Philosophie<lb n="3"/>erhalten und geltend gemacht werden? – Mit einer als endlich anerkannten Form soll<lb n="4"/>nur vors erste angefangen werden, sie soll nichts vorstellen als den, dem Scheine<lb n="5"/>nach willkührlichen Anfangspunct, der sich zwar nicht für sich selbst trägt, aber den<lb n="6"/>man vor der Hand, weil sich seine Nützlichkeit schon zeigen werde, gelten, nur<lb n="7"/>provisorisch, problematisch und hypothetisch auf Bitte einstweilen ohne weitere<lb n="8"/>Prätension sich gefallen lassen soll; hintennach werde er sich schon legitimiren; –<lb n="9"/>wenn wir nun von ihm aus zu dem Wahren gelangen, so werde die Dankbarkeit<lb n="10"/>für das Wegweisen jenen willkührlichen Anfangspunkt für ein nothwendiges er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>kennen, und ihn bewährt finden. Allein weil das Wahre keines Gängelbandes bedarf,<lb n="12"/>um an demselben herbeigeführt zu werden, sondern gleich für sich selbst aufzutreten<lb n="13"/>die Kraft in sich tragen muß, und weil das Beschränkte, für was es darin, daß es nicht<lb n="14"/>in sich den Gehalt des Bestehens zu haben, sondern nur etwas hypothetisches und<lb n="15"/>problematisches zu seyn eingestanden wird, – selbst anerkannt ist, denn doch noch<lb n="16"/>am Ende als ein wahres Wahres bewährt werden soll, so erhellt, daß es hauptsächlich<lb n="17"/>um die Rettung der Endlichkeit zu thun war; was hinterher nicht mehr hypothetisch<lb n="18"/>seyn soll, kann es auch nicht von Anfang seyn, oder was Anfangs hypothetisch ist,<lb n="19"/>kann hinterher nicht mehr kategorisch werden; sonst trete es gleich als absolut auf,<lb n="20"/>aber da es dazu wie billig zu schüchtern ist, bedarf es eines Umwegs um es ein<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>zuschwärzen.</p>
<p><lb n="22"/>Daß ein solcher endlicher Anfangspunct für etwas einstweilen hypothetisches aus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gegeben wird, bringt, da er mit dem Scheine, ohne alle Prätension zu seyn, auftritt,<lb n="24"/>nur eine Täuschung weiter herein; er trete bescheiden als ein hypothetischer oder so<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gleich als ein gewisser auf, so führt beydes zu demselben Resultat, daß das Endliche<lb n="26"/>als das was es ist in seiner Trennung erhalten, und das Absolute eine Idee, ein Jenseits<lb n="27"/>d. h. mit einer Endlichkeit behaftet bleibt.</p>
<p><lb n="28"/>Der gewisse Anfangspunct, der um gewiß zu seyn, im unmittelbaren Bewußtseyn<lb n="29"/>aufgegriffen wird, scheint was ihm dadurch, daß er ein endlicher ist, abgeht, durch<lb n="30"/>seine unmittelbare Gewißheit zu ersetzen; und das reine Selbstbewußtseyn, da es,<lb n="31"/>insofern es Anfangspunkt ist, als ein reines in unmittelbarer Entgegensetzung gegen<lb n="32"/>das empirische gesetzt wird, ist ein solcher; um solche endliche Gewißheiten kann es<lb n="33"/>an und für sich der Philosophie nicht zu thun seyn; eine Philosophie, die um an eine<lb n="34"/>Gewißheit sich anzuknüpfen, von dem Allgemeingültigsten, jedem Menschenver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>stande nahen Satze oder Thätigkeit ausgeht, thut entweder mit dieser Nützlichkeit<lb n="36"/>etwas überflüßiges, denn sie muß, um Philosophie zu seyn, doch sogleich über diese<lb n="37"/>Beschränktheit hinausgehen und sie aufheben; der gemeine Menschenverstand, der</p>
<pb n="124" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=131" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="XVI–XVIII"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>damit verführt werden sollte, wird es sehr gut merken, wenn man seine Sphäre ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>läßt, und ihn über sich hinausführen will; oder wenn dieses endliche Gewisse, als<lb n="3"/>solches nicht aufgehoben, sondern als ein fixes bleiben und bestehen soll, so muß es<lb n="4"/>wohl seine Endlichkeit anerkennen, und Unendlichkeit <hi rendition="#g">fodern</hi>, aber das Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>liche tritt damit eben nur als eine Foderung, als ein Gedachtes auf, <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">eine</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Idee</hi>, welche als nothwendige und umfassende, alles beschließende, Vernunftidee,<lb n="7"/>doch darum noch ein einseitiges ist, weil dasjenige, das sie denkt (oder sonst irgend<lb n="8"/>das Bestimmte, mit dem angefangen wurde,) und sie selbst als getrennt gesetzt<lb n="9"/>werden. Diese Arten von Rettungen des Beschränkten, – durch welche das Absolute<lb n="10"/>zur höchsten Idee, nur nicht zugleich zum einzigen Seyn erhoben wird, und da von<lb n="11"/>hier an erst die Wissenschaft der Philosophie anfängt, in dem ganzen System der<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>selben der Gegensatz herrschend und absolut bleibt, – sind gewissermaßen das, was<lb n="13"/>unsere neuere philosophische Kultur charakterisirt, so daß in diesen Begriff ziemlich<lb n="14"/>alles fällt, was in unsern Tagen für Philosophie gegolten hat. Wenn auch die höchste<lb n="15"/>philosophische Erscheinung der letzten Zeit die fixe Polarität des Innerhalb und<lb n="16"/>Außerhalb, Diesseits und Jenseits nicht so weit überwunden hat, daß nicht, eine<lb n="17"/>andre Philosophie, mit der man sich im Wissen dem Absoluten nur nähert, und eine<lb n="18"/>andre, die im Absoluten selbst ist, (gesetzt die letztere werde auch nur unter dem<lb n="19"/>Titel des Glaubens statuirt), als entgegengesetzte zurückblieben, und wenn auf diese<lb n="20"/>Art dem Gegensatze des Dualismus seine höchste Abstraction gegeben, und die<lb n="21"/>Philosophie damit nicht aus der Sphäre unserer Reflexionskultur herausgeführt wor<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>den ist, so ist schon die Form der höchsten Abstraction des Gegensatzes von der<lb n="23"/>größten Wichtigkeit und von diesem schärfsten Extrem der Uebergang zur ächten<lb n="24"/>Philosophie um so leichter; weil die Idee des Absoluten, die aufgestellt wird, eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lich selbst schon den Gegensatz, den die Form einer Idee, eines Sollens, einer unend<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lichen Foderung mit sich führt, verwirft. Es ist nicht zu übersehen, wie sehr durch die<lb n="27"/>mannichfaltige Bearbeitung, welche der Gegensatz überhaupt, den jede Philosophie<lb n="28"/>überwinden will, dadurch erfahren hat, daß gegen eine Form desselben, in der er in<lb n="29"/>einer Philosophie herrschend war, sich eine folgende Philosophie richtete, und sie<lb n="30"/>überwand, wenn sie schon bewußtlos wieder in eine andere Form desselben zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>fiel, das Studium der Philosophie überhaupt gewonnen hat, zugleich aber in welcher<lb n="32"/>Mannichfaltigkeit der Formen sie sich herumzuwerfen fähig ist.</p>
<p><lb n="33"/>Dagegen hat eine andere herrschende Manier durchaus nur nachtheilige Seiten,<lb n="34"/>nämlich diejenige, welche sogleich die philosophischen Ideen wie sie hervortreten,<lb n="35"/><hi rendition="#g">populär</hi> oder eigentlich gemein zu machen bestrebt ist. Die Philosophie ist ihrer<lb n="36"/>Natur nach etwas esoterisches, für sich weder für den Pöbel gemacht, noch einer Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>bereitung für den Pöbel fähig; sie ist nur dadurch Philosophie daß sie dem Verstande,</p>
<pb n="125" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=132" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="XVIII–XX"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>und damit noch mehr dem gesunden Menschenverstande, worunter man die lokale<lb n="2"/>und temporäre Beschränktheit eines Geschlechts der Menschen versteht, gerade ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gegengesetzt ist; im Verhältniß zu diesem ist an und für sich die Welt der Philosophie<lb n="4"/>eine verkehrte Welt. Wenn Alexander an seinen Lehrer, als er hörte, dieser mache<lb n="5"/>Schriften über seine Philosophie öffentlich bekannt, aus dem Herzen von Asien<lb n="6"/>schrieb, daß er das, was sie zusammen philosophirt hätten, nicht hätte sollen gemein<lb n="7"/>machen, und Aristoteles sich damit vertheidigte, daß seine Philosophie heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gegeben und auch nicht herausgegeben seye, so muß die Philosophie zwar die Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichkeit erkennen, daß das Volk sich zu ihr erhebt, aber sie muß sich nicht zum Volk<lb n="10"/>erniedrigen. In diesen Zeiten der Freyheit und Gleichheit aber, in welchen sich ein so<lb n="11"/>großes Publicum gebildet hat, das nichts von sich ausgeschlossen wissen will, sondern<lb n="12"/>sich zu allem gut, oder alles für sich gut genug hält, hat das Schönste und das Beste<lb n="13"/>dem Schicksal nicht entgehen können, daß die Gemeinheit, die sich nicht zu dem,<lb n="14"/>was sie über sich schweben sieht, zu erheben vermag, es dafür so lange behandelt, bis<lb n="15"/>es gemein genug ist, um zur Aneignung fähig zu seyn; und das Plattmachen hat sich<lb n="16"/>zu einer Art von anerkannt verdienstlicher Arbeit emporgeschwungen. Es ist keine<lb n="17"/>Seite des bessern Bestrebens des menschlichen Geistes, welche dieses Schicksal nicht<lb n="18"/>erfahren hätte; es braucht eine Idee der Kunst oder der Philosophie sich nur blicken<lb n="19"/>zu lassen, so geht es gleich an ein Zubereiten, bis die Sache für Kanzel, Compendien<lb n="20"/>und für den Hausbedarf des Reichsanzeigerischen Publicums zurecht gerührt ist;<lb n="21"/>Leibnitz hatte durch seine Theodicee diese Mühe für seine Philosophie zum Theil<lb n="22"/>selbst übernommen, und seiner Philosophie dadurch nicht, aber seinem Nahmen<lb n="23"/>großen Eingang verschafft; und jetzt finden sich sogleich genug dienstfertige Leute<lb n="24"/>zu diesem Zweck. Mit einzelnen Begriffen macht sich die Sache von selbst; es ist<lb n="25"/>nichts nöthig, als ihren Nahmen auf das, was man in seinem bürgerlichen Leben längst<lb n="26"/>hat, zu ziehen; die Aufklärung drückt schon in ihrem Ursprung und an und für sich<lb n="27"/>die Gemeinheit des Verstandes, und seine eitle Erhebung über die Vernunft aus, und<lb n="28"/>daher hat es keiner Veränderung ihrer Bedeutung bedurft, um sie beliebt und faßlich<lb n="29"/>zu machen; aber man kann annehmen, daß das Wort Ideal nunmehr die allgemeine<lb n="30"/>Bedeutung dessen trägt, was keine Wahrheit in sich hat, oder das Wort Humanität<lb n="31"/>desjenigen, was überhaupt platt ist. – Der scheinbar umgekehrte Fall, welcher aber<lb n="32"/>im Grunde mit jenem ganz gleich ist, tritt da ein, wo schon der Stoff populär ist, und<lb n="33"/>Popularitäten, die mit keinem Schritt die Sphäre des gemeinen Begreifens über<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>schreiten, durch philosophische und methodische Zubereitung zum äußern Ansehen<lb n="35"/>der Philosophie gebracht werden sollen. So wie im ersten Fall die Voraussetzung<lb n="36"/>gemacht wird, daß, was philosophisch ist, doch zugleich populär seyn, so im<lb n="37"/>zweyten, daß, was seiner Beschaffenheit nach populär ist, auf irgend eine Weise<lb n="38"/>philosophisch werden könne; also in beyden Compatibilität der Flachheit mit der<lb n="39"/>Philosophie.</p>
<pb n="126" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=133" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="XX–XXII"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Man kann diese mancherley Bestrebungen überhaupt auf den in allen Dingen<lb n="2"/>sich regenden Geist der Unruhe und des unsteten Wesens beziehen, welcher unsere<lb n="3"/>Zeit auszeichnet, und der den deutschen Geist nach langen Jahrhunderten der här<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>testen Zähheit, der es die fürchterlichsten Krämpfe kostet, eine alte Form abzustreifen,<lb n="5"/>endlich so weit gebracht hat, auch philosophische Systeme in den Begriff des immer<lb n="6"/>wechselnden und der Neuigkeiten zu ziehen; doch müßte man diese Sucht des wech<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>selnden und neuen nicht mit der Indifferenz des Spiels, welches in seinem größten<lb n="8"/>Leichtsinn zugleich der erhabenste und der einzig wahre Ernst ist, selbst verwechseln;<lb n="9"/>denn jenes unruhige Treiben geht mit der größten Ernsthaftigkeit der Beschränktheit<lb n="10"/>zu Werke; aber doch hat das Schicksal ihr nothwendig das dunkle Gefühl eines Miß<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>trauens, und eine geheime Verzweiflung gegeben, die zunächst dadurch sichtbar<lb n="12"/>wird, daß weil die ernsthafte Beschränktheit ohne lebendigen Ernst ist, sie im Ganzen<lb n="13"/>nicht viel an ihre Sachen setzen kann, und darum auch keine große oder höchst<lb n="14"/>ephemerische Wirkungen thun kann.</p>
<p><lb n="15"/>Sonst, wenn man will, kann man jene Unruhe auch als eine Gährung betrachten,<lb n="16"/>durch welche der Geist aus der Verwesung der verstorbenen Bildung zu einem neuen<lb n="17"/>Leben sich emporringt, und unter der Asche hervor einer verjüngten Gestalt ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gegenquillt. Gegen die Cartesische Philosophie nämlich, welche den allgemein um<lb n="19"/>sich greifenden Dualismus in der Kultur der neuern Geschichte unserer nordwest<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichen Welt, – einen <hi rendition="#g">Dualismus</hi>, von welchem als dem Untergange alles alten<lb n="21"/>Lebens, die stillere Umänderung des öffentlichen Lebens der Menschen, so wie die<lb n="22"/>lautern politischen und religiösen Revolutionen überhaupt nur verschiedenfarbige<lb n="23"/>Aussenseiten sind, – in philosophischer Form ausgesprochen hat, – mußte, wie gegen<lb n="24"/>die allgemeine Kultur, die sie ausdrückt, jede Seite der lebendigen Natur, so auch die<lb n="25"/>Philosophie, Rettungsmittel suchen; was von der Philosophie in dieser Rücksicht<lb n="26"/>gethan worden ist, ist, wo es rein und offen war, mit Wuth behandelt worden, wo es<lb n="27"/>verdeckter und verwirrter geschah, hat sich der Verstand desselben um so leichter<lb n="28"/>bemächtigt, und es in das vorige dualistische Wesen umgeschaffen; auf diesen Tod<lb n="29"/>haben sich alle Wissenschaften gegründet, und was noch wissenschaftlich, also wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stens subjectiv lebendig an ihnen war, hat die Zeit vollends getödtet; so daß, wenn es<lb n="31"/>nicht unmittelbar der Geist der Philosophie selbst wäre, der in dieses weite Meer<lb n="32"/>untergetaucht und zusammengeengt die Kraft seiner wachsenden Schwingen um so<lb n="33"/>stärker fühlt, auch die Langeweile der Wissenschaften – dieser Gebäude eines von<lb n="34"/>der Vernunft verlassenen Verstandes, der, was das ärgste ist, mit dem geborgten<lb n="35"/>Nahmen entweder einer aufklärenden oder der moralischen Vernunft, am Ende auch<lb n="36"/>die Theologie ruinirt hat, – die ganze flache Expansion unerträglich machen, und<lb n="37"/>wenigstens eine Sehnsucht des Reichthums nach einem Tropfen Feuers, nach einer</p>
<pb n="127" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=134" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="XXII–XXIII"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Concentration lebendigen Anschauens, und nachdem das Todte lange genug erkannt<lb n="2"/>worden ist, nach einer Erkenntniß des Lebendigen, die allein durch Vernunft möglich<lb n="3"/>ist, erregen müßte.</p>
<p><lb n="4"/>Es muß nothwendig an die Möglichkeit einer solchen wirklichen Erkenntniß,<lb n="5"/>nicht bloß an jenes negative Durchwandern, oder perennirende Aufschiessen neuer<lb n="6"/>Formen geglaubt werden, wenn eine wahre Wirkung von einer Kritik derselben,<lb n="7"/>nämlich nicht ein bloß negatives Zerschlagen dieser Beschränktheiten, sondern von<lb n="8"/>ihr eine Wegbereitung für den Einzug wahrer Philosophie erwartet werden soll;<lb n="9"/>sonst, inwiefern sie nur die erste Wirkung sollte haben können, ist es wenigstens<lb n="10"/>immer billig, daß Beschränktheiten auch die Prätension und der Genuß ihres ephe<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>merischen Daseyns verbittert und abgekürzt wird; und wer mag, kann in der Kritik<lb n="12"/>auch nichts weiter als das ewig sich wälzende Rad, das jeden Augenblick eine Gestalt,<lb n="13"/>welche die Welle oben hinauf trug, hinunterzieht, erblicken; es sey, daß er auf der<lb n="14"/>breiten Base des gesunden Menschenverstandes ruhend, seiner selbst sicher nur an<lb n="15"/>diesem objectiven Schauspiel des Erscheinens und Verschwindens sich weidet, und<lb n="16"/>aus ihm selbst sich noch mehr Trost und Befestigung für seine Entfernung von der<lb n="17"/>Philosophie hohlt, indem er a priori durch Induction die Philosophie, an welcher das<lb n="18"/>Beschränkte scheitert, auch für eine Beschränktheit ansieht; – oder daß er mit inniger<lb n="19"/>und neugieriger Theilnahme, das Kommen und Gehen der aufschießenden Formen,<lb n="20"/>bewundernd und mit vieler Bemühung aufgreift, dann mit klugen Augen ihrem<lb n="21"/>Verschwinden zusieht, und schwindelnd sich forttreiben läßt.</p>
<p><lb n="22"/>Wenn die Kritik selbst einen einseitigen Gesichtspunkt gegen andere eben so ein<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>seitige geltend machen will, so ist sie Polemik und Partheysache; aber auch die wahre<lb n="24"/>Philosophie kann sich gegenüber von der Unphilosophie des äußern polemischen<lb n="25"/>Ansehens um so weniger erwehren, da ihr, weil sie nichts Positives mit dieser gemein<lb n="26"/>hat, und darüber in einer Kritik sich mit ihr nicht einlassen kann, nur jenes negative<lb n="27"/>Kritisiren und das Construiren der, nothwendig einzelnen, Erscheinung der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>philosophie, und weil diese keine Regel hat und in jedem Individuum auch wieder<lb n="29"/>anders sich gestaltet, auch des Individuums, in dem sie sich aufgethan hat, übrig<lb n="30"/>bleibt. – Weil aber, wenn eine Menge eine andere Menge gegen sich über stehen hat,<lb n="31"/>jede von beyden eine Parthey heißt, aber wie die Eine aufhört, Etwas zu scheinen,<lb n="32"/>auch die andere aufhört, Parthey zu seyn, so muß eines Theils jede Seite es unerträg<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lich finden, nur als eine Parthey zu erscheinen und den augenblicklichen, von selbst<lb n="34"/>verschwindenden Schein, den sie sich im Streit giebt, nicht vermeiden, sondern sich<lb n="35"/>in Kampf, der zugleich die werdende Manifestation des Nichts der andern Menge ist,<lb n="36"/>einlassen. Anderntheils wenn eine Menge sich gegen die Gefahr des Kampfs und der<lb n="37"/>Manifestation ihres innern Nichts damit retten wollte, daß sie die andere <hi rendition="#g">nur</hi> für</p>
<pb n="128" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=135" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="XXIII–XXIV"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>eine Parthey erklärte, so hätte sie diese ebendamit für Etwas anerkannt, und sich selbst<lb n="2"/>diejenige Allgemeingültigkeit abgesprochen, für welche das, was wirklich Parthey<lb n="3"/>ist, nicht Parthey, sondern vielmehr gar nichts seyn muß, und damit zugleich sich<lb n="4"/>selbst als Parthey, d. h. als Nichts für die wahre Philosophie, bekannt.</p>
<space/>
<p><lb n="5"/><hi rendition="#g">Anmerk</hi>. Daß das erste Heft die Mannigfaltigkeit nicht zeigt, die dem Ganzen nicht<lb n="6"/>fehlen wird, daran ist die unvermeidlich gewesene Ausdehnung des einen Aufsatzes schuld, mit<lb n="7"/>welchem denn auch die Sache, die er betrifft, fürs künftige im Journal wird als abgethan<lb n="8"/>betrachtet werden können.</p>
<pb n="129" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=136" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="1–3"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM<lb n="2"/>UND SEIN VERHÄLTNISS<lb n="3"/>ZU DEM NEUESTEN (REINHOLDISCHEN) DUALISMUS.</head>
<head><lb n="4"/>EIN GESPRÄCH ZWISCHEN DEM VERFASSER UND EINEM FREUND.</head>
<head type="sub"><lb n="5"/>Der Verfasser.</head>
<p><lb n="6"/>Was haben Sie denn hier, und was macht Sie auf eine so ungewöhnliche Art zu lachen?</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>Der Freund.</head>
<p><lb n="8"/>Was Sie hier sehen sind Reinholds Beiträge zur leichtern Uebersicht der Philosophie; was<lb n="9"/>mich aber zu lachen macht, ist eine Entdeckung über Sie, welche in dem dritten Stück vor<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>kommt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/>D. V.</head>
<p><lb n="12"/>Nichts weiter? Doch lassen Sie hören. Macht Reinhold Entdeckungen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="14"/>Allerdings, und zwar keine geringern, als daß Sie sich der Lehrsätze seines Lehrers als<lb n="15"/>hevristischer Principien bedient, und, wiewohl allem Ansehen nach, ohne es selbst zu wissen<lb n="16"/>und zu wollen, zugleich mit ihm (Reinhold nämlich) bey dem was Sie die Absurdität selbst<lb n="17"/>genannt haben, in die Schule gegangen seyn. Sehen Sie; hier S. 171. ist die Stelle.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="18"/>D. V.</head>
<p><lb n="19"/>Freylich hier steht es, und wüßte man nicht gleich, wo man es hinzuthun hat, und worauf<lb n="20"/>es die Antwort seyn soll, so könnte man es denn doch als eine ganz originelle Erfindung<lb n="21"/>bewundern. So aber ist es, außerdem daß es an sich keinen Sinn hat, noch überdieß eine ganz<lb n="22"/>gemeine Retorsion.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="23"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="24"/>Es ist wahr; ich erinnere mich der Aeußerungen in der Vorrede zu der neuen Darstellung<lb n="25"/>Ihres Systems –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. V.</head>
<p><lb n="27"/>Ganz richtig, ich sage daselbst: es solle Reinhold hiemit förmlich erlaubt seyn, mich in<lb n="28"/>Recensionen, Journalen etc. behaupten zu lassen, was ihm gut dünke; übrigens aber sich meiner<lb n="29"/>Ideen und Methode als <hi rendition="#g">hevristischen</hi> <hi rendition="#g">Princips</hi> zu bedienen, welches (so setzt’ ich hinzu)<lb n="30"/>von gutem Nutzen seyn soll, und sogar gegen den Idealismus mit <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">ge</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">nommenen</hi>, nur auf dem Uebergang in seinen Kopf gehörig absurd gewordenen Ideen zu<lb n="32"/>kämpfen.</p>
<pb n="130" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=137" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="3–5"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Sie sehen, er hat sich Ihre Erlaubniß schnell zu Nutze gemacht, und gleich unmittelbar bey<lb n="3"/>ihr selbst angefangen, sie als hevristisches Princip zu brauchen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="4"/>D. V.</head>
<p><lb n="5"/>Uebersehen Sie nicht, daß er selber, schon früher nämlich, am Ende seiner Recension meines<lb n="6"/>Idealismus, nöthig gefunden hat, zu erklären, man werde sich meines Systems als hevristischen<lb n="7"/>Princips vortheilhaft bedienen: was er damals sagte, und was er hier sagt, ist Ein Ding; nur<lb n="8"/>der Ausdruck muß sich ihm umgekehrt haben. Damals beschied er sich noch, seitdem, sehe ich,<lb n="9"/>hat er in seiner Schule auch gelernt, unbescheiden zu seyn. Die Naivetät jener Aeußerung und<lb n="10"/>das gute Zutrauen, daß ich mir es ganz ruhig würde gefallen lassen, glaubte ich nicht besser,<lb n="11"/>als durch die angeführte Erlaubniß erwiedern zu können.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="12"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="13"/>Bemerken Sie aber wohl, daß er jener Aeußerungen von Ihnen mit keiner Sylbe Erwäh<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nung thut.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. V.</head>
<p><lb n="16"/>Desto besser! Da muß ich ja fast, so zu sagen, eine Spur von Verstand erblicken.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="18"/>Sie sehen aber wenigstens, mein Freund, daß Sie mit den kurzen und bloß beyläufigen<lb n="19"/>Bemerkungen, wie die in jener Vorrede, nicht abkommen; sondern endlich sich doch werden<lb n="20"/>entschließen müssen, den Zudringlichkeiten dieser Leute ein gründliches Ende zu machen, und<lb n="21"/>sie bey der Wurzel anzugreifen. Oder bekennen Sie wenigstens eine zu große Gleichgültigkeit<lb n="22"/>gegen Ihre Gegner und für Ihre eigene Sache zu haben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="23"/>D. V.</head>
<p><lb n="24"/>Lieber Freund, Feinde und Gegner zu haben, ist in dieser Zeit für eine Sache zu halten,<lb n="25"/>welche zur Ehre gereicht und zum Gutseyn mit gehört. Dieser Reinhold aber ist mir von jeher<lb n="26"/>ein langweiliger Geselle gewesen, so daß mit ihm mich einzulassen, oder ihn zu meinen Geg<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>nern zu rechnen, mich immer viel Ueberwindung gekostet hat. Seit er nun zwar in die geistige<lb n="28"/>Ehe getreten ist, worinn er sich, wie er sagt, auf das reine Empfangen einschränkt, ist er, ich<lb n="29"/>gestehe es, ein unterhaltenderer Gegenstand für die Darstellung geworden, so daß ich es nicht<lb n="30"/>verschwören will, einmal gute Laune und Muße an ihn zu wenden. Ihn zu widerlegen oder<lb n="31"/>mich gegen ihn zu vertheidigen, habe ich noch nie nöthig gefunden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="32"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="33"/>Einer Kritik des Reinholdischen sogenannten Systems sollen Sie auch ferner überhoben<lb n="34"/>seyn; es ist dazu genug, daß man Ihre Grundsätze kennen lerne, da es für jeden, der diese faßt<lb n="35"/>und jenes kennt, das Zeichen des Thiers schon an der Stirne trägt, und als ein Dualismus von<lb n="36"/>der rohesten Art eine weitere Beurtheilung seiner innern Beschaffenheit und Wesen nach<lb n="37"/>eben nicht erfodert. So arm ist auch die deutsche Welt noch nicht an Kritikern, daß ihm das</p>
<pb n="131" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=138" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="5–7"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>nöthige Recht nicht wiederfahren sollte. Dazu sind die Würzburger, ja sogar die Tübinger<lb n="2"/>Gelehrten Anzeigen vollkommen hinreichend. Was Reinhold selbst betrifft, so befindet er<lb n="3"/>sich zu tief unter der Idee, von welcher man nur anfangen könnte, ihm mit einer Beurtheilung<lb n="4"/>verständlich zu werden, und diese Geistesknechtschaft muß wie jede andere, durch die er<lb n="5"/>gegangen ist, ihre gesetzte Zeit dauern, ehe man hoffen kann, ihm irgend etwas beyzubringen. Er<lb n="6"/>muß immer erst das Ende und den Gipfel des Unsinns vor sich sehen, ehe er aufhört. Was sein<lb n="7"/>Betragen betrifft, so hat er den Vortheil, sich ohne Scheu alles erlauben zu dürfen, weil er nichts<lb n="8"/>mehr zu verlieren hat. Eine Sache aber, die nicht beurtheilt werden kann, ist doch wenigstens<lb n="9"/>fähig, charakterisirt zu werden.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Auch ist dieß meine Meinung, nur muß man ihr erst Zeit lassen, sich selbst zu charakteri<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>siren. Die geheime Furcht, das Gefühl der Nullität, das diese Art der Eingeschränktheit ängstigt,<lb n="13"/>bringt sie endlich unfehlbar zur Verwirrung, und zwingt so die Trübseligkeit selbst, durch ihre<lb n="14"/>Krümmungen und Wendungen kurzweilig zu werden. Meine Maxime ist, daß man in jedem<lb n="15"/>solchen Fall den Moment des höchsten Ausbruchs erwarten muß, um die Sache aufs kürzeste<lb n="16"/>abthun zu können.</p>
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<head type="sub"><lb n="17"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="18"/>Diesen Moment haben Sie, was Reinhold betrifft, wirklich erwartet, und es scheint mir, daß<lb n="19"/>Sie sich eben über diesen Punct am ehesten auf mein Urtheil verlassen dürfen, da ich entfernt<lb n="20"/>von allem eigenen Antheil an diesem Schauspiel, und keine Stelle einnehmend, wo ich jeman<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>dem, oder jemand mir zu nahe treten könnte, gleichwohl meinem Interesse für den Gegenstand<lb n="22"/>so viel historische Kenntniß der Sache und der Person verdanke, um zu bemerken, wie Ihr<lb n="23"/>Schweigen und Ihre wohlbekannte Geringschätzung auch dieser Schwachherzigkeit Muth<lb n="24"/>macht, die sich, wie Sie sehen, auf die bisher gebrauchten, eben auch nicht löblichen, Mittel<lb n="25"/>nicht mehr einschränkt, sondern in ein neues Fach übergeht. Diese letzte Erfindung so schlecht<lb n="26"/>sie ist ihrem Ursprung nach, so widersprechend nothwendig und ihm selbst verderblich im<lb n="27"/>Fortgang, kann Ihnen denn doch zeigen, daß Sie dem Reinhold künftig genauer auf die Finger<lb n="28"/>sehen müssen.</p>
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<head type="sub"><lb n="29"/>D. V.</head>
<p><lb n="30"/>Ruhig, lieber Freund, was nöthig ist, wird geschehen. Ich verspreche mir von dieser neuen<lb n="31"/>Wendung auch noch Anderes. Er wird nicht umhin können, uns selbst einige hervorragende<lb n="32"/>Zipfel seines Systems in die Hand zu geben, die wir nur aufheben dürfen, um die saubern<lb n="33"/>Dinge, die darunter verborgen sind, und die er, so oft sie hervorgezogen werden, immer<lb n="34"/>wieder hübsch zuzudecken sucht, oder sich anstellt, von ihnen nichts zu wissen, an den Tag zu<lb n="35"/>fördern. Er wird uns die Mühe abnehmen; wir dürfen ihn nur machen lassen, sicher, daß er<lb n="36"/>sich selbst um den Hals rede. Ich vermuthe auch in den Beweisen einen überschwänglichen<lb n="37"/>Fond von Belustigung. Doch damit ich der Sache gewiß werde, so bitte ich Sie, ehe wir weiter<lb n="38"/>gehen, mich genauer zu unterrichten, welche Bewandniß es mit seiner Entdeckung hat.</p>
<pb n="132" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=139" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="7–9"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
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<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Den ersten Stoß also hat ihm die neue Darstellung des Systems der Philosophie beygebracht.<lb n="3"/>Wenn Sie aber glauben, daß diese allein hingereicht, so irren Sie sich, lieber Freund. Denn<lb n="4"/>freilich, daß Ihr System überhaupt, und so wie es in dem letzten Heft Ihrer Zeitschrift dar<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gestellt ist insbesondere sich mit dem, was er jetzt Philosophie nennt, schlecht vertrage, und ihr<lb n="6"/>in alle Wege entgegengesetzt seyn müsse, konnte er, wenn auch nur aus den kleinen un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>beliebigen Aeußerungen über ihn in der Vorrede noch wohl ohne fremde Hülfe begriffen<lb n="8"/>und einigermaßen ermessen haben. Es hätte aber lange Zeit währen können, ehe er den eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichen Punct der Entgegensetzung herausgefunden, und es darüber zu etwas mehr als einem<lb n="10"/>dunkeln Gefühl gebracht hätte, wäre nicht glücklicher oder vielmehr unglücklicher Weise ein<lb n="11"/>Recensent in der Erlanger Lit. Zeitung erschienen, der ihm darüber die Augen öffnete, indem<lb n="12"/>er den herausgehobenen Hauptpunct jener Darstellung den unglaublichen Misverständnissen,<lb n="13"/>Verdrehungen und Entstellungen der neuen Philosophie, welche jener sich zu Schulden kommen<lb n="14"/>läßt, nicht minder als seinen eigenen Lehrsätzen auf eine Weise entgegenstellte, bey der freilich<lb n="15"/>der diametrale Gegensatz beyder, und die traurige Nackt- und Bloßheit der letztern in ein sehr<lb n="16"/>helles Licht kam.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. V.</head>
<p><lb n="18"/>Kennen Sie den Recensenten? Seine Arbeit schien mir ein Verdienst um die Wissenschaft.</p>
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<head type="sub"><lb n="19"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="20"/>Ich kenne ihn nicht; aber Reinhold versichert, daß Sie ihn kennen, daß er zu Ihren Freunden,<lb n="21"/>Ihren Schülern, zu Ihrer bis daher, wie er sich ausdrückt, esoterischen Schule gehöre.</p>
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<head type="sub"><lb n="22"/>D. V.</head>
<p><lb n="23"/>Ich versichere, daß mir seine Person völlig unbekannt ist, und daß von alle dem, meines<lb n="24"/>Wissens, kein Wort wahr ist. – Auch schien er mir eben nicht überall meinen Sinn getroffen<lb n="25"/>zu haben.</p>
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<head type="sub"><lb n="26"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="27"/>Solche Insinuationen erlauben sich die, welche alle Mittel und Wege, wär’ es auch nur das<lb n="28"/>frische Herzeleid, das ihre Gegner den Redactoren eines gelehrten Blattes angethan haben,<lb n="29"/>benutzen, um lobpreisende Recensionen ihrer Sachen in gelehrte Zeitungen zu bringen.</p>
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<head type="sub"><lb n="30"/>D. V.</head>
<p><lb n="31"/>Das lohnt sich der Mühe nicht. Lassen Sie weiter hören.</p>
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<head type="sub"><lb n="32"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="33"/>Nachdem nun der Riß, welchen zunächst die unerwartete Recension, entfernter Weise die<lb n="34"/>unerwartete Darstellung Ihres Systems, in das Lehrgebäude gemacht hatten, durch eine <hi rendition="#g">neue</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Darstellung</hi>, zu welcher man dorther in aller Geschwindigkeit die Mittel borgte, neu über<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>tüncht, und die schönen Lehrstücke, welche durch jene an den Tag gebracht worden, dem</p>
<pb n="133" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=140" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="9–10"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Licht entzogen und vorläufig wieder zugewühlt waren; nachdem man ferner bemerkt hatte,<lb n="2"/>daß alle diese Verrenkungen und sämmtliche Nachhülfen, (die Sie noch müssen kennen<lb n="3"/>lernen), nicht gehörig verfangen wollen, und doch nur kurze Frist verleihen: so gab dann die<lb n="4"/>Verwirrung, in die man dadurch gerathen war, und die Furcht, daß die kleinen Handgriffe<lb n="5"/>nicht unbemerkt bleiben möchten, erst den Gedanken, lieber das Zuvorkommen zu spielen,<lb n="6"/>und dann die weitern Maaßregeln ein, von denen Sie jetzt mehr hören sollen. Sie hatten in der<lb n="7"/>letzten Darstellung Ihr System, das R. in dem letzterschienenen Heft seiner Beiträge auf alle<lb n="8"/>Weise aus seiner Stelle zu rücken und zu verunstalten gesucht hatte, eigends wieder zurechte<lb n="9"/>gerückt; da er sich nun dadurch rechts und links beengt fühlte, so mußte er es sich vorläufig<lb n="10"/>wieder in die Lage bringen, worinn er es zu sehen gewohnt war, um auf diese Weise seiner<lb n="11"/>Meister zu werden.</p>
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<head type="sub"><lb n="12"/>D. V.</head>
<p><lb n="13"/>Ich wette, daß ihm dieß um so leichter geworden ist, da er nur nöthig hatte, sich selbst zu<lb n="14"/>übertreffen.</p>
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<head type="sub"><lb n="15"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="16"/>Sie können überzeugt seyn, er hat es in allen seinen Fugen, Theilen und Zügen so verdreht,<lb n="17"/>entstellt und verzerrt, daß Sie es selbst nicht wieder kennen sollten. Doch hören Sie selbst<lb n="18"/>(er liest von S. 165–168. des angeführten Stücks der Beiträge¹) – Wie nennen Sie diese Manier?</p>
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<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Wir werden sie am kürzesten und billigsten von ihrem Urbild und höchsten Muster die<lb n="21"/>Fr. Nicolaische Manier nennen. Denn es ist offenbar, daß Reinhold, nachdem er sich darauf<lb n="22"/>zu legen angefangen, in dieser Kunst bereits keinen andern Meister mehr über sich erkennt, als<lb n="23"/>den unvergleichlichen und unübertrefflichen Fr. Nicolai.</p>
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<head type="sub"><lb n="24"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="25"/>Vergessen Sie nicht den andern Theil dieser Manier, welcher darinn besteht, den Gegner<lb n="26"/>mit einem Schwall von Geschwätz zu übergießen, alle Schleusen des Unsinns aufzuziehen, und<lb n="27"/>alles in eine solche Wasserfluth zu setzen, daß nichts mehr kenntlich oder von dem andern<lb n="28"/>unterscheidbar ist. In dieser Kunst des grund-, boden- und endlosen Geschwätzes hat er das<lb n="29"/>Urbild bereits nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen.</p>
</div>
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<head type="sub"><lb n="30"/>D. V.</head>
<p><lb n="31"/>Freylich von dem kräftigern Geist, der sich nach Fichte’s Antwortschreiben in seinem Buch<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>staben rühren sollte, habe ich eben auch noch nichts verspüren können.</p>
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<head type="sub"><lb n="33"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="34"/>Wenn die Kraft nicht etwa in dem tüchtigen Unterstreichen liegt.</p>
<note xml:id="fn-133-1" n="¹"><lb n="35"/><seg type="marke">¹ </seg>Wir wollten mit dem Abdruck dieser Stelle das Papier nicht verderben, und überlassen<lb n="36"/>sie daher dem Leser selbst nachzusehen.</note>
<pb n="134" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=141" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="10–13"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
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<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Auch das hat er schon zu sehr abgenutzt: Ich wollte ihm schon lange den Rath geben, sich<lb n="3"/>beim Druck mitunter statt der schwarzen der rothen Dinte zu bedienen, welche besonders<lb n="4"/>bey den <hi rendition="#g">Als</hi> und <hi rendition="#g">Inwiefern</hi> und <hi rendition="#g">Insoweit</hi> vortreffliche Dienste leisten müßte. Sehen Sie<lb n="5"/>aber doch zu, ob wir aus dieser Ueberschwemmung einige Brocken herausfischen und zur<lb n="6"/>Betrachtung bringen können!</p>
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<head type="sub"><lb n="7"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="8"/>Das Erste, was man sich ohngefähr daraus nehmen kann, ist, daß er Ihr System für ein<lb n="9"/>Product aus Spinozismus und Idealismus hält. Daß dieß in seinem Kopf sich so gefunden, der<lb n="10"/>sein ganzes Leben in nichts als Zusammenkneten und Zusammenleimen sich geübt hat, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wundert mich nicht; denn sonst wird diese Vorstellung nicht leicht bey einem vernünftigen<lb n="12"/>Menschen angetroffen werden, da Sie sich, man sollte glauben, deutlich genug über diesen<lb n="13"/>Punct erklärt haben. Mir schien Ihre Meinung über Spinozismus und Idealismus immer diese<lb n="14"/>zu seyn, daß nämlich jedes dieser Systeme für sich schon den Punct enthalte, der aus der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zelnheit eines jeden herausgehoben zugleich als der absolute Indifferenzpunct aller speculativen<lb n="16"/>Wahrheit, und beyder Systeme erscheinen müßte, so daß nicht eines durch das andere ergänzt,<lb n="17"/>sondern jedes für sich selbst das Ganze, beyde also nicht relativ oder synthetisch, sondern<lb n="18"/>absolut Eines seyn, so wie es mir hinwiederum schien, daß, widersprächen sich beyde wirklich,<lb n="19"/>alsdann nach Ihrer Meinung der Grund dieses Widerspruchs nicht zwischen beyden, sondern<lb n="20"/>in jedem für sich betrachtet liegen müßte.</p>
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<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Im allgemeinen ist dieß allerdings mit meiner Ansicht davon übereinstimmend. Das Beson<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dere dieses Verhältnisses aber konnte nur in der Folge meiner Darstellung vorkommen, und<lb n="24"/>ganz vorzüglich sollte R., der nachgerade wohl wissen könnte, wie kurzbeschnittene Flügel er<lb n="25"/>hat, dem Buchstaben nach- geschweige vorzufliegen, sich beschieden haben, darüber etwas<lb n="26"/>zum Voraus zu wissen. Das Wesentliche davon aber ist folgendes.</p>
<p><lb n="27"/>Wie man auch die höchste Idee der Philosophie in Worte fasse, ob sie als absolute Identität<lb n="28"/>des Denkens und der Ausdehnung, des Ideellen und Reellen, oder wie sonst ausgesprochen<lb n="29"/>werde, denn alle diese verschieden scheinenden Ausdrücke sind ziemlich gleichbedeutend, so<lb n="30"/>enthält sie doch von allen diesen Gegensätzen an sich betrachtet weder das Eine noch das Andere,<lb n="31"/>sondern dasselbe dem Wesen nach, was ideal ist, ist zugleich auch real, dasselbe was denkt,<lb n="32"/>auch das, was ausgedehnt ist, so daß, wofern die Einheit nur wirklich als absolut gedacht wird,<lb n="33"/>in der Natur desjenigen, was durch jene Idee bezeichnet wird, auch alle Dinge, ohne einigen<lb n="34"/>Unterschied des Seyns und Nichtseyns, der Möglichkeit und der Wirklichkeit, mit einem<lb n="35"/>Wort auf eine nichtzeitliche, ewige Weise enthalten und ausgedrückt seyn müssen, und also<lb n="36"/>auch nur durch und gleichsam an jener Trennung des Denkens und Seyns, welche mit dem<lb n="37"/>Bewußtseyn, und für das Bewußtseyn gesetzt wird, heraustreten aus der Ewigkeit, sich ab<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>sondern von dem All, und in ein zeitliches Daseyn übergehen. Jene im Bewußtseyn und zum<lb n="39"/>Behuf des Bewußtseyns nothwendige Trennung dessen, was wir in jener Idee als vereinigt<lb n="40"/>gesetzt haben, geschieht aber, weil eins nur an dem andern, der Leib nur an der Seele, die Seele<lb n="41"/>nur an dem Leib sich absondern kann von der Ewigkeit, nothwendig so, daß zugleich auf</p>
<pb n="135" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=142" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>der einen Seite das Denken als gesetzt durch das Seyn, auf der andern das Seyn als gesetzt durch<lb n="2"/>das Denken und der eine absolute Indifferenzpunct in zwey entgegengesetzte relative Brenn<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>puncte getrennt erscheint. Denn wie von selbst erhellet, so ist auch die Trennung, die im<lb n="4"/>Bewußtseyn gesetzt ist, bloß relativ, indem Denken und Seyn doch nicht auseinanderkommen,<lb n="5"/>sondern eins bleiben, nur daß wechselsweise indem das eine durch das andere, auch hinwiederum<lb n="6"/>dieses durch jenes bestimmt und gesetzt wird. Der wahre Idealismus beruht einzig auf dem<lb n="7"/>Beweise, daß außerhalb des Bewußtseyns, und abgesehen von ihm jene Trennung gar nicht<lb n="8"/>existire; da nun eben durch dieselbe und allein durch sie das All sich öffnet, die gesammte<lb n="9"/>Erscheinungswelt sich herauswirft aus dem, worinn alles Eins und nichts unterscheidbar ist,<lb n="10"/>so ist der Idealismus in Ansehung der Erscheinungswelt oder gegenüber vom Endlichen positiv,<lb n="11"/>negativ in Bezug auf jenes Außerhalb des Bewußtseyns, in Ansehung dessen der Realismus<lb n="12"/>oder Spinozismus categorisch und positiv ist. Diese Aussage des Idealismus: »das Seyn ist nicht<lb n="13"/>an sich abgesondert vom Denken, eben so wenig das Denken von dem Seyn,« hat Fichte nicht<lb n="14"/>nur überhaupt mit der höchsten Klarheit aufgestellt, sondern dasselbe auch aufs bestimmteste<lb n="15"/>durch sein Princip, und das, was er als Charakter desselben angiebt, ausgesprochen. Das Ich,<lb n="16"/>welches nichts anders, als der höchste Ausdruck jenes Absonderungsacts ist, ist nach ihm reiner<lb n="17"/>Act, nichts als sein eigenes Thun, nichts, unabhängig von seinem Handeln, überhaupt bloß durch<lb n="18"/>und für sich selbst, nichts also an sich oder in Ansehung des Absoluten, eben so auch alles, was<lb n="19"/>mit dem Ich und eben deßwegen auch nur für das Ich abgesondert ist von der Allheit. Mehr als<lb n="20"/>diese negative Seite der Philosophie kann im Idealismus als Idealismus nicht dargestellt werden.<lb n="21"/>Die erste Bemerkung dieser nothwendigen Schranken des Idealismus und Hinweisung auf das,<lb n="22"/>was außer ihnen liegt, findet sich schon in den Briefen über Dogmatismus und Kriticismus,<lb n="23"/>deren Sinn manchem vielleicht jetzt eher aufgehen möchte, als es bey ihrer ersten Erscheinung<lb n="24"/>der Fall seyn konnte. Was aber der Reinhold von dieser Sache vorbringt, beweiset nur, was<lb n="25"/>wir längst gewußt, daß er noch immer nicht einmal die Anfangsgründe des Idealismus<lb n="26"/>gefaßt hat.</p>
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<head type="sub"><lb n="27"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="28"/>Ich glaube nun deutlich zu sehen, daß der Gegensatz von Naturphilosophie und Trans<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>scendentalphilosophie bey Ihnen keinen andern Sinn haben kann, als es hat, wenn Spinoza das<lb n="30"/>erste Buch seiner Ethik de natura, von der Allheit, und das zweite de mente, oder von dem Ich<lb n="31"/>überschrieben hat.</p>
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<head type="sub"><lb n="32"/>D. V.</head>
<p><lb n="33"/>Keinen andern.</p>
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<head type="sub"><lb n="34"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="35"/>Haben Sie bemerkt, wie R. den Ausdruck speculative Physik mißbraucht, den Sie der Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>philosophie geben, sofern sie vom System der Philosophie abgesondert, und als eine eigene<lb n="37"/>Wissenschaft, von den in jenem bestimmten Principien aus, weiter fortgeführt werden kann?<lb n="38"/>Er gebraucht diese Bezeichnung für sie, insofern sie integranter Theil des Systems selbst ist,<lb n="39"/>und bringt auf diese Weise heraus: Ihre Philosophie sey transscendentalphilosophisch und<lb n="40"/>speculativphysisch zugleich.</p>
<pb n="136" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=143" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–17"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
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<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Dieß verdiente in der N. Allg. deutschen Bibliothek gedruckt zu stehen. Doch lassen Sie uns<lb n="3"/>weiter gehen. War da nicht von einer Stelle die Rede, worinn ich sagte, daß Natur- und Trans<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>scendentalphilosophie die beyden ewig entgegengesetzten seyn müssen, und ließ er nicht so<lb n="5"/>etwas verlauten, als hätte die Eine und gleiche Wahrheit der beyden mir erst jetzt aufzugehen<lb n="6"/>angefangen? Ueberzeugen Sie mich mit meinen Augen, daß R. das Letzte wirklich gesagt hat,<lb n="7"/>denn was das Erste betrifft, so ist es noch jetzt meine Meinung.</p>
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<head type="sub"><lb n="8"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="9"/>Ueberzeugen Sie sich; hier S. 167.</p>
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<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Lieber Freund, da wir doch Willens scheinen, den Spaß weiter fortzusetzen, und diesem<lb n="12"/>würdigen Mann ganz den Proceß zu machen, haben Sie doch die Güte, die nöthigen Acten<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stücke herbey zu schaffen.</p>
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<head type="sub"><lb n="14"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="15"/>Sie finden diese hier alle schon beysammen; auch die Blätter der A. Lit. Zeitung, worinn<lb n="16"/>die Recension des Idealismus abgedruckt ist.</p>
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<head type="sub"><lb n="17"/>D. V.</head>
<p><lb n="18"/>Vortrefflich. – Die erst angeführte Stelle steht hier S. IX. der Vorrede zum System des<lb n="19"/>Idealismus. Was ich in jener Stelle läugne, ist eben das, was er jetzt einfältig genug mir zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schreibt, versucht zu haben, die Möglichkeit einer Vereinigung beyder Wissenschaften durch<lb n="21"/>Synthese. Es wäre ihm sehr gut gewesen, wenn er die Stelle richtig verstanden und gehörig<lb n="22"/>benutzt hätte.</p>
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<head type="sub"><lb n="23"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="24"/>So viel ich durch Sie selbst von der Construction Ihres Systems erfahren habe, so sind jene<lb n="25"/>beyden entgegengesetzten in demselben wirklich getrennt, ja es ist als System ohne jene<lb n="26"/>Trennung nicht einmal zu denken. Sprechen Sie nicht schon in dem Anfang Ihrer Darstellung<lb n="27"/>von einer reellen und ideellen Reihe, und welchen Sinn hätte ohne jene Trennung der In<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>differenzpunct? – Besonders klar schien mir, was Sie mit Anwendung des Satzes, den Sie an<lb n="29"/>einem Orte über das Wesen des Organischen aufgestellt haben, von der Gestalt des Universum<lb n="30"/>und der ihr ähnlichen der Philosophie geäußert haben, nämlich daß sie nach außen indifferent<lb n="31"/>sey, nach innen aber nothwendig aus zwey entgegengesetzten Quellpuncten das allgemeine<lb n="32"/>Leben und die Bewegung verbreite.</p>
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<head type="sub"><lb n="33"/>D. V.</head>
<p><lb n="34"/>Ganz richtig, und dasselbe läßt sich auch schon aus dem eben von uns Verhandelten ein<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>sehen, daß wenn das Seyn nur an dem Denken, das Denken an dem Seyn sich absondert vom<lb n="36"/>Ewigen, alsdann auch jene absolute Identität beyder, worinn alles begriffen ist, sich im Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>seyn und für das Bewußtseyn nur durch zwei entgegengesetzte Identitätspuncte darstellen und<lb n="38"/>ausdrücken kann. Jeder dieser Puncte ist nur durch den andern, aber eben deßwegen keiner</p>
<pb n="137" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=144" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="17–19"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>an sich; an sich ist nur das, worinn sie absolut eins sind, und der nur mit den Augen der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nunft zu erblickende Centralpunct beyder. So wie jene bloß relative Indifferenzpuncte getrennt<lb n="3"/>sind, sind es auch Naturphilosophie und Transscendentalphilosophie, die eben durch ihre<lb n="4"/>Trennung gesetzt sind.</p>
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<head type="sub"><lb n="5"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="6"/>Das Merkwürdigste ist, daß R. in der angeführten Recension Ihres Idealismus davon selbst<lb n="7"/>etwas eingesehen zu haben schien, denn er sagt ausdrücklich (S. 365.): Jedes von beyden (Natur<lb n="8"/>und Ich in Ihrem Sinne) schließt nur durch seine Relativität das andere aus, begreift aber durch<lb n="9"/>seine Absolutheit das andere in sich. –</p>
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<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Wir werden, wenn ich nicht irre, in dieser Recension noch andere Merkwürdigkeiten der<lb n="12"/>Art finden.</p>
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<head type="sub"><lb n="13"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="14"/>Der Mißgriff eines Idealismus, der einen Realismus mit sich im Gegensatze hätte, müßte<lb n="15"/>nach dieser Vorstellung darinn bestehen, daß, da er eine absolute Identität des Denkens und des<lb n="16"/>Seyns als Princip setzen muß, er doch das Seyn nur durch das Denken bestimmt seyn läßt, also<lb n="17"/>von jenen beyden relativen Indifferenzpuncten nur den einen auffaßt, den absoluten aber im<lb n="18"/>Fortgang des Systems ganz verliert; denn von diesem angesehen kann das Seyn an sich eben<lb n="19"/>so wenig durch das Denken, als das Denken durch das Seyn bestimmt seyn, da beyde vielmehr<lb n="20"/>absolut eins sind vermöge der höchsten Idee.</p>
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<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Hierüber wäre noch vieles zu reden, mein Freund, wozu wir jetzt die Muße nicht finden<lb n="23"/>möchten. Nothwendig aber zum Setzen des Absoluten ist, daß es nicht zugleich, sondern viel<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mehr auf völlig gleiche Weise als unendliche Realität und unendliche Idealität gesetzt werde.<lb n="25"/>Denn es kann als Absolutes nur unter der Form der Antinomie gesetzt werden, und, indem die<lb n="26"/>Foderung an die Vernunft geschieht, es als beydes auf völlig gleiche Weise zu denken, so wird<lb n="27"/>es, weil eins das andere ausschließt, nothwendig als dasjenige gedacht, was an sich weder das<lb n="28"/>eine noch das andere, aber eben deßwegen absolut ist. So bald es fixirt wird unter dem einen<lb n="29"/>dieser beyden Reflexionsgegensätze, so daß es entweder bloß als unendliches Seyn, oder als<lb n="30"/>unendliches Denken, ohne alle Antinomie gedacht wird, sind wir auch aus der Sphäre der<lb n="31"/>wahren Absolutheit heraus in der einer bloß relativen; so wie wir dagegen, wenn es als beydes<lb n="32"/>zugleich gedacht werden soll, in der Sphäre der Endlichkeit, der Limitation und der Theilbar<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>keit uns befinden. Alle diese Bestimmungen und die Unterschiede dieser Bestimmungen sind<lb n="34"/>wesentlich, um den Eingang in jedes speculative System, besonders den Spinozismus und das<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>jenige, welches meinen Darstellungen zum Grunde liegt, zu finden. Gleichwie nun die höchste<lb n="36"/>Existenz, die des Absoluten, auf jener völligen Untrennbarkeit und der totalen Gleichgültigkeit<lb n="37"/>beruhet, jetzt als Erkennen und dann nicht als Seyn, jetzt als Seyn und dann nicht als Erkennen<lb n="38"/>gedacht zu werden, so muß auch alles wahrhaft Existirende, insofern es als solches gesetzt wird,<lb n="39"/>nicht zugleich, sondern vielmehr auf völlig gleiche Weise als modus der Idealität und der</p>
<pb n="138" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=145" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="19–21"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Realität, als Seele und als Leib gedacht werden, so daß wahrhaft und an sich betrachtet eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lich weder das Eine noch das Andere existirt, sondern das Untheilbare und absolut Identische<lb n="3"/>beyder, das wir weiter nicht bestimmen können, ohne es unter dem einen dieser Attribute zu<lb n="4"/>setzen. Bey dieser Beschaffenheit der Sache muß, wie auf der einen Seite durch die Endlichkeit<lb n="5"/>des Seyns das unendliche Denken der allgemeinen Identität entrissen und als Denken gesetzt<lb n="6"/>wird, hinwiederum auf der entgegenstehenden durch die Endlichkeit des Denkens das unend<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>liche Seyn der Allheit entzogen, und als Seyn gesetzt werden, so daß nach zwei entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gesetzten Richtungen gleichwohl nie bloß das eine oder das andere, sondern das unveränderlich<lb n="9"/>Identische beyder gesetzt werde, und alle Bestimmung durch Idealität und Realität eine blos<lb n="10"/>relative seye. Denn was Sie im Gegensatz gegen ein anderes als ein Seyn setzen, z. B. den Leib<lb n="11"/>im Gegensatz gegen die Seele, ist an sich selbst betrachtet nicht minder ein modus des Er<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>kennens als jenes, so wie in der Leibnitzischen Lehre der Leib eben so wie die Seele, an sich<lb n="13"/>betrachtet, selbst wieder eine Monas ist.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="15"/>Wenn also auch Idealismus und Realismus als völlig entgegengesetzte Systeme angesehen<lb n="16"/>werden könnten, so daß es möglich wäre zu sagen, jener betrachte die Dinge blos unter dem<lb n="17"/>Attribut des unendlichen Erkennens, dieser unter dem des unendlichen Seyns, obgleich dieß<lb n="18"/>freilich in Ansehung des wahren Idealismus so wenig der Fall ist als in Ansehung des wahren<lb n="19"/>Realismus, so wären doch beyde, vorausgesetzt, daß nur jedes in seiner Art vollkommen sey,<lb n="20"/>eben so nothwendig eine und dieselbe Wissenschaft von ganz gleichem Inhalt, als es nothwendig<lb n="21"/>ist, daß jedes Ding obwohl auf völlig gleiche Weise, modus des Erkennens und des Seyns,<lb n="22"/>dennoch nur ein und dasselbe sich selbst absolut gleiche Ding von Einem Gehalt und Wesen ist.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="23"/>D. V.</head>
<p><lb n="24"/>So ist es, und es durfte auch bloß in derselben Vorrede weiter gelesen werden, was gleich<lb n="25"/>nachher von der <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">gleichen</hi> Realität, d. h. doch wohl der Indifferenz beyder Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schaften in theoretischer, rein speculativer Rücksicht gesagt ist, um zu begreifen, was es mit der<lb n="27"/>Entgegensetzung beyder für eine Bewandniß habe.</p>
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<head type="sub"><lb n="28"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="29"/>Auch hat R. nicht unterlassen, das völlig zu verdrehen, was Sie dort von der reintheoreti<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schen Betrachtung sagen.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="31"/>D. V.</head>
<p><lb n="32"/>Ich verstehe darunter nichts anders, als was ich an einer andern Stelle rein objectives Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sophiren, Philosophiren ohne alle Einmischung von practischem Interesse genannt habe, kurz<lb n="34"/>das entgegengesetzte des Reinholdischen, das die schalen Subjectivitäten seines dürftigen Geistes<lb n="35"/>unter dem Namen der Liebe und des Glaubens an Wahrheit verbirgt. Daß dort nicht von<lb n="36"/>practischer Philosophie in dem Sinn die Rede sey, in welchem sie selbst ein nothwendiger Theil<lb n="37"/>der rein-theoretischen oder eigentlichen speculativen Philosophie ist, hätte er eben daraus</p>
<pb n="139" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=146" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="21–23"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>sehen können, daß ihr in demselben Zusammenhange aller Einfluß auf das reine Theoretisiren<lb n="2"/>abgesprochen wird.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="4"/>Lieber Freund, dann hätte er Ihnen auch nicht beweisen können, daß Sie die eine und selbe<lb n="5"/>Wahrheit unter den beyden verschiedenen Formen erst jetzt zu sehen angefangen, und daß Sie<lb n="6"/>die Augengläser dazu sich von dem Lehrer haben machen lassen.</p>
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<head type="sub"><lb n="7"/>D. V.</head>
<p><lb n="8"/>Die optische Täuschung über den letzten Punct ist leicht zu erklären. Denn daß freilich er<lb n="9"/>und der Lehrer uns andere mit Augengläsern versehen wollten, ist uns zur Genüge bekannt,<lb n="10"/>nur behauptete ich, daß sie dabey nach Art des heiligen Crispinus verfahren, unsre eigenen<lb n="11"/>entwendet, und statt dieser, welche scharf waren, dieselben, mattgeschliffen, zurückgeben<lb n="12"/>wollten.</p>
</div>
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<head type="sub"><lb n="13"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="14"/>Sonst sagt man: der Lügner muß ein gutes Gedächtniß haben. Hier trifft es auch den Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dreher und Verfälscher. Wenn er auch albern genug ist, sich einzubilden, Ihre Philosophie<lb n="16"/>vor dem Publikum entstellen zu können, so sollte er doch so viel Verstand behalten, es nicht<lb n="17"/>auf solche Weise zu machen, daß man ihn selbst gegen ihn selbst als Zeugen stellen kann. Hier,<lb n="18"/>in dem 3ten Heft berichtet er: sich von dem Ich und der Natur zu der absoluten Identität beyder<lb n="19"/>zu erheben, sey ein Gedanke, der Ihnen erst gekommen, Ihre Philosophie, die sich darauf<lb n="20"/>gründet, eine ganz neue Wissenschaft. Nun lesen Sie folgende Stelle aus seiner Recension Ihres<lb n="21"/>Idealismus.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="22"/>D. V.</head>
<p><lb n="23"/>»Unbedingte Identität des objectiven und subjectiven ist das Thema und Princip dieser<lb n="24"/>Philosophie; und es läßt sich schon vor aller weitern Untersuchung mit völliger Gewißheit<lb n="25"/>wissen, daß sie kein anderes Resultat herausbringen könne, als was sie schon in ihre Aufgabe<lb n="26"/>hineingelegt hat: <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nämlich</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">hinaus</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">weiter</hi> <hi rendition="#g">denken</hi> <hi rendition="#g">lasse</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Identität</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">beyden</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">beyde</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">in</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">fern</hi> <hi rendition="#g">reelle</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">haben</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">schlechthin</hi> <hi rendition="#g">Eines</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">dasselbe</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrem</hi> <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">bloße</hi> <hi rendition="#g">Erscheinung</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ichs</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">bloße</hi> <hi rendition="#g">Erscheinung</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>, <hi rendition="#g">beydes</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">betrachtet</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">reellen</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">All-Eins</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>.« (Jen. Allg. Lit. Zeit. August 1800. pag. 363.)</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="34"/>Seite 365 finden Sie folgende Aeußerung: »durch die Wiederherstellung der <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">zum</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Behuf</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Erklärung</hi> <hi rendition="#g">aufgehobenen</hi> Identität werde diese als unbedingtes im Objectiven<lb n="36"/>und Subjectiven nichts als sich selbst bedingendes All-Eins <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Philo</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">sophen</hi> bewährt, und so <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> gefunden.« Ferner, denn er hat es auch<lb n="38"/>hierinn wie in Nichts an reichlichem Auseinandersetzen ermangeln lassen, S. 369.: »Um das</p>
<pb n="140" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=147" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="23–24"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>einzige schlechthin ursprüngliche Wahre und Gewisse als solches kennen zu lernen, muß sich<lb n="2"/>der Transscendental-Philosoph über jede bloße <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> desselben emporschwingen,<lb n="3"/>folglich sowohl von seinem empirischen Ich als den sich demselben ankündigenden (empiri<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schen) Objecten schlechthin abstrahiren, die <hi rendition="#g">unbedingte</hi> <hi rendition="#g">Dieselbigkeit</hi> in ihrer ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichen Entzweyung denken und beschauen.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. V.</head>
<p><lb n="7"/>Eine Stelle, die gar keinen Zweifel läßt, steht S. 371. wo gesagt wird: »Realismus und<lb n="8"/>Idealismus, wovon jener der Naturphilosophie, dieser der Transscendentalphilosophie gleich<lb n="9"/>gesetzt wird, seyen nur verschiedene, jedoch nothwendig auf einander zurückweisende An<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sichten <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">demselben</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">bedingenden</hi> <hi rendition="#g">Unbedingten</hi>.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="12"/>Nun sollen Sie die Eine und gleiche Wahrheit in beyden zuvor nicht gesehen haben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. V.</head>
<p><lb n="14"/>Sie brauchten nicht einmal so weit zurückzugehen, denn noch bestimmter wo möglich<lb n="15"/>steht dasselbe noch in dem 1sten Heft der Beiträge S. 86., wo es heißt: »das Urwahre oder<lb n="16"/>reelle Absolute in die Alleinigkeit oder Dieselbigkeit des Ichs und der Natur, in die absolute<lb n="17"/>Identität von beyden zu setzen, war Schellingen aufbehalten. Die Transscendentalphilosophie<lb n="18"/>oder die reine Wissenslehre und die Naturphilosophie oder die reine Naturlehre sind nur zwei<lb n="19"/>verschiedene Ansichten von <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi>, von der absoluten Dieselbigkeit,<lb n="20"/>dem Alleins.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="21"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="22"/>Wie hat sich denn nun zwischen dem ersten und dritten Heft das Blatt so gewendet, daß<lb n="23"/>er in jenem Ihnen zum Vorwurf macht, über dem Ich und der Natur die absolute Dieselbigkeit<lb n="24"/>beyder als das Urwahre zu setzen, und jetzt, da er sieht, daß dieß allerdings der Fall ist, sich<lb n="25"/>gar nicht mehr erinnern kann, daß er dieß selbst für Ihr Princip ausgegeben?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. V.</head>
<p><lb n="27"/>Wenn dieß Dummheit ist, (wie ich denn nicht zweifele), so ist sie von der exemplarischen<lb n="28"/>Art; denn es will mir nicht gefallen, daß Sie ihn einen Verfälscher nennen, da Sie sehen, daß<lb n="29"/>es ihm hierzu am gemeinsten Theil gebricht.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="31"/>Wie wollen Sie aber eine solche exorbitante Erscheinung selbst begreiflich machen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="32"/>D. V.</head>
<p><lb n="33"/>Nichts scheint mir einfacher zu seyn. Es braucht dazu nichts weiter angenommen zu werden,<lb n="34"/>als daß er niemals eigentlich gewußt habe, was er dort niedergeschrieben, und daß er gleich<lb n="35"/>anfänglich nicht verstanden, was er jetzt nicht versteht, so, daß er eigentlich es zu verstehen<lb n="36"/>niemals aufgehört, weil er nie angefangen hat, und jetzt nur sich auflehnt, weil er gezwungen</p>
<pb n="141" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=148" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="24–27"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>wird, Etwas bei dem zu denken, was er bisher ganz gedankenlos gelesen, und eben so gedankenlos<lb n="2"/>wieder niedergeschrieben hatte, wofür überdieß noch viele andere Spuren als Beweise angeführt<lb n="3"/>werden könnten. Denn in derselben Recension finden Sie ja Mißverständnisse und Einwürfe<lb n="4"/>genug, welche deutlich zeigen, daß er alle jene Aeußerungen zu Papier gebracht, ohne das<lb n="5"/>Geringste dabey zu denken. Genügt aber Ihnen dieses nicht, so überlegen Sie, da dieß allerdings<lb n="6"/>an die Verrücktheit zu gränzen scheint, wie ansteckend diese ist, und wie receptibel in dieser<lb n="7"/>Rücksicht sich R. auch sonst gezeigt hat. So führt er in der ebenvorgelesenen Stelle an: Der<lb n="8"/>Transscendentalphilosoph erhebe sich über jede bloße Erscheinung und abstrahire demnach<lb n="9"/>vor allem andern <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">empirischen</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>; dessen unerachtet läßt er sich jetzt<lb n="10"/>durch den Lehrer beschwatzen, und sich aufbinden: die Ichheit in unserm System sey die<lb n="11"/>palpabelste Individualität (Beitr. I. S. 159.), was sich dieser wohl nach seiner Verstocktheit in<lb n="12"/>den Kopf gesetzt haben mag und sich gewiß auch in seinem Leben nicht daraus vertreiben läßt.<lb n="13"/>Und aus diesem Begriff führt R. jetzt seine siegreichen Beweise gegen Fichte und mich.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="15"/>Das Letztere erklärt nicht ganz, denn wie aus seinem gedruckten Bericht erhellet, so hat er<lb n="16"/>den eigenen Verstand schon seit dem Februar 1800 gänzlich untergekriegt (Beitr. I. S. 163.).<lb n="17"/>Es hätten sich also schon in jener Recension, die vom August, und der angeführten Abhandlung,<lb n="18"/>die von einem noch spätern Datum ist, die Spuren der Verstandesverwirrung zeigen müssen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Auch zeigen sie sich, nur ist der höchste Grad noch nicht erreicht, in dem letzten Heft der<lb n="21"/>Beiträge gesellen sich zu den ersten Gemüthsbewegungen noch mehrere andere, die der<lb n="22"/>gekränkten Eitelkeit, welche nicht nur den Verstand verwirrt, sondern selbst die Sinne benebelt,<lb n="23"/>so daß, hätte man ihm auch jene Stellen vorgelegt, er doch mit sehenden Augen nicht gesehen<lb n="24"/>hätte; hierauf die Angst, da es nun nicht mehr zu verbergen ist, daß, was er und der Lehrer<lb n="25"/>gegen uns vorbringen – wollten, von uns selbst aufgehörte Ideen sind, die sie nur nicht zu<lb n="26"/>brauchen wußten, und über die ihnen das rechte Verständniß erst geöffnet werden mußte;<lb n="27"/>dann die Verzweiflung, da er weiß, daß er für seine Sache keine andern Waffen hat, als sein<lb n="28"/>Geschwätz, das ihm jetzt auf einmal gelegt schien. Er erfährt aus meiner Darstellung, daß der<lb n="29"/>Idealismus keinesweges von der palpabelsten Individualität ausgehe; das ist ein zu starker Schlag<lb n="30"/>vor den Kopf, denn dieß wenigstens glaubte er unumstößlich gewiß. Nun paßt das alte aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendig gelernte Pensum über den Idealismus nicht mehr. Es hat also vorläufig mit dem<lb n="32"/>Geschwätz ein Ende.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="34"/>Auch hört man dieses Angstgeschrey der Unsicherheit, die nur Zeit will, um es mit Suchen<lb n="35"/>und Tappen endlich noch zu etwas zu bringen, besonders stark in den Blättern gegen Fichte.<lb n="36"/>Er läßt mich, ruft er zu wiederholten Malen aus, gar nicht ausreden, ja er will mich nicht ein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mal zum Sprechen kommen lassen, und ich habe doch noch so viel zu schwatzen, so viel zu<lb n="38"/>erläutern, so viel Modifikationen beizubringen.</p>
<pb n="142" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=149" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="27–29"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Muß er nun nicht aus allen Leibeskräften sich bestreben, mein System seinem eigenen<lb n="3"/>Zeugniß widersprechend mit aller Gewalt zu einem neuen zu machen, nicht aus bösem Willen,<lb n="4"/>sondern aus Noth; denn da er an das widersinnige System, welches er für das unsere hielt, sein<lb n="5"/>gesammtes Geistesvermögen – doch nicht einmal mit sonderlichem Erfolg gesetzt hat, wo sollen<lb n="6"/>zur Widerlegung dieses – ihm neuen die Kräfte herkommen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="8"/>Für ihn ist es allerdings ganz neu, und wird es wohl immer bleiben. Denn übrigens haben Sie<lb n="9"/>auch das, was in Bezug auf die getrennten Darstellungen des Idealismus und der Naturphilo<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sophie in der jetzigen wirklich neu ist, schon längst als Ihre Ansicht angekündigt. In dem schon<lb n="11"/>im Mai 1800, also unmittelbar nach Erscheinung Ihres transscendentalen Idealismus geschrie<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>benen Aufsatz: Deduction der Categorien der Physik, findet sich gegen das Ende, nachdem<lb n="13"/>Sie sich über das Verhältniß der Naturphilosophie und des Idealismus erklärt haben, (eine<lb n="14"/>Erklärung, aus der man die ganze Idee Ihres Systems nehmen konnte), die bestimmteste<lb n="15"/>Aeußerung: was Sie hier zuerst ganz ausgesprochen, zu begründen, seyn die Vorbereitungen<lb n="16"/>lange gemacht worden; aber ohne eine vollständige Geschichte des Selbstbewußtseyns vom<lb n="17"/>idealistischen Gesichtspuncte aus vorauszusetzen, seye die Ausführung nicht möglich gewesen.<lb n="18"/><hi rendition="#g">Dazu</hi> <hi rendition="#g">Ihr</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi>. Ferner: so bald Sie hoffen können, daß der Inhalt jenes<lb n="19"/>Werks in die allgemeine Gedankenmasse gedrungen und aufgenommen sey, werden Sie mit<lb n="20"/>dem, was Sie darauf zu gründen denken den Anfang machen. (Zeitschr. für spek. Ph. I. Band.<lb n="21"/>2. Heft S. 87.).</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="22"/>D. V.</head>
<p><lb n="23"/>Auf jene Aeußerung bezieht sich, was ich in der Vorrede zu der neuen Darstellung sage,<lb n="24"/>ich mache diese früher bekannt, als ich selbst beabsichtigt habe: denn freilich konnte ich mich,<lb n="25"/>von R. und Consorten jetzt nichts zu sagen, nicht rühmen, daß die wahre, nicht an der Ober<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>fläche liegende, Tendenz jenes Werks allgemein verstanden worden sey. Uebrigens bedurfte es<lb n="27"/>bey Lesern, die sich nur nicht auf das bloße Empfangen einschränken, sondern selbstthätig<lb n="28"/>etwas in ihrem Kopf zusammenbringen können, gar nicht einmal der förmlichen Aufstellung<lb n="29"/>des Systems, um meine eigentliche Meinung über die Natur der wahren Philosophie im All<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gemeinen zu fassen. Denn sogar Reinhold in den angeführten Stellen kann sich ja nicht ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>brechen, (obwohl wie man sieht ohne alles Bewußtseyn) zu sagen: das, worinn die Natur und<lb n="32"/>das Ich absolut eines seyen, sey Princip meiner <hi rendition="#g">ganzen</hi> Philosophie, so daß man nun fast<lb n="33"/>schließen müßte, er wäre selbst ein Mitglied meiner bis daher, wie er sich ausdrückt, esoterischen<lb n="34"/>Schule gewesen.</p>
<p><lb n="35"/>Die bestimmteste Ankündigung und sogar den allgemeinen Plan dieser Wissenschaft ent<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>hält die Abhandlung, worinn Eschenmayers, aus der ihm eigenen Ansicht des Idealismus<lb n="37"/>hergenommene, Einwürfe widerlegt werden sollten¹.</p>
<note xml:id="fn-142-1" n="¹"><lb n="38"/><seg type="marke">¹ </seg>Vorzüglich gehören hieher die Stellen S. 124 u. 125. S. 143 u. 144. d. angef. Abh.</note>
<pb n="143" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=150" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="29–31"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Reinhold mußte diese Stellen gelesen haben, als er sich im 2ten Stück an die Darstellung<lb n="3"/>Ihrer Philosophie machte. Denn jenes Heft Ihrer Zeitschrift ist noch früher als das erste Stück<lb n="4"/>seiner Beyträge erschienen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. V.</head>
<p><lb n="6"/>Ob er sie gelesen oder nicht, ist völlig gleichgültig. Auch wenn er sie gelesen, würde er<lb n="7"/>doch nicht anders gewußt haben, als daß es nun einmal so sey, wie er sich eingebildet, und daß,<lb n="8"/>wie er auch in der Vorrede zum ersten Stück (S. VIII.) selbst versichert, das Zeitalter in der<lb n="9"/>Philosophie einen sehr wesentlichen Schritt rückwärts zu thun habe.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="11"/>Ja wohl einen sehr wesentlichen. Die Zeit kann nun Einmal die Sieben-Meilen-Stiefel auch<lb n="12"/>rückwärts anlegen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. V.</head>
<p><lb n="14"/>Ich läugne nicht, daß, wenn ich auf eine totale Verwirrung in seinem Kopf durch meine<lb n="15"/>neue Darstellung nicht gerechnet habe, sie mir doch eben auch nicht unerwartet kommt, da<lb n="16"/>es ihm freilich nahe genug gelegt war, einzusehen oder wenigstens eine Ahndung davon zu<lb n="17"/>bekommen, wie absurd er und der Lehrer uns verstanden, erstens in dem, was sie als unsere<lb n="18"/>Meinung ausgaben und, wie gesagt, mit großer Anstrengung – doch nicht einmal widerlegt<lb n="19"/>hatten, so wenig auch dazu gehörte, zweytens in dem, was sie von dem unsrigen entwendet,<lb n="20"/>und, wieder ganz schief verstanden, gegen uns brauchen wollten. Aus dieser nicht einfachen,<lb n="21"/>sondern doppelten und dreifachen Verwirrung sich herauszufinden gieng über seine Kräfte.<lb n="22"/>Gegen den Punct anzurennen, den er mit allen seinen groben und stumpfen Waffen bisher<lb n="23"/>noch nie erreicht hatte, und der hier eben an die Spitze gestellt war, so, daß er seiner Wirkung<lb n="24"/>nicht entgehen konnte, war ihm unmöglich. Denn wir bemerken auch sonst und in andern<lb n="25"/>Wirkungen, wie selbst mit der tiefsten Eingeschränktheit sich wenigstens ein instinctartiges<lb n="26"/>Vorgefühl der Vernichtung verträgt, das bey dem Anblick dessen, worinn die Vernichtungs<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>kraft liegt, in Angst und kraftlose Zuckungen ausbricht. Die nächste Zuflucht der Schwachheit<lb n="28"/>in einem solchen Zustande ist: den Widerstreit gar nicht als Widerstreit und die tödtliche Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gegensetzung vielmehr als höchste Einigkeit zu erblicken.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="31"/>Offenbar war die erste Regung Rs. wie immer, so auch bey dieser Gelegenheit, ein Wunsch,<lb n="32"/>die Amalgamation bewerkstelligen zu können, und seine ganze Abhandlung ist nichts anders<lb n="33"/>als das Resultat eines solchen mißlungenen Experiments. Sie brauchen in Ihrer Darstellung Ihr<lb n="34"/>Eigenthum, Worte, welche der Lehrer aus Fichte’s und Ihren Schriften diebischer Weise ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>wendet, und zu einem ganz verkehrten Gebrauch umgemünzt hat, die Methode, welche dieser<lb n="36"/>der Naturphilosophie nachäffen – wollte, die Stufenfolge der Dinge durch Potenzen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>zudrücken u.s.w. Wie soll die unendliche Schülerhaftigkeit, die sich auf das reine Lernen, lautere<lb n="38"/>Empfangen und Nachdenken im eigentlichsten Verstande gelegt hat, sich hier zurecht finden?<lb n="39"/>Auch sieht man, daß die ganze Abhandlung eigentlich von der fröhlichen Voraussetzung einer<lb n="40"/>völligen Einheit zwischen Ihnen und dem Lehrer ausgegangen ist; in der Folge aber, wie er die</p>
<pb n="144" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=151" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="31–32"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Beweise führen soll, geht ihm einer nach dem andern zu Schanden, und er muß die gränzenlose<lb n="2"/>Ungereimtheit begehen, immer zwei Dinge zu beweisen: 1) daß hier offenbare Ueberein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>stimmung, 2) daß eine totale Entgegensetzung sey. Zuletzt spricht er nur noch von <hi rendition="#g">Ana</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">logien</hi> beyder Systeme, deren <hi rendition="#g">eigentliche</hi> <hi rendition="#g">Ursache</hi>, wie er sagt, ihm hier ganz gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gültig seyn könnte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. V.</head>
<p><lb n="7"/>Ich will gerne glauben, daß er hiervon eben nicht viel wissen will. Destomehr aber wollen<lb n="8"/>wir uns angelegen seyn lassen, der Sache auf den Grund zu kommen. Lassen Sie doch von jenen<lb n="9"/>Aehnlichkeiten hören.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="11"/>Die erste ist: Beyde Systeme (wie er es nennt) gehen von der absoluten Identität aus.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="12"/>D. V.</head>
<p><lb n="13"/>Wenn das nicht die gröbste Unwissenheit wäre, so wäre es die höchste Unverschämtheit.<lb n="14"/>So aber ist es das Erste. Sagen Sie an, was nennt dieses Volk absolute Identität, und wie kann<lb n="15"/>es sich rühmen, auch nur davon auszugehen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="17"/>Was es etwa künftig so nennen werde, nämlich wenn es so mit der Zeit allerhand in Er<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>fahrung gebracht hat, ist nicht deutlich zu sehen. <hi rendition="#g">Vorläufig</hi> aber setzt es nichts weiter voraus,<lb n="19"/>als daß das Denken als Denken unstreitiger Charakter der Vernunft, und der unstreitige<lb n="20"/>Charakter des Denkens absolute Identität sey.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Solche Trivialitäten also, daß der Charakter der Vernunft im Denken, der Charakter des<lb n="23"/>Denkens aber in absoluter Identität bestehe, sind die Entdeckungen, mit denen es groß thut,<lb n="24"/>und die irgend ein Mensch von ihnen zu entlehnen versucht werden könnte? Und diese ab<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gedroschene Identität, die des Denkens, ist ihr Princip?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="27"/>Freilich. Auch setzt R. gleich dazu: jedes der beyden Systeme versteht dabey etwas ganz<lb n="28"/>anderes.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. V.</head>
<p><lb n="30"/>Das mag er sich gut seyn lassen. Nun sagen Sie aber, was soll denn das Ganze und was<lb n="31"/>heißt es?</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="32"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="33"/>Was weiß ich? – Nichts.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. V.</head>
<p><lb n="35"/>Ich bitte Sie, lassen Sie uns alle Möglichkeiten aufsuchen, damit einen menschlichen Sinn<lb n="36"/>zu verbinden. Mir selbst steht der Verstand stille vor solcher völligen Sinnlosigkeit.</p>
<pb n="145" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=152" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="33–35"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Daß Sie das Wort von ihnen gelernt haben, werden jene gewiß nicht sagen, da sie wohl<lb n="3"/>wissen werden, es von uns gestohlen, und auf ihr communes Zeug angewandt zu haben. R.<lb n="4"/>selbst führt es in allen seinen Darstellungen als die Hauptidee Ihrer Philosophie an.</p>
<p><lb n="5"/>In demselben Sinne, in welchem Sie es brauchen, braucht es Fichte mehrmals, und nament<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lich in einer sehr merkwürdigen und für die Bestimmung des speculativen Charakters seines<lb n="7"/>Idealismus sehr wichtigen Stelle, deren ich mich in der Einleitung zu seiner Moral erinnere<lb n="8"/>(S. II. VII.). Es kann also auch nicht so gemeint seyn: Dieser Begriff sey von Ihnen erst jetzt<lb n="9"/>in dieser Bedeutung gebraucht worden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Auch würde ich dieß nicht verstehen. Kann etwa der Begriff zweydeutig seyn, oder anders<lb n="12"/>als bey solchen, die ihn überhaupt nicht verstehen, zweydeutig werden?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="14"/>Z. B. Sie haben das Absolute der Form nach bestimmt, als Subject <hi rendition="#g">und</hi> Object, dem<lb n="15"/>Wesen nach aber bestimmen Sie es als das, was <hi rendition="#g">weder</hi> Subject <hi rendition="#g">noch</hi> Object ist.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>D. V.</head>
<p><lb n="17"/>Daß es dem <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, oder Wesen nach weder das Eine noch das Andre und nur darum<lb n="18"/><hi rendition="#g">absolute</hi> Identität beyder sey, ist ein allgemein bekannter Satz des Idealismus. Z. B. lesen<lb n="19"/>Sie folgende Stelle meines Systems S. 433.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="20"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="21"/>»Wenn jenes Höhere, (was über dem Freyen und dem Nothwendigen ist), nichts anders ist,<lb n="22"/>als der (allgemeine) Grund der Identität zwischen dem absolut Subjectiven und absolut Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tiven, dem Bewußten und Bewußtlosen, welche eben zum Behuf der Erscheinung im freyen<lb n="24"/>Handeln sich trennen, so kann jenes Höhere selbst <hi rendition="#g">weder</hi> <hi rendition="#g">Subject</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">Object</hi>, auch<lb n="25"/>nicht <hi rendition="#g">beydes</hi> <hi rendition="#g">zugleich</hi>, sondern nur die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Identität</hi> seyn, in welcher gar keine<lb n="26"/>Duplicität ist, und welche ebendeßwegen, weil die Bedingung alles Bewußtseyns Duplicität<lb n="27"/>ist, nie zum Bewußtseyn gelangen kann. Dieses ewig Unbewußte, was, gleichsam die ewige<lb n="28"/>Sonne im Reich der Geister, durch sein eigenes ungetrübtes Licht sich verbirgt, und obgleich<lb n="29"/>es nie Object wird, doch allen freyen Handlungen seine Identität aufdrückt, ist zugleich dasselbe<lb n="30"/>für alle Intelligenzen, die unsichtbare Wurzel, wovon alle Intelligenzen nur die Potenzen sind,<lb n="31"/>und das ewig Vermittelnde des sich selbst bestimmenden Subjectiven in uns und des Objectiven<lb n="32"/>oder Anschauenden, zugleich der Grund der Gesetzmäßigkeit in der Freyheit, und der Freyheit<lb n="33"/>in der Gesetzmäßigkeit des Objectiven.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. V.</head>
<p><lb n="35"/>S. 471. desselben Werks finden Sie bestimmt folgende Aeußerung: »Die <hi rendition="#g">ganze</hi> Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sophie geht aus und muß ausgehen von einem Princip, das als das absolut Identische schlechthin<lb n="37"/>nichtobjectiv ist.« – Dieses absolut Identische wird unmittelbar darauf bestimmt als das <hi rendition="#g">an</hi></p>
<pb n="146" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=153" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="35–36"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">weder</hi> <hi rendition="#g">Sub</hi>- <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">Objective</hi>, das nur für die intellectuelle Anschauung zugänglich<lb n="2"/>ist. Von dieser wird behauptet, sie erlange nur durch die Kunst eine allgemeingültige Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tivität. Das Kunstwerk allein reflectire, was sonst durch nichts reflectirt wird, »jenes absolut<lb n="4"/>Identische, was schon im Ich sich getrennt hat (hier wird es also ausdrücklich dem Ich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gegengesetzt), und was demnach der Philosoph schon im ersten Act des Bewußtseyns getrennt<lb n="6"/>setzen müsse.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="8"/>Warum hat man in diesen Stellen nicht schon längst den wahren Geist Ihrer Philosophie<lb n="9"/>erkannt?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Mir ist dieß sehr begreiflich. Die Wenigsten haben eine Idee davon, daß man sich zum Behuf<lb n="12"/>einer Darstellung oder bey Hervorbringung eines Werks willkührlich begränzen könne. Sie<lb n="13"/>treiben die Philosophie als ein Handwerk, und wollen sie auch von andern so getrieben wissen.<lb n="14"/>Da es zu jeder Zeit wenig ist, was sie wissen, so schütten sie auch jedesmal alles aus, was sie<lb n="15"/>im Vorrath haben, es mag nun passen oder nicht. So konnten sie sich nicht denken, daß,<lb n="16"/>indem ich eine Darstellung des transscendentalen Idealismus gab, ich auch wirklich nichts<lb n="17"/>weiter als eben den Idealismus darstellen wollte, so wie ich ja auch eine Darstellung der Monado<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>logie, oder des Materialismus geben könnte.</p>
<p><lb n="19"/>Die Gränze, in welche sich der Idealismus einschließt, und die in meiner Darstellung gleich<lb n="20"/>anfangs bestimmt angegeben wird, ist, daß er nicht über das Selbstbewußtseyn hinausgeht.<lb n="21"/>»Durch die Beschränktheit meiner Aufgabe, heißt es S. 31., die mich ins Unendliche zurück<lb n="22"/>in den Umkreis des Wissens einschließt, wird mir das Selbstbewußtseyn (als das erste Wissen)<lb n="23"/>ein Selbstständiges, und zum absoluten Princip nicht alles Seyns, sondern alles Wissens. – –<lb n="24"/>Gegen die Aufgabe selbst, oder vielmehr gegen die Bestimmung der Aufgabe kann der Dog<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>matiker schon deßwegen nichts einwenden, weil ich meine Aufgabe ganz willkührlich <hi rendition="#g">ein</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">schränken</hi>, nur nicht willkührlich erweitern darf.« Bey dieser Bewandniß der Sache kann<lb n="27"/>jene absolute Einheit alles dessen, was im Bewußtseyn und zugleich mit dem Bewußtseyn sich<lb n="28"/>trennt, diese – eben deswegen <hi rendition="#g">ausserhalb</hi> des Bewußtseyns liegende Identität nicht Princip<lb n="29"/>des Idealismus als Idealismus seyn, sie ist aber das Höchste, worauf er geht, und worinn er sich<lb n="30"/>selbst endet. – Daß aber die <hi rendition="#g">ganze</hi> Philosophie, d. h. diejenige, welche nicht Idealismus im<lb n="31"/>Gegensatz des Realismus, noch Realismus im Gegensatz des Idealismus ist, von ihr <hi rendition="#g">ausgehe</hi>,<lb n="32"/>ist in der oben angeführten Stelle behauptet.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="34"/>So kann es also auch nicht einmal so gemeint seyn, daß Sie doch dieses letzte Wort über die<lb n="35"/>ganze Philosophie bisher noch nicht gesprochen haben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="36"/>D. V.</head>
<p><lb n="37"/>Ich muß es wohl ausgesprochen haben, da ja R. sogar, der eben sonst nicht leicht zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>ständigen ist, es mir nachgesprochen hat.</p>
<pb n="147" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=154" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="37–39"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Ich weiß, daß er in der Rec., nach seiner Weise, nicht aufhören kann, und es zehnmal<lb n="3"/>wiederholt: die absolute Identität des Subjectiven und Objectiven seye für Ihre Philosophie<lb n="4"/>die Eine Grundwahrheit, auf die sich alles reducirt (A. L. Z. a. a. O. S. 371.). Das was er in der<lb n="5"/>vorhin schon (oben S. 22.) angeführten Stelle die unbedingte Identität des S. und O. genannt<lb n="6"/>hat, und was nach ihm Thema und Princip dieser Philosophie ist, nennt er S. 364 eine <hi rendition="#g">schlecht</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">hin</hi> <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> Identität alles O. u. S. In demselben Zusammenhange scheint er sogar<lb n="8"/>soviel von der Sache zu begreifen, daß er sagt: Diese Identität müsse eben darum absolut, und<lb n="9"/>als absolut keiner Erklärung bedürftig seyn, weil man sie schon aufgehoben haben müsse, um<lb n="10"/>sie zu erklären. Daß er mit dieser unbedingten Identität dasselbe bezeichnen wollte, was Sie in<lb n="11"/>den angef. Stellen dasjenige nennen, was an sich weder sub- noch objectiv, eben so wenig<lb n="12"/><hi rendition="#g">beydes</hi> <hi rendition="#g">zugleich</hi> ist, erhellet daraus, daß er S. 369. erzählt, sie offenbare sich, als solche,<lb n="13"/>ursprünglich nur der Kunstanschauung.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. V.</head>
<p><lb n="15"/>Genug und übergenug, es ist derselbe Wahnsinn, den wir schon früher kennen lernten.<lb n="16"/>Bemerken Sie noch, um das Maaß voll zu machen, daß ihm die Rückkehr zu dem, was an sich<lb n="17"/>weder <hi rendition="#g">subjectiv</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">objectiv</hi> ist, unter der Hand zu einer Rückkehr in die <hi rendition="#g">absolute</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">Subjectivität</hi> wird (S. 372.).</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="20"/>Diese Gedankenlosigkeit ist nicht größer, als daß er im ersten Heft S. 23. von Spinoza<lb n="21"/>sagt, »er habe das Absolute als <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Objectivität</hi>, und eben darum als ein Unendliches<lb n="22"/>der Ausdehnung – u.s.w. bestimmt.« Es ist wie mit dem Idealismus, der, obwohl er von der<lb n="23"/>absoluten Subject-Objectivität ausgehet, dennoch von der <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Subjectivität</hi>, auch<lb n="24"/>u.s.w. ausgehen sollte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/>D. V.</head>
<p><lb n="26"/>Doch will ich mit ihm sehr zufrieden seyn, wenn er mir den Unterschied zwischen der<lb n="27"/>wahren absoluten Identität und dem, was er so nennt, recht ins Licht gestellt hat.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="28"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="29"/>Sorgen Sie nicht, so gut er es vermochte, hat er es freilich thun müssen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. V.</head>
<p><lb n="31"/>Seine sogenannte Identität ist, so viel ich aus seinen wortreichen Erklärungen in dem ersten<lb n="32"/>Heft habe nehmen können, nichts weiter, als die ganz gemeine bloß logische des Gattungs<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>begriffes, eine abstracte Verstandes-Identität, wie sich Hegel sehr gut ausgedrückt hat. Dieß<lb n="34"/>erhellet am besten aus der anfänglichen Beschreibung; und lassen Sie uns besonders zusehen,<lb n="35"/>daß uns die <hi rendition="#g">unendliche</hi> <hi rendition="#g">Wiederholbarkeit</hi> nicht abhanden kommt. Sie ist eine gute<lb n="36"/>Beschreibung des Verstandesbegriffs. Von der Idee ist keine Spur darinn, denn die Idee ist das,<lb n="37"/>worinn das Allgemeine und Besondere schlechthin eins ist, und was eben deßwegen nicht wie<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>derholbar seyn kann, denn die Wiederholbarkeit setzt den Gegensatz des Allgemeinen und des<lb n="39"/>Besondern voraus. Auch haben wir bey R. auf der einen Seite die abstracte Einheit des Begriffs,</p>
<pb n="148" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=155" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="39–41"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>das unendlich Wiederholbare, auf der andern als schlechthin entgegenstehend die Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>identität, die bloße Mannichfaltigkeit als Charakter des zur Anwendung des Denkens nöthigen<lb n="3"/>Stoffs, also eine eben so absolute Besonderheit als dort absolute Einheit, welche beyde erst in<lb n="4"/>der Anwendung des Denkens als Denkens <hi rendition="#g">synthesirt</hi>, also durchaus auf keine absolute Weise<lb n="5"/>vereinigt werden. So subaltern als jene Identität selbst ist, (sie ist nämlich Identität nur weil sie<lb n="6"/>bloß der eine Factor eines absoluten Dualismus ist), ist es nothwendig auch die Unendlichkeit,<lb n="7"/>die ihr beygelegt wird. Denn freylich ist der Begriff als Begriff und an sich unendlich. Er<lb n="8"/>bedarf der Quantität und der unendlichen Wiederholung nicht, um es zu seyn. Aber eben<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>deßwegen ist diese Unendlichkeit, wie jene Einheit, eine bloß abstracte, und die falsche Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>straction rächt sich auch hier, indem nachher eine Unendlichkeit fertiger und fixirter Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>keiten in der Mannichfaltigkeit des Stoffs nachgeschneyt kommt. Höher als zu diesem Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>satz geht es nicht. Was die wahre Speculation oben zusammenknüpft, bringen sie unten zu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sammen, und sind der einfältigen Meinung, daß außer ihnen irgend jemand mit den schüler<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>mäßigen Ausdrücken: Anwendung des Denkens u.s.w. sich werde abfinden lassen. Sie haben<lb n="15"/>in alten und neuen Büchern einige andere, gute Worte gefunden, mit denen sie aber nichts<lb n="16"/>anzufangen wissen. Man muß nicht fragen, was ihre Meinung sey, denn ein vollkommener<lb n="17"/>Galimathias bleibt gleich unverständlich für Kluge wie für Thoren. Besonders scheinen dem<lb n="18"/>Lehrer einige Ausdrücke, die man bey Plato auf allen Seiten auflesen kann, von der stehenden<lb n="19"/>Einheit in der Vielheit, von dem, was sich selbst gleich, und dem, was sich ungleich ist, mit<lb n="20"/>Reinholdischen und Fichtischen Begriffen und Ausdrücken zusammengeflossen zu seyn. Eine<lb n="21"/>ähnliche Art der Unphilosophie muß übrigens schon zu Plato’s Zeiten nicht ganz unbekannt<lb n="22"/>gewesen seyn; denn in derselben Stelle, wo er sagt: »Die Alten, besser, und näher den Göttern<lb n="23"/>als wir, haben uns die Sage hinterlassen, daß, da aus Einem und Vielem die Natur alles des<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>jenigen seye, von dem man sagt, daß es <hi rendition="#g">ewig</hi> sey, und dieses die Unendlichkeit und die Gränze<lb n="25"/>in sich zusammengewachsen enthalte, wir bey dieser Beschaffenheit der Sache jederzeit von<lb n="26"/>allem Eine Idee voraussetzen und suchen müssen« – in demselben Zusammenhange fährt er<lb n="27"/>fort: »Die sich aber jetzt Philosophen nennen, setzen das Eine und das Viele, wie es kommt,<lb n="28"/>früher oder später, als es recht ist, nach der Einheit aber unmittelbar unendlich vieles (unend<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liche Mannichfaltigkeit), das Mittlere aber entflieht ihnen«, (Phileb. pag. 219. 220. ed. Bip.).<lb n="30"/>Von demjenigen also, was für die Speculation das einzig Höchste ist, dem wo mit dem Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichen auch das Endliche, mit der Einheit auch die Entgegensetzung wieder Eins ist, mit einem<lb n="32"/>Wort, von der wahren absoluten Identität und der wahren Unendlichkeit derjenigen, welche<lb n="33"/>Ewigkeit ist, ist in dieser vermeinten Philosophie nichts anzutreffen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="35"/>Das nennt R. eine Amalgamation des Endlichen mit dem Unendlichen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="36"/>D. V.</head>
<p><lb n="37"/>Diese Schmähung der höchsten Idee muß seiner Unwissenheit zu gute gehalten werden.</p>
<pb n="149" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=156" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="41–43"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Das Höchste, wozu man etwa zugeben könnte, daß jene angebliche Philosophie sich erhebe,<lb n="3"/>wäre das, was in Ihrem System die quantitative Indifferenz (A²) genannt wird; stünde dieser<lb n="4"/>nicht bey jenen die Differenz (oder das A = B) schlechthin entgegen. Da auf der Synthesis der<lb n="5"/>Differenz oder des Besondern, und der Indifferenz, des Allgemeinen, sogar das Bewußtseyn<lb n="6"/>beruhet, so kann es dieses zweyspaltige Denken nicht einmal bis zum Bewußtseyn bringen,<lb n="7"/>geschweige bis zu dem, worinn die Differenz und die Indifferenz, das Besondre und das All<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gemeine absolut Eins sind (A³).</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/>D. V.</head>
<p><lb n="10"/>Wie es nun komme und möglich sey, daß diese unwissende Arroganz, die so tief unter<lb n="11"/>ihrer Zeit stehet, und die Philosophie freilich nicht nur um Einen Schritt, sondern um alle<lb n="12"/>Schritte, die sie vorwärts gethan hat, bis in den äußersten Zustand der Unmündigkeit zurück<lb n="13"/>versetzen würde, der auch die ersten Begriffe aller Speculation fremd sind, sich als Philosophie<lb n="14"/>brüsten könne, will ich nicht beantworten. Ist aber die Frage davon, wie sich diese Ausgeburt<lb n="15"/>zu meinem Systeme verhalte, so will ich nur soviel sagen: wie sich der gröbste Dualismus zu<lb n="16"/>einem wahren absoluten Identitätssystem, oder wie sich zwei völlig incommensurable Dinge,<lb n="17"/>z. B. die von einem trivialen, und in seiner Trivialität wieder verbrannten, Gehirn zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gesetzte, von einem Sudler aber ausgeführte Fratze, zu einem mit Kunstbestreben entworfenen<lb n="19"/>und gemäß seinem Begriff ausgeführten Werk verhält.</p>
<p><lb n="20"/>Da ferner nicht einzusehen ist, wie eine Identität, welche einen Stoff mit unendlicher<lb n="21"/>Mannichfaltigkeit und Nichtidentität außer und neben sich – voraussetzt, und in der Anwen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dung sich mit ihm zu fügen hat, eine <hi rendition="#g">absolute</hi> Identität heißen könne, so bleibt nichts übrig,<lb n="23"/>als Reinholden und seinem Spießgesellen, von Rechtswegen, anzudeuten, daß sie sich dieses<lb n="24"/>angemaaßten und ihnen gar nicht zuständigen Worts künftig enthalten sollen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="26"/>Wenn ich noch recht Bescheid weiß, so hat es der Spießgeselle nicht einmal gebraucht,<lb n="27"/>sondern Reinhold hat es sich zugeeignet.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="28"/>D. V.</head>
<p><lb n="29"/>Ganz passend hierher heißt es bey Shakspeare: Er hat das Wort von irgend einem gescheidten<lb n="30"/>Manne gehört, und auf einen Narren angewendet. – Denn ich erinnere mich ebensowenig,<lb n="31"/>bey dem Lehrer etwas davon bemerkt zu haben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="32"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="33"/>Sie haben also doch endlich den Grundriß der Logik gelesen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. V.</head>
<p><lb n="35"/>Weniger als gelesen und etwas mehr als bloß durchblättert; gerade so viel, als nöthig ist zu<lb n="36"/>sagen, weß Geistes Kind er seye; seit dem verflossenen Sommer 1801.</p>
<pb n="150" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=157" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="43–45"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Gestehen Sie wenigstens, daß Sie hierinn eine größere Nachlässigkeit haben, als man dafür<lb n="3"/>hält, daß einem Gelehrten gezieme! Denn wie das Buch auch sonst beschaffen seyn mag, so<lb n="4"/>mußten Sie es doch wenigstens darum lesen, weil das Aufheben davon gemacht wurde.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. V.</head>
<p><lb n="6"/>Bester Freund, was den einzigen der es machte betrifft, so hatte ich über diesen meine Idee<lb n="7"/>fixirt, und wußte, was ich von ihm zu halten hätte. Doch wäre dieß allerdings kein zureichender<lb n="8"/>Grund gewesen: Sie müssen also wissen, daß, was den Verfasser betrifft, ich dieses Menschen<lb n="9"/>schon länger kenne; wußte, daß er schon früher in der Philosophie gestümpert, und erst, nach<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>dem mit den vorhergegangenen kleinen schriftstellerischen Versuchen schlechterdings keine<lb n="11"/>Aufmerksamkeit zu erregen war, sich durch den Grundriß der Logik aus der Obscurität empor<lb n="12"/>zu arbeiten getrachtet hatte. – Vielleicht sind Ihnen selbst einige Blätter unter dem Titel:<lb n="13"/>Ursprung des Begriffs der Willensfreyheit und gewisse Briefe über den Ursprung einer Meta<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>physik überhaupt vorgekommen.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="16"/>Ich habe nie davon gehört.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. V.</head>
<p><lb n="18"/>Wahrscheinlich wären sie mir eben so unbekannt geblieben, hätte sie mir der Verfasser nicht<lb n="19"/>selbst zugeschickt. Diese beyden Schriften allein sind schon hinreichend, sich einen ziemlich<lb n="20"/>bestimmten Begriff von dem Geistesvermögen ihres Autors zu machen. Er war nämlich der<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gestalt über und über mit der empirischen Psychologie behaftet, daß ich nie einen Menschen<lb n="22"/>gesehen zu haben mich erinnere, der so völlig blind und ohne alle Ahndung, daß es etwas<lb n="23"/>Speculatives gebe, wo ihm eine Idee vorkam, sie frischweg aus der empirischen Psychologie<lb n="24"/>zu erklären anfieng, gleich als ob es nie jemand eingefallen wäre, an der Realität dieses Em<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>pirischen zu zweifeln. So z. B. wird ihm in der angef. Schrift die Idee der Willensfreyheit ganz<lb n="26"/>vollkommen durch eine psychologische Täuschung erklärt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="27"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="28"/>Kein Wunder, daß er auch den Idealismus sich empirisch psychologisch zurecht machte.</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. V.</head>
<p><lb n="30"/>Ganz richtig. Auch widerlegt er ihn aus seinen empirisch psychologischen Capiteln heraus.<lb n="31"/>Mit einem Wort, ich habe ihn nie anders gekannt als in der dicksten und tiefsten Empirie so<lb n="32"/>versunken und ertrunken, und über alles Speculative mit solcher Finsterniß geschlagen, daß<lb n="33"/>er über seine empirische Psychologie auch auf keine Weise zu bedeuten war. Zu diesem Uebel<lb n="34"/>gesellten sich zwey andere, die oberflächliche Schönschreiberey, worinn er sich besonders einige<lb n="35"/>Helden zum Muster gesetzt hatte, und die Sucht, die Philosophie durch ihre Geschichte zu stu<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>diren, dieser aber mit empirischer Psychologie aufzuhelfen, so daß der Kreis, der mit der Empirie<lb n="37"/>angefangen hatte, auch in Empirie sich wieder schloß, und also gar kein Ausweg übrig blieb.</p>
<pb n="151" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=158" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–47"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Das Höchste, wozu sich eine so seichte Natur noch etwa erheben konnte, war allerdings die<lb n="2"/>Reinholdische Theorie vom Stoff und der Form, weßwegen ich es ganz begreiflich fand, als<lb n="3"/>ich von dem Grundriß der Logik als einem Spätling der Reinholdischen Elementarphilosophie<lb n="4"/>hörte, um so mehr, da ich den Verfasser auch sonst als einen Menschen kannte</p>
<p><lb n="5"/>– – von dürft’gem Geiste, der sich nährt<lb n="6"/>Von Gegenständen, Künsten, Nachahmungen,<lb n="7"/>Die alt schon und von andern abgenutzt<lb n="8"/>Erst seine Mode werden. – – –</p>
<p><lb n="9"/>Dieß alles konnte mich nicht abhalten, den Grundriß wenigstens so bald zu lesen, als ich<lb n="10"/>von dessen Existenz hörte, und seiner habhaft werden konnte, (welches beydes geraume Zeit<lb n="11"/>nach seiner Erscheinung geschah); auch nicht, daß ich vernahm, was sich mir nachher bestätigte,<lb n="12"/>und was ich mir zum voraus vorstellen konnte, er habe bey seinem Werk mehr die Befriedigung<lb n="13"/>gewisser schlechter Regungen, als das Interesse der Wissenschaft vor Augen gehabt; habe sich<lb n="14"/>in seiner Schrift der kleinlichsten Art des Hasses, insbesondere gegen mich entledigt; habe zum<lb n="15"/>Dank für eine ganz bestimmt von mir entlehnte Idee über Mechanismus und Organismus, in<lb n="16"/>demselben Zusammenhange, in welchem er sich ihrer bedient, und der Schrift, aus der er sie<lb n="17"/>genommen, erwähnt, sich Ausbrüche der gemeinsten Persönlichkeit erlaubt, und von seiner<lb n="18"/>Crapulosität weit genug sich hinreißen lassen, um an einer Stelle seine Empfindlichkeit sogar<lb n="19"/>darüber zu äußern, daß irgend ein alberner Mensch im Intell. Blatt der Erl. Lit. Zeitung, so<lb n="20"/>lange sie noch unter der Leitung des ersten Redacteurs eine gute Anlage zur Klatschbude zeigte,<lb n="21"/>mich ein Universalgenie, oder etwas der Art genannt hatte. Dieß alles mußte, weit entfernt<lb n="22"/>mich von der Lectüre zurückzuhalten, sie mir vielmehr interessant machen.</p>
<p><lb n="23"/>Denn erstens ist bekannt, daß sehr oft der Haß den Mangel des Genies ersetzt, zweitens, daß<lb n="24"/>Gott nicht selten auch ein unehrbares Gefäß sich ausersieht, um etwas Gutes für die Welt darein<lb n="25"/>zu legen. Auch in dem Fluß, der sonst nichts als Schlamm und Unrath führt, kann man zer<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>streute Goldkörner vermuthen, besonders wenn man weiß, daß er edle Berge auch nur im<lb n="27"/>Vorbeygehn bespühlt hat. Was mich aber von aller Lectüre des Werks freyzusprechen schien<lb n="28"/>(denn ich will in meiner Erzählung fortfahren) ist folgendes.</p>
<p><lb n="29"/>Im Sommer 1800 hatte ich mit dem Verfasser selbst eine persönliche Unterredung, welche<lb n="30"/>mich, obgleich es zu meiner Ueberzeugung eben nicht nöthig war, doch vollends ganz in den<lb n="31"/>Abgrund von Absurdität hinabsehen ließ, der in diesem Individuum sich aufgethan hatte. Ich<lb n="32"/>verbürge, daß ich keinen Zug davon angebe, der nicht genau richtig ist, und daß, obgleich<lb n="33"/>viele unbedeutende Zwischenreden wegfallen mögen, doch, die ich erwähne, die Hauptsache,<lb n="34"/>und dem Inhalt nach, ganz so beschaffen waren, wie ich sie angebe. Urtheilen Sie selbst, und<lb n="35"/>erlauben Sie, daß ich diese kleine Scene in unser Gespräch einschalte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="36"/>Ich,</head>
<quote><lb n="37"/>(nachdem er mich versichert hatte, daß die Subject-Objectivität der Idealisten die palpabelste<lb n="38"/>Individualität sey, daß er von einer <hi rendition="#g">reinen</hi> Identität (sollte heißen: einer solchen, die nicht Identität<lb n="39"/>des Subjects und Objects seye), ausgehe, und diese als das schlechthin Determinirende und Ursache<lb n="40"/>aller Determination auf den Stoff einwirken lasse, machte ihm die Frage):</quote>
<p><lb n="41"/>Wie denken Sie diesen Stoff; ohne Zweifel doch wohl im Raum?</p>
<pb n="152" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=159" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="47–49"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>Er.</head>
<p><lb n="2"/>Freilich; denn <hi rendition="#g">ich</hi> kann mir keinen Stoff unabhängig vom Raum denken.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>Ich.</head>
<p><lb n="4"/>Nehmen Sie auch an, daß er den Raum erfülle?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>Er<lb n="6"/>(zaudernd).</head>
<head type="sub"><lb n="7"/>Ich.</head>
<p><lb n="8"/>Wofern Sie dieß nicht annehmen, so werden Sie ihn von dem Raum selbst nicht unter<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>scheiden können.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>Er.</head>
<p><lb n="11"/>Auch muß er den Raum erfüllen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="12"/>Ich.</head>
<p><lb n="13"/>Ohne Zweifel nach allen drei Dimensionen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>Er.</head>
<p><lb n="15"/>Wie anders? (Ich wußte noch nicht, was er in dem Grundriß der Logik S. 116. sagt: »daß diese<lb n="16"/>Ausdehnung ihr Wesen nun eben in drei Raumdimensionen an den Körpern ausstelle, erfahren wir<lb n="17"/>freilich – erst durch den Anblick dieser Körper selbst«.)</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="18"/>Ich.</head>
<p><lb n="19"/>Wie glücklich sind Sie, daß Sie dieß alles umsonst haben, und voraussetzen können, da<lb n="20"/>wir andern uns die Mühe nicht dauern lassen, die Materie mit ihren drei Dimensionen zu<lb n="21"/>deduciren. – Sie können sich aber keine Raumerfüllung überhaupt, sondern müssen jede<lb n="22"/>nothwendig als eine bestimmte denken. So können Sie auch nicht denken, daß ihr Stoff den<lb n="23"/>Raum nur überhaupt erfülle, sondern nothwendig, daß er ihn in einem bestimmten Grade<lb n="24"/>erfülle.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/>Er,</head>
<quote><lb n="26"/>(abermals bedenklich, und wirklich nicht wissend, oder nicht zu wissen sich anstellend, was <hi rendition="#g">Raum</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">erfüllung</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">bestimmtem</hi> <hi rendition="#g">Grade</hi> bedeute, womit er die <hi rendition="#g">extensive</hi> <hi rendition="#g">Größe</hi> der Raum<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>anfüllung verwechselte. Es mußte diesem großen Philosophen der Unterschied durch das Beispiel<lb n="29"/>auseinandergesetzt werden, daß eine extensiv gleich große Portion Luft und Bley den Raum doch<lb n="30"/>intensiv verschieden erfüllen.)</quote>
<p><lb n="31"/>Es läßt sich hierüber nichts sagen, als daß der Stoff den Raum mit unendlicher Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>faltigkeit erfülle.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>Ich.</head>
<p><lb n="34"/>Wo Sie unendliche Mannichfaltigkeit setzen, setzen Sie unendliche Unterscheidbarkeit,<lb n="35"/>und diese wiederum setzt unendliche Bestimmtheit voraus. Sie haben also nicht nur die<lb n="36"/>allgemeine Bestimmtheit des Grads der Raumerfüllung, sondern auch eine Unendlichkeit<lb n="37"/>von Bestimmtheiten. Wie kommen nun alle diese Bestimmtheiten schon in den Stoff als<lb n="38"/>Stoff, da doch nach Ihnen alle Determination in dem Stoff erst durch die Einwirkung der<lb n="39"/>Identität auf ihn gesetzt wird?</p>
<pb n="153" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=160" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="49–51"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>Er,</head>
<quote><lb n="2"/>(nachdem er durch verschiedene Wendungen von diesem Punkt hinweg zu kommen gesucht,<lb n="3"/>aber immer wieder darauf zurückgeführt, und nachdem zu wiederholtenmalen handgreiflich<lb n="4"/>gemacht worden war, daß er eine Menge von Bestimmtheiten in dem Stoff als Stoff unabhängig<lb n="5"/>von dem bestimmenden, also ein Denken, außer dem Denken und vor dem Denken, mithin eine<lb n="6"/>baare Absurdität annehme, endet von seiner Seite das ganze Gespräch, nachdem er weiter nichts<lb n="7"/>vorzubringen weiß, – mit einem Lachen.).</quote>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="8"/>Ich.</head>
<p><lb n="9"/>Gestehen Sie, daß wenn man es in der Philosophie recht bequem haben will, man sich zu<lb n="10"/>Ihnen halten muß. Denn ich sehe nun deutlich, daß Sie unabhängig von, und vor allem<lb n="11"/>Denken nicht nur einen Stoff, sondern auch den Raum, die drei Dimensionen der Raum<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>erfüllung, ja sogar eine unendliche Menge verschiedener Grade der Raumerfüllung haben.<lb n="13"/>Mit einem Wort, Sie fangen mit dem an, womit wir andern aufhören, und können es auf<lb n="14"/>diese Weise ganz natürlich weit bringen u.s.w. u.s.w.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>Er</head>
<quote><lb n="16"/>(fährt wie oben fort zu lachen, und beschließt damit die Unterhaltung.)</quote>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="18"/>Unmöglich ist es, nicht in diese Regung mit einzustimmen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Sollte ich nun nicht diesen betrogenen Menschen bemitleiden, der seine Narrheit für Weis<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heit, seine Schülerbegriffe für Ideen, sein zusammengestohlnes Exercitium für eine ganz neue<lb n="22"/>Philosophie, sein Flickwerk für Meisterwerk nicht sowohl selbst hielt, als vielmehr durch einen<lb n="23"/>andern Schwachkopf sich verführen ließ zu halten. Es gehörte auch nicht weniger dazu, als<lb n="24"/>die Erfahrung, daß Reinhold wirklich die Sache im Ernst fortzutreiben gesonnen sey, und die<lb n="25"/>Bemerkung mehrerer Freunde, daß die Waffen, deren er anfieng sich zu bedienen, und welche<lb n="26"/>jenen mehr giftiger als triftiger Art schienen, äußerer Rücksichten wegen eine Vertheidigung<lb n="27"/>von unserer Seite, und eine Darstellung seiner Sache nothwendig machen könnten, um mich<lb n="28"/>endlich zur Hervorsuchung und einer etwas mehr als bloß oberflächlichen Durchblätterung<lb n="29"/>des Buches zu bringen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="31"/>Sehr sollte es mich ergötzen, bey dieser Gelegenheit einige Ihrer Bemerkungen darüber zu<lb n="32"/>hören.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. V.</head>
<p><lb n="34"/>So viel mir jetzt eben davon beygeht, steht Ihnen gerne zu Diensten. Das ganze Buch habe<lb n="35"/>ich mir construirt als eine Hülfe der Natur, nöthig gemacht dadurch, daß unglücklicher (und<lb n="36"/>zu einer solchen Zeit fast unvermeidlicher) Weise in einen zur tiefsten Empirie bestimmten<lb n="37"/>Kopf einige speculative Ideen von außen gerathen waren, die, als ein fremdartiger Stoff, nicht<lb n="38"/>eher vertragen werden konnten, bis sie empirisch psychologisch assimilirt und auf diese Weise<lb n="39"/>der eigenthümlichen Organisation des Kopfs wieder unterworfen waren; als einen unförm-</p>
<pb n="154" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=161" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="51–53"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>lichen Abscess des Gehirns also, gebildet durch die Einwirkung des Idealismus auf ein mit<lb n="2"/>empirischer Psychologie getränktes, durch einige confuse Ideen aus der Reinholdischen Ele<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mentar-, der Kantischkritischen Philosophie und einigen, noch vom Schulunterricht her<lb n="4"/>bekannten, Systemen, verrücktes und in seiner Ordnung gestörtes Seelenorgan, das sich durch<lb n="5"/>diesen Auswuchs zur Gesundheit zu reconstruiren suchte, so wie wir oft sehen, daß die hülf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>reiche Natur ein inneres Uebel in äußern Monstrositäten ausstößt.</p>
<p><lb n="7"/>Der chemische Proceß, der die Masse, worinn so heterogene Bestandtheile zusammentrafen,<lb n="8"/>ergriff, gieng, wie man deutlich sieht, in allen seinen Zersetzungen, Niederschlägen und An<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schießungen ganz ohne alles Zuthun oder einigen Antheil des Subjects von statten, und ist<lb n="10"/>insofern in der That ein reinobjectives Naturphänomen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="12"/>Merkwürdig scheint mir in dieser Rücksicht, daß nach dem jetzigen schalen und nüchternen<lb n="13"/>Sprechen des Subjects zu urtheilen, der Proceß wirklich die gehoffte Wirkung gehabt hat, und<lb n="14"/>daß die nüchterne und asthenische Seele Reinholds jetzt eben anfängt von dem hitzigen Fieber<lb n="15"/>ergriffen zu werden, während es bey jenem in ein kaltes übergeht, so daß, indem jener zur Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sinnung kommt, dieser betrunken zurückbleibt, nicht unähnlich in diesem Schicksal dem ein<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>fältigen, jedoch klügern, und berühmtern Sancho Pansa, der, in dem Augenblick, wo sein<lb n="18"/>Herr aufhört zu rasen, eben recht anfängt, an alle seine Narrheiten zu glauben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Gleichwie nun das Auge sich an wunderbaren Versteinerungen, die eine seltsame Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>kunft chemischer Agentien und Reagentien hervorbringt, oder an bisarren Seegeschöpfen<lb n="22"/>ergötzt, in welchen die äußere Feuchtigkeit des Elements den innern Bildungstrieb in wider<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sinnische Formen zwingt, so kann es sich hier und in diesem Individuum nicht bloß Einer<lb n="24"/>solchen Seltsamkeit, sondern einer vollständigen Collection und gleichsam eines Naturalien<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>cabinets aller möglichen absurden Formen und Concrescenzen, von der Zirbeldrüse des Car<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tesius an bis herunter zu dem eigenen Pferde-Ich des Verfassers erfreuen.</p>
<p><lb n="27"/>Obgleich es schwer ist, in einer so trüben Masse irgend ein reines Element zu erkennen, so<lb n="28"/>sieht man doch, daß das Hauptferment, wodurch sie in Bewegung gesetzt ist, aus dem Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mus angeflogen, und was noch von Philosophie, in kaum sichtbaren Adern, durch das Ganze<lb n="30"/>sich hinzieht, (denn ich habe, wenn ich nicht irre, bereits bemerkt, daß der Verf. ein Narr von<lb n="31"/>der gemischten Art seye), von den Idealisten aufgehörte und angeeignete Ideen sind. So z. B.<lb n="32"/>hat er von diesen vernommen, daß das Philosophiren unmittelbar mit dem Unbedingten, und<lb n="33"/>sonach dem, was bloß unter dem Gesetz der Identität steht, anfange, und daß von diesem<lb n="34"/>Unbedingten alles negirt werden müsse, was bloß synthetischer Natur ist, daß das Princip der<lb n="35"/>Identität nicht bloß negatives Kriterium der Wahrheit wie bey Kant, sondern positives Princip<lb n="36"/>sey – ein Satz, mit dem Fichte, zuerst in der Recension des Aenesidemus, und nachher in den<lb n="37"/>ersten Blättern der Wissenschaftslehre die Philosophie über die Kantische Beschränktheit hinaus<lb n="38"/>auf’s Absolute führte. So hat er auch ferner aus §. 1. der Wissenschaftslehre erfahren, daß das</p>
<pb n="155" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=162" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="53–55"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>eigentlich Gedachte in dem A = A nicht A selbst, oder A als Subject und Prädicat, sondern<lb n="2"/>der nothwendige Zusammenhang (die Copula), mit einem Wort die Identität selbst sey.</p>
<p><lb n="3"/>So wie man nun oft die Erfahrung machen kann, daß Menschen, die bis daher in einer rohen<lb n="4"/>Unwissenheit gelebt haben, wenn ihnen etwa zufälliger Weise einmal ein kleines Licht auf<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gehet, sich über sich selbst nicht genug verwundern, und die seltenen Naturgaben in sich<lb n="6"/>preisen können, so konnte auch unser Verfasser, dem in dieser Region alles fremd und völlig<lb n="7"/>neu war, da er das erstemal von Etwas über dem Empirismus vernahm, sich vor sich selbst<lb n="8"/>nicht tief genug in den Staub beugen (pag. 296.), und da die Bewegungen dieses Erstaunens<lb n="9"/>Reinholden ganz in demselben Zustand des dicksten Empirismus antrafen, den er bis daher noch<lb n="10"/>nie hatte überwinden können, so war es eine Art von Nothwendigkeit, daß er mechanisch<lb n="11"/>dieselben Bewegungen nachmachte, und sie nun noch immer nachzumachen fortfährt.</p>
<p><lb n="12"/>Allein dieweil in allen Künsten und Wissenschaften, besonders aber in der Philosophie die<lb n="13"/>Flügel, die man von andern entlehnt, nicht weit tragen, so sank jener auch, nachdem er ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>geblich zu dem wahren Unbedingten und dem Aether der höchsten Identität sich zu erheben<lb n="15"/>gesucht hatte, alsbald in den Reinholdischen Stoff, den stehenden Sumpf der faulen Philosophie,<lb n="16"/>zurück. Die von Seiten Reinholds ergangene Versicherung, über alle Objectivität und Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>jectivität (nur nicht zur absoluten Identität beyder) hinaus dringen zu wollen, hat sich darein<lb n="18"/>aufgelöst, daß sie in die tiefste Subjectivität, welche als solche freilich eine <hi rendition="#g">reine</hi> Identität ist,<lb n="19"/>in das Denken als Denken, welches den Stoff nicht nur sich gegenüber stehend hat, sondern<lb n="20"/>voraussetzt, verfallen sind. Daß sie, indem der Stoff schlechtweg als unendliche Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>faltigkeit bestimmt wird, ein Seyn, und zwar, wie aus dem erzählten Gespräch erhellet, ein<lb n="22"/>ganz fertiges empirisches Seyn mit allen möglichen Bestimmungen des Denkens vor, und<lb n="23"/>außer dem Denken, sonach ein sich selbst widersprechendes Denken setzen, daß ferner das<lb n="24"/>Denken als Denken, welches seiner angeblichen Absolutheit unbeschadet doch zugleich als<lb n="25"/>beschränkt durch, und nothwendig sich fügend mit dem, was ihm entgegen, und von ihm<lb n="26"/>schlechthin unabhängig vorausgesetzt wird, selbst nicht mehr ein Denken, sondern ein baares<lb n="27"/>Nichtdenken ist – sind Betrachtungen, welche sich dieses unschuldige Philosophiren nicht bey<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gehen läßt. Die flache Phantasie, wie die Formularphilosophie, hat ihr Wesen im Halbdenken,<lb n="29"/>zu deutsch Faseln, für welches die Entia imaginationis gehören, dergleichen die unendliche<lb n="30"/>Mannichfaltigkeit ist, die, als unendliche Bestimmtheit vor dem Denken, weder wirklich<lb n="31"/>gedacht, noch irgend einer Anschauung auch nur halbweg vergegenwärtigt werden kann. In<lb n="32"/>den ersten Zeiten, nachdem Fichte aufgetreten war, würde ein solches Geschwätz im Augen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>blick verhallt seyn, kein Mensch, auch nicht einmal R. würde darauf gehört haben; daß die<lb n="34"/>Sätze vom Stoff und seiner unendlichen Mannichfaltigkeit, der Einheit, welche durch die<lb n="35"/>Form hinzukommt u.s.w. jetzt wieder als neue zu Markt gebracht werden, und sich zeigen<lb n="36"/>dürfen, beweiset nur, mit welcher unglaublichen Schnelligkeit sie vergessen worden sind. Eben<lb n="37"/>so steif entgegengesetzt als im Anfange bleibt das Denken und der Stoff in der ganzen Folge;<lb n="38"/>beyde gehen in zwei, gleich unmöglichen, Welten, durch nichts vereinigt, neben einander her;<lb n="39"/>nichts destoweniger wirkt auf der einen Seite das Denken oder die Identität ein auf den Stoff,<lb n="40"/>auf der andern (pag. 319.) ist es der Stoff, der das Denken afficirt, hier ist die Reconstruction des</p>
<pb n="156" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=163" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="55–57"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Kopfs zum Empirismus vollendet, wir haben den Influxus physicus vereint mit Reinholdischer<lb n="2"/>Elementarphilosophie, durch beydes zusammen den Dualismus gröber als er je in der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sophie existirt hat. – Mit der Art des Fügens beyder hat es folgende Bewandniß: Obgleich der<lb n="4"/>Stoff höchste Nichtidentität, unendliche Mannichfaltigkeit ist, so hat er doch eine verwünschte<lb n="5"/>Anlage gedacht zu werden. Nichts desto weniger muß er, um gedacht zu werden, als Stoff<lb n="6"/>vernichtet werden, was hier mit der tiefsinnigen, dem Lehrer ganz genau ähnlich sehenden,<lb n="7"/>Bemerkung aus der empirischen Psychologie: »<hi rendition="#g">Gesprochene</hi> <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">geschriebene</hi> Worte<lb n="8"/>z. B. müssen als Materie, im <hi rendition="#g">Hören</hi> und <hi rendition="#g">Lesen</hi>, <hi rendition="#g">zernichtet</hi> werden, wenn Gedanken<lb n="9"/>daraus entstehen sollen« illustrirt wird. – Doch ganz aufgerieben soll der Stoff nicht werden;<lb n="10"/>was nämlich hier übrig bleibt, wird an die Stelle der Kantischen reinen Anschauungen ein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>geflickt; es ist die unvertilgbare, wieder in ein Neben- und Nacheinander zerfallende, Form des<lb n="12"/>Außereinander, die übrig bleibt und sich mit dem Denken <hi rendition="#g">fügt</hi>, – warum? – o der glück<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seligen Philosophie, der hier eben an der rechten Stelle ein fertiges Naturgesetz nicht entsteht, –<lb n="14"/>weil <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> die Form nicht durch die Form zerstörbar ist. Damit<lb n="15"/>aber der Gipfel des Unsinns nicht unerstiegen gelassen werde, so wird der Stoff in seiner<lb n="16"/>Unabhängigkeit und Vorausgesetztheit vom Denken als Denken, welches sich in das Wesen<lb n="17"/>aller Wesen, und die Gottheit selber verwandelt hat, bestätigt; in einem und demselben Athem<lb n="18"/>aber auch wieder möglich gefunden, daß ihn Gott sich erschaffen habe (S. 256.), und damit<lb n="19"/>auch gegen diese Gleichgültigkeit noch ein Widerspruch existire, wird dieser nach und nach<lb n="20"/>erschriebene Gott, obgleich es möglich ist, daß er den Stoff vor sich finde (angef. S.), nichts<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>destoweniger als Grund aller Möglichkeit und Wirklichkeit aufgestellt.</p>
<p><lb n="22"/>Sollte ich endlich von der Zustandebringung des ganzen Werks ein Bild geben, so hat<lb n="23"/>meines Erachtens außer dem Verfasser, wenn man sein – Schreiben anders mit einem Mahlen<lb n="24"/>vergleichen darf, kein vollkommeneres Ebenbild dieser Manier existirt, als jener Mahler zu<lb n="25"/>Ubeda, von dem Cervantes im 3ten Theile seines Don Quixote erzählt, der, wenn man ihn<lb n="26"/>fragte, was er mahle, zur Antwort gab: <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>, oder <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">herauskommt</hi>, und<lb n="27"/>wenn er etwa einen Hahn mahlte, so schrieb er darunter: dieses ist ein Hahn, damit es keiner<lb n="28"/>für einen Fuchs oder für ein Schwein ansehe.</p>
<p><lb n="29"/>Was insbesondere die Beredsamkeit des Werks betrifft, so erhebt sie sich, vorzüglich in den<lb n="30"/>Stellen, wo der Verf. auf das Daseyn Gottes zu sprechen kommt, und wo er ganz den alten<lb n="31"/>Staub der dogmatischen Compendienmetaphysik wieder ausklopft, zu dem Pathos und der<lb n="32"/>Kraft, die man sonst an den Capuciner-Predigten zu rühmen pflegte. So wie mir dagegen<lb n="33"/>Reinhold nicht unähnlich einigen Individuen unter den ehemaligen Esprits forts in Frankreich<lb n="34"/>scheint, die, nachdem sie im Leben sich von der allgemeinen Freygeisterey hatten hinreißen<lb n="35"/>lassen, einen Eckel vor der bestehenden Religion zu affichiren, auf dem Todtenbette endlich der<lb n="36"/>geistlichen Fürsorge eines schmutzigen Capuziners froh wurden. Doch jener ruhe nun im<lb n="37"/>Frieden, da wir schwerlich je versucht werden könnten, zu ihm zurückzukehren, nachdem<lb n="38"/>er einen Abschreiber gefunden, der es auf sich genommen, ihn aus dem verworrenen Concept<lb n="39"/>seiner Narrheit in’s Reine zu bringen, obgleich dieß alle noch so gute Abschreiber der Welt<lb n="40"/>nicht im Stande seyn möchten zu thun. Ich bitte Sie also zu unserm Gegenstand zurück-</p>
<pb n="157" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=164" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="57–59"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>zukehren, von dem wir ganz abgekommen sind, und um so mehr in Ihrem Bericht fortzufahren,<lb n="2"/>da uns dieser noch mehrere Gelegenheit zu lustigen Zügen und unterhaltenden Vergleichungen<lb n="3"/>darbieten wird.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="4"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="5"/>Sehr gerne, denn es scheint mir, daß je weiter wir in diesen Gegenstand hineingehen, er<lb n="6"/>immer anziehender wird. Unter die Entdeckungen des Lehrers also rechnet R. besonders die<lb n="7"/>Negation aller Quantitäts-, Qualitäts- und Modalitäts-Verschiedenheit in Ansehung des Den<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>kens als Denkens. –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/>D. V.</head>
<p><lb n="10"/>Dieß ist allerdings richtig, insoferne er nämlich die Erfindung gemacht hat, <hi rendition="#g">das</hi> Denken<lb n="11"/>als Denken zu nennen, was wir absolutes Ich, absolute Identität von Subject und Object<lb n="12"/>genannt haben; denn um jetzt nichts von Kant zu sagen, dessen ganze Philosophie eben in<lb n="13"/>jenem negativen Resultate bestehet, daß durch die nach Quantität, Qualität u.s.w. unter<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schiedenen Begriffe, nur Erscheinungen, nicht das, was <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, bestimmt sey, so ist diese<lb n="15"/>negative Art, das wahre oder vermeinte Absolute zu charakterisiren, gerade diejenige, zu<lb n="16"/>welcher jeder Anfänger in der Philosophie zuerst greift, wie z. B. ich selbst in der Schrift <hi rendition="#g">vom</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">Ich</hi> gethan habe. »Für das <hi rendition="#g">absolute</hi> Ich (= abs. Id. des S. und O.) heißt es an einer Stelle,<lb n="18"/>giebt es keine Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit.« Auf dieselbe Weise werden<lb n="19"/>von ihm alle Reflexions-Gegensätze und Synthesen geläugnet. – »Für das absolute Ich, heißt es<lb n="20"/>an einer andern Stelle jener Schrift, würde, wenn es überhaupt Möglichkeit und Wirklichkeit<lb n="21"/>für dasselbe gäbe, alle Möglichkeit Wirklichkeit, alle Wirklichkeit Möglichkeit seyn. Für das<lb n="22"/>endliche Ich aber giebt es Möglichkeit und Wirklichkeit, mithin muß sein Streben, (und wie<lb n="23"/>aus dem Zusammenhange erhellet, auch sein Denken), in Bezug auf beyde so bestimmt seyn,<lb n="24"/>wie das Seyn des absoluten Ichs bestimmt wäre, wenn in Ansehung desselben Möglichkeit und<lb n="25"/>Wirklichkeit stattfände. – Was für das absolute Ich <hi rendition="#g">absolute</hi> Zusammenstimmung ist, ist für<lb n="26"/>das endliche, hervorgebrachte.« (am angef. Ort S. 178, 207.) Hier erhellet deutlich die Behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tung, daß die Natur des Absoluten durch die Einheit desjenigen bestimmt werden müsse, was<lb n="28"/>in der Reflexion sich entgegengesetzt ist, nur daß von dem Begriff dieser Einheit abgezogen<lb n="29"/>werde, was die Reflexions-Synthese dareinbringt, die Bedingtheit durch den Gegensatz; daß<lb n="30"/>also die Einheit nicht als gemachte, zusammengesetzte, sondern als absolute, z. B. nicht als<lb n="31"/>Nothwendigkeit, sofern diese durch Möglichkeit und Wirklichkeit bedingt, sondern sofern sie<lb n="32"/>über beyden, und sie vielmehr bedingend ist, mit einem Wort als <hi rendition="#g">heilige</hi> Nothwendigkeit,<lb n="33"/><hi rendition="#g">heilige</hi> Identität gedacht werde.</p>
<p><lb n="34"/>Davon hat nun jener aus den Schriften der Idealisten einigermaaßen etwas aufgegriffen und<lb n="35"/>gelernt, das Absolute, Denken als Denken genannt, und von dem Seinigen noch den Rein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>holdischen Stoff, den Dualismus, die empirische Psychologie hinzugethan, und so seinen<lb n="37"/>Gedankenbrey zusammengerührt.</p>
<pb n="158" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=165" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="59–61"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Sie werden sich vielleicht noch mehr an den einzelnen Proben ergötzen. Hier sind sie. Ihr<lb n="3"/>Satz: »die absolute Identität kann als Identität nie aufgehoben werden – wie man aus dem<lb n="4"/>Zusammenhang siehet, soviel, als: auf <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">Weise</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">herausgegangen</hi> <hi rendition="#g">gedacht</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">werden</hi> – wird mit dem Satz zusammengestellt: das Denken als Denken leide keinen Qualitäts-<lb n="6" break="no"/>Unterschied; im Denken als Denken gebe es keine Negation.« – Mir schien gerade jener Satz<lb n="7"/>einer von denen zu seyn, die am directesten diesem Dualismus entgegengesetzt sind, der an<lb n="8"/>dem Herausgehen der absoluten Identität aus sich selbst – auf den Stoff, welcher nicht sie selbst,<lb n="9"/>sondern das gerad’ entgegengesetzte von ihr, Mannichfaltigkeit ist, – gar kein Arg hat.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Wie wenig in diesem Dualismus daran gedacht sey, ein Herausgehen der abs. Id. aus sich<lb n="12"/>selbst zu negiren – vielmehr wie viel er sich damit weiß, über ein solches Herausgehen sogar<lb n="13"/>einen recht handgreiflichen Aufschluß geben zu können, darüber existirt unglücklicher Weise<lb n="14"/>eine sehr bestimmte Stelle in dem Grundtext selbst. Es ist diese, S. 114. »Zur Möglichkeit der<lb n="15"/>Anwendung jenes Eins (des Denkens als Denkens) muß ein plus, mithin ein Etwas <hi rendition="#g">hinzu</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">kommen</hi>, (hier wären wir also zwar schon glücklich heraus. Allein es kommt noch besser).<lb n="17"/>Dieß Etwas kann nicht <hi rendition="#g">jenes</hi> Eins selbst wieder seyn, denn sonst hätte es ja kein plus, sondern<lb n="18"/><hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">wieder</hi>.« (Freilich!) »Dieß Etwas muß aber auch von solcher Beschaffen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heit seyn, daß <hi rendition="#g">jenes</hi> Eins dasselbe <hi rendition="#g">annehmen</hi> kann; wie brächte man sonst jenes Eins und<lb n="20"/><hi rendition="#g">dieses</hi> Etwas zusammen? Wäre dieses Etwas ein Eins, und wäre doch <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">jenes</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi>,<lb n="21"/><hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">dürften</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">fügen</hi>. Wäre dieses Etwas kein Eins, und <hi rendition="#g">jenes</hi> Eins könnte es zu einem<lb n="22"/>Eins machen – so dürften sie sich fügen. Wäre dieses Etwas z. B. Stoff, und der Stoff hätte eine<lb n="23"/><hi rendition="#g">Form</hi>, und diese Form wäre <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> unvertilgbar, und jenes Eins könnte alles am Stoffe<lb n="24"/>bis auf seine Form zernichten: so könnte <hi rendition="#g">jenes</hi> Eins dieses Etwas zu einem Eins machen, und<lb n="25"/>jenes Eins, und dieses zum Eins gemachte Etwas dürften sich fügen, <hi rendition="#g">müßten</hi> sich (beide also<lb n="26"/>wechselseitig) fügen, weil keine Form die andere mehr zernichten kann. Wir hätten mithin<lb n="27"/>1 + 1. d. i. <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">wären</hi> <hi rendition="#g">heraus</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">unserm</hi> <hi rendition="#g">Zwey</hi> u.s.f.« – Lese weiter, wer Lust hat; wir<lb n="28"/>wollen jenes Eins, und dieses Etwas sich an einander nach Herzenslust reiben, und fügen lassen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="30"/>Hören Sie Anderes. Der Satz: in Bezug auf die absolute Identität sey keine quantitative<lb n="31"/>Differenz denkbar, und die abs. I. sey nur unter der Form der quantitativen Indifferenz des<lb n="32"/>Subjectiven und Objectiven, wird dem Satz gleichgestellt, das Denken als Denken leide keinen<lb n="33"/>Quantitätsunterschied; was mir wieder wie die Faust aufs Auge zu passen scheint.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. V.</head>
<p><lb n="35"/>Wie die Trivialitäten eines Rechenmeisters zu einem Satz des Euklid. – Von quantitativer<lb n="36"/>Differenz, um dieß zuerst zu sagen, kann bey jenen gar nicht die Rede seyn, da sie eine quali-</p>
<pb n="159" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=166" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="61–63"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>tative, sonach absolute Differenz, in ihrer unendlichen Mannichfaltigkeit haben. Von quanti<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tativer Indifferenz aber noch weniger, da sie von einer andern, als ihrer abstracten, an der<lb n="3"/>einen Seite gelähmten, Identität nichts wissen. Ich machte durch jenen Satz zunächst den<lb n="4"/>Gegensatz gegen alle Vorstellung einer <hi rendition="#g">qualitativen</hi> Indifferenz, nach der nämlich das<lb n="5"/>Absolute nicht so wohl auf gleiche Weise, als vielmehr zugleich Erkennen und Seyn, ideell und<lb n="6"/>reell ist. Ganz bestimmt hatte ich dabey die Sätze <hi rendition="#g">Jacobi’s</hi> in seiner Darstellung des Spinoza<lb n="7"/>vor Augen: »Beyde, (Gedanke und Ausdehnung), machen zusammen nur ein unzertrennliches<lb n="8"/>Wesen aus, so, daß es gleichgültig (indifferent) ist, unter welcher von diesen Eigenschaften man<lb n="9"/>Gott denkt;« ferner: »Das Denken an sich betrachtet, gehört nach Spinoza eben so wenig zur<lb n="10"/>Ausdehnung, als die Ausdehnung an sich betrachtet zum Denken gehört, sondern sie sind<lb n="11"/>vereinigt, <hi rendition="#g">einzig</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">allein</hi>, <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">beyden</hi> (<hi rendition="#g">gleich</hi> <hi rendition="#g">unendlichen</hi>) <hi rendition="#g">Eigen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">schaften</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">desselben</hi> <hi rendition="#g">untheilbaren</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>.« (Briefe über die Lehre des<lb n="13"/>Spinoza S. 183. 191.) Weil zwey gleich unendliche Eigenschaften von einander nicht reell<lb n="14"/>unterscheidbar sind, so tritt hier das ein, was Jacobi an einer andern Stelle sagt, die ich gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>falls im Sinne hatte: die <hi rendition="#g">Einheit</hi> dieses Gottes (des Spinozischen) beruht auf der Identität<lb n="16"/>des Nichtzuunterscheidenden, und schließt folglich eine Art der Mehrheit nicht aus¹. Diese<lb n="17"/>Einheit des Nichtzuunterscheidenden ist es, was ich quantitative Indifferenz nenne. Ich be<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>finde mich folglich hier in einer Region, wohin mir nicht folgen zu können R. sich bescheiden<lb n="19"/>wird.</p>
<note xml:id="fn-159-1" n="¹"><lb n="20"/><seg type="marke">¹ </seg>Obgleich allerdings solche verlegene Pretiositäten wie die in dem Aufsatz: <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">Unternehmen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Kriticismus</hi> u.s.w. sich für ein Journal qualificiren, welches bestimmt<lb n="22"/>ist, die Philosophie um einen wesentlichen Schritt rückwärts zu versetzen, so hat der Verfasser<lb n="23"/>seine wahre Meinung über das Unwesen seines <hi rendition="#g">Freundes</hi> Reinhold doch nicht unbezeugt<lb n="24"/>gelassen, in folgenden Stellen, von denen es zu verwundern, wie sie jener ohne Zwischenrede<lb n="25"/>hingehen lassen, da er sonst zudringlich genug ist, den Vortrag Jacobi’s mit seinen saubern<lb n="26"/>Anmerkungen zu verbrämen. – S. 45. »Ich habe nun 18 Jahre lang zu begreifen gesucht, und<lb n="27"/>es ist mir mit jedem Jahre nur unbegreiflicher geworden, wie ihr ein Mannigfaltiges, zu<lb n="28"/>welchem die Einheit, und eine Einheit, zu welcher das Mannigfaltige – nur <hi rendition="#g">hinzukommt</hi>,<lb n="29"/>euch vorzustellen, oder diese <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Begebenheit</hi> auf irgend eine Weise zu denken vermögt.<lb n="30"/>Vermögt ihr aber dieses nicht, sondern setzen beyde, Mannigfaltigkeit und Einheit sich gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seitig dergestalt voraus, bedingen sie sich gegenseitig dergestalt, daß sie nur in einander und<lb n="32"/>zugleich gedacht werden können, als forma substantialis alles Denkens und Seyns: was wird<lb n="33"/>dann aus eurer ganzen apriorischen (aus dem Denken als Denken geführten) Weberei?« –<lb n="34"/>S. 95. »Die Philosophie muß mit Plato anfangen vom Maaß; – im Princip des Individuirens<lb n="35"/>ist gegeben das Geheimniß des Mannigfaltigen und Einen in unzertrennlicher Verbindung;<lb n="36"/>das Seyn, die Realität, die Substanz. Unsere Begriffe darüber sind lauter Wechselbegriffe.<lb n="37"/>Einheit setzt Allheit, Allheit Vielheit, Vielheit Einheit zum voraus. Einheit ist daher Anfang<lb n="38"/>und Ende dieses ewigen Zirkels und heißt – <hi rendition="#g">Individualität</hi>, <hi rendition="#g">Organismus</hi>, <hi rendition="#g">Object<seg rend="g-umgekehrt">-</seg></hi><lb n="39" break="no"/><hi rendition="#g">Subjectivität</hi>.« (Was hier für eine Verbesserung der idealistischen Subject-Objectivität<lb n="40"/>beabsichtigt werde, ist nicht leicht zu sagen).</note>
<pb n="160" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=167" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–65"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Fast hätte ich vergessen, daß er Ihre Foderung: »um die Vernunft als totale Identität des<lb n="3"/>Subjectiven und Objectiven zu denken, von sich als dem Denkenden zu abstrahiren« – mit der<lb n="4"/>Foderung, um das Denken als Denken zu denken, von dem Ich, d. h. eben von der Identität<lb n="5"/>des Subjectiven und Objectiven zu abstrahiren, zusammenfließen läßt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. V.</head>
<p><lb n="7"/>Hier fällt die Ungereimtheit gleich in die Augen. – Was in jener Stelle gesagt ist, hat eine<lb n="8"/>ganz andere Beziehung. Es ist von derjenigen Abstraction die Rede, welche, wie in der vorhin<lb n="9"/>angef. Abh. meiner <hi rendition="#g">Zeitschrift</hi> (Bd. 2. Heft 1. S. 118.) gezeigt wird, nothwendig ist zu<lb n="10"/>einer <hi rendition="#g">reintheoretischen</hi> Philosophie,¹ dieselbe, in Bezug auf welche es an einer andern<lb n="11"/>Stelle derselben Zeitschrift (Bd. 1. Heft 2. S. 85.) heißt: wenn man erst lernen wird, rein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>theoretisch, bloß objectiv, (in dem Sinne, wie man von einem objectiven Dichten spricht),<lb n="13"/>ohne alle Einmischung vom Subjectiven zu denken, so wird dieß verständlich werden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="15"/>Eine schöne Frage ist’s, die R. aufwirft, was denn nach der Abstraction von dem Subjectiven<lb n="16"/>in der intellectuellen Anschauung, wodurch das Objective in derselben unmittelbar aufhört,<lb n="17"/>objectiv zu seyn, weil es dasjenige ist, worein alle Subjectivität und Objectivität selbst fällt,<lb n="18"/><hi rendition="#g">übrig</hi> <hi rendition="#g">bleibe</hi>. Er stellt sich nämlich vor, daß Sie von dem Subject-Objectiven in der intellec<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tuellen Anschauung selbst abstrahiren. – Die vorzüglichste Merkwürdigkeit, die er nachher<lb n="20"/>auftreibt, ist: der Standpunct der Philosophie in beyden Systemen sey der der <hi rendition="#g">Vernunft</hi> –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Wollte Gott, daß er dies von dem seinigen rühmen könnte!</p>
<note xml:id="fn-160-1" n="¹"><lb n="23"/><seg type="marke">¹ </seg>Zur Erläuterung stehe hier folgende Stelle aus dem ang. Ort S. 122. »Selbst in dem System<lb n="24"/>des Idealismus mußte ich, um einen theoretischen Theil zu Stande zu bringen, das Ich (das<lb n="25"/>subjective Subject-Object) aus seiner eigenen Anschauung herausnehmen, von dem Subjectiven<lb n="26"/>in der intellectuellen Anschauung abstrahiren, mit einem Wort, es als Bewußtloses setzen. Aber<lb n="27"/>das Ich, insofern es bewußtlos ist, ist nicht = Ich, denn Ich ist nur das Subject-Object, insofern<lb n="28"/>es sich selbst als solches erkennt«. – Die hier geschilderte Abstraction vom Subjectiven ist also<lb n="29"/>der Weg zum <hi rendition="#g">reinen</hi> Subject-Object, = <hi rendition="#g">absolutem</hi> Ich, absoluter Id. des S. und O.<lb n="30" type="absatz"/>Es mag hinreichend seyn, nur in der Anmerkung noch zu erwähnen, daß jene Menschen<lb n="31"/>sich beygehen lassen, ihrer Seits von einem <hi rendition="#g">objectiven</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi> zu sprechen. (Beytr. 1.<lb n="32"/>S. 132.) Fast sollte man hier eine Spur der oben angef. Abhandlung erkennen. – Wenn es irgend<lb n="33"/>einen objectiven Idealismus giebt, so ist es der, welcher in dem theoretischen Theil meines<lb n="34"/>Systems aufgestellt wird. Denn daß das, was jene jetzt rationalen Realismus nennen, es nicht ist,<lb n="35"/>bedarf so wenig eines weitern Beweises, als ihr dummes Versichern, ihre Philosophie sey der<lb n="36"/>wiederaufgeweckte Platonismus und Leibnitzianismus, für Kenner einer Widerlegung.</note>
<pb n="161" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=168" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="65–67"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>– die philosophische Erkenntniß eine Erkenntniß der Dinge <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. V.</head>
<p><lb n="4"/>Das steht freilich bey allen wahren Philosophen von Plato an, nur gerade in dem Grundriß<lb n="5"/>der Logik erinnere ich mich nicht das Geringste davon gelesen, noch viel weniger wirklich<lb n="6"/>gefunden zu haben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="8"/>Damit er doch erführe, was Ihnen Vernunft, und was Ihnen Dinge an sich sind, würde ich<lb n="9"/>ihm den Rath geben, sich vom Herrn Professor Paulus zur schuldigen Danksagung für die<lb n="10"/>Dedication dessen neue Ausgabe des Spinoza schenken zu lassen, welches dieser, nur den<lb n="11"/>Nutzen der Wissenschaft im Auge habende, Gelehrte gewiß gerne thun würde, um ihm aus<lb n="12"/>seiner groben Unwissenheit zu helfen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. V.</head>
<p><lb n="14"/>Vielleicht würde er dann auch sich bescheiden, über Spinoza urtheilen zu können.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="16"/>Hören Sie noch das Letzte. Nämlich er hat die Dreistigkeit, Erwähnung davon zu thun, daß<lb n="17"/>Sie, wie der Lehrer, sich in Ihrem System der Bezeichnung durch Potenzen bedienen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="18"/>D. V.</head>
<p><lb n="19"/>Fast könnte ich versucht werden, dieß vielmehr für eine Redlichkeit von seiner Seite zu<lb n="20"/>halten. Denn diesen Punct, welcher ein bloßes Factum betrifft, und auch rein factisch aus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gemacht werden kann, hätte er nicht berühren sollen, wenn er seinen Vortheil verstanden und<lb n="22"/>im Auge gehabt hätte. Es muß nämlich, wie sich einem jeden, der nur lesen kann, nachweisen<lb n="23"/>läßt, nun auf den Lehrer unausbleiblich der Verdacht fallen, die Idee <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Potenzen</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, auf jeden Fall, es sey nun von mir, oder einem andern, den ich<lb n="25"/>gleich anführen werde, sich angeeignet, diesen <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Begriff aber von Potenzen in<lb n="26"/>der Philosophie, und die <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">einzelnen</hi> <hi rendition="#g">Potenzen</hi> sogar und ganz ins<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>besondere von mir entlehnt zu haben. Obgleich es mir freilich nicht gleichgültig seyn kann,<lb n="28"/>wer meine Methode anwendet, ob jemand der ihr gewachsen ist, oder sie bloß ungeschickt<lb n="29"/>nachahmet, so hätte jener doch meinetwegen diesen Unfug ruhig treiben können. Jetzt aber<lb n="30"/>werde ich ihn mir freilich verbitten müssen. Den ausgedehntesten Gebrauch der allgemeinen<lb n="31"/>mathematischen Zeichen, des + und − z. B., ferner der Bezeichnung von Begriffen durch<lb n="32"/>mathematische Formeln, (dieselbigen, welche ich anwende), und durch Potenzen dieser Formeln<lb n="33"/>insbesondere hat <hi rendition="#g">Eschenmayer</hi> in seinen 1797 erschienenen <hi rendition="#g">Sätzen</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">metaphysik</hi>, und seinem ein Jahr nachher erschienenen <hi rendition="#g">Versuch</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">magnetischen</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Erscheinungen</hi> a priori <hi rendition="#g">abzuleiten</hi>, gemacht. – In meiner <hi rendition="#g">Einleitung</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>philosophie, die im Junius 1799 erschien, sind die hervorspringendsten Puncte meiner Deduc<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>tion des dynamischen und organischen Products folgende:</p>
<p><lb n="38"/>»Die anorgische Natur ist Product der <hi rendition="#g">ersten</hi>, die organische <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">zweyten</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> –<lb n="39"/>so wurde oben festgesetzt, es wird sich aber bald zeigen, daß sie Product einer noch <hi rendition="#g">höhern</hi><lb n="40"/><hi rendition="#g">Potenz</hi> ist« am angef. Ort S. 76.</p>
<pb n="162" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=169" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="67–69"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>»Der Lebensproceß muß wieder die <hi rendition="#g">höhere</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> des chemischen seyn. – Der Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>spruch der Natur in Ansehung des organischen Products ist der, daß das Product productiv,<lb n="3"/>d. h. <hi rendition="#g">Product</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">dritten</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> seyn soll, und doch als Product der dritten Potenz in<lb n="4"/>Indifferenz übergehen soll« S. 77. 78.</p>
<p><lb n="5"/>»Das Individuum hört schneller oder langsamer auf, productiv zu seyn, aber eben damit<lb n="6"/>auch auf, <hi rendition="#g">Product</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">dritten</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> zu seyn, und den Indifferenzpunct erreicht die<lb n="7"/>Natur mit ihm erst, nachdem es zu einem <hi rendition="#g">Product</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">zweiten</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> (bloß chemischen)<lb n="8"/>herabgekommen ist« S. 79.</p>
<p><lb n="9"/>»Die Aufgabe setzt voraus, organisches und anorgisches Product seyn sich entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gesetzt, da doch jenes nur die <hi rendition="#g">höhere</hi> <hi rendition="#g">Potenz</hi> von diesem ist.« S. 81. u.s.w. u.s.w.</p>
<p><lb n="11"/>Ganz ähnlich sind nun auch in dem bekannten Grundriß die Potenzen gestellt, nur daß noch<lb n="12"/>herbeygeholt ist, was im <hi rendition="#g">Entwurf</hi> der Naturphilosophie (S. 200.) von der todten Materie<lb n="13"/>als einem Schlaf-, dem Thierleben als einem Traumzustand der Monaden, dem Vernunftleben<lb n="14"/>als dem Zustand der Erwachung (nach Leibnitz) gesagt ist. Denn obgleich dort nur dem Men<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schen die dritte Potenz zugestanden wird, so erhellet doch, unter andern aus der sublimen<lb n="16"/>Beobachtung einer Pferde-Vorstellung, daß ihm der Mensch in dieser Potenz nur gleichsam<lb n="17"/>den Gipfel bezeichne; wenn man nicht annehmen wollte, daß sich der Lehrer gleich an die<lb n="18"/>erste der oben angeführten Stellen, wo die organische Natur noch ein Product der zweiten<lb n="19"/>Potenz heißt, gehalten habe – und über diese Potenzen ruft er dann pathetisch aus: »diese<lb n="20"/>Formeln werden bleiben, so lange eine Erkenntniß des Identitätsgesetzes, folglich eine Er<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>kenntniß des Denkens, folglich eine Philosophie in der Welt bleibt.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="22"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="23"/>Man müßte das Pathos solcher Menschen schlecht kennen, wenn man es nicht zu deuten<lb n="24"/>wüßte, und es verwundert mich, daß Sie problematisch von etwas sprechen, was ganz offenbar<lb n="25"/>am Tage liegt. Ihre <hi rendition="#g">Einleitung</hi> ist zeitig genug erschienen, um von ihm gegen das Ende<lb n="26"/>seines saubern Products, wo das Unwesen mit den Potenzen erst angehet,¹ benutzt zu werden,<lb n="27"/>und eben um die Gegend fängt auch das Schimpfen auf die Naturphilosophie an, der er es<lb n="28"/>in dem, was er vom Wesen der Pflanze, des Thiers u.s.w. sagt, offenbar nachthun – wollte.<lb n="29"/>Ich muß Sie nochmals an die schon erwähnte Stelle erinnern, wo er den in der Vorrede zu</p>
<note xml:id="fn-162-1" n="¹"><lb n="30"/><seg type="marke">¹ </seg>Die Rohheit der Anwendung dieser Begriffe in jenem Werk braucht nicht weiter aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>einandergesetzt zu werden, so wenig, als die schon von andern bemerkten groben Verstoße<lb n="32"/>gegen die ersten Begriffe der Mathematik, die sich in seinen Formeln vorfinden. – In meinem<lb n="33"/>System hat es mit den Potenzen diese Bewandniß, daß sie <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi> <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Ganzen</hi><lb n="34"/>sind, z. B. daß ich der drey Potenzen zur Construction jedes Körperindividuums eben so bedarf<lb n="35"/>als zur Construction des Ganzen. Der Fall ist nämlich der, daß in der ersten Potenz alle Potenzen<lb n="36"/>der (in Bezug auf das Ganze) ersten, in der zweiten der zweiten, in der dritten der dritten<lb n="37"/>untergeordnet sind. Das einzig Reelle in allem, in dem Einzelnen wie im Ganzen ist mir das<lb n="38"/>A³, das, worinn das Allgemeine und das Besondere, das Unendliche und das Endliche absolut<lb n="39"/>Eins sind, mit einem Wort das Ewige.</note>
<pb n="163" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=170" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="69–71"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Ihrer Schrift von der Weltseele (S. VIII.) aufgestellten Satz: »Mechanismus ist ohne voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gesetzten Organismus nicht zu denken« sich zueignet, unmittelbar darauf anfängt, seine<lb n="3"/>Pöbeleien gegen Sie auszustoßen, und, damit man ja nicht zweifelhaft seye, warum er dieß<lb n="4"/>eben jetzt sich beigehen lasse, von dem »vielversprechend, statt der Herberge zum Ich aus<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gehängten <hi rendition="#g">Weltseelenschild</hi>« zu sprechen (S. 175.).</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. V.</head>
<p><lb n="7"/>Er thut noch mehr; er versichert: an diesem Satz, daß der Mechanismus erst durch den<lb n="8"/>Organismus möglich gemacht wird, hieng ich, dieß sind seine Worte, schon lange so fest, daß<lb n="9"/>ich <hi rendition="#g">endlich</hi> das Viele von mir darüber Niedergeschriebene einem der größten deutschen Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>forscher zur Einsicht überschickte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="12"/>So? und warum findet er denn nöthig, dieß hier zu erzählen?</p>
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<div>
<head type="sub"><lb n="13"/>D. V.</head>
<p><lb n="14"/>Einen nicht geringen Spaß könnte man sich machen, ihn anzuhalten, daß er diesen Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>forscher nun namhaft mache.</p>
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<head type="sub"><lb n="16"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="17"/>Ich hoffe, er wird eben so besonnen seyn, wie in einem ähnlichen Fall der bekannte Damberger,<lb n="18"/>mit dem er noch andere Vergleichungspuncte darbietet, – ihn unter die Todten zu versetzen.</p>
<p><lb n="19"/>Die Leerheit und Armuth an eigenen Ideen geht so weit, daß in der Darstellung, welche im<lb n="20"/>zweiten Heft der Beiträge abgedruckt ist, auch der Satz: der Organismus seye der aufgehaltene<lb n="21"/>Strom von Ursachen und Wirkungen, die in der Kreislinie in sich selbst zurückkehrende<lb n="22"/>Succession, in den rationalen Realismus aufgenommen und als gute Prise betrachtet worden<lb n="23"/>ist. Hierinn kann R. in der Folge eine neue Aehnlichkeit auffinden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="24"/>D. V.</head>
<p><lb n="25"/>Sie wissen es ja aus der Recension; es läßt sich freilich nicht läugnen, daß ich viel materialiter<lb n="26"/>Wahres gefunden, es fehlt nur an dem rechten Grund – man muß erst das Denken als Denken<lb n="27"/>darunter stellen.</p>
</div>
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<head type="sub"><lb n="28"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="29"/>Wenn nun jemand sehen will, wie die innere Angst sich in Worten ausspricht, so kann<lb n="30"/>man ihm den Reinholdischen Aufsatz empfehlen. Was vergißt man nicht in der Verzweiflung?<lb n="31"/>Es fällt ihm sogar nicht ein, daß die ganze Construction Ihres Idealismus durch eine Stufen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>folge von Potenzen fortgehet, und daß die Methode, die Sie in der neuen Darstellung an<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wenden, ganz die, nur in einer engern Sphäre, schon dem System des Idealismus zum Grund<lb n="34"/>liegende ist.</p>
<p><lb n="35"/>Er hat in der Vorrede zum ersten Heft erklärt, daß <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">dießmal</hi> <hi rendition="#g">wieder</hi><lb n="36"/><hi rendition="#g">täusche</hi> (und er sieht nun wohl, wie wenig dieß der Fall sey,) dann auch sein Name – <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">hallen</hi> möge.</p>
<pb n="164" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=171" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="71–73"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Das wird er schon von selbst thun, ohne daß er ihm die Erlaubniß dazu giebt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="4"/>Er ist mit einem Wort todt und fühlt sich todt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. V.</head>
<p><lb n="6"/>Erwähnten Sie nicht gleich anfangs noch eines letzten Versuchs, den er mit einer neuen<lb n="7"/>Darstellung seines Lehrgebäudes gemacht hat?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="8"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="9"/>Diese müssen Sie selbst lesen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. V.</head>
<p><lb n="11"/>Sie wissen, wie es mir geht, und daß ich mir von seinen philosophischen Aufsätzen in der<lb n="12"/>Regel eben soviel verspreche, als von dem Hexen-Einmal-Eins. Haben Sie einmal sich über<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wunden, es zu lesen, so nehmen Sie auch noch die Mühe auf sich, etwas davon mir mit<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zutheilen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="16"/>So viel ich selber davon weiß, gerne. Wie gesagt also, und wie aus seinem eigenen Bericht<lb n="17"/>in der Vorrede zu ersehen ist, so hat ihn besonders die Erlang. Recension aus dem Concept<lb n="18"/>gebracht. – Gleichwie nun der Ameisen arbeitsames Volk, wenn etwa ein vorübergehender<lb n="19"/>Muthwilliger ihren Bau gestört hat, mit geschäftiger Emsigkeit eilt, ihn so gut wie möglich<lb n="20"/>wieder herzustellen, so suchte auch jener, nachdem die erste Bewegung vorüber war, die zer<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>streuten Lehrstücke seines Systems wieder zusammen, fieng von vorne an zu commentiren<lb n="22"/>und modificiren, und arbeitete die <hi rendition="#g">bereits</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Hälfte</hi> <hi rendition="#g">ausgeführte</hi> Darstellung der<lb n="23"/>Elemente des rationalen Realismus in die gegenwärtige neue Darstellung um, welche, (denn er<lb n="24"/>ist hierüber ganz unbefangen), jetzt in derselben Form der methodischen Einkleidung er<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>scheint, welche Spinoza seinem Lehrer Des Cartes, Schelling aber für sein absolutes Identitäts<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>system dem Spinoza, R. jetzt wieder Schellingen abgeborgt hat. Denn daß er nach empfundener<lb n="27"/>Wirkung die Sache in der Form sucht, ist natürlich. Gott weiß, daß sie ihm sauren Schweiß mag<lb n="28"/>gekostet haben, und daß er sich redlich gequält hat, etwas der Art hervorzubringen; was aber<lb n="29"/>die innere Evidenz betrifft, so findet man zwar sehr viele Erklärungen, Erläuterungen, ja sogar<lb n="30"/>Erklärungen der Erklärungen, und Erläuterungen der Erläuterungen, von 20 Worten im<lb n="31"/>Durchschnitt 10 1/2 gesperrt, (wo, was dem Beweis an Schärfe abgeht, durch das Unterstreichen<lb n="32"/>ersetzt wird), und Perioden wie folgende: das Wesen, welches sich selber <hi rendition="#g">als</hi> Wesen, im<lb n="33"/>Wesen, und durchs Wesen an der Wirklichkeit als solcher wiederholt, folglich als Wesen,<lb n="34"/>welches als Wesen an der Wirklichkeit den Charakter des Denkens als Denkens annimmt, ist<lb n="35"/>das vernünftige Wesen: – destoweniger aber Lehrsätze und noch weniger Beweise, versteht<lb n="36"/>sich philosophische, nicht Erläuterungen, wie die angeführte vom Lesen und Hören her<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>genommene, der Nothwendigkeit der Zernichtung des Stoffs, um es damit zum Denken zu<lb n="38"/>bringen.</p>
<pb n="165" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=172" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="73–75"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Andere bestreben sich, was seiner Natur nach unpopulär ist, populär zu machen, dieser<lb n="3"/>aber scheint mir die Philosophie immer gebraucht zu haben, um die Popularitäten, über die er<lb n="4"/>sich nie erheben konnte, zu depopularisiren, und mit philosophischen Formeln zur Philosophie<lb n="5"/>hinaufzuschrauben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="7"/>Nur mit dem Unterschied, daß jene wissen, was sie thun, er aber gleicht jemand, der in<lb n="8"/>einem tiefen Traum liegend sich an schweren Zweifelsknoten abarbeitet, und wenn er erwacht,<lb n="9"/>findet, daß es ganz gemeine Dinge waren, nur daß er nicht erwacht, und von einem Traum<lb n="10"/>unmittelbar in den andern fällt. Von seinen letzten Sätzen zwar braucht man größtentheils nur<lb n="11"/>die unförmliche Form hinwegzunehmen, um nichts als Plattitüden dahinter zu finden, wie die<lb n="12"/>angeführte, daß das vernünftige Wesen ein denkendes Wesen seye, und dergl. Ich habe nun<lb n="13"/>freylich zunächst und vorzüglich nach den neuen Krümmungen und Auswegen gesehen, die<lb n="14"/>er sich zu machen sucht –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. V.</head>
<p><lb n="16"/>Diese müssen wir ihm verrennen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="18"/>Obgleich er die Leser in der Vorrede glauben machen will, es hätte mit der neuen Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stellung nichts weiter auf sich, als die Anwendung dieser Form, so hat er doch nicht unter<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lassen, von Ihrer Darstellung in der Sache so gut zu lernen, als er es verstand, nur freilich, daß er<lb n="21"/>es sehr schlecht verstand. Von seiner absoluten Identität zuerst zu sagen, so ist die unendliche<lb n="22"/>Wiederholbarkeit für dießmal wirklich nicht wiederholt worden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="23"/>D. V.</head>
<p><lb n="24"/>Wir sind schon übereingekommen, daß wir dieß nicht zugeben werden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="26"/>Freilich, man merkt wohl die Stelle, unter welcher Sie das Feuer angemacht haben, und<lb n="27"/>von welcher er gerne ganz sachte hinwegrücken möchte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="28"/>D. V.</head>
<p><lb n="29"/>Was ist sie ihm denn aber jetzt?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="31"/>Sie ist nichts mehr und nichts weniger, als der Charakter des Denkens als Denkens, und<lb n="32"/>dieser Charakter ist nichts mehr und nichts weniger, als die absolute Identität.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. V.</head>
<p><lb n="34"/>Ganz genau wie der Narr in <hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">wollt</hi>: das was ist, ist, denn was ist <hi rendition="#g">das</hi>, als <hi rendition="#g">das</hi><lb n="35"/>und <hi rendition="#g">ist</hi>, als <hi rendition="#g">ist</hi>.</p>
<pb n="166" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=173" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="75–77"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Dieß gilt aber, wohl zu merken, bloß <hi rendition="#g">vorläufig</hi> – (denn sein ganzes Philosophiren ist nur<lb n="3"/>vorläufig) – es ist bloß problematisch, hypothetisch aufgestellt, nur ein Préambule, eine einlei<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tende Exposition, nichts weiter (S. 193.).</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. V.</head>
<p><lb n="6"/>Ich finde das vortrefflich.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="8"/>Was aber ihm und dem Lehrer die abs. Id. apodictisch und categorisch genommen sey, das<lb n="9"/>kann sich erst am Ende des Tappens finden, und dann auch allein sich ergeben, ob und inwie<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>fern in der Anwendung des Denkens <hi rendition="#g">Subjectivität</hi>, <hi rendition="#g">Objectivität</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">beydes</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">gleich</hi> enthalten sey.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="12"/>D. V.</head>
<p><lb n="13"/>Ueber alle Maßen verständig! Man soll ihm seine absolute Identität nur nicht gleich so heftig<lb n="14"/>und categorisch hinsetzen, damit sie ihrer gichtbrüchigen Natur wegen nicht vollends ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zwey geht. Nach und nach findet es sich schon. Man muß ihr nur Zeit lassen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="17"/>Durch dieses Hinterthürchen soll er uns nicht entkommen. – Sie müssen über diesen Punct<lb n="18"/>noch einiges hören. §. 12. wird versichert: im Object seye Möglichkeit und Wirklichkeit in<lb n="19"/>Conjunction, folglich Wirklichkeit und Möglichkeit nicht nur keines ohne das andere, sondern<lb n="20"/>auch jedes im andern, ohne daß darum gleichwohl eines das andere sey oder je werden könne.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Da sehe doch einer, das klingt ja fast wie eine Beschreibung desselben, was wir Indifferenz<lb n="23"/>genannt haben. Wie können denn Möglichkeit und Wirklichkeit im Object so conjungirt<lb n="24"/>seyn, daß, ohne daß eines das andere ist, gleichwohl eins in dem andern enthalten seyn kann,<lb n="25"/>ohne durch etwas Höheres vereinigt zu seyn, genannt absolute Identität, die, da Möglichkeit<lb n="26"/>und Wirklichkeit im reflectirten Erkennen, jenes dem unendlichen Denken, dieses dem unend<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lichen Seyn entspricht, nothwendig absolute Indifferenz des Denkens und des Seyns, der<lb n="28"/>Idealität und der Realität seyn müßte.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="30"/>Sie können dieß noch bestimmter §. 15. Zus. 1. finden, wo es heißt: »das Wesen, die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendigkeit, das <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> als absolutes Seyn ist weder allein das Seyn der Möglichkeit<lb n="32"/>noch allein das Seyn der Wirklichkeit, noch allein beydes zusammen, (in wieferne nur keines<lb n="33"/>ohne das andere ist), sondern es ist das Seyn der Möglichkeit als solches enthalten in dem der<lb n="34"/>Wirklichkeit als solchem, und zugleich auch dieses als solches enthalten in jenem als solchem,<lb n="35"/>ohne daß darum das Seyn der Möglichkeit zum Seyn der Wirklichkeit und dieses zu jenem<lb n="36"/>geworden wäre und werden könnte.« – Es ist offenbar, daß dieses auf eine absolute Identität<lb n="37"/>des Subjectiven und Objectiven hinaus – will; da also dieser Satz seinem System im ersten<lb n="38"/>Princip widerspricht, so gehört er zu den nöthig gefundenen Einlenkungen, und ist auf keine</p>
<pb n="167" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=174" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="77–79"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Weise als auf seinem ersten Grund und Boden gewachsen anzusehen. Die allerschönste Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>hülfe dieser Art aber hat er noch anderswo in dem Zus. 3. zu §. 26. versteckt. Dort heißt es<lb n="3"/>(hören Sie, und verwundern Sie sich): »Auch die absolute Identität kann nur in ihrer <hi rendition="#g">An</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">wendung</hi> – als das <hi rendition="#g">Absolute</hi> gedacht werden.«</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. V.</head>
<p><lb n="6"/>Sagt’ ich’s nicht, es werde so kommen? Denn kann die abs. I. nur in der Anwendung als<lb n="7"/><hi rendition="#g">absolut</hi> gedacht werden, und ist in der Anwendung das Denken mit dem Stoff vereinigt, so<lb n="8"/>kann sie also auch nur, insofern sie die Einheit des Denkens und des Stoffs ist, als Absolutes<lb n="9"/>gedacht werden. Hier haben wir also die Einheit, worinn die Einheit und der Gegensatz selbst<lb n="10"/>wieder eines sind.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="11"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="12"/>Er verwickelt sich aber dadurch in die crassesten Widersprüche. Denn §. 4. heißt es: als<lb n="13"/><hi rendition="#g">absolute</hi> unbedingte Identität setzt das Denken als Denken schlechterdings nichts außer sich<lb n="14"/>voraus. –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. V.</head>
<p><lb n="16"/>Gemach! Hier ist ja schon dasselbe, denn so setzt es ja auch den Stoff nicht außer sich<lb n="17"/>voraus, und hat ihn also in sich.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="18"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="19"/>Keinesweges. Denn nach §. 5. setzt es nicht bloß in, sondern auch zu der Anwendung als<lb n="20"/>Anwendung den Stoff allerdings voraus. Es setzt ihn also nur nicht voraus, weil und so lange<lb n="21"/>es nicht angewendet wird, sobald es aber dazu kommt, ist ihm nicht zu helfen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="22"/>D. V.</head>
<p><lb n="23"/>Es ist also, als ob man sagte: der reine Magen, als reiner Magen, setzt schlechterdings nichts<lb n="24"/>außer sich selber voraus. Zu seiner Anwendung aber, als Anwendung, setzt er nothwendig<lb n="25"/>einen Stoff voraus.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="27"/>Allerdings. Nun war aber in der andern Stelle behauptet, die abs. I. sey nur in der Anwen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dung absolut; was also §. 4. insofern es <hi rendition="#g">absolut</hi> ist, nichts, außer sich selber, voraussetzt, wird<lb n="29"/>§. 26. absolut, insofern es etwas außer sich voraussetzt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. V.</head>
<p><lb n="31"/>Das sind die härtesten Widersprüche, die mir noch vorgekommen sind.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="32"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="33"/>Wenn auch nicht das Vermögen da war, so war doch der gute Wille da, in aller Schnellig<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>keit etwas ganz anderes unterzuschieben. Um diese neuen Brocken anzubringen, mußte eben<lb n="35"/>»die schon bis zur Hälfte bearbeitete Darstellung« in die <hi rendition="#g">gegenwärtige</hi> <hi rendition="#g">neue</hi> <hi rendition="#g">Darstellung</hi><lb n="36"/>umgearbeitet werden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="37"/>D. V.</head>
<p><lb n="38"/>Das wäre ja schlimmer als falsches Spielen.</p>
<pb n="168" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=175" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="79–81"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="2"/>Ganz richtig. Er corrigirt seine Philosophie, wie man sagt, corriger la fortune.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. V.</head>
<p><lb n="4"/>Thun Sie ihm nicht unrecht. Sagen Sie lieber umgekehrt: Er ist so schwach von Verstand<lb n="5"/>so unsicher seiner Sache, und benimmt sich so ungeschickt, daß er bey dem besten Willen<lb n="6"/>von der Welt, den er hat, für einen Filou angesehen werden kann. Er hat sich schon bey<lb n="7"/>andern Gelegenheiten eben so bloßgestellt. Z. B. das merkwürdige Theorem, daß der Stoff zu<lb n="8"/>den Vorstellungen von den Dingen an sich komme, mußte sich, als er es gegen einen Leipziger<lb n="9"/>Recensenten nicht anders zu vertheidigen wußte, geschwind zu einer bloßen <hi rendition="#g">philosophi</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">schen</hi> <hi rendition="#g">Excursion</hi> bequemen (Siehe seine Beiträge zur Bericht. bish. Mißverst. Bd. 1. S. 436.).<lb n="11"/>Damals hatte er es mit dem excursorischen, jetzt hilft er sich mit dem präcursorischen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sophiren. Wer hätte dazumal glauben können, daß dieß eine bloß unbewußte heillose Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>flucht wäre; wer konnte ihn aber auch bey Bewußtseyn so einfältig glauben, einen Satz, den er<lb n="14"/>mitten in einer Reihe von Theoremen mit Beweis aus dem Vorhergehenden und nothwendiger<lb n="15"/>Folge für das Nachkommende aufstellte, und der noch überdieß zu seinem System ganz unent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>behrlich war, bey sich selbst für eine bloße Excursion halten zu können? Dieser Fall ist also<lb n="17"/>schon mehrmals da gewesen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="18"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="19"/>Auch hat er auf diesen Fall sein Testament gemacht. Denn in dem Aufsatz gegen Fichte<lb n="20"/>erklärt er: <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Eigenliebe</hi> würde in einem Fall, wo nur das eine oder das andere an<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>genommen werden könnte, sich lieber eines hämischen und boshaften, als eines über alle<lb n="22"/>Maaßen albernen, platten und gemeinen Verfahrens beschuldigt wissen. (S. 204.)</p>
<p><lb n="23"/>Dem sey, wie ihm wolle, hier ist noch eine Probe §. 4. Zusatz: »die abs. I. bleibt auch in<lb n="24"/>ihrer Anwendung sich selbst gleich, folglich auch in der Anwendung des Denkens als Denkens –<lb n="25"/>reines Denken.« Sieht nun dieser Satz dem: die abs. I. kann nie aufgehoben werden, nicht wie<lb n="26"/>aus dem Gesicht geschnitten, und wie fügt er sich mit dem obigen <hi rendition="#g">Fügen</hi> der beyden Eins<lb n="27"/>des Denkens und des Stoffs, wodurch es zu einem Zwey kommt (oben S. 60. 61.)?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="28"/>D. V.</head>
<p><lb n="29"/>Wenn er freilich so mit der Zeit immer zulernt, und ferner so fleißig ist im Schaben und<lb n="30"/>Ausputzen seines Systems, so kann er mit der Zeit, wenn er es nur nicht ganz durchsichtig schabt,<lb n="31"/>wohl noch etwas herausschaben, es sey nun was es wolle, auf jeden Fall etwas, woran sein Autor<lb n="32"/>weder jemals gedacht hat, noch jetzt denkt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="34"/>Allerdings, denn was den Lehrer betrifft, so wird dieser freilich nicht mehr weit springen,<lb n="35"/>nachdem ihn die Furie verlassen hat; er hat schon jetzt die beste Gelegenheit, aufs bestimmteste<lb n="36"/>an seiner eigenen Person zu erfahren: »warum die Philosophie in der letzten Zeit so weit her<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>untergekommen?« und überhaupt alle mögliche Veranlassung, die Philosophie mehr an seinem<lb n="38"/>Ich, als sein Ich in der Philosophie zu zeigen.</p>
<pb n="169" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=176" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="81–83"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="1"/>D. V.</head>
<p><lb n="2"/>Vergessen Sie den Stoff nicht, den vielgewandten, der vielfach umgeirrt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="4"/>Nachdem er in der Elementar-Philosophie als ein Lehrsatz mit Beweis aufgetreten, hernach<lb n="5"/>zur Zeit der Noth als bloße Excursion auswandern mußte, darauf nach seiner Zurückberufung<lb n="6"/>noch im ersten (S. 111.) und im zweiten Heft postulirt worden war, muß er sich nun hier<lb n="7"/>unter dem Namen einer <hi rendition="#g">Erklärung</hi> einschleichen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="8"/>D. V.</head>
<p><lb n="9"/>Freilich, denn mit dem Beweis hat es schon seit jenen Zeiten nicht mehr fort wollen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="10"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="11"/>Er ist davon aber auch bereits so dünn geworden, daß man mit ihm demnächst wird trans<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>parent decoriren können. Er heißt nämlich jetzt das an sich <hi rendition="#g">Unbestimmte</hi> und durch sich<lb n="13"/>selbst Unbestimmbare.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. V.</head>
<p><lb n="15"/>Die unendliche Mannichfaltigkeit ist ihm also bereits abgeschossen. – Auch diese müssen<lb n="16"/>wir nicht fahren lassen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="17"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="18"/>Ich bewundere nur die Albernheit, zu glauben, daß das Publikum solchen groben Betrug<lb n="19"/>nicht merken, und sich den abgetragenen Stoff noch immer für den ersten bunten verkaufen<lb n="20"/>lassen werde.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="21"/>D. V.</head>
<p><lb n="22"/>Und wo ist denn die unvertilgbare Form hin, die noch eben da war (oben S. 61.). Ich dachte,<lb n="23"/>was eine unvertilgbare Form hätte, könnte nie so weit herunterkommen, ein an sich ganz und<lb n="24"/>gar nacktes und bloßes Unbestimmtes zu werden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="25"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="26"/>Auch ist die Zagherzigkeit darüber so wie über das ganze Lehrgebäude nicht gering. Wie<lb n="27"/>in der Vorrede die doch gar zu auffallende Leerheit des Systems – mit der besondern Vortreff<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichkeit desselben entschuldigt wird, so bekommt auch die Abgeblichenheit des Stoffs ihre<lb n="29"/>eigene Erläuterung, denn in der Erläuterung jener Erklärungen heißt es: inwiefern die auf<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gestellten Erklärungen dem Ergründen selbst und folglich auch der ergründeten und nur inso<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>fern categorischen und apodictischen Erkenntniß vorhergehen, machen sie auf keine andere als<lb n="32"/>hypothetische und problematische Gültigkeit Anspruch. – Nun thue ihm einer etwas, um mit<lb n="33"/>Fichte zu reden.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="34"/>D. V.</head>
<p><lb n="35"/>O herrliche Fabel der Danaiden, wie oft und in wie vielen Exempeln bewährst du dich als<lb n="36"/>höchste Wahrheit? Nicht der Strafe wegen, sondern aus lauter angebohrner Angst vor einem</p>
<pb n="170" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=177" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="83–85"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Grund</hi>, (welches ihre Strafe ist) gießen diese, nicht wie jene gezwungen, sondern freywillig<lb n="2"/>in ein löcherichtes Faß, <hi rendition="#g">damit</hi> es unten wieder auslaufe.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="4"/>Wenn doch nur einmal Beispielshalber auch die Geometrie von problematischen und<lb n="5"/>hypothetischen Erklärungen ausgienge – um zur apodictischen und categorischen Wahrheit<lb n="6"/>zu gelangen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="7"/>D. V.</head>
<p><lb n="8"/>Mit einem Wort, mein Freund, so viel auch für das Gegentheil zu sprechen schien, und ob<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gleich er selbst erklärt hat, im Collisionsfall lieber für hämisch und boshaft, als für über allen<lb n="10"/>Begriff albern und einfältig gehalten zu werden, so können wir doch, nachdem wir alles wohl<lb n="11"/>überlegt haben, und so sehr wir sogar seine Eigenliebe in Anschlag bringen mögen, für dießmal<lb n="12"/>von seiner Erklärung keinen Gebrauch machen, und müssen nothgezwungen ihn als Muster<lb n="13"/>und Exempel der Dummheit aufstellen, so, daß ich nun auch des festen Willens bin, für dießmal<lb n="14"/>zum Werk zu schreiten, und ihn in seiner natürlichen Beschaffenheit darzustellen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="15"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="16"/>Es bedürfte dazu nichts, als der ganz einfachen Entwickelung von Thatsachen, eben wie die<lb n="17"/>in unserm Gespräch, ohne ein Wort davon noch dazu zu thun, und was verhindert Sie, nun<lb n="18"/>gerade dieses Gespräch erscheinen zu lassen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Freund, bedenken Sie, was Sie thun, und wozu Sie mich versuchen. Wollen wir es darauf<lb n="21"/>wagen, daß wir dem Reinhold anhelfen, wieder eins nachzumachen, gleichviel ob er es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>mag oder nicht, wie die demonstrative Methode, und ihm dadurch aufs neue Gelegenheit<lb n="23"/>geben, die Fadheit seines Geistes, wie dort die seiner Philosophie zu zeigen, unsere eigenen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>fälle gegen ihn an seinen Hacken herauszuziehen, um sie, wie es Nicolai thut, wieder wörtlich<lb n="25"/>abdrucken zu lassen, und sein Journal damit zu füllen. Denn er glaubt uns genug geschlagen,<lb n="26"/>wenn er sie anführt, so wie er jetzt alles gethan zu haben meint, wenn er gezeigt hat, daß etwas<lb n="27"/>auf die Identität des Subjects und Objects oder die Compenetration des Idealismus und Materia<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lismus zurückkommt, als ob dieß etwas an sich Entsetzliches wäre, wobey er sich noch auf schon<lb n="29"/>angeführte Gründe beruft, da er sich darüber doch nie anders als in einem sich unendlich<lb n="30"/>wiederholenden kläglichen Geschwätz hat vernehmen lassen. Vorläufig und problematisch,<lb n="31"/>bis er zu der apodictischen und categorischen Erkenntniß seiner selbst durch sich selbst kommt,<lb n="32"/>hüllt er sich in den Mantel seiner Liebe und seines Glaubens an Wahrheit – und wird sanft;<lb n="33"/>oder sollen wir es darauf wagen, seine Lammsnatur so weit zu überwinden, daß er zu formellen<lb n="34"/>Lügen und Calumnien fortschreitet, welches mir leid wäre, weil wir alsdann, obgleich nicht<lb n="35"/>selbst sündigend, doch Ursache von Sünde wären.</p>
<p><lb n="36"/>Dabey gienge er allen schwierigen Puncten hübsch aus dem Wege, als da sind, der Dualis<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mus, das Nebeneinander des animalischen Impulses, der das Denken afficirt, der Stoff, die<lb n="38"/>Ein- und Unterschiebsel der neuen Darstellung, unsere Beweise, daß er so weit gekommen,</p>
<pb n="171" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=178" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="85–87"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>nach einem Jahr nicht mehr zu wissen, was er vor 12 Monaten geschrieben, ja die eigene ab<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gelegte Philosophie für eine neue Entdeckung und einen mit seiner Philosophie überzogenen<lb n="3"/>und lackirten Gassenjungen für einen großen Philosophen anzusehen. Mit einem Wort –</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="4"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="5"/>Ganz wie in seiner Erklärung auf Fichte’s Antwortschreiben.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. V.</head>
<p><lb n="7"/>Sie haben mir davon noch nichts gesagt; wie nimmt er sich denn da?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="8"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="9"/>Er giebt sich alle Mühe, den bittern Spott, mit dem ihn Fichte übergossen, für Schonung,<lb n="10"/>Milde und Ueberrest ehemaligen Wohlwollens auszugeben, und überhaupt sein Publicum<lb n="11"/>glauben zu machen, daß Fichte noch immer einige Achtung für ihn habe, während <hi rendition="#g">Sie</hi> frei<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>lich ganz aus allen Schranken gegen ihn gegangen; besonders rühmt er, daß ihn Fichte mein<lb n="13"/>würdiger Freund nennt, ohngefähr in dem Tone, wie man seinen Famulus anredet. Hernach<lb n="14"/>producirt er Testimonia diligentiae et bonae applicationis, die ihm Fichte ehemals ausgestellt<lb n="15"/>hat.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>D. V.</head>
<p><lb n="17"/>Das weiß Gott, Fichte mag mit dem trocknen Schleicher seine theure Noth gehabt, und<lb n="18"/>nicht Einmal, sondern unzähligemal bey sich selbst ausgerufen haben:</p>
<space/>
<p><lb n="19"/>Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,<lb n="20"/>Der immer fort an schalem Zeuge klebt,<lb n="21"/>Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,<lb n="22"/>Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!</p>
<space/>
<p><lb n="23"/>Er mißbraucht nun, was ihm Fichte vielleicht gesagt hat, um seine gedrückte Schüler<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>haftigkeit, die dem freyen herrlichen Geist im höchsten Grad zuwider seyn mußte, in etwas zu<lb n="25"/>erheben. – Was sollen denn jene Zeugnisse?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="27"/>Beweisen, daß es jetzt nur eine angenommene Miene sey, wenn man ihm sagt, daß er von<lb n="28"/>der Wissenschaftslehre nichts verstanden habe.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. V.</head>
<p><lb n="30"/>Ich dächte, das läge jetzt klar genug am Tage, und darüber könnte ein Zeugniß weiter<lb n="31"/>nichts beweisen, als daß sich Fichte geirrt habe, so wie er auch in seinem Antwortschreiben<lb n="32"/>sagt: er habe immer nur geglaubt, aber nie gewußt, daß ihn R. verstanden. Ich habe weder<lb n="33"/>seine Rec. der Fichtischen Werke, noch was er sonst von sich darüber ausgehen lassen, gelesen,</p>
<pb n="172" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=179" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="87–89"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>außer der ersten Erklärung über die Wissenschaftslehre, an der ich ein- für allemal satt hatte,<lb n="2"/>und kann also nicht sagen, inwiefern Fichte auch nur glauben konnte, von ihm verstanden zu<lb n="3"/>seyn. Meine Meinung über jene erste Erklärung, welche darinn bestand, daß er die W. L.<lb n="4"/>keinesweges begriffen, steht im philos. Journ. (Jahrg. 1797. 10tes Heft.)</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="5"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="6"/>Damit läßt er sich nicht zurechtweisen. – So ist es auch bekannt, welche schnöde Begriffe<lb n="7"/>von der Willensfreyheit und welche heillose Theorie, nach der sie in der bloßen Willkühr<lb n="8"/>bestünde, er aufgestellt, und wie man nun sieht, bis zu seiner letzten Sinnesänderung nicht ab<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gelegt hat. Sie haben ihm in derselben Abhandlung und schon früher gezeigt, auf welchen<lb n="10"/>schlechten Wegen er sich damit befinde. Nun legt er über dieselben gotteslästerlichen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stellungen, – nicht etwa, wie sich allerdings gebührte, in seinem, sondern in Fichte’s und Ihrem<lb n="12"/>Namen seine öffentliche Beichte im deutschen Merkur und seinem Journal ab. Hierauf hat er<lb n="13"/>zuerst die wahrlich doch nicht gleichgültige Anklage des Atheismus gegründet, bis er endlich<lb n="14"/>so weit gelangte, am Ende des Aufsatzes gegen Sie zu fragen: darf hier Atheismus nur noch<lb n="15"/>gewittert werden? – Werden Sie darauf keine Rücksicht nehmen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="16"/>D. V.</head>
<p><lb n="17"/>Haben so viele Erfahrungen, die er über die Trüglichkeit seiner Divinations- und Witterungs<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gabe zu machen Gelegenheit gehabt hat, nicht hingereicht, ihn zu witzigen, so haben sie doch<lb n="19"/>allen andern gezeigt, was sie davon zu halten haben, die Schmach aber dieser Verläumdung<lb n="20"/>wird auf ihn selbst zurückfallen. Wo man hin hören kann, ist sein Name so in Verfall, daß<lb n="21"/>kein Mensch ist, der auf seine Anklage achten wird. Soll ich die edle Zeit verscherzen; soll ich<lb n="22"/>den Blick abwenden von dem, was allein mich fesselt, einzig beschäftigt? Mich können sie<lb n="23"/>verläumden, schmähen, mit unter auch stören: die Sache aber, die sie lästern, wird den Neid<lb n="24"/>schlechter Zeitgenossen überleben, und ist von dem an Zahl kleinern, an Gewicht aber und an<lb n="25"/>Einsicht bey weitem größern Theil schon jetzt für das erkannt, was sie ist.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="27"/>So rathe ich Ihnen also nochmals, dieses Gespräch ohne weiteres niederzuschreiben, es erspart<lb n="28"/>Ihnen die Zeit.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="29"/>D. V.</head>
<p><lb n="30"/>Ich bin mit meinen Fragen noch nicht zu Ende. Wir haben unter uns gesprochen, wie wir<lb n="31"/>unter uns zu sprechen pflegen, d. h. wir haben einen Hund einen Hund, eine Katze eine Katze<lb n="32"/>genannt. Wollen wir es uns wieder nachsagen lassen, daß wir den Reinhold einen Schwachkopf<lb n="33"/>genannt, ein Exempel der Dummheit, und von ihm geurtheilt, er sey ganz herunter, und lasse<lb n="34"/>sich von einem Narren beschlafen, von dem Lehrer aber, er sey ein Narr, und in seiner Narr<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit trivial, platt, pöbelhaft, u.s.w.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="36"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="37"/>Lassen Sie doch, denn es ist schon viel zu abgenutzt, auf die falsche Humanität loszuziehen,<lb n="38"/>diejenigen ruhig ihre Glossen machen, welche jene mild sich anstellende Rechtschaffenheit,<lb n="39"/>mit der beständigen Versuchung zu falschen Streichen, und der alle Augenblicke eintretenden</p>
<pb n="173" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=180" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="89–90"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DAS ABSOLUTE IDENTITÄTS-SYSTEM</fw>
<p><lb n="1"/>Gefahr, zur Niederträchtigkeit umzuschlagen, weit eher reimen können, als die keine Rücksicht<lb n="2"/>kennende Gradheit des Urtheils. Sie haben sich ja nie an sie gekehrt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="3"/>D. V.</head>
<p><lb n="4"/>Wollen wir uns das philosophische Talent, und den einmal berühmten Namen unsers<lb n="5"/>Gegenstandes vorrücken lassen?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="6"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="7"/>Das hat ja in der That und in der Wahrheit nicht nur jetzt nicht, sondern niemals für uns<lb n="8"/>existirt.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="9"/>D. V.</head>
<p><lb n="10"/>Wollen wir es auf uns nehmen, daß man es grausam von uns findet, ein Privatgespräch vor<lb n="11"/>das Publikum zu bringen, das ich mit jemand gehalten, an dessen öffentlichen Aeußerungen es<lb n="12"/>schon genug hat. Denn die Scene mit dem Lehrer gehört auch zu unsrer gegenwärtigen<lb n="13"/>Mittheilung.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="14"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="15"/>Bedenken Sie, daß jemand, der einen solchen Degout vor dem Schreiben bekommen, wie<lb n="16"/>jener in dem Aufsatz über das sinkende Ansehen der Philosophie manifestirt, dem Sokrates,<lb n="17"/>dem er sich in jener Rücksicht bescheidentlich gleichstellt, auch darinn gleich seye, daß man<lb n="18"/>seinen Belehrungen Publicität geben darf, ohne ihn dadurch zu beleidigen.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="19"/>D. V.</head>
<p><lb n="20"/>Wenn er nun aber, da es ihm schwerlich angenehm seyn wird, das gesprochen zu haben,<lb n="21"/>und doch nicht Schwarz auf Weiß gegen ihn zeugt, förmlich abläugnete, was ich jedoch nicht<lb n="22"/>hoffen will?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="23"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="24"/>So zeugt gegen ihn Ihr Wort und Ihre Ehre, die Sie dadurch, daß Sie es drucken lassen, zum<lb n="25"/>Pfand setzen, daß er für einen Lügner zu halten seye.</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="26"/>D. V.</head>
<p><lb n="27"/>Sie schneiden mir alle Bedenklichkeiten ab; können Sie mir auch die letzte nehmen, daß<lb n="28"/>Freunde mich tadeln werden, welche vielleicht ein kunstgerechtes Gespräch suchen, und statt<lb n="29"/>dessen ein ganz natürliches finden?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="30"/>D. Fr.</head>
<p><lb n="31"/>Auch; denn der Freund nimmt es auf sich, Sie in kein Besseres hineingezogen zu haben.<lb n="32"/>Wollen Sie nun?</p>
</div>
<div>
<head type="sub"><lb n="33"/>D. V.</head>
<p><lb n="34"/>Ich denke; in Hoffnung künftiger, die erfreulicher seyn sollen. Leben Sie wohl.</p>
<pb n="174" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=181" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="91–92"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND<lb n="2"/>DIE PHILOSOPHIE NEHME, – DARGESTELLT AN<lb n="3"/>DEN WERKEN DES HERRN KRUG’S.</head>
<p><lb n="4"/>I. <hi rendition="#g">Briefe</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaftslehre</hi>. Nebst einer Abhandlung über die von<lb n="5"/>der Wissenschaftslehre versuchte philosophische Bestimmung des religiösen<lb n="6"/>Glaubens. Leipzig bey Roch und Komp. 1800.</p>
<p><lb n="7"/>II. <hi rendition="#g">Briefe</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">neuesten</hi> <hi rendition="#g">Idealism</hi>. Eine Fortsetzung der Briefe über die<lb n="8"/>Wissenschaftslehre. Leipzig in der Heinr. Müller’schen Buchh. 1801.</p>
<p><lb n="9"/>III. <hi rendition="#g">Entwurf</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">neuen</hi> <hi rendition="#g">Organon’s</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, oder Versuch über<lb n="10"/>die Prinzipien der philosophischen Erkenntnis. Von Will. Traugott <hi rendition="#g">Krug</hi>, <hi rendition="#g">Adj.</hi><lb n="11"/>der philos. Fak. in Wittenberg. Τι πρωτον ἐστιν ἐργον του φιλοσοφουντος; –<lb n="12"/>ἀποβαλειν ὀιησιν. Arrian. Meissen und Lübben, bei K. F. W. Erbstein. 1801.</p>
<space/>
<p><lb n="13"/>Herrn Krug’s philosophische Bemühungen theilen sich von selbst nach zwey Sei<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ten, deren eine polemisch gegen den transscendentalen Idealismus gekehrt ist, die<lb n="15"/>andere aber seine eigenen philosophischen Ueberzeugungen, wie Hr. Kr. es nennt,<lb n="16"/>betrifft.</p>
<p><lb n="17"/>Was nun das polemische Verfahren des Hrn. Kr. betrifft, so soll der Standpunkt,<lb n="18"/>den er gegen die Wissenschaftslehre sich gibt, der Standpunkt der Skepsis seyn,<lb n="19"/>S. 5. Vorr. und zwar so, wie es der Skepsis zieme, daß Hr. Kr. nicht aus seinen eigenen<lb n="20"/>Ueberzeugungen (warum nicht? wird sich bei Gelegenheit der Briefe über den<lb n="21"/>transscendentalen Idealismus und vorzüglich des Organons, wo der Verf. seine<lb n="22"/>eigenen Ueberzeugungen darlegt, ergeben), sondern aus der Wissenschaftslehre selbst<lb n="23"/>argumentire, und Hr. Kr. meynt, daß eine wissenschaftliche Untersuchung durch<lb n="24"/>seine Briefe eingeleitet werden soll. In Rücksicht der subjectiven Art der Aeußerung<lb n="25"/>ist es eine wahre Lust, des Hrn. Verf. Nüchternheit, Billigkeit und Rechtschaffenheit<lb n="26"/>sprechen zu hören. »Die Wissenschaftslehre, sagt er, hat, <hi rendition="#g">zwar</hi>, <hi rendition="#g">bisher</hi>, <hi rendition="#g">ziemlich</hi>,<lb n="27"/>spröde gethan, und ihre Gegner, <hi rendition="#g">größtentheils</hi>, in einem, <hi rendition="#g">etwas</hi>, unsanften<lb n="28"/>Tone zurecht gewiesen; <hi rendition="#g">indessen</hi>, <hi rendition="#g">ist</hi>, <hi rendition="#g">auch</hi>, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">leugnen</hi>, daß sie, in<lb n="29"/><hi rendition="#g">manchen</hi> <hi rendition="#g">Fällen</hi>, <hi rendition="#g">bloß</hi>, das Wiedervergeltungsrecht gebraucht hat, <hi rendition="#g">und</hi>, <hi rendition="#g">wenn</hi><lb n="30"/>sie dabey, die <hi rendition="#g">Gränzen</hi>, desselben, <hi rendition="#g">hin</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">wieder</hi>, überschritten hat, dieß,</p>
<pb n="175" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=182" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="92–94"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">vielleicht</hi>, <hi rendition="#g">mehr</hi>, von der Kraftfülle, womit sie den Kampfplatz betrat, als von<lb n="2"/>einer feindseligen Gesinnung herrühren <hi rendition="#g">mag</hi>. Der Verf. habe bisher keinen Antheil<lb n="3"/>an diesem Streite genommen, weil <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> <hi rendition="#g">hielt</hi>, ein System erst<lb n="4"/><hi rendition="#g">genauer</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> prüfen, ehe er mit einer öffentlichen Prüfung her<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>vortrete.« Mit dem edlen und wohlthätigen Bewußtseyn dieser erfüllten Pflicht<lb n="6"/>behandle er nun »die Wissenschaftslehre mit <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">gebührenden</hi> <hi rendition="#g">Achtung</hi>,<lb n="7"/>habe ihr nicht gehässige Folgerungen, sondern Gründe entgegengesetzt, und fürchtet,<lb n="8"/><hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">gänzlich</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seinen</hi> <hi rendition="#g">Gegnern</hi> <hi rendition="#g">irre</hi>, keine entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gesetzte Behandlung, denn, er habe von ihnen eine viel zu vortheilhafte Meynung,<lb n="10"/>als daß er nicht hoffen sollte, auf einen andern Fuß behandelt zu werden als u.s.w.<lb n="11"/><hi rendition="#g">Sollte</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">aber</hi>, <hi rendition="#g">doch</hi>, in seiner Hoffnung betrogen finden, so werde er<lb n="12"/><hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Untersuchungen</hi>, <hi rendition="#g">aufgeben</hi>;« der rechtschaffene und würdige Grund<lb n="13"/>hiervon ist, weil aus einer literarischen Fehde, die mit leidenschaftlicher Hitze geführt<lb n="14"/>werde, <hi rendition="#g">selten</hi>, <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">kluges</hi>, herauskomme, und am Ende den Zuschauern nur<lb n="15"/><hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Skandal</hi> gegeben werde, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">sammt</hi> <hi rendition="#g">ihren</hi> <hi rendition="#g">Pflegern</hi><lb n="16"/>(unter welche sich Hr. Krug auch rechnet), <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">öffentlichen</hi> <hi rendition="#g">Mißkredit</hi> <hi rendition="#g">bringe</hi>.</p>
<p><lb n="17"/>Im ersten Briefe erzählt Hr. Kr., was er am transscendentalen Idealismus zu billigen<lb n="18"/>finde, er erklärt S. 14. daß er das Ich gar nicht <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">lächerlich</hi> noch <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">undenkbar</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">finde</hi>, als es manche zu finden scheinen; was denn, fragt er, ungereimtes, was<lb n="20"/><hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">verständigen</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi>, ein Lachen oder, <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nur</hi>, ein Lächeln<lb n="21"/>abnöthigen könnte, darin liege, wenn ich das, was ich durch die <hi rendition="#g">Abstrakzion</hi><lb n="22"/>(so orthographirt Hr. Kr.) von Allem, was nicht zu mir selbst gehört, denke, schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>hin Ich nenne? – <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">finde</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Forderung</hi> <hi rendition="#g">sehr</hi> <hi rendition="#g">gegründet</hi>: »Merke auf<lb n="24"/>dich selbst, kehre deinen Blick von allem, was dich umgiebt, ab und in dein Inneres.«–<lb n="25"/><hi rendition="#g">Ferner</hi> <hi rendition="#g">habe</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">dagegen</hi> u.s.w. <hi rendition="#g">endlich</hi> <hi rendition="#g">könne</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="26"/>Idealism als philosophische Theorie <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">gefährlich</hi> <hi rendition="#g">halten</hi>, als er von<lb n="27"/>Vielen scheint gehalten zu werden. Von diesen Seiten wüßte er dem transscenden<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>talen Idealisme, (so declinirt Hr. Krug, dem Organisme, dem Dogmatisme; im<lb n="29"/>Genitiv des Idealismes, des Organismes, des Realismes u.s.w.) nichts entgegenzusetzen;<lb n="30"/><hi rendition="#g">ob</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">sonst</hi> <hi rendition="#g">Blößen</hi> <hi rendition="#g">habe</hi>, wird sich in der Folge zeigen.</p>
<p><lb n="31"/>Dasjenige, worinn Hr. Kr. dem transscendentalen Idealismus seinen Beifall schenkt,<lb n="32"/>macht den Inhalt des ersten Briefs aus; aber dieser dünkelvolle und selbstgefällige Ton<lb n="33"/>der Gerechtigkeit und Nüchternheit, und diese Langweiligkeit der Manier geht<lb n="34"/>durchs Ganze durch.</p>
<p><lb n="35"/>Was aber Hr. Krug gegen die Wissenschaftslehre vorbringt, und was er S. 79.<lb n="36"/>eine <hi rendition="#g">ausführliche</hi> <hi rendition="#g">Prüfung</hi> nennt, geht von S. 24–52. denn im zweiten Brief hat</p>
<pb n="176" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=183" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="94–96"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>er es nur mit den Nahmen des Idealismes, Dogmatismes und Realismes, zu thun; »es<lb n="2"/>komme zwar in der Hauptsache nicht auf die Nahmen an, aber durch die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>setzung des Dogmatismes sey, <hi rendition="#g">gewissermaßen</hi>, schon zum Voraus der Stab über<lb n="4"/>alle und jede Gegner der Wissenschaftslehre gebrochen, und eben dadurch werde<lb n="5"/>dem Geiste der unpartheiischen Prüfung, wozu <hi rendition="#g">doch</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">oft</hi> und <hi rendition="#g">so</hi> nachdrück<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lich, von ihr aufgefordert worden ist, aller Zugang <hi rendition="#g">wo</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> verwehrt, <hi rendition="#g">doch</hi><lb n="7"/>erschwert« – um solche Gefahr nun abzuwenden, theilt Hr. Kr. den Dogmatismus<lb n="8"/>in materialer Hinsicht ein in Idealismus, der die Realität der Außenwelt leugne,<lb n="9"/>Realismus, wenn er die Realität <hi rendition="#g">zugebe</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">behaupte</hi>; – aber bey dieser Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>theilung ist gerade der transscendentale Idealismus ausgelassen; denn dieser giebt<lb n="11"/>nicht bloß zu, – denn von einem Zugeben ist die Rede in philosophischen Systemen<lb n="12"/>nicht, – sondern behauptet die Realität der Außenwelt, eben so wohl als ihre Idealität,<lb n="13"/>und der theoretische Theil der Wissenschaftslehre geht auf gar nichts anders als auf<lb n="14"/>eine Deduction der Realität der Außenwelt.</p>
<p><lb n="15"/>Die ausführliche Prüfung selbst (S. 24–52.) der Wissenschaftslehre ist gegen einen<lb n="16"/>einzigen Punct gerichtet; Hr. Kr. kann nämlich die Beschränktheit des Ich nicht<lb n="17"/>ertragen: Ich soll sich nämlich <hi rendition="#g">beschränken</hi>, und zwar nicht etwa <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Willkühr</hi> (eine gute Zusammenstellung), sondern <hi rendition="#g">zufolge</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">immanen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">ten</hi> <hi rendition="#g">Gesetzes</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">eigenen</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi>; und doch beruhe der Beglaubigungs<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>grund des transscendentalen Ideal. auf dem Interesse der Selbstständigkeit; und auch<lb n="21"/>ich, sagt Hr. Krug, bin <hi rendition="#g">mit</hi> dem Freunde, an den er diese Briefe richtet, und <hi rendition="#g">mit</hi><lb n="22"/>dem Urheber der Wissenschaftslehre sehr für <hi rendition="#g">meine</hi> Selbstständigkeit interessirt;<lb n="23"/>daß sich Fichte mit Hrn. Krug und seinem Freunde als gemeinschaftlicher Interessent<lb n="24"/>an Hrn. Krug’s Selbstständigkeit associirt habe, wie Hr. Kr. hier erzählt, ist dem<lb n="25"/>Publikum sonst nicht bekannt gewesen. Für das Interesse dieser Selbstständigkeit sey<lb n="26"/>es aber völlig gleichgültig ob das Ich durch seine äußere oder durch eine innere<lb n="27"/>Natur nothwendig so handle, wie es handle. Hr. Krug vergleicht das Ich, das aus<lb n="28"/>innerer Naturnothwendigkeit handelt, und das Ich, das durch eine Natur außer uns<lb n="29"/>bestimmt werde, dieses, mit einer bloßen Flöte, die ein Künstler spielt, jenes mit einer<lb n="30"/>Flötenuhr, die <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> harmonische Töne hervorbringe.</p>
<p><lb n="31"/>Hieraus erhelle, <hi rendition="#g">also</hi> <hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">auch</hi>, zur Genüge, daß es mit der Pflichtmäßigkeit<lb n="32"/>der idealistischen Denkart so ernstlich nicht gemeint sey; mit jeder philosophischen<lb n="33"/>Theorie könne ein guter Willen und eine moralische Gesinnung verbunden seyn.<lb n="34"/>(Dagegen ist ihm der Anthropomorphism der Einbildungskraft, der Polytheism,<lb n="35"/>S. 112. ein desto ärgerer Greuel, er erklärt ihn für durchaus unverträglich mit der</p>
<pb n="177" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=184" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="96–97"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Moralität.) Ungeachtet nun das Interesse der Selbstständigkeit durch den transscen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>dentalen Idealismus nicht hinlänglich befriedigt sey, so sey doch für das <hi rendition="#g">speculative</hi><lb n="3"/>Interesse der Vernunft ungemein viel gewonnen; hier sey alles Licht und Klarheit,<lb n="4"/>das Ich läßt und sieht alles vor seinen Augen entstehen; aber die Hauptaufgabe sey<lb n="5"/>doch nicht gelöst; Hr. Krug sehe nämlich zwey Menschen, einen Europäer und einen<lb n="6"/>Mohren, und fühle sich genöthigt, sich den Einen mit weißer den Andern mit schwar<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zer Hautfarbe vorzustellen; oder er möchte einen Menschen aus einer Lebensgefahr<lb n="8"/>retten, aber die Fluthen toben, oder die Flammen wüthen u.s.w. in der Unbegreif<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichkeit der Schranken bleibe die Wissenschaftslehre stecken, wie <hi rendition="#g">allem</hi> <hi rendition="#g">Ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">muthen</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> alle Philosophie.</p>
<p><lb n="11"/>Den letzten Brief, worinn Hr. Krug über die Einstimmung oder Nichtein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stimmung des Kantischen Systems billiger- und klugerweise meint, es sey wohl am<lb n="13"/>besten, sich des Urtheils über diese Sache vor der Hand ganz zu enthalten, – schließt<lb n="14"/>Hr. Kr. mit dem Wort:</p>
<space/>
<p><lb n="15"/>ignavum, fucos, pecus a praesepibus arce;</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>was wohl noch auf manchen paßt, an den Hr. K. nicht dachte, als er es nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schrieb.</p>
<p><lb n="18"/>Ganz gleichen Inhalts ist die polemische Seite <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Briefe</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">neuesten</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Idealism</hi>, die gegen das Schellingsche System der transscendentalen Philosophie<lb n="20"/>gerichtet sind; – nur sagt der Verf. in der Vorrede, daß er hier in Ansehung der<lb n="21"/><hi rendition="#g">offenen</hi> Darlegung seiner eigenen Ueberzeugungen einen Schritt weiter gegan<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gen sey.</p>
<p><lb n="23"/>Zu der Offenheit der Darstellung wird auch gerechnet werden müssen, daß Hr.<lb n="24"/>Krug hier seine Einwürfe kecker vorträgt, und in dem System Schellings, – wie ihn<lb n="25"/>Hr. Krug <hi rendition="#g">unsern</hi> transscendentalen Idealisten nennen mag, ist eigentlich nicht ab<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zusehen; – unverzeihliche Inconsequenzen, handgreifliche Widersprüche, Nonsens<lb n="27"/>u.s.w. demonstrirt.</p>
<p><lb n="28"/>Ueber die ursprüngliche <hi rendition="#g">Begränztheit</hi> scheint Hrn. Krug, aus der Construction<lb n="29"/>der Handlungsweisen des Ich aus entgegengesetzten Thätigkeiten, oder aus der ur<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sprünglichen Differenz, einiges Licht aufgegangen zu seyn; und über die absolute<lb n="31"/>Nothwendigkeit, die Vernunft als Subject und Object und damit Beschränktheit zu<lb n="32"/>setzen, läßt sich Hr. Kr. weiter nicht vernehmen. Aber destomehr hält er sich nun<lb n="33"/>an die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, die als das Unerklärbare und Unbegreifliche der Philosophie<lb n="34"/>eingestanden werde.</p>
<pb n="178" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=185" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="97–99"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Vors</hi> <hi rendition="#g">erste</hi> findet er es widersprechend, daß in der Philosophie durchaus nichts<lb n="2"/>vorausgesetzt werden soll, und doch das Absolute A = A, als absolute Identität, und<lb n="3"/>als Differenz, woraus alle Beschränktheit construirt wird, vorausgesetzt werde.</p>
<p><lb n="4"/>Dieser Widerspruch ist genau derjenige, den der gemeine Verstand immer in der<lb n="5"/>Philosophie finden wird; der gemeine Verstand setzt das Absolute mit dem End<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichen genau auf denselben Rang, und dehnt die Foderungen, die in Rücksicht auf<lb n="7"/>das Endliche gemacht werden, auf das Absolute aus. Es wird also in der Philosophie<lb n="8"/>gefodert, es soll nichts unbewiesen hingestellt werden; der gemeine Verstand findet<lb n="9"/>gleich die Inconsequenz, die begangen worden ist, er findet, daß man das Absolute<lb n="10"/>nicht bewiesen hat; – mit der Idee des Absoluten werde unmittelbar sein Seyn<lb n="11"/>gesetzt, aber, weiß der gemeine Verstand einzuwenden, er könne sich sehr gut etwas<lb n="12"/>denken, eine Idee von etwas machen, ohne daß darum nothwendig sey, daß dieses<lb n="13"/>gedachte Etwas zugleich ein Daseyn habe; u.s.w. So wird Hr. Krug der Geometrie<lb n="14"/>vorwerfen, daß sie keine in sich vollendete Wissenschaft sey, wie sie behaupte, denn<lb n="15"/>die beweise <hi rendition="#g">ja</hi> das Daseyn eines unendlichen Raums nicht, in den sie ihre Linien<lb n="16"/>ziehe. – Oder hält Hr. Krug Gott oder das Absolute für eine Art von Hypothese,<lb n="17"/>welche sich die Philosophie zu Schulden kommen lasse, wie die eine Physik sich die<lb n="18"/>Hypothese eines leeren Raums, einer magnetischen, elektrischen Materie u.s.w. er<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>laubt, an deren Stelle eine andere Physik wieder andere Hypothesen setzen kann?</p>
<p><lb n="20"/>Die <hi rendition="#g">zweyte</hi> Inconsequenz, die Hrn. Krug auffällt, ist, daß versprochen sey, das<lb n="21"/>ganze System unserer Vorstellungen solle deducirt werden; und ob er schon selbst<lb n="22"/>eine Stelle im transscendentalen Idealismus gefunden hat, worinn der Sinn dieses<lb n="23"/>Versprechens ausdrücklich erläutert ist, so kann er sich doch nicht enthalten, wieder<lb n="24"/>überhaupt zu vergessen, daß hier von Philosophie die Rede ist, Hr. Krug kann sich<lb n="25"/>nicht enthalten, die Sache wie der gemeinste plebs zu verstehen, und zu fordern, es<lb n="26"/>soll jeder Hund, und Katze, ja sogar Hrn. Krug’s Schreibfeder deducirt werden, und<lb n="27"/>da dieß nicht geschieht, so meint er, es müsse seinem Freunde der kreisende Berg<lb n="28"/>und das kleine, kleine Mäuschen einfallen, <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">hätte</hi> sich nicht sollen das Ansehen<lb n="29"/>geben, als ob man das ganze System der Vorstellungen deduciren wolle. –</p>
<p><lb n="30"/>Komisch ist es, wie Hr. Kr. denn doch so gnädig ist, den Philosophen, der sich das<lb n="31"/>Ansehen eines Meisters in der Philosophie gebe, jedoch nicht so scharf beym Worte<lb n="32"/>nehmen zu wollen; sondern er verlangt nur <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">weniges</hi>, nur die Deduction<lb n="33"/>von einer bestimmten Vorstellung, z. B. <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Monde</hi> mit allen seinen Merkmalen,<lb n="34"/>oder einer Rose, einem Pferd, einem Hunde oder Holz, Eisen, Thon, einer Eiche<lb n="35"/>oder auch nur von seiner Schreibfeder. Es sieht aus, als ob Hr. Kr. den Idealisten mit<lb n="36"/>solchen Foderungen die Sache leicht habe machen wollen, daß er vom Sonnen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>system nur einen untergeordneten Punct, den Mond, oder als etwas noch viel leich-</p>
<pb n="179" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=186" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="99–101"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>teres, seine Schreibfeder aufgegeben hat. Begreift denn aber Kr. nicht, daß die<lb n="2"/>Bestimmtheiten, die im transscendentalen Idealismus unbegreiflich sind, der Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>philosophie, von deren Unterschied von dem transscendentalen Idealismus er gar<lb n="4"/>nichts zu wissen scheint, so weit von ihnen – wie von Hrn. Krs. Schreibfeder nicht –<lb n="5"/>in der Philosophie die Rede seyn kann, angehören; in derselben kann er eine Deduk<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zion (ein Wort, dessen Bedeutung hier so wenig taugt, als seine Orthographie) von<lb n="7"/>einem derjenigen Dinge, die er vorschlägt, vom Eisen finden. Hat denn Hr. Kr. so<lb n="8"/>wenig einen Begriff von philosophischer Construction, um zu meinen, daß der<lb n="9"/>Mond ohne das ganze Sonnensystem begriffen werden könne, und hat er eine so<lb n="10"/>schwache Vorstellung von diesem Sonnensystem, um nicht einzusehen, daß das<lb n="11"/>Erkennen dieses Systems die erhabenste und höchste Aufgabe der Vernunft ist? Wenn<lb n="12"/>Hr. Kr. von der Größe dieser bestimmten Aufgabe, oder wenn er von dem, was<lb n="13"/>überhaupt im jetzigen Augenblicke zunächst Interesse der Philosophie ist, nämlich<lb n="14"/>einmal wieder Gott absolut vornehin an die Spitze der Philosophie als den alleinigen<lb n="15"/>Grund von allem, als das einzige principium essendi und cognoscendi zu stellen, nach<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dem man ihn lange genug <hi rendition="#g">neben</hi> andere Endlichkeiten, oder ganz ans Ende als ein<lb n="17"/>Postulat, das von einer absoluten Endlichkeit ausgeht, gestellt hat, – wenn er hiervon<lb n="18"/>eine ferne Ahndung hatte, wie konnte ihm denn einfallen, die Deduction seiner<lb n="19"/>Schreibfeder von der Philosophie zu verlangen? Ein Hund, eine Eiche, ein Pferd,<lb n="20"/>ein Rohr sind freylich, so wie ein Moses, Alexander, Cyrus, Jesus u.s.w. etwas vor<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>trefflicheres; und beyde Reihen von Organisationen liegen der Philosophie näher,<lb n="22"/>als Hrn. Krug’s Schreibfeder und die von ihr abgefaßten philosophischen Werke;<lb n="23"/>die Naturphilosophie weist ihn hin, wie er die Organisationen einer Eiche, Rose,<lb n="24"/>Hund und Katze zu begreifen hat, und wenn er Lust und Eifer hat, seine menschliche<lb n="25"/>Individualität zu der Stufe des Lebens einer Rose oder eines Hundes zu contrahiren,<lb n="26"/>um das lebendige Seyn derselben vollkommen zu begreifen und zu fassen, so mag er<lb n="27"/>den Versuch machen, aber andern kann er es nicht zumuthen; besser er versuche es,<lb n="28"/>sein Wesen zu den größten Individualitäten eines Cyrus, Moses, Alexanders, Jesus<lb n="29"/>u.s.w. oder auch nur des großen Redners Cicero’s auszudehnen, so kann es nicht<lb n="30"/>fehlen, daß er ihre Nothwendigkeit begreifen, und diese einzelnen, so wie die Reihe<lb n="31"/>der Erscheinungen des Weltgeistes, die man Geschichte nennt, einer Construction<lb n="32"/>für fähiger halten wird; aber von der Foderung der Deduction seiner Schreibfeder<lb n="33"/>wird er zu diesem Behuf ganz abstehen müssen, und sich wegen der Unwissenheit in<lb n="34"/>solchen Dingen über den Idealismus auch keinen weitern Kummer machen.</p>
<p><lb n="35"/>Hr. Kr. glaubt mit dieser Foderung der Deduction von so etwas bestimmtem<lb n="36"/>einen äußerst guten Fund gethan zu haben, er hält sich damit gegen den Idealismus<lb n="37"/>für ganz gedeckt, und meint, daß durch die Lösung dieses Problems das neueste</p>
<pb n="180" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=187" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="101–103"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>idealistische System gegen alle fernere Einwendungen in Sicherheit gestellt werden<lb n="2"/>könnte; er wenigstens würde kein Bedenken tragen, sogleich das ganze System mit<lb n="3"/>seiner deducirten Schreibfeder zu unterschreiben; er ist aber auch im Voraus über<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zeugt, daß kein Idealist in der Welt auch nur den Versuch dazu machen werde.</p>
<p><lb n="5"/>Damit man seinen Einwurf ja recht wohl verstehe, so legt er <hi rendition="#g">beispielsweise</hi> von<lb n="6"/>S. 34. an seinen Menschenverstand recht gemüthlich in einer Reihe naiver Probleme<lb n="7"/>vor, welche der transscendentale Idealismus schwerlich werde lösen können. Solche<lb n="8"/>Dinge sind dann, daß wir genöthigt seyen uns vorzustellen, daß wir zu einer bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ten Zeit gebohren wurden, daß wir zu einer bestimmten Zeit sterben, daß wir auch<lb n="10"/>täglich Nachrichten durch Zeitungen von dem erhalten, was sich in der Welt da<lb n="11"/>zuträgt, wo wir nicht sind u.s.w. – Daß wenn die Organisation Product der Intelli<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>genz ist, man nicht einsehe, wie der Naturforscher in Gegenden kommen könne,<lb n="13"/>wo er neue Pflanzen entdecke, wie er nöthig habe die Erde zu bereisen, u.s.w. ferner<lb n="14"/>nicht wie die Intelligenz einen Blindgebohrnen, Krankheit, Tod produciren könne? –<lb n="15"/>kurz, es ist ganz ungeschickt, sich nicht unter die Fucos zu rechnen, und doch rein aus<lb n="16"/>diesem Tone des gemeinsten Menschenverstandes zu reden. – Hr. Kr. erklärt, »daß<lb n="17"/>ihn keine falsche Schaam abhalte, seine Einwürfe vorzutragen, er suche aufrichtig die<lb n="18"/>Wahrheit; weil er ein Handeln oder Thun ohne ein Seyn schlechterdings nicht den<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ken könne, so bin ich, sagt er, vielleicht eben darum absolut unfähig zum Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sophiren, aber ich kann nun einmal nicht dafür, daß es so ist, und ich will lieber jene<lb n="21"/>Unfähigkeit eingestehen, als eine Ueberzeugung heucheln, die ich nicht habe;« – aber<lb n="22"/>es ist ja die Alternative nicht vorhanden, entweder zu heucheln, oder den gemeinen<lb n="23"/>Menschenverstand über die Philosophie auszugießen. – Außer diesen Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sprüchen im Großen, die Hr. Kr. entdeckt, daß alles im transscendentalen Idealismus<lb n="25"/>deducirt werden solle, und die Hunde und Pferde doch nicht deducirt werden, findet<lb n="26"/>er noch andere, indem er einzelne Stellen des Systems, in welchen von ganz ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schiedenen Standpuncten die Rede ist, zusammenstellt, und dann über den Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>spruch wie S. 90. mit den Worten der Juden ausruft: »nun was brauchen wir weiter<lb n="29"/>Zeugniß, daß <hi rendition="#g">unser</hi> System ein dogmatischer transscendenter Idealism sey? wir<lb n="30"/>haben’s ja aus seinem eigenen Munde gehört.« In der einen Stelle, die Hr. Kr. aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>hebt, ist nämlich von der ursprünglichen Begränztheit, oder davon, daß sich Ich in<lb n="32"/>Entgegensetzung als Subject und als Object setzt, die Rede, wobey gesagt wird, daß<lb n="33"/>ein System, das diesen Grund aufhebe, ein dogmatischer transscendenter Idealismus<lb n="34"/>wäre. Die andere Stelle betrifft die Epoche der Entwickelung des Selbstbewußtseyns,<lb n="35"/>in welcher subjectives und objectives für das Ich selbst sich trennen; für diesen Punct<lb n="36"/>der Trennung liegt die Gränze weder im Ich, das jetzt als subjectives bestimmt ist,<lb n="37"/>noch im Ding, sie liegt, ist dieß ausgedrückt, nirgends, sie ist schlechthin, weil sie ist,<lb n="38"/>sie wird in Bezug auf das Ich sowohl, als das Ding als schlechthin zufällig erscheinen.<lb n="39"/>Hr. Kr. erklärt dieß so: es gebe gar keinen Grund der Begränztheit. –</p>
<pb n="181" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=188" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="103–105"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Man sieht aus solchen Kläglichkeiten, daß Hr. Kr. das System, das er gründlich zu<lb n="2"/>prüfen, für Pflicht erklärt, ehe er es öffentlich zu beurtheilen wage, nicht einmal oben<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>hin kennt; sonst wenn er wußte, daß das Bewußtseyn construirt werden sollte, so<lb n="4"/>konnte er zum Voraus wissen, ohne nach einer besondern Stelle sich umzusehen, daß<lb n="5"/>eine Handlung der Intelligenz vorkommen müsse, in welcher die Gränze für Ich und<lb n="6"/>das Ding als zufällig, als ohne Grund, erscheint.</p>
<p><lb n="7"/>Noch ist, nachdem wir Hrn. Kr’s. Prüfungsweise gezeigt haben, zu erwähnen,<lb n="8"/>daß am Ende der Briefe über die Wissenschaftslehre von S. 61 bis ans Ende als An<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>hang eine Abhandlung über den religiösen Glauben, und dieser ein Anhang, und<lb n="10"/>wieder ein Zusatz beigefügt ist; das Ganze betrifft die Fichte’schen Aufsätze über<lb n="11"/>Religion; da Hr. Kr. hier ausdrücklich erklärt, – was er überhaupt ohne ausdrück<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>liche Erklärung thut, – daß er den transscendentalen Gesichtspunct, der nur dem<lb n="13"/>Philosophen, als solchem, eigen seyn könne, und der schon ausführlich von ihm<lb n="14"/><hi rendition="#g">geprüft</hi> (wir finden, daß Hr. Kr. gar nicht von ihm gesprochen hat) worden sey,<lb n="15"/>in dieser Untersuchung ganz bey Seite liegen lassen wolle, so haben wir über diese<lb n="16"/>Herzens- und Menschenverstands-Ergießungen vollends gar nichts zu sagen; – be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sonders eindringend sind die Ausbrüche seines Feuereifers gegen die Heyden, und<lb n="18"/>ihren crassesten Aberglauben, der der Religion des guten Lebenswandels schnur<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stracks zuwider sey; sie gehen dagegen, daß in einem der Aufsätze im philosophischen<lb n="20"/>Journal mit einer, wie Hr. Kr. meint, gewissen mit der Würde des Gegenstandes<lb n="21"/>nicht wohl vereinbaren Keckheit, – gesagt sey: die Religion kann eben so gut mit<lb n="22"/>dem Polytheismus und dem Anthropomorphismus als etc. bestehen; zu welchen<lb n="23"/>Abentheuerlichkeiten, ruft Hr. Kr. aus, kann nicht die Sucht, durch Paradoxieen zu<lb n="24"/>glänzen, auch einen guten Kopf verleiten!</p>
<p><lb n="25"/>Was Hrn. Kr’s. <hi rendition="#g">eigene</hi> <hi rendition="#g">Ueberzeugungen</hi> betrifft, so fodert er zu »einer beson<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>dern Prüfung derselben auf, da er eben mit einer neuen <hi rendition="#g">Fundamentalphilosophie</hi><lb n="27"/>beschäftigt ist, wobey ihm eine solche Prüfung <hi rendition="#g">vielleicht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">Statten</hi> <hi rendition="#g">kommen</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">dürfte</hi>;« es geschieht erst in den Briefen über den transscendentalen Idealismus und<lb n="29"/>im Organon, daß Hr. Kr. damit herausgeht, lat. urceus exit (die eigentliche amphora<lb n="30"/>aber soll ein Werk über die ganze Philosophie in 8 Bänden, nämlich 7 Bänden<lb n="31"/>Inhalts und einem Bande <hi rendition="#g">Sach</hi>register werden, für welches Hr. Kr. den Entwurf des<lb n="32"/>Organons als einen Kranz aushängt). Um diese Ueberzeugungen im Mittelpunct<lb n="33"/>aufzufassen, nehmen wir das auf, was Hr. Kr. die Hauptsache jener Ueberzeugungen,<lb n="34"/>oder sein System nennt; in unserem Bewußtseyn sey nämlich (Organon S. 75.) eine<lb n="35"/>ursprüngliche transscendentale Synthesis zwischen dem Realen und dem Idealen, und<lb n="36"/>dasjenige System, welches diese transscendentale Synthesis anerkenne und behaupte,<lb n="37"/>ohne sie erklären zu wollen, weil, um sie zu erklären, man von dem einen oder dem</p>
<pb n="182" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=189" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="105–107"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>andern anfangen, mithin die Synthesis selbst aufheben müßte, – nenne er transscend.<lb n="2"/>Synthetism, welcher also transscend. Realism und tr. Idealism in unzertrennlicher<lb n="3"/>Vereinigung ist. – Dieß sind Worte, die nicht übel lauten. Es ist nur zu untersuchen,<lb n="4"/>wie denn Hr. Kr. jene Synthesis des Realen und Idealen eigentlich versteht; denn das<lb n="5"/>Wort Synthesis macht die Sache nicht aus. Die ursprüngliche Synthesis nun ist nach<lb n="6"/>Org. S. 25. das Bewußtseyn, das Bewußtseyn aber ist nicht, das Ich, sondern ist<lb n="7"/><hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>.</p>
<p><lb n="8"/>Hören wir Hrn. Kr. noch weiter über das Ich, er ist überall ein warmer Patron des<lb n="9"/>Ich gegen die Gegner der Wissenschaftslehre, er hat nichts gegen das Ich als Anfangs<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>punct der Philosophie; aller Spott darüber sey kleinlich und abgeschmackt, u.s.w.<lb n="11"/>er macht Ich gleichfalls zum Realprincip des Erkennens; er erzählt, daß der trans<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>scendentale Idealismus auf die Selbstständigkeit des Ich <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi> sich<lb n="13"/>gründe, und daß er sich selbst für diese Selbstständigkeit interessire; bey Hrn. Kr.<lb n="14"/>aber trennt sich das Ich von der Vernunft ab; sie kommen nur in dieser Erzählung<lb n="15"/>das eine als Erklärung des andern vor, sonst wird in den drey Werken, die wir vor<lb n="16"/>uns haben, so weit sie eine Beziehung auf Philosophie haben, <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wort</hi><lb n="17"/>Vernunft von Hrn. Kr. nicht gebraucht, außer in den Briefen über die Wissenschafts<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lehre findet man es ein paarmal im Genitiv vor, oder S. 45. in ähnlicher Bedeutung; –<lb n="19"/>(worauf wir auch Hrn. Kr. deßwegen aufmerksam machen, damit ihm nicht in den<lb n="20"/>sieben Bänden der philosophischen Wissenschaften begegne, daß die Vernunft gar<lb n="21"/>nicht, oder nur im Genitiv vorkomme, und also im Sachregister, dem 8ten Bande,<lb n="22"/>diese Sache nicht anzutreffen wäre.) Hr. Kr. hat diese Zusammenstellung von Ich<lb n="23"/>oder Vernunft aufgehoben, denn die Vernunft konnte nicht zum Ding gemacht<lb n="24"/>werden; daß Ich aber ein Ding ist, ist eins der Grundprincipien dieses Synthetismus,<lb n="25"/>das er häufig und angelegentlich beweißt; (S. 80. über transscendentalen Idealismus)<lb n="26"/>wo wir ein Handeln <hi rendition="#g">wahrnehmen</hi>, <hi rendition="#g">müssen</hi> wir auch ein Handelndes annehmen,<lb n="27"/>d. h. ein Subject von gewisser Realität setzen, von welchem das Handeln <hi rendition="#g">gleich</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">sam</hi> ausgeht; oder im Organon: es giebt ein Ich, das <hi rendition="#g">Subject</hi> der Thätigkeit ist,<lb n="29"/><hi rendition="#g">denn</hi> wirkliche Thätigkeit ohne ein Subject der Thätigkeit, läßt sich nicht denken,<lb n="30"/><hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">jeden</hi>, versichert Hr. Kr., <hi rendition="#g">sein</hi> Bewußtseyn <hi rendition="#g">lehren</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">bald</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">Versuch</hi> <hi rendition="#g">machen</hi> <hi rendition="#g">will</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">denken</hi>. Daß das principium essendi des<lb n="32"/>Erkennens, oder das Realprincip der Erkenntniß ein erkennendes Subject sey, davon<lb n="33"/>giebt Hr. Kr. eine Art von Beweis, <hi rendition="#g">denn</hi>, sagt er, wäre kein solches Subject <hi rendition="#g">da</hi>, so<lb n="34"/>wäre auch keine Erkenntniß da.</p>
<p><lb n="35"/>In diesem <hi rendition="#g">Ding</hi> nun ist das Bewußtseyn, und dieß Bewußtseyn ist eine Collec<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>tion von unendlich vielen Sachen. Hr. Kr. zählt darunter einen Satz des Widerspruchs,<lb n="37"/>einen gewissen praktischen Satz, nemlich das Sittengesetz, ferner einen Alexander,</p>
<pb n="183" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=190" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="107–108"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>der ein großer Held, einen Cicero, der ein großer Redner gewesen, und unendliche<lb n="2"/>viele dergleichen, S. 14. lauter Sachen, die alle nicht in dem Satz Ich = Ich, oder<lb n="3"/>A = A enthalten seyen, und mannichfaltige Thatsachen des Bewußtseyns heißen.<lb n="4"/>Diese unendlich mannichfaltigen Thatsachen des Bewußtseyns liegen zwar alle im<lb n="5"/>Ich, in das sie auf eine unbegreifliche Weise kommen, aber freylich wie ein Chaos<lb n="6"/>ohne alle Einheit und Ordnung:</p>
<space/>
<p><lb n="7"/>es geht alles durcheinander<lb n="8"/>wie Mäusedreck und Koriander.</p>
<space/>
<p><lb n="9"/>Da tritt nun eine Vernunft im Genitivus herzu, und bringt S. 76. f. eine formale<lb n="10"/>Einheit hinein, ordnet die Verwirrung an, und verbindet durch Unterordnung unter<lb n="11"/>ein gewisses Princip als ihren Vereinigungspunkt; – nicht als wenn aus demselben alle<lb n="12"/>einzelnen Erkenntnisse ihrem <hi rendition="#g">Innhalte</hi> nach abgeleitet werden könnten und soll<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ten – sondern es sollen nur die einzelnen Erkenntnisse in ihrer Mannichfaltigkeit dar<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>auf als auf eine gewisse Einheit bezogen werden, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> in einem Gewölbe<lb n="15"/>alles auf den Schlußstein als höchsten und letzten Vereinigungspunct bezieht, obwohl<lb n="16"/>dieser Punct nicht zugleich das Fundament des Gewölbes in sich enthalten kann; –<lb n="17"/>und <hi rendition="#g">vielleicht</hi>, meint Hr. Kr., hatte die Wissenschaftslehre eben dieß in Gedan<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>ken, als sie den Satz Ich = Ich an die Spitze ihrer Untersuchungen stellte, und dieß<lb n="19"/>A = A wäre eine symbolische Darstellung jener Harmonie, der oberste formale<lb n="20"/>Grundsatz der Philosophie, welcher aber schon anderweite materiale Grundsätze,<lb n="21"/>Thatsachen des Bewußtseyns in Begriffe aufgefaßt und in Sätzen dargestellt, vor<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>aussetzt. – Jenes Vielleicht macht der Vorsichtigkeit des Hrn. Kr. Ehre, ganz gewiß<lb n="23"/>wollte er es doch nicht versichern.</p>
<p><lb n="24"/>Man sieht nun auch, als Hr. Kr. sich wegen der ursprünglichen Beschränktheit<lb n="25"/>gegen den transscendentalen Idealismus kehrte, war es ihm nicht um Befreyung von<lb n="26"/>der Beschränktheit zu thun, sondern einen Freybrief für die unendliche Menge der<lb n="27"/>Beschränktheiten des empirischen Bewußtseyns darin zu finden, und zu zeigen, daß<lb n="28"/>dieses System um kein Haar besser sey, als sein Synthetismus, der eine unendliche<lb n="29"/>Menge von Beschränktheiten des Bewußtseyns setzt; Hr. Kr. seines Orts (Br. üb.<lb n="30"/>d. transsc. Ideal.) halte dafür, daß es den Philosophen keineswegs entehre, gleich von<lb n="31"/>vorn herein einzugestehen, daß es Dinge gebe, die höher als alle menschliche Weis<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>heit liegen; – aus seinem Bewußtseyn heraus und über dasselbe hinaus gehen zu<lb n="33"/>wollen, scheine ihm gerade soviel zu seyn, als sein Bewußtseyn aufheben, und es doch<lb n="34"/>in demselben Acte, wodurch es aufgehoben wird, behalten zu wollen. – Denkt aber</p>
<pb n="184" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=191" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="108–110"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Hr. Kr. unter philosophischer Reflexion etwas anderes, als die Aufhebung des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wußtseyns, und das Behalten desselben in einem und ebendemselben Act?</p>
<p><lb n="3"/>Zum Princip seiner Speculation das empirische Bewußtseyn zu machen, dazu<lb n="4"/>glaubt sich Hr. Kr. also mit allem Fuge berechtigt; und eben so dazu, daß das, was<lb n="5"/>er in seinem empirischen Bewußtseyn finde und in demselben denken müsse, voll<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kommen wahr sey; er müsse das Ich als Ding denken, und daher sey es ein Ding;<lb n="7"/>wir setzen dasjenige als wirklich, was wir als nothwendig hinzudenken müssen, so<lb n="8"/>verfahren schon seit Menschengedenken die Physiker und Mathematiker in ihren<lb n="9"/>Wissenschaften, (S. 82.) und niemand bis diesen Tag habe sie noch in Anspruch<lb n="10"/>wegen dieses Verfahrens genommen; ja selbst der transscendentale Idealismus ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fahre so an hundert Orten! Warum soll es den Gegnern nicht gestattet seyn? ego<lb n="12"/>homuncio non fecerim? – Nur vergißt Hr. Kr., daß wenn Mathematik, Physik und<lb n="13"/>Idealismus fragen, was gedacht werden müsse, sie sich nicht an das empirische<lb n="14"/>Bewußtseyn wenden, worinn die Hunde und Katzen, Herrn Krugs Schreibfedern,<lb n="15"/>und der große Redner Cicero u.s.w. ihr Wesen treiben. – Nach dem bisherigen muß<lb n="16"/>der Synthetismus des Hrn. Kr. auf folgende Weise gedacht werden: Man stelle sich<lb n="17"/>einen Krug vor, worinn Reinholdisches Wasser, Kantisches abgestandenes Bier, auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>klärender Syrup, Berlinismus genannt, und andere dergleichen Ingredienzien durch<lb n="19"/>irgend einen Zufall, als Thatsachen enthalten sind; der Krug ist das synthetische der<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>selben = Ich; nun tritt aber einer hinzu, und bringt in jenes Gesödel dadurch eine<lb n="21"/>Einheit, daß er die Dinge sondert, eins nach dem andern riecht und schmeckt oder<lb n="22"/>wie das zu machen ist, vornämlich von andern hört, was da hineingekommen sey,<lb n="23"/>und nun eine Erzählung davon macht; dieser ist nun die formale Einheit, oder<lb n="24"/>philosophisches Bewußtseyn.</p>
<p><lb n="25"/>Dieß ist das Wesen des Krugischen Synthetismus, und es ist, so offen und unver<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>hohlen es daliegt, nicht so leicht herauszufinden, da dieses System, wie ein wahres<lb n="27"/>philosophisches System es thun muß, die andern alle gleichfalls in sich faßt: weil Seyn<lb n="28"/>und Denken im empirischen Bewußtseyn auf eine unbegreifliche Weise vereinigt<lb n="29"/>sind, so daß eine ächte, nüchterne und bescheidene Philosophie nicht darüber hinaus<lb n="30"/>soll, hält Hr. Kr. sein System für einig mit dem Jacobischen; die Kantischen Begriffe<lb n="31"/>a priori fehlen ihm nicht; und wie wir gesehen haben, ist er auch ein warmer Patron<lb n="32"/>vom Ich des Idealismus.</p>
<p><lb n="33"/>Sonst was die historische Rücksicht auf das Eigentliche dieses Systems betrifft, so<lb n="34"/>wird man nothwendig an das ältere ganz gleiche System des Hrn. Schmids (phil.<lb n="35"/>Journ. Jahrg. 1795. 10. Heft) erinnert (wie auch der Rec. des Org. in der Jen. Lit.<lb n="36"/>Zeit. bemerkt), ein System, von dem man nicht denken konnte, daß, nachdem auch<lb n="37"/>der Erfinder desselben selbst die Ausführung aufgegeben hatte, es aus seiner Vernich-</p>
<pb n="185" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=192" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="110–112"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>tung durch einen andern wieder erweckt werden sollte. Es ist ganz eingetroffen, was<lb n="2"/>Fichte damals (phil. Journ. Jahr 95. H. 12.) schon voraussagte, daß diese Entdeckung<lb n="3"/>ohne Zweifel benutzt werden werde; nur sey zu wünschen, daß diejenigen, die sie<lb n="4"/>benutzen, dem wahren Erfinder die Ehre des Erfindens, und wie er lieber wolle, die<lb n="5"/>Ehre des Findens lassen, und sich gegen ihn besser benehmen, als gegen einen andern<lb n="6"/>berühmten philosophischen Schriftsteller, dessen Schriften der wahre Urquell ihres<lb n="7"/>Kantianismus sind, und dem doch nur wenige die schuldige Dankbarkeit beweisen. –<lb n="8"/>Gegen Reinhold läßt sich Hr. Kr. diesen Fehler des Undanks nicht ganz zu Schulden<lb n="9"/>kommen, aber doch Reinholden bey weitem nicht volle Gerechtigkeit widerfahren.<lb n="10"/>Org. S. 33. sagt Hr. Kr., daß die <hi rendition="#g">Theorie</hi>, wenn sie das Bewußtseyn als das Fun<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dament der philosophischen Erkenntniß aufstellte, von der Wahrheit <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">so</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">weit</hi> entfernt war, als manche Beurtheiler derselben behauptet haben; aber sie habe<lb n="13"/>nur darinn gefehlt (Hr. Kr. hat den rechten Fleck getroffen), daß sie voraussetzte, die<lb n="14"/>ganze philosophische Erkenntniß müsse auf eine einzige Thatsache des Bewußtseyns<lb n="15"/>erbauet oder daraus hergeleitet werden. Allein Hr. Kr. thut in Wahrheit der Theorie<lb n="16"/>Unrecht, denn mit der Stoffheit der Vorstellungen, welche in jenem einen Grundsatz<lb n="17"/>des Bewußtseyns auch enthalten ist, muß ja die Menge der Thatsachen des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyns, so unendlich mannichfaltig Hr. Kr. sie nur verlangen kann, hereinkommen.</p>
<p><lb n="19"/>Sonst sagte Fichte von diesem System des Synthetismus selbst, daß es vortrefflich<lb n="20"/>dem dringendsten Bedürfnisse der Zeit entspreche; die Kantische Philosophie habe<lb n="21"/>Aufsehen erregt, und es suchen Viele hinter ihr etwas Besonderes; durch jenes System<lb n="22"/>werden mit einemmale alle Schwierigkeiten weggenommen; die Welt ist da fertig<lb n="23"/>ohne alles Zuthun der Vernunft; der kritische Idealismus erhält eine <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">leicht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="24"/>fassende Bedeutung; es wird durch ihn weiter nichts behauptet, als das <hi rendition="#g">Vermögen</hi>,<lb n="25"/><hi rendition="#g">unsere</hi> <hi rendition="#g">Kenntnisse</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">bringen</hi>. – Bloß das bleibt, nachdem wir<lb n="26"/>jetzt den Aufschluß erhalten haben, wunderbar, wie so viel Lermen um nichts habe<lb n="27"/>entstehen können, wie Kant so mächtige Zurüstungen habe machen können, um den<lb n="28"/>sehr simpeln Satz darzuthun, daß wir über die Dinge in der Welt raisonniren<lb n="29"/>können. – Was damals in Rücksicht auf Kant geschah, hat Hr. Kr. für das Fichtesche<lb n="30"/>System geleistet, indem er zeigt, daß Ich = Ich das Princip der ursprünglichen Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>tität des Ich bedeute, wovon uns nur das Bewußtseyn unserer selbst belehren könne,<lb n="32"/>welches <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">meine</hi> Thätigkeiten <hi rendition="#g">begleitet</hi>, und wodurch ich sie als <hi rendition="#g">meine</hi><lb n="33"/>Thätigkeit anerkenne; kurz, daß die Identität darinn zu setzen ist, daß alle Thatsachen<lb n="34"/>des Bewußtseyns <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">mir</hi> und in keinem fremden sind. – Doch bescheidet sich<lb n="35"/>Hr. Kr. diese Erklärung des Ich = Ich mit einem: Vielleicht vorzutragen, denn viel<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>leicht könnte Ich = Ich auch etwas anders ausdrücken sollen.</p>
<pb n="186" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=193" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="112–114"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Den Grundstein zu dieser Fundamentalphilosophie seiner Ueberzeugungen legt<lb n="2"/>Hr. Kr. ausführlich im 3. §. worinn er <hi rendition="#g">beweißt</hi>, daß es nur <hi rendition="#g">Ein</hi> Real-Princip, das<lb n="3"/>Ich, aber mehrere Idealprincipien geben müsse; er beruft sich in der Folge S. 19 und<lb n="4"/>77. darauf, hier die Mehrheit der Principien <hi rendition="#g">dargethan</hi> zu haben; dennoch lautet<lb n="5"/>der Anfang der Schlußanmerkung zu diesem §. S. 15 so: <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">zweifle</hi> <hi rendition="#g">demnach</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">sehr</hi>, daß man aus dem magischen Kreise, in den uns die Untersuchung über die<lb n="7"/>Principien der philosophischen Erkenntniß versetzt, jemals durch die Annahme Eines<lb n="8"/>obersten absoluten Princips herauskommen werde, das den gesammten Inhalt und<lb n="9"/>die gesammte Form der Philosophie ausdrücke u.s.w. (aus Schell. über d. Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>keit einer Form der Philos. überhaupt). Wenn Hr. Kr. ein 8 Bände starkes Werk<lb n="11"/>der philosophischen Wissenschaften darauf gründen will, wie kann ihn seine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>scheidenheit und Nüchternheit so weit verführen, daß nachdem er das Princip<lb n="13"/>seiner Ueberzeugungen bewiesen hat, er an dem entgegengesetzten Princip <hi rendition="#g">nur</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">zweifelt</hi>?</p>
<p><lb n="15"/>Mit einer Hauptthatsache des Bewußtseyns, der Außenwelt nämlich, bringt es<lb n="16"/>Hr. Kr. auch nicht weiter, als daß er S. 40. das Resultat zieht, daß wenn die Annahme<lb n="17"/>der Realität der Außenwelt zwar nicht direct bewiesen werden könne, so lasse sich<lb n="18"/>doch indirect, d. h. durch Reflexion auf die gegenseitige Behauptung <hi rendition="#g">sehr</hi> <hi rendition="#g">viel</hi> <hi rendition="#g">zur</hi><lb n="19"/>Rechtfertigung jenes Glaubens <hi rendition="#g">sagen</hi>; nämlich dieser Glaube und Voraussetzung<lb n="20"/>sey jedem Menschen so nothwendig und natürlich, daß sich selbst der entschiedenste<lb n="21"/>Idealist nicht davon los machen könne; <hi rendition="#g">denn</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">glaubt</hi> <hi rendition="#g">daran</hi>, <hi rendition="#g">sobald</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">speculirt</hi>. – Und S. 47. ergibt sich eben hieraus, daß der Glaube an die objective<lb n="23"/>Welt, weit <hi rendition="#g">vernünftiger</hi> sey, als die Behauptung des Gegentheils.</p>
<p><lb n="24"/>Die dargestellten einfachen und populären Vorstellungen von der Philosophie,<lb n="25"/>wie sie ein Synthetismus ist, hat Hr. Kr. in spanische Stiefel realer Principien, und<lb n="26"/>formaler Idealprincipien, wie auch materialer Idealprincipien eingeschnürt, Fichte’s,<lb n="27"/>Schelling’s Schriften, philos. Journal, seine eignen Werke fleißig citirt, das Ganze<lb n="28"/>in §§. und besondere Anmerkungen N. 1. 2. 3. u.s.w. abgetheilt u.s.f. kurz, durch<lb n="29"/>alle solche Anstalten der Sache seines gemeinen Menschenverstandes wieder einen<lb n="30"/>Theil der Popularität und Faßlichkeit entzogen, die sie an und für sich hat, und die<lb n="31"/>ein Hauptverdienst derselben so sehr ausmacht, daß man, wenn dieser in §§. gebrachte<lb n="32"/>gemeine Menschenverstand wirklich Philosophie wäre, unsere Zeiten und Sitten zu<lb n="33"/>bedauern hätte, die es nicht erlauben, sich, wie Sokrates that, an jeden vornehmen und<lb n="34"/>gemeinen Mann geradezu zu wenden; es müßte Hrn. Kr. gelingen, in kurzer Zeit<lb n="35"/>das ganze ungebildete Publikum in ein philosophisches umzukleiden; auch für die<lb n="36"/>Skeptiker ist diese Philosophie vortrefflich, wie Hr. Kr. selbst einsieht; wenn ich,<lb n="37"/>sagt er, nur die Thatsachen meines Bewußtseyns richtig aufgefaßt und verständlich<lb n="38"/>dargestellt habe, so wird kein Philosoph in der Welt die von mir aufgestellten Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>cipien abläugnen können; selbst der Skeptiker wird sie zugeben müssen.</p>
<pb n="187" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=194" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="114–115"/>
<fw type="header" place="top">WIE DER GEMEINE MENSCHENVERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn Hr. Kr. am Ende des Organon’s (wo wir auch belehrt werden, daß dieses<lb n="2"/>Organon eigentlich noch nicht das Organon seye) anzeigt, daß er, wenn seine<lb n="3"/>Grundsätze den Beifall der Kenner zu erhalten das Glück haben sollten, ein System<lb n="4"/>der Philosophie in acht Bänden auszuarbeiten nicht abgeneigt seyn würde, wie er<lb n="5"/>seinen Freunden bereits in einer Privatankündigung zu erkennen gegeben habe – so<lb n="6"/>geben wir ihm einerseits nur zu bedenken, daß sich in sieben Bänden allerdings eine<lb n="7"/>hübsche Anzahl von Thatsachen des Bewußtseyns aufstellen läßt, aber daß nicht ab<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>zusehen ist, wie er darein die <hi rendition="#g">unendlich</hi> mannichfaltigen Thatsachen des philo<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sophischen Bewußtseyns, darunter er auch zählt, daß »ein großer Redner, Nahmens<lb n="10"/>Cicero, ein großer Krieger, Nahmens Alexander gewesen sey« u.s.w. bringen<lb n="11"/>könne; – andererseits wenn sieben Bände für diese Thatsachen nicht ausreichen<lb n="12"/>werden, wo soll noch Raum zum Philosophiren über diese zum Grunde gelegten<lb n="13"/>Sachen übrig seyn, da ja der achte Band laut S. 112. für die Literatur der Philosophie,<lb n="14"/>und für ein Register über die philosophischen Sachen der sieben Bände bestimmt ist?</p>
<pb n="188" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=195" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="116–118"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>NOTIZENBLATT.</head>
<head><lb n="2"/>1. BESONDERER ZWECK DES BLATTS.</head>
<p><lb n="3"/>Von dem inneren Zustand der Philosophie ist in der dem Ganzen als Einleitung vorgesetzten<lb n="4"/>Abhandlung ein allgemeines Bild entworfen worden; der äußere Zustand, welcher nicht vor<lb n="5"/>die Kritik gehört, ist darum doch nicht so uninteressant, daß nicht allerdings Notiz von ihm<lb n="6"/>genommen werden dürfte. Denn, um nichts von den merkwürdigen klimatischen Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schieden zu sagen, welche die Betrachtung desselben im Großen wie im Kleinen, und sogar<lb n="8"/>schon auf der geringen Oberfläche Deutschlands zeigt, so sind äußere Erscheinungen, welche<lb n="9"/>auf Philosophie Bezug haben, schon ihrer Natur nach mehr oder weniger Wirkungen innerer<lb n="10"/>Verhältnisse, und weisen auf diese zurück. Umstände und Schickung der Zeit haben der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sophie in unsern Tagen ein sehr ausgedehntes und für ihre innere Cultur nicht ganz unwichtiges<lb n="12"/>Verhältniß zu einer Menge von Gegenständen und Menschen gegeben, die, wenn sie sich<lb n="13"/>besinnen könnten, selbst verwundert seyn müßten, wie sie dazu gekommen. Die allgemeine<lb n="14"/>Aufmerksamkeit, welche die Philosophie auf sich gezogen, hat den Schwarm von Menschen<lb n="15"/>immer mehr vergrößert, der, wenn er nicht in sie eindringen kann, sie wenigstens äußerlich<lb n="16"/>umschwirrt, und sich durch sein Gesumme unnütz macht. Eine Menge friedlicher Bürger des<lb n="17"/>Gelehrten-Staats, die innerhalb der vier Pfähle ihrer Brodwissenschaft vergnügte Leute gewesen<lb n="18"/>sind, hat die allen andern Wissenschaften von der philosophischen Republik aus angedrohte<lb n="19"/>Erschütterung oder gar Revolution aus ihrer Ruhe aufgestört. Gewiß ist es ein merkwürdiges<lb n="20"/>Zeichen der Zeit, wenn auch die curta supellex einen Kurt Sprengel nicht abhält, von den<lb n="21"/>Transscendentalphilosophen Notiz zu nehmen, oder, wenn ein solider, hausbackener Verstand<lb n="22"/>sich von Tübingen her vernehmen lassen muß: <hi rendition="#g">die</hi> Zeit sey noch nicht gekommen, wo man<lb n="23"/>es als ausgemacht ansehen könnte, daß die Erscheinungen der Natur durch die Gesetze des<lb n="24"/>Denkens bestimmt seyen; oder ein ungezogener junger Mensch aus Niedersachsen, den Rösch<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>laub von wegen seiner Lügenhaftigkeit gezüchtigt hatte, im Int. Blatt der Jen. A. L. Z. auf die<lb n="26"/>Philosophie, und das, was dieser Pöbel Sophisterei nennt, schimpfen muß. Das häufig wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>holte Verschmähen des Auctoritätsglaubens, des Mangels an Selbstdenken, hat endlich die<lb n="28"/>Folge gehabt, daß jeder, der irgend eine Trivialität aufzujagen im Stande ist, sich zu einem<lb n="29"/>Philosophen von eigner Hand constituirt, und wenn man ihm etwa zu verstehen giebt, daß er<lb n="30"/>gegenüber von Fichte z. B. allerdings zu schweigen, und in allewege die Hand auf den Mund<lb n="31"/>zu legen habe, im Int. Blatt der allg. Lit. Zeit. ganz ungebärdig sich anstellt, auf seine Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>ständigkeit pocht, und sich nicht etwa darüber verwundert, daß dieser überhaupt seiner nur<lb n="33"/>Meldung gethan, sondern darüber, daß er die wahre Meinung über ihn gesagt hat.</p>
<pb n="189" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=196" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="118–120"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>Dieß alles und noch mehr bildet ein für die Philosophie selbst ganz äußeres Verhältniß zu<lb n="2"/>einzelnen Menschen, ein weit ausgedehnteres und mehr oder weniger allgemeines zum ge<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sammten Publicum bildet die Betriebsamkeit ganzer Institute, die, außerdem daß sie den Gang<lb n="4"/>der Literatur im Ganzen, und das Wohl aller Wissenschaften leiten, insbesondere auch das der<lb n="5"/>Philosophie bei dem Publicum besorgen und befördern wollen. Obgleich das mit Recht<lb n="6"/>berühmteste, und durch einige in früheren Zeiten an den Tag geförderte Meisterwerke im<lb n="7"/>Fach der philosophischen Kritik ausgezeichnetste derselben, die Jenaische Allg. Lit. Zeit., dem<lb n="8"/>allgemeinen Loos menschlicher Dinge so wenig entgehen konnte, daß in der letzten Zeit, in<lb n="9"/>Ansehung der Philosophie, fast sogar das Sprüchwort an ihm wahr geworden wäre: der Krug<lb n="10"/>geht so lange zu Wasser, bis er bricht, so ermangelt es doch, nachdem von ihm die weise und<lb n="11"/>in der That lobenswerthe Maxime angenommen worden ist, von der Recension bedeutenderer<lb n="12"/>philosophischer Werke gänzlich abzulassen, nicht, unbedeutende von Zeit zu Zeit mit einer<lb n="13"/>passenden Sauce zu versehen. Zum Theil in Recensionen, zum Theil und besonders in eigenen<lb n="14"/>Aufsätzen giebt die Oberdeutsche, sonst auch Salzburger genannte, Lit. Zeitung den Salat<lb n="15"/>dazu, der, weil er ohne Salz und Pfeffer ist, von den Würzburger Gelehrten Anzeigen mit<lb n="16"/>Petersilie gewürzt, von den Tübingischen aber mit einer Gabe linden Oels unschädlicher<lb n="17"/>Plattheit übergossen wird, so daß das Publicum im Ganzen wenigstens immer noch auf eine<lb n="18"/>Art von philosophischem Gericht rechnen kann. Zu diesen, obgleich sie abgängig geworden<lb n="19"/>sind, doch noch Abgang findenden Blättern gesellt sich ein beygängiges Institut, unter dem<lb n="20"/>Namen eines Jahrbuchs der Literatur, das im Bewußtseyn seiner Beygängigkeit, wie billig,<lb n="21"/>bescheiden ist, und sich im Ganzen bloß für ein merkantilisches Anzeige-Comtoir anerkennt<lb n="22"/>und ausgiebt, aber durch eine gewisse Gründlichkeit auch in philosophischen Beurtheilungen<lb n="23"/>mit den abgängigen noch immer die Vergleichung aushalten kann. Die Erlangische Literatur<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zeitung hat im philosophischen Fach sich durch mehrere Recensionen über die allgemeine edle<lb n="25"/>Simplicität und Mittelmäßigkeit erhoben, ist aber dadurch stark in den Ruf gekommen, den<lb n="26"/>transscendentalen Idealismus unerlaubter Maßen zu begünstigen, und überhaupt sich an die<lb n="27"/>verderblichen Neuerer anzuschließen, weshalb auch noch ganz kurz in dem Int. Blatt der<lb n="28"/>Jenaischen A. L. Z. gegen sie, wenn nicht die Glocke angezogen, doch wenigstens eine Schelle<lb n="29"/>geläutet worden ist.</p>
<p><lb n="30"/>So groß und umfassend die Geschäftigkeit dieser Institute ist, so giebt es doch sogar einzelne<lb n="31"/>Menschen, die sie durch Industrie hierinn noch zu übertreffen suchen, und unter andern einen<lb n="32"/>durch Natur und Fleiß ausgezeichneten Böttcher, der allein fähig ist, das ganze große Heidel<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>berger Faß der Literatur, das sich zu jeder Messe mit so verschiedenartigen Ingredienzien füllt,<lb n="34"/>mit Einem, aus Einem Stück gearbeiteten, Reif zu binden. Unendlich angenehm muß es einem<lb n="35"/>großen Theil des Publicums seyn, der ohne eben genaue und richtige Begriffe zu verlangen<lb n="36"/>gleichwohl ein allgemeines Apperçu des jedesmaligen Ertrags begehrt, und obenein noch durch<lb n="37"/>die lehrreichen Gleichnisse, welche dabei von Thierpflanzen, Schnabelthieren, und aus allen<lb n="38"/>drey Reichen der Natur und Kunst hergenommen werden, eine so ziemlich vollständige Kennt<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>niß aller naturhistorischen und anderer Merkwürdigkeiten der letzten Zeit erlangt, und da des<lb n="40"/>Geträtsches im bürgerlichen Leben ohnehin nicht genug werden kann, hier noch überdieß mit<lb n="41"/>Stadtgeschwätzen aus der gelehrten Welt regalirt wird. Da in Deutschland alles nachgemacht<lb n="42"/>wird, so ist zu fürchten, daß, wie nach der obigen Bemerkung die Philosophie und jedes ein-</p>
<pb n="190" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=197" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="120–122"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>zelne Fach der Literatur, besonders aber der Industrie, seinen Insectenschwarm herbeyzieht, so<lb n="2"/>sich nicht eine eigne Art großer dicker Schmeißfliegen bilde, die nicht nur auf einzelne Pro<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ducte, sondern auf das Gesammte der Literatur sich niederlassen. Eine solche Fliege hat sich<lb n="4"/>noch unlängst, den Herausgebern wahrscheinlich unbemerkt, in der Meßrelation der Stuttg.<lb n="5"/>Allg. Zeitung auch auf Hegel’s Schrift: Differenz des Fichte’schen und Schellingischen Systems<lb n="6"/>der Philosophie, gesetzt, und wir machen um so mehr auf sie aufmerksam, da dieß eben ein<lb n="7"/>Beispiel ist, welche glaubwürdige Klatschereien und in der Sache gegründete Nachrichten das<lb n="8"/>Publicum sich auf diesem Wege zu versprechen hat¹.</p>
<p><lb n="9"/>Dieß alles, was wir hier angeführt haben, obgleich es nur einige Züge davon sind, rechnen<lb n="10"/>wir zu dem äußeren Zustand der Wissenschaften. Was sich von diesem auf Philosophie bezieht,<lb n="11"/>werden wir in diesem Notizenblatt berühren, in der Hoffnung, besonders durch Aufmerksam<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>keit auf das deutsche Recensirwesen es unsern Lesern zu empfehlen. Denn wem wird es nicht<lb n="13"/>angenehm seyn, die vortrefflichen Aeußerungen und philosophischen Sentiments, die unter<lb n="14"/>der Menge anderer Recensionen und in den voluminösen Bänden der gelehrten Blätter als<lb n="15"/>einzelne Perlen versteckt liegen, hier besonders aufbewahrt zu finden; wen es nicht interessiren,<lb n="16"/>wenn wir, von diesen Aeußerungen aus schließend, dem neugierigen Publicum Kunde und<lb n="17"/>Notiz von den eignen Grundsätzen mancher Beurtheiler, und ihren philosophischen Systemen<lb n="18"/>geben können, welche ohne unsre Bemühung wahrscheinlich ewig verborgen blieben, da<lb n="19"/>bekanntlich die philos. Recensenten an kritischen Instituten, ausgenommen die Erlanger Lit.<lb n="20"/>Zeitung, woran ordentlich auch sonst bekannte philosophische Schriftsteller, als da sind,<lb n="21"/>Fichte, Steffens, Eschenmayer, Schelling u. a. m. durch Beiträge Theil genommen haben<lb n="22"/>sollen, sich mit dem Schreiben und Verfassen eigner Schriften, oder gar Aufstellung von<lb n="23"/>Grundsätzen und Systemen, in der Regel eben nicht abzugeben pflegen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="24"/>2. EIN BRIEF VON ZETTEL AN SQUENZ.</head>
<p><lb n="25"/>Ich weiß nicht, Freund, wie es kommt, aber es geht mir fast wie Ihnen,² daß ich keine zwei<lb n="26"/>Gedanken im Kopf zusammenbringen kann, und ganz unberufene Vorstellungen, die mir noch<lb n="27"/>überdieß höchst ungelegen sind, sich zwischen meinen Entschluß, zu denken, und die Aus-</p>
<note xml:id="fn-190-1" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Ueber die Nachricht, die der Verf. dieser Meßrelationen gibt, »daß Schelling sich einen<lb n="29"/>rüstigen Vorfechter aus seinem Vaterlande nach Jena <hi rendition="#g">gehohlt</hi> habe, und <hi rendition="#g">durch</hi> denselben<lb n="30"/>dem staunenden Publicum <hi rendition="#g">kund</hi> <hi rendition="#g">thue</hi>, daß auch Fichte tief unter seinen Ansichten stehe,«<lb n="31"/>könnte ich mit allen Umschreibungen und Milderungen doch nichts anders ausdrücken, als<lb n="32"/>daß der Autor jener Nachricht ein <hi rendition="#g">Lügner</hi> ist; wofür ich ihn also mit diesen klaren Worten<lb n="33"/>erkläre; und das um so eher, da ich mir damit auch den Dank so vieler anderer zu verdienen<lb n="34"/>glaube, denen er mit seinen Pfiffigkeiten, Halblügen, Seitenhieben im Vorbeygehen u.s.w.<lb n="35"/>beschwerlich ist. D. Hegel.</note>
<note xml:id="fn-190-2" n="²"><lb n="36"/><seg type="marke">² </seg>Beiträge 3tes Stück S. 111.</note>
<pb n="191" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=198" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="122–124"/>
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<p><lb n="1"/>führung eindrängen, und die letztere im höchsten Grade beschwerlich machen¹. Könnte ich<lb n="2"/>Ihnen die ganz eigenen Empfindungen beschreiben! Bisweilen ist es mir, als wäre ich schon<lb n="3"/>gestorben; das viele Vorschwatzen von meinen Seelenwanderungen macht mich in unseligen<lb n="4"/>Augenblicken oft wirklich glauben, daß ich dieselbe Transformation wieder erfahren, die ich<lb n="5"/>schon einmal im <hi rendition="#g">Sommernachtstraum</hi>² erlitten habe. Was in mir jetzt eben auf’s Neue<lb n="6"/>diese Vorstellungen erregt hat, ist eine Recension der beyden ersten Hefte der <hi rendition="#g">Beiträge</hi> in<lb n="7"/>dem Leipziger <hi rendition="#g">Jahrbuch</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">neuesten</hi> <hi rendition="#g">Literatur</hi> St. 125. So hat also meine treue Sorgfalt,<lb n="8"/>solchen Recensionen, die unsre Sache verschreyen, und das Publicum dagegen stimmen<lb n="9"/>könnten, durch eine eigene in der Jen. A. L. Z. zuvorzukommen³, nicht verhindern können,<lb n="10"/>daß nicht eine solche sogar in Leipzig an den Tag käme. Der Verfasser ist wiederum ein offen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bares Mitglied der bewußten esoterischen Schule. Es ist mir zwar überhaupt oft verwunder<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sam, daß obgleich von dem neunzehnten Jahrhundert nun schon beinahe ein Jahr verflossen ist,<lb n="13"/>doch eben der jüngste Tag des Idealismus und das wahre und eigentliche Ende der philoso<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>phischen Revolution, zu dem ich dem Jahrhunderte Glück gewünscht habe, noch immer nicht<lb n="15"/>sich einfinden, oder auch nur von ferne durch Zeichen zu erkennen geben will, so daß mir<lb n="16"/>meine sämmtlichen Ermahnungen über das Subjectiviren in der Philosophie und das Herum<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>drehen um den Mittelpunct der Ichheit nicht selten wie in den Brunnen gefallen vorkommen.<lb n="18"/>Die Fichtisch-Schellingischen Transscendentalphilosophen, wenn sie noch recht linde sind,<lb n="19"/>sehen meinen jetzigen Zustand als einen für meine Individualität nothwendigen Uebergang<lb n="20"/>und etwaigen Durchbruch zum wahren Idealismus, und mein provisorisches Philosophiren<lb n="21"/>überhaupt nur für eine Art von Fegefeuer an, in dem ich mich jetzt herumwälzen müßte, um,<lb n="22"/>wenn ich mich genug gereinigt, der intellectuellen Anschauungen ihrer Philosophie vielleicht<lb n="23"/>noch theilhaftig zu werden. Ueberhaupt fange ich an zu merken, daß sie unsere Sache für gar<lb n="24"/>nichts Originelles, nicht einmal für einen eigenen Aufzug, sondern nur für ein schlechtes, un<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>bedeutendes, auf meine Kosten, zur Hochzeitfeyer des Theseus und der Hippolyta, aufgeführtes,<lb n="26"/>sich von selbst in Nichts auflösendes Zwischenspiel achten. Ich wußte nun zwar sehr wohl,<lb n="27"/>daß es mit unsrer Philosophie noch nicht ganz im Reinen wäre, und machte zu diesem Behuf<lb n="28"/>die Erfindung des vorläufigen Philosophirens, denn, dacht’ ich, kommt Zeit kommt Rath;<lb n="29"/>auch gab ich in der letzten Darstellung den Gegnern auf eine feine Weise zu verstehen, daß ich<lb n="30"/>ihrer absoluten Identität des Subjectiven und Objectiven nicht so sehr abgeneigt wäre, nur daß<lb n="31"/>man damit nicht gleich in’s Haus fallen müßte, auch habe ich mir ihre hauptsächlichsten<lb n="32"/>Schlagwörter so ziemlich angeeignet, und überhaupt unter der Hand verschiedene kleine<lb n="33"/>Modificationen eingeschaltet, mit denen ich mich in der Folge werde ausreden können, so daß<lb n="34"/>von dieser Seite nichts zu fürchten schien. Allein was das problematische Philosophiren betrifft,<lb n="35"/>so ist es mir von dem D. Hegel in der bekannten Schrift sehr übel versalzt worden, so wie dieß<lb n="36"/>überhaupt ein gar categorischer Mensch ist, der die vielen Umstände mit der Philosophie<lb n="37"/>nicht leiden kann, und nur so geradezu auch ohne das Appetit hat. Dabei ist es nicht leicht, ihn<lb n="38"/>zu lesen und zu verstehen, und er hat noch die Unart, mich mit witzigen Einfällen anzulassen,</p>
<note xml:id="fn-191-1" n="¹"><lb n="39"/><seg type="marke">¹ </seg>Beitr. das. S. 112.</note>
<note xml:id="fn-191-2" n="²"><lb n="40"/><seg type="marke">² </seg>Shakspear’s dramatische Werke, übersetzt von A. W. Schlegel. Erster Band. S. 221.</note>
<note xml:id="fn-191-3" n="³"><lb n="41"/><seg type="marke">³ </seg>Beitr. 1stes St. S. 164.</note>
<pb n="192" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=199" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="124–126"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>wobei ich mich gar nicht zu benehmen weiß, da ich selbst außer von vielen andern Lastern<lb n="2"/>auch von dem des Witzes mich völlig frey weiß, höchstens, daß ich, wenn sie es mir zu arg<lb n="3"/>machen, bisweilen ein wenig scurril zu seyn mich bestrebe. Ueberhaupt ist es mir eingefallen,<lb n="4"/>daß die Gegner sich gar nicht auf Widerlegungen einlassen zu wollen scheinen, sondern noch<lb n="5"/>immer uns bloß lächerlich machen wollen, welches ich gar nicht vertragen kann, denn ich bin<lb n="6"/>ein so zärtlicher Esel, daß ich gleich kratzen muß, wenn es mich kitzelt¹. Der Respect ist völlig<lb n="7"/>dahin, denn ob ich gleich nicht gesagt habe: ich habe weder am Anfang, noch in der Mitte,<lb n="8"/>noch selbst kurz vor dem Ende der philosophischen Revolution gewußt, <hi rendition="#g">wovon</hi> <hi rendition="#g">eigentlich</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Rede</hi> <hi rendition="#g">seye</hi>, so habe ich doch gesagt, sie sey anders ausgefallen, als ich am Anfang, anders<lb n="10"/>als ich in der Mitte, und wieder anders als ich gegen das Ende angekündigt und behauptet², da<lb n="11"/>ich nun mit jeder dieser Perioden das wahre Ende prophezeyt und durch jede dieser Wen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>dungen die höchste Idee der Philosophie realisirt glaubte, so muß ich entweder nicht gewußt<lb n="13"/>haben, was Philosophie, oder nicht, wovon in jenen Versuchen, sie zu realisiren, die Rede sey,<lb n="14"/>so daß es ebensoviel ist, als ob ich jenes gesagt hätte. Was aber die anderen Feinheiten betrifft,<lb n="15"/>so hat der obenangeführte Recensent sogar schon im Voraus darauf hingedeutet, wenn er sagt:<lb n="16"/>Sonderbar genug sey mir bey meinem idealistischen Cursus eben die Foderung entgangen, daß<lb n="17"/>beim Absoluten von aller Subjectivität und Objectivität zu abstrahiren sey, hieraus habe sich<lb n="18"/>nun mein polemisches Princip gebildet, nach welchem ich die Bestimmungen des Absoluten,<lb n="19"/>wie sie in einem reflectirenden System, dergleichen das Fichte’sche, eben für die Reflexion,<lb n="20"/>nothwendig sind, für dem Absoluten selbst und objectiv inhärirende Qualitäten halte. Im<lb n="21"/>Allgemeinen behauptet er, daß ich das Absolute nur durch Ueberlieferung erhalten habe, und<lb n="22"/>erklärt daher meine Mißverständnisse, so wie er mir auch nicht undeutlich Ignoranz Schuld<lb n="23"/>giebt, indem ich das Mährchen von Spinoza’s Objectivismus noch immer so, wie das von<lb n="24"/>Fichte’s Subjectivismus nachbete. Was mögen nun das für neue Händel seyn? Denn von<lb n="25"/>beidem bin ich ja noch vor Kurzem ganz gewiß gewesen. Es ist freilich wahr, daß, da ich die<lb n="26"/>Philosophie überhaupt erst durch die Kantische kennen lernte, mir der Sinn für andre Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sophie, als diese, ursprünglich schon verrückt wurde, und da ich bald darauf anfieng, die<lb n="28"/>Briefe über selbige und ein eignes System zu schreiben, so hielt ich mich auch fähig, a priori,<lb n="29"/>nämlich aus meinen eignen jedesmaligen Grundsätzen heraus zu bestimmen, was andre Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sophen gedacht haben müssen, und ich gestehe, daß mir dieser Fehler noch jetzt bisweilen<lb n="31"/>nachgeht. In der Fichte’schen Schule, wohin ich ganz roh kam, ließen sie mich freilich merken,<lb n="32"/>ich müßte eine geraume Zeit mich als bloßen Schüler betrachten, der ganz von vorne an<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>zufangen habe, ehe ich mir beigehen ließe, selbst wieder etwas zu wissen; dieß gefiel mir nicht,<lb n="34"/>und darum entlief ich bey der ersten Gelegenheit zu Ihnen, lieber Squenz. Nun suchen jene<lb n="35"/>mich freilich zu bedeuten, daß ich, der es nur mit dem angestrengtesten Lernen zu etwas hätte<lb n="36"/>bringen können, der Mann nicht seye, der ihre Systeme beurtheilen, noch viel weniger sie<lb n="37"/>belehren könnte, was ihre Systeme seyen, oder ihnen meine eignen groben und unreinen</p>
<note xml:id="fn-192-1" n="¹"><lb n="38"/><seg type="marke">¹ </seg>Sommernachtstr. 4ter Aufz. 1ste Sc.</note>
<note xml:id="fn-192-2" n="²"><lb n="39"/><seg type="marke">² </seg>Beitr. I. Vorr. S. III. f.</note>
<pb n="193" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=200" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="126–128"/>
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<p><lb n="1"/>Begriffe davon, (so drücken sie sich aus), aufdringen dürfte. So bemerkt auch der Rec., (woher<lb n="2"/>die Leute nur alles erfahren mögen?), daß ich Schellings Naturphilosophie, welche als zweite<lb n="3"/>Grundwissenschaft der Philosophie mir das nöthige Licht über den von mir mißverstandnen<lb n="4"/>transscendentalen Idealismus hätte geben können, bloß bey Gelegenheit der in Geschwindigkeit<lb n="5"/>gemachten Anzeige seines transsc. Idealismus kennen gelernt, und also den Werth, welchen die<lb n="6"/>momentane Sonderung beider Grundwissenschaften als solcher für die Reflexion, und ihre<lb n="7"/>Wiedervereinigung auf Darstellung des ächt speculativen Systems habe, nicht habe bemerken<lb n="8"/>können.</p>
<p><lb n="9"/>Fast fürchte ich, l. Squenz, daß wir einen dummen Streich gemacht haben, unser System<lb n="10"/>rationalen Realismus zu nennen. Warum haben Sie auch so geradezu gesagt, ich bin und bleibe<lb n="11"/>Realist¹? Das benutzen nun die Feinde, und sagen: der Rationalismus seye weder reell noch<lb n="12"/>ideell, also könne auch ein Realismus nicht rational seyn, und das wäre ja das Aergste, was<lb n="13"/>unserm System begegnen könnte, wenn es nicht rational wäre. Der Rationalismus, meint der<lb n="14"/>Rec., lasse sich nur denken, entweder als reflectirender, wo er vermöge der doppelten Ansicht<lb n="15"/>der Reflexion transscend. Idealismus oder Naturphilosophie ist: oder als construirender Ratio<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nalismus, welches wohl die eigentliche Benennung für die reine und Eine, an sich weder<lb n="17"/>idealistische noch realistische, Philosophie seye. Sie merken wohl, wo das hinaus will?</p>
<p><lb n="18"/>Ganz besonders ist mir aufgefallen, daß der Rec. uns Schuld giebt, in unsrer Philosophie<lb n="19"/>seyen noch viel ärgere Concrescenzen und Coalitionen der Phantasie, als wir denen unserer<lb n="20"/>Gegner Schuld geben. Ich weiß nicht, wie das kommt, da ich doch, Gott weiß, keine Spur<lb n="21"/>von Phantasie an mir bemerken kann, vielmehr einen ganz trocknen ja dürren Kopf habe. Das<lb n="22"/>muß also auf Sie gehen, Squenz, und, (lassen Sie es mich gestehen), öfters kam es mir vor,<lb n="23"/>als ob Sie zwar, Gott sey Dank! keine Einbildungskraft, aber eine pferdemäßige Phantasie<lb n="24"/>haben. Diese schreckliche Phantasie wird uns noch ruiniren, besonders wenn sie Ihnen noch oft<lb n="25"/>solche Queerstreiche macht, wie in Ihrem letzten Schreiben. Denn überhaupt habe ich bemerkt,<lb n="26"/>daß die Gegner gegen Sie eine absonderliche Verachtung affectiren, und von Ihnen fast nur<lb n="27"/>wie von einem mauvais sujet reden. Mir wollen die Gegner nur eine Phantasie für das Schlechte<lb n="28"/>zuschreiben, und der Rec. sagt unter andern: ich scheine den Aufsatz über Heavtogonie zu<lb n="29"/>einem Absonderungsorgan für meine polemischen Cruditäten bestimmt zu haben, und in<lb n="30"/>dem über Avtonomie habe sich meine Verfolgungswuth, die er mit der eines Renegaten ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gleicht, sogar bis zum Pasquill gesteigert.</p>
<p><lb n="32"/>Melden Sie mir doch mit umgehender Post, was wir unter Realität verstehen wollen, aber<lb n="33"/>in unumwundnen und klaren Ausdrücken, denn der Rec. sagt, so lange ich über das, was ich so<lb n="34"/>nenne, mich nicht bestimmt erkläre, so lange sey alles, was ich schreibe, so gut als nicht<lb n="35"/>geschrieben, welches doch wieder entsetzlich wäre.</p>
<p><lb n="36"/>Wenn mich die Gegner nur nicht noch einmal fragen: was ich unter Anwendung des Den<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>kens als Denkens verstehe, und wie ich mir die Einwirkung der Identität auf den Stoff denke,<lb n="38"/>oder ob dieser von Gott erschaffen sey, oder nicht?</p>
<p><lb n="39"/>Ganz unerträglich ist es doch, daß ich die Theorie des Vorstellungsvermögens immer wieder<lb n="40"/>auf dem Brod essen soll; auch der Rec. bringt sie wieder in Anregung indem er sagt: der fixe</p>
<note xml:id="fn-193-1" n="¹"><lb n="41"/><seg type="marke">¹ </seg>Beitr. I. 159.</note>
<pb n="194" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=201" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="128–130"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Punct aller meiner Metamorphosen seye die eigene Elementarphilosophie, jene bestehen ohne<lb n="2"/>alle Beziehung auf Vollkommenheit in einem Schwanken nach entgegengesetzten Richtungen,<lb n="3"/>in deren Mitte der eigentliche wahre Zustand des sich metamorphosirenden Subjects, (da meint<lb n="4"/>er wohl mich), liege, und da ich jetzt gewissermaßen die Totalität der Schwankungen von diesem<lb n="5"/>Punct aus erreicht habe, so müsse für mich, der ich mich eben auf dem Wendepuncte befinde,<lb n="6"/>natürlich der Schein entstehen, als sey nunmehr die philosophische Revolution vollendet, indeß<lb n="7"/>für den Beobachter nur die Vermuthung übrig bliebe, daß die ganze Summe der Declinationen<lb n="8"/>nur gleichsam Einen philosophischen Tag in meiner philosophischen Periode ausmache, und<lb n="9"/>daß die philosophische Nadel, (was mag er wohl damit meinen?) über kurz oder lang von<lb n="10"/>Neuem ihre Abweichung beginnen werde.</p>
<p><lb n="11"/>Ich kann nicht sagen, lieber Squenz, wie ganz eigen mir zu Muth wird, wenn ich mich so<lb n="12"/>ganz als ein naturhistorisches Object betrachten und construiren sehe, und das unglückliche<lb n="13"/>Wort: <hi rendition="#g">Metamorphose</hi> bringt mir wieder die alten Grillen in den Kopf. O göttliche Titania!<lb n="14"/>Was wird nun erst vollends aus Jena kommen? Mit Einem Wort, Freund, ich bin in einem<lb n="15"/>fatalen Zustand, und damit ich Ihnen, liebster Squenz, alles beichte¹, wenn Sie fortfahren, so<lb n="16"/>saumselig zu seyn, und die bestialische Phantasie nicht bald unterkriegen, die Sie durch die<lb n="17"/>lebhaften Ideenassociationen verhindert, an der Begründung der philosophischen Analysis aus<lb n="18"/>einem gemeinfaßlichen Standpuncte zu arbeiten², so ist das Stück zum Henker.</p>
<p><lb n="19"/>Ich umarme Sie.</p>
<p><lb n="20"/>Ihr</p>
<p><lb n="21"/>Am Ende des ersten Jahres des<lb n="22"/>neunzehnten Jahrhunderts.</p>
<p><lb n="23"/><hi rendition="#g">Zettel</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Weber</hi>.</p>
<p><lb n="24"/>(Die Fortsetzung folgt.)</p>
<note xml:id="fn-194-1" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>Beitr. 1. S. 162.</note>
<note xml:id="fn-194-2" n="²"><lb n="26"/><seg type="marke">² </seg>Beitr. III. S. 111.</note>
<pb n="195" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=202" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ERSTEN BANDES ZWEYTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1802</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>I. <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>,<lb n="5"/><hi rendition="#g">Darstellung</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">verschiedenen</hi> <hi rendition="#g">Modificatio</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">nen</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Vergleichung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">neuesten</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">alten</hi>.</p>
<p><lb n="8"/>Kritik der theoretischen Philosophie von G. E.<lb n="9"/>Schulze. 2 Bände. Seite 1</p>
<p><lb n="10"/>II. <hi rendition="#g">Rückert</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Weiß</hi>, <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>,<lb n="11"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">keines</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi> <hi rendition="#g">be</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">darf</hi>. S. 75</p>
<p><lb n="13"/>III. <hi rendition="#g">Notizenblatt</hi>. S. 113</p>
<p><lb n="14"/>1. Neue Entdeckung über die Fichte’sche Philosophie.<lb n="15"/>Jen. Allg. Lit. Z. 1801. N. 362.</p>
<p><lb n="16"/>2. Bayern.</p>
<p><lb n="17"/>a) Beförderung auf der Landesuniversität Landshut.</p>
<p><lb n="18"/>b) Ausbruch der Volksfreude über den endlichen Un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tergang der Philosophie. Oberd. Allg. Lit. Z.<lb n="20"/>CXXXIII. – Nebst Salat’s winkender und aufklä<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>render moralischer Unphilosophie.</p>
<p><lb n="22"/>3. Göttingen.</p>
<p><lb n="23"/>a) Aufnahme, welche die durchaus praktische Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sophie in Göttingen gefunden hat.</p>
<p><lb n="25"/>b) Ansicht des Idealismus daselbst.</p>
<pb n="197" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=204" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1–2"/>
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<head><lb n="1"/>VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE,<lb n="2"/>DARSTELLUNG SEINER VERSCHIEDENEN MODIFICATIONEN,<lb n="3"/>UND VERGLEICHUNG DES NEUESTEN MIT DEM ALTEN.</head>
<p><lb n="4"/><hi rendition="#g">Kritik</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">theoretischen</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> von Gottlob Ernst <hi rendition="#g">Schulze</hi>, Hofr. und<lb n="5"/>Prof. in Helmstädt. 1. Band. Hamburg bey C. E. Bohn, 1801. S. 728. Vorr. S. XXXII,<lb n="6"/>2ter Band S. 722. Vorr. S. VI.</p>
<p><lb n="7"/>Acht Jahre, nachdem Hr. Schulz gegen die Kantische Philosophie, vorzüglich in<lb n="8"/>der Form, welche sie in der Theorie des Vorstellungsvermögens gewonnen hatte,<lb n="9"/>mit Aufsehen aufgetreten war, umfaßt er nunmehr die theoretische Philosophie über<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>haupt, um sie durch seinen Skepticismus in Flammen zu stecken, und bis aufs Fun<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dament auszubrennen. Der ganze helle Haufen der neuen Skeptiker verehrt billig<lb n="12"/>Hrn. Sch. als Vormann, und dieser Sandsack von – vor der Hand vier Alphabeten,<lb n="13"/>den Hr. Sch. gegen die Vestung der Philosophie herbeygeschleppt hat, sichert ihm<lb n="14"/>billig diesen ersten Platz.</p>
<p><lb n="15"/>Die Darstellung und Schätzung dieses neuesten Skepticismus macht es noth<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>wendig, uns auf das Verhältniß dieses so wie des Skepticismus überhaupt zur Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sophie einzulassen; nach diesem Verhältniß werden sich die verschiedenen Modi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>ficationen des Skepticismus von selbst bestimmen, und zugleich das Verhältniß dieses<lb n="19"/>neuesten Skepticismus selbst, der sich auf die Schultern des alten gestellt zu haben, und<lb n="20"/>sowohl weiter zu sehen, als vernünftiger zu zweifeln vermeynt, – zu dem alten sich<lb n="21"/>ergeben; eine Erörterung des Verhältnisses des Skepticismus zur Philosophie, und<lb n="22"/>eine daraus entspringende Erkenntniß des Skepticismus selbst, scheint auch darum<lb n="23"/>nicht unverdienstlich, da die Begriffe, die sich gewöhnlich über ihn vorfinden, höchst<lb n="24"/>formell sind, und sein, wenn er wahrhaft ist, edles Wesen in einen allgemeinen<lb n="25"/>Schlupfwinkel und Ausrede von der Unphilosophie in den neuesten Zeiten verkehrt<lb n="26"/>zu werden pflegt.</p>
<p><lb n="27"/><hi rendition="#g">Von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">subjectiven</hi> <hi rendition="#g">Quelle</hi> des Schulzischen Skepticismus gibt uns die<lb n="28"/><hi rendition="#g">Einleitung</hi> eine Geschichte; sie enthält die Ausführung des Gedankens: wenn eine<lb n="29"/>Erkenntniß, die aus der Vernunft geschöpft werden soll, sich keinen allgemeinen und</p>
<pb n="198" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=205" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="2–4"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>dauerhaften Beyfall verschaffen könne, die Bearbeiter derselben in beständigem<lb n="2"/>Widerspruche mit einander stehen, und jeder neue Versuch, dieser Erkenntniß die<lb n="3"/>Festigkeit einer Wissenschaft zu ertheilen, mißlinge: so lasse sich hieraus mit ziem<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>licher Sicherheit abnehmen, daß der Aufsuchung einer solchen Erkenntniß ein un<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>erreichbarer Endzweck und eine allen Bearbeitern derselben gemeinschaftliche Täu<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schung zum Grunde liegen müsse; auch auf die Denkart des Hrn. Verf. über die<lb n="7"/>Philosophie – wie ein allgemeines Mißtrauen gegen die Hochpreisungen der Einsicht<lb n="8"/>und Weisheit der Vernunft Niemand zu verdenken sey, habe die Beobachtung des<lb n="9"/>Erfolgs, den das Streben so vieler durch ihre Talente und durch den bey der Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>suchung verborgener Wahrheiten bewiesenen Eifer ehrwürdiger Männer nach einer<lb n="11"/>wissenschaftlichen Philosophie von jeher hatte, einen starken Einfluß gehabt, und ihr<lb n="12"/>diejenige Richtung gegeben, aus welcher diese Kritik der theoretischen Philosophie<lb n="13"/>entstanden ist; jede Neigung, seine Kräfte auf die Bearbeitung eines dieser Systeme,<lb n="14"/>welches ihm eben die sicherste Hinweisung auf Wahrheit und Gewißheit zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>halten schien, zu verwenden, wurde immer wieder, sobald er zur Befriedigung der<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>selben Anstalt machte, <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">vorzüglich</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Erwägung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Schick</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">sals</hi> unterdrückt, welches alle speculative Beschäftigung mit den letzten Gründen<lb n="18"/>unserer Erkenntniß des Daseyns der Dinge betroffen hat; denn <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Zutrauen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">seinen</hi> <hi rendition="#g">Fähigkeiten</hi> <hi rendition="#g">sey</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">weit</hi> <hi rendition="#g">gegangen</hi>, daß er Hoffnung fassen<lb n="20"/>konnte, dasjenige wirklich zu erreichen, wornach so viele mit den größten Talenten<lb n="21"/>und mannichfaltigsten Einsichten versehene Männer vergeblich gestrebt hatten.</p>
<p><lb n="22"/>Das heißt recht dem Volke zum Munde und aus dem Munde des Volks gesprochen.<lb n="23"/>– Auf die politische Apragmosyne zur Zeit, wenn Unruhen im Staate ausbrächen,<lb n="24"/>hatte der atheniensische Gesetzgeber den Tod gesetzt; die philosophische Aprag<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>mosyne, für sich nicht Parthey zu ergreifen, sondern zum voraus entschlossen zu<lb n="26"/>seyn, sich dem, was vom Schicksal mit dem Siege und der Allgemeinheit gekrönt<lb n="27"/>würde, zu unterwerfen, ist für sich selbst mit dem Tode speculativer Vernunft<lb n="28"/>behaftet. Wenn ja die Erwägung des Schicksals ein Moment in der Achtung und<lb n="29"/>Ergreifung einer Philosophie werden könnte, so müßte nicht die Allgemeinheit,<lb n="30"/>sondern im Gegentheil die Nicht-Allgemeinheit ein Moment der Empfehlung seyn,<lb n="31"/>da es begreiflich ist, daß die ächtesten Philosophieen nicht die sind, welche allgemein<lb n="32"/>werden, und daß, wenn außerdem, daß schlechte Philosophieen eine Allgemeinheit<lb n="33"/>erhalten, auch ächtere dazu gelangen, die allgemein gewordene Seite derselben<lb n="34"/>gerade dasjenige ist, was nicht philosophisch ist; so daß auch an diesen Philosophieen,<lb n="35"/>die eines sogenannten glücklichern Schicksals genießen, welches aber in Wahrheit,<lb n="36"/>wenn von glücklichem oder unglücklichem Schicksal überhaupt hier die Rede seyn<lb n="37"/>kann, für ein Unglück zu erachten ist, das Nicht-Allgemeine aufgesucht werden</p>
<pb n="199" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=206" type="body"/>
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<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>müßte, um die Philosophie zu finden. – Wenn aber Hr. Sch. gesehen hat, daß der<lb n="2"/>Erfolg des Strebens so vieler durch Talente und Eifer ehrwürdiger Männer in der<lb n="3"/>Beschäftigung mit der Erforschung der letzten Gründe unserer Erkenntniß gleich<lb n="4"/>unglücklich gewesen ist, so kann dieß nur für eine höchst subjective Art zu sehen<lb n="5"/>gelten; Leibnitz z. B. drückt eine ganz andere Art zu sehen in der Stelle aus, die<lb n="6"/>Jacobi zu einem seiner Mottos machte: j’ai trouvé que la plûpart des sectes ont raison<lb n="7"/>dans une bonne partie de ce qu’elles avancent, mais non pas tant en ce qu’elles nient.<lb n="8"/>Die oberflächliche Ansicht der philosophischen Streitigkeiten läßt nur die Differenzen<lb n="9"/>der Systeme erblicken, aber schon die alte Regel: contra negantes principia non est dis<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>putandum, gibt zu erkennen, daß wenn philosophische Systeme mit einander streiten<lb n="11"/>– ein anderes ist es freilich, wenn Philosophie mit Unphilosophie streitet – Einigkeit<lb n="12"/>in den Principien vorhanden ist, welche über allen Erfolg und Schicksal erhaben, sich<lb n="13"/>nicht aus dem, worüber gestritten wird, erkennen lassen, und dem Gaffen entgehen,<lb n="14"/>welches immer das Gegentheil von dem erblickt, was vor seinen Augen vorgeht.<lb n="15"/>Mit den Principien oder der Vernunft ist es wohl allen jenen durch Talente und Eifer<lb n="16"/>ehrwürdigen Männern gelungen, und der Unterschied ist allein in die höhere oder<lb n="17"/>niedrigere Abstraction zu setzen, durch welche sich die Vernunft in Principien und<lb n="18"/>Systemen dargestellt hat. Das Mißlingen der speculativen Wahrheit nicht voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gesetzt, so fällt die Bescheidenheit und die Hoffnungslosigkeit weg, das zu erreichen,<lb n="20"/>was nur die oberflächliche Ansicht den ehrwürdigen Männern mißlungen zu seyn<lb n="21"/>sich beredet; oder aber jenes Mißlingen vorausgesetzt, so ist keine Frage, wenn<lb n="22"/>Bescheidenheit und Mißtrauen in die Fähigkeiten das andere Moment zu dem der<lb n="23"/>Erwägung des Erfolgs abgeben könnte, welche Bescheidenheit die größere sey, – sich<lb n="24"/>nicht die Hoffnung machen, dasjenige zu erreichen, wornach die Talent- und Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sichtsvollen Männer vergeblich gestrebt hatten, – oder aber, wie Hr. Schulz sagt, daß<lb n="26"/>ihm geschehen sey, auf die Vermuthung zu gerathen, daß irgend ein <hi rendition="#g">Erbfehler</hi> an<lb n="27"/>der Philosophie haften und sich von einer dogmatischen Beschäftigung mit derselben<lb n="28"/>(wir werden nachher sehen, daß Hr. Sch. nur skeptisches und dogmatisches Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sophiren kennt) auf die andere fortgepflanzt haben müßte; daß Hr. Sch. diesen Erb<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>fehler entdeckt zu haben sich zutraut, und was er davon entdeckt hat, in dem vor<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>liegenden Werke darlegt, beweist, daß er von dem Moment der Bescheidenheit in<lb n="32"/>der Philosophie, ob er schon davon spricht, eben so wenig hält, als davon, so wie von<lb n="33"/>dem Moment des Erfolgs, zu halten ist.</p>
<p><lb n="34"/>Die <hi rendition="#g">Entdeckung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Erbfehlers</hi> aller bisherigen speculativen Philosophie ist<lb n="35"/>also in diesem Werke verheißen; und durch diese Entdeckung, welche die <hi rendition="#g">bis</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">herige</hi> Philosophie angeht, sey, sagt Sch. 1. Th. S. 610. auch alle Hoffnung eines<lb n="37"/>Gelingens der Speculation <hi rendition="#g">abgeschnitten</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Zukunft</hi>, weil es thöricht<lb n="38"/>wäre, (ja wohl!) eine Veränderung der menschlichen Erkenntnißkräfte zu hoffen.<lb n="39"/>Welche glücklichere Entdeckung aber als diese eines Erbfehlers aller Speculation kann</p>
<pb n="200" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=207" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="6–8"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>dem philosophielustigen Volke dargebracht werden, welches entweder seine Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>fernung vom Speculiren, die ja keiner Rechtfertigung bedarf, doch immer mit dem<lb n="3"/>Streite der Philosophie rechtfertigt, und sich für geneigt ausgibt, einem System sich<lb n="4"/>zu ergeben, wenn nur einmal ein philosophisches Concilium oder Colloquium über<lb n="5"/>eine allgemeingültige Philosophie übereinkäme, – oder welches selbst allen philo<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>sophischen Systemen, (und darunter rechnet es jeden Gedankenpilz) nachläuft, aber<lb n="7"/>dessen intellectuelle Chemie so unglücklich organisirt ist, nur zu dem Zusatze, der<lb n="8"/>dem edlern Metalle einer Münze beygemischt ist, eine Verwandtschaft zu haben, und<lb n="9"/>mit diesem allein sich niederzuschlagen, das immer wieder inne wird, daß es nur<lb n="10"/>geäfft worden ist, und sich endlich in der Verzweiflung in das moralische wirft, doch<lb n="11"/>noch mit Besorgnissen von der speculativen Seite her – welche glücklichere Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>deckung kann für diese beyden Theile gemacht werden, als daß es der speculativen<lb n="13"/>Philosophie in ihrem innersten Wesen selbst fehle; dem ersten wird der Beweis<lb n="14"/>gegeben, der klügste gewesen zu seyn, da er auf speculative Philosophie nichts hielt;<lb n="15"/>der letztere wird dafür, daß er immer geäfft worden ist, dadurch getröstet, daß die<lb n="16"/>Schuld von ihm ab und auf die Philosophie gewälzt wird, und seine Besorgnisse von<lb n="17"/>der speculativen Philosophie ihm genommen. Es ist daher kein Wunder, wenn<lb n="18"/>dieser Skepticismus, wo nicht allgemeinen, doch ausgebreiteten Beifall sich verschafft,<lb n="19"/>und wenn besonders über die vorliegende ponderose Bearbeitung desselben eine<lb n="20"/>solche Freude entsteht, von der unser Notizenblatt ein Beyspiel enthält.</p>
<p><lb n="21"/>Hr. Schulz schließt aus seiner skeptischen Bearbeitung der Philosophie den prak<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tischen und ästhetischen Theil aus, und beschränkt sie auf die theoretische Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sophie. – Nach allem zu urtheilen scheint es, daß Hr. Schulz die theoretische Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sophie allein für speculative Philosophie, die übrigen Theile derselben aber man weiß<lb n="25"/>nicht für was hält; oder vielmehr man erblickt nirgend eine Spur von der Idee einer<lb n="26"/>speculativen Philosophie, welche weder besonders theoretische noch praktische noch<lb n="27"/>ästhetische ist. Zu jener Eintheilung der Philosophie gelangt übrigens Hr. Schulz<lb n="28"/>durch die empirische Psychologie, ungeachtet er dieselbe selbst aus der Philosophie<lb n="29"/>ausschließt, aber sie sonderbar genug doch als Quelle einer Eintheilung der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sophie gebraucht; an den Thatsachen des Bewußtseyns nemlich sollen wichtige<lb n="31"/>Unterschiede vorkommen, sie seyen entweder Erkenntnisse von Objecten, oder<lb n="32"/>Aeußerungen des Willens, oder Gefühle der Lust und Unlust, zu welchen auch die<lb n="33"/>Gefühle des Schönen und Erhabenen gehören; sie können, soweit unsere Einsicht<lb n="34"/>derselben reicht, nicht auf eine einzige Klasse zurückgeführt, oder aus einer ein<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zigen Quelle abgeleitet werden, (Worte die wir wörtlich bey Kant, Krit. der Urth.<lb n="36"/>Einl. S. XXII. lesen,) sondern sind durch bleibende Merkmahle wesentlich von ein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>ander verschieden, und geben die oben genannten drey Theile der Philosophie. –<lb n="38"/>Schon hierin weicht Hr. Schulz wesentlich von Sextus Empirikus ab, der in seiner<lb n="39"/>Kritik der einzelnen Theile der Philosophie und der Wissenschaften nicht selbst die</p>
<pb n="201" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=208" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="8–9"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Eintheilung macht, sondern sie nimmt, wie er sie findet, und sie skeptisch angreift.</p>
<p><lb n="2"/>Vor allen Dingen haben wir zu sehen, wie der Hr. Sch. diese <hi rendition="#g">theoretische</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">Philosophie</hi> begreift, und wie eigentlich der Feind beschaffen ist, den er zu Boden<lb n="4"/>schlägt. Im ersten Abschnitt werden auf eine höchst methodische, mehrere Seiten<lb n="5"/>durchgehende Weise die wesentlichen Merkmahle der theoretischen Philosophie auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gesucht, und folgende Definition herausgebracht: die theoretische Philosophie ist die<lb n="7"/>Wissenschaft <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">obersten</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">unbedingtesten</hi> <hi rendition="#g">Ursachen</hi> <hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">Bedingten</hi>,<lb n="8"/><hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">sonst</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> haben. – Diese sonstige Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wißheit von dem Bedingten ohne Philosophie werden wir nachher kennen lernen.<lb n="10"/>Die obersten und unbedingten Ursachen selbst aber, oder besser das Vernünftige<lb n="11"/>begreift Hr. Schulz auch wieder als <hi rendition="#g">Dinge</hi>, die über unser Bewußtseyn hinausliegen,<lb n="12"/>etwas existirendes, dem Bewußtseyn schlechthin entgegengesetztes; von der ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nünftigen Erkenntniß kommt nie eine andere als die zum Eckel wiederhohlte Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stellung vor, daß durch dieselbe eine Erkenntniß von Sachen erworben werden solle,<lb n="15"/>welche <hi rendition="#g">hinter</hi> den Schattenrissen von Dingen, die uns die natürliche Erkenntnißart<lb n="16"/>der Menschen vorhält, verborgen liegen sollen; durch Hülfe abstracter Grundsätze<lb n="17"/>und <hi rendition="#g">Begriffe</hi> soll das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> <hi rendition="#g">ausfindig</hi> gemacht; es soll <hi rendition="#g">ausgekundschaftet</hi><lb n="18"/>werden, was die Dinge, in ihrer wahren und verborgenen <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ge<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nommen, seyn sollen; das Werkzeug, dessen sich die Philosophie zu ihrer Auskund<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schaftung der Dinge bediene, seyen <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, abstracte Grundsätze, Folgerungen<lb n="21"/>aus Begriffen, und die Brücke zu jenen <hi rendition="#g">verborgenen</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> wieder aus nichts<lb n="22"/>als aus <hi rendition="#g">Begriffen</hi> erbaut. – Es ist nicht möglich, das Vernünftige und die Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lation auf eine rohere Weise aufzufassen; die speculative Philosophie wird beständig<lb n="24"/>so vorgestellt, als ob vor ihr unüberwindlich die gemeine Erfahrung in der unverrück<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>baren Form ihrer gemeinen Wirklichkeit ausgebreitet als ihr eiserner Horizont vor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>liege, und sie hinter diesem die <hi rendition="#g">Dinge</hi> an sich ihres Horizonts, als Gebirge von einer<lb n="27"/>eben so gemeinen Wirklichkeit, die jene andere Wirklichkeit auf ihren Schultern<lb n="28"/>trage, vermuthe und aufsuchen wolle; das Vernünftige, das An sich kann sich<lb n="29"/>Hr. Sch. gar nicht anders vorstellen, als wie einen Felsen unter Schnee; dem Katho<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>liken wandelt sich die Hostie in ein göttlich-lebendiges; hier geschieht nicht, was der<lb n="31"/>Teufel von Christus begehrte, Stein in Brod zu wandeln, sondern das lebendige Brod<lb n="32"/>der Vernunft verwandelt sich ewig in Stein.</p>
<p><lb n="33"/>Dieser speculativen Philosophie, die eine Erkenntniß von Dingen versucht, welche<lb n="34"/><hi rendition="#g">ausser</hi> unserem Bewußtseyn <hi rendition="#g">existiren</hi> sollen, steht die positive Seite dieses Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>cismus entgegen; denn er hat nicht bloß die negative Seite, die sich damit beschäftigt,<lb n="36"/>die Hirngespinnste der Dogmatiker, und ihre Versuche, von der <hi rendition="#g">Existenz</hi> <hi rendition="#g">hyper</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">physischer</hi> Dinge Erkenntnisse zu erlangen, zu zerstören.</p>
<pb n="202" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=209" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="9–11"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">positive</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> dieses Skepticismus besteht nemlich darinn, daß er im all<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gemeinen als eine <hi rendition="#g">Philosophie</hi> beschrieben wird, die <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußt</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> gehe; und zwar hat (S. 51.) die Existenz desjenigen, was im Umfange unseres<lb n="4"/>Bewußtseyns gegeben ist, <hi rendition="#g">unläugbare</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi>; denn da es im Bewußtseyn<lb n="5"/>gegenwärtig ist, so können wir die Gewißheit desselben eben so wenig bezweifeln,<lb n="6"/>als das Bewußtseyn selbst; das Bewußtseyn aber bezweifeln zu wollen, ist absolut<lb n="7"/>unmöglich, weil ein solcher Zweifel, da er ohne Bewußtseyn nicht statt finden kann,<lb n="8"/>sich selbst vernichten, mithin Nichts seyn würde; was in und mit dem Bewußtseyn<lb n="9"/>gegeben ist, nennt man eine <hi rendition="#g">Thatsache</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>; und folglich sind die<lb n="10"/>Thatsachen des Bewußtseyns das unläugbare Wirkliche, worauf sich alle philosophi<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sche Speculationen beziehen müssen, und was durch diese Speculationen zu erklären<lb n="12"/>oder begreiflich zu machen ist.</p>
<p><lb n="13"/>An diese Philosophie, welche die unläugbare Gewißheit in die Thatsachen des<lb n="14"/>Bewußtseyns setzt, und genau wie der allergemeinste Kantianismus alle Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>erkenntniß (S. 21.) auf die formale Einheit, welche in jene Thatsachen zu bringen ist,<lb n="16"/>einschränkt, kann die Frage nicht gemacht werden, wie sie denn es begreife, daß der<lb n="17"/>Mensch mit dieser unläugbaren Gewißheit, die er in dem ewigen stieren Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nehmen der Objecte findet, sich nicht befriedige, wie sie denn auch jenes Ordnen der<lb n="19"/>Wahrnehmungen aus diesem Wahrnehmen begreifen wolle? Wie der Mensch über<lb n="20"/>die Bestialität einer solchen Existenz, welche, um mit Hrn. Sch. zu reden, in dem<lb n="21"/>Wahrnehmen des realen Seyns der Dinge besteht, hinausgehe, und zu einem Gedan<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>ken von dem komme, was Hr. Sch. Metaphysik nennt, von einer <hi rendition="#g">Ergründung</hi><lb n="23"/>jenes realen Seyns, oder einer Ableitung dieses realen Seyns und alles dessen, was<lb n="24"/>dazu gehört aus einem <hi rendition="#g">Urgrunde</hi>, um es begreiflich zu machen? – Diese Thatsachen-<lb n="25" break="no"/>Philosophie hat keine andere, als die stumpfe Antwort: daß jenes Streben nach einer<lb n="26"/>Erkenntniß, die über das reale, ganz gewisse Seyn der Dinge hinausliegt, also sie für<lb n="27"/>ungewiß erkennt, – auch eine Thatsache des Bewußtseyns sey; Hr. Sch. sagt dies<lb n="28"/>(1. Th. S. 21.) so: vermöge einer ursprünglichen <hi rendition="#g">Einrichtung</hi> unseres Gemüths<lb n="29"/>haben wir nemlich ein Verlangen, zu allem, was nach <hi rendition="#g">unserer</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> <hi rendition="#g">nur</hi><lb n="30"/>bedingter Weise existirt, den letzten und unbedingten Grund aufzusuchen. Wenn<lb n="31"/>aber jede Thatsache des Bewußtseyns unmittelbare Gewißheit hat, so ist eine Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sicht, daß etwas nur bedingterweise existire, unmöglich; denn bedingterweise exi<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stiren, und für sich nichts gewisses seyn, ist gleichbedeutend. – Eben so drückt sich<lb n="34"/>der Verf. S. 72. aus, wenn er von jenem bestialischen Anstieren der Welt und seiner<lb n="35"/>unläugbaren Gewißheit den Uebergang zum Problem der theoretischen Philosophie<lb n="36"/>macht: obgleich <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> nach den Aussprüchen des Bewußtseyns<lb n="37"/><hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">gewiß</hi> ist, so befriedigt dies doch keineswegs die Vernunft, (hier werden</p>
<pb n="203" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=210" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>wir lernen, worin sie besteht,) weil es sich bey <hi rendition="#g">existirenden</hi> Dingen, die wir<lb n="2"/>kennen, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">versteht</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>,<lb n="3"/><hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>. – Was hat es denn aber nun für eine Bewandniß mit jener unläug<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>baren Gewißheit der Thatsache im unmittelbaren Erkenntniß des Seyns der Dinge;<lb n="5"/>bey der Wirklichkeit, S. 57. die wir den angeschauten Sachen beylegen, finden<lb n="6"/>schlechterdings keine Grade statt, so daß eine Sache mehr von der Wirklichkeit<lb n="7"/>besäße, als die andere. S. 62: Das anschauende Subject erkennt die Gegenstände und<lb n="8"/>deren Existenz unmittelbar schlechthin und als etwas, das auf eine eben so voll<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>kommene Art unabhängig von den Wirkungen der Vorstellungskraft für sich<lb n="10"/>besteht und ist, als wie das erkennende Subject für sich besteht und ist. – Wie soll es<lb n="11"/>bey dieser absoluten Gewißheit, daß und wie die Dinge existiren, zugleich <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> verstehen, daß sie <hi rendition="#g">sind</hi>, und daß <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, <hi rendition="#g">was</hi> sie sind;<lb n="13"/>es wird zugleich eine Erkenntniß, nach welcher die Existenz und Beschaffenheit der<lb n="14"/>Dinge sich von selbst versteht, und eine andere behauptet, nach welcher sich diese<lb n="15"/>Existenz und Beschaffenheit gar nicht von selbst versteht. Es läßt sich kein voll<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ständigerer Widerspruch zwischen dem vorhergehenden und zwischen dieser Art<lb n="17"/>das Suchen einer vernünftigen Erkenntniß begreiflich zu machen, und kein schieferer<lb n="18"/>und gezwickterer Uebergang zur Metaphysik ersinnen.</p>
<p><lb n="19"/>Nachdem wir die positive Seite dieses Skepticismus beleuchtet haben, gehen wir<lb n="20"/>zu seiner <hi rendition="#g">negativen</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> über, welcher der ganze dritte Theil des ersten Bandes<lb n="21"/>gewidmet ist. Hr. Schulz fühlt es selbst, daß ein Skepticismus, der den Thatsachen<lb n="22"/>des Bewußtseyns eine unläugbare Gewißheit zuschreibt, wenig mit dem Begriff von<lb n="23"/>Skepticismus, den uns die alten Skeptiker geben, übereinstimmt; wir haben zuerst<lb n="24"/>des Hrn. Sch. eigene Meynung über diese Differenz zu vernehmen. Er erklärt sich<lb n="25"/>darüber in der Einleitung und dem ersten Abschn. des 3. Th. Fürs erste erinnert er,<lb n="26"/>daß es ja oftmals der Fall gewesen sey, daß derjenige, der zuerst einen Gedanken auf<lb n="27"/>dem Wege der Wahrheit gefunden hat, von dem Inhalte, den Gründen und den<lb n="28"/>Folgen desselben <hi rendition="#g">weit</hi> <hi rendition="#g">weniger</hi> <hi rendition="#g">verstand</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">andere</hi>, die nach ihm dem Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sprung und der Bedeutung desselben mit Sorgfalt nachforschten; bisher sey die<lb n="30"/>wahre Absicht des Skepticismus mehrentheils verkannt worden u.s.w. Der <hi rendition="#g">Skepti</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">cismus</hi>, den Hr. Sch. für den <hi rendition="#g">wahren</hi> und einen vollendetern ansieht, als den der<lb n="32"/>Alten, <hi rendition="#g">beziehe</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nemlich auf die der Philosophie <hi rendition="#g">eigenthümlichen</hi> Urtheile,<lb n="33"/>d. i. welche, wie Hr. Sch. die Endabsicht dieser Wissenschaft ausdrückt, die absoluten<lb n="34"/>oder doch übersinnlichen, d. h. außer der Sphäre des Bewußtseyns vorhandenen<lb n="35"/>Gründe des nach den Zeugnissen unsers Bewußtseyns bedingter Weise vorhandenen<lb n="36"/>Etwas bestimmen. Die nur <hi rendition="#g">zur</hi> Philosophie aber gehörigen Urtheile seyen kein<lb n="37"/>Object dieses Skepticismus; sie drücken nemlich entweder sogenannte Thatsachen</p>
<pb n="204" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=211" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>des Bewußtseyns aus, oder gründen sich auf das analytische Denken; ihre Wahrheit<lb n="2"/>könne daher auch nach dem Skepticismus ergründet und eingesehen werden; hin<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gegen behaupte er gegen die theoretische Philosophie, daß sich von den außer dem<lb n="4"/>Umfange unseres Bewußtseyns vorhandenen oder wie der Verf. auch sagt, in ihm<lb n="5"/><hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi> nach nicht gegebenen Gründen des Seyns der Dinge oder von den<lb n="6"/>Dingen, die außer den existirenden Dingen existiren, gar nichts <hi rendition="#g">wissen</hi> lasse. Hr.<lb n="7"/>Sch. läßt selbst die Einwendung gegen diesen Begriff des Skepticismus machen, daß<lb n="8"/>nach demselben <hi rendition="#g">nichts</hi> von dem, was <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> <hi rendition="#g">lehrt</hi>, und insbesondere<lb n="9"/><hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Inbegriff</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">äußern</hi> <hi rendition="#g">Empfindungen</hi>, <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">allen</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">schaften</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> (weil sonst keine es mit der Erkenntniß von<lb n="11"/>Dingen außer dem Umfang des Bewußtseyns zu thun habe) ein <hi rendition="#g">Object</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">skep</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">tischen</hi> Zweifel seyn könne; die alte Skepsis hingegen auf beydes, und die älteste<lb n="13"/>wenigstens auf jenes sich ausgedehnt habe. Hr. Sch. führt hierüber vorzüglich an,<lb n="14"/>daß der Anfang und Fortgang des Skepticismus immer nach den Anmaßungen der<lb n="15"/>Dogmatiker sich bestimmt habe; die alten Skeptiker gestehen, daß es eine Erkenntniß<lb n="16"/>durch die Sinne, und eine Ueberzeugung durch dieselbe vom Daseyn und gewissen<lb n="17"/>Eigenschaften für sich bestehender Dinge gebe, nach welcher sich jeder vernünftige<lb n="18"/>Mensch <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">thätigen</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi> zu richten habe. – Hierin, daß eine solche Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>zeugung bloß auf das thätige Leben gerichtet war, liegt unmittelbar, daß sie mit der<lb n="20"/>Philosophie nichts zu thun hatte, daß sie und das beschränkte mit Thatsachen an<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gefüllte Bewußtseyn, als Princip einer unläugbaren Gewißheit, überhaupt der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nunft und der Philosophie nicht gegenüber, am wenigsten gegen sie pochend, gestellt,<lb n="23"/>sondern nur der so schmal als möglich eingerichtete Tribut war, welcher der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wendigkeit eines objectiven Bestimmens gezollt wurde; wir würden, sagen die Skep<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tiker, <hi rendition="#g">nicht</hi> dies wählen, oder jenes vermeiden, wenn es Dinge betrifft, die in unserer<lb n="26"/>Macht stehen, aber diejenigen, welche nicht in unserer Macht, sondern nach der<lb n="27"/>Nothwendigkeit sind, können wir nicht vermeiden, wie hungern, dursten, frieren;<lb n="28"/>denn diese lassen sich nicht durch Vernunft aus dem Wege räumen. Das Bewußtseyn<lb n="29"/>aber, das mit diesen nothwendigen Bedürfnissen zusammenhängt, war der alte<lb n="30"/>Skeptiker weit entfernt, zu dem Rang eines Wissens, das eine objective Behauptung<lb n="31"/>ist, zu erheben; auf das Erscheinende achtend, leben wir, sagt Sextus, weil wir nicht<lb n="32"/>gänzlich unthätig seyn können, nach dem gemeinen Lebensverstand, ohne damit<lb n="33"/>irgend eine Meynung oder Behauptung zu machen. Von einer Ueberzeugung von<lb n="34"/><hi rendition="#g">Dingen</hi> aber, und deren Eigenschaften ist in diesem Skepticismus nicht die Rede;<lb n="35"/>das Kriterium des Skepticismus, drückt sich Sextus aus, ist das erscheinende<lb n="36"/>(φαινομενον), worunter wir in der That seine Erscheinung (φαντασιαν αὐτου), also<lb n="37"/>das subjective, verstehen; denn da sie in der Ueberzeugung (πεισει aber nicht von<lb n="38"/>einem <hi rendition="#g">Dinge</hi>) und einem unwillkührlichen Afficirtseyn liegt, so findet keine Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>suchung statt; sie ist ἀζητητος (der deutsche Ausdruck: Zweifel, vom Skepticismus</p>
<pb n="205" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=212" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–16"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>gebraucht, ist immer schief und unpassend.) Daß aber die Skeptiker alle Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nehmung, statt ihr unläugbare Gewißheit zuzuschreiben, für bloßen Schein erklärten,<lb n="3"/>und behaupteten, man müsse eben so gut das Gegentheil von dem aussagen, was man<lb n="4"/>vom Object seinem Schein ausgesprochen habe, eben so gut sagen, der Honig sey<lb n="5"/>bitter, als süß – daß, wie Hr. Sch. selbst anführt, die zehen ersten, und eigentlichen<lb n="6"/>Wendungen der Skeptiker allein diese Unsicherheit der sinnlichen Wahrnehmung<lb n="7"/>betrafen, davon gibt Hr. Sch. den Grund, daß die Empfindungen schon in den<lb n="8"/>frühesten Zeiten der speculativen Philosophie für eine <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, der aber<lb n="9"/>etwas ganz verschiedenes zum Grunde liege, von den Dogmatikern ausgegeben, und<lb n="10"/>der Erscheinung selbst eine Uebereinstimmung mit dem, was <hi rendition="#g">hinter</hi> ihr als<lb n="11"/><hi rendition="#g">eigentliche</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">befindlich</hi> seyn soll, beygelegt, ja die Erkenntniß durch<lb n="12"/>Empfindungen sogar vielmals als eine Wissenschaft des <hi rendition="#g">hinter</hi> der Empfindung<lb n="13"/><hi rendition="#g">verborgen</hi> <hi rendition="#g">liegenden</hi> <hi rendition="#g">Objects</hi> von ihnen behauptet worden sey. Aus <hi rendition="#g">diesem</hi><lb n="14"/>Grunde haben die Skeptiker diese Lehren der Dogmatiker von der Gewißheit der<lb n="15"/>sinnlichen Erkenntniß angegriffen und geläugnet, daß vermittelst des Objects in der<lb n="16"/>Empfindung sich von dem mit Zuverlässigkeit etwas erkennen lasse, was <hi rendition="#g">hinter</hi><lb n="17"/>diesem Objecte als wahre und eigentliche für sich bestehende <hi rendition="#g">Sache</hi> befindlich seyn<lb n="18"/>soll. – Es drückt sich hier in Rücksicht auf die alten Philosophen ganz dieselbe<lb n="19"/>krasseste Vorstellung ab, die Hr. Sch. von der Vernunfterkenntniß hat; die Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>legung aber, als wenn der Skepticismus nicht die sinnlichen Wahrnehmungen selbst,<lb n="21"/>sondern nur die hinter und unter dieselben von den Dogmatikern gelegten Sachen<lb n="22"/>angegriffen habe, ist durchaus ungegründet; wenn der Skeptiker sagte: der Honig sey<lb n="23"/>eben sowohl bitter als süß, und so wenig bitter als süß, so war da kein hinter den<lb n="24"/>Honig gelegtes Ding gemeynt. – Daß für die Skeptiker Griechenlands auch <hi rendition="#g">die</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">Lehrsätze</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">Doctrinen</hi>, die auf Gültigkeit für jeden menschlichen Verstand<lb n="26"/>Ansprüche machen, ein Gegenstand des Zweifels waren, zeuge von einer Unbekannt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schaft derselben mit den wahren Gründen ihrer Zweifel; und <hi rendition="#g">übrigens</hi> seyen da<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>mals noch nicht wie <hi rendition="#g">heut</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">Tage</hi> die besondern Quellen der Erkenntnisse jeder<lb n="29"/>Wissenschaft und die Grade der in ihr möglichen Ueberzeugung untersucht gewesen;<lb n="30"/>viele Doctrinen, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">jetzt</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">vernünftigen</hi> <hi rendition="#g">Zweifelsucht</hi> <hi rendition="#g">Trotz</hi> <hi rendition="#g">bieten</hi>,<lb n="31"/><hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">z.</hi> <hi rendition="#g">B.</hi> <hi rendition="#g">Physik</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Astronomie</hi>, seyen damals nur noch ein Inbegriff un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>erweislicher Meynungen und grundloser Hypothesen gewesen. – Dieser Zug voll<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>endet den Charakter dieses neuen Skepticismus und seinen Unterschied von dem<lb n="34"/>alten; außer den Thatsachen des Bewußtseyns wären also auch noch die Physik und<lb n="35"/>Astronomie neuerer Zeiten die Wissenschaften, die allem vernünftigen Skepticismus<lb n="36"/>Trotz böten; Doctrinen, welche, das rein mathematische derselben, was nicht zu</p>
<pb n="206" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=213" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="16–18"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>ihrer Eigenthümlichkeit gehört, weggenommen, aus einer Erzählung von sinnlichen<lb n="2"/>Wahrnehmungen und einer Amalgamation derselben mit den Verstandesbegriffen,<lb n="3"/>von Kräften, Materien, u.s.w. in einem durchaus Objectivität behauptenden und<lb n="4"/>doch rein formalen Wissen bestehen, dessen einer Theil, die Erzählung von Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>nehmungen, mit einem wissenschaftlichen Wissen gar nichts zu thun hat, und darum<lb n="6"/>allerdings auch außerhalb des Skepticismus fällt, insofern in dem Aussprechen der<lb n="7"/>Wahrnehmung nichts als ihre Subjectivität ausgedrückt seyn soll; – dessen anderer<lb n="8"/>Theil aber der höchste Gipfel eines dogmatisirenden Verstandes ist. Was hätten die<lb n="9"/>alten Skeptiker zu einem solchen Bastard von Skepticismus gesagt, der sich auch noch<lb n="10"/>mit dem grellen Dogmatismus dieser Wissenschaften vertragen kann?</p>
<p><lb n="11"/>Hr. Sch. kommt endlich mit der Unsicherheit und Unvollständigkeit der Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>richten von dem alten Skepticismus. – Allerdings fehlen uns bestimmtere Nach<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>richten von Pyrrho, Aenesidemus und andern berühmten ältern Skeptikern; allein<lb n="14"/>theils aus dem ganzen Wesen dieses Skepticismus geht hervor, daß die polemische<lb n="15"/>Seite gegen philosophische Systeme, die der Skepticismus des Aenesidemus, Metro<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dorus und späterer hatte, dem Skepticismus des Pyrrho fehlte, dem die zehen ersten<lb n="17"/>Tropen angehören; theils daß in den Tropen des Sextus Empiricus uns das allgemeine<lb n="18"/>Wesen dieses Skepticismus sehr treu aufbewahrt ist, so daß jede sonstige Ausführung<lb n="19"/>des Skepticismus nichts seyn könnte, als die in der Anwendung vorkommende<lb n="20"/>Wiederhohlung einer und eben derselben allgemeinen Weisen.</p>
<p><lb n="21"/>Ueberhaupt aber verschwinden die Begriffe von Skepticismus, die ihn <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">in</hi><lb n="22"/>dieser besondern Form, in der er als reiner bloßer Skepticismus auftritt, erblicken<lb n="23"/>lassen, vor dem Standpunkt einer Philosophie, von welchem aus als ächter Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>cismus er sich auch <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">denjenigen</hi> <hi rendition="#g">philosophischen</hi> <hi rendition="#g">Systemen</hi> selbst, welche<lb n="25"/>Hr. Sch. und andere mit ihm nur für dogmatische ansehn können, <hi rendition="#g">finden</hi> läßt.<lb n="26"/>Ohne die Bestimmung des wahren Verhältnisses des Skepticismus zur Philosophie,<lb n="27"/>und ohne die Einsicht, daß mit jeder wahren Philosophie der Skepticismus selbst aufs<lb n="28"/>innigste Eins ist, und daß es also eine Philosophie gibt, die weder Skepticismus noch<lb n="29"/>Dogmatismus, und also beydes zugleich ist, können alle die Geschichten und Er<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>zählungen und neue Auflagen des Skepticismus zu nichts führen. Das Wesentliche<lb n="31"/>zur Erkenntniß des Skepticismus, dieses Verhältniß desselben zur Philosophie, nicht<lb n="32"/>zu einem Dogmatismus, die Anerkennung einer Philosophie, die nicht ein Dogmatis<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>mus ist, überhaupt also der Begriff einer Philosophie selbst, ist es, was Hrn. Sch.<lb n="34"/>entgangen ist; und wenn Hr. Sch. aus den Philosophieen, die er skeptisch vornimmt,<lb n="35"/>die Idee der Philosophie nicht herauskriegen konnte, so mußte ihn schon das Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>schichtliche des alten Skepticismus wenigstens auf den Gedanken von der Möglichkeit</p>
<pb n="207" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=214" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="18–20"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>führen, daß Philosophie etwas anderes sey, als Dogmatismus, den er allein kennt.<lb n="2"/>Führt doch selbst Diogenes Laert. auf seine Weise an, daß einige als Urheber des<lb n="3"/>Skepticismus den Homer nennen, weil er von denselben Dingen in andern Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>nissen anders spreche; so seyen auch viele Sprüche der sieben Weisen skeptisch, wie:<lb n="5"/>Nichts zu viel, und: Verpflichtung, zur Seite das Verderben, (d. h. jede Verbindung<lb n="6"/>mit einem Beschränkten hat ihren Untergang in sich); aber noch mehr führt Diogenes<lb n="7"/>den Archilochus, Euripides, Zeno, Xenophanes, Democrit, <hi rendition="#g">Plato</hi>, u.s.w. als Skep<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tiker an; kurz diejenigen, denen Diogenes nachspricht, hatten die Einsicht, daß eine<lb n="9"/>wahre Philosophie nothwendig selbst zugleich eine negative Seite hat, welche gegen<lb n="10"/>alles Beschränkte, und damit gegen den Haufen der Thatsachen des Bewußtseyns,<lb n="11"/>und deren unläugbare Gewißheit, so wie gegen die bornirten Begriffe, welche in jenen<lb n="12"/>herrlichen Doctrinen vorkommen, die Hr. Sch. dem vernünftigen Skepticismus für<lb n="13"/>unzugänglich hält, gegen diesen ganzen Boden der Endlichkeit, auf dem dieser<lb n="14"/>neuere Skepticismus sein Wesen und seine Wahrheit hat, gekehrt, und unendlich<lb n="15"/>skeptischer ist, als dieser Skepticismus. Welches vollendetere und für sich stehende<lb n="16"/>Dokument und System des ächten Skepticismus könnten wir finden, als in der<lb n="17"/>Platonischen Philosophie den Parmenides? welcher das ganze Gebiet jenes Wissens<lb n="18"/>durch Verstandesbegriffe umfaßt und zerstört. Dieser platonische Skepticismus geht<lb n="19"/>nicht auf ein <hi rendition="#g">Zweifeln</hi> an diesen Wahrheiten des Verstandes, der die Dinge als<lb n="20"/>mannichfaltig, als Ganze, die aus Theilen bestehen, ein Entstehen und Vergehen, eine<lb n="21"/>Vielheit, Aehnlichkeit u.s.w. erkennt, und dergleichen objective Behauptungen<lb n="22"/>macht, sondern auf ein gänzliches Negiren aller Wahrheit eines solchen Erkennens.<lb n="23"/>Dieser Skepticismus macht nicht ein besonderes Ding von einem System aus, sondern<lb n="24"/>er ist selbst die negative Seite der Erkenntniß des Absoluten, und setzt unmittelbar die<lb n="25"/>Vernunft als die positive Seite voraus. Ungeachtet daher der Platonische Parmenides<lb n="26"/>nur auf der negativen Seite erscheint, erkennt z. B. Ficinus deswegen es sehr wohl,<lb n="27"/>daß wer an das heilige Studium desselben gehe, durch Reinheit des Gemüths, und<lb n="28"/>Freyheit des Geistes sich vorher vorbereiten müsse, ehe er es wage, die Geheimnisse<lb n="29"/>des heiligen Werks zu berühren. Tidemann aber sieht wegen dieser Aeußerung des<lb n="30"/>Ficinus an ihm nichts als einen Mann, der im Kothe der Neuplatoniker klebe, und<lb n="31"/>am platonischen Werke nichts als einen Haufen und eine Wolke ziemlich dunkler<lb n="32"/>und für die Zeiten eines Parmenides und Plato ziemlich scharfsinniger, einen neuen<lb n="33"/>Metaphysiker aber anekelnder Sophismen – ein Fehler, der daher rühre, daß von<lb n="34"/>genauen Philosophen die metaphysischen Ausdrücke noch nicht recht bestimmt<lb n="35"/>gewesen seyen; wer in metaphysischen Dingen etwas geübter sey, finde, daß Begriffe,</p>
<pb n="208" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=215" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="20–22"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>die um den ganzen Himmel von einander verschieden seyen, verwechselt werden; –<lb n="2"/>nemlich jene sonst scharfsinnigen Leute, Plato und Parmenides, waren noch nicht<lb n="3"/>bis zu der Philosophie gedrungen, welche die Wahrheit in den Thatsachen des<lb n="4"/>Bewußtseyns, und überall, nur in der Vernunft nicht findet, noch zu der Klarheit der<lb n="5"/>Begriffe, wie sie der Verstand und ein bloß endliches Denken in den neuern Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schaften der Physik u.s.w. festsetzt, und aus der Erfahrung zu hohlen meynt.</p>
<p><lb n="7"/>Dieser Skepticismus, der in seiner reinen <hi rendition="#g">expliciten</hi> Gestalt im Parmenides auf<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tritt, ist aber in jedem ächten philosophischen Systeme implicite zu finden; denn er<lb n="9"/>ist die freye Seite einer jeden Philosophie; wenn in irgend einem Satze, der eine<lb n="10"/>Vernunfterkenntniß ausdrückt, das Reflectirte desselben, die Begriffe, die in ihm<lb n="11"/>enthalten sind, isolirt, und die Art, wie sie verbunden sind, betrachtet wird, so muß<lb n="12"/>es sich zeigen, daß diese Begriffe zugleich aufgehoben, oder auf eine solche Art ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>einigt sind, daß sie sich widersprechen, sonst wäre es kein vernünftiger, sondern ein<lb n="14"/>verständiger Satz. Spinoza beginnt seine Ethik mit der Erklärung: unter Ursache<lb n="15"/>seiner selbst verstehe ich, dessen Wesen Daseyn in sich schließt; oder dasjenige,<lb n="16"/>dessen Natur nur als existirend begriffen werden kann. – Nun ist aber <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi><lb n="17"/>des Wesens oder der Natur nur setzbar, indem von der Existenz abstrahirt wird; eins<lb n="18"/>schließt das andere aus; eins ist nur bestimmbar, so wie eine Entgegensetzung gegen<lb n="19"/>das andere ist; werden beyde verbunden als Eins gesetzt, so enthält ihre Verbindung<lb n="20"/>einen Widerspruch, und beyde sind zugleich negirt. Oder wenn ein anderer Satz des<lb n="21"/>Spinoza so lautet: Gott ist die immanente, nicht die vorübergehende Ursache der<lb n="22"/>Welt, so hat er, indem er die Ursache immanent, also die Ursache Eins mit der<lb n="23"/>Wirkung setzt, – weil die Ursache nur Ursache ist, insofern sie der Wirkung ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gegengesetzt wird, den Begriff von Ursache und Wirkung negirt; eben so herrschend<lb n="25"/>ist die Antinomie des Eins und Vielen; die Einheit wird mit dem Vielen, die Substanz<lb n="26"/>mit ihren Attributen identisch gesetzt. Indem jeder solcher Vernunftsatz sich in zwey<lb n="27"/>sich schlechthin widerstreitende auflösen läßt, z. B. Gott ist Ursache und Gott ist<lb n="28"/>nicht Ursache; er ist Eins, und nicht Eins, Vieles und nicht Vieles; er hat ein Wesen,<lb n="29"/>das, weil Wesen nur in Gegensatz der Form begreifbar ist, und die Form identisch<lb n="30"/>gesetzt werden muß mit dem Wesen, selbst wieder hinweg fällt u.s.w.: so tritt das<lb n="31"/>Princip des Skepticismus: παντι λογῳ λογος ἰσος ἀντικειται, in seiner ganzen<lb n="32"/>Stärke auf. Der sogenannte Satz des Widerspruchs ist daher so wenig auch nur von<lb n="33"/>formeller Wahrheit für die Vernunft, daß im Gegentheil jeder Vernunftsatz in Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sicht auf die Begriffe einen Verstoß gegen denselben enthalten muß; ein Satz ist<lb n="35"/><hi rendition="#g">bloß</hi> formell, heißt für die Vernunft, er für sich allein gesetzt, ohne den ihm contra<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>dictorisch entgegengesetzten eben so zu behaupten, ist eben darum falsch. Den Satz<lb n="37"/>des Widerspruchs für formell anzuerkennen, heißt also ihn zugleich für falsch er-</p>
<pb n="209" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=216" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="22–23"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>kennen. – Da jede ächte Philosophie diese negative Seite hat, oder den Satz des Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>spruchs ewig aufhebt, so kann, wer Lust hat, unmittelbar diese negative Seite heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heben, und sich aus jeder einen Skepticismus darstellen.</p>
<p><lb n="4"/>Ganz unbegreiflich ist es, wie in Hrn. Sch. vollends durch den Sextus nicht auch<lb n="5"/>nur im allgemeinen der Begriff gekommen ist, daß es außer dem Skepticismus und<lb n="6"/>Dogmatismus noch ein drittes, nemlich eine Philosophie gebe; gleich in den ersten<lb n="7"/>Zeilen theilt Sextus die Philosophen ein in Dogmatiker, <hi rendition="#g">Akademiker</hi> und Skep<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tiker; und wo er durch sein ganzes Werk mit den Dogmatikern zu thun hat, meynt<lb n="9"/>er gar nicht auch die Akademie mit widerlegt zu haben. Dieß Verhältniß des Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>cismus zur Akademie ist selbst genug zur Sprache gekommen; es hat einen in der<lb n="11"/>Geschichte des Skepticismus berühmten Streit veranlaßt; und dies Verhältniß des<lb n="12"/>reinen Skepticismus und seine Verlegenheit ist seine interessanteste Seite. Doch um<lb n="13"/>Hrn. Sch. nicht Unrecht zu thun, ist anzuführen, daß er allerdings durch Sextus auf<lb n="14"/>ein Verhältniß der Akademie zum Skepticismus aufmerksam gemacht wurde. Aber<lb n="15"/>wie faßt Hr. Sch. dies Verhältniß, und das, was Sextus darüber sagt, auf? In der<lb n="16"/>Anmerkung (1. Th. S. 608.), worin Hr. Sch. die Sache abfertigt, sagt er, daß durch<lb n="17"/>die Lehre des Arcesilaus (des Stifters der mittlern Akademie) <hi rendition="#g">nun</hi> <hi rendition="#g">freylich</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="18"/>Zweifeln an der Wahrheit der Lehren des Dogmatismus zu einem <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">aller</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Anwendung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi> <hi rendition="#g">entblößten</hi> Geschäfte gemacht worden, weil es<lb n="20"/>sich selbst wieder aufhebe, und die Vernunft hiebey gar nichts mehr vernehme. Als<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>denn erzählt Hr. Sch., daß <hi rendition="#g">Sextus</hi> (Lib. I. Pyrh. Hypot.) c. 33. die Lehre des Arcesilaus<lb n="22"/><hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi> <hi rendition="#g">unterschieden</hi> <hi rendition="#g">wissen</hi> <hi rendition="#g">wolle</hi>, <hi rendition="#g">weil</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Arcesilaus</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Karneades</hi> <hi rendition="#g">Lehre</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">ungewiß</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>, <hi rendition="#g">wieder</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ungewiß</hi> <hi rendition="#g">erklärt</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">müsse</hi>; ein solches<lb n="25"/>Geschäfte des Zweifelns, setzt Hr. Sch. aus seinem eignen hinzu, sey von aller Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>nunft entblößt.</p>
<p><lb n="27"/>Was vors erste die historische Seite betrifft, so traut man seinen Augen nicht, wenn<lb n="28"/>man einen solchen Grund der Ausschließung der Lehre des Arcesilaus vom Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>cismus dem Sextus zugeschrieben liest. Es sind ja die Skeptiker selbst, die sich aufs<lb n="30"/>bestimmteste, wie Hr. Sch. im Anfange der Anmerkung selbst anführt, darüber aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>drücken, daß ihre gewöhnlichen φωναι: alles ist falsch, nichts ist wahr; eins eben so<lb n="32"/>wenig als das andere u.s.w. auch sich selbst wieder einschließen, συμπεριγραφειν<lb n="33"/>P. Hy. I. 7. und sich selbst wieder aufheben ὑφ’ ἑαυτων ἀυτας ἀναιρεισθαι ἐμπε<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ριγραφομενας ἐκεινοις περι ὧν λεγεται, eine Lehre, die, außerdem, daß sie in dem<lb n="35"/>Skepticismus selbst liegt, auch äußerlich gegen die Dogmatiker, die den Skeptikern<lb n="36"/>vorwarfen, daß sie doch ein <hi rendition="#g">Dogma</hi>: nichts zu bestimmen, oder: keins ist wahrer,<lb n="37"/>haben, schlechterdings nothwendig war; so wie auch zur Unterscheidung von andern<lb n="38"/>Philosophen, z. B. (c. 30.) den demokritischen, denen der skeptische Ausdruck: eins<lb n="39"/>eben so wenig als das andere; z. B. der Honig ist eben so wenig süß als bitter, ange-</p>
<pb n="210" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=217" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="23–25"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>hörte; die Skeptiker unterschieden sich damit, daß sie sagten, es liege hierin ein Dogma:<lb n="2"/>er sey keins von beyden; sie hingegen zeigen durch jenen Ausdruck: eins so wenig<lb n="3"/>als das andere, daß sie nicht wissen, ob die Erscheinung, beydes, oder keins von bey<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>den sey. So unterscheidet Sextus (c. 33.) auch die Skeptiker von der neuen Akademie<lb n="5"/>des Karneades, deren Grundsatz darin bestehe, daß alles unbegreiflich sey; vielleicht,<lb n="6"/>sagt er, sey sie wohl nur darin verschieden, daß sie eben jene Unbegreiflichkeit<lb n="7"/>behauptend ausspreche. Was Hr. Sch. zur Einschränkung jener skeptischen Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>drücke sagt: daß Sextus wohl nur habe lehren wollen, daß der Skeptiker über die<lb n="9"/>transscendentale Beschaffenheit der Dinge weder auf eine positive noch auf eine<lb n="10"/>negative Art etwas bestimme: so ist darin gar kein Gegensatz gegen jene Behauptung<lb n="11"/>der Skeptiker und des Arcesilas, daß ein skeptischer Ausdruck sich selbst in sich<lb n="12"/>schließe, und aufhebe, zu sehen; und was soll denn die <hi rendition="#g">transscendentale</hi> <hi rendition="#g">Be</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">schaffenheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> <hi rendition="#g">heißen</hi>? liegt denn das Transscendentale nicht gerade<lb n="14"/>darin, daß es weder Dinge noch eine Beschaffenheit der Dinge gebe? Sextus war<lb n="15"/>daher schon an und für sich durchaus entfernt, aus dem Grunde, den Hr. Sch. angiebt,<lb n="16"/>die Lehre des Arcesilas vom Skepticismus zu unterscheiden; denn sie war wörtlich<lb n="17"/>die des Skepticismus; Sextus sagt selbst, daß sie ihm so sehr mit den Pyrrhonischen<lb n="18"/>λογοις übereinzustimmen scheine, daß sie fast Eine und ebendieselbe ἀγωγη¹ mit der<lb n="19"/>skeptischen seye; wenn man nicht sagen wolle, daß Arcesilas die ἐποχην für <hi rendition="#g">gut</hi>,<lb n="20"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">gemäß</hi>; <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Zustimmung</hi> aber für <hi rendition="#g">übel</hi> <hi rendition="#g">erkläre</hi>, was eine<lb n="21"/>Behauptung sey, da die Skeptiker hingegen auch hierüber nichts behauptend aus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sagen. Die Unterscheidung, von welcher Sextus meynt, daß sie noch gemacht werden<lb n="23"/>könne, hat also gerade den entgegengesetzten Grund; nach Hrn. Sch. wäre diese<lb n="24"/>Akademie von Sextus für <hi rendition="#g">zu</hi> skeptisch erklärt worden; Sextus aber findet sie, wie wir<lb n="25"/>gesehen haben, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">wenig</hi> skeptisch. Außer der angeführten Unterscheidung bringt<lb n="26"/>Sextus noch einen schlechtern Grund bey, der auf ein Klatschen hinausgeht, daß<lb n="27"/>nemlich Arcesilas, wenn man dem, was man von ihm sage, Glauben beymessen dürfe,<lb n="28"/>nur so für den Anlauf ein Pyrrhonier, in Wahrheit aber ein Dogmatiker gewesen sey;<lb n="29"/>er habe nemlich das Aporematische nur gebraucht, um seine Schüler zu prüfen, ob<lb n="30"/>sie Fähigkeit für die Platonischen Lehren haben, und deswegen sey er für einen<lb n="31"/>Aporetiker gehalten worden; den fähig Befundenen aber habe er das Platonische<lb n="32"/>gelehrt. – Wegen der schwierigen Seite des Skepticismus, die für ihn in dem Ver-</p>
<note xml:id="fn-210-1" n="¹"><lb n="33"/><seg type="marke">¹ </seg>so nannte sich nämlich der Skepticismus lieber als ἁιρεσις, Sextus erklärt, daß der<lb n="34"/>Skepticismus nur in dem Sinne einer λογω τινι κατα το φαινομενον, ἀκολουθουσης ἀγωγης eine<lb n="35"/>Schule, Sekte genannt werden könne.</note>
<pb n="211" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=218" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="25–27"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>hältnisse zur Akademie lag, handelt Sextus sehr ausführlich von Plato und den<lb n="2"/>Akademieen. Es liegt nur in dem gänzlichen Mangel des Begriffs von dem wahren<lb n="3"/>Grunde dieser Schwierigkeit, und von Philosophie, wenn Hr. Sch. von der Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sicht auf die Akademie durch das Geschwätz sich befreyt glauben kann, das er hierauf<lb n="5"/>in eben dieser Anmerkung aus Stäudlins Geschichte des Skepticismus anführt; es ist<lb n="6"/>aber, sagt Hr. Sch., neuerlich schon von mehrern, besonders von Stäudlin bemerkt<lb n="7"/>worden, daß der Geist, der die mittlere und neuere Akademie belebte, von dem<lb n="8"/>Geiste, der die Skeptiker in ihren Untersuchungen leitete, gänzlich verschieden sey;<lb n="9"/>die Anhänger jener waren wirklich nichts weiter, als <hi rendition="#g">sophistische</hi> <hi rendition="#g">Schwätzer</hi>,<lb n="10"/>die lediglich <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Trugschlüsse</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Blendwerke</hi> <hi rendition="#g">ausgingen</hi>, und die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sophie, so wie den ganzen Streit der Skeptiker mit den Dogmatikern, wie er damals<lb n="12"/>geführt wurde, nur als <hi rendition="#g">Mittel</hi> ihres Hauptzwecks, nemlich die <hi rendition="#g">Kunst</hi>, andere <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">bereden</hi>, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">glänzen</hi> und <hi rendition="#g">Aufsehen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erregen</hi>, benutzten, und für die <hi rendition="#g">Er</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">forschung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">willen</hi> <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">keinen</hi> <hi rendition="#g">Sinn</hi> <hi rendition="#g">hatten</hi><lb n="15"/>– Wenn auch eine solche Beschuldigung überhaupt nicht schon an und für sich so<lb n="16"/>hohl und eckelhaft wäre, als sie es ist, so bliebe ja noch die ältere Akademie und Plato<lb n="17"/>selbst übrig, es bleibt die Philosophie überhaupt übrig, welche kein Dogmatismus ist,<lb n="18"/>auf welche Rücksicht zu nehmen gewesen wäre; aber mehr Rücksicht auf die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sophie, als wir aus dieser Anmerkung anführten, haben wir nicht finden können.</p>
<p><lb n="20"/>Im Alterthume hingegen war über dieß Verhältniß des Skepticismus zum Plato<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nismus das Bewußtseyn sehr entwickelt; es hatte ein großer Streit darüber obgewal<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tet, indem ein Theil den Plato für einen Dogmatiker, ein anderer Theil ihn für einen<lb n="23"/>Skeptiker ausgab; (Diog. Laert. Plato 51.) Da die Akten des Streits für uns verlohren<lb n="24"/>sind, so können wir nicht beurtheilen, wie weit das innre wahre Verhältniß des<lb n="25"/>Skepticismus zur Philosophie dabey zur Sprache kam, und wie weit die Dogmatiker,<lb n="26"/>welche den Plato dem Dogmatismus vindicirten, wie die Skeptiker gleichfalls thaten,<lb n="27"/>dieß in dem Sinne verstanden, daß der Skepticismus selbst zur Philosophie gehöre,<lb n="28"/>oder nicht. Sextus beruft sich auf eine weitere Ausführung der Sache in seinen skep<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tischen Commentarien, die nicht auf uns gekommen sind; in den Hypotyp. I. 222.<lb n="30"/>sagt er, wolle er die Hauptsache nach Aenesidemus und Menodotus, die in diesem<lb n="31"/>Streite die Chefs von Seite der Skeptiker waren, anführen; Plato sey ein Dogmatiker,<lb n="32"/>weil, wenn er zeige, daß Ideen, eine Vorsehung, ein Vorzug eines tugendhaften<lb n="33"/>Lebens vor einem lasterhaften sey entweder dogmatisire, wenn er sie als seyende<lb n="34"/>anerkenne; oder wenn er dem überzeugendern (πιθανοτεροις) beystimme, so falle<lb n="35"/>er dadurch, daß er für die Ueberzeugung oder Nichtüberzeugung irgend etwas dem<lb n="36"/>andern vorziehe, aus dem skeptischen Charakter.</p>
<pb n="212" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=219" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="27–29"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Diese Unterscheidung des Platonismus vom Skepticismus ist entweder eine bloß<lb n="2"/>formale Mäkeley, die an dem behaupteten Vorziehen nichts als die Form des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyns tadelt, denn der Gehorsam des Skeptikers gegen die Nothwendigkeit und die<lb n="4"/>vaterländischen Gesetze war ein eben solches, nur bewußtloses Vorziehen; – oder<lb n="5"/>wenn sie gegen die Realität der Idee selbst gerichtet ist, so betrifft sie die Erkenntniß<lb n="6"/>der Vernunft durch sich selbst; und hieran muß sich die Eigenthümlichkeit des reinen<lb n="7"/>von der Philosophie sich trennenden Skepticismus darstellen. Auf diese Erkenntniß<lb n="8"/>der Vernunft kommt Sextus im ersten Buch gegen die Logiker, (310.) nachdem er<lb n="9"/>vorher das Kriterium der Wahrheit überhaupt aus dem Zwist der Philosophen über<lb n="10"/>dasselbe und dann insbesondere die Wahrheit der sinnlichen Erkenntniß bestritten<lb n="11"/>hatte. Was er nun dagegen sagt, daß die Vernunft sich durch sich selbst erkenne,<lb n="12"/>(ὁτι οὐδ’ ἑαυτης ἐπιγνωμων ἐστιν ἡ διανοια, ὁ νους ἑαυτον καταλαμβανεται) ist<lb n="13"/>kahl genug, daß wenn die neuern Skeptiker die Selbsterkenntniß der Vernunft<lb n="14"/>bekämpfen wollen, sie wohl etwas besseres vorbringen müssen, wenn sie es sich nicht<lb n="15"/>bequemer machten, diese Mühe dadurch ganz zu ersparen, daß sie die Vernunft und<lb n="16"/>ihr Selbsterkennen ganz und gar <hi rendition="#g">ignoriren</hi>, und hinter dem Gorgonen-Schild<lb n="17"/>steckend, unmittelbar, nicht durch etwa bösliche Verdrehung und Kunst, nicht als<lb n="18"/>ob sie es vorher anders sehen, sondern im Blick selbst, das vernünftige, subjectiv aus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gedrückt in Verstand, objectiv in Steine verwandeln, und das, von dem sie ahnden,<lb n="20"/>daß es über Verstand und Stein hinausgeht, Schwärmerey und Einbildungskraft<lb n="21"/>nennen. – Sextus weiß doch noch von der Vernunft und ihrer Selbsterkenntniß. Was<lb n="22"/>er über die Möglichkeit derselben vorbringt, ist folgendes flaches Räsonnement,<lb n="23"/>zu welchem er gerade die Reflexionsbegriffe von Ganzem und Theilen, die, wie<lb n="24"/>Plato im Parmenides, er in seinen Büchern gegen die Physiker vernichtet, nun selbst<lb n="25"/>mitbringt. Wenn die Vernunft sich begreift, so muß sie entweder, insofern sie sich<lb n="26"/>begreift, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ganze</hi> seyn, das sich begreift, oder nicht das Ganze, nur einen Theil<lb n="27"/>dazu gebrauchen. Wenn es nun das Ganze ist, das sich begreift, so ist das Begreifen<lb n="28"/>und das Begreifende, das Ganze; wenn aber das Ganze das Begreifende ist, so bleibt<lb n="29"/>fürs Begriffene nichts mehr übrig; es ist aber ganz unvernünftig, daß das Begreifende<lb n="30"/>seye, aber dasjenige nicht, was begriffen wird. Aber die Vernunft kann auch nicht<lb n="31"/>einen Theil von sich dazu gebrauchen; denn wie soll der Theil sich begreifen? Ist er<lb n="32"/>ein Ganzes, so bleibt für das zu Begreifende nichts übrig; wenn wieder mit einem<lb n="33"/>Theil, wie soll dieses wieder sich begreifen; und so ins unendliche; so daß das Begrei<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>fen ohne Princip ist, indem entweder kein Erstes gefunden wird, welches das Begrei<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>fen vornehmen, oder nichts ist, was begriffen werden soll. – Man sieht, daß die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nunft in ein absolut-subjectives verkehrt wird, welches, wenn es als Ganzes gesetzt<lb n="37"/>ist, dem zu Begreifenden nichts mehr übrig läßt. Alsdenn (und nun kommen noch</p>
<pb n="213" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=220" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="29–30"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>bessere Gründe, die die Vernunft wie vorhin in dem Begriff von Ganzem und Thei<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>len, und einer entweder absoluten Subjectivität oder absoluten Objectivität, nunmehr<lb n="3"/>in die Erscheinung eines bestimmten Platzes herabziehen) wenn die Vernunft sich<lb n="4"/>selbst begreift, so wird sie damit auch <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Ort</hi>, in welchem sie ist, mit begreifen;<lb n="5"/>denn jedes Begreifende begreift mit einem bestimmten Orte; wenn aber die Vernunft<lb n="6"/>den Ort, worin sie ist, mit sich begreift, so mußten die Philosophen nicht wegen<lb n="7"/>desselben uneins seyn, indem einige sagen, jener Ort sey der Kopf, andere die Brust;<lb n="8"/>und im einzelnen, einige das Gehirn, andere die Gehirnhaut, andere das Herz, andere<lb n="9"/>die Zugänge der Leber, oder sonst irgend ein Theil des Körpers; hierüber sind die<lb n="10"/>dogmatischen Philosophen uneins. Die Vernunft begreift also nicht sich selbst.</p>
<p><lb n="11"/>Dieß ist es, was Sextus gegen das Selbsterkennen der Vernunft vorbringt; es ist ein<lb n="12"/>Beispiel aller Waffen des Skepticismus gegen die Vernunft; sie bestehen in einer<lb n="13"/>Anwendung von Begriffen auf dieselbe; worauf es leicht wird, die in die Endlichkeit<lb n="14"/>versetzte und, wie Hr. Sch. thut, zu Dingen gemachte Vernunft als ein einem andern<lb n="15"/>entgegengesetztes, das gleichfalls gesetzt werden müsse, aber durch jene Einzelheit<lb n="16"/>nicht gesetzt werde, aufzuzeigen. Das gewöhnlichste von allen, nemlich die Berufung<lb n="17"/>auf die Uneinigkeit der Philosophen untereinander, führt Sextus ebenfalls gleich<lb n="18"/>nach der angeführten Stelle weit aus, ein Geschwätze, das die moralischen Dog<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>matisten gegen die Speculation mit dem Skepticismus theilen, wie es auch schon<lb n="20"/>Xenophon dem Sokrates in den Mund legt, und der oberflächlichen Ansicht, die an<lb n="21"/>den Worten kleben bleibt, am nächsten sich darbietet. Ob also schon dieser Skepticis<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>mus sich von der Philosophie, nemlich derjenigen, welche zugleich den Skepticismus<lb n="23"/>in sich schließt, losgerissen und isolirt hat, so hat er doch diesen Unterschied von<lb n="24"/>Dogmatismus und der Philosophie, die letztere unter dem Namen von Akademischer,<lb n="25"/>so wie die große Uebereinstimmung derselben mit ihm erkannt, wovon der neuere<lb n="26"/>hingegen nichts weiß.</p>
<p><lb n="27"/>Außer dem Skepticismus aber, der Eins ist mit der Philosophie, kann der von ihr<lb n="28"/>losgetrennte Skepticismus ein gedoppelter seyn, entweder daß er nicht gegen die<lb n="29"/>Vernunft, oder daß er gegen sie gerichtet ist. Aus der Gestalt, in welcher uns Sextus den<lb n="30"/>von der Philosophie abgetrennten, und gegen sie gekehrten Skepticismus giebt, läßt<lb n="31"/>sich auffallend der alte ächte Skepticismus aussondern, der zwar nicht wie die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sophie eine positive Seite hatte, sondern in Beziehung aufs Wissen eine reine Negativi<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>tät behauptete, aber eben so wenig <hi rendition="#g">gegen</hi> die Philosophie gerichtet war; eben so<lb n="34"/>abgetrennt steht seine später hinzugekommene feindselige Richtung zum Theil gegen<lb n="35"/>die Philosophie, zum Theil gegen den Dogmatismus. Seine Wendung gegen dieselbe,<lb n="36"/>so wie auch diese Dogmatismus wurde, zeigt, wie er mit der gemeinschaftlichen<lb n="37"/>Ausartung der Philosophie, und der Welt überhaupt gleichen Schritt gehalten hat,</p>
<pb n="214" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=221" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="30–32"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>bis er endlich in den neuesten Zeiten so weit mit dem Dogmatismus heruntersinkt,<lb n="2"/>daß nunmehr für beyde die Thatsachen des Bewußtseyns unleugbare Gewißheit<lb n="3"/>haben, und ihnen beyden in der Zeitlichkeit die Wahrheit liegt; so daß, weil die<lb n="4"/>Extreme sich berühren, in diesen glücklichen Zeiten von ihrer Seite wieder das große<lb n="5"/>Ziel erreicht ist, daß <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">unten</hi> Dogmatismus und Skepticismus zusammenfallen,<lb n="6"/>und beide sich die freundbrüderlichste Hand reichen. Der Schulzische Skepticismus<lb n="7"/>vereinigt mit sich den rohsten Dogmatismus, und der Krugische Dogmatismus trägt<lb n="8"/>zugleich jenen Skepticismus in sich.</p>
<p><lb n="9"/>Sextus stellt uns die Maximen des Skepticismus in siebzehn Tropen dar, deren<lb n="10"/>Verschiedenheit uns den Unterschied seines Skepticismus von dem alten genau be<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>zeichnet, welcher zwar für sich stand, ohne philosophisches Wissen, aber durchaus<lb n="12"/>zugleich innerhalb der Philosophie fällt, besonders mit der alten, die mit der Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>jectivität weniger zu thun hatte, ganz identisch ist.</p>
<p><lb n="14"/>Dem alten Skepticismus gehören die zehen ersten der siebzehn Tropen an, zu<lb n="15"/>denen erst die viel spätern Skeptiker, – Sextus sagt überhaupt die neuern, – Diogenes<lb n="16"/>nennt den Agrippa, der gegen fünfhundert Jahre nach Pyrrho lebte – fünf hinzugefügt<lb n="17"/>haben; die zwey, die noch dazu kamen, scheinen wieder später, Diogenes erwähnt<lb n="18"/>ihrer gar nicht, auch Sextus sondert sie ab, und sie sind unbedeutend.</p>
<p><lb n="19"/>Diese zehn Artikel nun, auf die der Alte sich beschränkte, sind, wie alle Philosophie<lb n="20"/>überhaupt, gegen den Dogmatismus des gemeinen Bewußtseyns selbst gerichtet; sie<lb n="21"/>begründen die Ungewißheit über die Endlichkeiten, womit es bewußtlos befangen<lb n="22"/>ist, und diese Indifferenz des Geistes, vor der alles, was die Erscheinung oder der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stand gibt, wankend gemacht wird, in welchem Wanken alles Endlichen nach den<lb n="24"/>Skeptikern, wie der Schatten dem Körper folgt, die ἀταραξια durch Vernunft er<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>worben, eintritt; wie Apelles, als er ein Pferd mahlte, und die Darstellung des<lb n="26"/>Schaums nicht herausbringen konnte, sie aufgebend, den Schwamm, woran er die<lb n="27"/>Farben des Pinsels ausgewischt hatte, an das Bild warf, und damit die Abbildung des<lb n="28"/>Schaums traf; so finden in der Vermischung alles Erscheinenden und Gedachten die<lb n="29"/>Skeptiker das Wahre, jene durch Vernunft erworbene Gleichmüthigkeit, welche von<lb n="30"/>Natur zu haben den Unterschied des Thiers von dem Menschen ausmacht; und die<lb n="31"/>Pyrrho einst zu Schiffe seinen Gefährten, die in dem heftigen Sturm zagten, mit<lb n="32"/>ruhigem Gemüthe an einem Schwein, das im Schiffe fraß, mit den Worten zeigte:<lb n="33"/>der Weise müsse in solcher Ataraxie stehen. Dieser Skepticismus hatte also seine<lb n="34"/>positive Seite ganz allein in dem Charakter und seiner vollkommenen Gleichgültig<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>keit gegen die Nothwendigkeit der Natur.</p>
<p><lb n="36"/>Aus einer kurzen Erwähnung der zehen Punkte, welche die ἐποχην des Skepticis<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mus gründen, wird sich ihre Richtung gegen die Sicherheit der Dinge und der That-</p>
<pb n="215" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=222" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="32–34"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>sachen des Bewußtseyns unmittelbar ergeben; die Unsicherheit aller Dinge und die<lb n="2"/>Nothwendigkeit der ἐποχης wird nemlich dargethan 1) aus der Verschiedenheit der<lb n="3"/>Thiere, 2) der Menschen, 3) der Organisation der Sinne, 4) der Umstände, 5) der<lb n="4"/>Stellungen, Entfernungen und Oerter, 6) den Vermischungen (durch welche dem<lb n="5"/>Sinne sich nichts rein darbietet), 7) den verschiedenen Größen und Beschaffenheiten<lb n="6"/>der Dinge, 8) dem Verhältnisse (daß nemlich alles nur in Verhältniß zu einem andern<lb n="7"/>ist), 9) dem häufigern oder seltenern Geschehen, 10) aus der Verschiedenheit der Bil<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>dung, der Sitten, Gesetze, des mythischen Glaubens, der Vorurtheile.</p>
<p><lb n="9"/>Ueber ihre Form bemerkt Sextus selbst, daß alle diese Tropen eigentlich auf die<lb n="10"/>Triplicität, einen der Verschiedenheit des erkennenden Subjects, einen des erkannten<lb n="11"/>Objects, und einen aus beyden zusammengesetzten gebracht werden können. Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wendig müssen auch bey der Ausführung mehrere in einander fließen. – Bei den zwey<lb n="13"/>ersten Tropen der Verschiedenheit der Thiere und der Menschen spricht auch Sextus<lb n="14"/>schon von der Verschiedenheit der Organe, die eigentlich unter den dritten gehört;<lb n="15"/>am ausgedehntesten, merkt Sextus an, ist der achte Punkt, der die Bedingtheit jedes<lb n="16"/>Endlichen durch ein anderes, oder daß jedes nur in Verhältniß zu einem andern ist,<lb n="17"/>betrifft. Man sieht, daß sie nach dem Zufall aufgerafft sind, und eine unausgebildete<lb n="18"/>Reflexion, oder vielmehr eine Absichtslosigkeit der Reflexion in Rücksicht auf eine<lb n="19"/>eigene Lehre und eine Ungewandtheit, die nicht vorhanden wäre, wenn der Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>cismus schon mit dem Kritisiren der Wissenschaften zu thun gehabt hätte, voraussetzen.</p>
<p><lb n="21"/>Noch mehr aber beweist der Inhalt dieser Tropen, wie entfernt sie von einer Ten<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>denz gegen die Philosophie sind, und wie sie ganz allein gegen den Dogmatismus des<lb n="23"/>gemeinen Menschenverstandes gehen; kein einziger betrifft die Vernunft und ihre<lb n="24"/>Erkenntniß, sondern alle durchaus nur das Endliche, und das Erkennen des Endlichen,<lb n="25"/>den Verstand; ihr Inhalt ist zum Theil empirisch, in so fern geht er die Speculation<lb n="26"/>schon an sich nichts an; zum Theil betrifft er das Verhältniß überhaupt, oder daß alles<lb n="27"/>Wirkliche bedingt sey durch ein anderes, und in so fern drückt er ein Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>princip aus. Dieser Skepticismus ist demnach gegen die Philosophie gar nicht, und<lb n="29"/>auf eine eben nicht philosophische, sondern populäre Weise gegen den gemeinen<lb n="30"/>Menschenverstand oder das gemeine Bewußtseyn gewendet, welches das Gegebene,<lb n="31"/>die Thatsache, das Endliche, (dieß endliche heiße Erscheinung, oder Begriff) festhält,<lb n="32"/>und an ihm als einem Gewissen, Sichern, Ewigen klebt; jene skeptischen Tropen<lb n="33"/>zeigen ihm das Unstäte solcher Gewißheiten, auf eine Art, welche gleichfalls dem<lb n="34"/>gemeinen Bewußtseyn nahe liegt; er ruft nemlich gleichfalls die Erscheinungen und<lb n="35"/>Endlichkeiten zu Hülfe, und aus der Verschiedenheit derselben, so wie dem gleichen<lb n="36"/>Rechte aller sich geltend zu machen, aus der in dem Endlichen selbst zu erkennenden<lb n="37"/>Antinomie erkennt er die Unwahrheit desselben. Er kann daher als die erste Stuffe</p>
<pb n="216" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=223" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="34–36"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>zur Philosophie angesehen werden; denn der Anfang der Philosophie muß ja die<lb n="2"/>Erhebung über die Wahrheit seyn, welche das gemeine Bewußtseyn gibt, und die<lb n="3"/>Ahndung einer höhern Wahrheit; der neueste Skepticismus ist daher mit seiner<lb n="4"/>Gewißheit der Thatsachen des Bewußtseyns vor allen Dingen an diesen alten Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>cismus und an diese erste Stuffe der Philosophie zu verweisen; oder an den gemeinen<lb n="6"/>Menschenverstand selbst, der sehr gut erkennt, daß alle Thatsachen seines Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>seyns, und dieses sein endliches Bewußtseyn selbst vergeht, und daß keine Gewißheit<lb n="8"/>darinn ist; der Unterschied dieser Seite des gemeinen Menschenverstandes und dieses<lb n="9"/>Skepticismus besteht darin, daß jener sich ausspricht: es <hi rendition="#g">ist</hi> alles vergänglich; der<lb n="10"/>Skepticismus hingegen, wenn eine Thatsache als gewiß aufgestellt wird, zu erweisen<lb n="11"/>versteht, daß jene Gewißheit Nichts ist. – Außerdem steht im gemeinen Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>verstande dieser sein Skepticismus und sein Dogmatismus über die Endlichkeiten<lb n="13"/><hi rendition="#g">neben</hi>einander, und dadurch wird jener Skepticismus etwas bloß formelles; da hin<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegen durch den eigentlichen Skepticismus die letztere aufgehoben wird, und also<lb n="15"/>jener gemeine Glauben an die Ungewißheit der Thatsachen des Bewußtseyns auf<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hört etwas formelles zu seyn, indem der Skepticismus den ganzen Umfang der<lb n="17"/>Wirklichkeit und Gewißheit in die Potenz der Ungewißheit erhebt, und den ge<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>meinen Dogmatismus vernichtet, der bewußtlos besondern Sitten und Gesetzen und<lb n="19"/>anderen Umständen, als einer Macht angehört, für die das Individuum nur Object<lb n="20"/>ist, und die es in ihren Einzelheiten am Faden der Wirkungen auch begreift, ein<lb n="21"/>verständiges Wissen sich darüber macht, und damit nur immer tiefer in den Dienst<lb n="22"/>jener Macht versinkt. Der Skepticismus, den die Freyheit der Vernunft über diese<lb n="23"/>Naturnothwendigkeit erhebt, indem er sie für Nichts erkennt, ehrt sie zugleich aufs<lb n="24"/>höchste, indem ihm in ihr eben so wenig eine <hi rendition="#g">ihrer</hi> Einzelheiten etwas gewisses ist,<lb n="25"/>sondern nur die Nothwendigkeit in ihrer Allgemeinheit, als <hi rendition="#g">er</hi> selbst eine Einzelheit,<lb n="26"/>als absoluten Zweck, den er in ihr ausführen wollte, als ob <hi rendition="#g">er</hi> wüßte, was gut ist, in<lb n="27"/>sie hinein versetzt; – er anticipirt in dem Individuum dasjenige, was die in der End<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichkeit der Zeit auseinander gezogene Nothwendigkeit an dem bewußtlosen<lb n="29"/>Geschlechte bewußtlos ausführt; was diesem für absolut Eines und ebendasselbe und<lb n="30"/>für fest, ewig und überall gleich so beschaffen gilt, entreißt ihm die Zeit; am allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sten die nach Naturnothwendigkeit sich ausbreitende Bekanntschaft mit fremden Völ<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>kern; wie z. B. die Bekanntschaft der Europäer mit einem neuen Welttheil für den Dog<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>matismus ihres zeitherigen Menschenverstandes und ihre unläugbare Gewißheit einer<lb n="34"/>Menge von Begriffen über Recht und Wahrheit jene skeptische Wirkung gehabt hat.</p>
<p><lb n="35"/>Weil nun der Skepticismus seine positive Seite <hi rendition="#g">allein</hi> im Charakter hatte, so gab<lb n="36"/>er sich nicht für eine Häresis, oder Schule aus, sondern, wie oben angeführt, für eine<lb n="37"/>ἀγωγην, eine Erziehung, zu einer Lebensweise, eine Bildung, deren Subjectivität nur</p>
<pb n="217" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=224" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="36–38"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>darin objectiv seyn konnte, daß die Skeptiker sich der gleichen Waffen gegen das<lb n="2"/>Objective und die Abhängigkeit von demselben bedienten, sie erkannten den<lb n="3"/>Pyrrho als den Stifter des Skepticismus in dem Sinne, daß sie ihm nicht in Lehren,<lb n="4"/>sondern in diesen Wendungen gegen das Objective (ὁμοτροπως Diog. IX. 70.) gleich<lb n="5"/>waren. Die Ataraxie, zu der der Skeptiker sich bildete, bestand darin, daß, wie Sextus<lb n="6"/>adv. Ethicos. 154. sagt, dem Skeptiker keine Störung (ταραχη) fürchterlich seyn<lb n="7"/>konnte, denn wenn sie auch die größte sey, so fällt die Schuld nicht auf uns, die wir<lb n="8"/>ohne Willen und nach der Nothwendigkeit leiden, sondern auf die Natur, welche<lb n="9"/>dasjenige, was die Menschen festsetzen, nichts angeht, und auf denjenigen, der durch<lb n="10"/>Meynung und einen Willen sich selbst das Uebel zuzieht. Von dieser positiven Seite<lb n="11"/>erhellt es eben so sehr, daß dieser Skepticismus keiner Philosophie fremd ist. Die<lb n="12"/>Apathie des Stoikers und die Indifferenz des Philosophen überhaupt müssen sich in<lb n="13"/>jener Ataraxie erkennen. Pyrrho war als ein origineller Mensch auf seine Faust, wie<lb n="14"/>jeder andere Urheber einer Schule, Philosoph geworden, aber seine originelle Phi<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>losophie war darum nicht ein eigenthümliches, nothwendig und seinem Princip<lb n="16"/>nach, andern entgegengesetztes; die Individualität seines Charakters drückte sich<lb n="17"/>nicht sowohl in einer Philosophie ab, als sie vielmehr seine Philosophie selbst, und<lb n="18"/>seine Philosophie nichts als Freyheit des Charakters war; wie sollte aber eine Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sophie darin diesem Skepticismus entgegenstehen? Wenn die nächsten Schüler solcher<lb n="20"/>großen Individuen sich, wie das geschieht, an das formelle, auszeichnende vorzüglich<lb n="21"/>hielten, so erschien freylich nichts als Verschiedenheit; aber wenn das Gewicht der<lb n="22"/>Autorität des Einzelnen und seiner Persönlichkeit sich nach und nach mehr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wischte, und das philosophische Interesse rein sich emporhob, so konnte auch die<lb n="24"/>Dieselbigkeit der Philosophie wieder erkannt werden. Wie Plato in seiner Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sophie die Sokratische, Pythagoräische, Zenonische u. a. vereinigte, so geschah es,<lb n="26"/>daß Antiochus, bey welchem Cicero gehört hatte, – und wenn nicht sonst aus seinem<lb n="27"/>Leben erhellte, daß er für die Philosophie verdorben war, durch seine philosophischen<lb n="28"/>Productionen kein günstiges Licht auf seinen Lehrer und dessen Vereinigung der<lb n="29"/>Philosophieen werfen würde – die Stoische Philosophie in die Akademie übertrug;<lb n="30"/>und daß die letztere ihrem Wesen nach den Skepticismus in sich schloß, haben wir<lb n="31"/>oben gesehen. Es braucht nicht erinnert zu werden, daß hier von einer solchen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>einigung die Rede ist, welche das innerste der verschiedenen Philosophieen als Eins<lb n="33"/>und dasselbe erkennt, nicht von dem Eklekticismus, der auf ihrer Oberfläche umherirrt,<lb n="34"/>und aus Blümchen allenthalben her zusammengerafft sich seinen eiteln Kranz bindet.</p>
<p><lb n="35"/>Es ist eine Zufälligkeit der Zeit, wenn späterhin die verschiedenen philosophischen<lb n="36"/>Systeme völlig auseinander gingen, und nunmehr die Apathie der Ataraxie, die</p>
<pb n="218" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=225" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="38–39"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Dogmatiker der Stoa (Sext. Pyrrh. Hyp. 65.) den Skeptikern für ihre entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gesetztesten Gegner galten. Auf diese völlige Trennung der Philosophieen, und das<lb n="3"/>völlige Festwerden ihrer Dogmen und Unterscheidungen, so wie auf die nun<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mehrige Richtung des Skepticismus theils gegen den Dogmatismus theils gegen die<lb n="5"/>Philosophie selbst beziehen sich ganz allein die <hi rendition="#g">spätern</hi> <hi rendition="#g">fünf</hi> <hi rendition="#g">Tropen</hi> der Skep<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tiker, welche die eigentliche Rüstkammer ihrer Waffen gegen philosophische Er<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>kenntniß ausmachen, die wir, um unsere Darstellung zu rechtfertigen, noch kurz<lb n="8"/>anführen wollen. <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">erste</hi> unter <hi rendition="#g">diesen</hi> <hi rendition="#g">Tropen</hi> der Epoche, ist der von der<lb n="9"/><hi rendition="#g">Verschiedenheit</hi>, nemlich jetzt nicht mehr der Thiere oder der Menschen, wie<lb n="10"/>in den zehen ersten, – sondern der gemeinen Meynungen und der Lehren der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sophen sowohl beider gegeneinander als beider innerhalb ihrer selbst; ein Tropus,<lb n="12"/>über den die Skeptiker immer sehr weitläuftig sind, und überall Verschiedenheit<lb n="13"/>erblicken und hineintragen, wo sie besser Identität sehen würden. Der zweite ist,<lb n="14"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">aufs</hi> <hi rendition="#g">Unendliche</hi> treibt; Sextus gebraucht ihn so häufig, als er in neuern<lb n="15"/>Zeiten als Begründungstendenz vorgekommen ist; er ist das bekannte, daß für ein<lb n="16"/>begründendes eine neue Begründung, für diese wieder und so fort ins Unendliche<lb n="17"/>gefordert wird. – Der dritte war schon unter den zehen ersten, nemlich der des<lb n="18"/>Verhältnisses. Der vierte betrifft die <hi rendition="#g">Voraussetzungen</hi>, – gegen die Dogmatiker,<lb n="19"/>die, um nicht ins unendliche getrieben zu werden, etwas als schlechthin erstes, und<lb n="20"/>unbewiesenes setzen – welche die Skeptiker sogleich dadurch nachahmen, daß sie<lb n="21"/>mit eben dem Rechte das Gegentheil jenes Vorausgesetzten ohne Beweis setzen. Der<lb n="22"/>fünfte ist das <hi rendition="#g">gegenseitige</hi>, wenn dasjenige, was zum Beweise eines andern dienen<lb n="23"/>soll, selbst zu seinem Beweise desjenigen bedarf, welches durch dasselbe bewiesen<lb n="24"/>werden soll. – Noch zwey andere Tropen, von denen Sextus sagt, daß man sie auch<lb n="25"/>aufführe, deren Diog. nicht erwähnt, und von denen man selbst sieht, daß sie nichts<lb n="26"/>neues, sondern nur das vorige in eine allgemeinere Form gebracht, sind, enthalten,<lb n="27"/>daß was begriffen wird, entweder aus sich selbst, oder aus einem andern begriffen<lb n="28"/>wird; – aus sich nicht, denn man sey über die Quelle und das Organ der Erkenntniß,<lb n="29"/>ob es die Sinne oder der Verstand sey, uneins; nicht aus einem andern, denn sonst<lb n="30"/>falle man in den Tropus des unendlichen, oder in den gegenseitigen.</p>
<p><lb n="31"/>Man sieht, auch an der Wiederhohlung einiger der zehen ersten, nemlich zum<lb n="32"/>Theil desjenigen, der unter den fünfen der erste und dritte ist, und aus ihrem ganzen<lb n="33"/>Inhalt, daß die Absicht dieser fünf Tropen ganz verschieden von der Tendenz der<lb n="34"/>zehen ersten ist, und daß sie allein die spätere Wendung des Skepticismus gegen die<lb n="35"/>Philosophie betreffen. Es gibt keine tauglicheren Waffen gegen den Dogmatismus<lb n="36"/>der Endlichkeiten, aber sie sind völlig unbrauchbar gegen die Philosophie; da sie</p>
<pb n="219" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=226" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="39–41"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>lauter Reflexionsbegriffe enthalten, so haben sie nach diesen beiden verschiedenen<lb n="2"/>Seiten gekehrt, eine ganz entgegengesetzte Bedeutung; gegen den Dogmatismus<lb n="3"/>gekehrt erscheinen sie von der Seite, daß sie der Vernunft, die neben den einen vom<lb n="4"/>Dogmatismus behaupteten Theil der nothwendigen Antinomie den andern stellt –<lb n="5"/>gegen die Philosophie hingegen von der Seite, daß sie der Reflexion angehören;<lb n="6"/>gegen jenen müssen sie also siegreich seyn, vor dieser aber in sich selbst zerfallen oder<lb n="7"/>selbst dogmatisch seyn. Da das Wesen des Dogmatismus darin besteht, daß er ein<lb n="8"/>Endliches, mit einer Entgegensetzung behaftetes (z. B. reines Subject, oder reines<lb n="9"/>Object, oder in dem Dualismus die Dualität der Identität gegenüber) als das Absolute<lb n="10"/>setzt, so zeigt die Vernunft von diesem Absoluten, daß es eine Beziehung auf das von<lb n="11"/>ihm ausgeschlossene hat und nur durch und in dieser Beziehung auf ein anderes, also<lb n="12"/>nicht absolut ist, nach dem <hi rendition="#g">dritten</hi> <hi rendition="#g">Tropus</hi> des Verhältnisses; soll dieß andere<lb n="13"/>seinen Grund in dem ersten, so wie das erste seinen Grund in dem andern haben, so<lb n="14"/>ist dieß ein Cirkel, und fällt in den <hi rendition="#g">fünften</hi>, den diallelischen Tropus; soll kein<lb n="15"/>Cirkel begangen werden, sondern dieses andere als Grund des ersten, in sich selbst<lb n="16"/>gegründet seyn, und wird es zur unbegründeten Voraussetzung gemacht, so hat es,<lb n="17"/>weil es ein begründendes ist, ein entgegengesetztes, und dieß sein entgegengesetztes<lb n="18"/>kann mit eben dem Rechte als ein unbewiesenes oder unbegründetes vorausgesetzt<lb n="19"/>werden, weil hier einmal das Begründen anerkannt worden ist nach dem <hi rendition="#g">vierten</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Tropus</hi> der Voraussetzungen; oder aber dieß andere als Grund soll wieder in einem<lb n="21"/>andern begründet seyn, so wird dieß begründete auf die Reflexions-Unendlichkeit<lb n="22"/>an endlichen ins unendliche fortgetrieben, und ist wieder grundlos, nach dem <hi rendition="#g">zwei</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">ten</hi> Tropus. Endlich müßte jenes endliche Absolute des Dogmatismus auch ein all<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gemeines seyn, allein dieß wird sich nothwendig nicht finden, weil es ein Beschränk<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tes ist; und hieher gehört der <hi rendition="#g">erste</hi> Tropus der Verschiedenheit. – Diese dem Dog<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>matismus unüberwindliche Tropen hat Sextus mit großem Glück gegen den Dogma<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tismus, besonders gegen die Physik gebraucht, eine Wissenschaft, welche, so wie die<lb n="28"/>angewandte Mathematik, der wahre Stapelplatz der Reflexion, der beschränkten<lb n="29"/>Begriffe und des endlichen ist, – aber dem neuesten Skeptiker freylich für eine<lb n="30"/>Wissenschaft gilt, welche allem vernünftigen Skeptisiren Trotz biete; es kann im<lb n="31"/>Gegentheil behauptet werden, daß die alte Physik wissenschaftlicher war, als die<lb n="32"/>neue, und also dem Skepticismus weniger Blößen darbot.</p>
<p><lb n="33"/>Gegen den Dogmatismus sind diese Tropen darum vernünftig, weil sie gegen das<lb n="34"/>Endliche des Dogmatismus das entgegengesetzte, wovon er abstrahirte, auftreten<lb n="35"/>lassen, also die Antinomie herstellen; gegen die Vernunft hingegen gekehrt, behalten<lb n="36"/>sie als ihr eigenthümliches die reine Differenz, von der sie afficirt sind; das vernünftige<lb n="37"/>derselben ist schon in der Vernunft. Was den <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Tropus</hi>, der Verschiedenheit</p>
<pb n="220" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=227" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="41–43"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>betrifft, so ist das Vernünftige ewig und allenthalben sich selbst gleich; rein ungleiches<lb n="2"/>gibt es allein für den Verstand; und alles Ungleiche wird von der Vernunft als Eins<lb n="3"/>gesetzt; freylich muß diese Einheit, so wie jene Ungleichheit nicht auf die, wie Plato<lb n="4"/>sagt, gemeine und knabenhafte Art genommen werden, daß ein Ochse u.s.w. als das<lb n="5"/>Eins gesetzt wird, von dem behauptet würde, er sey zugleich viele Ochsen. Es kann<lb n="6"/>vom Vernünftigen <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">dritten</hi> Tropus nicht gezeigt werden, daß es nur<lb n="7"/>im Verhältniß, in einer nothwendigen Beziehung auf ein anderes ist; denn es selbst<lb n="8"/>ist nichts als das Verhältniß. Weil das Vernünftige die Beziehung selbst ist, so werden<lb n="9"/>wohl die in Beziehung stehenden, die, wenn sie vom Verstande gesetzt werden,<lb n="10"/>einander begründen sollten, nicht das Vernünftige selbst in den Cirkel oder <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">fünften</hi>, den diallelischen, fallen; denn in der Beziehung ist nichts durcheinander zu<lb n="12"/>begründen. Eben so ist das Vernünftige nicht eine unbewiesene Voraussetzung nach<lb n="13"/><hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">vierten</hi> Tropus, welcher gegenüber das Gegentheil mit eben dem Rechte<lb n="14"/>unbewiesen vorausgesetzt werden könnte, denn das Vernünftige hat kein Gegentheil;<lb n="15"/>es schließt die Endlichen, deren eines das Gegentheil vom andern ist, beide in sich.<lb n="16"/>Die beiden vorhergehenden Tropen enthalten den Begriff eines Grundes und einer<lb n="17"/>Folge, nach dem ein anderes durch ein anderes begründet würde; da es für die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nunft kein Anderes gegen ein Anderes giebt, so fallen sowohl sie als die auf dem Boden<lb n="19"/>der Entgegensetzungen gemachte und unendlich fortgesetzte Foderung eines Grun<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>des, der <hi rendition="#g">zweyte</hi> Tropus, der aufs unendliche treibt, hinweg; weder jene Foderung<lb n="21"/>noch diese Unendlichkeit geht die Vernunft etwas an.</p>
<p><lb n="22"/>Da also diese Tropen alle den Begriff eines Endlichen in sich schließen, und sich<lb n="23"/>darauf gründen, so geschieht durch ihre Anwendung auf das Vernünftige unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>bar, daß sie dasselbe in ein endliches verkehren; daß sie ihm, um es kratzen zu<lb n="25"/>können, die Krätze der Beschränktheit geben. Sie gehen nicht an und für sich gegen<lb n="26"/>das vernünftige Denken, aber wenn sie gegen dasselbe gehen, wie Sextus sie auch<lb n="27"/>gebraucht, so alteriren sie das Vernünftige unmittelbar. Aus diesem Gesichtspunkte<lb n="28"/>kann alles begriffen werden, was der Skepticismus gegen das Vernünftige vorbringt;<lb n="29"/>ein Beyspiel sahen wir oben, wenn er das Erkennen der Vernunft aus sich selbst<lb n="30"/>dadurch bestreitet, daß er sie entweder zu einem absolut-subjectiven oder zu einem<lb n="31"/>absolut-objectiven, und entweder zu einem Ganzen oder zu einem Theile macht;<lb n="32"/>beides hat erst der Skepticismus hinzugethan. Wenn also der Skepticismus gegen die<lb n="33"/>Vernunft zu Felde zieht, so hat man sogleich die Begriffe, die <hi rendition="#g">er</hi> mitbringt, abzu<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>weisen, und seine schlechten zu einem Angriff untauglichen Waffen zu verwerfen. –<lb n="35"/>Was der neueste Skepticismus immer mitbringt, ist, wie wir oben gesehen haben,<lb n="36"/>der Begriff <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi>, die <hi rendition="#g">hinter</hi> und <hi rendition="#g">unter</hi> den Erscheinungssachen liege.</p>
<pb n="221" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=228" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="43–45"/>
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<p><lb n="1"/>Wenn der alte Skepticismus sich der Ausdrücke ὑποκειμενον, ὑπαρχον, ἀδηλον u.s.w.<lb n="2"/>bedient, so bezeichnet er die Objectivität, die nicht auszusprechen sein Wesen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>macht; er für sich bleibt bei der Subjectivität des Erscheinens stehen. Diese Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>nung ist ihm aber nicht ein sinnliches <hi rendition="#g">Ding</hi>, hinter welchem von dem Dogmatismus<lb n="5"/>und der Philosophie noch andere Dinge, nemlich die übersinnlichen behauptet wer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>den sollten. Da er sich überhaupt zurückhält, eine Gewißheit und ein Seyn aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zusprechen, so hat er schon für sich kein Ding, kein bedingtes, von dem er wüßte;<lb n="8"/>und er hat nicht nöthig, der Philosophie weder dieses gewisse Ding, noch ein<lb n="9"/>anderes, das hinter diesem wäre, in die Schuhe zu schieben, um sie fallen zu<lb n="10"/>machen.</p>
<p><lb n="11"/>Durch die Wendung des Skepticismus gegen das Wissen überhaupt wird er, weil<lb n="12"/>er hier ein Denken einem Denken entgegensetzt, und das: <hi rendition="#g">ist</hi>, des philosophischen<lb n="13"/>Denkens bekämpft, darauf getrieben, eben so das: <hi rendition="#g">ist</hi> seines eignen Denkens auf<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zuheben, also in der reinen Negativität, die durch sich selbst eine reine Subjectivität<lb n="15"/>ist, sich zu halten. Wie eckel hierüber die Skeptiker waren, haben wir oben an dem<lb n="16"/>Beispiel der neuern Akademie gesehen, welche behauptete, daß alles ungewiß sey,<lb n="17"/>und daß dieser Satz sich selbst mit einschließe; doch ist selbst dieß dem Sextus nicht<lb n="18"/>skeptisch genug, er unterscheidet sie vom Skepticismus, weil sie eben damit einen<lb n="19"/>Satz aufstelle und dogmatisire; jener Satz aber drückt so sehr den höchsten Skepticis<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>mus aus, daß diese Unterscheidung etwas völlig leeres wird. Eben so mußte es auch<lb n="21"/>dem Pyrrho wiederfahren, für einen Dogmatiker von einem ausgegeben zu werden.<lb n="22"/>Dieser formelle Schein einer Behauptung ist es, womit hinwieder die Skeptiker<lb n="23"/>chikanirt zu werden pflegen, indem man ihnen es zurück gibt, daß wenn sie an allem<lb n="24"/>zweifeln, doch dieß: ich zweifle, es scheint mir u.s.w. gewiß sey, also die Realität,<lb n="25"/>und Objectivität der Denkthätigkeit entgegenhält, wenn sie bei jedem Setzen durch<lb n="26"/>Denken sich an die Form des Setzens halten, und auf diese Art jede ausgesprochene<lb n="27"/>Thätigkeit für etwas dogmatisirendes erklären.</p>
<p><lb n="28"/>In diesem Extrem der höchsten Consequenz, nemlich der Negativität, oder Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>jectivität, die sich nicht mehr auf die Subjectivität des Charakters, die zugleich<lb n="30"/>Objectivität ist, beschränkte, sondern zu einer Subjectivität des Wissens wurde, die<lb n="31"/>sich gegen das Wissen richtete, mußte der Skepticismus inconsequent werden; denn<lb n="32"/>das Extrem kann sich nicht ohne sein entgegengesetztes erhalten; die reine Negativität<lb n="33"/>oder Subjectivität ist also entweder gar Nichts, indem sie sich in ihrem Extrem ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>nichtet, oder sie müßte zugleich höchst objektiv werden; das Bewußtseyn hierüber<lb n="35"/>ist es, was nahe bei der Hand liegt, und was die Gegner urgirten; die Skeptiker<lb n="36"/>erklärten eben deswegen, wie oben erwähnt, daß ihre φωναι, alles ist falsch, nichts<lb n="37"/>wahr, keins mehr als das andere, sich selbst einschließen; und daß der Skeptiker in</p>
<pb n="222" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=229" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–46"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>dem Aussprechen dieser Schlagwörter nur das sage, was ihm scheine, und seine<lb n="2"/>Affection, nicht eine Meynung noch Behauptung über ein objectives Seyn damit aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>spreche. Sext. Pyrrh. Hypt. 7. u. sonst, besonders c. 24. wo sich Sextus so ausdrückt,<lb n="4"/>daß man sich bei dem, was der Skeptiker sage, wie derjenige, der ausspricht:<lb n="5"/>περιπατω, in Wahrheit sage: <hi rendition="#g">ich</hi> gehe, immer hinzudenken müsse: nach uns, oder<lb n="6"/>was mich betrifft, oder wie es mir scheint. Diese rein negative Haltung, die bloße<lb n="7"/>Subjectivität und Scheinen bleiben will, hört eben damit auf, für das Wissen etwas zu<lb n="8"/>seyn; wer fest an der Eitelkeit, daß es <hi rendition="#g">ihm</hi> so scheine, <hi rendition="#g">er</hi> es so meyne, hängen bleibt,<lb n="9"/>seine Aussprüche durchaus für kein objectives des Denkens und des Urtheilens aus<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gegeben wissen will, den muß man dabei lassen; seine Subjectivität geht keinen<lb n="11"/>andern Menschen, noch weniger die Philosophie, oder die Philosophie sie etwas an.</p>
<p><lb n="12"/>Aus dieser Betrachtung der verschiedenen Seiten des alten Skepticismus ergibt<lb n="13"/>sich also, um es kurz zusammen zu stellen, der Unterschied und das Wesen des<lb n="14"/>neuesten Skepticismus.</p>
<p><lb n="15"/>Diesem fehlt fürs erste die edelste Seite des Skepticismus der Richtung gegen den<lb n="16"/>Dogmatismus des gemeinen Bewußtseyns, die in allen seinen drei aufgezeigten<lb n="17"/>Modificationen sich findet, er sey nemlich identisch mit der Philosophie und nur ihre<lb n="18"/>negative Seite, oder getrennt von ihr aber nicht gegen sie gekehrt, oder gegen sie<lb n="19"/>gekehrt. Für den neuesten Skepticismus hat vielmehr das gemeine Bewußtseyn, mit<lb n="20"/>seinem ganzen Umfang unendlicher Thatsachen eine unläugbare Gewißheit; ein<lb n="21"/>Räsonnement über diese Thatsachen des Bewußtseyns, ein Reflectiren und Classi<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>ficiren derselben, was für ihn das Geschäft der Vernunft ausmacht, gibt als Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schaft dieses Skepticismus theils eine empirische Psychologie, theils durch analytisches<lb n="24"/>auf die Thatsachen angewandtes Denken viele andere über alles vernünftige Zweifeln<lb n="25"/>erhabene Wissenschaften.</p>
<p><lb n="26"/>Dieser Barbarey, die unläugbare Gewißheit und Wahrheit in die Thatsachen des<lb n="27"/>Bewußtseyns zu legen, hat sich weder der frühere Skepticismus, noch ein Materialis<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>mus noch selbst der gemeinste Menschenverstand, wenn er nicht ganz thierisch ist,<lb n="29"/>schuldig gemacht, sie ist bis auf die neuesten Zeiten in der Philosophie unerhört.</p>
<p><lb n="30"/>Ferner bieten nach diesem neuesten Skepticismus unsere Physik und Astronomie<lb n="31"/>und das analytische Denken aller vernünftigen Zweifelsucht Trotz; und es fehlt ihm<lb n="32"/>also auch die edle Seite des spätern alten Skepticismus, nemlich, welche sich gegen<lb n="33"/>das beschränkte Erkennen, gegen das endliche Wissen wendet.</p>
<p><lb n="34"/>Was bleibt denn nun für diesen neuesten Skepticismus, der in der grellsten Be<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>schränktheit sowohl der empirischen Anschauung, als des empirischen Wissens, das<lb n="36"/>die empirische Anschauung in Reflexion verwandelt, und sie nur zu analysiren, nichts</p>
<pb n="223" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=230" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="46–48"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>aber zu ihr hinzuzusetzen vermeynt, – seine Wahrheit und Gewißheit setzt, vom<lb n="2"/>Skepticismus übrig? Nothwendig nichts, als das Läugnen der Vernunftwahrheit,<lb n="3"/>und zu diesem Behuf die Verwandlung des Vernünftigen in Reflexion, der Erkenntniß<lb n="4"/>des Absoluten in endliches Erkennen. Die durch alles durchgehende Grundform<lb n="5"/>dieser Verwandlung aber besteht darin, daß das Gegentheil von der oben aufgestellten<lb n="6"/>ersten Definition des Spinoza, welche eine causa sui, als das erklärt, dessen Wesen<lb n="7"/>zugleich Existenz einschließe, zum Princip gemacht, und als absoluter Grundsatz<lb n="8"/>behauptet wird, das <hi rendition="#g">gedachte</hi>, weil es ein gedachtes ist, schließe nicht zugleich ein<lb n="9"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> in sich. Diese Trennung des Vernünftigen, in welchem Denken und Seyn Eins<lb n="10"/>ist, in die entgegengesetzten Denken und Seyn, und das absolute festhalten dieser<lb n="11"/>Entgegensetzung, also der absolut gemachte Verstand macht den unendlich wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>holten und überall angewandten Grund dieses dogmatischen Skepticismus aus. Dieser<lb n="13"/>Gegensatz für sich betrachtet, hat das Verdienst, daß in ihm die Differenz in ihrer<lb n="14"/>höchsten Abstraction und in ihrer wahrsten Form ausgedrückt ist; das Wesen des<lb n="15"/>Wissens besteht in der Identität des Allgemeinen und Besondern, oder des unter der<lb n="16"/>Form des Denkens und des Seyns gesetzten, und Wissenschaft ist ihrem Inhalte nach<lb n="17"/>eine Verkörperung jener vernünftigen Identität und von ihrer formalen Seite eine<lb n="18"/>beständige Wiederholung derselben; die Nichtidentität, das Princip des gemeinen<lb n="19"/>Bewußtseyns und des Gegentheils des Wissens, drückt sich aufs bestimmteste in jener<lb n="20"/>Form des Gegensatzes aus; ein Theil des Verdienstes wird dieser Form freylich da<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>durch wieder benommen, daß sie nur als Gegensatz eines denkenden Subjects gegen<lb n="22"/>ein existirendes Object begriffen wird. Das Verdienst dieses Gegensatzes aber im<lb n="23"/>Verhältniß zum neuesten Skept. betrachtet, fällt dasselbe ganz hinweg; denn die<lb n="24"/>Erfindung dieses Gegensatzes ist an sich ohnedem älter als derselbe; dieser neueste<lb n="25"/>Skepticismus entbehrt aber auch alles Verdienstes, denselben der Bildung der neuern<lb n="26"/>Zeit näher gebracht zu haben; denn bekanntlich ist es die kantische Philosophie,<lb n="27"/>welche auf dem eingeschränkten Standpunkt, in welchem sie Idealismus ist, – in ihrer<lb n="28"/>Deduction der Kategorien zwar diesen Gegensatz aufhebt, aber sonst inconsequent<lb n="29"/>genug ist, ihn zum höchsten Princip der Speculation zu machen; die Festhaltung<lb n="30"/>dieses Gegensatzes tritt am ausgesprochensten und mit unendlicher Selbstgefälligkeit<lb n="31"/>gegen den sogenannten ontologischen Beweis vom Daseyn Gottes, und als reflec<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tirende Urtheilskraft gegen die Natur auf; und besonders in der Form einer Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>legung des ontologischen Beweises hat er ein allgemeines und ausgebreitetes Glück<lb n="34"/>gemacht; Hr. Sch. hat diese Form utiliter acceptirt, und sie nicht nur überhaupt<lb n="35"/>gebraucht, sondern auch die kantischen Worte, man sehe S. 71. u. sonst, buchstäblich<lb n="36"/>nachgesprochen; er ruft gleichfalls 1. Th. S. 618. in dem kantischen Tone aus: »ist<lb n="37"/>jemahls ein blendender Versuch gemacht worden, das Reich der <hi rendition="#g">objectiven</hi></p>
<pb n="224" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=231" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="48–50"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> unmittelbar <hi rendition="#g">an</hi> die Sphäre <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi> zu knüpfen, und aus<lb n="2"/>dieser in jenes <hi rendition="#g">lediglich</hi> durch die Hülfe einer wiederum aus <hi rendition="#g">lauter</hi> <hi rendition="#g">Begriffen</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">verfertigten</hi> <hi rendition="#g">Brücke</hi> überzuschreiten, so ist es in der Ontotheologie geschehen;<lb n="4"/>gleichwohl ist neuerlich (wie verblendet war die Philosophie doch vor diesen neuen<lb n="5"/>Zeiten!) die leere Spitzfindigkeit und das Blendwerk, welches man damit treibt,<lb n="6"/>völlig aufgedeckt worden.«</p>
<p><lb n="7"/>Hr. Sch. hat nun nichts gethan, als diese neuerliche vortreffliche Entdeckung<lb n="8"/>Kants, wie die unzähligen Kantianer auch thaten, aufzunehmen, und diesen höchst<lb n="9"/>einfachen Witz links und rechts, und gegen den Vater der Erfindung selbst allent<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>halben anzubringen, und mit einem und eben demselben Aetzmittel alle seine Theile<lb n="11"/>anzugreifen und aufzulösen.</p>
<p><lb n="12"/>Auch die Wissenschaft der Philosophie wiederholt nur immer eine und eben die<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>selbe vernünftige Identität, aber dieser Wiederholung quellen aus Bildungen neue<lb n="14"/>Bildungen hervor, aus denen sie sich zu einer vollständigen organischen Welt aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bildet, die in ihrem Ganzen, so wie ihren Theilen als dieselbe Identität erkannt wird;<lb n="16"/>die ewige Wiederhohlung jenes Gegensatzes aber, der auf Desorganisation und das<lb n="17"/>nihil negativum ausgeht, ist von seiner negativen Seite ein ewiges Gießen des Wassers<lb n="18"/>in ein Sieb, von seiner positiven Seite aber, die beständige und mechanische An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wendung einer und eben derselben verständigen Regel, daraus nie neue Form aus<lb n="20"/>Form hervorkommt, sondern immer dasselbe mechanische Werk gethan wird; diese<lb n="21"/>Anwendung gleicht der Arbeit eines Holzhackers, der immer denselben Streich führt,<lb n="22"/>oder eines Schneiders, der für eine Armee Uniformen zuschneidet. Es wird hier, was<lb n="23"/>Jacobi vom Wissen überhaupt meynt, eigentlich das Nürrenberger Grillenspiel<lb n="24"/>immerfort gespielt, das uns aneckelt, sobald uns alle seine Gänge und möglichen<lb n="25"/>Wendungen bekannt und geläufig sind. Dieser Skepticismus hat zu seinem Spiel<lb n="26"/>vollends nur Einen einzigen Gang und nur Eine Wendung, und auch diese ist ihm<lb n="27"/>nicht eigen, sondern er hat sie vom Kantianismus hergehohlt. Dieser Charakter des<lb n="28"/>neuesten Skepticismus wird sich an demjenigen, was er seine Gründe nennt, und an<lb n="29"/>einem Beispiel ihrer Anwendung aufs klarste darthun.</p>
<p><lb n="30"/>Er gibt sich schon sattsam aus der Art zu erkennen, wie er seinen Gegenstand,<lb n="31"/>nemlich das Interesse der speculativen Vernunft aufgefaßt hat, nemlich als die Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gabe, den <hi rendition="#g">Ursprung</hi> menschlicher Erkenntnisse der Dinge <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erklären</hi>; zu dem<lb n="33"/>bedingt existirenden das unbedingt existirende auszuspioniren; es werden hier in der<lb n="34"/>Vernunft erstens die Dinge dem Erkennen entgegengesetzt, zweitens eine Erklärung<lb n="35"/>ihres Ursprungs, und damit das Causalverhältniß hineingetragen; nun ist der Grund<lb n="36"/>des Erkennens ein anderes, als das begründete des Erkennens, jener der Begriff, dieses<lb n="37"/>das Ding, und nachdem einmal diese grundfalsche Vorstellung vom vernünftigen<lb n="38"/>Denken vorausgesetzt ist, so ist nun weiter nichts zu thun, als immer zu wiederholen,<lb n="39"/>daß Grund und Begründetes, Begriff und Ding zweierlei sind; daß alles vernünftige</p>
<pb n="225" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=232" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="50–52"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Erkennen darauf gehe, ein Seyn aus dem Denken, Existenz aus Begriffen, wie mit<lb n="2"/>gleichfalls kantischen Worten gesagt wird, <hi rendition="#g">herauszuklauben</hi>.</p>
<p><lb n="3"/>Nach diesem neuesten Skepticismus ist das menschliche Erkenntnißvermögen ein<lb n="4"/>Ding, das Begriffe hat, und weil es nichts hat, als Begriffe, kann es nicht zu den<lb n="5"/>Dingen, die draussen sind, hinaus gehen; es kann sie nicht <hi rendition="#g">ausforschen</hi> noch <hi rendition="#g">aus</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">kundschaften</hi> – denn beide sind (1. Th. S. 69.) <hi rendition="#g">specifisch</hi> verschieden; kein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>nünftiger wird in <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Besitze</hi> der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> von Etwas dieses Etwas zugleich<lb n="8"/>selbst zu <hi rendition="#g">besitzen</hi> wähnen.</p>
<p><lb n="9"/>Es äußert sich nirgends, daß dieser Skepticismus so consequent wäre, zu zeigen,<lb n="10"/>daß auch kein Vernünftiger sich im <hi rendition="#g">Besitz</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> von Etwas wäh<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nen werde; indem ja die Vorstellung auch ein Etwas ist, kann der Vernünftige nur<lb n="12"/>die Vorstellung der Vorstellung, nicht die Vorstellung selbst, und wieder auch nicht<lb n="13"/>die Vorstellung der Vorstellung, da diese Vorstellung der zweyten Potenz auch ein<lb n="14"/>Etwas ist, sondern nur die Vorstellung der Vorstellung der Vorstellung u.s. fort ins<lb n="15"/>Unendliche zu besitzen wähnen; oder da die Sache einmal so vorgestellt wird, daß<lb n="16"/>es zwei verschiedene Taschen gäbe, davon eine die Etwas, welche Vorstellungen, die<lb n="17"/>andere die Etwas, welche Dinge, enthalte, so sieht man nicht, warum jene die volle,<lb n="18"/>diese die ewig leere bleiben solle.</p>
<p><lb n="19"/>Der Grund, daß jene voll <hi rendition="#g">ist</hi>, daß wir diese aber nur voll wähnen, könnte kein<lb n="20"/>anderer seyn, als daß jene das Hemd, diese der Rock des Subjects wäre, die Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stellungentasche ihm näher, die Sachentasche aber entfernter liege; allein so würde<lb n="22"/>der Beweis durch ein Voraussetzen dessen geführt, was bewiesen werden sollte;<lb n="23"/>denn die Frage geht ja eben um den Vorzug der Realität des subjectiven und des<lb n="24"/>objectiven.</p>
<p><lb n="25"/>Mit diesem skeptischen Grundwesen, daß allein darauf reflectirt werden soll, daß<lb n="26"/>die Vorstellung nicht das Ding sey, das vorgestellt wird, und nicht darauf, daß beide<lb n="27"/>identisch sind, stimmt es freylich schlecht zusammen, was von der unläugbaren<lb n="28"/>Gewißheit der Thatsachen des Bewußtseyns gesagt wird; denn nach Hrn. Sch.<lb n="29"/>(1. Th. S. 68.) sind die Vorstellungen in so fern wahr, real, und machen eine Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>niß aus, als sie mit dem, worauf sie sich beziehen, und was durch sie vorgestellt wird,<lb n="31"/><hi rendition="#g">vollkommen</hi> <hi rendition="#g">übereinstimmen</hi>, oder <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">anders</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">vorhalten</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Vorgestellten</hi> <hi rendition="#g">befindlich</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, und S. 70. setzen wir<lb n="33"/>im <hi rendition="#g">täglichen</hi> Leben eine <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">Uebereinstimmung</hi> beständig als gewiß vor<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>aus, ohne uns um deren Möglichkeit im geringsten zu bekümmern, wie die neuere<lb n="35"/>Metaphysik thue. – Worauf anders gründet denn nun Hr. Schulze die unläugbare<lb n="36"/>Gewißheit der Thatsachen des Bewußtseyns, als auf die absolute Identität des Den<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>kens und Seyns, des Begriffs und des Dings, er – der dann wieder in Einem Athemzug</p>
<pb n="226" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=233" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="52–54"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>das Subjective, die Vorstellung, und das Objective, das Ding für specifisch verschie<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>den erklärt. Im täglichen Leben, sagt Hr. Sch., <hi rendition="#g">setzen</hi> wir jene Identität voraus; daß<lb n="3"/>sie eine <hi rendition="#g">Vorausgesetzte</hi> ist im täglichen Leben, heißt, sie ist im gemeinen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyn nicht vorhanden; <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">neuere</hi> <hi rendition="#g">Metaphysik</hi> <hi rendition="#g">suche</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Identität</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">ergründen</hi>; aber daran, daß die neuere Philosophie die<lb n="6"/>Möglichkeit der im gemeinen Leben <hi rendition="#g">vorausgesetzten</hi> Identität zu ergründen<lb n="7"/>suche, ist ja kein wahres Wort; denn sie thut nichts, als jene vorausgesetzte Identität<lb n="8"/>aussprechen und erkennen; eben weil im täglichen Leben jene Identität eine voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gesetzte ist, setzt das gemeine Bewußtseyn das Object immer als ein anderes, als das<lb n="10"/>Subject; und das objective untereinander so wie das subjective wieder als eine un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>endliche Mannichfaltigkeit von absolut Verschiedenem; diese fürs gemeine Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn nur vorausgesetzte, bewußtlose Identität bringt die Metaphysik zum Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn, sie ist ihr absolutes und einziges Prinzip. Einer Erklärung wäre die Identität nur<lb n="14"/>fähig, in so fern sie nicht eine, wie Hr. Sch. das nennt, im täglichen Leben voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesetzte, sondern eine wirkliche, d. h. eine durchaus bestimmte und endliche, und<lb n="16"/>also auch das Subject und das Object ein endliches ist; aber eine Erklärung <hi rendition="#g">dieser</hi><lb n="17"/>Endlichkeit insofern sie wieder das Causalverhältniß setzt, fällt außerhalb der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sophie. – Hr. Schulz sagt von dieser Uebereinstimmung S. 70., ihre Möglichkeit sey<lb n="19"/>eines der größten <hi rendition="#g">Räthsel</hi> der menschlichen Natur, und in diesem Räthsel sey zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gleich das Geheimniß der <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Erkenntniß</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> a<lb n="21"/><hi rendition="#g">priori</hi>, d. h. <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">ehe</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> <hi rendition="#g">angeschaut</hi> <hi rendition="#g">haben</hi>. – Da lernen wir<lb n="22"/>denn recht, was eine Erkenntniß a priori ist; draußen sind die Dinge; inwendig ist das<lb n="23"/>Erkenntnißvermögen; wenn dieses erkennt, ohne die Dinge anzusehen, erkennt es<lb n="24"/>a priori. – Um von diesen drey Seiten 68–70., welche die wahre Quintessenz der<lb n="25"/>Begriffe dieses neuesten Skepticismus über Philosophie enthalten, nichts auszulassen,<lb n="26"/>müssen wir noch bemerken, daß Hr. Sch. darüber, worin das eigentlich Positive der<lb n="27"/>Uebereinstimmung der Vorstellungen mit ihren realen Objecten bestehe, sagt, daß<lb n="28"/>sich das weiter nicht mit Worten beschreiben noch angeben lasse; <hi rendition="#g">jeder</hi> meiner<lb n="29"/><hi rendition="#g">Leser</hi> muß es vielmehr dadurch kennen zu lernen suchen, daß er es dann, wenn er<lb n="30"/>sich desselben (des positiven) bewußt ist, beobachte, und <hi rendition="#g">etwa</hi> <hi rendition="#g">zusieht</hi>, was er<lb n="31"/>wahrgenommen und aufgefaßt habe, wenn er durch Vergleichung einer Vorstellung,<lb n="32"/>die er sich in der <hi rendition="#g">Abwesenheit</hi> einer Sache von ihr machte, mit der Sache selbst,<lb n="33"/>sobald sie von ihm angeschaut wird, findet, daß jene mit dieser vollkommen über<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>einstimmt, und solche genau darstellt. Was soll denn nun diese Erläuterung? Läuft<lb n="35"/>denn das Ganze der Uebereinstimmung (oder Nichtübereinstimmung) der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>stellung mit dem Object wieder auf einen psychologischen Unterschied der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>wart und Abwesenheit, des wirklichen Anschauens und der Erinnerung hinaus?</p>
<pb n="227" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=234" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="54–55"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Sollte denn den Lesern in der Abwesenheit von einer Sache, die Uebereinstimmung<lb n="2"/>einer Vorstellung mit dem Object, die vorhanden ist in dem Wahrnehmen, ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>wischen, und ihrem Bewußtseyn jetzt etwas anderes <hi rendition="#g">vorgehalten</hi> werden, als was<lb n="4"/>im vorgestellten Dinge <hi rendition="#g">befindlich</hi> ist, um in Hn. Sch. Ausdrücken zu sprechen.<lb n="5"/>Kaum hatte sich die Identität des Subjects und Objects, worein die unläugbare<lb n="6"/>Gewißheit gesetzt wird, blicken lassen, so findet sie sich, man weiß nicht wie, auch<lb n="7"/>gleich nur wieder in die empirische Psychologie versetzt; sie sinkt bei Zeiten in eine<lb n="8"/>psychologische Bedeutung zurück, um bei der Kritik der Philosophie selbst und im<lb n="9"/>Skepticismus vollends ganz vergessen zu werden und der Nichtidentität des Subjects<lb n="10"/>und Objects, des Begriffs und des Dings das Feld zu lassen.</p>
<p><lb n="11"/>Diese Nichtidentität zeigt sich als Princip in demjenigen, was die <hi rendition="#g">drey</hi> <hi rendition="#g">Gründe</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> genannt wird. Wie die alten Skeptiker keine Dogmen, Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sätze hatten, sondern ihre Formen Tropen, Wendungen nannten, was sie auch, wie<lb n="14"/>wir gesehen haben, waren; so vermeidet Hr. Sch. gleichfalls den Ausdruck: Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">sätze</hi>, Principien, und nennt sie, ungeachtet sie völlig dogmatische Thesen sind, nur<lb n="16"/>Gründe. Die Mehrheit dieser Gründe hätte durch eine vollständigere Abstraction<lb n="17"/>erspart werden können; denn sie drücken nichts als das Eine Dogma aus: daß Begriff<lb n="18"/>und Seyn nicht Eins ist.</p>
<p><lb n="19"/>Sie lauten folgendermaßen: 1. Th. S. 613ff. <hi rendition="#g">Erster</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi>: <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">fern</hi> <hi rendition="#g">die</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">soll</hi>, <hi rendition="#g">bedarf</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">unbedingt</hi> <hi rendition="#g">wahrer</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">Grundsätze</hi>. <hi rendition="#g">Dergleichen</hi> <hi rendition="#g">Grundsätze</hi> <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">unmöglich</hi>.</p>
<p><lb n="22"/>Ist dieß nicht dogmatisch? sieht dieß dem Ausdruck einer skeptischen Wendung<lb n="23"/>ähnlich? Auch bedarf ein solches Dogma: daß unbedingt wahre Grundsätze <hi rendition="#g">un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">möglich</hi> seyen, eines <hi rendition="#g">Beweises</hi>; aber weil es diesem Dogmatismus einfällt, daß<lb n="25"/>er sich einen Skepticismus nennt, so wird wieder der Ausdruck: Beweis, vermieden,<lb n="26"/>und das Wort <hi rendition="#g">Erläuterung</hi> statt dessen gebraucht; wie kann aber ein solches<lb n="27"/>äußeres Aussehen die Sache ändern?</p>
<p><lb n="28"/>Die <hi rendition="#g">Erläuterung</hi> also gibt wie immer den speculativen Philosophen schuld,<lb n="29"/>daß sie aus bloßen <hi rendition="#g">Begriffen</hi> die Einsicht von der <hi rendition="#g">Existenz</hi> übersinnlicher Dinge<lb n="30"/>schöpfen zu können glauben; der Beweis selbst geht darauf, daß in einem Satze,<lb n="31"/>d. heiße einer Verbindung von Vorstellungen und Begriffen, weder in der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bindung (copula), noch in den Begriffen des Satzes eine <hi rendition="#g">Uebereinstimmung</hi> des<lb n="33"/><hi rendition="#g">Satzes</hi> mit dem <hi rendition="#g">dadurch</hi> <hi rendition="#g">Gedachten</hi> als nothwendig gegeben sey; – die copula<lb n="34"/>sey nur das Verhältniß des Prädicats zum Subject <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Verstande</hi>, (also etwas rein<lb n="35"/>subjectives,) und habe ihrer Natur nach gar keine Beziehung auf etwas außer dem<lb n="36"/>Denken des Verstandes; – in den Begriffen des Prädicats und Subjects nichts, – denn<lb n="37"/>mit der Wirklichkeit des Begriffes im Verstande ist nur dessen <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi>,</p>
<pb n="228" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=235" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="55–57"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>d. h. daß er sich nicht widerspricht, nicht aber auch dieß, daß er <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">von</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">verschiedenes</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">habe</hi>, <hi rendition="#g">gegeben</hi>. Hier ist denn auch der rechte<lb n="3"/>Ort, wo Hrn. Sch. das Blendwerk und die leere Spitzfindigkeit des ontologischen<lb n="4"/>Beweises vom Daseyn Gottes einfällt. – Nichts als eine Wiederhohlung dieser<lb n="5"/>Erläuterung ist:</p>
<p><lb n="6"/><hi rendition="#g">Zweyter</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi>: S. 620. <hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">speculative</hi> <hi rendition="#g">Philosoph</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">obersten</hi> <hi rendition="#g">Gründen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">bedingterweise</hi> <hi rendition="#g">vorhandenen</hi> <hi rendition="#g">erkannt</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">haben</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">vorgibt</hi>, <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">Begriffen</hi> <hi rendition="#g">aufgefaßt</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">gedacht</hi>. <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">bloßen</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">Begriffen</hi> <hi rendition="#g">beschäftigte</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Vermögen</hi>, <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> <hi rendition="#g">gemäß</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">vorstellig</hi> <hi rendition="#g">machen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">können</hi>.</p>
<p><lb n="11"/>In der <hi rendition="#g">Erläuterung</hi> sagt der Vf., daß der <hi rendition="#g">Verstand</hi> bei den speculativen<lb n="12"/>Philosophen <hi rendition="#g">oder</hi> Erforschern der Existenz der Dinge aus bloßen Begriffen, in<lb n="13"/>einem solchen Ansehen stehe, daß derjenige, welcher dieses Ansehen im geringsten<lb n="14"/>in Zweifel zieht, sich dem Verdacht und der Beschuldigung aussetzt, wenig oder<lb n="15"/>wohl gar keinen Verstand zu haben. Hieran ist abermahl vielmehr das Gegentheil<lb n="16"/>wahr, indem die Speculation den Verstand durchaus für unfähig zur Philosophie<lb n="17"/>hält. – Hr. Sch. fährt fort, daß wir uns doch besinnen müssen, ob <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi><lb n="18"/>dem Verstande jene Vollkommenheit zugestehen könne. – Was <hi rendition="#g">soll</hi> denn nun die<lb n="19"/>Vernunft hier? warum hat der Hr. Vf. in dem zweyten Grunde selbst, nur von dem<lb n="20"/>Verstande, wovon in der Speculation gar keine Frage ist, und nicht von der Vernunft<lb n="21"/>gesprochen; als ob er der Philosophie den Verstand, diesem Skepticismus aber die<lb n="22"/>Vernunft zueignete; wir finden aber die paarmal, daß das Wort Vernunft vorkommt,<lb n="23"/>es nur wie ein vornehmes Wort gebraucht, das Aufsehen erregen soll; was diese<lb n="24"/>Vernunft producirt, ist nie etwas anders, als daß der Begriff nicht das Ding sey;<lb n="25"/>und eine solche Vernunft ist es gerade, welche von der Speculation Verstand genannt<lb n="26"/>wird.</p>
<p><lb n="27"/><hi rendition="#g">Dritter</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi>: (S. 627.) <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">speculative</hi> <hi rendition="#g">Philosoph</hi> <hi rendition="#g">stützt</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">vor</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">gebliche</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Gründen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">bedingterweise</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">Existirenden</hi> <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">vorzüglich</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Schluß</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wirkung</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">angemessenen</hi> <hi rendition="#g">Ursache</hi>. <hi rendition="#g">Von</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wirkung</hi> <hi rendition="#g">läßt</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">geringsten</hi> <hi rendition="#g">mit</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">einiger</hi> <hi rendition="#g">Sicherheit</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beschaffenheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ursache</hi> <hi rendition="#g">schließen</hi>. – In<lb n="33"/>der <hi rendition="#g">Erläuterung</hi> wird behauptet, daß wenn man nicht etwa <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">Eingebung</hi><lb n="34"/>zur Erkenntniß dessen, was allem Bedingten zum Grunde liegen mag, gekommen<lb n="35"/>seyn will; so könne sie nur eine durch das Princip der Causalität vermittelte Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>niß seyn. – Von der speculativen Philosophie ist diese Voraussetzung, daß in ihr das<lb n="37"/>Causalitätsverhältniß vorzüglich herrschend sey, wieder grundfalsch; denn es ist</p>
<pb n="229" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=236" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="57–59"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>vielmehr völlig aus ihr verbannt; wenn es in der Form von Produciren und Product<lb n="2"/>etwa vorzukommen scheint, so wird es, indem das Producirende und das Product<lb n="3"/>gleich gesetzt werden, die Ursache gleich der Wirkung, Ein und eben dasselbe als<lb n="4"/>Ursache seiner selbst, und als Wirkung seiner selbst, damit unmittelbar aufgehoben,<lb n="5"/>und nur der Ausdruck des Verhältnisses, aber nicht das Verhältniß angewendet; – daß<lb n="6"/>in der speculativen Philosophie von der Beschaffenheit des Bedingten auf das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bedingte <hi rendition="#g">geschlossen</hi> werde, davon ist ohnehin keine Rede.</p>
<p><lb n="8"/>Dieß ist (S. 643.) nun »das Verzeichniß, und der Inhalt der allgemeinen Gründe,<lb n="9"/>um deren willen der Skeptiker den Lehren aller Systeme der Philosophie, die bisher<lb n="10"/>aufgestellt worden sind, oder noch künftig aufgestellt werden möchten, Gewißheit<lb n="11"/>abspricht, und welche ihn bestimmen, keinem einzigen dieser Systeme gegründete<lb n="12"/>Ansprüche auf Wahrheit beyzulegen.« Man hat aber gesehen, daß diese Gründe mit<lb n="13"/>der Philosophie nichts zu schaffen haben, indem die Philosophie nicht ein Ding aus<lb n="14"/>Begriffen heraus zu klauben, noch eine jenseits der Vernunft liegende Sache aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zukundschaften, überhaupt, weder mit dem, was der Hr. Vf. Begriffe nennt, noch<lb n="16"/>mit Dingen beschäftigt ist, noch von Wirkungen auf Ursachen schließt.</p>
<p><lb n="17"/>Aus diesen Gründen, sagt Hr. Sch. (S. 610.), sehe sich der Skeptiker bewogen,<lb n="18"/>wenn er den eigentlichen Zweck der Philosophie, und seine Bedingungen, und zu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gleich <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Fähigkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">menschlichen</hi> <hi rendition="#g">Gemüths</hi>, zu einer realen und sichern<lb n="20"/>Erkenntniß zu gelangen, in Erwägung zieht, nicht einsehen zu können, wie jemahls<lb n="21"/>eine Erkenntniß des Uebersinnlichen zu Stande kommen solle, wenn anders sich<lb n="22"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Einrichtung</hi> des menschlichen Erkentnißvermögens <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ändert</hi>, <hi rendition="#g">wie</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Vernünftiger</hi> <hi rendition="#g">erwartet</hi>, und worauf hin eine Hoffnung zu nähren<lb n="24"/><hi rendition="#g">thöricht</hi> seyn <hi rendition="#g">würde</hi>. Und um so thörichter würde die Nährung einer solchen<lb n="25"/>Hoffnung seyn, da eine Philosophie auch bei der Einrichtung des menschlichen<lb n="26"/>Gemüths, wie sie im laufenden Jahre sich vorfindet, möglich ist.</p>
<p><lb n="27"/>Diese Waffen sind es, mit welchen nun die Systeme Locke’s, Leibnitzens, Kants<lb n="28"/>bekämpft werden; das System Locke’s, und Leibnitzens nemlich, als Systeme des<lb n="29"/>Realismus, jener eines sensualistischen, dieser eines rationalistischen; Kant’s System<lb n="30"/>aber, als System des transscendentalen Idealismus; der neuere transscendentale Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mus ist für einen dritten Band aufgespart.</p>
<p><lb n="32"/>Der erste Band enthält <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Darstellung</hi> dieser Systeme, des Lockischen von<lb n="33"/>S. 113–140., des Leibnitzischen 141–172. Von S. 172–582. aber erhalten wir wieder<lb n="34"/>einen Auszug der so oft ausgezogenen Kantischen Kritik der reinen Vernunft; der<lb n="35"/>folgende Theil bis zu Ende ist dem oben dargestellten Skepticismus gewidmet.</p>
<pb n="230" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=237" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="59–61"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Der zweyte Band enthält die Kritik dieser Systeme nach den oben beleuchteten<lb n="2"/>Gründen; – des Lockischen Systems von S. 7–90., des Leibnitzischen von S. 91–125.<lb n="3"/>Dem Kantischen sind 600 Seiten gewidmet.</p>
<p><lb n="4"/>Als ein Beyspiel, wie diese skeptischen Gründe auf diese Systeme angewendet<lb n="5"/>werden, geben wir die Art, wie der Hr. Vf. Leibnitzens angebohrne Begriffe be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>streitet; diese Widerlegung Leibnitzens nimmt II. B. S. 100. folgenden Verlauf. –<lb n="7"/>Seit überhaupt Leibnitz darinn, daß der Grund der nothwendigen Urtheile bloß im<lb n="8"/>Gemüthe selbst liege, und daß also der Verstand schon à priori Erkenntnisse enthalte,<lb n="9"/>den Ton angegeben hat, so hat man es freylich unzähligemahl wiederhohlt, daß<lb n="10"/>nothwendige Urtheile nur aus dem erkennenden Subjecte selbst herrühren können;<lb n="11"/>aber man hat bis jetzt noch keine einzige Eigenschaft dieses Subjects nachgewiesen,<lb n="12"/>vermöge welcher es sich ganz besonders dazu qualificirte, die Quelle nothwendiger<lb n="13"/>Urtheile zu seyn, und weder in der Einfachheit, noch in der Substantialität, noch auch<lb n="14"/>in der Erkenntnißfähigkeit desselben wird der Grund zu einer solchen Qualification<lb n="15"/>angetroffen. – Sind denn die Einfachheit, und die Substantialität der Seele Quali<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>täten, welche dieser Skepticismus zugibt? – Wenn es bey der Behauptung noth<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wendiger Urtheile nur darauf ankäme, sie in einer Qualität der Seele aufzuzeigen, so<lb n="18"/>ist ja nichts zu thun, als zu sagen, die Seele habe die Qualität nothwendiger Urtheile.<lb n="19"/>Wenn der Hr. Vf. alsdenn behauptet, daß so weit unsere Einsicht von unserem er<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>kennenden Ich reiche, so weit treffen wir auch in demselben nichts an, was dasselbe<lb n="21"/>bestimmte, eine Quelle nothwendiger Urtheile seyn zu müssen; so sagt er doch un<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>mittelbar darauf, daß die Objecte unseres Denkens bald zufällige, bald nothwendige<lb n="23"/>Urtheile sind; man könne aber nicht sagen, die letztern Urtheile hätten mehr<lb n="24"/>Beziehung auf den Verstand und dessen Natur, als wie jene, und es gehöre zum<lb n="25"/>Wesen unsers Verstandes, nothwendige Urtheile hervorzubringen; man hat aber ja<lb n="26"/>nur anzunehmen, es gebe zweyerley Qualitäten des Verstands, eine Qualität der<lb n="27"/>zufälligen, eine andere der nothwendigen Urtheile, auf diese Weise ist die Quali<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>fication unseres Gemüths zu nothwendigen Urtheilen eben so gut aufgewiesen, als<lb n="29"/>die andern Qualitäten in einer empir. Psychologie. Hr. Sch. gibt ja die nothwendigen<lb n="30"/>Urtheile als eine Thatsache des Bewußtseyns zu.</p>
<p><lb n="31"/>Dasjenige aber, was Leibnitz von <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> der angebohrnen Begriffe und<lb n="32"/>Einsichten der reinen Vernunft sagt, sey vollends noch grundloser, und <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">müsse</hi><lb n="33"/>sich <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">wundern</hi>, wie hierbey der Mann, dem die Erfordernisse zu einem<lb n="34"/>gültigen Beweise <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> unbekannt waren, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">wenig</hi> <hi rendition="#g">Aufmerksamkeit</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> Vorschriften <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Logik</hi> beweisen konnte. – Hier lernen wir vorerst, woran<lb n="36"/>es Leibnitz hat fehlen lassen, nemlich an Aufmerksamkeit auf die Logik; und Hr.<lb n="37"/>Sch. wundert sich wirklich darüber; woran es aber Leibnitz nicht fehlte, sondern was</p>
<pb n="231" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=238" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="61–63"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>er zu viel hatte, war Genie, wie wir unten noch finden werden; und darüber, daß ein<lb n="2"/>Mensch Genie hat, wird man sich doch auch wirklich wundern müssen.</p>
<p><lb n="3"/>Nemlich: es versteht sich nicht von selbst, daß wenn es angebohrne Begriffe und<lb n="4"/>Grundsätze in unserem Gemüthe gibt, auch etwas ihnen Entsprechendes außer den<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>selben da sey, worauf sie sich beziehen, und das sie, so wie es seiner objectiven Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichkeit nach ist, zu erkennen geben; denn <hi rendition="#g">Begriffe</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Urtheile</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> sind<lb n="7"/><hi rendition="#g">ja</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> die dadurch gedachten <hi rendition="#g">Objecte</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, und mit der Nothwendigkeit<lb n="8"/>der Beziehung des Prädicats auf das Subject in unserem Denken derselben ist keines<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>weges die davon <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">ganz</hi> verschiedene Beziehung des Gedankens auf ein<lb n="10"/>außer ihm existirendes reales Ding gegeben. Man sieht, der Hr. Vf. nimmt die<lb n="11"/>angebohrnen Begriffe in dem grellsten Sinne, der möglich ist; nach seiner Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stellung wird ein Subject gebohren, mit einem Packet Wechsel im Kopfe, welche<lb n="13"/>auf eine außerhalb jenes Kopfes existirende Welt gezogen sind; die Frage aber wäre,<lb n="14"/>ob die Wechsel von dieser Bank acceptirt werden, ob sie nicht falsch sind; – oder mit<lb n="15"/>einem Haufen Lotterieloose in der Seele, von denen man niemals erfahren wird, ob<lb n="16"/>sie nicht lauter Nieten sind; weil kein Ziehen der Lotterie erfolgt, durch das sie<lb n="17"/>realisirt würden. Dieß ist, fährt der Hr. Vf. fort, auch jederzeit von den Vertheidigern<lb n="18"/>der angebohrnen Begriffe und Grundsätze in der menschlichen Seele eingesehen<lb n="19"/>und zugestanden worden, und daher haben sie einen <hi rendition="#g">Beweis</hi> für die Wahrheit<lb n="20"/>dieser Begriffe und Grundsätze zu geben, <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> genauer zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stimmen gesucht, wie sich solche Begriffe auf reale Dinge beziehen sollen. In der<lb n="22"/>Anmerkung wird angeführt, nach dem Plato seyen die Begriffe und Grundsätze,<lb n="23"/>welche die Seele angebohren in das gegenwärtige Leben mitbringt, und wodurch<lb n="24"/>wir allein vermögend sind, das Wirkliche wie es ist, nicht wie es uns durch die Sinne<lb n="25"/>erscheint, zu erkennen, bloße Erinnerungen derjenigen Anschauungen der Dinge,<lb n="26"/>deren die Seele während ihres Umgangs mit Gott theilhaftig war; Cartesius lasse es<lb n="27"/>dabey bewenden, daß er sich auf die Wahrhaftigkeit Gottes berufe; Spinoza sey das<lb n="28"/>Denken unseres Verstandes deßhalb wahr, weil es aus den Vorstellungen und Er<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>kenntnissen der Gottheit besteht, in so fern sie das Wesen unseres Geistes ausmachen,<lb n="30"/>welche Erkenntnisse der Gottheit mit dem dadurch Erkannten aber vollkommen<lb n="31"/>übereinstimmen müssen, und sogar mit diesem Erkannten ein und dasselbe Ding<lb n="32"/>seyen. Nach Leibnitzen soll den in unserm Gemüthe a priori liegenden Grundsätzen<lb n="33"/>und darin enthaltenen Vorstellungen aus dem Grunde Wahrheit und Realität zu<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>kommen, weil sie Abbildungen der in dem Verstande der Gottheit befindlichen<lb n="35"/>Begriffe und Wahrheiten, welche das Princip der Möglichkeit, Existenz und Beschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>fenheit aller realen Dinge in der Welt sind, sind. Durch die Stellung, welche Hr.<lb n="37"/>Sch. der Sache gegeben hat, hat er aber, noch ehe er an die Kritik kommt, die Sache<lb n="38"/>unmittelbar verrückt; ist es denn dem Plato, Spinoza, Cartesius, Leibnitz eigentlich<lb n="39"/>um eine Beweisführung zu thun gewesen, daß den angebohrnen Begriffen, oder der</p>
<pb n="232" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=239" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–64"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Vernunft, eine Realität entspreche; oder um eine Bestimmung der Art, wenn diese<lb n="2"/>Philosophen, als Grund der Wahrheit derselben, Gott setzen? Die Folge ist nach<lb n="3"/>Hrn. Sch. diese: a) subjective Begriffe, die für sich ohne Realität sind, alsdenn b) eine<lb n="4"/>außerhalb ihrer liegende Realität, jetzt c) die Frage, wie das zusammenkomme;<lb n="5"/>d) der Beweis ihrer Wahrheit in einem, den Begriffen und der Realität fremden; jene<lb n="6"/>Philosophen haben vielmehr jene, wie Hr. Sch. sagt, im täglichen Leben voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gesetzte Identität des Begriffs und der Realität erkannt, und sie Verstand Gottes<lb n="8"/>genannt, in welchem Wirklichkeit und Möglichkeit Eins sey.</p>
<p><lb n="9"/>Wir wollen hierbey, lautet des Vfs. Urtheil hierüber, nicht untersuchen, ob dieses<lb n="10"/>Argument für die Wahrheit und Zuverlässigkeit der angebohrnen Begriffe am Ende<lb n="11"/>nicht mit <hi rendition="#g">theosophischen</hi> <hi rendition="#g">Grillen</hi> über die Verwandtschaft unserer Seele mit<lb n="12"/>der Natur Gottes in Verbindung stehe und daraus abgeleitet worden sey, welches<lb n="13"/>man sonst aus dem abnehmen kann, was Leibnitz von der Entstehung der endlichen<lb n="14"/>Monaden aus der obersten Monas lehrte.</p>
<p><lb n="15"/>Da haben wir denn die Bescheerung! Die Verwandtschaft unserer Seele mit der<lb n="16"/>Natur Gottes sind theosophische Grillen, und wie weit das Argument für die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>heit der Vorstellungen damit in Verbindung stehe, will der Hr. Vf. – wohl aus<lb n="18"/>Schonung – nicht untersuchen. Nun haben aber diese Philosophen der Sache nach<lb n="19"/>statuirt, daß die Seele nichts an sich ist, sondern, was sie ist, in Gott ist; die kürzeste<lb n="20"/>Art hierüber zu sprechen ist, die Philosophie dieser Philosophen für Schwärmerey<lb n="21"/>und theosophische Grillen auszugeben. Doch Hr. Sch. gibt sich die Mine, sich auf<lb n="22"/>den Erkenntnißgrund einlassen zu wollen; so viel, fährt er fort, sieht aber gewiß<lb n="23"/>jeder unserer Leser ein, daß hiebey nothwendig gefragt werden muß: <hi rendition="#g">woher</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">wissen</hi> wir es denn, daß unser Verstand den erhabenen Vorzug besitzt, der Abbil<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>dungen von den ewigen und realen Erkenntnissen theilhaftig worden zu seyn, die<lb n="26"/>im Verstande Gottes vorhanden sind? Da die Sinne von Gott und dessen Eigenschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>ten gar nichts lehren, so kann Leibnitz die Antwort auf diese Frage lediglich aus dem<lb n="28"/>Verstande und aus dessen <hi rendition="#g">angebohrnen</hi> <hi rendition="#g">Einsichten</hi> ableiten und schöpfen, wie<lb n="29"/>er denn auch gethan hat. Folglich drehet er sich in dem Beweise der Wahrheit der<lb n="30"/>angebohrnen Begriffe im Cirkel herum. Freylich! und dreht er sich nicht im Cirkel<lb n="31"/>herum, so hat er ein Causalverhältniß, und nach dem dritten Grunde wird die<lb n="32"/>Brücke von der Wirkung zur Ursache aus lauter Begriffen gebaut, die keine Realität<lb n="33"/>haben. – Es war aber nicht nöthig, die Wahrheit und Zuverläßigkeit der sogenannten<lb n="34"/>angebohrnen Begriffe, – und den erhabenen Vorzug der Theilhaftigkeit an den<lb n="35"/>Abbildungen und den ewigen und realen Erkenntnissen Gottes, zu trennen, und jedes<lb n="36"/>zu einer besondern Qualität, oder wie man das nennen soll, zu machen, sondern bey-</p>
<pb n="233" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=240" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="64–66"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>des ist Eins und dasselbe; es ist von keinem Beweise des erstern aus dem letztern die<lb n="2"/>Rede; es fällt also aller Cirkel weg, und es bleibt nichts übrig, als die Behauptung in<lb n="3"/>einem gedoppelten Ausdruck, daß die Vernunft, nach Leibnitz, ein Bild der Gottheit<lb n="4"/>sey, oder daß sie wahrhaft erkenne. Dieß läuft freylich auf theosophische Grillen<lb n="5"/>hinaus, aber es kann doch nicht geläugnet werden, daß, um in den Ausdrücken<lb n="6"/>dieses Skepticismus zu sagen, jene Verwandtschaft unserer Seele mit der Natur Gottes,<lb n="7"/>und das Vorstellen der Gottheit, eine Thatsache des Bewußtseyns jener Philosophen<lb n="8"/>war; das Bewußtseyn aber ist für diesen Skepticismus der höchste Gerichtshof der<lb n="9"/>Gewißheit und Wahrheit, was im Bewußtseyn gegenwärtig ist, haben wir oben<lb n="10"/>gesehen, kann so wenig bezweifelt werden, als das Bewußtseyn selbst; denn an diesem<lb n="11"/>zu zweifeln ist unmöglich. Da nun in dem Bewußtseyn einiger Philosophen die<lb n="12"/>Realität ihrer Ideen, und die Verwandtschaft ihrer Natur mit der Natur Gottes vor<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>kommt, in dem Bewußtseyn anderer aber nicht, so ist nicht anders fertig zu werden,<lb n="14"/>als jene Philosophen Lügner zu heißen, was nicht angeht, – oder von ihnen zu fodern,<lb n="15"/>daß sie ihr Bewußtseyn begreiflich machen sollten, was wieder nicht verlangt werden<lb n="16"/>kann, denn die im täglichen Leben vorausgesetzte Identität der Vorstellung und des<lb n="17"/>Dings wird von dem gemeinen Bewußtseyn, das jene Foderung machen könnte,<lb n="18"/>ebenfalls nicht begriffen; es bleibt also nichts übrig, als zwey Racen vom Bewußtseyn<lb n="19"/>anzunehmen, eines, das jener Verwandtschaft sich bewußt ist, und ein anderes, das<lb n="20"/>ein solches Bewußtseyn für eine theosophische Grille erklärt.</p>
<p><lb n="21"/>Alsdenn zeigt Hr. Sch. die Grundlosigkeit der Idee, daß die Vernunft deswegen<lb n="22"/>Realität habe, weil sie ein Bild der göttlichen Vernunft sey, auch aus Leibnitzen<lb n="23"/>selbst, denn er sage, daß die Begriffe endlicher Wesen unendlich verschieden seyen<lb n="24"/>von den Begriffen im Verstande Gottes. Hr. Sch. konnte aber den Begriff des Leib<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nitzischen Gegensatzes des endlichen und unendlichen aus der Darstellung des<lb n="26"/>Leibnitzischen Systems im I. B. sehr gut ersehen; oder vielmehr es ist wieder Hr.<lb n="27"/>Sch., der den Gegensatz von endlichem und unendlichem als einen absoluten be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>handelt; in der Darstellung des Leibnitzischen Systems §. 28. heißt es, daß den Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schaften der Gottheit dasjenige <hi rendition="#g">entspricht</hi>, was in den erschaffenen Monaden den<lb n="30"/>Grund der Erkenntnisse und Willensfähigkeit ausmacht; aber in Gott sind sie in<lb n="31"/><hi rendition="#g">unendlichem</hi> Grade und in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">höchsten</hi> <hi rendition="#g">Vollkommenheit</hi> vorhanden; die<lb n="32"/>ihnen <hi rendition="#g">entsprechenden</hi> Eigenschaften in den erschaffenen Monaden hingegen sind<lb n="33"/>bloße <hi rendition="#g">Aehnlichkeiten</hi> derselben, nach dem Grade der Vollkommenheit, den sie<lb n="34"/>besitzen. Vergl. §. 34. und die Anmerkung dabey. – Der Gegensatz also, den Leibnitz<lb n="35"/>zwischen der unendlichen Monade und den endlichen macht, ist, da den Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>kommenheiten der unendlichen, Vollkommenheiten der endlichen entsprechen, und</p>
<pb n="234" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=241" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="66–68"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>diese eine Aehnlichkeit mit jener haben, nicht der absolute Gegensatz des endlichen<lb n="2"/>und unendlichen, wie ihn Hr. Sch. auffaßt, der sich darüber wohl auch so wird aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>drücken können, daß beyde <hi rendition="#g">specifisch</hi> <hi rendition="#g">verschieden</hi> seyen; daß Leibnitz dic<lb n="4"/>absolute Monade unendlich, andere aber endlich setzt und doch von einer Aehnlich<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>keit beyder spricht, wird Hr. Sch. wohl unter die Fälle rechnen, in denen Leibnitz<lb n="6"/>auf die <hi rendition="#g">Vorschriften</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Logik</hi> nicht aufmerksam genug gewesen ist.</p>
<p><lb n="7"/>Ferner ist nach Hrn. Sch. Leibnitzens Beweis, daß die nothwendigen Urtheile des<lb n="8"/>menschlichen Verstandes auch in dem Verstande Gottes vorhanden seyn müssen, dar<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>aus hergenommen, daß jene Urtheile, insofern sie ewige Wahrheiten ausmachen,<lb n="10"/>von aller Ewigkeit her in einem dieselben denkenden und mithin gleichfalls von<lb n="11"/>Ewigkeit her existirenden Verstande, als Bestimmungen desselben, vorhanden seyn<lb n="12"/>müssen. Hr. Sch. fodert, es müßte ja vorher erst dargethan werden, daß ein von<lb n="13"/>Ewigkeit her <hi rendition="#g">existirender</hi> und gewisse Wahrheiten ununterbrochen denkender<lb n="14"/>Verstand <hi rendition="#g">existire</hi>, bevor man behaupten kann, daß es ewig und zu allen Zeiten<lb n="15"/>gültige Wahrheiten gebe; ewige Wahrheiten seyen solche, die nach <hi rendition="#g">unserer</hi> Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sicht jeder Verstand, der sich des Urtheils bewußt ist, eben so denken müsse, wie wir<lb n="17"/>sie denken, und dieß habe folglich keine Beziehung darauf, daß ein die Urtheile<lb n="18"/>wirklich denkender Verstand von Ewigkeit her existirt habe. – Auch hier faßt Hr.<lb n="19"/>Sch. die Existenz des göttlichen Verstandes wieder als eine empirische Existenz, die<lb n="20"/>Ewigkeit als eine empirische Ewigkeit auf.</p>
<p><lb n="21"/>Wir dürfen endlich auch nicht vorbeygehn, was Hr. Sch. über den Leibnitzischen<lb n="22"/>Begriff vom deutlichen und verworrenen Vorstellen beybringt; das Anschauen<lb n="23"/>äußerer Dinge sey nemlich ein Bewußtseyn der unmittelbaren Gegenwart eines, von<lb n="24"/><hi rendition="#g">unserem</hi> <hi rendition="#g">erkennenden</hi> <hi rendition="#g">Subject</hi> (es scheint Hr. Sch. unterscheidet noch unter<lb n="25"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">unter</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Subject</hi>; man könnte nicht anders, als begierig auf eine<lb n="26"/>Auseinandersetzung dieses Unterschiedes seyn; je nachdem sie ausgeführt würde,<lb n="27"/>könnte sie gar auf theosophische Grillen führen) und von dessen bloß subjectiven<lb n="28"/>Bestimmungen verschiedenen <hi rendition="#g">Dings</hi>; daß daher das Anschauen aus der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wirrung der mannichfaltigen Merkmale in einer Vorstellung herrühre, habe gar<lb n="30"/>keinen Sinn und Bedeutung; beydes steht in <hi rendition="#g">keiner</hi> <hi rendition="#g">Verwandtschaft</hi> mitein<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ander. (Die Frage wäre, in welcher Verwandtschaft denn aber das Ich und unser vom<lb n="32"/>Ich zu unterscheidendes Subject, alsdenn dessen subjective und endlich dessen objec<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>tive Bestimmungen miteinander stehen.) Es stände in der Gewalt jedes Menschen,<lb n="34"/>Anschauungen von Dingen nach Belieben in sich hervor zu bringen, und wenn er<lb n="35"/>etwas deutlich gedacht hätte, diesen Zustand des Bewußtseyns auch sogleich in das<lb n="36"/>Anschauen eines Objectes zu verwandeln. Um ein Tausendeck, oder ein Stück Gold,<lb n="37"/>ein Haus, einen Menschen, das Universum, die Gottheit u.s.w. als gegenwärtig an-</p>
<pb n="235" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=242" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="68–70"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>zuschauen, dazu würde nichts erfodert, als daß man die in der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> vom<lb n="2"/>Tausendecke, vom Golde u.s.w. liegenden Merkmahle, nachdem man die Aufmerk<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>samkeit von ihrem Unterschiede abgelenkt hätte, <hi rendition="#g">tüchtig</hi> <hi rendition="#g">miteinander</hi> <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">wirrte</hi>; um hingegen die Anschauung eines Hauses, eines Menschen, Baumes in<lb n="5"/>einen bloßen Begriff zu verwandeln, dazu würde weiter nichts nöthig seyn, als daß<lb n="6"/>man die Theile, die in der sogenannten sinnlichen Vorstellung vorkommen, von<lb n="7"/>einander im Bewußtseyn unterscheide und sich verdeutliche. <hi rendition="#g">Hoffentlich</hi> wird<lb n="8"/>aber wohl <hi rendition="#g">niemand</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Ernste</hi> vorgeben, daß <hi rendition="#g">sein</hi> erkennendes <hi rendition="#g">Subject</hi> (hier:<lb n="9"/>der <hi rendition="#g">Niemand</hi>, und <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Subject</hi>) im Stande sey, durch solche beliebige Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wandlung der Begriffe von Dingen in Anschauungen, und der Anschauungen in<lb n="11"/>Begriffe sich so <hi rendition="#g">unerhörte</hi> <hi rendition="#g">Taschenspielerkünste</hi> vorzumachen. –</p>
<p><lb n="12"/>Da Hr. Sch. sich hier nicht entblödet, recht gemüthlich das speculative, was Leib<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nitz über die Natur des Vorstellenden sagt, auf den Boden des empirischen Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stellens herabzuziehen, und Trivialitäten genau derselben Art, wie sie Nicolai und<lb n="15"/>andere dieses Gelichters gegen den Idealismus vorbringen, gegen Leibnitz auf<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zutischen, so hat wohl auch der neuere Idealismus, dem Hr. Sch. einen dritten Band<lb n="17"/>widmen will, nichts anders zu erwarten, als daß eben diese Erbärmlichkeiten bey ihm<lb n="18"/>wiederholt, und daß er für die Behauptung einer Beliebigkeit des Producirens der<lb n="19"/>Dinge, und eines Verwandelns der Begriffe in Dinge, für die unerhörteste Taschen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>spielerkunst ausgegeben wird.</p>
<p><lb n="21"/>Diese Behandlung der Leibnitzischen Philosophie durch diesen Skepticismus wird<lb n="22"/>als Probe seines Verfahrens hinreichend seyn; so sehr die Leibnitzische Philosophie<lb n="23"/>schon an und für sich fähig war, als vernünftiges System behandelt zu werden, so<lb n="24"/>konnte die <hi rendition="#g">Untersuchung</hi> über die <hi rendition="#g">Kantische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> dadurch vorzüg<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lich interessant werden, daß diese Verstandesphilosophie über ihr eigenes Princip, das<lb n="26"/>sie in der Reflexion hat, emporgehoben, und die große Idee der Vernunft, und eines<lb n="27"/>Systems der Philosophie, die ihr allenthalben wie eine ehrwürdige Ruine, in der sich<lb n="28"/>der Verstand angesidelt hat, zu Grunde liegt, hervorgezogen und dargestellt worden<lb n="29"/>wäre. Die Wirksamkeit dieser Idee wird schon an dem äußern Gerüste ihrer Theile<lb n="30"/>sichtbar; aber sie tritt auch an den Culminationspunkten ihrer Synthesen, besonders<lb n="31"/>in der Kritik der Urtheilskraft, ausgesprochener hervor. Es ist der Geist der Kantischen<lb n="32"/>Philosophie, ein Bewußtseyn über diese höchste Idee zu haben, aber sie ausdrücklich<lb n="33"/>wieder auszurotten. Wir unterscheiden also zweyerley Geist, der in der Kantischen<lb n="34"/>Philosophie sichtbar wird, einen der Philosophie, den das System immer ruinirt, und<lb n="35"/>einen des Systems, der auf das Tödten der Vernunftidee geht; dieser letztere geistlose<lb n="36"/>Geist hat aber auch noch einen Buchstaben, und Hr. Sch. erinnert, daß er den ausdrück<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>lichen Versicherungen Kants gemäß, daß man sein System nach dem Buchstaben<lb n="38"/>nicht nach dem Geist nehmen müsse, sich an den Buchstaben gehalten habe; auf<lb n="39"/>welche Weise er also an den geistlosen Buchstaben des geistlosen Geistes der Philo-</p>
<pb n="236" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=243" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="70–72"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>sophie gerathen ist. Dieß ganz formelle Wesen hat er nun mit eben solchem for<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>mellen Wesen kritisirt; die Kantische Philosophie in die möglichst crasseste Form<lb n="3"/>gegossen, wozu der Vf. durch den Vorgang der Reinholdischen Theorie und anderer<lb n="4"/>Kantianer allerdings berechtigt war; und sie nicht anders als in der Gestalt des<lb n="5"/>krassesten Dogmatismus, der eine Erscheinung, und Sachen an sich hat, die <hi rendition="#g">hinter</hi><lb n="6"/>der <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> wie unbändige Thiere hinter dem Busch der Erscheinung liegen,<lb n="7"/>begriffen; nicht als ob die Kantianer nur mit dem Bild dieser Craßheit geplagt werden<lb n="8"/>sollten, sondern weil, wie wir oben zur Gnüge gesehen haben, das System der un<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>läugbaren Gewißheit der Thatsachen des Bewußtseyns, und dieser Skepticismus, es<lb n="10"/>nicht anders vermag. Für die Kantianer, die in den Buchstaben eingenagelt sind,<lb n="11"/>könnte diese harte Arbeit und die saure Mühe, die sich ein anderer Formalismus mit<lb n="12"/>dem Formalismus Kants macht, so wie das Bild jener Craßheit, wenn sie noch davor<lb n="13"/>zu erschrecken fähig sind, die Wirkung haben, sie zum erschrecken zu bringen; nicht<lb n="14"/>gerade nur das Bild der Kantischen Philosophie, wie es ihnen hier gegeben wird,<lb n="15"/>sondern dieß Bild, wie es sich in der ganzen Continuität dieser vier Alphabete grell<lb n="16"/>genug für sich selbst repräsentirt; so wie auch das mangelhafte des Kantischen For<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>malismus, seine Formen zu deduciren, oder herbeyzuführen, ihnen sattsam gezeigt<lb n="18"/>wird. Aber den Begriff der Vernunft oder der Philosophie würden sie vergeblich<lb n="19"/>darin suchen; welche in dem Gedränge der Thatsachen, und der hinter diesen That<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sachen, wie ihr Schuld gegeben wird, gesuchten Dinge, entwischt ist, und welche<lb n="21"/>daher das ganze Geschäft dieses Skepticismus im geringsten nichts angeht.</p>
<p><lb n="22"/>Schließlich können wir uns nicht enthalten, ein Stück aus der empirischen Psycho<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>logie dieses Skepticismus, nemlich die Art, wie er das Verhältniß des Genies und der<lb n="24"/>Phantasie zur Philosophie sich vorstellt, auszuheben; in der Vorrede S. XXIV. erklärt<lb n="25"/>sich Hr. Sch. wegen seines Vortrags dahin, daß Blumen der Beredsamkeit in Behand<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lungen der Fragen der speculativen Philosophie sehr übel angebracht seyen, denn sie<lb n="27"/>leiten die Vernunft irre, und mischen die Phantasie in das Geschäft der Vernunft ein;<lb n="28"/>wenn es daher auch in seinem Vermögen gestanden hätte, den Vortrag dieser Kritik<lb n="29"/>durch einen beredten und bilderreichen Ausdruck noch mehr zu beleben und an<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ziehender zu machen, so würde er keinen Gebrauch davon gemacht haben. – Von<lb n="31"/>Leibnitz sagt der Hr. Vf. S. 91f., daß wenn das Geschäft der Vernunft beym Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sophiren darin bestünde, durch kühne und <hi rendition="#g">angenehm</hi> unterhaltende Dichtungen<lb n="33"/>über eine <hi rendition="#g">vorgeblich</hi> <hi rendition="#g">hinter</hi> der Sinnenwelt <hi rendition="#g">verborgen</hi> <hi rendition="#g">liegende</hi> transscen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>dentale Welt <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">fast</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Phantasie</hi> in ihrem höchsten Fluge, den sie nur<lb n="35"/>nehmen mag, <hi rendition="#g">zuvorzuthun</hi>, und diesen Dichtungen durch Hülfe gewisser<lb n="36"/>Begriffe Einheit und Zusammenhang zu geben, so hätte Leibnitzen kein einziger<lb n="37"/>Philosoph erreicht, vielweniger übertroffen; es scheine, daß die Natur an ihm habe</p>
<pb n="237" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=244" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="72–73"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DES SKEPTICISMUS ZUR PHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>zeigen wollen, daß es bey der Erreichung des obersten Zwecks der Erkenntnißkräfte<lb n="2"/><hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">bloß</hi> auf den Besitz <hi rendition="#g">großer</hi> <hi rendition="#g">Naturgaben</hi> ankomme, und daß ein von <hi rendition="#g">der</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">Natur</hi> wenig <hi rendition="#g">begünstigter</hi> <hi rendition="#g">Kopf</hi>, wenn er seine Kräfte nur gehörig gebraucht,<lb n="4"/>es <hi rendition="#g">hierin</hi> dem <hi rendition="#g">Genie</hi> nicht nur <hi rendition="#g">gleich</hi>, sondern <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">oft</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">vorthun</hi> <hi rendition="#g">könne</hi>; Hr. Sch. meynt, es würde wohl auch nicht viel herausgekommen<lb n="6"/>seyn, etwa nur neuplatonische Schwärmereyen, wenn Leibnitz seine Philosopheme<lb n="7"/>selbst zu einem System ausgebildet hätte. – Von <hi rendition="#g">Kant</hi> spricht Hr. Sch. darum mit<lb n="8"/>der größten Ehrerbietung, daß die Kritik der reinen Vernunft das Product einer kein<lb n="9"/>Hinderniß scheuenden, und allein durch den freyen Entschluß ihres Vf. entstandenen<lb n="10"/>Anstrengung der Denkkraft sey, und daß <hi rendition="#g">Genie</hi> und <hi rendition="#g">glücklicher</hi> <hi rendition="#g">Zufall</hi> (als ob<lb n="11"/>es noch für etwas anderes als für das Genie einen glücklichen Zufall geben könnte!)<lb n="12"/>wohl die <hi rendition="#g">geringsten</hi> <hi rendition="#g">Ansprüche</hi> auf die Ausführung des zum Grunde liegenden<lb n="13"/>Plans machen können.</p>
<p><lb n="14"/>Diese Verachtung des Genies und großer Naturgaben, diese Meynung, als ob die<lb n="15"/>Phantasie nur etwa dem Vortrage der Philosophie Blumen der Beredtsamkeit liefere,<lb n="16"/>als ob die Vernunft dichte in dem Sinne, in welchem etwa Zeitungs-Lügen erdichtet<lb n="17"/>werden, oder wenn sie über die gemeine Wirklichkeit hinaus erdichte, Hirngespinnste,<lb n="18"/>Schwärmereyen, theosophische Grillen producire, daß sie es der Phantasie, selbst<lb n="19"/>wenn diese im höchsten Fluge dichte, im Dichten noch zuvorthun könne, man weiß<lb n="20"/>nicht, ob die Barbarey, und die Naivität, mit welcher sie der Genielosigkeit applau<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>dirt, – oder die Gemeinheit der Begriffe größer ist; wenn wir die Verachtung großer<lb n="22"/>Naturgaben Barbarey nennen, so meynen wir nicht jene natürliche Barbarey, die<lb n="23"/>jenseits der Kultur liegt; denn sie ehrt das Genie als etwas göttliches, und achtet es<lb n="24"/>als ein Licht, das in die Dumpfheit ihres Bewußtseyns eindringt, – sondern die Bar<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>barey der Kultur, die gemachte Rohheit, welche sich eine absolute Gränze schafft,<lb n="26"/>und innerhalb dieser Bornirtheit das unbegränzte der Natur verachtet; und wo sie<lb n="27"/>erkennend sich ausspricht, Verstand ist. Was die Begriffe betrifft, so stammen sie<lb n="28"/>aus jener empirischen Psychologie her, welche den Geist in Qualitäten auseinander<lb n="29"/>wirft, und also kein Ganzes, und kein Genie und Talent, unter diesen Qualitäten<lb n="30"/>findet, sondern ihn wie einen Sack voll Vermögen darstellt, deren jedes etwas<lb n="31"/>besonderes, eines Vernunft ohne Anschauung, getrennt von Phantasie, ein anderes<lb n="32"/>eine Phantasie ohne Vernunft ist, und deren Leerheit sich nur mit Sachen durch<lb n="33"/>schwere Arbeit erfüllen kann, und in seinem sachlichen und dinglichen Erfülltseyn<lb n="34"/>allein seinen Werth hat. Der Verstand bleibt denn unter den andern Vermögen, die<lb n="35"/>den Seelensack des Subjects bewohnen, das vortrefflichste, weil er alles in Sachen,<lb n="36"/>theils Begriffe, theils Dinge zu verwandeln versteht; so geht denn auch dieser Ver-</p>
<pb n="238" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=245" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="73–74"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>stand, (wie er in den zwey ersten erzählenden Alphabeten fremde Sachen vorlegt,)<lb n="2"/>durch die zwey kritisirenden Alphabete in seinem eintönigen alles in Begriffe und<lb n="3"/>draußen existirende Dinge zerreißenden Geschäfte, ohne alle Erquickung durch<lb n="4"/>eine Vernunftidee, ohne Phantasie, ohne Glück in einem fortschallenden, sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>benebelnden, narkotischen, drückenden Tone fort, von einer Wirkung, als ob man<lb n="6"/>durch ein Feld von blühendem Hyoscyamus wandelte, dessen betäubenden Düften<lb n="7"/>keine Anstrengung widerstehen kann, und wo man von keinem belebenden Strahle,<lb n="8"/>auch nur in der Gestalt einer Ahndung angeregt wird.</p>
<pb n="239" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=246" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="75–76"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
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<head><lb n="1"/>RÜCKERT UND WEISS,<lb n="2"/>ODER DIE PHILOSOPHIE ZU DER ES KEINES<lb n="3"/>DENKENS UND WISSENS BEDARF.</head>
<p><lb n="4"/>I. <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Realismus</hi>, oder Grundzüge zu einer durchaus practischen Philosophie. Von<lb n="5"/><hi rendition="#g">Joseph</hi> <hi rendition="#g">Rückert</hi>. Leipzig bei G. J. Göschen 1801.</p>
<p><lb n="6"/>II. <hi rendition="#g">Winke</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">durchaus</hi> <hi rendition="#g">practische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> als Vorläufer derselben her<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ausgegeben von <hi rendition="#g">Christian</hi> <hi rendition="#g">Weiß</hi>. Sanabilibus aegrotamus malis. Leipz. bei dems.</p>
<p><lb n="8"/>III. <hi rendition="#g">Lehrbuch</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Logik</hi>. Von demselben. das. 1801.</p>
<space/>
<p><lb n="9"/>Der jedesmalige gemeine Menschenverstand, der sich im Kampf gegen Philosophie zum<lb n="10"/>herrschenden Zeitgeist ausbildet, drückt auf die, welche unter ihm sind, zuletzt mit solcher<lb n="11"/>Gewalt, daß einige oder mehrere aus der Menge endlich als die begeisterten Propheten und<lb n="12"/>Sprecher desselben aufstehen. Welche eben ergriffen werden, ist völlig gleichgültig, wenn sie<lb n="13"/>nur ergriffen sind; dann aber müssen sie als wichtige und kostbare Zeugen betrachtet, und<lb n="14"/>gewissermaßen heilig gehalten werden.</p>
<p><lb n="15"/>Geraume Zeit oft giebt sich jener Geist nur in einzelnen, unentschiednern oder verhülltern<lb n="16"/>Wirkungen zu erkennen; viele, die nicht minder von ihm leiden, sträuben sich noch, es zu<lb n="17"/>offenbaren; endlich kommt es bey einem oder wenigen zum Durchbruch; von dem Moment<lb n="18"/>an ist ihnen alle Furcht genommen, sie verkünden in Göttersprüchen die Weisheit der Zeit;<lb n="19"/>hat erst einer gesprochen, so entzündet er auch den andern, und macht den lange verhaltenen<lb n="20"/>gemeinen Menschenverstand bey ihm frey, der nun endlich in vollen Strömen auszubrechen<lb n="21"/>die Freyheit hat.</p>
<p><lb n="22"/>In diesen Augenblicken der ersten überströmenden Fülle der Gemeinheit muß man sie<lb n="23"/>hören, weil diese hier noch nicht gelernt hat, sich wieder zu verhüllen, noch die Wonne ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>birgt, Einmal wieder frey ihr Innerstes bekennen zu dürfen.</p>
<p><lb n="25"/>Wir sehen die Aussprüche und Verkündigungen der Herren <hi rendition="#g">Rückert</hi> und <hi rendition="#g">Weiß</hi> wirklich<lb n="26"/>für einen solchen Gipfel, und höchsten Ausbruch an, zu welchem der jetzige Zeitgeist in der<lb n="27"/>Philosophie gekommen ist; wir werden vielleicht nachher Gelegenheit haben, eine Anzahl<lb n="28"/>Philosophen namhaft zu machen, die minder offen, weniger begeistert, deswegen doch nicht<lb n="29"/>weniger beurkunden, daß sie unter denselben Einflüssen stehen, und den gleichen Eindruck mit<lb n="30"/>jenen erfahren haben.</p>
<p><lb n="31"/>Das allgemeine Leiden der Zeit ist hier wirklich ausgesprochen, welches sich in dem kurzen<lb n="32"/>Ausdrucke zusammenfassen läßt: ohne alle Philosophie gleichwohl eine Philosophie haben<lb n="33"/>zu wollen; nicht als ob es ein fühlbares Leiden wäre, von jener ausgeschlossen zu seyn, sondern<lb n="34"/>weil die Menge verdammt ist, sie zu wollen, ohne sie wollen zu können. Aus der Einen Quelle</p>
<pb n="240" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=247" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="76–79"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>dieses Uebels entstehen die ungescheuten Klagen, daß es mit der Philosophie neuerdings in<lb n="2"/>allewege darauf abgesehen sey, über den gemeinen Menschenverstand und die Thatsachen des<lb n="3"/>Bewußtseyns hinauszugehen, ja überhaupt ein wirkliches <hi rendition="#g">Wissen</hi>, mit Ausschließung alles<lb n="4"/>Glaubens, Voraussetzens, Postulirens u.s.w. in dieser Region zu erzielen, der Philosophie Einen<lb n="5"/>Gegenstand zu geben, und von diesem Einen Gegenstand eine so bestimmte Idee zu Grunde<lb n="6"/>zu legen, daß, wer diese nicht hätte, unmittelbar dadurch auf die Philosophie selbst Verzicht<lb n="7"/>zu thun, genöthigt wäre; hernach, wo diese Klagen sich, aus welchem Grunde es seye, nicht<lb n="8"/>laut zu werden getrauen, – Unwissenheitslehren, mit dem peinlichsten, dicke Bücher hindurch<lb n="9"/>ausgehaltenen, Bestreben, sich ja vor nichts so sehr, als dem Gebrauch der Vernunft oder dem<lb n="10"/>Ertapptwerden darauf zu hüten; endlich Skepticismen, welche nicht die Speculation gegen die<lb n="11"/>gemeine Ansicht, sondern umgekehrt, diese in ihren plattesten Aeußerungen gegen jene in<lb n="12"/>ihren höchsten kehren, zum wenigsten problematisches und hypothetisches Philosophiren, bis<lb n="13"/>die zähe Masse in Fluß kommt, willkührliche Anfangspuncte; endlich wo das verborgne Uebel<lb n="14"/>ganz an den Tag bricht, das laute Bekenntniß: <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Erbfehler</hi> <hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">weniger</hi> <hi rendition="#g">aller</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Wissenschaften</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">insbesondre</hi> <hi rendition="#g">habe</hi> <hi rendition="#g">darin</hi> <hi rendition="#g">gelegen</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">ausgegangen</hi>; <hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">Theoretisiren</hi> <hi rendition="#g">sey</hi> <hi rendition="#g">Thorheit</hi>, <hi rendition="#g">Einschrän</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">kung</hi> <hi rendition="#g">auf’s</hi> <hi rendition="#g">Praktische</hi> <hi rendition="#g">dagegen</hi>, <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Kultur</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">gemeinen</hi> <hi rendition="#g">Menschensinns</hi>,<lb n="18"/><hi rendition="#g">Weisheit</hi>; <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">bestehe</hi> <hi rendition="#g">einzig</hi> <hi rendition="#g">darin</hi>, <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Weisheit</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">lehren</hi>, u.s.w. – Dieß ist dann das Bekenntniß der Herren Rückert und Weiß in den oben<lb n="20"/>angezeigten Schriften, mit denen wir es nun ferner auf folgende Weise halten wollen.</p>
<p><lb n="21"/>Wir legen billig das Original, die Schrift des Herrn Rückert, zu Grunde. Im allgemeinen<lb n="22"/>möchte zwar, was ein geistreicher Schriftsteller von den gewöhnlichen Uebersetzern sagt, und<lb n="23"/>was auch auf andre paßt, nämlich, daß sie die gewirkten Tapeten auf der unrechten Seite zei<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gen, wo die Fäden gröber aussehen, hier weniger seine Anwendung finden, da es in Ansehung<lb n="25"/>des gemeinen Menschenverstandes keine Originalität giebt; insofern jedoch möchte es auf<lb n="26"/>Herrn Weiß (welcher nach S. VI. der Vorrede zu No. 2. durch seine <hi rendition="#g">Winke</hi> ein öffentliches<lb n="27"/>Zeugniß davon für sich und andere ablegen wollte, daß der Grund der neuen Philosophie<lb n="28"/><hi rendition="#g">plötzlich</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">mächtig</hi> wirke,) seine Anwendung haben, da es begreiflich ist, daß die frey<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gemachte Quelle des gemeinen Menschenverstandes hier schon viel offner, ungehinderter und<lb n="30"/>gleichsam lustiger fließe, als bey jenem, der sie erst wieder auszugraben hatte; aus diesem<lb n="31"/>Grunde werden wir Hrn. Weiß zu Hülfe rufen, wo sich jener uns nicht ganz ausgesprochen<lb n="32"/>zu haben scheint.</p>
<p><lb n="33"/>Im Allgemeinen haben wir das Verhältniß beyder folgender Art gefunden. Es ist nicht zu<lb n="34"/>läugnen, daß Hr. <hi rendition="#g">Rückert</hi> eine Neigung zum Soliden, eine gewisse natürliche Anlage zur<lb n="35"/>dritten Dimension, und zum Handfesten hat, die sich nur selten als Plumpheit äußert, wie z. B.,<lb n="36"/>wenn er die Philosophen, die sich das Wissen zur Aufgabe setzen, <hi rendition="#g">Speculanten</hi>, <hi rendition="#g">Wissen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">schaftler</hi> u.s.w. (S. 6.), das Speculiren einen <hi rendition="#g">gelehrten</hi> <hi rendition="#g">Müßiggang</hi> nennt, oder wenn er<lb n="38"/>S. 5. sagt: Wer nach dem Grunde seines Wissens als Wissens frage, dem sey es nicht <hi rendition="#g">Ernst</hi> –<lb n="39"/>ihn treibe speculative Neugierde, die eine <hi rendition="#g">ernste</hi> Philosophie <hi rendition="#g">vor</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Thür</hi> <hi rendition="#g">weise</hi>; da<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>gegen geht es bey Hrn. <hi rendition="#g">Weiß</hi> bereits ziemlich in die Fläche, was dort noch eine Art von</p>
<pb n="241" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=248" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">RÜCKERT UND WEISS</fw>
<p><lb n="1"/>Dicke hat, ist hier ganz erträglich dünne; bey Hrn. R. kann man noch etwas auf eine gewisse<lb n="2"/>dumpfe und unbeholfene Verworrenheit des Kopfs rechnen, dieser dagegen ist ganz leicht und<lb n="3"/>klar über die Sache des gemeinen Menschenverstandes; wahrscheinlich liegt darin auch der<lb n="4"/>Grund davon, daß was bey Hrn. R. noch als eine derbe Tendenz erscheint, hier ganz windig<lb n="5"/>aussieht, und eine völlig durchsichtige Armseligkeit angenommen hat.</p>
<p><lb n="6"/>Der Hauptsatz dieser Philosophie ist zwar schon oben ausgesprochen worden; um ihn aber<lb n="7"/>wo möglich in seiner ganzen Klarheit zu gewinnen, wollen wir noch einige von den ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schiednen Formen anführen, unter welchen er wiederkommt. »Die Wahrheit ist eine <hi rendition="#g">Aufgabe</hi>,<lb n="9"/>die durch Wissen nicht gelöst werden kann. – Alle reale Wissenschaften sind nicht durch<lb n="10"/>Wissen, sondern auf praktischem Wege, entstanden. – Dasselbe gilt auch von der Philosophie,<lb n="11"/>sofern sie nur in der That Realität hat. – Die Gründlichkeit des Philosophen zeigt sich darin,<lb n="12"/>daß er – – auf keinem Punkte sich <hi rendition="#g">einbildet</hi> (freylich!), etwas <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">theoretischen</hi> <hi rendition="#g">Prin</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">cipien</hi> oder <hi rendition="#g">Gründen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erkennen</hi>. (Warum wird hier vermieden zu<lb n="14"/>sagen: aus theor. Princ. oder Gründen des Wissens etwas zu wissen?) – Im gesunden Seelen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zustande verlangt der Mensch das Wahre selbst gar nicht u.s.w.« R. S. 12. 17. 19. 27.</p>
<p><lb n="16"/>Die Leser müssen sich mit uns gedulden, bis wir im Stande sind, vollends ganz klar heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>zubringen, wie weit es mit diesem Verschmähen des Wissens und Theoretisirens gehe, oder<lb n="18"/>gemeint sey, und wie sich in dem Kopf der Hrn. R. und W. der Widerspruch von Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schaften, die nicht auf dem Wege des Wissens oder aus Gründen des Wissens entstanden sind,<lb n="20"/>und einer durchaus praktischen Philosophie, aufgelöst habe. Zur vorläufigen Betrachtung<lb n="21"/>wollen wir die Erklärung, die Hr. W. von <hi rendition="#g">theoretisch</hi> gegeben hat: »theoretisch heißt alles,<lb n="22"/>was durch ein Denken hinlänglich bestimmt werden kann« (S. 20.), und einige andere Er<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>klärungen desselben, woraus sich in Kürze etwas über den Sinn jener Meynung abnehmen<lb n="24"/>läßt, mittheilen. Nach S. 77. kann die wahre Philosophie <hi rendition="#g">anheben</hi> nur mit einer praktischen<lb n="25"/>Richtung, welche der Philosoph genommen haben muß, <hi rendition="#g">ehe</hi> er philosophirt, und welche,<lb n="26"/>nach der gegebnen Beschreibung, darin besteht, daß er auf das Wahre und Gute ausgeht,<lb n="27"/><hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi> <hi rendition="#g">theoretisch</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erkennen</hi> – dazu soll es also nie und<lb n="28"/>nimmermehr kommen, auch nachdem man sich die praktische Richtung gegeben hat – man<lb n="29"/>wird begierig seyn zu wissen, worin nun die Philosophie bestehe, welche nach jener prak<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>tischen Richtung erst <hi rendition="#g">anheben</hi> kann – <hi rendition="#g">sondern</hi>, fährt der Verfasser fort, <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nach</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">demselben</hi> <hi rendition="#g">unablässig</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">bilden</hi>.</p>
<p><lb n="32"/>Sollte dieß noch nicht hinreichend befunden werden, so wird die Art, wie diese <hi rendition="#g">Philo</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">sophie</hi> gleich zu Anfang von Hrn. Weiß eingeleitet wird, allen möglichen Aufschluß darüber<lb n="34"/>geben, was eigentlich ihn und seinen Autor drücke, es ist die sonderbare Eigenthümlichkeit<lb n="35"/>aller bisherigen Philosophieen, daß man ihre Grundsätze mit dem <hi rendition="#g">Verstande</hi> aufgefaßt<lb n="36"/>haben, oder <hi rendition="#g">wissen</hi> mußte, ehe man zu ihrem vollen Besitze gelangen konnte (Vorrede zu<lb n="37"/>No. 2. erste Seite), an einen Gegensatz mit der Vernunft ist hier wohl nicht zu denken, da in<lb n="38"/>dem ganzen Buche nicht das Geringste davon verlautet; beyde vielmehr in ganz gleicher<lb n="39"/>Verdammniß begriffen sind. So richtig jener Weg auch <hi rendition="#g">scheinen</hi> <hi rendition="#g">möge</hi>, so habe er doch</p>
<pb n="242" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=249" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>dieses gegen sich, daß alle diejenigen übel berathen bleiben (ja wohl!), welche <hi rendition="#g">bey</hi> <hi rendition="#g">dem</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">besten</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi> nicht im Stande sind, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">ihrem</hi> <hi rendition="#g">Verstande</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">jener</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Principien</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erheben</hi>. Man sieht also, für welche Art Menschen<lb n="4"/>in dieser Philosophie gesorgt werden soll. Sie ist ein wahres Evangelium für den Pöbel, der zu<lb n="5"/>ihr, – dieß wird als sich von selbst verstehend vorausgesetzt –, eben auch ein Recht haben und<lb n="6"/>gelangen soll, eine allgemeine Seligsprechung derer, die da arm sind an Geist. – »Soll denn<lb n="7"/>die Philosophie <hi rendition="#g">Weisheitslehre</hi> seyn, (dieß ist nämlich Herrn Weiß eine ausgemachte<lb n="8"/>Sache; und welche Weisheit gemeint seye, wird in der Folge klar werden), und zwar zu der<lb n="9"/>Weisheit der einzig richtige Weg, so <hi rendition="#g">scheint</hi> <hi rendition="#g">allen</hi> <hi rendition="#g">denen</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Weisheit</hi> <hi rendition="#g">versagt</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, <hi rendition="#g">welche</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">theoretisch</hi> <hi rendition="#g">genug</hi> <hi rendition="#g">gebildet</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">Principien</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">gelangen</hi>.« – Freylich, die Pforte ist eng, und der<lb n="12"/>Weg ist schmal, der zum Wissen führet, und wenige sind, die ihn wandeln. Eine breite Heer<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>straße der Weisheit für alles Volk soll nun angelegt werden – nicht nur die des insgemein<lb n="14"/>sogenannten, schon übrigens hinlänglich gemeinen, gemeinen Menschenverstandes, des theo<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>retischen, sondern eine noch viel breitere des noch gemeinern praktischen. – »Jetzt ist die Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sicht eröffnet zu einer andern <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Theorie</hi> <hi rendition="#g">gebauten</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>,« welche also<lb n="17"/>auch alle die Fehler vermeidet, die an der andern gerügt worden sind, nämlich, daß sie die<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>jenigen ausschließt, die nicht Gaben genug haben, um sich zur Einsicht in Principien zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heben. »Diese Philosophie unterscheidet sich von allen bisherigen Systemen vorläufig auch<lb n="20"/>dadurch, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">zuerst</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">wirkt</hi>.« Sie nimmt dagegen die prak<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tische Richtung in Anspruch, und »wenn einer bisher sein <hi rendition="#g">Heil</hi> im Wissen suchte, oder wenn<lb n="22"/>er <hi rendition="#g">glaubte</hi>, einen absoluten Grund alles Wissens in sich vor seinem Thun und unabhängig<lb n="23"/>von demselben zu enthalten, so wird ihm nun vorerst das Irrige dieser <hi rendition="#g">Meynung</hi> deutlich<lb n="24"/>gemacht u.s.w.«</p>
<p><lb n="25"/>Bey dieser Beschaffenheit der Sache hat Hr. W. hinlänglichen Grund, »den meisten Beyfall<lb n="26"/>für diese <hi rendition="#g">Philosophie</hi> von denen zu erwarten, welche keinem System, am <hi rendition="#g">wenigsten</hi><lb n="27"/>dem neuen Idealismus streng zugethan sind,« S. VII. und da die Receptivität für diese Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sophie ohne Zweifel in gleichem Verhältniß der Entfernung von aller Theorie und theo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>retischen Uebung des Geistes zunimmt, so kann man ohngefähr sehen, wo Hr. W. die meisten<lb n="30"/>Anhänger zu suchen haben wird. – Daselbst wird die praktische Richtung nach dem Wahren<lb n="31"/>auch noch als bestehend in einer aufrichtigen Lossagung <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">allem</hi> <hi rendition="#g">ursprünglichen</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">Willkühr</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Handelns</hi> beschrieben. Billig sollte der wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stens, welcher <hi rendition="#g">zuerst</hi> diese Philosophie für das Volk, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">wirkt</hi>,<lb n="34"/>lehren wollte, zuvor die andre gelernt haben. Nachher freilich überhebt die <hi rendition="#g">praktische</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Richtung</hi> aller dieser Beschwerlichkeiten.</p>
<p><lb n="36"/>Wir könnten hier unsere Anzeige beschließen, da es ohne allen Zweifel unsern Lesern mit<lb n="37"/>uns klar genug ist, daß hier durchaus nichts von Philosophie zu suchen seye; allein theils<lb n="38"/>scheint es uns nicht uninteressant, an diesem Fall eine Probe des vorläufig beschriebnen<lb n="39"/>negativen Construirens zu geben, theils hoffen wir, indem wir die subjectiven Quellen dieser<lb n="40"/><hi rendition="#g">Philosophie</hi> aufzeigen, (da an objective nicht zu denken ist), wenigstens einige Fäden zu</p>
<pb n="243" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=250" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="83–85"/>
<fw type="header" place="top">RÜCKERT UND WEISS</fw>
<p><lb n="1"/>entdecken, durch welche dieses platte Gewebe von Unwissenschaftlichkeit mit einigen herr<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schenden Vorstellungen zusammenhängt, und zugleich bemerklich zu machen, wie ein bloßer<lb n="3"/>Keim von Unphilosophie, den irgend eine wirkliche Philosophie, wie die Kantische, übrig<lb n="4"/>läßt, mit der Zeit sicher wuchere, und für sich unabhängiges Unkraut erzeuge.</p>
<p><lb n="5"/>Die subjectiven Quellen also dieses Realismus betreffend, so ist die erste ohne Zweifel in<lb n="6"/>dem gänzlichen Mangel an Kritik zu suchen, mit welcher die Verfasser von dem ganz aus der<lb n="7"/>Erfahrung aufgegriffenen Gegensatz der Freyheit und Nothwendigkeit als einer absolut<lb n="8"/>gewissen Sache ausgehen, an der es keinem Menschen einfallen könnte zu zweifeln; daß jene<lb n="9"/>Entgegensetzung eine bloß abgeleitete, selbst nur im Bewußtseyn gemachte sey, und an sich<lb n="10"/>so wenig ein Nothwendiges im Gegensatz gegen ein Freyes, als ein Freyes gegenüber von<lb n="11"/>einem Nothwendigen sey, ist ein Gedanke, der, eine einzige, nicht verfolgte, Spur bey Hrn.<lb n="12"/>R. ausgenommen, den Vff. offenbar nie beygegangen, und der ihnen ohne Zweifel auch un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>verständlich ist. Besonders zeigt sich bey Hrn. W. die Freyheit des Menschen als eine ganz<lb n="14"/>unantastbare Sache, die überall vorausgesetzt wird, als sich von selbst verstehend; keine Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lation kann sich dahin versteigen, sie zu läugnen, als etwa die ganz absurde des Spinozismus,<lb n="16"/>dem S. 30 entgegengesetzt wird: <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Mensch</hi> <hi rendition="#g">verliere</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">eigne</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">selbstständiges</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, woraus ersichtlich ist, was es mit dem angeblichen<lb n="18"/>Realismus, der Verdammung der Willkühr, und der Unterordnung unter das Reale für eine<lb n="19"/>Bewandniß hat, nämlich das eigne Daseyn und die Freyheit soll dabey doch bleiben, (sie ist<lb n="20"/>nach S. 31. ein unveräußerliches Gut des Menschen). – Im Spinozismus, heißt es ferner, ist<lb n="21"/>dem Menschen nichts gelassen, als ein <hi rendition="#g">kraftloses</hi> Gutseyn, eine Liebe, welche nicht Kraft<lb n="22"/>mit Kraft, Streben mit Streben verbindet, (im Spinozismus ist also Gott auch wohl ein Streben,<lb n="23"/>eine Kraft; man sieht daß dem Vf. überall keine andern als empirische Begriffe vorschweben);<lb n="24"/>späterhin (S. 31.) heißt es sogar, der Mensch werde im Spinozismus um seine Freyheit <hi rendition="#g">be</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">trogen</hi>; wir wünschten zu erfahren, in welchem einzigen Systeme, auch den Idealismus nicht<lb n="26"/>ausgenommen, die Freyheit eine andere Realität als für die Erscheinung hätte, wenn schon<lb n="27"/>S. 32. berichtet wird, es haben zu jeder Zeit Männer (welche andre aber als die mit den Hrn.<lb n="28"/>Rückert und Weiß sich am Boden der tiefsten Empirie hielten?) aufstehen müssen, welche<lb n="29"/>es versuchten, die Freyheit in der Philosophie zur Ehre des Systems, und das System zum Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>theil der Freyheit zu retten – <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">bedeutendste</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">seye</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">neueste</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">Idealismus</hi>. In demselben (S. 33.) seye nichts ohne die Intelligenz, und die <hi rendition="#g">Intelligenz</hi><lb n="32"/>(sage Intelligenz) seye frey.</p>
<p><lb n="33"/>Alles beweißt, daß die Reflexion der Verfasser die tiefste Stufe der Absonderung vom<lb n="34"/>Absoluten, die nämlich, wo sie als absolute Entgegensetzung erscheint, aufgefaßt habe; auch<lb n="35"/>Hrn. R’s. Beweis seines Lehrsatzes: die alte Aufgabe der Philosophie löse sich zuletzt in die<lb n="36"/>Frage auf: wie es möglich sey, daß ein Freyes mit einem Nothwendigen außer ihm harmonire,<lb n="37"/>wird aus ganz empirischen Begriffen, factisch, mit der beständigen Voraussetzung »des eignen<lb n="38"/>freyen Wesens der Forscher« geführt.</p>
<p><lb n="39"/>Es ist nichts Seltenes bey einer solchen verworrenen Eingeschränktheit, daß ihr im Hinter<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>grunde des Gedächtnisses etwas liegen bleibt, worüber sie nun weiter nicht reflectirt, dieß</p>
<pb n="244" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=251" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>braucht sie bey jeder Gelegenheit, und es ist gewöhnlich das, was sie verworren macht. So folgt<lb n="2"/>allerdings, nachdem die Freyheit auf diese Weise vorausgesetzt ist, daß dem freyen Wesen<lb n="3"/>alles Nothwendige <hi rendition="#g">gegeben</hi> seyn müsse, so wie ferner mit diesem Mangel aller Kritik und<lb n="4"/>Reflexion nothwendig die tiefste Subjectivität der Ansicht der Philosophie verbunden seyn<lb n="5"/>muß. Wie denn Hrn. Weiß (nach S. 12.) alle Evidenz eine bloß <hi rendition="#g">subjective</hi> <hi rendition="#g">Nöthigung</hi> ist,<lb n="6"/>nach Hrn. R. aber (S. 7.) unsre Foderung (eines Grundes jener Harmonie des Freyen mit einem<lb n="7"/>Nothwendigen) nicht auf Wißbegierde und Speculationsinteresse sich gründet, – (darin läge<lb n="8"/>eine objective Tendenz) – »unser Interesse an einer solchen Harmonie hat vielmehr einen tiefern<lb n="9"/><hi rendition="#g">ernstern</hi> Grund, und indem wir dieser (ernsten) Stimmung unsers Geistes uns bewußt wer<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>den, sehen wir keinen andern Weg zur Lösung unsrer Aufgabe, als vor allem <hi rendition="#g">unser</hi> <hi rendition="#g">Interesse</hi><lb n="11"/>an einer solchen Harmonie, d. h. den <hi rendition="#g">subjectiven</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">hierüber</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">er</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>forschen«. Die sogenannte praktische Richtung ist also nichts anders als die Richtung auf die<lb n="13"/>absolute Subjectivität. Nach S. 28. ist das Wahre nicht in der <hi rendition="#g">Gewalt</hi> des Menschen, aber er<lb n="14"/>ist in der Gewalt des Wahren; in seiner Gewalt ist lediglich Harmonie mit jenem Wahren.<lb n="15"/>Außerdem, daß dieß vorläufig auch das Fixe der Entgegensetzung zwischen dem Freyen und<lb n="16"/>Nothwendigen darthut, zeigt es auch die beständige Voraussetzung, daß die Philosophie sich<lb n="17"/>an das zu halten habe, was <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gewalt</hi> des Menschen ist, also natürlich ganz an das<lb n="18"/>Praktische.</p>
<p><lb n="19"/>Klar ist, wie von dieser aufs höchste gespannten Subjectivität, indem das Freye in der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>soluten Entgegensetzung gegen das Nothwendige gedacht ist, der unmittelbare Sprung zu<lb n="21"/>dem gemeinsten Realismus geschehen muß. Hiermit hängt genau das totale Mißverstehen erst<lb n="22"/>des Kantischen und dann besonders des Fichte’schen Idealismus zusammen, welches sich mit<lb n="23"/>großer Arroganz, und von Seiten des Herrn Weiß mit ganz besondrer Naivetät äußert, und<lb n="24"/>eine andere subjective Quelle dieser Philosophie ist. Dem Herrn Rückert nämlich ist es eine<lb n="25"/>bekannte Sache, daß nach dem letztern besonders, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Freye</hi> – <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> Sinne nämlich,<lb n="26"/>in der empirischen Entgegensetzung gegen das Nothwendige – <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Nothwendige</hi> <hi rendition="#g">er</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">schaffe</hi>; dieß widerlegt er nun S. 21. ff., wie natürlich aus dem allergemeinsten Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>verstand, indem er zeigt: Freyheit (im angegebnen Sinn) solle durch etwas andres als noth<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wendig bestimmt angesehen werden, dieß seye die Aufgabe – nicht daß sich das Freye selbst<lb n="30"/>schlechthin bestimme, <hi rendition="#g">denn</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Böse</hi> <hi rendition="#g">bestimme</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">schlechthin</hi>, <hi rendition="#g">sonst</hi> <hi rendition="#g">wäre</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Böser</hi>. Der Idealist verfahre bloß im Gefühle seiner Freyheit und breche alle Schran<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>ken der Nothwendigkeit, mit ihnen aber auch den festen Grund und Boden, auf dem der<lb n="33"/>Mensch stehe, und ohne den er gar keinen sichern Fuß habe, mit Füßen ein. Der Idealist sage<lb n="34"/>uns: in dem Freyen liege das Nothwendige selbst ursprünglich und nothwendig. – Dem wider<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>spreche aber der gesunde Menschenverstand. Das Freye löse seine Aufgabe nicht so, daß es das<lb n="36"/>Reale hervorzubringen strebe, sondern es solle und könne nur streben ein Bild des Realen zu<lb n="37"/>werden. Auf diese Weise geht es denn nun weiter. – Wer zweifelt an allen diesen gemeinen<lb n="38"/>Menschenverstandswahrheiten? Die Sache ist nur die, daß von dem <hi rendition="#g">Freyen</hi>, wie es Hr. R.<lb n="39"/>bestimmt, nicht nur insofern nicht, als es das Reale hervorbringen soll, sondern überhaupt nicht<lb n="40"/>und in keinem Zusammenhang in der Philosophie die Rede ist. Es gehört ganz und gar zu der</p>
<pb n="245" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=252" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="87–90"/>
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<p><lb n="1"/>Empirie, und die Philosophie hat nichts mit ihm zu schaffen, mit allen jenen gesunden und<lb n="2"/>derben Wahrheiten schlägt also Hr. R. seinen eignen gemeinen Menschenverstand, der den<lb n="3"/>Idealismus für etwas nahm, was er so ohngefähr auch begreifen könnte. Durch die ganze<lb n="4"/>Schrift bemerkt man keine Ahndung, daß es wohl etwa nicht das Rechte seyn möchte, die<lb n="5"/>Philosophie überhaupt und den Idealismus insbesondre auf diesen ganz gemeinen Standpunkt<lb n="6"/>herunterzunehmen, wo jeder Taglöhner und Markthelfer auch steht und ihn, wenn er nur<lb n="7"/>soviel davon wüßte, als Hr. R., (welches leicht möglich wäre), auch auf gleich geschickte<lb n="8"/>Weise widerlegen würde. In dieser bleyernen Dumpfheit spricht er nun weiter in demselben<lb n="9"/>Tone fort: dem Realismus, versteht sich dem Rückertschen gegenüber, sey der consequente<lb n="10"/>Idealismus praktischer Egoismus, und der Anfang aller Verkehrtheit und Thorheit des Men<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schen, (S. 42.) ein bodenloses System der absoluten Willkühr (S. 54.) (S. 63. werden Willkühr<lb n="12"/>und Idealismus als ganz gleichbedeutende Worte eins an die Stelle des andern substituirt), der<lb n="13"/>Idealist könne schlechthin an keinen Gott <hi rendition="#g">glauben</hi>, (als ob es Philosophie wäre, an Gott zu<lb n="14"/><hi rendition="#g">glauben</hi>, welches Hr. R. S. 51. so erklärt: Ich glaube an einen Gott heißt: <hi rendition="#g">ich</hi> <hi rendition="#g">thue</hi>, <hi rendition="#g">als</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">wäre</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Gott</hi> – welches denn philosophisch betrachtet die allerschlechteste und nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>trächtigste Sorte von Atheismus ist); S. 84. fällt dieser Plumpheit doch ein, daß der Fichte’sche<lb n="17"/>Idealismus das Ich im <hi rendition="#g">Praktischen</hi> gleichwohl von etwas äußerem abhängig mache, gerade<lb n="18"/>wie Hr. R.; von diesem Satz, den freylich in seinem Menschenverstandssinn noch keine Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sophie geläugnet hat, glaubt er nun, er sey im Idealismus als eine philosophische Wahrheit<lb n="20"/>enthalten, und findet darin die <hi rendition="#g">einzig</hi> <hi rendition="#g">inconsequente</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Systems</hi>. S. 97.<lb n="21"/>dankt er der Wissenschaftslehre, daß sie auf dem Felde dieser Philosophie (des Idealismus)<lb n="22"/>den wohlthätigen und täuschenden Nebel vollends zerstreut, und uns da <hi rendition="#g">lauter</hi> <hi rendition="#g">Selbstheit</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Willkühr</hi> gezeigt habe, wo wir zuvor noch eine Herberge des Nothwendigen ahndeten.</p>
<p><lb n="24"/>Daß diese Ansichten bey Hrn. Weiß noch mehr in’s Klägliche übergehen, werden die Leser<lb n="25"/>schon erwarten; wir wollen aber, um die zeitliche Abkunft dieser Philosophie noch bestimmter<lb n="26"/>zu bezeichnen, besonders anführen, daß sie aus einem Gedränge der Verfasser zwischen Kant<lb n="27"/>und Fichte entsprungen ist, über welches sich Hr. Weiß folgendermaßen ausdrückt: »Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>weder kühn durchgeführt die Ideenreihe, <hi rendition="#g">bis</hi> <hi rendition="#g">wo</hi> <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">Willkühr</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> (nämlich<lb n="29"/>wie im transscendentalen Idealismus), oder lieber <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Ende</hi> <hi rendition="#g">gemacht</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi><lb n="30"/>und zurückgekehrt zur Heimat der Mutter Natur,« zu welcher wir denn Hrn. Weiß alles Glück<lb n="31"/>wünschen, und ihm vorläufig schon das Eichelessen des goldnen Zeitalters empfehlen wollen.</p>
<p><lb n="32"/>Gleichwohl ist es offenbar genug, daß die beyden Hrn. R. und W. auch nur die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>keit, über ihre Plattheiten sich zu äußern, und ihnen wenigstens diese Form zu geben, ja selbst<lb n="34"/>den ersten Gegensatz, mit dem ihr vermeintes Philosophiren beginnt, Kant und Fichte zu<lb n="35"/>danken haben, und wenn Hr. R. außer andern Anmaßungen gegenüber von Kant auch noch<lb n="36"/>die hat, zu sagen: <hi rendition="#g">Friede</hi> sey zwischen dir und mir! oder wenn er Fichte’n, nachdem er die<lb n="37"/>oben angeführten Aeußerungen über die bodenlose Willkühr seines Systems gethan, anredet:<lb n="38"/>»Edler Fichte, verzeih! Nein, du selbst bist ein anderes Ich, als das, welches uns deine Lehre<lb n="39"/>zeigt – ich sage es laut: <hi rendition="#g">dein</hi> <hi rendition="#g">wahrer</hi> <hi rendition="#g">reiner</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Schriftchens</hi>«</p>
<pb n="246" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=253" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="90–92"/>
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<p><lb n="1"/>– so hat er zu dem erstern allerdings insofern einigen Grund, als Kant die wahrhaft speculative<lb n="2"/>Seite des Wissens in die praktische Philosophie gewiesen hat, zu dem letztern aber insofern, als<lb n="3"/>er, selbst zum Volk sich rechnend, den wahren, reinen Geist Fichte’s in einigen seiner popu<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lärsten Aeußerungen und Schriften sucht, wo denn allerdings etwa ein Rückertscher Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>verstand einige Bestätigung für seine Herabsetzung des Wissens und die <hi rendition="#g">praktische</hi> Rich<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tung der Speculation finden möchte, nach welcher das <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder das Ur-Reale uns nur in<lb n="7"/>der Pflicht vorgehalten wird, welchen Satz denn Hr. R. auch S. 67. zur Erklärung Kants<lb n="8"/>anwendet.</p>
<p><lb n="9"/>Sonst ist offenbar, daß eben jenes leere Denken, gegen welches Kant und Fichte streiten, für<lb n="10"/>Hrn. Rückert ebenso wie für die übrige Menge das <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist, und daß er sich in<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sofern mit dieser in dem ganz gleichen Wahn befindet, nur daß er, weil er doch so viel gemerkt<lb n="12"/>hat, daß jenes kein wahres Wissen seye, nun das Wissen überhaupt wegwirft. So wenig ist ihm<lb n="13"/>das wahre Licht über Kant oder Fichte aufgegangen.</p>
<p><lb n="14"/>Aus dieser gänzlichen Unwissenheit über ein absolutes Wissen, so wie der ersten fixen Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gegensetzung der Freyheit und Nothwendigkeit, die im relativen Wissen nie aufgehoben<lb n="16"/>werden kann, folgt nun von selbst die Unfähigkeit, in welcher sich beide Verfasser befinden,<lb n="17"/>sich außer den beiden Möglichkeiten eine andere zu denken, daß entweder das Nothwendige<lb n="18"/>aus dem Freyen, oder das Freye aus dem Nothwendigen erklärt werden müsse, welche Un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>fähigkeit dann eine dritte subjective Quelle ihrer <hi rendition="#g">Philosophie</hi> ist.</p>
<p><lb n="20"/>Jene Voraussetzung liegt zwar schon Hrn. R’s. erstem Beweis zu Grunde; er wiederhohlt es<lb n="21"/>aber ganz bestimmt mehrmals, unter andern S. 97., wo es heißt: Idealität und Realität har<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>moniren nicht durch Wechselbestimmung, (wer behauptet denn dieses?); sie harmoniren bloß<lb n="23"/>dann, <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Reale</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Idealen</hi> <hi rendition="#g">gedacht</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> und nicht wieder um<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gekehrt. »Sonst, spricht er nun wie im Traume fort, nimmt man an, (wo denn?), alles Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wendige habe ursprünglich seinen Grund in dem Freyen.«</p>
<p><lb n="26"/>Da nun das Wissen gleichfalls in das Freye gesetzt wird, so muß jenes zu dem Nothwendigen,<lb n="27"/>welches nach dem oben angeführten zugleich Grund des Freyen ist, dasselbe Verhältniß der<lb n="28"/>Entgegensetzung haben, wie dieses; hierauf beruht nun die einzige Art von Beweis, die für den<lb n="29"/>Satz geführt wird: die Harmonie des Freyen und Nothwendigen könne selbst kein Wissen<lb n="30"/>seyn, und nicht nur schlechterdings auf dem <hi rendition="#g">Felde</hi> des Wissens nicht aufgefunden, sondern<lb n="31"/>auch, aufgefunden, nie ein Wissen werden; denn, heißt es S. 7f., sie soll das Denken und Wissen<lb n="32"/>(das Freye) schlechthin bestimmen, mithin über alles Denken und Wissen als höchster Be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stimmungsgrund desselben erhaben seyn, und allem Denken und Wissen schlechthin vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gehen. – Da wir unter Voraussetzung jener Harmonie erst überhaupt etwas wissen, so kann<lb n="35"/>sie selbst kein Wissen mehr seyn. – Aus dem <hi rendition="#g">bloßen</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> (s. oben), Vorstellen und Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sen entwickelt sich nur leere Form. Die Realität des Wissens liegt in dem Bestimmtseyn durch<lb n="37"/>etwas, das schlechthin <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">Sphäre</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi> <hi rendition="#g">liegt</hi>. – Welches<lb n="38"/>denn in Ansehung des Rückertschen Wissens wirklich ein unzweifelhafter Satz ist.</p>
<p><lb n="39"/>Bey Hrn. Weiß ist jenes Verhältniß des Freien und Nothwendigen so entschieden, daß,<lb n="40"/>nach seiner Meynung, außerdem nichts übrig bleibt, als »daß beide gleich ursprünglich und</p>
<pb n="247" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=254" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="92–94"/>
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<p><lb n="1"/>unabhängig neben einander seyn,« welches aber, sonderbar genug, eben der Fall seiner Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sophie ist, denn die einzige Art, das Freye aus dem Nothwendigen abzuleiten, die ihm dort<lb n="3"/>(S. 65.) selber beygeht, ist, daß das Freye ein von dem Nothwendigen <hi rendition="#g">freygelassenes</hi> sey,<lb n="4"/>wobey er sich selbst bewußt seyn wird, nichts gedacht zu haben. »Das Freye, fährt er hierauf<lb n="5"/>S. 66. fort, ist nach allen Theorien Etwas (freylich daran hat man noch nie gezweifelt,) und für<lb n="6"/>alles, was ist, wird ein genügender Grund gesucht«; vom Freyen also auch außer ihm im Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wendigen. – Wollte man aber (S. 67.) das Nothwendige durch das Freye bestimmt seyn<lb n="8"/>lassen, »so geschah dieß (das Bestimmen nämlich) selbst nothwendig, d. h. durch die Natur des<lb n="9"/>Freyen schlechthin, und dann ist diese selbst nothwendig und nicht mehr frey.« Auch nur diese,<lb n="10"/>obgleich noch immer oberflächliche, Reflexion konnte, weiter verfolgt, zu etwas besserem<lb n="11"/>führen. Der höchste Grund, den Hr. W. endlich gegen den Idealismus vorbringt, (denn wir<lb n="12"/>müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ihm S. 67. allerdings noch etwas von<lb n="13"/>dem Fall beygeht, daß Nothwendiges und Freyes etwa absolut Eins seyn möchten), ist der:<lb n="14"/>Wie kann das ursprünglich Identische widersprechend werden bloß dadurch, daß es von einer<lb n="15"/>andern Seite (sollte heißen: von verschiedenen Seiten) angesehen wird; welche gemeine<lb n="16"/>Menschenverstands-Frage denn schon hinreichend beweist, wie gut Hr. W. jenen Fall ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>standen habe.</p>
<p><lb n="18"/>Die Meynung bei Hrn. Weiß aber ist die, daß wir eigentlich weder den dritten, noch den<lb n="19"/>zweiten, noch auch den ersten Fall annehmen, sondern uns ganz an den praktischen Weg<lb n="20"/>halten, und auf diesem ein Bild jenes Realen, Nothwendigen – durch Freyheit!! hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>bringen sollen.</p>
<p><lb n="22"/>Der unbedingten Achtung beyder Verf. für das, was sie Menschensinn, Menschenverstand<lb n="23"/>u.s.w. nennen, brauchen wir nicht weiter besonders, als einer ferneren subjectiven Quelle,<lb n="24"/>Erwähnung zu thun; nach S. 26. R. muß der Philosoph dem gesunden Menschenverstand<lb n="25"/><hi rendition="#g">Vertrauen</hi> <hi rendition="#g">einflößen</hi>, und sich deßhalb auf dem praktischen (empirischen) Standpuncte<lb n="26"/>halten. – Der Stern des Philosophen ist ein Irrwisch; der gemeine Menschenverstand der Polar<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>stern der Weisheit. Der Philosoph muß sich orientiren; an ihm ist die Reihe umzukehren, und<lb n="28"/>sich zu nähern, der Ausspruch des gesunden Menschenverstandes ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> gewiß, der<lb n="29"/>Ausspruch des Philosophen nur unter Bedingung u.s.w. (S. 26.) Daß die ganze Folge von<lb n="30"/>philosophisch seynsollenden Lehrsätzen nun aus solchen gemeinen Menschenverstandsbrocken<lb n="31"/>bestehe, z. B. daß das Nothwendige die Willkühr einschränke, daß der Mensch nur in Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sicht seines Thuns frey sey, nicht aber in Rücksicht der Folge desselben, womit dann klärlich<lb n="33"/>bewiesen wird, wie wenig das Freye gedacht werden könne, als das Nothwendige schaffend –<lb n="34"/>kann man aus dem Bisherigen von selbst ermessen.</p>
<p><lb n="35"/>Hiermit verbindet sich eine, besonders dem Hrn. W., sehr beliebte, Vorstellung von einer<lb n="36"/>gewissen rohen Gesundheit der Seele, wobei man sich unwillkührlich an den <hi rendition="#g">Chinesen</hi> <hi rendition="#g">in</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Rom</hi> erinnert.</p>
<p><lb n="38"/>Wenn wir nun noch die schon einzeln bemerklich gemachte Schwerfälligkeit der Reflexion<lb n="39"/>in Anschlag bringen, die durch das Ganze geht und aus dem allgemeinen, nun Einmal da-</p>
<pb n="248" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=255" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="94–96"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>liegenden, Vorrath von Begriffen, und dem Schatz der Sprache, ohne alle weitere Kritik, ohne<lb n="2"/>alle Ahndung, daß es einer Rechtfertigung ihres Gebrauchs bedürfen möchte, Begriffe und<lb n="3"/>Worte, wie es die Ergießungen des gesunden Menschenverstandes eben erfodern, aufgreift,<lb n="4"/>(z. B. S. 64. R. »das Nothwendige außer dem Menschen ist <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi>« u.s.ferner) – wenn<lb n="5"/>wir auch diese Dumpfheit in Anschlag bringen, so werden wir ein so ziemlich vollständiges<lb n="6"/>Bild der Unwissenschaftlichkeit des Ganzen zum voraus entwerfen können.</p>
<p><lb n="7"/>Wir haben nun noch das nächste Resultat aus der subjectiven Quelle dieser Philosophie,<lb n="8"/>und das letzte objective Endresultat für Philosophie und Wissenschaft überhaupt zu betrachten.</p>
<p><lb n="9"/>Wie sich das Freye und Nothwendige im Anfang, bleibt es auch in der ganzen Folge sich<lb n="10"/>entgegengesetzt; dessen unerachtet aber wird das Nothwendige wieder zum Grund der Har<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>monie zwischen ihm selbst und dem Freyen gemacht, das Freye im Nothwendigen gegründet.<lb n="12"/>Es erhellt hieraus, nicht nur daß jener Gegensatz überhaupt ein schlechthin willkührlicher<lb n="13"/>Anfangspunct ist, und daß, um diesen Realismus zu erhalten, genau die Stelle des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyns aufgefaßt werden müsse, wo das Freye <hi rendition="#g">empfängt</hi>, und im relativen Gegensatz mit<lb n="15"/>dem Nothwendigen erscheint, – ein Müssen, für welches der einzige Grund selbst in der<lb n="16"/>Willkühr, und der von dem allergemeinsten gemeinen Menschenverstand geleiteten Reflexion<lb n="17"/>liegt, – sondern auch, daß es zu einer wahren und absoluten Harmonie des Freyen und Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wendigen, auch im Fortgang nirgends kommen könne. Ist das Freye im Nothwendigen<lb n="19"/>gegründet, so ist kein Grund, von dem <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> anzufangen, sondern es muß mit dem<lb n="20"/>Nothwendigen angefangen werden. Nachdem Hr. R. sich mit dem Gegensatz lange genug<lb n="21"/>gequält hat, kommt es S. 43. damit zum Durchbruch, daß der Mensch <hi rendition="#g">als</hi> frey schlechthin<lb n="22"/>Nichts seye? Wenn nun die Freyheit als Freyheit nichts ist, so konnte sie also der Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>keit auf keine Weise an die Seite gestellt werden. Man sieht wohl, warum diese Unwissen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schaftlichkeit vermeiden mußte, die Freyheit gleich im ersten Princip zu negiren; ist das Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wendige das Absolute, so mußte das Freye, als Erscheinung, aus ihm abgeleitet werden, welches<lb n="26"/>dann speculativ, theoretisch gewesen wäre, und diesem gemeinen Menschenverstand schwer<lb n="27"/>gefallen seyn würde; oder sollte die Antwort diese seyn: jene Ableitung seye unmöglich, so<lb n="28"/>muß sich dann diese Lehre nicht für Realismus, sondern für irgend etwas anders, eine Boutter<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>weckische Unwissenheitslehre, oder einen Schulzischen Skepticismus ausgeben. Besonders<lb n="30"/>merkwürdig in dieser Rücksicht ist der 14te Lehrsatz S. 61. »die Aufgabe einer Harmonie ist<lb n="31"/>nur die Aufgabe eines <hi rendition="#g">Menschen</hi>, nicht eines Freyen überhaupt; nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">Nothwendiges</hi> <hi rendition="#g">da</hi>; und Mensch heißt selbst nichts anders als ein Freyes, das mit einer<lb n="33"/>Aufgabe, d. h. abhängig einhergeht.« – Man muß den auch geschwächt hervorbrechenden<lb n="34"/>Lichtstrahl anerkennen, wo er ist. Es bedurfte von dieser Reflexion aus, welche im Grunde<lb n="35"/>nichts anderes sagt, als daß der Gegensatz von Freyem und Nothwendigem überhaupt keine<lb n="36"/>Realität an sich habe, daß er nur in Ansehung des menschlichen, d. h. doch wohl des endlichen<lb n="37"/>Bewußtseyns überhaupt gemacht werde, daß also an sich so wenig ein Nothwendiges als ein<lb n="38"/>Freyes seye – es bedurfte von hier aus keines Schrittes, sondern nur der genaueren Beachtung<lb n="39"/>dieser Reflexion selbst, um diesen ganzen Realismus als ein in seinem Fundament null und<lb n="40"/>nichtiges Ding zu erkennen, und einzusehen, daß wahrhaft und an sich das Freye so wenig</p>
<pb n="249" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=256" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="96–98"/>
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<p><lb n="1"/>im Nothwendigen, als dieses in jenem gegründet seyn könne, daß beides nur die relativen<lb n="2"/>Gegensätze an Einem und demselben seyen, das an sich weder frey noch nothwendig, aber<lb n="3"/>ebendeswegen die absolute Einheit beider ist.</p>
<p><lb n="4"/>Es ist nicht zu zweifeln, daß in manchen Stellen, welche sich durch Stärke und durch<lb n="5"/>Schönheit der Diction, durch Innigkeit und ein wirklich ernstes Gefühl auszeichnen, (z. B.<lb n="6"/>beim XXVI. Lehrsatz, »der Mensch und all sein Thun haben nur dann Realität, wenn er<lb n="7"/>sich im freinothwendigen Thun seines Nichts für sich, aber zugleich des ewigen festen Grundes,<lb n="8"/>in dem er ruht, lebendig bewußt wird, d. h. wenn er nichts für sich seyn will, weil er in der<lb n="9"/>That nichts für sich ist; und dieß handelnde Bewußtseyn ist selbst zugleich die höchste Regel<lb n="10"/>der Wahrheit und alles seines Thuns,« und mehrern andern ähnlichen Stellen z. B. S. 90.)<lb n="11"/>dem Verfasser jene höhere Einheit vorgeschwebt habe. Denn mit jener Nothwendigkeit, die<lb n="12"/>der Freyheit entgegengesetzt und eben so unheilig ist, wie diese, hat der Mensch ganz gleiches<lb n="13"/>Recht zu seyn, und weit entfernt, sich ihr zu unterwerfen, ist er vielmehr eben zum beständigen<lb n="14"/>Streit mit derselben bestimmt, obgleich er auch von diesem frey zu seyn wünscht; jener Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wendigkeit aber, welche nicht mit der Freyheit im Kampf liegt, jener göttlichen, übersinn<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichen, unbewegten, heiligen, die Schicksal heißt, sich zu unterwerfen, ist die Lehre jeder<lb n="17"/>ächten Philosophie, und die einzige Weisheit.</p>
<p><lb n="18"/>Mit einer solchen Nothwendigkeit aber ließe sich dann nicht jenes leichte und frivole Spiel<lb n="19"/>des gemeinen Menschenverstands spielen; sie ist Gegenstand nur der Speculation, und, wenn<lb n="20"/>sie im Leben auch in ihren Wirkungen erfahren werden kann, so kann sie doch an sich selbst<lb n="21"/>nur durch Vernunft und Philosophie erkannt werden.</p>
<p><lb n="22"/>Hieraus ist nun ohne Mühe zu begreifen, wozu in diesem Realismus jene Nothwendigkeit<lb n="23"/>werden müsse, nämlich allerdings zu der greifbarsten, gemeinsten und durchaus empirischen<lb n="24"/>des gemeinen Menschenverstandes. Die Harmonie mit dem Nothwendigen ist nicht eine<lb n="25"/>Harmonie mit dem Ewigen, sondern, (wie im XXsten Lehrsatz ausdrücklich festgesetzt wird)<lb n="26"/>mit dem <hi rendition="#g">Gegebnen</hi>; auch S. 92. wird das Nothwendige mit dem <hi rendition="#g">Anschaulichen</hi> (bei<lb n="27"/>Kant) parallelisirt, und Hr. Weiß, welcher überhaupt keine Ahndung des Höheren verräth,<lb n="28"/>(S. 45., wo er von Kant spricht,) setzt ohne Bedenken das <hi rendition="#g">Reale</hi> in die Erfahrung, welches<lb n="29"/>denn in diesem Zusammenhang, wir scheuen uns nicht es zu sagen, die wahre Gotteslästerung ist.</p>
<p><lb n="30"/>Das letzte objective Endresultat des Ganzen construirt sich nun vollends von selbst.</p>
<p><lb n="31"/>Das ursprüngliche Verhältniß des Nothwendigen zum Freyen ist <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> (S. 64.).<lb n="32"/>Alles Wissen ist bloß Form des Thuns, das Thun selbst aber, da es mit dem <hi rendition="#g">Gegebnen</hi> zu<lb n="33"/>harmoniren hat, – <hi rendition="#g">grober</hi> <hi rendition="#g">Empirismus</hi>, welches denn auch die wahre und richtige Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>setzung des angeblichen Realismus ist. – Der Euphemismus ist verzeihlich, da es sonst nicht an<lb n="35"/>Erklärungen fehlt, die bestimmt genug sind. Es giebt schlechthin gar kein Wissen <hi rendition="#g">vor</hi> dem<lb n="36"/>Handeln, wird dem gleichgesetzt: es giebt gar kein Wissen a priori (S. 74.); dieses (Wissen<lb n="37"/>a priori) ist auch, wie man deutlich sieht, das Höchste, was die beiden Verf. in der Philosophie<lb n="38"/>überhaupt kennen. »Welchen Grund (a priori) mag auch wohl ein sich selbst genügendes (reines<lb n="39"/>Ich) haben, aus sich herauszugehen, um dadurch eine Einschränkung seiner Thätigkeit von<lb n="40"/>außen möglich zu machen?« (S. 76. R.) – Wozu soll doch nur das Bewußtseyn erklärt werden?</p>
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<milestone unit="vorlage" n="98–101"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Ist diese Aufgabe der Philosophie in einem andern Interesse, als in dem leeren der Speculation<lb n="2"/>gegründet? – Das Bewußtseyn ist ja nie einem Zweifel unterworfen. –</p>
<p><lb n="3"/>Nach Hrn. Weiß (S. 24.) hat die natura naturans des Spinoza, und Fichte’s reines Ich das<lb n="4"/>Hauptgebrechen, daß sie ganz unabhängig vom <hi rendition="#g">empirischen</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> handeln. Auf derselben<lb n="5"/>Seite erhalten wir auch den vollkommnen Aufschluß, wie es mit der <hi rendition="#g">durchaus</hi> <hi rendition="#g">prak</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">tischen</hi> Philosophie gemeint sey. Nämlich, daß etwa das <hi rendition="#g">Object</hi> praktisch sey, macht die<lb n="7"/>Sache noch nicht aus; <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">Geschäft</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">praktisch</hi>.<lb n="8"/>Es ist also wirklich auf eine völlige Negation alles Denkens angesehen; und erst mit dieser ist<lb n="9"/>die radicale Umkehrung des Spinozismus, deren sich der Idealismus nur fälschlich gerühmt<lb n="10"/>hat, (d. h. aller Philosophie) wirklich geschehen. Man könnte die Frage aufwerfen, fährt<lb n="11"/>Hr. R. fort, ob dann nicht wenigstens die Logik vor dem <hi rendition="#g">Richterstuhle</hi> des Realismus als<lb n="12"/>Wissenschaft a priori anerkannt werden müsse? – Keinesweges … Sie ist im Grunde nur das,<lb n="13"/>was man jetzt unter dem Titel der <hi rendition="#g">Moral</hi> aufführt. (S. 77.) Der Weise nur kann eine Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schaft a priori besitzen, nämlich insofern er andern Gesetze und Vorschriften giebt, <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">ihren</hi> <hi rendition="#g">Zustand</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">verbessern</hi>; dieß ist aber nicht so gemeint, als ob er dieß<lb n="16"/>vor aller Erfahrung wüßte, sondern nur vor der der Andern, nicht vor seiner eignen. »<hi rendition="#g">Jede</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">theoretisch</hi> <hi rendition="#g">behandelte</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">beruht</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Willkühr</hi>, <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">Scheinwissenschaft</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">aller</hi> <hi rendition="#g">wahren</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">entblößt</hi> (XXVster Lehrsatz).<lb n="19"/>Aus diesem Grunde beruht auch Mathematik auf Täuschung – nur weil der Grund dieser<lb n="20"/>Täuschung außer ihr selbst liegt, kann sie in sich formell zusammenhängend, und gewiß seyn.<lb n="21"/>(S. 104.) Mathematik und Physik, wie sie dermalen angesehen und behandelt werden, sind<lb n="22"/>Scheinwissenschaften und gehen den Weg des Idealismus. Wir behandeln sie als <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">sich</hi>, da sie doch offenbar ursprünglich nichts anders als Form unseres Thuns sind. (S. 63.)<lb n="24"/>Nicht daß wir nach mathematischen und physischen Principien ein Haus bauen können,<lb n="25"/>beweiset die Realität jener Principien. Das Häuserbauen ist selbst ein freyes Thun, und ein<lb n="26"/>Haus ein <hi rendition="#g">freyes</hi> Werk, welches an und für sich bloße Form ohne alle Realität ist. (S. 109.) Da<lb n="27"/>nun jene Principien (S. 108.) erst durch ihre <hi rendition="#g">Richtung</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Weisheit</hi> den Charakter der<lb n="28"/>Realität erhalten, so ersieht man leichtlich, daß sie auch in ihrer Anwendung auf das Häuser<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>bauen nur durch die Richtung des Häuserbauens auf Weisheit Realität erhalten. – Nach Hrn.<lb n="30"/>Weiß ist, die Philosophie mag anheben wo sie will, ein Factum allezeit das, wovon sie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gehen muß, (Logik S. 189.); in das System des neuesten, sich kritisch nennenden, im Grunde<lb n="32"/>aber transscendenten Idealismus, (s. Herrn Prof. Jakob’s Annalen der Philosophie) können wir<lb n="33"/>nicht eingehen, denn das <hi rendition="#g">Factum</hi> der Erfahrung ist ein anderes: da ist, (welche Tiefe der<lb n="34"/>Reflexion!) in dem Bewußtseyn nicht das <hi rendition="#g">Ding</hi>, sondern nur der <hi rendition="#g">Begriff</hi> vom Ding zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>folge einer <hi rendition="#g">Empfindung</hi>, dieser Gedanke aber, dieses Wissen, wird bezogen auf ein anderes,<lb n="36"/>welches theoretisch nicht erkannt, sondern ursprünglich nur nach praktischen Principien seyn<lb n="37"/>kann.« (S. 198.) – »Die neue Philosophie ist Organon der Wissenschaften, indem sie ihnen<lb n="38"/><hi rendition="#g">allen</hi> den Weg zeigt, den sie an der Hand der <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> zu gehen haben.« (No. 2. S. 86.)<lb n="39"/>Dazu bedarf es also eines Organons. Unter diesen Wissenschaften werden Anthropologie,<lb n="40"/>(wozu auch die Psychologie gehört) und Naturwissenschaft die vorzüglichsten seyn. Wir</p>
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<milestone unit="vorlage" n="101–103"/>
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<p><lb n="1"/>dächten, dieß alles hätten wir vorher schon ganz eben so gehabt; die <hi rendition="#g">psychologischen</hi><lb n="2"/>Vorkenntnisse der Logik würden nun auch nicht mehr die schlechte Entschuldigung mit dem<lb n="3"/>Zustand der Schulen bedürfen.</p>
<p><lb n="4"/>Da es auf soviel Seiten doch nicht vermeidlich ist, daß den Verff. nicht bisweilen eine Art<lb n="5"/>von theoretischen Gedanken in die Queere liefe, oder irgendwo die Unvermeidlichkeit eines<lb n="6"/>Wissens hervorspränge, z. B. bei W. S. 79. »der Mensch fängt an mit dem reinen Entschlusse,<lb n="7"/><hi rendition="#g">auszugehen</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wahre</hi> – und es an sich abzubilden« (wo man doch denken sollte, er<lb n="8"/>müßte es in jenem Ausgehen erst gefunden, also gewußt haben, ehe er es an sich abbilden<lb n="9"/>könnte), so muß man sich ihr Verwahren vor allem Wissen, nicht nur privativ, als ein bloßes<lb n="10"/>nur nicht Wissen, sondern als ein wirkliches positives Wehren gegen das Wissen vorstellen;<lb n="11"/>und wenn Ulyß, um dem Gesang der Syrenen ungefährdet vorüberzuschiffen, seinen Gefährten<lb n="12"/>die Ohren zuklebte, so muß man sich denken, daß sie erstens sich selbst nicht nur die Ohren,<lb n="13"/>sondern alle Sinne und selbst den Verstand verkleistern, den aber, bei dem dieß nicht angeht,<lb n="14"/>wenigstens mit dem Ankerthau ihres Realismus an den Mastbaum zu binden suchen müssen.</p>
<p><lb n="15"/>Hr. W. ist in der That zu bescheiden, wenn er überall Hrn. R. als seinen Vormann erkennt,<lb n="16"/>und ihm den ersten Stoß zu der neuen Weisheit zu verdanken haben will. Denn in der Logik<lb n="17"/>zeigt er sich überall schon ganz in den rechten Principien, und als Probe seiner Begriffe von<lb n="18"/>wissenschaftlicher Form führen wir hier nur einige Stellen dieses Buchs an, S. 199. »die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sophie kann nicht Wissenschaft werden, sonst müßte das Wesen des Menschen ein Wissen und<lb n="20"/><hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">allein</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Satz</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Widerspruchs</hi> <hi rendition="#g">gegründet</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>;« – ferner den<lb n="21"/>§. 337., wo er sagt: Constitutive Principien in der Philosophie müssen zwar seyn – nur aber<lb n="22"/>hier können wir keinen Gebrauch davon machen, denn 1) dient die analytische Methode ganz<lb n="23"/>besonders gut zum Anfang; 2) aber würde man alsdann fodern, daß Ein Princip aufgestellt<lb n="24"/>würde – denn mehrere entgegengesetzte wären der Einheit der Vernunft und dem Interesse<lb n="25"/>der Wissenschaft zuwider – <hi rendition="#g">allein</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi> (Eine Princip) <hi rendition="#g">wäre</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Fall</hi> <hi rendition="#g">möglich</hi>,<lb n="26"/><hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> ursprünglich nichts als <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Product</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Spontaneität</hi> <hi rendition="#g">seye</hi> –<lb n="27"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">dieß</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">geläugnet</hi>. – So ist es ja also mit constitutiven Principien in der Philosophie<lb n="28"/>überhaupt nichts; sechs Zeilen vorher aber wird behauptet, sie müßten allerdings seyn. –</p>
<p><lb n="29"/>Wer so sehr Stümper ist, hat wohl allen möglichen Grund, auf das Wissen und Theoreti<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>siren Verzicht zu thun, und den Grund einer Philosophie, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">zuerst</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">stand</hi> <hi rendition="#g">wirkt</hi>, plötzlich und mächtig auf sich wirken zu lassen.</p>
<p><lb n="32"/>Unsre Leser werden in Ansehung des Herrn Rückert von selbst die Bemerkung gemacht<lb n="33"/>haben, wie sich in ihm als würdigen Repräsentanten für die Philosophie, der allgemeine<lb n="34"/>praktische Brauchbarkeits- und Nützlichkeitsgeist der Zeit ausdrücke, und begreifen, wie die<lb n="35"/>Absonderung des Handelns von aller Speculation, der Moral von den Ideen, als ob auch nur<lb n="36"/>ein Handeln, das würdig ist so genannt zu werden, möglich wäre, ohne speculative Ideen in<lb n="37"/>ihm auszudrücken, endlich auch diese Wendung nehmen mußte, und wie nun zuerst der auf<lb n="38"/>das Wissen überhaupt geworfene Verdacht, dann die Wirkung, welche der Idealismus fast<lb n="39"/>allgemein gehabt hat, die meisten in Ansehung ihres Denksystems bis zum absoluten Nihilis<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>mus zu reduciren, die äußere Form dazu geliehen hat, und wie hierauf von dieser totalen</p>
<pb n="252" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=259" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="103–105"/>
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<p><lb n="1"/>Zerknirschung, und subjectiven Nichtsheit der Weg zu diesem Realismus nur Ein Schritt ist.<lb n="2"/>Wie sich die von Kant dargethane Idealität der Außenwelt durch den Fichte’schen Idealismus<lb n="3"/>bei Hrn. R. wirklich in eine absolute Willkühr, und Nichtigkeit, die nun ganz nothwendig<lb n="4"/>ihr Entgegengesetztes hervorbringt, verwandelt hat, kann man unter andern an der Art sehen,<lb n="5"/>wie er die Täuschung, welche der Mathematik zu Grunde liegt, erklärt. Das Nothwendige,<lb n="6"/>sagt er, ist für das Freye <hi rendition="#g">ewig</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi>, wenn dieses sich nämlich frey auf dasselbe als seinen<lb n="7"/>letzten Grund hinrichtet. Richtet es sich dagegen als Willkühr auf sich selbst, so hört das Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wendige außer ihm in dieser Eigenschaft für es auf; es ist nicht <hi rendition="#g">ewig</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi>, es erscheint ihm<lb n="9"/>als ein <hi rendition="#g">Vieles</hi>, Mannichfaltiges, Verschiednes, als immer ein Andres. – Auf diesem Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>puncte wird ihm die Sphäre, worinn das (idealisch) Viele ihm <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">einander</hi> erscheint,<lb n="11"/>der <hi rendition="#g">Raum</hi>, die <hi rendition="#g">Folge</hi>, jenes Vielen – <hi rendition="#g">Zeit</hi> werden. Der Grund von Zeit und Raum ist also<lb n="12"/>Willkühr, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">in</hi> Willkühr <hi rendition="#g">verwandelte</hi> <hi rendition="#g">Nothwendige</hi>. Für einen auf seinen Grund<lb n="13"/>gerichteten, und der Einheit des letztern sich bewußten Geist giebt es daher schlechterdings<lb n="14"/>weder Raum noch Zeit, daher auch keine Mathematik u.s.w. (S. 104. ff.)</p>
<p><lb n="15"/>Man wird in dieser Erklärung, außerdem daß sie nur nicht tief genug geht, um die wahre zu<lb n="16"/>erreichen, auf jeden Fall eine gewisse herzhafte und entschlossene Art zu denken finden; und so<lb n="17"/>wenig Ansprüche auf Philosophie, und eine höhere Begeisterung, als die des gemeinen Men<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>schenverstandes, das <hi rendition="#g">Ganze</hi> machen kann, so ist doch schon oben bemerkt worden, daß einzel<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ne lichte Stellen und Blicke einer nicht durchgedrungenen, auch wohl nicht zum Durchdringen<lb n="20"/>bestimmten Speculation darin angetroffen werden, so wie es unläugbar ist, daß der Wendung,<lb n="21"/>welche das Denken des Verfassers genommen hat, wirklich eine kräftige und originale praktische<lb n="22"/>Tendenz zu Grunde liege, die, wenn sie sich, anstatt gegen die Philosophie, dahin kehret, wohin<lb n="23"/>sie ihrer Natur nach gerichtet seyn muß, nämlich gegen das Leben, und die mehr äußern Sphä<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ren menschlicher Thätigkeit, sich mit viel Energie und Wirkung wird äußern können.</p>
<p><lb n="25"/>Was aber den Hrn. <hi rendition="#g">Weiß</hi> betrifft, so müssen wir gestehen, daß wir bei ihm weder Herz<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>haftigkeit, noch Entschlossenheit des Denkens, nicht einen entfernten Zug von Speculation<lb n="27"/>oder irgend eine andre ursprüngliche Richtung, als die der Geistesdürftigkeit und des Un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>vermögens gefunden haben, welches denn auch das einzige ist, was sich von ihm in diese neue<lb n="29"/>Philosophie geworfen hat, die ihm nicht so sehr an sich selbst willkommen ist, als weil sie ihn<lb n="30"/>ein für allemal der Beschwerlichkeiten des philosophischen Verstandesgebrauchs überhebt, und<lb n="31"/>noch dazu bei aller Unwissenheit sehr weise und kluge Mienen anzunehmen erlaubt. Anders<lb n="32"/>als höchst gemein kann man gewiß eine solche Art zu denken nicht finden, die gegen keine<lb n="33"/>speculative Idee oder gegen die Speculation selbst eine andere Waffe hat, als die Berufung<lb n="34"/>auf die <hi rendition="#g">Menschheit</hi>, worunter nicht der vernünftige Theil derselben, (denn sonst könnte<lb n="35"/>unmittelbar auf diesen provocirt werden, auch ist es eben nicht um diesen zu thun, wie S. 75. 76.<lb n="36"/>klar gesagt ist: der <hi rendition="#g">Mensch</hi> will nichts ursprünglich für sich seyn, kein <hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Vernunft</hi> –) sondern offenbar der rein <hi rendition="#g">thierische</hi> oder wenigstens der thierische, als noth<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>wendige Zugabe zum vernünftigen verstanden wird. Sorge doch für die Menschheit in diesem<lb n="39"/>Sinn wer da will, durch Rumfordische Suppen, Runkelrübenbau u.s.w., nur in der Philosophie<lb n="40"/>wolle man nicht für sie sorgen. Hr. Weiß aber meint, wenn er sagen könne: die <hi rendition="#g">Menschheit</hi></p>
<pb n="253" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=260" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="105–108"/>
<fw type="header" place="top">RÜCKERT UND WEISS</fw>
<p><lb n="1"/>möchte diese Art zu philosophiren nicht gutheißen, eine Philosophie von Grund aus geschlagen<lb n="2"/>und vernichtet zu haben.</p>
<p><lb n="3"/>Von Kant heißt es, S. 45., »dadurch, daß er auf dem <hi rendition="#g">empirischen</hi> Boden zu festen Fuß<lb n="4"/>gefaßt habe, um zu jenen Speculationen, welche eine Abstraction von allem <hi rendition="#g">Gegebnen</hi><lb n="5"/>fodern, gelangen, oder sie gut heißen zu können, wenn ein Anderer sie aufstellte – habe er sich<lb n="6"/>zu seinem Ruhme <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Menschheit</hi> <hi rendition="#g">bewährt</hi>;« nach S. 47. findet der <hi rendition="#g">Mensch</hi><lb n="7"/>Kants Resultat, (daß zu der Sinnlichkeit und dem Verstand a priori noch <hi rendition="#g">Empfindung</hi> hin<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>zukommen müßte) <hi rendition="#g">richtig</hi>, »denn er hatte schon lange den Luftgebäuden der Metaphysik<lb n="9"/>bedenklich zugesehen, und <hi rendition="#g">freut</hi> sich nun – der Antinomien in ihrer Leere.« – »Der <hi rendition="#g">Mensch</hi><lb n="10"/>muß auch in der Philosophie eingedenk bleiben seiner <hi rendition="#g">Natur</hi>, (welcher andern nach dem<lb n="11"/>Vorhergehenden als der thierischen?), <hi rendition="#g">damit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Speculationsgeist</hi> <hi rendition="#g">Einhalt</hi> <hi rendition="#g">ge</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">schehe</hi>.« – »S. 50. Auch in Kants praktischer Philosophie, und noch lieblicher als dort (in der<lb n="13"/>theoretischen) <hi rendition="#g">weht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">gute</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi>.« – Das.: Daß sich der Mensch<lb n="14"/>das Gesetz selbst gebe, welchem er sich doch stets unterworfen fühle, er, der stets unter dem<lb n="15"/>Einfluß der Objecte steht, und gebohren wird und stirbt, ohne gefragt zu werden, (hier ist also<lb n="16"/>die Thierheit ganz klar; an einer andern Stelle S. 83. wird zu gleichem Zweck eine weit<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>läuftige Beschreibung der schwachen Anfänge des Menschen vom Gehen- und Sprechen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lernen an gemacht,) – – dieß begreift der <hi rendition="#g">Mensch</hi> nicht. – »Die <hi rendition="#g">Menschheit</hi> <hi rendition="#g">triumphirt</hi><lb n="19"/>über die Wissenschaft,« (S. 53.) dagegen (S. 62.) im Spinozismus <hi rendition="#g">seufzt</hi> und <hi rendition="#g">stöhnt</hi> sie.<lb n="20"/>Nach S. VIII. der Vorrede verdient es wohl <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Neuem</hi> untersucht zu werden, und fragt<lb n="21"/>sich überhaupt noch: ob der <hi rendition="#g">Mensch</hi> ursprünglich ein Ich seye, (dieß ist also die Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>suchung des Idealismus). Der Hauptfehler ist: das reine Ich ist nichts für die <hi rendition="#g">Menschheit</hi>,<lb n="23"/>wahrscheinlich eben so wenig, als der reine Raum der Geometrie. Der Hauptsyllogismus gegen<lb n="24"/>alle theoretische Philosophie, der S. 78. noch einmal wiederholt wird, kommt darauf zurück:<lb n="25"/>In der Philosophie als Theorie sey alles nur gewiß, sofern es nothwendig gedacht werde. Nun<lb n="26"/>aber wirke im Denken nicht der <hi rendition="#g">ganze</hi> <hi rendition="#g">Mensch</hi>, also u.s.w. Um die niedrige Art zu denken,<lb n="27"/>die durch das Ganze geht, noch weiter einzusehen, muß man vorzüglich die Stellen lesen, wie<lb n="28"/>S. 22. wo an der wissenschaftlichen Philosophie getadelt wird, daß man durch dieses Wissen<lb n="29"/>noch nicht <hi rendition="#g">gut</hi> werde, und allerdings große Erkenntniß haben könne, ohne deswegen <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">nünftig</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">leben</hi>, wozu doch alle Philosophie benutzt werden müsse. – Wie mag doch,<lb n="31"/>heißt es S. 61., dem <hi rendition="#g">Menschen</hi> jene Idee eines thatenlosen Handelns, (das reine Ich) genügen. –<lb n="32"/>»Für das reine Ich sey es ein ewiger Vorwurf, daß es vor aller Zeit <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">herausgieng</hi>,<lb n="33"/>und die Welt der Objecte schuf, <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nachher</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">diese</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">Welt</hi> <hi rendition="#g">ewig</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">quälen</hi>.« Freylich, wie es dem reinen Ich je einfallen könnte, sich bis zu der<lb n="35"/>Individualität des Hrn. Weiß zu beschränken, um sich mit Philosophie und der Behauptung<lb n="36"/>seiner Thierheit gegen die Philosophie zu quälen, möchte ein schwer zu lösendes Problem<lb n="37"/>seyn. – Wenn man diesen faden, unklugen Schwätzer nun wieder von dem <hi rendition="#g">Ernst</hi> und der<lb n="38"/><hi rendition="#g">Würde</hi> der Philosophie, von dem <hi rendition="#g">Heiligsten</hi> und <hi rendition="#g">Besten</hi>, was auf diesem Wege, dem idea-</p>
<pb n="254" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=261" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="108–110"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>listischen, verdreht werde (S. 61.), reden hört, oder wenn man Tiraden, wie folgende, liest: »das<lb n="2"/>Freye schaudert zurück, und Auflösung in alle Elemente ist Wohlthat gegen die <hi rendition="#g">Zumuthung</hi>,<lb n="3"/>ein <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>« – <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">fürchtet</hi> <hi rendition="#g">dennoch</hi> <hi rendition="#g">immer</hi>, <hi rendition="#g">einmal</hi> ein <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>! –<lb n="4"/>so kann man sich dann erst einen vollkommnen Begriff von der Gemeinheit und Unwürdigkeit<lb n="5"/>machen, die sich hier als <hi rendition="#g">unverderbte</hi> <hi rendition="#g">Menschheit</hi>, reine Menschennatur u.s.w. aufdringt.</p>
<p><lb n="6"/>Wie wenig ernstliches Bemühen um Philosophie Hr. W. sich gegeben habe, erhellt aus der<lb n="7"/>leichtfertigen Unwissenheit, mit der er über die Lehren früherer Philosophen spricht, und man<lb n="8"/>kann wohl sagen, der gänzlichen auch historischen Unkenntniß der Philosophie. Wissen kann<lb n="9"/>Hr. W. nicht, noch kann ihm in seinem ganzen Leben begreiflich werden, wie ganz und gar<lb n="10"/>nichts er von Philosophie überhaupt verstehe; jener Punct ist factisch, und macht ihn vielleicht<lb n="11"/>aufmerksam, da er doch dem Titel nach Professor der Philosophie heißt, insofern wenigstens<lb n="12"/>sein Freyes auf das Nothwendige zu richten, daß er, aus der kleinen Periode von Pythagoras,<lb n="13"/>der den Namen σοφος in den des Philosophen verwandelte, bis auf Herrn Rückert, der <hi rendition="#g">dieß</hi><lb n="14"/>nun wieder umgekehrt hat, – von der Philosophie soviel historische Kenntniß, als ohne eignen<lb n="15"/>Geist möglich ist, sich zu verschaffen sucht. – »Alle metaphysischen Systeme, heißt es S. 13.,<lb n="16"/><hi rendition="#g">enden</hi> bey einem absoluten; <hi rendition="#g">besteht</hi> es in einem Seyn, so nennen sie es den <hi rendition="#g">Gott</hi>.« Nach<lb n="17"/>S. 14. konnte <hi rendition="#g">Leibnitz</hi> nicht sich denken, wie zwei <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">heterogene</hi> Substanzen, Geist<lb n="18"/>und Leib, auf einander wirken. Nicht doch; Leibnitz gab gar keine zwei ganz heterogene Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stanzen, als Leib und Seele, zu; nach S. 70. aber bestehen bey Leibnitz neben und außer den<lb n="20"/>Monaden auch die Körper, und S. 14. wird dieß so erläutert: die Monaden empfinden, <hi rendition="#g">und</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Zeugniß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sinne</hi> <hi rendition="#g">hierüber</hi> (über das Empfinden?) <hi rendition="#g">kann</hi> <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">Täuschung</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">seyn</hi>: <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">giebt</hi> <hi rendition="#g">also</hi> <hi rendition="#g">Körper</hi> – dieß alles, wohl zu merken, nach <hi rendition="#g">Leibnitz</hi>! Bey Descartes<lb n="23"/><hi rendition="#g">wirken</hi> nach S. 12. Materie und Geist auf einander, allein ihre Wirkungen stehen unter der<lb n="24"/><hi rendition="#g">Leitung</hi> einer höchsten Macht. Welche richtige Vorstellungen vom Spinozismus und Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>mus der Verf. habe, ist schon hinlänglich früher bemerklich gemacht worden, welche Begriffe<lb n="26"/>aber von der Würde der Philosophie, mag unter andern folgendes zeigen: »Zu allem andern,<lb n="27"/>sagt er, nehme man nun noch, daß jede Philosophie als Wissenschaft, je vollkommner sie<lb n="28"/>war, um so mehr dem <hi rendition="#g">gemeinen</hi> <hi rendition="#g">Menschensinne</hi>, der natürlichen <hi rendition="#g">Ansicht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi><lb n="29"/>entgegen sprach. <hi rendition="#g">Spinoza</hi> <hi rendition="#g">will</hi> <hi rendition="#g">mich</hi> <hi rendition="#g">bereden</hi>, (bewahre Gott, wer wird den klugen<lb n="30"/>Hrn. Weiß etwas bereden wollen? – Und der <hi rendition="#g">thörichte</hi> <hi rendition="#g">Spinoza</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">weisen</hi> <hi rendition="#g">Herrn</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">Weiß</hi> etwas weiß machen? Der weiß sich schon davor in Acht zu nehmen,) <hi rendition="#g">ich</hi> sey <hi rendition="#g">nur</hi><lb n="32"/>eine Modification der Gottheit.« (Daß Spinoza von Hrn. Weiß bewiesen, er seye eine Modi<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>fication der Gottheit, wird wohl sonst niemand bekannt seyn; wär’ es nun die billige Beschei<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>denheit, sich selbst für unwürdig zu halten, eine Modification der Gottheit zu seyn, und auch<lb n="35"/>nur einen Strahl der natura naturans in sich zu haben, so verdiente dieß Lob; Hr. Weiß aber<lb n="36"/>dünkt sich etwas viel Besseres, und gar andres zu seyn, als <hi rendition="#g">nur</hi> eine Modification der Gottheit,<lb n="37"/>und es wird nun ganz klar, wie hoch bei aller Unterordnung unter das Reale das vermeinte<lb n="38"/>Ich, und die <hi rendition="#g">eigne</hi> Menschheit des Hrn. Weiß steht). – <hi rendition="#g">Fichte</hi>, heißt es weiter, (S. 71.)<lb n="39"/><hi rendition="#g">bürdet</hi> <hi rendition="#g">mir</hi> <hi rendition="#g">auf</hi>, durch eine höhere Thätigkeit als die <hi rendition="#g">alltägliche</hi> im Denken und Han<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>deln (producire ich die Objecte). Es ist also nur die Nichtalltäglichkeit dieser Thätigkeit, was</p>
<pb n="255" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=262" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="110–112"/>
<fw type="header" place="top">RÜCKERT UND WEISS</fw>
<p><lb n="1"/>sie verdächtig macht. »Wer <hi rendition="#g">glaubt</hi>, heißt es weiter, (<hi rendition="#g">glaubt</hi>), allen diesen Lehren? Ich frage,<lb n="2"/>wer <hi rendition="#g">glaubt</hi> als <hi rendition="#g">unbestochner</hi> <hi rendition="#g">Mensch</hi>? Und woher hat denn die Philosophie das Recht,<lb n="3"/>den <hi rendition="#g">schlichten</hi> <hi rendition="#g">Menschenverstand</hi> eines Irrthums zu zeihen? Sprach er doch laut und<lb n="4"/>herrlich und lange vor aller Philosophie!« –</p>
<p><lb n="5"/>Jemand der so ohne allen Verstand spricht, und indem er beständig den gesunden Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>verstand als die gute <hi rendition="#g">Gabe</hi> <hi rendition="#g">Gottes</hi> im Mund führt, auf jeder Seite beurkundet, wie gänzlich<lb n="7"/>es ihm selbst, sogar daran, gebricht, überhebt die Philosophie aller Kritik, und kann an seinen<lb n="8"/>eignen Richter verwiesen werden. Wir werden uns nicht wundern, wenn die meisten Leser<lb n="9"/>finden sollten, daß wir uns bei Producten der Art, wie die Rückertschen und Weißschen,<lb n="10"/>über alle Gebühr verweilt haben. Wir führen aber dagegen an, erstens, daß solche Producte<lb n="11"/>nicht außer dem Zusammenhang des Ganzen betrachtet werden müssen, und darum wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stens Rücksicht verdienen, weil dieselbe Tendenz, die sich in ihnen nur auf eine auffallendere<lb n="13"/>Weise kundgiebt, sehr vielen, ja den meisten philosophischen Bestrebungen der Zeit, welche<lb n="14"/>manchen Lesern alsdann vielleicht doch nicht so unmerkwürdig vorkommen möchten, nur<lb n="15"/>verborgner, zu Grunde liegt; alsdann auch, daß jeder wissen müsse, zu dem bestimmten Zweck<lb n="16"/>auch die bestimmten Mittel zu ergreifen. Wir werden uns auch ferner nicht verdrießen lassen,<lb n="17"/>die Unwissenschaftlichkeit, Oberflächlichkeit, diesen Grad der Verwilderung, den man sich<lb n="18"/>kaum so vorstellen könnte, und jene niedrige Denkart in der Philosophie, wo wir sie finden,<lb n="19"/>mit gleicher Genauigkeit darzustellen; die allgemeine Versicherung der Plattheit hat auf die<lb n="20"/>zunehmende Unverschämtheit derer, gegen welche sie gerichtet ist, keine Wirkung, als die,<lb n="21"/>daß sie ihnen Muth macht, in Intelligenzblättern u.s.w. sich in gleicher Allgemeinheit, und<lb n="22"/>mit der ihnen eignen Arroganz dagegen zu wehren, und vor dem Publicum weiß zu brennen.<lb n="23"/>Darlegung von Gründen im Detail muß ihnen diesen Muth nehmen. Wir werden die Hoff<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nung nicht aufgeben, auf diesem Wege die Beendigung jenes immer mehr umgreifenden<lb n="25"/>Unwesens erreicht zu sehen, daß, indem in jeder andern Wissenschaft und Kunst, auch der<lb n="26"/>gemeinsten, zum Lehren, wenn nicht besonderes Talent, doch wenigstens Kenntniß des<lb n="27"/>Geschehenen und Erfundenen erfodert wird, dagegen in der Philosophie alle Augenblicke<lb n="28"/>andre, ohne vorhergegangne Studien, ohne vorläufige Uebung des Kopfs auch nur an dem<lb n="29"/>Vorhandenen, voll crasser Unwissenheit, die nur von ihrem Dünkel und ihrer pöbelhaften<lb n="30"/>Art, über philosophische Dinge zu denken, übertroffen wird, sich zu Lehrern aufrichten. Die<lb n="31"/>noch immer nicht erloschene Achtung für Gründlichkeit läßt auf die Erreichung dieses Zwecks<lb n="32"/>um so sicherer rechnen, da jene, wenn sie durch Gründe, wie wir wohl wissen, absolut unver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>besserlich sind, doch bis jetzt noch einige Scheu vor der öffentlichen Meinung haben, (die sie<lb n="34"/>jetzt nur zu hintergehen hoffen), und durch diese zuletzt wohl auch noch soviel Respect vor<lb n="35"/>der Philosophie bekommen möchten, um mit ihren unreinen Händen sie unberührt zu lassen.</p>
<p><lb n="36"/>Wir wünschen, daß Hr. W. seine Talente, die für die Philosophie von keinem Werth sind,<lb n="37"/>anderen Fächern nicht entziehe, worin sie glücklicher angewendet seyn würden, und in denen<lb n="38"/>er sich durch Schriften, wie: über die Annehmlichkeiten des Landlebens oder den Einfluß<lb n="39"/>schöner Naturscenen auf die Bildung des Herzens, oder allgemeinere: über den Nutzen der<lb n="40"/>menschlichen Glückseligkeit, u. dgl. bei einem Theil des Publicums vortheilhaft empfehlen wird.</p>
<pb n="256" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=263" type="body"/>
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<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
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<head><lb n="1"/>NOTIZENBLATT.</head>
<head><lb n="2"/>1.<lb n="3"/>NEUE ENTDECKUNG ÜBER DIE FICHTE’SCHE PHILOSOPHIE.<lb n="4"/>Jen. Allg. Lit. Zeitung. 1801. N. 362.</head>
<p><lb n="5"/>»Fichte dürfte wohl seine Lehre auf etwas gründen, und mit etwas verbinden, was er in<lb n="6"/>seiner Abhandlung (über die Religion) und in deren Vertheidigung, und in der That in allem,<lb n="7"/>was er bisher unter seinem Namen über sein System bekannt gemacht hat, verbirgt. Dieses<lb n="8"/>System muß <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">sorgfältig</hi> <hi rendition="#g">studieren</hi>, muß dem, was aus der Ableitung alles Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyns aus den Bedingungen des Selbstbewußtseyns folgt, <hi rendition="#g">selbst</hi> nachgehn, ohne auf Fichte’s<lb n="10"/>Leitung zu warten; dann erst erblickt man das in dem <hi rendition="#g">Dunkel</hi> des Allerheiligsten verborgene<lb n="11"/>ἐν και παν, das Fichte selbst in seinem sonnenklaren Berichte noch nicht an das Licht gezogen<lb n="12"/>hat; dann erst erscheint seine Gotteslehre in ihrer Klarheit und in ihrem innigen Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>hang mit seinem System; und <hi rendition="#g">dann</hi> <hi rendition="#g">erst</hi> <hi rendition="#g">kann</hi> <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Erfolg</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Waffen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">gesunden</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Menschenverstandes</hi> gegen ihn gebrauchen.«</p>
<p><lb n="15"/>Wir haben uns nicht enthalten können, diese Stelle als in mancherley Rücksichten charak<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>teristisch unserem Notizenblatt einzuverleiben; was</p>
<p><lb n="17"/>1) die neue Entdeckung über das Allerheiligste der Fichte’schen Philosophie und das Licht<lb n="18"/>betrifft, das in dasselbe gebracht wird, so spiegelt sich unverkennbar das <hi rendition="#g">neugierige</hi> Stu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dium der Philosophie darin ab, das sorgfältig selbst nachgeht, nicht auf Leitung wartet, noch<lb n="20"/>sich hingibt, sondern immer seiner vollkommen bewußt, auf die Entdeckung losgeht, welcher<lb n="21"/>von den bisher bekannten Nahmen denn der neuen Philosophie zu geben sey; hat ein solches<lb n="22"/>Studium einen Nahmen herausgebracht, so glaubt es das esoterische entdeckt zu haben, und<lb n="23"/>weil der Philosoph nicht selbst einen alten Nahmen braucht, schließt es, er habe ein Geheimniß<lb n="24"/>aus dem Wesen seiner Philosophie machen wollen, die man für sich und andre ans Licht ziehen<lb n="25"/>muß; solcher Befriedigung genießt denn auch dieser Lichtzieher, den wir oben sprechen ließen,<lb n="26"/>und der für das Wesen der Fichteschen Philosophie den Namen ἐν και παν entdeckt hat.</p>
<p><lb n="27"/>2) Dieser Lichtzieher erweißt der Fichteschen Philosophie eine unendlich größere Ehre, als er<lb n="28"/>ohne Zweifel dachte und wollte; es läßt sich von einer Philosophie gar nichts Höheres sagen, als daß<lb n="29"/>nichts philosophisches, sondern nur der gemeine Menschenverstand gegen sie aufzubringen ist.</p>
<p><lb n="30"/>3) Eben so ist es auch für das größte äußere Glück einer Philosophie zu erachten, wenn das<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>jenige, was gegen sie sich hören läßt, sich selbst für dünkellosen gemeinen Menschenverstand<lb n="32"/>erkennt; denn die leidigste Seite des Kampfs einer Philosophie ist immer die, daß sie es mit<lb n="33"/>gemeinem Menschenverstand zu thun hat, der sich für Philosophie hält, und es ist nichts<lb n="34"/>schwieriger, als ihm jenen philosophischen Dünkel zu benehmen.</p>
<pb n="257" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=264" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="114–116"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>4) Der Erfolg, den die Waffen des gemeinen Menschenverstands haben, ist allerdings bei<lb n="2"/>ihm unfehlbar, so lang er sich nicht verführen läßt, aus seiner Gemeinheit heraus zu gehen;<lb n="3"/>wenn er es mit der Philosophie zu thun zu haben glaubt, so hat dagegen die Philosophie nichts<lb n="4"/>mit ihm zu thun.</p>
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<head><lb n="5"/>2.<lb n="6"/>BAYERN.</head>
<head><lb n="7"/>A) BEFÖRDERUNG AUF DER LANDESUNIVERSITÄT LANDSHUT.<lb n="8"/>(Oberd. allg. Liter. Zeit. CXXVIII. 10. Nov. 1801.)</head>
<p><lb n="9"/>»Der zweite von den neu aufgestellten Professoren ist der durch mehrere in den Druck<lb n="10"/>gegebene sehr schöne Schriften rühmlichst bekannte Hr. Aloys <hi rendition="#g">Dietl</hi>, Pfarrer auf dem Berge<lb n="11"/>nächst Landshut. – Er übernahm den Lehrstuhl der Aesthetik, zu welchem ihn <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">nur</hi><lb n="12"/>seine Kenntnisse, seine Schriften, sein Conversations-Ton; sondern auch, sogar, das Ameuble<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ment seines Pfarrhauses, ganz, qualificiren.«</p>
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<head><lb n="14"/>B) AUSBRUCH DER VOLKSFREUDE ÜBER DEN ENDLICHEN UNTERGANG<lb n="15"/>DER PHILOSOPHIE.<lb n="16"/>(Ober. Allg. Lit. Zeit. CXXXIII. 1801. Recension der Kritik der theoret. Philosophie<lb n="17"/>von Schulze. <hi rendition="#g">Erster</hi> <hi rendition="#g">Band</hi>.)</head>
<p><lb n="18"/>»Es ist endlich einmal Zeit, daß den Philosophen, die Decke weggenommen wird, die ihre<lb n="19"/>Augen seit mehr als 2000 Jahren mit Finsterniß bedeckt hat. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Geduld</hi> <hi rendition="#g">geht</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ins</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Unendliche</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Gränzen</hi>. Wenn die Erwartung zu lange<lb n="21"/>getäuscht wird, so bricht zuletzt <hi rendition="#g">unser</hi> Unwille um so lebhafter aus, (le cri de la nation!) je<lb n="22"/>länger uns leere Worte und <hi rendition="#g">Versprechungen</hi> hingehalten haben. Die Philosophen haben<lb n="23"/>schon lange die <hi rendition="#g">Erwartung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Publikums</hi> getäuscht, sie haben schon lange <hi rendition="#g">einen</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">ewigen</hi> <hi rendition="#g">Frieden</hi> unter sich durch eine <hi rendition="#g">allgemeingültige</hi> Philosophie, durch eine Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sophie ohne Namen versprochen; und mit jedem Jahrhundert wird der Streit in der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sophie größer; fast mit jedem Jahrzehend gehen neue Systeme der Philosophie hervor, die alle<lb n="27"/>miteinander im Widerspruche stehen, und doch alle auf Allgemeingültigkeit Anspruch<lb n="28"/>machen.«</p>
<p><lb n="29"/>Es wird hier ein Verhältniß zwischen Philosophen und einem Publicum aufgestellt, wie<lb n="30"/>zwischen einer Administration und dem Volke; die Philosophen hätten das Amt der Seelsorge<lb n="31"/>für die Vernunft des Volks, und die Pflicht auf sich, ihm eine constitutionelle Philosophie zu<lb n="32"/>machen, und die Vernunft des Volks zu verwalten, welches sich darüber auf seine Philosophen<lb n="33"/>sollte verlassen und seine sonstigen Geschäfte darnach betreiben können; nach der Ansicht<lb n="34"/>dieses Recensenten hat das Publicum eine allgemeingültige Philosophie erwartet, die ihm</p>
<pb n="258" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=265" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="116–118"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>gegeben werden sollte; das Volk hat zweitausend Jahre vergeblich gewartet, (von welcher<lb n="2"/>eselhaften Geduld ist doch dieß Volk,) und wenn es noch sechstausend Jahre wartet, so würde<lb n="3"/>es keine Philosophie bekommen; denn das Warten verhilft eben so wenig dazu, als das Warten,<lb n="4"/>bis der Acker von selbst Korn trüge und sein Brod gebacken präsentirte, zur Sättigung. – Aber<lb n="5"/>das so lange getäuschte Volk läßt endlich, wie wir sehen, gegen die Administration der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nunft seinen Unwillen losbrechen; es findet einen Mann, der als sein Messias sich an seine<lb n="7"/>Spitze stellt, denn »Hr. Hofr. Schulze hat sich das <hi rendition="#g">unsterbliche</hi> <hi rendition="#g">Verdienst</hi> erworben,<lb n="8"/>den ewigen Streit in der speculativen Philosophie zu endigen (nicht daß er die Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>administration verbesserte, sondern wie ein Marat, daß er alle Systeme, die sich um die Re<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gierung rissen, guillotinirt). Er hat gezeigt, daß die Philosophie einen Erbfehler hat, u.s.w.<lb n="11"/>Er stellt daher einen Skepticismus auf, den der gewöhnliche Vorwurf nicht trifft, denn der<lb n="12"/>Vf. <hi rendition="#g">erkennt</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">logischen</hi> <hi rendition="#g">Wahrheiten</hi> <hi rendition="#g">an</hi>; u.s.w. Der Skepticismus des Vf. ist ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>leuchtend und klar, daß wir <hi rendition="#g">fest</hi> überzeugt sind, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">dadurch</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Systeme</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">theoretischen</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Staab</hi> <hi rendition="#g">gebrochen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">unserm</hi> neuen Jahr<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>hundert die speculative Philosophie als eine Wissenschaft betrachtet werden wird, die als ein<lb n="16"/>künstliches Gewebe von leeren Begriffen nur müßige Köpfe beschäftigen kann.«</p>
<p><lb n="17"/>Der Umstand ist nicht zu übersehen, daß der, der dieses Freudengeschrey erhebt, nur den<lb n="18"/>ersten Theil des Schulzischen Werks vor sich hatte, worin die philosophischen Systeme nur<lb n="19"/>erzählend dargestellt werden, und den zweyten nicht, worin ihre Grundlosigkeit erst erwiesen<lb n="20"/>wird, also schon über das bloße Versprechen ihrer Widerlegung seinen Jubel erhebt.</p>
<p><lb n="21"/>Der Jubel über den Untergang der speculativen Philosophie trifft genau mit der psycho<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>logischen und moralischen Begründung und Aufführung der Philosophie zusammen, der wir<lb n="23"/>hier im Vorbeygehen erwähnen müssen, wovon ein gewisser Pfarrer und Prof. Salat in<lb n="24"/>Schriften, über die Aufklärung, und: Winken des Verhältnisses der intellectuellen zur sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichen Kultur, und beständigen Erklärungen und Erzählungen darüber, in der oberdeutschen<lb n="26"/>allgem. Zeit. ein eitles und leeres Gewäsche zu machen gar nicht aufhören kann. Es scheint,<lb n="27"/>dieser Hr. Prof. Salat hält sich eigentlich für den philosophischen Apostel Bayerns, und es hat<lb n="28"/>seinem Apostelamte keine andere Bestätigung mehr gefehlt, als die wohlfeile Märtyrerkrone,<lb n="29"/>welche ihm seine geistlichen Obern bereitet haben; für das ursprüngliche Diplom zu seinem<lb n="30"/>hohen Berufe, der Ritter gegen die Finsterniß zu werden, aber, scheint er den Umstand zu<lb n="31"/>halten, daß ins philosophische Journal einmal ein seichter und unphilosophischer Aufsatz, der<lb n="32"/>ihn zum Urheber hatte, aufgenommen wurde; es erscheint keiner seiner vielen geschwätzigen<lb n="33"/>Erzählungen von sich und seiner moralischen Philosophie, worin er nicht dieser Ehre, einen<lb n="34"/>Aufsatz im philosophischen Journal gehabt zu haben, erwähnte, und keine Woche der ober<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>deutschen Zeitung, worin er nicht ein solches eitles Auskramen der Humanität und Moralität<lb n="36"/>und praktischen Philosophie und alles Guten und Wahren, und des Vorwärts zum Bessern und<lb n="37"/>Vervollkommnung darbrächte. Das Kantische Moralprincip ist gerade die lahme Mähre, die<lb n="38"/>sich in diese Schwemme schaaler moralischer Brühen hineinreiten läßt; der Fichteschen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>sophie traut er nicht recht, denn man kann nicht wissen, ob diese nicht Mücken »aus dem<lb n="40"/>dunkeln Lande des Mysticismus« im Kopf habe, soviel wenigstens ist sicher, daß sie gar specu-</p>
<pb n="259" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=266" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="118–121"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>lative Philosophie ist; vor deren einem wie vor dem andern Salat und seine moralische und<lb n="2"/>humane Philosophie gleicherweise bange hat; und das eine oder das andere, wäre doch Gewürz,<lb n="3"/>das ihrer Geschmacklosigkeit allein nachhelfen könnte. Wie müssen der Bayerischen Gediegen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>heit solche moralische Saalbadereyen und asthenische Saläte aneckeln, durch welche diesem<lb n="5"/>Bayern die berlinische Aufklärerey in ihrer plattesten Gestalt als eine moralische und humane<lb n="6"/>Aufklärung zugewinkt und eingepropft werden soll; Salat nennt das, auf eine empirische,<lb n="7"/>das heiße, praktische Weise das Wahre und vorzüglich Wichtige der neuern Philosophie in<lb n="8"/>den Krais eines feinern und selbstdenkendern Publicums einführen; wenn das selbstdenkende<lb n="9"/>Bayrische Publicum aus dem Salatschen Einführen einen Begriff von der neuern Philosophie<lb n="10"/>erhalten müßte, so müßte es sich wundern, wie unter dem selbstdenkenden Publikum des<lb n="11"/>übrigen Deutschlands räsonnirende Eitelkeit und humane Mattheit für Philosophie gehalten<lb n="12"/>werden könnte, und ihr billig seine unphilosophische Derbheit vorziehen, welche Salat und<lb n="13"/>Consorten breit und platt zu schlagen sich bemühen.</p>
<p><lb n="14"/>Es fällt uns, nachdem das vorherige schon abgesetzt ist, ein neuer Salat in der oberd. allg.<lb n="15"/>Liter. Z. XVIII. ff. 1802 in die Hand, worin jene praktische und moralische Tendenz des<lb n="16"/>Philosophirens, welches der oben angeführte Prophet der Plattheit und Seichtigkeit in Bayern<lb n="17"/>übt, und das Verhältniß, das sie sich zur Philosophie gibt, aufs naivste ausgedrückt ist, und<lb n="18"/>wovon wir uns nicht enthalten können, einiges beyzubringen, um die Züge dieses moralischen<lb n="19"/>Philosophirens zu vervollständigen. Es ergibt sich nemlich daraus, daß dieses Philosophiren<lb n="20"/>seine Foderung der Moralität, als des einzigen tiefen Grundes der Philosophie darum macht,<lb n="21"/>um alles Philosophirens überhoben zu seyn, statt desselben moralische Eitelkeit und Dünkel<lb n="22"/>geltend zu machen, und zur Kritik philosophischer Systeme das einfache und schlechte Haus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mittel gebraucht, ihre Urheber und Anhänger, aus eigener moralischer Urtheilskraft, zu un<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>moralischen Menschen zu creiren. Der Geist, nur nicht der Buchstabe, ist Salats Geschrey, der<lb n="25"/>Geist, der Geist, nicht die Formeln, nicht ein bestimmter Begriff, auf das innre, tiefe Wahre<lb n="26"/>und Urwahre, auf den moralischen Geist kommt es an; sein ermunternder Ausruf und mora<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lischer Rippenstoß: <hi rendition="#g">Immer</hi> <hi rendition="#g">Vorwärts</hi> zum Bessern, Vollkommnern! In Ansehung des<lb n="28"/>Theoretischen geht ihm nichts über die <hi rendition="#g">schöne</hi> <hi rendition="#g">philosophische</hi> <hi rendition="#g">Nüchternheit</hi> in An<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sehung der Begriffe, des Wissens, der Theorien, Systeme u.s.w. auch die intellectuelle Bildung<lb n="30"/>und der reinere Begriff ist von großem Belange u.s.w. – In solches Treiben und Aufrufen und<lb n="31"/>Winken setzt er das Philosophiren; er verkennt den Werth der Theorien, Systeme, sofern sie<lb n="32"/>aus der Kraft des Intellectuellen kommen, und vornehmlich in der Schule oder nach ihrem<lb n="33"/>Maaßstabe gebaut werden, keineswegs, er erkennt vielmehr die Nothwendigkeit und den<lb n="34"/>entschiedenen <hi rendition="#g">Nutzen</hi> derselben, unmittelbar <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">studirenden</hi> <hi rendition="#g">Jüngling</hi>, und mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>bar fürs Ganze. – Ein solches eitles Saalbadern ins Allgemeine hinein, muß man für das halten,<lb n="36"/>was Salat den Geist nennt, das Geistigste aber ist ihm das <hi rendition="#g">Winken</hi>, denn im Winken ist am<lb n="37"/>wenigsten Buchstabe. Die intellectuelle Cultur ist ihm von großem Belang, aber weil der Geist<lb n="38"/>alles ist, so erklärt er, daß es auf mehr oder weniger unreine scientifische Begriffe nicht an<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>komme, der bloße Systematiker aber sehe zuvörderst auf den Buchstaben, nicht auf den<lb n="40"/>edlern Geist; die Systeme gehen aus dem intellectuellen Vermögen hervor, aber es komme<lb n="41"/>darauf an, welch ein Geist sie bewohne; intellectuelles Vermögen und Geist sind Salat zweyerley<lb n="42"/>Dinge. Welche Kraft er diesem intellectuellen Vermögen zutraut, bestimmt sich dadurch, daß</p>
<pb n="260" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=267" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="121–123"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>ihm der denkende Geist 1) nicht nur von Außen abhängig ist, sondern auch 2) als Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>geist in sich selbst beschränkt; 3) alsdenn ist auch die Philosophie nicht allein durch den morali<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schen Zustand jedes Einzelnen bedingt, (denn frey ist des Menschen Wille!) sondern auch<lb n="4"/>4) bald mehr bald weniger von den äußern Umgebungen und folglich selbst von der Kraft<lb n="5"/>des Mechanismus abhängig. – Kurz man muß auch in dem Salatschen Gewäsche Geist und<lb n="6"/>Buchstaben absondern; zum Buchstaben desselben gehört, daß ihm das intellectuelle Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>mögen vom Belange ist, der Geist aber, der über diesem moralischen Wasser schwebt, ist die<lb n="8"/>platteste Verachtung desselben; eine Verachtung, die ihre Verächtlichkeit mit dem moralischen<lb n="9"/>Mantel des Bessern und Vollkommnern zudeckt, und unter dieser Haut hervor ungescheut ihre<lb n="10"/>ungezähmte Eitelkeit zur Tugend decretirt, und die Unwissenheit (die Salat in dieser <hi rendition="#g">Kritik</hi><lb n="11"/>einer Geschichte der philosophischen Systeme, aus welcher wir diese Brocken nehmen, verräth,)<lb n="12"/>nicht nur nicht zu verbergen sucht, sondern eher groß damit thut; so wie dieß moralische Fell<lb n="13"/>sich zur gemeinsten Unverschämtheit berechtigt glaubt; es ist nöthig, heißt es, auf das Wesen<lb n="14"/>der Philosophie, sofern es sich in dem schönen Verbande zwischen Beyspiel und Lehre offen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bart, besonders hinzuweisen, zumahl da <hi rendition="#g">kürzlich</hi>, in der neuesten Schule des <hi rendition="#g">Idealismus</hi>,<lb n="16"/>glänzende Sophisten aufstanden, die <hi rendition="#g">praktisch</hi> zwischen <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi> <hi rendition="#g">eine</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">weite</hi> <hi rendition="#g">Kluft</hi> statuiren; – was heißt dieß praktische Statuiren anders, als daß die Sophisten des<lb n="18"/>neusten Idealismus unmoralische Menschen seyen; das läßt sich Salat von seinem Geiste sagen,<lb n="19"/>der nur den Geist wittert, und über den Buchstaben, was bey Salat soviel als die Wissenschaft<lb n="20"/>selbst heißt, weggeht. Wenn die moralische Plattheit ohne Eitelkeit ist, so könnte sie sich selbst<lb n="21"/>genügen; aber wenn sie davon angesteckt ihr großes Wort und Urtheil über Philosophie mit<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sprechen zu müssen meynt, so bleibt ihrer Unfähigkeit, zu den Regionen einer intellectuellen<lb n="23"/>Welt aufzusteigen, nur die überall sich aufdringende moralische Suffisance, dagegen. Was sich<lb n="24"/>Salat von der neuen ästhetisch-philosophischen Schule, oder der neuen Sophistik, wie er es<lb n="25"/>nennt, aufgemerkt und in seinem Kopfe überallher zusammengerührt hat, ist, daß das <hi rendition="#g">mora</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">lische</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">physische</hi> hier nicht mehr wesentlich unterschieden seyen, aber die <hi rendition="#g">Schönheit</hi><lb n="27"/>sey das Höchste (also nicht bloß Abbild oder Widerschein der <hi rendition="#g">Sittlichkeit</hi> in der Sinnen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>welt), und die Religion sey die Poesie der Philosophie!! Daß, setzt Salat hinzu, eine solche<lb n="29"/>Sophistik zur <hi rendition="#g">Befriedigung</hi> sowohl als zur <hi rendition="#g">Beschönigung</hi> der <hi rendition="#g">Leidenschaften</hi> in<lb n="30"/>dieser <hi rendition="#g">empirischen</hi> Welt trefflich tauge, das versteht sich – und das wissenschaftliche Urtheil<lb n="31"/>lautet dahin: das System dieser philosophierenden Schöngeister (darunter scheint nämlich<lb n="32"/>dieser Schwätzer, der sich besonders einbildet, gut schreiben zu können, <hi rendition="#g">was</hi>, wie er sagt,<lb n="33"/><hi rendition="#g">bei</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">Katholiken</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">immer</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">Seltenes</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, sammt und sonders alle zu<lb n="34"/>begreifen, denen seine Fatuität nichts abgewinnen kann, das sie sich anzueignen vermöchte,)<lb n="35"/>ist <hi rendition="#g">übrigens</hi> bloßer Naturalismus mit theoretischen (logischen und metaphysischen) Formeln<lb n="36"/>künstlich eingefaßt, und geschminkt mit den Farben der Aesthetik. – So urtheilt über die<lb n="37"/>wissenschaftliche Seite der neueren Philosophie dieser feine moralische Mann mit einem:<lb n="38"/>übrigens, so im Vorbeygehn ab; den Hauptaccent legt der unwissende Dünkel aber auf die<lb n="39"/>Befriedigung und Beschönigung der Leidenschaften in dieser empirischen Welt. – Mit einem</p>
<pb n="261" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=268" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="123–125"/>
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<p><lb n="1"/>Worte, seit die Geistlosigkeit und Gemeinheit sich gesunden Menschenverstand und Moralität<lb n="2"/>zu nennen angemaßt hat, so setzt sie ihrer eignen Nichtswürdigkeit und Unverschämtheit<lb n="3"/>keine Gränzen mehr, und man kann nicht umhin, diese Moralitäts-Haut für das schlechteste<lb n="4"/>zu halten, worein sich noch die eitle Unwissenheit gehüllt hat.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="5"/>3.</head>
<head><lb n="6"/>A.) AUFNAHME, WELCHE DIE DURCHAUS PRAKTISCHE PHILOSOPHIE<lb n="7"/>IN GÖTTINGEN GEFUNDEN HAT.</head>
<p><lb n="8"/>Wir machten uns oben, in der Anzeige der Rückert- und Weißischen Schriften, anheischig,<lb n="9"/>eine Anzahl Philosophen namhaft zu machen, mit deren Philosophie es gerade eben so be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schaffen wäre, wie mit der der beiden angeführten Vff. Nachdem obige Anzeige schon ab<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gedruckt war, lesen wir eine Beurtheilung dieser Philosophie, welche nicht zunächst auf den<lb n="12"/>Verstand wirkt, in den Göttingischen gelehrten Anzeigen, woraus wir folgende Stellen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zuheben uns nun veranlaßt sehen.</p>
<p><lb n="14"/>»Die Verfasser der Schriften, die wir hier anzeigen, scheinen noch ganz kürzlich dem<lb n="15"/><hi rendition="#g">idealistischen</hi> <hi rendition="#g">Dogmatismus</hi> <hi rendition="#g">des</hi> Hrn. Fichte und seiner Mitstreiter angehangen, und als<lb n="16"/>ihnen <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Länge</hi> bey dieser Philosophie <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">wurde</hi>, sich nach einer andern<lb n="17"/>umgesehen zu haben.«</p>
<p><lb n="18"/>Nach welcher andern, als der, welche, schon früher in Göttingen aufgegangen, auch meinte,<lb n="19"/>daß nach ihr den Philosophen nun nichts mehr übrig bliebe, als <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Heimat</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Mutter</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Natur</hi> zurückzukehren.</p>
<p><lb n="21"/>»Hr. R. zwar neigt sich noch mit einer Art von <hi rendition="#g">Heimweh</hi> zu den idealistischen Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lationen. Hr. Weiß dagegen lehrt entschiednen Anti-Fichtianismus«; er ist daher auch der<lb n="23"/>wahre Liebling dieses Recensenten; in seiner Abhandlung sind recht viele vortreffliche Gedan<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ken, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">Recensent</hi> <hi rendition="#g">gern</hi> <hi rendition="#g">unterschreibt</hi>, Recensent kann dagegen um so weniger<lb n="25"/>disputiren, da er ungefähr <hi rendition="#g">dieselben</hi> Resultate, <hi rendition="#g">besonders</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">Hr.</hi> <hi rendition="#g">W.</hi> <hi rendition="#g">ausdrückt</hi>,<lb n="26"/>auf ganz andern Wegen am <hi rendition="#g">Ende</hi>, (ja wohl am Ende; wenn etwas, das keinen Anfang hat,<lb n="27"/>ein Ende haben könnte), <hi rendition="#g">seines</hi> Speculirens gewonnen hat, »die Einsicht als etwas Theo<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>retisches ist in dem Menschen, (Rec. bringt hier die Verbesserung bei: in der Vernunft), gar<lb n="29"/>nicht das höchste u.s.w. die Richtung unsres Geistes ist praktisch, selbst die Wissenschaft,<lb n="30"/>wenn sie in Ehren bleiben soll u.s.w. – durch die Ich-Wissenschaftslehre wird das Heiligste<lb n="31"/>und Beste verdreht, die wahre Thätigkeit ist ein Bestreben aus sich heraus.«</p>
<p><lb n="32"/>Was es mit dem <hi rendition="#g">Bestreben</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">heraus</hi> dieses Rec. für eine Bewandniß habe,<lb n="33"/>werden wir vielleicht bei andrer Gelegenheit kennen lernen. Es verdient aber doch, da dieser<lb n="34"/>Rec. insbesondre von Fichte in dem ungescheutesten Tone einer aufs höchste erbitterten Arro<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ganz spricht, (z. B. »Rec. hat die (obigen) Stellen um so lieber abgeschrieben, da er in ihnen</p>
<pb n="262" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=269" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="125–126"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>besonders den guten Geist der Verff. erkennt, der denn aber, wenn nach Herrn Rückert der<lb n="2"/>gute Geist <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Herrn</hi> <hi rendition="#g">Fichte</hi> eigenthümlich einwohnt, nothwendig <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">böser</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi><lb n="3"/>heißen muß« u.s.f.), es verdient, sage ich, in dieser Rücksicht bemerkt zu werden, daß dieser<lb n="4"/>Rec., der eine solche Sprache führt, gleichwohl ohne die Wissenschaftslehre noch vielleicht<lb n="5"/>bis diesen Augenblick bei Kants Kritik stehen, sie commentiren, und das kritische Stroh<lb n="6"/>mit seinen verwelkten ästhetischen und schöngeisterischen Blümchen aufzuschmücken suchen<lb n="7"/>würde, – und daß eben dieser Idealismus, der das Beste verdreht, und dieser Dogmatismus es<lb n="8"/>ist, der dem vermeinten Skepticismus dieses Rec. – man kann nicht sagen: auf die Beine ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>holfen hat, da er in jeder Rücksicht lahm ist – aber doch wenigstens so viel Herz gegeben hat,<lb n="10"/>auch die Kantische Krücke wegzuwerfen, und sich ganz paralytisch zu bekennen, welches<lb n="11"/>denn doch, wie wir denken, kein geringer Dienst ist, da es immer besser ist, die absolute<lb n="12"/>Negativität zu gestehen, als sie auf eine schlechte Weise zu verbergen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="13"/>B.) ANSICHT DES IDEALISMUS DASELBST.</head>
<p><lb n="14"/>In denselbigen Göttingischen Anzeigen hat wahrscheinlich derselbe Rec. auch von einigen,<lb n="15"/>im vorigen Jahr, zu Bamberg vertheidigten philosophischen Inaugural-Thesen Notiz ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>nommen, welche, wie wir hören, auch in den Reichsanzeiger eingerückt worden sind. Daß<lb n="17"/>der Reichsanzeiger sein Publikum damit zu belustigen meint, ist billig; daß aber gelehrte<lb n="18"/>Anzeigen, die unter der Aufsicht der königlichen Societät der Wissenschaften herausgegeben<lb n="19"/>werden, sich dazu herablassen, beweißt an dieser königlichen Societät eine ganz besondre<lb n="20"/>gute Laune.</p>
<p><lb n="21"/>Aller Ernst des Unterrichts kann in einem Zeitalter, wo der Dilettantismus so besondern<lb n="22"/>Beifall findet, und in allen Fächern so viele Beispiele vor sich hat, nicht verhindern, daß er<lb n="23"/>nicht auch in der Philosophie sich versuchte.</p>
<p><lb n="24"/>Wo aber die Lehrer schon Dilettanten sind, oder nicht einmal dies, sondern zu ihrer Qual<lb n="25"/>Philosophie treiben und lehren, ist man freilich sicher, daß sich der Dilettantismus auch nicht<lb n="26"/>einmal nach unten verbreite. – Was übrigens dieser Rec. sich untersteht, zu sagen: daß die<lb n="27"/>Sätze, welche er dort ausgezogen hat, <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">transscendentalen</hi> <hi rendition="#g">Idealismus</hi><lb n="28"/>heilige Wahrheiten seyn sollen, leide keinen Zweifel, ist eine zu abgeschmackte und platte<lb n="29"/>Lüge, als daß wir etwas anderes dagegen nöthig fänden, als ermeldte königliche Societät auf<lb n="30"/>diesen Mitarbeiter aufmerksam zu machen, dessen böse Laune gegen die Philosophie auch die<lb n="31"/>gute der Societät verdächtig machen könnte.</p>
<pb n="263" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=270" type="body"/>
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<head><lb n="1"/>ERSTEN BANDES DRITTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1802</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>I. Ueber das <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Naturphilosophie</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>. Seite 1</p>
<p><lb n="6"/>II. Ueber <hi rendition="#g">Construction</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>.<lb n="7"/>Abhandlung über die philosophische Construction, von<lb n="8"/>B. C. H. Höyer. Aus dem Schwed. S. 26</p>
<p><lb n="9"/>III. <hi rendition="#g">Anzeige</hi> <hi rendition="#g">einiger</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Naturphilosophie</hi> <hi rendition="#g">betref</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">fenden</hi> <hi rendition="#g">Schriften</hi>. S. 62</p>
<p><lb n="11"/>1. Principes naturels par le Joyand.</p>
<p><lb n="12"/>IV. <hi rendition="#g">Notizenblatt</hi>. S. 69</p>
<p><lb n="13"/>A. Notiz von Herrn <hi rendition="#g">Villers</hi> Versuchen, die Kantische<lb n="14"/>Philosophie in Frankreich einzuführen.</p>
<p><lb n="15"/>B. Göttingen.</p>
<p><lb n="16"/>1. Logik und allgemeine Encyclopädie von Hrn. Wildt.</p>
<p><lb n="17"/>2. Vorschlag einer künftigen Anzeige der philosophi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>schen Werke des Hrn. Boutterweck.</p>
<p><lb n="19"/>3. Einleitung in die dynam. Physiologie (Göttingen<lb n="20"/>1803.)</p>
<pb n="265" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=272" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1–3"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>I.<lb n="2"/>UEBER DAS VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE<lb n="3"/>ZUR PHILOSOPHIE ÜBERHAUPT.</head>
<p><lb n="4"/>Der Zweck dieses Aufsatzes ist, mehrere, theils aus einer einseitigen und falschen Ansicht<lb n="5"/>der Philosophie, theils aus Seichtigkeit und gänzlicher Unwissenschaftlichkeit entspringende<lb n="6"/>Vorurtheile und Aeußerungen gegen und über die Naturphilosophie in ihr Licht zu stellen.</p>
<p><lb n="7"/>Wenn hier ein Verhältniß der Naturphilosophie zur Philosophie überhaupt angenommen<lb n="8"/>wird, so ist selbiges keineswegs als ein untergeordnetes Verhältniß zu begreifen: was Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sophie ist, ist es ganz und ungetheilt; was es nicht in diesem Sinne ist, oder seine Principien<lb n="10"/>von der Philosophie nur entlehnt, übrigens aber sich ganz von dem Gegenstand derselben ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fernt, und ganz andre als philosophische Zwecke verfolgt, kann nicht Philosophie, auch nicht<lb n="12"/>im strengern Sinn philosophische Wissenschaft heißen.</p>
<p><lb n="13"/>Alle Unterschiede, welche in dieser Rücksicht gemacht werden, sind leer und bloß ideell, es<lb n="14"/>ist nur Eine Philosophie und Eine Wissenschaft der Philosophie; was ihr verschiedne philo<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sophische Wissenschaften nennt, sind nur Darstellungen des Einen und ungetheilten Ganzen<lb n="16"/>der Philosophie unter verschiednen ideellen Bestimmungen, oder, daß ich gleich den bekannten<lb n="17"/>Ausdruck brauche, in unterschiednen Potenzen.</p>
<p><lb n="18"/>Die vollkommne Erscheinung der Philosophie tritt nur in der Totalität aller Potenzen her<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>vor; das Princip der Philosophie selbst hat deshalb, als die Identität aller, nothwendig keine<lb n="20"/>Potenz; aber dieser Indifferenzpunct der absoluten Einheit liegt wieder in jeder besondern<lb n="21"/>Einheit für sich, so wie in jeder sich alle wiederholen; das Construiren der Philosophie geht<lb n="22"/>nicht auf ein Construiren der Potenzen, als solcher, und demnach als verschiedner, sondern<lb n="23"/>in jeder nur auf Darstellung des Absoluten, so daß jede für sich wieder das Ganze ist. Das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>hältniß der einzelnen Theile in dem geschloßnen und organischen Ganzen der Philosophie ist<lb n="25"/>wie das der verschiednen Gestalten in einem vollkommen construirten poetischen Werk, wo<lb n="26"/>jede, indem sie ein Glied des Ganzen ist, doch, als vollkommner Reflex desselben, wieder in<lb n="27"/>sich absolut und unabhängig ist.</p>
<p><lb n="28"/>Ihr könnt die einzelne Potenz herausheben aus dem Ganzen und für sich behandeln; aber<lb n="29"/>nur insofern ihr wirklich das Absolute in ihr darstellt, ist diese Darstellung selbst <hi rendition="#g">Philosophie</hi>;<lb n="30"/>in jedem andern Fall, wo ihr sie <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">besondre</hi> behandelt und für sie, als besondre, Gesetze<lb n="31"/>oder Regeln aufstellt, kann sie nur Theorie eines bestimmten Gegenstandes, wie Theorie der<lb n="32"/>Natur, Theorie der Kunst heißen. Ihr könnt, um dies allgemein zu fassen, überhaupt bemerken,<lb n="33"/>daß alle Gegensätze und Differenzen nur verschiedne Formen sind, die in ihrer Verschieden<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>heit wesenlos, nur in ihrer Einheit, und da die Einheit aller nicht wieder ein Besonderes seyn</p>
<pb n="266" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=273" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="3–5"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>kann, nur insofern reell sind, als jede in sich das absolute Ganze, das Universum repräsentirt.<lb n="2"/>Wenn ihr nun die Gesetze auf das Besondere als Besondere gründet, so entfernet ihr eben<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>dadurch euren Gegenstand von dem Absoluten, eure Wissenschaft von der Philosophie.</p>
<p><lb n="4"/>Die Naturphilosophie ist also, als solche, die Philosophie ganz und ungetheilt, und inwiefern<lb n="5"/>Natur das objective <hi rendition="#g">Wissen</hi>, und der Ausdruck des Indifferenzpuncts, sofern er in ihr liegt,<lb n="6"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, so wie desselben, sofern er in der ideellen Welt liegt, Schönheit ist, kann die ganze<lb n="7"/>Philosophie von der theoretischen Seite angesehen, Naturphilosophie heißen.</p>
<p><lb n="8"/>Daß in andrer Rücksicht auch die Theorie der Natur, als speculative Physik, ihre Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sätze aus der Naturphilosophie nimmt, geht uns hier nichts an, und wir schließen diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ziehung für gegenwärtig völlig aus. Es ist von Naturphilosophie als solcher und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> die<lb n="11"/>Rede, nicht von dem, was von ihr nur abgeleitet ist, obgleich dieses fast allgemein mit ihr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wechselt wird.</p>
<p><lb n="13"/>Nach diesen Erklärungen kann von einem Verhältniß der Naturphilosophie zur Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sophie nur die Rede seyn, entweder inwiefern ihre Idee auf etwas, das man für Philosophie<lb n="15"/>hält, bezogen, oder inwiefern sie, in ihrer Absolutheit, als integranter und nothwendiger Theil<lb n="16"/>der ganzen Philosophie betrachtet wird.</p>
<p><lb n="17"/>Diese selbst aber kann wieder unter einem doppelten Gesichtspunct betrachtet werden, ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>weder von der <hi rendition="#g">reinwissenschaftlichen</hi> Seite, oder in ihrer <hi rendition="#g">Weltbeziehung</hi>, welche<lb n="19"/>vornämlich zwei Seiten hat, die Beziehung auf die Religion, sofern diese die zur unwandel<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>baren objectiven Anschauung gewordene Speculation selbst ist, und die auf die Moralität,<lb n="21"/>sofern diese ein objectiver Ausdruck speculativer Ideen im Handeln ist.</p>
<p><lb n="22"/>Die Poesie, solange sie noch nicht Sache der Gattung oder wenigstens eines ganzen Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schlechts, und das Ein- und Alles einer Nation geworden ist, wird selbst nur in Beziehungen<lb n="24"/>betrachtet; unbedingte und allgemeingültige Beziehungspuncte sind selbst nur die beyden<lb n="25"/>angegebnen, auf die wir uns aus diesem Grunde auch in der gegenwärtigen Betrachtung ein<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schränken wollen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="27"/>I.</head>
<p><lb n="28"/>Die schiefen Urtheile, welchen die Naturphilosophie von Seiten dessen, was man Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sophie zu nennen beliebt, ausgesetzt ist, sind so tief verflochten in den Grundirrthum, der fast<lb n="30"/>allen neueren Bestrebungen und selbst den versuchten Umkehrungen unverrückt zu Grunde<lb n="31"/>gelegen hat, daß man, um jene zu würdigen, nothwendig bis auf diesen zurückgehen muß.</p>
<p><lb n="32"/>Da derselbe gewissermaßen zugleich der Centralpunct der ganzen modernen Kultur ist, so<lb n="33"/>ist für die Philosophie, die aus dem von ihr gezognen Kreis von allgemeinen Ideen heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>schreitet, nirgends ein Anknüpfungspunct; der historische Faden, der sonst Manche von einer<lb n="35"/>Form der Philosophie zur andern zu leiten vermag, reißt hier ab, sie müßten in eine viel frühere<lb n="36"/>Zeit zurückgehen, als ihnen bekannt ist, um jenen Punct zu finden; da also die, welche von<lb n="37"/>einer Seite wirklich Philosophen sind, in der Regel kein andres Beurtheilungsprincip, als das<lb n="38"/>ihrer eignen Beschränktheit, die es nicht sind, obgleich sie sich rühmen es zu seyn, kein anderes als<lb n="39"/>das der historischen Vergleichung und Entgegenstellung haben, so ist ohne Aufdeckung des Puncts,</p>
<pb n="267" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=274" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="5–7"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>über den sie vor allen Dingen hinaus müssen, ehe sie über den Grund und die Tendenz der Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>philosophie zu urtheilen im Stande sind, ihre Meynung darüber auf keine Weise zu berichtigen.</p>
<p><lb n="3"/>Dieser Punct, über den sie bisher nicht hinaus können, ist, um es aufs Kürzeste zu sagen, die<lb n="4"/>unbedingte Foderung <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Absolute</hi> <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">haben</hi>; wie selbst aus der Wirkung<lb n="5"/>des Christenthums, das die ganze Kultur der späteren Welt allgebietend bestimmte, und der<lb n="6"/>Aufnahme des Absoluten in die innerste Subjectivität, unmittelbar das Entgegengesetzte,<lb n="7"/>– gänzliches Hinausrücken des Göttlichen über die durch Zurückziehung ihres Lebensprincips<lb n="8"/>erstarrte Welt – nothwendig entstand, ist hier nicht der Ort weiter auszuführen, so wenig als<lb n="9"/>nöthig ist, die Tiefe und unüberwindliche Einwurzelung jener Foderung daraus weiter begreif<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lich zu machen, daß sie sich der höchsten Irreligiosität am meisten empfahl, welche, indem sie<lb n="11"/>durch die Entfernung Gottes – als einer außer- und überweltlichen Substanz – aus der Welt<lb n="12"/>ihm den höchsten Tribut der Frömmigkeit bezahlt zu haben glaubte, dagegen in dieser Welt<lb n="13"/>desto freyere Hände behielt, und sie nach dem gemeinsten Verstand sowohl betrachten als<lb n="14"/>gebrauchen konnte.</p>
<p><lb n="15"/>Daß aller Dogmatismus überhaupt, daß namentlich in den neuesten Zeiten Jacobis Predigen<lb n="16"/>und Reinholds Versichern keine andre Ursache habe, als jenes unaustilgbare Begehren, ist<lb n="17"/>vielleicht allgemein genug anerkannt. Weniger anerkannt ist bis jetzt, daß die reine Um<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kehrung der Foderung, nämlich <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Absoluten</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">halten</hi>, für die<lb n="19"/>Philosophie ganz dasselbe Resultat gewähre, und der Grund, warum dieß nicht so allgemein<lb n="20"/>bemerkt wird, ist folgender: Da man, dem ersten Princip unbeschadet, das Absolute wieder als<lb n="21"/>Glaube, mithin so, daß es, theoretisch angesehen, doch immer nur <hi rendition="#g">im</hi> Ich und <hi rendition="#g">für</hi> das Ich,<lb n="22"/>und nur <hi rendition="#g">praktisch</hi> betrachtet, <hi rendition="#g">unabhängig</hi> <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> ist, in die Philosophie<lb n="23"/>hintennach einführen kann, so hat man den Vortheil, sich <hi rendition="#g">gegenüber</hi> <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Dogmatismus</hi>,<lb n="24"/>der das Außer-sich-haben des Absoluten behauptet, das läugnende und annihilirende Verhältniß<lb n="25"/>zu geben, ohne daß man deßwegen das Absolute wahrhaft <hi rendition="#g">im</hi> Ich hätte, welches nicht seyn<lb n="26"/>könnte, ohne dieses als besondre Form zu vernichten.</p>
<p><lb n="27"/>Es ist an sich offenbar, daß, wie das Außer-sich-setzen des Absoluten im Dogmatismus zum<lb n="28"/>inneren und verborgnen Grund die Foderung hat, daß das Ich außer dem Absoluten bleibe, so<lb n="29"/>das zugestandne und zum Princip gemachte Setzen des Ich außer dem Absoluten durch eine<lb n="30"/>sehr einfache Nothwendigkeit hinwiederum das Setzen des Absoluten außer dem Ich zur Folge<lb n="31"/>hat; daß aber die <hi rendition="#g">Folge</hi> wieder das innere Motiv des <hi rendition="#g">Grundes</hi> sey, wird vielleicht aus<lb n="32"/>Folgendem klar werden.</p>
<p><lb n="33"/>Bey dieser Wendung, welche allerdings eine <hi rendition="#g">Umkehrung</hi> des Dogmatismus ist, wird in<lb n="34"/>der theoretischen Philosophie das <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geläugnet, nicht als ob das Ich es wahrhaft in sich,<lb n="35"/>oder sich wahrhaft in es setzte, sondern: es wird schlechthin aufgehoben, seine Realität gänz<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lich hinweg geläugnet, <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi>, <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">doch</hi> <hi rendition="#g">immer</hi> <hi rendition="#g">wieder</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Gedanken</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">ding</hi>, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">setzbar</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">insofern</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Product</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>.</p>
<p><lb n="38"/>Hier ist also die Foderung offenbar ausgesprochen: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">müsse</hi>, <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">reell</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="39"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, <hi rendition="#g">unabhängig</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, d. h. es ist die ganze Voraussetzung<lb n="40"/>des Dogmatismus sonnenklar ausgedrückt.</p>
<pb n="268" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=275" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="7–9"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Die ganz eigne Verwirrung, eine Philosophie darum gerade für <hi rendition="#g">Idealismus</hi> und sogar<lb n="2"/>vollendeten zu halten und auszugeben, weil sie 1) das An sich überhaupt (das absolut Ideale),<lb n="3"/>2) weil sie es <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi> <hi rendition="#g">läugnet</hi>, daß es nur als <hi rendition="#g">Ding</hi> an sich, als ein <hi rendition="#g">Außer</hi> dem<lb n="4"/>Ich, demnach dogmatisch-realistisch, denkbar erscheint, dieß hat außer der Tradition von<lb n="5"/>Kant – der übrigens, wie sich beweisen ließe, ein ganz andres Recht hatte, seine Philosophie<lb n="6"/>Idealismus zu nennen, – seinen Grund wohl vorzüglich nur in dem Imponirenden, das es<lb n="7"/>gegenüber von dem gemeinen Verstand hat, wenn ihm versichert wird, daß die einzelnen sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichen Dinge nicht außer ihm existiren, so wie in der verborgenen Wichtigkeit, die der Realität<lb n="9"/>dieser Dinge gegeben wird, daß man <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">läugnen</hi>, für das Charakteristische einer besondern<lb n="10"/>Philosophie halten, und diese sich durch solches Läugnen allein den Namen Idealismus ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dienen kann.</p>
<p><lb n="12"/>Weil aber nach der ganzen Absicht dieses <hi rendition="#g">Idealismus</hi> das Ich in seiner empirischen<lb n="13"/>Integrität bleiben soll – denn eben darum wird das An sich weggeschafft, weil um des Ich<lb n="14"/>willen, das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> bestehen soll, es auch <hi rendition="#g">außer</hi> demselben gedacht werden muß, – da er<lb n="15"/>überhaupt sich zum Gesetz macht: das reine Bewußtseyn nur, sofern es im <hi rendition="#g">empirischen</hi><lb n="16"/>gegeben ist, anzuerkennen, dieses aber, das empirische, nicht ist ohne die Berührung der Ob<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>jecte, so ist nothwendig, daß durch einen theoretisch <hi rendition="#g">unbegreiflichen</hi> <hi rendition="#g">Anstoß</hi>, oder<lb n="18"/>auch vermöge <hi rendition="#g">unbegreiflicher</hi> das Ich einschließender <hi rendition="#g">Schranken</hi> so viel Affectionen<lb n="19"/>in es gesetzt seyn, als den Objecten entsprechen, diese Seite des Ich ist die empfindende und<lb n="20"/>zugleich practische, durch die Anschauung, also in seiner Qualität als Intelligenz, deren innere<lb n="21"/>Thätigkeit ein sich Hin- und Herbewegen ist, werden die Qualitäten der Glattheit, Rauheit,<lb n="22"/>Süßigkeit oder Bitterkeit in den Raum – die allgemeine Form des sich Hin- und Herbewegens<lb n="23"/>äußerlich angeschaut – gesetzt, über Flächen verbreitet, und mit einem Wort zu concreten<lb n="24"/>Dingen ausgebildet.</p>
<p><lb n="25"/>Daß dergleichen Popularitäten, so wie eine solche Vorstellung der Natur, nach welcher<lb n="26"/>sie in Affectionen wie grün und gelb u.s.w., und dazu producirten runden oder eckigten Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>ten besteht, eine Naturphilosophie füglich entbehren machen, ist offenbar genug. Besonders<lb n="28"/>bemerkenswerth aber ist die Einbildung, die Natur annihilirt zu haben dadurch, daß man die<lb n="29"/>Accidenzen in ihrer ganzen empirischen Realität erhalten, und nur das Wesen oder die Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stanz, dem sie inhäriren, in das Ich verpflanzt hat, als ob sie da nun nicht eben erst recht fest<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>säßen, und ganz unvertilglich wären.</p>
<p><lb n="32"/>Es kann nicht zweifelhaft seyn, warum in dieser Form der Philosophie weder überhaupt<lb n="33"/>eine Natur noch eine Naturphilosophie statuirt wird, das Letztere nämlich nicht etwa, wie<lb n="34"/>jene sich den Schein geben möchte, weil Naturphilosophie einen empirischen Realismus<lb n="35"/>begründet, sondern vielmehr, weil sie den in den oben beschriebenen Affectionen des Ich<lb n="36"/>begründeten empirischen Realismus für nichts hält, und auf das <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und Intelligible der<lb n="37"/>Natur geht, – nicht weil sie einen Gegensatz der Natur und des Ich – ein Seyn der Natur<lb n="38"/><hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> –, sondern weil sie eine absolute Identität behauptet, in der <hi rendition="#g">beyde</hi> gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>schaftlich versenkt werden, weil sie also weder in dem unbegreiflichen Anstoß, noch in den</p>
<pb n="269" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=276" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="9–11"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>unbegreiflichen Schranken eine wahre Schranke erkennt; und mit einem Wort <hi rendition="#g">absoluter</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">Idealismus</hi> ist.</p>
<p><lb n="3"/>Wir müssen uns von der practischen Seite jener Art der Philosophie noch genauer unter<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>richten, um ganz im Klaren zu sehen, welche Bewandniß es mit ihrem Idealismus in Bezug<lb n="5"/>auf Dogmatismus hat.</p>
<p><lb n="6"/>Die Behauptung ist: vom theoretischen Standpunct aus sey die Philosophie Idealismus; auf<lb n="7"/>dem practischen stelle sich der <hi rendition="#g">Realismus</hi> her, und trete in seine Rechte wieder ein.</p>
<p><lb n="8"/>Es ist damit keineswegs auf ein wahres Erheben des Idealismus zur Absolutheit, in welcher<lb n="9"/>er den Realismus von selbst begreift, demnach auf keine wahre Aufhebung des Gegensatzes<lb n="10"/>dieser beyden angesehen. Da ferner jener practische Standpunct doch auch wieder seine theo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>retische Ansicht hat, – und nur das, was in Ansehung seiner speculativ behauptet wird, kann ja<lb n="12"/>wirkliche Philosophie seyn – so löst sich auch von dieser Seite nothwendig das Ganze wieder in den<lb n="13"/>Idealismus auf, der das Ich <hi rendition="#g">außer</hi> dem Absoluten und demnach auch dieses außer jenem hält.</p>
<p><lb n="14"/>Um die Frage aufs rundeste zu stellen: Was ist es eigentlich, das diesen Idealismus antreibt,<lb n="15"/>den Realismus in der practischen Philosophie zu suchen? – Es ist sein Begriff von <hi rendition="#g">Realismus</hi>,<lb n="16"/>nach welchem das Ich das Absolute <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> haben muß, <hi rendition="#g">unabhängig</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, wenn<lb n="17"/>es <hi rendition="#g">reell</hi> seyn soll.</p>
<p><lb n="18"/>Es giebt für ihn keine Realität des Absoluten, als in dem Verhältniß der Sclaverey und<lb n="19"/>Unterwerfung des Ich unter jenes; das Absolute muß in der Gestalt des absoluten Gebietens,<lb n="20"/>das Ich in der Gestalt des unbedingten An- und Aufnehmens dieses Gebietens erscheinen, wenn<lb n="21"/>seine Vorstellung von Realität realisirt werden soll. – Nur das Categorische der Pflicht läßt mit<lb n="22"/>sich nicht jenes in der theoretischen Philosophie getriebene Spiel treiben, daß es immer wieder<lb n="23"/>als <hi rendition="#g">Gedankending</hi> in das Ich gesetzt, und dadurch sein Product wird – <hi rendition="#g">darum</hi>, weil es in<lb n="24"/>diesem Verhältniß die Qualität eines absoluten Außer-dem-Ich behält – ist es reell! –</p>
<p><lb n="25"/>Dazu gehört aber, daß es wirklich nie zur absoluten Aufnahme jenes Categorischen und<lb n="26"/>Unendlichen in das Ich komme; denn käme es dazu, so wäre der unumgänglich nothwendige<lb n="27"/>und erwünschte Gegensatz des Ich und des Absoluten aufgehoben; das Absolute wäre ja nun<lb n="28"/>wieder <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> gesetzt, also nicht mehr reell, es ist also nothwendig, daß dieses Verhältniß in<lb n="29"/>einem unendlichen Progressus prolongirt werde, <hi rendition="#g">wenn</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">bleiben</hi> <hi rendition="#g">soll</hi>, <hi rendition="#g">un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">möglich</hi> also auch, daß in der Zeit eine Ewigkeit seye, und das Endliche sich die Unendlich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>keit voraus nehme.</p>
<p><lb n="32"/>Weil aber die Empfindungen und Affectionen des Ich auch dazu gehören, daß es als em<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>pirisches, und demnach auch in der Entgegensetzung und bloß relativen Einheit mit dem<lb n="34"/>reinen Ich, welches das reine Wollen selbst ist, erhalten werde, so müssen nun ferner diese<lb n="35"/>Affectionen zum voraus so bestimmt seyn, daß sie den practischen Zwecken der Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>wesen entsprechen. Das Licht ist kein Durchbrechen des göttlichen Princips in der Natur, kein<lb n="37"/>Symbol des ewigen der Natur eingebildeten Urwissens: es ist, damit die, leiblich aus zäher und<lb n="38"/>modificabler Materie zusammengesetzten, Vernunftwesen, indem sie mit einander sprechen,</p>
<pb n="270" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=277" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="11–13"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>zugleich einander sehen können: so wie die Luft, damit, indem sie einander sehen, sie zugleich<lb n="2"/>mit einander sprechen können. Diese Vernunftwesen, welche doch selbst wieder eingeschränkte<lb n="3"/>Erscheinungen der absoluten Vernunft und eben so empirisch sind, als irgend ein Anderes, an<lb n="4"/>deren Thun und Treiben man auch keinen Grund erkennen kann, warum sie eben diese<lb n="5"/>Priorität behaupten, sind demnach der allgemeine Stock im Universum, dem die gesammte<lb n="6"/>Endlichkeit inoculirt ist. Welches aber die absolute Identität sey, worin jedem Vernunftwesen<lb n="7"/>seine allgemeine und besondere Beschränktheit prädeterminirt, und in der auch die Natur<lb n="8"/>zuletzt allein begriffen ist, wird sich aus dem Folgenden ergeben.</p>
<p><lb n="9"/>Wie die nordisch-barbarischen Sprachen für das Absolute keinen andern Ausdruck haben,<lb n="10"/>als der von gut hergenommen ist, so ist die moralische Weltordnung, nur paraphrastisch,<lb n="11"/>Ausdruck einer gleichen – nicht Sprach-, sondern philosophischen Armuth. Indem das Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>solute statt der speculativen eine rein moralische Bedeutung bekommt, geht dieselbe noth<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wendig auf Alles über: daß auch das Universum auf eine moralisch bedingte Welt reducirt und<lb n="14"/>alle übrige Schönheit und Herrlichkeit der Natur in dergleichen Beziehungen aufgelöst wird,<lb n="15"/>hat keine Bedeutung, da diese doch großentheils nur aus Glattheit und Rauheit, Grünheit und<lb n="16"/>Gelbheit, wozu wir das Glatte und Rauhe, Grüne und Gelbe erst produciren, besteht.</p>
<p><lb n="17"/>Es giebt keine andere Idee Gottes, als die angegebne, weil er nur in dieser Beziehung, der<lb n="18"/>der Pflicht, ewig außer dem Ich bleibt. Nur in einer sittlichen Ordnung auch kann die Natur<lb n="19"/>entworfen seyn und Realität haben, denn nur in ihr kann jedem Individuum die allgemeine<lb n="20"/>und besondere Beschränktheit bestimmt seyn, kraft welcher es sich selbst seine Welt entwirft,<lb n="21"/>da diese überhaupt die Sphäre seiner Pflicht, und ohne den categorischen Imperativ überall<lb n="22"/>keine Welt ist.</p>
<p><lb n="23"/>Die wahrhaft speculative Frage bleibt dabei noch immer unbeantwortet, nämlich wie das<lb n="24"/>schlechthin Eine, der schlechthin einfache ewige Wille, aus dem alles ausfließt, sich in eine<lb n="25"/>Vielheit, und aus der Vielheit wiedergebohrne Einheit – eine moralische <hi rendition="#g">Welt</hi> – ausbreite:<lb n="26"/>zur Auflösung dieser Frage thut es nichts, daß das schlechthin Eine als ein <hi rendition="#g">Wille</hi> dargestellt<lb n="27"/>wird; solche ideelle Bestimmungen sind für die Philosophie gänzlich zufällig, und bringen die<lb n="28"/>Speculation nicht von der Stelle.</p>
<p><lb n="29"/>Jene Frage wäre eine unumgängliche, unvermeidliche Aufgabe, wenn diese Philosophie,<lb n="30"/>das was für sie das Absolute ist, wirklich auch zum Princip machte, wovor sie sich aber wohl<lb n="31"/>hütet. Sie hat die Bequemlichkeit, sich die ganze Endlichkeit mit dem Ich gleich geben zu<lb n="32"/>lassen, und mit dem Dogmatismus auch dieses gemein, daß das Absolute für sie ein Resultat,<lb n="33"/>ein zu Begründendes ist, und wenn jener auf Gott nur aus der Welt schließt, die er ohne ihn<lb n="34"/>nicht begriffe, so nimmt dagegen diese Idealismus genannte Form der Philosophie Gott nur an,<lb n="35"/>um die moralischen Zwecke reimen zu können, also keineswegs um <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">willen</hi>.<lb n="36"/>Gott möchte immerhin nicht seyn, wenn man nur ohne ihn in der moralischen Welt fertig<lb n="37"/>würde, so wie dort, wenn man ohne ihn die Welt überhaupt erklären könnte; er ist nicht um<lb n="38"/>seiner eigenen Absolutheit willen, als die Idee aller Ideen, die durch sich selbst die absolute<lb n="39"/>Realität unmittelbar in sich begreift, sondern in einer noch dazu einseitigen Beziehung auf die<lb n="40"/>Vernunftwesen.</p>
<pb n="271" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=278" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Nur daß sie der uralten Entzweyung eine <hi rendition="#g">neue</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> gegeben hat, ist das Characteristische<lb n="2"/>dieser Philosophie; solcher Formen kann es unzählige geben, keine besteht, jede trägt die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gänglichkeit in sich selbst. Sie kann nichts Bleibendes gründen: ein Enthusiasmus, der sich<lb n="4"/>groß dünkt, wenn er sein Ich dem wilden Sturme der Elemente, den tausendmal tausend<lb n="5"/>Sonnen und den Trümmern des Weltalls – in Gedanken – entgegenstellt, macht sie populär,<lb n="6"/>und zu einer, übrigens tauben und hohlen, Frucht der Zeit, deren Geist diese leere Form eine<lb n="7"/>Zeit lang emporgetragen hat, bis sie, wie seine eigne Ebbe eintritt, mit ihm zugleich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sinkt.</p>
<p><lb n="9"/>Was <hi rendition="#g">bleibt</hi>, ist nur, was alle Entzweyung aufhebt, denn nur dieses ist wahrhaft Eins und<lb n="10"/>unwandelbar dasselbe. Einzig aus diesem kann sich ein wahres Universum des Wissens, eine<lb n="11"/>alles befassende Gestaltung entwickeln. Nur was aus der absoluten Einheit des Unendlichen<lb n="12"/>und Endlichen hervorgeht, ist unmittelbar durch sich selbst der symbolischen Darstellung<lb n="13"/>fähig, fähig also auch dessen, wo hin jede wahre Philosophie strebt, in der Religion objectiv,<lb n="14"/>ein ewiger Quell neuer Anschauung, und ein allgemeiner Typus alles desjenigen zu werden,<lb n="15"/>worin das menschliche Handeln die Harmonie des Universums auszudrücken und abzubilden<lb n="16"/>bestrebt ist.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="17"/>II.</head>
<p><lb n="18"/>Das Vorhergehende zeigt deutlich das Verhältniß der Naturphilosophie zu einem solchen<lb n="19"/>Idealismus, der zwar die sinnliche Realität läugnet, übrigens aber mit allen Gegensätzen des<lb n="20"/>Dogmatismus behaftet bleibt.</p>
<p><lb n="21"/>Da es sich beweisen läßt, daß, wenige große Erscheinungen ausgenommen, die hier nicht in<lb n="22"/>Anschlag kommen können, da sie allgemein miskannt und verfolgt worden sind, alle neueren<lb n="23"/>Veränderungen der Philosophie und der Ansicht des Universums, seit dem Dualismus des<lb n="24"/>Cartesius, in welchem sich die längst vorhandene Entzweyung nur mit Bewußtseyn und<lb n="25"/>wissenschaftlich ausgesprochen hat, nur verschiedene Formen der Einen unüberwundenen und<lb n="26"/>der bisherigen Kultur unüberwindlichen Entgegensetzung waren; da im Gegentheil Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>philosophie durchaus nur aus einem System der absoluten Identität hervorgehen, und in einem<lb n="28"/>solchen begriffen und erkannt werden kann, so ist um so weniger zu verwundern, daß sie auch<lb n="29"/>in dem, was man die allgemeinen Interessen der Menschheit zu nennen pflegt, und was von der<lb n="30"/>Philosophie gleichsam das Allgemeingut ist, überall Widerspruch antreffen wird.</p>
<p><lb n="31"/>Nur ein gänzliches Miskennen der Richtung unserer Philosophie kann daraus, daß wir die<lb n="32"/>religiöse und sittliche Beziehung, welche der Philosophie in den bisherigen Systemen gegeben<lb n="33"/>wird, absolut verwerfen müssen, den Schluß ziehen, daß wir diese Beziehung überhaupt ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>werfen. Es findet das gerade Gegentheil statt: weil wir eine Philosophie, die nicht <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrem</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Princip</hi> schon Religion ist, auch nicht für Philosophie anerkennen, verwerfen wir eine Er<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>kenntniß des Absoluten, die aus der Philosophie nur als <hi rendition="#g">Resultat</hi> hervorgeht, die Gott nicht<lb n="37"/>an sich, sondern in einer empirischen Beziehung denkt; aus dem Grunde eben, weil uns der<lb n="38"/>Geist der Sittlichkeit und der Philosophie Einer und derselbe ist, verwerfen wir eine Lehre,</p>
<pb n="272" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=279" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–17"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>welcher zufolge das Intellectuelle wie die Natur nur Mittel der Sittlichkeit, und ebendarum<lb n="2"/>an sich selbst von dem innern Wesen der Sittlichkeit entblößt seyn müßte.</p>
<p><lb n="3"/>Wir bemerken, zum Verständniß des folgenden, daß es uns unmöglich ist, Religion, als<lb n="4"/>solche, ohne historische Beziehung zu denken, und es wird darinn nichts Befremdendes seyn,<lb n="5"/>wenn man sich überhaupt gewöhnt hat, das Historische aus dem Gesichtspunct höherer Begriffe<lb n="6"/>anzusehen, und sich von den Verhältnissen der empirischen Nothwendigkeit, welche das<lb n="7"/>gemeine Wissen darinn erkennt, zu der unbedingten und ewigen Nothwendigkeit zu erheben,<lb n="8"/>durch die alles, was überhaupt in der Geschichte, ebenso wie alles, was in dem Lauf der Natur<lb n="9"/>wirklich wird, vorher bestimmt ist. Es ist kein Zufall, eben so wenig eine bedingte Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wendigkeit, daß der allgemeine Geist der Religion der spätern Welt dieser bestimmte ist, und<lb n="11"/>wenn er in einer Geistesrichtung, die einer vor uns untergegangnen Welt angehörte, seinen<lb n="12"/>Gegensatz hat, so ist dieß in dem allgemeinen Plan der Schicksale der Welt und den ewigen<lb n="13"/>Gesetzen, welche die Laufbahn der menschlichen Geschichte bestimmen, vorgezeichnet und<lb n="14"/>gegründet.</p>
<p><lb n="15"/>Der Keim des Christenthums war das Gefühl einer Entzweyung der Welt mit Gott, seine<lb n="16"/>Richtung war die Versöhnung mit Gott, nicht durch eine Erhebung der Endlichkeit zur Un<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>endlichkeit, sondern durch eine Endlichwerdung des Unendlichen, durch ein Menschwerden<lb n="18"/>Gottes. Das Christenthum stellte diese Vereinung für den ersten Moment seiner Erscheinung<lb n="19"/>als einen Gegenstand des Glaubens auf: Glauben ist die innere Gewißheit, die sich die Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichkeit vorausnimmt, und das Christenthum selbst deutete durch diese Zurückführung sich<lb n="21"/>selbst als einen Keim an, der seine Entwicklung erst in der unendlichen Zeit mit den Be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stimmungen der Welt haben sollte; einzelne Abweichungen von der Richtung dieses Glaubens,<lb n="23"/>und überhaupt Zwischenzustände können in Bezug auf das Ganze nicht in Betracht kommen;<lb n="24"/>wir haben unsern Blick nur auf die allgemeinen und großen Erscheinungen zu heften.</p>
<p><lb n="25"/>Alle Symbole des Christenthums zeigen die Bestimmung, die Identität Gottes mit der Welt<lb n="26"/>in Bildern vorzustellen, die dem Christenthum eigenthümliche Richtung ist die der Anschauung<lb n="27"/>Gottes im Endlichen, sie entspringt aus dem Innersten seines Wesens, und ist nur in ihm mög<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lich, denn daß diese Richtung einzeln auch vor und außer dem Christenthum war, beweist<lb n="29"/>nur seine Allgemeinheit und Nothwendigkeit, und daß auch die historischen Gegensätze wie<lb n="30"/>alle andere nur auf einem Vorherrschen beruhen.</p>
<p><lb n="31"/>Wir können diesen auf das Anschauen des Unendlichen im Endlichen gerichteten Sinn<lb n="32"/>allgemein Mysticismus nennen. Nichts beweist auffallender, daß der Mysticismus die noth<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wendige durch den innersten Geist des Christenthums vorgeschriebene Anschauungsweise ist,<lb n="34"/>als daß er selbst in dem Entgegengesetztesten, wie der Protestantismus es ist, wieder in neuen,<lb n="35"/>und zum Theil nur dunklern Formen durchbrach. Wenn die Mystiker des Christenthums in<lb n="36"/>der herrschenden Meynung Widerspruch fanden, und selbst als Irrgläubige betrachtet und<lb n="37"/>ausgestoßen wurden, so war es, weil sie den Glauben in ein Schauen verwandelten, und die<lb n="38"/>noch nicht reife Frucht der Zeit zum Voraus brechen wollten; und wenn das allgemeine<lb n="39"/>Streben der modernen Zeit dahin gegangen ist, den Gegensatz, der im Glauben, welcher kein</p>
<pb n="273" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=280" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="17–19"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Wissen ist, besteht, objectiv; im Unglauben subjectiv, demnach vollkommen, zu erhalten, so<lb n="2"/>kann das nichts gegen die erste Richtung beweisen, welche im Glauben selbst auf das Schauen<lb n="3"/>als ein Gewisses, Zukünftiges deutete.</p>
<p><lb n="4"/>Den höchsten Punct des Gegensatzes mit dem Heydenthum macht die Mystik im Christen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>thum; in demselben ist die esoterische Religion selbst die öffentliche und umgekehrt, dagegen<lb n="6"/>ein großer Theil der Vorstellungen in den Mysterien der Heyden selbst mythischer Natur war.<lb n="7"/>Sehen wir von den dunklern Gegenständen der letzten ab, so war die ganze Religion, wie die<lb n="8"/>Poesie der Griechen, frey von allem Mysticismus, und vielleicht war es im Christenthum eben<lb n="9"/>zur vollkommneren Ausbildung seiner ersten Richtung nothwendig, daß die, sich mehr und<lb n="10"/>mehr der Poesie nähernde, krystallhelle Mystik des Katholicismus durch die Prosa des Prote<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stantismus verdrängt werden mußte, innerhalb dessen erst der Mysticismus in der ausgebildet<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sten Form ausgebohren wurde.</p>
<p><lb n="13"/>Die bestimmte Entgegensetzung des Christenthums und Heydenthums verstattet uns, die<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selben als zwey einander entgegenstehende Einheiten zu betrachten, die sich nur durch die<lb n="15"/>Richtung von einander unterscheiden. Die Einheit des letztern war die unmittelbare Göttlich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>keit des Natürlichen, die absolute Aufnahme oder Einbildung des Endlichen ins Unendliche.<lb n="17"/>Wenn man da, wo die zwey Gegensätze unmittelbar in Eins fallen, von einer Richtung reden<lb n="18"/>kann, so gieng die religiöse und poetische Anschauung im Heydenthum vom Endlichen aus,<lb n="19"/>und endete im Unendlichen. Faßt man die griechische Mythologie von der endlichen Seite<lb n="20"/>auf, so erscheint sie durchaus bloß als ein Schematismus des Endlichen oder der Natur; nur in<lb n="21"/>der Einheit, die sie in der Unterordnung unter die Endlichkeit gleichwohl erreicht hat, ist sie<lb n="22"/>symbolisch. Der Character des Christenthums, von der Seite des Unendlichen aufgefaßt, ist<lb n="23"/>der Character der Reflexion, seine Einheit ist Einbildung des Unendlichen ins Endliche,<lb n="24"/>Anschauung des Göttlichen im Natürlichen. Daß die Aufgabe des Christenthums in einer<lb n="25"/>größern Ferne liegt, und ihre Auflösung eine unbestimmbare Zeit zu fodern scheint, liegt schon<lb n="26"/>in ihrer Natur. Die Einheit, welche der griechischen Mythologie zu Grunde liegt, kann als eine<lb n="27"/>noch unaufgehobene Identität angesehen werden, sie ist die, von welcher die erste Anschauung<lb n="28"/>ausgeht, ihre Herrschaft kann, wie das Alter der Unschuld, nur kurze Zeit dauren, sie muß<lb n="29"/>unwiederbringlich verloren erscheinen. Die Aufgabe des Christenthums setzt die absolute<lb n="30"/>Trennung schon voraus, das Endliche in der Unendlichkeit ist das angebohrne, das Unendliche<lb n="31"/>im Gegensatz mit der Endlichkeit ist durch Freyheit, und trennt sich, wenn es sich trennt,<lb n="32"/>absolut. Der Moment der Vereinigung kann mit dem der Entzweyung nicht zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>fallen: es sind zwischen der Trennung und Zurückrufung des unendlichen Begriffs aus der<lb n="34"/>unendlichen Flucht nothwendige Zwischenzustände, welche die Bedeutung und die Richtung<lb n="35"/>des Ganzen nicht bestimmen können.</p>
<p><lb n="36"/>Wie überhaupt alle Entgegengesetzte es aufhören zu seyn, so wie jedes für sich in sich absolut<lb n="37"/>ist, so ist nicht zu zweifeln, daß auch in der Richtung, die dem Christenthum vorgeschrieben</p>
<pb n="274" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=281" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="19–21"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>ist, die andre Einheit, welche die der Aufnahme des Unendlichen ins Endliche ist, sich in die<lb n="2"/>Heiterkeit und Schönheit der griechischen Religion verklären könne. Das Christenthum als<lb n="3"/>Gegensatz ist nur der Weg zur Vollendung; in der Vollendung selbst hebt es sich als Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gegengesetztes auf; dann ist der Himmel wahrhaft wieder gewonnen, und das absolute Evan<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gelium verkündet.</p>
<p><lb n="6"/>Es ist keine Religion ohne die eine oder die andre der beyden Anschauungen, ohne die un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>mittelbare Vergötterung des Endlichen, oder das Schauen Gottes im Endlichen. Dieser Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>satz ist der einzig mögliche in der Religion, darum giebt es nur Heydenthum und Christenthum,<lb n="9"/>außer diesen beyden ist nichts, als die, beyden gemeinschaftliche, Absolutheit. Jenes sieht un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>mittelbar in dem Göttlichen und den geistigen Urbildern das Natürliche, dieses sieht durch die<lb n="11"/>Natur, als den unendlichen Leib Gottes, bis in das Innerste und den Geist Gottes. Für beyde<lb n="12"/>ist die Natur Grund und Quell der Anschauung des Unendlichen.</p>
<p><lb n="13"/>Ob dieser Moment der Zeit, welcher für alle Bildungen der Zeit und die Wissenschaften<lb n="14"/>und Werke der Menschen ein so merkwürdiger Wendepunct geworden ist, es nicht auch für<lb n="15"/>die Religion seyn werde, und die Zeit des wahren Evangeliums der Versöhnung der Welt mit<lb n="16"/>Gott sich in dem Verhältniß nähere, in welchem die zeitlichen und bloß äußern Formen des<lb n="17"/>Christenthums zerfallen und verschwinden, ist eine Frage, die der eignen Beantwortung eines<lb n="18"/>jeden, der die Zeichen des Künftigen versteht, überlassen werden muß.</p>
<p><lb n="19"/>Die neue Religion, die schon sich in einzelnen Offenbarungen verkündet, welche Zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>führung auf das erste Mysterium des Christenthums und Vollendung desselben ist, wird in der<lb n="21"/>Wiedergeburt der Natur zum Symbol der ewigen Einheit erkannt; die erste Versöhnung und<lb n="22"/>Auflösung des uralten Zwistes muß in der Philosophie gefeyert werden, deren Sinn und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>deutung nur der faßt, welcher das Leben der neuerstandnen Gottheit in ihr erkennt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="24"/>III.</head>
<p><lb n="25"/>Die Betrachtung der Philosophie von dem allgemeinen historischen Standpunct aus würde<lb n="26"/>für Manche wenigstens den Nutzen haben, sie über die engen Formen ihres Philosophirens, in<lb n="27"/>welchen sie die Grenzen des allgemeinen Geistes gesteckt zu haben glauben, ins Klare zu<lb n="28"/>setzen. Anderen würde sie, bey dem Unvermögen, sich aus freyer Selbstthätigkeit zu Ideen<lb n="29"/>zu erheben, wenigstens einen allgemeineren Maasstab der Beurtheilung angeben, als die auf<lb n="30"/>den engen Kreis der gegenwärtigen Zeit eingeschränkte Kenntniß der Formen und Richtungen<lb n="31"/>der Philosophie.</p>
<p><lb n="32"/>Durch dieselbe Wendung, welche zum Princip der Philosophie die absolute Entzweyung<lb n="33"/>gemacht hat, wurde auch die Betrachtungsweise der Natur bestimmt, welche in der neueren<lb n="34"/>Zeit die herrschende ist. Auch in dem Verhältniß, welches die Wissenschaft der Alten zur<lb n="35"/>Natur hat, drückt sich die noch unaufgehobene Identität aus; jene beschränkte sich auf Beob<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>achtung, weil diese allein die Gegenstände in ihrer Integrität und Ungetrenntheit aufnimmt.<lb n="37"/>Die Kunst zu isoliren, und die Natur unter künstlich veranstalteten Verbindungen und Tren<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>nungen zu beobachten, ist eine Erfindung der spätern Kultur. Wenn aber auch die gemeine</p>
<pb n="275" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=282" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="21–23"/>
<fw type="header" place="top">VERHÄLTNISS DER NATURPHILOSOPHIE</fw>
<p><lb n="1"/>Geschäftigkeit der Empirie eine völlig blinde ist, so war der erste Strahl, der sie allgemeiner<lb n="2"/>geweckt hat, und der den edleren Trieb zur Erforschung der Natur unterhielt, jener dem<lb n="3"/>Gefühl der spätern Welt tief eingeprägte Instinct, das entflohne Leben in die Natur zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zurufen. Der Enthusiasmus, mit welchem alle lebendigen Erscheinungen der allgemeinen<lb n="5"/>Natur, welche von den Alten fast nicht gekannt und wenig geachtet waren, von den Neuern<lb n="6"/>als soviel Zeugen des in der Natur verschloßnen Lebens aufgenommen wurden, zeigt von der<lb n="7"/>einen Seite zwar die ursprüngliche Rohheit der letzten im Gegensatz gegen die Bildung der<lb n="8"/>ersten, aber zugleich auch die unwiderstehliche Nothwendigkeit, mit der dem menschlichen<lb n="9"/>Geist diese Richtung aufgedrungen wurde.</p>
<p><lb n="10"/>Es ist keine Aussicht, aus dem ungebildeten Ernst und der trüben Empfindsamkeit der<lb n="11"/>modernen Betrachtung der Natur wieder zu der Heiterkeit und Reinheit der griechischen<lb n="12"/>Naturanschauung zurückzukehren, als auf dem Einen Wege, der Wiederherstellung der<lb n="13"/>verlornen Identität durch die Speculation, und Wiederaufhebung der Entzweyung in einer<lb n="14"/>höhern Potenz, da zu der ersten, nachdem sie einmal überschritten, zurückzukehren versagt ist.</p>
<p><lb n="15"/>Enge Geister, die den großen Zusammenhang der allgemeinen Bildung und der Formen,<lb n="16"/>in denen sie sich ausdrückt, nicht begreifen, mögen über die Naturphilosophie vorerst das<lb n="17"/>Urtheil der Irreligion sprechen oder hervorrufen; sie wird nichts desto weniger ein neuer<lb n="18"/>Quell der Anschauung und Erkenntniß Gottes werden. Noch wohlfeiler ist der Vorwurf der<lb n="19"/>Nicht- oder Unsittlichkeit, mit dem ein mark- und kraftloses Reden von Moralität, aus dem<lb n="20"/>alle Idee Gottes entfernt ist, erst die Religion verdrängt hat, und nun auch die Philosophie zu<lb n="21"/>verdrängen versucht. Die wissenschaftliche Rohheit, die mit diesem Moralisiren verbunden ist,<lb n="22"/>begreift die Einheit des Ichs und der Natur, demnach die Naturphilosophie empirisch, als<lb n="23"/>Naturalismus, wie dagegen den Idealismus als Egoismus. Aus wahrer sittlicher Energie muß<lb n="24"/>eine Philosophie entspringen, die ganz aus reiner Vernunft und nur in den Ideen ist; jenes<lb n="25"/>Vorschieben der Sittlichkeit ist aber gegen die Vernunft und Speculation gerichtet. Sittlichkeit<lb n="26"/>im Princip ist Befreyung der Seele von dem Fremd- und Stoffartigen, Erhebung zum Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn durch reine Vernunft ohne andre Beymischung. Dieselbe Reinigung der Seele ist die<lb n="28"/>Bedingung zur Philosophie. Die sittliche und die intellectuelle Beziehung aller Dinge ist in<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sofern wieder Eine und dieselbe, es ist die Beziehung auf die reine, schlechthin allgemeine<lb n="30"/>Vernunft, ohne Stoff, ohne Dazwischentretendes oder fremde Vermittlung.</p>
<p><lb n="31"/>Die wahrhaft sittliche Betrachtung der Natur ist demnach auch die wahrhaft intellectuelle,<lb n="32"/>und umgekehrt. Die sittliche Beziehung, welche die intellectuelle ausschließt, ist auch keine<lb n="33"/>sittliche mehr. Beyde sind Eins im Princip, keine geht der andern wahrhaft vor oder nach;<lb n="34"/>nur empirisch erscheint es so; das Sittliche ist unserm Werden in der Zeit nach das Erste,<lb n="35"/>wodurch wir in die Intellectualwelt eingreifen, und uns in ihr erkennen. Das angebohrne<lb n="36"/>Wissen ist nur eine Einbildung des Unendlichen oder Allgemeinen in das Besondere unserer<lb n="37"/>Natur; die sittliche Anfoderung geht unmittelbar durch sich selbst auf die Hineinbildung unsers<lb n="38"/>Besondern in das rein Allgemeine, das Wesen, das Unendliche: aber dieser Gegensatz des<lb n="39"/>Wissens mit dem Sittlichen besteht auch nur für das Wissen und Handeln in der Zeit. Das<lb n="40"/><hi rendition="#g">wahre</hi> Wissen wendet sich von dem bloßen Widerschein des Unendlichen im Endlichen ab</p>
<pb n="276" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=283" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="23–25"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>und zu dem <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder Urwissen, und in dieser Richtung ist es nicht ohne die vollendete<lb n="2"/>Einbildung oder Auflösung des Besonderen im Allgemeinen, d. h. ohne die sittliche Reinheit<lb n="3"/>der Seele. Hinwiederum ist die wahre, nicht bloß negative, Sittlichkeit nicht, ohne daß die<lb n="4"/>Seele in der Ideenwelt einheimisch und in ihr wie in ihrem Eigenthum sey. Die Sittlichkeit,<lb n="5"/>welche vom Intellectualen sich trennt, ist nothwendig leer, denn nur aus diesem nimmt sie<lb n="6"/>den Stoff ihres Handelns. Derjenige also, der nicht seine Seele bis zur Theilnahme an dem<lb n="7"/>Urwissen geläutert hat, ist auch nicht zur letzten sittlichen Vollendung gelangt. Das Reine,<lb n="8"/>schlechthin Allgemeine ist für ihn ein Außer ihm; er selbst demnach steckt noch in dem Un<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>reinen, und ist im Besondern und Empirischen befangen.</p>
<p><lb n="10"/>»Die Reinigung, sagt Plato, (Phaed. p. 152.) besteht darinn, die Seele so viel möglich von<lb n="11"/>dem Leib abzusondern, und zu gewöhnen, sich in sich selbst von allen Seiten aus dem Leib zu<lb n="12"/>sammeln und zurückzuziehen, und nach Vermögen in sich selbst zu wohnen. <hi rendition="#g">Tod</hi> heißt eine<lb n="13"/>solche Lösung der Seele von dem Leib. Am meisten streben nach dieser Lösung <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">wahrhaft</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Philosophirenden</hi>.« In diesem Streben nach Reinigung begegnen sich also die Sittlichkeit<lb n="15"/>und die Philosophie. Der Weg zu jener Befreyung ist nicht der bloß negative Begriff der End<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichkeit, daß sie nämlich eine Schranke der Seele ist, denn hierdurch wird sie nicht überwunden.<lb n="17"/>Es bedarf eines positiven Begriffs und einer gleichen Anschauung des An-sich: denn derjenige,<lb n="18"/>der weiß, daß nur für den Schein das Natürliche von dem Göttlichen getrennt, der Leib nur<lb n="19"/>in der unvollkommnen Erkenntniß Leib, und von der Seele verschieden, in dem An-sich aber<lb n="20"/>dasselbe mit ihr ist, wird sich auch am meisten üben, jenen vom Sokrates gepriesenen Tod zu<lb n="21"/>sterben, der der Eingang zu der ewigen Freyheit und dem wahren Leben ist. Die aber zwischen<lb n="22"/>das rein Allgemeine oder Unendliche und die Seele, auf welche Weise es sey, entweder daß<lb n="23"/>sie sich überhaupt mit ihrem Bewußtseyn nicht darüber erheben, oder mit Bewußtseyn,<lb n="24"/>etwas Fremdartiges, einen Stoff oder dergleichen einschieben, werden nie wahrhaft von jener<lb n="25"/>Schranke befreyt werden, und das Endliche und den Leib als ein Positives und wahrhaft Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>liches immerfort mit sich schleppen. Der wahre Triumph und die letzte Befreyung der Seele<lb n="27"/>liegt allein im absoluten Idealismus, im absoluten Tod des Reellen als solchen.</p>
<p><lb n="28"/>Die Lästerer, welche das sittliche Princip der Philosophie verläumden, kennen weder das<lb n="29"/>Ziel noch die Stuffen der Seele, durch welche sie zur Läuterung gelangt. Das Erste, was sie<lb n="30"/>erfährt, ist die Sehnsucht; denn die Natur, um in sich den Abdruck des unsterblichen Wesens<lb n="31"/>zu empfangen, ist nothwendig zugleich das Grab der Vollkommenheit. Die Seele, welche den<lb n="32"/>Verlust des höchsten Gutes gewahr wird, eilt, der Ceres gleich, die Fackel an dem flammenden<lb n="33"/>Berg zu entzünden, die Erde zu durchforschen, alle Tiefen und Höhen zu durchspähn, um<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sonst, bis sie ermüdet endlich in <hi rendition="#g">Eleusis</hi> anlangt. Dieses ist die zweyte Stuffe; allein nur die<lb n="35"/>allsehende Sonne offenbart den Hades als den Ort, der das ewige Gut vorenthält. Die Seele,<lb n="36"/>welcher diese Offenbarung widerfährt, geht zur letzten Erkenntniß über, sich zum ewigen<lb n="37"/>Vater zu wenden: die unauflösliche Verkettung zu lösen, vermag auch der König der Götter<lb n="38"/>nicht, aber er verstattet der Seele, sich des verlohrnen Guts in den Bildungen zu freuen, welche<lb n="39"/>der Strahl des ewigen Lichts durch ihre Vermittlung dem finstern Schooß der Tiefe entreißt.</p>
<pb n="277" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=284" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="26–28"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>II.<lb n="2"/>UEBER DIE CONSTRUCTION IN DER<lb n="3"/>PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="4"/><hi rendition="#g">Abhandlung</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">philosophische</hi> <hi rendition="#g">Construction</hi>, als Einleitung zu Vorlesungen<lb n="5"/>in der Philosophie, von <hi rendition="#g">Benj.</hi> <hi rendition="#g">Carl</hi> <hi rendition="#g">H.</hi> <hi rendition="#g">Höyer</hi>. Aus dem Schwedischen. Stockholm bey<lb n="6"/>Silverstolpen, in Commission bey Fr. Perthes in Hamburg. 1801.</p>
<space/>
<p><lb n="7"/>Daß die Philosophie weder die engen Gränzen des Kantischen Kriticismus überschreiten,<lb n="8"/>noch auf dem von Fichte eingeleiteten Weg zu einer positiven und apodictischen Philosophie<lb n="9"/>weiter fortschreiten könne, ohne daß die Methode der Construction in ihrer größten Strenge<lb n="10"/>in sie eingeführt werde, davon könnte sich jeder im Allgemeinen durch die vorliegende Schrift<lb n="11"/>überzeugen, welche den Hauptpunct, auf den die wissenschaftliche Vollendung der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sophie ankommt, mit großer Klarheit bezeichnet und darstellt.</p>
<p><lb n="13"/>Die Lehre von der philosophischen Construction wird künftig eines der wichtigsten Kapitel<lb n="14"/>in der wissenschaftlichen Philosophie ausmachen: es ist unläugbar, daß so wie viele an den<lb n="15"/>Fortschritten derselben Theil zu nehmen, durch den Mangel des Begriffs der Construction ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hindert werden, so hinwiederum gegen eine gewisse falsche Liberalität, die sich mit dem Geist<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>reichen in der Philosophie begnügt und unter der äußern Form des Philosophirens das bloße<lb n="18"/>Räsonniren begünstigt, oder gegen die Mischung aller Standpuncte, welche Wahres und Fal<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sches verwirrt und ununterscheidbar macht, das Dringen auf strenge von den ersten Prämissen<lb n="20"/>ausgeführte Construction, das kräftigste Mittel sey.</p>
<p><lb n="21"/>Manche philosophische Bestrebungen erhalten sich in einem gewissen äußeren Ansehen<lb n="22"/>des Zusammenhangs, einzig weil sie sich auf jenen Weg nicht einlassen, und gegen die Probe<lb n="23"/>der wissenschaftlichen Construction sich sträuben; und doch muß gerade in der Philosophie<lb n="24"/>Materie und Form am unzertrennlichsten seyn, so daß ein von Seiten der Form vernach<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>läßigtes System, es in gleichem Grade von Seiten des Inhalts seyn muß. Es kommt in der<lb n="26"/>Philosophie überhaupt nicht darauf an, was gewußt werde, sondern aus welchen Gründen es<lb n="27"/>gewußt werde. Ehe man zu dem schlechthin Absoluten durchgedrungen ist, findet sicher und<lb n="28"/>nothwendig immer der Wahlspruch der Skeptiker seine Stelle, daß jedem Grund ein gleicher<lb n="29"/>Grund entgegengesetzt werden kann. Man kann nicht läugnen, daß in den von Seiten der<lb n="30"/>Form ungereimtesten und widersinnigsten Systemen einzelne Sätze wahrer Philosophie vor<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>kommen; allein sie sind in ihnen ohne allen wissenschaftlichen Werth, ohne Sinn und Gehalt.<lb n="32"/>Das Gefühl von der Wahrheit im Einzelnen bey totaler Verworrenheit im Ganzen erzeugt die<lb n="33"/>beschränkteste Rechthaberey, und obstinirteste Unbelehrbarkeit, so daß für manche Köpfe,</p>
<pb n="278" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=285" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="28–30"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>sie von der gänzlichen Nullität ihrer Philosophie zu überzeugen, kein andres Mittel wäre, als<lb n="2"/>der Form, wenn dieß möglich wäre, bey ihnen zum Durchbruch zu verhelfen.</p>
<p><lb n="3"/>Die Form also, welche einerseits den Philosophen selbst vor Irrthümern und Abschwei<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fungen bewahrt, ist andrerseits in seiner Hand eine sehr wichtige, ja die einzige Waffe gegen<lb n="5"/>die Halbphilosophie und die Unphilosophie, welche beyde keine Ansprüche auf die Form<lb n="6"/>machen können, ohne eben damit ihre ganze Blöße zu offenbaren.</p>
<p><lb n="7"/>Es wird aus dem gleichen Grunde vorläufig keine Philosophie für wahre und absolute<lb n="8"/>Philosophie gelten können, welche nicht beweisen kann, daß sie die absolute Form gewonnen<lb n="9"/>hat, oder, da eine solche überhaupt noch nicht existiren möchte, so wird auch keine Richtung<lb n="10"/>und keine Bestrebung in der Philosophie für die wahre geachtet werden können, welche nicht<lb n="11"/>die Einsicht in die <hi rendition="#g">Unzertrennlichkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> zum Leitstern und<lb n="12"/>Princip hat.</p>
<p><lb n="13"/>Das große Beyspiel, das Spinoza von dem Gebrauch der geometrischen Methode in der<lb n="14"/>Philosophie gegeben hat, anstatt zur Vervollkommnung desselben aufzufodern, hat vielmehr<lb n="15"/>das Gegentheil bewirkt; die Welt, welche diesen Geist nicht verstand, suchte eine Hauptquelle<lb n="16"/>seiner Irrthümer in dieser Form, der man von dieser Zeit an eine gewisse Verwandtschaft mit<lb n="17"/>dem Fatalismus und Atheismus zuschrieb.</p>
<p><lb n="18"/>Wenn Spinoza geirrt hat, so ist es darinn, daß er nicht weit genug zurück construirt, und<lb n="19"/>wenn nicht die Form, doch die rein ideelle Seite der Philosophie zu sehr vernachlässigt hat.<lb n="20"/>Es ist mit dem Dogmatismus, wie mit der geometrischen Methode selbst: es giebt einen äußern<lb n="21"/>und innern, formellen und wesentlichen Dogmatismus. Der wesentliche Dogmatismus hat nur<lb n="22"/>Ein Merkmal, es ist der Gebrauch der Reflexionsformen vom Absoluten. Daß ein solcher dem<lb n="23"/>innersten Geist des Spinozismus entgegen ist, der selbst vielmehr das antipodische System des<lb n="24"/>dogmatischen ist, läßt sich, aller Beweise, die man von seinem Buchstaben hernehmen möchte,<lb n="25"/>unerachtet, streng darthun. Spinoza hat den formellen Dogmatismus nicht vermieden, seiner<lb n="26"/>Philosophie fehlt das nothwendige Element des Skepticismus: da die Philosophie ganz in der<lb n="27"/>Region des <hi rendition="#g">Unendlichen</hi> ist, so daß sie nicht wie die Mathematik einen höheren Reflex über<lb n="28"/>sich hat, sondern alle Reflexe in sich selbst vereinigt, so muß auch der ihres eignen Wesens sie<lb n="29"/>immer begleiten; sie ist nicht nur ein Wissen, sondern immer und nothwendig zugleich wieder<lb n="30"/>ein Wissen dieses Wissens, nur nicht in einem endlosen Fortgang, sondern in immer gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wärtiger Unendlichkeit.</p>
<p><lb n="32"/>Von der <hi rendition="#g">Wolfischen</hi> Philosophie wollen wir nicht reden, welche in jedem Betracht<lb n="33"/>Dogmatismus ist, und deren armselige und geistlose Anwendung der äußern Form der geo<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>metrischen Methode überdies keine Idee der Construction erwecken konnte.</p>
<p><lb n="35"/>Wir wenden uns zu <hi rendition="#g">Kant</hi>, der die demonstrative Methode in der Philosophie nur im Geist<lb n="36"/>des Dogmatismus und als logische Analysis begreift, und der Kritik des Gebrauchs derselben<lb n="37"/>in der Philosophie einen eignen Abschnitt seiner Methodenlehre gewidmet hat.</p>
<p><lb n="38"/>Was den allgemeinsten Begriff der Construction betrifft, so ist Kant vielleicht der erste, der<lb n="39"/>ihn so tief und ächt philosophisch aufgefaßt hat. Er beschreibt Construction durchgängig als<lb n="40"/>Gleichsetzung <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Begriffs</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Anschauung</hi>, und fodert dazu eine nicht-empirische<lb n="41"/>Anschauung, die einerseits, als Anschauung, einzeln oder concret ist, andrerseits als Construction<lb n="42"/>eines Begriffs Allgemeingültigkeit für alle mögliche Anschauungen, die unter denselben</p>
<pb n="279" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=286" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="30–32"/>
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<p><lb n="1"/>Begriff gehören, ausdrücken muß. Ob der dem Allgemeinbegriff Dreyeck entsprechende<lb n="2"/>Gegenstand in der reinen Anschauung, oder der empirischen entworfen wird, ist für seine Fähig<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>keit, den Begriff unbeschadet seiner Allgemeinheit auszudrücken, ganz gleichgültig, weil bey<lb n="4"/>der empirischen Anschauung selbst doch nur auf die Handlung der Construction des Begriffes<lb n="5"/>an und für sich selbst gesehen wird u.s.w.</p>
<p><lb n="6"/>Bis hierher drückt Kant die Idee der Construction und den Grund aller Evidenz voll<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>kommen aus. Wenn er aber nachher die Möglichkeit der Construction in der Philosophie<lb n="8"/>läugnet, weil diese nur mit reinen Begriffen ohne Anschauung zu thun habe, und er gleichwohl<lb n="9"/>der Mathematik eine nicht-empirische Anschauung zur Construction zugesteht, so wird offen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bar, daß er an dieser doch eigentlich nur die <hi rendition="#g">empirische</hi> Seite, die Beziehung auf das Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>liche, geschätzt, dagegen bey jener vermißt hat. Denn daß die Philosophie auf bloße reine<lb n="12"/>Begriffe ohne alle Anschauung beschränkt sey, würde nur dann folgen, wenn bewiesen wäre,<lb n="13"/>daß es keine ihren Begriffen angemeßne <hi rendition="#g">nicht-empirische</hi> Anschauung geben könne;<lb n="14"/>diese nicht-empirische Anschauung für die Philosophie leugnet nun Kant, weil eine solche<lb n="15"/>intellectuell seyn müßte, nach seiner Meynung aber alle Anschauung nothwendig sinnlich ist.<lb n="16"/>Nun ist aber offenbar, daß was an der mathematischen Anschauung das schlechthin <hi rendition="#g">All</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi>, die reine Einheit des Allgemeinen und Besondern selbst ist, nicht sinnlich, sondern<lb n="18"/>vielmehr das rein Intellectuelle selbst ist. Er setzt also die Einzigkeit der mathematischen An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schauung ganz in ihre sinnliche Beziehung, oder darein, daß sie die <hi rendition="#g">sinnlich</hi> reflectirte in<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tellectuelle Anschauung ist, und es mußte demnach zu der Foderung einer nicht-empirischen,<lb n="21"/>d. h. intellectuellen Anschauung für die mathematische Construction noch die besondre der<lb n="22"/>sinnlichen Beziehung <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solcher</hi> hinzugefügt werden.</p>
<p><lb n="23"/>Da Kant für die Geometrie die nicht-empirische Anschauung zugiebt, so kann er den<lb n="24"/>absoluten Unterschied zwischen Mathematik und Philosophie nicht darein setzen, daß es für<lb n="25"/>diese eine nicht-empirische Anschauung geben müßte, dergleichen es doch nicht gebe. Der<lb n="26"/>Unterschied beyder wird vielmehr darein fallen, daß dem Mathematiker die in der Sinnlichkeit<lb n="27"/>reflectirte, dem Philosophen dagegen nur die reine in sich selbst reflectirte intellectuelle An<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schauung zu Gebot steht. Der Raum, wie er der Geometrie, und die Zeit, wie sie der Arith<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>metik nach Kant zu Grunde liegt, ist die ganze intellectuelle Anschauung; aber dort im End<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lichen, hier im Unendlichen ausgedrückt. Welche Gründe in Kants ganzer Philosophie liegen,<lb n="31"/>die ihm die schlechthin und an sich betrachtete intellectuelle Anschauung unzugänglich<lb n="32"/>machen, ist theils bekannt genug, theils wird es aus dem Folgenden noch klarer werden.</p>
<p><lb n="33"/>Um nicht von den Widersprüchen zu reden, in welche sich Kant durch Verwerfung der<lb n="34"/>Construction und rein intellectuellen Anschauung verflicht, da seine <hi rendition="#g">transscendentale</hi> <hi rendition="#g">Ein</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">bildungskraft</hi>, seine <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Synthesis</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Apperception</hi>, die Wirklichkeit einer<lb n="36"/>solchen Anschauung involviren, da er, wie auch in der angezeigten Schrift richtig bemerkt ist,<lb n="37"/>so oft erklärt, daß Begriffe, die nur mittelbare Vorstellungen von Objecten sind, außer der<lb n="38"/>Einheit mit diesen schlechthin leer seyn, während er selbst nachher die Philosophie auf rein dis<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>cursive Begriffe beschränkt, – um diese Widersprüche nicht zu berühren, fragt sich doch, was<lb n="40"/>denn eigentlich die Mathematik, dadurch daß die intellectuelle Anschauung in ihr des sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="41" break="no"/>lichen Ausdrucks fähig ist, vor der Philosophie voraus habe. Offenbar nichts, als die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="42" break="no"/>keit, sich ohne alles intellectuelle Bewußtseyn gleichwohl dem Scheine nach in den Besitz</p>
<pb n="280" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=287" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="32–34"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>ihrer Constructionen zu setzen, und die zufällige Stütze der äußern sinnlichen Anschauung<lb n="2"/>für den, der einer solchen bedarf – Vorzüge, die ein wahrer Philosoph dem Mathematiker<lb n="3"/>wahrlich nicht beneiden könnte, und wegen deren Plato gewiß nicht gesagt hat: die Geometrie<lb n="4"/>sey dem Philosophen zu kennen nothwendig, <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wesentliche</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">schauen</hi>, <hi rendition="#g">und</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Veränderlichen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erheben</hi>.</p>
<p><lb n="6"/>Wollte man auch mit dem Verf. dem Geometer den Vortheil zugestehen, daß er außer<lb n="7"/>dem Bild, das seine Aufmerksamkeit leitet, zugleich ein <hi rendition="#g">Zeichen</hi> habe, das seine an sich<lb n="8"/>fließende(?) Handlung fixirt, wodurch er die Fehler seiner Schlußfolge sogleich entdecken<lb n="9"/>kann, so wird erstens, wie er selbst bemerkt, dieser Vortheil in dem andern Zweige der Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>matik beträchtlich vermindert, indem es da kein Bild des Objects, sondern nur ein Zeichen<lb n="11"/>giebt, und Verhältnisse von Größen, und in der Algebra sogar nur Verhältnisse von Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>nissen betrachtet werden; andrerseits ist zu erwarten, ob nicht außer der speciellen symbolischen<lb n="13"/>und characteristischen Darstellung der Mathematik die universelle Symbolik oder Characteristik<lb n="14"/>erfunden, und so die Idee, welche Leibnitz schon hegte, realisirt werde: daß einige Schritte<lb n="15"/>schon geschehen sind, welche die Möglichkeit einer solchen Erfindung beweisen, ließe sich<lb n="16"/>leicht zeigen.</p>
<p><lb n="17"/>Die hauptsächlichsten Gründe, wie sie sich auch bey Kant aussprechen, die der Construc<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tion <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> und dadurch der Philosophie selbst als Wissenschaft in den herr<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schenden Vorstellungen entgegen stehen, kommen auf folgende zurück.</p>
<p><lb n="20"/>Der erste ist die absolute Entgegensetzung des Allgemeinen und Besondern, die Kant zwar<lb n="21"/>in der mathematischen Construction als aufgehoben anerkennen muß, in der Philosophie aber<lb n="22"/>durchaus stehen läßt. »Die mathematische Erkenntniß, sagt er, betrachtet das Allgemeine im<lb n="23"/>Besondern, die philosophische dagegen <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Besondre</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi>« (Krit. d. r.<lb n="24"/>V. S. 742.). Es sind hierüber verschiedne Bemerkungen zu machen. Erstens da jede wahre<lb n="25"/>Identität des Allgemeinen und Besondern an sich <hi rendition="#g">Anschauung</hi> ist, so kann darinn, daß in<lb n="26"/>dem einen Fall das Besondre im Allgemeinen, im andern das Allgemeine im Besondern dar<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gestellt wird, kein Grund liegen, von dem ersten die Anschauung zu negiren, es würden<lb n="28"/>daraus nur zwey verschiedne <hi rendition="#g">Arten</hi> der Anschauungen folgen. Versteht man unter dem All<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gemeinen das reine Verstandes- oder discursiv Allgemeine, so ist leicht zu zeigen, daß eben<lb n="30"/><hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">beyden</hi> <hi rendition="#g">Arten</hi> der <hi rendition="#g">Anschauung</hi> in den beyden Zweigen der Mathematik wirklich<lb n="31"/>gegeben sind, daß die Arithmetik ein Besondres (Verhältniß von einzelnen Größen) im All<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gemeinen, die Geometrie ein Allgemeines (den Begriff einer Figur) im Besondern ausdrückt.<lb n="33"/>Es erhellt eben hieraus auch, daß alle Gegensätze, welche durch die Antithese des Allgemeinen<lb n="34"/>und Besondern möglich sind, in die Mathematik selbst fallen, daß Philosophie in keiner Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gegensetzung mit der Mathematik sey, und daß, wenn in dieser sich die Construction nach<lb n="36"/>zwey Seiten theilt, sie in jener im absoluten Indifferenzpunct sey, oder bestimmter: daß wenn<lb n="37"/>jene nothwendig <hi rendition="#g">entweder</hi> Darstellung des Allgemeinen im Besondern, <hi rendition="#g">oder</hi> Darstellung<lb n="38"/>des Besondern im Allgemeinen ist, diese <hi rendition="#g">weder</hi> das eine noch das andre, sondern <hi rendition="#g">Darstellung</hi><lb n="39"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einheiten</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">absoluter</hi> <hi rendition="#g">Indifferenz</hi> ist, welche in der Mathematik getrennt er<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>scheinen.</p>
<pb n="281" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=288" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="34–36"/>
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<p><lb n="1"/>Es giebt eine andere Idee des Allgemeinen, welche Kant nicht kennt und annimmt, un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>erachtet er eine Erklärung der Philosophie, die ohne Zweifel nach derselben entworfen worden<lb n="3"/>ist, aus der Tradition annimmt, eine Idee, nach welcher allerdings Philosophie als <hi rendition="#g">Darstellung</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Besondern</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi> bezeichnet werden kann.</p>
<p><lb n="5"/>Das Allgemeine ist hier das wesentlich und absolut Allgemeine, nicht der Begriff, sondern<lb n="6"/>die Idee, welche, wenn wir Allgemeines und Besondres als Reflexionsgegensätze im Kantischen<lb n="7"/>Sinn denken, diese selbst wieder ebenso begreift, wie seinerseits das Besondre, in dem Sinn,<lb n="8"/>wie es in der Geometrie vorkommt, außer dem Besondern als formellen Factor auch wieder<lb n="9"/>das Allgemeine in sich faßt. In diesem Sinn ist aber das Allgemeine als Einheit des Allgemeinen<lb n="10"/>und Besondern für sich schon Gegenstand von Anschauung, versteht sich rein intellectueller,<lb n="11"/>als Idee; in diesem Sinn aber nimmt es Kant nicht, er kann also auch Philosophie nicht als Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stellung des Besondern im Allgemeinen erklären.</p>
<p><lb n="13"/>Selbst der oben gemachte Unterschied zwischen Geometrie und Arithmetik, daß nämlich<lb n="14"/>jene das Allgemeine im Besondern, diese das Besondre im Allgemeinen darstelle, findet,<lb n="15"/>genauer zu reden, nicht in Ansehung der Construction selbst, als solcher, sondern in andern<lb n="16"/>Beziehungen statt, denn die Construction, als solche, ist in der Mathematik und Philosophie<lb n="17"/>immer absolute und <hi rendition="#g">reale</hi> Gleichsetzung des Allgemeinen und Besondern. Das Besondre in<lb n="18"/>der Geometrie ist doch nicht der empirische Triangel, der auf dem Papier etwa oder sonst<lb n="19"/>entworfen wird, sondern, nach Kant selbst, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Triangel</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Anschauung</hi>;<lb n="20"/>nur diesen hat eigentlich die Construction im Auge, der empirische verhält sich als ein<lb n="21"/>Accidens, als eine Zufälligkeit, auf die gar nicht reflectirt wird; <hi rendition="#g">dieses</hi> Besondere aber ist<lb n="22"/>eben schon <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">dargestellte</hi> Besondre, insofern also die Idee, oder<lb n="23"/>das reale Allgemeine selbst und mit dieser nicht in bloß formaler, sondern <hi rendition="#g">wesentlicher</hi><lb n="24"/>Einheit.</p>
<p><lb n="25"/>Sonderbar genug ist es, daß Kant dem Philosophen gerade auch einen geometrischen<lb n="26"/><hi rendition="#g">Begriff</hi> vorhält, um mit dem Geometer in der Construction desselben zu wetteifern; »Man<lb n="27"/>gebe, sagt er, einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse ihn nach seiner Art<lb n="28"/>ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner Winkel zum rechten verhalten möge. Er<lb n="29"/>hat nun nichts als den Begriff von einer Figur, die in drey geraden Linien eingeschlossen ist,<lb n="30"/>und an ihr den Begriff von eben so viel Winkeln. Nun mag er diesem Begriff so lange nach<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>denken, als er will, er wird nichts Neues herausbringen. Er kann den Begriff der geraden Linie<lb n="32"/>oder eines Winkels oder der Zahl Drey zergliedern und deutlich machen, aber nicht auf andre<lb n="33"/>Eigenschaften kommen, die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein der Geometer nehme<lb n="34"/>diese Frage vor« etc. Dieß ist gerade eben so klug, als wenn er dagegen von dem Geometer<lb n="35"/>die Construction einer Idee, z. B. der Schönheit, des Rechts, der Gleichheit, oder des Raums<lb n="36"/>selbst verlangen wollte, der sich ohne Zweifel nicht geschickter dabey benehmen würde, als<lb n="37"/>der Philosoph bey der Construction des Triangels. Es ist als ob man einem Musiker Farben und<lb n="38"/>Pinsel vorlegen wollte, um damit eine Musik aufzuführen, oder einem Bildhauer Musiknoten<lb n="39"/>und Instrumente, um damit eine Statue zu verfertigen, und wenn man dann aus der Unmög<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>lichkeit die Nichtexistenz ihrer Kunst bewiese.</p>
<pb n="282" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=289" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="36–39"/>
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<p><lb n="1"/>Zugleich würde aus dieser Stelle folgen, daß der Philosoph nach Kant mit den Begriffen,<lb n="2"/>auf die er beschränkt ist, nicht anders als analytisch zu Werk gehen könne. Ist denn das Kants<lb n="3"/>Meynung, oder hat dieses spätere Kapitel die frühern vergessen?</p>
<p><lb n="4"/>Jedoch angemeßner dem Geist seines eignen Systems sind die andern Aeußerungen, welche<lb n="5"/>indeß alle nichts als Wiederholungen desselben Gegensatzes der discursiven Begriffe mit den<lb n="6"/>Anschauungen, der Einheit mit der Mannichfaltigkeit sind.</p>
<p><lb n="7"/>Alles <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi> Mannichfaltige ist schon zur Mathematik gezogen, für die Philosophie<lb n="8"/>bleibt also nichts, als der <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> einerseits, und das <hi rendition="#g">empirisch</hi> <hi rendition="#g">Mannich</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">faltige</hi> andrerseits, welches aber als empirisches von ihr ausgeschlossen ist. Sie geht also mit<lb n="10"/>völlig leerer Hand, nämlich mit leerem Verstand, aus. – Mit einem unbestimmten Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>faltigen, wie der Stoff einiger andern, würde sie doch wieder <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">Object</hi> construiren. Sie<lb n="12"/>construirt also überhaupt nicht.</p>
<p><lb n="13"/>Anders gewendet: die Philosophie hat <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> Begriffe <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi>, als die eine<lb n="14"/>Synthesis möglicher Anschauungen (demnach selbst bloß eine <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> von An<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schauungen) enthalten, womit man also wohl synthetisch <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi> urtheilen kann, aber nicht<lb n="16"/>construiren. – Ganz richtig, daß <hi rendition="#g">mit</hi> diesen Begriffen nicht zu construiren ist, aber man kann<lb n="17"/><hi rendition="#g">sie</hi> construiren, und auch dieses nicht, sofern sie <hi rendition="#g">synthetische</hi> und noch dazu discursive<lb n="18"/>Begriffe sind, denen die Wirklichkeit in den Anschauungen gegenüber steht; es wird überhaupt<lb n="19"/>nicht, und es werden auch diese Begriffe nicht construirt als in den Ideen, der Begriff der<lb n="20"/>Ursache und Wirkung z. B. in der Idee der absoluten Einheit der Möglichkeit und Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>keit, der der Möglichkeit und Wirklichkeit selbst in der Idee der absoluten Einheit des Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>jectiven und Objectiven u.s.f.</p>
<p><lb n="23"/>Alle diese Aeußerungen sind nothwendig in einer Ansicht, nach der es in dem menschlichen<lb n="24"/>Geiste nichts giebt, als leere Begriffe, empirische Anschauungen und zwischen beyden einen<lb n="25"/>absoluten Hiatus. Kant kann in diesem Theil seiner Methodenlehre und dem Inhalt desselben<lb n="26"/>nicht einmal vollkommne Rechenschaft geben über sein eignes Verfahren, wie er nämlich<lb n="27"/>selbst zu jenen synthetischen Begriffen gekommen. Es ist auch ganz richtig, daß er sie nicht<lb n="28"/>construirt hat, da er sie vielmehr aus der Erfahrung nach Analogie aufgegriffen hat. Undenkbar<lb n="29"/>ist, daß er die Voraussetzung mit Bewußtseyn gemacht: es sey kein höherer Quell der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kenntniß jener Begriffe, aus dem sie mit Nothwendigkeit und wahrhaft a priori begriffen<lb n="31"/>werden können. – Der Rückgang im Construiren – oder, weil dies nicht zugegeben ist – im<lb n="32"/>Denken überhaupt, kann nicht eher als bey dem Punct aufhören, wo das Construirende und<lb n="33"/>Construirte – Denkende und Gedachte – schlechthin in Eins zusammenfällt. Nur dieser Punct<lb n="34"/>kann <hi rendition="#g">Princip</hi> der Construction heißen. Dieß ist bey jenen Begriffen nicht der Fall: denn ohne<lb n="35"/>Zweifel ist das, was diese Begriffe in der philosophischen Reflexion denkt, ein anderes, als was<lb n="36"/><hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">ihnen</hi> denkt, und was in der Kantischen Analytik eigentlich <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Construirte</hi> ist. Für<lb n="37"/>das letzte mögen sie Princip seyn, für das erste sind sie es nicht. Jenes fällt also noch ganz aus<lb n="38"/>dem Umkreis der Construction – oder überhaupt der Philosophie – hinaus, der überhaupt<lb n="39"/>nicht geschlossen werden kann, als durch das eben beschriebne Zusammentreffen.</p>
<pb n="283" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=290" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="39–41"/>
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<p><lb n="1"/>Begriffe also, welche selbst das Construirte sind, oder wenigstens nicht den Character eines<lb n="2"/>Princips der Construction tragen, zu den <hi rendition="#g">Mitteln</hi> der Construction machen, beweist, daß<lb n="3"/>man mit keinem Schritt von dem bloß Reflectirten und Abgeleiteten hinweg gekommen ist,<lb n="4"/>obgleich es denn wieder ganz richtig ist, daß <hi rendition="#g">mit</hi> diesen Begriffen nicht zu construiren sey.<lb n="5"/>Auch der Geometer construirt nicht <hi rendition="#g">mit</hi> dem Begriff des Triangels, des Quadrats u.s.w. da<lb n="6"/>würde es so vielerley und so verschiedne Evidenzen geben als es Constructionen giebt, diese alle<lb n="7"/>sind selbst das Construirte, im <hi rendition="#g">An-sich</hi> des Geometers Dargestellte, sollte er <hi rendition="#g">mit</hi> diesen<lb n="8"/>Begriffen construiren, so würde er damit nicht anders verfahren, als wie nach der obigen<lb n="9"/>Schilderung der Philosoph damit verfahren sollte.</p>
<p><lb n="10"/>Es ist nur <hi rendition="#g">Ein</hi> Princip der Construction, <hi rendition="#g">Eines</hi>, <hi rendition="#g">womit</hi> construirt wird, in der Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>matik wie in der Philosophie. Dem Geometer ist es die in allen Constructionen gleiche und<lb n="12"/>absolute Einheit des Raums, dem Philosophen die des Absoluten. Es ist, wie schon gesagt, nur<lb n="13"/>Eines, was construirt wird, nämlich <hi rendition="#g">Ideen</hi>, und alles Abgeleitete wird nicht als Abgeleitetes,<lb n="14"/>sondern in seiner Idee construirt.</p>
<p><lb n="15"/>Vielleicht spricht es sich nirgends so unmittelbar und unbefangen als in diesem Räsonniren<lb n="16"/>Kants über philosophische Construction aus, daß er in seiner Kritik der reinen Vernunft<lb n="17"/>durchaus nur mit dem <hi rendition="#g">Verstande</hi> zu thun hat, daß er demnach nicht zu den wahren<lb n="18"/>Gegenständen der Philosophie, zum Ideenreich, wovon er nur höchst confuse Berichte von<lb n="19"/>andern hat, durchgedrungen sey. Selbst in den Begriffen des Verfassers der obigen Schrift zeigt<lb n="20"/>sich noch eine gewisse Abhängigkeit von der Kantischen Beschränktheit und Richtung seiner<lb n="21"/>Philosophie auf die Verstandesendlichkeit, wenn er S. 47. sagt: »<hi rendition="#g">Sogar</hi> diejenigen Begriffe,<lb n="22"/>die er (Kant) Ideen nennt, entstehen durch Construction. Eine Idee ist eigentlich ein Begriff,<lb n="23"/>der an sich ohne Realität und also gar kein Begriff ist; er ist nicht construirt und kann es nicht<lb n="24"/>werden; im weiteren Sinn ist sie auch ein Begriff, der bloß <hi rendition="#g">jetzt</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> keine Realität hat.<lb n="25"/>Eine eigentliche Idee wäre also nichts oder nicht einmal etwas denkbares; insofern sie aber doch<lb n="26"/>in andrer Rücksicht ein Begriff ist, so ist gerade meine vergebliche Bemühung, ihn zu con<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>struiren, darin construirt.« Der Verfasser kennt aber doch, wie man schon hieraus sieht, die<lb n="28"/>Elemente aller Construction, die Kant völlig unbekannt sind, das Absolute, das an sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>eingeschränkt und schlechthin Eines ist, und das Besondre, welches ein Eingeschränktes und<lb n="30"/>nicht-Eines, sondern Vieles ist, ein Streit, der aber nur <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Construction</hi> der Idee und<lb n="31"/>durch productive Einbildung gelöst werden kann.</p>
<p><lb n="32"/>Schon begriffen in den zuvor angeführten Gründen gegen Construction in der Philosophie<lb n="33"/>ist der, daß durch die Construction doch bloß <hi rendition="#g">mögliche</hi> Objecte gegeben werden; auch der<lb n="34"/>Verf. dringt vielleicht mehr, als es der Philosophie gebührt, auf die äußere Nothwendigkeit,<lb n="35"/>die er von der idealen oder inneren unterscheidet, und die nach ihm eigentlich diejenige ist,<lb n="36"/>welche der Metaphysik von jeher vorzüglich zu schaffen gemacht hat. – Daß Kant, dem seine<lb n="37"/>reinen Verstandesbegriffe in Ewigkeit nur Möglichkeiten geben, nach einer Wirklichkeit<lb n="38"/>außer ihnen fragt, ist nothwendig. Denn in der Construction, deren Idee der Verf. geltend<lb n="39"/>macht, ist nicht jene bloß relative oder rein ideale, sondern absolute Möglichkeit gegeben,<lb n="40"/>welche die Wirklichkeit in sich begreift. Der Verf. hat sich mit der Idee der Construction dem</p>
<pb n="284" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=291" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="41–43"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>absoluten Idealismus geweiht. Ist die Frage nach der absoluten Realität, so ist diese unmittelbar<lb n="2"/>mit der absoluten Idealität gegeben. Ist, wie es scheint, von der äußeren Nothwendigkeit, als<lb n="3"/>Bestimmung der empirischen Wirklichkeit die Rede, so kann diese als solche niemals in der<lb n="4"/>Idee nachgewiesen werden, denn sie wird eben <hi rendition="#g">empirische</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> durch ihre<lb n="5"/>Absonderung von der Idee, und selbst die allgemeinen Gesetze, nach welchen sie in dieser<lb n="6"/>Absonderung sich zu diesem so und nicht anders Bestimmten verwandelt, können wiederum<lb n="7"/>nur in der Idee construirt werden.</p>
<p><lb n="8"/>Den letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung, wie er es nennt, in der intellectuellen<lb n="9"/>Welt sichere Wissenschaft zu gründen, meynt Kant dadurch auszureißen, daß er zeigt, daß<lb n="10"/>keines der drey Stücke, welche zur Gründlichkeit der Mathematik erfodert werden, nämlich<lb n="11"/>Definitionen, Axiome und Demonstrationen, von der Philosophie könne geleistet oder nach<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>geahmt werden. Eine sehr nothwendige Untersuchung wäre gewesen, inwiefern denn Defi<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nitionen und Axiome zur Gründlichkeit der Mathematik beytragen. Die alten Skeptiker rich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>teten eben gegen diesen Eingang in die Mathematik ihre hauptsächlichsten Zweifelsgründe. Ist<lb n="15"/>es Beweis von Gründlichkeit, könnte man sagen, die gerade Linie und die Kreislinie zu defi<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>niren, da man nicht im Stande ist, ihre Genesis anzugeben? Wie komme ich nur überhaupt<lb n="17"/>zu zwey und mehrern Dingen, um es als Axiom aufzustellen, daß zwey Dinge, die einem dritten<lb n="18"/>gleich sind, sich selbst gleich sind, oder zu den Begriffen des Ganzen und des Theils, um zu<lb n="19"/>sagen, daß das Ganze größer ist als sein Theil? Diese Fragen ließen sich, wie man wohl sieht,<lb n="20"/>ins Unendliche fortsetzen, die Möglichkeit derselben beweist, daß Axiome und Definitionen<lb n="21"/>keineswegs, wie sie hier von Kant vorgestellt werden, wahre <hi rendition="#g">Principien</hi>, daß sie vielmehr<lb n="22"/><hi rendition="#g">Gränzpuncte</hi> der Principien und der Wissenschaft – Gränzpuncte des Zurückgehens auf<lb n="23"/>ein absolut Erstes sind. Dergleichen Gränzpuncte bedarf jede untergeordnete Wissenschaft,<lb n="24"/>z. B. die Physik; durch dieselbe isolirt sie sich gleichsam, und bildet sich für sich. – Wie kann<lb n="25"/>nun das, was die bloße Beschränkung einer Wissenschaft ausmacht, zum Maasstab der Gründ<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lichkeit der Wissenschaft überhaupt, und der Wissenschaft aller Wissenschaften insbesondre<lb n="27"/>gemacht werden. Ebendeswegen, weil die Philosophie ganz <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> ist, und<lb n="28"/>auch die Construction selbst wieder construirt, auch die Definition wieder definiren müßte,<lb n="29"/>giebt es für sie diese Begränzungen nicht.</p>
<p><lb n="30"/>Aber selbst in dem Fall, daß diese besondre wissenschaftliche Form allgemeine Gültigkeit<lb n="31"/>hätte, würden doch die Gründe, aus welchen Kant die Unmöglichkeit wahrer Definitionen<lb n="32"/>und Axiome in der Philosophie beweist, nicht mehr Stich halten, als die, aus welchen er die<lb n="33"/>Unmöglichkeit der Construction in der Philosophie überhaupt folgert. Er begreift auch in den<lb n="34"/>Definitionen das Geschäft des Philosophen als bloß analytisch; von dieser Voraussetzung sind<lb n="35"/>alle seine Gründe hergenommen. Der Verf. bemerkt daher sehr richtig: sobald man auch in<lb n="36"/>der Mathematik die Handlung der Construction aus dem Gesicht verliere oder die Aufmerk<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>samkeit vorzüglich darauf zu heften unterlasse, und die Definitionen nach den gewöhnlichen<lb n="38"/>Regeln der Logik, mit Angabe des Geschlechts und desjenigen, wodurch der Begriff zur<lb n="39"/>Art unter diesem Geschlechte wird, einzurichten suchte, wäre man in der Mathematik den<lb n="40"/>nämlichen Schwierigkeiten und Irrungen ausgesetzt, die <hi rendition="#g">Kant</hi> bloß in der Philosophie finde;</p>
<pb n="285" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=292" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="43–45"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DIE CONSTRUCTION</fw>
<p><lb n="1"/>keine Analyse könne in der Mathematik, so wenig als in der Philosophie, die Ueberzeugung<lb n="2"/>von ihrer Richtigkeit und Vollständigkeit hervorbringen u.s.w. (S. 60.).</p>
<p><lb n="3"/>Kant selbst bemerkt, es seyn keine Begriffe, die zum Definiren taugen, als solche, die eine<lb n="4"/>willkührliche Synthesis enthalten, die a priori construirt werden kann. Aber eben solche zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gleich freye und nothwendige Synthesen sind alle Constructionen der Philosophie, und über<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>haupt die Ideen. Wenn die Philosophie keine Definitionen im Sinn der Mathematik hat, so ist<lb n="7"/>es, weil sie ihr Construiren nirgends begränzt. Die Definitionen der Mathematik sind auch<lb n="8"/>Constructionen, nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> unmittelbare.</p>
<p><lb n="9"/>Wenn Kant die Axiome als <hi rendition="#g">synthetische</hi> <hi rendition="#g">Sätze</hi> <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">unmittelbarer</hi> <hi rendition="#g">Gewiß</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> beschreibt, so stoßen wir hier auf eine höhere Untersuchung über die Richtigkeit der all<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gemeinen Behauptung Kants von der synthetischen Beschaffenheit aller Grundsätze und Lehr<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sätze der Mathematik. Es ist hier nicht der Ort, allgemein zu beweisen, daß die Evidenz über<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>haupt und die mathematische insbesondere nicht auf einem bloß synthetischen Verhältniß<lb n="14"/>beruhen könne. Es wird aus dem, was wir zunächst von der Demonstration beweisen werden,<lb n="15"/>erhellen, daß alle Demonstration nichts anders als Herbeyführung des Puncts, wo das Identische<lb n="16"/>und Synthetische Eins ist, oder allgemeine Zurückführung der Synthesis auf die reine Identität<lb n="17"/>des Denkens überhaupt ist. (S. d. System d. transscendentalen Idealismus S. 40.) Wenn dieß der<lb n="18"/>Fall ist, so können Axiome als synthetische gleichwohl unmittelbar gewisse Sätze von Lehr<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sätzen nicht wesentlich, sondern nur formell verschieden seyn. Sie stellen nur die abgebrochne<lb n="20"/>Demonstration vor, die weiter zurückverfolgt über das besondre Gebiet der Mathematik in<lb n="21"/>das allgemeine hineinführen würde, wie z. B. das mathematische Axiom, daß was Einem und<lb n="22"/>demselben gleich ist, unter einander gleich ist, in der Philosophie aus der Natur des Syllogismus<lb n="23"/>construirt wird.</p>
<p><lb n="24"/>Wenn übrigens Kant Axiome als solche für etwas der Mathematik ganz Eigenthümliches<lb n="25"/>hält, so scheint er übersehen zu haben, daß es auch in dieser Wissenschaft analytische Köpfe<lb n="26"/>giebt, die diese Axiome, z. B. das eben angeführte, noch für beweisbar halten, und wirklich<lb n="27"/>zu beweisen unternehmen, so wie, wenn es mit den Definitionen dieser Wissenschaft die von<lb n="28"/>ihm vorgegebne Bewandniß hätte, keine Fälle in ihr existiren könnten, wie der bekannte mit<lb n="29"/>der Definition der Parallellinien bey Euklides, welche ein großer Theil der neueren Geometer<lb n="30"/>als Lehrsatz betrachtet wissen will, obgleich noch keiner einen Beweis dafür mit allgemeiner<lb n="31"/>Zustimmung hat aufstellen können.</p>
<p><lb n="32"/>Was zuletzt die <hi rendition="#g">Demonstration</hi> anlangt, so ist sie überhaupt die vollendete Gleichung des<lb n="33"/>Allgemeinen und Besondern; in dieser aber können wir zwey Momente unterscheiden, wovon<lb n="34"/>nur Eines wesentlich ist, das andere zur besonderen Beziehung der Mathematik gehört.</p>
<p><lb n="35"/>Das erste ist die absolute Gleichsetzung der schlechthin allgemeinen und der besonderen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit. So liegt, um uns an das Beyspiel der Geometrie zu halten, der Geometrie in allen ihren Con<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>structionen eine und dieselbe Einheit des Idealen und Realen, der reine Raum, als absolute Form<lb n="38"/>zu Grunde: in der Construction aber wird eine besondere Einheit, z. B. die des Quadrats oder<lb n="39"/>Parallelogramms gesetzt. Hier besteht die Gleichsetzung darinn, daß jene absolute Einheit in<lb n="40"/>jeder einzelnen Construction als das Allgemeine <hi rendition="#g">ganz</hi> und ungetheilt im Besondern aus-</p>
<pb n="286" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=293" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–47"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>gedrückt sey. Auf diesem Streit zwischen dem schlechthin Allgemeinen, das insofern nichts<lb n="2"/>Besondres enthält, und dem Besondern, das insofern dem Allgemeinen nicht adäquat ist,<lb n="3"/>beruht alle Construction. – Um die Eigenschaften der angegebnen Figuren zu beweisen, bedarf<lb n="4"/>der Geometer nichts weiter, als die allgemeine und absolute Form des reinen Raums als solchen,<lb n="5"/><hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">geht</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Absoluten</hi> <hi rendition="#g">heraus</hi>, um zum Besondern zu gelangen, und eben<lb n="6"/>darauf, daß er zur Demonstration der besondern Einheit nichts anders als die absolute bedarf,<lb n="7"/>beruht die Evidenz.</p>
<p><lb n="8"/>Das andre Moment, welches bey der Mathematik in Betrachtung kommt, ist, daß auch<lb n="9"/>im Besondern seiner Construction Allgemeines und Besondres als absolut gleich betrachtet<lb n="10"/>werden, daß er in dem einzelnen Dreyeck z. B. die Unendlichkeit aller Dreyecke begreift, daß<lb n="11"/>ihm jenes, obgleich es empirisch ist, statt aller dient. Von dem Letztern liegt der Grund einzig<lb n="12"/>darinn, daß die der Form nach intellectuelle Anschauung der Geometrie der Materie nach eine<lb n="13"/>sinnliche ist.</p>
<p><lb n="14"/>Daß das erste und wesentliche Moment der Demonstration der Philosophie fehle, hat Kant<lb n="15"/>nicht bewiesen, und es steht zu beweisen, daß auch Darstellung des Besondern im Allgemeinen<lb n="16"/>(wie Kant die Philosophie erklärt) ebenso undenkbar ist, als das Umgekehrte (wenn man näm<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lich mit Andern Philosophie als Herleitung des Besondern aus dem Allgemeinen, der Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>faltigkeit aus der Einheit erklären wollte), woferne nicht das Besondre in intellectueller An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schauung, als Construction oder Idee die ungetheilte Einheit des Allgemeinen empfängt.</p>
<p><lb n="20"/>Es ist also offenbar wieder das andre Moment, d. h. die sinnliche Beziehung der Mathematik<lb n="21"/>allein, welche Kant bey der Philosophie vermißt, und wegen der er ihr die Möglichkeit der<lb n="22"/>Demonstration abspricht.</p>
<p><lb n="23"/>Man kann übrigens noch bemerken, daß derselbe Gegensatz, welcher in der Demonstration<lb n="24"/>zwischen der allgemeinen Anschauung des Triangels z. B., und dem empirischen oder bild<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichen ist, in der Philosophie nur innerlich im Subject, gleichwohl statt finde. Das Construirte<lb n="26"/>ist doch immer nur Anschauung des Individuum, und insofern durch empirische Bedingungen<lb n="27"/>bestimmt. Die Vernunft sieht aber in dem empirischen Gegenbild doch nur die Idee, oder die<lb n="28"/>reine Synthesis des Allgemeinen und Besondern selbst; wo dieß nicht ist, handelt im Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sophen nicht die Vernunft, sondern das Individuum.</p>
<space/>
<p><lb n="30"/>Wir wenden uns zu dem Verfasser der angezeigten Schrift:</p>
<p><lb n="31"/>Er behauptet: <hi rendition="#g">Kant</hi> construire, ohne es zu wissen, (man scheint bestimmter sagen zu<lb n="32"/>können, daß Kant, wenn er ein vollendetes Bewußtseyn seiner Philosophie hätte, und der<lb n="33"/>Reflexion darüber fähig wäre, construiren müßte); <hi rendition="#g">Fichte</hi> construire, aber ohne Regel. Man<lb n="34"/>könnte sagen, daß Fichte die sokratische Methode des Unterrichts zur objectiven der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>schaft selbst gemacht habe, nur daß dort durchgängige Absichtlichkeit erkennbar ist, dagegen<lb n="36"/>hier gerade alles viel subjectiver und willkührlicher zusammenhängt.</p>
<p><lb n="37"/>Merkwürdig ist, wie der Verfasser, der seinen Weg von Fichte aus genommen hat, eben<lb n="38"/>durch die an die Philosophie gemachte Foderung der Form, auch dem Geist und der Sache<lb n="39"/>nach, über den Fichteschen Idealismus hinausgeführt worden ist. Er legitimirt sich schon durch<lb n="40"/>die Art, wie er dies erklärt, als ächter Kenner der Philosophie und als Schriftsteller, der einen</p>
<pb n="287" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=294" type="body"/>
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<fw type="header" place="top">UEBER DIE CONSTRUCTION</fw>
<p><lb n="1"/>Rang unter den wahren Denkern verdient. »Eine Wissenschaft, sagt er S. 79., ist nichts anders,<lb n="2"/>als <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Regel</hi> <hi rendition="#g">fortgeführte</hi> <hi rendition="#g">Construction</hi>, und nur dadurch unterscheidet<lb n="3"/>sie sich überhaupt von aller <hi rendition="#g">Empirie</hi> und von der Schlußweise und der Handlungsart des<lb n="4"/>gemeinen Menschenverstandes. Dieser Schritt ist daher für die Philosophie noch übrig. Gewiß<lb n="5"/>ist es unvermeidlich, daß der Idealismus, jemehr er ausgearbeitet und durch neue hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wachsende Schwierigkeiten der Vollkommenheit näher gezwungen wird, sich desto mehr<lb n="7"/>dieser Construction nach einer Regel nähern, und endlich dieselbe erreichen werde.« Wenn<lb n="8"/>man dazu nimmt, daß den Nachrichten der Vorrede zu Folge diese Schrift im Original schon<lb n="9"/>vor jetzt drey Jahren verfaßt war, so wird man um so mehr bewundern, wie richtig der Verf.<lb n="10"/>gesehen hat. Er bemerkt ferner über die Absicht seiner Schrift, daß wenn auch der Idealismus<lb n="11"/>durch eigne Kraft zu der von ihm gefoderten Methode durchdringe, er doch nicht eher die<lb n="12"/>Festigkeit der Mathematik erreichen werde, als er über diese Methode selbst eine sichere<lb n="13"/>Wissenschaft besitzt. Die Philosophie enthalte von allem wissenschaftlichen Denken die meiste<lb n="14"/>Freyheit, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">sey</hi> <hi rendition="#g">daher</hi> <hi rendition="#g">eben</hi> <hi rendition="#g">sowohl</hi> <hi rendition="#g">Kunst</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi>.</p>
<p><lb n="15"/>Als den Hauptwendepunct zwischen Fichte und ihm giebt er an, daß in der Wissenschafts<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lehre an den wichtigsten Stellen das reine Ich mit der reinen, aller Modificationen entkleideten,<lb n="17"/>schlechthin ursprünglichen Handlung verwechselt werde, daß Fichte auf diese Weise zwey<lb n="18"/>reine Ich und sogleich ein Nicht-Ich erhalte, wobey der Gesichtspunct oft verrückt werde,<lb n="19"/>und er nöthig habe zu <hi rendition="#g">versichern</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">völlig</hi> <hi rendition="#g">idealistisch</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>.<lb n="20"/>Wie aus der in der Folge zu gebenden näheren Beschreibung seiner <hi rendition="#g">ursprünglichen</hi> <hi rendition="#g">Hand</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">lung</hi> erhellen wird, ist diese jedoch von dem Ich der Form nach nicht verschieden, da er ihr<lb n="22"/>eine rein centrifugale und centripetirende Tendenz zuschreibt, sondern nur ein unvollständiger<lb n="23"/>Ausdruck des von der Beziehung auf das empirische Bewußtseyn befreyten und an sich an<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>geschauten Subject-Objects.</p>
<p><lb n="25"/>Wir haben nun zunächst die Beschaffenheit seiner eigenen Idee von der Philosophie genauer<lb n="26"/>kennen zu lernen. Wir übergehen seine Einleitung, die man nach dem Zweck, den man sich<lb n="27"/>vorgesetzt hat, wissenschaftlicher nehmen kann: er knüpft die Idee der Philosophie an den<lb n="28"/>Gegensatz der Freyheit und der Nothwendigkeit (S. 92.).</p>
<p><lb n="29"/>Die Art, wie er <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi> als Princip der philosophischen Construction zu<lb n="30"/>erweisen sucht, ist kürzlich folgende: <hi rendition="#g">Einschränkung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gleichartigen</hi> ist der strenge<lb n="31"/>und eigentliche Begriff der Construction. Einen gleichartigen oder reinen Stoff für die Con<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>struction giebt es nun außer der reinen Anschauung überhaupt nicht, diese sey intellectuell oder<lb n="33"/>sinnlich (S. 51.). In Ansehung der Philosophie insbesondre kann ebensowenig das Object in<lb n="34"/>der Gestalt des reinen Dings als das Subject in der Gestalt der bloßen Vorstellung zur Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lösung der Hauptaufgabe dieser Wissenschaft zureichen. Da hierdurch nicht nur alle Substanz,<lb n="36"/>sowohl als Object wie auch als Subject, sondern auch jedes Accidens, sowohl soferne es Zustand,<lb n="37"/>als sofern es als bestimmte, reelle Handlung, ausgeschlossen ist, so bleibt nichts als die in sich,<lb n="38"/>unabhängig von allen Modificationen betrachtete <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi> übrig, als das, woraus<lb n="39"/>alle Philosophie herzuleiten oder vielmehr worinn alle Construction vorzunehmen ist.</p>
<p><lb n="40"/>Es scheint eine formelle Unrichtigkeit zu seyn, daß der Verfasser die ursprüngliche Handlung,<lb n="41"/>wahrscheinlich nur als <hi rendition="#g">Handlung</hi>, als <hi rendition="#g">Postulat</hi> characterisirt, und gleichwohl nachher<lb n="42"/>construirt. – Die Linie des Geometers ist eben deßwegen Postulat, weil und <hi rendition="#g">inwiefern</hi> er sie</p>
<pb n="288" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=295" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="49–52"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>nicht construirt. Postuliren ist Verzichtthun auf Construiren. Allein dieses Verhältniß, das er<lb n="2"/>seinem Princip giebt, hat noch bedeutendere Folgen für den Gehalt seiner Philosophie. Außer<lb n="3"/>der subjectiven Abhängigkeit, die es dadurch erhält, kann auch die Urhandlung als bloßes Po<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stulat nicht zugleich als das wahre und einzige <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Absolute</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> begriffen<lb n="5"/>werden; der Verfasser würde sich dadurch wieder auf einem gleichen Standpunct mit Fichte<lb n="6"/>befinden, dem das Ich zwar Princip aber nicht zugleich das einzige Absolute, und demnach mit<lb n="7"/>einem <hi rendition="#g">Außer</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> behaftet ist. Das Absolute wird auch ihm nur als absolutes <hi rendition="#g">Ding</hi> er<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>scheinen können, wie aus seinen Einwürfen gegen den Dogmatismus (S. 103.) erhellt, wor<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>unter er auch den Realismus begreift, wie er sich im Spinoza dargestellt hat. Um nur einen<lb n="10"/>Beweis anzuführen, so ist die Eine Frage, die er (S. 104.) dem Realismus (in diesem Sinn) ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gegenstellt: »Was ist eine Realität, die es nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Intelligenz</hi>, für mich oder irgend<lb n="12"/>ein Ich ist?« hinreichend zu beweisen, daß auch er zu dem An-sich und Absolut-seyn das<lb n="13"/>Außer-dem-Ich fodert, denn da ein <hi rendition="#g">Außer</hi>-dem-Ich immer und nothwendig auch nur <hi rendition="#g">für</hi><lb n="14"/>das Ich ist, so hat er nur, sofern er das <hi rendition="#g">An-sich</hi> auf die erste Weise begreift, Grund zu seiner<lb n="15"/>Frage.</p>
<p><lb n="16"/>Schon dieß wäre hinreichend, zu beweisen, daß der Verf. in seiner Construction den Punct<lb n="17"/>des absoluten Zusammentreffens der Erkenntniß und des Absoluten – des einzigen, worinn<lb n="18"/>sie sich absolut schließt, nicht erreicht hat, obgleich vielleicht niemand diesem Punct näher<lb n="19"/>gewesen ist, als er selbst. Es ist wie bey Kant und Fichte, von denen jener, nach des Verf. eigner<lb n="20"/>Bemerkung, uns immer wieder zum Realismus, dieser zu einem absoluten Nicht-Ich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>führt; er fällt unvermeidlich immer wieder in die relative Dualität des Ichs und der Dinge<lb n="22"/>zurück, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">beyde</hi> <hi rendition="#g">bleiben</hi> <hi rendition="#g">sollen</hi>, <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">andre</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">hat</hi>; die <hi rendition="#g">Freyheit</hi> behält bey ihm, obgleich sie nur das eine Glied der Anti<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>these ist, wovon die Nothwendigkeit das andre, ebenso wie bey Fichte, eine Art von Priorität;<lb n="25"/>diese soll vorzüglich bleiben, und wo möglich, nicht bloß wie die Dinge auch, allein für die<lb n="26"/>Erscheinung, sondern in irgend einem vorzüglicheren Sinne. Ein besonderes Anliegen ist ihm<lb n="27"/>die <hi rendition="#g">specielle</hi> Realität der Dinge, daß sie nämlich gerade <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> <hi rendition="#g">Eigen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">schaften</hi> haben, die ihm doch offenbar in einem speculativern Sinn erschienen ist als <hi rendition="#g">Fichte</hi>,<lb n="29"/>(der versichert, die Frage nach derselben zuerst geweckt und beantwortet zu haben), da er diese<lb n="30"/>Frage mit der uralten von der <hi rendition="#g">Entstehung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Uebels</hi> in der Welt für identisch erklärt.</p>
<p><lb n="31"/>Wenn wir an den einzelnen Aeußerungen des Verf. etwas zu tadeln finden, so ist es nur, weil<lb n="32"/>sie hinter seinen eignen, vortrefflichen Ideen zurückbleiben. Die Stuffe, welche seine Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lation wirklich erreicht hat, stimmt sich nach der Höhe, in welcher er den absoluten Identitäts<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>punct seines Systems gefaßt hat. Wir heben diesen als das Bezeichnendste des Ganzen heraus,<lb n="35"/>wornach allein eigentlich gesucht werden und die Frage seyn kann.</p>
<p><lb n="36"/>Der Vereinigungspunct zwischen der reellen Welt oder Natur, und einem intelligibeln<lb n="37"/>System der Wesen und Handlungen, – welche beyde (reell) einander vollkommen entsprechen<lb n="38"/>müssen, ohne daß doch je das eine sich mit dem andern vermischen oder aufhören könnte,<lb n="39"/>ideell (der Vorstellungsart nach) von ihm verschieden zu seyn, – liegt nach dem Verf. <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="40"/><hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Systems</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Einschränkungen</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="41"/><hi rendition="#g">ursprünglichen</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi>, ohne welches ihre Einheit und Denkbarkeit verschwinden<lb n="42"/>würde. Der Anfang dieses Systems in der <hi rendition="#g">Intelligenz</hi>, welcher der der Intelligenz selbst ist,</p>
<pb n="289" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=296" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="52–54"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DIE CONSTRUCTION</fw>
<p><lb n="1"/>ist wiederum sowohl als frey wie auch als nothwendig zu denken, nämlich aus verschiednen<lb n="2"/>Gesichtspuncten. Freyheit und Nothwendigkeit in der Intelligenz sind nur zwey verschiedne<lb n="3"/>Ansichten, deren Indifferenzpunct in der <hi rendition="#g">ursprünglichen</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi> <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Modi</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">fication</hi> <hi rendition="#g">liegt</hi>. Diese ist an sich weder frey noch nothwendig in Entgegensetzung, und doch<lb n="5"/>für die Reflexion beydes auf gleiche Weise. <hi rendition="#g">Bestimmt</hi> und <hi rendition="#g">nothwendig</hi> als <hi rendition="#g">Grund</hi>, da<lb n="6"/>ein unbestimmter Grund auch ein unbestimmender und insoferne keiner ist; aber als <hi rendition="#g">ab</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">soluter</hi> Grund ist sie zugleich unbestimmt und frey, da sie durch keinen höheren bestimmt ist.<lb n="8"/>Die <hi rendition="#g">Caussalität</hi> der ursprünglichen Handlung ist zugleich die <hi rendition="#g">Handlung</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ganz und<lb n="9"/>gar; der <hi rendition="#g">Uebergang</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> und <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> Eins. Die ursprüngliche, in der<lb n="10"/>Intelligenz als Freyheit eintretende, Handlung ist daher unbegreiflich und muß es seyn. Ja das<lb n="11"/>Erste in jeder bestimmten Kette von Begriffen, oder Dingen oder Begebenheiten ist daher als<lb n="12"/>ein Act <hi rendition="#g">absoluter</hi> Freyheit zu begreifen. – Aus der ursprünglichen Handlung und dieser<lb n="13"/>Kraft derselben ist alles Leben, alle Kraft in der Natur; könnte sie aufhören, so würde auch alles<lb n="14"/>Daseyn verschwinden. Aus ihrer Unendlichkeit entsteht in den Dingen das unendlich Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stimmte. Bestimmung in ihrer Vollständigkeit ist System; denn sie ist die Einheit im Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>faltigen.</p>
<p><lb n="17"/>Durch die wesentliche Einheit der ursprünglichen Handlung giebt es auch im strengen<lb n="18"/>Sinne nur Ein System, denn ein Zweytes müßte durch etwas anders als sie entstanden seyn,<lb n="19"/>welches unmöglich ist. Als einer absoluten Handlung entsprechend ist es außerdem in sich<lb n="20"/>selbst zurückkehrend, vollkommen durch sich bestimmt, mehrere Naturen sind unmöglich,<lb n="21"/>denn <hi rendition="#g">Natur</hi> ist das System <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">endlichen</hi> <hi rendition="#g">Anschauer</hi>, der <hi rendition="#g">Inbegriff</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Be</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">dingungen</hi> für die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Unendlichen</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Endlichen</hi>, <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Absoluten</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Eingeschränkten</hi>. Sobald sie entweder <hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Object</hi>, oder <hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Vorstel</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">lung</hi>, rein subjectiv, oder auch als eine rein <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Handlung, rein leidend, betrachtet<lb n="25"/>wird, geschieht dieß nur durch Abstraction von gewissen Bedingungen derselben. –</p>
<p><lb n="26"/>Daß wir uns der ursprünglichen Einheit des Systems unerachtet als frey fühlen <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">einer</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">jeden</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi>, davon liegt der Grund nicht <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Act</hi>, wodurch Wirklichkeit<lb n="28"/>und Natur zuerst entstanden, sondern in einem neuen, insofern dem ersten entgegengesetzten<lb n="29"/>Act der Reflexion. <hi rendition="#g">Durch</hi> <hi rendition="#g">denselben</hi> <hi rendition="#g">entsteht</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">neues</hi> <hi rendition="#g">System</hi>, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Inhalte</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">nach</hi>, nicht eine neue Natur im eigentlichen Sinne, <hi rendition="#g">sondern</hi> <hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">neue</hi> <hi rendition="#g">Vorstel</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">lungsart</hi>. Dies System, welches an sich <hi rendition="#g">Ein</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi> mit dem ersten ist, ist die <hi rendition="#g">in</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">telligible</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi>, die, bloß <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Vorstellungsart</hi> entstanden, der vorigen, und<lb n="33"/>zwar durch Freyheit entgegengesetzt ist. – So lange ich <hi rendition="#g">innerhalb</hi> dieses intelligibeln Systems<lb n="34"/>bleibe, bin ich auch nicht frey; jede Handlung ist da, ob es gleich ein System, ein organisches<lb n="35"/>Ganzes zur Aufrechthaltung der Freyheit ist, oder vielmehr gerade aus diesem Grunde in allen<lb n="36"/>Theilen bestimmt. Ich bin also nur in der zweyten Reflexion frey, die mich über dieses System<lb n="37"/>erhebt – nicht in Rücksicht der Handlungsart, sondern in Rücksicht der Fortsetzung derselben,<lb n="38"/>indem ich unmittelbar in die Natur zurücksinken kann oder nicht, die jene, (die Handlungsart),<lb n="39"/>in concreto schon, als dieselbe, enthält. Was mich bey der ersten Reflexion festhält, die Caussalität<lb n="40"/>der ursprünglichen Handlung selbst, thut es bey der zweyten nicht. Diese kann aufhören, ohne<lb n="41"/>daß jene gestört werde. Diese Zufälligkeit der zweyten Reflexion in Bezug auf die erste, da es<lb n="42"/>nämlich in dem System derselben nichts verändert, daß ich einen Theil ihres ganzen Products</p>
<pb n="290" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=297" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="54–56"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>in mich aufnehme oder nicht, ist das, was Zurechnung und überhaupt Freyheit als Wahl zwi<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schen Entgegengesetzten oder Willkühr bestimmt.</p>
<p><lb n="3"/>Ueber der ersten und zweyten Reflexion giebt es noch eine höhere Reflexion, welche die<lb n="4"/>beyden ersten vereinigt: es ist die <hi rendition="#g">philosophische</hi> <hi rendition="#g">Reflexion</hi>. Auch sie hat ihr System,<lb n="5"/>denn die Wahrheit ist nur eine. Sie ist nichts anders als die <hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">umfassende</hi> Reflexion,<lb n="6"/>vollständiges System nach allen Seiten, oder wiederum Natur. <hi rendition="#g">Sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">höch</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">sten</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">gebracht</hi>, <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Klarheit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Vortrefflichkeit</hi>.</p>
<p><lb n="8"/>Dieß ist, wenn nicht durchaus wörtlich, doch dem Sinn und der Sache nach der Abriß<lb n="9"/>der Identität, zu welcher sich die Philosophie in dem Geist des Verfassers ausgebildet hat, und<lb n="10"/>die in der vorliegenden Schrift ausgedrückt ist. Wir haben zu oft und wiederholt in dieser<lb n="11"/>Zeitschrift die Grundsätze ausgesprochen, die uns bey der Beurtheilung einzig leiten, um noch<lb n="12"/>die Versicherung nöthig zu haben, daß der Verf. nach unsrer Meynung sich des wahrhaft<lb n="13"/>speculativen Standpunctes bemächtigt habe; wo dieser ist, macht er sich selbst geltend, und es<lb n="14"/>hieße nur in die besondern Formen eines originell denkenden Geistes einbrechen, wenn wir<lb n="15"/>die einzelnen Züge kritisch mustern oder beurtheilen wollten.</p>
<p><lb n="16"/>Es ist noch eine Seite, außer der des Gehalts, deren Wichtigkeit hervorzuheben dieses<lb n="17"/>Werk sich selbst bestrebt. Wie weit sich die Idee des Verf. von der Philosophie der <hi rendition="#g">Form</hi><lb n="18"/>nach ausgebildet habe, wird sich vorzüglich aus der von ihm aufgestellten Construction der<lb n="19"/>ursprünglichen Handlung ergeben, um so mehr, da durch dieselbe zugleich die ganze <hi rendition="#g">wissen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">schaftliche</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> der Philosophie bestimmt werden muß und bey dem Verfasser wirklich<lb n="21"/>bestimmt ist.</p>
<p><lb n="22"/>Die Einleitung seiner Construction macht er auf folgende Weise: die reine Handlung ist<lb n="23"/>zugleich die ursprüngliche und absolute. Sie ist eine reine Anschauung. Denn nur insofern ist<lb n="24"/>es möglich eine Construction in ihr vorzunehmen. Jede Construction fodert ein Schema, die<lb n="25"/>ursprüngliche Construction das ursprünglichste – also in der allgemeinen höchsten Aufgabe:<lb n="26"/>Einigkeit mit uns selbst, liegende: das <hi rendition="#g">Ich</hi>. (Dieser letzte Uebergang ist allerdings weder der<lb n="27"/>gewählteste noch der strengste). Unter Ich wird aber bloß ein <hi rendition="#g">reines</hi> Ich oder <hi rendition="#g">Intelligenz</hi><lb n="28"/>gesucht, nicht ein Ich mit wirklichem Bewußtseyn, oder irgend einer Modification, sondern<lb n="29"/>das bloße Wesen und Form der Intelligenz, (das reine Subject-Object).</p>
<p><lb n="30"/>Der merkwürdigste Punct, wie in aller Philosophie, so auch in dieser Construction ist der<lb n="31"/>des so genannten Uebergangs vom Unendlichen zum Endlichen, das Entstehen der Einschrän<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>kung in dem an sich Uneingeschränkten, durchaus Gleichartigen und Absoluten. – Wir<lb n="33"/>können nicht sagen, daß der Verf. den ganzen Umfang dieses Problems ermessen habe, indeß<lb n="34"/>ist sein erster Schritt in der Construction die Synthesis der Schranke und des Uneingeschränk<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ten. »Im <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Handlung als <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">solchen</hi>, nicht <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi>, in irgend einer Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>tung, liegt nothwendig Einschränkung; die Einschränkung und die Handlung sind gleich absolut.«</p>
<p><lb n="37"/>Wäre diese Einschränkung oder Gränze fließend und unaufhörlich verändert, so wäre sie<lb n="38"/>ohne Wirkung und schränkte nicht ein, die Handlung hätte kein Product, da dies fixirt seyn<lb n="39"/>muß. Die Handlung muß also mit der absoluten Einschränkung ein Gleichgewicht, eine <hi rendition="#g">Ruhe</hi><lb n="40"/>gewinnen, und diese Ruhe ist Gränze derselben und zugleich Product – nicht der Einschrän<pc force="weak">-</pc><lb n="41" break="no"/>kung, denn diese producirt nichts, sondern der mit der Einschränkung synthesirten Handlung –<lb n="42"/>Product also, wozu die entgegengesetzten Absoluta gemeinschaftlich beytragen.</p>
<pb n="291" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=298" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="56–58"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DIE CONSTRUCTION</fw>
<p><lb n="1"/>Dieses erste Product ist nun für den Verf. gleichsam der Urstoff, an dem durch ein bestän<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>diges Reflectirtwerden und Zurückhandeln der ursprünglichen Handlung alle Form in fort<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gehender Steigerung hervortritt. Jedes folgende Product ist dadurch ausgezeichnet, daß die<lb n="4"/>Handlung des vorhergehenden in es kommt, so daß in jedem spätern Product mehr Handlung<lb n="5"/>ist, als in dem früheren. Das Subjective wird zum Objectiven, die Thätigkeit zum Product<lb n="6"/>geschlagen. Im ersten Product ist ein stillstehendes Object, im zweyten ein Object, das zu<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gleich Handlung ist, (oder umgekehrt) – das Ganze Vorstellung –; im dritten ein Product, in<lb n="8"/>welchem das Object selbst Vorstellung ist – das Ganze Subject –; in dem folgenden wird das<lb n="9"/>Subject selbst, dem die Vorstellung Object war, Object, – das Ganze <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, welches<lb n="10"/>daher alle vorhergehenden begreift. Durch die letzte Handlung wird auch dasjenige, dessen<lb n="11"/>Object das Bewußtseyn ist, selbst Product, d. h. <hi rendition="#g">Ich</hi>. Die Reihe ist demnach nach zwey Seiten<lb n="12"/>geschlossen, von der einen durch das erste Product, welches gleichsam das höchste Object,<lb n="13"/>bloß Ruhe ist, von der andern durch das <hi rendition="#g">absolute</hi> Subject, über welches kein höheres Pro<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>duct aufgezeigt werden kann.</p>
<p><lb n="15"/>Daraus, daß das Ich in jeder Beziehung das letzte Product ist, folgt, daß jedes Product über<lb n="16"/>dasselbe in eines von denen Producten zurückfällt, welche vor diesem Ich in der Handlung<lb n="17"/>entstehen. Unter jeder möglichen Relation sind <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">drey</hi> <hi rendition="#g">Glieder</hi> möglich, denen drey<lb n="18"/>Producte entsprechen. Die Glieder, die über diese Anzahl hinzukommen, müssen durch eine<lb n="19"/>frühere Reflexion schon in einem oder mehreren Gliedern einer vorhergegangenen Relation<lb n="20"/>liegen. Also in jeder folgenden Relation, oder, um unsern Ausdruck dafür zu gebrauchen, in<lb n="21"/>jeder folgenden Potenz muß ich immer wieder beym Subject stehen bleiben, und erhalte<lb n="22"/>wieder nichts, als ein Ich, wiewohl ein genauer eingeschränktes, die Glieder der vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gehenden Relation z. B. der zweyten, fallen zum Object herab, sind es aber nur in der dritten<lb n="24"/>Dignität u.s.f.</p>
<p><lb n="25"/>Wir wollen nicht behaupten, daß diese Stuffenfolge bey dem Verf. zur höchsten Klarheit,<lb n="26"/>oder was dasselbe ist auch zur formellen Anschaulichkeit herausgearbeitet sey; wünschen aber<lb n="27"/>möchte man, daß diejenigen, welche diese Form in der Gestalt, die sie in der Naturphilosophie,<lb n="28"/>dem Systeme des Idealismus u.s.w. erhalten hat, als bloßes Spiel einiger bey ihnen nicht gut<lb n="29"/>angeschriebnen Geistesvermögen begriffen haben, die innere Nothwendigkeit derselben, die<lb n="30"/>sie an sich einzusehen nicht vermögen, wenigstens aus der Unabhängigkeit ahnden möchten,<lb n="31"/>mit der sie auch in andern entstanden ist, und sich ausgebildet hat.</p>
<p><lb n="32"/>Am klarsten und allgemeinsten ausgedrückt findet sich dieses wissenschaftliche Verfahren<lb n="33"/>in der folg. Stelle (S. 156). »Durch den Mechanismus des Verstandes, heißt es, wird die zuletzt<lb n="34"/>gemachte Synthesis unaufhörlich aufs Neue Thesis mit ihrer Antithesis in der Handlung, bis in<lb n="35"/>der letzten Synthesis die Aufgabe gelöst ist, die darinn besteht, die Intelligenz zur Einigkeit mit<lb n="36"/>sich selbst in der Vorstellung der Natur, oder, in einer höheren Reflexion, zum Bewußtseyn<lb n="37"/>dieser Einigkeit zu bringen. Sobald dieses bewerkstelligt ist, – was doch (empirisch) insofern<lb n="38"/>nie möglich und denkbar ist, als diese äußerste Synthesis nicht als ein in seinen kleinsten Thei<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>len vollendetes System im Bewußtseyn sich einfinden kann, weil die Intelligenz ihre Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>keit nicht überwinden kann – so hört die Intelligenz auf und wird wieder die reine zu nichts<lb n="41"/>erlöschende Handlung; die Intelligenz hat dann nichts mehr zu verstehen, denn alles ist eins, und<lb n="42"/>ohne zu verstehen existirt sie nicht.«</p>
<pb n="292" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=299" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="58–61"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Die Schranken des Fichteschen Idealismus liegen, rein theoretisch betrachtet, vorzüglich<lb n="2"/>darinn, daß er den Grund der Begränzung nicht absolut im Ich, sondern in einem Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesetzten hat; daß er die Construction oder vielmehr Reflexion auf die enge Stelle des Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sammentreffens der reinen und der empirischen Ichheit (des subjectiven Subject-Objects)<lb n="5"/>beschränkt, und daß die Form der Thesis, Antithesis und Synthesis in ihm bloß logisch ge<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nommen ist. Das Ich, welches hier <hi rendition="#g">Princip</hi> ist, ist dem Verf. ein Construirtes, er ist dadurch<lb n="7"/>wahrhaft <hi rendition="#g">transscendental</hi>, daß er eine Stuffenfolge von Handlungen aufstellt, die jenseits des<lb n="8"/>Ich liegt, die Form der Thesis, Antithesis und Synthesis wiederholt sich ihm im Einzelnen wie<lb n="9"/>im Ganzen, und ist der Typus einer realen und allgemeinen Organisation.</p>
<p><lb n="10"/>Der objective Umfang und universelle Beziehung, welche die Idee des Verf. wenigstens in<lb n="11"/>der Anlage zeigt, wird sich aus folgenden Aeußerungen beurtheilen lassen. In der Construction<lb n="12"/>der Materie, wie sie in Kants metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft gegeben<lb n="13"/>ist, erkennt man die einzige Probe von Construction mit Bewußtseyn bey ihm. »Was ist wohl<lb n="14"/>diese von ihm construirte Urmaterie?« fragt der Verfasser. – »Nichts als eine Modification der<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jenigen Urrealität, die das Product der ersten denkbaren Handlung ausdrückte, und in dem<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>selben enthalten war. Dies Product war auch das <hi rendition="#g">erste</hi> <hi rendition="#g">Object</hi>; weiter hinab erhalte ich ein<lb n="17"/>davon hergeleitetes oder genauer eingeschränktes Object im Raume. Folglich besteht auch das<lb n="18"/>Wesen der Materie in diesem Negativen und Positiven, wodurch sie den Raum erfüllt. – Was<lb n="19"/>aber von der Materie überhaupt gilt, das muß auch von jeder Materie gelten, sie sey übrigens<lb n="20"/>noch so bestimmt und individualisirt. Die bestimmte ist außerdem auch ein Product, und hat<lb n="21"/>also die Eigenschaften eines Products, da die Natur für mich durch Construction entsteht, und<lb n="22"/>alle Construction ein Produciren ist. – Da also dieser Dualism sich als wesentlich in aller Con<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>struction einfindet, so muß auch er die einzige befriedigende Erklärung aller Erscheinungen<lb n="24"/>geben. – Was keine <hi rendition="#g">Atomistik</hi>, keine <hi rendition="#g">mechanische</hi> <hi rendition="#g">Chemie</hi>, keine <hi rendition="#g">materielle</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">Psychologie</hi>, kein <hi rendition="#g">Hylozoismus</hi> und keine <hi rendition="#g">verborgnen</hi> <hi rendition="#g">Eigenschaften</hi> erklären<lb n="26"/>können, muß durch dies Princip begreiflich seyn. Die Cohäsion sogar, so wie auch bestimmte<lb n="27"/>Körper und ihre Eigenschaften müssen einmal dadurch entwickelt werden und damit zu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sammenhangen können. Man hat in der Naturlehre schon Elasticität, und vielleicht ist dieser<lb n="29"/>Begriff noch zu wenig angewandt. Wenigstens ist Ursache zu vermuthen, daß die Polarität,<lb n="30"/>die man in gewissen Körpern findet, von dieser Elasticität hergeleitet, oder mit ihr in Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sammenhang befunden werden könne, um so mehr, da beyde augenscheinlich bloß eine<lb n="32"/>Modification des allgemeinen Dualismus sind. – Ohne Naturphilosophie keine Naturwissen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>schaft. Der einzig wahre Endzweck des (empirischen) Naturstudiums kann außer der An<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>wendung nur seyn, auch die specielle Naturkenntniß zum nothwendigen und vollständigen<lb n="35"/>Zusammenhange mit dieser Naturmetaphysik zu bringen.«</p>
<p><lb n="36"/>Es ist höchst erfreulich, unter der Fluth in Deutschland erscheinender philosophischer Bücher,<lb n="37"/>welche meist nur die unglaubliche Rohheit, den Mangel an Bildung und selbst der historischen<lb n="38"/>Kenntniß der Philosophie bey ihren Verfassern beurkunden, ein fremdes so durchgebildetes,<lb n="39"/>gedachtes, in den Zustand der Wissenschaft wirksam eingreifendes und mit durchgängiger<lb n="40"/>Kenntniß und Beurtheilung des Vorhandenen abgefaßtes Werk zu bemerken.</p>
<p><lb n="41"/>Nach einer Nachricht in der Vorrede des Uebersetzers ertheilte dem Verf. nach Erscheinung<lb n="42"/>dieses Werks, als Probeschrift, die allgemeine Meynung und das öffentliche Urtheil die erste</p>
<pb n="293" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=300" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="61"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DIE CONSTRUCTION</fw>
<p><lb n="1"/>Stelle unter denen, die der Regierung zur Besetzung des damals ledigen theoretisch-philo<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sophischen Lehrstuhls zu Upsala vorgeschlagen wurden. »Allein, setzt er hinzu, der Scharfsinn,<lb n="3"/>die vollkommne Sachkenntniß, das lebendige Interesse für Wissenschaft und deren Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>breitung, die Gabe des klaren und anschaulichen Vortrags, und dergleichen, sonst vielleicht<lb n="5"/>unschädliche Eigenschaften, sind doch freylich nur untergeordnete Züge im Bild eines recht<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichen Professors. Nur ein Mann, dem das Lob der Moderirtheit gebührte, verdiente das<lb n="7"/>Glück – und die Ueberraschung, zum Lehrer der Philosophie ernannt zu werden«.</p>
<pb n="294" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=301" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="62–63"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
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<head><lb n="1"/>III.<lb n="2"/>ANZEIGE EINIGER DIE NATURPHILOSOPHIE<lb n="3"/>BETREFFENDEN SCHRIFTEN.</head>
<p><lb n="4"/>1. <hi rendition="#g">Principes</hi> <hi rendition="#g">naturels</hi> ou notions générales et particulières de l’Immensité, de l’Espace,<lb n="5"/>de l’Univers, des Corps célestes, des Forces vivantes primordiales ou du Principe du<lb n="6"/>mouvement, et des Forces secondaires qui en résultent dans les corps terrestres. Appli<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>cables à toutes les branches de Physique et de Morale, spécialement à la Médecine. <hi rendition="#g">Par</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">Claude-François</hi> <hi rendition="#g">Le</hi> <hi rendition="#g">Joyand</hi>. IV. Vol. in 8.</p>
<p><lb n="9"/>Der Titel klingt versprechend genug, und der nähere Anblick des Werks läßt eine in Bezug<lb n="10"/>auf den Zustand der Wissenschaft in Frankreich merkwürdige Erscheinung darinn erkennen.<lb n="11"/>Mehr aber muß man nicht in ihm suchen. Es ist der alte Geist des Cartesianismus, der sich<lb n="12"/>wieder regt, aber entkleidet der strengeren Form und der mathematischen Rüstung, mit wel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>cher gegen die Allherrschaft des Newtonianismus in Frankreich aufzutreten er sich nicht mehr<lb n="14"/>getraut. Er sucht seine Stärke in den Argumenten einer allgemeinen wissenschaftlichen und<lb n="15"/>philosophischen Ansicht; allein die Erfahrung der letzten Zeiten hat gezeigt, daß kein fran<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zösischer Schriftsteller den Calcul und das Experiment, die einzigen Geistesoperationen im<lb n="17"/>theoretischen Gebiet, die ihnen zu Gebot stehen, verlassen kann, ohne sich entweder in leere<lb n="18"/>Empfindsamkeit oder bodenlose Popularität und Seichtigkeit zu verlieren, (wie in den Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wissenschaften der bekannte Bernardin de St. Pierre), oder in einen trüben und prosaischen<lb n="20"/>Mysticismus, wie der aller neueren französischen Mystiker.</p>
<p><lb n="21"/>Man könnte sagen, der Verf. vereinige in sich diese beyden Qualitäten, die letzte insbesondre<lb n="22"/>insofern, als der Mysticismus, den er wirklich hat, in der Berührung des Cartesianismus aufhört<lb n="23"/>es zu seyn, und seine wirklich höheren Ideen vom Licht als dem Typus aller Harmonie durch<lb n="24"/>die Prosa des letztern immer verdorben werden.</p>
<p><lb n="25"/>Ein partielles Wiederaufleben der Cartesianischen Vorstellungsart in Frankreich kann um<lb n="26"/>so weniger unerwartet seyn, da der Newtonianismus, indem er sich aus Geometrie und rein<lb n="27"/>intellectueller Construction zur Physik gestaltet hat, selbst gewissermaßen wieder dazu zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gekehrt ist, und Newton durch die zugegebne Möglichkeit, die Gravitation durch Stoß oder<lb n="29"/>Druck zu begreifen, selbst die Schranken für einen andern höher ausgedachten Cartesianismus<lb n="30"/>offen gelassen hat.</p>
<pb n="295" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=302" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–66"/>
<fw type="header" place="top">NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN · LE JOYAND</fw>
<p><lb n="1"/>Der Verf. erklärt es als seine Absicht, den Newtonischen Koloß, der großen Mittel der<lb n="2"/>Analysis unerachtet, welche unübersteigliche und ins Unendliche vervielfachte Befestigungen<lb n="3"/>um ihn zu bilden scheinen, zu stürzen, und den Scepter der Physik dem Cartesius wieder zu<lb n="4"/>geben, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">gleichwohl</hi> <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">zerstöre</hi>.</p>
<p><lb n="5"/>Der Weg hiezu ist, die Wissenschaft zu dem <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Licht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> und der<lb n="6"/>Regel zurückzuführen, welche Hermes Trismegistus seinem Schüler gab: Inprimis intuere<lb n="7"/>lucem. – »Ich habe, sagt der Verf., einzig auf dieses Licht gehofft, und unerachtet meiner zahl<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>reichen Irrthümer, meiner materiellen Widersprüche sehe ich meine Hoffnung erfüllt. Diesem<lb n="9"/>Licht danke ich die Lösung der größten Probleme der Physik, woran, seit dreytausend Jahren,<lb n="10"/>alle Sektenhäupter und so viele andre unvergleichbar geistreichere und unterrichtetere Men<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schen, als ich, gescheitert haben.« Der Schlüssel aller Wissenschaft ist dasselbe Princip des<lb n="12"/>ewigen Lichtes, die erste lebendige Grundlage der Philosophie und der alten Religionen der<lb n="13"/>Perser, der Hindus u.s.w. Alle Allegorien, Embleme, hieroglyphische, mystische und sym<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bolische Formen, selbst die Cerimonien, Gebräuche und Handlungen der religiösen und andrer<lb n="15"/>Gesellschaften zeugen von ihm. Es ist der Zeiger und das Urbild der ewigen Einheit, das einzige<lb n="16"/>Princip, welches offenbar die Gesetze bezeichnet, die der Mensch in der Errichtung der Hier<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>archien, der Staaten, und aller äußern oder moralischen Verfassungen zu befolgen hat.</p>
<p><lb n="18"/>Brennpuncte dieses Lichts, welches der Schooß der ewigen Intelligenz ist, sind im Uni<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>versum, im Menschen, in allen intelligenten Wesen, in allen Wesen ohne Ausnahme – größere<lb n="20"/>oder kleinere, mehr oder weniger starke und empfindbare, sich unter einander entgegengesetzt<lb n="21"/>und entsprechend, rückwirkend auf einander, um das Gleichgewicht und die Harmonie der<lb n="22"/>Kräfte zu erhalten. Alle stammen aus Einer unversiegbaren und unendlichen Quelle. Die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bindungen und Modificationen dieses Princips mit den irdischen Substanzen bringen die<lb n="24"/>secundären Agentien und Actionen hervor.</p>
<p><lb n="25"/>Sichtbar aus seiner Unsichtbarkeit wird dieses Princip allenthalben, wo es durch Dazwischen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>kunft eines Brennpuncts oder einer localen Vibration (gleichsam eines Schwingungsknotens im<lb n="27"/>Universum) contrahirt und verdichtet wird.</p>
<p><lb n="28"/>Die Manifestationen der obersten Intelligenz gehen bis hieher; vom Princip des Lichts bis zu<lb n="29"/>Gott bedarf es keines Zwischenglieds, keines Mittlers zwischen dem Gedanken Gottes und<lb n="30"/>seinem vollkommensten Ausdruck. Das Lichtwesen ist der erste aus seinem Willen ausgefloßne<lb n="31"/>Ordner der Dinge. Auf dieser Höhe der Betrachtung ist keine Superstition, sind keine ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>borgnen Qualitäten, keine Abstractionen mehr, sondern nur Unterabtheilungen der <hi rendition="#g">Natur</hi><lb n="33"/>oder des großen Alls. Alles hängt zusammen, der Atheismus selbst, und der blinde Materialis<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>mus sind nur eine Abstraction und verschwinden mit der Anerkennung der allgemeinen<lb n="35"/>Einheit.</p>
<p><lb n="36"/>Die Wiedergeburt der Wissenschaft liegt in dem Wiederverständniß der allgemeinen,<lb n="37"/>offenbaren und einfachen Sprache des Lichts. Alle Theile in dem großen Baum der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>schaft und Erkenntniß sind Eins, und haben dieselben Wurzeln, denselben Stamm. Alle leihen<lb n="39"/>sich wechselseitig Ein Licht, Ein Leben. Der Verderb eines jeden Zweigs derselben, die Schwie<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>rigkeit sie zu fassen, ihre Unfruchtbarkeit für uns, der Irrthum und die giftigen Früchte,<lb n="41"/>welche sie tragen, sind nur aus der <hi rendition="#g">Vereinzelung</hi>, <hi rendition="#g">Absonderung</hi> und <hi rendition="#g">Abstraction</hi><lb n="42"/>entstanden.</p>
<pb n="296" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=303" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="66–68"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Dieses sind die allgemeinsten Ideen dieses Werks, denen es nur an dem Hinterhalt einer<lb n="2"/>gründlichen Speculation fehlt, um eine höhere Bedeutung und tiefere, wissenschaftlichere<lb n="3"/>Wirkung zu haben, als sie bey dem Verf. erlangt haben, der jenes ewige Licht wieder als ein<lb n="4"/><hi rendition="#g">Fluidum</hi> begreift, das durch seine Reflexion, in Entgegenstellung der Brennpuncte, und<lb n="5"/>(mechanische) Action auf die Weltkörper, das Aphelium und Perihelium, das ganze Phänomen<lb n="6"/>der Excentricitäten und seiner Varietäten an Planeten und Kometen, die Axendrehungen,<lb n="7"/>Wankungen und übrige Arten der allgemeinen Bewegung bewirkt.</p>
<p><lb n="8"/>Wozu die Conception eines solchen universellen Princips zunächst führen muß, ist: die<lb n="9"/>Naturerscheinungen in ihrer durchgängigen Identität zu sehen: das orientirende Phänomen ist<lb n="10"/>dem Verf. der Magnetismus, und zwar der animalische, der seinen Ideen die erste Richtung<lb n="11"/>nach dieser Seite gegeben zu haben scheint. Der thierische Magnetismus ist nach ihm mit allen<lb n="12"/>Phänomenen der Astronomie, der Meteorologie, der Naturgeschichte der drey Reiche ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>flochten, er befaßt die Verbindung zwischen den Himmelskörpern, Sonnen und Planeten, wie<lb n="14"/>die Einflüsse dieser größeren Ganzen auf die kleinsten Körper, welche durch denselben Theil<lb n="15"/>haben an der gemeinschaftlichen Existenz und dem allgemeinen Einfluß. Je zarter und ent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>wickelter ihre Organisation, desto empfindlicher müssen sie sich für diese Influenz zeigen,<lb n="17"/>so daß derselbe Magnetismus, welcher, noch mineralisch, die bloß einfachen Phänomene der<lb n="18"/>Anziehung und Zurückstoßung erzeugt, im Reich der Vegetation die Bewegungen der Sen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sitiva, die Verbindung zart ausgebildeter Geschlechtsorgane, die Propagation der Gattung<lb n="20"/>bewirkt, und endlich im Reich des Animalismus die höchsten Erscheinungen der Einigkeit und<lb n="21"/>der Zwietracht, der Sympathie und Antipathie, der Liebe und des Hasses, der sanftesten und<lb n="22"/>der heftigsten Bewegungen durch die leichteste Berührung, selbst die feine Vermittlung der<lb n="23"/>Stimme und des Blicks, hervorbringt. Der Mensch selbst ist nur die Welt im Kleinen, nicht der<lb n="24"/>Form der körperlichen Substanz nach, sondern weil er alle Kräfte und Wirkungen der großen<lb n="25"/>Welt, alle himmlische Bewegungen, die Natur der Erde, die Eigenschaften des Wassers, und die<lb n="26"/>Qualität der Luft, die Wirkung aller Constellationen in sich begreift, und die innern Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wegungen seiner Seele nur die größern Bewegungen der allgemeinen Natur nachahmen. –<lb n="28"/>Selbst der Schwung der Gedanken, die reinsten Bewegungen des Geistes theilen, je unsinnlicher<lb n="29"/>und abstracter sie sind, desto mehr die Schwingungen des allgemeinen Lebensprincips, welches<lb n="30"/>die Seele des Universums, der leichte Bote der Götter ist, der mit einem Flug die Tiefe des<lb n="31"/>Abgrunds und die Höhe der Himmel verbindet.</p>
<p><lb n="32"/>Die gänzliche Abwesenheit einer sichern und strengen Methode, und des ächt wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>schaftlichen Ernstes in diesem Analogien-Spiel verhindert, von dieser Seite einen voll<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ständigern und bestimmtern Begriff von dem System des Verf. zu geben, so wie es sich,<lb n="35"/>bey dem Mangel aller Speculation im Princip nicht der Mühe verlohnen kann, darzu<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>stellen, zu welcher Art von System der Cartesianismus sich in dem Geist desselben ausgebildet<lb n="37"/>habe.</p>
<p><lb n="38"/>Als merkwürdige Erscheinung schien jedoch dieses Werk ausgezeichnet werden zu müssen.<lb n="39"/>Die darinn enthaltene Darstellung der Physik des Cartesius ist, sofern sie rein historisch ist,<lb n="40"/>von bedeutendem Interesse. Man bemerkt mit Vergnügen einen von dem so ganz leeren</p>
<pb n="297" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=304" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="68"/>
<fw type="header" place="top">NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN · LE JOYAND</fw>
<p><lb n="1"/>neuern Experimentalwesen in Frankreich, das nicht einmal die Wissenschaftlichkeit der<lb n="2"/>Atomistik erreicht, völlig unberührten Geist. – Das Licht vertritt wenigstens als Symbol die<lb n="3"/>Stelle der Idee und der wahren Anschauung, und wenn diese aus der Asche eines unter<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gegangenen Systems gezogne Funken die speculative Physik nicht wieder hervorrufen können,<lb n="5"/>so ist es wenigstens ein Schritt dazu, die Welt an das Licht zu knüpfen, diese goldne Kette, die<lb n="6"/>am Throne Jupiters befestigt, alle Wesen trägt und hält.</p>
<space/>
<p><lb n="7"/>(Die <hi rendition="#g">Fortsetzung</hi> folgt).</p>
<pb n="298" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=305" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="69–70"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>NOTIZENBLATT.</head>
<head><lb n="2"/>A.<lb n="3"/>NOTIZ VON HERRN VILLERS VERSUCHEN, DIE KANTISCHE<lb n="4"/>PHILOSOPHIE IN FRANKREICH EINZUFÜHREN.</head>
<p><lb n="5"/>1. <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">de</hi> <hi rendition="#g">Kant</hi>. Ou Principes fondamentaux de la philosophie transcendentale.<lb n="6"/>Par <hi rendition="#g">Charles</hi> <hi rendition="#g">Villers</hi>, de la société Royale de Gottingue. Παντων χρηματων μετρον αν<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>θρωπος. <hi rendition="#g">Protag.</hi> <hi rendition="#g">ap.</hi> <hi rendition="#g">Plat.</hi> À Metz chez Colignon. 1801. (An IX.)</p>
<p><lb n="8"/>2. <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">de</hi> <hi rendition="#g">Kant</hi>. Aperçu rapide des bases et de la direction de cette Philosophie<lb n="9"/>par le même.</p>
<p><lb n="10"/>3. <hi rendition="#g">Kant</hi> <hi rendition="#g">jugé</hi> <hi rendition="#g">par</hi> <hi rendition="#g">l’</hi> <hi rendition="#g">Institut</hi> et observations sur ce jugement. Par un disciple de Kant.<lb n="11"/>À Paris chez Henrichs. An. X.</p>
<space/>
<p><lb n="12"/>Wenn wir mit diesen Versuchen, die Kantische Philosophie nach Frankreich zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>pflanzen, uns auf die bloße Notiz beschränken, so ist es, weil sie, als solche schon, dem<lb n="14"/>Plan dieses Journals gemäß, unter die auswärtigen Angelegenheiten gehören: ob und in<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wiefern sie auch in andrer Rücksicht der Philosophie fremd seyn, wird sich aus dem Folgenden<lb n="16"/>ergeben.</p>
<p><lb n="17"/>Dem Verfasser der Philosophie de Kant scheint vorläufig gar kein Zweifel darüber auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gestiegen zu seyn, ob diese Philosophie, die er für seine Nation darstellen wollte, überhaupt<lb n="19"/>zur Universalität geeignet und nicht bloß auf eine temporäre und locale Kultur berechnet sey,<lb n="20"/>in deren Zusammenhang sie allein verständlich seyn kann? Wo hätten auch die Entscheidungs<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gründe dieser Frage herkommen sollen? Da nun wir dagegen stark zweifeln, ob nicht die<lb n="22"/>Kantische Philosophie überhaupt ein Provincialismus oder wenigstens Germanismus sey, so<lb n="23"/>befinden wir uns gegenüber von diesem Unternehmen in dem besondern Verhältniß, daß<lb n="24"/>wir geradezu den ganzen Versuch nicht gut heißen können, der, da er die Kritik in der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sophie darstellen soll, billig selbst mit Kritik hätte angestellt werden sollen.</p>
<p><lb n="26"/>Es wäre eine Kritik über die Kritik erfoderlich gewesen, um die Frage zu beantworten:<lb n="27"/>welche Elemente der Kantischen Philosophie eignen sich dazu aus der besondern und natio<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>nalen Kultur der Deutschen in die allgemeine aufgenommen zu werden, und die französische<lb n="29"/>Nation, deren Kultur die der andern mehr oder weniger gebieterisch bestimmt, und bis jetzt<lb n="30"/>am meisten den Character der Allgemeinheit sich zu geben gewußt hat, konnte hier zum</p>
<pb n="299" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=306" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="70–73"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>bestimmtesten Maasstab dienen. Zu diesem Ende mußte der Darsteller selbst der darzustellenden<lb n="2"/>Sache weniger subordinirt seyn, und vorläufig sie selbst in einem größern und universellern<lb n="3"/>Sinn aufgefaßt haben. Die äußern Umgebungen, Einleitungen und Zubereitungen, wodurch<lb n="4"/>die Kantische Philosophie an die französische Kultur angeschlossen werden soll, dienen dazu<lb n="5"/>nicht, wenn es in dem Kern der Sache an der Originalität und der Freyheit der Auffassung fehlt,<lb n="6"/>die den gegebnen Stoff zu einem unabhängigen selbstständigen Ganzen gestaltet.</p>
<p><lb n="7"/>Denjenigen, welche zuvörderst unsrer Behauptung widersprechen wollten, daß die Kan<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tische Philosophie, wie sie ist, keiner Universalität fähig sey, wollen wir nur mit einigen Grün<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>den für dieselbe dienen.</p>
<p><lb n="10"/>Schon die Sprache, in der diese Philosophie von ihrem Urheber vorgetragen worden ist,<lb n="11"/>ist kein unwichtiges Moment in dieser Beurtheilung, da es sich offenbar genug gezeigt hat, daß<lb n="12"/>die Sprache hier von der Sache unzertrennlich ist, daß, um nach Kant zu philosophiren, man<lb n="13"/>auch wie Kant sprechen muß, und jeder Versuch, den Buchstaben zu verlassen, gleich auch<lb n="14"/>unmittelbar über die schmalen Gränzen desjenigen, was man seine Philosophie nennen kann,<lb n="15"/>hinausführt, wie denn Kant alle Nachfolgende auf den klaren Buchstaben seiner Schriften<lb n="16"/>angewiesen hat, die eigentlichen Kantianer sich jederzeit gehütet haben, auch nur in den Wor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ten und der äußern Form sich von dem Meister zu entfernen, und auch der Hr. Villers bey<lb n="18"/>seinem Bestreben, den Franzosen die rein Kantische Philosophie zu inoculiren, sich in An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sehung alles Wesentlichen an den reinen Buchstaben zu halten, gut gefunden hat.</p>
<p><lb n="20"/>Schon diese Identität des Geistes und des Buchstabens, diese Unmöglichkeit, die individuelle<lb n="21"/>Form des Urhebers, die er sich aus dem Nachlaß der Scholastik und einiger spätern Schulen<lb n="22"/>gebildet, zu verlassen und das Wesen zu behalten – läßt über die Universalität des Geistes und<lb n="23"/>innern Sinns der Lehre selbst, so wie sie ist, kein günstiges Vorurtheil fassen.</p>
<p><lb n="24"/>Man kann es nicht gerade Kant beymessen, daß er selbst in Deutschland, bey seiner ersten<lb n="25"/>Erscheinung, den Philosophen von Profession mehr oder weniger unverständlich war; man<lb n="26"/>mußte in die Geschichte einiger frühern, schon wieder ausgestorbnen, Philosophieen und sogar<lb n="27"/>Particularschulen zurückgehen, um auch nur in seiner Sprache alle Beziehungen zu verstehen,<lb n="28"/>die er recht künstlich darein verwoben hatte; aber wenn dieß am grünen Holz geschehen ist,<lb n="29"/>was soll am dürren werden? Wenn schon in Deutschland die Kantische Kritik unter den da<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mals geltenden Philosophen die totalste Verwirrung anrichtete, weil diese die Gründe und den<lb n="31"/>Ursprung ihrer eigenen Philosophie großentheils vergessen hatten, auf die sich jene (die Kritik)<lb n="32"/>bezog, wie soll man es in Frankreich anfangen, einen längst vergangnen Zustand der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sophie, der dort nicht einmal je Wurzel gefaßt hat, nur erst wieder ins Gedächtniß zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>zurufen, um einen Ausgang- und Anfangspunct auch nur des historischen Verstehens der<lb n="35"/>Kantischen Particularitäten zu erhalten?</p>
<p><lb n="36"/>Es läßt sich historisch beweisen, daß Kant die Philosophie in ihren großen und allgemeinen<lb n="37"/>Formen selbst nie studirt hatte, daß ihm Plato, Spinoza, Leibnitz selbst nie anders als durch das<lb n="38"/>Medium einer gewissen vor ohngefähr 50 Jahren auf deutschen Universitäten gangbaren<lb n="39"/>– sich durch mehrere Mittelglieder von <hi rendition="#g">Wolf</hi> herschreibenden Schulmetaphysik bekannt<lb n="40"/>geworden waren. Auf dieselbe – nicht Leibnitzische, nicht einmal rein Wolfische – Metaphysik,<lb n="41"/>die er für die einzige nahm, die je existirt hätte oder überhaupt existiren könnte, ist fast seine<lb n="42"/>ganze Kritik, sind seine hauptsächlichsten kritischen Pfeile eigentlich gemünzt.</p>
<pb n="300" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=307" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="73–75"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Das Werk eines Geistes, der, anstatt aus freyer Production die Idee der Philosophie in sich<lb n="2"/>selbst zu erzeugen, aus der nächsten Hand nimmt, was ihm als solche angeboten wird, und<lb n="3"/><hi rendition="#g">dieses</hi> nun, ohne je zum Urbild selbst durchzudringen, zum Gegenstand seines Zweifelns<lb n="4"/>und eines – je durch das Privativste, was es eben giebt, wie den Humischen sogenannten<lb n="5"/>Skepticismus erregten und unterhaltnen – Kritisirens macht und auf diesem Weg – theilweise<lb n="6"/>und atomistisch, ohne daß die Idee des Ganzen den Theilen vorangegangen wäre – zu einer<lb n="7"/>Kritik des gesammten Erkenntnißvermögens gelangt – das Werk eines solchen Geistes nach<lb n="8"/>allen seinen Elementen und Beziehungen auf eine allgemein ansprechende Weise darzulegen,<lb n="9"/>halten wir für nahezu unmöglich, und für eine, wenigstens einem Talent, wie dem des Hrn.<lb n="10"/>Villers nicht lösbare Aufgabe.</p>
<p><lb n="11"/>Man kann nicht anführen, daß Kant durch den besseren Antrieb seines Geistes dennoch nicht<lb n="12"/>selten bis in die Regionen der absoluten und allgemeinsten Speculation fortgeführt wird: die<lb n="13"/>Beschränktheit des ersten Anstoßes verwindet er deßhalb in keiner seiner Ideen, alles bleibt<lb n="14"/>doch der ersten Beziehung untergeordnet, und Aeußerungen der wahren Speculation, wo sie<lb n="15"/>auch zum absoluten Durchbruch kommen, können sich bey ihm bloß als Naivetäten aus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sprechen, für welche buchstäbliche Commentatoren gerade keinen Sinn haben. Daß innerhalb<lb n="17"/>des Kreises, worein er durch die Art, wie er zur Philosophie gekommen, versetzt ist, sein Geist<lb n="18"/>doch unaufhaltsam zur wissenschaftlichen Totalität fortgeht, kann wohl das Urtheil über seine<lb n="19"/>Individualität und die hohe Achtung, welche diese verdient, aber nicht über seine Philosophie<lb n="20"/>verändern. Diese bleibt, wie sie ist, immer ein abhängiges Product, kein frey aus sich selbst<lb n="21"/>entsprungnes Gewächs; seine Philosophie ist ein Gebäude, das, wenn man viel sagt, auf der<lb n="22"/>empirischen Erde und zum Theil auf dem Schutt vergeßner Systeme ruht, kein Weltsystem,<lb n="23"/>das sich selbst trägt und hält.</p>
<p><lb n="24"/>Es sind nur zwey Fälle: entweder will man die Kantische Philosophie als Kantische darstellen,<lb n="25"/>so muß man, da sie in der Erscheinung, die sie sich selbst gegeben, nicht universell ist, auch<lb n="26"/>auf eine solche Darstellung derselben Verzicht thun; oder man beabsichtigt eine solche, so muß<lb n="27"/>man in der Kantischen Philosophie nicht das <hi rendition="#g">Kantische</hi>, sondern nur die <hi rendition="#g">Philosophie</hi><lb n="28"/>darstellen; das letzte mußte offenbar Zweck des Verfassers seyn, er muß also auch darnach<lb n="29"/>beurtheilt werden.</p>
<p><lb n="30"/>Wer in Kant die Philosophie darstellen will, muß zuvor die Zufälligkeiten der Form und der<lb n="31"/>Persönlichkeit von dem Bleibenden und Wesentlichen gesondert haben, (was die alles schei<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>dende Zeit doch, nur später, thut) und zu dem Darzustellenden durchaus in dem Verhältniß<lb n="33"/>sich befinden, welches Kant selbst als ein mögliches anerkennt, <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">nämlich</hi> <hi rendition="#g">wirklich</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">besser</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">verstehen</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">verstand</hi> (Kr. d. r. V. S. 370.).</p>
<p><lb n="35"/>Es ist mit diesem Verfahren nicht gesetzt, wie sich manche vorstellen möchten, daß das<lb n="36"/>Original historisch entstellt werde: denn wenn der Fall im Allgemeinen möglich, im Einzelnen<lb n="37"/>wirklich ist, daß der Darstellende den Darzustellenden besser, als dieser sich selbst, versteht, so<lb n="38"/>würde er ihn ja vielmehr historisch unrichtig darstellen, wenn er nicht seinem besseren Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stehen in Ansehung seiner folgte, und ihn darstellte, wie er wahrhaft ist, nicht wie er sich selbst<lb n="40"/>erschien und sich aussprach. Die Wahrheit würde hier darinn bestehen, ihn gleich von den ihm</p>
<pb n="301" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=308" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="75–77"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>noch anklebenden Beschränktheiten, die dem Darstellenden leichter zu überwinden waren, zu<lb n="2"/>befreyen, und an die Stelle der untergeordneten und einseitigen Tendenz gleich die absolute<lb n="3"/>und centrale, die in seinem Geist unentwickelt und bewußtlos gelegen hatte, zu setzen.</p>
<p><lb n="4"/>Das wirklich Historische in einer jeden besondern Form der Philosophie ist doch nur das,<lb n="5"/>was von ihr reell in die Geschichte eingreift, und auch wieder historisch wirkt; (es versteht sich,<lb n="6"/>daß temporäre und kurze Wirkungen, wie sie unmittelbar auf die Erscheinung folgen, nicht<lb n="7"/>in Anschlag kommen können).</p>
<p><lb n="8"/>Welches ist diejenige Form, in der die Kantische Philosophie fortwirken, in welcher sie<lb n="9"/>einen der merkwürdigsten Uebergangs- oder Wendepuncte in der Geschichte der Philosophie<lb n="10"/>bezeichnen wird? – Ohne Zweifel ist es diese Frage, auf deren Beantwortung es vorzüglich<lb n="11"/>ankommt.</p>
<p><lb n="12"/>Kants Kritik der Vernunft, (und diese muß hier hauptsächlich in Betracht gezogen werden)<lb n="13"/>begreift nur Eine Sphäre der Philosophie, die der Reflexion; er hat statt einer Kritik der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nunft nur eine Kritik des Verstandes und in dieser auch der Verstandes-Vernunft geliefert.<lb n="15"/>Dieß sind Behauptungen, von denen der Beweis theils anderwärts gegeben worden, theils<lb n="16"/>jedem, der ihn verlangt, gegeben werden kann. Es folgt nach einem ganz einfachen Schluß,<lb n="17"/>daß eine Philosophie, die bloß die Formen der Reflexion, also des Nicht-ursprünglichen,<lb n="18"/>Abgebildeten, zum Gegenstand hat, je mehr in ihr der Geist wahrer Speculation durchscheint,<lb n="19"/>desto weniger zum <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und also auch zur Philosophie, die auf dieses gerichtet ist, ein<lb n="20"/>andres als negatives Verhältniß haben könne. Allein absolute Negation ist eben darum, weil sie<lb n="21"/>dieß ist und an sich wieder absolute Position, z. B. absolutes Verneinen des Reflectirten ist,<lb n="22"/>absolutes Setzen des Nicht-reflectirten, und darum vollendeter Skepticismus, der seinen<lb n="23"/>wahren Gegensatz nur im Dogmatismus hat, (derjenigen Art zu philosophiren, welche durch<lb n="24"/>die Formen der bloßen Reflexion, wie das Gesetz der Ursache und der Wirkung das An-sich<lb n="25"/>zu bestimmen versucht) – die vollendete Philosophie selbst, nur in ihrem negativen Ausdruck,<lb n="26"/>so wie diese in ihrem positiven Ausdruck nichts anders als ein Setzen des der Reflexion Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sprechenden, nämlich des Absoluten, ist.</p>
<p><lb n="28"/>Es giebt keine andre Philosophie, als rein categorische, es giebt keinen philosophischen<lb n="29"/>Skepticismus, der zweifelhaft ist, ob er zweifele, auch die Philosophie in ihrem negativen<lb n="30"/>Ausdruck ist <hi rendition="#g">in</hi> diesem categorisch. Unphilosophie wird sie nur in den beyden Fällen, ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>weder, wenn sie <hi rendition="#g">innerhalb</hi> ihrer Negativität <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> wieder positiv macht, wie z. B.<lb n="32"/>wenn aus dem Satz: daß die Formen der Subjectivität, wie die Categorien bey Kant sind, das<lb n="33"/><hi rendition="#g">An</hi>-<hi rendition="#g">sich</hi> nicht bestimmen, der positive Satz wird, daß sie als subjective Formen das <hi rendition="#g">Bewir</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">kende</hi> der erscheinenden Dinge seyen, also das Causal-Gesetz, das selbst nur für das <hi rendition="#g">Reflec</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">tirte</hi> gelten soll, wieder zur Erklärung von diesem gebraucht wird: oder, wenn die Negation<lb n="36"/>der Reflexionsformen sich selbst nur unvollkommen und halb ausspricht.</p>
<p><lb n="37"/>Das Letzte ist nun nothwendig der Fall, wo sich die negative Philosophie nur für <hi rendition="#g">Kritik</hi><lb n="38"/>giebt: denn es ist schon eine Halbheit, gegen den Dogmatismus nur kritisch, nicht absolut<lb n="39"/>verwerfend zu verfahren, und wir gestehen gern, wenn dieß ein Lob ist, daß wir diese Halbheit<lb n="40"/>nirgends vollkommner, als in dem Werk des Herrn Villers, dargestellt gesehen haben.</p>
<pb n="302" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=309" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="77–79"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Die universelle Seite der Kantischen Kritik, diejenige, wodurch sie in der Geschichte bleiben<lb n="2"/>wird, ist: daß sie die Nichtigkeit der subjectiven Formen in der Beziehung auf das An-sich<lb n="3"/><hi rendition="#g">allgemein</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">systematisch</hi> dargethan hat; auf die Kritik der reinen Vernunft wird der<lb n="4"/>Denker auch in den künftigen Zeiten als ein unschätzbares Document gegen den Dogmatismus<lb n="5"/>hinweisen, und ihr verdanken, daß er ungestört von den widersinnigen Anmaßungen desselben<lb n="6"/>in seiner Wissenschaft eben so ruhig, als der Geometer in der seinigen, wohnen wird.</p>
<p><lb n="7"/>Um <hi rendition="#g">diese</hi> Seite der Kritik, und demnach sie selbst in allgemeiner Form, – frey von der<lb n="8"/>Beschränkung, die sie in dem Urheber einerseits zur bloßen <hi rendition="#g">Kritik</hi>, andrerseits, in allem,<lb n="9"/>was sie Positives innerhalb ihrer Negativität auf die Bahn zu bringen sucht, selbst zu einer Art<lb n="10"/>des Dogmatismus macht – darzustellen, müßte sie als <hi rendition="#g">absoluter</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">categorischer</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">Skepticismus</hi>, also als Philosophie in der <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">negativen</hi> Form dargestellt werden, und<lb n="12"/>diese Form war auch die einzige, welche kräftig auf eine Nation wirken konnte, die für das<lb n="13"/>Negative in der Wissenschaft durchaus empfänglicher als für das Positive, diesem Geistes<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>character so viel Richtigkeit des Sinns verdankt, um etwas, das, wie die vom Hrn. Villers<lb n="15"/>dargestellte Kantische Philosophie, ihr weder von der einen Seite, mit der Präcision der Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>matik, noch von der andern, da es ihr – bey dieser Beschaffenheit – doch wieder nur als Empiris<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>mus erscheinen kann, mit der Klarheit einer Erfahrungsansicht sich darstellt, lieber gänzlich<lb n="18"/>von sich abzuhalten – auf eine Nation, die bey dieser langen und gänzlichen Entfernung von<lb n="19"/>der Philosophie, auch in Ansehung der Wissenschaft nur durch Zerstörung und Zertrümmerung<lb n="20"/>der bisher gewohnten Formen des Wissens – die ein universellerer, von deutschem Mark<lb n="21"/>gründlicher genährter Geist leicht selbst bis in die einzelnen Zweige ihres vermeynten Wissens<lb n="22"/>fortzusetzen vermocht hätte – zur Regeneration übergehen zu können scheint.</p>
<p><lb n="23"/>Um die Puncte, an welche sich dieser absolute Skepticismus vorzüglich hätte heften müssen,<lb n="24"/>brauchte man nicht verlegen zu seyn; als solche bieten sich für Frankreich auf der einen Seite<lb n="25"/>der Dogmatismus, in den sich die religiösen Vorstellungen allgemein verwandelt haben, und<lb n="26"/>der dadurch, wie durch die Streiche, welche die sogenannte französische Philosophie gegen ihn,<lb n="27"/>als Religion, geführt hat, Popularität genug erlangt hat, auf der andern Seite der Empirismus<lb n="28"/>an, der in Frankreich in aller Menschen Mund und durch die Bemühungen der französischen<lb n="29"/>Philosophen für die Welt zum allgemeinen Denksystem der Nation geworden ist.</p>
<p><lb n="30"/>Hr. Villers hat sich des Gegensatzes von Dogmatismus und Empirismus bedient, seine Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>stellung einzuleiten, und um nachher den kritischen oder transscendentalen Gesichtspunct<lb n="32"/>gleichsam als ein Mittleres zwischen beyden vorzustellen, wodurch also, wie sich ferner noch<lb n="33"/>deutlicher ergeben wird, am Ende jeder von beyden eine Art von Recht behält. Da es der ersten<lb n="34"/>Grundlage gänzlich an der Idee der Philosophie fehlt, so kann auch der Begriff des Dogmatis<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>mus nur schwankend bestimmt seyn, und es ist ganz begreiflich, wenn dem Verf. auch die Idee<lb n="36"/>der wahren Philosophie unter diese Rubrik fällt, und (wie in dem Abschnitt, der die principales<lb n="37"/><hi rendition="#g">opinions</hi> en métaphysique aufzählt, zu finden ist) der Rationalismus in der Bedeutung von<lb n="38"/>Dogmatismus, für ihn, folgendes alles unter sich begreift: Naturalisme, Egoisme, Dualisme,<lb n="39"/>Idéalisme und Réalisme, Théosophisme, Harmonie préétablie, idées innées de Platon, de Des-</p>
<pb n="303" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=310" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="79–81"/>
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<p><lb n="1"/>cartes, de Leibnitz. Daß bey dieser Verwirrung aller Begriffe der Verfasser kein sonder<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>liches Herz gegen den Dogmatismus haben konnte, und viel säuberlicher mit ihm verfuhr<lb n="3"/>als mit dem Empirismus, macht seinem eignen Bewußtseyn Ehre; eine besonders rühmliche<lb n="4"/>Bescheidenheit aber zeigt sich darinn, daß, – nachdem er S. 80. es als den Gipfel des Dogma<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>tismus angegeben hat: de nier l’existence et la nécessité d’une <hi rendition="#g">agent</hi> entre le <hi rendition="#g">moi</hi> et la<lb n="6"/><hi rendition="#g">nature</hi> de faire cesser cette antithèse et de dire: <hi rendition="#g">Le</hi> <hi rendition="#g">moi</hi> <hi rendition="#g">et</hi> <hi rendition="#g">la</hi> <hi rendition="#g">nature</hi> <hi rendition="#g">ne</hi> <hi rendition="#g">sont</hi> qu’ <hi rendition="#g">un</hi>,<lb n="7"/><hi rendition="#g">ils</hi> <hi rendition="#g">ne</hi> <hi rendition="#g">forment</hi> <hi rendition="#g">qu’</hi> <hi rendition="#g">un</hi> <hi rendition="#g">seul</hi> <hi rendition="#g">et</hi> <hi rendition="#g">même</hi> <hi rendition="#g">être</hi> u.s.w. – er doch S. 85. es mit dem neueren<lb n="8"/>Idealismus wieder gut und dahin gestellt seyn lassen will, indem er sich mit der Anmerkung<lb n="9"/>aus der Sache zieht: <hi rendition="#g">Ce</hi> <hi rendition="#g">n’</hi> <hi rendition="#g">est</hi> <hi rendition="#g">pas</hi> <hi rendition="#g">encore</hi> <hi rendition="#g">le</hi> <hi rendition="#g">lieu</hi> de parler du plus hardi et du plus con<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>séquent des idéalistes, du célèbre <hi rendition="#g">Fichte</hi>, und nur S. 237. in einer Note das Urtheil versteckt,<lb n="11"/>daß der neueste Idealismus eine métaphysique transcendente sey. Die Art übrigens, wie das<lb n="12"/>Ich in der Natur, und die Natur im Ich seyn solle, wird auf die ganz rohe Art genommen,<lb n="13"/>daß in dem ersten Fall die Natur in ihrer ganzen empirischen Realität bleibe (cette doctrine a<lb n="14"/>l’avantage, de laisser la réalité la plus absolue à <hi rendition="#g">tous</hi> <hi rendition="#g">les</hi> <hi rendition="#g">objets</hi> <hi rendition="#g">qui</hi> <hi rendition="#g">nous</hi> <hi rendition="#g">affectent</hi>!<lb n="15"/>etc.), in dem andern das Ich wiederum als eine <hi rendition="#g">empirische</hi> Realität die Welt in sich begreift,<lb n="16"/>und diese Lehre als Egoismus vorgestellt wird. Auf gleiche Weise verräth sich S. 83. 90. das<lb n="17"/>gemeinste Verstehen des Spinoza, Plato u.s.w.</p>
<p><lb n="18"/>Also: von Seiten des Dogmatismus, mangelhafte und verworrene Begriffe, in denen an sich<lb n="19"/>ganz verschiedne Lehren unordentlich, ohne philosophisches Verständniß davon, entstellt<lb n="20"/>durch einander geworfen werden; große Behutsamkeit, sich mit dem neuesten Idealismus zu<lb n="21"/>verfangen, weder durchgreifende Darstellung, noch durchgreifende Argumentation gegen den<lb n="22"/>Dogmatismus.</p>
<p><lb n="23"/>Von Seiten des Empirismus, ordentliche und in Bezug auf den besondern Zweck nicht un<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>tüchtige Polemik, die, als der am besten gearbeitete Theil des Werks, ihre Wirkung nur darum<lb n="25"/>verfehlen kann, weil der Verf. in dem, was er für Transscendentalphilosophie ausgiebt, selbst<lb n="26"/>darein zurückfällt, und in Ansehung des Hauptpuncts sich mit keinem Gedanken über den<lb n="27"/>Empirismus erhebt.</p>
<p><lb n="28"/>Wenn es nicht der Zweck des Verf. war, was in den oben angeführten Rücksichten aller<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dings das Räthlichste seyn mochte, sich gegenüber von der französischen Philosophie ganz<lb n="30"/>auf das Negative zu beschränken, so mußte er, um das Positive geben zu können, nothwendig<lb n="31"/>vorerst selbst den wahrhaft transscendentalen Gesichtspunct errungen haben und besitzen.<lb n="32"/>Welchen allgemeinen Begriff er sich von demselben macht, wird man am bestimmtesten da<lb n="33"/>erkennen, wo er ihn dem transscendenten entgegensetzt; auf diesem nämlich wird nach dem<lb n="34"/>fond réel de nos connoissances gefragt; diese Frage ist nach S. 238. du ressort d’une méta<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>physique ou onthologie (sic) transcendente; jener dagegen wird so eingeleitet: l’être cognitif<lb n="36"/>étant <hi rendition="#g">posé</hi>, la possibilité de ses connoissances étant <hi rendition="#g">posée</hi> aussi – (natürlich als empirische<lb n="37"/>Thatsache, über die es keinen Zweifel giebt) il s’agit de rechercher le <hi rendition="#g">mode</hi>, suivant lequel<lb n="38"/>cette possibilité est mis en action etc. Auf diesem Gesichtspunct heißt <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">unsrer</hi></p>
<pb n="304" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=311" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="81–83"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Erkenntnisse</hi> soviel als »base <hi rendition="#g">formelle</hi>, principe <hi rendition="#g">coordonnant</hi> de nos connoissan<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ces«, das andre mitwirkende Princip liegt in den afficirenden Dingen, in dem empirischen<lb n="3"/>Stoff.</p>
<p><lb n="4"/>Anfänglich war die Hauptfrage der Speculation so gestellt: was das Band sey zwischen dem<lb n="5"/>Ich und dem, was nicht Ich ist (S. 70.), nachher wird der transscendentale Gesichtspunct darein<lb n="6"/>gesetzt: gewisse allgemeine Gesetze zu betrachten comme résidant en nous et – réglant les<lb n="7"/><hi rendition="#g">objets</hi> <hi rendition="#g">perçus</hi> <hi rendition="#g">et</hi> <hi rendition="#g">connus</hi> <hi rendition="#g">par</hi> <hi rendition="#g">nous</hi>; hier sind also die Objecte mit dem Ich schon zu<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sammengebracht, und es ist nach einem Band zwischen beyden nicht mehr die Frage.</p>
<p><lb n="9"/>Die Art, wie Hr. Villers den Franzosen den transscendentalen Gesichtspunct beschreibt,<lb n="10"/>(denn an einen Beweis ist nicht zu denken), ist zu merkwürdig, um nicht erwähnt zu werden;<lb n="11"/>sie kann als ein Spiegel dienen, worinn sämmtliche deutsche Kantianer das wahre Ebenbild<lb n="12"/>ihrer Philosophie im Reflex erblicken können.</p>
<p><lb n="13"/>Man denke sich, sagt er, eine der optischen Maschinen, die man finstre Kammern nennt,<lb n="14"/>die an der Oeffnung, wodurch sie das Licht empfängt, ein <hi rendition="#g">rothes</hi> <hi rendition="#g">Glas</hi> habe. Alle Objecte<lb n="15"/>im Grund der Camera obscura werden roth, und diese rothe Farbe wird von der Natur des<lb n="16"/>Glases producirt seyn; dieses Glas ist von solcher Beschaffenheit, daß die <hi rendition="#g">rothe</hi> <hi rendition="#g">Farbe</hi> ein<lb n="17"/><hi rendition="#g">Gesetz</hi>, <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> für alle von ihm aufgenommene (perçus) Objecte ist.<lb n="18"/>Könnte unsre dunkle Kammer empfinden und sich ausdrücken, so würde sie nicht ermangeln,<lb n="19"/>zu urtheilen und zu behaupten, daß die Häuser, die Bäume, die Menschen, mit einem Wort<lb n="20"/>daß die ganze Natur roth sey, sie würde sich wohl hüten, gleich den klugen Gedanken zu haben,<lb n="21"/>daß diese in allen Objecten ihrer Erkenntniß allgemeine Farbe von ihr selbst, von der Beschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fenheit des Organs herkommt, durch welche sie die Eindrücke empfängt.</p>
<p><lb n="23"/>Man sieht: dem Hrn. V. erscheint das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> in der Gestalt einer empirisch-all<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gemeinen Qualität, wie die rothe Farbe ist: man begreift nicht, warum die Camera obscura,<lb n="25"/>wenn sie empfinden und sprechen könnte, nicht noch andre Allgemeinheiten an den Objecten<lb n="26"/>entdeckte, z. B. daß sie sämmtlich ausgedehnt, von gewisser Form u.s.w. erscheinen. Man<lb n="27"/>kann nicht wissen, wie weit der Witz noch gehen könnte, um auch von diesen Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>heiten den Grund zuletzt in der Verfassung des Glases zu finden, wodurch sie sieht, und zu<lb n="29"/>behaupten, daß die Häuser, die Bäume, die Menschen u.s.w. an sich nicht ausgedehnt seyn,<lb n="30"/>keine Gestalt haben, sondern daß diese Form ihm allein absolut inhärire. – Wenn Hr. Villers<lb n="31"/>übrigens bey der Seele nur erst die <hi rendition="#g">Oeffnung</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">rothe</hi> <hi rendition="#g">Glas</hi> und die Art, wie sie und die<lb n="32"/>Objecte zusammenkommen, aufgezeigt hat, so wird es mit dem Uebrigen keine Schwierigkeit<lb n="33"/>mehr haben.</p>
<p><lb n="34"/>Laßt uns, fährt er fort, auf alle verschiedne Arten Siegelwachs einen geschnittnen Stein<lb n="35"/>drücken, der eine Minerva vorstellen soll. Dieser Stein mit Empfindung begabt, wird glauben,<lb n="36"/>daß alle Siegelwachse unter der Figur einer Minerva existiren, denn er wird selbige nur unter<lb n="37"/>dieser Form wahrnehmen, welche offenbar <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">nothwendige</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">Bedingung</hi> aller Perceptionen dieses Steins ist.</p>
<p><lb n="39"/>Wenn es freylich mit der Application seine Richtigkeit hätte, so folgte das Andre von selbst,<lb n="40"/>aber eben jenes »Appliquons«, und wie der Stein zu dem Wachs, das Wachs zu dem Steine</p>
<pb n="305" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=312" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="83–86"/>
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<p><lb n="1"/>komme, ist der garstige und breite Graben, über welchen sich zu erheben der transscendentale<lb n="2"/>Gesichtspunct erfunden ist.</p>
<p><lb n="3"/>Wir wollen nicht des dritten Gleichnisses erwähnen, das Hr. V. von drey Spiegeln, einem<lb n="4"/>planen, cylindrischen und conischen hernimmt: wie er diese Spiegel, nachdem er ihnen Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>findung und Sprache gegeben, nach und nach empirische Philosophen, dann transscendente<lb n="6"/>Philosophen oder Rationalisten werden und endlich den Uebergang zum transscendentalen<lb n="7"/>Gesichtspunct machen läßt, wird man nicht ohne Bewunderung des Geistreichen seiner Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stellungsgabe bey ihm selbst nachlesen.</p>
<p><lb n="9"/>Sonst wird in dem Hauptwerk und noch ausführlicher in der Skizze, No. 2., die öffentlichen<lb n="10"/>Angaben zufolge zur Notiz von Bonaparte geschrieben wurde, das Verhältniß des Objects<lb n="11"/>zu dem Ich auch wie das der Speisen zu dem Magen und Darmkanal vorgestellt. Das Ich ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>hält sich nach ihm nicht wie ein bloßer irdener Topf, der an den Nahrungsmitteln nichts ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ändert, sondern wie ein menschliches Verdauungsorgan, das seine inneren Kräfte und Con<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stitution hat, wodurch es sie in Nahrungssaft, Blut u.s.w. verwandelt. Wir rathen dem Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fasser, da er doch dieses Bild mit besondrer Liebe ausgemahlt hat, noch einen Zug aus dem<lb n="16"/>neuen Reinholdischen Realismus (der sich nach Vorrede S. XXX. dem Plato wieder nähern<lb n="17"/>soll) darein aufzunehmen; was von dem Stoff ausgeschlossen werden muß, um es mit ihm zu<lb n="18"/>einem Denken zu bringen, wird füglich als das Excernirte, was aber nicht aufgerieben wird<lb n="19"/>und sich im Denken wieder anschließt, als das Secernirte vorgestellt werden können. – Wie<lb n="20"/>übrigens Nahrungsmittel in den Magen kommen, ist bekannt genug; man beißt sie mit den<lb n="21"/>Zähnen, kaut sie, schickt sie hinunter, wie aber die Dinge in das Ich hinein kommen, ist eine<lb n="22"/>Frage, die noch keiner dieser angeblichen Transscendentalphilosophen beantwortet hat; seinen<lb n="23"/>Magen fühlt freylich jeder, das Object aber ist ihnen noch immer im Hals stecken geblieben.<lb n="24"/>Der ganze Unterschied dieser Vorstellung von dem Empirismus, gegen den sie so vornehm<lb n="25"/>thut, besteht bloß darinn, daß jene außer dem Stoff, den sie ganz vom Boden des Empirismus<lb n="26"/>nimmt, auch noch den geistigen Magensaft angeben zu können meynt, wodurch das von außen<lb n="27"/>Eingeführte zum Gedanken, zur Idee, zum Urtheil u.s.w. wird. Da aber nach den Behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tungen jener Philosophen <hi rendition="#g">alle</hi> Vorstellungen durch diese Operation hindurchgehen, so haben<lb n="29"/>sie vor den Empiristen nur den Nachtheil voraus, dem Ich einen wahren Polyphemusmagen<lb n="30"/>zuschreiben zu müssen, um den einströmenden Stoff aller Häuser, Bäume, Menschen und der<lb n="31"/>ganzen Natur zu verdauen.</p>
<p><lb n="32"/>Dieser grobe Realismus, der den Eindruck des Objects auf das Ich stehen läßt, ist nicht nur<lb n="33"/>dem Geiste Kants innigst zuwider, sondern es liegt selbst in seinem auf’s Roheste genommenen<lb n="34"/>Buchstaben kein Grund, ihm einen solchen zuzuschreiben. Da Kant in der Darstellung seiner<lb n="35"/>Philosophie von keinem absoluten Standpunct ausgeht, sondern den Leser und sich selbst erst<lb n="36"/>durch die fortgehende Untersuchung darauf erhebt, so müssen Stellen vorkommen, wo er,<lb n="37"/>sein Räsonnement an die gemeine Ansicht anknüpfend, von der Bewirkung von Vorstellungen<lb n="38"/>durch Sinnenrührungen, von Erweckung des Erkenntnißvermögens durch den gegebnen Stoff<lb n="39"/>u.s.w. redet. Aber solchen Stellen stehen eine Menge andere, in denen er wirklich ganz in der<lb n="40"/>transscendentalen Anschauung ist, entgegen, und man kann sich für die, welche über diesen<lb n="41"/>Streitpunct noch immer den Buchstaben fragen, vorzüglich auf einige der lichtvollsten Stellen<lb n="42"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Ausgabe</hi> seiner Kritik d. r. V., z. B. in der Lehre von den Paralogismen der</p>
<pb n="306" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=313" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="86–88"/>
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<p><lb n="1"/>reinen Vernunft, aber auch in der von den Kategorieen berufen, Stellen, die in den folgenden<lb n="2"/>Ausgaben fehlen, dagegen andre, wie die am Ende seiner Lehre von den Kategorieen ein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>geschaltete Widerlegung des Idealismus, hinzugekommen sind, wovon man sich keinen andern<lb n="4"/>Grund denken kann, als daß Kant, dem die transscendentale Ansicht selbst nie zum bleibenden<lb n="5"/>und unwandelbaren Organ geworden war, der, einzelne Momente ausgenommen, vielleicht<lb n="6"/>nie zu einer Anschauung seines Systems im Ganzen gekommen war, der auch übrigens diese<lb n="7"/>Fremdheit, welche der transscendentale Gesichtspunct für ihn behielt, durch die beständige<lb n="8"/>Neigung verräth, wieder auf den empirischen Weg einzulenken, daß Kant, sage ich, durch die<lb n="9"/>ihm überall her entgegenkommende Benennung: Idealist, schüchtern und zweifelhaft gemacht,<lb n="10"/>diese Stellen, die ihm vielleicht indeß selbst zu kühn geworden waren, unterdrückte. Für den,<lb n="11"/>der den Anfang seines Studiums der Kantischen Werke mit der ersten Ausgabe der Kritik<lb n="12"/>gemacht hat, ist es eine eigne Empfindung, in der zweyten die besten Stellen zu vermissen,<lb n="13"/>dagegen so manches hereingekommene zu finden, was sich zu dem Vorherigen nicht besser<lb n="14"/>schicken will, als ein fremder Lappen auf einem guten Kleid; da man diese Bemerkung all<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gemein übersehen hat, und von sinnlosen Nachbetern Kants Namen noch immer durch<lb n="16"/>Berufung auf die Zufälligkeiten seines Buchstabens unrecht geschieht, so hielten wir diese<lb n="17"/>Erwähnung nicht für uninteressant.</p>
<p><lb n="18"/>Das, worauf Kant auch da, wo er gewissermaßen gezwungen ist, seinen Sinn unumwunden<lb n="19"/>auszusprechen, besteht, z. B. in der bekannten Streitschrift gegen Eberhard, ist: daß die Dinge<lb n="20"/>an sich den <hi rendition="#g">Stoff</hi> unsrer Vorstellungen geben. Kant meynt hiermit, daß das <hi rendition="#g">Wesen</hi> unsrer<lb n="21"/>Vorstellungen in dem An-sich, die Form aber oder die Bestimmungen, mittelst welcher sie<lb n="22"/>Darstellungen von Erscheinungen d. h. wandelbar und stets veränderlich sind, in der Art<lb n="23"/>unsrer Erkenntniß von ihnen begründet sey. Die Kantianer verstanden das umgekehrt, nämlich<lb n="24"/>daß die subjectiven Formen, wodurch die Dinge Erscheinungen sind, das absolut Allgemeine,<lb n="25"/>der Stoff aber, der nach Kant aus dem schlechthin Allgemeinen, dem An-sich, oder Ewigen<lb n="26"/>kommt, das Sinnliche, Besondre und Zufällige sey. – Nie konnte Kant sagen wollen, daß die<lb n="27"/>Dinge an sich durch ein Causalverhältniß zum Ich den Stoff der Vorstellungen geben; dieß<lb n="28"/>würde sein ganzes System aufheben, nach welchem dieser Begriff weder von einer Welt in die<lb n="29"/>andre – aus der Intellectualwelt in die erscheinende – reicht, noch, wenn man das Ich, welches<lb n="30"/>die Dinge an sich afficiren sollen, – wiederum ganz gegen seine Erklärung, da er das Ich ebenso<lb n="31"/>wieder zur Erscheinung macht, wie die Dinge, die ihm erscheinen – zu einem <hi rendition="#g">An-sich</hi><lb n="32"/>machen wollte, eine Relation zwischen Dingen an sich begründen könnte. Wenn Kant von<lb n="33"/>Sinnen<hi rendition="#g">affectionen</hi> spricht, so fallen ihm diese mit seiner Categorieen-Lehre selbst wieder<lb n="34"/>in die Erscheinungswelt; daß man diese Affectionen, welche bey Kant eine Relation von<lb n="35"/>Erscheinendem zu Erscheinendem ausdrücken, und von denen er nicht anders redet, als wie<lb n="36"/>der Astronom auch von einem Aufgang und Untergang der Sonne spricht, für ein Verhältniß<lb n="37"/>von Dingen an sich zum Erscheinenden nehmen und diesen groben Misverstand in Deutsch<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>land in unzähligen Büchern wiederhohlen und endlich sogar ins Französische übersetzen<lb n="39"/>konnte, beweist eine beyspiellose Dumpfheit des philosophischen Sinns, die wahrhaftig kein<lb n="40"/>Recht giebt, sich über die Un- oder vielmehr Nicht-Philosophie der Franzosen auf solche</p>
<pb n="307" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=314" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="88–90"/>
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<p><lb n="1"/>Weise zu erheben, als es in der Vorrede des Hrn. Villers und einzelnen Stellen seines Werks<lb n="2"/>geschieht.</p>
<p><lb n="3"/>Der Franzose, wenn er auch selten in einem Theil des Wissens sich zu Ideen erhebt, hat doch<lb n="4"/>den Begriff einer gewissen formellen Vollkommenheit; er will keine Incohärenz, und verlangt<lb n="5"/>noch überdieß lebhaft und categorisch angeregt zu seyn.</p>
<p><lb n="6"/>Wie soll er sich in einem Werk, das ihm als Bruchstück einer ihm ganz fremden Kultur<lb n="7"/>ohnehin Schwierigkeiten genug darbietet, durch Widersprüche hindurchfinden, wie z. B., daß<lb n="8"/>ihm die Vorstellung unsrer Erkenntniß als eine Art von Spiegel der Dinge erst als die métaphysi<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>que du sauvage et de l’ignorant civilisé verschrieen wird, und man nachher, um den trans<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>scendentalen Gesichtspunct, den er mit jener vertauschen soll, zu demonstriren, selbst wieder<lb n="11"/>zu dieser Analogie recurriren muß? (Man vergl. S. 71. mit S. 111.) Oder wenn einem seiner<lb n="12"/>berühmtesten Philosophen (S. 99.) die Lection darüber gelesen wird, daß er die Métaphysique<lb n="13"/>raisonnable eine science de faits, eine physique expérimentale de l’ame genannt hat, nach<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>dem man vorher (S. 52.) selbst die vollkommne subjective, d. h. kritische Philosophie für<lb n="15"/>eine bonne <hi rendition="#g">Anthropologie</hi> rationelle erklärt hatte, wo das rationelle ohne Zweifel eben<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>soviel als dort das raisonnable bedeutet, und höchstens anzeigen soll, daß über die Facta<lb n="17"/>räsonnirt werde, (da dieser ganze, französisch zubereitete, Kantianismus doch keine andre Basis<lb n="18"/>als <hi rendition="#g">Facta</hi> hat). Wie wird derselbe die Declamationen gegen den Sensualismus seiner Nation<lb n="19"/>mit dem reimen können, was er in dem Aperçu rapide als Kantische Lehre erfährt, daß die<lb n="20"/>Idee nichts anders als sensation transformée sey, daß der intellectuelle Mensch ganz unter<lb n="21"/>dem Mechanismus der Sensation stehe, daß Kant <hi rendition="#g">sur</hi> <hi rendition="#g">le</hi> <hi rendition="#g">même</hi> <hi rendition="#g">chemin</hi> mit Descartes<lb n="22"/>sey, wenn dieser in seiner Dioptrik behauptete, Farben und Töne seyn nur verschiedne Modi<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ficationen unsres Augs und Gehörs, u.s.w.? – Welche Neigung, sich in das ungewisse Studium<lb n="24"/>einer solchen Lehre einzulassen, werden die unsicheren Schritte, das vorsichtige Entfernthalten<lb n="25"/>gewisser nothwendig jedem auffallender Puncte und die Spuren, daß der Verf. selbst über die<lb n="26"/>Sache, die er vortragen will, nur unvollständig unterrichtet sey, hervorbringen können? Oder<lb n="27"/>welches Zutrauen erwecken, zu lesen, daß Männer, die wie Fichte in Anmerkungen mit großen<lb n="28"/>Lobeserhebungen – beseïtigt werden, nachdem sie anfänglich Kants Schüler gewesen, seine<lb n="29"/>Schule wieder verlassen haben, (S. XXX.) oder daß die speculative Physik, obgleich in einem<lb n="30"/>andern Sinn, wie dem von Kant gedacht, indem sie diesen weit überschreite, nichts desto<lb n="31"/>weniger Epoche in der Naturphilosophie machen werde (S. 203.) u. dgl.? Die beruhigenden<lb n="32"/>Gegenversicherungen wird man in Frankreich nicht im Stande seyn zu beurtheilen, z. B. daß<lb n="33"/>die Transscendentalphilosophie <hi rendition="#g">en</hi> <hi rendition="#g">général</hi> un bien plus grand nombre de bonnes têtes für<lb n="34"/>sich als gegen sich habe, (wo niemand vermuthen wird, daß in dem <hi rendition="#g">en</hi> <hi rendition="#g">général</hi> auch<lb n="35"/>wieder der Fichtianismus begriffen sey), oder: daß sehr große Mathematiker, Naturforscher,<lb n="36"/>Chemisten, berühmte Aerzte unter der Anzahl von Kants Nachfolgern seyen, und unter<lb n="37"/>andern – <hi rendition="#g">Göthe</hi> auf die Theorie der Künste und der Poesie eine so glückliche Anwendung<lb n="38"/>von der Philosophie transcendentale mache! (S. XXXV.)</p>
<pb n="308" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=315" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="90–92"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Der Franzose hat eine natürliche Neigung zu parodiren, Beweise auf eine scharfsinnige Art<lb n="2"/>umzukehren und zurückzugeben; unglücklicher Weise läßt sich dieß sehr leicht mit dem<lb n="3"/>größten Theil von dem thun, was der Verf. von dem seinigen hinzugefügt hat, wie, um nur<lb n="4"/>Ein Beyspiel zu geben, mit der Art von Beweis, die er von dem Satz giebt: daß was in der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stellung der Dinge immer dasselbe ist, dem Subject angehören müsse. Wenn ich, sagt der Verf.,<lb n="6"/>der die transscendentale Subjectivitätslehre sonst auch durch das Beyspiel des Hypochon<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>dristen erläutert, wenn ich überall, wohin ich nur sehe, einen schwarzen, grünen oder andern<lb n="8"/>Fleck von beständig gleicher Form erblicke, werde ich, anstatt daraus zu schließen, daß alle<lb n="9"/>Objecte nothwendig einen schwarzen oder grünen Fleck tragen, nicht viel vernünftiger ur<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>theilen, daß dieser Fleck meinem Auge gehört? Worauf ein andrer, mit geringer Mühe, ant<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>worten könnte: weil alles, was von der Subjectivität ausgeht, sich als ein Besondres, z. B.<lb n="12"/>dem Gelbsüchtigen als <hi rendition="#g">gelbe</hi> <hi rendition="#g">Farbe</hi>, darstellt, so werde ich vernünftiger Weise schließen,<lb n="13"/>daß, was ich nicht als Besondres, z. B. als einen schwarzen oder grünen Fleck, sondern als<lb n="14"/>schlechthin Allgemeines, wie Substanz, Ausdehnung u.s.w. erkenne, nicht in meiner Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jectivität, sondern in den Objecten gegründet sey.</p>
<p><lb n="16"/>Andre werden andre Blößen bemerken, die der Verf. seinem Original giebt, z. B. S. XIV.<lb n="17"/>wo Kants empirische Kenntnisse herausgestrichen werden sollen, und als Beweis angeführt<lb n="18"/>wird, er habe daraus, daß die Planetenbahnen im Verhältniß der Sonnenentfernung immer<lb n="19"/>excentrischer werden, geschlossen, daß zwischen den bekannten äußersten Planeten und den<lb n="20"/>Kometen wegen des unverhältnißmäßigen Sprungs noch andre Planeten seyn müssen, ein<lb n="21"/>Schluß, der durch die Entdeckung des Uranus bestätigt worden sey. Weder war Kants Schluß<lb n="22"/>so einfach, als er hier gemacht wird, noch war er selbst so unwissend, die unter den bisher<lb n="23"/>bekannten am meisten excentrische Bahn des Mercurs für diejenige auszugeben, die es am<lb n="24"/>wenigsten wäre.</p>
<p><lb n="25"/>In dem Urtheil des Nationalinstituts oder vielmehr der Notiz, die der zweyten Klasse des<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>selben über eine die Kantische Philosophie betreffende Arbeit eines ihrer Mitglieder gegeben<lb n="27"/>wurde, wogegen No. 3. gerichtet ist, erkennt man in einem nichts sagenden leeren Radotiren<lb n="28"/>gleichwohl immer noch eine ganz leidliche Billigkeit, und, wenn man die Begriffe dazu nimmt,<lb n="29"/>die sich die Franzosen von Kant, nach dem was ihnen bisher von ihm zugebracht worden,<lb n="30"/>machen müssen – eine wahre Gutmüthigkeit, dagegen läßt sich der Vf. von No. 3. ganz in<lb n="31"/>dem Tone eines deutschen Kantianers vernehmen.</p>
<p><lb n="32"/>Wenn das allgemeine Urtheil über diese Unternehmung in Frankreich ebenso ausfallen sollte,<lb n="33"/>wie das einer französischen Zeitschrift: on avoit annoncé aux Français une grande chose et<lb n="34"/>ils n’ont trouvé qu’<hi rendition="#g">une</hi> <hi rendition="#g">petite</hi>, wenn sie, noch im besten Fall, sich nicht genug verwundern<lb n="35"/>könnten, daß man in Deutschland an dieser Philosophie so viel gefunden habe, so könnte man<lb n="36"/>es ihnen, wie die Sachen jetzt stehen, nicht verargen, so wenig man deßhalb auf der andern<lb n="37"/>Seite die Industrie und die Art von Talent verkennen wird, die erfoderlich waren, um sich<lb n="38"/>durch so große Schwierigkeiten, welche einem Fremden die Eigenthümlichkeiten der deut<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>schen Sprache, Kultur, und selbst der für den Ununterrichteten noch zweifelhafte Stand der<lb n="40"/>Wissenschaft in Deutschland, bey so wenig innerem Beruf zur Sache, entgegenstellen, auch nur<lb n="41"/>bis zu dem Puncte durchzuarbeiten, welchen Herr Villers errungen hat, der seinen Fleiß, selbst<lb n="42"/>bis auf Wendungen und Ausdrücke zu lernen, sogar bis auf das gemeinen Lesern nicht zugäng-</p>
<pb n="309" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=316" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="92–94"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>liche Athenäum, erstreckt hat, von dem er die deux tendances majeures de notre âge (S. X.)<lb n="2"/>entlehnt, als welche er die neue Chemie in Frankreich und die neue Philosophie in Deutsch<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>land bezeichnet, wozu er billig, um die drey voll zu machen, auch noch die Kuhpocken<lb n="4"/>hätte setzen sollen.</p>
<p><lb n="5"/>Da indeß Umstände sind, welche die vollkommne Authenticität der Villersschen Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stellung in Frankreich glaublich¹, und diese dadurch zum Maß der gegenwärtigen wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schaftlichen Kultur in Deutschland machen könnten, und auf der andern Seite Hr. V. diese<lb n="8"/>Darstellung seiner Nation als die Frucht dessen darbringt, was die Deutschen beschäftigt,<lb n="9"/>während jene in einer erstaunenswürdigen Revolution die höchsten moralischen und physischen<lb n="10"/>Kräfte aufgeboten hat, so ist zu wünschen, daß diejenigen, welche dazu im Stande sind, der<lb n="11"/>Meynung auch in Frankreich zuvorkommen, daß außer einigen anerkannt incompetenten<lb n="12"/>Subjecten in Deutschland selbst irgend jemand des Dafürhaltens sey, daß diese oder jede andre<lb n="13"/>bis jetzt in Frankreich bekannt gewordene Darstellung auch nur historisch richtig die Höhe<lb n="14"/>bezeichne, auf welcher Kants Philosophie stand, noch weniger die, zu welcher die Philosophie<lb n="15"/>durch den unausgesetzten Eifer der Deutschen seitdem gehoben worden ist.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="16"/>B.<lb n="17"/>GÖTTINGEN.</head>
<head><lb n="18"/>I.</head>
<p><lb n="19"/>In einer Beylage zu seinem Schriftchen <hi rendition="#g">Logik</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Encyclopädie</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Wissenschaften</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Grundriß</hi> erklärt Hr. Prof. und Assessor der Königl. Societät der<lb n="21"/>Wissenschaften daselbst, J. C. D. <hi rendition="#g">Wildt</hi>, wiederhohlt seine vollkommne Ueberzeugung, <hi rendition="#g">daß</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">einzig</hi> <hi rendition="#g">richtige</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>, und setzt hinzu: <hi rendition="#g">Sollte</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">Schelling</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">andrer</hi> <hi rendition="#g">ähnlicher</hi> <hi rendition="#g">Kopf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">Kampf</hi> <hi rendition="#g">einlassen</hi> <hi rendition="#g">wollen</hi>,<lb n="24"/><hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">erkläre</hi> <hi rendition="#g">ich</hi> <hi rendition="#g">hier</hi> <hi rendition="#g">öffentlich</hi>, um – Kants Vorschlag gemäß – einen Maaßstab der Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>zeugung zu haben, <hi rendition="#g">soviel</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">meinem</hi> <hi rendition="#g">Vermögen</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Preiß</hi> <hi rendition="#g">desselben</hi> <hi rendition="#g">gerichtlich</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">deponiren</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">man</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">gleicher</hi> <hi rendition="#g">Absicht</hi> <hi rendition="#g">dagegen</hi> <hi rendition="#g">setzen</hi> <hi rendition="#g">will</hi>.</p>
<note xml:id="fn-309-1" n="¹"><lb n="27"/><seg type="marke">¹ </seg>Der Disciple de Kant No. 3. versichert unter anderm S. 17: »Cet aperçu des bases du<lb n="28"/>Système de Kant (inseré au spectateur du Nord, <hi rendition="#g">par</hi> Villers) a été traduit en allemand à<lb n="29"/>Königsberg <hi rendition="#g">sous</hi> <hi rendition="#g">les</hi> <hi rendition="#g">yeux</hi> <hi rendition="#g">de</hi> <hi rendition="#g">ce</hi> <hi rendition="#g">philosophe</hi>« (p. 17.) und: »Cette introduction (die<lb n="30"/>gegenwärtige von Hrn. Villers) sera traduite en allemand par l’ami de Kant et l’editeur de ses<lb n="31"/>derniers ouvrages, <hi rendition="#g">Mr.</hi> le docteur <hi rendition="#g">Rink</hi>.« – Welch ein ami de Kant, und wirklicher Editeur<lb n="32"/>de ses <hi rendition="#g">derniers</hi> ouvrages dieser Hr. Dr. Rink sey, wird sich aus der von ihm kürzlich heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gegebenen <hi rendition="#g">physischen</hi> <hi rendition="#g">Geographie</hi> <hi rendition="#g">Kants</hi> am besten beurtheilen lassen.</note>
<pb n="310" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=317" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="94–96"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND I · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Es ist nicht um Ausflüchte zu suchen, eine so großmüthige Auffoderung abzulehnen, wenn<lb n="2"/>man vom Hrn. Prof. W. vorläufig folgende zwey Fragen beantwortet wünscht.</p>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Erstens</hi>. Hr. W. begreift die Erkenntnisse als <hi rendition="#g">Kenntnisse</hi>, Systeme als <hi rendition="#g">Aggregate</hi><lb n="4"/>von Kenntnissen. Die <hi rendition="#g">Zusammenstellung</hi> der einzelnen philosophischen Sätze ist nach<lb n="5"/>ihm großen Schwierigkeiten unterworfen, da sie theils auf den ersten Anblick so <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">schiedenartig</hi> sind, theils selbst <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Vortrag</hi> <hi rendition="#g">großer</hi> <hi rendition="#g">Philosophen</hi> unter ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ander <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Widerspruch</hi> stehen. Die einzelnen Sätze können ferner nur als <hi rendition="#g">Postulate</hi> vor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>getragen werden, wo man <hi rendition="#g">erwarten</hi> muß, daß jeder sie – in seiner <hi rendition="#g">eignen</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi><lb n="9"/>aufsucht, und die Philosophie ist ferner eine <hi rendition="#g">ästhetische</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi>. Ferner müssen die<lb n="10"/><hi rendition="#g">Erkenntnisse</hi> unter <hi rendition="#g">Capitel</hi> und <hi rendition="#g">Titel</hi> gebracht werden, einzig für die richtige Einregistri<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>rung derselben bedarf es allgemeine Regeln. Nur unter dieser Bedingung ist jeder Streit den<lb n="12"/>Augenblick wieder aufgehoben, <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Punct</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">unter</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">gehörige</hi> <hi rendition="#g">Capitel</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">gebracht</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">darf</hi>. Man sieht, daß nach Hrn. W. das <hi rendition="#g">einzig</hi> <hi rendition="#g">richtige</hi> <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">menschlichen</hi> Kenntnisse in einem guten Realcatalogus der Göttingischen Universitäts<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bibliothek bestehen würde.</p>
<p><lb n="16"/>Die Hauptfrage hiebey ist nun: auf welchen dieser verschiednen Puncte eigentlich der<lb n="17"/>Kampfpreis gesetzt sey, ob darauf, daß die Philosophie eine ästhetische Wissenschaft ist, oder<lb n="18"/>darauf, daß sie die Kenntnisse unter Capitel und Titel zu bringen hat, oder ob auch auf <hi rendition="#g">ein</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">zelne</hi> <hi rendition="#g">Sätze</hi>, – (in welchem Fall noch die besondre Frage einträte: wie hier Entscheidung<lb n="20"/>möglich seyn werde, da diese Sätze nur Postulate sind, wegen deren man <hi rendition="#g">erwarten</hi> muß,<lb n="21"/>daß sie jeder in <hi rendition="#g">seiner</hi> Erfahrung aufsucht) – ferner ob auf die einzelne Anordnung und Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nahme unter Rubriken, nach welcher z. B. für jeden Bestandtheil der Kenntniß eine <hi rendition="#g">eigne</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">Kraft</hi> und überhaupt <hi rendition="#g">sechs</hi> <hi rendition="#g">Aggregate</hi> menschlicher Kenntnisse angenommen werden<lb n="24"/>müssen, und unter die Rubrik der metaphysischen Wissenschaften auch Geographie, Geschichte,<lb n="25"/>Antiquitäten, Statistik <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Metaphysik</hi> gehören; wobey denn ohne Zweifel als ausgemacht<lb n="26"/>angenommen werden könnte, daß man sich wegen der Classificationen an die letzte Abschrift<lb n="27"/>seiner Kategorientafel vom 29ten Jul. 1800, seit welcher, nach seiner Versicherung, zu seiner<lb n="28"/>Freude nichts mehr daran zu ändern gewesen, zu halten hätte?</p>
<p><lb n="29"/><hi rendition="#g">Zweytens</hi> wäre in Ansehung des Kampfpreißes, der ein Theil seines <hi rendition="#g">Vermögens</hi> seyn<lb n="30"/>soll, zu bestimmen, ob geistiges oder ökonomisches Vermögen darunter gemeynt sey, und im<lb n="31"/>ersten Fall, welcher Bestand<hi rendition="#g">theil</hi> seiner Kenntnisse oder welche eigne <hi rendition="#g">Kraft</hi>, ob die, welche<lb n="32"/>bey ihm (S. 19.) in der Potenz 0 oder die in der Potenz 3 ist, damit, wenn etwa der Gegenpart<lb n="33"/>diesen Bestand<hi rendition="#g">theil</hi> oder diese Kraft in seiner eignen Erfahrung nicht auffinden könnte,<lb n="34"/>Hr. W. nicht um den verdienten Preis gebracht würde.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="35"/>II.</head>
<p><lb n="36"/>In No. 92. der Hamburg. Zeitungen d. J. findet sich folgende Ankündigung der Gedichte<lb n="37"/>des Herrn Boutterweck:</p>
<pb n="311" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=318" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="96–98"/>
<fw type="header" place="top">NOTIZENBLATT</fw>
<p><lb n="1"/>»Eine geringere Meynung als Hr. B. selbst, der nach seiner gegenwärtigen Ueberzeugung<lb n="2"/>nie ein Dichter war und nie hätte Verse schreiben sollen, können wohl die unbilligsten<lb n="3"/>Tadler nicht von seinen poetischen Arbeiten gehabt haben. Da er längst schon in einer<lb n="4"/>andern Ideenwelt lebt, müssen ihm seine ihm persönlich unbekannten Freunde um so mehr<lb n="5"/>Dank wissen, daß er ihnen das kleine Denkmal seiner Jugend nicht entzogen hat.«</p>
<p><lb n="6"/>Dürfte man nicht hoffen, daß der nähmliche Freund nach Verfluß einiger Jahre die An<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>kündigung der philosophischen Werke des Hrn. Boutterweck übernehmen wollte, welche mit<lb n="8"/>kleinen Modificationen ganz dieselbe seyn könnte, als z. B. daß <hi rendition="#g">Dichter</hi> mit Philosoph,<lb n="9"/><hi rendition="#g">Verse</hi> <hi rendition="#g">schreiben</hi> mit philosophiren und die Erwähnung einer Ideenwelt, worinn Hr. B.<lb n="10"/>angeblich lebte, gänzlich ausgelassen oder mit einer rein practischen vertauscht, und statt<lb n="11"/>»Jugend« männliches Alter oder »zweyte Jugend« gesetzt würde.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="12"/>III.</head>
<p><lb n="13"/>Ebendaher ist uns eine <hi rendition="#g">Einleitung</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">dynamische</hi> <hi rendition="#g">Physiologie</hi> (Gött. b. Heinrich<lb n="14"/>Dietrich 1803) vorgekommen, der wir statt des Plutarchischen Spruchs folgendes schickliche<lb n="15"/>Distichon zur Ueberschrift gewünscht hätten:</p>
<space/>
<p><lb n="16"/>Was sie heute gelernt, das wollen sie morgen schon lehren,<lb n="17"/>Ach was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!</p>
<space/>
<p><lb n="18"/>Es ist in der That kein kleines Unglück für diejenigen, welche Gedanken haben, daß sie<lb n="19"/>ihnen nicht selten auf dieselbe Art <hi rendition="#g">zurückgegeben</hi> werden (man s. die Dedication), wie<lb n="20"/>Sancho Pansa seinem Gebieter den berühmten Balsam Fieberfras zurückgiebt (D. Q. Th. I.<lb n="21"/>S. 238. Tiecks Uebersetz.), so daß die Verherrlichung, welche sie dadurch erhalten, nicht viel<lb n="22"/>besser ausfällt, als wie die in oben angezeigter Stelle beschriebne Brillantirung. Wir wären<lb n="23"/>sehr geneigt, dergleichen Zurückgebende, ohne Präjudiz ihrer Menschlichkeit, bloß nach<lb n="24"/>Angabe der vergleichenden Physiognomik in die verschiedenen Rubriken der lebhaften Frösche<lb n="25"/>und ernsthaften Affen einzutheilen, jene hüpfen mit ihrem Raube lustig umher, diese setzen<lb n="26"/>sich breit in großen Perücken. Wenn wir die ungemeine Würdigkeit des Styls, die selbst den<lb n="27"/>Taufnamen Johann in das edlere Johannes umbildet, das Gehaltene des Tones, die Billigkeit in<lb n="28"/>Schätzung großer Namen und die weise Enthaltsamkeit von übertriebener und einseitiger<lb n="29"/>Anpreisung der Speculation betrachten, so bleibt kein Zweifel, wohin dieser junge Weise zu<lb n="30"/>rechnen sey. Es ist ihm gelungen, sich in der andern »lärmenden Gesellschaft« vollkommen<lb n="31"/>»ruhig auszusprechen.« Man stoße sich nicht an die Bescheidenheit, mit der er die fremden<lb n="32"/>Zuthaten anerkennt, das ist nur ein Theil der Accise, die er bezahlt, um das Uebrige für einen<lb n="33"/>oberflächlichen Blick frey durchzubringen. <hi rendition="#g">Einen</hi> Gedanken nennt er jedoch kühnlich den<lb n="34"/>seinigen, die Entdeckung von den beyden Principien, dem Positiven und Negativen. Wir<lb n="35"/>fürchten aber, dieser Dualismus werde ihm wieder in Eins zusammengehen, und auf ein reines<lb n="36"/>Negatives hinauslaufen.</p>
<pb n="313" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=320" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ZWEYTEN BANDES ERSTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1802</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>Glauben und Wissen, oder die Reflexionsphilosophie der<lb n="5"/>Subjectivität in der Vollständigkeit ihrer Formen, als<lb n="6"/>Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie.</p>
<space/>
<p><lb n="7"/><hi rendition="#g">Anmerkung</hi>. Um den ersten Band nicht unverhältnißmäßig zu<lb n="8"/>vergrößern, konnte diese Abhandlung nicht als dessen drittes Stück<lb n="9"/>abgedruckt werden; dasselbe wird aber unverzüglich nachgeliefert<lb n="10"/>werden.</p>
<pb n="315" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=322" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="1, 3–4"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>GLAUBEN UND WISSEN<lb n="2"/>ODER DIE REFLEXIONSPHILOSOPHIE DER SUBJECTIVITÄT,<lb n="3"/>IN DER VOLLSTÄNDIGKEIT IHRER FORMEN, ALS KANTISCHE,<lb n="4"/>JACOBISCHE, UND FICHTESCHE PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="5"/>Ueber den alten Gegensatz der Vernunft und des Glaubens, von Philosophie und<lb n="6"/>positiver Religion hat die Cultur die letzte Zeit so erhoben, daß diese Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>setzung von Glauben und Wissen einen ganz andern Sinn gewonnen hat und nun<lb n="8"/>innerhalb der Philosophie selbst verlegt worden ist. Daß die Vernunft eine Magd des<lb n="9"/>Glaubens sey, wie man sich in ältern Zeiten ausdrückte, und wogegen die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sophie unüberwindlich ihre absolute Avtonomie behauptete, diese Vorstellungen<lb n="11"/>oder Ausdrücke sind verschwunden, und die Vernunft, wenn es anders Vernunft ist,<lb n="12"/>was sich diesen Nahmen gibt, hat sich in der positiven Religion so geltend gemacht,<lb n="13"/>daß selbst ein Streit der Philosophie gegen positives, Wunder und dergleichen für<lb n="14"/>etwas abgethanes und obscures gehalten wird, und daß Kant mit seinem Versuche,<lb n="15"/>die positive Form der Religion mit einer Bedeutung aus seiner Philosophie zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>leben, nicht deßwegen kein Glück machte, weil der eigenthümliche Sinn jener For<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>men dadurch verändert würde, sondern weil dieselben auch dieser Ehre nicht mehr<lb n="18"/>werth schienen. Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schick<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende<lb n="20"/>Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äussern Herrschaft nach die Oberhand zu<lb n="21"/>behalten, dem Geiste nach aber dem Ueberwundnen zu erliegen. Der glorreiche Sieg,<lb n="22"/>welchen die aufklärende Vernunft über das, was sie nach dem geringen Maaße ihres<lb n="23"/>religiösen Begreifens als Glauben sich entgegengesetzt betrachtete, davon getragen<lb n="24"/>hat, ist, beym Lichte besehen, kein anderer, als daß weder das Positive, mit dem sie<lb n="25"/>sich zu kämpfen machte, Religion, noch daß sie, die gesiegt hat, Vernunft blieb, und<lb n="26"/>die Geburt, welche auf diesen Leichnamen triumphirend, als das gemeinschaftliche<lb n="27"/>beyde vereinigende Kind des Friedens schwebt, eben so wenig von Vernunft als<lb n="28"/>ächtem Glauben an sich hat. Die Vernunft, welche dadurch an und für sich schon<lb n="29"/>heruntergekommen war, daß sie die Religion nur als etwas Positives, nicht idealistisch<lb n="30"/>auffaßte, hat nichts besseres thun können, als nach dem Kampfe nunmehr auf sich zu<lb n="31"/>sehen, zu ihrer Selbstkenntniß zu gelangen, und ihr Nichtsseyn dadurch anzuerkennen,<lb n="32"/>daß sie das Bessere, als sie ist, da sie nur Verstand ist, als ein <hi rendition="#g">Jenseits</hi> in einem<lb n="33"/><hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">über</hi> sich setzt, wie in <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Philosophieen</hi> <hi rendition="#g">Kants</hi>,</p>
<pb n="316" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=323" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="4–6"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Jacobi’s</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Fichte’s</hi> geschehen ist, und daß sie sich wieder zur Magd eines<lb n="2"/>Glaubens macht. Nach <hi rendition="#g">Kant</hi> ist Uebersinnliches unfähig, von der Vernunft erkannt<lb n="3"/>zu werden, die höchste Idee hat nicht zugleich Realität; nach <hi rendition="#g">Jacobi</hi> schämt sich die<lb n="4"/>Vernunft zu betteln, und zu graben hat sie weder Hände noch Füße, dem Menschen<lb n="5"/>ist nur das Gefühl und Bewußtseyn seiner Unwissenheit des Wahren, nur Ahndung<lb n="6"/>des Wahren in der Vernunft, die nur etwas allgemein subjectives, und Instinct ist,<lb n="7"/>gegeben. Nach <hi rendition="#g">Fichte</hi> ist Gott etwas unbegreifliches und undenkbares, das Wissen<lb n="8"/>weiß nichts, als daß es Nichts weiß, und muß sich zum Glauben flüchten. Nach allen<lb n="9"/>kann das Absolute, nach der alten Distinction, nicht gegen, so wenig als für die<lb n="10"/>Vernunft seyn, sondern es ist über die Vernunft. – Das negative Verfahren der Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>klärung, dessen positive Seite in seinem eiteln Gethue ohne Kern war, hat sich dadurch<lb n="12"/>einen verschafft, daß es seine Negativität selbst auffaßte, und sich theils von der<lb n="13"/>Schaalheit durch die Reinheit und Unendlichkeit des Negativen befreyte, theils aber<lb n="14"/>eben darum für positives Wissen wieder eben so nur endliches und empirisches, das<lb n="15"/>Ewige aber nur jenseits haben kann; so daß dieses für das Erkennen leer ist, und dieser<lb n="16"/>unendliche leere Raum des Wissens nur mit der Subjectivität des Sehnens und Ahn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>dens erfüllt werden kann; und was sonst für den Tod der Philosophie galt, daß die<lb n="18"/>Vernunft auf ihr Seyn im Absoluten Verzicht thun sollte, sich schlechthin daraus<lb n="19"/>ausschlösse und nur negativ dagegen verhielte, wurde nunmehr der höchste Punct<lb n="20"/>der Philosophie, und das Nichtsseyn der Aufklärung ist durch das Bewußtwerden<lb n="21"/>über dasselbe zum System geworden.</p>
<p><lb n="22"/>Unvollkommene Philosophieen gehören überhaupt dadurch, daß sie unvoll<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>kommen sind, unmittelbar einer empirischen Nothwendigkeit an, und deßwegen<lb n="24"/>aus und an derselben läßt sich die Seite ihrer Unvollkommenheit begreiffen; das<lb n="25"/>Empirische, was in der Welt als gemeine Wirklichkeit daliegt, ist in Philosophieen<lb n="26"/>desselben in Form des Begriffs als Eins mit dem Bewußtseyn und darum gerecht<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>fertigt vorhanden. Das gemeinschaftliche subjective Princip der obengenannten<lb n="28"/>Philosophieen ist theils, nicht etwa eine eingeschränkte Form des Geistes einer kleinen<lb n="29"/>Zeitperiode, oder einer geringen Menge, theils hat die mächtige Geistesform, welche<lb n="30"/>ihr Princip ist, ohne Zweifel in ihnen die Vollkommenheit seines Bewußtseyns und<lb n="31"/>seiner philosophischen Bildung, und dem Erkenntnisse vollendet ausgesprochen zu<lb n="32"/>werden, erlangt.</p>
<p><lb n="33"/>Die große Form des Weltgeistes aber, welche sich in jenen Philosophieen erkannt<lb n="34"/>hat, ist das Princip des Nordens, und es religiös angesehen, des Protestantismus, die<lb n="35"/>Subjectivität, in welcher Schönheit und Wahrheit, in Gefühlen und Gesinnungen,<lb n="36"/>in Liebe und Verstand sich darstellt; die Religion baut im Herzen des Individuums<lb n="37"/>ihre Tempel und Altäre, und Seufzer und Gebete suchen den Gott, dessen Anschauung</p>
<pb n="317" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=324" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="6–8"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>es sich versagt, weil die Gefahr des Verstandes vorhanden ist, welcher das Angeschaute<lb n="2"/>als Ding, den Hayn als Hölzer erkennen würde. Zwar muß auch das Innere äußerlich<lb n="3"/>werden, die Absicht, in der Handlung Wirklichkeit erlangen, die unmittelbare<lb n="4"/>religiöse Empfindung sich in äußerer Bewegung ausdrücken, und der die Objectivi<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>tät der Erkenntniß fliehende Glauben sich in Gedanken, Begriffen und Worten<lb n="6"/>objectiv werden; aber das Objective scheidet der Verstand genau von dem Subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tiven, und es wird dasjenige, was keinen Werth hat, und Nichts ist; so wie der Kampf<lb n="8"/>der subjectiven Schönheit gerade dahin gehen muß, sich gegen die Nothwendigkeit<lb n="9"/>gehörig zu verwahren, nach welcher das Subjective objectiv wird; und welche<lb n="10"/>Schönheit in diesem reell werden, der Objectivität zufallen, und wo das Bewußtseyn<lb n="11"/>auf die Darstellung und die Objectivität selbst sich richten, die Erscheinung bilden,<lb n="12"/>oder in ihr sich gebildet bewegen wollte, das müßte ganz wegfallen, denn es würde<lb n="13"/>ein gefährlicher Ueberfluß und weil es vom Verstande zu einem Etwas gemacht<lb n="14"/>werden könnte, ein Uebel, so wie das schöne Gefühl, das in schmerzlose Anschauung<lb n="15"/>überginge, ein Aberglaube seyn.</p>
<p><lb n="16"/>Diese Macht, welche dem Verstand durch die subjective Schönheit gegeben wird,<lb n="17"/>und ihrer Sehnsucht, die über das Endliche hinwegfliegt und für die es Nichts ist,<lb n="18"/>zuerst zu widersprechen scheint, ist eine eben so nothwendige Seite, als ihr Bestreben<lb n="19"/>gegen ihn; und sie wird sich in der Darstellung der Philosophieen dieser Subjectivität<lb n="20"/>weiter ergeben. Es ist gerade durch ihre Flucht vor dem Endlichen, und das Festseyn<lb n="21"/>der Subjectivität, wodurch ihr das Schöne zu Dingen überhaupt, der Hayn zu Höl<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zern, die Bilder zu Dingen, welche Augen haben und nicht sehen, Ohren, und nicht<lb n="23"/>hören, und wenn die Ideale nicht in der völlig verständigen Realität genommen wer<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>den können als Klötze und Steine, zu Erdichtungen werden, und jede Beziehung auf<lb n="25"/>sie als wesenloses Spiel oder als Abhängigkeit von Objecten und als Aberglauben<lb n="26"/>erscheint.</p>
<p><lb n="27"/>Aber neben diesem allenthalben in der Wahrheit des Seyns nur Endlichkeit er<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>blickenden Verstande hat die Religion als Empfindung, die ewig sehnsuchtsvolle<lb n="29"/>Liebe ihre erhabene Seite darin, daß sie an keiner vergänglichen Anschauung noch<lb n="30"/>Genusse hängen bleibt, sondern nach ewiger Schönheit und Seligkeit sich sehnt; sie<lb n="31"/>ist als Sehnen etwas subjectives, aber was sie sucht, und ihr nicht im Schauen gegeben<lb n="32"/>ist, ist das Absolute und Ewige; wenn aber das Sehnen seinen Gegenstand fände, so<lb n="33"/>würde die zeitliche Schönheit eines Subjects als eines Einzelnen, seine Glückseligkeit,<lb n="34"/>die Vollkommenheit eines der Welt angehörigen Wesens seyn, aber soweit als sie<lb n="35"/>wirklich sie vereinzelte, so weit würde sie nichts schönes seyn; aber als der reine Leib<lb n="36"/>der innern Schönheit hört das empirische Daseyn selbst auf, ein Zeitliches und etwas<lb n="37"/>eigenes zu seyn. Die Absicht bleibt unbefleckt von ihrer Objectivität als Handlung,<lb n="38"/>und die That so wie der Genuß wird sich nicht durch den Verstand zu einem Etwas<lb n="39"/>gegen die wahre Identität des Innern und Aeußern erheben; die höchste Erkenntniß</p>
<pb n="318" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=325" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="8–10"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>würde die seyn, welches dieser Leib seye, in dem das Individuum nicht ein einzelnes<lb n="2"/>wäre, und das Sehnen zur vollkommenen Anschauung und zum seligen Genusse<lb n="3"/>gelangte.</p>
<p><lb n="4"/>Nachdem die Zeit gekommen war, hatte die unendliche Sehnsucht über den Leib<lb n="5"/>und die Welt hinaus, mit dem Daseyn sich versöhnt, aber so, daß die Realität, mit<lb n="6"/>welcher die Versöhnung geschah, das Objective, welches von der Subjectivität an<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>erkannt wurde, wirklich nur empirisches Daseyn, gemeine Welt und Wirklichkeit<lb n="8"/>war, und also diese Versöhnung selbst, nicht den Charakter der absoluten Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>setzung, der im schönen Sehnen liegt, verlohr, sondern daß sie sich nun auf den<lb n="10"/>andern Theil des Gegensatzes, auf die empirische Welt warf; und wenn um ihrer<lb n="11"/>absoluten blinden Natur-Nothwendigkeit willen sie schon ihrer selbst im innerlichen<lb n="12"/>Grunde sicher und fest war, bedurfte sie doch einer objectiven Form für diesen<lb n="13"/>Grund, und die bewußtlose Gewißheit des Versenkens in die Realität des empirischen<lb n="14"/>Daseyns muß nach eben der Nothwendigkeit der Natur zugleich sich zur Recht<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fertigung und einem guten Gewissen zu verhelfen suchen; diese Versöhnung fürs<lb n="16"/>Bewußtseyn machte sich in der Glückseligkeitslehre; so daß der fixe Punkt, von<lb n="17"/>welchem ausgegangen wird, das empirische Subject, und das, womit es versöhnt<lb n="18"/>wird, eben so die gemeine Wirklichkeit ist, zu der es Zutrauen fassen, und sich ihr<lb n="19"/>ohne Sünde ergeben dürfe. Die tiefe Rohheit und völlige Gemeinheit, als der innere<lb n="20"/>Grund dieser Glückseligkeitslehre, hat darinn allein seine Erhebung, daß er nach einer<lb n="21"/>Rechtfertigung und einem guten Bewußtseyn strebt, welches, da es, weil das Em<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>pirische absolut, der Vernunft durch die Idee nicht möglich ist, allein die Objectivität<lb n="23"/>des Verstandes, den Begriff erreichen kann, welcher Begriff sich als sogenannte reine<lb n="24"/>Vernunft in seiner höchsten Abstraction dargestellt hat.</p>
<p><lb n="25"/>Der Dogmatismus der Aufklärerey und des Eudämonismus bestand also nicht<lb n="26"/>darinn, daß er Glückseligkeit und Genuß zum Höchsten machte: denn wenn Glück<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seligkeit als Idee begriffen wird, hört sie auf etwas empirisches und zufälliges, so wie<lb n="28"/>etwas sinnliches zu seyn; das vernünftige Thun und der höchste Genuß sind Eins im<lb n="29"/>höchsten Daseyn; und das höchste Daseyn von Seiten seiner Idealität, welche, wenn<lb n="30"/>sie isolirt wird, erst vernünftiges Thun, oder von Seiten seiner Realität, welche, wenn<lb n="31"/>sie isolirt wird, erst Genuß und Gefühl heißen kann, auffassen zu wollen, ist völlig<lb n="32"/>gleichgültig, wenn die höchste Seligkeit höchste Idee ist, denn vernünftiges Thun<lb n="33"/>und höchster Genuß, Idealität und Realität sind beyde gleicherweise in ihr und iden<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tisch. Jede Philosophie stellt nichts dar, als daß sie höchste Seligkeit als Idee con<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>struirt; indem der höchste Genuß durch Vernunft erkannt wird, fällt die Unterscheid<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>barkeit beyder unmittelbar hinweg; indem der Begriff und die Unendlichkeit, die<lb n="37"/>im Thun, und die Realität und Endlichkeit, die im Genusse herrschend ist, ineinander<lb n="38"/>aufgenommen werden. Die Polemik gegen die Glückseligkeit wird ein leeres<lb n="39"/>Geschwätze heißen, wenn diese Glückseligkeit als der selige Genuß der ewigen An-</p>
<pb n="319" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=326" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="10–12"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>schauung erkannt wird. Aber freylich hat dasjenige, was man Eudämonismus ge<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nannt, eine empirische Glückseligkeit, einen Genuß der Empfindung, nicht die ewige<lb n="3"/>Anschauung und Seligkeit verstanden.</p>
<p><lb n="4"/>Dieser Absolutheit des empirischen und endlichen Wesens steht der Begriff, oder<lb n="5"/>die Unendlichkeit so unmittelbar gegenüber, daß Eins durchs andere bedingt, und<lb n="6"/>Eins mit dem andern, und weil das Eine in seinem für sich seyn absolut ist, es auch das<lb n="7"/>andere, und das Dritte, das wahrhafte Erste, das Ewige jenseits dieses Gegensatzes ist.<lb n="8"/>Das Unendliche, der Begriff, als an sich leer, das Nichts, erhält seinen Innhalt durch<lb n="9"/>dasjenige, worauf es in seiner Entgegensetzung bezogen ist, nemlich die empirische<lb n="10"/>Glückseligkeit des Individuums; unter welche Einheit des Begriffs, dessen Innhalt<lb n="11"/>die absolute Einzelheit ist, alles zu setzen, und alle und jede Gestalt der Schönheit<lb n="12"/>und Ausdruck einer Idee, Weisheit und Tugend, Kunst und Wissenschaft für sie<lb n="13"/>zu berechnen, das heißt, zu Etwas zu machen, was nicht an sich ist, denn das Einzige<lb n="14"/>an sich ist der abstracte Begriff dessen, was nicht Idee, sondern absolute Einzelnheit<lb n="15"/>ist, Weisheit und Wissenschaft heißt.</p>
<p><lb n="16"/>Nach dem festen Princip dieses Systems der Bildung, daß das Endliche an und für<lb n="17"/>sich und absolut und die einzige Realität ist, steht also auf einer Seite das Endliche<lb n="18"/>und Einzelne selbst in der Form der Mannichfaltigkeit, und in diese wird also alles<lb n="19"/>religiöse, sittliche und schöne geworfen, weil es fähig ist, vom Verstande als ein<lb n="20"/>Einzelnes begriffen zu werden; auf der andern Seite eben diese absolute Endlichkeit<lb n="21"/>in der Form des Unendlichen, als Begriff der Glückseligkeit; das Unendliche und<lb n="22"/>Endliche, die nicht in der Idee identisch gesetzt werden sollen, denn jedes ist absolut<lb n="23"/>für sich, stehen auf diese Weise in der Beziehung des Beherrschens gegeneinander,<lb n="24"/>denn im absoluten Gegensatz derselben ist der Begriff das Bestimmende. Aber über<lb n="25"/>diesem absoluten Gegensatz und den relativen Identitäten des Beherrschens, und der<lb n="26"/>empirischen Begreifflichkeit steht das Ewige; weil jener absolut ist, so ist diese Sphäre<lb n="27"/>das Nichtzuberechnende, Unbegreiffliche, Leere; ein unerkennbarer Gott, der jen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>seits der Gräntzpfähle der Vernunft liegt; eine Sphäre, welche nichts ist für die<lb n="29"/>Anschauung, denn die Anschauung ist hier nur eine sinnliche und beschränkte; eben<lb n="30"/>so nichts für den Genuß, denn es gibt nur empirische Glückseligkeit; nichts für das<lb n="31"/>Erkennen, denn, was Vernunft heißt, ist nichts als Berechnen alles und eines jeden<lb n="32"/>für die Einzelheit, und das Setzen aller Idee unter die Endlichkeit.</p>
<p><lb n="33"/>Dieser Grundcharakter des Eudämonismus und der Aufklärung, welcher die<lb n="34"/>schöne Subjectivität des Protestantismus in eine empirische, die Poesie seines Schmer<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zens, der mit dem empirischen Daseyn alle Versöhnung verschmäht, in die Prosa<lb n="36"/>der Befriedigung mit dieser Endlichkeit und des guten Gewissens darüber, um<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>geschaffen hatte, welches Verhältniß hat er in der Kantischen, Jacobischen und Fichte’<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>schen Philosophie erhalten? Diese Philosophieen treten so wenig aus demselben her<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>aus, daß sie denselben vielmehr nur aufs höchste vervollkommnet haben. Ihre</p>
<pb n="320" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=327" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="12–14"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 1</fw>
<p><lb n="1"/>bewußte Richtung geht unmittelbar gegen das Princip des Eudämonismus, aber da<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>durch, daß sie nichts als diese Richtung sind, ist ihr positiver Charakter jenes Princip<lb n="3"/>selbst; so daß die Modification, welche diese Philosophieen in den Eudämonismus<lb n="4"/>bringen, nur seiner Bildung eine Vervollkommnung gibt, die an sich für die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>nunft und Philosophie, für das Princip gleichgültig ist. Es bleibt in diesen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>sophieen das Absolutseyn des Endlichen und der empirischen Realität, und das absolute<lb n="7"/>Entgegengesetztseyn des Unendlichen und Endlichen, und das Idealische ist nur<lb n="8"/>begriffen als der Begriff; es bleibt im besondern, wenn dieser Begriff positiv gesetzt<lb n="9"/>ist, die zwischen ihnen mögliche relative Identität allein, die Beherrschung des als<lb n="10"/>reell und endlich erscheinenden, worunter zugleich alles schöne und sittliche gehört,<lb n="11"/>durch den Begriff; wenn aber der Begriff als negativ gesetzt ist, so ist die Subjectivi<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tät des Individuums in empirischer Form vorhanden und das Beherrschen geschieht<lb n="13"/>nicht durch den Verstand, sondern als eine natürliche Stärke und Schwäche der Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>jectivitäten gegeneinander; es bleibt über dieser absoluten Endlichkeit und absoluten<lb n="15"/>Unendlichkeit, das Absolute als eine Leerheit der Vernunft, und der fixen Unbegreiff<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichkeit und des Glaubens, der an sich vernunftlos, vernünftig darum heißt, weil jene<lb n="17"/>auf ihre absolute Entgegensetzung eingeschränkte Vernunft ein höheres über sich<lb n="18"/>erkennt, aus dem sie sich ausschließt.</p>
<p><lb n="19"/>In der Form als Eudämonismus hatte das Princip einer absoluten Endlichkeit die<lb n="20"/>Vollkommenheit der Abstraction noch nicht erreicht, indem auf der Seite der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>endlichkeit der Begriff nicht rein gesetzt, sondern mit einem Innhalt erfüllt als Glück<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>seligkeit steht. Dadurch, daß der Begriff nicht rein ist, ist er in positiver Gleichheit<lb n="23"/>mit seinem Entgegengesetzten, denn dasjenige, was seinen Innhalt ausmacht, ist eben<lb n="24"/>die Realität, hier in Begriffsform gesetzt, welche auf der andern Seite Mannichfaltig<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>keit ist, so daß keine Reflexion auf die Entgegensetzung vorhanden, oder die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gegensetzung nicht objectiv, und nicht das Empirische als Negativität für den Begriff,<lb n="27"/>der Begriff als Negativität für das Empirische, noch der Begriff als das an sich<lb n="28"/>Negative gesetzt ist. In der Vollkommenheit der Abstraction aber ist die Reflexion<lb n="29"/>auf diese Entgegensetzung, oder die ideelle Entgegensetzung objectiv, und jedes<lb n="30"/>gesetzt als ein Etwas, welches nicht ist, was das andere ist; die Einheit und das<lb n="31"/>Mannichfaltige treten hier als Abstractionen einander gegenüber, wodurch denn die<lb n="32"/>Entgegengesetzten beyde Seiten der Positivität und der Negativität gegeneinander<lb n="33"/>haben; so daß also das Empirische zugleich ein absolutes Etwas für den Begriff ist,<lb n="34"/>und zugleich absolutes Nichts. Durch jene Seite sind sie der vorherige Empirismus,<lb n="35"/>durch diese sind sie zugleich Idealismus und Skepticismus; jenes nennen sie praktische,<lb n="36"/>dieß theoretische Philosophie; in jener hat für den Begriff, oder an und für sich selbst,<lb n="37"/>das Empirische absolute Realität; in dieser ist das Wissen von demselben Nichts.</p>
<pb n="321" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=328" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="14–16"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Innerhalb dieses gemeinschaftlichen Grundprincips, der Absolutheit der Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>keit und des daraus sich ergebenden absoluten Gegensatzes von Endlichkeit und<lb n="3"/>Unendlichkeit, Realität und Idealität, Sinnlichem und Uebersinnlichem, und des<lb n="4"/>Jenseitsseyns des wahrhaft Reellen und Absoluten bilden <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Philosophieen</hi><lb n="5"/>wieder Gegensätze unter sich, und zwar <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Totalität</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Princip</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">möglichen</hi> <hi rendition="#g">Formen</hi>. Die Kantische Philosophie stellt die objective Seite dieser<lb n="7"/>ganzen Sphäre auf; der absolute Begriff, schlechthin für sich seyend als praktische<lb n="8"/>Vernunft, ist die höchste Objectivität im Endlichen, absolut als die Idealität an und<lb n="9"/>für sich postulirt. Die Jacobische Philosophie ist die subjective Seite, sie verlegt den<lb n="10"/>Gegensatz und das absolut postulirte Identischseyn in die Subjectivität des Gefühls,<lb n="11"/>als einer unendlichen Sehnsucht und eines unheilbaren Schmerzens. Die Fichtesche<lb n="12"/>Philosophie ist die Synthese beyder; sie fordert die Form der Objectivität und der<lb n="13"/>Grundsätze wie Kant; aber setzt den Widerstreit dieser reinen Objectivität gegen die<lb n="14"/>Subjectivität zugleich als ein Sehnen und eine subjective Identität. Bey Kant ist der<lb n="15"/>unendliche Begriff an und für sich gesetzt, und das allein von der Philosophie<lb n="16"/>anerkannte, bey Jacobi erscheint das Unendliche von Subjectivität afficirt, als Instinct,<lb n="17"/>Trieb, Individualität; bey Fichte ist das von Subjectivität afficirte Unendliche selbst<lb n="18"/>wieder als Sollen und Streben objectiv gemacht.</p>
<p><lb n="19"/>So diametral also diese Philosophieen sich dem Eudämonismus selbst entgegen<lb n="20"/>setzen, so wenig sind sie aus ihm herausgetreten; es ist ihre schlechthin einzig aus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gesprochene Tendenz, und von ihnen angegebnes Princip, sich über das Subjective<lb n="22"/>und Empirische zu erheben; und der Vernunft ihr Absolutseyn und ihre Unabhängig<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>keit von der gemeinen Wirklichkeit zu vindiciren. Aber weil diese Vernunft schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>hin nur diese Richtung gegen das Empirische hat, das Unendliche an sich nur in<lb n="25"/>Beziehung auf das Endliche ist; so sind diese Philosophieen, indem sie das Empirische<lb n="26"/>bekämpfen, unmittelbar in seiner Sphäre geblieben, die Kantische und Fichte’sche<lb n="27"/>haben sich wohl zum Begriff, aber nicht zur Idee erhoben; und der reine Begriff ist<lb n="28"/>absolute Idealität und Leerheit, der seinen Innhalt und seine Dimensionen schlechthin<lb n="29"/>nur in Beziehung auf das Empirische, und damit durch dasselbe hat und eben den<lb n="30"/>absoluten sittlichen und wissenschaftlichen Empirismus begründet, den sie dem<lb n="31"/>Eudämonismus zum Vorwurf machen. Die Jacobische Philosophie hat diesen Um<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>weg nicht, den Begriff von der empirischen Realität abzusondern, und dem Begriff<lb n="33"/>alsdenn seinen Innhalt wieder von eben dieser empirischen Realität, außer welcher für<lb n="34"/>den Begriff nichts ist, als seine Vernichtung, geben zu lassen, sondern sie, da ihr Princip<lb n="35"/>Subjectivität unmittelbar ist, ist unmittelbarer Eudämonismus, nur mit dem Beyschlag<lb n="36"/>der Negativität, indem sie darauf reflectirt, daß das Denken, welches der Eudämonis<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mus noch nicht als das Ideelle, das Negative für die Realität erkennt, Nichts an sich ist.</p>
<p><lb n="38"/>Wenn die frühern wissenschaftlichen Erscheinungen dieses Realismus der Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>keit (denn was die unwissenschaftlichen betrifft, so gehört alles Thun und Treiben</p>
<pb n="322" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=329" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="16–18"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>der neuern Cultur noch darein), der Lockeanismus und die Glückseligkeitslehre die<lb n="2"/>Philosophie in empirische Psychologie verwandelt, und zum ersten und höchsten<lb n="3"/>Standpunct den Standpunct eines Subjects und die schlechthin seyende Endlichkeit<lb n="4"/>erhoben, und was für eine fühlende und bewußte Subjectivität, oder für eine nur in<lb n="5"/>Endlichkeit versenkte, und der Anschauung und Erkenntniß des Ewigen sich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schlagende Vernunft das Universum nach einer verständigen Berechnung ist, gefragt<lb n="7"/>und geantwortet hatten, so sind die Vervollständigung und Idealisirung dieser em<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>pirischen Psychologie die drey genannten Philosophieen, welche darin besteht, daß<lb n="9"/>erkannt wird, dem Empirischen sey der unendliche Begriff schlechthin entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gesetzt und die Sphäre dieses Gegensatzes, ein Endliches und ein Unendliches, sey<lb n="11"/>absolut; wenn aber so Unendlichkeit der Endlichkeit entgegengesetzt ist, ist eins so<lb n="12"/>endlich als das andere; und über derselben, jenseits des Begriffs und des Empirischen<lb n="13"/>sey das Ewige, aber Erkenntnißvermögen und Vernunft seyen schlechthin nur jene<lb n="14"/>Sphäre. In einer solchen nur endliches denkenden Vernunft findet sich freylich, daß<lb n="15"/>sie nur endliches denken; in der Vernunft als Trieb und Instinct findet sich, daß sie<lb n="16"/>das Ewige nicht denken kann. Der Idealismus, (der in der subjectiven Dimension,<lb n="17"/>nemlich in der Jacobischen Philosophie, nur die Form eines Skepticismus und auch<lb n="18"/>nicht des wahren haben kann, weil hier das reine Denken nur als subjectives gesetzt<lb n="19"/>wird, dahingegen der Idealismus darin besteht, daß es das objective ist) – dessen diese<lb n="20"/>Philosophieen fähig sind, ist ein Idealismus des Endlichen nicht in dem Sinne, daß das<lb n="21"/>Endliche in ihnen nichts wäre, sondern das Endliche ist in die ideelle Form auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>genommen, und endliche Idealität, d. h. reiner Begriff, eine der Endlichkeit absolut<lb n="23"/>entgegengesetzte Unendlichkeit, mit dem realen Endlichen, beyde gleicherweise ab<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>solut gesetzt.</p>
<p><lb n="25"/>Hiernach ist denn das an sich und einzige Gewisse, daß ein denkendes Subject, eine<lb n="26"/>mit Endlichkeit afficirte Vernunft ist, und die ganze Philosophie besteht darin, das<lb n="27"/>Universum für diese endliche Vernunft zu bestimmen; die sogenannte Kritik der<lb n="28"/>Erkenntnißkräfte bei Kant, das nicht Ueberfliegen des Bewußtseyns und nicht Tran<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>scendentwerden bey Fichte, und bey Jacobi, nichts für die Vernunft unmögliches<lb n="30"/>unternehmen heißt nichts anders als die Vernunft auf die Form der Endlichkeit ab<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>solut einschränken, und in allem vernünftigen Erkennen die Absolutheit des Subjects<lb n="32"/>nicht vergessen, und die Beschränktheit zum ewigen Gesetz und Seyn sowohl an sich<lb n="33"/>als für die Philosophie machen. Es ist also in diesen Philosophieen nichts zu sehen, als<lb n="34"/>die Erhebung der Reflexions-Cultur zu einem System; eine Cultur des gemeinen<lb n="35"/>Menschenverstandes, der sich bis zum Denken eines Allgemeinen erhebt, den unend<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lichen Begriff aber, weil er gemeiner Verstand bleibt, für absolutes Denken nimmt,<lb n="37"/>und sein sonstiges Anschauen des Ewigen und den unendlichen Begriff schlechthin</p>
<pb n="323" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=330" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="18–19"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>auseinander läßt, es sey entweder, daß er auf jenes Anschauen überhaupt Verzicht<lb n="2"/>thut, und sich im Begriff und der Empirie hält, oder daß er beyde hat, aber es nicht<lb n="3"/>vereinigen, sein Anschauen nicht in den Begriff aufnehmen, noch Begriff und<lb n="4"/>Empirie gleicherweise vernichten kann. Die Qual der bessern Natur unter dieser<lb n="5"/>Beschränktheit oder absoluten Entgegensetzung drückt sich durch das Sehnen und<lb n="6"/>Streben, das Bewußtseyn, daß es Beschränktheit ist, über die sie nicht hinaus kann,<lb n="7"/>als Glauben an ein Jenseits dieser Beschränktheit aus; aber als perennirendes Unver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>mögen zugleich die Unmöglichkeit, über die Schranke in das sich selbst klare und<lb n="9"/>sehnsuchtslose Gebiet der Vernunft sich zu erheben.</p>
<p><lb n="10"/>Da der feste Standpunkt, den die allmächtige Zeit und ihre Cultur für die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sophie fixirt haben, eine mit Sinnlichkeit afficirte Vernunft ist, so ist das, worauf<lb n="12"/>solche Philosophie ausgehen kann, nicht, Gott zu erkennen, sondern, was man heißt,<lb n="13"/>den Menschen; dieser Mensch und die Menschheit sind ihr absoluter Standpunkt;<lb n="14"/>nämlich als eine fixe unüberwindliche Endlichkeit der Vernunft; nicht als Abglanz<lb n="15"/>der ewigen Schönheit, als geistiger Focus des Universums, sondern als eine absolute<lb n="16"/>Sinnlichkeit, welche aber das Vermögen des Glaubens hat, sich noch mit einem ihr<lb n="17"/>fremden Uebersinnlichen an einer und anderer Stelle anzutünchen. Wie wenn die<lb n="18"/>Kunst aufs Porträtiren eingeschränkt, ihr idealisches darin hätte, daß sie ins Auge<lb n="19"/>eines gemeinen Gesichts noch eine Sehnsucht, in seinen Mund noch ein weh<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>müthiges Lächeln brächte, aber ihr die über Sehnsucht und Wehmuth erhabenen<lb n="21"/>Götter schlechthin untersagt wäre darzustellen, als ob die Darstellung ewiger Bilder<lb n="22"/>nur auf Kosten der Menschlichkeit möglich wäre, so soll die Philosophie nicht die<lb n="23"/>Idee des Menschen, sondern das Abstractum der mit Beschränktheit vermischten<lb n="24"/>empirischen Menschheit darstellen, und den Pfahl des absoluten Gegensatzes un<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>beweglich in sich eingeschlagen tragen, und, indem sie sich ihre Eingeschränktheit<lb n="26"/>auf das Sinnliche deutlich macht, sie mag dieß ihr Abstractum analysiren, oder auf<lb n="27"/>die schöngeisterische und rührende Weise ganz lassen, sich zugleich mit der ober<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>flächlichen Farbe eines Uebersinnlichen schmücken, indem sie im Glauben auf ein<lb n="29"/>Höheres verweist. Aber die Wahrheit kann durch ein solches Heiligen der Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>keit, die bestehen bleibt, nicht hintergangen werden, denn die wahre Heiligung<lb n="31"/>müßte dasselbe vernichten; wenn der Künstler, der nicht der Wirklichkeit, dadurch,<lb n="32"/>daß er die ätherische Beleuchtung auf sie fallen läßt, und sie ganz darein aufnimmt,<lb n="33"/>die wahre Wahrheit zu geben, sondern nur die Wirklichkeit an und für sich, wie sie<lb n="34"/>gewöhnlich Realität und Wahrheit heißt, ohne weder das eine noch das andere zu<lb n="35"/>seyn, darzustellen vermag, zu dem rührenden Mittel gegen die Wirklichkeit, dem<lb n="36"/>Mittel der Sehnsucht und Sentimentalität flieht, und allenthalben der Gemeinheit<lb n="37"/>Thränen auf die Wangen macht, und ein Ach Gott! in den Mund gibt, wodurch</p>
<pb n="324" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=331" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="19–21"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>seine Gestalten freylich gegen den Himmel über das Wirkliche hinaus sich richten,<lb n="2"/>aber wie die Fledermäuse, weder dem Vögelgeschlecht noch dem Thiergeschlecht,<lb n="3"/>weder der Erde noch dem Himmel angehören, und solche Schönheit nicht ohne<lb n="4"/>Häßlichkeit, solche Sittlichkeit nicht ohne Schwäche und Niederträchtigkeit, solcher<lb n="5"/>Verstand, der dabey vorkommt, nicht ohne Plattheit, das Glück und Unglück, das<lb n="6"/>dabey mitspielt, jenes nicht ohne Gemeinheit, dieses nicht ohne Angst und Feigheit,<lb n="7"/>beydes nicht ohne Verächtlichkeit seyn kann; eben so wenig kann die Philosophie<lb n="8"/>das Endliche und die Subjectivität, wenn sie sie als absolute Wahrheit nach ihrer<lb n="9"/>Weise in Begriffsform aufnimmt, dadurch reinigen, daß sie dieselbe mit Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichem in Beziehung bringt; denn dieses Unendliche ist selbst nicht das Wahre, weil es<lb n="11"/>die Endlichkeit nicht aufzuzehren vermag. Wenn aber in ihr die Wirklichkeit und<lb n="12"/>das Zeitliche als solches verschwindet, so gilt dieß für grausames Seciren, das den<lb n="13"/>Menschen nicht ganz läßt, und für ein gewaltthätiges Abstrahiren, das keine Wahrheit,<lb n="14"/>besonders nicht praktische Wahrheit hat, und eine solche Abstraction wird begriffen,<lb n="15"/>als schmerzerregendes Wegschneiden eines wesentlichen Stückes von der Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ständigkeit des Ganzen; als wesentliches Stück aber wird erkannt, und als ein ab<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>solutes An-sich, das Zeitliche und Empirische, und die Privation; es ist, als ob der<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>jenige, der nur die Füße eines Kunstwerks sieht, wenn das ganze Werk seinen Augen<lb n="19"/>enthüllt wird, darüber klagte, daß er der Privation privirt, die Unvollständigkeit<lb n="20"/>verunvollständigt worden sey. Das Endliche erkennen ist ein solches Erkennen eines<lb n="21"/>Theils und eines Einzelnen; wenn das Absolute <hi rendition="#g">zusammengesetzt</hi> wäre aus End<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichem und Unendlichem, so würde die Abstraction vom Endlichen allerdings ein<lb n="23"/>Verlust seyn, aber in der Idee ist endliches und unendliches Eins, und deßwegen die<lb n="24"/>Endlichkeit als solche verschwunden, insofern sie an und für sich Wahrheit und<lb n="25"/>Realität haben sollte; es ist aber nur das, was an ihr Negation ist, negirt worden, und<lb n="26"/>also die wahre Affirmation gesetzt. Das höchste Abstractum jener absolutgemachten<lb n="27"/>Negation ist die Egoität, wie sonst das Ding die höchste Abstraction der Position;<lb n="28"/>Eins wie das andere ist selbst nur eine Negation des andern; reines Seyn, wie reines<lb n="29"/>Denken, – ein absolutes Ding und absolute Egoität sind gleicherweise die Endlichkeit<lb n="30"/>zu einem Absoluten gemacht, und auf dieser einen und selben Stuffe stehen, um von<lb n="31"/>den andern Erscheinungen nicht zu sprechen, Eudämonismus und Aufklärerey, so<lb n="32"/>wie Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie, zu deren ausgeführterer<lb n="33"/>Gegeneinanderstellung wir jetzt uns wenden.</p>
<pb n="325" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=332" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="22–23"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>A.<lb n="2"/>KANTISCHE PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="3"/>Die Kantische Philosophie ist ihres Princips der Subjectivität und des formalen<lb n="4"/>Denkens, dadurch, daß ihr Wesen darin besteht, kritischer Idealismus zu seyn, gerade<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zu geständig; und in der Sicherheit ihres Standpuncts, die Einheit der Reflexion zum<lb n="6"/>Höchsten zu machen, gibt sie in dem unbesorgtesten Erzählen die Offenbahrung<lb n="7"/>dessen, was sie ist und will; der Name Vernunft, den sie dem Begriffe gibt, vermag<lb n="8"/>den Aufschluß, darüber, höchstens zu erschweren oder zu verhüllen; auf den<lb n="9"/>niedrigern Standpuncten, wo ihr in Wahrheit eine Idee zum Grunde liegt, macht<lb n="10"/>theils die Verworrenheit, in der sie die Idee ausdrückt, Mühe, sie zu erkennen, theils<lb n="11"/>verwandelt sie selbst das Vernünftige wieder bald genug in ein Verständiges und<lb n="12"/>Bedingtes; sonst aber geräth sie als auf bloße Möglichkeiten des Denkens, und aller<lb n="13"/>Realität entbehrende überschwengliche Begriffe, öfters in ihrem Wege beiläufig auf<lb n="14"/>Ideen, welche sie bald genug als bloße leere Gedanken wieder fallen läßt; und die<lb n="15"/>höchste Idee, auf welche sie in ihrem kritischen Geschäfte stieß, und sie als eine leere<lb n="16"/>Grübeley und einen unnatürlichen bloßen Schulwitz, aus Begriffen eine Realität<lb n="17"/>heraus zu klauben, behandelte, stellt sie selbst aber am Ende ihrer Philosophie als<lb n="18"/>ein Postulat auf, das eine nothwendige Subjectivität hätte, aber nicht diejenige ab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>solute Objectivität, um von dieser Idee, statt mit ihr im Glauben zu enden, ganz allein<lb n="20"/>die Philosophie anzufangen und sie als den alleinigen Inhalt derselben anzuerkennen.<lb n="21"/>Wenn die Kantische Philosophie schlechthin in dem Gegensatze verweilt, und die<lb n="22"/>Identität desselben zum absoluten Ende der Philosophie, d. h. zur reinen Gränze, die<lb n="23"/>nur eine Negation derselben ist, macht, so muß dagegen als Aufgabe der wahren<lb n="24"/>Philosophie nicht angesehen werden, die Gegensätze, die sich vorfinden, die bald als<lb n="25"/>Geist und Welt, als Seele und Leib, als Ich und Natur u.s.w. aufgefaßt werden, in<lb n="26"/>ihrem Ende zu lösen, sondern ihre einzige Idee, welche für sie Realität und wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>hafte Objectivität hat, ist das absolute Aufgehobenseyn des Gegensatzes, und diese<lb n="28"/>absolute Identität ist weder ein allgemeines subjectives nicht zu realisirendes Postulat,<lb n="29"/>sondern sie ist die einzige wahrhafte Realität; noch das Erkennen derselben ein Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ben, d. h. ein Jenseits für das Wissen, sondern ihr einziges Wissen. Weil nun die<lb n="31"/>Philosophie in der absoluten Identität weder das eine der entgegengesetzten, noch<lb n="32"/>das andere, in seiner Abstraction von dem andern, für sich seyend anerkennt, sondern<lb n="33"/>die höchste Idee indifferent gegen beydes, und jedes einzeln betrachtet, Nichts ist, ist<lb n="34"/>sie Idealismus; und die Kantische Philosophie hat das Verdienst, Idealismus zu seyn,</p>
<pb n="326" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=333" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="23–25"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>insofern sie erweist, daß weder der Begriff für sich allein, noch die Anschauung für<lb n="2"/>sich allein, Etwas, die Anschauung für sich blind und der Begriff für sich leer ist;<lb n="3"/>und daß die endliche Identität beyder im Bewußtseyn, welche Erfahrung heißt, eben<lb n="4"/>so wenig eine vernünftige Erkenntniß ist; aber indem die Kantische Philosophie jene<lb n="5"/>endliche Erkenntniß für die einzig mögliche erklärt, und zu dem an sich seyenden,<lb n="6"/>zum positiven, eben jene negative, rein idealistische Seite oder wieder eben jenen<lb n="7"/>leeren Begriff als absolute, sowohl theoretische als praktische Vernunft macht, fällt<lb n="8"/>sie zurück in absolute Endlichkeit und Subjectivität; und die ganze Aufgabe und<lb n="9"/>Inhalt dieser Philosophie ist nicht das Erkennen des Absoluten, sondern das Erkennen<lb n="10"/>dieser Subjectivität oder eine Kritik der Erkenntnißvermögen.</p>
<p><lb n="11"/>»Ich hielte dafür, daß es gleichsam der erste Schritt wäre, den verschiedenen<lb n="12"/>Untersuchungen, die das Gemüth des Menschen gerne unternimmt, ein Genüge zu<lb n="13"/>thun, wenn wir unsern Verstand genau betrachteten, unsere Kräfte erforschten und<lb n="14"/>zusähen, zu welchen Dingen sie aufgelegt sind. Wenn die Menschen mit ihren Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>suchungen weiter gehen, als es ihre Fähigkeit zuläßt, und ihre Gedanken auf einer so<lb n="16"/>tiefen See umherschweifen lassen, wo sie keine Spur finden können; so ist es kein<lb n="17"/>Wunder, daß sie lauter Zweifel erregen, und der Streitigkeiten immer mehr machen,<lb n="18"/>welche, da sie sich niemals auflösen und ausmachen lassen, nur dienen, ihre Zweifel zu<lb n="19"/>unterhalten und zu vermehren, und sie endlich in der vollkommenen Zweiflerey zu<lb n="20"/>bestärken. Würde hingegen die Fähigkeit unseres Verstandes wohl überlegt, würde<lb n="21"/>einmal entdeckt, wie weit sich unsere Erkenntniß erstreckt, und der Horizont ge<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>funden, welcher zwischen dem erleuchteten und dem finstern Theile, zwischen dem<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>jenigen, was sich begreifen läßt, und demjenigen, was sich nicht begreifen läßt, die<lb n="24"/>Scheidegränzen macht; so würden vielleicht die Menschen mit wenigerer Schwierig<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>keit bey der erkannten Unwissenheit des einen beruhen, und ihre Gedanken und<lb n="26"/>Reden mit mehrerem Vortheil und Vergnügen zu dem andern anwenden.«</p>
<p><lb n="27"/>Mit solchen Worten drückt Locke in der Einleitung zu seinem Versuche den<lb n="28"/>Zweck seines Unternehmens aus, Worte, welche man eben so in der Einleitung zur<lb n="29"/>Kantischen Philosophie lesen könnte, welche sich gleichfalls innerhalb des Lockeschen<lb n="30"/>Zwecks, nämlich der Betrachtung des endlichen Verstandes einschränkt.</p>
<p><lb n="31"/>Innerhalb dieser Schranke aber und ungeachtet der ganz anders lautenden höch<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sten Resultate findet sich die wahrhafte Vernunftidee ausgedrückt in der Formel:<lb n="33"/><hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">synthetische</hi> <hi rendition="#g">Urtheile</hi> <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi> <hi rendition="#g">möglich</hi>; es ist aber Kant begegnet,<lb n="34"/>was er Hume vorwirft, nämlich, daß er diese Aufgabe der Philosophie bey weitem<lb n="35"/>nicht bestimmt genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bey der<lb n="36"/><hi rendition="#g">subjectiven</hi> und äußerlichen Bedeutung dieser Frage stehen blieb, und heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>zubringen glaubte, daß ein vernünftiges Erkennen unmöglich sey, und nach seinen</p>
<pb n="327" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=334" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="25–27"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>Schlüssen würde alles, was Philosophie heißt, auf einen bloßen Wahn von ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>meynter Vernunfteinsicht hinauslaufen.</p>
<p><lb n="3"/>Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? Dieses Problem drückt nichts<lb n="4"/>anders aus, als die Idee, daß in dem synthetischen Urtheil Subject und Prädicat, jenes<lb n="5"/>das Besondere, dieses das Allgemeine, jenes in der Form des Seyns, dieß in der Form<lb n="6"/>des Denkens, – dieses ungleichartige zugleich a priori, d. h. absolut identisch ist. Die<lb n="7"/>Möglichkeit dieses Setzens ist allein die Vernunft, welche nichts anders ist, als diese<lb n="8"/>Identität solcher ungleichartigen. Man erblickt diese Idee durch die Flachheit der<lb n="9"/>Deduction der Kategorien hindurch, und in Beziehung auf Raum und Zeit nicht da,<lb n="10"/>wo sie seyn sollte, in der transcendentalen Erörterung dieser Formen, aber doch in<lb n="11"/>der Folge, wo die ursprünglich synthetische Einheit der Apperception erst bey der<lb n="12"/>Deduction der Kategorieen zum Vorschein kommt, und auch als Princip der figür<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lichen Synthesis, oder der Formen der Anschauung erkannt, und Raum und Zeit selbst<lb n="14"/>als synthetische Einheiten und die productive Einbildungskraft, Spontaneität und<lb n="15"/>absolute synthetische Thätigkeit, als Princip der Sinnlichkeit begriffen wird, welche<lb n="16"/>vorher nur als Receptivität charakterisirt worden war.</p>
<p><lb n="17"/>Diese ursprüngliche synthetische Einheit, d. h. eine Einheit, die nicht als Product<lb n="18"/>entgegengesetzter begriffen werden muß, sondern als wahrhaft nothwendige, ab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>solute, ursprüngliche Identität entgegengesetzter, ist sowohl Princip der productiven<lb n="20"/>Einbildungskraft, der blinden, d. h. in die Differenz versenkten, von ihr sich nicht<lb n="21"/>abscheidenden, als der die Differenz identisch setzenden, aber von den Differenten<lb n="22"/>sich unterscheidenden Einheit, als Verstand; woraus erhellt, daß die Kantischen For<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>men der Anschauung und die Formen des Denkens gar nicht als besondere isolirte<lb n="24"/>Vermögen auseinander liegen, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Eine und eben<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>dieselbe synthetische Einheit, – und was diese hier heißt, ist so eben bestimmt wor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>den – ist das Princip des Anschauens und des Verstandes, der Verstand ist allein die<lb n="27"/>höhere Potenz, in welcher die Identität, die im Anschauen ganz und gar in die<lb n="28"/>Mannichfaltigkeit versenkt ist, zugleich als ihr entgegengesetzt sich in sich als All<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gemeinheit, wodurch sie die höhere Potenz ist, constituirt; Kant hat deßwegen ganz<lb n="30"/>Recht, die Anschauung ohne die Form blind zu nennen, denn in der Anschauung ist<lb n="31"/>nicht der relative Gegensatz und also auch nicht die relative Identität zwischen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>heit und Differenz, als in welcher relativen Identität und Gegensatz das Sehen oder<lb n="33"/>das Bewußtseyn besteht, vorhanden, sondern die Identität ist wie im Magnet völlig<lb n="34"/>mit der Differenz identisch: insofern aber die Anschauung eine sinnliche, d. h. der<lb n="35"/>Gegensatz nicht wie in der intellectuellen Anschauung aufgehoben ist, sondern in<lb n="36"/>der empirischen Anschauung als einer solchen hervortreten muß, so besteht er auch<lb n="37"/>in dieser Form des Versenktseyns, und so treten die Gegensätze als zwey Formen des<lb n="38"/>Anschauens auseinander, die eine als Identität des Denkens, die andere als Identität<lb n="39"/>des Seyns, als Anschauung der Zeit und des Raums. – Eben so ist der Begriff leer</p>
<pb n="328" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=335" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="27–29"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>ohne Anschauung, denn die synthetische Einheit ist nur Begriff, indem sie die Dif<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ferenz so verbindet, daß sie zugleich ausserhalb derselben in relativem Gegensatz ihr<lb n="3"/>gegenüber tritt; der reine Begriff isolirt ist die leere Identität; nur als relativ identisch<lb n="4"/>zugleich mit dem, welchem er gegenüber steht, ist er Begriff und erfüllt nur durch<lb n="5"/>das Mannichfaltige der Anschauung; sinnliche Anschauung A = B; Begriff A² =<lb n="6"/>(A = B).</p>
<p><lb n="7"/>Was den Hauptumstand betrifft, daß die productive Einbildungskraft, sowohl in<lb n="8"/>der Form des sinnlichen Anschauens, als des Begreiffens der Anschauung oder der<lb n="9"/>Erfahrung eine wahrhaft speculative Idee ist, so kann die Identität durch den Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>druck einer synthetischen Einheit den Anschein, als ob sie die Antithesis voraussetzte,<lb n="11"/>und der Mannichfaltigkeit der Antithesis, als eines von ihr unabhängigen und für sich<lb n="12"/>seyenden bedürfte, also der Natur nach später wäre als die Entgegensetzung, er<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>halten; allein jene Einheit ist bey Kant unwidersprechlich die absolute, ursprüngliche<lb n="14"/>Identität des Selbstbewußtseyns, welche apriorisch absolut aus sich das Urtheil setzt,<lb n="15"/>oder vielmehr als Identität des Subjectiven und Objectiven im Bewußtseyn als Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>theil erscheint; diese ursprüngliche Einheit der Apperception, heißt synthetisch eben<lb n="17"/>wegen ihrer Doppelseitigkeit, weil in ihr das Entgegengesetzte absolut Eins ist; wenn<lb n="18"/>die absolute Synthesis, die insofern absolut ist, als sie nicht ein Aggregat von zu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sammengelesenen Mannichfaltigkeiten, und erst nach diesen, und zu ihnen hin<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zugetreten ist, getrennt, und auf ihre entgegengesetzten reflectirt wird, so ist das<lb n="21"/>Eine derselben, das leere Ich, der Begriff, das andere, Mannichfaltigkeit, Leib,<lb n="22"/>Materie oder wie man will; Kant sagt sehr gut, Krit. der r. Vernunft S. 135: durch das<lb n="23"/>leere Ich als einfache Vorstellung ist nichts mannichfaltiges gegeben; die wahre syn<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>thetische Einheit oder vernünftige Identität ist nur diejenige, welche die Beziehung<lb n="25"/>ist des Mannichfaltigen auf die leere Identität, das Ich; aus welcher, als ursprünglicher<lb n="26"/>Synthesis, das Ich, als denkendes Subject, und das Mannichfaltige, als Leib und Welt<lb n="27"/>sich erst abscheiden; wodurch also Kant die Abstraction des Ich, oder der verstän<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>digen Identität, selbst von dem wahren Ich, als absoluter, ursprünglich synthetischer<lb n="29"/>Identität als dem Princip unterscheidet.</p>
<p><lb n="30"/>So hat Kant in Wahrheit seine Frage: wie sind synthetische Urtheile a priori mög<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lich, gelöst; sie sind möglich durch die ursprüngliche absolute Identität von ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>artigem, aus welcher als dem Unbedingten sie selbst als in die Form eines Urtheils<lb n="33"/>getrennt erscheinendes Subject und Prädicat, Besonderes und Allgemeines erst sich<lb n="34"/>sondert. Das Vernünftige oder, wie Kant sich ausdrückt, das Apriorische dieses<lb n="35"/>Urtheils, die absolute Identität, als Mittelbegriff, stellt sich aber im Urtheil nicht,<lb n="36"/>sondern im Schluß dar; im Urtheil ist sie nur die Copula: ist, ein Bewußtloses; und<lb n="37"/>das Urtheil selbst ist nur die überwiegende Erscheinung der Differenz; das Ver-</p>
<pb n="329" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=336" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="29–31"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>nünftige ist hier für das Erkennen eben so in den Gegensatz versenkt, wie für das<lb n="2"/>Bewußtseyn überhaupt die Identität in der Anschauung, die Copula ist nicht ein<lb n="3"/>Gedachtes, Erkanntes, sondern drückt gerade das Nichterkanntseyn des Vernünftigen<lb n="4"/>aus; was zum Vorschein kommt und im Bewußtseyn ist, ist nur das Product, als<lb n="5"/>Glieder des Gegensatzes: Subject und Prädicat; und nur sie sind in der Form des<lb n="6"/>Urtheils, nicht ihr Einsseyn als Gegenstand des Denkens gesetzt. In der sinnlichen<lb n="7"/>Anschauung tritt nicht Begriff und Reelles einander gegenüber; in dem Urtheil zieht<lb n="8"/>sich die Identität als Allgemeines zugleich aus ihrem Versenktseyn in die Differenz,<lb n="9"/>die auf diese Weise als Besonderes erscheint, heraus, und tritt diesem Versenktseyn<lb n="10"/>gegenüber; aber die vernünftige Identität der Identität, als des Allgemeinen und des<lb n="11"/>Besondern ist das Bewußtlose im Urtheil, und das Urtheil selbst nur die Erscheinung<lb n="12"/>desselben.</p>
<p><lb n="13"/>Von der ganzen transcendentalen Deduction sowohl der Formen der Anschauung,<lb n="14"/>als der Kategorie überhaupt, kann, ohne von dem Ich, welches das Vorstellende und<lb n="15"/>Subject ist und das alle Vorstellungen nur Begleitende von Kant genannt wird, das<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>jenige, was Kant das Vermögen der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apper<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ception nennt, zu unterscheiden, und diese Einbildungskraft, nicht als das Mittelglied,<lb n="18"/>welches zwischen ein existirendes absolutes Subject und eine absolute existirende<lb n="19"/>Welt erst eingeschoben wird, sondern sie als das, welches das Erste und Ursprüngliche<lb n="20"/>ist, und aus welchem das subjective Ich sowohl als die objective Welt erst zur noth<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wendig zweytheiligen Erscheinung und Product sich trennen, allein als das Ansich<lb n="22"/>zu erkennen, nichts verstanden werden. Diese Einbildungskraft als die ursprüngliche<lb n="23"/>zweyseitige Identität, die nach einer Seite Subject überhaupt wird, nach der andern<lb n="24"/>aber Object, und ursprünglich beydes ist, ist nichts anders als die Vernunft selbst,<lb n="25"/>deren Idee vorhin bestimmt worden ist; nur Vernunft als erscheinend in der Sphäre<lb n="26"/>des empirischen Bewußtseyns; daß das Ansich des empirischen Bewußtseyns die<lb n="27"/>Vernunft selbst ist, und productive Einbildungskraft, sowohl als anschauend als auch<lb n="28"/>als erfahrend nicht besondere von der Vernunft abgesonderte Vermögen sind, und<lb n="29"/>daß diese productive Einbildungskraft nur Verstand heißt, insofern die Kategorien<lb n="30"/>als die bestimmten Formen der erfahrenden Einbildungskraft unter der Form des<lb n="31"/>Unendlichen gesetzt, und als Begriffe fixirt werden, welche gleichfalls in ihrer<lb n="32"/>Sphäre ein vollständiges System bilden, dieß muß vorzüglich von denjenigen auf<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gefaßt werden, welche, wenn sie von Einbildungskraft sprechen hören, weder an<lb n="34"/>Verstand, noch vielweniger aber an Vernunft, sondern nur an Ungesetzmäßigkeit,<lb n="35"/>Willkühr und Erdichtung denken, und sich von der Vorstellung einer qualitativen<lb n="36"/>Mannichfaltigkeit von Vermögen und Fähigkeiten des Geistes nicht losmachen<lb n="37"/>können; in der Kantischen Philosophie hat man die productive Einbildungskraft</p>
<pb n="330" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=337" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="31–33"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>deßwegen mehr passiren lassen, weil ihre reine Idee allerdings ziemlich vermischt,<lb n="2"/>wie andere Potenzen, und fast in der gewöhnlichen Form psychologischer aber<lb n="3"/>apriorischer Vermögen dargestellt ist, und Kant das alleinige Apriorische, es sey der<lb n="4"/>Sinnlichkeit oder des Verstandes, oder was es ist, nicht als die Vernunft, sondern nur<lb n="5"/>unter formalen Begriffen von Allgemeinheit und Nothwendigkeit erkannt, und wie<lb n="6"/>wir gleich sehen werden, das wahrhaft Apriorische selbst wieder zu einer reinen, d. h.<lb n="7"/>nicht ursprünglich synthetischen Einheit gemacht hat.</p>
<p><lb n="8"/>Indem aber das Ansich in der Potenz der Einbildungskraft aufgestellt, aber die<lb n="9"/>Duplicität derselben als eine reflectirte Duplicität, nemlich als Urtheil, und eben so<lb n="10"/>die Identität derselben als Verstand und Kategorie, also als eine gleichfalls reflectirte<lb n="11"/>und relative aufgefaßt worden ist, so mußte auch die absolute Identität der relativen,<lb n="12"/>als Allgemeines oder als Kategorie fixirten Identität und der relativen Duplicität des<lb n="13"/>Allgemeinen und des Besondern reflectirt, und als Vernunft erkannt werden; allein<lb n="14"/>die Einbildungskraft, welche Vernunft ist, versenkt in Differenz, wird als diese<lb n="15"/>Potenz nur in die Form der Unendlichkeit erhoben, als Verstand fixirt, und diese<lb n="16"/>bloß relative Identität tritt dem Besondern nothwendig entgegen, ist schlechthin von<lb n="17"/>ihm afficirt als einem ihr Fremden und Empirischen, und das Ansich beyder, die<lb n="18"/>Identität dieses Verstands und des Empirischen, oder das Apriorische des Urtheils<lb n="19"/>kommt nicht zum Vorschein; und die Philosophie geht vom Urtheil nicht bis zum<lb n="20"/>apriorischen Schluß, vom Anerkennen, daß es Erscheinung des Ansich ist, nicht zum<lb n="21"/>Erkennen des Ansich fort; und deßwegen kann, und in dieser Potenz muß das ab<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>solute Urtheil des Idealismus in der kantischen Darstellung so aufgefaßt werden, daß<lb n="23"/>das Mannichfaltige der Sinnlichkeit, das empirische Bewußtseyn als Anschauung und<lb n="24"/>Empfindung, an sich etwas unverbundenes, die Welt ein in sich zerfallendes ist, das<lb n="25"/>erst durch die Wohlthat des Selbstbewußtseyns der verständigen Menschen einen<lb n="26"/>objectiven Zusammenhang und Halt, Substantialität, Vielheit und sogar Wirklichkeit<lb n="27"/>und Möglichkeit erhält; eine objective Bestimmtheit, welche der Mensch hin-sieht,<lb n="28"/>und hinauswirft. Die ganze Deduction erhält alsdenn den sehr faßlichen Sinn, die<lb n="29"/>Dinge an sich und die Empfindungen, – und in Ansehung der Empfindungen und<lb n="30"/>ihrer empirischen Realität bleibt nichts übrig als zu denken, daß die Empfindung von<lb n="31"/>den Dingen an sich herkomme, denn von ihnen kommt überhaupt die unbegreifliche<lb n="32"/>Bestimmtheit des empirischen Bewußtseyns, und sie können weder angeschaut, noch<lb n="33"/>auch erkannt werden; was in der Erfahrung Form der Anschauung ist, gehört der<lb n="34"/>figürlichen, was Begriff ist, gehört der intellectuellen Synthesis, für die Dinge an<lb n="35"/>sich bleibt kein anderes Organ als die Empfindung, denn diese ist allein nicht à priori<lb n="36"/>d. h. nicht im menschlichen Erkenntnißvermögen, für welches nur Erscheinungen<lb n="37"/>sind, gegründet, – daß die Dinge an sich, und die Empfindungen ohne objective</p>
<pb n="331" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=338" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="33–34"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>Bestimmtheit sind; ihre objective Bestimmtheit ist ihre Einheit, diese Einheit aber<lb n="2"/>ist allein Selbstbewußtseyn eines Erfahrung habenden Subjects; und also eben so<lb n="3"/>wenig etwas wahrhaft Apriorisches und an sich seyendes als irgend eine andre Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>jectivität; der kritische Idealismus bestände demnach in Nichts als in dem formalen<lb n="5"/>Wissen, daß Subject und die Dinge, oder das Nicht Ich jedes für sich existiren, das<lb n="6"/>Ich des: Ich denke, und das Ding an sich, nicht als ob jedes von ihnen Substanz, das<lb n="7"/>eine als Seelending, das andere als objectives Ding gesetzt wäre, sondern Ich des Ich<lb n="8"/>denke, als Subject, ist absolut so wie das jenseits desselben liegende Ding an sich,<lb n="9"/>beyde ohne weitere Bestimmtheit nach Kategorieen; die objective Bestimmtheit und<lb n="10"/>ihre Formen treten erst ein in der Beziehung beyder auf einander; und diese ihre<lb n="11"/>Identität ist die formale, die als Causalzusammenhang erscheint, so daß Ding an sich<lb n="12"/>Object wird, insofern es einige Bestimmtheit vom thätigen Subject erhält, welche in<lb n="13"/>beyden dadurch allein eine und ebendieselbe ist, aber außerdem sind sie etwas völlig<lb n="14"/>ungleiches; identisch wie Sonne und Stein es sind in Ansehung der Wärme, wenn die<lb n="15"/>Sonne den Stein wärmt. In eine solche formale Identität, ist die absolute Identität des<lb n="16"/>Subjects und Objects, und der transcendentale Idealismus in diesen formalen oder<lb n="17"/>vielmehr und eigentlich psychologischen Idealismus übergegangen. – Das Urtheil,<lb n="18"/>wenn die Trennung von Subject und Object gemacht ist, erscheint wieder gedoppelt<lb n="19"/>im Subjectiven und im Objectiven, als ein Uebergang von einem Objectiven zu<lb n="20"/>einem andern, die selbst wieder im Verhältniß eines Subjectiven und Objectiven<lb n="21"/>gesetzt sind, und der Identität beyder; ebenso von einer subjectiven Erscheinung zu<lb n="22"/>einer andern; so ist die Schwere, das Objective, als ein Subjectives oder Besonderes<lb n="23"/>der Körper, als ein Objectives oder Allgemeines aber die Bewegung; oder das Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>jective, die Einbildungskraft, als Subjectives oder Besonderes, Ich, als Objectives<lb n="25"/>aber oder Allgemeines die Erfahrung. Diese Verhältnisse der Erscheinung, als Urtheile<lb n="26"/>hat Kant auf ihrer objectiven Seite im System der Grundsätze der Urtheilskraft auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gestellt; und insofern die Identität des in einem solchen Verhältniß des Urtheils als<lb n="28"/>ungleichartig erscheinenden, z. B. insofern das, was Ursache ist, nothwendig, d. h.<lb n="29"/>absolut verbunden dem Bewirkten, also transcendentale Identität ist, ist wahrer<lb n="30"/>Idealismus darin zu sehen. Aber dieses ganze System der Grundsätze tritt selbst wieder<lb n="31"/>als ein bewußter menschlicher Verstand auf die eine Seite, als ein Subjectives; und es<lb n="32"/>ist itzt die Frage, welches Verhältniß hat dieses Urtheil, nehmlich diese Subjectivität<lb n="33"/>des Verstands zur Objectivität? Beydes ist identisch, aber formal identisch, indem die<lb n="34"/>Ungleichartigkeit der Erscheinung hier weggelassen ist; die Form A ist als dieselbe<lb n="35"/>im Subject und Object vorhanden; sie ist nicht zugleich auf eine ungleichartige<lb n="36"/>Weise, d. h. das einemal als ein Subjectives, das andremal als ein Objectives, das eine<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mal als Einheit, das andremal als Mannichfaltigkeit gesetzt, wie die Entgegen-</p>
<pb n="332" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=339" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="35–36"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>setzung und Erscheinung allein erkannt werden muß; nicht das einemal als Punkt,<lb n="2"/>das andremal als Linie, nicht 1 = 2; sondern, wenn das Subjective Punct ist, so ist<lb n="3"/>auch das Objective Punct; ist das Subjective, Linie, so ist auch das Objective, Linie;<lb n="4"/>ein und ebendasselbe wird das einemal als Vorstellung, das anderemal als existirendes<lb n="5"/>Ding betrachtet; der Baum als meine Vorstellung, und als ein Ding; die Wärme,<lb n="6"/>Licht, Roth, Süß u.s.w. als meine Empfindung und als eine Eigenschaft eines Dings;<lb n="7"/>so wie die Kategorie das einemal als Verhältniß meines Denkens, das andremal als<lb n="8"/>Verhältniß der Dinge gesetzt wird. Daß nun eine solche Verschiedenheit, wie sie hier<lb n="9"/>vorgestellt ist, nur verschiedene Seiten meines subjectiven Betrachtens, und daß diese<lb n="10"/>Seiten nicht selbst wieder objectiv in der Entgegensetzung als Erkennen der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>scheinung gesetzt sind, sondern jene formale Identität als die Hauptsache erscheint,<lb n="12"/>dieß macht das Wesen des formalen oder psychologischen Idealismus aus, welcher die<lb n="13"/><hi rendition="#g">Erscheinung</hi> des Absoluten eben so wenig nach <hi rendition="#g">ihrer</hi> Wahrheit erkennt, als die<lb n="14"/>absolute Identität, – Eins ist schlechthin unzertrennlich vom andern, – und in welchen<lb n="15"/>die Kantische, aber besonders die Fichtesche Philosophie alle Augenblicke über<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gleitet. – Eine solche formale Identität hat unmittelbar eine unendliche Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>identität gegen oder neben sich, mit der sie auf eine unbegreifliche Weise coalesciren<lb n="18"/>muß; so kommt denn auf eine Seite das Ich mit seiner productiven Einbildungskraft,<lb n="19"/>oder vielmehr mit seiner synthetischen Einheit, die so isolirt gesetzt formale Einheit<lb n="20"/>des Mannichfaltigen ist, neben dieselbe aber eine Unendlichkeit der Empfindungen<lb n="21"/>und, wenn man will, der Dinge an sich, welches Reich insofern es von den Kate<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gorieen verlassen ist, nichts anders als ein formloser Klumpen seyn kann, obschon es<lb n="23"/>auch nach der Kritik der Urtheilskraft als ein Reich der schönen Natur Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heiten in sich enthält, für welche die Urtheilskraft nicht subsumirend, sondern nur<lb n="25"/>reflectirend seyn kann; aber, weil doch Objectivität und Halt überhaupt nur von<lb n="26"/>den Kategorieen herkommt, dieß Reich aber ohne Kategorieen und doch für sich<lb n="27"/>und für die Reflexion ist, so kann man sich dasselbe nicht anders vorstellen, als wie<lb n="28"/>den ehernen König im Märchen, den ein menschliches Selbstbewußtseyn mit den<lb n="29"/>Adern der Objectivität durchzieht, daß er als aufgerichtete Gestalt steht, welche<lb n="30"/>Adern der formale transcendentale Idealismus ihr ausleckt, so daß sie zusammensinkt,<lb n="31"/>und ein Mittelding zwischen Form und Klumpen ist, widerwärtig anzusehen; und<lb n="32"/>für die Erkenntniß der Natur, und ohne die von dem Selbstbewußtseyn ihr ein<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gesprützten Adern, bleibt nichts als die Empfindung.</p>
<p><lb n="34"/>Auf diese Weise wird also die Objectivität der Kategorieen in der Erfahrung, und<lb n="35"/>die Nothwendigkeit dieser Verhältnisse, selbst wieder etwas zufälliges und ein sub<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>jectives; dieser Verstand ist menschlicher Verstand, ein Theil des Erkenntnißver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mögens, Verstand eines fixen Punkts der Egoität. Die Dinge, wie sie durch den<lb n="38"/>Verstand erkannt werden, sind nur Erscheinungen, Nichts an sich, was ein ganz<lb n="39"/>wahrhaftes Resultat ist; der unmittelbare Schluß aber ist, daß auch ein Verstand, der</p>
<pb n="333" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=340" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="36–38"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>nur Erscheinungen und ein Nichts an sich erkennt, selbst Erscheinung und nichts an<lb n="2"/>sich ist; aber der so erkennende, discursive Verstand wird dagegen als an sich und<lb n="3"/>absolut und dogmatisch wird das Erkennen der Erscheinungen als die einzige Weise<lb n="4"/>des Erkennens betrachtet, und die Vernunfterkenntniß geleugnet. Wenn die Formen,<lb n="5"/>durch welche das Object ist, nichts an sich sind, so müssen sie auch nichts an sich für<lb n="6"/>eine erkennende Vernunft seyn; daß aber der Verstand das Absolute des mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichen Geistes ist, darüber scheint Kant nie ein leiser Zweifel aufgestiegen zu seyn,<lb n="8"/>sondern der Verstand ist die absolut fixirte unüberwindliche Endlichkeit der mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichen Vernunft. – Bey der Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Leibe zu<lb n="10"/><hi rendition="#g">erklären</hi>, findet Kant mit Recht die Schwierigkeit (nicht eines Erklärens, sondern<lb n="11"/>des Erkennens) in der vorausgesetzten Ungleichartigkeit der Seele mit den Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ständen äußerer Sinne; wenn man aber bedenke, daß beyderley Arten von Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ständen hierin sich nicht innerlich, sondern nur sofern eins mit dem andern<lb n="14"/><hi rendition="#g">äußerlich</hi> <hi rendition="#g">erscheint</hi>, von einander unterscheiden, mithin das, was der Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nung der Materie, als Ding an sich selbst, zum Grunde liegt, <hi rendition="#g">vielleicht</hi> so ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>artig nicht seyn dürfte, so verschwinde die Schwierigkeit, und es bleibe keine übrig,<lb n="17"/>als die, wie überhaupt eine Gemeinschaft von Substanzen möglich sey, (es war über<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>flüssig die Schwierigkeit hier herüber zu spielen) welche zu lösen – <hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">Zweifel</hi>,<lb n="19"/>auch außer dem Felde der <hi rendition="#g">menschlichen</hi> Erkenntniß liegt. – Man sieht, daß es um<lb n="20"/>der beliebten Menschheit und ihres Erkenntnißvermögens willen geschieht, daß Kant<lb n="21"/>seinen Gedanken, daß jene vielleicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nicht so ungleichartig, sondern nur in<lb n="22"/>der Erscheinung seyen, so wenig ehrt, und diesen Gedanken für den bloßen Einfall<lb n="23"/>eines Vielleichts und nicht für einen vernünftigen hält.</p>
<p><lb n="24"/>Ein solcher formaler Idealismus, der auf diese Weise einen absoluten Punct der<lb n="25"/>Egoität und ihres Verstandes einerseits und absolute Mannichfaltigkeit oder Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>findung auf die andere Seite setzt, ist ein Dualismus, und die idealistische Seite, welche<lb n="27"/>dem Subject gewisse Verhältnisse, die Kategorieen heißen, vindicirt, ist nichts als die<lb n="28"/>Erweiterung des Lockeanismus, welcher die Begriffe und Formen durchs Object<lb n="29"/>gegeben werden läßt, und nur das Wahrnehmen <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, einen allgemeinen<lb n="30"/>Verstand in das Subject versetzt; da hingegen dieser Idealismus das Wahrnehmen als<lb n="31"/>immanente Form selbst weiter bestimmt; und dadurch allerdings schon unendlich<lb n="32"/>gewinnt, daß die Leerheit des Percipirens, oder der Spontaneität, a priori, absolut<lb n="33"/>durch einen Innhalt erfüllt wird, indem die Bestimmtheit der Form nichts anders<lb n="34"/>ist, als die Identität entgegengesetzter, wodurch also der apriorische Verstand zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gleich wenigstens im Allgemeinen aposteriorisch wird, denn die Aposteriorität ist<lb n="36"/>nichts als die Entgegensetzung, und so der formelle Begriff der Vernunft, apriorisch<lb n="37"/>und aposteriorisch, identisch und nicht identisch in einer absoluten Einheit zu seyn,</p>
<pb n="334" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=341" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="38–40"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>gegeben wird, welche Idee aber Verstand bleibt, und nur deren Product als ein<lb n="2"/>synthetisches <hi rendition="#g">Urtheil</hi> a priori erkannt wird. Innerhalb ist also der Verstand, in<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sofern in ihm selbst Allgemeines und Besonderes Eins sind, eine speculative Idee, und<lb n="4"/>soll eine speculative Idee seyn; denn die Entgegensetzung des Urtheils soll a priori,<lb n="5"/>nothwendig und allgemein, d. h. absolut identisch seyn; aber es bleibt bey dem<lb n="6"/>Sollen; denn dieses Denken ist wieder ein Verstand, ein der empirischen Sinnlichkeit<lb n="7"/>Entgegengesetztes; die ganze Deduction ist eine Analyse der Erfahrung, und das<lb n="8"/>Setzen einer absoluten Antithesis und eines Dualismus. Daß der Verstand etwas sub<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>jectives ist, für den die Dinge nicht an sich, sondern nur die Erscheinungen sind, hat<lb n="10"/>also einen gedoppelten Sinn; den sehr richtigen, daß der Verstand das Princip der<lb n="11"/>Entgegensetzung und die Abstraction der Endlichkeit ausdrückt; den andern aber,<lb n="12"/>nach welchem diese Endlichkeit und die Erscheinung im Menschen ein Absolutes ist;<lb n="13"/>nicht das An-sich der Dinge, aber das An-sich der erkennenden Vernunft; als sub<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>jective Qualität des Geistes soll er absolut seyn. Aber schon dadurch überhaupt, daß<lb n="15"/>er als etwas subjectives gesetzt wird, wird er als etwas nicht absolutes anerkannt; es<lb n="16"/>muß selbst für den formalen Idealismus gleichgültig seyn, ob der nothwendige und in<lb n="17"/>den Dimensionen seiner Form erkannte Verstand subjectiv oder objectiv gesetzt<lb n="18"/>wird. Wenn der Verstand für sich betrachtet werden soll, als die Abstraction der<lb n="19"/>Form in ihrer Triplicität, so ist es gleich, ihn als Verstand des Bewußtseyns, als auch<lb n="20"/>als Verstand der Natur zu betrachten, als die Form der bewußten oder der bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>losen Intelligenz; so daß wie im Ich der Verstand intellectualisirt, eben so in der<lb n="22"/>Natur realisirt gedacht wird. Wenn der Verstand überhaupt an sich wäre, würde er<lb n="23"/>in der Natur, als eine außer dem verständigen Erkennen an und für sich verständige<lb n="24"/>Welt, so sehr Realität haben, als ein außer der Natur sich in der Form der Intellec<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tualität denkender Verstand; die Erfahrung subjectiv als das bewußte eben so sehr,<lb n="26"/>als die Erfahrung objectiv, das bewußtlose System der Mannichfaltigkeit und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>knüpfung der Welt. Aber die Welt ist nicht darum nichts an sich, weil ihr ein be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>wußter Verstand erst ihre Formen gibt, sondern weil sie Natur, d. h. über die End<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit und den Verstand erhaben ist; und eben so ist der bewußte Verstand nichts<lb n="30"/>an sich, nicht darum, weil er menschlicher Verstand, sondern weil er Verstand über<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>haupt, d. h. in ihm ein absolutes Seyn des Gegensatzes ist.</p>
<p><lb n="32"/>Wir müssen also das Verdienst Kants nicht darein setzen, daß er die Formen, die<lb n="33"/>in den Kategorieen ausgedrückt sind, in das menschliche Erkenntnißvermögen als<lb n="34"/>den Pfahl einer absoluten Endlichkeit gesetzt, sondern daß er mehr in der Form tran<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>scendentaler Einbildungskraft die Idee wahrhafter Apriorität, aber auch selbst in dem<lb n="36"/>Verstande dadurch den Anfang der Idee der Vernunft gelegt hat, daß er das Denken<lb n="37"/>oder die Form, nicht subjectiv, sondern an sich genommen, nicht als etwas formloses,</p>
<pb n="335" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=342" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="40–42"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>die leere Apperception, sondern daß er das Denken als Verstand, als wahrhafte Form,<lb n="2"/>nemlich als Triplicität begriffen hat. In diese Triplicität ist allein der Keim des Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lativen gelegt, weil in ihr zugleich ursprüngliches Urtheil, oder Dualität, also die<lb n="4"/>Möglichkeit der Aposteriorität selbst liegt, und die Aposteriorität auf diese Weise<lb n="5"/>aufhört, dem Apriori absolut entgegengesetzt, und ebendadurch das Apriori auch,<lb n="6"/>formale Identität zu seyn. Die reinere Idee aber eines Verstands, der zugleich apo<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>steriorisch ist, die Idee der absoluten Mitte eines anschauenden Verstandes werden<lb n="8"/>wir nachher berühren.</p>
<p><lb n="9"/>Ehe wir zeigen, wie diese Idee eines zugleich aposteriorischen oder anschauenden<lb n="10"/>Verstandes Kanten sehr gut vorschwebte, und wie er sie aussprach, aber wie er mit<lb n="11"/>Bewußtseyn sie wieder vernichtete, müssen wir betrachten, was die Vernunft, die in<lb n="12"/>diese Idee überzugehen sich weigert, seyn kann. Um dieser Weigerung willen bleibt<lb n="13"/>ihr nichts übrig, als die reine Leerheit der Identität, welche, die Vernunft bloß im<lb n="14"/>Urtheil betrachtet, als das für sich selbst seyende reine Allgemeine, d. h. das Subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>tive, wie es in seinem völlig gereinigten Zustand von der Mannichfaltigkeit, als reine<lb n="16"/>abstracte Einheit zu Stande kommt. Der menschliche Verstand ist die Verknüpfung<lb n="17"/>des Mannichfaltigen durch die Einheit des Selbstbewußtseyns; in der Analysis ergibt<lb n="18"/>sich ein Subjectives, als verknüpfende Thätigkeit, die selbst als Spontaneität Dimen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sionen, welche sich als die Kategorieen ergeben, hat, und insofern ist sie Verstand.<lb n="20"/>Aber die Abstraction von dem Inhalt sowohl, den dieses Verknüpfen durch seine<lb n="21"/>Beziehung auf das Empirische hat, als von seiner immanenten Besonderheit, die sich<lb n="22"/>in seinen Dimensionen ausdrückt, diese leere Einheit ist die Vernunft. Der Verstand<lb n="23"/>ist Einheit einer möglichen Erfahrung, die Vernunfteinheit aber bezieht sich auf den<lb n="24"/>Verstand und dessen Urtheile; in dieser allgemeinen Bestimmung ist die Vernunft<lb n="25"/>aus der Sphäre der relativen Identität des Verstandes allerdings erhoben, und dieser<lb n="26"/>negative Charakter ließe zu, sie als absolute Identität zu begreiffen; aber sie ist auch<lb n="27"/>nur erhoben worden, damit die bey der Einbildungskraft am lebhaftesten hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tretende, beim Verstand schon depotenzirte speculative Idee, bey der Vernunft<lb n="29"/>vollends ganz zur formalen Identität herabsinke. Wie Kant diese leere Einheit mit<lb n="30"/>Recht zu einem bloß regulativen, nicht zu einem constitutiven, denn wie sollte das<lb n="31"/>schlechthin Innhaltlose etwas constituiren, Princip macht, wie er sie als das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bedingte setzt, dieß zu betrachten hat an sich theils nur Interesse, inwiefern, um diese<lb n="33"/>Leerheit zu constituiren, Kant polemisch gegen die Vernunft ist, und das Vernünf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tige, was im Verstand und seiner Deduction als transcendentale Synthesis anerkannt<lb n="35"/>wird, nur insofern es nicht als Product und in seiner Erscheinung als Urtheil, sondern</p>
<pb n="336" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=343" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="42–44"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>itzt als Vernunft erkannt werden sollte, selbst wieder ausreutet; theils insbesondere<lb n="2"/>wie diese leere Einheit als praktische Vernunft doch wieder constitutiv werden, aus<lb n="3"/>sich selbst gebähren und sich einen Innhalt geben soll; wie ferner am letzten Ende die<lb n="4"/>Idee der Vernunft wieder rein aufgestellt, aber wieder vernichtet wird, und als ein<lb n="5"/>absolutes Jenseits in der Vernunftlosigkeit des Glaubens, als ein leeres für die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kenntniß gesetzt und damit die Subjectivität, welche auf eine scheinbar unschuldigere<lb n="7"/>Weise schon in der Darstellung des Verstandes auftrat, absolut und Princip bleibt.</p>
<p><lb n="8"/>Daß die Vernunft, als die dimensionslose Thätigkeit, als der reine Begriff der<lb n="9"/>Unendlichkeit in der Entgegensetzung gegen das Endliche festgehalten und in ihr als<lb n="10"/>ein Absolutes, also als reine Einheit ohne Anschauung, leer in sich ist, erkennt Kant<lb n="11"/>durchaus und allenthalben; der unmittelbare Widerspruch aber, der darin liegt, ist,<lb n="12"/>daß diese Unendlichkeit, die schlechthin bedingt ist durch die Abstraction von einem<lb n="13"/>Entgegengesetzten, und schlechthin Nichts ist außer diesem Gegensatz, doch zu<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gleich als die absolute Spontaneität und Avtonomie behauptet wird; als Freyheit soll<lb n="15"/>sie seyn absolut, da das Wesen dieser Freiheit darin besteht, nur durch ein Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gesetztes zu seyn. Dieser diesem System unüberwindliche und es zerstörende Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>spruch wird zur realen Inconsequenz, indem diese absolute Leerheit sich als prak<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tische Vernunft einen Inhalt geben und in der Form von Pflichten sich ausdehnen soll.<lb n="19"/>Die theoretische Vernunft, welche sich die Mannichfaltigkeit vom Verstande geben<lb n="20"/>läßt, und diese nur zu reguliren hat, macht keinen Anspruch auf eine avtonomische<lb n="21"/>Würde, noch auf das Selbstzeugen des Sohnes aus sich, und muß ihrer eigenen Leer<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>heit und Unwürdigkeit, sich in diesem Dualismus einer reinen Vernunfteinheit und<lb n="23"/>einer Verstandesmannichfaltigkeit ertragen zu können, und ohne Bedürfniß nach der<lb n="24"/>Mitte und nach immanenter Erkenntniß zu seyn, überlassen bleiben. Statt die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nunftidee, welche in der Deduction der Kategorieen als ursprüngliche Identität des<lb n="26"/>Einen und Mannichfaltigen vorkommt, hier vollkommen herauszuheben aus ihrer<lb n="27"/>Erscheinung als Verstand, wird diese Erscheinung nach einem derer Glieder, der<lb n="28"/>Einheit, und damit auch nach dem andern permanent, und die Endlichkeit absolut<lb n="29"/>gemacht; es wird wohl wieder Vernünftiges gewittert, wohl der Name Idee aus<lb n="30"/>Plato wieder hervorgezogen, Tugend und Schönheit als Ideen erkannt, aber diese<lb n="31"/>Vernunft selbst bringt es nicht so weit, eine Idee hervorbringen zu können.</p>
<p><lb n="32"/>Die <hi rendition="#g">polemische</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> dieser Vernunft hat in den <hi rendition="#g">Paralogismen</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi><lb n="33"/>kein anderes Interesse, als die Verstandesbegriffe, die vom Ich prädicirt werden, auf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>zuheben, und es aus der Sphäre des Dings und der objectiven endlichen Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heiten in die Intellectualität empor zu heben, in dieser nicht eine bestimmte Dimen<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sion und einzelne Form des Verstandes vom Geist zu prädiciren, aber die abstracte<lb n="37"/>Form der Endlichkeit selbst; und das Ich denke zu einem absoluten intellectuellen</p>
<pb n="337" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=344" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>Puncte, nicht zu einer realen existirenden Monade in der Form von Substanz, son<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>dern als einer intellectuellen Monade, als eines fixen intellectuellen Eins, das bedingt<lb n="3"/>durch unendliche Entgegensetzung und in dieser Endlichkeit absolut ist, umzuschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>fen; so daß Ich aus dem Seelending, eine qualitative Intellectualität, ein intellectuelles<lb n="5"/>abstractes, und als solches absolutes Eins, die vorherige dogmatische objective in eine<lb n="6"/>dogmatische subjective absolute Endlichkeit umgewandelt wird.</p>
<p><lb n="7"/>Die <hi rendition="#g">mathematischen</hi> <hi rendition="#g">Antinomieen</hi> betrachten die Anwendung der Vernunft<lb n="8"/>als bloßer Negativität auf ein fixirtes der Reflexion, wodurch unmittelbar die em<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>pirische Unendlichkeit producirt wird; A ist gesetzt, und soll zugleich nicht gesetzt<lb n="10"/>seyn; es ist gesetzt, indem es bleibt, was es ist, es ist aufgehoben, indem zu einem<lb n="11"/>andern übergegangen wird; diese leere Foderung eines Andern, und das absolute<lb n="12"/>Seyn dessen, für welches ein Anderes gefodert wird, geben diese empirische Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lichkeit. Die Antinomie entsteht, weil sowohl das Andersseyn als das Seyn, der<lb n="14"/>Widerspruch in seiner absoluten Unüberwindlichkeit gesetzt wird. Die eine Seite der<lb n="15"/>Antinomie muß also seyn, daß hier der bestimmte Punct, und die Widerlegung, daß<lb n="16"/>das Gegentheil, das Andersseyn gesetzt wird; die andere Seite der Antinomie um<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gekehrt. Wenn Kant diesen Widerstreit erkannt hat, daß er nur durch und in der<lb n="18"/>Endlichkeit nothwendig entstehe, und deßwegen ein nothwendiger Schein sey, so<lb n="19"/>hat er ihn theils nicht aufgelöst, indem er die Endlichkeit selbst nicht aufgehoben hat,<lb n="20"/>sondern wieder indem er den Widerstreit zu etwas Subjectivem machte, eben diesen<lb n="21"/>Widerstreit bestehen lassen; theils kann Kant den transcendentalen Idealismus nur als<lb n="22"/>den negativen Schlüssel zu ihrer Auflösung, insofern er beyde Seiten der Antinomie, als<lb n="23"/>etwas an sich seyend, leugnet, gebrauchen, aber das Positive dieser Antinomieen, ihre<lb n="24"/>Mitte ist dadurch nicht erkannt; die Vernunft erscheint rein blos von ihrer negativen<lb n="25"/>Seite, als aufhebend die Reflexion, aber sie selbst in ihrer eigenthümlichen Gestalt tritt<lb n="26"/>nicht hervor. Doch wäre dieß Negative schon hinreichend genug, um denn auch für<lb n="27"/>die praktische Vernunft den <hi rendition="#g">unendlichen</hi> <hi rendition="#g">Progreß</hi> wenigstens abzuhalten, denn er<lb n="28"/>ist ebendieselbe Antinomie wie der unendliche Regreß, und selbst nur für und in der<lb n="29"/>Endlichkeit; die praktische Vernunft, die zu ihm ihre Zuflucht nimmt, und in der<lb n="30"/>Freyheit sich als absolut constituiren soll, bekennt eben durch diese Unendlichkeit<lb n="31"/>des Progresses ihre Endlichkeit und Untüchtigkeit, sich für absolut geltend zu<lb n="32"/>machen.</p>
<p><lb n="33"/>Die Auflösung <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">dynamischen</hi> <hi rendition="#g">Antinomieen</hi> aber blieb nicht blos negativ,<lb n="34"/>sondern bekennt den absoluten Dualismus dieser Philosophie; sie hebt den Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>streit dadurch, daß sie ihn absolut macht; Freyheit und Nothwendigkeit, intelligible<lb n="36"/>und sinnliche Welt, absolute und empirische Nothwendigkeit auf einander bezogen,<lb n="37"/>produciren eine Antinomie; die Auflösung lautet dahin, diese Gegensätze nicht auf</p>
<pb n="338" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=345" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="46–48"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>diese dürftige Weise zu beziehen, sondern sie als absolut ungleichartig, außer aller<lb n="2"/>Gemeinschaft seyend, zu denken; und vor dem dürftigen und haltungslosen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ziehen der Freyheit auf die Nothwendigkeit, der intelligibeln auf die sinnliche Welt<lb n="4"/>ist allerdings die völlige reine Trennung derselben ein Verdienst, daß ihre absolute<lb n="5"/>Identität ganz rein gesetzt werde; aber ihre Trennung ist von Kant nicht zu diesem<lb n="6"/>Behuf so rein gemacht worden, sondern daß die Trennung das Absolute sey; sie<lb n="7"/>ganz außer aller Gemeinschaft gedacht, widerstreiten sie sich nicht.</p>
<p><lb n="8"/>Was in dieser sogenannten Auflösung der Antinomieen bloß als ein Gedanke<lb n="9"/>gegeben wird, daß Freyheit und Nothwendigkeit ganz getrennt seyn können, wird<lb n="10"/>in einer andern Reflexionsform kategorisch gesetzt, nemlich in der berühmten Kritik<lb n="11"/>der speculativen Theologie, in welcher die absolute Entgegensetzung der Freyheit,<lb n="12"/>in der Form von Begriff, und der Nothwendigkeit, in der Form von Seyn, positiv<lb n="13"/>behauptet, und über die entsetzliche Verblendung der vorhergehenden Philosophie<lb n="14"/>der vollständige Sieg der Unphilosophie davon getragen wird. Der bornirte Verstand<lb n="15"/>genießt hier seines Triumphes über die Vernunft, welche ist absolute Identität der<lb n="16"/>höchsten Idee und der absoluten Realität, mit völlig mißtrauenloser Selbstgenüg<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>samkeit. Kant hat sich seinen Triumph dadurch noch glänzender und behaglicher<lb n="18"/>gemacht, daß er dasjenige, was sonst ontologischer Beweis fürs Daseyn Gottes ge<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nannt wurde, in der schlechtesten Form, welcher er fähig ist, und der ihm von<lb n="20"/>Mendelssohn und andern gegeben wurde, welche die Existenz zu einer Eigenschaft<lb n="21"/>machten, wodurch also die Identität der Idee und der Realität als ein Hinzuthun von<lb n="22"/>einem Begriff zu einem andern erscheint, aufgenommen hat; wie denn Kant über<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>haupt durchaus eine Unwissenheit mit philosophischen Systemen und Mangel an<lb n="24"/>einer Kenntniß derselben, die über eine rein historische Notiz ginge, besonders in den<lb n="25"/>Widerlegungen derselben zeigte.</p>
<p><lb n="26"/>Nach dieser völligen Zertretung der Vernunft, und dem gehörigen Jubel des<lb n="27"/>Verstandes, und der Endlichkeit sich als das Absolute decretirt zu haben, stellt sich die<lb n="28"/>Endlichkeit als allerhöchste Abstraction der Subjectivität, oder der bewußten End<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit alsdenn auch in ihrer positiven Form auf, und in dieser heißt sie praktische<lb n="30"/>Vernunft. Wie der reine Formalismus dieses Princips, die Leerheit sich mit dem<lb n="31"/>Gegensatze einer empirischen Fülle darstelle, und zum System ausbilde, werden wir<lb n="32"/>bey der durchgeführtern und consequentern Entwicklung, welche die Integration<lb n="33"/>dieser leeren Einheit und ihres Gegensatzes durcheinander bey Fichte hat, weit<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>läufiger zeigen.</p>
<p><lb n="35"/>Hier ist noch der interessanteste Punct des Kantischen Systems aufzuweisen, nem<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lich der Punct, auf welchem es eine Region erkennt, welche eine Mitte ist zwischen<lb n="37"/>dem empirischen Mannichfaltigen und der absoluten abstracten Einheit, aber</p>
<pb n="339" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=346" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="48–49"/>
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<p><lb n="1"/>wieder nicht eine Region für die Erkenntniß; sondern nur die Seite ihrer Erscheinung,<lb n="2"/>nicht aber deren Grund, die Vernunft, wird hervorgerufen, als Gedanke anerkannt,<lb n="3"/>aber alle Realität für die Erkenntniß ihr abgesprochen.</p>
<p><lb n="4"/>In der <hi rendition="#g">reflectirenden</hi> <hi rendition="#g">Urtheilskraft</hi> findet nemlich Kant das Mittelglied<lb n="5"/>zwischen Naturbegriff und Freyheitsbegriff; d. h. zwischen der durch Begriffe be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stimmten objectiven Mannichfaltigkeit, dem Verstand überhaupt, und der reinen<lb n="7"/>Abstraction des Verstandes; die Region der Identität dessen, was in dem absoluten<lb n="8"/>Urtheil, über dessen Sphäre die theoretische so wenig als die praktische Philosophie<lb n="9"/>sich erhoben hatte, Subject und Prädicat ist; diese Identität aber, welche allein die<lb n="10"/>wahre und alleinige Vernunft ist, ist nach Kant nicht für die Vernunft, sondern nur<lb n="11"/>für reflectirende Urtheilskraft. Indem Kant hier über die Vernunft in ihrer Realität,<lb n="12"/>als bewußter Anschauung, über die Schönheit, und über dieselbe als bewußtloser<lb n="13"/>Anschauung, über die Organisation reflectirt, findet sich allenthalben die Idee der<lb n="14"/>Vernunft auf eine mehr oder weniger formale Weise ausgesprochen. Für die ideelle<lb n="15"/>Form der Schönheit stellt Kant die Idee einer von selbst gesetzmäßigen Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>kraft, einer Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, und einer freyen Uebereinstimmung der<lb n="17"/>Einbildungskraft zum Verstande auf; die Erklärungen hierüber, z. B. über eine<lb n="18"/>ästhetische Idee, daß sie diejenige Vorstellung der Einbildungskraft sey, die viel zu<lb n="19"/>denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Begriff adäquat seyn, die<lb n="20"/>folglich durch keine Sprache völlig erreicht und verständlich gemacht werden<lb n="21"/>könne, lauten höchst empirisch; denn es zeigt sich nicht die leiseste Ahndung, daß<lb n="22"/>man sich hier auf dem Gebiete der Vernunft befinde. – Wo Kant zur Lösung der<lb n="23"/>Geschmacksantinomie auf die Vernunft als den Schlüssel der Enträthselung kommt,<lb n="24"/>da ist sie nichts als die unbestimmte Idee des Uebersinnlichen in uns, das weiter<lb n="25"/>nicht begreiflich gemacht werden könne, als ob er nicht selbst einen Begriff desselben<lb n="26"/>in der Identität des Natur- und Freyheitsbegriffs gegeben hätte. Eine ästhetische Idee<lb n="27"/>kann nach Kant keine Erkenntniß werden, weil sie eine Anschauung der Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>kraft ist, der niemals ein Begriff adäquat gefunden werden kann; eine Vernunftidee<lb n="29"/>kann nie Erkenntniß werden, weil sie einen Begriff vom Uebersinnlichen enthält,<lb n="30"/>dem niemals eine Anschauung angemessen gefunden werden kann; jene eine in<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>exponible Vorstellung der Einbildungskraft, diese ein indemonstrabler Begriff der<lb n="32"/>Vernunft; – als ob nicht die ästhetische Idee in der Vernunftidee ihre Exposition, die<lb n="33"/>Vernunftidee in der Schönheit dasjenige, was Kant Demonstration nennt, nämlich<lb n="34"/>Darstellung des Begriffs in der Anschauung, hätte. Kant aber fodert gerade das<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>jenige, was die mathematischen Antinomieen gründet, nemlich eine solche An-</p>
<pb n="340" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=347" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="49–51"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>schauung für die Vernunftidee, in welcher die Idee nebeneinander als rein Endliches<lb n="2"/>und Sinnliches und zugleich auch als Uebersinnliches, als ein Jenseits der Erfahrung<lb n="3"/>erfahren, nicht in absoluter Identität das Sinnliche und Uebersinnliche angeschaut, –<lb n="4"/>und eine Exposition und Erkenntniß des Aesthetischen, in welcher das Aesthetische<lb n="5"/>durch den Verstand exhaurirt wäre. Weil in der Schönheit, als der erfahrnen, besser:<lb n="6"/>angeschauten Idee, die Form der Entgegensetzung des Anschauens und des Begriffs<lb n="7"/>wegfällt, so erkennt Kant dieses Wegfallen des Gegensatzes als ein Negatives in dem<lb n="8"/>Begriff eines Uebersinnlichen überhaupt, aber weder daß es als Schönheit positiv,<lb n="9"/>angeschaut, oder, wie Kant spricht, für die Erfahrung gegeben ist, noch daß, indem<lb n="10"/>das Princip der Schönheit als Identität des Natur- und Freiheitsbegriffs exponirt ist,<lb n="11"/>das Uebersinnliche, das intelligible Substrat der Natur außer uns und in uns, die<lb n="12"/>Sache an sich – wie Kant das Uebersinnliche definirt, wenigstens auf eine oberfläch<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>liche Weise erkannt; noch weniger, daß es einzig an dem perennirenden ein für<lb n="14"/>allemal zum Grunde gelegten Gegensatze des Uebersinnlichen und Sinnlichen liegt,<lb n="15"/>daß das Uebersinnliche weder als erkennbar noch als anschaubar gesetzt wird. Da<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>durch, daß das Vernünftige in dieser unverrückten Entgegensetzung, als Uebersinn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>liches und absolut Negatives sowohl des Anschauens als des vernünftigen Erkennens<lb n="18"/>festgehalten wird, erhält das Aesthetische ein Verhältniß zur Urtheilskraft, und einer<lb n="19"/>Subjectivität, für welche das Uebersinnliche, Princip einer Zweckmäßigkeit der<lb n="20"/>Natur zu unserem Erkenntnißvermögen ist, aber dessen Anschauung sich nicht für<lb n="21"/>die Idee und das Erkennen, noch dessen Idee für die Anschauung sich darstellt. Es<lb n="22"/>wird also vom Uebersinnlichen, insofern es Princip des Aesthetischen ist, wieder<lb n="23"/>nichts gewußt; und das Schöne wird etwas, das sich allein auf das menschliche<lb n="24"/>Erkenntnißvermögen und ein übereinstimmendes Spiel seiner mannichfaltigen Kräfte<lb n="25"/>bezieht, also schlechthin etwas endliches und subjectives ist.</p>
<p><lb n="26"/>Die Reflexion über die objective Seite, nemlich über die bewußtlose Anschauung<lb n="27"/>der Realität der Vernunft, oder die organische Natur, in der Kritik der teleologischen<lb n="28"/>Urtheilskraft, spricht die Idee der Vernunft, bestimmter als in dem vorigen Begriff<lb n="29"/>eines harmonischen Spiels von Erkenntnißkräften, nemlich in der Idee eines an<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schauenden Verstandes aus, für welchen Möglichkeit und Wirklichkeit Eins sind;<lb n="31"/>für welchen Begriffe (die <hi rendition="#g">blos</hi> auf die Möglichkeit eines Gegenstandes gehen) und<lb n="32"/>sinnliche Anschauungen, (welche uns etwas geben, ohne es dadurch doch als Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stand erkennen zu lassen,) beyde wegfallen; eines intuitiven Verstandes, welcher nicht<lb n="34"/>vom Allgemeinen zum Besondern und so zum Einzelnen (durch Begriffe) gehe, für<lb n="35"/>welchen die <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> in der Zusammenstimmung der Natur in ihren Pro<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>ducten nach <hi rendition="#g">besondern</hi> Gesetzen zum Verstande nicht angetroffen wird, in welchem<lb n="37"/>als urbildlichem Verstande die Möglichkeit der Theile etc., ihrer Beschaffenheit und</p>
<pb n="341" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=348" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="51–53"/>
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<p><lb n="1"/>Verbindung nach, vom Ganzen abhängen. Von dieser Idee erkennt Kant zugleich,<lb n="2"/>daß wir nothwendig auf sie getrieben werden; und die <hi rendition="#g">Idee</hi> dieses urbildlichen,<lb n="3"/><hi rendition="#g">intuitiven</hi> <hi rendition="#g">Verstandes</hi> ist im Grunde durchaus nichts anders als <hi rendition="#g">dieselbe</hi> <hi rendition="#g">Idee</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">transcendentalen</hi> <hi rendition="#g">Einbildungskraft</hi>, die wir oben betrachteten, denn sie<lb n="5"/>ist anschauende Thätigkeit, und zugleich ist ihre innere Einheit gar keine andere, als<lb n="6"/>die Einheit des Verstandes selbst, die Kategorie in die Ausdehnung versenkt, die erst<lb n="7"/>Verstand und Kategorie wird, insofern sie sich von der Ausdehnung absondert; die<lb n="8"/>transcendentale Einbildungskraft ist also selbst anschauender Verstand. Der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wendigkeit dieser Idee, die hier nur als Gedanke vorkommt, ungeachtet, soll doch<lb n="10"/>Realität von ihr nicht prädicirt werden, sondern wir sollen uns ein für allemal daran<lb n="11"/>halten, daß Allgemeines und Besonderes unumgänglich nothwendig unterschiedene<lb n="12"/>Dinge, Verstand für Begriffe, und sinnliche Anschauung für Objecte, – zwey ganz<lb n="13"/>heterogene Stücke sind. Die Idee ist etwas schlechthin nothwendiges und doch etwas<lb n="14"/>problematisches, für unser Erkenntnißvermögen ist nichts anzuerkennen, als die<lb n="15"/>Form seiner Erscheinung in der (wie Kant es nennt) Ausübung, in welcher Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>keit und Wirklichkeit unterschieden werden; diese seine Erscheinung ist ein absolutes<lb n="17"/>Wesen, das An-sich des Erkennens; als ob das nicht auch eine Ausübung des Er<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kenntnißvermögens wäre, wenn es als eine nothwendige Idee denkt und erkennt<lb n="19"/>einen Verstand, für welchen Möglichkeit und Wirklichkeit nicht getrennt, in welchem<lb n="20"/>Allgemeines und Besonderes Eins ist; dessen Spontaneität zugleich anschauend ist.<lb n="21"/>Kant hat keinen andern Grund als schlechthin die Erfahrung und die empirische<lb n="22"/>Psychologie, daß das menschliche Erkenntnißvermögen seinem Wesen nach in dem<lb n="23"/>bestehe, wie es erscheint, nemlich in jenem Fortgehen vom Allgemeinen zum<lb n="24"/>Besondern oder rückwärts vom Besondern zum Allgemeinen; aber indem er selbst<lb n="25"/>einen intuitiven Verstand denkt, auf ihn als absolut nothwendige Idee geführt wird,<lb n="26"/>stellt er selbst die entgegengesetzte Erfahrung von dem Denken eines nicht discur<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>siven Verstandes auf, und erweist, daß sein Erkenntnißvermögen erkennt, nicht nur<lb n="28"/>die Erscheinung und die Trennung des Möglichen und Wirklichen in derselben,<lb n="29"/>sondern die Vernunft und das An-sich. Kant hat hier beydes vor sich, die Idee einer<lb n="30"/>Vernunft, in welcher Möglichkeit und Wirklichkeit absolut identisch ist, und die<lb n="31"/>Erscheinung derselben als Erkenntnißvermögen, worin sie getrennt sind; er findet in<lb n="32"/>der Erfahrung seines Denkens beyde Gedanken, in der Wahl zwischen beyden hat<lb n="33"/>aber seine Natur die Nothwendigkeit, das Vernünftige, eine anschauende Spon<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>taneität zu denken, verachtet, und sich schlechthin für die Erscheinung entschlossen. –<lb n="35"/><hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, erkennt er, sey es möglich, daß der Mechanismus der Natur,<lb n="36"/>das Causalitätsverhältniß und der teleologische Technicismus derselben Eins seyen,</p>
<pb n="342" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=349" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="53–55"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>d. h. nicht daß sie durch eine ihr entgegengesetzte Idee bestimmt, sondern, daß das<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>jenige, was nach dem Mechanismus als absolut getrennt, das eine als Ursache, das<lb n="3"/>andere als Wirkung, in einem empirischen Zusammenhange der Nothwendigkeit<lb n="4"/>erscheint, in einer ursprünglichen Identität, als dem Ersten und absolut zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>hängt; ungeachtet Kant dieß nicht für unmöglich, also für eine Art der Betrachtung<lb n="6"/>erkennt, so bleibt er doch bey derjenigen Betrachtungsart stehen, nach welcher sie<lb n="7"/>schlechthin getrennt, und das sie erkennende, ein ebenso schlechthin zufälliges, ab<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>solut endliches und subjectives Erkenntnißvermögen, welches er menschliches Er<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>kenntnißvermögen nennt, ist, und erklärt die Vernunfterkenntniß, für welche der<lb n="10"/>Organismus, als reelle Vernunft, das obere Princip der Natur und Identität des All<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gemeinen und Besondern ist, für transcendent. Er erkennt also auch in dem Spinozis<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>mus einen Idealismus der Endursachen in dem Sinne, als ob Spinoza der Idee der<lb n="13"/>Endursachen alle Realität nehmen wolle, und als Erklärungsgrund der Zweck<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>verknüpfung, die er nicht leugne, der Dinge der Natur bloß die Einheit des Subjects<lb n="15"/>nenne, dem sie alle inhäriren und bloß eine ontologische, (soll heißen eine verständige)<lb n="16"/>abstracte Einheit, (wie die Einheit, welche Kant Vernunft nennt,) zum Princip mache,<lb n="17"/>da doch die bloße Vorstellung der Einheit des Substrats auch nicht einmal die Idee<lb n="18"/>von einer auch nur unabsichtlichen Zweckmäßigkeit bewirken könne. Hätte Kant<lb n="19"/>bey der spinozischen Einheit nicht seine Verstandeseinheit, die ihm theoretische und<lb n="20"/>praktische Vernunft heißt, sondern seine Idee der Einheit eines intuitiven Verstands,<lb n="21"/>als in welchem Begriff und Anschauung, Möglichkeit und Wirklichkeit Eins ist,<lb n="22"/>gegenwärtig gehabt, so hätte er die spinozische Einheit nicht für eine abstracte,<lb n="23"/>welche der Zweckmäßigkeit, d. h. einer absoluten Verknüpfung der Dinge ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>behrte, sondern für die absolut intelligible und an sich organische Einheit nehmen<lb n="25"/>müssen; und würde diese organische Einheit, den Naturzweck, den er als ein Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>stimmtseyn der Theile durch das Ganze, als Identität der Ursache und Wirkung auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>faßt, unmittelbar auf diese Weise vernünftig erkannt haben. Aber eine solche wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>hafte Einheit, eine organische Einheit eines intuitiven Verstandes soll ein für allemal<lb n="29"/>nicht gedacht werden; nicht die Vernunft soll hier erkennen, sondern es soll durch<lb n="30"/>Urtheilskraft reflectirt, und das Princip derselben werden, zu denken, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ob</hi> ein<lb n="31"/>Bewußtseyn habender Verstand die Natur bestimmte; Kant erkennt sehr gut, daß<lb n="32"/>dieß keine objective Behauptung, sondern nur etwas subjectives ist, aber diese Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>jectivität und Endlichkeit der Maxime soll das absolute Erkennen bleiben; <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="34"/>ist es nicht unmöglich, daß der Mechanismus mit der Zweckmäßigkeit der Natur zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>sammentrifft, sondern <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> ist es unmöglich; indem zur Erkenntniß<lb n="36"/>dieses Zusammentreffens eine andre als sinnliche Anschauung und ein bestimmtes</p>
<pb n="343" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=350" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="55–57"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>Erkenntniß des intelligiblen Substrats der Natur, woraus selbst von dem Mechanismus<lb n="2"/>der Erscheinungen nach besondern Gesetzen Grund angegeben werden könne, er<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>forderlich seyn würde, welches alles unser Vermögen gänzlich übersteige.</p>
<p><lb n="4"/>Ungeachtet Kant selbst in der Schönheit eine andere Anschauung als die sinnliche,<lb n="5"/>und indem er das Substrat der Natur als ein intelligibles bezeichnet, dasselbe als ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nünftig und als identisch mit aller Vernunft, wie auch das Erkennen, in welchem<lb n="7"/>Begriff und Anschauen sich trennen, für ein subjectives endliches Erkennen, ein<lb n="8"/>Erkennen nach der Erscheinung erkannt hat, so soll es denn doch bey diesem end<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichen Erkennen absolut bleiben; ungeachtet das Erkenntnißvermögen der Idee und<lb n="10"/>des Vernünftigen fähig ist, doch schlechthin nicht nach derselben erkennen, sondern<lb n="11"/>nur, wenn es nach der Erscheinung das Organische und sich selbst endlich erkennt,<lb n="12"/>sich für absolut halten. So wie die wahrhaft speculative Seite der Kantischen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sophie allein darin bestehen kann, daß die Idee so bestimmt gedacht und aus<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gesprochen worden ist, und wie es allein interessant ist, dieser Seite seiner Philosophie<lb n="15"/>nachzugehen, so viel härter ist es, das Vernünftige nicht etwa nur wieder verwirrt,<lb n="16"/>sondern mit vollem Bewußtseyn die höchste Idee verderbt und die Reflexion und<lb n="17"/>endliches Erkennen über sie erhoben werden zu sehen.</p>
<p><lb n="18"/>Aus dieser Darstellung ergiebt sich kurz das transcendentale Wissen in dieser Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sophie, das, nachdem sich die Deduction der Kategorieen aus der organischen Idee<lb n="20"/>der productiven Einbildungskraft in das mechanische Verhältniß einer Einheit des<lb n="21"/>Selbstbewußtseyns, die im Gegensatz gegen die empirische Mannichfaltigkeit und für<lb n="22"/>sie bestimmend oder über sie reflectirend ist, verliert, sich in ein formales Wissen<lb n="23"/>selbst umwandelt; zu der Einheit des Selbstbewußtseyns, welche zugleich die objec<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>tive Einheit, die Kategorie, formale Identität ist, zu dieser Einheit muß ein Plus des<lb n="25"/>empirischen durch diese Identität nicht bestimmten auf eine unbegreifliche Weise als<lb n="26"/>ein Fremdes hinzutreten, und dieß Hinzutreten eines B zur reinen Egoität heißt Er<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>fahrung, oder das Hinzutreten des A zum B, wenn B als das Erste gesetzt ist, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>nünftig handeln; ein A:A + B; das A in A + B ist die objective Einheit des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>bewußtseyns; B, das Empirische, der Inhalt der Erfahrung, welches als ein Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>faltiges durch die Einheit A verbunden ist; aber für A ist B ein Fremdes, ein in A<lb n="31"/>nicht Enthaltenes, und das Plus selbst, die Verbindung nemlich jenes Verbindenden<lb n="32"/>und dieses Mannichfaltigen, das Unbegreifliche; dieß Plus war als productive Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>bildungskraft vernünftig erkannt worden, aber indem diese productive Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>kraft Eigenschaft allein des Subjects, des Menschen und seines Verstandes ist, verläßt<lb n="35"/>sie selbst ihre Mitte, wodurch sie nur ist, was sie ist, und wird ein Subjectives. Es ist<lb n="36"/>gleichgültig, jenes formale Wissen, als ein Wissen am Faden der Identität oder des<lb n="37"/>Causalzusammenhangs fortlaufend vorzustellen; denn das A als Allgemeines, in-</p>
<pb n="344" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=351" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="57–59"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>sofern es dem (A + B) als dem Besondern gegenüber stehend, gesetzt wird, ist die<lb n="2"/>Ursache, oder wird darauf reflectirt, daß in beyden Ein und dasselbe A enthalten ist,<lb n="3"/>das als Begriff sich mit dem Besondern verbindet, so erscheint dieses Causalverhältniß,<lb n="4"/>als Identitätsverhältniß, nach der Seite, von welcher die Ursache mit der Wirkung zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sammenhängt, d. h. von welcher sie Ursache ist, zu welcher Seite aber noch ein anderes<lb n="6"/>hinzutritt; und zu sagen, die Causalverbindung gehört ganz dem analytischen Urtheil<lb n="7"/>an, oder es wird in ihr zu absolut entgegengesetzten übergegangen, ist Eins und dasselbe.</p>
<p><lb n="8"/>Dieses formale Wissen hat also im Allgemeinen die Gestalt, daß seiner formalen<lb n="9"/>Identität absolut eine Mannichfaltigkeit gegenüber steht; der formalen Identität, als<lb n="10"/>an sich seyend, nemlich ihr als Freyheit, praktischer Vernunft, Avtonomie, Gesetz,<lb n="11"/>praktischer Idee u.s.w. steht gegenüber absolut, die Nothwendigkeit, Neigungen und<lb n="12"/>Triebe, Heteronomie, Natur, u.s.w. Die mögliche Beziehung beyder ist die unvoll<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ständige Beziehung innerhalb der Gränzen eines absoluten Gegensatzes, ein Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>werden der mannichfaltigen Seite durch die Einheit; so wie ein Erfülltwerden der<lb n="15"/>Leerheit der Identität, durch das Mannichfaltige; deren eines zum andern, es sey<lb n="16"/>thätig oder leidend, als ein Fremdes auf eine formale Weise hinzutritt. Indem dieses<lb n="17"/>formale Wissen den Gegensatz in seiner ganzen Absolutheit bey den dürftigen<lb n="18"/>Identitäten, die es zu Stande bringt, bestehen läßt, und das Mittelglied, die Vernunft,<lb n="19"/>ihm fehlt, weil jedes der Glieder, so wie es in der Entgegensetzung ist, als ein Abso<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lutes seyn soll, so ist diese Mitte, und das Vernichtetwerden beyder und der Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>keit ein absolutes Jenseits. Es wird erkannt, daß dieser Gegensatz nothwendig eine<lb n="22"/>Mitte voraussetzt, eben so daß er in ihr und sein Innhalt vernichtet seyn müsse, aber<lb n="23"/>nicht das wirkliche und wahrhafte Vernichten, sondern nur das Eingestehen, daß das<lb n="24"/>Endliche aufgehoben werden <hi rendition="#g">sollte</hi>, nicht die wahrhafte Mitte, sondern gleichfalls<lb n="25"/>nur das Eingestehen, daß eine Vernunft seyn <hi rendition="#g">sollte</hi>, wird in einem Glauben gesetzt,<lb n="26"/>dessen Innhalt selbst leer ist, weil außer ihm der Gegensatz, der als absolute Identität<lb n="27"/>seinen Innhalt ausmachen könnte, bleiben soll, dessen Innhalt, wenn sein Charakter<lb n="28"/>positiv ausgedruckt werden sollte, die Vernunftlosigkeit ist, weil er ein absolut un<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gedachtes, unerkanntes und unbegreiffliches Jenseits ist.</p>
<p><lb n="30"/>Wenn wir dem praktischen Glauben der Kantischen Philosophie (nemlich dem<lb n="31"/>Glauben an Gott, – denn die Kantische Darstellung des praktischen Glaubens an<lb n="32"/>Unsterblichkeit entbehrt aller eigenen Seiten, von denen sie einer philosophischen<lb n="33"/>Beachtung fähig wäre,) etwas von dem unphilosophischen und unpopulären Kleide<lb n="34"/>nehmen, womit er bedeckt ist, so ist darin nichts anders ausgedrückt, als die Idee,<lb n="35"/>daß die Vernunft zugleich absolute Realität habe, daß in dieser Idee aller Gegensatz<lb n="36"/>der Freyheit und der Nothwendigkeit aufgehoben, daß das unendliche Denken</p>
<pb n="345" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=352" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="59–60"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · KANT</fw>
<p><lb n="1"/>zugleich absolute Realität ist, oder die absolute Identität des Denkens und des Seyns.<lb n="2"/>Diese Idee ist nun durchaus keine andere, als diejenige, welche der ontologische<lb n="3"/>Beweis, und alle wahre Philosophie als die erste und einzige, so wie allein wahre und<lb n="4"/>philosophische erkennt. Das Speculative dieser Idee ist freilich von Kant in die<lb n="5"/>humane Form umgegossen, daß Moralität und Glückseligkeit harmoniren, und wenn<lb n="6"/>diese Harmonie wieder zu einem Gedanken gemacht wird, und dieser das höchste<lb n="7"/>Gut in der Welt heißt, daß dieser Gedanke realisirt sey, so was schlechtes, wie eine<lb n="8"/>solche Moralität und Glückseligkeit; nemlich die Vernunft, wie sie im Endlichen<lb n="9"/>thätig ist, und die Natur, wie sie im Endlichen empfunden wird, kann sich freylich<lb n="10"/>zu nichts höherem als einem solchen praktischen Glauben erschwingen, dieser Glaube<lb n="11"/>ist gerade nur so viel, als das absolute Versenktseyn in die Empirie braucht; denn er<lb n="12"/>läßt ihr sowohl die Endlichkeit ihres Denkens und Thuns als die Endlichkeit ihres<lb n="13"/>Genusses. Käme sie zum Schauen und zum Wissen, daß Vernunft und Natur absolut<lb n="14"/>harmoniren und in sich selig sind, so müßte sie ihre schlechte Moralität, die nicht<lb n="15"/>mit der Glückseligkeit, und die schlechte Glückseligkeit, die nicht mit der Moralität<lb n="16"/>harmonirt, selbst für ein Nichts erkennen; aber es ist darum zu thun, daß beydes<lb n="17"/>Etwas, und etwas hohes und absolut seyen; aber so schmäht diese Moralität die Natur<lb n="18"/>und den Geist derselben, als ob die Einrichtung der Natur nicht vernünftig gemacht,<lb n="19"/>sie hingegen in ihrer Erbärmlichkeit, für welche der Geist des Universums freilich<lb n="20"/>nicht sich organisirt hat, an sich und ewig wäre, und meynt sich dadurch so gar zu<lb n="21"/>rechtfertigen und zu ehren, daß sie im Glauben die Realität der Vernunft sich wohl<lb n="22"/>vorstelle, aber nicht als etwas, das absolutes Seyn habe; denn wenn die absolute<lb n="23"/>Realität der Vernunft die wahrhafte Gewißheit hätte, so könnte das Endliche und<lb n="24"/>das beschränkte Seyn und jene Moralität keine Gewißheit noch Wahrheit haben.</p>
<p><lb n="25"/>Es ist aber zugleich nicht zu übersehen, daß Kant mit seinen Postulaten innerhalb<lb n="26"/>ihrer wahrhaften und richtigen Gränze stehen bleibt, welche Fichte nicht respectirt;<lb n="27"/>nach Kant selbst sind nemlich die Postulate und ihr Glauben etwas subjectives; es<lb n="28"/>ist nur die Frage, wie dieß subjective genommen wird; ist nemlich die Identität<lb n="29"/>des unendlichen Denkens, und des Seyns, der Vernunft und ihrer Realität etwas sub<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>jectives? oder nur das Postuliren, und Glauben derselben? der Innhalt oder die Form<lb n="31"/>der Postulate? Der Innhalt kann es nicht seyn, denn ihr negativer Innhalt ist ja un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mittelbar das Aufheben alles subjectiven; also ist es die Form; d. h. es ist etwas sub<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>jectives und zufälliges, daß die Idee nur etwas subjectives ist; es soll an sich kein<lb n="34"/>Postuliren, kein Sollen und kein Glauben seyn; und das Postuliren der absoluten<lb n="35"/>Realität der höchsten Idee ist etwas unvernünftiges. Fichte hat diese Subjectivität des<lb n="36"/>Postulirens und Glaubens und Sollens nicht anerkannt, sondern ihm ist dasselbe, das<lb n="37"/>An sich. Unerachtet nun Kant dagegen anerkennt, daß das Postuliren und Sollen und</p>
<pb n="346" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=353" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="60–63"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Glauben nur etwas subjectives und endliches ist, soll es denn doch dabey schlechthin,<lb n="2"/>so wie bey jener Moralität, bleiben; und daß es dabey bleiben soll, oder das an sich<lb n="3"/>Schlechte der Sache, nemlich die Form des Postulirens ist ebendeßwegen gerade<lb n="4"/>das, was den allgemeinen Beifall findet.</p>
<p><lb n="5"/>Dieser Charakter der Kantischen Philosophie, daß das Wissen ein formales ist,<lb n="6"/>und die Vernunft als eine reine Negativität ein absolutes Jenseits, das als Jenseits und<lb n="7"/>Negativität bedingt ist, durch ein Dießeits und Positivität, Unendlichkeit und End<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichkeit, beyde mit ihrer Entgegensetzung gleich absolut sind, ist der allgemeine<lb n="9"/>Charakter der Reflexions-Philosophieen, von denen wir sprechen; die Form, in der<lb n="10"/>die Kantische sich vorträgt, und die lehrreiche und gebildete Ausdehnung, welche sie<lb n="11"/>hat, so wie die Wahrheit innerhalb der Gränzen, die sie aber nicht nur sich, sondern<lb n="12"/>der Vernunft überhaupt macht, so wie die interessante Seite abgerechnet, von welcher<lb n="13"/>sie auf wahrhaft speculative Ideen, aber als auf Einfälle und bloße unreelle Gedanken,<lb n="14"/>kommt, ist ihr eigenthümlich, daß sie ihre absolute Subjectivität in objectiver Form,<lb n="15"/>nemlich als Begriff und Gesetz aufstellt, und die Subjectivität ist allein durch ihre<lb n="16"/>Reinheit fähig, in ihr entgegengesetztes, die Objectivität überzugehen, also von<lb n="17"/>beyden Theilen der Reflexion, dem Endlichen und Unendlichen, das Unendliche<lb n="18"/>über das Endliche erhebt, und hierin das Formelle der Vernunft wenigstens geltend<lb n="19"/>macht. Ihre höchste Idee ist die völlige Leerheit der Subjectivität, oder die Reinheit<lb n="20"/>des unendlichen Begriffs, der zugleich in der Verstandessphäre als das Objective<lb n="21"/>gesetzt ist, doch hier mit Dimensionen der Kategorien; in der praktischen Seite aber<lb n="22"/>als <hi rendition="#g">objectives</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>; in der Mitte zwischen beyden Seiten aber, einer von End<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichkeit afficirten und einer reinen Unendlichkeit, ist die Identität des Endlichen und<lb n="24"/>Unendlichen selbst wieder nur in der Form des Unendlichen als Begriff gesetzt, und<lb n="25"/>die wahrhafte Idee bleibt eine absolut subjective Maxime, theils für das Reflectiren,<lb n="26"/>theils für das Glauben, nur ist sie nicht für die Mitte des Erkennens und der Vernunft.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="27"/>B.<lb n="28"/>JACOBISCHE PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="29"/>Die <hi rendition="#g">Jacobische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> hat mit der Kantischen Philosophie das Gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schaftliche der absoluten Endlichkeit, derselben in ideeller Form, als formalen Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sens, in reeller, als eines absoluten Empirismus, – und des Integrirens beyder durch<lb n="32"/>den ein absolutes Jenseits setzenden Glauben. Sie bildet aber innerhalb dieser gemein-</p>
<pb n="347" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=354" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–65"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>schaftlichen Sphäre den entgegengesetzten Pol zu der Kantischen Philosophie, in<lb n="2"/>welcher Endlichkeit und Subjectivität eine objective Form des Begriffs hat, die<lb n="3"/>Jacobische macht dagegen die Subjectivität ganz subjectiv zur Individualität; dieß<lb n="4"/>Subjective des Subjectiven gewinnt, als solches, wieder ein inneres Leben, und scheint<lb n="5"/>damit der Schönheit der Empfindung fähig zu werden.</p>
<p><lb n="6"/>Wir betrachten zuerst die Subjectivität des Wissens, dessen formale Seite Jacobi<lb n="7"/>unmittelbar mit Bewußtseyn und in der Abstraction erkennt und rein darstellt; so<lb n="8"/>wie er positiv das Wissen in dieser Form allein behauptet, und die Objectivität der<lb n="9"/>Vernunft im Wissen leugnet, ebenso macht er, wo er polemisirt, dieses Wissen gel<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tend und bestreitet die Wissenschaft der Vernunft durch dasselbe.</p>
<p><lb n="11"/>Daß Jacobi allenthalben nur von formalem Wissen weiß, von einer Verstandes<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>identität, deren Innhalt durch Empirie erfüllt wird, von einem Denken, zu welchem<lb n="13"/>die Realität überhaupt auf eine unbegreifliche Weise hinzukommt, ist einer der<lb n="14"/>wenigen, oder eigentlich der einzige Punct, worüber die Jacobische Philosophie<lb n="15"/>objectiv ist, und der Wissenschaft angehört; und dieser Punct ist in deutlichen<lb n="16"/>Begriffen vorgestellt. Meine Philosophie, sagt Jacobi (Dav. Hume Vorr. S. V.)<lb n="17"/>schränkt die Vernunft, für sich allein betrachtet, auf das bloße Vermögen, Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nisse deutlich wahrzunehmen, d. i. <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Satz</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Widerspruchs</hi> zu formiren<lb n="19"/>und darnach zu urtheilen, ein; nun muß ich aber eingestehen, daß die Bejahung bloß<lb n="20"/>identischer Sätze allein apodiktisch sey, und eine absolute Gewißheit mit sich führe.<lb n="21"/>Eben so (Briefe über Spinoza S. 215.f.): Die Ueberzeugung aus Gründen ist eine<lb n="22"/>Gewißheit aus der zweyten Hand; (die erste Hand ist der Glaube, wovon nachher)<lb n="23"/>Gründe sind nur Merkmahle <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Aehnlichkeit</hi> mit einem Dinge, dessen wir<lb n="24"/>gewiß (nemlich durch Glauben) sind; die Ueberzeugung, welche sie hervorbringen,<lb n="25"/>entspringt aus <hi rendition="#g">Vergleichung</hi>, und kann nie recht sicher und vollkommen seyn.<lb n="26"/>Eine der fünf Thesen (ebend. S. 225.) des Innbegriffes seiner Behauptungen ist: Wir<lb n="27"/>können nur <hi rendition="#g">Aehnlichkeiten</hi> demonstriren; – denn Demonstration ist Fortschritt<lb n="28"/>in identischen Sätzen; – und jeder Erweis setzt etwas schon Erwiesenes zum Voraus,<lb n="29"/>wovon das Princip nur Offenbarung ist, vergl. S. 421. Das Geschäfte der Vernunft<lb n="30"/>überhaupt ist progressive Verknüpfung; und ihr <hi rendition="#g">speculatives</hi> Geschäft, Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>knüpfung nach erkannten Gesetzen der Nothwendigkeit; – die <hi rendition="#g">wesentliche</hi> <hi rendition="#g">Un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">bestimmtheit</hi> <hi rendition="#g">menschlicher</hi> <hi rendition="#g">Sprache</hi> und Bezeichnung und <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wandel</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">bare</hi> <hi rendition="#g">sinnlicher</hi> <hi rendition="#g">Gestalten</hi> läßt aber fast durchgängig diese Sätze ein <hi rendition="#g">äußer</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">liches</hi> <hi rendition="#g">Ansehen</hi> gewinnen, als sagten sie etwas mehr, als das bloße: quicquid est, illud<lb n="35"/>est; mehr als ein blosses Factum aus, welches wahrgenommen, beobachtet, verglichen,<lb n="36"/>wieder erkannt, und mit anderen Begriffen verknüpft wurde. S. auch S. 238. auch<lb n="37"/>Dav. Hume S. 94.</p>
<pb n="348" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=355" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="65–67"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Das nothwendige Gegenstück zu dem Satze der Identität ist der Satz des Grundes,<lb n="2"/>es werde nun darunter der Satz des Grundes überhaupt, oder der Satz der Ursache<lb n="3"/>und Wirkung oder einer Vereinigung von beyden, nach den Jacobischen Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>scheidungen (Briefe über Spin. S. 415) verstanden; und in Ansehung der Materie<lb n="5"/>werde er betrachtet, insofern von Begriffen zu Begriffen, oder vom Begriff zu seiner<lb n="6"/>Realität, oder von objectiven Realitäten zu andern fortgegangen wird.</p>
<p><lb n="7"/>Die ältere philosophische Bildung hat in den Ausdruck des Satzes des Grundes das<lb n="8"/>Zeugniß ihrer vernünftigen Bestrebungen niedergelegt; und sein Schwanken zwi<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schen Vernunft und Reflexion, so wie sein Uebergang zur letztern bezeichnet sich<lb n="10"/>sehr treffend in der Unterscheidung, welche Jacobi zwischen ihm als logischem<lb n="11"/>Satze des Grundes und als Causalverhältniß macht, und an welcher er sowohl den<lb n="12"/>Weg des Verständnisses als des Bekämpfens der Philosophie macht, dem wir nach<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gehen wollen. Jacobi erkennt im Satze des Grundes seine Bedeutung als Princips der<lb n="14"/>vernünftigen Erkenntniß, totum parte prius esse necesse est, (D. Hume S. 94.) oder das<lb n="15"/>Einzelne ist nur im Ganzen bestimmt, es hat seine Realität nur in der absoluten<lb n="16"/>Identität, die, insofern unterscheidbares in ihr gesetzt ist, absolute Totalität ist. In einer<lb n="17"/>Beziehung, sagt Jacobi, sey das totum parte prius esse necesse est, nichts anders als, idem<lb n="18"/>est idem; in anderer aber nicht; und hievon, daß diese beyden Beziehungen, wesentlich<lb n="19"/>unterschieden absolut auseinander gehalten werden sollen, fängt sogleich dieser<lb n="20"/>Grund-Dogmatismus an. Jacobi begreifft nemlich den Satz des Grundes als reinen<lb n="21"/>Satz des Widerspruchs, und nennt ihn in diesem Sinne logisch, als abstracte Einheit,<lb n="22"/>zu welcher es freylich nothwendig ist, daß das Differente, als ein Empirisches hinzu<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>trete, und unterscheidet ein ursachliches Verhältniß, in welchem auf das Heterogene,<lb n="24"/>das zur Identität des Begriffs hinzukommt, und das ein empirisch gegebenes ist,<lb n="25"/>reflectirt wird und behauptet das ursachliche Verhältniß nach dieser Eigenthümlich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit, als einen Erfahrungsbegriff. Die Art, wie er dieß darthut, D. Hume S. 99. f. und<lb n="27"/>worauf er sich Briefe über Spin. S. 415. beruft, ist ein merkwürdiges Stück des<lb n="28"/>Locke’schen und Hume’schen Empirismus, in welchen ein ebenso grelles Stück von<lb n="29"/>deutschem analysirendem Dogmatismus, schlimmer als nach Mendelssohnscher Art,<lb n="30"/>hineingeknetet ist, von welcher befreyt worden zu seyn, die Welt den Göttern,<lb n="31"/>nächst Kanten nicht genug danken kann. Im Satze des Grundes, und in der Totalität<lb n="32"/>nemlich vermißt Jacobi die Theile, und er hat sich diese noch außer dem Ganzen<lb n="33"/>irgend woher zu hohlen, oder, wie er dieß begreift, alle Theile sind zu einem Ganzen<lb n="34"/>wirklich schon vereinigt und darinn vorhanden, aber eine solche intuitive Erkenntniß<lb n="35"/>der Theile aus dem Ganzen ist nur <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">subjectives</hi> und unvollständiges, <hi rendition="#g">denn</hi><lb n="36"/>es fehlt noch das objective Werden, und die Succession, und um dieser willen muß zu</p>
<pb n="349" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=356" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="67–69"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>der Totalität noch das Causalverhältniß hinzukommen. Man höre nun die Deduc<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tion der, wie Jacobi es nennt, absoluten Nothwendigkeit des Begriffs von Ursache<lb n="3"/>und Wirkung, und von Succession, (D. Hume S. 111.ff.) in folgender Reihe von<lb n="4"/>Sätzen:</p>
<p><lb n="5"/>»<hi rendition="#g">Zu</hi> <hi rendition="#g">unserem</hi> <hi rendition="#g">menschlichen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, und ich darf nur gleich hinzu<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>setzen, zu dem Bewußtseyn eines jeden endlichen Wesens ist außer dem emp<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>findenden Dinge, noch ein wirkliches Ding, welches empfunden wird, nothwendig.</p>
<p><lb n="8"/>Wo zwey erschaffene Wesen, die außereinander sind, in solchem Verhältnisse<lb n="9"/>gegeneinander stehen, daß eins in das andere wirkt, da ist ein ausgedehntes Wesen.</p>
<p><lb n="10"/>Wir fühlen das Mannichfaltige unseres Wesens in einer reinen Einheit verknüpft,<lb n="11"/>welche wir unser Ich nennen; das Unzertrennliche in einem Wesen bestimmt seine<lb n="12"/>Individualität, oder macht es zu einem wirklichen Ganzen; etwas der Individualität<lb n="13"/>einigermaßen Analoges nehmen wir in der körperlichen Ausdehnung überhaupt<lb n="14"/>wahr, indem das ausgedehnte Wesen, als solches, nie getheilt werden kann, sondern<lb n="15"/>überall dieselbige Einheit, die eine Vielheit unzertrennlich in sich verknüpft, vor<lb n="16"/>Augen stellt.</p>
<p><lb n="17"/>Wenn Individua auch das Vermögen haben, außer sich zu wirken; so müssen sie,<lb n="18"/>wenn die Wirkung erfolgen soll, andere Wesen mittelbar oder unmittelbar berühren.</p>
<p><lb n="19"/>Die unmittelbare Folge der Undurchdringlichkeit bey der Berührung, nennen wir<lb n="20"/>den Widerstand; wo also Berührung ist, da ist Undurchdringlichkeit von beyden<lb n="21"/>Seiten; folglich auch Widerstand; Wirkung und Gegenwirkung; <hi rendition="#g">beydes</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Quelle</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Successiven</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi>, der Vorstellung desselben.«</p>
<p><lb n="23"/>Aus der Voraussetzung also, daß einzelne sich selbst offenbare Wesen, die in<lb n="24"/>Gemeinschaft mit einander stehen, vorhanden sind, hat sich diese Deduction der<lb n="25"/>Begriffe von Ausdehnung, von Ursache und Wirkung, und von Succession, oder die<lb n="26"/>Deduction des Absolutseyns der Endlichkeit ergeben; und zugleich ist damit heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gebracht, daß diese Begriffe allen endlichen sich selbst offenbaren Wesen gemein<lb n="28"/>seyn müssen, und auch <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ihren vom Begriffe unabhängigen<lb n="29"/>Gegenstand, folglich eine wahre objective Bedeutung haben.</p>
<p><lb n="30"/>»Dergleichen Begriffe nemlich, die in jeder Erfahrung vollständig und dergestalt<lb n="31"/>als das Erste gegeben seyn müssen, daß ohne ihr Objectives kein Gegenstand eines<lb n="32"/>Begriffs, und ohne ihren Begriff überhaupt keine Erkenntniß möglich wäre, heißen<lb n="33"/>schlechterdings allgemeine oder nothwendige Begriffe, und die aus ihnen ent<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>springenden Urtheile und Schlüsse, <hi rendition="#g">Erkenntnisse</hi> <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi>.«</p>
<p><lb n="35"/>Wir sehen, daß diese Deduction das Causalverhältniß in seinem ganzen Umfang<lb n="36"/>betreffen, und hier etwas bündigeres geliefert werden sollte, als die Kantische Deduc<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>tion; diese Jacobische Deduction aber verdient so wenig den Namen einer Deduc<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>tion, daß sie nicht einmal eine gemeine Analyse des Vorausgesetzten, nemlich des<lb n="39"/>Begriffs der Gemeinschaft einzelner Dinge, genannt werden kann; es ist schon etwas,</p>
<pb n="350" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=357" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="69–71"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>wovor alle Speculation erschrickt, nemlich das Absolutseyn eines menschlichen<lb n="2"/>Bewußtseyns und eines empfindenden Dings, und eines empfundenen Dings und<lb n="3"/>ihrer Gemeinschaft, geradezu aus dem gemeinsten Empirismus heraus, vorausgesetzt;<lb n="4"/>durch überflüssige Mittelbegriffe werden sie endlich zur Wirkung und Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wirkung zusammen analysirt, und <hi rendition="#g">dieß</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, hier geht auch das Analysiren aus, die<lb n="6"/><hi rendition="#g">Quelle</hi> des Successiven. Man sieht gar nicht, wozu solch hohes Kunststück nützlich<lb n="7"/>seyn soll; denn schon mit der unanalysirten absoluten Annahme eines empfindenden<lb n="8"/>Dings, und eines Dings, das empfunden wird, ist alle Philosophie aus dem Feld<lb n="9"/>geschlagen. Merkwürdig ist der Unterschied der Voraussetzung und des Resultats<lb n="10"/>von dem Resultat der Kantischen Deduction der Kategorie; nach Kant sind alle<lb n="11"/>diese Begriffe, von Ursache und Wirkung, Succession u.s.w. schlechthin auf die<lb n="12"/>Erscheinung eingeschränkt; die Dinge, in welchen diese Formen objectiv sind, so<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wohl als eine Erkenntniß dieser Objecte ist schlechthin nichts <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; das An-sich<lb n="14"/>und die Vernunft werden schlechthin über diese Formen der Endlichkeit erhoben,<lb n="15"/>und von ihnen rein erhalten; ein Resultat, womit Kanten, den Anfang einer Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sophie überhaupt gemacht zu haben, das unsterbliche Verdienst bleibt. Aber in<lb n="17"/>diesem Nichts der Endlichkeit ist es gerade, worin Jacobi ein absolutes An-sich sieht,<lb n="18"/>und mit dem Traum dieser Waffe das Wachen des Spinoza bekämpft.</p>
<p><lb n="19"/>Wenn wir oben die Unvollkommenheit der Kantischen Annihilation des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>standes darin setzten, daß er ihn mit seinen Formen zwar zu etwas subjectivem, aber<lb n="21"/>in dieser Gestalt doch zu etwas positivem und absolutem macht, so findet dagegen<lb n="22"/>Jacobi, nachdem er Wirkung und Gegenwirkung, Succession, Zeit u.s.w. so glück<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lich aus der Gemeinschaft endlicher Dinge herausgebracht hatte, daß man, »damit<lb n="24"/>diese Grundbegriffe und Urtheile von der Erfahrung unabhängig werden, sie nicht<lb n="25"/>zu Vorurtheilen des Verstandes zu machen brauche, von denen wir geheilt werden<lb n="26"/>müssen, indem wir erkennen lernen, daß sie sich auf nichts an sich beziehen, folglich<lb n="27"/>keine wahre objective Bedeutung haben; denn die Grundbegriffe und Urtheile ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lieren weder von ihrer Allgemeinheit noch von ihrer Nothwendigkeit, wenn sie aus<lb n="29"/>dem, was allen Erfahrungen gemein seyn und ihnen zum Grunde liegen muß,<lb n="30"/>genommen sind; sie gewinnen vielmehr einen weit höhern Grad von unbedingter<lb n="31"/>(hat das Unbedingte Grade?) Allgemeinheit, wenn sie nicht bloß für den Menschen<lb n="32"/>und seine eigenthümliche Sinnlichkeit geltend, sondern aus dem Wesen und der<lb n="33"/>Gemeinschaft einzelner Dinge überhaupt können hergeleitet werden. – Wenn aber<lb n="34"/>unsere Sinne uns gar nichts von den Beschaffenheiten der Dinge lehren, nichts von<lb n="35"/>ihren gegenseitigen Verhältnissen und Beziehungen, ja nicht einmal, daß sie im<lb n="36"/>transcendentalen Verstande wirklich vorhanden sind: und wenn unser Verstand sich<lb n="37"/>blos auf eine solche <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> darstellende, objectiv</p>
<pb n="351" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=358" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="71–72"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>platterdings leere Sinnlichkeit bezieht, um durchaus subjectiven Anschauungen,<lb n="2"/>nach durchaus subjectiven Regeln, durchaus subjective Formen zu verschaffen: so<lb n="3"/>bin ich alles, und außer mir im eigentlichen Verstande Nichts; und Ich, mein Alles,<lb n="4"/>bin denn am Ende doch auch nur ein leeres Blendwerk von Etwas; die Form einer<lb n="5"/>Form; ein Gespenst; – ein solches System rottet alle Ansprüche an Erkenntniß der<lb n="6"/>Wahrheit bis auf den Grund aus, und läßt für die wichtigsten Gegenstände nur einen<lb n="7"/>solchen blinden ganz erkenntnißleeren Glauben übrig, wie man den Menschen bisher<lb n="8"/>noch keinen zugemuthet hat.« – Es ist hier wohl zu unterscheiden, daß nur darin, daß<lb n="9"/>Kant das Vernünftige als solches verkennt, sein erkenntnißleerer Glaube liegt, nicht<lb n="10"/>aber in seiner großen Theorie, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">erkennt</hi>.<lb n="11"/>Dasjenige, womit hingegen Jacobi die menschliche Erkenntniß bereichert, sind solche<lb n="12"/>Dinge, wie das Absolutseyn der endlichen Dinge und ihrer Gemeinschaft, der Zeit<lb n="13"/>und der Succession, und des Causalzusammenhangs, die auch (S. 119 Hume) in den<lb n="14"/><hi rendition="#g">Dingen</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ihren vom Begriffe unabhängigen Gegenstand haben. Aber daß<lb n="15"/>solche Absoluta der objectiven Endlichkeit negirt, und als Nichts an sich erkannt<lb n="16"/>würden, und consequenterweise eben so die subjective Endlichkeit, das sinnliche<lb n="17"/>und reflectirtdenkende Ich, <hi rendition="#g">mein</hi> Alles, auch nur ein leeres Blendwerk von Etwas an<lb n="18"/>sich wäre; – daß <hi rendition="#g">mein</hi> endliches Alles eben so gut vor der Vernunft zu Grunde geht,<lb n="19"/>als das Alles des objectiven Endlichen, das ist für Jacobi das Entsetzliche und Schauder<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>hafte; die Verabscheuung der Vernichtung des Endlichen ist eben so fixirt, als das<lb n="21"/>correspondirende, die absolute Gewißheit des Endlichen, und wird sich als der<lb n="22"/>Grundcharakter der Jacobischen Philosophie durchaus erweisen. Man könnte es zu<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>nächst für eine Verbesserung der Kantischen Deduction halten, daß Jacobi Succession<lb n="24"/>und Causalzusammenhang, als Verhältniß überhaupt, nemlich als eine bloß relative<lb n="25"/>auf endliche Dinge eingeschränkte Beziehung begreift, und in der Deduction der<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>selben, wenn das obenangeführte anders eine Deduction wäre, nicht bloß wie Kant<lb n="27"/>von einem bewußten, sondern von einem bewußtlosen Verstande zugleich ausgeht;<lb n="28"/>allein nicht zu erwähnen, daß das Verhältniß subjectiv betrachtet, oder der bewußte<lb n="29"/>Verstand, und eben dasselbe objectiv betrachtet, oder als Verstand, Verhältniß der<lb n="30"/>Dinge, völlig unabhängig und dualistisch nebeneinander stehen, und Kant das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>hältniß, wenigstens schlechthin nur als Eines, ohne einen Unterschied, eines subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tiven Verstandes, und eines besondern objectiven, und wenn wir den Verstand bey<lb n="33"/>Kant auch als ein subjectives begreiffen müssen, doch kein äußeres fremdes Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>niß von Dingen, und also nur Einen Verstand, worin doch wenigstens das Formale<lb n="35"/>der Philosophie ausgedrückt ist, hat; so ist das wichtigste Resultat Kants immer das,<lb n="36"/>daß diese Verhältnisse des Endlichen (es seyen nun Verhältnisse des Subjectiven allein,<lb n="37"/>oder Verhältnisse zugleich der Dinge) nichts an sich, das Erkennen nach ihnen, nur</p>
<pb n="352" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=359" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="72–75"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>ein Erkennen von Erscheinungen ist (obgleich über dieses nicht hinausgegangen<lb n="2"/>werden soll, und es daher absolut wird). Das Apriorische der Jacobischen Verhältnisse<lb n="3"/>besteht hingegen darin, daß sie auch den <hi rendition="#g">Dingen</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zukommen, das heißt,<lb n="4"/>daß die endlichen Dinge, das empfindende Ding, und außer diesem das wirkliche<lb n="5"/>Ding, welches empfunden wird, <hi rendition="#g">Dinge</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und die Verhältnisse solcher<lb n="6"/>Dinge, die Succession, Causalzusammenhang, Widerstand u.s.w. wahrhafte Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>nunftverhältnisse oder Ideen sind; so daß also die scheinbare Verbesserung, nach<lb n="8"/>welcher die Verhältnisse nicht ein bloß Subjectives des bewußten Verstandes, sondern<lb n="9"/>auch ein Objectives, Bewußtloses wären, in Wahrheit einen absoluten Dogmatismus<lb n="10"/>und Erhebung des Endlichen zu einem An-sich constituirt.</p>
<p><lb n="11"/>Die Anwendung nun, welche Jacobi von dem Begründen des Absolutseyns des<lb n="12"/>Endlichen, welches durch die wichtige Unterscheidung des Satzes des Grundes und<lb n="13"/>der Causalität sich ergab, auf das System Spinoza’s macht, hat zweyerley Formen,<lb n="14"/>einmal, daß der Begriff der Succession in ihm fehle, das andremal, daß er im Grunde<lb n="15"/>doch vorhanden sey, aber in der Ungereimtheit einer ewigen Zeit.</p>
<p><lb n="16"/>Was das Fehlen der Zeit betrifft, so faßt Jacobi die Philosophie Spinoza’s auf, daß<lb n="17"/>Spinoza eine <hi rendition="#g">natürliche</hi> <hi rendition="#g">Erklärung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Daseyns</hi> <hi rendition="#g">endlicher</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">succes</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">siver</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> habe zu Stande bringen wollen. Aber indem er die Dinge dem Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nunftbegriffe nach als zugleich vorhanden – denn im Vernunftbegriffe ist kein Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>her und Nachher, sondern alles nothwendig und zugleich, – und das Universum auf<lb n="21"/>ewige Weise erkannte, so habe er den Fehler begangen, den Satz des Grundes ganz<lb n="22"/>allein logisch zu nehmen, und dadurch keine objective und wirkliche, sondern nur<lb n="23"/>eine subjective und idealische Succession statuirt; die auch nicht einmal idealisch vor<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>handen seyn könnte, wenn ihr nicht eine <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Succession in dem Subject,<lb n="25"/>welches sie in dem Gedanken erzeugt, zum Grunde läge; in dem logischen Satze des<lb n="26"/>Grundes sey die Succession selbst das Unbegreifliche. –</p>
<p><lb n="27"/>Es ist nichts zu sagen über eine solche psychologische Erinnerung, daß eine sub<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>jective und idealische Succession eine wirkliche Succession in dem Subject voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>setze; es ist damit theils gar nichts gesagt, theils etwas falsches, da nemlich die ideali<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sche Succession sich auf die mathematischen Gleichnisse des Spinoza bezieht, wovon<lb n="31"/>nachher die Rede seyn wird, und ihrer Wahrheit nach nur darum etwas reelles seyn<lb n="32"/>kann, daß sie das absolute Zugleich der Totalität und gar keine Succession ist. Dieß<lb n="33"/>absolute Zugleich aber der Totalität, und die Erkenntniß der Dinge, wie sie auf eine<lb n="34"/>nicht zeitliche, sondern ewige Weise sind, schreibt Jacobi dem Satze des Grundes und<lb n="35"/>der Vernachlässigung des Causalitätsgesetzes, und zwar dasselbe so verstanden, daß<lb n="36"/>Zeit in ihm gesetzt ist, zu; und daß diese Causalität und die Zeit nicht vernachlässigt<lb n="37"/>werden dürfe, davon ist der absolute Grund darinn, daß nach Jacobi die Zeit an sich<lb n="38"/>und absolut ist, und der Satz des Grundes, oder die Totalität heißt bei Jacobi darum<lb n="39"/>logisch, weil in ihm Ursache und Wirkung zugleich, und keine Zeit gesetzt ist. Ver-</p>
<pb n="353" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=360" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="75–76"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>gesse man aber den Satz der Causalität und seine Verschiedenheit vom Satze des<lb n="2"/>Grundes <hi rendition="#g">nicht</hi>, so sitze man in der Zeit unbeweglich fest, und dieß ist bei Jacobi<lb n="3"/>absolute Foderung; wenn Jacobi so angelegentlich seine Unterschiede nicht zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gessen ermahnt, weil durch den Vernunftbegriff, in dem kein Vorher und Nachher,<lb n="5"/>sondern alles nothwendig und zugleich ist, das Unglück entstehe, daß in der höchsten<lb n="6"/>Idee, in der Idee des Ewigen die Endlichkeit und Zeit und Succession verloren gehe,<lb n="7"/>so gleicht wahrhaftig ein solches Abmahnen dem bekannten Winken der ehrlichen<lb n="8"/>Reichsstadtwache, die dem anrückenden und Feuer gebenden Feinde zurief, nicht zu<lb n="9"/>schießen, weil es Unglück geben könnte, – als ob ein solches Unglück es nicht gerade<lb n="10"/>wäre, worauf man ausginge.</p>
<p><lb n="11"/>Jacobi hatte daraus, daß im Vernunftbegriff alles zugleich ist, den einfachen und<lb n="12"/>richtigen Schluß gezogen, daß wir hiernach anzunehmen gezwungen seyen, daß in<lb n="13"/>der Natur alles zugleich und was wir Succession nennen, eine bloße Erscheinung ist;<lb n="14"/>wie Jacobi sich auf das Finden dieses, wie er ihn nennt, paradoxen Satzes, von dem<lb n="15"/>er verwundert ist, daß Mendelssohn der erste gewesen sey, der es unbedenklich<lb n="16"/>gefunden habe, ihn zuzugeben (– Folge und Dauer sind, sagt Mendelssohn sehr gut,<lb n="17"/><hi rendition="#g">nothwendige</hi> Bestimmungen <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">eingeschränkten</hi> Denkens) – da Jacobi ihn<lb n="18"/>hingegen gegen die andern Philosophen (!) denen er ihn vorlegte, zu vertheidigen<lb n="19"/>gehabt – und den er nicht im Ernste, sondern nur als eine nothwendige Folge des<lb n="20"/>Satzes des Grundes vorgetragen habe, als auf seine Entdeckung etwas zu Gute thun<lb n="21"/>konnte, als auf einen Satz, der nicht Spinoza angehöre, ist eigentlich unbegreiflich.<lb n="22"/>Konnte denn Jacobi, Spinoza’s Commentator, etwa von Spinoza meynen, dieser habe<lb n="23"/>die Zeit in Gott gesetzt, und sie gehöre nach ihm auch nur zu der natura naturata?<lb n="24"/>Wir werden wirklich sogleich sehen, daß, nachdem Jacobi gefolgert hatte, Spinoza<lb n="25"/>müsse die Zeit eigentlich für bloße Erscheinung erklären, er doch die Zeit, und zwar<lb n="26"/>in der Ungereimtheit einer ewigen Zeit in Spinoza findet. Wenn in den wenigen<lb n="27"/>Stellen, wo er z. B. im zweyten Buch der Ethik, und in den Briefen auf diese unter<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>geordnete Form der Succession beyläufig zu sprechen kommt, und die unendliche<lb n="29"/>Reihe endlicher Dinge unter dieser Form der Abstraction absondert, nicht denken,<lb n="30"/>sondern imaginari von ihr gebraucht, und sie bestimmt genug ein auxilium imagina<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>tionis nennt, so kannte doch Jacobi wohl den Spinozischen Unterschied von intellectus<lb n="32"/>und imaginatio. Das absolute Zugleich, und daß Gott nicht die vorübergehende, son<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>dern die ewige Ursache der Dinge ist, und sie außer Gott also auch in der Zeit, und<lb n="34"/>die Zeit selbst nichts an sich ist, jede Zeile in Spinoza’s System macht den Satz, daß<lb n="35"/>Zeit und Succession bloße Erscheinung ist, zu einer solchen Trivialität, daß nicht die<lb n="36"/>mindeste Spur von Neuheit und Paradoxie darin zu sehen ist. Jacobi führt (Briefe</p>
<pb n="354" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=361" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>über Spin. S. 409) an, daß es Spinoza’s Ueberzeugung war, es müsse alles nur<lb n="2"/>secundum modum, quo a rebus aeternis fluit, betrachtet werden, und Zeit, Maaß und<lb n="3"/>Zahl als von diesem Modo abgesonderte Vorstellungsarten, folglich als Wesen der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bildung. Wie soll denn doch dem Spinoza jener Satz nicht angehören? Für Jacobi ist<lb n="5"/>jener Satz so paradox, daß er ihn nicht nur nicht im Ernste behauptete, sondern aus<lb n="6"/>dieser endlichsten Form der Endlichkeit schlechterdings etwas absolutes macht, und<lb n="7"/>die ganze Widerlegung Spinoza’s darauf gründet, daß dieser den Satz des Grundes<lb n="8"/>nicht so gefaßt habe, daß die Zeit darin sey, und die Täuschung Spinoza’s über die<lb n="9"/>Philosophie – daraus erklärt, so wie er selbst um dieser Endlichkeit willen das Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>nehmen der Vernunft als unmöglich und zufällig erkennt.</p>
<p><lb n="11"/>Jacobi findet aber wirklich die Inconsequenz bey Spinoza, daß er die Zeit als Etwas<lb n="12"/>an sich gesetzt habe, er findet in der unendlichen Reihe von einzelnen Dingen, deren<lb n="13"/>Eins nach! dem andern zur Wirklichkeit gekommen war, im Grunde (wo ist dieser<lb n="14"/>Grund?) <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">ewige</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi>, eine unendliche Endlichkeit; und diese ungereimte<lb n="15"/>Behauptung lasse sich durch keine mathematische Figur auf die Seite räumen, son<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dern hier habe sich Spinoza durch seine Imagination betrügen lassen.</p>
<p><lb n="17"/>Wir wollen zuerst Spinoza’s unendliche Reihe endlicher Dinge, dann die ewige<lb n="18"/>Zeit, welche Jacobi daraus macht, und die Unstatthaftigkeit der mathematischen<lb n="19"/>Gleichnisse beleuchten.</p>
<p><lb n="20"/>Eben das infinitum actu, welches Spinoza im 29. Brief, auf den Jacobi auch Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sicht nimmt, erläutert, und von welchem Spinoza sagt, daß diejenigen, welche die<lb n="22"/>Dinge der Einbildungskraft, Zahl, Maaß und Zeit mit den Dingen selbst vermischen,<lb n="23"/>weil sie die wahre Natur der Dinge nicht kennen, es leugnen, ist es, was Jacobi mit<lb n="24"/>dem Unendlichen der Imagination vermischt. Das Unendliche definirt Spinoza (Eth.<lb n="25"/>P. I. Pr. VIII. Sch. I.) als die absolute Affirmation der Existenz irgend einer Natur;<lb n="26"/>das Endliche im Gegentheil als eine theilweise Verneinung. Diese einfache Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>mung macht also das Unendliche zum absoluten sich selbst gleichen untheilbaren<lb n="28"/>wahrhaften Begriff, welcher das Besondere oder Endliche seinem Wesen nach zu<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gleich in sich schließt, und einzig und untheilbar ist, und diese Unendlichkeit, in<lb n="30"/>welcher nichts verneint und bestimmt ist, nennt Spinoza die Unendlichkeit des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>stands; es ist die Unendlichkeit der Substanz, und ihr Erkennen die intellectuelle<lb n="32"/>Anschauung, in welcher als der intuitiven Erkenntniß, nicht, wie im leeren Begriff,<lb n="33"/>und der Unendlichkeit der Abstraction, das Besondere und Endliche ausgeschlossen<lb n="34"/>und entgegengesetzt ist; und dieses Unendliche ist die Idee selbst. Dagegen entsteht<lb n="35"/>das Unendliche der Einbildungskraft auf eine ganz andere Weise; nemlich, wie<lb n="36"/>Spinoza sich ausdrückt, die Existenz und Dauer der modorum können wir, wenn wir<lb n="37"/>nicht auf die Ordnung der Natur selbst, sondern auf ihr besonderes Wesen, insofern</p>
<pb n="355" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=362" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="78–80"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>ihr Begriff nicht der Begriff der Substanz selbst ist, sehen, nach Belieben bestimmen<lb n="2"/>und theilen; und wenn wir die Quantität von der Substanz, die Dauer aber von der<lb n="3"/>Weise, nach welcher sie aus den ewigen Dingen fließt, abstrahirt, begreiffen, so ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>steht uns Zeit und Maaß. Oder durch das, was Spinoza Einbildungskraft nennt, oder<lb n="5"/>überhaupt durch Reflexion ist erst endliches gesetzt, wird zum Theil negirt; und dieß<lb n="6"/>zum Theil Negirte, für sich gesetzt und entgegengesetzt dem an sich nicht Negirten,<lb n="7"/>schlechthin Affirmativen, macht dieß Unendliche selbst zu einem zum Theil Negir<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ten, oder zu einer Abstraction, zur Kantischen reinen Vernunft und Unendlichkeit,<lb n="9"/>indem dasselbe in den Gegensatz gebracht wird; und als die absolute Identität beyder<lb n="10"/>ist das Ewige zu setzen, in welchem dieses Unendliche und jenes Endliche nach ihrem<lb n="11"/>Gegensatze wieder vernichtet sind. Ein anderes aber ist es, wenn das Abstrahirte,<lb n="12"/>Endliche oder Unendliche bleibt, was es ist, und jedes in die Form des Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gesetzten aufgenommen werden soll; hier ist eins bestimmt als nicht seyend, was das<lb n="14"/>andere ist, und jedes als gesetzt, und nicht gesetzt, als dieß bestimmte seyend, und als<lb n="15"/>seyend ein anderes; und ein so Gesetztes läuft in die empirische Unendlichkeit hin<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>aus; die Dauer als allein durch Einbildung gesetzt, ist ein Zeitmoment, ein Endliches<lb n="17"/>und als solcher fixirt ein zum Theil Negirtes, an und für sich zugleich bestimmt als<lb n="18"/>seyend ein anderer; dieser andere, der eben so durch die Einbildung seine Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>keit erhält, ist eben so ein anderer; diese Negation, die bleibt was sie ist, durch die<lb n="20"/>Einbildung positiv gemacht, gibt das empirisch Unendliche das heißt einen absoluten,<lb n="21"/>unaufgelösten Widerspruch.</p>
<p><lb n="22"/>Diese empirische Unendlichkeit, die nur gesetzt ist, insofern einzelne Dinge<lb n="23"/>gesetzt werden, (Eth. P. I. Pr. XXVIII.) – einzelne Dinge, welche hingegen Jacobi<lb n="24"/>als ein empfindendes Ding, und als ein Ding, das empfunden wird, oben in seiner<lb n="25"/>Deduction absolut setzte, aber sind an sich schlechthin nichts, – gibt Jacobi dem<lb n="26"/>Spinoza ohne weiteres Schuld, da kein Philosoph entfernter war, als er, so etwas an<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zunehmen, denn mit dem nicht Ansichseyn der endlichen Dinge fällt unmittelbar<lb n="28"/>solche empirische Unendlichkeit und die Zeit hinweg; Jacobi sagt, Spinoza ver<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sichere, es läge bloß an unserer Imagination, wenn wir uns eine unendliche Reihe <hi rendition="#g">auf</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">einander</hi> <hi rendition="#g">folgender</hi>, <hi rendition="#g">objectiv</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">auseinander</hi> <hi rendition="#g">entspringender</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">einzelner</hi> Dinge, als eine ewige Zeit vorstellen; aber wie sollte denn Spinoza eine<lb n="32"/>unendliche Reihe <hi rendition="#g">aufeinander</hi> <hi rendition="#g">folgender</hi>, <hi rendition="#g">objectiv</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">ausein</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">ander</hi> <hi rendition="#g">entspringender</hi> <hi rendition="#g">einzelner</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyendes</hi>, und<lb n="34"/>nach der Wahrheit betrachtet, haben gelten lassen; der Fehler liegt schon an dieser<lb n="35"/>Reihe einzelner und aufeinander folgender Dinge, welche Jacobi als ein absolutes<lb n="36"/>ansieht, und es ist Jacobi, der das Einzelne und die Zeit in die Unendlichkeit des<lb n="37"/>Spinoza hineinträgt. Eine Idee ist, insofern sie von ihrer negativen Seite gegen die</p>
<pb n="356" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=363" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="80–82"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Einbildung oder die Reflexion betrachtet wird, darum Idee, weil sie von der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>bildung oder der Reflexion in eine Ungereimtheit verwandelt werden kann; dieser<lb n="3"/>Verwandlungs-Proceß ist der einfachste; die Einbildung oder Reflexion geht allein<lb n="4"/>auf einzelne Dinge, oder auf Abstractionen und Endliches, und diese gelten ihr als<lb n="5"/>absolut; in der Idee aber wird diese Einzelheit und Endlichkeit dadurch vernichtet,<lb n="6"/>daß das Entgegengesetzte der Reflexion oder der Einbildung, das ideell oder empirisch<lb n="7"/>Entgegengesetzte, als Eins gedacht wird; so viel kann die Reflexion begreiffen, daß<lb n="8"/>hier Dinge, die sie als besondere setzt, als identisch gesetzt werden, aber nicht, daß<lb n="9"/>sie damit zugleich vernichtet sind; denn eben indem sie nur thätig ist, sind ihre<lb n="10"/>Producte absolut; indem sie also beydes, die Identität dessen, was für sie nur ist,<lb n="11"/>indem es getrennt ist, und das absolute Bestehen desselben in dieser Identität setzt, so<lb n="12"/>hat sie glücklich eine Ungereimtheit gefunden. So setzt Jacobi das Abstractum der<lb n="13"/>Zeit, und das Abstractum eines einzelnen Dings, Producte der Einbildung und der<lb n="14"/>Reflexion, als an sich seyend, und findet, daß wenn das absolute Zugleich der ewigen<lb n="15"/>Substanz gesetzt wird, das einzelne Ding und die Zeit, die nur sind, insofern sie von<lb n="16"/>ihr weggenommen waren, ebenfalls mitgesetzt werden, – aber reflectirt nicht darauf,<lb n="17"/>daß sie, indem sie der ewigen Substanz, von der sie genommen sind, wieder gegeben<lb n="18"/>werden, aufhören das zu seyn, was sie nur, von ihr abgerissen, sind; er behält also in<lb n="19"/>der Unendlichkeit und Ewigkeit selbst, Zeit und Einzelheit und Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="20"/>Wenn damit, daß die Zeit nichts an sich ist, und daß sie in der Ewigkeit verloren<lb n="21"/>geht, die beliebte Tendenz des Erklärens nicht zufrieden ist, und Jacobi dem Spinoza<lb n="22"/>zumuthet, daß er mit seiner Philosophie eine <hi rendition="#g">natürliche</hi> <hi rendition="#g">Erklärung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Da</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> <hi rendition="#g">endlicher</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">successiver</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> habe zu Stande bringen wollen, so<lb n="24"/>ergibt sich aus dem obigen, was eigentlich eine Erklärung der Zeit ist, nemlich eine<lb n="25"/>Abstraction, die in einer ewigen Idee gemacht wird; die Abstraction der Zeit konnte<lb n="26"/>also Jacobi unmittelbar an der Totalität oder dem Satze des Grundes machen, und sie<lb n="27"/>auf diese Weise aus ihm begreifen; aber die Abstraction als solche und in dieser Form<lb n="28"/>in der Totalität zu finden, dieß hebt sich unmittelbar auf. Wir erhalten die Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tion der Zeit, wenn wir von den Attributen das Denken isoliren, und es nicht als<lb n="30"/>Attribut der absoluten Substanz, als welches es diese selbst ausdrückt, begreifen,<lb n="31"/>sondern es abstrahirt von ihr als leeres Denken, subjective Unendlichkeit fixiren, und<lb n="32"/>diese Abstraction in relative Beziehung auf die Einzelheit des Seyns setzen. Durch<lb n="33"/>diese Abstraction wird denn die Zeit wahrhaft aus der Ewigkeit erkannt, und wenn<lb n="34"/>man will, erklärt; ihre Deduction aber aus einer Gemeinschaft einzelner Dinge wird<lb n="35"/>eine natürlichere Erklärung geben, indem das Vorausgesetzte, die einzelnen Dinge,<lb n="36"/>ja schon etwas natürliches sind. Unter der Natürlichkeit, durch welche die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>sophie ihre Erklärungsweise zu Stande bringen wollte, ist durchgehends ersichtlich,</p>
<pb n="357" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=364" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="82–84"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>daß Jacobi nichts anders versteht, als das formale Wissen, und reflectirte Denken, und<lb n="2"/>Erkennen nach der Einbildung; es gehören hieher die oben angeführten Stellen über<lb n="3"/>Jacobi’s Begriff vom Wissen; auf eine solche natürliche Weise ist freylich kein<lb n="4"/>philosophisches Begreifen möglich; und in Spinoza möchten wohl wenige Zeilen<lb n="5"/>von dieser Natürlichkeit zu finden seyn, sondern da Jacobi unter natürlichem Er<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>klären das Erkennen nach der Einbildung versteht, so ist wohl alles übernatürlich in<lb n="7"/>Spinoza; und so konnte die Behauptung Jacobi’s, daß die Welt sich nicht natürlich<lb n="8"/>erklären lasse, am allermeisten ihre Bestätigung in Spinoza, welcher sie nicht nur auf<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gestellt, sondern ausgeführt hat, finden. Aber dadurch fällt alle sogenannte Natürlich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>keit überhaupt weg, und damit selbst auch jene Uebernatürlichkeit, weil sie nur ist,<lb n="11"/>insofern ein Natürliches ihr gegenüber ist, und es ist weder darum zu thun, daß die<lb n="12"/>Vernunft, wie Jacobi (Br. über Spin. S. 419) sagt, das Außernatürliche oder Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>natürliche in ein Natürliches, noch auch, daß sie das Natürliche in ein Uebernatür<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>liches zu verwandeln sucht; sondern jene Natürlichkeit, d. h. der Mechanismus, und<lb n="15"/>Causalzusammenhang, und die Zeit, so wie das Wissen, das an der reinen Identität<lb n="16"/>fortgeht, und Thatsachen analysirt, ist für sie gar nicht vorhanden.</p>
<p><lb n="17"/>Was endlich die mathematischen Gleichnisse eines actu Unendlichen betrifft,<lb n="18"/>welche Spinoza dem Betrug der Imagination entgegensetzte, und mit welchen er<lb n="19"/>durch seine Imagination sich, nach Jacobi, habe sollen täuschen lassen, so ist Spinoza<lb n="20"/>seiner Sache so gewiß, daß er sagt: wie erbärmlich diejenigen, welche das actu Un<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>endliche für eine Ungereimtheit halten, räsonnirt haben, darüber mögen die Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>matiker urtheilen, die durch Argumente von solchem Schrot sich nicht aufhalten<lb n="23"/>ließen in klar und deutlich erkannten Dingen. Das Beispiel Spinoza’s ist der Raum,<lb n="24"/>der zwischen zwey Kreisen eingeschlossen ist, welche nicht einen gemeinschaftlichen<lb n="25"/>Mittelpunkt haben, nach der Figur, die er auch als sein ächtes Symbol vor seine<lb n="26"/>Principien der cartesianischen Philosophie setzen ließ, indem er durch dieses Beispiel<lb n="27"/>die empirische Unendlichkeit aus dem endlosen Hinaustreiben des Einbildens zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>geholt und sie vor sich hingebannt hat. Die Mathematiker schließen, daß die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gleichheiten, welche in diesem Raume möglich, unendlich sind, nicht aus der unend<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lichen Menge der Theile, denn seine Größe ist bestimmt und begränzt, und ich kann<lb n="31"/>größere und kleinere Räume – also größere und kleinere Unendlichkeiten – setzen,<lb n="32"/>sondern weil die Natur der Sache jede Bestimmtheit der Zahl übertrifft; es ist in<lb n="33"/>diesem begränzten Raume ein <hi rendition="#g">wirkliches</hi> Unendliches, ein actu Unendliches. Wir<lb n="34"/>sehen in diesem Beispiel nemlich das Unendliche, das oben als die absolute Affir<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>mation, oder der absolute Begriff bestimmt worden ist, zugleich für die Anschauung,<lb n="36"/>also im Besondern dargestellt, und der absolute Begriff ist actu die Identität Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gegengesetzter; werden diese Theile auseinander gehalten, und als solche identisch<lb n="38"/>gesetzt, ist dieß Besondere, als solches wirklich gesetzt, in Zahlen ausgedrückt, und<lb n="39"/>soll es in seiner Incommensurabilität nach dem Begriff identisch gesetzt werden, so</p>
<pb n="358" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=365" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="84–86"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 1</fw>
<p><lb n="1"/>entspringt die empirische Unendlichkeit in den unendlichen Reihen der Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>matiker; die Incommensurabilität aber besteht darin, daß das Besondere von der<lb n="3"/>Subsumtion unter den Begriff entbunden, in Theile zerlegt wird, und diese absolut<lb n="4"/>bestimmte und absolut gegeneinander ungleiche sind, und wenn sie vorhin im in<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>tuitiven Begriff gleichgesetzt, itzt einander verglichen werden, nicht mehr in der<lb n="6"/>Identität, sondern nur im Verhältnisse sind; mit einem Worte, es ist dieß nichts als<lb n="7"/>die Umwandlung der Geometrie in Analysis, oder bestimmter – des Pythagoreischen<lb n="8"/>Lehrsatzes, welcher allein alle wahrhafte Geometrie ist, in die Reihen der Func<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>tionen krummer Linien. Es ergibt sich hieraus der wahre Charakter des Denkens, der<lb n="10"/>Unendlichkeit ist; indem nemlich der absolute Begriff Unendlichkeit, – an sich<lb n="11"/>absolute Affirmation aber gegen das Entgegengesetzte und Endliche gekehrt ist, als<lb n="12"/>ihre Identität, so ist es absolute Negation; und diese Negation als seyend, reell gesetzt,<lb n="13"/>ist das Setzen entgegengesetzter; + A − A = 0; das Nichts existirt als + A − A, und<lb n="14"/>ist seinem Wesen nach Unendlichkeit, Denken, absoluter Begriff, absolute reine<lb n="15"/>Affirmation. Diese abstrahirte Unendlichkeit der absoluten Substanz ist dasjenige,<lb n="16"/>was Fichte als Ich, oder reines Selbstbewußtseyn, reines Denken, nemlich als das<lb n="17"/>ewige Thun, oder Produciren der Differenz, welche das reflectirte Denken immer nur<lb n="18"/>als Product kennt, unserer neuen subjectivern Cultur näher gebracht hat. Das in der<lb n="19"/>Erscheinung Aussereinandergehaltene, Incommensurable, die Differenz als Product<lb n="20"/>ist sich in dem letzten Verhältnisse, in der Unendlichkeit, d. h. worin die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gesetzten zugleich wegfallen, gleich; und die Identität in Beziehung auf die als für<lb n="22"/>sich seyend (in Zahlen) gesetzten incommensurablen ist eine unendliche, ein Nichts;<lb n="23"/>aber die incommensurabeln nicht als diese Abstractionen, für sich seyend (in Zahlen)<lb n="24"/>noch als ohne das Ganze bestehende Theile, sondern nach dem, was sie an sich sind,<lb n="25"/>nemlich sie nur im Ganzen gesetzt, so ist der wahrhafte Begriff, die wahrhafte Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>heit des Ganzen und der Theile, und die affirmative Unendlichkeit, das Actu Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>liche, für intuitive oder geometrische Erkenntniß vorhanden. Diese Idee des Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen ist eine der allerwichtigsten im spinozistischen System und in einer Darstellung<lb n="29"/>desselben müßte sie eine größere Figur spielen, als wie in den Jacobischen Sätzen nur<lb n="30"/>immer ein müßiges Prädicat zu Denken, Ausdehnung u.s.w. abgeben, es liegt in ihr<lb n="31"/>gerade das wichtigste, nemlich die Erkenntniß des Vereinigungspunctes der Attribute;<lb n="32"/>aber ohne diese Idee sind die höchsten Ideen Spinoza’s auf eine formelle, historische<lb n="33"/>Weise dargestellt, wie in der 14ten These die Attribute und Mode zu der absoluten<lb n="34"/>Substanz in der gemeinen Reflexionsform von <hi rendition="#g">Eigenschaften</hi> hinzukommen. Wir<lb n="35"/>stellen die Formen der Unendlichkeit kurz zusammen; das wahrhafte Unendliche ist</p>
<pb n="359" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=366" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="86–88"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>die absolute Idee, Identität des Allgemeinen und Besondern, oder Identität des Un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>endlichen, und Endlichen selbst; nemlich des Unendlichen, insofern es einem End<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lichen entgegengesetzt ist, und dieses Unendliche ist reines Denken, gesetzt als diese<lb n="4"/>Abstraction ist es reine absolutformale Identität, reiner Begriff, Kantische Vernunft,<lb n="5"/>Fichte’sches Ich. Aber gegen dieses Endliche gestellt, ist es ebendeßwegen, absolutes<lb n="6"/>Nichts desselben, + A − A = 0; es ist die negative Seite der absoluten Idee; dieses<lb n="7"/>Nichts als Realität gesetzt, die Unendlichkeit selbst nicht als Subject oder Produciren,<lb n="8"/>als welches sie reine Identität sowohl als Nichts ist, sondern als Object, oder Product,<lb n="9"/>ist sie das + A − A, das Setzen entgegengesetzter. Aber keine von diesen Formen der<lb n="10"/>Unendlichkeit ist noch die Unendlichkeit der Einbildung, oder die empirische; die<lb n="11"/>erste Unendlichkeit ist die der absoluten Vernunft; die Unendlichkeit der reinen<lb n="12"/>Identität oder der Negativität ist die der formalen oder negativen Vernunft; das<lb n="13"/>Unendliche aber, in seiner Realität, als + A − A, wovon das eine selbst als unendliches,<lb n="14"/>das andere als endliches bestimmt wird, oder die Endlichkeit überhaupt, ist das der<lb n="15"/>Reflexion und der Einbildung, wozu das oben angezeigte gehört, wenn ein Endliches<lb n="16"/>als absolut d. h. zugl. als ein anderes gesetzt werden soll. Bei Jacobi findet sich Un<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>endlichkeit entweder als etwas müßiges, oder als die empirische der Einbildung; und<lb n="18"/>dieß verleitet ihn zu meynen, Spinoza habe in seinem mathematischen Beyspiel<lb n="19"/>(Jacobi spricht von mehrern, aber im 29. Br. ist nur Eins, und P. I. Prop. XIX.<lb n="20"/>Schol. ist es nicht Spinoza, der das dortige Beyspiel gebraucht, sondern er führt es von<lb n="21"/>den Gegnern an) eine empirische Unendlichkeit, als actu existirend darstellen wollen;<lb n="22"/>und Jacobi ist durch das mathematische Beyspiel insofern befriedigt, daß er zwar<lb n="23"/>keine objective und wirkliche, aber doch eine subjective und idealische darin findet.</p>
<p><lb n="24"/>Wo wir eine Verknüpfung von Grund und Folge (D. Hume S. 94.) wahrnehmen,<lb n="25"/>werden wir uns des Mannichfaltigen in einer Vorstellung bewußt, und dieß geschieht<lb n="26"/>in der Zeit, und diese idealische Succession ist selbst eine <hi rendition="#g">wirkliche</hi> in dem Subject,<lb n="27"/>das sie erzeugt. – Spinoza hat auf diese Weise mehr geleistet, als er im Sinne hatte;<lb n="28"/>denn er dachte bey seinem Beyspiele gar nicht an Succession, und sie ist auch nicht<lb n="29"/>darinn zu sehen. Jacobi findet aber doch wenigstens eine subjective darinn; das Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>spiel hat bey ihm also statt der philosophischen eine psychologische und empirische<lb n="31"/>Bedeutung, nur findet er noch nicht <hi rendition="#g">genug</hi> empirisches, nemlich, außer der psycho<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>logischen, nicht auch noch eine objective wirkliche Succession darinn, obschon auch<lb n="33"/>die idealische selbst eine wirkliche Succession im Subject ist.</p>
<p><lb n="34"/>Die Natur dieses polemischen Verfahrens besteht also darinn, daß Jacobi die<lb n="35"/>Succession und Endlichkeit entweder vermißt, und sie in der Speculation schlechthin</p>
<pb n="360" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=367" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="88–90"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>fodert, oder sie hineinerklärt, und dann Ungereimtheiten findet. Die positive Seite<lb n="2"/>dieses Fixirtseyns im Endlichen nach der ideellen Form, nemlich in Bezug aufs<lb n="3"/>Wissen, haben wir oben gesehen, welches als am Faden der Aehnlichkeit und Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tität fortgehend und eines Factums bedürftig begriffen wird, das ihm gegeben seyn<lb n="5"/>muß als ein Fremdes, das + B, zu welchem die Identität des Begriffes hinzutretend<lb n="6"/>vorgestellt wird. Von dieser Empirie nun überhaupt und von der Individualität des<lb n="7"/>Sinnes, welche den Umfang und die Schönheit dieser Empirie bestimmt, und daß<lb n="8"/>durch die Vernunft die Empirie des Menschen einen andern Charakter hat, als die<lb n="9"/>Empirie des Thiers, wie auch von der empirischen Darstellung subjectiver Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>vidualität oder des Sinnes, hat Jacobi zuweilen geist- und sinnreiche Ausdrücke.<lb n="11"/>Solche Sachen, von der Beziehung der Empirie auf das Wissen wie (Reinh. Beytr.<lb n="12"/>3. Heft S. 92.): daß Raum und Zeit Thatsachen sind, weil Bewegung eine Thatsache<lb n="13"/><hi rendition="#g">ist</hi>; <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Mensch</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nie</hi> <hi rendition="#g">bewegt</hi> <hi rendition="#g">hätte</hi>, <hi rendition="#g">könnte</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">keinen</hi> <hi rendition="#g">Raum</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">vorstellen</hi>; <hi rendition="#g">wer</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nie</hi> <hi rendition="#g">verändert</hi> <hi rendition="#g">hätte</hi>, <hi rendition="#g">kennte</hi> <hi rendition="#g">keinen</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi>;<lb n="15"/>a priori <hi rendition="#g">möchten</hi> wir so wenig zu derselben gelangen, wie wir zur reinen Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>faltigkeit, zur verbindenden Verbindung, zur producirenden Spontaneität des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>standes gelangen, – können vielleicht dem Verarbeiter Köppen und nicht Jacobi zu<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gehören. Geistreich sind die Ausdrücke der Empirie und über die Empirie, weil sie<lb n="19"/>auf speculative Ideen anspielen; und das Interesse der Jacobischen Schriften beruht<lb n="20"/>auf dieser Musik des Anklingens und Widerklingens speculativer Ideen, die aber,<lb n="21"/>indem die Ideen sich in dem Medium des Absolutseyns der Reflexion brechen, nur<lb n="22"/>ein Klingen bleibt, und nicht zu dem, was, wo die Sache Wissenschaft betrifft, er<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wartet wird, zu dem articulirten wissenschaftlichen Worte (Logos) gedeihen soll.<lb n="24"/>Wenn dieses Klingen von Ideen als etwas objectives, was es nicht seyn soll, in den<lb n="25"/>Begriff aufgenommen, als Gemeingut des Denkens ergriffen und festgehalten werden<lb n="26"/>dürfte, so würde man, wenn man den Sinn solcher Ausdrücke allein betrachtet, eine<lb n="27"/>Darstellung der Vernunft in ihnen nicht verkennen können. Z. B. Unmittelbar nach<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dem Jacobi (Briefe über Spin. in dem oben angef.) der Vernunft nur das Vermögen<lb n="29"/>ein Factum zu analysiren, und nach der reinen Identität zu verknüpfen zuerkannt<lb n="30"/>hatte, erzählt er S. 423. seinen Grundgedanken, daß <hi rendition="#g">Er</hi> den Menschen nehme, ohne<lb n="31"/>ihn zu theilen, und daß <hi rendition="#g">Er</hi> finde, daß sein Bewußtseyn aus zwey ursprünglichen<lb n="32"/>Vorstellungen, der Vorstellung des Bedingten und des Unbedingten <hi rendition="#g">zusammen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">gesetzt</hi> sey, welche unzertrennlich verknüpft sind. Ist denn aber dieß keine Thei<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lung, welche das Bewußtseyn aus zwey nach Jacobi absolut entgegengesetzten Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>stellungen zusammengesetzt seyn läßt? Nach der folg. Seite bleiben wir, so lange wir<lb n="36"/>begreifen, in einer Kette bedingter Bedingungen, und in der begreiflichen Natur,<lb n="37"/>aber dieser Zusammenhang des Begreiffens und der Natur hört auf, und absolut jen-</p>
<pb n="361" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=368" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="90–91"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>seits, also ohne Zusammenhang steht ein Uebernatürliches, Unbegreifliches, und<lb n="2"/>Unbedingtes. Wie kann also Jacobi sagen, daß er den Menschen <hi rendition="#g">nicht</hi> theile, da<lb n="3"/>er sein Bewußtseyn aus absolut entgegengesetzten bestehen läßt? oder vielmehr er<lb n="4"/>nimmt ihn schon getheilt, indem er ihn nach der Erscheinung des Bewußtseyns<lb n="5"/>betrachtet. – Sollen wir aber wirklich den Menschen und sein Bewußtseyn und dessen<lb n="6"/>Zusammensetzung als etwas ungetheiltes wie Jacobi es geben will nehmen, so müssen<lb n="7"/>wir dasjenige, was Jacobi Princip der Erkenntniß und Vernunft nennt, begreiffen,<lb n="8"/>als die ungetheilte Identität des Bedingten und Unbedingten, und da nach Jacobi<lb n="9"/>das Natürliche jenes, das Uebernatürliche dieses ist, als Identität des Natürlichen und<lb n="10"/>Uebernatürlichen, und in dieser bedingten Unbedingtheit, oder unbedingten Be<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>dingtheit, hätten wir dieselbe Ungereimtheit der endlichen Unendlichkeit, die Jacobi<lb n="12"/>in Spinoza findet, und wenigstens die Vernichtung der Gegensätze des Natürlichen<lb n="13"/>und Uebernatürlichen, des Endlichen und Unendlichen, also wenigstens die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>freyung von der Reflexion, welche die Entgegensetzung absolut, und die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gesetzten zu etwas an sich macht.</p>
<p><lb n="16"/>So könnte man (überfl. Taschenb. 1802. S. 30.) die Anmerkung: wo Sinn ist, da<lb n="17"/>ist Anfang und Ende, da ist Trennung und Verbindung, da ist Eines und ein Anderes,<lb n="18"/>und der Sinn ist das Dritte, sehr wohl als eine speculative Idee auffassen; und:<lb n="19"/>(Reinh. Beytr. 3. Heft S. 70.) »Das Merkmahl eines Sinnes überhaupt ist das Zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>endige, und das In-der-Mitte-stehen zwischen Subject und Object; noch mehr<lb n="21"/>ebend. S. 95. die Sinnlichkeit bestimmt nicht, auch nicht der Verstand, das Princip<lb n="22"/>des Individuirens liegt außer ihnen; in diesem Princip ist gegeben das Geheimniß des<lb n="23"/>Mannichfaltigen und Einen in unzertrennlicher Verbindung, das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Reali</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">tät</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi>. Unsere <hi rendition="#g">Begriffe</hi> darüber sind lauter Wechselbegriffe; Einheit<lb n="25"/>setzt Allheit, Allheit Vielheit, Vielheit Einheit zum Voraus; Einheit ist daher Anfang<lb n="26"/>und Ende dieses ewigen Cirkels, und heißt – <hi rendition="#g">Individualität</hi>, <hi rendition="#g">Organismus</hi>,<lb n="27"/><hi rendition="#g">Object-Subjectivität</hi>.« Die Mitte aber dieses Cirkels, welche Mittelpunkt und<lb n="28"/>Peripherie zugleich ist und den Wechsel festhält, nicht eins verschwinden läßt, so wie<lb n="29"/>das Andere auftritt, würde die Idee der Vernunft, der absoluten und doch zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>endigen Identität des Einen und Vielen seyn; eine solche Idee ist aber ein ganz<lb n="31"/>anderes Wissen und Erkennen, als das nur gegebene Thatsachen analysirt und an der<lb n="32"/>Aehnlichkeit fortgeht. Diese Gestalt, in welcher Jacobi die Reflexion nur auf eine<lb n="33"/>geistreiche Weise über sich erhebt, ist der nothwendige Ausweg, welcher sich für das<lb n="34"/>Aussprechen der Vernunft ergibt, wenn die Endlichkeit und Subjectivität zu etwas<lb n="35"/>absolutem gemacht ist; als geistreiche Darstellung hütet die Vernunft sich, in sich das<lb n="36"/>Unendliche des Begriffs aufzunehmen, und Gemeingut und Wissenschaftlichkeit zu</p>
<pb n="362" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=369" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="91–93"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>werden, sondern bleibt von der Subjectivität afficirt, ein eigenthümliches und beson<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>deres; an dem Ring, dem Symbol der Vernunft, den sie darbietet, hängt ein Stück<lb n="3"/>Haut von der Hand, die ihn reicht, das man entbehren will, wenn die Vernunft<lb n="4"/>wissenschaftliche Beziehung und mit Begriffen zu thun hat; eine Geistreichigkeit,<lb n="5"/>welche nach der Weise der Ungereimtheit einer endlichen Unendlichkeit, eines<lb n="6"/>etwas, das Anfang und Ende zugleich ist, einer Zusammensetzung des Bedingten und<lb n="7"/>Unbedingten u.s.w., mehr einem Formalismus der Vernunft wieder sich nähert, der<lb n="8"/>sehr wohlfeil zu haben ist. So subjectiv die Form dieses Philosophirens ist, eben so<lb n="9"/>subjectiv und endlich muß auch der Gegenstand dieses Philosophirens seyn, denn die<lb n="10"/>Endlichkeit ist etwas an sich; das Darstellen und Philosophiren geht zunächst an und<lb n="11"/>über den Menschen: daß <hi rendition="#g">wir</hi> uns auf die Erde gesetzt finden, und wie da <hi rendition="#g">unsere</hi><lb n="12"/>Handlungen werden, so wird auch <hi rendition="#g">unser</hi> Erkenntniß; wie unsere moralische Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schaffenheit geräth, so geräth auch unsere Einsicht in alle Dinge, welche sich darauf<lb n="14"/>beziehen, u.s.w. Diesem perennirenden Angedenken an den Menschen, und dem<lb n="15"/>Loben und Erzählen von seinem vernünftigen Instinkt, und seinem Sinne – entgegen<lb n="16"/>spricht Epictet, den Menschen vergessend, in der Stelle, die Jacobi (überfl. Tasch.<lb n="17"/>S. 22) anführt: da ich aber ein vernünftiges Wesen bin, so ist mein Geschäft, (nicht<lb n="18"/>den Menschen) Gott zu loben; es ist mein Beruf, ich will ihn erfüllen. –</p>
<p><lb n="19"/>Von der Eigenheit, das Absolute nicht in der Form für vernünftige Erkenntniß,<lb n="20"/>sondern nur im Spiel mit Reflexions-Begriffen, oder in einzelnen Aufrufungen,<lb n="21"/>welche, wie Kant mit der Idee im praktischen Glauben endigt, das Philosophiren,<lb n="22"/>indem sie es anzufangen scheinen, unmittelbar auch schließen, oder das Vernünftige<lb n="23"/>nur als schöne Empfindung, Instinct, Individualität, ertragen zu können, ist das <hi rendition="#g">Her</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">dersche</hi> <hi rendition="#g">Philosophiren</hi> nur eine geringe Modification; nur daß die Herderische<lb n="25"/>Form sogar den Vorzug hat, noch etwas objectiveres zu seyn. Der Schaum von<lb n="26"/>Spinozismus und das Vernunft- und Sprachverwirrende Predigen, wie Jacobi das<lb n="27"/>Herdersche Philosophiren nennt, entspringt gerade daher, daß wie Jacobi an die<lb n="28"/>Stelle des vernünftigen Denkens den Ausdruck des Empfindens, Subjectivität des<lb n="29"/>Instincts u.s.w. setzt, so Herder an die Stelle des vernünftig Gedachten Etwas, worin<lb n="30"/>das Vernünftige gleichfalls verhüllt wird, nemlich einen Reflexions-Begriff. Der<lb n="31"/>Begriff von Macht, wie der Begriff der Materie und des Denkens, sagt Herder,<lb n="32"/>(Gott; u. Ausg. S. 126) entwickelt (d. h. eingewickelt) fallen Alle drey, dem spino<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>zistischen System selbst zufolge, in einander, d. i. in den Begriff einer <hi rendition="#g">Urkraft</hi>; – die<lb n="34"/>ewige Urkraft, die Kraft aller Kräfte ist nur Eine u.s.w. S. 169: Der reelle Begriff, in<lb n="35"/>welchem alle <hi rendition="#g">Kräfte</hi> nicht nur gegründet sind, sondern den sie auch allesammt nicht<lb n="36"/>erschöpfen, dieses unendlich Vortreffliche ist: <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, <hi rendition="#g">Realität</hi>, thätiges</p>
<pb n="363" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=370" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="93–95"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>Daseyn; es ist der Hauptbegriff bey Spinoza; – und die Natur (S. 245 ff.) ist ein Reich<lb n="2"/><hi rendition="#g">lebendiger</hi> Kräfte, und unzähliger <hi rendition="#g">Organisationen</hi>, deren jede in ihrer Art<lb n="3"/>nicht nur weise, gut und schön, sondern ein Vollkommnes, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, ein Abdruck<lb n="4"/>der Weisheit, Güte und Schönheit selbst ist u.s.w. Das verwelkte Haar, der ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>worfene Nagel tritt wieder in eine andere Region des Zusammenhangs der Welt,<lb n="6"/>in welchem er abermals nicht anders als seiner jetzigen Naturstellung nach wirkt<lb n="7"/>oder leidet u.s.w. – Heißt das nicht, wie Jacobi sagt, das größeste Verdienst des For<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schers erwerben, <hi rendition="#g">Daseyn</hi> enthüllen und offenbaren? Nur nicht, so wenig als Jacobi,<lb n="9"/>für philosophische Erkenntniß, sondern im Gegentheil mit dem, beyden gleichen<lb n="10"/>Bemühen, da wo für vernünftiges Erkennen wissenschaftliche Form vorhanden ist,<lb n="11"/>sie wegzuschaffen. Herder hat ein vollkommenes Bewußtseyn, über die Weise, wie<lb n="12"/>er den Mittelpunct des spinozistischen Systems darstellt: »ich wüßte nicht (Gott, u.<lb n="13"/>Ausg. S. 77.) unter welches Haupt<hi rendition="#g">wort</hi> die wirklichen und wirksamen Thätigkeiten,<lb n="14"/>der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> der Geisterwelt, und die <hi rendition="#g">Bewegung</hi> der Körperwelt, beyde sich so<lb n="15"/>ungezwungen fassen ließen, als unter den Begriff von <hi rendition="#g">Kraft</hi>, <hi rendition="#g">Macht</hi>, <hi rendition="#g">Organ</hi>;<lb n="16"/>mit dem <hi rendition="#g">Wort</hi>: <hi rendition="#g">organische</hi> <hi rendition="#g">Kräfte</hi> bezeichnet man das Innen und Außen, das<lb n="17"/>Geistige und Körperhafte zugleich: es ist indessen auch nur <hi rendition="#g">Ausdruck</hi>; denn wir<lb n="18"/><hi rendition="#g">verstehen</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi>, was Kraft ist, <hi rendition="#g">wollen</hi> auch das <hi rendition="#g">Wort</hi> Körper damit <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">erklärt</hi> haben.« Gerade dieß ist das Geschäfte Jacobi’s, an die Stelle philosophischer<lb n="20"/>Ideen, <hi rendition="#g">Ausdrücke</hi> und <hi rendition="#g">Wörter</hi> zu setzen, die nicht gewußt noch verstanden wer<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den sollen; sie könnten wohl auch einen philosophischen Sinn haben, aber die<lb n="22"/>Jacobische Polemik geht gerade gegen die Philosophieen, worin Ernst damit gemacht<lb n="23"/>und ihre philosophische Bedeutung ausgesprochen ist. Am besten sagt Köppen in der<lb n="24"/>Schluß-Declamation zu Jacobi über den Kriticismus (Reinh. Beytr. 3. H.) um was<lb n="25"/>es zu thun ist: Freyes, unsterbliches Wesen, Mensch, Bruder, voll hoher Andacht,<lb n="26"/>Hingebung, Liebe; wie kann der Buchstabe <hi rendition="#g">deiner</hi> <hi rendition="#g">philosophirenden</hi> <hi rendition="#g">Ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">nunft</hi> dich stärker lehren, was du im <hi rendition="#g">Allerheiligsten</hi> <hi rendition="#g">deiner</hi> <hi rendition="#g">Seele</hi> <hi rendition="#g">lebendiger</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">glaubst</hi>, <hi rendition="#g">hoffest</hi> und <hi rendition="#g">weißt</hi>: Walten des Unendlichen über dir, Tugend aus<lb n="29"/>Freyheit, und ewiges Leben! u.s.w. – Solch frostiges und schaales Herzergießen, das<lb n="30"/>aus der Vernunft als Instinct kommt, woran Jacobi immer verweist, meynt wohl<lb n="31"/>mehr zu seyn als ein Satz der philosophirenden Vernunft, die es entbehren will.</p>
<p><lb n="32"/>Ein auf gleichem Grund wie das gegen Spinoza beruhendes Stück <hi rendition="#g">Polemik</hi>:<lb n="33"/><hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Unternehmen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Kriticismus</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Vernunft</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">Verstande</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">bringen</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">neue</hi> <hi rendition="#g">Absicht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">geben</hi>;<lb n="35"/>(Reinh. Beiträge 3. Heft) gegen die <hi rendition="#g">Kantische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> haben wir hier kurz zu<lb n="36"/>berühren; Jacobi’s Instinct gegen das vernünftige Erkennen hat sich gerade an den<lb n="37"/>Punct der Kantischen Philosophie geheftet, wo sie speculativ ist, und die an sich nicht</p>
<pb n="364" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=371" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="95–97"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>klare, sondern durch die vom reflectirenden Denken sich angeeignete, dadurch für<lb n="2"/>die philosophische Vernunft unbrauchbar gewordene Terminologie einer ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gangenen Bildung gehinderte, und sich von der speculativen Seite ins Product ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lierende Darstellung Kants benutzt, um mit desto leichterer Mühe sie zu galimathi<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>siren, und durch und für die unspeculative Reflexion zum Unsinn zu machen; der<lb n="6"/>Charakter der Reflexionsphilosophie spricht in dieser Polemik seine Principien in sehr<lb n="7"/>bestimmten Zügen aus. Eine eigentliche Kritik dieses Aufsatzes müßte auch das leere<lb n="8"/>Schreyen und das bissige, gehässige, und durch Verdrehungen bis zum Hämischen<lb n="9"/>fortgehende Wesen desselben darstellen; zu dem letztern rechnen wir Beispiele, wie<lb n="10"/>in dem Vorbericht eins vorkommt, wo an der Kantischen Darstellung der Formen<lb n="11"/>der Anschauung ein Exempel von der Uneinigkeit des Systems mit sich selbst, und<lb n="12"/>der Vermischung des Empirismus und Idealismus gegeben werden soll; und zu die<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sem Behuf zuerst <hi rendition="#g">actenmäßig</hi> documentirt, daß Raum und Zeit bloße Formen<lb n="14"/>seyn, daß sie nie Gegenstände <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">können</hi>, und dazu Kr. d. r. Vern. S. 347<lb n="15"/>citirt wird, wo es heißt: »die bloße Form der Anschauung ohne Substanz ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="16"/>kein Gegenstand; – der reine Raum und die reine Zeit, die zwar Etwas <hi rendition="#g">sind</hi>, als<lb n="17"/>Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände <hi rendition="#g">sind</hi>, die angeschaut werden;«<lb n="18"/>wo kein Wort davon steht, daß sie nicht Gegenstände (in welchem Sinne, werden<lb n="19"/>wir gleich sehen) <hi rendition="#g">werden</hi> <hi rendition="#g">können</hi>; »sie lassen sich nicht anschauen, noch wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>nehmen,« fährt Jacobi fort, wozu Kritik der reinen Vern. S. 207 citirt ist, wo vom<lb n="21"/>sich nicht anschauen lassen gar nichts steht und vom Wahrnehmen, daß sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="22"/>gar nicht wahrgenommen werden, weil sie reine formale Anschauungen, nicht Er<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>scheinungen, (d. h. Identitäten der Anschauung und der Empfindung) nicht Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stände der Wahrnehmung sind; – und <hi rendition="#g">dennoch</hi>, sagt nun Jacobi, sind diese nem<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichen nicht objectiven Formen der Anschauung, nach andern Aeußerungen, auch<lb n="26"/>Gegenstände, wozu Kr. d. r. Vern. S. 160 citirt wird, wo es heißt (in der Anm., im<lb n="27"/>Text steht nichts vom Gegenstand): Raum als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> (ist bey Kant selbst<lb n="28"/>unterstrichen) betrachtet, wie man es in der Geometrie wirklich bedarf, enthält<lb n="29"/><hi rendition="#g">mehr</hi> als bloße Form der Anschauung; – wo Kant formale Anschauung als Einheit<lb n="30"/>der anschaulichen Vorstellung und Form der Anschauung, als welche in Beziehung<lb n="31"/>auf den Verstandesbegriff als eine bloße Mannichfaltigkeit erscheint, aber in sich<lb n="32"/>selbst eine Einheit hat, unterscheidet; und, wie auch §. 24. ausdrücklich bemerkt, daß<lb n="33"/>der Verstand als transcendentale Synthesis der Einbildungskraft selbst die Einheit des<lb n="34"/>Raums und der Zeit ist, und diese selbst erst möglich macht; – einer der vortreff<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichen Puncte, dessen, was Kant über die Sinnlichkeit und Apriorität sagt. Welcher<lb n="36"/>Widerspruch liegt nun darin, daß die Form der Anschauung als dem Verstandes-</p>
<pb n="365" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=372" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="97–99"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>begriff entgegengesetzte reine abstrahirte Form, nicht Gegenstand <hi rendition="#g">sey</hi>, aber wie in<lb n="2"/>der Geometrie zum Gegenstand gemacht werden könne, wegen seiner innern, aprio<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>rischen in ihm, aber als bloßer Form der Anschauung nicht <hi rendition="#g">hervortretenden</hi><lb n="4"/>Einheit. – Endlich soll mit dem Vorgehenden ein Widerspruch darin liegen, daß<lb n="5"/>Raum und Zeit nicht bloße Formen der Anschauung, sondern Anschauungen selbst,<lb n="6"/>und als solche, sogar einzelne Vorstellungen sind; einzelne, individuelle (dem Begriff<lb n="7"/>entgegengesetzte) Vorstellungen sind Kant gleichbedeutend mit Anschauung, und<lb n="8"/>man kann diesen Begriff Kants nicht anders als vortrefflich und einen seiner reinsten<lb n="9"/>und tiefsten nennen. – Auch ganz unabhängig von der Wahrheit oder Falschheit des<lb n="10"/>Begriffs, wo ist zwischen dem obigen und dem, was Jacobi als widersprechend auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>führt, ein anderer Widerspruch zu finden, als den Jacobi durch falsches Citiren<lb n="12"/>hineinbringt? – Auf der folg. Seite sagt Jacobi: <hi rendition="#g">Fichte</hi>, <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">unbegreiflich</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">schien</hi>, <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Substantialität</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">borge</hi>, u.s.w. Zu dieser vortrefflichen so im Vorbeygehen, wie auch Fichte auf<lb n="15"/>eine eben so vorbeygehende Weise abgethan ist, gemachten Darstellung des Kan<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tischen Systems, daß vermöge desselben <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Substan</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">tialität</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi> <hi rendition="#g">borge</hi>, ist citirt Kr. d. r. Vern. S. 277 fg. S. 276 heißt<lb n="18"/>der Periode, der auf S. 277 herübergeht: allein hier (von Kant gegen den Idealismus)<lb n="19"/>wird bewiesen, daß äußere Erfahrung eigentlich unmittelbar sey, daß nur vermittelst<lb n="20"/>ihrer, <hi rendition="#g">zwar</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">unserer</hi> <hi rendition="#g">eigenen</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi>, aber doch<lb n="21"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi>, d. i. innere Erfahrung, möglich sey.<lb n="22"/>Freylich ist die Vorstellung: Ich bin, die das Bewußtseyn ausdrückt, welche alles<lb n="23"/>Denken begleiten kann, das, was <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi> eines Subjects in sich<lb n="24"/>schließt, aber noch <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">Erkenntniß</hi> <hi rendition="#g">desselben</hi>, mithin auch <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">em</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">pirische</hi>, d. i. Erfahrung; denn dazu gehört, außer dem Gedanken von Etwas<lb n="26"/>existirendem, noch Anschauung, hier innere, die selbst nur mittelbar und nur durch<lb n="27"/>äußere möglich ist. Anm. 2. Hiemit stimmt auch aller Erfahrungsgebrauch unsers<lb n="28"/>Erkenntnißvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein. Nicht allein,<lb n="29"/>daß wir alle Zeitbestimmung nur durch Wechsel in äußern Verhältnissen in Be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ziehung auf das Beharrliche im Raum (z. B. Sonnenbewegung) vornehmen können,<lb n="31"/>so haben wir sogar nichts Beharrliches, was wir dem Begriffe einer Substanz, als<lb n="32"/>Anschauung, unterlegen könnten, als bloß die <hi rendition="#g">Materie</hi> und selbst diese Beharrlich<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>keit wird <hi rendition="#g">nicht</hi> aus <hi rendition="#g">äußerer</hi> Erfahrung geschöpft, sondern <hi rendition="#g">a</hi> <hi rendition="#g">priori</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">noth</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">wendige</hi> Bedingung aller Zeitbestimmung, mithin auch als Bestimmung des<lb n="35"/>innern Sinnes in Ansehung unseres eigenen Daseyns durch die Existenz äußerer</p>
<pb n="366" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=373" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="99–100"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Dinge <hi rendition="#g">vorausgesetzt</hi>. Das Bewußtseyn meiner selbst in der Vorstellung Ich ist<lb n="2"/>gar keine Anschauung, sondern eine bloß intellectuelle Vorstellung der Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>thätigkeit eines denkenden Subjects. Daher hat dieses Ich auch nicht das mindeste<lb n="4"/>Prädicat der Anschauung, welches als beharrlich, der Zeitbestimmung im innern<lb n="5"/>Sinne zum Correlat dienen könnte: wie etwa Undurchdringlichkeit an der Materie,<lb n="6"/>als empirischer Anschauung, ist. – Wir haben diese Stelle ganz abgeschrieben, damit<lb n="7"/>durch die unmittelbare Ansicht erhelle, wie hämisch die so blank und bloß gemachte<lb n="8"/>Darstellung, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Substantialität</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">borge</hi>, sey. Zur Erfahrung erfodert Kant etwas, an dem sich der Wechsel der Zeit<lb n="10"/>als an etwas beharrlichem bestimme, und dieß Beharrliche ist die Materie und zwar<lb n="11"/>als ein apriorisches; und Substantialität ist diese in Beziehung auf Erfahrung be<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stimmte Beharrlichkeit in der Zeit, von welchen auf die Erfahrung sich beziehenden<lb n="13"/>Prädicamenten Kant das Ich bin und sogar die Existenz des Subjects ausdrücklich<lb n="14"/>ausschließt; so daß dasjenige, was Kant sagt, toto coelo verschieden von dem ist, was<lb n="15"/>so ohne alle Erklärung über Realität, Substantialität und Materie bey Jacobi steht;<lb n="16"/>und für Realität und Substantialität und Materie, so wie für Ich eine ganz andere<lb n="17"/>Bedeutung gibt, als wenn so im Allgemeinen gesagt ist: Ich <hi rendition="#g">borge</hi> seine Substan<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tialität von der Materie; – heißt nicht Kant so zu citiren und behandeln, mit ihm<lb n="19"/>schlechter als mit einem todten Hunde umgehen?</p>
<p><lb n="20"/>Die allgemeine gehässige Behandlung aber, daß wenn Kant in der Erfahrung so<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wohl das Moment der Empfindung, als der Anschauung und der Kategorie als nur<lb n="22"/>Erscheinung producirend, und keine Erkenntniß des Ansich und des Ewigen gebend<lb n="23"/>mit Recht vorstellt, Jacobi dieß »als ein Vertilgen aller Ansprüche an Erkenntniß der<lb n="24"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> bis auf den Grund, und als Uebriglassen eines solchen blinden, ganz und<lb n="25"/>gar erkenntnißleeren Glaubens, wie man den Menschen bisher noch keinen zu<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gemuthet hat,« begreift, ist aus seinem schon aufgezeigten Princip begreiflich, daß<lb n="27"/>das Endliche und die Erscheinung für ihn absolut ist. So hat die Jacobische Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sophie auch die Ausdrücke Wahrheit und Glauben zur Bedeutung der gemeinsten<lb n="29"/>und empirischen Wirklichkeit herabgewürdigt, von welchen Worten, die Wahrheit<lb n="30"/>es im philosophischen Verkehr verdient gebraucht zu werden, und der Glaube sonst<lb n="31"/>auch wirklich allgemein gebraucht worden ist, nur von der Gewißheit des Ewigen<lb n="32"/>und nicht empirisch Wirklichen; über die Vernichtung solcher empirischen Wahr-</p>
<pb n="367" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=374" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="100–102"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>heit und des Glaubens an das sinnliche Erkennen schmäht Jacobi als über ein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>greiffen an dem Heiligen, als über einen Kirchenraub.</p>
<p><lb n="3"/>Zum falschen Citiren und Schmähen kommt ein drittes Ingrediens der polemi<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sirenden Darstellung, nemlich das <hi rendition="#g">Galimathisiren</hi>; die Kunst desselben ist sehr<lb n="5"/>einfach, sie ist nemlich das Auffassen des Vernünftigen mit Reflexion, und die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wandlung desselben in verständiges, wodurch es an und für sich selbst eine Un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gereimtheit wird, wie wir gesehen haben, daß in Spinoza’s Ewigkeit und Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichkeit die Zeit hinein galimathisirt worden ist. Um von solchen Verkehrungen<lb n="9"/>nicht zu sprechen, wie wenn Kant die Synthesis eine Handlung nennt, und dann<lb n="10"/>wieder von ihr in Beziehung auf Einbildungskraft sagt, daß sie eine <hi rendition="#g">Wirkung</hi> der<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>selben sey, daß Jacobi hieraus sich die Frage nimmt: Dieß <hi rendition="#g">Vermögen</hi> ist eine<lb n="12"/>Wirkung? was der Fortsetzer auch treufleißig S. 85 wiederhohlt, und Kant Recht<lb n="13"/>gibt, daß er sie die bloße Wirkung der blinden Einbildungskraft nenne, – noch Bei<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>spiele am Einzelnen anzuführen, denn der ganze Aufsatz geht in Einem galimathi<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sirenden und sich in der Bereitung von Unsinnigkeit gefallenden Tone fort, so stellen<lb n="16"/>wir die Hauptsache auf, das Verhältniß der sogenannten Vermögen, wie es Jakobi<lb n="17"/>begreifft. Es ist bey der Darstellung der Kantischen Philosophie gezeigt worden, wie<lb n="18"/>Kant innerhalb dieser Sphäre auf eine vortreffliche Weise das Apriorische der Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichkeit in die ursprüngliche Identität der Einheit und Mannichfaltigkeit, und zwar<lb n="20"/>in der Potenz des Versenktseyns der Einheit in die Mannichfaltigkeit als transcenden<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tale Einbildungskraft setzt, den Verstand aber darein setzt, daß die apriorische syn<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>thetische Einheit der Sinnlichkeit in die Allgemeinheit erhoben, und also diese Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tität in relativen Gegensatz mit der Sinnlichkeit tritt; die Vernunft, wieder als die<lb n="24"/>höhere Potenz des vorigen relativen Gegensatzes, aber so, daß diese Allgemeinheit<lb n="25"/>und Unendlichkeit nur die formelle reine Unendlichkeit und als solche fixirt ist.<lb n="26"/>Diese ächtvernünftige Construction, durch welche nur der schlechte Nahme Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>mögen bleibt, in Wahrheit aber Eine Identität aller gesetzt ist, verwandelt nun<lb n="28"/>Jacobi in ein <hi rendition="#g">Beruhen</hi> der Vermögen aufeinander. »Die Vernunft <hi rendition="#g">beruht</hi> bey<lb n="29"/>euch <hi rendition="#g">auf</hi> dem Verstande; der Verstand <hi rendition="#g">auf</hi> der Einbildungskraft; die Einbildungs<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kraft <hi rendition="#g">auf</hi> der Sinnlichkeit; die Sinnlichkeit dann wieder <hi rendition="#g">auf</hi> der Einbildungskraft<lb n="31"/>als einem Vermögen der Anschauungen a priori; diese Einbildungskraft endlich –<lb n="32"/>Worauf? Offenbar auf Nichts! Sie ist die wahrhafte Schildkröte, der absolute Grund,<lb n="33"/>das Wesende in allen Wesen. Aus sich rein producirt sie sich selbst; und als die Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lichkeit selbst von allem Möglichen, nicht nur was möglich, sondern auch was<lb n="35"/>– vielleicht! – unmöglich ist.« In solche schöne Verbindung bringt Jacobi die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>mögen, und daß etwas, freylich nicht die Einbildungskraft als abgetrennt von der<lb n="37"/>Totalität, auf sich selbst ruhe, ist für Jacobi nicht nur so unphilosophisch, wie das</p>
<pb n="368" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=375" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="102–104"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Bild der dummen Indier, welche die Welt von einem Wesen, das auf sich selbst ruhe,<lb n="2"/>tragen lassen; sondern auch frevelhaft, und weil jeder aus seiner Jugend und der<lb n="3"/>Psychologie weiß, daß die Einbildungskraft ist ein Vermögen zu erdichten, so will<lb n="4"/>nach Jacobi die Philosophie durch eine solche Einbildungskraft den Menschen be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>reden, daß der ganze Mensch wirklich sey ein Gewebe ohne Anfang und Ende, aus<lb n="6"/>lauter Trug und Täuschung, aus Wahngesichten, aus Traum; daß der Mensch sich<lb n="7"/>eine Religion und Sprache erfunden und erdichtet habe u.s.w. wie darüber endlos im<lb n="8"/>Taschenbuch gezankt und apostrophirt wird; kurz Jacobi versteht eine solche Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bildungskraft, so wie eine sich selbst erzeugende Vernunft als etwas Willkührliches<lb n="10"/>und Subjectives, und die sinnliche Erfahrung als ewige Wahrheit.</p>
<p><lb n="11"/>Wegen jener galimathisirenden Darstellung der Kantischen Construction des er<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>kennenden Geistes, bezeugt Jacobi sich, S. 52. daß ihr sehet, wie er eure Sache<lb n="13"/>übrigens gut genug gefaßt habe; und will so großmüthig seyn, euch nicht vorzu<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>werfen, daß ihr wissentlich betrügt; – der Herausgeber Reinhold beanmerkt jene<lb n="15"/><hi rendition="#g">wahrhaftige</hi> Darstellung damit, daß »die hier beschriebenen Functionen die Kan<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tische Philosophie, so ferne sie <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> den <hi rendition="#g">Schein</hi> der Consequenz behalten<lb n="17"/>will, als die von ihr <hi rendition="#g">stillschweigend</hi> vorausgesetzten Principien ihrer Theorie<lb n="18"/>des Erkenntnißvermögens anerkennen müsse; die Fichtische <hi rendition="#g">hingegen</hi> stellt die<lb n="19"/><hi rendition="#g">besagten</hi> Functionen <hi rendition="#g">ausdrücklich</hi>, und <hi rendition="#g">zwar</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> einem Anschauen, Denken<lb n="20"/>und Wollen aller derselben auf.«</p>
<p><lb n="21"/>Die Hauptfrage, die Jacobi thut, ist: wie kommt die Kantische Philosophie a priori<lb n="22"/>zu einem Urtheil, wie bringt sie das Absolute zur Geburt der Endlichkeit, die reine<lb n="23"/>Zeit zu Zeiten, den reinen Raum zu Räumen? Das ewige Dilemm der Reflexion ist<lb n="24"/>dieses: erkennt die Philosophie einen Uebergang aus dem Ewigen ins Zeitliche, so<lb n="25"/>ist leicht zu zeigen, daß sie das Zeitliche ins Ewige selbst setzt, und also das Ewige<lb n="26"/>zeitlich macht; erkennt sie diesen Uebergang nicht, setzt sie das absolute Zugleich der<lb n="27"/>Totalität für intuitive Erkenntniß, so daß das differente nicht in der Form von Thei<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>len und zeitlichem Wesen vorhanden ist, so ist sie mangelhaft, denn sie soll das Zeit<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liche, Bestimmte und Einzelne auch haben, und erklären. – Das letztere ist der<lb n="30"/>gemeine Reflexionsgedanke, an dem Jacobi eine Schraube zu besitzen meynt, der<lb n="31"/>auch die Kantische Philosophie nicht widerstehen könne. Er begreift glücklicher<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>weise, wie das nicht fehlen kann, die Totalität der intellectuellen Anschauung oder<lb n="33"/>apriorischen Synthesis, welche die Differenz schlechthin in sich schließt, als eine<lb n="34"/>abstracte Einheit, und hat also die Theile nicht im Ganzen, sondern <hi rendition="#g">neben</hi> der<lb n="35"/>abstracten Einheit, zu welcher er das Ganze macht; und findet nothwendig, daß<lb n="36"/>wenn eine Synthesis a priori <hi rendition="#g">erklärt</hi>! werden sollte, so hätte man zugleich eine reine<lb n="37"/>Antithesis <hi rendition="#g">erklären</hi> müssen; es finde sich aber nicht die leiseste Ahndung dieses</p>
<pb n="369" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=376" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="104–106"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>Bedürfnisses; das Mannichfaltige für die Synthesis werde von Kant empirisch voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gesetzt, und sollte dennoch bleiben, wenn man von allem Empirischen abstrahirte;<lb n="3"/>als ob die ursprüngliche Synthesis nicht eine Identität des Differenten wäre; aber<lb n="4"/>freylich ist das Differente nicht als ein rein Endliches, Antithetisches, wie es Jacobi<lb n="5"/>sehen will, darinn. Ursprüngliches Synthesiren würde nach Jacobi ein ursprüngliches<lb n="6"/>Bestimmen, ein ursprüngliches Bestimmen aber ein Erschaffen aus Nichts seyn. Es<lb n="7"/>ist schon oben erinnert worden, daß für die Reflexion das Nichts da anfängt, wo keine<lb n="8"/>absolute, isolirte, von der absoluten Substanz abstrahirte Endlichkeit, und daß die<lb n="9"/>dem Nichts der Reflexion entgegengesetzte Realität der Reflexion, das Etwas der<lb n="10"/>Reflexion schlechthin nur diese absolute Entgegensetzung und absolute Endlichkeit<lb n="11"/>ist. Daß die Synthesis eine reine Einheit, und also keine Differenz in ihr ist, ist der<lb n="12"/>einzige und einfache Gedanke in ein endloses in Unsinnigkeiten sich hinein arbeitendes<lb n="13"/>Gepolter und ganz ungebährdig thuendes Gepoche und Gezänke ausgedehnt. Die<lb n="14"/>Idee der Synthesis, so wie der ganzen Kantischen Philosophie, schöpft Jacobi aus<lb n="15"/>einzelnen Stellen, und wenn da Kant einmal unter anderem die Synthesis die Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lung nennt, <hi rendition="#g">verschiedene</hi> Vorstellungen zu einander hinzuzuthun, und ihre<lb n="17"/>Mannichfaltigkeit in einer Erkenntniß zu begreifen, was ist da klarer, als daß er die<lb n="18"/>Antithesis zu seiner Identität schon voraussetzt? Jacobi vermischt gehörig alles<lb n="19"/>Organische der Kantischen Construction, und macht sich Zeit, Raum, transcenden<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tale Einbildungskraft beliebig klar und rein, alle zu reinen gediegenen Einheiten, die<lb n="21"/>nichts miteinander zu schaffen haben; er macht sich selbst zur absoluten Gediegenheit<lb n="22"/>des unendlichen Raums, und fragt nun, wie könnt ihr in meine Gediegenheit ein<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>brechen, und nur Einen distincten Punct in mir entstehen lassen? wie können Zeit,<lb n="24"/>Raum, Einheit des Bewußtseyns in einander einbrechen? ohne zu bedenken, daß die<lb n="25"/>Reinheit der Zeit, des Raums und der transcendentalen Einbildungskraft eben so<lb n="26"/>Erdichtungen sind, als das, daß Er diese gezänke- und wolkenlose Anschauung der<lb n="27"/>unendlichen Gediegenheit des Raums ist. Mit der Zeit ist Jacobi etwas besser zu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>frieden, nemlich er findet sie als eine Brücke zwischen Realem und Idealem,<lb n="29"/>Intellectualem und Materialem, und kann sie für einen Sinn nehmen; sie ist zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>endig, und irgendwo in einer Mitte und also ein Sinn, – der ja überhaupt dieses<lb n="31"/>Zweyendige und In-der-Mitte-Stehen zwischen Object und Subject ist. Aber wenn<lb n="32"/>schon die Einbildungskraft eine Anfang, Mittel und Ende in sich habende Zeit<lb n="33"/>erzeugt, so weiß sie nicht zu bedeuten, wie groß oder klein diese erzeugten Eyer<lb n="34"/>sind; dieß muß sie am Raum bestimmen, in den Jacobi übergeht, und sich als seine<lb n="35"/>unendliche reine, ungetrübte Identität und Continuität setzt; und in dieser Einheit<lb n="36"/>festsitzend behauptet, daß in alle Ewigkeit eine reine und leere Einbildungskraft,<lb n="37"/>wenn sie allein mit dem Raume wäre, keinen Punct erzeugen könnte. Soll eine Ver-</p>
<pb n="370" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=377" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="106–108"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>endlichung in dem reinen Raum begriffen werden, so erzählt Jacobi sehr gut, so muß<lb n="2"/>dieß Verendlichung (besser Realität) setzende etwas seyn, das über beydes, über die<lb n="3"/>reine Anschauung, wie über den reinen Begriff, über den reinen Begriff, wie über<lb n="4"/>die reine Anschauung auf gleiche Weise erhaben sey; das weder unter eine (sinnliche)<lb n="5"/>Anschauung, noch unter einen Begriff falle; dieß läuft für Jacobi in die theils wahre,<lb n="6"/>theils schiefe Bestimmung: es schaue selbst nicht an, und begreife selbst keine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>griffe; es sey ein gleiches allerreinstes Thun von beyden; und heiße als solches <hi rendition="#g">syn</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">thetische</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">transcendentalen</hi> <hi rendition="#g">Apperception</hi>. Mit diesem Worte,<lb n="9"/>also an dem Puncte, wo zu allererst vielleicht von der Sache selbst die Rede hätte<lb n="10"/>werden können, endigt sich die eigentliche Ausarbeitung Jacobi’s; an dem Puncte,<lb n="11"/>wo das bisherige gedankenleere Gepolter und Gezänke ein Interesse erhalten zu<lb n="12"/>können schien, weil bisher von nichts als leeren Einheiten und nur von galimathi<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sirtem Verstande, Einbildungskraft und Vernunft die Rede war, bricht Jacobi ab;<lb n="14"/>was er durch das Bulletin seiner Gesundheit in dem Vorbericht begreifflich macht;<lb n="15"/>und zugleich eine etwaige Hoffnung, daß er selbst noch mit besserem nachgekommen<lb n="16"/>seyn würde, dadurch ganz aufhebt, daß er (Vorber. S. 5.) keine von den eigentlich<lb n="17"/>gefährlichen Stellen mehr vor sich sieht, nur eine kleine etwas unwegsame, doch<lb n="18"/><hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">halbgebahnte</hi> Strecke. Verständlicher, wenn es durchs Vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gehende nicht schon verständlich genug wäre, wird dieß besonders durch S. 61., wo<lb n="20"/>gesagt ist, daß ihr unter euren reinen qualitativen Einheiten und Continuitäten um<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sonst einen Unterschied einzuführen sucht, indem ihr einer <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Namen</hi> einer<lb n="22"/><hi rendition="#g">synthetischen</hi> beylegt; (die Sache liegt also bloß im Namen); Ich sage, die eine<lb n="23"/>vermag so wenig als die andere zu dividiren und zu summiren, die Synthesis geschieht<lb n="24"/>schlechterdings nicht <hi rendition="#g">durch</hi> sie; denn da müßte sie auch den Grund von der <hi rendition="#g">Anti</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">thesis</hi> in sich haben; hoc opus, hic labor; aber der leere Raum und die leere Zeit, und<lb n="26"/>das Bewußtseyn haben den Ursprung der Antithesis unmöglich in sich. – Kurz, der<lb n="27"/>Verlauf der Sache ist: die absolute synthetische Einheit, die Totalität schließt alle<lb n="28"/>Theile und Differenz in sich; – aber Ich Jacobi sage, das ist nur ein Nahme, sie ist<lb n="29"/>eine abstracte Einheit, eine leere Einheit, wie kann sie also der Grund selbst der Theil<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>barkeit und Antithesis seyn? Ganz verständlich wird der Begriff der Identität und der<lb n="31"/>transcendentalen Einheit durch die herzliche Freundschaft des Fortsetzers. Bey<lb n="32"/>diesem sieht die Stelle der transcendentalen Einheit eben so wenig gefährlich, und<lb n="33"/>mehr als halbgebahnt aus; dieser meynt, der 81 Seiten (den Vorber. abgerechnet)<lb n="34"/>hindurch einförmige Gedanke, daß die reine Einheit, wie Jacobi Raum u.s.w. begreift,<lb n="35"/>kein Mannichfaltiges sey, bedürfe vielleicht <hi rendition="#g">noch</hi> einiger Erläuterungen. In dem aus<lb n="36"/>dem Poltern und Zanken ins Matte versinkenden Strome ist über die apriorische<lb n="37"/>Synthesis, bey der Jacobi abbrach, folgendes zu finden: »Gesetzt, es gäbe ein reines</p>
<pb n="371" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=378" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="108–110"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>Mannichfaltiges, wodurch würde alsdenn die Verbindung möglich? Offenbar da<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>durch, daß sie in einem <hi rendition="#g">dritten</hi> <hi rendition="#g">statt</hi> <hi rendition="#g">fände</hi>! – Köppen macht diesen klaren Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>danken auf folgende Weise klar: Gesetzt, <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">haben</hi> ein Verschiedenes im Raume:<lb n="4"/>so besteht <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Verbindung</hi> eben darin, daß es sich im Raume <hi rendition="#g">befindet</hi>. Noch<lb n="5"/>klarer: Gesetzt, <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">haben</hi> ein Verschiedenes im Bewußtseyn: so besteht die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bindung darin, daß es im Bewußtseyn <hi rendition="#g">vorhanden</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Mehr Klarheit: <hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">ver</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">bindet</hi> nun die beyden räumlichen Gegenstände? <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Raum</hi>. <hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">verbindet</hi><lb n="8"/>die Mannichfaltigkeit des Bewußtseyns? <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Die ganze Synthesis<lb n="9"/>entdeckt uns <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">weiter</hi> als <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Identität</hi>. – Dieses bisherige wird durch<lb n="10"/>folgende Erläuterung begreiflicher gemacht: <hi rendition="#g">Insofern</hi> zwey Gegenstände <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="11"/>im Raume <hi rendition="#g">befinden</hi>, sind sie sich, als <hi rendition="#g">räumlich</hi>, vollkommen gleich; <hi rendition="#g">insofern</hi><lb n="12"/>sie sich im Bewußtseyn <hi rendition="#g">befinden</hi>, sind sie, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">vorhanden</hi>,<lb n="13"/>vollkommen dieselben. <hi rendition="#g">Wozu</hi> <hi rendition="#g">bedarf</hi> es hier noch <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">besondern</hi> <hi rendition="#g">Hand</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">lung</hi> des Verbindens? Ist denn durch den Raum und das Bewußtseyn, als <hi rendition="#g">passive</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Receptivitäten</hi>, nicht schon <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">ganze</hi> <hi rendition="#g">Synthesis</hi> <hi rendition="#g">vollständig</hi>? Der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stand thut also nichts als Gleichsetzen, und damit dieß möglich sey, wird Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">finden</hi> und Ungleich<hi rendition="#g">finden</hi> <hi rendition="#g">vorausgesetzt</hi>. Jedes Urtheil ist ein Ausdruck einer<lb n="18"/>solchen <hi rendition="#g">gefundenen</hi> Identität; was sonst noch außer dem nicht zu unterscheidenden<lb n="19"/>in einem Urtheile angetroffen werden mag, gehört zum <hi rendition="#g">Materialen</hi> desselben,<lb n="20"/>und nimmt <hi rendition="#g">daher</hi> im Verstande nicht seinen Ursprung. Und dieses Geschäft des<lb n="21"/>Verstandes, dieses Aufmerken, Begreifen einer <hi rendition="#g">vorhandenen</hi> Identität, zu deren<lb n="22"/>Behuf die Einbildungskraft alles Besondere zerstöhren, alles Verschiedene aufheben<lb n="23"/>muß, hieße <hi rendition="#g">Synthesis</hi>?? Es wird ja vielmehr alle Synthesis dadurch aufgehoben!«</p>
<p><lb n="24"/>Dieß Köppen über die transcendentale Einheit der transcendentalen Apperception<lb n="25"/>oder der productiven Einbildungskraft. Es ist sehr verständlich Jacobi’s Begriff vom<lb n="26"/>Wissen ausgesprochen; daß wir Menschen die Dinge durch den Sinn, und die über<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>natürliche Offenbahrung des Sehens, Wahrnehmens und Empfindens, als Thatsachen<lb n="28"/>empfangen, daß das so aus der Erfahrung genommene (welche der besser organisirte<lb n="29"/>und besser gesinnte Mensch besser macht, als die schlechtere Organisation und der<lb n="30"/>schlechtere Sinn) <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">allbereits</hi> <hi rendition="#g">synthesirt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, von uns <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">erst</hi><lb n="31"/>synthesirt zu werden braucht, noch auch synthesirt werden kann, denn unsere<lb n="32"/>Thätigkeit auf dieses synthetisch Gegebene ist das Gegentheil eines Synthesirens, es<lb n="33"/>ist ein Analysiren desselben, und diese analytische Einheit, die wir im Object<lb n="34"/><hi rendition="#g">finden</hi>, ist so wenig ein Synthesiren, ein Verknüpfen des Mannichfaltigen, daß<lb n="35"/>vielmehr das Mannichfaltige, das Materiale durch die analytische Einheit in die<lb n="36"/>Abschnitzel fällt. Raum, Bewußtseyn u.s.w., die objective Welt, die Natur können<lb n="37"/>wir nur nach analytischen Einheiten begreiffen, und sie nur zergliedern; es ist (Br.<lb n="38"/>über Spin. S. 424) damit unserer Nachforschung ein <hi rendition="#g">unabsehliches</hi> (d. h. End-<lb n="39"/>und Totalität-loses) Feld eröffnet, welches wir <hi rendition="#g">schon</hi> um unserer <hi rendition="#g">physischen</hi></p>
<pb n="372" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=379" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="110–112"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Erhaltung willen zu bearbeiten genöthigt sind; diejenigen Dinge, deren Mechanismus<lb n="2"/>wir entdeckt haben, die können wir, wenn die Mittel selbst <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">unsern</hi> <hi rendition="#g">Händen</hi><lb n="3"/>sind, auch hervorbringen. Was wir auf diese Weise <hi rendition="#g">wenigstens</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vor</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">stellung</hi> construiren können, das begreiffen wir; und was wir nicht construiren<lb n="5"/>können, das begreiffen wir auch nicht. Das Erkennen des Verstandes ist ein unauf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>hörliches Gleichsetzen, welches wir verknüpfen nennen, und das nur ein fortgesetztes<lb n="7"/>Vermindern und Vereinfachen des Mannichfaltigen ist; wenn es möglich wäre, bis<lb n="8"/>zu seiner gänzlichen Wegräumung und Vernichtung. (Taschenb. S. 32). – Wir<lb n="9"/>sagen dagegen, daß transcendentale Einbildungskraft und Vernunfterkenntniß etwas<lb n="10"/>ganz anderes ist, als Jacobi begreifft, daß sie weder die Natur analysirt, noch Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gebenes in analytische Einheit und Mannichfaltigkeit auseinander reißt, sondern selbst<lb n="12"/>organisch und lebendig, und Totalität, die Idee der Totalität erschafft, und construirt,<lb n="13"/>als absolute ursprüngliche Identität des Allgemeinen und Besondern, welche Identität<lb n="14"/>Kant synthetische genannt hat, nicht als ob ein Mannichfaltiges vor ihr läge, sondern<lb n="15"/>weil sie selbst in sich differenzirt, zweyendig ist, so daß die Einheit und Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>faltigkeit in ihr nicht zu einander hinzutreten, sondern in ihr sich abscheiden und mit<lb n="17"/>Gewalt, wie Plato sagt, von der Mitte zusammengehalten werden. Für den Sinn gibt<lb n="18"/>Jacobi wohl eine Zweyendigkeit zu, weil bey diesem eigentlich gar nicht die Rede da<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>von seyn zu können scheint, daß er nicht mit einem <hi rendition="#g">gegebenen</hi> Objecte zu thun habe,<lb n="20"/>und seiner eigenen Zweyendigkeit ungeachtet nicht bloße Passivität und Receptivität<lb n="21"/>seye; – als ob in seiner Zweyendigkeit und Mitte nicht selbst schon die Enden wären.</p>
<p><lb n="22"/>Das Gepoltere und Gezänke des Aufsatzes der Beyträge hat Jacobi in dem über<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>flüßigen Taschenbuch 1802 auch für das unphilosophische Publikum und den Gau<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>men des philosophischen Dilettantismus zubereitet, und zu diesem Behuf der Bitter<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>keit noch empfindsame Jean-Paulsche Beisätze zugemischt; unvortheilhafterweise<lb n="26"/>aber an sinnvolle humoristische Einfälle Lichtenbergs seine empfindsamen bissigen<lb n="27"/>Edicte angeknüpft; denn Lichtenbergs tiefe und gutmüthige launigte Laune erhöht<lb n="28"/>durch den Contrast unmittelbar den Eindruck einer untiefen bittern launischen<lb n="29"/>Laune. Wie weit diese zu keinem Unterricht dienenden verschreyenden Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>unglimpfungen des Kriticismus für die Wirkung, der so etwas allein fähig seyn kann,<lb n="31"/>das unphilosophische Volk mit greulichem Entsetzen und Abscheu vor einem<lb n="32"/>solchen Gespenst, wie die Kantische Philosophie ist, durch eine tüchtige Capucinade<lb n="33"/>zu erfüllen, gut ausgeführt seyen, und wie weit solche Gnomen und Sentimentali<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>täten, wie: der <hi rendition="#g">Trieb</hi> eines jeden lebendigen Wesens ist das <hi rendition="#g">Licht</hi> dieses Wesens,<lb n="35"/>sein Recht und seine Kraft. Nur <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">diesem</hi> Lichte kann er wandeln, wirken <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">in</hi><lb n="36"/>dieser Kraft. – Kein endliches Wesen hat sein Leben in ihm selbst; und so auch nicht<lb n="37"/>von ihm selbst – seines Lichtes <hi rendition="#g">Flamme</hi>, seines Herzens <hi rendition="#g">Gewalt</hi>. – Mannichfaltig</p>
<pb n="373" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=380" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="112–113"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>ist die Gabe des Lebens; mannichfaltig das Erwachen in dasselbe; mannichfaltig seine<lb n="2"/>Führung, sein Gebrauch. Gleich dem Thiere erwachet auch der Mensch, zuerst als<lb n="3"/>ein sinnliches Geschöpf, an der blos sinnlichen Natur. – Siehe da den Lächelnden,<lb n="4"/>den Lallenden u.s.w. – inwiefern alles dieß ungemeine Geistreichigkeiten und Erbau<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichkeiten seyen, gehört in ein anderes Fach der Kritik.</p>
<p><lb n="6"/>Wie der philosophische Aufsatz in den Reinhold. Beyträgen, so enthält auch der<lb n="7"/>populäre Aufsatz Stellen, welche dem unbefangenen äußern Ansehen nach eine philo<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sophische Bedeutung haben könnten, z. B. S. 40. Anm. (das Unterstrichene findet<lb n="9"/>sich im Taschenbuche so unterstrichen): Empfindung, – Gedächtniß und Einbildung<lb n="10"/>setzen ein Erstes und Ursprüngliches des Bewußtseyns und der Thätigkeit, ein <hi rendition="#g">Prin</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">zip</hi> des Lebens und der Erkenntniß, ein <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">Seyendes</hi> zum Voraus, das, als<lb n="12"/>solches, weder <hi rendition="#g">Eigenschaft</hi> noch <hi rendition="#g">Wirkung</hi>, auf keine Art und Weise <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">in</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi> <hi rendition="#g">Entstandenes</hi> seyn kann; sondern <hi rendition="#g">Selbst-Wesen</hi>, <hi rendition="#g">Selbst-Ursache</hi>,<lb n="14"/>(nach den Br. üb. Spin. S. 416 hat aber die causa sui ihren Ursprung im Vergessen<lb n="15"/>des wesentlichen Unterschiedes zwischen dem Satze des Grundes und der Causalität)<lb n="16"/>ein <hi rendition="#g">Außerzeitliches</hi> seyn muß, und, in dieser Eigenschaft, auch im Besitz eines<lb n="17"/><hi rendition="#g">außerzeitlichen</hi> bloß <hi rendition="#g">innwendigen</hi> Bewußtseyns. Dieses außerzeitliche, bloß<lb n="18"/>innwendige, von dem <hi rendition="#g">auswendigen</hi> und <hi rendition="#g">zeitlichen</hi> auf das klarste sich unter<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>scheidende Bewußtseyn, ist das Bewußtseyn der <hi rendition="#g">Person</hi>, welche zwar in die Zeit<lb n="20"/><hi rendition="#g">tritt</hi>, aber keineswegs in der Zeit <hi rendition="#g">entsteht</hi>, als ein <hi rendition="#g">bloß</hi> <hi rendition="#g">zeitliches</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>.<lb n="21"/>Dem <hi rendition="#g">zeitlichen</hi> Wesen gehört der <hi rendition="#g">Verstand</hi>; dem <hi rendition="#g">außerzeitlichen</hi> die<lb n="22"/><hi rendition="#g">Vernunft</hi>. – Man könnte denken, daß Jacobi itzt für die Vernunft den Satz des<lb n="23"/>Grundes und des principii compositionis der ältern Metaphysik für befriedigender halte,<lb n="24"/>weil er das, was er an ihm vermißte, die Succession hier selbst aus der Vernunft als<lb n="25"/>dem Außerzeitlichen ausschließt; so auch, daß die <hi rendition="#g">blinde</hi> Einbildungskraft Kants<lb n="26"/>ihrem Princip nach zugleich in dieser Vernunft, welche ein <hi rendition="#g">inn</hi>wohnendes und<lb n="27"/><hi rendition="#g">außerzeitliches</hi> Bewußtseyn ist, enthalten sey, welches sich von dem <hi rendition="#g">zeitlichen</hi><lb n="28"/>und <hi rendition="#g">aus</hi>wendigen Bewußtseyn klar unterscheidet, denn das, was man Sehen nennt,<lb n="29"/>ist allein im auswendigen und zeitlichen Bewußtseyn. Oder wenn Jacobi fortfährt:<lb n="30"/>Der Verstand <hi rendition="#g">isolirt</hi>, ist materialistisch und unvernünftig: er leugnet den Geist<lb n="31"/>und Gott. Die Vernunft <hi rendition="#g">isolirt</hi>, ist idealistisch und unverständig: sie leugnet die<lb n="32"/>Natur und macht sich selbst zum Gott. Der ganze, unzerstückte, wirkliche und wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>hafte Mensch ist <hi rendition="#g">zugleich</hi> (das heißt wohl nicht nebeneinander, sonst wären es zwey<lb n="34"/>Stücke und Theile) Vernunft und Verstand, glaubet ungetheilt und mit einerley<lb n="35"/>Zuversicht – <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">Gott</hi>, an die <hi rendition="#g">Natur</hi>, und an <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">eigenen</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> – so müßten</p>
<pb n="374" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=381" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="113–115"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>wir den ungetheilten Glauben begreiffen als eine Identität der Vernunft und des<lb n="2"/>Verstandes, d. h. als ein Zugleich des Leugnens Gottes und des sich selbst zum<lb n="3"/>Gott-machens, der Identität des Zeitlichen und Außerzeitlichen, d. h. einer ewigen Zeit,<lb n="4"/>u.s.w., ohne daß man die Jacobische Philosophie im geringsten galimathisirte, wie sie<lb n="5"/>bey Spinoza und Kant that, indem sie das, was das Charakteristische des Isolirten,<lb n="6"/>insofern es isolirt gehalten wird, ist, in das Ungetheilte hineinträgt¹; – so wie auf der<lb n="7"/>andern Seite diesen <hi rendition="#g">ungetheilten</hi> Glauben, als ein ungetheiltes, ein reines, reines,<lb n="8"/>reines, wellenloses Eins, Anfang-Mittel- und Endlose Ein-Fach-Heit, ohne Derheit,<lb n="9"/>Dieheit, Dasheit u.s.w. (S. Aufs. in Reinh. Beytr. 3. H. passim.) Wer Lust und<lb n="10"/>Gefallen daran hätte, sich an einer Schnur von Unsinnigkeiten und Galimathias fort<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schwatzen zu lassen, fände in diesen Jacobischen Aufsätzen die beste Gelegenheit, an<lb n="12"/>der Ungetheiltheit des Außerzeitlichen und des Zeitlichen, der Selbstwesenheit und<lb n="13"/>des Empirischen u.s.w. Diese Zusammensetzungen sind nemlich nicht so zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stehen, daß das Zeitliche in dem Außerzeitlichen, das empirische Bewußtseyn in<lb n="15"/>Vernunftanschauung zu Grunde ginge, alle Endlichkeit sich im Unendlichen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>senkte, und nur Eine Totalität als das Ansich, das weder isolirter Verstand noch<lb n="17"/>isolirte Vernunft ist, erkannt würde, denn da würde das fürchterliche erfolgen, daß<lb n="18"/>das endliche Seyn der Dinge sich vernichtete, und die endlichen Dinge zu Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nungen und Gespenstern würden; wenn die Vernunft das Endliche als nicht absolut,<lb n="20"/>als nicht ewig erkennt so kann der Mensch nur (Taschenb. S. 36) Daseyn haben durch<lb n="21"/>Phantasie, nur Vernichtung durch Vernunft; und doch ist dem Menschen Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>beraubung das Aergste; und dann ist das eröffnete Menschenloos ein Loos der grauen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>vollsten Verzweiflung; – nein, nach diesem grellsten aller Syncretismen soll die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nunft als die Erkenntniß des Außerzeitlichen und des Selbstwesens auch dem Verstand</p>
<note xml:id="fn-374-1" n="¹"><lb n="25"/><seg type="marke">¹ </seg>Jacobi schließt diese Anmerkung so: »Dieser dreyeinige, allgemein unphilosophische<lb n="26"/>Glaube muß auch im strengsten Sinn <hi rendition="#g">philosophischer</hi>, in der Reflexion bestätigter Glaube<lb n="27"/>(durch die Bestätigung in der Reflexion, wenn hierinn anders ein Sinn liegt, fällt aber die Form<lb n="28"/>des Glaubens weg) werden können; und ich bin kühn genug, zu sagen: daß ich weiß, er kann<lb n="29"/>es werden; daß ich den Rückweg sehe, auf dem ein verirrtes <hi rendition="#g">Nach</hi>denken (Reinhold hat sich<lb n="30"/>mit diesem Prädicat bezeichnet, und Jacobi hält also Reinholds jetzige Periode für eine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>irrung, und glaubt an eine nochmalige Verwandlung, ein Auskriechen desselben als Sylphide<lb n="32"/>einer unsterblichen Philosophie, deren Princip das Gottleugnen und das sich selbst zum Gott<lb n="33"/>machen, den Verstand und die Vernunft, verbindet, und den Menschen ganz läßt, wie er ist)<lb n="34"/>hier wieder ankommen, und dann erst eine wahre Philosophie, eine den <hi rendition="#g">ganzen</hi> Menschen<lb n="35"/>erleuchtende Wissenschaft und Weisheit hervorbringen wird.« Diese den philosophischen<lb n="36"/>Dilettanten gegebene Notiz kann das philosophische Publikum, bis zur Erscheinung jener<lb n="37"/>Verwandlung, ignoriren.</note>
<pb n="375" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=382" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="115–117"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>als dem Zeitlichen und Unwesentlichen sein Recht lassen, und wenn sie der Gottheit<lb n="2"/>einen Tempel erbaut, so human seyn, auch dem Teufel seine Capelle daneben zu lassen.</p>
<p><lb n="3"/>Aus dem ganzen bisherigen, sowohl dem Positiven als Polemischen des Wissens<lb n="4"/>der Jacobischen Philosophie ist der Charakter dieses Wissens hervorgegangen, daß die<lb n="5"/>Vernunft Thatsachen analysiren, das Allgemeine vom Besondern trennen, und an<lb n="6"/>leerer Identität fortgehen kann, und wo eine Philosophie eine absolute Identität des<lb n="7"/>Allgemeinen und Besondern aufstellt, da wird diese Identität schlechthin wieder zu<lb n="8"/>einer vom Besondern herausgetrennten Allgemeinheit gemacht, und die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wendigkeit ihr erwiesen, daß zu ihrem Allgemeinen Besonderes erst hinzukommen<lb n="10"/>müsse, oder daß sie zu dem <hi rendition="#g">gegebenen</hi> Besondern nur hinzutrete; wo Jacobi selbst<lb n="11"/>eine Zweyendigkeit, eine Subject-Objectivität anerkennt, muß sie in Form eines<lb n="12"/>Sinnes, eines Dinges, eines Erfahrnen seyn, das seinen Charakter eines Gegebenen,<lb n="13"/>einer unverrückten Entgegensetzung gegen das denkende Subject nicht verlieren,<lb n="14"/>noch als freye Vernunftidee und Gemeingut der Wissenschaftlichkeit, sondern nur als<lb n="15"/>etwas subjectiv geistreiches ausgesprochen werden darf; und Denken und Seyn, das<lb n="16"/>Allgemeine, welches formale Identität, und das Besondere, welches ein Gegebenes<lb n="17"/>bleibt, die geistreiche Subjectivität und die Objectivität des Wissens kommen im<lb n="18"/>Erkennen nicht zusammen; die gegebene Thatsache und die sie denkende Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>jectivität, eins ist wie das andere ein Absolutes. – Wir haben nunmehr den Punct zu<lb n="20"/>betrachten, wie die absolute Identität, die nicht im Erkennen ist, und doch muß sie<lb n="21"/>schlechthin zugleich für die sich absolut setzende Subjectivität seyn, für eine solche<lb n="22"/>ist; dieß Verhältniß nun einer absoluten Endlichkeit zum wahrhaft Absoluten ist der<lb n="23"/><hi rendition="#g">Glaube</hi>, in welchem die Subjectivität sich zwar vor dem Ewigen als Endlichkeit<lb n="24"/>und Nichts anerkennt, aber selbst dieß Anerkennen so einrichtet, daß sie sich als ein<lb n="25"/>an sich, außer dem Absoluten seyendes rettet und erhält. Dem vom Besondern<lb n="26"/>abgetrennten Allgemeinen ist aber nicht nur das absolute Identische beyder, sondern<lb n="27"/>auch das Besondere entgegengesetzt; und auch auf das Wissen von dem Besondern<lb n="28"/>außer dem Begriff, auf die empirische unmittelbare Vorstellung der gemeinen<lb n="29"/>Objectivität hat Jacobi den Glauben ausgedehnt, indem er diese Bedeutung von den<lb n="30"/>Ur- und Grundempirikern Hume und Locke aufnahm, welche es vorzüglich sind,<lb n="31"/>die das Philosophiren in diese Endlichkeit und Subjectivität versenkt, dieß Begründen<lb n="32"/>der Erkenntniß und Kritisiren der menschlichen Gemüthskräfte an die Stelle des<lb n="33"/>Erkennens, das Besondere als solches als das Absolute gesetzt, durch Analyse sinnlicher<lb n="34"/>Erfahrung die Metaphysik vertrieben, und deren Reflexionswesen auf deutschem<lb n="35"/>Grund und Boden weitläufiger und systematischer ausgesponnen, deutsche, d. h.<lb n="36"/>Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie genannt wird. Abgesehen von der<lb n="37"/>Beziehung des Glaubens auf Philosophie, so ließ Mendelssohn und andere sich nicht</p>
<pb n="376" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=383" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="117–119"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>träumen, da noch eine Tradition von dem, was <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> philosophischer Er<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>kenntniß sey, da war, daß Jacobi auf die Gewißheit des gemeinen Objectiven den<lb n="3"/>Nahmen Glauben ausdehnte, und dadurch der Gewißheit der gemeinen Objectivität<lb n="4"/>von seiner Seite eben die Wichtigkeit gab, welche Hume, Kant und Fichte ihr auf<lb n="5"/>eine andre Weise gaben, eine Wichtigkeit, die, da Jacobi durch Behauptung der<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>selben, und Hume, Kant und Fichte durch Verneinung derselben, beyde Theile<lb n="7"/>gleicherweise ein und ebendieselbe Beschränktheit und Endlichkeit absolut machen,<lb n="8"/>für beyde ganz dieselbe wird, indem es völlig gleichgültig ist, ob die Endlichkeit<lb n="9"/>etwas objectives (im gemeinen Sinne) oder subjectives sey, wenn sie absolut ist;<lb n="10"/>Mendelssohn dachte beym Jacobischen Glauben nicht an Gewißheit von zeitlichen<lb n="11"/>Dingen, sondern an die durch Vernunft nicht erkannte Gewißheit des gemeinen<lb n="12"/>Bewußtseyns von <hi rendition="#g">ewigem</hi> und <hi rendition="#g">außerzeitlichem</hi>; indem er (Briefe über Spin.<lb n="13"/>S. 92) sich ausdrückt: Meine Religion kennet keine Pflicht, dergleichen Zweifel<lb n="14"/>anders als durch Vernunftgründe zu heben, befiehlt <hi rendition="#g">keinen</hi> <hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ewige</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Wahrheiten</hi>; – indem er von ewigen Wahrheiten als dem Gegenstande der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sophie spricht, so hatte er die Idee, daß die Philosophie sich nicht mit der Gewißheit<lb n="17"/>empirischer Wirklichkeit beschäftige, und daß auch Jacobi bey seinem Glauben nicht<lb n="18"/>den Hume’schen Glauben an sinnliche Wahrnehmung im Sinn habe.</p>
<p><lb n="19"/>Jacobi aber hatte nicht ewige Wahrheiten, sondern die Wahrheit gemeiner Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichkeit im Sinne; auf die geht unmittelbar die erste Jacobische Erklärung gegen<lb n="21"/>Mendelssohn: (Briefe über Spin. S. 215) »lieber Mendelssohn, wir alle werden im<lb n="22"/>Glauben gebohren, und müssen im Glauben bleiben. Durch den Glauben wissen<lb n="23"/>wir, daß wir einen <hi rendition="#g">Körper</hi> haben, und daß außer uns andere Körper und andre<lb n="24"/>denkende Wesen vorhanden sind. Eine wahrhafte, wunderbare Offenbahrung! Denn<lb n="25"/>wir <hi rendition="#g">empfinden</hi> doch nur unsern <hi rendition="#g">Körper</hi>, so oder anders beschaffen; und indem<lb n="26"/>wir ihn so oder anders beschaffen fühlen, werden wir <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">allein</hi> seine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>änderungen, <hi rendition="#g">sondern</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">etwas</hi> davon ganz verschiedenes, das weder bloß<lb n="28"/>Empfindung, noch Gedanke ist, <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> (ist von Jac. selbst<lb n="29"/>unterstrichen) gewahr, und zwar mit eben der Gewißheit, mit der wir uns gewahr<lb n="30"/>werden; denn ohne <hi rendition="#g">Du</hi>, ist das <hi rendition="#g">Ich</hi> unmöglich. Wir erhalten also, bloß <hi rendition="#g">durch</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">Beschaffenheiten</hi>, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">annehmen</hi>, alle Vorstellungen, und es gibt keinen<lb n="32"/>andern Weg reeller Erkenntniß; denn die Vernunft, wenn sie Gegenstände gebiert,<lb n="33"/>so sind es <hi rendition="#g">Hirngespinnste</hi>. So haben wir denn eine Offenbahrung der Natur,<lb n="34"/>welche nicht allein befiehlt, sondern alle und jede Menschen zwingt, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">glauben</hi>,<lb n="35"/>und durch den Glauben ewige Wahrheiten anzunehmen.« – Es ist hier das Wissen<lb n="36"/>von gemeiner Wirklichkeit, die sinnliche Wahrnehmung nicht nur in den Glauben</p>
<pb n="377" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=384" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="119–121"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>eingeschlossen, sondern auf sie ganz allein der Glaube und die ewigen Wahrheiten<lb n="2"/>eingeschränkt. – Jacobi fährt fort: »einen andern Glauben lehrt die Religion der Chri<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sten, – sie befiehlt ihn nicht. Einen Glauben, der nicht ewige Wahrheiten, sondern die<lb n="4"/>endliche zufällige Natur des Menschen zum Gegenstande hat.« – Also jene ewigen<lb n="5"/>Wahrheiten vom Haben eines Körpers, und andern Körpern und dem Daseyn außer<lb n="6"/>uns anderer Körper und wirklicher Dinge beträfen nicht die zufällige endliche Natur<lb n="7"/>des Menschen? und welch’ eine schlechte Natur müßte vollends diejenige seyn,<lb n="8"/>welche im Verhältniß zu jener ersten selbst noch endlich und zufällig ist; und welch’<lb n="9"/>eine Religion die christliche, welche diese noch niedrigere, noch endlichere und zu<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>fälligere Natur zum Gegenstande hätte.</p>
<p><lb n="11"/>Da Jacobi in dieser Erklärung, die durch die besondern Umstände ihrer Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>anlassung und ihrer dadurch bewirkten Absichtlichkeit noch mehr Gewicht erhält,<lb n="13"/>den Glauben und ewige Wahrheiten auf das Zeitliche und Körperliche ausdrücklich<lb n="14"/>einschränkt, so ist ganz consequent, die Kantische und Fichtesche Philosophie zu<lb n="15"/>verabscheuen, welche darauf gehen, daß im Endlichen und Zeitlichen keine Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit sey, und welche vorzüglich in der Negativität groß sind, in welcher sie erweisen,<lb n="17"/>was endlich und Erscheinung und Nichts ist; die Kantische und Fichtesche Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sophie, indem sie einen unverrückten Gegensatz zwischen Erkennen und Glauben<lb n="19"/>festhalten, setzen unmittelbar die Entgegensetzung und damit die Endlichkeit, als<lb n="20"/>solche selbst absolut; aber mit dem Unterschiede, daß diese Endlichkeit eine leere<lb n="21"/>und nichts als der reine, unendliche Begriff der Endlichkeit, welche dadurch der<lb n="22"/>Unendlichkeit gleich wird, jeder Inhalt aber und Erfüllung, den sich diese Endlich<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>keit gibt und geben muß, eine Nichtigkeit seyn <hi rendition="#g">soll</hi>; Jacobi aber verlangt dieses<lb n="24"/>Nichtige in seiner ganzen Länge und Breite und erhebt ein ungebährdiges Zetter<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>geschrey über die Vernichtung dieser Nichtigkeit. Es ist ferner hierüber, daß die<lb n="26"/>Kantische und Fichte’sche Philosophie die unmittelbare Gewißheit des Uebersinn<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lichen als Glauben statuiren, nicht das mindeste Misverständniß möglich, ebenso<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>wenig darüber, daß wenn Kant den Ideen alle Realität von Seiten der theoretischen<lb n="29"/>Vernunft abspricht, ihm die theoretische Erkenntniß eine Bestimmung durch die<lb n="30"/>Kategorien ist, die ihre Realität allein in der Sinnenwelt und in der Erfahrung haben,<lb n="31"/>oder die überhaupt nur ein verständiges nicht ein vernünftiges Erkennen möglich<lb n="32"/>machen. Wenn nun Kant den Vernunftbegriffen in dem Sinne alle Realität abspricht,<lb n="33"/>daß sie in einer sinnlichen Wahrnehmung und durch Verstandesbegriffe vermittelten<lb n="34"/>Erfahrung nicht gegeben werden können, und im Felde der Erfahrung nur regulative<lb n="35"/>Principien für den Verstandesgebrauch seyen, so sieht Jacobi, darinn daß ein zeit<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>liches und körperliches Daseyn von ihnen geleugnet wird, die Vernichtung dieser</p>
<pb n="378" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=385" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="121–122"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Ideen selbst, und fragt (S. 36. Reinh. 3. Heft) <hi rendition="#g">jeden</hi> <hi rendition="#g">Redlichen</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Gewis</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">sen</hi>, ob er wohl, nachdem er einmal deutlich eingesehen hat, daß die Idee für das<lb n="3"/>körperliche und zeitliche Wissen und Erfahren und sinnliche Wahrnehmen, nur<lb n="4"/>problematisch sey, »zu jenen nun ein für allemal ausgemacht <hi rendition="#g">objectiv</hi> – wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gemerkt in welchem Sinne – grundlosen, je aus irgend einer Ursache als zu <hi rendition="#g">objectiv</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">wahren</hi> und realen Vorstellungen werde zurückkehren, und ein aufrichtiges, herz<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>liches Vertrauen in sie setzen können? <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">sage</hi>, es ist unmöglich!« – Man muß<lb n="8"/><hi rendition="#g">vielmehr</hi> <hi rendition="#g">sagen</hi>, ganz allein nach Vernichtung jener Art von Realität ist es mög<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lich, zu den Ideen ein Zutrauen zu fassen, hingegen im Bestehen des Dogmatismus<lb n="10"/>der absoluten Endlichkeit und Subjectivität, der die ewigen Wahrheiten in die Kör<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>per und andere wirkliche Dinge setzt, ist es unmöglich. Es kann als Beispiel, bis zu<lb n="12"/>welchen hämischen Verdrehungen dieser blinde Haß gegen das Vernichten der<lb n="13"/>Zeitlichkeit, und der heilige Eifer für die gute Sache der wirklichen Dinge, treibt, –<lb n="14"/>eine bey dieser Gelegenheit vorkommende Citation nicht vorbeygegangen werden:<lb n="15"/>(es ist damit nicht gesagt, als ob diese mit den obenangeführten Citationen die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zigen der Art wären; sondern es sind nur die einzigen, die wir bey Kant nach<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>geschlagen haben) S. 99. fg. Reinh. 3. Heft sagt Jacobi oder Köppen: Weit con<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sequenter wäre es daher, wenn wir bey <hi rendition="#g">allen</hi> <hi rendition="#g">Vorstellungen</hi> von Gott und<lb n="19"/>Unsterblichkeit an gar keine Objectivität dächten, und mit dem Verf. der Vern.kr.<lb n="20"/>sagten: <hi rendition="#g">Alles</hi>, <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> <hi rendition="#g">betrifft</hi>, ist bloße Vernunftidee,<lb n="21"/>bloße hevristische Fiction, und abgesehen von seiner Brauchbarkeit als leitendes<lb n="22"/>Princip des Verstandes, ein bloßes Gedankending von unerweislicher Möglichkeit. –<lb n="23"/>Dazu ist citirt Kr. d. r. V. S. 799. da heißt es: die <hi rendition="#g">Vernunftbegriffe</hi> sind bloße<lb n="24"/>Ideen, und haben freylich keinen Gegenstand in irgend einer Erfahrung; sie sind<lb n="25"/>bloß problematisch gedacht u.s.w. Aus den Vernunftbegriffen, von denen hier ganz<lb n="26"/>allein in theoretischer <hi rendition="#g">Beziehung</hi> die Rede ist, wird von Jacobi oder Köppen, ganz<lb n="27"/>unbedingt und uneingeschränkt gemacht: <hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">betrifft</hi>, und dieß sey bloße Fiction – und was Kant von ihrer theoretischen Realität<lb n="29"/>sagt, ist von ihrer Realität überhaupt ausgesprochen.</p>
<p><lb n="30"/>Neben dem, daß Jacobi den Glauben in die Wirklichkeit und sinnliche Erfahrung<lb n="31"/>herabgezogen hat, und von diesem allein gegen Mendelssohn spricht, hat er aber<lb n="32"/>auch noch einen Glauben nicht an die Endlichkeit, sondern an das Ewige, und<lb n="33"/>wir müssen sehen, ob dieser Glaube, der das Ewige als absolutes Object, und von<lb n="34"/>ihm getrennt und unvereinigt das Erkennen setzt, und vernünftiges Erkennen da<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>durch, daß das Erkennen nur als etwas subjectives und formales Wissen anerkannt ist,<lb n="36"/>ausschließt, durch die Versetzung in das Verhältniß zur Reflexion <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Glaube</hi></p>
<pb n="379" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=386" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="122–124"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>nicht verunreinigt worden ist. Der Glaube des nicht zu abstracter Reflexion sich<lb n="2"/>erhebenden Menschen hat die Unbefangenheit, daß er nicht der Reflexion entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gesetzt ist, er ist sowohl ohne die Reflexion, daß die Beziehung auf das Ewige in<lb n="4"/>Form des Glaubens als einer unmittelbaren Gewißheit, die nicht durch Denken<lb n="5"/>objectiv und in die Form des Begriffes aufgenommen worden ist, der vernünftigen<lb n="6"/>Erkenntniß, ohne ihr nothwendig zu widerstreiten, gegenübersteht, als auch ohne<lb n="7"/>Beziehung auf eine Entgegensetzung überhaupt; eine reine rücksichtlose Position,<lb n="8"/>nicht eine Negation, weder eines andern Glaubens an etwas anders, noch einer<lb n="9"/>andern Form für den Innhalt dieses Glaubens; inwieferne die Unbefangenheit des<lb n="10"/>Glaubens durch jene Rücksicht afficirt werden könne, gehört nicht hieher; die Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sicht allein gehört hieher, wenn der Glaube als solcher mit Bewußtseyn über sich<lb n="12"/>selbst verbunden ist, und wenn er das formale, endliche Wissen negirt, inwiefern er<lb n="13"/>mit dieser Rücksicht auf das endliche Wissen, da kein vernünftiges Wissen zu Stande<lb n="14"/>kommen soll, sich in Wahrheit über die Subjectivität und Endlichkeit zu erheben<lb n="15"/>fähig sey; in dieser negirenden, bewußten Gestalt tritt der Glaube bey Kant, Jacobi<lb n="16"/>und Fichte auf. Die ganze Sphäre der Endlichkeit, des selbst Etwas seyns, der Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lichkeit, versinkt im wahrhaften Glauben vor dem Denken und Schauen des Ewigen,<lb n="18"/>was hier Eins wird, alle Mücken der Subjectivität verbrennen in diesem verzehrendem<lb n="19"/>Feuer, und <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> dieses Hingebens und Vernichtens ist ver<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>nichtet; auch unter den religiösen Handlungen, in welchen der Glaube, Gefühl und<lb n="21"/>Schauen ist, gibt es mehr und weniger reine und objective; wie im Gesang das<lb n="22"/>Bewußtseyn und die Subjectivität sich mehr in die allgemeine objective Harmonie<lb n="23"/>verschmilzt, als sie im stillen Gebet sich aufhebt. Aber Glaube in die Philosophie<lb n="24"/>eingeführt, verliert völlig jene reine Unbefangenheit; denn itzt ist es die Vernunft,<lb n="25"/>die zu ihm aus der Reflexion flüchtet, um die Endlichkeit zu vernichten und die<lb n="26"/>Subjectivität aufzuheben, aber von dieser vorhandenen Opposition gegen die<lb n="27"/>Reflexion und Subjectivität wird eben darum der Glaube selber afficirt; es bleibt in<lb n="28"/>ihm, denn er hat hier zugleich die Bedeutung dieses Negirens, die Reflexion auf die<lb n="29"/>Vernichtung der Reflexion und die Subjectivität des Bewußtseyns der Vernichtung<lb n="30"/>der Subjectivität; und die Subjectivität hat sich so in ihrer Vernichtung selbst<lb n="31"/>gerettet. Weil in dem auf seinen Glauben nicht reflectirenden Bewußtseyn endliches<lb n="32"/>Denken und Glauben auseinander liegt, ist wegen dieses Auseinanderliegens ein<lb n="33"/>solches Bewußtseyn, ein nichtphilosophisches Bewußtseyn; das endliche Thun und<lb n="34"/>Treiben und die sinnliche Wahrnehmung – und auf der andern Seite der Gottesdienst<lb n="35"/>wechseln miteinander ab, und wenn dem religiösen Menschen alles endliche Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>tive zugleich unter einer Gestalt der Ewigkeit sich darbietet, und sein Thun gleichfalls</p>
<pb n="380" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=387" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="124–126"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>eine solche Gestalt ausdrückt, so ist diese Gestalt der Ewigkeit dabey etwas subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tives; es ist die sittliche einzelne Schönheit, die sich darstellt; die wahrhafte Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tivität und Allgemeinheit erhält diese Schönheit in der Kunst und Philosophie, in<lb n="4"/>welchen der aufs Absolute sich beziehende Gegensatz von Glauben und Reflexion<lb n="5"/>verschwindet, sowohl insofern er im gemeinen Bewußtseyn unbewußt, als insofern<lb n="6"/>er in Reflexionsphilosophieen bewußt vorhanden ist. Indem er im gemeinen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wußtseyn unbewußt vorhanden ist, vermag der Glaube, und das, was aus dem<lb n="8"/>Glauben kömmt, rein zu seyn, denn die Subjectivität und Endlichkeit liegt völlig<lb n="9"/>jenseits, ohne Berührung und Beziehung darauf; so bleibt aber der in die Philosophie<lb n="10"/>eingeführte Glaube nicht; denn hier hat er eine Rücksicht und Bedeutung des<lb n="11"/>Negirens, und in diesem Negiren berührt und dadurch erhält er die Subjectivität;<lb n="12"/>er ist von dem Gegensatz selbst afficirt, so wie dasjenige, was seinen Innhalt macht,<lb n="13"/>als Uebersinnliches eine unverrückte Sinnlichkeit, das Unendliche eine unverrückte<lb n="14"/>Endlichkeit gegen sich hat; und weil in ihm beydes, vernichtete und gerettete Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jectivität ist, so ist diese gerechtfertigt, denn sie beruft sich auf ihr Vernichtetseyn,<lb n="16"/>da sie im gemeinen rücksichtslosen Glauben hingegen wahrhaft verschwunden, und<lb n="17"/>vor ihm etwas unheiliges ist.</p>
<p><lb n="18"/>Diese Verunreinigung des Glaubens und diese Heiligung der Subjectivität muß<lb n="19"/>uns noch kürzlich auf die praktische Philosophie Jacobi’s führen. Kants praktische<lb n="20"/>Vernunft oder der leere Begriff in seiner unverrückten Entgegensetzung gegen die<lb n="21"/>Natur kann nichts anderes als ein System der Tyranney und des Zerreißens der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichkeit und Schönheit produciren, oder wie die Kantische Moral, sich an nichts<lb n="23"/>bestimmende, formelle, sogenannte Pflichten halten, deren Aufzählung und Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stellung in wissenschaftlicher Inconsequenz der Consequenz der Natur nachgibt,<lb n="25"/>und diese Seite allein, indem sie in der Möglichkeit einer Casuistik die wissenschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>liche Nichtigkeit zugleich gesteht, macht das Bestreben sittlicher Ideen sichtbar; aber<lb n="27"/>in der Rechtslehre muß bestimmt werden, hier geht es nicht, die Bestimmtheit<lb n="28"/>wieder ins Unbestimmte gehen zu lassen, und diese Wissenschaft hat denn noth<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wendig die sittliche Natur mit den grellsten Schändlichkeiten besudeln müssen. Der<lb n="30"/>allgemeine Haß der Jacobischen Philosophie gegen den Begriff verschmäht noth<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendig seine objective Form der Sittlichkeit, Gesetz, und vollends das reine Gesetz,<lb n="32"/>als formales Sittenprincip; und unter andern vortrefflichen Stellen hierüber ist die im<lb n="33"/>Brief an Fichte S. 32 schön und ganz rein: Ja ich bin der Atheist und Gottlose, der,<lb n="34"/>dem Willen, der Nichts will, zuwider – lügen will, wie Desdemona sterbend log;<lb n="35"/>lügen und betrügen will, wie der für Orest sich darstellende Pylades; morden will,<lb n="36"/>wie Timoleon; Gesetz und Eid brechen wie Epaminondas, wie Johann de Witt;<lb n="37"/>Selbstmord beschließen wie Otho, Tempelraub begehen wie David – Ja, Aehren aus-</p>
<pb n="381" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=388" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="126–128"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>raufen am Sabbath, auch nur darum, weil mich hungert, und das Gesetz um des<lb n="2"/>Menschen willen gemacht ist, nicht der Mensch um des Gesetzes willen. – Denn mit<lb n="3"/>der heiligsten Gewißheit, die ich in mir habe, weiß ich – daß das privilegium aggra<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tiandi wegen solcher Verbrechen wider den reinen Buchstaben des absolut allgemeinen<lb n="5"/>Vernunftgesetzes, das eigentliche <hi rendition="#g">Majestätsrecht</hi> des Menschen, das Siegel seiner<lb n="6"/>Würde, seiner göttlichen Natur ist.</p>
<p><lb n="7"/>Wir haben diese Stelle Jacobi’s ganz rein genannt, insoferne – denn das Sprechen<lb n="8"/>in der ersten Person, <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">bin</hi> und <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">will</hi> kann ihrer Objectivität nicht schaden –<lb n="9"/>der Ausdruck, daß das Gesetz um des Menschen willen, nicht der Mensch um des<lb n="10"/>Gesetzes willen gemacht ist, ohne Rücksicht auf die Bedeutung, die dieser Ausdruck<lb n="11"/>da hat, wo er hergenommen ist, auch in diesem Zusammenhang zwar eine all<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gemeinere Bedeutung gewinnt, aber seine wahre behält. – Der sittlichen Schönheit<lb n="13"/>kann keine von beyden Seiten fehlen, weder ihre Lebendigkeit als Individualität,<lb n="14"/>daß sie nicht dem todten Begriffe gehorcht, noch die Form des Begriffs und des<lb n="15"/>Gesetzes, die Allgemeinheit und Objectivität, die Seite, welche Kant durch die ab<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>solute Abstraction <hi rendition="#g">allein</hi> gesetzt, und der er die Lebendigkeit durchaus unterworfen,<lb n="17"/>und sie getödtet hat. Die angeführte Stelle über die Seite der Lebendigkeit und Frei<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit der Sittlichkeit schließt ihre Objectivität nicht, aber drückt sie auch nicht aus;<lb n="19"/>und über ihre Nothwendigkeit und Objectivität müssen wir uns nach andern Daten<lb n="20"/>umsehen. Schon dasjenige, was an Beispielen von sittlichen Charakteren, woran<lb n="21"/>Jacobi seine Idee der Sittlichkeit klar machen will, herausgehoben wird, zeigt die<lb n="22"/>Vernachlässigung der gesetzlichen und objectiven Seite. Bei den Spartanern, Spertias<lb n="23"/>und Bulis (Briefe über Spin. S. 240) ist es ihre <hi rendition="#g">Erfahrung</hi>, was ihre Sittlichkeit<lb n="24"/>bestimmt; sie sagen nicht, merkt Jacobi an, zu Hydarnes, der sie bereden wollte,<lb n="25"/>Freunde des Königs zu werden: du bist ein Thor; sie gestanden vielmehr, daß er<lb n="26"/>weise sey <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Maase</hi>, einsehend und gut; sie versuchten es auch nicht, ihm<lb n="27"/><hi rendition="#g">ihre</hi> Wahrheit beyzubringen, sie beriefen sich nicht auf ihren Verstand, auf ihr<lb n="28"/>feines Urtheil; sondern nur auf <hi rendition="#g">Dinge</hi>, und auf ihre Neigung zu diesen Dingen;<lb n="29"/>sie rühmten sich auch keiner Tugend, und hatten auch keine Philosophie, sie be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kannten nur ihres Herzens Sinn, <hi rendition="#g">ihren</hi> <hi rendition="#g">Affect</hi>; und bei Xerxes seyen sie nicht<lb n="31"/><hi rendition="#g">deutlicher</hi> geworden, als bei Hydarnes, dem sie <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> nannten. – Zu<lb n="32"/>Xerxes sagten sie nemlich: »wie könnten wir hier leben; <hi rendition="#g">unser</hi> <hi rendition="#g">Land</hi>, <hi rendition="#g">unsere</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">Gesetze</hi> verlassen, und <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi>, daß wir, um für sie zu sterben, frey<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>willig eine so weite Reise unternommen haben.« Kann es aber eine größere Deutlich<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>keit des Sittlichen geben? Ist hier nur Subjectivität der Erfahrung, des Sinnes, einer<lb n="36"/>Neigung sichtbar? Dem Satrapen bewiesen sie gerade ihre Verachtung, daß sie ihm<lb n="37"/>von <hi rendition="#g">seiner</hi> und <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> und <hi rendition="#g">Neigung</hi> sprachen, und seiner Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>jectivität ihr Wesen in der Form einer Subjectivität entgegensetzen; der Majestät des<lb n="39"/>Monarchen aber bewiesen sie ihre Ehrfurcht, daß sie vor ihm <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">deutlich</hi></p>
<pb n="382" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=389" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="128–130"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>wurden, und das objectivste, und für ihn eben so heilige als für sie, nemlich Land,<lb n="2"/>Volk und Gesetze nennen. Aber Jacobi nennt, was das lebendigste ist, Vaterland,<lb n="3"/>Volk und Gesetze, <hi rendition="#g">Dinge</hi>, an die sie gewöhnt seyen, wie man an Dinge gewöhnt<lb n="4"/>ist; er begreifft sie nicht als heilige Dinge, sondern als gemeine, denn gegen heilige<lb n="5"/>Dinge ist nicht ein Verhältniß des Gewohntseyns und der Abhängigkeit; – er begreifft<lb n="6"/>als eine Zufälligkeit und Abhängigkeit, worinn die höchste Nothwendigkeit und die<lb n="7"/>höchste Energie sittlicher Freyheit ist, den Gesetzen eines Volkes, und noch dazu des<lb n="8"/>spartanischen gemäß zu leben; – als etwas gemein empirisches, was das vernünftigste<lb n="9"/>ist. Die Erbärmlichkeit der Subjectivität aber, sich auf feines Urtheil und Verstand<lb n="10"/>zu berufen, oder sich einer Tugend zu rühmen, war ihnen ohnehin nicht zuzu<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>muthen, und das Nichtvorhandenseyn einer solchen Erbärmlichkeit ist etwas zu<lb n="12"/>schlechtes, um an ihnen als Tugend ausgezeichnet werden zu können. – Noch weniger<lb n="13"/>ist an das Herausheben der Objectivität bey Kleomenes in Woldemar zu denken, da<lb n="14"/>dieser Spartaner hier eingeführt ist, nicht in den Verhältnissen mit seinem Vaterland<lb n="15"/>und in der Kraft seiner wahrhaften Tugend, sondern in der Individualität seines<lb n="16"/>Untergangs, und um wen? zu erbauen, affektirte oder unbedeutende Weiber und<lb n="17"/>empfindsame Bürger.</p>
<p><lb n="18"/>Sonst aber kann man, da Jacobi für sittliche Schönheit dem Begriffe und der<lb n="19"/>Objectivität zuwider ist, sich darüber allein an Gestalten halten, in denen er seine<lb n="20"/>Idee der sittlichen Schönheit klar machen wollte. Der Grundton aber dieser Gestalten<lb n="21"/>ist dieser bewußte Mangel an Objectivität, diese an sich selbst festhängende Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>jectivität, die beständige, nicht Besonnenheit, sondern Reflexion auf seine Persön<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichkeit, diese ewig auf das Subject zurückgehende Betrachtung, welche an die Stelle<lb n="24"/>sittlicher Freyheit höchste Peinlichkeit, sehnsüchtigen Egoismus und sittliche Siech<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>heit setzt; ein Betrachten seiner selbst, welches mit schöner Individualität eben die<lb n="26"/>Verwandlung vornimmt, die mit dem Glauben vorging, nemlich durch dieß Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wußtseyn individueller Schönheit sich das Bewußtseyn der aufgehobenen Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>jectivität und des vernichteten Egoismus zu geben, aber durch dieß Bewußtseyn<lb n="29"/>gerade die höchste Subjectivität und innern Götzendienst gesetzt und sie zugleich<lb n="30"/>gerechtfertigt zu haben. Wie wir bey den Dichtern, welche erkennen, was ewig und<lb n="31"/>was endlich und verdammt ist, bei den Alten, Dante, und an dem schon in seinem<lb n="32"/>Leben eine Zeitlang der Hölle hingegebenen Orest bey Göthe die Verdammniß der<lb n="33"/>Hölle ausgesprochen finden, nemlich als das ewige Verbundenseyn mit der subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tiven That, das Alleinseyn mit seinem eigenen sich selbst Angehörigen, und die<lb n="35"/>unsterbliche Betrachtung dieses Eigenthums, so sehen wir an den Helden Allwill<lb n="36"/>und Woldemar eben diese Quaal der ewigen Beschauung ihrer selbst nicht einmal<lb n="37"/>in einer That, sondern in der noch größern Langeweile und Kraftlosigkeit des leeren</p>
<pb n="383" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=390" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="130–132"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>Seyns, und diese Unzucht mit sich selbst, als den Grund der Katastrophe ihrer un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>romanhaften Begebenheiten dargestellt, aber zugleich in der Auflösung dieß Princip<lb n="3"/>nicht aufgehoben, und auch die unkatastrophirende Tugend der ganzen Umgebung<lb n="4"/>von Charakteren wesentlich mit einem Mehr oder Weniger jener Hölle tingirt.</p>
<p><lb n="5"/>Wenn also bey Jacobi die protestantische Subjectivität aus der Kantischen Begriffs<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>form zu ihrer wahren Gestalt, einer subjectiven Schönheit der Empfindung und der<lb n="7"/>Lyrik himmlischer Sehnsucht zurückzukehren scheint, so ist doch der Glaube und<lb n="8"/>die individuelle Schönheit durch das wesentliche Ingrediens der Reflexion und des<lb n="9"/>Bewußtseyns über diese subjective Schönheit aus der Unbefangenheit und Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sichtslosigkeit herausgeworfen, wodurch sie allein fähig ist, schön und fromm und<lb n="11"/>religiös zu seyn. Es ergibt sich also aus dem bisherigen, daß die Kantische Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sophie der Jacobischen entgegengesetzt ist, insofern innerhalb der Sphäre, die ihnen<lb n="13"/>gemeinschaftlich ist, die Kantische, absolute Subjectivität und Endlichkeit in reiner<lb n="14"/>Abstraction setzt, und dadurch die Objectivität und die Unendlichkeit des Begriffs<lb n="15"/>gewinnt, die Jacobische aber die Endlichkeit selbst nicht in den Begriff aufnimmt,<lb n="16"/>sondern sie als endliche Endlichkeit, als empirische Zufälligkeit, und Bewußtseyn<lb n="17"/>dieser Subjectivität zum Princip macht. Die gemeinschaftliche Sphäre beyder Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sophien ist das Absolutseyn des Gegensatzes von Endlichkeit, Natürlichem, Wissen<lb n="19"/>aber ebendeßwegen einem formalen, – und von Uebernatürlichem, Uebersinnlich<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>keit und Unendlichkeit; für beyde also ist das wahrhaft Absolute ein absolutes Jen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seits im Glauben oder im Gefühl, und nichts für die erkennende Vernunft. In beyden<lb n="22"/>kommt die speculative Idee vor; in der Kantischen Philosophie tritt sie in die De<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>duction der Kategorien rein ein, um sogleich aber eine reine Identität, eine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>standeseinheit zu werden, und sonst als ein bloß möglicher Gedanke, der im Denken<lb n="25"/>keine Realität gewinnen kann, weil die Reflexion schlechthin das Herrschende seyn<lb n="26"/>soll; bei Jacobi ist sie ebenso in subjectiver Form als etwas particuläres, geistreiches,<lb n="27"/>das ebensowenig in die Allgemeinheit aufgenommen, als die Vernunft aus dem<lb n="28"/>Instinct und subjectiver Individualität sehend, nemlich etwas fürs Denken werden<lb n="29"/>darf.</p>
<p><lb n="30"/>Weil diese Seite des überwiegenden Subjectiven und Endlichen, welche, wenn<lb n="31"/>einmal die Philosophie ihre Richtung nach der Form der Reflexion hin genommen<lb n="32"/>hat, nothwendig ist, von andern philosophischen Bestrebungen zwar gleichfalls,<lb n="33"/>aber theils schwächer, theils nicht mit dieser Prätension ausgedrückt wird, so konnte<lb n="34"/>sie an der Jacobischen Form, welche die theoretische und practische Subjectivität, so<lb n="35"/>wie das Jenseits des Glaubens am klarsten ausspricht, als an der Representantinn ihrer<lb n="36"/>Gattung, vorzugsweise dargestellt werden. Zugleich aber ist zu bemerken, daß diese<lb n="37"/>Seite selbst in einer höhern und edlern Gestalt kann aufgefaßt werden. Es ist schon</p>
<pb n="384" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=391" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="132–134"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>erinnert worden, daß das Princip des Jacobischen Philosophirens, indem es das Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>viduelle und Besondere über den Begriff erhebt, und die subjective Lebendigkeit<lb n="3"/>geltend macht, sich einerseits der subjectiven Schönheit des Protestantismus nähert,<lb n="4"/>welcher den Umgang mit Gott und das Bewußtseyn des Göttlichen nicht in der<lb n="5"/>sättigenden Objectivität eines Cultus, und dem in sich klaren und gegenwärtigen<lb n="6"/>Anschauen und Genuß <hi rendition="#g">dieser</hi> Natur und <hi rendition="#g">dieses</hi> Universums erkennt, sondern<lb n="7"/>jenen Umgang und Bewußtseyn als ein inneres, das die fixe Form eines Innern<lb n="8"/>behält, und als eine Sehnsucht nach einem Jenseits und einer Zukunft, bestimmt;<lb n="9"/>eine Sehnsucht, die obschon sie mit ihrem ewigen Object sich nicht vereinigen kann,<lb n="10"/>darinn, daß ihr Object wahrhaft und ohne im Hinterhalte etwas eigenes für sich<lb n="11"/>behalten zu wollen, das Ewige ist, ihre Schönheit und ihren unendlichen Genuß hat;<lb n="12"/>andererseits aber wird durch das Jacobische Princip die Schönheit der Individualität,<lb n="13"/>und ihre Form der Empfindung, und Liebe und Glaube dadurch getrübt, daß der<lb n="14"/>Glaube, insofern er auf das Ewige geht, eine polemische Rücksicht und damit den<lb n="15"/>unüberwindlichen Reflex der Subjectivität hat, und auch als absolute Gewißheit auf<lb n="16"/>das Zeitliche und Wirkliche ausgedehnt wird, so daß das Zeugniß der Sinne für eine<lb n="17"/>Offenbahrung von Wahrheit gilt und Gefühl und Instinct die Regel der Sittlichkeit<lb n="18"/>enthalten, und daß durch die Reflexion auf die Persönlichkeit und darauf, daß der<lb n="19"/>Mensch überhaupt und die besondere Person das Subject solcher schönen Empfin<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dung und Liebe ist, die Sehnsucht ein Wärmen an seiner Subjectivität, seinen schönen<lb n="21"/>Gedanken und Empfindungen wird. Die Wahrheit aber, die in der Natur ist, vermag<lb n="22"/>in der Form der Wirklichkeit und Zeitlichkeit, und das Bewußtseyn seiner absoluten<lb n="23"/>Persönlichkeit nicht den Schmerz der religiösen Sehnsucht zu versöhnen, noch ihn<lb n="24"/>aus seinem Jenseits zurückzurufen; denn die Natur als zeitliches und das Individuum<lb n="25"/>als ein in seiner Einzelheit Absolutes, ist nicht die Natur als Universum, in dessen<lb n="26"/>Schauen als einem diesseitigen die Sehnsucht ihren Frieden finden könnte, noch die<lb n="27"/>Absolutheit des Subjects in seiner persönlichen Einzelheit und permanenten Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gegensetzung gegen das Ewige, eine Vernunft, welche sehend, eine Liebe, welche<lb n="29"/>rein, ein Glaube, der lebendig wäre, sondern wenn das Zeitliche, Subjective und<lb n="30"/>Empirische für die Sehnsucht Wahrheit und Gewißheit erhält, ist die Schönheit ihrer<lb n="31"/>subjectiven Natur, ihr Glaube, ihre Liebe und ihr Fühlen überhaupt durch eine solche<lb n="32"/>Versöhnung nur verunreinigt worden.</p>
<p><lb n="33"/>Wenn also in dem Jacobischen Princip der Schmerz und die Sehnsucht des Pro<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>testantismus zu einer Versöhnung fortgeht, aber nach Art des Eudämonismus über<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>haupt durch Endliches, zunächst durch die Reflexion und das Bewußtseyn des Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>findens und der Sehnsucht, welche Reflexion und Bewußtseyn das Subject desselben,</p>
<pb n="385" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=392" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="134–136"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · JACOBI</fw>
<p><lb n="1"/>als solches zu Etwas macht, und wenn diese Sehnsucht das Diesseits in sich selbst<lb n="2"/>findet, indem sie sich mit sich selbst befleckt, und die gemeine Wirklichkeit und<lb n="3"/>Zeitlichkeit für Offenbahrung hält, so konnte sie so in sich reflectirt eine höhere<lb n="4"/>Potenz finden, als Jacobi darstellte, der Vergötterung des Subjects ein höherer<lb n="5"/>Gegenstand an ihm erschaffen, und die Empfindung so wie das Anschauen seiner<lb n="6"/>selbst, und der Welt idealischer aufgefaßt werden; was denn auf der andern Seite<lb n="7"/>ebensoviel ist, als die höchste Anschauung selbst zu etwas subjectivem und eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>thümlich bleibendem zu machen. Wenn das Diesseits, was Wahrheit hat, statt die<lb n="9"/>Wirklichkeit zu seyn, das Universum, und die Versöhnung mit der Natur Identität<lb n="10"/>mit dem Universum, als Empfindung unendliche Liebe, als Anschauung aber<lb n="11"/>Religion ist, aber so, daß diese Identität selbst, es sey mehr als Passivität des Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>fassens und innern Nachbildens oder mehr als Virtuosität, etwas schlechthin subjec<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tives und besonderes bleiben, ihre Aeußerung nicht befestigen, noch ihre Lebendig<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit der Objectivität anvertrauen, und hiemit eben die vorige Reflexion der Sehn<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sucht auf das Subject behalten soll, so hat das Jacobische Princip die höchste Poten<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zirung erreicht, deren es fähig ist, und der Protestantismus, der im Diesseits Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>söhnung sucht, hat sich auf das Höchste getrieben, ohne aus seinem Charakter der<lb n="18"/>Subjectivität herauszutreten. In <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Reden</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi> ist diese Poten<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>zirung geschehen; da in der Jacobischen Philosophie die Vernunft nur als Instinct<lb n="20"/>und Gefühl, und Sittlichkeit nur in der empirischen Zufälligkeit und als Abhängig<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>keit von Dingen, wie sie die Erfahrung und Neigung und des Herzens Sinn gibt, das<lb n="22"/>Wissen aber nur als ein Bewußtseyn von Besonderheiten und Eigenthümlichkeit,<lb n="23"/>es seye äußerer oder innerer, begriffen wird, so ist in diesen Reden hingegen die<lb n="24"/>Natur als eine Sammlung von endlichen Wirklichkeiten vertilgt, und als Uni<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>versum anerkannt, dadurch die Sehnsucht aus ihrem über Wirklichkeit Hinaus<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>fliehen nach einem ewigen Jenseits zurückgehohlt, die Scheidewand zwischen dem<lb n="27"/>Subject, oder dem Erkennen und dem absoluten unerreichbaren Objecte nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gerissen, der Schmerz im Genuß versöhnt, das endlose Streben aber im Schauen<lb n="29"/>befriedigt. Aber indem so das Individuum seine Subjectivität von sich wirft, und der<lb n="30"/>Dogmatismus der Sehnsucht seinen Gegensatz in Idealismus auflößt, so soll diese<lb n="31"/>Subject-objectivität der Anschauung des Universums doch wieder ein Besonderes<lb n="32"/>und Subjectives bleiben; die Virtuosität des religiösen Künstlers soll in den tragischen<lb n="33"/>Ernst der Religion ihre Subjectivität einmischen dürfen, und statt diese Individualität<lb n="34"/>entweder unter dem Leib einer objectiven Darstellung großer Gestalten und ihrer<lb n="35"/>Bewegung untereinander, der Bewegung des Universums aber in ihnen, zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>hüllen, – wie in der triumphirenden Kirche der Natur, das Genie in Epopäen und<lb n="37"/>Tragödien erbaute, oder anstatt dem lyrischen Ausdruck sein subjectives dadurch</p>
<pb n="386" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=393" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="136–137"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>zu nehmen, daß er zugleich im Gedächtniß vorhanden, und als allgemeine Rede<lb n="2"/>auftrete, soll dieses Subjective in der Darstellung der eignen Anschauung des Uni<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>versums, so wie in der Production derselben in andern, die wesentliche Lebendigkeit<lb n="4"/>und Wahrheit ausmachen, die Kunst ohne Kunstwerk perenniren, und die Freyheit<lb n="5"/>der höchsten Anschauung in der Einzelheit und in dem für sich etwas besonderes<lb n="6"/>haben, bestehen; wenn der Priester nur ein Werkzeug und Diener seyn kann, das<lb n="7"/>die Gemeinde, und das sich ihr und sich opfert, um das Begränzende und Objective<lb n="8"/>der religiösen Anschauung zu thun, und dem alle Macht und Kraft vor der mündigen<lb n="9"/>Gemeine nur als einem Representanten zukommen kann, soll sie, sich unmündig<lb n="10"/>stellend, den Zweck und die Absicht haben, das Innere der Anschauung von ihm als<lb n="11"/>einem Virtuosen des Erbauens und der Begeisterung in sich bewirken zu lassen; es<lb n="12"/>soll einer subjectiven Eigenheit der Anschauung (Idiot heißt einer, insofern Eigenheit<lb n="13"/>in ihm ist) statt sie zu vertilgen, und wenigstens nicht anzuerkennen, so viel nach<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegeben werden, daß sie das Princip einer eigenen Gemeine bilde, und daß auf diese<lb n="15"/>Weise die Gemeinchen und Besonderheiten ins unendliche sich geltend machen und<lb n="16"/>vervielfältigen, nach Zufälligkeit auseinander schwimmen und zusammen sich<lb n="17"/>suchen, und alle Augenblicke wie die Figuren eines dem Spiel der Winde preis<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gegebenen Sandmeeres die Gruppirungen ändern, deren jeder zugleich, wie billig,<lb n="19"/>die Besonderheit ihrer Ansicht und ihre Eigenheit etwas so müssiges und sogar un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>geachtetes sey, daß sie gleichgültig gegen die Anerkennung derselben, auf Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tivität Verzicht thun, und in einer allgemeinen Atomistik alle ruhig neben einander<lb n="22"/>bleiben können, wozu freylich die aufgeklärte Trennung der Kirche und des Staats<lb n="23"/>sehr gut paßt, und in welcher Idee eine Anschauung des Universums nicht eine An<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schauung desselben als Geistes seyn kann, weil das, was Geist ist, im Zustande der<lb n="25"/>Atomen, nicht als ein Universum vorhanden ist, und überhaupt die Katholicität der<lb n="26"/>Religion nur in Negativität und der Allgemeinheit des Einzelnseyns besteht. Wenn<lb n="27"/>also schon die Subjectivität des Sehnens in die Objectivität des Schauens sich empor<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gehoben hat, und die Versöhnung nicht mit der Wirklichkeit, sondern mit dem<lb n="29"/>Lebendigen, nicht mit der Einzelheit, sondern mit dem Universum geschieht, so ist<lb n="30"/>selbst dieses Anschauen des Universums wieder zur Subjectivität gemacht, indem es<lb n="31"/>theils Virtuosität, oder nicht einmal ein Sehnen, sondern nur das Suchen eines Seh<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>nens ist, theils es sich nicht organisch constituiren, noch die wahrhafte Virtuosität in<lb n="33"/>Gesetzen und in dem Körper eines Volkes und einer allgemeinen Kirche ihre Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>tivität und Realität erhalten, sondern die Aeußerung ein schlechthin inneres, un<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>mittelbarer Ausbruch oder Nachfolge einzelner und besonderer Begeisterung, und<lb n="36"/>nicht die wahrhafte Aeußerung, ein Kunstwerk vorhanden seyn soll.</p>
<pb n="387" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=394" type="body" subtype="apparat"/>
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<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
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<head><lb n="1"/>C.<lb n="2"/>FICHTESCHE PHILOSOPHIE.</head>
<p><lb n="3"/>In der Kantischen Philosophie ist das Denken, das Unendliche, die Form des<lb n="4"/>Objectiven das Erste; der absolute Gegensatz desselben, gegen das Besondere, End<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>liche, das Seyn, ist im erkennenden Subject, aber bewußtlos oder nicht zugleich<lb n="6"/>objectiv für dasselbe, oder man kann auch sagen, die absolute Identität, in welcher<lb n="7"/>der Gegensatz aufgehoben ist, ist rein objectiv, ein bloßer Gedanke; – beydes ist<lb n="8"/>gleichbedeutend, denn beydes, diese Form absoluter Objectivität, das Jenseits der<lb n="9"/>Identität für das Erkennen, und das Subjective, das Erkennen, wohinein der absolute<lb n="10"/>Gegensatz verlegt wird, kommen nicht zusammen. In der Jacobischen Philosophie<lb n="11"/>ist das Bewußtseyn über denselben das Erste, und der Gegensatz, der im Erkennen<lb n="12"/>ist, flieht eben so, um ihn aufgelöst sich vorzustellen, zu seinem Gegentheil, einem<lb n="13"/>Jenseits des Erkennens, aber es ist eine Mitte zwischen diesem Uebergang zu absolut<lb n="14"/>entgegengesetzten vorhanden; aber diese Mitte ist selbst ein Subjectives, ein Sehnen<lb n="15"/>und ein Schmerz. Dieses Sehnen ist in der Fichteschen Philosophie mit der Kantischen<lb n="16"/>Objectivität synthesirt, aber nicht daß die beyden entgegengesetzten Formen sich in<lb n="17"/>einer wahrhaften Identität und Indifferenz auslöschten, und die absolute Mitte<lb n="18"/>hervorträte, sondern jene Jacobische subjective Vereinigung in der Lebendigkeit des<lb n="19"/>Individuums ist selbst nur in objective Form aufgenommen. In der Kantischen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sophie zeigt sich wegen des Widerspruchs der leeren Allgemeinheit zur lebendigen<lb n="21"/>Besonderheit nicht der mindeste Kummer; im Theoretischen wird er absolut be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>hauptet, und im Praktischen, dessen Begriff es mit sich bringt, ihn aufzuheben, tritt<lb n="23"/>ein Formalismus von Rechtswissenschaft und Moral, ohne Lebendigkeit, so wie ohne<lb n="24"/>Wahrheit auf. Die Jacobische Philosophie hat das Identischseyn des Allgemeinen und<lb n="25"/>Besondern in der, aber subjectiven Individualität; eine solche Vereinigung kann deß<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>wegen nur ein Kummer und Sehnen und die Besonderheit muß ein Permanentes,<lb n="27"/>Geheiligtes und Absolutes seyn. Bey Fichte ist diese Subjectivität des Sehnens selbst<lb n="28"/>zum Unendlichen gemacht, ein Gedachtes, absolute Foderung, und die Foderung ist<lb n="29"/>der Kulminationspunkt des Systems: Ich <hi rendition="#g">soll</hi> gleich Nicht-Ich seyn; aber es ist kein<lb n="30"/>Indifferenzpunct in ihm zu erkennen.</p>
<p><lb n="31"/>Es ist oben erinnert worden, wie das System sich zur negativen Seite des Abso<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>luten, der Unendlichkeit, Ich als absolutem Denken erhebt; und insofern ist es reiner</p>
<pb n="388" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=395" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="139–141"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Idealismus; der aber, weil jene negative Seite selbst als das absolut Positive gesetzt<lb n="2"/>wird, formell wird, und einen Realismus sich gegenüberstehen hat; dadurch, daß er<lb n="3"/>die Gegensätze nur im Unendlichen gleichsetzt, d. h. das abstrahirende Denken, die<lb n="4"/>reine Thätigkeit dem Seyn entgegengesetzt, zum absoluten macht, vernichtet er sie<lb n="5"/>nicht wahrhaftig, sondern diese intellectuelle Anschauung ist etwas formelles so wie<lb n="6"/>der Idealismus, und dem Denken gegenüber tritt die Realität, jener Identität der<lb n="7"/>intellectuellen Anschauung gegenüber der Gegensatz auf, und alle Identität ist die<lb n="8"/>relative des Causalzusammenhangs in einem Bestimmen des einen durch das andere.</p>
<p><lb n="9"/>Nach der Aufgabe der Philosophie, wie sie durch die Lockesche und Humesche<lb n="10"/>Cultur bestimmt worden ist, soll vom Standpunct des Subjects die Welt berechnet,<lb n="11"/>und nunmehr erklärt werden; in diese zu erklärende Welt wird eben diese Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>setzung hineingetragen die zwischen ihr und dem Subject statt findet, sie trennt sich<lb n="13"/>in eine ideelle und reelle Seite; so daß das Ideelle in dem relativen Gegensatz gegen<lb n="14"/>das Reelle, das einemal die reine von der Realität abstrahirende Identität, oder der<lb n="15"/>reine Begriff wird, das anderemal aber die auf die Realität bezogne, Raum, Zeit,<lb n="16"/>Kategorieen, die Idealität des Reellen ist. Das Objective oder Allgemeine des Reellen<lb n="17"/>besteht nun allein in demjenigen, was in der Scheidung der Welt, die ideelle Seite<lb n="18"/>ist, so daß der Idealismus, der auf die Erklärung der objectiven Welt ausgeht, un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>mittelbar, indem er Objectivität als das Ideelle erkannt hat, sie auch aus dem Princip<lb n="20"/>des Ideellen, des Ich, des Allgemeinen, was im Gegensatz gegen die Welt überhaupt<lb n="21"/>das Subject ist, abgeleitet, und hiemit das an und für sich Seyn des Objectiven auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gehoben hat. Dieser kritische Idealismus, den Fichte in schärferem Umriß heraushob,<lb n="23"/>ist, wie von selbst erhellt, etwas formales; das Allgemeine der dem Subject ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gegengesetzten Welt, ist als allgemeines, ideelles, als Denken, und damit als Ich<lb n="25"/>gesetzt; aber nothwendig bleibt das Besondere zurück, und wenn nach der beliebten<lb n="26"/>Stellung der Idee der Philosophie von Erklärung die Rede seyn soll, so bleibt von<lb n="27"/>der objectiven Welt die interessanteste Seite, die Seite ihrer Realität unerklärt. Daß<lb n="28"/>das Reelle, als für die Empfindung, etwas empirisches sey, und unter diesem Titel<lb n="29"/>geradezu weggeworfen und der Betrachtung für unwürdig erklärt werde, wie Kant<lb n="30"/>thut, ist so wenig befriedigend, als wenn Fichte zeigt, daß die Empfindung schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>hin etwas subjectives ist, und daß roth, u.s.w. von der Hand des Subjects erst auf die<lb n="32"/>Fläche verbreitet werde, und dadurch Objectivität erhalte; denn es ist gerade nicht<lb n="33"/>nach der Idealität, sondern nach der Realität die Frage; und es ist gleichgültig, ob die<lb n="34"/>Realität eine unendliche Menge von Empfindungen, oder von Beschaffenheiten der<lb n="35"/>Dinge ist. In dem praktischen Theile der Wissenschaftslehre wird zwar die Mine</p>
<pb n="389" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=396" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="141–143"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>gemacht, als ob die für die ideelle Seite absolute Realität, die Dinge wie sie an sich<lb n="2"/>sind, aus dem, wie wir sie machen sollen, hätten construirt werden sollen; allein es<lb n="3"/>ist da nichts als eine Analyse des Begriffs des Strebens und des Triebs in einer Intelli<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>genz und einige Reflexionsbegriffe für das Gefühl, daß die Gefühle <hi rendition="#g">verschieden</hi><lb n="5"/>seyn müssen, abgeleitet, oder von der Aufgabe, das System der Dinge, wie sie seyn<lb n="6"/><hi rendition="#g">sollen</hi>, zu construiren, ist nichts als der formelle Begriff des <hi rendition="#g">Sollens</hi> analysirt;<lb n="7"/>aber außer diesem formalen Wesen das Gefühl selbst als reales System, oder die<lb n="8"/>Totalität des Sollens auch nicht im geringsten construirt, denn schon an und für<lb n="9"/>sich läßt das Sollen ganz und gar keine Totalität zu; sondern die Mannichfaltigkeit<lb n="10"/>der Realität erscheint als eine unbegreiffliche, ursprüngliche Bestimmtheit und em<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>pirische Nothwendigkeit; die Besonderheit und Differenz als solche ist ein Absolutes.<lb n="12"/>Der Standpunct für diese Realität ist der empirische Standpunct eines jeden Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zelnen; und für jeden Einzelnen ist seine Realität die unbegreiffliche Sphäre gemeiner<lb n="14"/>Wirklichkeit, in die er nun einmal eingeschlossen ist. Es braucht nicht erinnert zu<lb n="15"/>werden, wie gleichgültig für diese Absolutheit des Empirischen jener formale Idealis<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mus ist, welcher erweist, daß diese ganze empirische Realität nur ein Subjectives, ein<lb n="17"/>Gefühl sey, denn diese Form verändert an der gemeinen und unbegreifflichen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wendigkeit des empirischen Daseyns nicht das mindeste; und es ist durchaus an keine<lb n="19"/>wahre Idealität der Wirklichkeit und der reellen Seite, sie erscheinen nun als Be<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schaffenheit der Dinge oder als Empfindung, zu denken.</p>
<p><lb n="21"/>Der Formalismus des hier idealistisch genannten Wissens, der bey der Jacobischen<lb n="22"/>Philosophie, welche das bestimmteste und offenste Bewußtseyn darüber hat, ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wickelt worden ist, bedarf eigentlich keiner weitern Erläuterungen bey der Fichte’<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schen Philosophie, welche ihn mit den andern durch das Princip der Subjectivität,<lb n="25"/>und daß die absolute Identität nicht für Erkennen und Wissen, sondern nur für den<lb n="26"/>Glauben ist, gemein hat. Das Wesentliche desselben ist, daß der reine Begriff, das<lb n="27"/>leere Denken zu einem Innhalt, einer Bestimmtheit des Begriffs, oder umgekehrt,<lb n="28"/>die Bestimmtheit zu der Unbestimmtheit auf eine unbegreiffliche Weise hinzutritt;<lb n="29"/>ob nach dem Jacobischen Dogmatismus das Objective, das Gegebene als das Erste<lb n="30"/>genannt wird, zu welchem der Begriff später hinzukommt, oder ob Fichte das leere<lb n="31"/>Wissen, Ich, zum Ersten macht, dessen Wesen dasselbe mit dem leeren Verstand des<lb n="32"/>analysirenden Wissens, nemlich eine Identität ist, für welche bei Fichte die ihm<lb n="33"/>fremde aus ihm nicht zu begreiffende Bestimmtheit als das Spätere erscheint, macht in<lb n="34"/>der Sache nicht den mindesten Unterschied. –</p>
<p><lb n="35"/>Wenn nach dem Fichte’schen Idealismus Ich nicht Dinge empfindet und anschaut,<lb n="36"/>sondern nur sein Empfinden und sein Anschauen anschaut, und nur von seinem</p>
<pb n="390" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=397" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="143–145"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Wissen weiß, so ist die reine leere Thätigkeit, das reinfreye Handeln, das Erste und<lb n="2"/>einzig Gewisse; und es ist schlechthin nichts als das reine Wissen und das reine<lb n="3"/>Anschauen, und das Empfinden, Ich = Ich; wir werden nachher sehen, wie durch<lb n="4"/>den absoluten Willensact die ganze vernichtete Sinnenwelt überhaupt Realität erhält,<lb n="5"/>aber das Wissen um diese Realität, das Verhältniß der absoluten Leerheit und Un<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bestimmtheit des Wissens zu der Bestimmtheit und jener Realität ist das Unbegreiff<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>liche und eins dem andern, das Besondere dem Allgemeinen gleich fremde, wie die<lb n="8"/>empirisch gegebene Bestimmtheit Jacobi’s, der Unbestimmtheit oder dem Begriffe<lb n="9"/>des analysirenden Verstandes. Fichte’s Weise nur vom Wissen, nemlich nur von der<lb n="10"/>leeren Identität zu wissen, bereitete sich aber durch ihren eigenen Formalismus einen<lb n="11"/>Weg zum Besondern; es wird anerkannt, daß die einzige Wahrheit und Gewißheit,<lb n="12"/>das reine Selbstbewußtseyn und das reine Wissen, etwas unvollständiges, durch<lb n="13"/>etwas anderes bedingtes, d. h. daß das Absolute des Systems nicht absolut sey, und<lb n="14"/>eben deßwegen zu etwas anderem fortgegangen werden müsse; diese erkannte Un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>vollständigkeit des absoluten Princips, und die daraus erkannte Nothwendigkeit<lb n="16"/>eines Fortgehens zu einem andern, ist das Princip der Deduction der Sinnenwelt; das<lb n="17"/>völlig leere, womit angefangen wird, hat durch seinen absoluten Mangel den Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>theil, in sich immanent, die unmittelbare Nothwendigkeit zu tragen, sich zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>füllen, zu einem andern, und von diesem Andern zu andern Andern in eine unend<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>liche objective Welt fortgehen zu müssen. Gibt es nun eine höhere Apriorität eines<lb n="21"/>Princips, als in welchem unmittelbar die Nothwendigkeit des Ganzen liegt? eine<lb n="22"/>Nothwendigkeit, die darauf beruht, daß das Princip schlechthin Theil, und durch<lb n="23"/>seine unendliche Armuth die unendliche Möglichkeit des Reichthums ist; das Princip<lb n="24"/>spielt auf diese Art die gedoppelte Rolle, das einemal absolut, das anderemal schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>hin endlich zu seyn, und in letzterer Qualität ein Anfangspunct für die ganze em<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>pirische Unendlichkeit werden zu können.</p>
<p><lb n="27"/>Der Formalismus dieses Princips hat, für sich betrachtet, auch den großen Vortheil,<lb n="28"/>daß es leicht begreifflich zu machen ist; es ist allgemein über die schwere Foderung<lb n="29"/>der intellectuellen Anschauung geklagt, es ist zu seiner Zeit erzählt worden, daß<lb n="30"/>Menschen über dem Beginnen, den reinen Willensact und die intellectuelle An<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schauung zu produciren, in Wahnsinn verfallen seyen; beydes ist ohne Zweifel durch<lb n="32"/>den Nahmen der Sache veranlaßt worden, welche Fichte als einfach und gemein<lb n="33"/>genug beschreibt, und von der es wohl nur schwer hielt sich zu überzeugen, daß sie<lb n="34"/>wirklich nur dieß Gemeine und Einfache sey. Irgend ein Ding, etwas dem reinen<lb n="35"/>Bewußtseyn, oder Ich, das im gemeinen Bewußtseyn nach Fichte’s Ausdruck gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>falls gegeben ist, fremdartiges anschauen, ist empirische Anschauung, aber von allem<lb n="37"/>fremdartigen im Bewußtseyn abstrahiren, und sich selbst denken, ist intellectuelle</p>
<pb n="391" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=398" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="145–147"/>
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<p><lb n="1"/>Anschauung; in irgend einem Wissen von allem bestimmten Innhalt abstrahiren,<lb n="2"/>und nur das reine Wissen, das rein Formelle desselben wissen, ist reines absolutes<lb n="3"/>Wissen; diese Abstraction ist doch leicht zu machen, und jeder weiß auch was, an dem<lb n="4"/>er die Abstraction machen könne. Wegen desjenigen aber, wovon man abstrahirt hat,<lb n="5"/>hat man sich auch nicht bange seyn zu lassen, denn es geht nicht verloren, sondern<lb n="6"/>tritt vielmehr fürs Wissen, und fürs Handeln ohnedem, in seiner ganzen empirischen<lb n="7"/>Ausdehnung und Breite wieder ein; nur macht die Philosophie diese Zufälligkeit des<lb n="8"/>gemeinen Bewußtseyns methodisch, aber ohne ihm von seiner Zufälligkeit und<lb n="9"/>Gemeinheit im geringsten etwas zu nehmen.</p>
<p><lb n="10"/>Das Methodische dieses Wissens oder die Philosophie über das gemeine Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn besteht darinn, daß vors erste von etwas schlechthin wahrem und gewissem aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gegangen wird, dem Ich, dem Wissen selbst in allem Wissen, dem reinen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn; aber, da es unmittelbar sich als Princip der Deduction nur dadurch erweist, daß<lb n="14"/>es schlechthin unvollständig und rein endlich ist, so ist seine Wahrheit und Gewißheit<lb n="15"/>von einer solchen Art, welche von der Philosophie verworfen wird; denn für diese<lb n="16"/>ist die Wahrheit und Gewißheit allein in dem, was nicht unvollständig, noch eine<lb n="17"/>Abstraction, noch bedingt ist.</p>
<p><lb n="18"/>Daß aber die Leerheit des Wissens Princip des Fortgangs wird, dieß findet sich<lb n="19"/>eben darin, daß dasselbe ein schlechthin mangelhaftes ist und also unmittelbar eines<lb n="20"/>Andern bedarf und der Anknüpfungspunct für Anderes, welches die Bedingung<lb n="21"/>desselben ist, wird. Die Form, unter welcher die objective Welt, als ein Fremdes zu<lb n="22"/>dem, was durch sie vervollständigt wird, nemlich zum reinen Wissen hinzutritt, ist<lb n="23"/>das Schließen von dem Mangel eines Umstandes im Anknüpfungspuncte, auf seine<lb n="24"/>Nothwendigkeit, von der Unvollständigkeit des Absoluten, das selbst ein Theil ist,<lb n="25"/>auf einen andern Theil, der jenen vervollständigt. Daß aber in dem als absolut<lb n="26"/>gesetzten ein Mangel, daß es nur Theil ist, diese Einsicht ist allein möglich durch die<lb n="27"/>Idee der Totalität, oder überhaupt nur durch das Bewußtseyn, daß zum Behuf der<lb n="28"/>sogenannten intellectuellen Anschauung, des sich selbst Denkens, und des reinen<lb n="29"/>Wissens, abstrahirt worden ist von anderm fremdartigen, das nachher wieder auf<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>genommen wird. Warum nicht jene Idee der Totalität selbst, an welcher gemessen<lb n="31"/>das reine Wissen sich als ein unvollständiges zeigt, als das Absolute auftritt, sondern<lb n="32"/>ein als Theil und mangelhaft anerkanntes, davon ist für sich kein Grund abzusehen,<lb n="33"/>als weil dieser Theil empirische Gewißheit und Wahrheit hat, indem ja doch jeder<lb n="34"/>weiß, daß er weiß; solcher empirischen Wahrheit wird der Vorzug vor der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>soluten Wahrheit der Totalität gegeben. Das Fortschließen von dem Theil auf andere<lb n="36"/>Theile aber ist nichts als ein Wiederaufnehmen dessen, wovon abstrahirt worden ist,<lb n="37"/>oder da das, was durch die Abstraction zu Stande gekommen ist, unmittelbar in<lb n="38"/>negativer Beziehung mit dem steht, wovon abstrahirt wird, dasselbe in jenem, aber<lb n="39"/>in negativer Form vorhanden ist, so ist die Deduction nichts als eine Verwandlung</p>
<pb n="392" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=399" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="147–149"/>
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<p><lb n="1"/>der Zeichen, des minus in plus; im reinen Wissen ist die Sinnenwelt als ein minus<lb n="2"/>gesetzt, es ist von ihr abstrahirt, sie ist negirt worden; der Schluß auf sie besteht<lb n="3"/>darin, daß sie nunmehr als ein plus, und dieß plus als Bedingung des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyns gesetzt wird; in der Freyheit des vernünftigen Wesens ist das Objective, wor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>auf sich seine Freyheit richtet, als ein minus gesetzt, die Deduction der Sphäre für die<lb n="6"/>Freyheit besteht also darin, daß es mit einem plus, als seyend gesetzt wird; so wie<lb n="7"/>ein leerer Geldbeutel ein Beutel ist, in Beziehung auf welchen das Geld allerdings<lb n="8"/>schon, aber mit dem Zeichen minus gesetzt ist, und das Geld aus demselben unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bar deducirt werden kann, weil es in seinem Mangel unmittelbar gesetzt ist. Ein<lb n="10"/>Erkennen durch solche Deduction ist an und für sich kein wahrhaftes Erkennen;<lb n="11"/>denn dieß fängt vom Absoluten an, das weder ein Theil, noch unvollständig, noch<lb n="12"/>allein für Empirie Gewißheit und Wahrheit, noch durch Abstraction, sondern<lb n="13"/>durch wahrhafte intellectuelle Anschauung, ist. Jenes Erkennen aus dem Mangel<lb n="14"/>beruht im Grunde auf ebendemselben Gegebenseyn der Objecte für das analysirende<lb n="15"/>Denken, wie Jacobi, Köppen und andere in den geoffenbahrten und geglaubten<lb n="16"/>Thatsachen des Bewußtseyns das Mannichfaltige und seine Verknüpfung vorfinden,<lb n="17"/>nur daß das Vorgefundene bey Jacobi und Köppen ein positives, bey Fichte hin<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gegen ein negatives Zeichen hat, jene <hi rendition="#g">finden</hi> ebendasselbe als vorhanden, was<lb n="19"/>Fichte als mangelnd <hi rendition="#g">findet</hi>. Dieser Idealismus ist daher die wahrhafte Umkehrung<lb n="20"/>des formalen Wissens, aber nicht wie Jacobi gesagt hat, des Cubus des Spinozismus,<lb n="21"/>denn der Cubus des Spinoza ist nicht umkehrbar, weil er im freyen Aether schwebt,<lb n="22"/>und es an ihm kein Oben noch Unten, vielweniger irgend eine Kugel, oder Schild<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>kröte, worauf er gegründet wäre, gibt, sondern er seine Ruhe und seinen Grund in<lb n="24"/>sich selbst hat, seine eigene Kugel und Schildkröte ist; hingegen das regellose Poly<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>eder des formalen Wissens liegt auf einer ihm fremden Erde, in der es seine Wurzel<lb n="26"/>und an der es seinen Träger hat; für dasselbe also gibt es ein Oben und Unten; das<lb n="27"/>gewöhnlich formelle Wissen hat die mannichfaltige Empirie als Grund, aber zieht<lb n="28"/>aus demselben in die ideelle Atmosphäre mannichfaltige Spitzen von Begriffen; das<lb n="29"/>Fichte’sche formelle Wissen ist eine Umkehrung von jenem, es fängt in der Atmo<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sphäre, worin ein und dasselbe nur negativ und ideell vorgefunden wird, an, und der<lb n="31"/>Idealität desselben sich bewußt, senkt es den negativ vorhandenen Innhalt mit posi<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tivem Zeichen als Realität nieder.</p>
<p><lb n="33"/>Was nun das <hi rendition="#g">Product</hi> eines solchen Erkennens, das vom gewissen Theile an<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>fängt, und nach und nach im Fortgang an den Theilen den Mangel als eine fürs<lb n="35"/>Wissen gesetzte Totalität aussprechen will, betrifft, so scheint es, daß das Product die<lb n="36"/>Totalität nicht nur seyn könne, sondern auch seyn müsse. Denn ihre Idee scheint das<lb n="37"/>Vorausgesetzte zu seyn, indem durch sie allein erkannt werden kann, daß jenes</p>
<pb n="393" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=400" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="149–151"/>
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<p><lb n="1"/>absolut gewisse Erste nur ein Theil ist; weil sie also wahrhaft das Erste ist, so scheint<lb n="2"/>der Fortgang der Entwicklung sie darstellen zu müssen; aber daß das Ganze dieses<lb n="3"/>Fortgangs Totalität sey, ist eben dadurch, daß ein als Theil erkanntes, mangelhaftes,<lb n="4"/>absolute Wahrheit und Gewißheit haben soll, unmöglich. Die reine Empirie, die<lb n="5"/>nicht von einem Theile weiß, den Theil nicht durch Reflexion, als ein schlechthin<lb n="6"/>Wesen habendes fixirt, vermag wohl von einem Theile anzufangen, und durch<lb n="7"/>ihren Fortgang an den Theilen den ganzen Kreis zu beschreiben und darzustellen,<lb n="8"/>denn weil sie Empirie ist, steckt sie nicht in den Fußeisen der Reflexion, die den Theil<lb n="9"/>zu einem Ansich und so es unmöglich macht, zum Ganzen zu gelangen; aber eine<lb n="10"/>von der Empirie producirte oder vielmehr gefundene Totalität ist, wenn sie auch der<lb n="11"/>Vorstellung als solche gegeben wird, nicht für die Erkenntniß; denn für diese müssen<lb n="12"/>die Theile schlechthin durchs Ganze bestimmt, das Ganze das Erste der Erkenntniß<lb n="13"/>seyn. Jene formale, das negativ vorgefundene in positives umwandelnde Erkenntniß,<lb n="14"/>so wenig sie vom Ganzen anfängt, sondern vom Theile zu Theilen fortgeht, vermag<lb n="15"/>aus ihrem Theilwesen weder für die Vorstellung überhaupt, noch für die Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>niß, herauszukommen; denn wenn ihr darin, daß sie das leere Wissen als etwas un<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>vollständiges erkennt, die absolute Idee vorzuschweben scheint, so bedeutet diese<lb n="18"/>Idee unmittelbar nur selbst die Negativität eines andern, das nöthig ist, und das selbst<lb n="19"/>wieder nur ein Endliches, ein Theil, ein Anderes ist, und so fort ins Unendliche; sie<lb n="20"/>erweist sich als etwas schlechthin formelles, weil der endliche Anknüpfungspunct,<lb n="21"/>also der Theil ein Ansich, ein Absolutes ist, wodurch alle wahre Idee der Totalität<lb n="22"/>schlechthin zerstört wird. Was die Deduction durch ihr Kunststück, das Negative<lb n="23"/>in ein Positives umzusetzen, producirt, ist daher nothwendig eben jene Masse<lb n="24"/>gemeiner empirischer Realität, eine allenthalben endliche Natur, eine Sinnenwelt;<lb n="25"/>durch die Abstraction von dem Fremdartigen im Ich war von ihm nicht speculativ<lb n="26"/>abstrahirt, d. h. es war nicht vernichtet, sondern dieselbe Formel in eben demselben<lb n="27"/>Zusammenhang und derselben gemeinen Wirklichkeit, nur mit negativem Zeichen<lb n="28"/>in der Form eines Mangels gesetzt worden; wie der Spiegel sie im gemeinen Em<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>pirismus empfangen und ideell in sich gesetzt hatte, so gibt er sie nachher wieder<lb n="30"/>zurück, und dieses Zurückgeben, oder dasjenige nennen, was dem Mangel mangelt,<lb n="31"/>heißt eine immanente, transcendentale Deduction. Da die Endlichkeit des Anfangs<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>puncts, der absolut ist, unmöglich macht, daß die Geburt der Erkenntniß ein wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>haftes Ganzes ist, denn dieses ist allein dadurch möglich, daß kein Theil an sich ist,<lb n="34"/>so ist ein wahres Ideal, worin die Endlichkeit der empirischen Realität verschwände,<lb n="35"/>die Affection zur Natur würde, schlechthin unmöglich; es gibt keine andere Fülle<lb n="36"/>von Vorstellungen, als von endlichen, die Natur ist schlechthin Sinnenwelt; die<lb n="37"/>Veränderung, welche mit dem gemeinen Empirismus vorgeht, ist, daß er deducirt</p>
<pb n="394" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=401" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="151–152"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>worden ist, d. h. daß das System, oder besser die Masse, denn an ein System ist nicht<lb n="2"/>zu denken, der für das gemeine Bewußtseyn nothwendigen Vorstellungen, zuerst<lb n="3"/>als reiner Mangel gesetzt, und an dasjenige, was das Subject dieses Mangels ist, nem<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lich das Ich, angeknüpft erscheint; und es ist beliebig, das eine mal auf den reinen<lb n="5"/>Mangel, das anderemal auf die Masse des Mangelnden zu reflectiren, das einemal das<lb n="6"/>reine Wissen, und immer das reine Wissen, die Leerheit, das Nichts zu denken, das<lb n="7"/>anderemal aber den ganzen Innhalt dieses Nichts, als eine Masse von subjectiven,<lb n="8"/>aber nur subjectiven Affectionen; beydes, das reine minus, und dasjenige, dessen das<lb n="9"/>Ich ermangelt, damit es ein Mangel ist, ist unzertrennlich, denn die Abstraction ist<lb n="10"/>unmittelbar nur dadurch, daß sie mit dem in Beziehung steht, wovon abstrahirt<lb n="11"/>wird, oder daß dieses mit negativem Zeichen gesetzt ist. Die theoretische Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schaft nun besteht in der Erkenntniß des Mangels, und des Mannichfaltigen, dessen<lb n="13"/>entbehrt wird, aber die eigentliche Realität, das wahrhafte plus erhält es erst durch<lb n="14"/>den reinen Willensact; aber Eins ist nie ohne das andere, die Leerheit nicht ohne das,<lb n="15"/>wovon sie leer ist; es sey, daß nun dieses ideell oder reell, subjectiv oder objectiv<lb n="16"/>gesetzt sey.</p>
<p><lb n="17"/>Der Ich, der im zweyten Aufzuge der Bestimmung des Menschen, an welche<lb n="18"/>Darstellung wir uns hier vorzüglich halten wollen, sich durch einen Geist in Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heit setzen läßt, denkt, wenn er sich am Ende wirklich in Freyheit gesetzt glaubt,<lb n="20"/>gar nicht an diese seine völlige Verbundenheit der empirischen Nothwendigkeit, und<lb n="21"/>an die unbegreifliche Sphäre seiner gemeinen Realität im Gefühl, er gibt im Vorbey<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gehen S. 88. auf die Frage des Geistes: »du fühlst doch nie überhaupt?« – die Ant<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wort: »Ich: Keineswegs. Jede Empfindung ist eine bestimmte; es wird nie nur bloß<lb n="24"/>gesehen, oder gefühlt, oder gehört, sondern immer etwas Bestimmtes, die rothe,<lb n="25"/>grüne, blaue Farbe, das Kalte, Warme, Glatte, Rauhe, der Schall der Violine, die<lb n="26"/>Stimme des Menschen, und <hi rendition="#g">dergleichen</hi> (dieß dergleichen, umfaßt wohl das<lb n="27"/>übrige der Natur, das exquisite derselben aber wird in dem namentlich aufgeführten,<lb n="28"/>dem grünen, rothen, dem Violinen-Schall, genannt seyn sollen; unter den Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>heiten aber wären Beispiele bestimmter Formen interessanter und zweckdienlicher<lb n="30"/>gewesen, als jene Beispiele des formlosen) gesehen, gefühlt, gehört. Laß <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">unter</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">abgemacht</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>.« – Von allem diesem Bestimmten, und der Bestimmtheit<lb n="32"/>seiner empirischen Existenz überhaupt, meynt sich der Ich ohne weiters dadurch<lb n="33"/>befreyt, daß er sich überzeugt, jene Bestimmtheiten seyen in ihm, und nur seine<lb n="34"/>Affectionen, das Wissen davon ein unmittelbares Wissen von seinem Zustand, und<lb n="35"/>die ganze Kette der gemeinen Nothwendigkeit nur einseitig, er frey also dadurch,<lb n="36"/>daß das Subject für sich selbst, durch Affectionen nicht durch Dinge, ein absolut</p>
<pb n="395" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=402" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="152–154"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>empirisches Wesen ist; ein Widerspruch, welcher unter die härtesten zu rechnen ist.<lb n="2"/>Um der Ueberzeugung willen, daß das Bewußtseyn <hi rendition="#g">eines</hi> Dinges außer <hi rendition="#g">uns</hi><lb n="3"/>absolut nichts weiter ist als das Product unseres eigenen Vorstellungsvermögens,<lb n="4"/>erklärt der Geist den Ich für frey und auf ewig erlöset von der Furcht, die ihn er<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>niedrigte und quälte; frey von einer Nothwendigkeit, die nur in seinem Denken sey,<lb n="6"/>und von der Wirklichkeit von Dingen, die außer ihm existiren – als ob er nicht in<lb n="7"/>einer und ebenderselben Gefangenschaft seines Zustands, in einer und eben derselben<lb n="8"/>Nothwendigkeit wäre, die ungeachtet sie nicht mehr in der Form seines Denkens<lb n="9"/>als äußeres Object vorhanden ist, mit ebenderselben Wirklichkeit, Willkührlichkeit<lb n="10"/>und Zufälligkeit, als eine Reihe von Affectionen und Zuständen existirt. Da nun der<lb n="11"/>Ich annoch mit einem und ebendemselben Reichthum von den Realitäten als Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>findungen begabt ist, so ist nicht zu begreifen, wie er über die Façon von Dingheit,<lb n="13"/>welche sein System von Affectionen verloren hat, in das Härmen hineingerathen<lb n="14"/>kann, daß nunmehr Nichts, absolut Nichts als Vorstellungen, Bestimmungen eines<lb n="15"/>Bewußtseyns als bloßen Bewußtseyns seyn; nicht über das was er verlor, denn jene<lb n="16"/>bloße Façon der Objectivität und Körperlichkeit des süßen und bittern ist nicht der<lb n="17"/>Mühe werth, sondern darüber, daß er noch an seiner unverletzten Nothwendigkeit<lb n="18"/>in ihrer ganzen Länge und Breite, des süssen und bittern und rothen u.s.w. Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>findens und des nackten Factums der Anschauung (S. 169), zu denen erst durch das<lb n="20"/>Denken das Ding hinzukommt, das ihm allein verloren gegangen ist, reich bleibt,<lb n="21"/>hatte er zu wehklagen; nicht über das, was der Geist nahm, sondern über die ganze<lb n="22"/>Endlichkeit, die er ihm ließ, konnte der Ich ihn einen ruchlosen Geist nennen.</p>
<p><lb n="23"/>Das unmittelbare Product dieses formalen Idealismus, das uns entstanden ist, er<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gibt sich also in folgender Gestalt: ein Reich einheitsloser Empirie und reinzufälliger<lb n="25"/>Mannichfaltigkeit, steht einem leeren Denken gegenüber. Wenn das leere Denken,<lb n="26"/>als wirkende und reelle Kraft gesetzt wird, muß es wie die übrige Objectivität, als ein<lb n="27"/>Ideelles erkannt werden; oder um den Gegensatz gegen die empirische Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>keit und Mannichfaltigkeit rein zu haben, muß es nicht als reelle wirkende Kraft,<lb n="29"/>d. h. in Beziehung auf Realität sondern rein für sich als leere Einheit, als von der<lb n="30"/>Besonderheit ganz abgeschiedene Allgemeinheit, gesetzt werden. Kants reine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>nunft ist eben dieses leere Denken, und Realität ebenso jener leeren Identität ent<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gegengesetzt, und das nicht Zusammenstimmende beyder ist es was den jenseitigen<lb n="33"/>Glauben nothwendig macht; aber die der Identität mit der praktischen Vernunft<lb n="34"/>nothwendig entbehrende Realität wird in der Kantischen Philosophie nicht bloß in<lb n="35"/>der ganz bloß empirischen Beziehung, wie sie als Empfindung des empirischen<lb n="36"/>Subjects vorhanden ist, und in dem Fichteschen Idealismus allein vorkommen kann,</p>
<pb n="396" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=403" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="154–156"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>betrachtet, sondern Kant erkennt sie zugleich, als eine höhere Realität, nemlich als<lb n="2"/>organisches System und schöne Natur; indem der Kantische Idealismus für die Rein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heit der Abstraction, welche die Identität ganz aus der Differenz heraus und ihr ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gegengesetzt, als Ein Glied des Gegensatzes, und das Andere als reine empirische<lb n="5"/>Nothwendigkeit, und eine aller Identität ermangelnde Mannichfaltigkeit setzt, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>liert, gewinnt er gegen diesen Formalismus, dadurch, daß an einer Stelle des Systems<lb n="7"/>mehr, die speculative Idee hervortritt.</p>
<p><lb n="8"/>Auf diese Weise ist im Fichteschen Idealismus das System des Wissens ein Wissen<lb n="9"/>von einem ganz leeren Wissen, welchem eine empirische Realität, von der Einheit,<lb n="10"/>welcher die Mannichfaltigkeit absolut entgegengesetzt ist, und von einer relativen<lb n="11"/>Identität beyder. Einem solchen formalen Wissen, das es nicht weiter als bis zur<lb n="12"/>relativen Identität bringen kann, und seinem absoluten Gegensatze, der bey Kant<lb n="13"/>die populäre und weniger abstracte Form von Glückseligkeit und Moralität hat, muß<lb n="14"/>die wahre Identität als ein absolutes Jenseits gegenüber stehen; weil Denken und<lb n="15"/>Wissen schlechthin nur formal, nur im Gegensatze, nur relativ sind, so ist vernünftige<lb n="16"/>Erkenntniß und speculative Idee unmittelbar aufgehoben und unmöglich; die<lb n="17"/>höchste Anstrengung des formalen Denkens ist die Anerkennung seines Nichts und<lb n="18"/>des Sollens; aber weil es sich nicht wahrhaft aufgibt, ist das Sollen perennirend, es ist<lb n="19"/>ein bleibendes Wollen, das nichts kann, als nur bis zur Unendlichkeit und zum Nichts,<lb n="20"/>aber nicht durch dasselbe hindurch zur positiven vernünftigen Erkenntniß durch<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>brechen.</p>
<p><lb n="22"/>Diese Form der Dreyheit, Setzen, Denken, Unendlichkeit, – alsdenn Seyn, Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gegensetzen, Endlichkeit, und eine, indem die zwey ersten schlechthin verschiedene<lb n="24"/>sind, Beziehung beyder fürs Wissen auf einander, welche selbst eine gedoppelte ist,<lb n="25"/>a) eine unvollkommene, die positive Beziehung fürs Wissen, b) absolute Identität<lb n="26"/>beyder, und diese ist ausser einem solchen Wissen und Erkennen; diese Form der<lb n="27"/>Dreyheit, spricht das ganze System in allen seinen Darstellungen, wie zuerst in der<lb n="28"/>Wissenschaftslehre aus; die zwey ersten Theile, oder der Gegensatz, ist in ihren zwey<lb n="29"/>ersten Grundsätzen enthalten, deren erster, Ich = Ich, nichts als die formale Identität,<lb n="30"/>die Unendlichkeit, welche eine Endlichkeit gegen sich hat, eben darum ist, weil er<lb n="31"/>noch einen zweyten für ihn absoluten, aus dem Ich = Ich nicht erkennbaren außer<lb n="32"/>und nach sich nothwendig hat; diese zweyte Handlung soll der Materie nach bedingt<lb n="33"/>seyn, es ist ein Handeln in Beziehung auf ein anderes Handeln; aber (S. 18. Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>schaftslehre) die Bedingung, unter welcher das Gegentheil von Ich gesetzt wäre,<lb n="35"/>kann aus Ich = Ich sich gar nicht ergeben, da die Form des Gegensetzens in der Form<lb n="36"/>des Setzens so wenig enthalten wird, daß sie ihr vielmehr selbst entgegengesetzt ist.</p>
<pb n="397" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=404" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="156–158"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>Daß das Setzen sowohl als das Entgegensetzen, beydes ein Handeln des Ich selbst<lb n="2"/>sind, mit dieser Identität, welche dieselbe ist, die sich im vormaligen Subject, der<lb n="3"/>einfachen Substanz der Seele, als dem <hi rendition="#g">gemeinschaftlichen</hi> Behälter für vielerlei<lb n="4"/>entgegengesetzte Thätigkeiten fand, ist so wenig etwas gedient, daß sie vielmehr das<lb n="5"/>formellste und dasjenige ist, was diese Philosophie am allerhöchsten verschmähen<lb n="6"/>muß. Und der Anfang mit dem Gegensatze ist theils ein vorläufiges, problematisches<lb n="7"/>Philosophiren, welches mit Dingen, die Nichts sind, mit leeren Abstractionen sich<lb n="8"/>umtreibt, und erst in der nachfolgenden Synthese ihnen Realität verschafft, wie Fichte<lb n="9"/>anerkennt, daß dieses reine Ich und NichtIch außer und vor der productiven Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bildungskraft, nur durch eine Täuschung der Einbildungskraft ein Bestehen für das<lb n="11"/>Denken hat; theils löst dieses problematische Philosophiren, welches das Unendliche,<lb n="12"/>Denken, dem Entgegensetzen, dem Stoff schlechthin gegenüber stellt, und den<lb n="13"/>mannichfaltigen Stoff oder das Entgegensetzen zu dem ersten hinzupostulirt, und<lb n="14"/>empirisch aufnimmt, da sich in dem Bewußtseyn eines jeden ein solches Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>setzen finde, sich nicht in wahrhafter Identität auf; der dritte Grundsatz ist das<lb n="16"/>Beziehen in der angegebenen gedoppelten Rücksicht, der einen des formalen Wissens<lb n="17"/>und endlichen Beziehens durch Causalzusammenhang, das ganz in der Differenz und<lb n="18"/>in der Theilung ist, der andern für den Glauben, durch welchen die absolute Identität<lb n="19"/>außer dem Erkennen ist; beyde Seiten der Beziehung aber, die Form als Wissen und<lb n="20"/>die Materie des Glaubens können schlechthin nicht Eins werden. Das Herausheben<lb n="21"/>des Einen Glieds des Gegensatzes, nemlich der Unendlichkeit, die einseitige Reflexion<lb n="22"/>auf den ersten Grundsatz, macht den Idealismus aus, aber nicht anders, als wie die<lb n="23"/>gemeinste Abstraction ein Idealismus ist, als Negation der Besonderheit, positiv<lb n="24"/>formale Identität. Um dieser Form der Triplicität willen, in der das Wissen in der<lb n="25"/>Differenz, das nicht differente aber nur entweder Unendlichkeit, formale Identität,<lb n="26"/>oder jenseits des Erkennens ist, tritt das Fichtesche System nicht aus dem Princip des<lb n="27"/>allgemeinen Menschenverstandes heraus, und nachdem das falsche Vorurtheil sich<lb n="28"/>verbreitet hatte, daß es nicht das System des gemeinen Menschenverstands, sondern<lb n="29"/>ein speculatives System seye, gibt es sich wie billig alle Mühe, in neuern Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stellungen dieß Vorurtheil auszureuten. Es ist nichts klarer, als daß Jacobi dieß<lb n="31"/>System mißverstanden hat, wenn er in dem Brief an Fichte, eine Philosophie aus<lb n="32"/><hi rendition="#g">Einem</hi> Stück, ein wahrhaftes Vernunft-System, auf die Fichtesche Weise hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gebracht, ja sogar auf die Fichtesche Weise allein möglich glaubt. Jacobi setzt der<lb n="34"/>Fichteschen Philosophie entgegen: daß Er unter dem Wahren etwas verstehe, was<lb n="35"/><hi rendition="#g">vor</hi> und <hi rendition="#g">ausser</hi> dem Wissen ist; aber hierinn kommt die Fichtesche Philosophie<lb n="36"/>durchaus mit der Jacobischen überein, das Absolute ist ihr allein im Glauben, nicht<lb n="37"/>im Erkennen; Fichte versündigt sich, wie Jacobi Vorr. zu dem Briefe S. VIII. sagt,</p>
<pb n="398" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=405" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="158–160"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>so wenig an der Majestät des Orts, wo das Wahre außerhalb des Erkennens ist, er<lb n="2"/>will ihn sowenig in den Bezirk der Wissenschaft einschließen, daß vielmehr die<lb n="3"/>absolute Identität für ihn schlechthin außer dem Wissen, das Wissen nur, wie Jacobi<lb n="4"/>es verlangt, formell, und in der Differenz ist, daß Ich nicht gleich Ich seyn, daß das<lb n="5"/>Absolute nicht gedacht werden kann, sondern nur Subject <hi rendition="#g">und</hi> Object, Eins<lb n="6"/><hi rendition="#g">nach</hi> dem Andern, Eins <hi rendition="#g">bestimmend</hi> das Andere, beyde nur im Causalzusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>hang gedacht werden können. Hierüber, daß man die absolute Identität des Denkens<lb n="8"/>und Seyns nicht denken könne, sagt Spinoza princ. phil. Cart. p. I. prop. VI. schol.:<lb n="9"/>Quidam sunt, qui negant, se ullam Dei (d. i. wie Spinoza Gott definirt, des Wesens, in<lb n="10"/>dessen Idee die Existenz nothwendig ist, oder dessen Idee und Seyn Eins ist) ideam<lb n="11"/>habere, quem tamen, ut ipsi ajunt, colunt et amant. Et quamvis ipsis Dei defini<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tionem Deique attributa ob oculos ponas, nihil tamen proficies: non hercle magis<lb n="13"/>quam si virum a nativitate caecum colorum differentias, prout ipsos videmus,<lb n="14"/>docere moliaris. Verum, nisi eos, tanquam pro novo animalium genere, medio<lb n="15"/>scilicet inter homines et bruta, habere velimus, eorum verba parum curare de<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bemus.</p>
<p><lb n="17"/>Warum die Jacobische Philosophie den Nihilismus, den sie in der Fichteschen<lb n="18"/>findet, so sehr verabscheue, ist vorhin gezeigt worden; aber was das Fichtesche<lb n="19"/>System selbst hierüber betrifft, so liegt allerdings die Aufgabe des Nihilismus in dem<lb n="20"/>reinen Denken, es ist aber nicht fähig zu ihm zu gelangen; weil dieß reine Denken<lb n="21"/>schlechthin nur auf Einer Seite stehen bleibt, und also diese unendliche Möglichkeit<lb n="22"/>eine unendliche Wirklichkeit sich gegenüber, und zugleich mit sich hat; und so ist<lb n="23"/>das Ich schlechthin in die Unendlichkeit hinaus von einem NichtIch afficirt; wie es<lb n="24"/>seyn muß, da die Unendlichkeit, Denken, das nur ein Glied des Gegensatzes ist, als<lb n="25"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> seyend gesetzt seyn soll; aber darum kann sein correlatum schlechthin nicht<lb n="26"/>vernichtet werden, sondern springt mit unüberwindlicher Elasticität hervor, denn<lb n="27"/>beyde sind durch das höchste Schicksal mit diamantenen Ketten zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>geschmiedet. Das erste der Philosophie aber ist, das absolute Nichts zu erkennen,<lb n="29"/>wozu es die Fichtesche Philosophie so wenig bringt, so sehr die Jacobische sie darum<lb n="30"/>verabscheut; dagegen sind beyde in dem der Philosophie entgegengesetzten Nichts;<lb n="31"/>das Endliche, die Erscheinung, hat für beyde absolute Realität; das Absolute und<lb n="32"/>Ewige ist beyden das Nichts für das Erkennen. Jacobi wirft dem Kantischen System<lb n="33"/>vor, ein Gemische aus Idealismus und Empirismus zu seyn; von diesen beyden<lb n="34"/>Ingredienzen ist es nicht der Empirismus, welchen sein Vorwurf trifft, sondern das<lb n="35"/>Idealistische, oder die Seite der Unendlichkeit; obschon sie nicht die Vollkommenheit<lb n="36"/>des wahren Nichts gewinnen kann, so ist sie auch schon so das unerträgliche für ihn,<lb n="37"/>weil sie der Absolutheit des Empirischen Gefahr droht, und in ihr die Foderung der</p>
<pb n="399" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=406" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="160–162"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>Vernichtung des Gegensatzes liegt. – Jacobi sagt: »Gott ist, und ist <hi rendition="#g">außer</hi> mir, ein<lb n="2"/>lebendiges, für sich bestehendes Wesen, <hi rendition="#g">oder</hi> Ich bin Gott. <hi rendition="#g">Es</hi> <hi rendition="#g">gibt</hi> <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Drittes</hi>.«<lb n="3"/><hi rendition="#g">Es</hi> <hi rendition="#g">gibt</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Drittes</hi>, sagt dagegen die Philosophie, und es ist dadurch Philosophie,<lb n="4"/>daß ein Drittes ist; – indem sie von Gott nicht blos ein Seyn, sondern auch Denken,<lb n="5"/>d. h. Ich prädicirt, und ihn als die absolute Identität von beydem erkennt, kein<lb n="6"/><hi rendition="#g">Außer</hi> für Gott und darum eben so wenig ihn als ein solches <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> bestehendes<lb n="7"/>Wesen, was durch ein: außer ihm bestimmt, das heißt außer welchem noch anderes<lb n="8"/>Bestehen wäre, sondern außer Gott gar kein Bestehen und Nichts anerkennt, also das<lb n="9"/><hi rendition="#g">Entweder</hi>, <hi rendition="#g">Oder</hi>, was ein Princip aller formalen Logik und des der Vernunft<lb n="10"/>entsagenden Verstandes ist, in der absoluten Mitte schlechthin vertilgt, – jener Jaco<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bische Grundgedanke, worin sich seine Philosophie vollkommen ausspricht, von<lb n="12"/>dem man zugleich auch zeigen könnte, daß Jacobi nicht nur auf der vorhergehenden<lb n="13"/>Seite, wo er ihn ausspricht, ihm widerspricht, indem er sagt, daß er behaupte: der<lb n="14"/>Mensch findet Gott, weil er sich selbst nur <hi rendition="#g">in</hi> Gott finden kann; sondern auch an<lb n="15"/>hundert andern Stellen, wo er die Vernunft göttlich u.s.w. nennt – wenn es nicht<lb n="16"/>sonst genug gezeigt worden wäre, daß solche <hi rendition="#g">Anfänge</hi> von philosophischen<lb n="17"/>Gedanken schlechthin nur etwas geistreiches, nichts philosophisches seyn sollen,<lb n="18"/>und wo er diese seine Einfälle von Andern philosophisch aufgenommen und sie im<lb n="19"/>Ernst als eine Wahrheit fürs Wissen dargestellt findet, Atheismus und so weiter nicht<lb n="20"/>nur wittert, sondern dogmatisch behauptet, und wo er selbst über das Einfällehaben<lb n="21"/>hinausgeht, und ans Denken kommt, in einem absoluten Dualismus ist, – dieser<lb n="22"/>Jacobische Grundsatz ist eben so sehr Fichte’sches Princip; die moralische Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ordnung, welche im Glauben ist, ist schlechthin auch <hi rendition="#g">außer</hi> Ich; das Ich kommt in<lb n="24"/>sie, oder sie kommt nur ins Ich, erhält nur Realität für Ich, im unendlichen Progreß;<lb n="25"/>für Ich können die Dinge schlechthin nicht werden, was sie seyn sollen, weil eben<lb n="26"/>damit daß NichtIch aufhörte zu seyn, und Ich würde, Ich = Ich als wahrhaft absolute<lb n="27"/>Identität ohne einen zweyten Grundsatz wäre, das Ich etwas aufhöbe, was es selbst<lb n="28"/>gesetzt hat, und selbst aufhörte Ich zu seyn. Es ist also im System dieses Wissens so<lb n="29"/>wenig an ein Herauskommen aus dem Dualismus zu denken, als Jacobi nur ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>langen kann; die nicht dualistische Realität ist im Glauben, und es gibt im Fichte’schen<lb n="31"/>System, eben so wenig dasjenige Dritte, welches wahrhaftig das Erste und Einzige<lb n="32"/>ist, als auch die nicht dualistische Negativität, die Unendlichkeit, das Nichts rein seyn<lb n="33"/>kann; sie soll rein seyn, aber wird es nicht; sondern sie selbst wird wieder fixirt,<lb n="34"/>und dadurch absolute Subjectivität. Jacobi, welcher, indem er auf die Eine Seite des<lb n="35"/>Gegensatzes die Unendlichkeit, die formale Identität reflectirte, meynte, dieser Nihi<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lismus der Transcendental-Philosophie wolle ihm sein Herz aus dem Busen reißen,<lb n="37"/>hatte nur auf die Andere Seite des Gegensatzes, die eben so absolut vorhanden, zu</p>
<pb n="400" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=407" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="162–163"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>reflectiren, wo er alle die Affectionen und Gemüths-Zustände, alles geoffenbahrte<lb n="2"/>und geglaubte empirische vor wie nach finden konnte.</p>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Theoretische</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> dieses Idealismus heißt nun nichts anders als das<lb n="4"/>Hervorbringen jenes Gegensatzes von Unendlichkeit und Endlichkeit, auf einer Seite<lb n="5"/>der Abstraction des reinen Wissens und Denkens, als Wissens und Denkens, und auf<lb n="6"/>der andern Seite der Abstraction des Nichtwissens und Nichtdenkens, oder des<lb n="7"/>NichtIchs; beydes ist nur im und fürs Wissen gesetzt, eins Abstraction und Leerheit<lb n="8"/>wie das Andere; die empirische Seite ist im theoretischen überhaupt die Abstraction<lb n="9"/>des Mannichfaltigen, ein NichtIch. Indem so das reelle selbst ganz formell oder<lb n="10"/>ideell gesetzt wird, ist das ganze Gerüste dieses theoretischen Idealismus nichts als die<lb n="11"/>Construction der logischen Formen, die von allem Innhalt abstrahiren; der wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schaftliche Weg, den dieser formelle oder logische Idealismus in seinem Uebergang<lb n="13"/>zur Realität, welchen er eine Deduction derselben nennt, nimmt, ist oben bezeichnet<lb n="14"/>worden; sein eigener Innhalt sind die relativen Identitäten zwischen dem leeren<lb n="15"/>Denken und der Abstraction der Mannichfaltigkeit, welche drey Glieder also selbst<lb n="16"/>ganz innerhalb des leeren Wissens fallen. Wir haben nunmehr die Integration dieser<lb n="17"/>Leerheit ihrem Innhalte nach zu betrachten; im theoretischen Idealismus ist das<lb n="18"/>Empirische eine Abstraction; im practischen aber tritt es als wahrhafte empirische<lb n="19"/>sicht- und fühlbare Realität auf; die Natur, welche dort nur ein NichtIch, ein bloß<lb n="20"/>negatives, bestimmt als das Entgegengesetzte überhaupt, war, tritt hier aus der Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>straction des Wissens in den Reichthum ihrer Realität, und in die Pracht ihrer Lebens<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fülle, nemlich ein Saures und Süßes und Bitteres, ein Blaues und Rothes zu seyn, heraus.</p>
<p><lb n="23"/>In der Jacobischen Philosophie ist diese Integration unmittelbar durch ihren ur<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sprünglichen Empirismus, und die nicht abstrahirte Besonderheit des Subjects schon<lb n="25"/>vorhanden; in der Kantischen Philosophie wird das Besondere, dessen die All<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gemeinheit der Vernunft bedarf, welche, insofern sie dieses Bedürfniß hat, praktische<lb n="27"/>Vernunft heißt, gleichfalls empirischer- und sorgloserweise angenommen, das Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>handenseyn des Besondern, der Neigungen und Leidenschaften, des pathologischen<lb n="29"/>überhaupt, welches von der Vernunft zu bekämpfen, die Natur, welche von ihr zu<lb n="30"/>bearbeiten, und dem Vernunftzweck, denn er ist in ihr jetzt noch nicht realisirt, zu<lb n="31"/>unterwerfen ist, werden als gegeben, und der Innhalt des Vernunftzwecks selbst,<lb n="32"/>das höchste Gut, Glückseligkeit nach Verdienst, und jeder soll das Verdienst haben,<lb n="33"/>also allgemeine Glückseligkeit überhaupt, ist nach dem, worinn denn diese Glück<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>seligkeit bestehe, gleichfalls empirisch vorausgesetzt. Die Fichte’sche Integration der<lb n="35"/>Idealität durch die Realität geschieht a priori nemlich durch den Glauben, welcher das<lb n="36"/>Princip des Uebergangs vom Mangel in die Fülle überhaupt oder die reine Form der</p>
<pb n="401" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=408" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="163–166"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>Umwandlung des minus in plus und der Verknüpfung beyder in gegenseitigem<lb n="2"/>Einwirken auf einander ist; aber auch nur die Form, denn die Materie selbst, von der<lb n="3"/>im minus der Idealität abstrahirt worden ist, ist wie nothwendig, eben so empirisch<lb n="4"/>und ohne Totalität, wie in den vorhergehenden Systemen.</p>
<p><lb n="5"/>Das alles beherrschende Grundprincip der Integration des Ideellen durch das<lb n="6"/>Reelle, des Zusammentreffens des leeren Denkens oder der Vernunft, mit der, wie die<lb n="7"/>Natur hier erscheint, ihr gegenüberstehenden Sinnenwelt besteht darinn, daß<lb n="8"/>schlechthin Eins nicht ist, was das Andere ist, und daß in allem Verknüpfen derselben<lb n="9"/>keine wahrhafte Identität herauskommt; die wahrhafte Identität und Ewigkeit, ist,<lb n="10"/>wie fürs Wissen, im Jenseits des Glaubens, so im Practischen und Reellen, ebenfalls<lb n="11"/>jenseits, nemlich im unendlichen Progreß; wie dort das leere Denken, als reines<lb n="12"/>Wissen, oder theoretische Vernunft, so ist es hier als reiner Wille, oder als practische<lb n="13"/>Vernunft absolut, und so ist auch sein Entgegengesetztes eine absolute empirische<lb n="14"/>Sinnenwelt. Die practischen relativen Identitäten, welche Kant weniger ausgeführt<lb n="15"/>hat, werden sich in ihren verschiedenen Zweigen ergeben.</p>
<p><lb n="16"/>Das Erste bey der Integration vor allem aber muß dieses seyn, die Realität beyder<lb n="17"/>Glieder des Gegensatzes gegen einander wieder einzuführen, oder die theoretische<lb n="18"/>Abstraction aufzuheben, und den Glauben nach seinem Product zu constituiren.<lb n="19"/>Das Theoretische besteht in der Idealität, oder in der Reflexion auf die Unendlichkeit,<lb n="20"/>welche sowohl Unendlichkeit als solche, leeres Wissen, reines Denken, als auch<lb n="21"/>absolute Entgegensetzung 0 = + 1 − 1, ist, und jedes bestimmt, daß Eins nicht ist,<lb n="22"/>was das Andere ist; Eins ist nur, insofern das Andere eintritt, und wie das andere<lb n="23"/>eintritt, ist es nicht; die Realität der Unendlichkeit oder des leeren Denkens besteht<lb n="24"/>in dem + 1 − 1, und das Bestehen dieses Gegensatzes gibt den Innhalt des Idealismus<lb n="25"/>oder die logischen Formen; zugleich sind sie aber ideell = 0; und ihre wahre Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>heit ist in der Unendlichkeit oder darin, daß sie Nichts sind.</p>
<p><lb n="27"/>Diese Idealität ist nun im Practischen aufzuheben, das + 1 und − 1 soll nicht gleich<lb n="28"/>Null seyn; und die Realität, die sie erhalten, ist, daß die Unendlichkeit, das leere<lb n="29"/>Denken, welches die Mitte + 1, 0, − 1 ist, worin sie untergehen, aus der Mitte auf die<lb n="30"/>Seite tritt, und ihr gegenüber die Sinnenwelt, das Reich endlicher Existenz. Dieß<lb n="31"/>constituiren beyder, als Realitäten, heißt der <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Willensact</hi>, welcher das<lb n="32"/>Nichts des + 1 und − 1 zum absoluten Etwas decretirt. Hierein fallen alle die Popu<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>laritäten, daß du zum Handeln da bist; und daß dein Handeln deinen Werth be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>stimmt; die Absolutheit der practischen Vernunft, die absolute Freyheit u.s.w.</p>
<p><lb n="35"/>Nachdem aber diese Nichtse der absoluten Entgegensetzung schlechthin zu<lb n="36"/>Realitäten decretirt worden sind, so hängt alles Folgende formaliter am Glauben,</p>
<pb n="402" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=409" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="166–167"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>welcher der Ausdruck der gefoderten Identität beyder ist; aber er ist für die Erkennt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>niß und Construction des Praktischen ganz formell, denn er drückt nichts als diese<lb n="3"/>Foderung aus, die reine Linie eines Fadens, der schlechthin keine Erfüllung, keine<lb n="4"/>Tiefe, noch Länge und Breite haben kann, und nur relative Identitäten, die immer<lb n="5"/>noch die Foderung hinter sich haben, zuläßt; die Subjectivität, Ich, reiner Wille,<lb n="6"/>entgegengesetzt der Objectivität ist in absolutem Gegensatz, und die Aufgabe der<lb n="7"/>Identität und Integration schlechthin nicht zu lösen.</p>
<p><lb n="8"/>Der reine Wille soll reell werden, durch Handeln; die Realität, die ihm durch<lb n="9"/>Handeln entspringt, soll aus ihm kommen, sein eigenes seyn; sie muß also vorerst in<lb n="10"/>ihm, ideell vorhanden seyn, als Absicht und Zweck des Subjects. Das Ich soll<lb n="11"/>schlechthin frey den Begriff entwerfen, aus absoluter Machtvollkommenheit seiner<lb n="12"/>selbst als Intelligenz, und der Wille soll durch keine andre Realität afficirt werden,<lb n="13"/>die er sich als irgendwoher gegeben zum Zweck machte, sondern als reiner Wille nur<lb n="14"/>den von ihm frey entworfnen Zweck haben. Indem der Mensch sich zum Handeln<lb n="15"/>bestimmt, entsteht ihm der Begriff eines Zukünftigen, das aus seinem Handeln folgen<lb n="16"/>werde, und dieß ist das Formelle des Zweckbegriffs. Aber der Wille ist reine Identität<lb n="17"/>ohne allen Innhalt, und nur insofern rein, als er ein durchaus Formales, Innhaltloses<lb n="18"/>ist; es ist an sich unmöglich, daß sein Zweckbegriff aus ihm einen Innhalt habe und<lb n="19"/>es bleibt durchaus nichts als dieser formale Idealismus des Glaubens, der das leere<lb n="20"/>Subjective des Zwecks eben so leer objectiv setzt, ohne im mindesten dem Zweck<lb n="21"/>eine innre Realität oder Innhalt geben zu können, oder zu dürfen, denn sonst ist der<lb n="22"/>reine Wille nicht mehr das Bestimmende, und es bleibt nichts als die hohle Decla<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mation, daß das Gesetz um des Gesetzes willen, die Pflicht um der Pflicht willen er<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>füllt werden müsse, und wie das Ich sich über das Sinnliche und Uebersinnliche<lb n="25"/>erhebe, über den Trümmern der Welten schwebe u.s.w.</p>
<p><lb n="26"/>Diese erhabene Hohlheit und einzig consequente Leerheit, muß denn soviel nach<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>geben, auf Realität Rücksicht zu nehmen, und wenn der Innhalt als ein System der<lb n="28"/>Pflichten und Gesetze zu wissenschaftlichem Behuf aufgestellt werden soll, wird ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>weder die ideale Realität oder der Innhalt der Gesetze, Pflichten und Tugenden<lb n="30"/>empirisch aufgerafft, wie Kant es vorzüglich thut, oder von einem endlichen An<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>fangspunct aus, fortlaufend an Endlichkeiten, wie Fichte willkührlicherweise von<lb n="32"/><hi rendition="#g">Einem</hi> Vernunftwesen, und einem solchen, das keinen Leib hat u.s.w. anfängt,<lb n="33"/>deducirt; auf welche Art aber das System aufgestellt werde, entsteht, weil die Realität<lb n="34"/>nur eine Mannichfaltigkeit seyn kann, da sie in Entgegensetzung gegen die Idealität<lb n="35"/>bleibt, eine und zwar unendliche Menge von Pflichten, Gesetzen oder Tugenden, die<lb n="36"/>eben deßwegen an und für sich weder zur Totalität noch zur äußern Vollständigkeit<lb n="37"/>eines Systems gelangen, als auch sich in ihrer Bestimmtheit nothwendig wider-</p>
<pb n="403" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=410" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="167–169"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>sprechen, und keiner Einschränkung durcheinander oder eines Vorzugs und Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ordnung unter einander fähig sind, weil jede in die ideelle Form gesetzt ist, und also<lb n="3"/>mit der Prätension der Absolutheit auftritt; die Fichte’schen und Kantischen morali<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schen Wissenschaften sind die empirischen Belege hiezu.</p>
<p><lb n="5"/>So steht auf einer Seite die reine Vernunft integrirt; wenn sie als reiner Wille<lb n="6"/>sich behauptet, ist sie in ihrer Behauptung eine hohle Declamation; gibt sie sich<lb n="7"/>einen Innhalt, so muß sie ihn empirisch aufnehmen, und wenn sie ihm die Form<lb n="8"/>practischer Idealität gegeben, oder ihn zum Gesetz und Pflicht gemacht hat, so ist ein<lb n="9"/>absoluter, alle Wissenschaft aufhebender, totalitätloser Widerstreit dieses Innhalts<lb n="10"/>gesetzt.</p>
<p><lb n="11"/>Auf der andern Seite aber steht die durch den reinen Willensact absolut und zur<lb n="12"/>empirischen Realität gemachte Natur; was die idealistische Seite vernichtete, muß,<lb n="13"/>weil sie selbst sich absolut decretirt, ebenso wieder hervortreten; wäre die empirische<lb n="14"/>Realität oder die Sinnenwelt nicht in der ganzen Stärke ihrer Entgegensetzung, so<lb n="15"/>hörte Ich auf Ich zu seyn, es könnte nicht handeln, seine hohe Bestimmung wäre<lb n="16"/>dahin. Die übersinnliche Welt ist nur die Flucht aus der sinnlichen; ist nichts mehr,<lb n="17"/>vor welchem geflohen wird, so ist die Flucht und Freyheit und übersinnliche Welt<lb n="18"/>nicht mehr gesetzt, und diese empirische Realität ist so sehr <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als Ich. Zugleich<lb n="19"/>bestimmt das Verhältniß, das sie im Willensact erhält, die Art, wie sie seyn muß;<lb n="20"/>nemlich das Wesen des Ich besteht im Handeln, das absolute leere Denken soll sich<lb n="21"/>selbst setzen, es <hi rendition="#g">ist</hi> nicht gesetzt, es kommt ihm kein Seyn zu; aber die objective<lb n="22"/>Welt ist das Seyn desselben, und es kann zu seinem wahren Wesen nur gelangen,<lb n="23"/>daß es dieses Seyn vernichtet; und die Natur ist somit bestimmt als bloße Sinnenwelt<lb n="24"/>als ein zu vernichtendes, und muß als ein solches erkannt werden. Wenn dagegen<lb n="25"/>sich das Ich so wie das Objective als seyend erkennt, so erkennt es sich als schlechthin<lb n="26"/>abhängig von der Welt, und in einer absoluten Nothwendigkeit befangen; es muß<lb n="27"/>sich nur als Negation der Sinnenwelt erkennen, und die Sinnenwelt also als ein zu<lb n="28"/>negirendes, oder als ein absolut schlechtes.</p>
<p><lb n="29"/>Jene erste Erkenntniß der Welt, als eines realen, welche vor dem reinen Willensact<lb n="30"/>vorhergeht, in welchem die Welt auch wieder absolute Realität erhält, aber eine<lb n="31"/>solche, welche vernichtet werden muß, d. h. die denkbarschlechteste, – stellt der<lb n="32"/>erste Aufzug in der Bestimmung des Menschen vor, worin der Ich sich als »eine<lb n="33"/>durch das Universum bestimmte Aeußerung einer durch sich selbst bestimmten<lb n="34"/>Naturkraft erkennt, und daß die Natur in ihm handle, daß er unter den ewigen<lb n="35"/>Gesetzen der Natur und einer strengen Nothwendigkeit stehe, daß es das Beru<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>higendste seyn werde, seine Wünsche ihr zu unterwerfen, da ja sein Seyn ihr völlig</p>
<pb n="404" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=411" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="169–171"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>unterworfen ist.« Diesen vernünftigen Gedanken aber widerstreben seine Wünsche;<lb n="2"/>»warum sollte er sich die Wehmuth, den Abscheu, das Entsetzen verhehlen, welche<lb n="3"/>über einen solchen Schluß sein Innerstes ergreifen?«</p>
<p><lb n="4"/>Dieser ungeheure Hochmuth, dieser Wahnsinn des Dünkels dieses Ich, sich vor<lb n="5"/>dem Gedanken zu entsetzen, ihn zu verabscheuen, wehmüthig zu werden darüber<lb n="6"/>daß Er Eins sey mit dem Universum, daß die ewige Natur in ihm handle, – seinen<lb n="7"/>Vorsatz, sich den ewigen Gesetzen der Natur und ihrer heiligen und strengen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wendigkeit zu unterwerfen, zu verabscheuen, sich darüber zu entsetzen und weh<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>müthig zu werden; in Verzweiflung zu gerathen, wenn er nicht frey sey, frey von<lb n="10"/>den ewigen Gesetzen der Natur und ihrer strengen Nothwendigkeit, sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>beschreiblich elend durch jenen Gehorsam zu machen zu glauben – setzt überhaupt<lb n="12"/>schon eine von aller Vernunft entblößte allergemeinste Ansicht der Natur und des<lb n="13"/>Verhältnisses der Einzelheit zu ihr voraus; eine Ansicht, welcher die absolute Identität<lb n="14"/>des Subjects und Objects durchaus fremde und deren Princip die absolute Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>identität ist, welche also die Natur auch schlechthin nur unter Form absoluter Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gegensetzung also als reines Object begreifen kann, von dem es nur möglich ist<lb n="17"/>abhängig zu seyn, oder es von sich abhängig zu machen, die sich überhaupt im<lb n="18"/>Causalzusammenhang befindet; eine Ansicht der Natur als eines Dinges, worin<lb n="19"/>(Best. des Menschen S. 106.) sich Unterschiede von grün, süß; roth, glatt; bitter,<lb n="20"/>Wohlgeruch; rauh, Violinschall; Uebelgeruch, Klang der Trompete, vorfinden; was<lb n="21"/>mögen außer solchen Qualitäten, und welche andere teleologische Qualitäten Fichte<lb n="22"/>auch noch von der Natur kennt, werden wir unten sehen, ferner die Gesetze der<lb n="23"/>Natur seyn, von denen öfters wiederhohlt wird, daß: in ihr Innres kein erschaffner<lb n="24"/>Geist dringe? als ob sie etwas ganz anderes wären, als vernünftige Gesetze; Gesetze,<lb n="25"/>denen der Ich sich schämt, sich zu unterwerfen, denen zu gehorchen ihn unbeschreib<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lich elend machen, welchen unterworfen zu seyn ihn in Verzweiflung bringen würde?</p>
<p><lb n="27"/>Nachdem der Ich im zweyten Aufzug seiner Bestimmung diese Natur, vor der er<lb n="28"/>sich so sehr entsetzt, durch Wissen, wie wir oben gesehen haben, zu verlieren meynt,<lb n="29"/>und über ihren Verlust wieder ebenso trostlos wird, und in Verzweiflung geräth, als<lb n="30"/>über ihr Seyn, so stellt er sie sich durch seine Bestimmung, das Handeln, und den<lb n="31"/>reinen Willensact her: als eine Natur, welche vernichtet werden müsse. Diese An<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>schauung der Natur, als Etwas, das Nichts an sich, sondern reine Erscheinung sey,<lb n="33"/>also keine Wahrheit, noch Schönheit in sich hat, gründet denn eine Teleologie der<lb n="34"/>Natur, und eine Physikotheologie, welche der ältern dem Innhalt nach geradezu<lb n="35"/>entgegengesetzt, aber der Form nach in gleichem Princip gegründet ist. Jene ältere<lb n="36"/>Teleologie nemlich bezog die Natur im Einzelnen auf Zwecke, die außer diesem</p>
<pb n="405" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=412" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="171–173"/>
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<p><lb n="1"/>Einzelnen, so daß jedes nur um eines andern willen gesetzt wäre, im Ganzen aber<lb n="2"/>bilde sie ein System, das den Quell seines Lebens zwar auch außer sich hätte, aber ein<lb n="3"/>Abglanz ewiger Schönheit, Vernunft wäre, und die höchste und seligste Wahrheit,<lb n="4"/>das vollkommene Gesetz der höchsten Weisheit in sich trüge. Die Fichtesche Teleo<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>logie stellt dasjenige, was als Natur erscheint, gleichfalls als um eines andern willen<lb n="6"/>vorhandenes dar, nemlich um den freyen Wesen eine Sphäre und Spielraum zu<lb n="7"/>bilden, und um zu Trümmern werden zu können, über denen sie sich erhöben, und<lb n="8"/>so ihre Bestimmung erreichten. Dieß gemeine teleologische Prinzip, daß die Natur<lb n="9"/>Nichts an sich, sondern nur in Beziehung auf ein Anderes, ein absolut Unheiliges<lb n="10"/>und Todtes ist, hat die Fichtesche Philosophie mit aller Teleologie besonders des<lb n="11"/>Eudämonismus, gemeinschaftlich, aber <hi rendition="#g">was</hi> die Natur durch und für das Andere ist,<lb n="12"/>darinn ist die Fichtesche Teleologie den andern entgegengesetzt; wie die Natur in<lb n="13"/>der Physikotheologie der Ausdruck ewiger Wahrheit ist, so ist sie in der Kantischen<lb n="14"/>und Fichteschen Moraltheologie, ein zu Vernichtendes, an dem der Vernunftzweck<lb n="15"/>ewig erst zu realisiren ist, von Wahrheit entblößt, das Gesetz der Häßlichkeit und<lb n="16"/>Vernunftwidrigkeit an sich tragend; es brechen hier die gemeinsten Litaneyen über<lb n="17"/>das Uebel in der Welt ein, deren Pessimismus Kant an die Stelle des Optimismus<lb n="18"/>gesetzt hat, indem Kant und ihm nach Fichte dasjenige, was Voltaire dem von der<lb n="19"/>Frömmeley in die Empirie des gemeinen Lebens herabgezogenen Optimismus sich<lb n="20"/>auf eben den Standpunct der Empirie stellend, und also ganz consequent ad hominem<lb n="21"/>entgegensetzte, in philosophische Form brachten, und systematisch erwiesen, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>durch denn jene Consequenz ganz und gar verlohren geht, und die relative Wahrheit<lb n="23"/>des Empirischen gegen Empirisches zu einer absoluten werden soll; das Voltairische<lb n="24"/>Verfahren ist ein Beispiel von ächtem gesundem Menschenverstand, den dieser<lb n="25"/>Mensch in so hohem Grade besessen hat, und von dem andere soviel schwatzen, um<lb n="26"/>ihre Ungesundheiten für Menschenverstand zu verkaufen. Da eine philosophische<lb n="27"/>Idee in die Erscheinung herabgezogen, und mit den Principien der Empirie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bunden, unmittelbar eine Einseitigkeit wird, so stellt der wahrhafte gesunde Men<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schenverstand ihr die andere Einseitigkeit, die sich ebenso in der Erscheinung findet,<lb n="30"/>entgegen, und zeigt damit die Unwahrheit und Lächerlichkeit der ersten, indem für<lb n="31"/>jene erste sich auf die Erscheinung und Erfahrung berufen wird, er aber in eben dieser<lb n="32"/>Erfahrung und Erscheinung das Gegentheil aufzeigt; weiter aber geht der Gebrauch<lb n="33"/>und die Wahrheit der zweiten Einseitigkeit für sich nicht, und der ächte gesunde<lb n="34"/>Menschenverstand muthet ihr auch nicht mehr zu; die Schulpedanterey macht sich<lb n="35"/>hingegen gegen den gesunden Menschenverstand wieder auf dieselbe Weise lächerlich,</p>
<pb n="406" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=413" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="173–175"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>daß sie das, wovon er nur diesen relativen Gebrauch ad hominem machte, absolut auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nimmt, und es ernsthafterweise in philosophische Form gießt; dieses Verdienst hat<lb n="3"/>die Kantische und Fichtesche Philosophie sich um die Voltaire’sche Argumentation<lb n="4"/>erworben, ein Verdienst, dessen sich die Deutschen allgemein rühmen, einen fran<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zösischen Einfall auszubilden und ihn verbessert, in sein gehöriges Licht gestellt, und<lb n="6"/>gründlichermaßen ausgeführt und wissenschaftlich gemacht zurückzugeben, d. h.<lb n="7"/>ihm gerade noch die relative Wahrheit, die er hat, zu nehmen, dadurch, daß ihm<lb n="8"/>allgemeingültige Wahrheit, deren er nicht fähig ist, ertheilt werden sollte.</p>
<p><lb n="9"/>Durch die absolute Subjectivität der Vernunft und ihre Entgegensetzung gegen die<lb n="10"/>Realität, ist nunmehr die Welt der Vernunft absolut entgegengesetzt, dadurch ab<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>solute vernunftlose Endlichkeit und unorganische Sinnenwelt, die im unendlichen<lb n="12"/>Progreß gleich Ich werden soll, d. h. absolut ist und bleibt. Also als etwas vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>widriges zeigt sich schon die physische Natur (Best. d. Menschen S. 221.ff.) sie<lb n="14"/>widerstrebt, unserem Geschlecht seinen Unterhalt zu gewähren, also daß »<hi rendition="#g">un</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">sterbliche</hi> <hi rendition="#g">Geister</hi> <hi rendition="#g">genöthigt</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, <hi rendition="#g">alles</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Dichten</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Trachten</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">ganze</hi> <hi rendition="#g">Anstrengung</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Boden</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">heften</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Nahrung</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">trägt</hi>; <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">jetzt</hi> ereignet sich oft, daß eine feindselige Witterung zerstört, was<lb n="18"/>jahrelange Arbeit erfoderte, und den fleißigen und sorgfältigen Mann, unverschuldet,<lb n="19"/>(doch wohl auch oft mit Schulden) dem Hunger und dem Elende preis giebt; Wasser<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>fluthen, Sturmwinde, Vulkane, Erdbeben; Krankheiten, welche <hi rendition="#g">noch</hi> in diesem<lb n="21"/>laufenden Jahre, die Menschen wegraffen in der Blüthe ihrer Kräfte, und Kinder,<lb n="22"/>deren Daseyn ohne Frucht und Folge vorübergeht; annoch Seuchen u.s.w. <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">kann</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">immerdar</hi> <hi rendition="#g">bleiben</hi> <hi rendition="#g">sollen</hi>.« Jedoch hat diese bewußtlose Natur<lb n="24"/>immer noch viel mehr Verstand, als die Art, wie das Menschengeschlecht existirt,<lb n="25"/>von dem <hi rendition="#g">annoch</hi> Horden Wilde ungeheure Wüsteneyen durchirren, die wenn sie<lb n="26"/>sich begegnen, einander <hi rendition="#g">festlich</hi> <hi rendition="#g">auffressen</hi>; auch Heere, wenn sie einander er<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>blicken, bringen einander um; <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">ausgerüstet</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Höchsten</hi> <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">menschliche</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi> <hi rendition="#g">ersonnen</hi>, durchziehen Kriegsflotten durch den Sturm<lb n="29"/>und die Wellen die Meere, um einander umzubringen; diese verkehrten Menschen,<lb n="30"/>wovon ein Theil den andern als Sclaven hält, obwohl unter sich im ewigen Kampfe,<lb n="31"/>treten doch sogleich gegen das Gute, das schon für sich immer das schwächere ist,<lb n="32"/>sobald es sich blicken läßt, mit einander in Verbindung; was sie gar nicht nöthig<lb n="33"/>hätten, da außer dem daß das Gute schon für sich das schwächere ist, auch die <hi rendition="#g">Guten</hi><lb n="34"/>an ihrem Theil ihre Sache ebenso schlecht machen; denn bey Beförderung des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>nunftzwecks, für dessen unfehlbare Erreichung die Vernunft bürgt, betragen sich die<lb n="36"/>Guten, in deren Thun das Ziel der Menschheit und auf deren Thun in der moralischen<lb n="37"/>Weltordnung gerechnet ist, diese Guten betragen sich wie einfältige Spießbürger;</p>
<pb n="407" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=414" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="175–177"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>die Guten haben oft eine geheime Eigenliebe, tadeln und beschuldigen einander,<lb n="2"/>jeder solcher Guten hält die Verbesserung, die er machen will, gerade für die wich<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tigste und beste, und klagt die andern Guten, denen die seinige nicht so wichtig ist,<lb n="4"/>der Verrätherey der guten Sache an; u.s.f. wie das in der Bestimmung des Menschen<lb n="5"/>selbst ausführlicher zu lesen steht. Kurz eine moralische Empfindeley, wenn sie nur<lb n="6"/>nach der Seite des Häßlichen und Unnützen hingeht, wie sonst die Frömmeley nach<lb n="7"/>der Seite des Guten und Nützlichen, wird zur vernünftigen Ansicht der Welt; und<lb n="8"/>die Philosophie hat sich selbst in die gemeine Ansicht der Subjectivität gestellt,<lb n="9"/>welche, selbst eine Zufälligkeit und Willkühr, d. h. ein Uebel, auch objectiv das<lb n="10"/>Uebel, d. h. Zufälligkeit und Willkühr erblickt, und ihrer eigenen Erhebung so wie<lb n="11"/>der Erhebung ihrer Ansicht der Welt aus der Ansicht einer empirischen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wendigkeit, welche Eins ist mit der Zufälligkeit, in die Ansicht einer ewigen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wendigkeit, welche Eins ist mit der Freyheit, der Nothwendigkeit der als Weltlauf<lb n="14"/>existirenden Weisheit, und das, was Plato von der Welt sagt, daß die Vernunft<lb n="15"/>Gottes sie als einen seligen Gott gebohren habe, zu erkennen, sich völlig begeben. –<lb n="16"/>Die Religion theilt mit dieser Philosophie der absoluten Subjectivität so wenig ihre<lb n="17"/>Ansicht, daß indem diese das Uebel nur als Zufälligkeit und Willkühr der schon an<lb n="18"/>sich endlichen Natur begreift, sie vielmehr das Böse als Nothwendigkeit der endlichen<lb n="19"/>Natur, als Eins mit dem Begriff derselben darstellt, aber für diese Nothwendigkeit<lb n="20"/>zugleich eine ewige, d. h. nicht eine in den unendlichen Progreß hinaus verschobene<lb n="21"/>und nie zu realisirende, sondern wahrhaft reale und vorhandene Erlösung darstellt,<lb n="22"/>und der Natur, insofern sie als endliche und einzelne betrachtet wird, eine mögliche<lb n="23"/>Versöhnung darbietet, deren ursprüngliche Möglichkeit, das Subjective, im ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichen Abbilde Gottes, ihr Objectives aber, die Wirklichkeit in seiner ewigen<lb n="25"/>Menschwerdung, die Identität jener Möglichkeit und dieser Wirklichkeit aber durch<lb n="26"/>den Geist als das Einsseyn des Subjectiven mit dem Mensch gewordenen Gotte,<lb n="27"/>also die Welt <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> reconstruirt, erlöst, und auf eine ganz andere Weise geheiligt<lb n="28"/>ist, als daß in dem Ideal der moralischen Weltordnung, die Vulcane u.s.w. nicht<lb n="29"/>immerdar so bleiben wie sie annoch sind, daß jene nach und nach ausbrennen, die<lb n="30"/>Orcane zahmer, die Krankheiten weniger schmerzhaft, der Dunstkreis der Wälder<lb n="31"/>und Sümpfe verbessert werde u.s.w.; und weil in der Religion die Welt ihrem Wesen<lb n="32"/>nach geheiligt ist, so wird sie nur für die Beschränktheit des Erkennens, die empirische<lb n="33"/>Anschauung, und das eigene Zwecksetzen als ungeheiligt, die vollkommene An<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>schauung und die ewige Seligkeit aber ausdrücklich <hi rendition="#g">jenseits</hi> der Beschränktheit<lb n="35"/>gesetzt, der Beschränktheit, welche in der moralischen Weltordnung immanent</p>
<pb n="408" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=415" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="177–179"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>seyn, und zu deren Behuf sogar die Vulkane ausbrennen, die Erdbeben zahmer<lb n="2"/>werden u.s.w. die Völker einander nicht mehr mit Krieg überziehen, noch aus<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>plündern u.s.w. und die schlechthin bleiben soll. In dieser Philosophie ist hingegen<lb n="4"/>die Welt weder ursprünglich Natur und göttlich, noch nach ihrer sittlichen Seite ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>söhnt, sondern an sich etwas schlechtes; für die Endlichkeit aber ist das Böse doch nur<lb n="6"/>ein Zufälliges und Willkührliches; wenn aber die physische und sittliche Welt an sich<lb n="7"/>mehr als schlechte Sinnenwelt, und die Schlechtigkeit nicht absolut wäre; so fiele auch<lb n="8"/>das andere Absolute, die Freyheit, dieser reine Wille, der eine Welt braucht, in der die<lb n="9"/>Vernunft erst zu realisiren ist, und so der ganze Werth des Menschen hinweg, weil diese<lb n="10"/>Freyheit nur ist, indem sie negirt, und nur negiren kann, solang das ist, was sie negirt.</p>
<p><lb n="11"/>So wenig nun das Ursprüngliche, als Natur, die absolute Vernunft als an sich<lb n="12"/>seyend, und nicht erst im unendlichen Progreß werdend, wahrhaft erkannt ist, eben<lb n="13"/>so wenig ist auch das Differenzverhältniß nach seiner Wahrheit erkannt, denn dieses<lb n="14"/>ist als Ansich begriffen, und deßwegen nicht aufzuheben; für dasselbe soll das Uebel<lb n="15"/>ein Zufälliges seyn, da es doch selbst allein das Uebel ist; jenes Uebel aber, das sich<lb n="16"/>für das Differenzverhältniß und Absondern von dem Ewigen noch besonders finden<lb n="17"/>soll, kann nicht anders bestimmt werden, als daß es das jener absoluten Absonderung<lb n="18"/>entgegengesetzte ist; das der Absonderung entgegengesetzte aber ist nichts als das<lb n="19"/>Einsseyn mit dem Ewigen, und dieses müßte das Uebel seyn; wie wir oben gesehen<lb n="20"/>haben, daß das Einsseyn mit dem Universum, daß das Universum in mir lebt und<lb n="21"/>wirkt, der Gehorsam gegen das ewige Gesetz der Natur und der heiligen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wendigkeit, das entsetzlichste und wehmüthigste für den Ich ist. So wenig die Dif<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ferenz oder das Uebel richtig begriffen ist, eben so wenig kann auch die Recon<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>struction ächter Art seyn, weil das Unendliche dem Endlichen, das Ideelle, die reine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nunft, dem reellen, der Existenz als ursprünglich unvereint, und unvereinbar gesetzt ist.</p>
<p><lb n="26"/>Diese Reconstruction müßte das Wesen des Geistes enthüllen, und ihn darstellen,<lb n="27"/>wie in ihm als frey die Natur sich reflectirt, die sich in sich zurücknimmt, und ihre<lb n="28"/>ursprüngliche ungeborgte reelle Schönheit in das ideelle oder die Möglichkeit und<lb n="29"/>somit sich als Geist erhebt, welcher Moment, insofern die Identität als Ursprünglich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>keit mit der Totalität verglichen wird, dadurch allein als Bewegung und Zertrüm<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>merung der Identität und als Reconstruction erscheint; – und wie das Wesen der<lb n="32"/>Natur, in der Form der Möglichkeit, oder als Geist, seiner selbst als ein lebendiges<lb n="33"/>Ideal in anschaubarer und thätiger Realität genießt, und als sittliche Natur seine<lb n="34"/>Wirklichkeit hat, in welcher das sittlich Unendliche, oder der Begriff, und das sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lich Endliche, oder die Individualität schlechthin Eins sind.</p>
<p><lb n="36"/>Aber da in diesem Formalismus einmal der Geist als Indifferenz absolut gegen das<lb n="37"/>Differente fixirt ist, kann keine wahre Realität des sittlichen, kein Einsseyn des</p>
<pb n="409" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=416" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="179–180"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>Begriffs desselben, und seiner Wirklichkeit statt finden; das practisch ideale, der<lb n="2"/>durch den reinen Willen gesetzte Zweckbegriff, ist jene reine Indifferenz und Leer<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heit; der Innhalt aber das besondere der Individualität, oder empirische des Wohl<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyns, und beyde unfähig, in einer sittlichen Totalität Eins zu seyn. Die absolute<lb n="5"/>Mannichfaltigkeit dieser Empirie, formell aufgenommen in die Indifferenz oder in<lb n="6"/>den Begriff gibt eine Mannichfaltigkeit von Rechten, so wie die formelle Totalität<lb n="7"/>derselben, und ihr Reellwerden die Rechtsverfassung und den Staat. Nach dem<lb n="8"/>Princip des Systems, daß der Begriff in dieser unverrückten Form der Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>setzung absolut sey, ist das Rechtliche, und die Construction des Rechtlichen als<lb n="10"/>eines Staats, ein für sich seyendes, und der Lebendigkeit und Individualität absolut<lb n="11"/>entgegengesetztes; es ist nicht das Lebendige selbst, das sich in dem Gesetz zugleich<lb n="12"/>allgemein setzt, und in dem Volke wahrhaft objectiv wird; sondern ihm tritt das<lb n="13"/>Allgemeine für sich fixirt, als ein Gesetz schlechthin gegenüber, und die Individualität<lb n="14"/>befindet sich unter absoluter Tyranney; das Recht soll geschehen, aber nicht als<lb n="15"/>innere, sondern als äußere Freyheit der Individuen, die ein Subsumirtwerden der<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>selben unter den ihnen fremden Begriff ist; der Begriff wird hier zum schlechthin<lb n="17"/>objectiven und zur Gestalt eines absoluten Dings, von welchem abhängig zu seyn,<lb n="18"/>die Vernichtung aller Freyheit ist.</p>
<p><lb n="19"/>Was aber die andere Seite betrifft, nemlich daß der vom reinen Willen producirte<lb n="20"/>Zweckbegriff, wenn von ihm wirklich etwas mehr als formelles producirt werden<lb n="21"/>könnte, subjectiv sey und als Sittlichkeit der Einzelnen oder als Moralität sich dar<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stelle, so ist hier der Innhalt des Begriffs, die in ideeller Form als Zweck und Absicht<lb n="23"/>gesetzte Realität, irgend ein empirisch gegebenes und nur die leere Form das apriori<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sche; es ist aber nicht der materielle Theil des Zwecks, sondern seine formelle Seite,<lb n="25"/>der reine Wille, dasjenige was mein ist, Ich ist selbst der reine Wille. Aber an eine<lb n="26"/>wahre Sittlichkeit, nemlich eine wahre Identität des Allgemeinen und Besondern, der<lb n="27"/>Materie und der Form, ist hier eben so wenig zu denken; weil die Leerheit des reinen<lb n="28"/>Willens und des Allgemeinen das wahrhaft Apriorische ist, so ist das Besondere ein<lb n="29"/>schlechthin Empirisches. Was denn an und für sich Recht und Pflicht ist, eine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stimmung hievon zu geben, wäre widersprechend; denn der Innhalt hebt sogleich<lb n="31"/>den reinen Willen, die Pflicht um der Pflicht willen auf, und macht die Pflicht zu<lb n="32"/>etwas materialem; die Leerheit des reinen Pflichtgefühls und der Innhalt kommen<lb n="33"/>einander beständig in die Quere. Und da die Moralität, damit sie rein seye, in Nichts<lb n="34"/>anders, als in die leere Form des Bewußtseyns gesetzt werden darf, daß ich weiß, daß<lb n="35"/>ich pflichtmäßig handle, so muß eine Sittlichkeit, die sonst für sich rein ist, sich den</p>
<pb n="410" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=417" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="180–182"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Innhalt ihres Thuns aus ihrer höhern wahrhaft sittlichen Natur schöpfen, und der<lb n="2"/>Zusatz dieses Bewußtseyns, worinn schlechthin das Moralische bestehen soll, dient<lb n="3"/>zu nichts, als sie zu legiren und zu verunreinigen. Wenn in der wahren Sittlichkeit<lb n="4"/>die Subjectivität aufgehoben ist, so wird dagegen durch jenes moralische Bewußtseyn<lb n="5"/>das Vernichten der Subjectivität gewußt, und damit die Subjectivität in ihrem<lb n="6"/>Vernichten selbst festgehalten und gerettet, und Tugend, indem sie sich in Moralität<lb n="7"/>verwandelt, zum nothwendigen Wissen um ihre Tugend, d. h. zum Pharisäismus.</p>
<p><lb n="8"/>Wird aber nicht wahre Sittlichkeit vorausgesetzt, so steht es frey, indem die<lb n="9"/>Moralität in der Form besteht, alle moralischen Zufälligkeiten in die Form des<lb n="10"/>Begriffs zu erheben, und der Unsittlichkeit eine Rechtfertigung und ein gutes<lb n="11"/>Gewissen zu verschaffen. Die Pflichten und Gesetze, da sie in dem Systeme, wie oben<lb n="12"/>gezeigt, eine unendliche auseinander geworfene Mannichfaltigkeit, jede von gleicher<lb n="13"/>Absolutheit, sind, machen eine Wahl nothwendig, welche Wahl schlechthin das<lb n="14"/>Subjective ist, denn das Objective, die Form der Allgemeinheit, ist das gemeinschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>liche aller. Nun kann kein wirklicher Fall einer Handlung erdacht werden, der nicht<lb n="16"/>mehrere Seiten hätte, von welchen, indem andere Pflichten übertreten, andern<lb n="17"/>gehorcht, indem andern Pflichten gehorcht, andere übertreten werden, in welchem<lb n="18"/>nicht Seiten sind, die als Pflichten gelten müssen, denn jede Anschauung eines wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichen Falls ist unendlich durch den Begriff bestimmbar; bestimmt der eigne zufällige,<lb n="20"/>schlechte Sinn diese Wahl, so ist er eine Unsittlichkeit, die sich aber durch das<lb n="21"/>Bewußtseyn der Seite der Handlung, von der sie Pflicht ist, vor sich selbst recht<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fertigt und sich ein gutes Gewissen gibt. Ist aber das Gemüth sonst für sich redlich<lb n="23"/>genug, objectiv handeln zu wollen, so steht ihm die Zufälligkeit der Pflichten, weil<lb n="24"/>ihrer eine Menge sind, in der Menge aber das einzelne ein zufälliges wird, gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>über; und es muß in jene traurige Unschlüssigkeit und in Schwäche verfallen, welche<lb n="26"/>darin besteht, daß für das Individuum nur Zufälligkeit vorhanden ist, und es sich<lb n="27"/>aus sich selbst keine Nothwendigkeit erschaffen kann, noch darf. Entscheidet es sich<lb n="28"/>aber für irgend eine der vielen Pflichten, so hat eine Entscheidung ihre Möglichkeit<lb n="29"/>in der Bewußtlosigkeit über die unendliche Menge der Pflichten, in welche als in<lb n="30"/>unendliche Qualitäten, wie jedes Wirkliche, so der wirkliche Fall des Handelns, auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gelöst werden kann, und aus Pflicht aufgelöst werden muß. Das Wissen dieser<lb n="32"/>Qualitäten, welche die Pflichtbegriffe abgeben, ist, weil sie empirisch unendlich sind,<lb n="33"/>unmöglich, und doch als Pflicht schlechthin gefodert. Indem auf diese Weise die<lb n="34"/>Bewußtlosigkeit über den ganzen Umfang der Rücksichten bey der Handlung und<lb n="35"/>Mangel an der erforderten Einsicht schlechthin nothwendig wird, so muß das<lb n="36"/>Bewußtseyn dieser Zufälligkeit des Handelns vorhanden seyn, was gleich ist dem<lb n="37"/>Bewußtseyn der Immoralität. Aechte Sittlichkeit wird also durch den Zusatz dieser<lb n="38"/>Art von Bewußtseyn seiner Pflichtmäßigkeit verunreinigt, und durch diese Moralität<lb n="39"/>womöglich unsittlich gemacht; der Unsittlichkeit selbst durch das Bewußtseyn</p>
<pb n="411" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=418" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="182–184"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN · FICHTE</fw>
<p><lb n="1"/>irgend einer Pflicht, das ihr nach dem Begriff der Sache nicht fehlen kann, die Recht<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>fertigung des unsittlichen, strebenden redlichen Gemüthern aber das Bewußtseyn<lb n="3"/>nothwendiger Unsittlichkeit, nemlich die Sittlichkeit überhaupt unter der Gestalt<lb n="4"/>der Zufälligkeit der Einsicht gegeben, welche sie schlechthin nicht haben soll. Und<lb n="5"/>darum hat diese Vorstellung der Sittlichkeit, als Moralität, indem das wahrhaft<lb n="6"/>Sittliche durch sie in Niederträchtigkeit, die Kraft in Schwäche umgewandelt, die<lb n="7"/>Niederträchtigkeit aber als Moralität gerechtfertigt wird, so leicht aus der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sophie als Wissenschaft in das allgemeine Publikum übergehen und sich so beliebt<lb n="9"/>machen können.</p>
<p><lb n="10"/>Die Realität des Idealen, die wir bisher betrachteten, war der Innhalt, den das leere<lb n="11"/>Ideelle des reinen Willens erhielt; außer diesem immer noch innern ist noch die<lb n="12"/>äußere Seite des Zweckbegriffs, welche, wir haben gesehen wie, nunmehr einen<lb n="13"/>Innhalt hat, übrig; nemlich die Seite des formalen Idealismus, nach welcher sich die<lb n="14"/>bisherige practische Uebersinnlichkeit zugleich als Erscheinung darstellt; diese Er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>scheinung ist das Ganze der Handlung, theils angeschaut in der empirischen Form,<lb n="16"/>auseinandergezogen als Veränderung und Wirkungen in der Zeit; theils aber soll die<lb n="17"/>Realität des übersinnlichen Zweckbegriffs auch eine folgereiche Fortsetzung der<lb n="18"/>Handlung in der übersinnlichen Welt selbst seyn, Princip einer Reihe von geistigen<lb n="19"/>Wirkungen; welches letztere nichts ausdrückt, als die in das Geistige selbst hinein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>getragene Empirie und Zeitlichkeit, wodurch das Geistige ein Geisterreich wird;<lb n="21"/>denn im wahrhaft geistigen, und in der Idee ist keine Reihe noch Folge; nur wenn die<lb n="22"/>Idee vors erste dadurch verendlicht ist, daß sie einer sinnlichen Sphäre entgegen und<lb n="23"/>als geistige gesetzt, und dann diese geistige Sphäre selbst wieder in eine unendliche<lb n="24"/>Menge von geistigen Atomen, Subjectivitäten als Bürgern eines Dings, das Geister<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>reich heißt, qualitativ zersplittert ist, kann von geistigen Folgen die Rede seyn. Das<lb n="26"/>Speculative, was darin liegt, daß die Idee, die übrigens selbst nur empirisch als<lb n="27"/>Zweck eines Handelns und als ein von Subjectivität Afficirtes vorkommt, das Ewige<lb n="28"/>ist desjenigen, was in der Sinnenwelt als eine Reihe von Veränderungen erscheint,<lb n="29"/>verliert sich so zum Ueberflusse noch vollends durch die Form einer absoluten gei<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stigen Sphäre, in welcher Folgen sind, und ihren Gegensatz, den sie gegen eine noch<lb n="31"/>außer ihr vorhandene sinnliche Welt hat, wenn jenes übersinnliche nicht schon selbst<lb n="32"/>sinnlich genug wäre; die Construction der sittlichen Idee, hier des Vernunftzwecks,<lb n="33"/>der in der moralischen Weltordnung realisirt werden soll, geht, statt sich in dem<lb n="34"/>philosophischen Standpuncte zu halten, in empirisch geschichtliche Rücksichten und<lb n="35"/>die Ewigkeit der sittlichen Idee in einen empirisch-unendlichen Progreß über;<lb n="36"/>von Speculativem ist nichts zu sehen, als die Idee des Glaubens, durch welchen die</p>
<pb n="412" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=419" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="184–186"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>Identität des Subjectiven und Objectiven, des Idealen und Realen gesetzt ist, eine<lb n="2"/>Idee, die aber etwas schlechthin formelles bleibt; sie dient nur, um von dem leeren<lb n="3"/>reinen Willen auf das Empirische hinüber zu springen; was zum Grunde liegen bleibt,<lb n="4"/>ist die absolute Endlichkeit eines Subjects und eines Handelns, und ihm gegenüber<lb n="5"/>eine zu vernichtende, vernunftlose Sinnenwelt, und dann eine in die Unendlichkeit<lb n="6"/>intellectueller Einzelheiten auseinander geworfene, und der sinnlichen absolut ent<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gegengesetzte übersinnliche Welt; deren wahrhafte und innhaltreiche Identität, da<lb n="8"/>alle diese Endlichkeiten absolut sind, ein Jenseits und in allem bisherigen, was wir von<lb n="9"/>der Sittlichkeit betrachtet haben, nirgends aufgetreten ist; und daß auf diese Weise,<lb n="10"/>da nach dem System das Ich, als das Absolute, sich im theoretischen mit einem<lb n="11"/>NichtIch afficirt bekennt, aber im praktischen diese Zeitlichkeit aufzulösen vorgibt,<lb n="12"/>die Vernunft-Idee der Identität des Subjectiven und Objectiven etwas für die Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schaft rein formelles und bloß vorgegebenes ist, konnte so nur erwiesen werden, daß<lb n="14"/>an jenem praktischen gezeigt wurde, wie diese Idee in demselben nicht construirt,<lb n="15"/>sondern durchgehends abwesend, und vielmehr nicht ein gesunder, sondern ein von<lb n="16"/>aller Gesundheit abgekommener, in Reflexions-Aberglauben verhärteter und in for<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>meller Wissenschaft, welche er seine Deduction nennt, steckender Verstand herr<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>schend ist, von welchem wir die untergeordnete Sphäre, worinn Speculation zu<lb n="19"/>finden ist, nemlich die Idee der transcendentalen Einbildungskraft, bey der Kantischen<lb n="20"/>Philosophie beleuchtet haben, und welchem wir in dem, was ihm Ideale, moralische<lb n="21"/>Weltordnung, Vernunft-Zweck sind, in seinen praktischen Realitäten, um die Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wesenheit der Idee an ihnen selbst zu zeigen, denn auch haben folgen müssen.</p>
<space/>
<p><lb n="23"/>Nachdem auf diese Weise durch die Totalität der betrachteten Philosophieen, der<lb n="24"/>Dogmatismus des Seyns, in den Dogmatismus des Denkens, die Metaphysik der<lb n="25"/>Objectivität in die Metaphysik der Subjectivität umgeschmolzen, und also der alte<lb n="26"/>Dogmatismus und Reflexionsmetaphysik, durch diese ganze Revolution der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sophie zunächst nur die Farbe des innern, oder der neuen und modischen Cultur<lb n="28"/>angezogen, die Seele als Ding, in Ich als praktische Vernunft, in Absolutheit der Per<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sönlichkeit und der Einzelheit des Subjects – die Welt aber als Ding, in das System<lb n="30"/>von Erscheinungen, oder von Affectionen des Subjects, und geglaubten Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>keiten, – das Absolute aber als ein Gegenstand und absolutes Object der Vernunft,<lb n="32"/>in ein absolutes Jenseits des vernünftigen Erkennens sich umgewandelt; und diese<lb n="33"/>Metaphysik der Subjectivität, während andere Gestalten derselben auch selbst in die<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ser Sphäre nicht zählen, den vollständigen Cyclus ihrer Formen in der Kantischen,<lb n="35"/>Jacobischen und Fichte’schen Philosophie durchlaufen, und also dasjenige, was zur</p>
<pb n="413" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=420" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="186–189"/>
<fw type="header" place="top">GLAUBEN UND WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>Seite der Bildung zu rechnen ist, nemlich das Absolutsetzen der einzelnen Dimen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sionen der Totalität, und das Ausarbeiten einer jeden derselben zum System, voll<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ständig dargestellt und damit das Bilden beendigt hat, so ist hierinn unmittelbar die<lb n="4"/>äußere Möglichkeit gesetzt, daß die wahre Philosophie, aus dieser Bildung erstehend,<lb n="5"/>und die Absolutheit der Endlichkeiten derselben vernichtend, mit ihrem ganzen, der<lb n="6"/>Totalität unterworfenen Reichthum sich als vollendete Erscheinung zugleich dar<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stellt; denn, wie die Vollendung der schönen Kunst, durch die Vollendung der<lb n="8"/>mechanischen Geschicklichkeit, so ist auch die reiche Erscheinung der Philosophie<lb n="9"/>durch die Vollständigkeit der Bildung bedingt, und diese Vollständigkeit ist durch<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>laufen.</p>
<p><lb n="11"/>Der unmittelbare Zusammenhang aber dieser philosophischen Bildungen mit der<lb n="12"/>Philosophie, – ein Zusammenhang, dessen die Jacobische Philosophie am meisten<lb n="13"/>entbehrt; – und ihre positive, wahrhafte aber untergeordnete Stelle in derselben, er<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>hellt aus demjenigen, was sich bey Gelegenheit dieser Philosophieen über die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>endlichkeit, die ihr zum Absoluten gemachtes, und dadurch mit der Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>setzung gegen die Endlichkeit behaftetes Princip ist, ergeben hat; indem in denselben<lb n="17"/>das Denken als Unendlichkeit und negative Seite des Absoluten, welche die reine<lb n="18"/>Vernichtung des Gegensatzes, oder der Endlichkeit, aber zugleich auch der Quell<lb n="19"/>der ewigen Bewegung oder der Endlichkeit, die unendlich ist, das heißt, die sich<lb n="20"/>ewig vernichtet, aus welchem Nichts und reinen Nacht der Unendlichkeit die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heit als aus dem geheimen Abgrund, der ihre Geburtsstätte ist, sich emporhebt, –<lb n="22"/>erkannt wird. Da für die Erkenntniß diese negative Bedeutung des Absoluten, oder<lb n="23"/>die Unendlichkeit durch die positive Idee, daß das Seyn schlechthin nicht außer dem<lb n="24"/>Unendlichen, Ich, Denken, sondern beyde Eins sind, bedingt ist, so war von diesen<lb n="25"/>Reflexionsphilosophieen theils nichts abzuhalten, als daß die Unendlichkeit, Ich,<lb n="26"/>nicht wieder wie in ihnen geschah, statt unmittelbar ins positive der absoluten Idee<lb n="27"/>über zu schlagen, auf diesem Punkt sich fixirte und zur Subjectivität wurde, wodurch<lb n="28"/>sie wieder in den alten Gegensatz und in die ganze Endlichkeit der Reflexion herunter<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>fiel, die sie selbst vorher vernichtete; theils aber ist die Unendlichkeit, und das Den<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ken, das sich als Ich und Subject fixirt und das Object oder das Endliche so gegen sich<lb n="31"/>über erhält, also von dieser Seite auf gleicher Stufe mit ihm steht, auf der andern<lb n="32"/>Seite, weil sein innerer Charakter, Negation, Indifferenz ist, dem Absoluten näher als<lb n="33"/>das Endliche, so auch die Philosophie der Unendlichkeit der Philosophie des Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>soluten näher als die des Endlichen. Der reine Begriff aber, oder die Unendlichkeit,<lb n="35"/>als der Abgrund des Nichts, worinn alles Seyn versinkt, muß den unendlichen<lb n="36"/>Schmerz, der vorher nur in der Bildung geschichtlich und als das Gefühl war, worauf</p>
<pb n="414" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=421" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="189"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK I</fw>
<p><lb n="1"/>die Religion der neuen Zeit beruht, das Gefühl: Gott selbst ist todt, dasjenige, was<lb n="2"/>gleichsam nur empirisch ausgesprochen war, mit Pascals Ausdrücken: la nature est telle<lb n="3"/>qu’elle <hi rendition="#g">marque</hi> partout <hi rendition="#g">un</hi> <hi rendition="#g">Dieu</hi> <hi rendition="#g">perdu</hi> et dans l’homme et hors de l’homme, rein<lb n="4"/>als Moment, aber auch nicht als mehr denn als Moment, der höchsten Idee bezeichnen,<lb n="5"/>und so dem, was etwa auch entweder moralische Vorschrift einer Aufopferung des<lb n="6"/>empirischen Wesens oder der Begriff formeller Abstraction war, eine philosophische<lb n="7"/>Existenz geben, und also der Philosophie die Idee der absoluten Freyheit, und damit<lb n="8"/>das absolute Leiden oder den speculativen Charfreytag, der sonst historisch war, und<lb n="9"/>ihn selbst, in der ganzen Wahrheit und Härte seiner Gottlosigkeit wiederherstellen,<lb n="10"/>aus welcher Härte allein, weil das Heitre, Ungründlichere und Einzelnere der dog<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>matischen Philosophieen, so wie der Naturreligionen verschwinden muß, die höchste<lb n="12"/>Totalität in ihrem ganzen Ernst und aus ihrem tiefsten Grunde, zugleich allumfassend,<lb n="13"/>und in die heiterste Freyheit ihrer Gestalt auferstehen kann, und muß.</p>
<pb n="415" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=422" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ZWEYTEN BANDES ZWEYTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1802</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>Ueber die <hi rendition="#g">wissenschaftlichen</hi> <hi rendition="#g">Behandlungsarten</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Naturrechts</hi>, seine Stelle in der praktischen Philosophie,<lb n="6"/>und sein Verhältniß zu den positiven Rechtswissenschaften.</p>
<pb n="417" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=424" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1, 3–4"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>UEBER DIE WISSENSCHAFTLICHEN BEHANDLUNGSARTEN<lb n="2"/>DES NATURRECHTS, SEINE STELLE IN DER<lb n="3"/>PRAKTISCHEN PHILOSOPHIE, UND SEIN VERHÄLTNISS<lb n="4"/>ZU DEN POSITIVEN RECHTSWISSENSCHAFTEN.</head>
<p><lb n="5"/>Die Wissenschaft des Naturrechts ist gleich andern Wissenschaften, als Mechanik,<lb n="6"/>Physik, zwar längst als eine wesentlich philosophische Wissenschaft, und weil die<lb n="7"/>Philosophie Theile haben muß, als ein wesentlicher Theil derselben anerkannt wor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>den; aber sie hat mit den andern das gemeinschaftliche Schicksal gehabt, daß das<lb n="9"/>philosophische der Philosophie allein in die Metaphysik verlegt, und ihnen wenig<lb n="10"/>Antheil daran vergönnt wurde, sondern daß sie, in ihrem besondern Princip, ganz<lb n="11"/>unabhängig von der Idee gehalten wurden; die als Beyspiele angeführten Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schaften sind endlich gezwungen worden, mehr oder weniger ihrer Entfernung von<lb n="13"/>der Philosophie geständig zu seyn, so daß sie das, was Erfahrung genannt zu werden<lb n="14"/>pflegt, für ihr wissenschaftliches Princip anerkennen, hiemit auf die Ansprüche,<lb n="15"/>wahrhafte Wissenschaften zu seyn, Verzicht thun, und sich begnügen, aus einer<lb n="16"/>Sammlung empirischer Kenntnisse zu bestehen, und sich der Verstandesbegriffe bitt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>weise und ohne damit etwas Objectives behaupten zu wollen, zu bedienen. Wenn<lb n="18"/>solches, was sich philosophische Wissenschaft genannt, aus der Philosophie und aus<lb n="19"/>der Kategorie der Wissenschaft überhaupt zuerst wider seinen Willen ausgeschlossen<lb n="20"/>worden ist, und alsdenn diese Stellung sich am Ende hat gefallen lassen, so hat diese<lb n="21"/>Ausschließung nicht darinn ihren Grund, daß jene sogenannten Wissenschaften<lb n="22"/>nicht von der Wissenschaft der Philosophie selbst ausgegangen und in dem bewußten<lb n="23"/>Zusammenhang mit ihr sich nicht gehalten haben; denn es ist jeder Theil der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sophie in seiner Einzelnheit fähig, eine selbstständige Wissenschaft zu seyn, und eine<lb n="25"/>vollkommene innere Nothwendigkeit zu gewinnen, weil das, wodurch sie wahrhafte<lb n="26"/>Wissenschaft ist, das Absolute ist; in welcher Gestalt es allein das eigenthümliche<lb n="27"/>Princip ist, welches über der Sphäre ihres Erkennens und ihrer Freyheit liegt, und in<lb n="28"/>Beziehung auf welches sie einer äußern Nothwendigkeit angehört; aber von dieser<lb n="29"/>Bestimmtheit bleibt die Idee selbst frey, und vermag sich in dieser bestimmten<lb n="30"/>Wissenschaft so rein zu reflectiren, als das absolute Leben in jedem Lebendigen sich<lb n="31"/>ausdrückt; ohne daß das Wissenschaftliche einer solchen Wissenschaft, oder ihre</p>
<pb n="418" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=425" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="4–6"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>innre Vernünftigkeit sich zum Tage heraus in die reine Form der Idee erhübe, welche<lb n="2"/>das Wesen jeder Wissenschaft und in der Philosophie, als der absoluten Wissenschaft,<lb n="3"/>als diese reine Idee ist; von jener eigenen und doch freyen wissenschaftlichen Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bildung einer Wissenschaft giebt die Geometrie ein glänzendes, von den andern<lb n="5"/>Wissenschaften beneidetes Beyspiel. Eben so ist es auch nicht darum, daß den<lb n="6"/>Wissenschaften, welche wie die obengenannten beschaffen sind, alle Realität ab<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gesprochen werden muß, weil sie eigentlich empirisch seyen; denn wie jeder Theil<lb n="8"/>oder jede Seite der Philosophie eine selbstständige Wissenschaft zu seyn fähig ist,<lb n="9"/>so ist jede unmittelbar damit auch ein selbstständiges und vollendetes Bild, und<lb n="10"/>kann in der Gestalt eines Bildes von einer Anschauung, welche rein und glücklich<lb n="11"/>sich der Verunreinigung mit fixen Begriffen enthält, aufgenommen und dargestellt<lb n="12"/>werden.</p>
<p><lb n="13"/>Die Vollendung der Wissenschaft aber erfodert, daß eben sowohl die Anschauung<lb n="14"/>und das Bild mit dem logischen vereinigt, und in das rein ideelle aufgenommen<lb n="15"/>sey, als daß der abgesonderten obzwar wahrhaften Wissenschaft ihre Einzelnheit<lb n="16"/>genommen, und ihr Princip nach seinem höhern Zusammenhang und Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit erkannt, und eben dadurch selbst vollkommen befreyt werde. Wodurch es allein<lb n="18"/>auch möglich ist, die Gränzen der Wissenschaft zu erkennen, über welche sie ohne<lb n="19"/>dieses in Unwissenheit seyn muß, weil sie sonst über sich selbst stehen und die Natur<lb n="20"/>ihres Princips nach seiner Bestimmtheit in der absoluten Form erkennen müßte;<lb n="21"/>denn aus dieser Erkenntniß würde für sie unmittelbar die Erkenntniß und Gewißheit<lb n="22"/>der Ausdehnung der Gleichheit ihrer verschiedenen Bestimmtheiten folgen; so aber<lb n="23"/>kann sie gegen ihre Gränzen nur empirisch sich verhalten, und muß bald falsche<lb n="24"/>Versuche machen, sie zu überschreiten, bald sie enger meynen, als sie sind, und darum<lb n="25"/>ganz unerwartete Erweiterungen erleben; wie die Geometrie ebenfalls, – welche<lb n="26"/>z. B. zwar die Incommensurabilität des Diameters und der Seite des Quadrats, aber<lb n="27"/>nicht die des Diameters und der Peripherie eines Kreises zu erweisen weiß¹ – noch</p>
<note xml:id="fn-418-1" n="¹"><lb n="28"/><seg type="marke">¹ </seg>Fichte thut sich (in der Einl. zum Naturr.) auf die Einfachheit der Einsicht in den Grund<lb n="29"/>der letztern Incommensurabilität etwas zu gute; krumm sey nemlich im Ernste nicht gerade.<lb n="30"/>Die Oberflächlichkeit dieses Grundes erhellt von sich selbst; und widerlegt sich auch unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>bar durch die erste Incommensurabilität des Diameters und der Seite des Quadrats, welche<lb n="32"/>beyde gerade sind, so wie durch die Quadratur der Parabel. Was die Hülfe betrifft, die ebendas.<lb n="33"/>bey gesundem Menschenverstand gegen die mathematische Unendlichkeit gesucht wird, daß<lb n="34"/>ein Vieleck von unendlich vielen Seiten eben darum, weil es ein Vieleck von unendlich vielen<lb n="35"/>Seiten ist, nicht gemessen werden könne, so müßte theils eben dieselbe Hülfe gegen den un<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>endlichen Progreß, in welchem die absolute Idee sich realisiren soll, zu Gebote stehen; theils ist<lb n="37"/>damit über die Hauptsache, die positive Unendlichkeit, welche nicht unendliche Menge<lb n="38"/>sondern Identität ist, nichts bestimmt, ob diese zu setzen ist; was eben so viel heißt, als daß<lb n="39"/>über Commensurabilität oder Incommensurabilität nichts bestimmt ist.</note>
<pb n="419" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=426" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="5–8"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>mehr die Arithmetik und am meisten die Vereinigung beyder die größten<lb n="2"/>Beyspiele vom Herumtappen der Wissenschaft im Dunkeln an den Gränzen<lb n="3"/>giebt.</p>
<p><lb n="4"/>Wenn die kritische Philosophie auf theoretische Wissenschaften die wichtige<lb n="5"/>negative Wirkung gehabt hat, das Wissenschaftliche an ihnen, als etwas nicht Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tives, sondern dem Mitteldinge zwischen Nichts und Realität, der Vermischung von<lb n="7"/>Seyn und Nichtseyn angehörig zu erweisen, und ihr Geständniß herbeyzuführen, daß<lb n="8"/>sie nur im empirischen Meynen sind, so ist ihr Positives von dieser Seite desto ärmer<lb n="9"/>ausgefallen, und nicht vermögend gewesen, jene Wissenschaften der Philosophie<lb n="10"/>wieder zu geben. Dagegen hat sie das Absolute ganz in die praktische Philosophie<lb n="11"/>gelegt, und in dieser ist sie positives oder dogmatisches Wissen. Wir müssen die<lb n="12"/>kritische Philosophie, welche sich auch transcendentalen Idealismus nennt, wie über<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>haupt, so besonders im Naturrecht als den Culminationspunkt desjenigen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>satzes betrachten, der, wie die Kreise auf der Oberfläche des Wassers von dem Punct<lb n="15"/>an, wo es bewegt wird, sich concentrisch ausbreiten, endlich in kleinen Bewegungen<lb n="16"/>die Beziehung auf einen Mittelpunct verlieren und unendlich werden, sich in<lb n="17"/>frühern wissenschaftlichen Bestrebungen aus der Verschlossenheit der Barbarey von<lb n="18"/>schwächern Anfängen immer mehr vergrößerte, bis er in der kritischen Philosophie<lb n="19"/>durch den absoluten Begriff der Unendlichkeit sich selbst verständigte, und als Un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>endlichkeit auch sich aufhebt. Den frühern Behandlungsarten des Naturrechts, und<lb n="21"/>demjenigen, was für verschiedene Principien desselben angesehen werden müßte,<lb n="22"/>muß daher für das Wesen der Wissenschaft alle Bedeutung abgesprochen werden;<lb n="23"/>weil sie zwar im Gegensatze und in der Negativität, aber nicht in der absoluten<lb n="24"/>Negativität, oder in der Unendlichkeit sind, welche allein für die Wissenschaft ist,<lb n="25"/>sondern so wenig das positive als das negative rein haben, und Vermischungen von<lb n="26"/>beyden sind. Es würde allein das Interesse einer Neugierde über das geschichtliche<lb n="27"/>der Wissenschaft seyn, welches bey ihnen verweilen könnte, sowohl um sie mit der<lb n="28"/>absoluten Idee zu vergleichen, und in der Verzerrung derselben selbst die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wendigkeit zu erblicken, mit welcher durch eine Bestimmtheit, die Princip ist,<lb n="30"/>verzogen die Momente der absoluten Form sich darstellen, und selbst unter der Herr<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schaft eines eingeschränkten Princips doch diese Versuche beherrschen; – als auch<lb n="32"/>den empirischen Zustand der Welt sich in dem ideellen Spiegel der Wissenschaft<lb n="33"/>reflectiren zu sehen.</p>
<p><lb n="34"/>Denn was <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Letzte</hi> <hi rendition="#g">betrifft</hi>, so wird in dem Zusammenhang aller Dinge das<lb n="35"/>empirische Daseyn und der Zustand aller Wissenschaften zwar ebenfalls den Zustand<lb n="36"/>der Welt ausdrücken, aber am nächsten der Zustand des Naturrechts, weil es un<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>mittelbar sich auf das Sittliche, den Beweger aller menschlichen Dinge bezieht, und<lb n="38"/>insofern die Wissenschaft desselben ein Daseyn hat, der Nothwendigkeit angehört,<lb n="39"/>mit der empirischen Gestalt des Sittlichen, welche eben so in der Nothwendigkeit ist,</p>
<pb n="420" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=427" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="8–9"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>eins seyn, und als Wissenschaft dieselbe in der Form der Allgemeinheit ausdrücken<lb n="2"/>muß.</p>
<p><lb n="3"/><hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Erste</hi> <hi rendition="#g">betrifft</hi>, so kann als wahrer Unterschied des Princips der<lb n="4"/>Wissenschaft allein anerkannt werden, ob sie im Absoluten, oder ob sie außer der<lb n="5"/>absoluten Einheit, in dem Gegensatze ist; sie könnte im letztern Fall aber überhaupt<lb n="6"/>gar nicht Wissenschaft seyn, wenn ihr Princip nicht irgend eine unvollständige und<lb n="7"/>relative Einheit, oder der Begriff eines Verhältnisses wäre; und wäre es auch nur die<lb n="8"/>leere Abstraction des Verhältnisses selbst, unter dem Nahmen der Attractivkraft, oder<lb n="9"/>der Kraft des Einsseyns. Wissenschaften, deren Princip kein Verhältnißbegriff, oder<lb n="10"/>nur die leere Kraft des Einsseyns ist, bleibt nichts ideelles, als das erste ideelle Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>hältniß, nach welchem das Kind different gegen die Welt ist, die Form der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stellung, in welche sie die empirischen Qualitäten setzen, und deren Mannichfaltig<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>keit sie hererzählen können; sie würden vorzüglich empirische Wissenschaften heißen.<lb n="14"/>Weil aber praktische Wissenschaften ihrer Natur nach auf etwas reell allgemeines<lb n="15"/>oder auf eine Einheit gehen, welche die Einheit von differentem ist, so müssen in der<lb n="16"/>praktischen Empirie auch die Empfindungen nicht reine Qualitäten, sondern Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>hältnisse, es seyen negative, wie der Selbsterhaltungstrieb, oder positive, als Liebe<lb n="18"/>und Haß, Geselligkeit und dergleichen in sich schließen; und die wissenschaftlichere<lb n="19"/>Empirie unterscheidet sich von jener reinen Empirie nicht im Allgemeinen dadurch,<lb n="20"/>daß Verhältnisse mehr als Qualitäten ihr Gegenstand wären, sondern dadurch, daß<lb n="21"/>sie diese Verhältnisse in der Begriffsform fixirt, und sich an diese negative Absolutheit<lb n="22"/>hält, ohne jedoch diese Form der Einheit und den Innhalt derselben zu trennen; wir<lb n="23"/>werden diese <hi rendition="#g">empirische</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaften</hi> nennen; dagegen diejenige Form der<lb n="24"/>Wissenschaft, in welcher der Gegensatz absolut und die reine Einheit, oder die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>endlichkeit, das negativ absolute rein von dem Innhalt abgesondert, und für sich<lb n="26"/>gesetzt ist, eine <hi rendition="#g">reinformelle</hi> Wissenschaft.</p>
<p><lb n="27"/>Obzwar hiemit ein spezifischer Unterschied zwischen den beyden unächten Arten<lb n="28"/>der wissenschaftlichen Behandlung des Naturrechts festgesetzt ist, nach welchem das<lb n="29"/>Princip der einen Verhältnisse und Vermischungen der empirischen Anschauung und<lb n="30"/>des Allgemeinen, das der andern aber absoluter Gegensatz und absolute Allgemeinheit<lb n="31"/>ist, so erhellt doch von selbst, daß die Ingredienzien beyder, empirische Anschauung<lb n="32"/>und Begriff, dieselben sind, und daß der Formalismus, wie er zu einem Innhalt aus<lb n="33"/>seiner reinen Negation übergeht, ebenfalls zu nichts anderem, als zu Verhältnissen,<lb n="34"/>oder relativen Identitäten gelangen kann; weil das reinideelle oder der Gegensatz<lb n="35"/>absolut gesetzt, also die absolute Idee und Einheit nicht vorhanden seyn kann; und<lb n="36"/>in Beziehung auf die Anschauung, da mit dem Prinzip der absoluten Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>setzung oder des absolutseyns des reinideellen das absolute Princip der Empirie</p>
<pb n="421" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=428" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="9–11"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>gesetzt ist, die Synthesen, insofern sie nicht die bloß negative Bedeutung der Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>hebung eines Theils des Gegensatzes, sondern auch eine positive Bedeutung der<lb n="3"/>Anschauung haben sollen, nur empirische Anschauungen vorstellen.</p>
<p><lb n="4"/>Diese <hi rendition="#g">zwey</hi> <hi rendition="#g">Arten</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">wissenschaftlichen</hi> <hi rendition="#g">Behandlung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">rechts</hi> <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">vors</hi> <hi rendition="#g">erste</hi> <hi rendition="#g">näher</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">charakterisiren</hi>; die erstere in Bezug auf die<lb n="6"/>Weise, wie die absolute Idee nach den Momenten der absoluten Form in ihr erscheint;<lb n="7"/>die andere, wie das Unendliche, oder das negative Absolute es vergebens zu einer<lb n="8"/>positiven Organisation zu bringen sucht; die Auseinandersetzung des letztern Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>suchs wird unmittelbar auf die <hi rendition="#g">Betrachtung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Verhält</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">nisses</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaften</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Sittlichen</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">philosophischer</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">schaften</hi> führen, so wie <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Verhältnisses</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">dem</hi>, was <hi rendition="#g">positive</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">Rechtswissenschaft</hi> genannt wird, und was sich zwar außerhalb der Philosophie<lb n="13"/>hält, und indem es von selbst auf sie Verzicht thut, sich ihrer Kritik entziehen zu<lb n="14"/>können glaubt, zugleich aber doch auch ein absolutes Bestehen und eine wahre<lb n="15"/>Realität zu haben behauptet, welche Prätension nicht nachzusehen ist.</p>
<p><lb n="16"/>Was nun die <hi rendition="#g">Behandlungsart</hi> des Naturrechts betrifft, welche wir <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">em</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">pirische</hi> genannt haben, so kann vors erste überhaupt sich nicht auf die Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heiten und Verhältnißbegriffe selbst, ihrer Materie nach, eingelassen werden, welche<lb n="19"/>sie aufgreift, und unter dem Nahmen von Grundsätzen geltend macht, sondern es ist<lb n="20"/>gerade dieß Absondern und Fixiren von Bestimmtheiten, was negirt werden muß.<lb n="21"/>Die Natur dieses Absonderns bringt es mit sich, daß das wissenschaftliche nur auf die<lb n="22"/>Form der Einheit gehen, und an einem organischen Verhältnisse von den vielerlei<lb n="23"/>Qualitäten, in die es sich vertheilen läßt, wenn sie nicht bloß erzählt werden sollen,<lb n="24"/>um über diese Menge eine Einheit zu erreichen, irgend eine Bestimmtheit heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gehoben, und diese als das Wesen des Verhältnisses angesehen werden muß; aber<lb n="26"/>eben damit ist die Totalität des Organischen nicht erreicht, und das übrige desselben,<lb n="27"/>aus jener erwählten Bestimmtheit ausgeschlossene kommt unter die Herrschaft die<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ser, welche zum Wesen und Zweck erhoben wird. So wird z. B. um das Verhältniß<lb n="29"/>der Ehe zu erkennen, bald die Kinderzeugung, bald die Gemeinschaft der Güter u.s.w.<lb n="30"/>gesetzt, und von einer solchen Bestimmtheit aus, welche als das Wesentliche zum<lb n="31"/>Gesetz gemacht wird, das ganze organische Verhältniß bestimmt und verunreinigt;<lb n="32"/>oder von der Strafe bald die Bestimmtheit der moralischen Besserung des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>brechers, bald des angerichteten Schadens, bald der Vorstellung der Strafe in andern,<lb n="34"/>bald ihrer dem Verbrechen vorhergegangenen Vorstellung des Verbrechers selbst, bald<lb n="35"/>der Nothwendigkeit, daß diese Vorstellung reell, die Drohung ausgeführt werde, u.s.w.<lb n="36"/>aufgegriffen, und eine solche Einzelheit zum Zweck und Wesen des Ganzen gemacht;</p>
<pb n="422" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=429" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="11–13"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>wobey dann natürlich erfolgt, daß weil eine solche Bestimmtheit mit den übrigen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>stimmtheiten, die weiter aufzutreiben und zu unterscheiden sind, nicht in nothwen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>digem Zusammenhange ist, ein Gequäle darüber, um die nothwendige Beziehung und<lb n="4"/>Herrschaft der einen über die andern zu finden, entsteht, das kein Ende nimmt; und daß,<lb n="5"/>weil die innere Nothwendigkeit, die nicht in der Einzelheit ist, fehlt, jede sich die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>abhängigkeit von der andern sehr gut vindiciren kann. – Solche Qualitäten, aus der<lb n="7"/>Vielheit der Verhältnisse, worein das Organische durch empirische oder unvollkom<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>men reflectirte Anschauung zersplittert ist, aufgegriffen und in die Form der Begriffs<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>einheit gesetzt, sind das, was von jenem Wissen das Wesen und die Zwecke genannt,<lb n="10"/>und indem ihre Form des Begriffs als absolutes Seyn der Bestimmtheit, welche den Inn<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>halt des Begriffs ausmacht, ausgedrückt ist, als Grundsätze, Gesetze, Pflichten u.s.w. auf<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gestellt werden; von welcher Verwandlung der Absolutheit der reinen Form, welche<lb n="13"/>aber die negative Absolutheit, oder die reine Identität, der reine Begriff, die Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichkeit ist, in die Absolutheit des Innhalts und der Bestimmtheit, welche in die Form<lb n="15"/>aufgenommen ist, mehr gesprochen werden wird bey dem Princip der kritischen<lb n="16"/>Philosophie, welche jene Verwandlung, die bey dem empirischen Wissen, von wel<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>chem hier die Rede ist, bewußtlos geschieht, mit Reflexion darauf und als absolute<lb n="18"/>Vernunft und Pflicht vornimmt.</p>
<p><lb n="19"/>Diese formale Einheit, in welche die Bestimmtheit durch das Denken gesetzt wird,<lb n="20"/>ist es zugleich, was den Schein der Nothwendigkeit gibt, welche die Wissenschaft<lb n="21"/>sucht; denn die Einheit Entgegengesetzter in Beziehung auf diese als reelle betrachtet,<lb n="22"/>ist ihre Nothwendigkeit. Aber weil die Materie der formalen Einheit, von der<lb n="23"/>gesprochen wird, nicht das Ganze der Entgegengesetzten, sondern nur eines von<lb n="24"/>Entgegengesetzten, eine Bestimmtheit ist, so ist auch die Nothwendigkeit nur eine<lb n="25"/>formale analytische und bezieht sich bloß auf die Form eines identischen oder ana<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lytischen Satzes, in welchem die Bestimmtheit dargestellt werden kann; durch<lb n="27"/>welche Absolutheit des Satzes aber auch eine Absolutheit des Innhalts erschlichen,<lb n="28"/>und so Gesetze und Grundsätze constituirt werden.</p>
<p><lb n="29"/>Aber indem diese empirische Wissenschaft in der Mannichfaltigkeit von solchen<lb n="30"/>Grundsätzen, Gesetzen, Zwecken, Pflichten, Rechten sich befindet, deren keines ab<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>solut ist, muß ihr zugleich das Bild und das Bedürfniß der absoluten Einheit aller<lb n="32"/>dieser zusammenhangslosen Bestimmtheiten und einer ursprünglichen einfachen<lb n="33"/>Nothwendigkeit vorschweben, und wir betrachten, wie sie dieser aus der Vernunft<lb n="34"/>abstammenden Foderung Genüge thun wird, oder wie die absolute Vernunftidee in<lb n="35"/>ihren Momenten unter der Herrschaft des für dieses empirische Wissen unüber<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>windlichen Gegensatzes des Vielen und des Einen dargestellt werden wird; es ist<lb n="37"/>theils an sich interessant, in diesem wissenschaftlichen Bemühen, und in dem trüben</p>
<pb n="423" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=430" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
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<p><lb n="1"/>Medium desselben, selbst noch den Reflex und die Herrschaft des Absoluten, aber<lb n="2"/>zugleich die Verkehrtheit desselben zu erblicken, theils sind die Formen, welche die<lb n="3"/>Momente des Absoluten darin erhalten haben, zu einer Art von Vorurtheilen und<lb n="4"/>zweifelsfreyen, allgemeingeltenden Gedanken geworden, deren Nichtigkeit die<lb n="5"/>Kritik aufzeigen muß, um die Wissenschaft zu rechtfertigen, daß sie keine Rücksicht<lb n="6"/>darauf nimmt; welcher Erweis ihrer Nichtigkeit durch Aufzeigung des realitätslosen<lb n="7"/>Grundes und Bodens, aus dem sie erwachsen, und dessen Geschmack und Natur<lb n="8"/>ihnen sich einwächst, am evidentesten geschieht.</p>
<p><lb n="9"/>Vors erste schwebt der empirischen Wissenschaft die wissenschaftliche Totalität,<lb n="10"/>als eine Totalität des Mannichfaltigen, oder als Vollständigkeit, dem eigentlichen<lb n="11"/>Formalismus aber als Consequenz vor; jene kann ihre Erfahrungen beliebig in die<lb n="12"/>Allgemeinheit erheben, und mit ihren gedachten Bestimmtheiten die Consequenz so<lb n="13"/>weit fortsetzen, bis anderer empirischer Stoff, der jenem widerspricht, aber eben so<lb n="14"/>sein Recht hat gedacht und als Grundsatz ausgesprochen zu werden, die Consequenz<lb n="15"/>der vorhergehenden Bestimmtheit nicht mehr erlaubt, sondern sie zu verlassen<lb n="16"/>zwingt; der Formalismus kann seine Consequenz so weit ausdehnen, als die Leerheit<lb n="17"/>seines Princips es überhaupt erlaubt, oder ein Innhalt, den er sich erschlichen hat;<lb n="18"/>dafür ist er aber auch berechtigt, was der Vollständigkeit abgeht, stolzerweise von<lb n="19"/>seiner Apriorität und Wissenschaft unter dem Ekelnahmen des Empirischen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zuschließen; denn seine formalen Principien behauptet er als das apriorische und<lb n="21"/>absolute, und also dasjenige, dessen er sich durch sie nicht bemeistern kann, als nicht<lb n="22"/>absolutes und zufälliges; wenn er anders sich nicht so zu helfen weiß, daß er zum<lb n="23"/>empirischen überhaupt, und von einer Bestimmtheit wieder zur andern, den for<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mellen Uebergang des Fortschreitens vom Bedingten zur Bedingung findet, und da<lb n="25"/>diese wieder ein bedingtes ist, so fort ins Unendliche; wodurch er aber nicht nur alles<lb n="26"/>Vorzugs vor dem, was er Empirie nennt, sich begibt, sondern, da in dem Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>hang des Bedingten mit der Bedingung diese Entgegengesetzten als absolut bestehend<lb n="28"/>gesetzt werden, selbst ganz in die empirische Nothwendigkeit versinkt, und dieser<lb n="29"/>durch die formale Identität oder das negativ-absolute, womit er sie zusammenhält,<lb n="30"/>den Schein wahrhafter Absolutheit ertheilt.</p>
<p><lb n="31"/>Diese Verbindung der Consequenz mit der Vollständigkeit des Bildes, es sey der<lb n="32"/>letztern vollständigern formalen und leeren Consequenz, oder jener erstern, die mit<lb n="33"/>bestimmten Begriffen als Grundsätzen, von deren einem sie zu andern übergeht, nur<lb n="34"/>in der Inconsequenz consequent ist, verrückt aber unmittelbar die Stellung des<lb n="35"/>Mannichfaltigen, wie es für die reine Empirie ist; für welche jedes gleiche Rechte<lb n="36"/>mit dem andern hat, und welche keine Bestimmtheit, deren eine so reell ist als die<lb n="37"/>andere, der andern vorzieht; worauf wir unten bey Vergleichung der reinen Empirie</p>
<pb n="424" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=431" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–17"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>mit dieser wissenschaftlichen, von der hier die Rede ist, noch zurückkommen<lb n="2"/>werden.</p>
<p><lb n="3"/>Nach dieser formalen Totalität müssen wir betrachten, wie die absolute Einheit,<lb n="4"/>sowohl als einfache Einheit, die wir die ursprüngliche nennen können, als auch als<lb n="5"/>Totalität in dem Reflex des empirischen Wissens erscheint; beyde Einheiten, welche<lb n="6"/>im Absoluten Eins, und deren Identität das Absolute ist, müssen in jenem Wissen<lb n="7"/>getrennt und als ein verschiedenes vorkommen.</p>
<p><lb n="8"/>Was vors erste jene Einheit betrifft, so kann es der Empirie nicht um sie als das<lb n="9"/>Wesen der Nothwendigkeit, das für die Erscheinung ein äußeres Band derselben ist,<lb n="10"/>zu thun seyn; denn in der Einheit, welche die wesentliche ist, ist das Mannichfaltige<lb n="11"/>unmittelbar vernichtet und Nichts; weil mannichfaltiges Seyn Princip der Empirie<lb n="12"/>ist, so ist es ihr versagt, zum absoluten Nichts ihrer Qualitäten, welche für sie absolut<lb n="13"/>und auch durch den Begriff, nach dem sie schlechthin Viele sind, unendlich Viele<lb n="14"/>sind, zu dringen; jene ursprüngliche Einheit kann daher nur eine, so viel möglich ist,<lb n="15"/>einfache und geringe Menge von Qualitäten bedeuten, womit sie zur Erkenntniß<lb n="16"/>der übrigen ausreichen zu können glaubt. Jenes Ideal, worin das, was so ungefähr<lb n="17"/>für willkührlich und zufällig gilt, verwischt, und des Mannichfaltigen die geringste<lb n="18"/>nöthige Menge gesetzt wird, ist für die Empirie im physischen, so wie im sittlichen<lb n="19"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Chaos</hi>, das im letztern bald mehr unter dem Bild des Seyns durch Phantasie<lb n="20"/>als <hi rendition="#g">Naturzustand</hi>, bald mehr unter der Form der Möglichkeit und der Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tion, als eine Aufzählung der im Menschen vorgefundenen Vermögen durch em<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>pirische Psychologie, als <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> vorgestellt<lb n="23"/>wird; und auf diese Weise das, was als schlechthin nothwendig, an sich, absolut<lb n="24"/>einerseits behauptet ist, zugleich andererseits als etwas nicht reelles, bloß eingebildetes<lb n="25"/>und als Gedankending, dort als eine Fiction, hier als eine bloße Möglichkeit an<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>erkannt wird, welches der härteste Widerspruch ist.</p>
<p><lb n="27"/>Es ist für den gemeinen Verstand, welcher sich in der trüben Vermischung dessen,<lb n="28"/>was an sich, und dessen, was vergänglich ist, hält, nichts begreiflicher, als daß er das,<lb n="29"/>was an sich sey, auf die Weise finden könne, daß wenn er aus dem vermischten Bilde<lb n="30"/>des Rechtszustandes alles willkührliche und zufällige absondere, durch diese Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>straction ihm unmittelbar das absolut Nothwendige übrig bleiben müsse; wenn man<lb n="32"/>sich alles hinwegdenke, was eine trübe Ahndung unter das besondere und vergäng<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>liche rechnen kann, als besondern Sitten, der Geschichte, der Bildung, und auch dem<lb n="34"/>Staate angehörig, so bleibt der Mensch unter dem Bilde des nackten Naturzustandes<lb n="35"/>oder das Abstractum desselben mit seinen wesentlichen Möglichkeiten übrig, und<lb n="36"/>man hat nur hinzusehen, um das zu finden, was nothwendig ist; – es muß das, was<lb n="37"/>in Beziehung auf den Staat zu seyn erkannt wird, darum auch mit abgesondert wer-</p>
<pb n="425" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=432" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="17–18"/>
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<p><lb n="1"/>den, weil das chaotische Bild des Nothwendigen nicht die absolute Einheit, sondern<lb n="2"/>nur die einfache Mannichfaltigkeit, die Atomen mit den möglich wenigsten Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schaften enthalten kann, und also was unter den Begriff eines Verknüpfens und<lb n="4"/>Ordnens derselben, als der schwächsten Einheit, deren das Princip der Vielheit fähig<lb n="5"/>ist, fallen kann, als das erst spätere und hinzukommende zu jener Vielheit daraus aus<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>geschlossen ist. Es fehlt nun bey jener Scheidung dem Empirismus vors erste über<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>haupt alles Criterium darüber, wo die Grenze zwischen dem Zufälligen und Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wendigen gehe, was also im Chaos des Naturzustandes oder in der Abstraction des<lb n="9"/>Menschen bleiben und was weggelassen werden müsse; die leitende Bestimmung<lb n="10"/>kann hierinn nichts anders seyn, als daß so viel darinn sey, als man für die Darstellung<lb n="11"/>dessen, was in der Wirklichkeit gefunden wird, braucht; das richtende Princip für<lb n="12"/>jenes apriorische ist das aposteriorische. Was in der Vorstellung des Rechtszustandes<lb n="13"/>geltend gemacht werden soll, dafür hat man nur, um seinen Zusammenhang mit<lb n="14"/>dem Ursprünglichen und Nothwendigen und also es selbst als nothwendig dar<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zuthun, zu diesem Behuf eine eigene Qualität, oder Vermögen in das Chaos zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>legen; nach der Weise der vom Empirischen ausgehenden Wissenschaften überhaupt,<lb n="17"/>zur sogenannten Erklärung der Wirklichkeit Hypothesen zu machen, in welchen<lb n="18"/>diese Wirklichkeit in derselben Bestimmtheit nur in ganz formell-ideeller Gestalt als<lb n="19"/>Kraft, Materie, Vermögen gesetzt, eins also aus dem andern auch sehr leicht begreif<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lich und erklärlich ist.</p>
<p><lb n="21"/>Auf einer Seite bringt es diese trübe Ahndung von ursprünglicher und absoluter<lb n="22"/>Einheit, welche sich im Chaos des Naturstandes und in der Abstraction von Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mögen und Neigungen äußert, nicht bis zur absoluten negativen Einheit, sondern<lb n="24"/>sie geht nur auf Auslöschung einer großen Menge von Besonderheiten und Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gegensetzungen; aber es bleibt noch eine unbestimmbare Menge von qualitativen<lb n="26"/>Bestimmtheiten in ihm, die eben so wenig für sich eine andere als eine empirische,<lb n="27"/>und für einander keine innere Nothwendigkeit haben; sie haben nur die Beziehung,<lb n="28"/>als Vieles, und weil dieß Viele für einander, aber ohne Einheit ist, als sich entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gesetzt und in absolutem Widerstreite gegeneinander bestimmt zu seyn; und die<lb n="30"/>abgesonderten Energieen des Sittlichen müssen in dem Naturzustande oder in dem<lb n="31"/>Abstractum des Menschen als in einem sich gegenseitig vernichtenden Kriege gedacht<lb n="32"/>werden. Es ist aber eben darum leicht zu zeigen, daß, indem diese Qualitäten ein<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>ander schlechthin entgegengesetzt, und also rein ideell sind, sie in dieser Idealität<lb n="34"/>und Absonderung nicht, wie es doch seyn soll, bestehen können, sondern sich auf<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heben, und auf Nichts reduciren; aber zu dieser absoluten Reflexion und zu der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sicht des Nichts der Bestimmtheiten im absolut einfachen vermag es die Empirie<lb n="37"/>nicht zu bringen, sondern das viele Nichts bleibt für sie eine Menge von Realitäten.</p>
<pb n="426" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=433" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="18–20"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Zu dieser Vielheit aber muß die positive als absolute Totalität sich ausdrückende<lb n="2"/>Einheit für den Empirismus als ein anderes und fremdes hinzukommen, und schon in<lb n="3"/>dieser Form des Verknüpfens der beyden Seiten der absoluten Identität ist es ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>halten, daß die Totalität eben so getrübt und unrein als die der ursprünglichen Einheit<lb n="5"/>sich darstellen wird. Der Grund des Seyns der einen dieser hier abgesonderten Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heiten für die andere, oder des Uebergangs von der ersten zur zweyten ist der Empirie<lb n="7"/>eben so leicht anzugeben, als es ihr überhaupt mit dem Begründen leicht wird. Nach<lb n="8"/>der Fiction des Naturzustandes wird er um der Uebel willen, die er mit sich führt,<lb n="9"/>verlassen, was nichts anders heißt, als es wird vorausgesetzt, wohin man gelangen will,<lb n="10"/>daß nemlich eine Einstimmung des als Chaos widerstreitenden das gute oder das sey,<lb n="11"/>wohin man kommen müsse; oder in die Vorstellung der ursprünglichen Qualitäten<lb n="12"/>als Möglichkeiten wird unmittelbar ein solcher Grund des Uebergangs als Trieb der<lb n="13"/>Geselligkeit hineingelegt, oder auf die Begriffsform eines Vermögens Verzicht gethan,<lb n="14"/>und sogleich zu dem ganz besondern der Erscheinung jener zweyten Einheit, zu<lb n="15"/>geschichtlichem, als Unterjochung der Schwächern durch Mächtigere u.s.w. fort<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gegangen. Die Einheit selbst aber kann, nach dem Princip der absoluten qualitativen<lb n="17"/>Vielheit, wie in der empirischen Physik, nichts als wieder mannichfaltige Verwick<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lungen des als ursprünglich gesetzten einfachen und abgesonderten Vielen, oberfläch<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>liche Berührungen dieser Qualitäten, die für sich selbst in ihrer Besonderheit un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zerstörbar und nur leichte, theilweise Verbindungen und Vermischungen einzugehen<lb n="21"/>vermögend sind, an die Stelle der vielen atomen Qualitäten, also eine Vielheit von<lb n="22"/>getheiltem oder von Verhältnissen darstellen, und insofern die Einheit als Ganzes<lb n="23"/>gesetzt wird, den leeren Nahmen einer formlosen und äußern Harmonie, unter dem<lb n="24"/>Nahmen der Gesellschaft und des Staats setzen. Wenn diese Einheit auch, es sey für<lb n="25"/>sich, oder in einer mehr empirischen Beziehung nach ihrer Entstehung als absolut,<lb n="26"/>von Gott ihren unmittelbaren Ursprung erhaltend, und wenn in ihrem Bestehen auch<lb n="27"/>der Mittelpunkt und das innere Wesen als göttlich vorgestellt wird, so bleibt doch<lb n="28"/>diese Vorstellung wieder etwas formelles, nur über der Vielheit schwebendes, nicht<lb n="29"/>sie durchdringendes. Es sey, daß Gott nicht nur als Stifter der Vereinigung, sondern<lb n="30"/>auch als ihr Erhalter, und in Beziehung auf das letztere die Majestät der obersten<lb n="31"/>Gewalt, als sein Abglanz und in sich göttlich erkannt werde, so ist das göttliche der<lb n="32"/>Vereinigung ein äußeres für die vereinigten Vielen, welche mit demselben nur im<lb n="33"/>Verhältniß der Herrschaft gesetzt werden müssen, weil das Princip dieser Empirie die<lb n="34"/>absolute Einheit des Einen und Vielen ausschließt; auf welchem Punkte dieses Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>hältnisses sie unmittelbar mit dem ihr entgegengesetzten Princip, für welches die</p>
<pb n="427" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=434" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="20–22"/>
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<p><lb n="1"/>abstracte Einheit das erste ist, zusammentrifft, nur daß die Empirie über ihre In<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>consequenzen, die aus der Vermischung so specifisch verschieden gesetzter Dinge,<lb n="3"/>wie die abstracte Einheit, und die absolute Vielheit ist, entspringen, nicht verlegen<lb n="4"/>ist, und eben darum auch den Vortheil hat, Ansichten, die außer ihrer bloß materiellen<lb n="5"/>Seite Erscheinungen von einem reinern und göttlichern innern sind, als nach dem<lb n="6"/>Princip der Entgegensetzung, worinn allein Herrschen und Gehorchen möglich,<lb n="7"/>geschehen kann, den Zugang nicht zu verschließen.</p>
<p><lb n="8"/>Der Naturzustand und die den Individuen fremde und darum selbst einzelne und<lb n="9"/>besondere Majestät und Göttlichkeit des Ganzen des Rechtszustandes, so wie das<lb n="10"/>Verhältniß der absoluten Unterwürfigkeit der Subjecte unter jene höchste Gewalt,<lb n="11"/>sind die Formen, in welchen die zersplitterten Momente der organischen Sittlich<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>keit – das Moment der absoluten Einheit, und derselben, insofern sie den Gegensatz<lb n="13"/>der Einheit und Vielheit in sich begreift und absolute Totalität ist, und das Moment<lb n="14"/>der Unendlichkeit, oder des Nichts der Realitäten des Gegensatzes, – als besondere<lb n="15"/>Wesenheiten fixirt, und eben dadurch, so wie die Idee verkehrt sind. Die absolute<lb n="16"/>Idee der Sittlichkeit enthält dagegen den Naturstand, und die Majestät, als schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>hin identisch, indem die letztere selbst nichts anders als die absolute sittliche Natur ist,<lb n="18"/>und an keinen Verlust der absoluten Freyheit, welche man unter der natürlichen<lb n="19"/>Freyheit verstehen müßte, oder ein Aufgeben der sittlichen Natur, durch das reell<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyn der Majestät gedacht werden kann; das natürliche aber, welches im sittlichen<lb n="21"/>Verhältniß als ein aufzugebendes gedacht werden müßte, würde selbst nichts sittliches<lb n="22"/>seyn, und also am wenigsten dasselbe in seiner Ursprünglichkeit darstellen. Eben so<lb n="23"/>wenig ist die Unendlichkeit oder das Nichts des Einzelnen, der Subjecte, in der<lb n="24"/>absoluten Idee fixirt, und in relativer Identität mit der Majestät, als ein Verhältniß<lb n="25"/>der Unterwürfigkeit, in welchem auch die Einzelnheit etwas schlechthin gesetztes wäre;<lb n="26"/>sondern in der Idee ist die Unendlichkeit wahrhaftig, die Einzelnheit als solche nichts,<lb n="27"/>und schlechthin Eins mit der absoluten sittlichen Majestät, welches wahrhafte leben<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dige nicht unterwürfige Einsseyn allein die wahrhafte Sittlichkeit des Einzelnen ist.</p>
<p><lb n="29"/>Wir haben die wissenschaftliche Empirie, insofern sie wissenschaftlich ist, der<lb n="30"/>positiven Nichtigkeit, und der Unwahrheit ihrer Grundsätze, Gesetze u.s.w. an<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>geklagt, weil sie Bestimmtheiten durch die formale Einheit, in welche sie dieselbe<lb n="32"/>versetzt, die negative Absolutheit des Begriffs ertheilt, und sie als positiv absolut und<lb n="33"/>an sich seyend, als Zweck und Bestimmung, Grundsatz, Gesetz, Pflicht und Recht,<lb n="34"/>welche Formen etwas absolutes bedeuten, ausspricht; um aber die Einheit eines or<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ganischen Verhältnisses, welches diesem qualitativen Bestimmen eine Menge solcher</p>
<pb n="428" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=435" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="22–24"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Begriffe darbietet, zu erhalten, muß Einer als Zweck, Bestimmung oder Gesetz aus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gedrückten Bestimmtheit eine Herrschaft über die andern Bestimmtheiten der<lb n="3"/>Mannichfaltigkeit gegeben, und diese vor ihr als unreell und nichtig gesetzt werden.<lb n="4"/>In dieser Anwendung und Consequenz ist es, daß die Anschauung als innere Totalität<lb n="5"/>vernichtet wird; es ist daher die Inconsequenz, durch welche jene Aufnahme der<lb n="6"/>Bestimmtheiten in den Begriff sich berichtigen und die der Anschauung angethane<lb n="7"/>Gewalt aufheben kann; denn die Inconsequenz vernichtet unmittelbar die einer<lb n="8"/>Bestimmtheit vorher ertheilte Absolutheit. Von dieser Seite muß die alte durchaus<lb n="9"/>inconsequente Empirie nicht im Verhältniß zur absoluten Wissenschaft als solcher,<lb n="10"/>aber im Verhältniß zur Consequenz der empirischen Wissenschaftlichkeit, von wel<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>cher die Rede bisher gewesen, gerechtfertigt werden. Eine große und reine An<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schauung vermag auf diese Art in dem rein architektonischen ihrer Darstellung, an<lb n="13"/>welchem der Zusammenhang der Nothwendigkeit, und die Herrschaft der Form<lb n="14"/>nicht ins sichtbare hervortritt, das wahrhaft sittliche auszudrücken; einem Gebäude<lb n="15"/>gleich, das den Geist seines Urhebers in der auseinandergeworfenen Masse stumm<lb n="16"/>darstellt, ohne daß dessen Bild selbst, in Eins versammelt, als Gestalt darin auf<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gestellt wäre. Es ist in einer solchen durch Hülfe von Begriffen gemachten Darstellung<lb n="18"/>nur eine Ungeschicklichkeit der Vernunft, daß sie das, was sie umfaßt und durch<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dringt, nicht in die ideelle Form erhebt und sich desselben als Idee bewußt wird;<lb n="20"/>wenn die Anschauung sich nur selbst getreu bleibt, und vom Verstande sich nicht irre<lb n="21"/>machen läßt, so wird sie, insofern sie der Begriffe zu ihrem Ausdruck nicht entbehren<lb n="22"/>kann, sich in Ansehung derselben ungeschickt verhalten, im Durchgang durchs<lb n="23"/>Bewußtseyn verkehrte Gestalten annehmen und für den Begriff sowohl unzusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>hängend als widersprechend seyn; aber die Anordnung der Theile und der sich<lb n="25"/>modificirenden Bestimmtheiten lassen den zwar unsichtbaren aber innern vernünf<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tigen Geist errathen, und insofern diese seine Erscheinung als Product und Resultat<lb n="27"/>betrachtet wird, wird es mit der Idee als Product vollkommen übereinstimmen. Für<lb n="28"/>den Verstand ist hiebey nichts leichter, als über diese Empirie herzufallen, jenen un<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>geschickten Gründen andere entgegenzusetzen, die Confusion und den Widerspruch<lb n="30"/>der Begriffe aufzuzeigen, aus den vereinzelten Sätzen Consequenzen zu ziehen, welche<lb n="31"/>das härteste und unvernünftigste ausdrücken, und auf mannichfaltige Weise das<lb n="32"/>unwissenschaftliche der Empirie darzulegen; woran dieser ihr Recht widerfährt,<lb n="33"/>besonders wenn sie entweder die Prätension hat, wissenschaftlich zu seyn, oder<lb n="34"/>gegen die Wissenschaft als solche polemisch ist. Dagegen wenn Bestimmtheiten<lb n="35"/>fixirt, und ihr Gesetz mit Consequenz durch die von der Empirie aufgetriebenen<lb n="36"/>Seiten durchgeführt, die Anschauung ihnen unterworfen, und überhaupt das gebildet<lb n="37"/>wird, was Theorie genannt zu werden pflegt, so hat die Empirie diese mit Recht</p>
<pb n="429" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=436" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="24–26"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>der Einseitigkeit anzuklagen; und es steht durch die Vollständigkeit der Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>heiten, die sie geltend macht, in ihrer Gewalt, jene Theorie mit Instanzen zu einer<lb n="3"/>Allgemeinheit zu nöthigen, die ganz leer wird. Jene Beschränktheit der Begriffe, das<lb n="4"/>Fixiren von Bestimmtheiten, die Erhebung einer aufgegriffenen Seite der Erscheinung<lb n="5"/>in die Allgemeinheit und die ihr ertheilte Herrschaft über die andern ist es, was in den<lb n="6"/>letzten Zeiten sich nicht mehr Theorie, sondern Philosophie, und je nachdem sie sich<lb n="7"/>zu leerern Abstractionen erschwang und sich reinerer Negationen bemächtigte, wie<lb n="8"/>Freyheit, reiner Wille, Menschheit u.s.w. Metaphysik genannt hat, und sowohl im<lb n="9"/>Naturrecht als besonders im Staats- und in dem peinlichen Recht philosophische<lb n="10"/>Revolutionen hervorgebracht zu haben glaubte, wenn sie mit solchen wesenlosen<lb n="11"/>Abstractionen und positiv ausgedrückten Negationen als Freyheit, Gleichheit, reinem<lb n="12"/>Staate u.s.w. oder mit aus der gemeinen Empirie aufgegriffenen Bestimmtheiten, die<lb n="13"/>eben so wesenlos wie jene sind, wie Zwang, besonders psychologischer Zwang, mit<lb n="14"/>seinem ganzen Anhang von Entgegensetzung der praktischen Vernunft und der sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichen Triebfedern, und was sonst in dieser Psychologie einheimisch ist, diese Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schaften hin- und herzerrte, und dergleichen nichtige Begriffe gleichfalls als absolute<lb n="17"/>Vernunftzwecke, Vernunftgrundsätze und Gesetze, mit mehr oder weniger Conse<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>quenz durch eine Wissenschaft hindurch zwang. Mit Recht fodert die Empirie, daß<lb n="19"/>ein solches Philosophiren sich an der Erfahrung orientiren müsse, sie besteht mit<lb n="20"/>Recht auf ihrer Zähigkeit gegen ein solches Gerüste und Künsteley von Grundsätzen;<lb n="21"/>und zieht ihre empirische Inconsequenz, welche sich auf eine wenn auch trübe An<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schauung eines Ganzen gründet, der Consequenz eines solchen Philosophirens, und<lb n="23"/>ihre eigene Confusion z. B. der Sittlichkeit, Moralität, Legalität, oder in einem ein<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zelnern Falle, in der Straffe, die Confusion von Rache, Sicherheit des Staats, Bes<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>serung, Ausführung der Drohung, Abschreckung, Prävention u.s.w. sey es in einer<lb n="26"/>wissenschaftlichen Rücksicht, oder im praktischen Leben, dem absoluten Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>einanderhalten dieser verschiedenen Seiten Einer und ebenderselben Anschauung und<lb n="28"/>dem Bestimmen des Ganzen derselben durch eine einzelne dieser Qualitäten, vor, –<lb n="29"/>behauptet mit Recht, daß die Theorie, und jenes, was sich Philosophie und Meta<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>physik nennt, keine Anwendung habe, und der nothwendigen Praxis widerspreche;<lb n="31"/>welche Nichtanwendbarkeit besser so ausgedrückt würde, daß in jener Theorie und<lb n="32"/>Philosophie nichts absolutes, keine Realität und Wahrheit ist. Die Empirie wirft end<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lich mit Recht solchem Philosophiren auch seinen Undank gegen sie vor, indem sie<lb n="34"/>es ist, welche ihm den Inhalt seiner Begriffe liefert, und denselben durch jenes ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>derbt und verkehrt werden sehen muß; denn die Empirie bietet die Bestimmtheit<lb n="36"/>des Innhalts in einer Verwicklung und Verbundenheit mit andern Bestimmtheiten<lb n="37"/>dar, welche in ihrem Wesen ein Ganzes, organisch und lebendig ist, was durch jene<lb n="38"/>Zerstücklung, und durch jene Erhebung wesenloser Abstractionen und Einzelheiten<lb n="39"/>zur Absolutheit, getödtet wird.</p>
<pb n="430" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=437" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="26–27"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Eine Empirie würde gegen solche Theorie und Philosophie mit dem größten<lb n="2"/>Rechte sich behaupten, und die Menge der Grundsätze, Zwecke, Gesetze, Pflichten,<lb n="3"/>Rechte, als etwas nicht absolutes, sondern als Unterscheidungen, die für die Bildung,<lb n="4"/>durch die ihr ihre eigene Anschauung klarer wird, wichtig sind, – betrachten, wenn<lb n="5"/>sie selbst rein wäre und bliebe. Aber wenn die Empirie mit der Theorie in den Kampf<lb n="6"/>zu treten scheint, so zeigt sich gewöhnlich, daß die eine wie die andere eine durch<lb n="7"/>reflectiren schon vorher verunreinigte und aufgehobene Anschauung und verkehrte<lb n="8"/>Vernunft und was sich für Empirie ausgibt, nur das schwächere in der Abstraction<lb n="9"/>und dasjenige ist, was mit weniger Selbstthätigkeit seine Beschränktheiten nicht<lb n="10"/>selbst herausgenommen, unterschieden und fixirt hat, sondern in solchen, welche in<lb n="11"/>der allgemeinen Bildung fest geworden, als gesunder Menschenverstand vorhanden<lb n="12"/>sind, und darum unmittelbar aus der Erfahrung aufgenommen zu seyn scheinen,<lb n="13"/>befangen ist. Zwischen solcher festgewordenen Verkehrtheit der Anschauung, und<lb n="14"/>den jetzt erst fixirten Abstractionen ist das Bild des Streits nothwendig eben so bunt<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schäckig als sie selbst sind; jede gebraucht gegen die andere bald eine Abstraction,<lb n="16"/>bald eine sogenannte Erfahrung, und es ist auf beyden Seiten Empirie, die sich an<lb n="17"/>Empirie, und Beschränktheit, welche sich an Beschränktheit zerschlägt, bald ein<lb n="18"/>Großthun mit Grundsätzen und Gesetzen gegen die Philosophie, und Ausschließung<lb n="19"/>derselben als einer incompetenten Richterin über solche absolute Wahrheiten, in die<lb n="20"/>sich der Verstand festgerennt hat, bald ein Mißbrauch derselben für das Räsonnement<lb n="21"/>und eine Berufung auf dieselbe.</p>
<p><lb n="22"/>Dieses relative Recht, welches der Empirie, wenn die Anschauung in ihr das herr<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schende ist, gegen die Vermischung des empirischen und reflectirten eingeräumt<lb n="24"/>worden, bezieht sich erinnertermaßen auf das bewußtlose innere derselben, aber die<lb n="25"/>Mitte zwischen beydem, jenem innern, und ihrem äußern, das Bewußtseyn ist die<lb n="26"/>Seite, nach welcher hin ihr Mangel und darum ihre Einseitigkeit liegt; und ihr Hin<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>treiben gegen das wissenschaftliche und die unvollständige Verknüpfung und bloße<lb n="28"/>Berührung mit dem Begriff, durch welchen sie sich auf diese Weise nur verunreinigt,<lb n="29"/>stammt aus der Nothwendigkeit, daß die Vielheit und Endlichkeit sich in die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>endlichkeit oder in die Allgemeinheit absolut versenke.</p>
<p><lb n="31"/>Die Seite der Unendlichkeit aber ist es, was das Princip der dem empirischen<lb n="32"/>sich entgegensetzenden Apriorität ausmacht, zu dessen Betrachtung wir jetzt über<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gehen.</p>
<p><lb n="34"/>Das Hingehen des empirischen Meynens und seiner Vermischung des mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>faltigen mit dem einfachen gegen den Begriff ist in dem absoluten Begriff oder in der<lb n="36"/>Unendlichkeit seinem Schwanken entnommen und die unvollständige Trennung</p>
<pb n="431" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=438" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="27–29"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>entschieden. In einer niedrigern Abstraction ist die Unendlichkeit zwar auch als<lb n="2"/>Absolutheit des Subjects in der Glückseligkeitslehre überhaupt, und im Naturrecht<lb n="3"/>insbesondere von den Systemen, welche antisocialistisch heißen und das Seyn des<lb n="4"/>Einzelnen als das Erste und Höchste setzen, herausgehoben, aber nicht in die reine<lb n="5"/>Abstraction, welche sie in dem Kantischen oder Fichteschen Idealismus erhalten<lb n="6"/>hat.</p>
<p><lb n="7"/>Es gehört nicht hieher, die Natur der Unendlichkeit und ihrer mannichfaltigen<lb n="8"/>Verwandlungen darzustellen; denn wie sie das Princip der Bewegung und der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>änderung ist, so ist ihr Wesen selbst nichts anders, als das unvermittelte Gegentheil<lb n="10"/>seiner selbst zu seyn; oder sie ist das negativ Absolute, die Abstraction der Form,<lb n="11"/>welche, indem sie reine Identität, unmittelbar reine Nichtidentität oder absolute<lb n="12"/>Entgegensetzung; indem sie reine Idealität, eben so unmittelbar reine Realität; indem<lb n="13"/>sie das unendliche, das absolutendliche; indem sie das unbestimmte, die absolute<lb n="14"/>Bestimmtheit ist. Der absolute Uebergang ins entgegengesetzte, der ihr Wesen ist,<lb n="15"/>und das Verschwinden jeder Realität in seinem Gegentheil kann nicht anders auf<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gehalten werden, als daß empirischer Weise die eine Seite derselben, nemlich die<lb n="17"/>Realität, oder das Bestehen der entgegengesetzten fixirt und von dem Gegentheil,<lb n="18"/>dem Nichts dieses Bestehens abstrahirt wird. Dieses reelle entgegengesetzte ist auf<lb n="19"/>einer Seite das mannichfaltige Seyn oder die Endlichkeit und ihr gegenüber die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>endlichkeit als Negation der Vielheit und positiv als reine Einheit; und der absolute<lb n="21"/>Begriff auf diese Weise constituirt gibt in dieser Einheit dasjenige, was reine Vernunft<lb n="22"/>genannt worden ist. Das Verhältniß dieser reinen Einheit aber zu dem ihr gegenüber<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stehenden mannichfaltigen seyenden ist selbst wieder eben so eine gedoppelte Be<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ziehung, entweder die positive des Bestehens beyder, oder des Vernichtetseyns bey<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>der; sowohl jenes Bestehen aber als dieses Vernichtetseyn ist nur als ein theilweises<lb n="26"/>zu verstehen, denn wäre jenes Bestehen beyder absolut, so wäre gar keine Beziehung<lb n="27"/>beyder, und wäre das vollkommene Vernichtetseyn beyder gesetzt, so wäre nicht ein<lb n="28"/>Bestehen beyder; dieses theilweise Bestehen und theilweise negirtseyn beyder, – das<lb n="29"/>Entgegensetzen eines theilbaren Ichs einem theilbaren Nicht-Ich im Ich, d. i. in der<lb n="30"/>eben darum gleichfalls theilweisen Beziehung ist das absolute Princip dieser Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sophie. In der ersten, der positiven Beziehung, heißt die reine Einheit theoretische,<lb n="32"/>in der negativen Beziehung praktische Vernunft; und weil in dieser die Negation<lb n="33"/>der Entgegensetzung das Erste, also die Einheit als das mehr bestehende, in der ersten<lb n="34"/>aber das Bestehen des Gegensatzes das Erste, also die Vielheit das zuerst und mehr<lb n="35"/>bestehende ist, so erscheint hier die praktische Vernunft als die reelle, die theoretische<lb n="36"/>aber als die ideelle. – Man sieht aber, daß diese Bestimmung ganz dem Gegensatze<lb n="37"/>und der Erscheinung angehört; denn die reine Einheit, die als Vernunft gesetzt wird,</p>
<pb n="432" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=439" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="29–31"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>ist freylich negativ, ideell, wenn das entgegengesetzte, Viele, was hiemit das un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>vernünftige ist, schlechthin ein Bestehen hat; so wie sie als mehr bestehend und reeller<lb n="3"/>erscheint, wenn das Viele, als negirt, oder vielmehr als zu negirend gesetzt ist. Jenes<lb n="4"/>unvernünftige Viele aber, wie die Natur gegen die Vernunft als die reine Einheit<lb n="5"/>gesetzt wird, ist nur darum unvernünftig, weil sie als die wesenlose Abstraction des<lb n="6"/>Vielen, und hingegen die Vernunft als die wesenlose Abstraction des Einen gesetzt<lb n="7"/>ist; an sich aber betrachtet, ist sowohl jenes Viele absolute Einheit des Einen und<lb n="8"/>Vielen, als diese Einheit; und die Natur oder die theoretische Vernunft, welche das<lb n="9"/>Viele ist, als absolute Einheit des Einen und Vielen, muß vielmehr umgekehrt als die<lb n="10"/>reelle Vernunft, die sittliche, welche die Einheit ist, als absolute Einheit des Einen und<lb n="11"/>Vielen, aber als die ideelle bestimmt werden; weil in der Entgegensetzung die<lb n="12"/>Realität in der Vielheit, die Idealität aber in der Einheit ist.</p>
<p><lb n="13"/>Es ist an dem, was praktische Vernunft heißt, deßwegen allein die <hi rendition="#g">formelle</hi><lb n="14"/>Idee der Identität des ideellen und reellen zu erkennen und diese Idee sollte in diesen<lb n="15"/>Systemen der absolute Indifferenzpunkt seyn; aber jene Idee kommt nicht aus der<lb n="16"/>Differenz, und das ideelle nicht zur Realität; denn ungeachtet in dieser praktischen<lb n="17"/>Vernunft das ideelle und reelle identisch ist, bleibt doch das reelle schlechthin ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gegengesetzt; dieses reelle ist außer der Vernunft wesentlich gesetzt, und nur in der<lb n="19"/>Differenz gegen dasselbe ist die praktische Vernunft; deren Wesen begriffen wird als<lb n="20"/>ein Causalitätsverhältniß zum Vielen; als eine Identität, welche mit einer Differenz<lb n="21"/>absolut afficirt, und aus der Erscheinung nicht heraus geht. Diese Wissenschaft des<lb n="22"/>sittlichen, welche von der absoluten Identität des ideellen und reellen spricht, thut<lb n="23"/>sonach nicht nach ihren Worten, sondern ihre sittliche Vernunft ist in Wahrheit und<lb n="24"/>in ihrem Wesen eine Nichtidentität des ideellen und reellen. – Es ist vorhin die sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>liche Vernunft als das Absolute in der Form der Einheit bestimmt worden, und hie<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mit, indem sie selbst als eine Bestimmtheit gesetzt wird, scheint sie unmittelbar in<lb n="27"/>dieser Bestimmung eben so wesentlich mit einem Gegensatze gesetzt zu seyn. Der<lb n="28"/>Unterschied ist aber, daß die wahrhafte Realität und das Absolute derselben von<lb n="29"/>diesem Gegensatz gegen die Natur ganz frey, und daß sie absolute Identität des<lb n="30"/>ideellen und reellen ist. Das Absolute wird nach seiner Idee erkannt als diese Identität<lb n="31"/>differenter, deren Bestimmtheit ist, der einen die Einheit, der andern die Vielheit zu<lb n="32"/>seyn, und diese Bestimmtheit ist ideell, d. h. sie ist nur in der Unendlichkeit nach dem<lb n="33"/>oben aufgezeigten Begriffe derselben: diese Bestimmtheit ist eben so wohl auf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gehoben, als sie gesetzt ist; jede, sowohl die Einheit als die Vielheit, deren Identität<lb n="35"/>das Absolute ist, ist selbst Einheit des Einen und Vielen. Aber die eine, deren ideelle<lb n="36"/>Bestimmung die Vielheit ist, ist das Bestehen der Entgegengesetzten, die positive<lb n="37"/>Realität, und darum ist ihr selbst ein entgegengesetztes, gedoppeltes Verhältniß noth-</p>
<pb n="433" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=440" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="31–33"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>wendig. Weil das reelle in ihr besteht, ist ihre Identität eine relative und diese relative<lb n="2"/>Identität der entgegengesetzten ist die Nothwendigkeit; wie sie also in der Differenz<lb n="3"/>ist, so muß auch ihr Verhältniß selbst oder die Identität des Verhältnisses ein differen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tes seyn; sowohl daß in ihm die Einheit, als daß die Vielheit das Erste ist; dieses zwei<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>fache Verhältniß bestimmt die gedoppelte Seite der Nothwendigkeit oder der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>scheinung des Absoluten. Da dieses zweifache Verhältniß auf die Vielheit fällt, und<lb n="7"/>wenn wir die Einheit der differenten, welche auf der andern Seite steht, und in welcher<lb n="8"/>jene Realität oder das Viele aufgehoben ist, die Indifferenz nennen, so ist das Absolute<lb n="9"/>die Einheit der Indifferenz und des Verhältnisses; und weil dieses ein gedoppeltes ist,<lb n="10"/>ist die Erscheinung des Absoluten bestimmt, als Einheit der Indifferenz, und des<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>jenigen Verhältnisses, oder derjenigen relativen Identität, in welcher das Viele das<lb n="12"/>Erste, das positive ist, – und als Einheit der Indifferenz und desjenigen Verhältnisses,<lb n="13"/>in welchem die Einheit das Erste und positive ist; jene ist die physische, diese die<lb n="14"/>sittliche Natur. Und da die Indifferenz oder die Einheit die Freyheit, das Verhältniß<lb n="15"/>aber, oder die relative Identität die Nothwendigkeit ist, so ist jede dieser beyden<lb n="16"/>Erscheinungen das Einsseyn und die Indifferenz der Freyheit und der Nothwendigkeit.<lb n="17"/>Die Substanz ist absolut und unendlich; in diesem Prädicat Unendlichkeit ist die<lb n="18"/>Nothwendigkeit der göttlichen Natur oder ihre Erscheinung, und diese Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wendigkeit drückt sich als Realität eben in einem gedoppelten Verhältnisse aus; jedes<lb n="20"/>der beyden Attribute drückt selbst die Substanz aus, und ist absolut und unendlich,<lb n="21"/>oder die Einheit der Indifferenz und des Verhältnisses; und an dem Verhältnisse ist<lb n="22"/>ihr Unterschied so gesetzt, daß in dem Verhältnisse der einen das Viele, in dem Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>hältnisse der andern, das Eine das Erste oder das gegen die andern heraus gekehrte ist.<lb n="24"/>Weil aber in der sittlichen Natur selbst in ihrem Verhältniß die Einheit das Erste ist,<lb n="25"/>so ist sie auch in dieser relativen Identität d. i. in ihrer Nothwendigkeit frey; oder<lb n="26"/>weil die relative Identität dadurch, daß die Einheit das erste ist, nicht aufgehoben<lb n="27"/>wird, so ist diese zweyte Freyheit so bestimmt, daß das Nothwendige für die sittliche<lb n="28"/>Natur zwar ist, aber negativ gesetzt ist. Würden wir nun diese Seite der relativen<lb n="29"/>Identität der sittlichen Natur isoliren, und nicht die absolute Einheit der Indifferenz<lb n="30"/>und dieser relativen Identität für das Wesen der sittlichen Natur anerkennen, sondern<lb n="31"/>die Seite des Verhältnisses oder der Nothwendigkeit, so würden wir auf demselben<lb n="32"/>Punkte stehen, auf welchem das Wesen der praktischen Vernunft als absolute Cau<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>salität habend, bestimmt wird, oder daß sie zwar frey, und die Nothwendigkeit nur<lb n="34"/>negativ, aber ebendarum doch gesetzt ist, wodurch eben jene Freyheit nicht aus der<lb n="35"/>Differenz heraus kommt, das Verhältniß oder die relative Identität zum Wesen<lb n="36"/>gemacht, und das Absolute allein als negativ Absolutes oder als Unendlichkeit<lb n="37"/>begriffen wird.</p>
<pb n="434" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=441" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="33–35"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Der empirische und populäre Ausdruck, wodurch diese Vorstellung, welche die<lb n="2"/>sittliche Natur bloß von der Seite ihrer relativen Identität auffaßt, sich so sehr emp<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>fohlen hat, ist, daß das reelle unter den Nahmen von Sinnlichkeit, Neigungen, unterm<lb n="4"/>Begehrungsvermögen u.s.w. (Moment der Vielheit des Verhältnisses) mit der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>nunft, (Moment der reinen Einheit des Verhältnisses) nicht übereinstimme, (Moment<lb n="6"/>der Entgegensetzung der Einheit und Vielheit) und daß die Vernunft darin bestehe,<lb n="7"/>aus eigner absoluter Selbstthätigkeit und Avtonomie zu wollen und jene Sinnlichkeit<lb n="8"/>einzuschränken und zu beherrschen, (Moment der Bestimmtheit dieses Verhältnisses,<lb n="9"/>daß in ihm die Einheit oder die Negation der Vielheit das Erste ist). Die Realität<lb n="10"/>dieser Vorstellung begründet sich auf das empirische Bewußtseyn und die allgemeine<lb n="11"/>Erfahrung eines jeden, sowohl jenen Zwiespalt, als diese reine Einheit der praktischen<lb n="12"/>Vernunft, oder die Abstraction des Ich in sich zu finden. Es kann auch nicht die Rede<lb n="13"/>davon seyn, diesen Standpunkt zu leugnen, sondern er ist vorhin als die Seite der<lb n="14"/>relativen Identität, des Seyns des Unendlichen im Endlichen bestimmt worden; aber<lb n="15"/>dieß muß behauptet werden, daß er nicht der absolute Standpunkt ist, als in welchem<lb n="16"/>aufgezeigtermaßen das Verhältniß sich nur als eine Seite, und das Isoliren desselben<lb n="17"/>also als etwas einseitiges beweist, und daß, weil Sittlichkeit etwas absolutes ist, jener<lb n="18"/>Standpunkt nicht der Standpunkt der Sittlichkeit, sondern daß in ihm keine Sittlich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>keit ist. Und was die Berufung auf das gemeine Bewußtseyn betrifft, so muß in eben<lb n="20"/>demselben eben so nothwendig die Sittlichkeit selbst vorkommen, als jener Stand<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>punkt, welcher, da das Verhältniß für sich isolirt, als an sich seyend, und nicht als<lb n="22"/>Moment gesetzt ist, das Princip der Unsittlichkeit ist; das empirische Bewußtseyn ist<lb n="23"/>darum empirisch, weil die Momente des Absoluten in ihm zerstreut, nebeneinander,<lb n="24"/>aufeinander folgend, zersplittert erscheinen; aber es wäre selbst kein gemeines Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wußtseyn, wenn die Sittlichkeit nicht eben so in ihm vorkäme; unter diesen mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>faltigen Erscheinungen des sittlichen und des unsittlichen, die im empirischen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wußtseyn vorkommen, hatte jene formelle Philosophie die Wahl, und es ist nicht der<lb n="28"/>Fehler des gemeinen Bewußtseyns, sondern der Philosophie, daß sie die Erscheinung<lb n="29"/>des unsittlichen gewählt und an der negativen Absolutheit, oder an der Unendlichkeit<lb n="30"/>das wahrhafte Absolute zu haben gemeynt hat.</p>
<p><lb n="31"/>Auf der Darstellung desjenigen, was diese negative Absolutheit vermag, beruht<lb n="32"/>die Ausführung dieser praktischen Philosophie, und wir müssen dem falschen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>such in dem negativ Absoluten ein wahrhaft Absolutes aufzuzeigen, in seinen Haupt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>momenten nachgehen.</p>
<p><lb n="35"/>Es ergiebt sich sogleich, daß da die reine Einheit das Wesen der praktischen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nunft ausmacht, von einem Systeme der Sittlichkeit so wenig die Rede seyn kann,<lb n="37"/>daß selbst nicht einmal eine Mehrheit von Gesetzen möglich ist; indem was über den</p>
<pb n="435" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=442" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="35–37"/>
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<p><lb n="1"/>reinen Begriff, oder weil dieser, insofern er als negirend das Viele, d. h. als praktisch<lb n="2"/>gesetzt wird, die Pflicht ist, was über den reinen Begriff der Pflicht und die Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tion eines Gesetzes hinausgeht, nicht mehr dieser reinen Vernunft angehört; wie<lb n="4"/>Kant, derjenige, der diese Abstraction des Begriffs in ihrer absoluten Reinheit dar<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gestellt hat, sehr gut erkennt, daß der praktischen Vernunft aller Stoff des Gesetzes<lb n="6"/>abgehe, und daß sie nichts mehr als die <hi rendition="#g">Form</hi> der <hi rendition="#g">Tauglichkeit</hi> der Maxime der<lb n="7"/>Willkühr zum obersten Gesetze machen könne. Die Maxime der Willkühr hat einen<lb n="8"/>Innhalt, und schließt eine Bestimmtheit in sich; der reine Wille dagegen ist frey von<lb n="9"/>Bestimmtheiten; das absolute Gesetz der praktischen Vernunft ist, jene Bestimmtheit<lb n="10"/>in die Form der reinen Einheit zu erheben, und der Ausdruck dieser in die Form auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>genommenen Bestimmtheit ist das Gesetz. Ist es möglich, daß die Bestimmtheit in die<lb n="12"/>Form des reinen Begriffs aufgenommen wird, hebt sie sich durch diese Form nicht<lb n="13"/>auf, so ist sie gerechtfertigt, und ist durch die negative Absolutheit selbst absolut<lb n="14"/>geworden, Gesetz, und Recht, oder Pflicht. Aber die Materie der Maxime bleibt,<lb n="15"/>was sie ist, eine Bestimmtheit oder Einzelheit; und die Allgemeinheit, welche ihr die<lb n="16"/>Aufnahme in die Form ertheilt, ist also eine schlechthin analytische Einheit; und wenn<lb n="17"/>die ihr ertheilte Einheit rein als das, was sie ist, in einem Satze, ausgesprochen wird,<lb n="18"/>so ist der Satz ein analytischer und eine Tavtologie. Und in der Production von<lb n="19"/>Tavtologien besteht nach der Wahrheit das erhabene Vermögen der Avtonomie der<lb n="20"/>Gesetzgebung der reinen praktischen Vernunft; die reine Identität des Verstandes, im<lb n="21"/>theoretischen als der Satz des Widerspruchs ausgedrückt, bleibt auf die praktische<lb n="22"/>Form gekehrt, ebendasselbe. Wenn die Frage: was ist Wahrheit, an die Logik ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>macht, und von ihr beantwortet, Kanten den belachenswerthen Anblick gibt, daß<lb n="24"/>einer den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält, so ist die Frage: was ist Recht<lb n="25"/>und Pflicht, an jene reine praktische Vernunft gemacht, und von ihr beantwortet in<lb n="26"/>demselben Falle. Wenn Kant erkennt, daß ein allgemeines Criterium der Wahrheit<lb n="27"/>dasjenige seyn würde, welches von allen Erkenntnissen ohne Unterschied ihrer<lb n="28"/>Gegenstände gültig wäre; daß es aber klar sey, daß, da man bey demselben von allem<lb n="29"/>Innhalt der Erkenntniß abstrahirt, und Wahrheit gerade diesen Innhalt angeht, es<lb n="30"/>ganz unmöglich und ungereimt sey, nach einem Merkmale der Wahrheit dieses<lb n="31"/>Innhalts der Erkenntnisse, indem das Merkmal den Innhalt der Erkenntnisse zugleich<lb n="32"/>nicht angehen soll, zu fragen, so spricht er eben damit das Urtheil über das Princip<lb n="33"/>der Pflicht und des Rechts, das durch die praktische Vernunft aufgestellt wird. Denn<lb n="34"/>sie ist die absolute Abstraction von aller Materie des Willens, durch einen Innhalt<lb n="35"/>wird eine Heteronomie der Willkühr gesetzt; nun ist es aber gerade das Interesse zu<lb n="36"/>wissen, was denn Recht und Pflicht sey; es wird nach dem Innhalt des Sittengesetzes<lb n="37"/>gefragt, und es ist allein um diesen Innhalt zu thun; aber das Wesen des reinen</p>
<pb n="436" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=443" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="37–38"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Willens und der reinen praktischen Vernunft ist, daß von allem Innhalt abstrahirt<lb n="2"/>sey; und also ist es an sich widersprechend, eine Sittengesetzgebung, da sie einen<lb n="3"/>Innhalt haben müßte, bey dieser absoluten praktischen Vernunft zu suchen, da ihr<lb n="4"/>Wesen darin besteht, keinen Innhalt zu haben.</p>
<p><lb n="5"/>Daß also dieser Formalismus ein Gesetz aussprechen könne, dazu ist nothwendig,<lb n="6"/>daß irgend eine Materie, eine Bestimmtheit gesetzt werde, welche den Innhalt des<lb n="7"/>Gesetzes ausmache; und die Form, welche zu dieser Bestimmtheit hinzukommt, ist<lb n="8"/>die Einheit, oder Allgemeinheit; daß eine Maxime deines Willens zugleich als Princip<lb n="9"/>einer allgemeinen Gesetzgebung gelten müsse, dieses Grundgesetz der reinen prak<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tischen Vernunft drückt aus, daß irgend eine Bestimmtheit, welche den Innhalt der<lb n="11"/>Maxime des besondern Willens ausmacht, als Begriff, als Allgemeines gesetzt werde.<lb n="12"/>Aber jede Bestimmtheit ist fähig, in die Begriffsform aufgenommen und als eine<lb n="13"/>Qualität gesetzt zu werden, und es gibt gar nichts, was nicht auf diese Weise zu einem<lb n="14"/>sittlichen Gesetz gemacht werden könnte. Jede Bestimmtheit ist aber an sich selbst<lb n="15"/>ein Besonderes und nicht ein Allgemeines; es steht ihr die entgegengesetzte Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit gegenüber, und sie ist nur Bestimmtheit, insofern ihr eine solche gegenüber steht.<lb n="17"/>Jede von beyden Bestimmtheiten ist gleichermaßen fähig, gedacht zu werden;<lb n="18"/>welche von beyden es seyn soll, welche in die Einheit aufgenommen oder gedacht,<lb n="19"/>und von welcher abstrahirt werden soll, dieß ist völlig unbestimmt und frey; wenn<lb n="20"/>die eine fixirt ist, als an und für sich bestehend, so kann die andere freylich nicht ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>setzt werden; aber diese andere kann ebensogut gedacht, und da diese Form des<lb n="22"/>Denkens das Wesen ist, als ein absolutes Sittengesetz ausgesprochen werden. Daß der<lb n="23"/>gemeinste Verstand ohne Unterweisung jene leichte Operation vornehmen und<lb n="24"/>unterscheiden könne, welche Form in der Maxime sich zur allgemeinen Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gebung schicke oder nicht, zeigt Kant an dem Beispiel, der Frage, ob die Maxime,<lb n="26"/>mein Vermögen durch alle sichere Mittel zu vergrößern, – im Fall sich an einem<lb n="27"/>Depositum ein solches Mittel zeigte, als ein allgemeines praktisches Gesetz gelten kön<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ne, welche also des Innhalts seyn würde, daß jedermann ein Depositum, dessen Nie<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>derlegung ihm niemand beweisen kann, ableugnen dürfe; diese Frage entscheide sich<lb n="30"/>von sich selbst, indem ein solches Princip als Gesetz sich selbst vernichten würde, weil<lb n="31"/>es machen würde, daß es gar kein Depositum gäbe; – daß es aber gar kein Depositum<lb n="32"/>gäbe, welcher Wiederspruch läge darin? Daß kein Depositum sey, wird andern noth<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wendigen Bestimmtheiten widersprechen; so wie, daß ein Depositum möglich sey,<lb n="34"/>mit andern nothwendigen Bestimmtheiten zusammenhängen, und dadurch selbst<lb n="35"/>nothwendig seyn wird; aber nicht andere Zwecke und materiale Gründe sollen her<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>beygerufen werden, sondern die unmittelbare Form des Begriffs soll die Richtigkeit<lb n="37"/>der ersten oder der zweyten Annahme entscheiden; aber für die Form ist die eine der</p>
<pb n="437" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=444" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="38–40"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>entgegengesetzten Bestimmtheiten so gleichgültig als die andere; jede kann als<lb n="2"/>Qualität begriffen, und dieß Begreiffen als Gesetz ausgesprochen werden. Wenn die<lb n="3"/>Bestimmtheit des Eigenthums überhaupt gesetzt ist, so läßt sich der tavtologische<lb n="4"/>Satz daraus machen: das Eigenthum ist Eigenthum und sonst nichts anders, und<lb n="5"/>diese tavtologische Production ist das Gesetzgeben dieser der praktischen Vernunft:<lb n="6"/>das Eigenthum, wenn Eigenthum ist, muß Eigenthum seyn; aber ist die entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gesetzte Bestimmtheit, Negation des Eigenthums gesetzt, so ergibt sich durch die<lb n="8"/>Gesetzgebung ebenderselben praktischen Vernunft die Tavtologie: das Nichteigen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>thum ist Nichteigenthum; wenn kein Eigenthum ist, so muß das, was Eigenthum<lb n="10"/>seyn will, aufgehoben werden. Aber es ist gerade das Interesse, zu erweisen, daß<lb n="11"/>Eigenthum seyn müsse; es geht allein auf dasjenige, was außerhalb des Vermögens<lb n="12"/>dieses praktischen Gesetzgebens der reinen Vernunft liegt; nemlich zu entscheiden,<lb n="13"/>welche von entgegengesetzten Bestimmtheiten gesetzt werden müsse; aber daß dieß<lb n="14"/>schon vorher geschehen und eine der entgegengesetzten Bestimmtheiten zum voraus<lb n="15"/>gesetzt sey, fodert die reine Vernunft, und dann erst kann sie ihr nunmehr über<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>flüssiges Gesetzgeben vollführen.</p>
<p><lb n="17"/>Aber die analytische Einheit und Tavtologie der praktischen Vernunft ist nicht nur<lb n="18"/>etwas überflüssiges, sondern in der Wendung, welche sie erhält, etwas falsches, und<lb n="19"/>sie muß als das Princip der Unsittlichkeit erkannt werden. Durch die bloße Aufnahme<lb n="20"/>einer Bestimmtheit in die Form der Einheit soll sich die Natur des Seyns derselben<lb n="21"/>verändern; und die Bestimmtheit, welche ihrer Natur nach eine andre Bestimmtheit<lb n="22"/>gegen sich hat, deren eine die Negation der andern, und eben darum keine etwas<lb n="23"/>absolutes ist, (und es ist für die Funktion der praktischen Vernunft gleichgültig,<lb n="24"/>welche von beyden es ist, denn sie gibt bloß die leere Form,) soll durch diese Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>bindung mit der Form der reinen Einheit, selbst zur absoluten, zum Gesetz und<lb n="26"/>Pflicht gemacht seyn; wo aber eine Bestimmtheit und Einzelheit zu einem Ansich<lb n="27"/>erhoben wird, da ist Vernunftwidrigkeit, und in Beziehung aufs sittliche, Unsittlich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>keit gesetzt. – Diese Verwandlung des bedingten, unreellen in ein unbedingtes und<lb n="29"/>absolutes ist leicht in ihrer Unrechtmäßigkeit zu erkennen, und auf ihrem Schleich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>wege auszufinden. Die Bestimmtheit in die Form der reinen Einheit, oder der for<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mellen Identität aufgenommen bringt, wenn der bestimmte Begriff als Satz aus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gedrückt wird, die Tavtologie des formellen Satzes: die Bestimmtheit A ist die<lb n="33"/>Bestimmtheit A, hervor. Die Form, oder im Satze, die Identität des Subjects und<lb n="34"/>Prädicats ist etwas absolutes, aber nur ein negatives, oder formales, welches die<lb n="35"/>Bestimmtheit A selbst nichts angeht; dieser Innhalt ist für die Form etwas durchaus<lb n="36"/>hypothetisches. Die Absolutheit, die in dem Satz ist seiner Form nach, gewinnt aber<lb n="37"/>in der praktischen Vernunft eine ganz andere Bedeutung; sie wird nemlich auch auf</p>
<pb n="438" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=445" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="40–42"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>den Innhalt übergetragen, der seiner Natur nach ein bedingtes ist, und dieses nicht<lb n="2"/>absolute, bedingte, wider sein Wesen zu einem absoluten durch jene Vermischung<lb n="3"/>erhoben. Es ist nicht das praktische Interesse, eine Tavtologie zu produciren, und um<lb n="4"/>dieser müssigen Form willen, die doch ihre einzige Kraft ist, würde nicht so viel Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>hebens von der praktischen Vernunft gemacht; durch Vermischung der absoluten<lb n="6"/>Form aber mit der bedingten Materie wird unversehens dem unreellen, bedingten des<lb n="7"/>Innhalts, die Absolutheit der Form untergeschoben, und in dieser Verkehrung und<lb n="8"/>Taschenspielerey liegt der Nerv dieser praktischen Gesetzgebung der reinen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nunft; dem Satze, das Eigenthum ist Eigenthum, wird an statt seiner wahrhaften<lb n="10"/>Bedeutung: die Identität, welche dieser Satz in seiner Form ausdrückt, ist absolut,<lb n="11"/>die Bedeutung untergeschoben: die Materie desselben, nemlich das Eigenthum ist<lb n="12"/>absolut, und sofort kann jede Bestimmtheit zur Pflicht gemacht werden. Die Will<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>kühr hat die Wahl unter entgegengesetzten Bestimmtheiten, und es wäre nur eine<lb n="14"/>Ungeschicklichkeit, wenn zu irgend einer Handlung kein solcher Grund, der nicht<lb n="15"/>mehr nur die Form eines probabeln Grundes, wie bey den Jesuiten, hat, sondern die<lb n="16"/>Form von Recht und Pflicht erhält, aufgefunden werden könnte; und dieser mora<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lische Formalismus geht nicht über die moralische Kunst der Jesuiten und die Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>cipien der Glückseligkeitslehre, welche zusammenfallen, hinaus.</p>
<p><lb n="19"/>Es ist hierbey wohl zu merken, daß das Aufnehmen der Bestimmtheit in den<lb n="20"/>Begriff so verstanden wird, daß diese Aufnahme etwas formelles ist, oder daß die<lb n="21"/>Bestimmtheit bleiben soll, also Materie und Form sich widersprechen, deren jene<lb n="22"/>bestimmt, diese unendlich ist. Würde aber der Innhalt, der Form, – die Bestimmtheit,<lb n="23"/>der Einheit wahrhaft gleichgesetzt, so würde kein praktisches Gesetzgeben statt<lb n="24"/>finden, sondern nur ein Vernichten der Bestimmtheit. So ist das Eigenthum selbst<lb n="25"/>unmittelbar der Allgemeinheit entgegengesetzt; ihr gleichgesetzt, ist es aufgehoben. –<lb n="26"/>Unmittelbar fällt diese Vernichtung der Bestimmtheit durch die Aufnahme in die<lb n="27"/>Unendlichkeit, Allgemeinheit, auch dem praktischen Gesetzgeben beschwerlich;<lb n="28"/>denn wenn die Bestimmtheit von der Art ist, daß sie selbst das Aufheben einer<lb n="29"/>Bestimmtheit ausdrückt, so wird durch die Erhebung des Aufhebens ins Allgemeine<lb n="30"/>oder ins Aufgehobenseyn, sowohl die Bestimmtheit, die aufzuheben ist, als das Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>heben vernichtet; also wäre eine Maxime, die sich auf eine solche Bestimmtheit<lb n="32"/>bezieht, die in der Allgemeinheit gedacht sich vernichtet, nicht fähig Princip einer<lb n="33"/>allgemeinen Gesetzgebung zu werden, und also unmoralisch. Oder: der Innhalt der<lb n="34"/>Maxime, welcher das Aufheben einer Bestimmtheit ist, in den Begriff erhoben wider<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>spricht sich selbst; wird die Bestimmtheit als aufgehoben gedacht, so fällt das Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heben derselben weg; oder aber diese Bestimmtheit soll bleiben, so ist wieder das in<lb n="37"/>der Maxime gesetzte Aufheben nicht gesetzt; und die Bestimmtheit mag also bleiben</p>
<pb n="439" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=446" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="42–44"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>oder nicht, so ist in keinem Falle ihr Aufheben möglich. Aber eine nach dem Princip,<lb n="2"/>weil sie sich widerspricht, unmoralische Maxime ist, da sie die Aufhebung einer<lb n="3"/>Bestimmtheit ausdrückt, absolut vernünftig, und also absolut moralisch; denn das<lb n="4"/>Vernünftige ist von seiner negativen Seite die Indifferenz der Bestimmtheiten, das<lb n="5"/>Aufgehobenseyn des Bedingten. So drückt die Bestimmtheit, den Armen zu helfen,<lb n="6"/>aus die Aufhebung der Bestimmtheit, welche Armuth ist; die Maxime, deren Innhalt<lb n="7"/>jene Bestimmtheit ist, geprüft durch Erhebung derselben zum Princip einer all<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gemeinen Gesetzgebung, wird sich als falsch erweisen, denn sie vernichtet sich selbst.<lb n="9"/>Wird es gedacht, daß den Armen allgemein geholfen werde, so gibt es entweder gar<lb n="10"/>keine Armen mehr; oder lauter Arme, und da bleiben keine, die helfen können; und<lb n="11"/>so fiele in beyden Fällen die Hülfe weg; die Maxime also als allgemein gedacht hebt<lb n="12"/>sich selbst auf; sollte aber die Bestimmtheit, welche die Bedingung des Aufhebens ist,<lb n="13"/>nemlich die Armuth bleiben, so bleibt die Möglichkeit der Hülfe; aber als Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit, nicht als Wirklichkeit, wie die Maxime aussagt; wenn Armuth bleiben soll,<lb n="15"/>damit die Pflicht, Armen zu helfen, ausgeübt werden könne, so wird durch jenes<lb n="16"/>Bestehenlassen der Armuth unmittelbar die Pflicht nicht erfüllt. So die Maxime, sein<lb n="17"/>Vaterland gegen Feinde mit Ehre zu vertheidigen, und unendliche mehr heben sich<lb n="18"/>als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gedacht auf; denn jene z. B. so erweitert,<lb n="19"/>hebt sowohl die Bestimmtheit eines Vaterlandes, als der Feinde, und der Verthei<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>digung auf.</p>
<p><lb n="21"/>So wenig die Einheit die reine negative Bedeutung des bloßen Aufhebens der<lb n="22"/>Bestimmtheiten hat, eben so wenig ist sie die wahrhafte Einheit der Anschauung,<lb n="23"/>oder die positive Indifferenz der Bestimmtheiten; und die Vergleichung mit dieser<lb n="24"/>wird das verkehrte Wesen jener Einheit von einer andern Seite klarer machen. Jene<lb n="25"/>Einheit der praktischen Vernunft nemlich ist wesentlich mit einer Differenz afficirt,<lb n="26"/>es sey, daß sie als das fixiren einer Bestimmtheit gesetzt wird, so sind durch diese<lb n="27"/>unmittelbar andere ausgeschlossen, negativ gesetzt; oder als analytischer Satz, so<lb n="28"/>widerspricht die Identität desselben, diese seine Form seinem Innhalt. Was auch so<lb n="29"/>gefaßt werden kann, er widerspricht als Satz mit seinem Innhalt der Anforderung an<lb n="30"/>den Satz, ein Urtheil zu seyn; es sollte etwas mit dem Satze gesagt seyn, aber mit dem<lb n="31"/>identischen Satz ist nichts gesagt, denn er ist kein Urtheil, weil das Verhältniß des<lb n="32"/>Subjects zum Prädicat blos formell, und gar keine Differenz derselben gesetzt ist.<lb n="33"/>Oder die Einheit werde als Allgemeinheit genommen, so hat sie vollends ganz auf<lb n="34"/>eine empirische Mannichfaltigkeit Beziehung, und die Bestimmtheit wird als gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>wärtige einer unendlichen Menge empirisch anderer entgegengesetzt. Die Einheit<lb n="36"/>der Anschauung hingegen ist die Indifferenz der Bestimmtheiten, welche ein Ganzes<lb n="37"/>ausmachen, nicht ein Fixiren derselben als abgesonderter und entgegengesetzter,</p>
<pb n="440" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=447" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="44–45"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>sondern ein Zusammenfassen und Objectiviren derselben; und hiemit, da diese In<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>differenz und die differenten Bestimmtheiten schlechthin vereinigt sind, ist sie keine<lb n="3"/>Trennung – jener als Möglichkeit, dieser als Wirklichkeiten, oder dieser selbst, theils<lb n="4"/>als möglicher theils als wirklicher, sondern absolute Gegenwart. Und in dieser Kraft<lb n="5"/>der Anschauung und Gegenwart liegt die Kraft der Sittlichkeit überhaupt, und natür<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lich auch der Sittlichkeit im besondern, um welche es jener gesetzgebenden Vernunft<lb n="7"/>zunächst zu thun, und von welcher vielmehr gerade jene Form des Begriffes, der<lb n="8"/>formalen Einheit und der Allgemeinheit schlechthin abzuhalten ist; denn diese ist es<lb n="9"/>gerade, durch welche das Wesen der Sittlichkeit unmittelbar aufgehoben wird, in<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>dem sie das, was sittlich nothwendig ist, dadurch, daß sie es in dem Gegensatz gegen<lb n="11"/>anderes erscheinen läßt, zu einem Zufälligen macht; Zufälliges aber in der Sittlichkeit,<lb n="12"/>und das Zufällige ist eins mit dem empirisch nothwendigen, ist unsittlich. Ein<lb n="13"/>Schmerz, der ist, wird durch die Kraft der Anschauung aus der Empfindung, in<lb n="14"/>welcher er ein Accidens und ein Zufälliges ist, in die Einheit, und in die Gestalt eines<lb n="15"/>Objectiven und für sich seyenden Nothwendigen erhoben, und durch diese un<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mittelbare Einheit, die nicht links und rechts an Möglichkeiten, welche die formale<lb n="17"/>Einheit herbeyführt, denkt, in seiner absoluten Gegenwart erhalten, aber durch die<lb n="18"/>Objectivität des Anschauens und die Erhebung in diese Einheit des für sich seyns,<lb n="19"/>vom Subject wahrhaft abgetrennt, und im fixen Anschauen derselben ideell gemacht;<lb n="20"/>da er hingegen, durch die Einheit der Reflexion mit andern Bestimmtheiten ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>glichen, oder als ein allgemeines gedacht, und nicht allgemein gefunden, auf beyde<lb n="22"/>Art zufällig gemacht wird, und dadurch das Subject sich bloß in seiner Zufälligkeit<lb n="23"/>und Besonderheit erkennt, welche Erkenntniß die Empfindsamkeit und die Unsitt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichkeit der Ohnmacht ist. Oder wenn das sittliche sich auf Verhältnisse von Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>viduen zu Individuen bezieht, so ist es die reine Anschauung und Idealität, die z. B.<lb n="26"/>in dem Vertrauen eines Depositums ist, welche fest zu halten und von welcher die<lb n="27"/>Einmischung der formalen Einheit und des Gedankens der Möglichkeit anderer<lb n="28"/>Bestimmungen abzuhalten ist; der Ausdruck jener Einheit der Anschauung: ein mir<lb n="29"/>vertrautes Eigenthum eines andern ist das mir vertraute Eigenthum eines andern und<lb n="30"/>sonst nichts anders, hat eine ganz andere Bedeutung, als die allgemein ausdrückende<lb n="31"/>Tavtologie der praktischen Gesetzgebung: ein fremdes mir vertrautes Eigenthum ist<lb n="32"/>ein fremdes mir vertrautes Eigenthum; denn diesem Satze steht eben so gut der<lb n="33"/>andere gegenüber: ein mir vertrautes Nichteigenthum des andern ist Nichteigenthum<lb n="34"/>des andern; das heißt eine Bestimmtheit, welche in den Begriff erhoben wird, ist<lb n="35"/>dadurch ideell, und es kann eben so gut die ihr entgegengesetzte gesetzt werden.<lb n="36"/>Hingegen der Ausdruck der Anschauung enthält ein: <hi rendition="#g">dieses</hi>; eine lebendige Be<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>ziehung und absolute Gegenwart, mit welcher die Möglichkeit selbst schlechthin</p>
<pb n="441" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=448" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–47"/>
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<p><lb n="1"/>verknüpft und eine davon getrennte Möglichkeit, oder ein Andersseyn schlechthin<lb n="2"/>vernichtet ist, als in welchem möglichen Andersseyn die Unsittlichkeit liegt.</p>
<p><lb n="3"/>Wenn nun die Einheit der praktischen Vernunft auch nicht diese positive Einheit<lb n="4"/>der Anschauung wäre, sondern allein die negative Bedeutung hätte, das bestimmte zu<lb n="5"/>vernichten, so würde sie rein das Wesen der negativen Vernunft, oder der Unendlich<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>keit, des absoluten Begriffs ausdrücken. Aber weil die Unendlichkeit fixirt und vom<lb n="7"/>Absoluten abgesondert wird, so zeigt sie sich in ihrem Wesen, das Gegentheil ihrer<lb n="8"/>selbst zu seyn, und äfft die Reflexion, die sie festhalten, und eine absolute Einheit in<lb n="9"/>ihr ergreiffen will, dadurch, daß sie schlechthin auch das Gegentheil davon, eine<lb n="10"/>Differenz und Vielheit herbeyführt und so zwischen diesem Gegensatz, der sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>endlich reproducirt, nur eine relative Identität erlaubt, und also selbst als Unendlich<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>keit das Gegentheil ihrer selbst, absolute Endlichkeit ist. Und indem sie so isolirt wird,<lb n="13"/>ist sie selbst nur die kraftlose, von der wahrhaft vernichtenden Macht der Vernunft<lb n="14"/>verlassene Form, welche die Bestimmtheiten in sich aufnimmt, und beherbergt, ohne<lb n="15"/>sie zu vernichten, sondern sie im Gegentheil verewigt.</p>
<p><lb n="16"/>Von der dargestellten Entgegensetzung, dem Fixiren derselben als einer Realität<lb n="17"/>und ihrer unvollständigen Verknüpfung als einer relativen Identität ist es, daß die<lb n="18"/>neuere Bestimmung des Begriffs des Naturrechts, und seines Verhältnisses in der<lb n="19"/>ganzen Wissenschaft des Sittlichen, abhängt; und wir müssen das bisher allgemein<lb n="20"/>auseinandergesetzte in dieser nähern Beziehung betrachten, wie die einmal gesetzte<lb n="21"/>unüberwindliche Trennung in der Wissenschaft des Naturrechts auf ihre eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>thümliche Art erscheint.</p>
<p><lb n="23"/>Der absolute Begriff, welcher das Princip der Entgegensetzung und die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>setzung selbst ist, stellt sich, der fixirt ist, in der Trennung so dar, daß er als reine<lb n="25"/>Einheit sich entgegengesetzt ist als Vielheit; so daß er sowohl unter der Form der<lb n="26"/>reinen Einheit, als der reinen Vielheit der absolute Begriff bleibe, also in der Form<lb n="27"/>der Vielheit nicht eine Mannichfaltigkeit von verschieden bestimmten Begriffen,<lb n="28"/>sondern wie unter die Einheit, so auch unter die Vielheit subsumirt sey; in vielen<lb n="29"/>bestimmten Begriffen subsumirt <hi rendition="#g">er</hi>, und ist nicht ein Vieles, sondern eines. Der<lb n="30"/>absolute Begriff, als selbst eine Vielheit, ist eine Menge von Subjecten; und diesen<lb n="31"/>ist er in der Form der reinen Einheit, als absolute Quantität, gegen dieses sein quali<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tatives Gesetztseyn entgegengesetzt. Es ist also beydes gesetzt, ein inneres Einsseyn<lb n="33"/>der entgegengesetzten, das das Wesen beyder, der absolute Begriff, ist, und ein<lb n="34"/>Getrenntseyn desselben unter der Form der Einheit, in welcher er Recht und Pflicht<lb n="35"/>ist, und unter der Form der Vielheit, in welcher er denkendes und wollendes Subject<lb n="36"/>ist. Jene erste Seite, nach welcher das Wesen des Rechts und der Pflicht – und das<lb n="37"/>Wesen des denkenden und wollenden Subjects schlechthin Eins sind, ist – wie im<lb n="38"/>allgemeinen die höhere Abstraction der Unendlichkeit – die große Seite der Kan<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>tischen und Fichteschen Philosophie; aber sie ist diesem Einsseyn nicht getreu ge-</p>
<pb n="442" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=449" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="47–49"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>blieben, sondern, indem sie zwar dasselbe als das Wesen und als das absolute an<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>erkennt, setzt sie die Trennung in Eines und Vieles eben so absolut, und eins mit<lb n="3"/>gleicher Würde neben das andere; hiedurch ist es sowohl nicht das positive absolute,<lb n="4"/>was das Wesen von beyden ausmachte, und worinn sie eins wären, sondern das<lb n="5"/>negative, oder der absolute Begriff; als auch wird jenes nothwendige Einsseyn for<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mal, und die beyden entgegengesetzten Bestimmtheiten als absolut gesetzt, fallen<lb n="7"/>hiemit in ihrem Bestehen unter die Idealität, die insofern die bloße Möglichkeit bey<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>der ist; es ist möglich, daß Recht und Pflicht unabhängig, als ein besonderes, getrennt<lb n="9"/>von den Subjecten, und die Subjecte getrennt von jenem, Realität haben; es ist aber<lb n="10"/>auch möglich, daß beydes verknüpft sey. Und es ist absolut nothwendig, daß diese<lb n="11"/>beyden Möglichkeiten besonders seyen, und unterschieden werden, so daß jede eine<lb n="12"/>eigene Wissenschaft gründe; die eine, welche das Einsseyn des reinen Begriffs, und<lb n="13"/>der Subjecte, oder die Moralität der Handlungen; die andere, welche das Nichteins<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyn, oder die Legalität betreffe; und zwar so, daß wenn in dieser Trennung des sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichen in Moralität und Legalität diese beyden, bloße Möglichkeiten werden, eben<lb n="16"/>darum beyde gleich positiv sind. Die eine ist für die andere zwar negativ; aber so<lb n="17"/>sind beyde; es ist nicht die eine das absolut positive, die andere absolut das negative;<lb n="18"/>sondern jede ist beydes in der Relation aufeinander, und dadurch, daß vors erste beyde<lb n="19"/>nur relativ positiv sind, ist weder die Legalität noch die Moralität absolut positiv<lb n="20"/>oder wahrhaft sittlich; und dann weil beyde, eine so positiv ist als die andere, sind<lb n="21"/>beyde absolut nothwendig, und die Möglichkeit, daß der reine Begriff und das<lb n="22"/>Subject der Pflicht und des Rechtes nicht Eins seyen, muß unabänderlich und schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>hin gesetzt werden.</p>
<p><lb n="24"/>Die Grundbegriffe des Systems der Legalität ergeben sich hieraus unmittelbar auf<lb n="25"/>folgende Weise; es ist Bedingung des reinen Selbstbewußtseyns, – und dieß reine<lb n="26"/>Selbstbewußtseyn, Ich, ist das wahre Wesen und das absolute, dessen ungeachtet aber<lb n="27"/>ist es bedingt, und seine Bedingung ist, daß es zu einem reellen Bewußtseyn fortgeht, –<lb n="28"/>welche in diesem Verhältniß des Bedingtseyns gegeneinander sich schlechthin ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gegengesetzt bleiben; jenes reine Selbstbewußtseyn, die reine Einheit, oder das leere<lb n="30"/>Sittengesetz, die allgemeine Freyheit aller, ist dem realen Bewußtseyn, d. i. dem<lb n="31"/>Subject, dem Vernunftwesen, der einzelnen Freyheit entgegengesetzt; was auf eine<lb n="32"/>populärere Weise Fichte als die Voraussetzung ausdrückt, daß Treu und Glauben<lb n="33"/>verlohren gehe; und auf diese Voraussetzung wird ein System gegründet, durch<lb n="34"/>welches, ungeachtet der Trennung des Begriffs und des Subjects der Sittlichkeit, aber<lb n="35"/>eben darum nur formell und äußerlich – und dieses Verhältniß heißt <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Zwang</hi> –<lb n="36"/>beyde vereinigt werden sollen. Indem hiemit diese Aeußerlichkeit des Einsseyns</p>
<pb n="443" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=450" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="49–51"/>
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<p><lb n="1"/>schlechthin fixirt und als etwas absolutes an sich seyendes gesetzt ist, so ist die Inner<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lichkeit, die Wiederaufbauung des verlohrnen Treue und Glaubens, das Einsseyn der<lb n="3"/>allgemeinen und der individuellen Freyheit, und die Sittlichkeit unmöglich gemacht.</p>
<p><lb n="4"/>In dem Systeme einer solchen Aeußerlichkeit – und wir beziehen uns hiebey auf<lb n="5"/>die Fichtesche als die consequenteste Darstellung, die am wenigsten formal ist, son<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>dern wirklich ein consequentes System versucht, das nicht der ihm fremden Sittlich<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit und Religion bedürfte, – kann, wie in allem von bedingtem zu bedingtem fort<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schreitenden, entweder kein unbedingtes aufgezeigt werden, oder wenn ein solches<lb n="9"/>gesetzt wird, so ist es die formale Indifferenz, welche das bedingte differente ausser<lb n="10"/>sich hat, Wesen ohne Form, Macht ohne Weisheit, Quantität ohne innre Qualität<lb n="11"/>oder Unendlichkeit, Ruhe ohne Bewegung.</p>
<p><lb n="12"/>Die oberste Aufgabe bey der mit mechanischer Nothwendigkeit wirkenden Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>anstaltung, daß die Wirksamkeit jedes einzelnen durch den allgemeinen Willen<lb n="14"/>gezwungen werde, ist, wie dieser allgemeine Wille nothwendig in den Subjecten,<lb n="15"/>welche dessen Organe und Verwalter sind, reell sey, eine Aufgabe, welcher die<lb n="16"/>Entgegensetzung des einzelnen Willens gegen den allgemeinen Willen vorausgesetzt<lb n="17"/>ist; das Einsseyn mit dem allgemeinen Willen kann hiemit nicht als innere absolute<lb n="18"/>Majestät aufgefaßt und gesetzt werden, sondern als etwas, das durch ein äußeres<lb n="19"/>Verhältniß oder Zwang hervorgebracht werden soll. Es kann aber hier in der Realität<lb n="20"/>in dem zu setzenden Progressus des Zwingens und Aufsehens nicht in unendliche<lb n="21"/>Reihen fortgegangen und von dem reellen zum ideellen übergesprungen werden; es<lb n="22"/>muß ein höchster positiver Punct seyn, von dem das Zwingen nach dem Begriffe<lb n="23"/>der allgemeinen Freyheit anfängt; aber dieser Punct muß wie alle andere Puncte dazu<lb n="24"/>gezwungen werden, daß er so nach dem Begriffe der allgemeinen Freyheit zwingt;<lb n="25"/>ein Punct, der in diesem allgemeinen Systeme des Zwangs nicht gezwungen würde,<lb n="26"/>träte aus dem Princip, und wäre transcendent. Die Frage ist also nun, wie dieser<lb n="27"/>höchste Wille eben so durch Zwang und Aufsehen dem Begriff des allgemeinen<lb n="28"/>Willens gemäß werde; und also das System ganz immanent und transcendental<lb n="29"/>bleibe. Dieß könnte nicht anders geschehen, als daß die Macht des Ganzen an die<lb n="30"/>beyden Seiten, die einander gegenüber stehen, vertheilt sey, so daß das regierte von<lb n="31"/>der Regierung und die Regierung von dem regierten gezwungen werden. Ist die<lb n="32"/>Macht und hiemit der mögliche Zwang von beyden Seiten, in ungleicher Stärke<lb n="33"/>gesetzt, so wird, um so viel der eine Theil mehr Gewalt hat, als der andere oder um<lb n="34"/>den Ueberschuß beyder, nur ein Theil und nicht der entgegengesetzte gezwungen,<lb n="35"/>was nicht seyn soll. Aber eigentlich ist der übermächtige allein der mächtige, denn<lb n="36"/>daß etwas Gränze für das andere sey, muß es ihm gleich seyn; der schwächere ist<lb n="37"/>daher keine Gränze für denselben; beyde müssen also mit gleicher Gewalt gegenseitig</p>
<pb n="444" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=451" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="51–53"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>gezwungen werden und sich zwingen. Allein wenn auf diese Weise Action und<lb n="2"/>Reaction, Stand und Widerstand gleich stark sind, so reducirt sich die beyderseitige<lb n="3"/>Gewalt aufs Gleichgewicht, es ist hiemit alle Thätigkeit, Willensäußerung und Han<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>deln aufgehoben; die Reduction werde positiv oder negativ gedacht, daß die Action<lb n="5"/>und Reaction als seyend, wirkend, oder daß sie negativ gesetzt und das Gleichgewicht<lb n="6"/>dadurch ist, daß so wenig ein Agiren als ein Reagiren vorhanden sey. Diesem Tode<lb n="7"/>dadurch aufhelfen wollen, daß das unmittelbare Gegenüberstehen in einen Kreis von<lb n="8"/>Wirkungen ausgedehnt, und so scheinbar die Mitte der Berührung und der Punkt,<lb n="9"/>worinn die Reduction der entgegengesetzten erscheint, durch das täuschende Leer<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lassen dieser Mitte aufgehoben werde, ist eben so wenig eine wahre Auskunft. Gegen<lb n="11"/>die von der obersten Gewalt durch ihre Verzweigungen niedersteigende Hierarchie<lb n="12"/>des Zwangs bis zu allen Einzelheiten soll von diesen wieder eine eben solche Pyramide<lb n="13"/>in die Höhe sich zu einer obersten Spitze des Gegendrucks gegen die niedersteigende<lb n="14"/>empor heben, und sich so das Ganze in einem Kreise krümmen, worin die Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>barkeit der Berührung verschwände, die Kräfte, insofern sie Masse machen, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>einander gehalten, und durch Zwischenglieder jene künstliche Differenz hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gebracht würde, und so kein Glied unmittelbar auf dasjenige, von welchem es<lb n="18"/>bewegt wird, rückwirken, (als wodurch die Reduction aufs Gleichgewicht entsteht)<lb n="19"/>sondern immer auf ein anderes, als das ist, von dem es bewegt wird, daß so das erste<lb n="20"/>das letzte und dieses letzte wieder jenes erste bewegte. Aber ein solches perpetuum<lb n="21"/>mobile, dessen Theile in der Reihe herum sich alle bewegen sollen, setzt sich, statt sich<lb n="22"/>zu bewegen, sogleich in vollkommenes Gleichgewicht, und wird ein vollkommenes<lb n="23"/>perpetuum quietum, denn Druck und Gegendruck, zwingen und gezwungen werden,<lb n="24"/>ist sich vollkommen gleich, und stehen sich eben so unmittelbar gegenüber und<lb n="25"/>bewirken eben die Reduction der Kräfte, wie in der ersten Vorstellung; die reine<lb n="26"/>Quantität läßt sich durch eine solche Mittelbarkeit nicht täuschen, durch welche in<lb n="27"/>sie durchaus keine Differenz oder wahre Unendlichkeit und Form gebracht ist, son<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>dern sie bleibt wie vorhin eine völlig unzertrennte reine gestaltlose Macht. Es ist auf<lb n="29"/>diese Weise gegen die Macht, daß sie dem Begriffe der allgemeinen Freyheit gemäß<lb n="30"/>sey, kein Zwang möglich, denn es ist außer ihr keine Gewalt aufzufinden, und in sie<lb n="31"/>selbst keine Trennung zu setzen.</p>
<p><lb n="32"/>Um deßwillen wird denn zu einer ganz formellen Unterscheidung geflüchtet; die<lb n="33"/><hi rendition="#g">wirkliche</hi> Gewalt wird allerdings als Eine und in der Regierung vereinigt gesetzt;<lb n="34"/>was aber ihr gegenüber gestellt wird, ist die <hi rendition="#g">mögliche</hi> Gewalt und diese Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>keit soll als solche jene Wirklichkeit zu zwingen vermögend seyn. Dieser zweyten<lb n="36"/>gewaltlosen Existenz des gemeinsamen Willens soll nemlich die Beurtheilung zu<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>kommen, ob die Gewalt den erstern, welchem sie verbunden ist, verlassen, ob die</p>
<pb n="445" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=452" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="53–54"/>
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<p><lb n="1"/>Gewalt nicht mehr dem Begriff der allgemeinen Freyheit gemäß sey; er soll die<lb n="2"/>oberste Gewalt überhaupt beaufsichtigen, und wie bey ihr ein Privatwille an die<lb n="3"/>Stelle des allgemeinen tritt, ihm dieselbe entreißen, und die Art, mit welcher dieß<lb n="4"/>geschehen soll, soll eine absolute Wirkung habende öffentliche Erklärung der gänz<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichen Nullität aller Handlungen der obersten Staatsgewalt von diesem Augenblick<lb n="6"/>an seyn. Daß die Gewalt sich durch eignes Urtheil von selbst absondre, was die<lb n="7"/>Insurrection wäre, soll, darf nicht geschehen; denn diese reine Gewalt besteht aus<lb n="8"/>lauter Privatwillen, die sich also nicht als gemeinsamer Wille constituiren können.<lb n="9"/>Aber jener zweyte gemeinsame Wille ist es, der diese Menge als Gemeine, oder die<lb n="10"/>reine Gewalt auch mit der Idee des allgemeinen Willens vereinigt erkläre, da er in<lb n="11"/>den vorhergehenden Gewalthabern nicht mehr vorhanden ist. Welche Bestimmtheit<lb n="12"/>gesetzt werde, durch die gegen die oberste Gewalt irgend etwas erzwungen werden<lb n="13"/>soll, so müßte mit jener Bestimmtheit nicht die bloße Möglichkeit, sondern reelle<lb n="14"/>Gewalt verbunden seyn; aber da diese in den Händen der andern Repräsentation des<lb n="15"/>gemeinsamen Willens ist, so ist diese vermögend, jede solche Bestimmtheit zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hindern, und was für Verrichtungen auch dem Ephorat aufgetragen seyn, das Beauf<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sichtigen, die öffentliche Erklärung des Interdicts, und welche Formalitäten aus<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>geheckt werden, zu vernichten; und zwar mit dem gleichen Rechte, als die, in deren<lb n="19"/>Händen die Wirksamkeit dieser Bestimmtheit gelegt wäre, denn diese Ephoren sind<lb n="20"/>nicht weniger zugleich Privatwillen als jene, und ob der Privatwille dieser sich vom<lb n="21"/>allgemeinen Willen abgesondert habe, darüber kann die Regierung sowohl urthei<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>len, als das Ephorat über sie, und zugleich dieß Urtheil schlechthin geltend machen.<lb n="23"/>Bekanntlich hat bey einer in neuern Zeiten durch eine Regierung vorgenommenen<lb n="24"/>Auflösung einer rivalisirenden und sie lähmenden gesetzgebenden Gewalt ein Mann,<lb n="25"/>der selbst darein verwickelt worden war, über den Einfall, daß die Errichtung einer<lb n="26"/>ähnlichen Aufsichts-Commission, wie das Fichtesche Ephorat, eine solche Gewaltthat<lb n="27"/>verhindert haben würde, mit Recht geurtheilt, daß ein solcher Aufsicht habender<lb n="28"/>und der Regierung sich widersetzen wollender Rath eben so gewaltthätig würde<lb n="29"/>behandelt worden seyn. – Endlich aber, wenn die obersten Gewalthaber freywillig<lb n="30"/>diesen zweyten Repräsentanten des allgemeinen Willens es gestatten wollten, die<lb n="31"/>Gemeine zusammenzurufen, daß diese zwischen ihnen und den Aufsehern urtheile,<lb n="32"/>was wäre mit solchem Pöbel anzufangen, der auch in allem beaufsichtigt, was Privat<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sache ist, noch weniger ein öffentliches Leben führt, und der hiemit zum Bewußtseyn<lb n="34"/>des gemeinsamen Willens, und zum Handeln im Geist eines Ganzen schlechthin<lb n="35"/>nicht, sondern allein zum Gegentheil gebildet ist.</p>
<p><lb n="36"/>Was hiemit gezeigt worden, ist, daß das sittliche, welches nach dem Verhältniß<lb n="37"/>allein gesetzt wird, oder die Aeußerlichkeit und der Zwang, als Totalität gedacht sich</p>
<pb n="446" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=453" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="54–56"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>selbst aufhebt; es ist damit zwar erwiesen, daß der Zwang nichts reelles, nichts an<lb n="2"/>sich ist, aber dieß wird noch klarer werden, wenn wir dieß an ihm selbst nach seinem<lb n="3"/>Begriff, und nach der Bestimmtheit, welche das Verhältniß dieser Beziehung hat,<lb n="4"/>zeigen – denn daß das Verhältniß überhaupt nichts an sich ist, hat theils die Dialektik<lb n="5"/>zu erweisen, theils ist es oben kurz dargestellt worden.</p>
<p><lb n="6"/>Von den Begriffen überhaupt, welche mit dem Zwang zusammenhängen, und<lb n="7"/>eben dieß Verhältniß ausdrücken, ist zum Theil schon gezeigt worden, daß sie<lb n="8"/>wesenlose Abstractionen, Gedankendinge oder Wesen der Einbildung, ohne Realität<lb n="9"/>sind; es kommt vors erste die nichtige Abstraction eines Begriffs der allgemeinen<lb n="10"/>Freyheit Aller, die von der Freyheit der einzelnen getrennt wäre, vor, alsdenn auf der<lb n="11"/>andern Seite eben diese Freyheit des einzelnen eben so isolirt; jede für sich gesetzt,<lb n="12"/>ist eine Abstraction ohne Realität; beyde aber absolut identisch und dann bloß <hi rendition="#g">an</hi><lb n="13"/>dieser ersten zu Grunde liegenden Identität gesetzt, sind sie etwas ganz anders, als jene<lb n="14"/>Begriffe, welche ihre Bedeutung allein in der Nichtidentität haben. Alsdenn soll die<lb n="15"/>natürliche oder ursprüngliche Freyheit durch den Begriff der allgemeinen Freyheit<lb n="16"/>sich beschränken; aber jene Freyheit, welche als beschränkbar gesetzt werden kann,<lb n="17"/>ist eben darum wieder nichts absolutes; und alsdenn ist es an sich widersprechend,<lb n="18"/>eine Idee zusammenzusetzen, daß mit absoluter Nothwendigkeit die Freyheit des<lb n="19"/>einzelnen durch die Aeußerlichkeit des Zwangs dem Begriff der allgemeinen Freyheit<lb n="20"/>gemäß sey, was nichts anders heißt, als daß sich vorgestellt wird, daß das einzelne<lb n="21"/>durch etwas nicht absolutes dem allgemeinen doch absolut gleich sey. In dem Begriff<lb n="22"/>des Zwangs selbst wird unmittelbar etwas Aeußeres für die Freyheit gesetzt, aber<lb n="23"/>eine Freyheit, für welche etwas wahrhaft äußeres, fremdes wäre, ist keine Freyheit;<lb n="24"/>ihr Wesen und ihre formelle Definition ist gerade, daß nichts absolut äußeres ist.</p>
<p><lb n="25"/>Es ist die Ansicht der Freyheit völlig zu verwerfen, nach welcher sie eine Wahl seyn<lb n="26"/>soll zwischen entgegengesetzten Bestimmtheiten, so daß wenn + A und − A vor<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lägen, sie darin bestünde, <hi rendition="#g">entweder</hi> als + A <hi rendition="#g">oder</hi> als − A sich zu bestimmen,<lb n="28"/>und an dieß <hi rendition="#g">entweder</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> schlechthin gebunden wäre. So etwas wie diese Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit der Wahl ist schlechthin eine empirische Freyheit, welche eins ist mit der<lb n="30"/>empirischen gemeinen Nothwendigkeit, und schlechthin nicht von ihr trennbar. Sie<lb n="31"/>ist vielmehr die Negation oder Idealität der entgegengesetzten, sowohl des + A als<lb n="32"/>des − A, die Abstraction der Möglichkeit, daß keins von beyden ist; ein äußeres<lb n="33"/>wäre für sie nur, insofern sie allein als + A oder allein als − A bestimmt wäre; aber<lb n="34"/>sie ist gerade das Gegentheil hievon, und nichts äußeres für sie, und so ist für sie kein<lb n="35"/>Zwang möglich.</p>
<p><lb n="36"/>Jede Bestimmtheit ist nach ihrem Wesen entweder + A, oder − A; und an das<lb n="37"/>+ A ist das − A, so wie an das − A das + A unauflöslich gekettet; so wie das Indi-</p>
<pb n="447" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=454" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="56–58"/>
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<p><lb n="1"/>viduum sich in die Bestimmtheit des + A gesetzt hat, so ist es auch an − A gebunden,<lb n="2"/>und − A ist ein äußeres für dasselbe und nicht unter seiner Gewalt; sondern es wäre<lb n="3"/>um der absoluten Verbindung des + A mit − A, unmittelbar durch die Bestimmtheit<lb n="4"/>von + A, unter einer fremden Gewalt des − A, und die Freyheit, welche im Wählen<lb n="5"/>bestünde, entweder sich als + A oder als − A zu bestimmen, käme aus der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wendigkeit gar nicht heraus. Bestimmt sie sich als + A, so hat sie − A nicht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>nichtet, sondern es besteht absolut nothwendig als ein äußers für sie, und so um<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gekehrt, wenn sie sich als − A bestimmt. Sie ist Freyheit allein, daß sie positiv oder<lb n="9"/>negativ − A mit + A, vereinigt, und so aufhört in der Bestimmtheit + A zu seyn;<lb n="10"/>in der Vereinigung beyder Bestimmtheiten sind beyde vernichtet; + A − A = 0.<lb n="11"/>Wenn dieses Nichts nur relativ auf + A und − A, das indifferente A selbst als eine<lb n="12"/>Bestimmtheit, und ein + oder − gegen ein anderes − oder + gedacht wird, so<lb n="13"/>ist die absolute Freyheit eben so über diesen Gegensatz wie über jeden, und jede<lb n="14"/>Aeußerlichkeit erhaben; und schlechthin alles Zwangs unfähig, und der Zwang hat<lb n="15"/>gar keine Realität.</p>
<p><lb n="16"/>Aber diese Idee der Freyheit scheint selbst eine Abstraction zu seyn, und wenn<lb n="17"/>z. B. von einer concreten Freyheit, der Freyheit des Individuums die Rede wäre, so<lb n="18"/>würde jenes Seyn einer Bestimmtheit, und damit bloße empirische Freyheit als eine<lb n="19"/>Möglichkeit der Wahl, und also auch empirische Nothwendigkeit und die Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>keit des Zwangs überhaupt die Entgegensetzung der Allgemeinheit und Einzelnheit<lb n="21"/>gesetzt. Denn das Individuum ist eine Einzelheit, und die Freyheit ist ein Vernichten<lb n="22"/>der Einzelheit; durch die Einzelheit ist das Individuum unmittelbar unter Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heiten, damit ist Aeußeres für dasselbe vorhanden, und damit Zwang möglich. Aber<lb n="24"/>ein anderes ist Bestimmtheiten in das Individuum, unter der Form der Unendlichkeit,<lb n="25"/>ein anderes sie absolut in dasselbe setzen. Die Bestimmtheit unter der Form der<lb n="26"/>Unendlichkeit ist damit zugleich aufgehoben; und das Individuum ist nur als freyes<lb n="27"/>Wesen; d. i. indem Bestimmtheiten in ihm gesetzt sind, ist es die absolute Indifferenz<lb n="28"/>dieser Bestimmtheiten, und hierin besteht formell seine sittliche Natur; so wie darinn,<lb n="29"/>daß, insofern die Individuen überhaupt es sey gegen sich oder etwas anders different<lb n="30"/>sind und eine Beziehung auf ein äußeres haben, diese Aeußerlichkeit selbst indifferent<lb n="31"/>und eine lebendige Beziehung sey, die Organisation und hiemit, weil nur in der<lb n="32"/>Organisation Totalität ist, das positive der Sittlichkeit besteht. – Aber die Indifferenz<lb n="33"/>des Individuums als einzelnen ist in Beziehung auf das Seyn der Bestimmtheiten, eine<lb n="34"/>negative; aber wo wirklich sein Seyn als Einzelheit, d. h. eine für dasselbe positiv<lb n="35"/>unüberwindliche Negation, eine Bestimmtheit, durch welche das Aeußerliche als<lb n="36"/>solches sich festhält, gesetzt wird, so bleibt ihm nur, aber die schlechthin <hi rendition="#g">negative</hi></p>
<pb n="448" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=455" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="58–60"/>
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<p><lb n="1"/>Absolutheit, oder die Unendlichkeit; die absolute Negation sowohl des − A als des<lb n="2"/>+ A oder daß es <hi rendition="#g">dieß</hi> Einzelnseyn absolut in den Begriff aufnimmt. Indem − A ein<lb n="3"/>äußeres gegen die Bestimmtheit + A des Subjects, so ist es durch dieß Verhältniß in<lb n="4"/>fremder Gewalt; aber dadurch, daß es sein + A als eine Bestimmtheit eben so negativ<lb n="5"/>setzen, aufheben und entäußern kann, bleibt es bey der Möglichkeit und bey der<lb n="6"/>Wirklichkeit fremder Gewalt schlechthin frey. Indem es + A sowohl als − A negirt,<lb n="7"/>ist es <hi rendition="#g">be</hi>zwungen, aber nicht <hi rendition="#g">ge</hi>zwungen; es würde Zwang nur erleiden müssen,<lb n="8"/>wenn + A in ihm absolut fixirt wäre, wodurch an dasselbe, als an eine Bestimmtheit,<lb n="9"/>eine unendliche Kette andere Bestimmtheiten gefesselt werden könnte. Diese Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichkeit von Bestimmtheiten zu abstrahiren, ist ohne Beschränkung, oder es ist keine<lb n="11"/>Bestimmtheit, welche absolut ist, denn dieß widerspräche sich unmittelbar; sondern<lb n="12"/>die Freyheit selbst oder die Unendlichkeit ist zwar das negative, aber das absolute,<lb n="13"/>und sein Einzelnseyn ist absolute in den Begriff aufgenommene Einzelnheit, negativ<lb n="14"/>absolute Unendlichkeit, reine Freyheit; dieß negativ absolute, die reine Freyheit, ist<lb n="15"/>in ihrer Erscheinung der Tod, und durch die Fähigkeit des Todes erweist sich das<lb n="16"/>Subject als frey und schlechthin über allen Zwang erhaben. Er ist die absolute<lb n="17"/>Bezwingung; und weil sie absolut ist, oder weil in ihr die Einzelnheit schlechthin<lb n="18"/>reine Einzelnheit wird, – nemlich nicht das Setzen eines + A, mit Ausschließung<lb n="19"/>des − A, welche Ausschließung keine wahre Negation, sondern nur das Setzen des<lb n="20"/>− A als eines äußern, und zugleich des + A als einer Bestimmtheit wäre – sondern<lb n="21"/>Aufhebung sowohl des + als des −, so ist sie der Begriff ihrer selbst, also unendlich,<lb n="22"/>und das Gegentheil ihrer selbst, oder absolute Befreyung, und die reine Einzelnheit,<lb n="23"/>die im Tode ist, ist ihr eignes Gegentheil, die Allgemeinheit. In dem Bezwingen ist<lb n="24"/>also dadurch Freyheit, daß es rein auf die Aufhebung einer Bestimmtheit sowohl<lb n="25"/>insofern sie positiv als insofern sie negativ, subjectiv und objectiv gesetzt ist, nicht<lb n="26"/>bloß einer Seite derselben geht, und also an sich betrachtet sich rein negativ hält,<lb n="27"/>oder da das Aufheben selbst auch von der Reflexion positiv aufgefaßt und aus<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gedrückt werden kann, so erscheint alsdenn das Aufheben beyder Seiten der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stimmtheit, als das vollkommen gleiche Setzen des bestimmten nach seinen beyden<lb n="30"/>Seiten. – Dieß z. B. auf die Strafe angewandt, so ist in ihr allein die Wiedervergeltung<lb n="31"/>vernünftig, denn durch sie wird das Verbrechen bezwungen, eine Bestimmtheit + A,<lb n="32"/>welche das Verbrechen gesetzt hat, wird durch das Setzen von − A ergänzt, und so<lb n="33"/>beyde vernichtet; oder positiv angesehen: mit der Bestimmtheit + A wird für den<lb n="34"/>Verbrecher die entgegengesetzte − A verbunden, und beyde gleicherweise gesetzt,<lb n="35"/>da das Verbrechen nur eine setzte; so ist die Strafe Wiederherstellung der Freyheit,<lb n="36"/>und der Verbrecher sowohl ist frey geblieben, oder vielmehr frey gemacht, als der</p>
<pb n="449" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=456" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="60–61"/>
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<p><lb n="1"/>strafende vernünftig und frey gehandelt hat. In dieser ihrer Bestimmung ist also die<lb n="2"/>Strafe etwas an sich, wahrhaftig unendlich und etwas absolutes, das hiemit seine<lb n="3"/>Achtung und Furcht in sich selbst hat, sie kommt aus der Freyheit, und bleibt selbst<lb n="4"/>als bezwingend in der Freyheit. Wenn hingegen die Strafe als Zwang vorgestellt<lb n="5"/>wird, so ist sie bloß als eine Bestimmtheit und als etwas schlechthin endliches, keine<lb n="6"/>Vernünftigkeit in sich führendes gesetzt, und fällt ganz unter den gemeinen Begriff<lb n="7"/>eines bestimmten Dinges, gegen ein anderes, oder einer Waare, für die etwas anderes,<lb n="8"/>nemlich das Verbrechen, zu erkaufen ist, der Staat hält als richterliche Gewalt einen<lb n="9"/>Markt mit Bestimmtheiten, die Verbrechen heißen und die ihm gegen andere Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>stimmtheiten feil sind, und das Gesetzbuch ist der Preißcourant.</p>
<p><lb n="11"/>Aber so nichtig diese Abstractionen und das daraus hervorgehende Verhältniß der<lb n="12"/>Aeußerlichkeit ist, so ist das Moment des negativabsoluten oder der Unendlichkeit,<lb n="13"/>welches in diesem Beyspiel als das Verhältniß von Verbrechen und Strafe bestimmend<lb n="14"/>bezeichnet ist, Moment des Absoluten selbst, und muß in der absoluten Sittlichkeit<lb n="15"/>aufgezeigt werden, und wir werden das Vielgewandte der absoluten Form oder der<lb n="16"/>Unendlichkeit in seinen nothwendigen Momenten ergreifen, und aufzeigen, wie sie<lb n="17"/>die Gestalt der absoluten Sittlichkeit bestimmen, woraus der wahre Begriff und das<lb n="18"/>Verhältniß der praktischen Wissenschaften sich ergeben wird. Da es hier zunächst<lb n="19"/>auf die Bestimmung dieser hierin enthaltenen Verhältnisse ankommt, und also die<lb n="20"/>Seite der Unendlichkeit heraus gehoben werden muß, so setzen wir das positive<lb n="21"/>voraus, daß die absolute sittliche Totalität nichts anderes als ein Volk ist; was sich<lb n="22"/>auch schon an dem negativen, das wir hier betrachten, in den folgenden Momenten<lb n="23"/>desselben klar machen wird. – In der absoluten Sittlichkeit ist nun die Unendlichkeit<lb n="24"/>oder die Form als das absolut negative nichts anders als das vorhin begriffene Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>zwingen selbst in seinen absoluten Begriff aufgenommen, worin es sich nicht auf<lb n="26"/>einzelne Bestimmtheiten bezieht, sondern auf die ganze Wirklichkeit und Möglich<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>keit derselben, nemlich das Leben selbst, also die Materie der unendlichen Form gleich<lb n="28"/>ist; aber so, daß das positive derselben das absolut sittliche, nemlich das Angehören<lb n="29"/>einem Volke ist; das Einsseyn mit welchem der Einzelne im negativen, durch die<lb n="30"/>Gefahr des Todes allein auf eine unzweydeutige Art erweist. Durch die absolute<lb n="31"/>Identität des unendlichen oder der Seite des Verhältnisses mit dem positiven gestalten<lb n="32"/>sich die sittlichen Totalitäten, wie die Völker sind, constituiren sich als Individuen,<lb n="33"/>und stellen sich hiemit als einzeln gegen einzelne Völker; diese Stellung und Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>vidualität ist die Seite der Realität, ohne diese gedacht sind sie Gedankendinge; es<lb n="35"/>wäre die Abstraction des Wesens ohne die absolute Form, welches Wesen eben<lb n="36"/>dadurch wesenlos wäre. Diese Beziehung von Individualität zu Individualität ist ein<lb n="37"/>Verhältniß, und darum eine gedoppelte; die eine die positive, das ruhige gleiche</p>
<pb n="450" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=457" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="61–63"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>Nebeneinanderbestehen beyder im Frieden; die andere die negative, das Ausschließen<lb n="2"/>einer durch die andere, und beyde Beziehungen sind absolut nothwendig. Für die<lb n="3"/>zweyte haben wir das vernünftige Verhältniß als ein in seinen Begriff aufgenommenes<lb n="4"/>Bezwingen begriffen, oder als absolute formale Tugend, welche die Tapferkeit ist.<lb n="5"/>Es ist durch diese zweyte Seite der Beziehung für Gestalt und Individualität der sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichen Totalität die Nothwendigkeit des Krieges gesetzt, der, weil in ihm die freye<lb n="7"/>Möglichkeit ist, daß nicht nur einzelne Bestimmtheiten, sondern die Vollständigkeit<lb n="8"/>derselben als Leben vernichtet wird, und zwar für das Absolute selbst oder für das<lb n="9"/>Volk, eben so die sittliche Gesundheit der Völker in ihrer Indifferenz gegen die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>stimmtheiten und gegen das Angewöhnen und festwerden derselben erhält, als die<lb n="11"/>Bewegung der Winde die Seen vor der Fäulniß bewahrt, in welche sie eine dauernde<lb n="12"/>Stille, wie die Völker ein dauernder, oder gar ein ewiger Frieden versetzen würde.</p>
<p><lb n="13"/>Dem so eben betrachteten negativen der Unendlichkeit, weil die Gestalt der sittlichen<lb n="14"/>Totalität und die Individualität derselben als eine Einzelnheit nach aussen, und dieser<lb n="15"/>ihre Bewegung als Tapferkeit bestimmt ist, ist die andere Seite unmittelbar verbunden;<lb n="16"/>nemlich das Bestehen des Gegensatzes; eine ist Unendlichkeit, negativ, wie die andere;<lb n="17"/>die erste ist die Negation der Negation, die Entgegensetzung gegen die Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>setzung; die zweyte die Negation und Entgegensetzung selbst in ihrem Bestehen als<lb n="19"/>Bestimmtheiten oder mannichfaltige Realität. Diese Realitäten in ihrer reinen innern<lb n="20"/>Formlosigkeit und Einfachheit, oder die Gefühle, sind im praktischen aus der Dif<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ferenz sich reconstruirende und aus dem Aufgehobenseyn des differenzlosen Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gefühls, durch eine Vernichtung der Anschauungen hindurchgehende und sich<lb n="23"/>wiederherstellende Gefühle; physische Bedürfnisse und Genüsse, die für sich wieder<lb n="24"/>in der Totalität gesetzt, in ihren unendlichen Verwicklungen Einer Nothwendigkeit<lb n="25"/>gehorchen, und das System der allgemeinen gegenseitigen Abhängigkeit in An<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sehung der physischen Bedürfnisse, und der Arbeit und Anhäuffung für dieselbe, und<lb n="27"/>dieses als Wissenschaft das System der sogenannten politischen Oekonomie bilden.<lb n="28"/>Da dieses System der Realität ganz in der Negativität und in der Unendlichkeit ist,<lb n="29"/>so folgt für sein Verhältniß zu der positiven Totalität, daß es von derselben ganz<lb n="30"/>negativ behandelt werden, und seiner Herrschaft unterworfen bleiben muß; was<lb n="31"/>seiner Natur nach negativ ist, muß negativ bleiben, und darf nicht etwas festes wer<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>den. Um zu verhindern, daß es sich nicht für sich constituire, und eine unabhängige<lb n="33"/>Macht werde, ist es nicht genug, die Sätze aufzustellen, daß jeder das Recht habe, zu<lb n="34"/>leben, daß in einem Volke das Allgemeine dafür sorgen müsse, daß jeder Bürger<lb n="35"/>sein Auskommen habe, und daß eine vollkommene Sicherheit und Leichtigkeit des<lb n="36"/>Erwerbes vorhanden sey; dieses letzte als absoluter Grundsatz gedacht, schlösse viel-</p>
<pb n="451" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=458" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="63–65"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>mehr eine negative Behandlung des Systems des Besitzes aus, und ließe es voll<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>kommen gewähren, und sich absolut festsetzen; aber vielmehr muß das sittliche<lb n="3"/>Ganze es in dem Gefühl seiner innern Nichtigkeit erhalten, und sein Emporschießen<lb n="4"/>in Beziehung auf die Quantität, und die Bildung zu immer größerer Differenz und<lb n="5"/>Ungleichheit, als worauf seine Natur geht, hindern; was auch in jedem Staate, mehr<lb n="6"/>bewußtlos und in der Gestalt einer äußern Naturnothwendigkeit, der er überhoben zu<lb n="7"/>seyn sich selbst wünschte, durch immer größern mit dem Wachsthum des Systems<lb n="8"/>des Besitzes wachsenden Aufwand des Staats selbst, und dem gemäß steigende<lb n="9"/>Auflagen und also Verminderung des Besitzes und Erschwerung des Erwerbens, am<lb n="10"/>meisten durch den Krieg, der was dahin geht in mannichfaltige Verwirrung bringt,<lb n="11"/>so wie durch Eifersucht anderer Stände, und Bedrückung des Handels, theils mit<lb n="12"/>Willen, theils wider ihren Willen durch Unverstand u.s.w., bis auf solche Grade<lb n="13"/>bewirkt wird, in welchen die positive Sittlichkeit des Staats selbst, die Unabhängig<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit von dem rein reellen Systeme, und die Behauptung der negativen und ein<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schränkenden Haltung erlaubt.</p>
<p><lb n="16"/>Die Realität in der Beziehung, in der sie so eben betrachtet worden ist, und von<lb n="17"/>der physisches Bedürfniß, Genuß, Besitz, und die Objecte des Besitzes und Genusses<lb n="18"/>verschiedene Seiten sind, ist reine Realität; sie drückt bloß die Extreme des Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>nisses aus. Aber das Verhältniß enthält auch eine Idealität, eine relative Identität der<lb n="20"/>entgegengesetzten Bestimmtheiten; und diese kann also nicht positiv absolut, sondern<lb n="21"/>nur formal seyn. Durch die Identität, in welche das reelle in der Beziehung der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>hältnisse gesetzt wird, wird der Besitz Eigenthum, und überhaupt die Besonderheit,<lb n="23"/>auch die lebendige, zugleich als ein Allgemeines bestimmt; wodurch die Sphäre des<lb n="24"/>Rechts constituirt ist. – Was nun den Reflex des Absoluten in diesem Verhältniß<lb n="25"/>betrifft, so ist er schon oben nach seiner negativen Seite gegen das Bestehen des<lb n="26"/>reellen und bestimmten, als ein Bezwingen bestimmt worden; nach der positiven<lb n="27"/>Seite für das Bestehen des reellen kann die Indifferenz in diesem bestimmten Stoffe<lb n="28"/>sich nur als eine äußere, formale Gleichheit ausdrücken; und die Wissenschaft, die<lb n="29"/>sich hierauf bezieht, kann nur darauf gehen, theils die Abstuffungen der Ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heit, theils damit dieß möglich sey, die Art zu bestimmen, wie ein lebendiges, oder<lb n="31"/>inneres überhaupt so objectiv und äußerlich zu setzen ist, damit es jener Bestimmung<lb n="32"/>und Berechnung fähig sey. Auf diese oberflächliche Erscheinung ist die absolute<lb n="33"/>Realität der Sittlichkeit in dieser Potenz durch das Bestehen der im Gegensatz vor<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>handenen Realität eingeschränkt. Nicht nur hat um der fixirten Bestimmtheit willen,<lb n="35"/>welche eine absolute Entgegensetzung in sich schließt, das gleichsetzen und die<lb n="36"/>Berechnung der Ungleichheit ihre Gränzen, und stößt wie die Geometrie auf In<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>commensurabilität, sondern, weil sie ganz in der Bestimmtheit, und doch nicht wie</p>
<pb n="452" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=459" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="65–67"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>die Geometrie abstrahrien kann, sondern schlechthin, da sie in lebendigen Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>nissen ist, immer ganze Convolute solcher Bestimmtheiten vor sich hat, auch schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>hin auf endlose Widersprüche. Diesem Widersprechen der Bestimmtheiten wird<lb n="4"/>allerdings bey einer Anschauung durch Festsetzen und Festhalten an einzelnen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stimmtheiten abgeholfen und ein Ende gemacht, als wodurch eine Entscheidung<lb n="6"/>erfolgen kann; was noch immer besser ist, als daß keine erfolgt, denn weil in der<lb n="7"/>Sache selbst nichts absolutes ist, so ist eigentlich das formelle, daß überhaupt ent<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schieden und bestimmt wird, das wesentliche, aber ein ganz anderes ist, daß nach<lb n="9"/>wahrhafter totaler Gerechtigkeit und Sittlichkeit auf diese Weise entschieden werde,<lb n="10"/>welche gerade durch das Festsetzen und absolute Festhalten an den Bestimmtheiten<lb n="11"/>unmöglich, allein in der Confusion derselben möglich, und durch unmittelbare<lb n="12"/>sittliche Anschauung wirklich ist, welche die als absolut gesetzten Bestimmtheiten<lb n="13"/>unterjocht, und allein das Ganze festhält. – Es ist, sagt Plato in seiner einfachen<lb n="14"/>Sprache über die beyden Seiten des endlosen Bestimmens der unendlichen Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nahme der Qualitäten in den Begriff, und des Widerspruchs ihrer Einzelnheit gegen<lb n="16"/>die Anschauung und dabey unter sich, es ist klar, daß zu der königlichen Kunst die<lb n="17"/>Gesetzgebungskunst gehört; das beste aber ist, nicht daß die Gesetze gelten, sondern<lb n="18"/>der Mann, der weise und königlich ist, weil das Gesetz nicht vermag, das, was aufs<lb n="19"/>genauste und ganz allgemein das vortrefflichste und gerechteste wäre, vollkommen<lb n="20"/>vorzuschreiben; weil die Ungleichheiten der Menschen und der Handlungen, und<lb n="21"/>das niemals Ruhe halten der menschlichen Dinge nichts sich selbst gleiches bey keiner<lb n="22"/>Sache über alle Seiten derselben und für alle Zeit in keiner Kunst darzustellen<lb n="23"/>erlauben. Das Gesetz aber sehen wir gerade auf ein und dasselbe sich hinrichten, wie<lb n="24"/>ein eigensinniger und roher Mensch, der nichts gegen seine Anordnung geschehen<lb n="25"/>noch auch von jemand sich darüber fragen läßt, wenn einem etwas anderes besseres<lb n="26"/>vorkommt, gegen das Verhältniß, das er festgesetzt hat; – es ist also unmöglich, daß<lb n="27"/>für das nie sich selbst gleiche das sich durchaus selbst gleiche gut sey. – Daß an dem<lb n="28"/>Gedanken, es sey in dieser Sphäre der menschlichen Dinge an sich seyendes und<lb n="29"/>absolutes bestimmtes Recht und Pflicht möglich, festgehangen wird, kommt von<lb n="30"/>der formalen Indifferenz, oder dem negativ absoluten, welches in der fixen Realität<lb n="31"/>dieser Sphäre allein Platz hat, und welches allerdings an sich ist; aber insofern es an<lb n="32"/>sich ist, ist es leer, oder es ist an ihm nichts absolutes, als gerade die reine Abstraction,<lb n="33"/>der völlig innhaltlose Gedanke der Einheit. Es ist nicht etwa ein Schluß aus bis<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>heriger Erfahrung, noch ist es als zufällige Unvollkommenheit des concreten und<lb n="35"/>der Ausführung einer apriori wahrhaften Idee zu betrachten, sondern es ist zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>kennen, daß, was hier Idee genannt wird und eine Hoffnung auf bessere Zukunft<lb n="37"/>hierüber an sich nichtig, und daß eine vollkommene Gesetzgebung, so wie eine der</p>
<pb n="453" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=460" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="67–68"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>Bestimmtheit der Gesetze entsprechende wahrhafte Gerechtigkeit im concreten der<lb n="2"/>richterlichen Gewalt an sich unmöglich ist. Was jenes betrifft, so ist das Absolute,<lb n="3"/>weil es in den Bestimmtheiten als solchen seyn soll, nur das unendliche, und es ist<lb n="4"/>eben dieselbe empirische Unendlichkeit, und an sich endlose Bestimmbarkeit gesetzt,<lb n="5"/>welche in dem Gedanken einer Vergleichung eines bestimmten Maaßes mit einer<lb n="6"/>absolut unbestimmten Linie, oder einer bestimmten Linie mit einem absolut un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bestimmten Maaße, des Messens einer unendlichen Linie, oder des absoluten Theilens<lb n="8"/>einer bestimmten Linie gesetzt ist. Was das andere betrift, so werden von den eben<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>falls unendlich vielen und unendlich verschieden geformten Anschauungen, welche<lb n="10"/>der Gegenstand des richterlichen sind, jede mit der wachsenden Menge von Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mungen vielfacher bestimmt; jene Bildung von Unterscheidungen durch die Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gebung macht jede einzelne Anschauung unterscheidbarer und gebildeter, und die<lb n="13"/>Ausdehnung der Gesetzgebung ist nicht eine Annäherung zum Ziele einer positiven<lb n="14"/>Vollkommenheit, die hier, wie oben gezeigt, keine Wahrheit hat, sondern nur das<lb n="15"/>formale der zunehmenden Bildung. Und damit nun in dieser Mannichfaltigkeit das<lb n="16"/>Eins der richterlichen Anschauung des Rechts und des Urtheils sich organisire, ein<lb n="17"/>wahrhaftes Eins und Ganzes werde, ist absolut nothwendig, daß jede einzelne der<lb n="18"/>Bestimmtheiten modificirt, d. h. eben als eine absolute, für sich seyende, für was<lb n="19"/>sie sich als Gesetz ausspricht, zum Theil aufgehoben, also ihr absolutseyn nicht respec<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tirt werde; und von einer reinen Anwendung kann nicht die Rede seyn, denn eine<lb n="21"/>reine Anwendung wäre das Setzen einzelner Bestimmtheiten mit Ausschließung<lb n="22"/>anderer; aber durch ihr Seyn machen diese eben so die Anforderung, daß sie bedacht<lb n="23"/>werden, damit die Gegenwirkung nicht durch Theile sondern durch das Ganze<lb n="24"/>bestimmt selbst ein Ganzes sey. Dieser klaren und bestimmten Erkenntniß muß die<lb n="25"/>leere Hoffnung und der formale Gedanke sowohl einer absoluten Gesetzgebung, als<lb n="26"/>eines dem innern des Richters entzogenen Rechtsprechens unterliegen.</p>
<p><lb n="27"/>Es ist bey dem betrachteten System der Realität gezeigt worden, daß die absolute<lb n="28"/>Sittlichkeit sich negativ gegen dasselbe verhalten müsse; in demselben ist das Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>solute, wie es unter der fixen Bestimmtheit desselben erscheint, als negativ-absolutes,<lb n="30"/>als Unendlichkeit gesetzt, die sich gegen den Gegensatz als formale, relative, abstracte<lb n="31"/>Einheit darstellt; in jenem negativen Verhalten feindlich, in diesem selbst unter seiner<lb n="32"/>Herrschaft; in keinem indifferent gegen dasselbe. Aber die Einheit, welche Indifferenz<lb n="33"/>der entgegengesetzten ist, und sie in sich vernichtet und begreift, und die Einheit,<lb n="34"/>welche nur formale Indifferenz, oder die Identität des Verhältnisses bestehender<lb n="35"/>Realitäten ist, müssen selbst schlechthin als Eines seyn, durch vollkommene Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nahme des Verhältnisses in die Indifferenz selbst. Das heißt, das absolute sittliche muß<lb n="37"/>sich als Gestalt, denn das Verhältniß ist die Abstraction der Seite der Gestalt, voll-</p>
<pb n="454" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=461" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="68–70"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>kommen organisiren. Indem das Verhältniß in der Gestalt schlechthin indifferenzirt<lb n="2"/>wird, hört es nicht auf, die Natur des Verhältnisses zu haben; es bleibt ein Verhältniß<lb n="3"/>der organischen zur unorganischen Natur. Aber, wie oben gezeigt, ist das Verhältniß,<lb n="4"/>als Seite der Unendlichkeit, selbst ein gedoppeltes; das einemal insofern die Einheit<lb n="5"/>oder das ideelle, das andremal insofern das Viele oder das reelle das erste und herr<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schende ist. Nach jener Seite ist es eigentlich in der Gestalt, und in der Indifferenz;<lb n="7"/>und die ewige Unruhe des Begriffs oder der Unendlichkeit ist theils in der Organi<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sation selbst, sich selbst aufzehrend, und die Erscheinung des Lebens, das rein quanti<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>tative, hingebend, daß es als sein eignes Saamenkorn aus seiner Asche ewig zu neuer<lb n="10"/>Jugend sich emporhebe; – theils seine Differenz nach außen ewig vernichtend, und<lb n="11"/>vom Unorganischen sich nährend, und es producirend, aus der Indifferenz eine<lb n="12"/>Differenz, oder ein Verhältniß einer unorganischen Natur hervorrufend, und dasselbe<lb n="13"/>wieder aufhebend, und sie wie sich selbst verzehrend; wir werden gleich sehen, was<lb n="14"/>diese unorganische Natur des sittlichen ist. Aber zweytens ist in dieser Seite des<lb n="15"/>Verhältnisses oder der Unendlichkeit auch das Bestehen des vernichteten gesetzt,<lb n="16"/>denn eben da der absolute Begriff das Gegentheil seiner selbst ist, ist mit seiner reinen<lb n="17"/>Einheit und Negativität auch das Seyn der Differenz gesetzt; oder das Vernichten<lb n="18"/>setzt etwas, was es vernichtet, oder das reelle; und so wäre eine für die Sittlichkeit<lb n="19"/>unüberwindliche Wirklichkeit und Differenz; die Individualität, welche durch den<lb n="20"/>Sitz, den die Unendlichkeit hier in der ganzen Kraft ihres Gegensatzes aufgeschlagen<lb n="21"/>hat, und nicht bloß der Möglichkeit nach, sondern actu, der Wirklichkeit nach im<lb n="22"/>Gegensatze ist, vermöchte nicht sich von der Differenz zu reinigen, und in die<lb n="23"/>absolute Indifferenz sich aufzunehmen. Daß beides, das Aufgehobenseyn des Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>satzes und das Bestehen desselben, nicht nur ideell, sondern auch reell sey, ist über<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>haupt das Setzen einer Abtrennung und Aussonderung, so daß die Realität, in welcher<lb n="26"/>die Sittlichkeit objectiv ist, getheilt sey in einen Theil, welcher absolut in die In<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>differenz aufgenommen ist, und in einen, worin das reelle als solches bestehend, also<lb n="28"/>relativ identisch ist und nur den Widerschein der absoluten Sittlichkeit in sich trägt.<lb n="29"/>Es ist hiemit gesetzt ein Verhältniß der absoluten Sittlichkeit, die ganz innwohnend<lb n="30"/>in den Individuen und ihr Wesen sey, zu der relativen Sittlichkeit, die ebenso in In<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>dividuen reell ist. Anders kann die sittliche Organisation in der Realität sich nicht<lb n="32"/>rein erhalten, als daß die allgemeine Verbreitung des negativen in ihr gehemmt, und<lb n="33"/>auf Eine Seite gestellt sey. Wie nun in dem bestehenden reellen die Indifferenz er<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>scheint, und formale Sittlichkeit ist, ist oben gezeigt worden. Der Begriff dieser<lb n="35"/>Sphäre ist das reelle <hi rendition="#g">praktische</hi>, subjectiv betrachtet der Empfindung oder des<lb n="36"/>physischen Bedürfnisses und Genusses, objectiv – der Arbeit und des Besitzes; und<lb n="37"/>dieses praktische, wie es nach seinem Begriff geschehen kann, in die Indifferenz auf-</p>
<pb n="455" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=462" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="70–72"/>
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<p><lb n="1"/>genommen, ist die formale Einheit, oder das <hi rendition="#g">Recht</hi>, das in ihm möglich ist; über<lb n="2"/>welchen beyden das Dritte als das absolute oder das <hi rendition="#g">sittliche</hi> ist; die Realität aber<lb n="3"/>der Sphäre der relativen Einheit, oder des praktischen und rechtlichen ist in dem<lb n="4"/>Systeme seiner Totalität als eigener Stand constituirt. So bilden nach der absoluten<lb n="5"/>Nothwendigkeit des Sittlichen zwey Stände, wovon der eine als Stand der Freyen,<lb n="6"/>das Individuum der absoluten Sittlichkeit, dessen Organe die einzelnen Individuen<lb n="7"/>sind; und das von Seiten seiner Indifferenz betrachtet der absolute lebendige Geist,<lb n="8"/>von Seiten seiner Objectivität die lebendige Bewegung und der göttliche Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>genuß dieses Ganzen in der Totalität der Individuen als seiner Organe und Glieder<lb n="10"/>ist; dessen formale oder negative Seite aber ebenso die absolute seyn muß, nemlich<lb n="11"/>Arbeit, die nicht auf das Vernichten einzelner Bestimmtheiten geht, sondern auf den<lb n="12"/>Tod, und deren Product ebenso nicht einzelnes sondern das Seyn und die Erhaltung<lb n="13"/>des Ganzen der sittlichen Organisation ist. Diesem Stande weißt Aristoteles als sein<lb n="14"/>Geschäft das an, wofür die Griechen den Nahmen politevein hatten, was in und mit<lb n="15"/>und für sein Volk leben, ein allgemeines dem öffentlichen ganz gehöriges Leben<lb n="16"/>führen ausdrückt; – oder das philosophiren; welche beyde Geschäfte Plato nach<lb n="17"/>seiner höhern Lebendigkeit, nicht getrennt, sondern schlechthin verknüpft sehen<lb n="18"/>will. – Alsdenn ein Stand der nicht freyen, welcher in der Differenz des Bedürfnisses<lb n="19"/>und der Arbeit, und im Rechte und der Gerechtigkeit des Besitzes und Eigenthumes<lb n="20"/>ist; dessen Arbeit auf die Einzelheit geht, und also die Gefahr des Todes nicht in sich<lb n="21"/>schließt. Zu welchen der dritte Stand gerechnet werden muß, der in der Rohheit<lb n="22"/>seiner nicht bildenden Arbeit nur mit der Erde als Element zu thun und dessen Arbeit<lb n="23"/>das Ganze des Bedürfnisses im unmittelbaren Object ohne Zwischenglieder vor sich<lb n="24"/>hat, also selbst eine gediegene Totalität und Indifferenz wie ein Element ist, hiemit<lb n="25"/>sich außer der Differenz des Verstandes des zweyten Standes, seine Leiber und seinen<lb n="26"/>Geist in der Möglichkeit formeller absoluter Sittlichkeit, der Tapferkeit und eines<lb n="27"/>gewaltsamen Todes erhält, also den ersten Stand nach der Masse und dem elemen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tarischen Wesen zu vermehren vermag. Diese beyden Stände überheben den ersten<lb n="29"/>des Verhältnisses, in welchem die Realität theils in ihrer ruhenden theils in ihrer<lb n="30"/>thätigen Beziehung, als Besitz und Eigenthum und als Arbeit fixirt ist; nach der<lb n="31"/>Weise, wie auf eine zur Zeit sich hierauf beschränkende Art unter den neuern Völ<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>kern nach und nach die erwerbende Klasse aufgehört, Kriegsdienste zu thun, und die<lb n="33"/>Tapferkeit sich gereinigter zu einem besondern Stande gebildet hat, der durch jene<lb n="34"/>des Erwerbens überhoben, und welchem Besitz und Eigenthum wenigstens etwas<lb n="35"/>zufälliges ist. Die Constitution jenes zweyten Standes, ihrer Materie nach, bestimmt<lb n="36"/>Plato so, daß die königliche Kunst diejenigen, welche der tapfern und gezügelten<lb n="37"/>Sitte und welche andere sonst zur Tugend treibt, nicht theilhaftig zu werden ver-</p>
<pb n="456" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=463" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="72–74"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>mögen, sondern nur dessen, was zur Gottlosigkeit, und Uebermuth und Ungerech<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tigkeit durch seine böse gewaltsame Natur hinstößt, durch Tod und Verbannung<lb n="3"/>und die letzte Schmach bezwingt und auswirft; daß die königliche Kunst dagegen<lb n="4"/>die Naturen, die in Rohheit und Niedrigkeit liegen, zum knechtischen Geschlechte<lb n="5"/>unterjocht; und Aristoteles erkennt dasjenige dazu gehörig, was durch seine Natur<lb n="6"/>nicht sein eigen, sondern eines andern ist, was sich wie Leib zu einem Geiste verhält.</p>
<p><lb n="7"/>Aber das Verhältniß dieses, was durch seine Natur eines andern ist, und seinen<lb n="8"/>Geist nicht in sich selbst hat, zu der absolut selbstständigen Individualität vermag<lb n="9"/>seiner Form nach ein gedoppeltes zu seyn; nemlich entweder ein Verhältniß der<lb n="10"/>Individuen dieses Standes als besondern zu den Individuen des ersten als besondern;<lb n="11"/>oder von allgemeinem zu allgemeinem. Jenes Verhältniß der Sclaverey ist in der<lb n="12"/>empirischen Erscheinung der Universalität des römischen Reichs von selbst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schwunden, in dem Verluste der absoluten Sittlichkeit, und mit der Erniedrigung<lb n="14"/>des edlen Standes sind sich die beyden vorher besondern Stände gleich geworden,<lb n="15"/>und mit dem Aufhören der Freyheit hat nothwendig die Sclaverey aufgehört. Indem<lb n="16"/>das Princip der formellen Einheit und der Gleichheit geltend werden mußte, hat es<lb n="17"/>überhaupt den innern wahrhaften Unterschied der Stände aufgehoben, und vors<lb n="18"/>erste nicht die obengesetzte Absonderung von Ständen, noch weniger die durch sie<lb n="19"/>bedingte Form der Absonderung derselben zu Stande gebracht, nach welcher sie<lb n="20"/>unter der Form der Allgemeinheit nur als ganzer Stand zum ganzen Stand im Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>hältnisse der Herrschaft und der Abhängigkeit sind, so daß auch in diesem Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nisse die beyden, die in der Beziehung sind, allgemeine bleiben; wie hingegen im<lb n="23"/>Verhältniß der Sclaverey die Form der Besonderheit die bestimmende desselben, und<lb n="24"/>nicht Stand gegen Stand, sondern diese Einheit eines jeden Theils in der realen<lb n="25"/>Beziehung aufgelößt ist, und die einzelnen von einzelnen abhängig sind. Das Princip<lb n="26"/>der Allgemeinheit und Gleichheit hat sich zuerst des Ganzen so bemächtigen müssen,<lb n="27"/>daß es an die Stelle einer Absonderung eine Vermischung beyder Stände setzte; in<lb n="28"/>dieser Vermischung unter dem Gesetz der formalen Einheit ist in Wahrheit der<lb n="29"/>erste Stand ganz aufgehoben, und der zweyte zum alleinigen Volk gemacht; das<lb n="30"/>Bild von welcher Veränderung Gibbon in diesen Zügen ausdrückt: der lange Friede<lb n="31"/>und die gleichförmige Herrschaft der Römer führte ein langsames und geheimes Gift<lb n="32"/>in die Lebenskräfte des Reichs. Die Gesinnungen der Menschen waren allmählig auf<lb n="33"/>Eine Ebene gebracht, das Feuer des Genius ausgelöscht, und selbst der militärische<lb n="34"/>Geist verdunstet. Der persönliche Muth blieb, aber sie besaßen nicht mehr diesen<lb n="35"/><hi rendition="#g">öffentlichen</hi> Muth, welcher von der Liebe zur Unabhängigkeit, dem Sinne der<lb n="36"/>National-Ehre, der Gegenwart der Gefahr, und der Gewohnheit zu befehlen genährt</p>
<pb n="457" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=464" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="74–76"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>wird; sie empfingen Gesetze und Befehlshaber von dem Willen ihres Monarchen,<lb n="2"/>und die Nachkommenschaft der kühnsten Häupter war mit dem Rang von Bürgern<lb n="3"/>und Unterthanen zufrieden; die höher strebenden Gemüther sammelten sich zu der<lb n="4"/>Fahne der Kayser; und die verlassenen Länder, politischer Stärke oder Einheit<lb n="5"/>beraubt, sanken unmerklich in die matte Gleichgültigkeit des <hi rendition="#g">Privatlebens</hi>. – Mit<lb n="6"/>diesem allgemeinen Privatleben, und für den Zustand, in welchem das Volk nur aus<lb n="7"/>einem zweyten Stande besteht, ist unmittelbar das formale Rechtsverhältniß, welches<lb n="8"/>das Einzelnseyn fixirt und absolut setzt, vorhanden, und es hat sich auch die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ständigste Ausbildung der auf dasselbe sich beziehenden Gesetzgebung aus einer<lb n="10"/>solchen Verdorbenheit und universellen Erniedrigung gebildet und entwickelt. Dieses<lb n="11"/>System von Eigenthum und Recht, das um jenes Festseyns der Einzelnheit willen in<lb n="12"/>nichts absolutem und ewigem, sondern ganz im endlichen und formellen ist, muß<lb n="13"/>reell abgesondert und ausgeschieden von dem edlen Stande, sich in einem eigenen<lb n="14"/>Stande constituiren, und hier dann in seiner ganzen Länge und Breite sich aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dehnen können. Es gehören ihm theils die für sich untergeordneten und im formellen<lb n="16"/>bleibenden Fragen über den rechtlichen Grund von Besitz, Vertrag u.s.w. an, theils<lb n="17"/>aber überhaupt die ganze endlose Expansion der Gesetzgebung über, wie Plato die<lb n="18"/>Rubriken dieser Dinge aufführt, »diese gerichtlichen Gegenstände der Verträge ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>zelner gegen einzelne über Sachen oder Handarbeiten, wie auch der Injurien und<lb n="20"/>Schläge, Anordnungen über Competenz und Bestellungen von Richtern; und wo ein<lb n="21"/>Eintreiben oder Auflegen von Zöllen auf den Märkten und Häfen nothwendig sey, –<lb n="22"/>als worüber schönen und guten Männern vorzuschreiben nicht würdig ist; denn sie<lb n="23"/>werden das Viele, was darüber festgesetzt werden muß, von selbst leicht finden, wenn<lb n="24"/>Gott ihnen den Segen einer wahrhaft sittlichen Verfassung gibt. Wo aber dieß nicht<lb n="25"/>der Fall ist, so erfolgt, daß sie das Leben damit zubringen, vieles dergleichen fest<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zusetzen und zu verbessern, meynend, sie werden des besten sich endlich bemächtigen;<lb n="27"/>daß sie leben, wie Kranke, die aus Unenthaltsamkeit nicht aus ihrer schlechten Diät<lb n="28"/>treten wollen, und durch die Heilmittel nichts bewirken, als mannichfaltigere und<lb n="29"/>größere Krankheiten zu erzeugen, während sie immer hoffen, wenn jemand ihnen<lb n="30"/>ein Mittel räth, von diesem gesund zu werden; eben so possierlich sind diejenigen,<lb n="31"/>welche Gesetze über die angeführten Dinge geben, und daran immer bessern, in der<lb n="32"/>Meynung, darüber ein Ende zu erreichen, – unwissend, daß sie in der That gleichsam<lb n="33"/>die <hi rendition="#g">Hydra</hi> zerschneiden.« – »Wenn es nun wahr ist, daß mit zunehmender Zügel<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>losigkeit und Krankheit in dem Volke die vielen Gerichtshöfe sich öffnen, und einer<lb n="35"/>schlechten und schimpflichen Zucht kein größeres Zeichen gefunden werden kann,<lb n="36"/>als daß vortrefflicher Aerzte und Richter nicht nur die schlechten und die Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>werker bedürfen, sondern auch die, welche in einer freyen Bildung gezogen zu seyn<lb n="38"/>sich rühmen, eine von andern als Herrn und Richtern auferlegte Gerechtigkeit zu<lb n="39"/>haben genöthigt sind, und viele Zeit vor Gerichten mit klagen und vertheidigen</p>
<pb n="458" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=465" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="76–78"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>zubringen,« – wenn dieses System zugleich als allgemeiner Zustand sich da ent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wickeln, und die freye Sittlichkeit zerstören muß, wo sie mit jenen Verhältnissen<lb n="3"/>vermischt, und von denselben, und ihren Folgen nicht ursprünglich gesondert ist, so<lb n="4"/>ist nothwendig, daß dieses System mit Bewußtseyn aufgenommen, in seinem Recht<lb n="5"/>erkannt, von dem edlen Stande ausgeschlossen, und ihm ein eigener Stand, als sein<lb n="6"/>Reich eingeräumt sey, worin es sich festsetzen und an seiner Verwirrung und der<lb n="7"/>Aufhebung einer Verwirrung durch eine andere, seine völlige Thätigkeit entwickeln<lb n="8"/>könne. Es bestimmt sich hienach die Potenz dieses Standes so, daß er in dem Besitz<lb n="9"/>überhaupt und in der Gerechtigkeit, die hierin über Besitz möglich ist, sich befindet,<lb n="10"/>daß er zugleich ein zusammenhängendes System constituire, und unmittelbar da<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>durch, daß das Verhältniß des Besitzes in die formelle Einheit aufgenommen ist, jeder<lb n="12"/>einzelne, da er an sich eines Besitzes fähig ist, gegen Alle, als allgemeines, oder als<lb n="13"/>Bürger, in dem Sinne als bourgeois, sich verhält; für die politische Nullität, nach der<lb n="14"/>die Mitglieder dieses Standes Privatleute sind, den Ersatz in den Früchten des Frie<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dens und des Erwerbes, und in der vollkommenen Sicherheit des Genusses derselben<lb n="16"/>findet, sowohl insofern sie aufs einzelne als auf das Ganze desselben geht; auf das<lb n="17"/>Ganze aber geht die Sicherheit für jeden einzelnen, insofern er der Tapferkeit über<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>hoben und der Nothwendigkeit, die dem ersten Stande angehört, sich der Gefahr<lb n="19"/>eines gewaltsamen Todes auszusetzen entnommen ist, welche Gefahr für den ein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zelnen die absolute Unsicherheit alles Genusses und Besitzes und Rechts ist. Durch<lb n="21"/>diese aufgehobene Vermischung der Principien und die constituirte und bewußte<lb n="22"/>Sonderung derselben, erhält jedes sein Recht, und es ist allein dasjenige zu Stande<lb n="23"/>gebracht, was seyn soll, die Realität der Sittlichkeit als absoluter Indifferenz, und<lb n="24"/>zugleich ebenderselben als des reellen Verhältnisses im bestehenden Gegensatze, so<lb n="25"/>daß das letztere von dem erstern bezwungen ist, und daß dieses Bezwingen selbst<lb n="26"/>indifferentiirt und versöhnt ist. Welche Versöhnung eben in der Erkenntniß der<lb n="27"/>Nothwendigkeit und in dem Rechte besteht, welches die Sittlichkeit ihrer un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>organischen Natur und den unterirdischen Mächten giebt, indem sie ihnen ein Theil<lb n="29"/>ihrer selbst überläßt und opfert; denn die Kraft des Opfers besteht in dem Anschauen<lb n="30"/>und Objectiviren der Verwicklung mit dem unorganischen, durch welche An<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schauung diese Verwicklung gelöst, das unorganische abgetrennt, und als solches<lb n="32"/>erkannt, hiemit selbst in die Indifferenz aufgenommen ist; das lebendige aber, indem<lb n="33"/>es das, was es als einen Theil seiner selbst weiß, in dasselbe legt, und dem Tode opfert,<lb n="34"/>dessen Recht zugleich anerkannt und zugleich sich davon gereinigt hat.</p>
<p><lb n="35"/>Es ist dieß nichts anders als die Aufführung der Tragödie im sittlichen, welche das<lb n="36"/>Absolute ewig mit sich selbst spielt, daß es sich ewig in die Objectivität gebiert, in<lb n="37"/>dieser seiner Gestalt hiemit sich dem Leiden und dem Tode übergibt, und sich aus</p>
<pb n="459" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=466" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="78–79"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>seiner Asche in die Herrlichkeit erhebt. Das Göttliche in seiner Gestalt und Objec<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tivität hat unmittelbar eine gedoppelte Natur, und sein Leben ist das absolute Eins<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn dieser Naturen; aber die Bewegung des absoluten Widerstreites dieser zwey<lb n="4"/>Naturen stellt sich an der göttlichen, welche darin sich begriffen hat, als Tapferkeit<lb n="5"/>dar, mit welcher sie von dem Tode der andern widerstreitenden sich befreyt, jedoch<lb n="6"/>durch diese Befreyung ihr eignes Leben gibt, denn dieses ist nur in dem Verbunden<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>seyn mit diesem andern, aber eben so absolut aus ihm aufersteht, denn in diesem<lb n="8"/>Tode, als der Aufopferung der zweyten Natur, ist der Tod bezwungen; – an der<lb n="9"/>andern erscheinend aber stellt sich die göttliche Bewegung so dar, daß die reine<lb n="10"/>Abstraction dieser Natur, welche eine bloß unterirdische, reine negative Macht wäre,<lb n="11"/>durch die lebendige Vereinigung mit der göttlichen aufgehoben ist, daß diese in sie<lb n="12"/>hineinscheint und sie durch dieß ideelle einsseyn im Geist zu ihrem ausgesöhnten<lb n="13"/>lebendigen Leibe macht, der als der Leib zugleich in der Differenz und in der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gänglichkeit bleibt, und durch den Geist das göttliche, als ein sich fremdes anschaut. –<lb n="15"/>Das Bild dieses Trauerspiels näher für das sittliche bestimmt, ist der Ausgang jenes<lb n="16"/>Processes der Eumeniden, als der Mächte des Rechts, das in der Differenz ist, und<lb n="17"/>Apollo’s, des Gottes des indifferenten Lichtes, über Orest, vor der sittlichen Organi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sation, dem Volke Athens; welches menschlicher Weise als Areopagus Athens in<lb n="19"/>die Urne beyder Mächte gleiche Stimmen legt, das Nebeneinanderbestehen beyder<lb n="20"/>anerkennt, allein so den Streit nicht schlichtet, und keine Beziehung und Verhältniß<lb n="21"/>derselben bestimmt; aber göttlicher Weise als die Athene Athens, den durch den Gott<lb n="22"/>selbst in die Differenz verwickelten diesem ganz wiedergibt, und mit der Scheidung<lb n="23"/>der Mächte, die an dem Verbrecher beyde Theil hatten, auch die Versöhnung so vor<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>nimmt, daß die Eumeniden von diesem Volke als göttliche Mächte geehrt würden,<lb n="25"/>und ihren Sitz jetzt in der Stadt hätten, so daß ihre wilde Natur des Anschauens der<lb n="26"/>ihrem unten in der Stadt errichteten Altare gegenüber auf der Burg hoch thronenden<lb n="27"/>Athene genösse, und hiedurch beruhigt wäre.</p>
<p><lb n="28"/>Wenn die <hi rendition="#g">Tragödie</hi> darinn ist, daß die sittliche Natur ihre unorganische, damit<lb n="29"/>sie sich nicht mit ihr verwickele, als ein Schicksal von sich abtrennt und sich gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>über stellt, und durch die Anerkennung desselben in dem Kampfe, mit dem gött<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichen Wesen, als der Einheit von beydem, versöhnt ist, so wird dagegen, um dieses<lb n="32"/>Bild auszuführen, die <hi rendition="#g">Komödie</hi> überhaupt auf die Seite der Schicksallosigkeit fallen;<lb n="33"/>entweder daß sie innerhalb der absoluten Lebendigkeit, und also nur Schattenbilder<lb n="34"/>von Gegensätzen oder Scherze von Kämpfen mit einem gemachten Schicksal und<lb n="35"/>erdichteten Feinde, oder innerhalb der Nichtlebendigkeit fällt, und also nur Schatten<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>bilder von Selbstständigkeit und von Absolutheit darstellt; jene die alte oder göttliche<lb n="37"/>Komödie, diese die moderne Komödie. Die <hi rendition="#g">göttliche</hi> <hi rendition="#g">Komödie</hi>, ist ohne Schick-</p>
<pb n="460" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=467" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="80–81"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>sal, und ohne wahrhaften Kampf, darum daß in ihr die absolute Zuversicht und<lb n="2"/>Gewißheit der Realität des Absoluten ohne Gegensatz ist, und was als Gegensatz eine<lb n="3"/>Bewegung in diese vollkommene Sicherheit und Ruhe bringt, nur ein ernstloser,<lb n="4"/>keine innere Wahrheit habender Gegensatz ist; dieser Gegensatz stelle sich nun dar<lb n="5"/>gegen die fremd und außerhalb erscheinende aber in absoluter Gewißheit dastehende<lb n="6"/>Göttlichkeit, als der Rest oder Traum eines Bewußtseyns vereinzelter Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit, auch als ein zwar fixirtes und festgehaltenes Bewußtseyn der Eigenheit, aber<lb n="8"/>dasselbe in völliger Ohnmacht und Kraftlosigkeit; – oder aber stelle sich der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>satz auch in einer selbstempfundenen und in sich bewußten Göttlichkeit dar, welche<lb n="10"/>mit Bewußtseyn sich Gegensätze und Spiele erzeugt, in denen sie mit absolutem<lb n="11"/>Leichtsinn einzelne ihrer Glieder an das Erringen eines bestimmten Preises setzt, und<lb n="12"/>ihre mannichfaltigen Seiten und Momente sich zur vollkommenen Individualität<lb n="13"/>ausgebähren und zu eigenen Organisationen sich bilden läßt, so wie sie überhaupt<lb n="14"/>auch als Ganzes ihre Bewegungen nicht als Bewegungen gegen ein Schicksal, sondern<lb n="15"/>als Zufälligkeiten nehmen kann, sich selbst für unüberwindlich, den Verlust für nichts<lb n="16"/>achtend, der absoluten Herrschaft über jede Eigenheit und Ausschweifung gewiß,<lb n="17"/>und sich dessen bewußt, was Plato in anderer Rücksicht sagt, daß eine Polis eine<lb n="18"/>zum bewundern starke Natur hat. Eine solche sittliche Organisation wird so z. B.<lb n="19"/>ohne Gefahr und Angst oder Neid einzelne Glieder zu Extremen des Talents in jeder<lb n="20"/>Kunst und Wissenschaft und Geschicklichkeit hinaustreiben, und sie darinn zu etwas<lb n="21"/>besonderem machen; ihrer selbst sicher, daß solche göttliche Monstruositäten der<lb n="22"/>Schönheit ihrer Gestalt nicht schaden, sondern komische Züge sind, die einen Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ment ihrer Gestalt erheitern; als solche heitre Erhöhungen einzelner Züge werden<lb n="24"/>wir, um ein bestimmtes Volk anzuführen, den Homer, Pindar, Aeschylus, Sophocles,<lb n="25"/>Plato, Aristophanes, u.s.w. ansehen können, aber auch sowohl in der ernsthaften<lb n="26"/>Reaction gegen die ernsthafter werdende Besonderung des Sokrates, und vollends<lb n="27"/>in der Reue darüber, als in der pullulirenden Menge und hohen Energie der zugleich<lb n="28"/>aufkeimenden Individualisirungen nicht verkennen, daß das die innre Lebendigkeit<lb n="29"/>damit in ihre Extreme herauszutreten, in der Reife dieser Saamenkörner ihre Kraft,<lb n="30"/>aber auch die Nähe des Todes dieses Körpers, der sie trug, ankündigte, und die<lb n="31"/>Gegensätze, die sie überhaupt hervorrief, und vorher selbst in ihrem ernsthaftern und<lb n="32"/>weitgreiffendern Aussehen, wie Kriege, als Zufälligkeiten und mit gleichem Leicht<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sinn erregen und betreiben konnte, nicht mehr für Schattenbilder, sondern für ein<lb n="34"/>übermächtig werdendes Schicksal nehmen mußte.</p>
<p><lb n="35"/>Auf einer andern Seite aber ist die <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">Komödie</hi>; deren Verwicklungen<lb n="36"/>ohne Schicksal und ohne wahrhaften Kampf sind, weil die sittliche Natur in jenem<lb n="37"/>selbst befangen ist; die Knoten schürzen sich hier nicht in spielenden, sondern in für</p>
<pb n="461" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=468" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="81–83"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>diesen sittlichen Trieb ernsthaften, für den Zuschauer aber komischen Gegensätzen,<lb n="2"/>und die Rettung gegen sie wird in einer Affectation von Charakter und Absolutheit<lb n="3"/>gesucht, die sich beständig getäuscht und abgesetzt findet. Der sittliche Trieb, (denn<lb n="4"/>es ist nicht die bewußte absolute sittliche Natur, die in dieser Komödie spielt) muß,<lb n="5"/>um es kurz zu sagen, das bestehende in die formale und negative Absolutheit des<lb n="6"/>Rechts verwandeln, und dadurch seiner Angst die Meynung von Festigkeit für seinen<lb n="7"/>Besitz geben, seine Habseligkeiten durch Tractate und Verträge und alle erdenklichen<lb n="8"/>Verklausulirungen zu etwas sicherem und gewissem erheben, die Systeme darüber<lb n="9"/>aus Erfahrung und Vernunft, als der Gewißheit und Nothwendigkeit selbst, de<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>duciren, und mit den tiefsinnigsten Räsonnements begründen, – aber, wie unter<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>irdische Geister bey dem Dichter, die Pflanzungen, die sie in den höllischen Wü<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>steneyen anlegten, vom nächsten Sturmwinde weggefegt sahen, so durch die nächste<lb n="13"/>Umwendung oder gar Emporrichtung des Erdengeistes, halbe und ganze Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schaften weggeschwemmt, die aus Erfahrung und Vernunft bewiesen waren, ein<lb n="15"/>Rechts-System durch das andere verdrängt, hier Humanität an die Stelle von Härte,<lb n="16"/>dort zu gleicher Zeit den Willen der Macht an die Stelle der Vertrags-Sicherheit<lb n="17"/>treten, und im wissenschaftlichen wie in der Wirklichkeit die wohlerworbendsten<lb n="18"/>und versichertsten Besitzungen von Grundsätzen und Rechten verheert sehen – und<lb n="19"/>entweder meynen, es seyen die eignen über dem Schicksal mit Vernunft und Willen<lb n="20"/>schwebenden Bemühungen, die in solchem Stoff sich abarbeiten, und die solche<lb n="21"/>Veränderungen hervorgebracht hätten; oder auch sich über sie als unerwartetes und<lb n="22"/>nicht gehöriges ereifern, und zuerst alle Götter gegen solche Nothwendigkeit an<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>rufen, und dann sich darein fügen; in beyden Fällen gibt der sittliche Trieb, der in<lb n="24"/>diesen Endlichkeiten eine absolute Unendlichkeit sucht, nur die Farce seines Glaubens<lb n="25"/>und seiner nicht sterbenden Täuschung, die am finstersten, wo sie am hellsten,<lb n="26"/>schon im Verlust und Unrecht ist, wo sie in den Armen der Gerechtigkeit, Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>verlässigkeit und des Genusses selbst zu ruhen meynt.</p>
<p><lb n="28"/>Die Komödie trennt die zwey Zonen des sittlichen so von einander ab, daß sie<lb n="29"/>jede rein für sich gewähren läßt, daß in der einen die Gegensätze und das Endliche<lb n="30"/>ein wesenloser Schatten, in der andern aber das Absolute eine Täuschung ist; das<lb n="31"/>wahrhafte und absolute Verhältniß aber ist, daß die eine im Ernste in die andere<lb n="32"/>scheint, jede mit der andern in leibhafter Beziehung und daß sie füreinander gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seitig das ernste Schicksal sind; das absolute Verhältniß ist also im Trauerspiel auf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gestellt.</p>
<p><lb n="35"/>Denn obwohl in der lebendigen Gestalt oder der organischen Totalität der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lichkeit dasjenige, was die reelle Seite derselben ausmacht, im Endlichen ist, und<lb n="37"/>darum zwar an und für sich sein leibliches Wesen nicht vollkommen in ihre Göttlich-</p>
<pb n="462" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=469" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="83–85"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>keit aufnehmen kann, so drückt es jedoch schon an sich selbst ihre absolute Idee aber<lb n="2"/>verzogen aus; sie vereinigt zwar die als Nothwendigkeit auseinandergehaltenen<lb n="3"/>Momente derselben nicht zur absoluten Unendlichkeit in sich innerlich, sondern hat<lb n="4"/>diese Einheit nur als eine nachgeahmte negative Selbstständigkeit, nemlich als Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit des Einzelnen; aber es ist doch dieses reelle Wesen schlechthin der absoluten<lb n="6"/>indifferenten Natur und Gestalt der Sittlichkeit verbunden; wenn es dieselbe nur als<lb n="7"/>ein fremdes anschauen muß, so schaut es sie doch an, und ist im Geiste Eins mit ihr.<lb n="8"/>Es ist, selbst für dasselbe, schlechthin das erste, daß die ganz reine und indifferente<lb n="9"/>Gestalt und das sittliche absolute Bewußtseyn <hi rendition="#g">seye</hi>, und das zweyte ist das gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gültige, daß es als das reelle sich zu ihm nur als dessen empirisches Bewußtseyn ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>halte; wie es das Erste ist, daß ein absolutes Kunstwerk sey, und erst das zweyte, ob<lb n="12"/>dieser bestimmte einzelne dessen Urheber sey, oder nur dasselbe anschaue und<lb n="13"/>genieße. So nothwendig jene Existenz des absoluten ist, so nothwendig ist auch diese<lb n="14"/>Vertheilung, daß einiges der lebendige Geist, das absolute Bewußtseyn und die ab<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>solute Indifferenz des ideellen und reellen der Sittlichkeit selbst sey, anderes aber<lb n="16"/>dessen leibliche und sterbliche Seele und sein empirisches Bewußtseyn, das seine<lb n="17"/>absolute Form und das innere Wesen nicht vollkommen vereinigen darf, aber doch<lb n="18"/>der absoluten Anschauung als eines gleichsam ihm fremden genießt, und für das<lb n="19"/>reelle Bewußtseyn, durch Furcht und Vertrauen so wie durch Gehorsam mit ihm<lb n="20"/>eins ist, für das ideelle aber in der Religion, dem gemeinschaftlichen Gott und dem<lb n="21"/>Dienste desselben sich ganz mit ihm vereinigt.</p>
<p><lb n="22"/>Aber das, was wir unter der äußern Form des ersten Standes auf die eine Seite<lb n="23"/>gestellt haben, ist das reale absolute Bewußtseyn der Sittlichkeit. Es ist Bewußtseyn,<lb n="24"/>und als solches nach der negativen Seite reine Unendlichkeit, und die höchste Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tion der Freyheit, d. i. das bis zu seiner Aufhebung getriebene Verhältniß des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zwingens, oder der freye gewaltsame Tod; – nach der positiven Seite aber ist das<lb n="27"/>Bewußtseyn die Einzelnheit und Besonderheit des Individuums. Aber dieses an sich<lb n="28"/>Negative, nemlich das Bewußtseyn überhaupt, von dem die angezeigten Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>scheidungen nur seine beyden Seiten sind, ist absolut in das positive, seine Besonder<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heit und Unendlichkeit oder Idealität absolut in das Allgemeine und Reale auf eine<lb n="31"/>vollkommene Weise aufgenommen; welches Einsseyn die Idee des absoluten Lebens<lb n="32"/>der Sittlichkeit ist. In diesem Einsseyn der Unendlichkeit und der Realität in der sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lichen Organisation scheint die göttliche Natur, von welcher Plato sagt, daß sie ein<lb n="34"/>unsterbliches Thier sey, dessen Seele und Leib aber auf ewig zusammengebohren sind,<lb n="35"/>den Reichthum ihrer Mannichfaltigkeit zugleich in der höchsten Energie der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>endlichkeit und Einheit darzustellen, welche die ganz einfache Natur des ideellen<lb n="37"/>Elements wird. Denn das vollkommenste Mineral stellt zwar in jedem Theil, der von</p>
<pb n="463" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=470" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="85–87"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>einer Masse abgesondert wird, die Natur des ganzen vor, aber seine ideelle Form ist<lb n="2"/>sowohl als innere des Bruchs, als auch als die äußere der Krystallisation ein Außer<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>einander, und nicht wie in den Elementen des Wassers, Feuers und der Luft ist jeder<lb n="4"/>besondere Theil die vollkommene Natur und der Repräsentant des Ganzen sowohl<lb n="5"/>dem Wesen als der Form oder Unendlichkeit nach. Nicht weniger ist auch die reelle<lb n="6"/>Form desselben nicht von der wahrhaften Identität der Unendlichkeit durchdrungen,<lb n="7"/>sondern seine Sinne haben kein Bewußtseyn, sein Licht ist eine einzelne Farbe, und<lb n="8"/>sieht nicht; oder ist es die Indifferenz derselben, so ist kein Hemmungspunkt gegen<lb n="9"/>ihren Durchgang durch sich; sein Ton tönt angeschlagen von einem fremden, aber<lb n="10"/>nicht aus sich; sein Geschmack schmeckt nicht, sein Geruch riecht nicht, seine<lb n="11"/>Schwere und Härte fühlt nicht; wenn es nicht der Einzelnheit der Bestimmungen des<lb n="12"/>Sinnes angehört, sondern sie in der Indifferenz vereinigt, ist es die unentfaltete, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schlossene Differenzlosigkeit, nicht die sich in sich trennende und ihre Trennung<lb n="14"/>unterjochende Einheit; so wie auch die Elemente, die in allen ihren Theilen sich<lb n="15"/>gleich sind, nur die Möglichkeit, nicht die Wirklichkeit der Differenzen, und nur die<lb n="16"/>Indifferenz unter der Form der Quantität, nicht als Indifferenz des qualitativgesetzten<lb n="17"/>in sich haben. Die Erde aber als das organische und individuelle Element breitet sich<lb n="18"/>durch das System seiner Gestalten von der ersten Starrheit und Individualität an in<lb n="19"/>qualitatives und Differenz aus, und resumirt sich erst in der absoluten Indifferenz der<lb n="20"/>sittlichen Natur allein in die vollkommene Gleichheit aller Theile und das absolute<lb n="21"/>reale Einsseyn des einzelnen mit dem Absoluten – in den ersten Aether, welcher aus<lb n="22"/>seiner sich selbst gleichen, flüssigen und weichen Form seine reine Quantität durch die<lb n="23"/>individuellen Bildungen in Einzelheit und Zahl zerstreut, und dieses absolut spröde<lb n="24"/>und rebellische System dadurch vollkommen bezwingt, daß die Zahl zur reinen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>heit und zur Unendlichkeit geläutert, und Intelligenz wird, und so das negative,<lb n="26"/>dadurch daß es absolut negativ wird, – denn der absolute Begriff ist das absolute<lb n="27"/>unmittelbare Gegentheil seiner selbst, und das Nichts ist, wie ein Alter sagt, nicht<lb n="28"/>weniger als das Etwas, – mit dem positiv absoluten vollkommen Eins seyn kann; und<lb n="29"/>in der Intelligenz ist die Form oder das ideelle absolute Form, und als solche reell,<lb n="30"/>und in der absoluten Sittlichkeit die absolute Form mit der absoluten Substanz aufs<lb n="31"/>wahrhafteste verbunden. Von den Individualitäten der Bildungen, welche zwischen<lb n="32"/>der einfachen Substanz in der Realität, als reinem Aether, und zwischen ihr als der<lb n="33"/>Vermählung mit der absoluten Unendlichkeit liegen, kann keine die Form und<lb n="34"/>qualitative Einheit, es sey durch die quantitative, elementarische Gleichheit der Gan<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zen und der Theile, oder in höhern Bildungen durch die ins einzelnere der Theile<lb n="36"/>gehende Individualisirung, und zugleich die formelle Vereinigung derselben zu einem<lb n="37"/>Ganzen durch die Gesellschaftlichkeit der Blätter der Pflanzen, des Geschlechts, des<lb n="38"/>heerdeweisen Lebens und gemeinsamen Arbeitens der Thiere, zur absoluten In<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>differenz mit dem Wesen und der Substanz bringen, welche in der Sittlichkeit ist;</p>
<pb n="464" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=471" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="87–88"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 2</fw>
<p><lb n="1"/>weil in der Intelligenz allein die Individualisirung zu dem absoluten Extrem, nemlich<lb n="2"/>zum absoluten Begriffe, das negative bis zum absolut negativen, das unvermittelte<lb n="3"/>Gegentheil seiner selbst zu seyn, getrieben ist. Diese ist also allein fähig, indem sie<lb n="4"/>absolute Einzelnheit ist, absolute Allgemeinheit zu seyn, indem sie absolute Negation<lb n="5"/>und Subjectivität ist, absolute Position und Objectivität, indem absolute Differenz<lb n="6"/>und Unendlichkeit, absolute Indifferenz, und die Totalität actu in der Entfaltung aller<lb n="7"/>Gegensätze, und potentia in dem absoluten vernichtet- und einsseyn derselben, die<lb n="8"/>höchste Identität der Realität und Idealität zu seyn. Wenn der Aether seine absolute<lb n="9"/>Indifferenz in den Lichtindifferenzen zur Mannichfaltigkeit herausgeworfen, und in<lb n="10"/>den Blumen der Sonnensysteme seine innere Vernunft und Totalität in die Expansion<lb n="11"/>herausgebohren hat, aber jene Lichtindividuen in der Vielheit zerstreut sind; die<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>jenigen aber, welche die kreisenden Blätter dieser bilden, sich in starrer Individualität<lb n="13"/>gegen jene verhalten müssen, und so der Einheit jener die Form der Allgemeinheit,<lb n="14"/>der Einheit dieser die reine Einheit mangelt, und keine von beyden den absoluten<lb n="15"/>Begriff als solchen in sich trägt, so ist in dem Systeme der Sittlichkeit die außer<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>einandergefaltete Blume des himmlischen Systems zusammengeschlagen, und die<lb n="17"/>absoluten Individuen in die Allgemeinheit vollkommen zusammengeeint, und die<lb n="18"/>Realität oder der Leib aufs höchste eins mit der Seele, weil die reelle Vielheit des<lb n="19"/>Leibes selbst nichts anderes ist, als die abstracte Idealität, die absoluten Begriffe, reine<lb n="20"/>Individuen, wodurch diese selbst das absolute System zu seyn vermögen. Deßwegen,<lb n="21"/>wenn das Absolute das ist, daß es sich selbst anschaut, und zwar als sich selbst, und<lb n="22"/>jene absolute Anschauung, und dieses Selbsterkennen, jene unendliche Expansion,<lb n="23"/>und dieses unendliche Zurücknehmen derselben in sich selbst, schlechthin Eins ist, so<lb n="24"/>ist, wenn beydes als Attribute reell sind, der Geist höher als die Natur; denn wenn<lb n="25"/>diese das absolute Selbstanschauen und die Wirklichkeit der unendlich differentiirten<lb n="26"/>Vermittlung und Entfaltung ist, so ist der Geist, der das Anschauen seiner als seiner<lb n="27"/>selbst oder das absolute Erkennen ist, in dem Zurücknehmen des Universums in sich<lb n="28"/>selbst, sowohl die auseinandergeworfene Totalität dieser Vielheit, über welche er<lb n="29"/>übergreift, als auch die absolute Idealität derselben, in der er dieß Außereinander<lb n="30"/>vernichtet, und in sich als den unvermittelten Einheitspunkt des unendlichen Begriffs<lb n="31"/>reflectirt.</p>
<p><lb n="32"/>(Die Fortsetzung folgt im nächsten Stück.)</p>
<pb n="465" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=472" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ZWEYTEN BANDES DRITTES STÜCK<lb n="2"/>TÜBINGEN 1803</head>
<head><lb n="3"/>INHALTSANZEIGE.</head>
<p><lb n="4"/>I. Ueber die <hi rendition="#g">wisssenschaftlichen</hi> <hi rendition="#g">Behandlungsarten</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Naturrechts</hi>, seine Stelle in der praktischen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>sophie, und sein Verhältniß zu den positiven Rechtswis<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>senschaften. (Beschluß.) Seite 1</p>
<p><lb n="8"/>II. <hi rendition="#g">Ueber</hi> <hi rendition="#g">Dante</hi> in philosophischer Beziehung. S. 35</p>
<p><lb n="9"/>III. <hi rendition="#g">Anzeige</hi> <hi rendition="#g">einiger</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Naturphilosophie</hi> <hi rendition="#g">betref</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">fenden</hi> <hi rendition="#g">Schriften</hi>. (Fortsetzung.)</p>
<p><lb n="11"/>2. D. J. <hi rendition="#g">Oersteds</hi> <hi rendition="#g">Ideen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">neuen</hi> <hi rendition="#g">Archi</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">tektonik</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Naturmetaphysik</hi>, nebst Bemer<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>kungen über einzelne Theile derselben. Herausgegeb.<lb n="14"/>von D. M. H. Mendel. Berlin bei Maurer. 1802. S. 51</p>
<p><lb n="15"/>IV. <hi rendition="#g">Anhang</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">No.</hi> <hi rendition="#g">II.</hi> S. 57</p>
<pb n="467" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=474" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="1–2"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Aus dieser Idee der Natur der absoluten Sittlichkeit ergibt sich nun ein Verhältniß,<lb n="2"/>von welchem noch zu sprechen ist, das Verhältniß der Sittlichkeit des Individuums<lb n="3"/>zur realen absoluten Sittlichkeit, und das Verhältniß der Wissenschaften derselben,<lb n="4"/>der Moral und des Naturrechts. Da nemlich die reale absolute Sittlichkeit die Unend<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichkeit, oder den absoluten Begriff, die reine Einzelnheit schlechthin und in seiner<lb n="6"/>höchsten Abstraction in sich vereinigt begreift, so ist sie unmittelbar Sittlichkeit des<lb n="7"/>Einzelnen, und umgekehrt das Wesen der Sittlichkeit des einzelnen ist schlechthin<lb n="8"/>die reale und darum allgemeine absolute Sittlichkeit; die Sittlichkeit des Einzelnen ist<lb n="9"/>ein Pulsschlag des ganzen Systems, und selbst das ganze System. Wir bemerken hier<lb n="10"/>auch eine Andeutung der Sprache, die sonst verworfen, aus dem Vorherigen voll<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>kommen gerechtfertigt wird, daß es nemlich in der Natur der absoluten Sittlichkeit<lb n="12"/>ist, ein Allgemeines oder <hi rendition="#g">Sitten</hi> zu seyn; daß also das griechische Wort, welches<lb n="13"/>Sittlichkeit bezeichnet, und das deutsche diese ihre Natur vortrefflich ausdrücken;<lb n="14"/>daß aber die neuern Systeme der Sittlichkeit, da sie ein für sich seyn und die Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>heit zum Princip machen, nicht ermangeln können, an diesen Worten ihre Beziehung<lb n="16"/>auszustellen; und diese innere Andeutung sich so mächtig erweist, daß jene Systeme,<lb n="17"/>um <hi rendition="#g">ihre</hi> Sache zu bezeichnen, jene Worte nicht dazu misbrauchen konnten, son<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>dern das Wort Moralität annahmen, was zwar nach seinem Ursprung gleichfalls<lb n="19"/>dahin deutet, aber weil es mehr ein erst gemachtes Wort ist, nicht so unmittelbar<lb n="20"/>seiner schlechtern Bedeutung widersträubt.</p>
<p><lb n="21"/>Die absolute Sittlichkeit aber ist nach dem bisherigen so wesentlich die Sittlichkeit<lb n="22"/>aller, daß man von ihr nicht sagen kann, sie spiegle sich als solche am einzelnen ab;<lb n="23"/>denn sie ist so sehr sein Wesen als der die Natur durchdringende Aether das un<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>trennbare Wesen der Gestalten der Natur ist, und als die Idealität ihrer erscheinenden<lb n="25"/>Formen, der Raum, in keiner sich schlechthin um nichts besondert; sondern wie die<lb n="26"/>Linien und Ecken des Krystalls, in denen er die äußere Form seiner Natur ausdrückt,<lb n="27"/>Negationen sind, so ist die Sittlichkeit, insofern sie am Einzelnen als solchem sich<lb n="28"/>ausdrückt, ein negatives. Sie kann sich vors erste nicht im einzelnen ausdrücken,<lb n="29"/>wenn sie nicht seine Seele ist, und sie ist es nur, insofern sie ein allgemeines und der<lb n="30"/>reine Geist eines Volkes ist; das positive ist der Natur nach eher als das negative;<lb n="31"/>oder, wie Aristoteles es sagt, das Volk ist eher der Natur nach, als der einzelne; denn<lb n="32"/>wenn der einzelne abgesondert nichts selbstständiges ist, so muß er gleich allen Theilen<lb n="33"/>in Einer Einheit mit dem Ganzen seyn; wer aber nicht gemeinschaftlich seyn kann,<lb n="34"/>oder aus Selbstständigkeit nichts bedarf, ist kein Theil des Volks, und darum ent-</p>
<pb n="468" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=475" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="2–4"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>weder Thier oder Gott. Alsdenn, insofern sie im einzelnen sich als solchem ausdrückt,<lb n="2"/>ist sie unter der Form der Negation gesetzt, d. i. sie ist die Möglichkeit des allgemeinen<lb n="3"/>Geistes; und die sittlichen Eigenschaften, die dem einzelnen angehören, wie Muth,<lb n="4"/>oder Mässigkeit, oder Sparsamkeit, oder Freygebigkeit, u.s.w. sind negative Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichkeit, daß nemlich in der Besonderheit des Einzelnen nicht wahrhaft eine Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heit fixirt, und eine reelle Abstraction gemacht werde; und Möglichkeiten oder<lb n="7"/>Fähigkeiten, in der allgemeinen Sittlichkeit zu seyn. Diese Tugenden, die an sich<lb n="8"/>Möglichkeiten und in einer negativen Bedeutung sind, sind der Gegenstand der<lb n="9"/>Moral, und man sieht, daß das Verhältniß des Naturrechts und der Moral sich auf<lb n="10"/>diese Weise umgekehrt hat; daß nemlich der Moral nur das Gebiet des an sich<lb n="11"/>negativen zukommt, dem Naturrecht aber das wahrhaft positive, nach seinem Nah<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>men, daß es construiren soll, wie die sittliche Natur zu ihrem wahrhaften Rechte<lb n="13"/>gelangt; da hingegen, wenn sowohl das negative, als auch dieses als die Abstraction<lb n="14"/>der Aeußerlichkeit, des formalen Sittengesetzes, des reinen Willens und des Willens<lb n="15"/>des einzelnen, und dann die Synthesen dieser Abstractionen wie der Zwang, die<lb n="16"/>Beschränkung der Freyheit des einzelnen durch den Begriff der allgemeinen Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>heit u.s.w. die Bestimmung des Naturrechts ausdrückten, es ein Naturunrecht seyn<lb n="18"/>würde, indem bey der Zugrundlegung solcher Negationen als Realitäten die sittliche<lb n="19"/>Natur in das höchste Verderben und Unglück versetzt wird.</p>
<p><lb n="20"/>Aber wie diese Eigenschaften der Reflex der absoluten Sittlichkeit im Einzelnen<lb n="21"/>als dem negativen, aber dem Einzelnen, welches in absoluter Indifferenz mit dem<lb n="22"/>Allgemeinen und Ganzen ist, also ihr Reflex in ihrem reinen Bewußtseyn sind; so<lb n="23"/>muß auch ein Reflex derselben in ihrem empirischen Bewußtseyn vorhanden seyn,<lb n="24"/>und solcher die sittliche Natur des zweyten Standes, der in der feststehenden Realität,<lb n="25"/>im Besitz und Eigenthum und außer der Tapferkeit ist, constituiren. Dieser Reflex<lb n="26"/>derselben ist es nun, für den die gewöhnliche Bedeutung der Moralität mehr oder<lb n="27"/>weniger passen kann; das <hi rendition="#g">formelle</hi> indifferentsetzen der Bestimmtheiten des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>hältnisses, also die Sittlichkeit des bourgeois oder des Privatmenschen, für welche die<lb n="29"/>Differenz der Verhältnisse fest ist, und welche von ihnen abhängt und in ihnen ist.<lb n="30"/>Eine Wissenschaft dieser Moralität ist demnach zunächst die Kenntniß dieser Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>hältnisse selbst; so daß, insofern sie in Beziehung aufs sittliche betrachtet werden, da<lb n="32"/>diese um des absoluten Fixirtseyns willen nur formell seyn kann, eben jenes oben<lb n="33"/>erwähnte Aussprechen von Tavtologie hier seine Stelle findet: dieses Verhältniß ist<lb n="34"/>nur dieses Verhältniß; wenn du in diesem Verhältnisse bist, so sey, in der Beziehung<lb n="35"/>auf dasselbe, in demselben; denn wenn du in Handlungen, welche auf dieses Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>hältniß Beziehung haben, nicht in Beziehung auf dasselbe handelst, so vernichtest, so<lb n="37"/>hebst du es auf. Der wahre Sinn dieser Tavtologie schließt zugleich unmittelbar in<lb n="38"/>sich, daß dieß Verhältniß selbst nichts absolutes und also auch die Moralität, die auf<lb n="39"/>dasselbe geht, etwas abhängiges, und nichts wahrhaft sittliches ist; welcher wahre</p>
<pb n="469" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=476" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="4–6"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>Sinn nach dem obigen sich daraus ergibt, daß nur die Form des Begriffs, die ana<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lytische Einheit, das absolute, und also negativ absolute, wegen des Innhalts ist, der<lb n="3"/>als ein bestimmtes der Form widerspricht.</p>
<p><lb n="4"/>Jene Eigenschaften aber, welche wahrhaft sittlich sind, indem in ihnen das beson<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>dere oder negative erscheint rein aufgenommen in die Indifferenz, können sittliche<lb n="6"/>Eigenschaften heißen, und nur alsdenn Tugenden, wenn sie in einer höhern Energie<lb n="7"/>sich wieder individualisiren, und, jedoch innerhalb der absoluten Sittlichkeit, gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sam zu eigenen lebenden Gestalten werden, wie die Tugenden eines Epaminondas,<lb n="9"/>Hannibals, Cäsars und einiger anderer. Als solche Energien sind sie Gestalten,<lb n="10"/>und also nicht an sich absolut, so wenig als die Gestalten der andern organischen<lb n="11"/>Bildungen, sondern das stärkere Hervortreten einer Seite der Idee des Ganzen;<lb n="12"/>und die Moral der Tugenden, oder wenn wir die Moral überhaupt der Moralität<lb n="13"/>bestimmen wollen, und für die Darstellung der Tugend der Nahme <hi rendition="#g">Ethik</hi> genom<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>men würde, die Ethik muß deßwegen nur eine Naturbeschreibung der Tugenden<lb n="15"/>seyn.</p>
<p><lb n="16"/>Wie nun diese auf das subjective oder negative Beziehung hat, so muß das negative<lb n="17"/>überhaupt unterschieden werden, als das Bestehen der Differenz, und als der Mangel<lb n="18"/>derselben; jenes erste negative ist es, wovon vorhin die Rede war; aber dieses andere<lb n="19"/>negative, der Mangel der Differenz stellt die Totalität als ein eingehülltes und un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>entfaltetes vor, in welchem die Bewegung und die Unendlichkeit in ihrer Realität<lb n="21"/>nicht ist. Das lebendige unter dieser Form des negativen ist das <hi rendition="#g">Werden</hi> der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichkeit, und die <hi rendition="#g">Erziehung</hi> nach ihrer Bestimmtheit das erscheinende fortgehende<lb n="23"/>Aufheben des negativen oder subjectiven; denn das Kind ist als die Form der Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichkeit eines sittlichen Individuums ein subjectives oder negatives, dessen Mannbar<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>werden das Aufhören dieser Form und dessen Erziehung die Zucht oder das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zwingen derselben ist; aber das positive und das Wesen ist, daß es an der Brust der<lb n="27"/>allgemeinen Sittlichkeit getränkt, in ihrer absoluten Anschauung zuerst als eines<lb n="28"/>fremden Wesens lebt, sie immer mehr begreift, und so in den allgemeinen Geist<lb n="29"/>übergeht. Es erhellt hieraus von selbst, daß jene Tugenden sowohl als die absolute<lb n="30"/>Sittlichkeit, gleich wenig wie das Werden derselben durch die Erziehung, ein Be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mühen um eigenthümliche und abgesonderte Sittlichkeit sind, und daß das Bestreben<lb n="32"/>um eine eigenthümliche positive Sittlichkeit etwas vergebliches und an sich selbst<lb n="33"/>unmögliches ist; und in Ansehung der Sittlichkeit das Wort der weisesten Männer<lb n="34"/>des Alterthums allein das wahre ist, sittlich sey, den Sitten seines Landes gemäß zu<lb n="35"/>leben; und in Ansehung der Erziehung das, welches ein Pythagoräer einem auf die<lb n="36"/>Frage: welches die beste Erziehung für seinen Sohn wäre? antwortete: wenn du ihn<lb n="37"/>zum Bürger eines wohleingerichteten Volkes machst.</p>
<pb n="470" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=477" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="6–8"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn so das absolut sittliche seinen eigenthümlichen organischen Leib an den<lb n="2"/>Individuen hat, und seine Bewegung und Lebendigkeit im gemeinsamen Seyn und<lb n="3"/>Thun aller absolut identisch als allgemeines und besonderes ist, und wir es in der<lb n="4"/>Besonderheit, aber so, daß ihr Wesen das absolut-identische sey, so eben, überhaupt<lb n="5"/>aber in jener Identität betrachtet haben, so muß es auch in der <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">All</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinheit</hi> und der Erkenntniß, als <hi rendition="#g">System</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gesetzgebung</hi> sich vor<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stellen; so daß dieses System vollkommen die Realität oder die lebendigen vor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>handenen Sitten ausdrückt; damit es nicht geschieht, wie oft der Fall ist, daß dasjenige,<lb n="9"/>was in einem Volke recht und in der Wirklichkeit ist, aus seinen Gesetzen nicht<lb n="10"/>erkannt werden kann, welche Ungeschicklichkeit, die wahrhaften Sitten in die Form<lb n="11"/>von Gesetzen zu bringen, und die Angst, diese Sitten zu denken, als sein anzusehen<lb n="12"/>und zu bekennen, das Zeichen der Barbarey ist. Aber diese Idealität der Sitten und<lb n="13"/>ihre Form der Allgemeinheit in den Gesetzen muß insofern sie als Idealität besteht,<lb n="14"/>zugleich auch wieder vollkommen mit der Form der Besonderheit vereinigt werden,<lb n="15"/>und so die Idealität als solche eine reine absolute Gestalt erhalten, also als Gott des<lb n="16"/>Volkes angeschaut und angebetet werden, und diese Anschauung selbst wieder ihre<lb n="17"/>Regsamkeit und freudige Bewegung in einem Cultus haben.</p>
<p><lb n="18"/>Nachdem wir so die absolute Sittlichkeit in den Momenten ihrer Totalität dar<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gestellt, und ihre Idee construirt, auch die in Beziehung auf sie herrschende Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>scheidung von Legalität und Moralität, nebst den damit zusammenhängenden<lb n="21"/>Abstractionen der allgemeinen Freyheit einer formellen praktischen Vernunft, als<lb n="22"/>wesenlose Gedankendinge vernichtet, und nicht durch Vermischung etwa beyder<lb n="23"/>Principien, sondern durch Aufhebung derselben und Constituirung der absoluten<lb n="24"/>sittlichen Identität die Unterschiede der Wissenschaft des Naturrechts und der Moral<lb n="25"/>nach der absoluten Idee bestimmt haben; so haben wir festgesetzt, daß ihr Wesen<lb n="26"/>nicht eine Abstraction, sondern die Lebendigkeit des sittlichen sey, und ihr Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schied nur das äußere und negative betreffe; und dieser Unterschied zugleich das<lb n="28"/>völlig umgekehrte Verhältniß gegen den andern sey, indem nach dem letztern dem<lb n="29"/>Naturrecht das formelle und negative, der Moral aber das absolute und positive als<lb n="30"/>Wesen gegeben werden soll, aber so, daß auch selbst dieses absolute nach der Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>heit ein nicht weniger formelles und negatives, und was hier das formelle und<lb n="32"/>negative heißt, vollends schlechthin gar nichts ist.</p>
<p><lb n="33"/>Wir brauchen nun, um noch <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Naturrechts</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">den</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">positiven</hi> <hi rendition="#g">Rechtswissenschaften</hi> anzugeben, nur die Fäden desselben da auf<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zunehmen, wo wir es nicht weiter verfolgten, und die Stelle zu bezeichnen, wo es<lb n="36"/>ausläuft.</p>
<pb n="471" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=478" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="8–9"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>Zum voraus bemerken wir überhaupt, daß die Philosophie sich durch die All<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gemeinheit des Begriffs einer Bestimmtheit oder einer Potenz willkührlich ihre<lb n="3"/>Grenze im Verhältniß zu einer bestimmten Wissenschaft steckt; die bestimmte<lb n="4"/>Wissenschaft ist nichts anders, als die fortgehende Darstellung und Analyse, (das<lb n="5"/>Wort im höhern Sinne genommen) wie das, was die Philosophie unentwickelt als<lb n="6"/>eine einfache Bestimmtheit läßt, sich wieder verzweigt, und selbst Totalität ist. Die<lb n="7"/>Möglichkeit aber einer solchen Entwicklung liegt <hi rendition="#g">formell</hi> darin, daß in der Idee<lb n="8"/>unmittelbar das Gesetz der absoluten Form und der Totalität ist, nach welchem eine<lb n="9"/>Bestimmtheit weiter zu erkennen und zu entwickeln ist; die <hi rendition="#g">reale</hi> Möglichkeit<lb n="10"/>aber ist dadurch vorhanden, daß eine solche von der Philosophie nicht entwickelte<lb n="11"/>Bestimmtheit oder Potenz, nicht eine Abstraction oder wahrhaft einfaches Atom,<lb n="12"/>sondern wie alles in der Philosophie, Realität ist, und eine Realität ist darum Reali<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tät, daß sie Totalität und selbst das System der Potenzen ist; als solche die Potenz<lb n="14"/>darstellen, ist die Entwicklung, welche der bestimmten Wissenschaft angehört.</p>
<p><lb n="15"/>Es folgt hieraus, daß wir vor der Hand sagen könnten, daß ein guter Theil dessen,<lb n="16"/>was positive Rechtswissenschaften heißt, vielleicht das Ganze derselben in die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>kommen entwickelte und ausgebreitete Philosophie fallen würde; und daß sie, darum,<lb n="18"/>weil sie sich als eigene Wissenschaften constituiren, weder aus der Philosophie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>geschlossen, noch ihr entgegengesetzt sind; es ist durch das für sich seyn und die<lb n="20"/>empirische Unterscheidung dieses Corps von Wissenschaften keine wahrhafte Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>scheidung desselben von der Philosophie gesetzt. Daß sie sich empirische Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schaften nennen, welche theils ihre Anwendbarkeit in der wirklichen Welt haben,<lb n="23"/>und ihre Gesetze und Verfahrungsart auch vor der gemeinen Vorstellungsart geltend<lb n="24"/>machen wollen, theils sich auf individuelle Systeme bestehender Verfassungen und<lb n="25"/>Gesetzgebungen beziehen, und einem bestimmten Volke so wie einer bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>ten Zeit angehören, bestimmt keinen sie nothwendig von der Philosophie ausschlies<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>senden Unterschied, denn es muß nichts so anwendbar auf die Wirklichkeit seyn,<lb n="28"/>und vor der allgemeinen Vorstellungsart, nemlich der wahrhaft allgemeinen, denn<lb n="29"/>es gibt gemeine Vorstellungsarten, welche dabey sehr particulär sind, so sehr ge<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>rechtfertigt seyn, als das, was aus der Philosophie kommt; so wie auch nichts so sehr<lb n="31"/>individuell, lebendig und bestehend seyn können, als ebendasselbe. Um vom Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>hältnisse dieser Wissenschaften zur Philosophie sprechen zu können, muß erst ein<lb n="33"/>Unterschied festgesetzt und bestimmt werden, wodurch sie positive Wissenschaften<lb n="34"/>sind.</p>
<p><lb n="35"/>Vors erste begreiffen nun die positiven Wissenschaften unter der Wirklichkeit,<lb n="36"/>auf welche sie sich zu beziehen vorgeben, nicht nur das Geschichtliche, sondern auch<lb n="37"/>die Begriffe, Grundsätze, Verhältnisse, und überhaupt vieles, was an sich der Vernunft</p>
<pb n="472" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=479" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="9–11"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>angehört und eine innere Wahrheit und Nothwendigkeit ausdrücken soll. Ueber<lb n="2"/>solches nun sich auf die Wirklichkeit und Erfahrung zu berufen, und es als ein<lb n="3"/>positives gegen Philosophie festzuhalten, muß an und für sich als unstatthaft erkannt<lb n="4"/>werden. Was die Philosophie als nicht reell erweist, von dem ist unmöglich, daß es<lb n="5"/>in der Erfahrung wahrhaft vorkomme; und wenn die positive Wissenschaft sich auf<lb n="6"/>die Wirklichkeit und die Erfahrung beruft, so kann die Philosophie ihren Erweis der<lb n="7"/>Nichtrealität eines von der positiven Wissenschaft behaupteten Begriffes eben so<lb n="8"/>nach der empirischen Beziehung aussprechen, und leugnen, daß jenes, was die<lb n="9"/>positive Wissenschaft in der Erfahrung und Wirklichkeit zu finden vorgibt, in ihnen<lb n="10"/>gefunden werde. Das Meynen, daß so etwas erfahren werde, eine zufällige subjective<lb n="11"/>Ansicht wird freylich die Philosophie zugeben, aber die positive Wissenschaft, wenn<lb n="12"/>sie in der Erfahrung ihre Vorstellungen und Grundbegriffe zu finden und auf<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zuzeigen vorgibt, will damit etwas reales, nothwendiges und objectives, nicht eine<lb n="14"/>subjective Ansicht behaupten. Ob etwas eine subjective Ansicht, oder eine objective<lb n="15"/>Vorstellung, ein Meynen oder Wahrheit sey, kann die Philosophie allein ausmachen.<lb n="16"/>Der positiven Wissenschaft kann sie ad hominem ihre Weise heimgeben, und außer<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>dem daß sie ihr das Factum, daß eine Vorstellung derselben in der Erfahrung vor<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>komme, leugnet, im Gegentheil behaupten, daß nur die Vorstellung der Philosophie<lb n="19"/>in der Erfahrung zu finden sey. Daß die Philosophie ihre Vorstellung in der Erfahrung<lb n="20"/>aufzeigen könne, davon liegt der Grund unmittelbar in der zweydeutigen Natur<lb n="21"/>dessen, was Erfahrung genannt wird. Denn es ist nicht die unmittelbare Anschauung<lb n="22"/>selbst, sondern dieselbe in das intellectuelle erhoben, gedacht und erklärt, aus ihrer<lb n="23"/>Einzelheit genommen und als Nothwendigkeit ausgesprochen, was für Erfahrung<lb n="24"/>gilt. Es kommt also bey dem, was in der Erfahrung und als Erfahrung aufgezeigt<lb n="25"/>wird, nicht auf dasjenige in ihr an, was wir in Beziehung auf die Trennung, welche in<lb n="26"/>die Anschauung durch das Denken gebracht wird, Wirklichkeit nennen können.<lb n="27"/>Aber in das Feld des Gedankens die Anschauung gezogen, muß der Wahrheit der<lb n="28"/>Philosophie das Meynen unterliegen. Jene Unterscheidung nun dessen, was die<lb n="29"/>positive Wissenschaft unmittelbar aus der Anschauung genommen zu haben meynt,<lb n="30"/>womit aber sie selbst als einem Verhältniß und Begriff derselben sie bestimmt hat,<lb n="31"/>von demjenigen, was nicht dem Denken angehört, ist in jedem Falle sehr leicht auf<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>zuzeigen, und also die vollkommene Befugniß der Philosophie sich desselben zu<lb n="33"/>bemächtigen, zu erweisen. Alsdenn weil ein solches auf die Wirklichkeit sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ruffendes Denken in seinem Meynen dadurch wahrhaft positiv zu seyn pflegt, daß<lb n="35"/>es in der Entgegensetzung ist, und Bestimmtheiten festhält, also Gedankendinge oder<lb n="36"/>Dinge der Einbildung für absolut nimmt, und seine Grundsätze hieraus nimmt, so<lb n="37"/>ist es dem ausgesetzt, daß an jeder Bestimmtheit ihm immer die entgegengesetzte<lb n="38"/>Bestimmtheit erwiesen, und aus dem, was es annimmt, vielmehr gerade das Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>theil hergeleitet wird. So wie, wenn vermehrte Dichtigkeit oder specifisches Gewicht</p>
<pb n="473" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=480" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="11–13"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>eines Körpers als Erhöhung der Attractivkraft erklärt wird, sie eben so gut als Er<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>höhung der Repulsivkraft erklärt werden kann; denn es kann nur um so viel an<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gezogen werden, als zurückgestoßen wird; eines hat nur Bedeutung in Beziehung<lb n="4"/>auf das andere; um was das eine größer wäre, als das andere, um so viel wäre es gar<lb n="5"/>nicht; und was also als Erhöhung des einen angesehen werden sollte, das kann genau<lb n="6"/>als Erhöhung des Gegentheils betrachtet werden.</p>
<p><lb n="7"/>So also, wenn im Naturrecht überhaupt oder bey der Theorie der Strafe ins<lb n="8"/>besondere ein Verhältniß als Zwang bestimmt wird, die Philosophie aber die Nichtig<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>keit dieses Begriffs erweist, und die positive Wissenschaft die Erfahrung und Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichkeit anspricht, daß doch wirklich Zwang etwas reelles sey, daß Zwang wirklich<lb n="11"/>statt finde, so kann die von der Philosophie erwiesene Nichtrealität desselben mit<lb n="12"/>eben dem Rechte und mit Beruffung auf Erfahrung und Wirklichkeit so ausgedrückt<lb n="13"/>werden, daß es gar keinen Zwang gebe, und nie ein Mensch gezwungen werde, noch<lb n="14"/>gezwungen worden sey. Denn es kommt hier ganz allein auf die Erklärung der<lb n="15"/>Erscheinung an, ob zum Behuf der Vorstellung des Zwangs etwas als ein bloß<lb n="16"/>äußeres, oder aber als ein inneres betrachtet wird. Wo also irgendwo die Existenz<lb n="17"/>von Zwang aufgewiesen werden will, da kann von einer und ebenderselben Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>nung gerade das Gegentheil gezeigt werden, nemlich daß sie nicht ein Zwang, son<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dern vielmehr eine Aeußerung der Freyheit sey; denn dadurch, daß sie in die Form<lb n="20"/>der Vorstellung aufgenommen, und hiemit durch das innere, ideelle bestimmt wird,<lb n="21"/>ist das Subject in der Freyheit gegen dieselbe. Und wenn das, was als äußeres und als<lb n="22"/>Zwang angesehen werden soll, um den Gegensatz des innern oder der Freyheit weg<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>zuschaffen, ins innere selbst verlegt, und hiernach ein psychologischer Zwang geltend<lb n="24"/>gemacht wird, so hilft diese Aufnahme des Aeußern in das Innere eben so wenig.<lb n="25"/>Denn der Gedanke bleibt schlechthin frey, und der psychologische oder der Gedan<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>kenzwang vermag nicht ihn zu binden; die Möglichkeit, die Bestimmtheit, welche<lb n="27"/>vorgestellt wird, und als Zwang dienen soll, aufzuheben, ist absolut; es ist schlechthin<lb n="28"/>möglich, daß der Verlust einer Bestimmtheit, welcher durch die Strafe angedroht,<lb n="29"/>auf sich genommen, und das hingegeben wird, was das Gesetz in der Strafe ent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>reißen will. Wenn also in der Erklärung einer Erscheinung die Vorstellung einer<lb n="31"/>Bestimmtheit als Zwang wirken oder gewirkt haben soll, so ist die Erklärung aus dem<lb n="32"/>Gegentheil, daß die Erscheinung eine Aeußerung der Freyheit sey, eben so schlechthin<lb n="33"/>möglich. Daß die sinnliche Triebfeder, es sey nun, die zur Handlung antreiben, oder<lb n="34"/>die, von der Seite des Gesetzes her, von ihr abschrecken soll, etwas psychologisches,<lb n="35"/>nemlich etwas inneres ist, dadurch ist sie unmittelbar in die Freyheit gesetzt, welche<lb n="36"/>von ihr abstrahiren konnte, oder nicht, und eins wie das andere ist Freyheit des<lb n="37"/>Willens. Wird aber dagegen gehalten, man <hi rendition="#g">meyne</hi> doch, und es sey eine allgemeine</p>
<pb n="474" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=481" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="13–15"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Vorstellungsart, daß ein Zwang und ein psychologischer statt finde, so ist dieß fürs<lb n="2"/>erste nicht wahr, sondern es wird eben so gut und ohne Zweifel allgemeiner gemeynt,<lb n="3"/>eine Handlung oder die Unterlassung einer Handlung komme aus dem freyen<lb n="4"/>Willen; und dann würde man sich zur Aufstellung von Grundsätzen und Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>mung der Gesetze eben so wenig um das Meynen zu bekümmern haben, als die<lb n="6"/>Astronomen sich in der Erkenntniß der Gesetze des Himmels von der Meynung, daß<lb n="7"/>die Sonne und die Planeten und alle Sterne sich um die Erde bewegen, gerade so groß<lb n="8"/>seyen, als sie erscheinen u.s.w. aufhalten lassen; so wenig als der Schiffsherr sich um<lb n="9"/>die Meynung, daß das Schiff ruhe, und die Ufer fortgehen, bekümmert; wenn beyde<lb n="10"/>sich an die Meynung hielten, so würden jene es unmöglich finden, das Sonnen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>system zu begreiffen, und dieser würde die Ruderer die Arbeit aufhören, oder die<lb n="12"/>Seegel einziehen lassen, und beyde sich sogleich in der Unmöglichkeit, ihren Zweck<lb n="13"/>zu erreichen, befinden, und die Nichtrealität der Meynung unmittelbar inne werden,<lb n="14"/>wie sie ihr Realität zugestehen wollten, wie oben gezeigt worden ist, daß der Zwang<lb n="15"/>als Realität gedacht, d. h. in einem System und in der Totalität vorgestellt, unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bar sich und das Ganze aufhebt.</p>
<p><lb n="17"/>Indem so eine Bestimmtheit, welche von dem Meynen der positiven Wissenschaft<lb n="18"/>festgehalten wird, das gerade Gegentheil ihrer selbst ist, so ist für die beyden Par<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>theyen, deren jede sich an die eine der entgegengesetzten Bestimmtheiten hält, gleich<lb n="20"/>möglich, die andere zu widerlegen; welche Möglichkeit des Widerlegens darin<lb n="21"/>besteht, daß von jeder Bestimmtheit gezeigt wird, sie sey gar nicht denkbar und gar<lb n="22"/>nichts, ohne Beziehung auf die ihr entgegengesetzte; aber dadurch, daß sie nur ist und<lb n="23"/>nur Bedeutung in Beziehung auf diese hat, kann und muß unmittelbar diese ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gegengesetzte ebenso vorhanden seyn, und aufgezeigt werden. Daß + A keinen Sinn<lb n="25"/>hat ohne Beziehung auf ein − A, daraus ist zu erweisen, daß mit + A unmittelbar<lb n="26"/>− A ist, was der Gegner alsdann so faßt, daß vielmehr − A hier vorhanden sey,<lb n="27"/>als + A; aber seinem − A kann ebendieß erwiedert werden. Oft wird sich aber auch<lb n="28"/>diese Mühe nicht gegeben, und z. B. von <hi rendition="#g">der</hi> sinnlichen Triebfedern entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gesetzten Freyheit, welche um dieser Entgegensetzung willen eben so wenig eine<lb n="30"/>wahre Freyheit ist, nicht gezeigt, daß alles, was als Aeußerung dieser Freyheit erklärt<lb n="31"/>werden wolle, eigentlich als Wirkung der sinnlichen Triebfedern erklärt werden<lb n="32"/>müsse, was sich sehr gut thun läßt, aber nicht mehr, als sich im Gegentheil wieder<lb n="33"/>zeigen läßt, daß was als Wirkung der sinnlichen Triebfeder erfahren werden solle,<lb n="34"/>eigentlich als Wirkung der Freyheit erfahren werden müsse; – sondern es wird von<lb n="35"/>der Freyheit geradezu abstrahirt und behauptet, daß sie gar nicht hierher gehöre, weil<lb n="36"/>sie etwas inneres, noch mehr etwas moralisches, und gar etwas metaphysisches sey;<lb n="37"/>aber dabey nicht bedacht, daß die andere Bestimmtheit, bey welcher stehen geblieben</p>
<pb n="475" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=482" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="15–17"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>wird, nemlich der Zwang und die sinnliche Triebfeder, durch die er gesetzt seyn soll<lb n="2"/>als etwas äußerliches, gar keine Bedeutung hat, ohne das entgegengesetzte innere,<lb n="3"/>oder die Freyheit, und daß diese schlechterdings von dem Zwang nicht abzutrennen<lb n="4"/>ist. Die Handlung, welche ein Verbrechen ist, von der Seite angesehen, daß dadurch,<lb n="5"/>der angedrohten Strafe und der sinnlichen Triebfeder, welche das Gesetz durch diese<lb n="6"/>Drohung aufstellt, zuwider, etwas <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> gewollt wird, so heißt dieß be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stimmte, etwas sinnliches, und man wird sagen, daß es ein sinnlicher Reitz sey, von<lb n="8"/>dem das Verbrechen abstamme; aber von der Seite, daß die Handlung ein Wollen<lb n="9"/>ist, und die Möglichkeit in ihr, von der sinnlichen Triebfeder des Gesetzes zu abstra<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>hiren, so erscheint sie als frey; und keine Ansicht, weder jene Bestimmtheit, noch<lb n="11"/>diese Möglichkeit kann weggelassen werden, sondern eins ist schlechthin an das<lb n="12"/>andere geknüpft, und damit kann unmittelbar jedes aus seinem Gegentheil her<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>geleitet werden. Aber die Logik des Meynens meynt, wenn eine Bestimmtheit, ein<lb n="14"/>entgegengesetztes gesetzt sey, daß von der andern, entgegengesetzten Bestimmtheit<lb n="15"/>wirklich abstrahirt und derselben entbehrt werden könne; so wie auch jene Logik,<lb n="16"/>vermöge der Art ihres Grundsatzes des Widerspruches, gar nicht begreiffen kann,<lb n="17"/>daß in solchen Bestimmtheiten das Gegentheil einer jeden ganz gleichgültig für die<lb n="18"/>Bestimmung der Anschauung, und in diesem Abstrahiren und negativen Wesen das<lb n="19"/>Gegentheil seinem Gegentheil völlig gleich ist; noch weniger daß beyde zusammen,<lb n="20"/>wie die Freyheit, welche der Sinnlichkeit gegenüber ist, und die Sinnlichkeit und der<lb n="21"/>Zwang, schlechthin nichts reelles, sondern bloße Gedankendinge und Wesen der<lb n="22"/>Einbildung sind.</p>
<p><lb n="23"/>Insofern also eine Rechtswissenschaft dadurch positiv ist, daß sie sich an das Meynen<lb n="24"/>und wesenlose Abstractionen hält, so hat ihre Berufung auf die Erfahrung oder auf<lb n="25"/>ihre Bestimmung der Anwendbarkeit auf die Wirklichkeit, oder auf den gesunden<lb n="26"/>Menschenverstand und allgemeine Vorstellungsart, oder gar Berufung auf Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sophie nicht den mindesten Sinn.</p>
<p><lb n="28"/>Wenn wir nun den Grund näher betrachten, wodurch die Wissenschaft auf die<lb n="29"/>angezeigte Weise positiv wird, und überhaupt den Grund des Scheins und des<lb n="30"/>Meynens erwägen, so ergibt sich, daß er in der <hi rendition="#g">Form</hi> liegt; indem nemlich dasjenige,<lb n="31"/>was ideell, ein entgegengesetztes, einseitiges ist, und allein in der absoluten Identität<lb n="32"/>mit dem entgegengesetzten Realität hat, isolirt, für sich seyend gesetzt, und als etwas<lb n="33"/>reelles ausgesprochen wird. Diese Form ist es, wodurch die Anschauung unmittelbar<lb n="34"/>aufgehoben, und das Ganze aufgelöst, aufhört ein Ganzes und etwas reelles zu seyn;<lb n="35"/>dieser Unterschied des positiven und nicht positiven geht also nicht auf den Innhalt.<lb n="36"/>Es ist durch diese Form möglich, daß nicht nur, wie im oben angezeigten, eine rein<lb n="37"/>formelle Abstraction fixirt und als eine Wahrheit und Realität fälschlicherweise</p>
<pb n="476" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=483" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="17–19"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>behauptet, sondern auch daß eine wahrhafte Idee und ächtes Princip von Seiten seiner<lb n="2"/>Gränze verkannt, und außer der Potenz, in welcher es seine Wahrheit hat, gesetzt<lb n="3"/>wird, und dadurch völlig seine Wahrheit verliert. Daß ein Princip einer Potenz<lb n="4"/>angehört, ist die Seite seiner Bestimmtheit; aber in der Potenz selbst ist diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stimmtheit eben sowohl indifferentiirt und real durchdrungen von der Idee vor<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>handen, und dadurch wahres Princip; und dann ist es als die Idee, in diesen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stimmtheiten als ihrer Gestalt erscheinend, nur als Princip dieser Potenz, und damit<lb n="8"/>die Gränze und Bedingtheit desselben erkannt. Aber es wird gänzlich aus seiner<lb n="9"/>Wahrheit gerissen, wenn es in seiner Bedingtheit absolut gemacht, oder gar über die<lb n="10"/>Natur anderer Potenzen ausgebreitet wird. Die absolute klare Einheit der Sittlichkeit<lb n="11"/>ist darin absolut und lebendig, daß weder eine einzelne Potenz, noch das Bestehen<lb n="12"/>der Potenzen überhaupt fest seyn kann, sondern daß sie dieselben, so wie sie sie ewig<lb n="13"/>ausdehnt, ebenso absolut zusammenschlägt und aufhebt, und sich selbst in unent<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>wickelter Einheit und Klarheit genießt; und in Beziehung auf die Potenzen, ihres<lb n="15"/>innern Lebens sicher und untheilbar, bald der einen durch die andere Abbruch thut,<lb n="16"/>bald in die eine ganz übergeht, und die andern vernichtet, so wie sie überhaupt aus<lb n="17"/>dieser Bewegung ebenso sich in die absolute Ruhe zurückzieht, in welcher alle auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gehoben sind. Dagegen ist Krankheit und der Anfang des Todes vorhanden, wenn<lb n="19"/>ein Theil sich selbst organisirt, und sich der Herrschaft des Ganzen entzieht, durch<lb n="20"/>welche Vereinzelung er es negativ afficirt, oder es gar zwingt, sich allein für diese<lb n="21"/>Potenz zu organisiren, wie wenn die dem Ganzen gehorchende Lebendigkeit der<lb n="22"/>Eingeweide sich zu eigenen Thieren bildet, oder die Leber sich zum herrschenden<lb n="23"/>Organ macht, und die ganze Organisation zu ihrer Verrichtung zwingt. So kann es<lb n="24"/>im allgemeinen Systeme der Sittlichkeit geschehen, daß sich z. B. das Princip und<lb n="25"/>System des bürgerlichen Rechts, welches auf Besitz und Eigenthum geht, so in sich<lb n="26"/>selbst vertieft, und in der Weitläufigkeit, in die es sich verliert, sich für eine Totalität<lb n="27"/>nimmt, die an sich, unbedingt und absolut sey. Es ist schon oben die innere Negativi<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tät dieser Potenz auch ihrem Innhalt nach, der das bestehende Endliche ist, bestimmt<lb n="29"/>worden, und der Widerschein der Indifferenz, der in ihm möglich ist, kann um so<lb n="30"/>weniger für etwas absolutes genommen werden. So wie ebensowenig das System<lb n="31"/>des Erwerbs und des Besitzes selbst, der Reichthum eines Volkes, und in diesem Sy<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>stem wieder eine einzelne Potenz, es sey der Ackerbau oder die Manufacturen und<lb n="33"/>Fabriken, oder der Handel zur unbedingten gemacht werden kann.</p>
<p><lb n="34"/>Aber noch mehr wird eine einzelne Potenz positiv, wenn sie und ihr Princip ihre<lb n="35"/>Bedingtheit so sehr vergessen, daß sie über andere übergreiffen, und sich dieselben<lb n="36"/>unterwerfen. Wie das Princip der Mechanik sich in die Chemie und Naturwissen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schaft, und das der Chemie wieder ganz besonders in die letztere eingedrängt hat,<lb n="38"/>so ist dieß in der Philosophie des Sittlichen zu verschiedenen Zeiten mit verschie<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>denen Principien der Fall gewesen, aber zu den neuen Zeiten hat in der innern Haus-</p>
<pb n="477" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=484" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="19–20"/>
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<p><lb n="1"/>haltung des Naturrechts diese äußere Gerechtigkeit, die im bestehenden Endlichen<lb n="2"/>reflectirte und darum formelle Unendlichkeit, welche das Princip des bürgerlichen<lb n="3"/>Rechts ausmacht, sich eine besondere Oberherrschaft über das Staats- und Völker<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>recht erworben. Die Form eines solchen untergeordneten Verhältnisses, wie der<lb n="5"/>Vertrag ist, hat sich in die absolute Majestät der sittlichen Totalität eingedrängt, und<lb n="6"/>es ist z. B. für die Monarchie die absolute Allgemeinheit des Mittelpuncts und das<lb n="7"/>Einsseyn des Besondern in ihm, bald nach dem Bevollmächtigungsvertrage als ein<lb n="8"/>Verhältniß eines obersten Staatsbeamten zu dem Abstractum des Staats, bald nach<lb n="9"/>dem Verhältnisse des gemeinen Vertrags überhaupt, als eine Sache zweyer bestimmter<lb n="10"/>Partheyen, deren jede der andern bedarf, als ein Verhältniß gegenseitiger Leistung<lb n="11"/>begriffen, und durch solche Verhältnisse, welche ganz im Endlichen sind, unmittelbar<lb n="12"/>die Idee und absolute Majestät vernichtet worden; so wie es auch an sich wider<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sprechend ist, wenn für das Völkerrecht nach dem Verhältnisse des bürgerlichen<lb n="14"/>Vertrags, der unmittelbar auf die Einzelnheit und Abhängigkeit der Subjecte geht,<lb n="15"/>das Verhältniß absolut selbstständiger und freyer Völker, welche sittliche Totalitäten<lb n="16"/>sind, bestimmt werden soll. So könnte auch das Staatsrecht sich als solches aufs<lb n="17"/>einzelne schlechthin beziehen und als eine vollkommene Polizey das Seyn des ein<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>zelnen ganz durchdringen wollen, und so die bürgerliche Freyheit vernichten, was<lb n="19"/>der härteste Despotismus seyn würde; wie Fichte alles Thun und Seyn des einzelnen<lb n="20"/>als eines solchen von dem ihm entgegengesetzten Allgemeinen und der Abstraction<lb n="21"/>beaufsichtigt, gewußt und bestimmt sehen will. Es könnte auch das moralische Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>cip sich in das System der absoluten Sittlichkeit eindrängen, und an die Spitze des<lb n="23"/>öffentlichen sowohl als des Privat-Rechts, wie auch des Völkerrechts stellen wollen;<lb n="24"/>welches eben so sehr die größte Schwäche als der tiefste Despotismus und der gänz<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>liche Verlust der Idee einer sittlichen Organisation wäre, da das moralische Princip<lb n="26"/>wie das des bürgerlichen Rechts nur im Endlichen und Einzelnen ist.</p>
<p><lb n="27"/>Wie in der Wissenschaft ein solches Festwerden und Isoliren der einzelnen Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>cipien und ihrer Systeme und ihr Uebergreiffen über andere allein durch die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sophie verhindert wird, indem der Theil seine Gränze nicht erkennt, sondern vielmehr<lb n="30"/>die Tendenz haben muß, sich als ein Ganzes und Absolutes zu constituiren, die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sophie aber in der Idee des Ganzen über den Theilen steht, und dadurch sowohl jedes<lb n="32"/>in seiner Gränze hält, als auch durch die Hoheit der Idee selbst es verhütet, daß nicht<lb n="33"/>der Theil in seinem Vertheilen in die endlose Kleinigkeit hinein fortwuchere; eben<lb n="34"/>so stellt sich in der Realität dieses einschränken und ideellsetzen der Potenzen als die<lb n="35"/>Geschichte der sittlichen Totalität dar, in welcher sie in der Zeit, fest in ihrem absolu<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>ten Gleichgewicht sowohl zwischen den entgegengesetzten auf und nieder schwankt,</p>
<pb n="478" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=485" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="20–22"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>bald das Staatsrecht durch ein leichtes Uebergewicht des bürgerlichen an seine<lb n="2"/>Bestimmtheit mahnt, bald durch das Uebergewicht von jenem in dieses Einbrüche<lb n="3"/>und Risse macht, und so jedes System überhaupt theils durch ein kräftigeres Inn<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>wohnen für eine Zeit, neu belebt, theils alle in ihrer Trennung an ihre Zeitlichkeit<lb n="5"/>und Abhängigkeit erinnert, – als auch ihre wuchernde Ausdehnung und ihr Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>organisiren dadurch zerstört, daß sie sie in einzelnen Momenten mit einemmahl alle<lb n="7"/>confundirt, sie in sich gezogen darstellt, und aus der Einheit wiedergebohren, mit<lb n="8"/>der Erinnerung an diese Abhängigkeit und mit dem Gefühl ihrer Schwäche, wenn<lb n="9"/>sie für sich seyn wollen, wieder hinausgehen läßt.</p>
<p><lb n="10"/>Dieser Charakter der Positivität der Rechtswissenschaften betrifft die Form, durch<lb n="11"/>welche sich eine Potenz isolirt und absolut setzt; und von dieser Seite kann so wie<lb n="12"/>Religion und was es sey, auch jede philosophische Wissenschaft verkehrt und ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>unreinigt werden. Aber wir müssen die Positivität auch von Seiten der Materie<lb n="14"/>betrachten. Denn obzwar, sowohl das, was wir vorhin positiv nannten, und das<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>jenige, was wir jetzt als Materie betrachten, beydes im besondern ist, so haben wir<lb n="16"/>doch vorhin die äußere Verbindung der Form der Allgemeinheit mit der Besonder<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>heit und Bestimmtheit betrachtet, jetzt aber betrachten wir das besondere als solches.</p>
<p><lb n="18"/>Und in dieser Rücksicht müssen wir uns vor allen Dingen dessen, was seiner<lb n="19"/>Materie nach als positiv gesetzt werden kann, gegen den Formalismus annehmen;<lb n="20"/>denn dieser zerreißt die Anschauung und ihre Identität des Allgemeinen und Beson<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>dern, stellt die Abstractionen des Allgemeinen und Besondern einander gegenüber,<lb n="22"/>und was er aus jener Leerheit ausschließen, aber unter die Abstraction der Besonder<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heit subsumiren kann, gilt ihm für positives; ohne zu bedenken, daß durch diesen<lb n="24"/>Gegensatz das Allgemeine eben so sehr ein positives wird, als das Besondere; denn<lb n="25"/>es wird, wie vorhin gezeigt worden, durch die Form der Entgegensetzung, in der es<lb n="26"/>in jener Abstraction vorhanden ist, positiv. Aber das Reale ist schlechthin eine Iden<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tität des Allgemeinen und Besondern, und deßwegen kann jene Abstraction und das<lb n="28"/>Setzen des einen von den entgegengesetzten, welche durch die Abstraction entstehen,<lb n="29"/>des Allgemeinen, als eines an sich seyenden, nicht statt haben. Ueberhaupt wenn das<lb n="30"/>formelle Denken consequent ist, so muß es, wenn es das Besondere als positives<lb n="31"/>begreift, schlechthin gar keinen Innhalt haben; in der reinen Vernunft des formellen<lb n="32"/>Denkens muß durchaus jede Mehrheit und Unterscheidbarkeit wegfallen, und es ist<lb n="33"/>gar nicht abzusehen, wie es auch nur zu der dürftigsten Mehrheit von Rubriken und<lb n="34"/>Kapiteln kommen sollte; so wie diejenigen, welche das Wesen des Organismus als<lb n="35"/>die Abstraction einer Lebenskraft begreifen, eigentlich die Glieder und das Gehirn<lb n="36"/>und das Herz und alle Eingeweide, als etwas besonderes, zufälliges und positives<lb n="37"/>begreifen und weglassen müssen.</p>
<pb n="479" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=486" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="22–24"/>
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<p><lb n="1"/>Dadurch, daß wie alles lebendige, so auch das sittliche schlechthin eine Identität<lb n="2"/>des Allgemeinen und Besondern ist, ist es eine Individualität und Gestalt; es trägt die<lb n="3"/>Besonderheit, die Nothwendigkeit, das Verhältniß, d. i. die relative Identität in sich,<lb n="4"/>aber indifferentiirt, assimilirt, und dadurch ist es frey in ihr; und dieses, was als<lb n="5"/>Besonderheit von der Reflexion angesehen werden kann, ist nicht ein positives noch<lb n="6"/>entgegengesetztes gegen das lebendige Individuum, das dadurch mit der Zufällig<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit und Nothwendigkeit zusammenhängt, aber lebendig; diese Seite ist seine un<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>organische Natur, aber in der Gestalt und Individualität an sich organisirt. So gehört,<lb n="9"/>um das allgemeinste zu nennen, das bestimmte Klima eines Volks, und seine Zeit<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>periode in der Bildung des allgemeinen Geschlechts, der Nothwendigkeit an, und<lb n="11"/>es fällt von der weitausgebreiteten Kette derselben nur Ein Glied auf seine Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wart; welches, nach der erstern Seite aus der Geographie, nach der andern aus der<lb n="13"/>Geschichte zu begreiffen ist. Aber in dieses Glied hat sich die sittliche Individualität<lb n="14"/>organisirt, und die Bestimmtheit desselben geht nicht dieselbe, sondern die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wendigkeit an; denn die sittliche Lebendigkeit des Volks ist gerade darin, daß es eine<lb n="16"/>Gestalt hat, in welcher die Bestimmtheit ist, aber nicht als ein positives (nach unserem<lb n="17"/>bisherigen Gebrauch dieses Wortes), sondern absolut mit der Allgemeinheit vereint,<lb n="18"/>und durch sie belebt. Und diese Seite ist auch darum sehr wichtig, damit erkannt<lb n="19"/>wird, wie die Philosophie die Nothwendigkeit ehren lehrt, sowohl darum, daß sie<lb n="20"/>ein Ganzes ist, und nur die beschränkte Einsicht sich an die Einzelnheit hält und diese<lb n="21"/>als eine Zufälligkeit verachtet, – als auch darum, weil sie die Ansicht der Einzelnheit<lb n="22"/>und Zufälligkeit so aufhebt, daß sie von ihr zeigt, wie sie das Leben nicht an sich<lb n="23"/>hindert, sondern daß dieses, indem es sie bestehen läßt, wie sie nach der Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>keit ist, sie doch zugleich auch dieser entreißt, sie durchdringt, und belebt. So wenig<lb n="25"/>das Element des Wassers, welchem sich ein Theil der Thierwelt, und das Element der<lb n="26"/>Luft, dem sich ein anderer an organisirt, darum daß sie einzelne Elemente sind, jenes<lb n="27"/>für den Fisch, dieses für den Vogel etwas positives oder todtes ist, eben so wenig ist<lb n="28"/>diese Form der Sittlichkeit, in welcher sie sich in diesem Klima und in dieser Periode<lb n="29"/>einer besondern und der allgemeinen Cultur organisirt, etwas positives in derselben.<lb n="30"/>Wie in der Natur des Polypen eben so die Totalität des Lebens ist, als in der Natur<lb n="31"/>der Nachtigall und des Löwen, so hat der Weltgeist in jeder Gestalt sein dumpferes<lb n="32"/>oder entwickelteres aber absolutes Selbstgefühl, und in jedem Volke, unter jedem<lb n="33"/>Ganzen von Sitten und Gesetzen sein Wesen, und seiner selbst genossen. – Nach<lb n="34"/>außen ist die Stuffe eben so gerechtfertigt, welche äußere Seite der Nothwendigkeit<lb n="35"/>als solcher angehört; denn auch in dieser Abstraction der Nothwendigkeit ist durch<lb n="36"/>die Idee wieder die Einzelnheit schlechthin aufgehoben; diese Einzelnheit der Stuffe</p>
<pb n="480" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=487" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="24–26"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>des Polypen und der Nachtigall und des Löwen ist Potenz eines Ganzen, und in<lb n="2"/>diesem Zusammenhang ist sie geehrt. Ueber den einzelnen Stuffen schwebt die Idee<lb n="3"/>der Totalität, die sich aber aus ihrem ganzen auseinandergeworfenen Bilde wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>strahlt, und sich darin anschaut und erkennt; und diese Totalität des ausgedehnten<lb n="5"/>Bildes ist die Rechtfertigung des Einzelnen als eines bestehenden. Es ist darum der<lb n="6"/>formelle Standpunkt, der an eine Individualität die Form der Besonderheit bringt,<lb n="7"/>und die Lebendigkeit, in welcher die Besonderheit real ist, aufhebt; aber der empiri<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sche Standpunkt, welcher da, wo die Realität einer bestimmten Stuffe gesetzt ist,<lb n="9"/>eine höhere verlangt; die höhere auch in ihrer entwickelten Realität, und empirisch,<lb n="10"/>ist eben sowohl vorhanden; die höhere Entwicklung des Lebens der Pflanze ist im<lb n="11"/>Polypen, die höhere des Polypen im Insect u.s.w. Es ist nur empirische Unvernunft,<lb n="12"/>welche im Polypen die empirische Darstellung der höhern Stuffe des Insects er<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>blicken will; der Polype, der nicht Polype wäre, bleibt nichts als dieses bestimmte<lb n="14"/>mit mir in einer empirischen Beziehung stehende todte Stück Materie, welches<lb n="15"/>dadurch todt und Materie ist, daß ich es als eine leere Möglichkeit etwas anderes zu<lb n="16"/>seyn, als welche Leerheit der Tod ist, setze; ist es absolut ohne eine empirische Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ziehung um die höhere Darstellung zu thun, so ist sie zu finden, denn sie muß der<lb n="18"/>absoluten Nothwendigkeit nach vorhanden seyn. – So kann z. B. die Lehensver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>fassung wohl als etwas ganz positives erscheinen; aber vors erste von Seiten der<lb n="20"/>Nothwendigkeit ist sie nicht ein absolutes einzelnes, sondern schlechthin in der<lb n="21"/>Totalität der Nothwendigkeit; nach innen aber gegen das Leben selbst kommt es,<lb n="22"/>ob sie positiv sey, darauf an, daß das Volk in ihr sich als Individualität wahrhaft<lb n="23"/>organisirt hat, die Gestalt jenes Systems vollkommen ausfüllt, und lebendig durch<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dringt, ob das Gesetz dieser Verhältnisse Sitte ist. Wenn also etwa der Genius einer<lb n="25"/>Nation überhaupt tiefer steht, und ein schwächerer ist, und die Schwäche der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lichkeit ist in der Barbarey und in der formellen Cultur am härtesten, wenn sie von<lb n="27"/>einer andern sich besiegen lassen, ihre Unabhängigkeit verlieren müssen, also das<lb n="28"/>Unglück und die Schmach des Verlustes der Selbstständigkeit, dem Kampfe und dem<lb n="29"/>Tode vorgezogen hat; wenn sie so roh in die Realität des thierischen Lebens ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sunken ist, daß sie sich nicht einmal in die formelle Idealität, in die Abstraction eines<lb n="31"/>Allgemeinen erhebt, und also in der Bestimmung der Verhältnisse für das physische<lb n="32"/>Bedürfniß nicht das Verhältniß von Recht sondern nur von Persönlichkeit ertragen<lb n="33"/>kann, – oder eben so, wenn die Realität des Allgemeinen und des Rechts allen<lb n="34"/>Glauben und alle Wahrheit verlohren hat, und sie das Bild der Göttlichkeit nicht in<lb n="35"/>sich selbst zu empfinden und zu genießen vermag, sondern dasselbe außer sich<lb n="36"/>setzen, und für dasselbe mit einem dumpfen Gefühl, oder dem ganz schmerzlichen<lb n="37"/>der weiten Entfernung und Erhabenheit vorlieb nehmen muß, so haben Lehensver<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>fassung und Knechtschaft absolute Wahrheit, und dieß Verhältniß ist die einzig mög<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>liche Form der Sittlichkeit, und darum die nothwendige und gerechte und sittliche.</p>
<pb n="481" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=488" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="26–28"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>Von dieser Individualität des Ganzen aus und dem bestimmten Charakter eines<lb n="2"/>Volks ist denn auch das ganze System, in das sich die absolute Totalität organisirt,<lb n="3"/>zu erkennen; es ist zu erkennen, wie alle Theile der Verfassung und der Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gebung, alle Bestimmungen der sittlichen Verhältnisse schlechthin durch das Ganze<lb n="5"/>bestimmt sind, und ein Gebäude bilden, in welchem keine Verbindung und keine<lb n="6"/>Zierde für sich a priori vorhanden gewesen, sondern jede durch das Ganze geworden<lb n="7"/>und ihm unterthänig ist. In diesem Sinne hat Montesquieu sein unsterbliches Werk<lb n="8"/>auf die Anschauung der Individualität und des Charakters der Völker gegründet,<lb n="9"/>und wenn er sich nicht zur lebendigsten Idee erhoben hat, doch schlechthin die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>zelnen Einrichtungen und Gesetze nicht aus der sogenannten Vernunft deducirt,<lb n="11"/>noch sie aus der Erfahrung abstrahirt und dann zu etwas allgemeinem erhoben,<lb n="12"/>sondern wie die höhern Verhältnisse der staatsrechtlichen Theile, so auch die nie<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>drigern Bestimmungen der bürgerlichen Verhältnisse bis auf Testamente, Ehegesetze<lb n="14"/>u.s.w. herab, ganz allein aus dem Charakter des Ganzen und seiner Individualität<lb n="15"/>begriffen, und hiemit den empirischen Theoretikern, welche die Zufälligkeiten ihrer<lb n="16"/>Systeme des Staats und der Gesetze aus der Vernunft zu erkennen und aus dem<lb n="17"/>Menschenverstande selbst oder auch aus der allgemeinen Erfahrung herausgenommen<lb n="18"/>zu haben vermeynen, auf eine ihnen begreiffliche Weise gezeigt, daß die Vernunft,<lb n="19"/>und der Menschenverstand, und die Erfahrung, aus welchen die bestimmten Gesetze<lb n="20"/>herkommen, keine Vernunft und Menschenverstand a priori, auch keine Erfahrung<lb n="21"/>a priori, was eine absolut allgemeine wäre, sind, sondern ganz allein die lebendige<lb n="22"/>Individualität eines Volkes, eine Individualität, deren höchste Bestimmtheiten wieder<lb n="23"/>aus einer allgemeinern Nothwendigkeit zu begreiffen sind.</p>
<p><lb n="24"/>Wie oben in Beziehung auf die Wissenschaft gezeigt worden ist, daß jede ein<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>zelne Potenz fixirt und die Wissenschaft dadurch positiv werden kann; so muß eben<lb n="26"/>dieß von dem sittlichen Individuum oder dem Volke behauptet werden. Denn nach<lb n="27"/>der Nothwendigkeit muß die Totalität als Bestehen der auseinandergeworfenen<lb n="28"/>Bestimmtheiten an ihm sich darstellen, und das einzelne Glied der Kette, unter dem<lb n="29"/>es in der Gegenwart gesetzt ist, vorübergehen, und ein anderes eintreten. Indem das<lb n="30"/>Individuum auf diese Art wächst, eine Potenz stärker hervor- und die andere zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>tritt, so geschieht es, daß die Theile, welche sich in der letztern organisirt haben, sich<lb n="32"/>als ausgeschieden und als abgestorben finden. Diese Theilung, worinn einiges einem<lb n="33"/>neuen Leben entgegenreift, das andere aber, das sich auf der Stuffe einer Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>heit festgesetzt hat, zurückbleibt, und das Leben sich entfliehen sieht, ist allein mög<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lich dadurch, daß die Bestimmtheit einer Stuffe fixirt und formell absolut gemacht<lb n="36"/>worden ist; die Form des Gesetzes, welche der bestimmten Sitte gegeben worden,<lb n="37"/>und welche die Allgemeinheit oder das negativ absolute der Identität ist, gibt ihr den</p>
<pb n="482" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=489" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="28–30"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Schein eines an sich seyenden; und wenn die Masse eines Volkes groß ist, so ist auch<lb n="2"/>der Theil desselben groß, der sich in jener Bestimmtheit organisirt; und das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn, das im Gesetz über sie ist, hat ein großes Gewicht über das bewußtlose des neu<lb n="4"/>aufstrebenden Lebens. Als Sitte und Gesetz Eins war, war die Bestimmtheit nichts<lb n="5"/>positives, aber wie mit dem Wachsthum des Individuums das Ganze nicht gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mäßig fortschreitet, so trennt sich Gesetz und Sitte, die lebendige Einheit, welche die<lb n="7"/>Glieder verbindet, erschwacht, und es ist in der Gegenwart des Ganzen kein absoluter<lb n="8"/>Zusammenhang und Nothwendigkeit mehr. Hier kann also das Individuum nicht<lb n="9"/>aus sich selbst erkannt werden, denn seine Bestimmtheit ist ohne das Leben, welches<lb n="10"/>sie erklärt und begreifflich macht; und indem die neue Sitte eben so anfängt, sich in<lb n="11"/>Gesetzen aufzufassen, so muß schlechthin ein innerer Widerspruch der Gesetze unter<lb n="12"/>sich hervorkommen. Wie im vorigen Geschichte nur eine Seite der Ansicht, und was<lb n="13"/>nothwendig, zugleich frey ist, so ist hingegen hier die Nothwendigkeit mit der<lb n="14"/>Freyheit nicht mehr eins, und fällt insofern ganz der reinen Geschichte anheim; was<lb n="15"/>in der Gegenwart keinen wahrhaften lebendigen Grund hat, dessen Grund ist in einer<lb n="16"/>Vergangenheit, d. h. es ist eine Zeit aufzusuchen, in welcher die im Gesetz fixirte<lb n="17"/>aber erstorbene Bestimmtheit lebendige Sitte und in Uebereinstimmung mit der<lb n="18"/>übrigen Gesetzgebung war. Weiter aber als gerade für diesen Zweck der Erkenntniß<lb n="19"/>reicht die Wirkung der rein geschichtlichen Erklärung der Gesetze und Einrichtungen<lb n="20"/>nicht; sie wird ihre Bestimmung und Wahrheit überschreiten, wenn durch sie das<lb n="21"/>Gesetz, das nur in einem vergangenen Leben Wahrheit hatte, für die Gegenwart<lb n="22"/>gerechtfertigt werden soll; im Gegentheil erweißt diese geschichtliche Erkenntniß<lb n="23"/>des Gesetzes, welche in verlornen Sitten und einem erstorbenen Leben seinen Grund<lb n="24"/>allein aufzuzeigen weiß, gerade, daß ihm jetzt in der lebendigen Gegenwart der<lb n="25"/>Verstand und die Bedeutung fehlt, wenn es schon noch durch die Form des Gesetzes,<lb n="26"/>und dadurch, daß noch Theile des Ganzen in seinem Interesse sind und ihr Daseyn<lb n="27"/>an dasselbe knüpfen, Macht und Gewalt hat.</p>
<p><lb n="28"/>Es ist aber für die richtige Unterscheidung dessen, was todt ist und keine Wahrheit<lb n="29"/>hat, und dessen, was noch lebendig ist, an einen Unterschied zu erinnern, welcher<lb n="30"/>der formalen Ansicht entgehen kann, und der verhindern muß, daß, was an sich<lb n="31"/>negativ ist, für lebendiges Gesetz und also die Herrschaft der an sich negativen Gesetze<lb n="32"/>für Belebtseyn der Organisation genommen werde. Denn Gesetze, welche der Ober<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>herrschaft des Ganzen einzelne Bestimmtheiten und Theile entziehen, die Gewalt<lb n="34"/>desselben von ihnen ausschließen, und die Ausnahmen des einzelnen vom allgemeinen<lb n="35"/>constituiren, sind an sich etwas negatives, und Zeichen des beginnenden Todes, der<lb n="36"/>für das Leben immer drohender wird, jemehr des negativen und der Ausnahmen<lb n="37"/>werden, und diese Gesetze, welche auf diese Auflösung gehen, den wahren, welche<lb n="38"/>die Einheit des Ganzen constituiren, zu mächtig werden. Zum positiven und erstor<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>benen muß also nicht nur dasjenige gerechnet werden, was ganz einer Vergangenheit</p>
<pb n="483" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=490" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="30–32"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>angehört, und keine lebendige Gegenwart mehr und allein eine unverständige, und<lb n="2"/>weil es ohne innre Bedeutung ist, schaamlose Macht hat, sondern auch dasjenige ist<lb n="3"/>ohne wahrhaft positive Wahrheit, was das negative, die Auflösung und Abtrennung<lb n="4"/>von der sittlichen Totalität festsetzt; jenes ist die Geschichte eines vergangenen Lebens,<lb n="5"/>dieses aber die bestimmte Vorstellung des gegenwärtigen Todes. So können in einem<lb n="6"/>aufgelösten Volk, wie z. B. im deutschen allerdings, die Gesetze Wahrheit zu haben<lb n="7"/>scheinen, wenn man nicht unterscheidet, ob sie Gesetze des negativen und der<lb n="8"/>Trennung, oder Gesetze des wahrhaft positiven und der Einheit sind. Unmittelbar<lb n="9"/>damit, daß die ein Ganzes organisirenden Gesetze allein für eine Vergangenheit<lb n="10"/>Bedeutung haben, und sich auf eine Gestalt und Individualität beziehen, die längst<lb n="11"/>als eine erstorbene Hülle abgestreift ist, daß sie nur noch für Theile Interesse haben,<lb n="12"/>und dadurch nicht eine lebendige Beziehung gegen das Ganze, sondern eine ihm<lb n="13"/>fremde Gewalt und Herrschaft setzen, und daß dasjenige, worin ein lebendiges Band<lb n="14"/>und innre Einheit sich darstellt, als Mittel für seinen Zweck nicht die allermindeste<lb n="15"/>Angemessenheit mehr, also dieses Mittel weder Verstand, noch Wahrheit hat, denn<lb n="16"/>die Wahrheit des Mittels ist darin, daß es dem Zweck adäquat ist; durch welche<lb n="17"/>innerste Unwahrheit des Ganzen dann auch erfolgt, daß in der Wissenschaft der<lb n="18"/>Philosophie überhaupt, in der Sittlichkeit, eben so der Religion wenig wahres mehr<lb n="19"/>seyn kann; – unmittelbar damit bestimmt und befestigt sich die Auflösung und setzt<lb n="20"/>sich in einem System des Negativen, gibt sich somit den formellen Schein wie von<lb n="21"/>Erkenntniß, so von Gesetzen, deren inneres Wesen das Nichts ist; wenn die Er<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>kenntniß und Wissenschaft eines solchen Volks sich ausdrückt, daß die Vernunft nichts<lb n="23"/>erkenne und wisse, und nur in der leeren Freyheit, als einer Flucht, im Nichts und<lb n="24"/>in dessen Schein sey, so ist der Innhalt und das Wesen der negativen Gesetzgebung,<lb n="25"/>daß kein Gesetz, keine Einheit, kein Ganzes sey; jene erste Unwahrheit ist also die<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>jenige, welche bewußtlos und unbefangen es ist, diese zweyte aber, welche sich die<lb n="27"/>Form anmaßt, und damit sich befestigt.</p>
<p><lb n="28"/>Es ist also nicht die Philosophie, welche das besondere, darum, weil es ein beson<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>deres ist, für ein positives nimmt; sondern nur insofern es außer dem absoluten<lb n="30"/>Zusammenhange des Ganzen als ein eigener Theil Selbstständigkeit errungen hat.<lb n="31"/>Die absolute Totalität hemmt sich als Nothwendigkeit in jeder ihrer Potenz, bringt<lb n="32"/>sich auf ihr als Totalität hervor, wiederholt daselbst sowohl die vorhergehenden<lb n="33"/>Potenzen, als sie die nachfolgenden anticipirt, aber eine derselben ist die größte<lb n="34"/>Macht, in deren Farbe und Bestimmtheit die Totalität erscheint, ohne jedoch für das<lb n="35"/>Leben etwas beschränkendes zu seyn, so wenig es das Wasser für den Fisch, die Luft<lb n="36"/>für den Vogel ist. Es ist zugleich nothwendig, daß die Individualität fortschreite,<lb n="37"/>sich metamorphosire, und das der herrschenden Potenz angehörige erschwache und</p>
<pb n="484" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=491" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="32–33"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>ersterbe, damit alle Stuffen der Nothwendigkeit an ihr als solche erscheinen; das<lb n="2"/>Unglück aber der Periode des Uebergangs, daß dieses Erstarken der neuen Bildung<lb n="3"/>sich nicht von dem vergangenen absolut gereinigt hat, ist es, worin das positive ist.<lb n="4"/>Und die Natur, ob sie zwar innerhalb einer bestimmten Gestalt mit gleichmäßiger,<lb n="5"/>jedoch nicht mechanisch gleichförmiger, sondern mit gleichförmig beschleunigter<lb n="6"/>Bewegung fortgeht, genießt jedoch auch einer neuen Gestalt, welche sie errungen<lb n="7"/>hat; wie sie in dieselbe springt, so verweilt sie sich in ihr. Wie die Bombe zu ihrer<lb n="8"/>Culmination einen Ruck thut, und dann in ihr einen Moment ruht; oder wie das<lb n="9"/>erhitzte Metall nicht wie Wachs erweicht, sondern auf einmal in den Fluß springt,<lb n="10"/>und auf ihm verweilt; denn die Erscheinung ist der Uebergang ins absolut entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gesetzte, also unendlich, und dieses Heraustreten des entgegengesetzten aus der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>endlichkeit oder seinem Nichts ist ein Sprung, und das Daseyn der Gestalt in ihrer<lb n="13"/>neugebohrnen Kraft ist zuerst für sich selbst, ehe sie sich ihres Verhältnisses zu einem<lb n="14"/>fremden bewußt wird; so hat auch die wachsende Individualität sowohl die Freudig<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>keit jenes Sprungs als eine Dauer des Genusses ihrer neuen Form, bis sie sich allmäh<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lig dem Negativen öffnet, und auch in ihrem Untergange auf einmal und brechend<lb n="17"/>ist.</p>
<p><lb n="18"/>Wenn nun die Philosophie der Sittlichkeit diese Nothwendigkeit begreiffen und<lb n="19"/>den Zusammenhang ihres Innhalts so wie die Bestimmtheit desselben als absolut<lb n="20"/>verbunden mit dem Geiste und als seinen lebendigen Leib erkennen lehrt, und sich<lb n="21"/>dem Formalismus, der, was er unter den Begriff der Besonderheit subsumiren kann,<lb n="22"/>für zufällig und für todt ansieht, entgegensetzt; so erkennt die Philosophie der Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lichkeit zugleich, daß diese Lebendigkeit der Individualität überhaupt, welches auch<lb n="24"/>ihre Gestalt sey, eine formale Lebendigkeit ist; denn die Beschränktheit dessen, was<lb n="25"/>der Nothwendigkeit angehört, obgleich absolut in die Indifferenz aufgenommen, ist<lb n="26"/>nur ein Theil der Nothwendigkeit, nicht die absolute totale Nothwendigkeit selbst,<lb n="27"/>also immer eine Nichtübereinstimmung des absoluten Geistes und seiner Gestalt.<lb n="28"/>Für diese absolute Gestalt aber kann sie nicht zur Gestaltlosigkeit des Kosmopolitis<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mus fliehen, noch zu der Leerheit der Rechte der Menschheit, und der gleichen Leer<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heit eines Völkerstaats und der Weltrepublik, als welche Abstractionen und For<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>malitäten das gerade Gegentheil der sittlichen Lebendigkeit enthalten, und ihrem<lb n="32"/>Wesen nach gegen Individualität protestantisch und revolutionär sind; sondern sie<lb n="33"/>muß für die hohe Idee der absoluten Sittlichkeit auch die schönste Gestalt erkennen;<lb n="34"/>und da die absolute Idee an sich selbst absolute Anschauung ist, so ist mit ihrer Con<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>struction unmittelbar auch die reinste und freyste Individualität bestimmt, in welcher<lb n="36"/>der Geist sich selbst vollkommen objectiv in seiner Gestalt anschaut, und ganz,<lb n="37"/>ohne Rückkehr zu sich aus der Anschauung, sondern unmittelbar die Anschauung<lb n="38"/>selbst als sich selbst erkennt, und eben dadurch absoluter Geist, und vollkommene<lb n="39"/>Sittlichkeit ist; welche zugleich nach der oben vorgestellten Weise ihre Verwicklung</p>
<pb n="485" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=492" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="33–34"/>
<fw type="header" place="top">BEHANDLUNGSARTEN DES NATURRECHTS</fw>
<p><lb n="1"/>mit dem negativen, denn was wir bisher positiv genannt haben, ist, wie aus der<lb n="2"/>Sache selbst hervorgegangen, an sich betrachtet das negative, abwehrt, es sich als<lb n="3"/>objectiv und Schicksal gegenüberstellt, und dadurch, daß sie ihm eine Gewalt und<lb n="4"/>ein Reich durch das Opfer eines Theils ihrer selbst mit Bewußtseyn einräumt, ihr<lb n="5"/>eigenes Leben davon gereinigt erhält.</p>
<pb n="486" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=493" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="35–36"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>II.<lb n="2"/>UEBER DANTE IN PHILOSOPHISCHER<lb n="3"/>BEZIEHUNG.</head>
<p><lb n="4"/>Die die Vergangenheit mehr als die Gegenwart lieben, wird es nicht befremden, sich von den,<lb n="5"/>eben nicht immer belohnenden, Anblicken der letzteren zu einem so entfernten Denkmal der<lb n="6"/>mit Poesie verbundenen Philosophie zurückgeführt zu sehen, als die Werke des Dante sind,<lb n="7"/>die längst die Heiligkeit des Alterthums bedeckt.</p>
<p><lb n="8"/>Ich verlange als Rechtfertigung des Platzes, den diese Gedanken hier einnehmen, vorerst<lb n="9"/>nichts zugegeben, als: daß das Gedicht, auf welches sie sich beziehen, eines der merkwürdigsten<lb n="10"/>Probleme der philosophischen und historischen Construction der Kunst ist. Der Verfolg wird<lb n="11"/>zeigen, daß diese Untersuchung eine weit allgemeinere, die Verhältnisse der Philosophie selbst<lb n="12"/>betreffende, in sich schließt und für diese von nicht geringerem Interesse als für die Poesie ist,<lb n="13"/>deren wechselseitige Verschmelzung, zu welcher die ganze neuere Zeit sich neigt, von beyden<lb n="14"/>Seiten gleich bestimmte Bedingungen fodert.</p>
<space/>
<p><lb n="15"/>Im Allerheiligsten,<lb n="16"/>Wo Religion und Poesie verbündet,<lb n="17"/>steht Dante als Hohepriester und weiht die ganze moderne Kunst für ihre Bestimmung ein.<lb n="18"/>Nicht ein einzelnes Gedicht, sondern die ganze Gattung der neueren Poesie repräsentirend und<lb n="19"/>selbst eine Gattung für sich, steht die göttliche Komödie so ganz abgeschlossen, daß die von<lb n="20"/>einzelneren Formen abstrahirte Theorie für sie ganz unzureichend ist, und sie als eine eigne<lb n="21"/>Welt auch ihre eigne Theorie fodert. Das Prädicat der Göttlichkeit gab ihr der Urheber, weil<lb n="22"/>sie von der Theologie und von göttlichen Dingen handelt; Komödie nannte er sie, nach den<lb n="23"/>einfachsten Begriffen von dieser und der entgegengesetzten Gattung, wegen des furchtbaren<lb n="24"/>Beginns und des glücklichen Ausgangs und weil die gemischte Natur seines Gedichts, dessen<lb n="25"/>Stoff bald erhabener bald niedriger ist, auch eine gemischte Art des Vortrags nothwendig<lb n="26"/>machte.</p>
<p><lb n="27"/>Man sieht aber leicht, daß es nach den gewöhnlichen Begriffen nicht dramatisch heißen kann,<lb n="28"/>da es keine beschränkte Handlung darstellt: inwiefern Dante selbst als die Hauptperson betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tet wird, die nur als Band für die unermeßliche Reihe von Gesichten und Gemählden dient,<lb n="30"/>und mehr leidend als thätig sich verhält, könnte dieses Gedicht dem Roman sich zu nähern<lb n="31"/>scheinen; aber auch dieser Begriff erschöpft es so wenig, als es nach einer gewöhnlicheren</p>
<pb n="487" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=494" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="36–39"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DANTE</fw>
<p><lb n="1"/>Vorstellung episch heißen kann, da in den Gegenständen der Darstellung selbst keine Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>einanderfolge stattfindet. Als Lehrgedicht es zu betrachten, ist gleichfalls nicht möglich, da<lb n="3"/>es in einer viel unbedingteren Form und Absicht, als der des Lehrens, geschrieben ist. Es ist also<lb n="4"/>nichts von alle dem insbesondere, auch nicht etwa nur eine Zusammensetzung, sondern eine<lb n="5"/>ganz eigenthümliche, gleichsam organische, durch keine willkührliche Kunst wieder hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zubringende Mischung aller Elemente dieser Gattungen, ein absolutes Individuum, nichts<lb n="7"/>Anderm und nur sich selbst vergleichbar.</p>
<p><lb n="8"/>Der Stoff des Gedichts ist im Allgemeinen die ausgesprochene Identität der ganzen Zeit des<lb n="9"/>Dichters, die Durchdringung der Begebenheiten derselben mit den Ideen der Religion, der<lb n="10"/>Wissenschaft und der Poesie in dem überlegensten Geist jenes Jahrhunderts. Unsere Absicht<lb n="11"/>ist nicht, es in seiner unmittelbaren Zeitbeziehung, sondern vielmehr in seiner Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gültigkeit und Urbildlichkeit für die ganze moderne Poesie zu fassen.</p>
<p><lb n="13"/>Das nothwendige Gesetz derselben bis zu dem in noch unbestimmbarer Ferne liegenden<lb n="14"/>Punct, wo das große Epos der neuen Zeit, das bis jetzt nur rhapsodisch und in einzelnen Er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>scheinungen sich verkündet, als beschlossene Totalität hervortritt, ist: daß das Individuum den<lb n="16"/>ihm offenbaren Theil der Welt zu einem Ganzen bilde und aus dem Stoff seiner Zeit, ihrer<lb n="17"/>Geschichte und ihrer Wissenschaft sich seine Mythologie erschaffe. Denn wie die alte Welt<lb n="18"/>allgemein die Welt der Gattungen, so ist die moderne die der Individuen: dort ist das All<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gemeine wahrhaft das Besondere, das Geschlecht wirkt als Individuum; hier ist umgekehrt die<lb n="20"/>Besonderheit der Ausgangspunct, die zur Allgemeinheit werden soll. In jener ist eben deswegen<lb n="21"/>alles dauernd, unvergänglich: die Zahl hat gleichsam keine Gewalt, da der Allgemeinbegriff<lb n="22"/>mit dem des Individuum in Eins fällt: in dieser ist Wechsel und Wandel bleibendes Gesetz,<lb n="23"/>kein beschloßner, sondern nur ein durch Individualität ins Unendliche zu erweiternder Kreis<lb n="24"/>faßt ihre Bestimmungen, und weil Universalität zum Wesen der Poesie gehört, so ist die noth<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wendige Foderung diese, daß das Individuum durch die höchste Eigenthümlichkeit wieder<lb n="26"/>allgemeingültig, durch die vollendete Besonderheit wieder absolut werde. Eben durch das<lb n="27"/>schlechthin Individuelle, nichts anderm Vergleichbare seines Gedichts ist Dante der Schöpfer<lb n="28"/>der modernen Kunst, die ohne diese willkührliche Nothwendigkeit und nothwendige Willkühr<lb n="29"/>nicht gedacht werden kann.</p>
<p><lb n="30"/>Von dem ersten Beginn der griechischen Poesie an sehen wir sie von der Wissenschaft und<lb n="31"/>Philosophie rein geschieden, im Homer, und diesen Sonderungsproceß bis zur vollkommenen<lb n="32"/>Entgegensetzung der Dichter und Philosophen fortgesetzt, welche durch allegorische Er<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>klärungen der Homerischen Dichtungen vergeblich eine Harmonie zu erkünsteln suchten. In<lb n="34"/>der neueren Zeit ist die Wissenschaft der Poesie und Mythologie vorangegangen, welche nicht<lb n="35"/>Mythologie seyn kann, ohne universell zu seyn und alle Elemente der vorhandenen Bildung,<lb n="36"/>die Wissenschaft, die Religion, die Kunst selbst, in ihren Kreis zu ziehen und nicht allein den<lb n="37"/>Stoff der gegenwärtigen, sondern auch den der vergangenen Zeit zu einer vollkommenen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>heit zu verknüpfen. In diesem Widerstreit, da die Kunst das Geschlossene, Begränzte fodert,<lb n="39"/>der Geist der Welt aber gegen das Unbegränzte hintreibt und mit unwandelbarer Festigkeit<lb n="40"/>jede Schranke niederreißt, muß das Individuum eintreten, mit absoluter Freyheit sondern,</p>
<pb n="488" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=495" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="39–41"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>der Mischung der Zeit daurende Gestalten abzugewinnen suchen, und innerhalb der durch<lb n="2"/>Willkühr gezogenen Formen dem Gebilde seiner Dichtung durch die absolute Eigenthümlich<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>keit wieder die Nothwendigkeit in sich und die Allgemeingültigkeit nach außen geben.</p>
<p><lb n="4"/>Dieß hat Dante gethan. Er hatte vor sich den Stoff der Geschichte der Gegenwart wie der<lb n="5"/>Vergangenheit. Er konnte ihn nicht zum reinen Epos verarbeiten, theils seiner Natur wegen,<lb n="6"/>theils weil er dadurch wieder andere Seiten der Bildung seiner Zeit ausgeschlossen hätte. Zu<lb n="7"/>der Ganzheit derselben gehörte auch die Astronomie, die Theologie und Philosophie der Zeit.<lb n="8"/>Er konnte diese nicht in einem Lehrgedicht vortragen, denn auch dadurch beschränkte er sich<lb n="9"/>wieder und sein Gedicht mußte, um universell zu seyn, zugleich historisch seyn. Es bedurfte<lb n="10"/>einer ganz willkührlichen, vom Individuum ausgehenden, Erfindung, um diesen Stoff zu<lb n="11"/>verknüpfen und organisch zu Einem Ganzen zu bilden. Die Ideen der Philosophie und Theo<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>logie in Symbolen darzustellen war unmöglich, denn es war keine symbolische Mythologie<lb n="13"/>vorhanden. Er konnte aber eben so wenig sein Gedicht ganz allegorisch machen, denn alsdann<lb n="14"/>konnte es wieder nicht historisch seyn. Es mußte also eine durchaus eigenthümliche Mischung<lb n="15"/>des Allegorischen und Historischen seyn. In der exemplarischen Poesie der Alten war kein<lb n="16"/>Ausweg dieser Art möglich: nur das Individuum konnte ihn ergreifen, nur schlechthin freye<lb n="17"/>Erfindung ihn verfolgen.</p>
<p><lb n="18"/>Das Gedicht des Dante ist nicht allegorisch in dem Sinn, daß die Gestalten desselben etwas<lb n="19"/>anders nur bedeuteten, ohne unabhängig von der Bedeutung und an sich selbst zu seyn. Von<lb n="20"/>der andern Seite ist keine derselben auf solche Weise von der Bedeutung unabhängig, daß sie<lb n="21"/>zugleich die Idee selbst und mehr als Allegorie von ihr wäre. Es ist also in seinem Gedicht ein<lb n="22"/>ganz eigenthümliches Mittel zwischen Allegorie und zwischen symbolisch-objectiver Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tung. Es ist kein Zweifel, und der Dichter hat es selbst anderwärts erklärt, daß Beatrice z. B.<lb n="24"/>eine Allegorie, der Theologie nämlich, ist. So ihre Gefährtinnen, so viele andere Gestalten. Aber<lb n="25"/>sie zählen zugleich für sich selbst, und treten als historische Personen ein, ohne deswegen<lb n="26"/>Symbole zu seyn.</p>
<p><lb n="27"/>Dante ist in dieser Rücksicht urbildlich, da er ausgesprochen hat, was der moderne Dichter<lb n="28"/>zu thun hat, um das Ganze der Geschichte und Bildung seiner Zeit, den einzigen mythologi<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schen Stoff, der ihm vorliegt, in einem poetischen Ganzen niederzulegen. Er muß aus absoluter<lb n="30"/>Willkühr Allegorisches und Historisches verknüpfen, er muß allegorisch seyn, und ist es auch<lb n="31"/>wider seinen Willen, weil er nicht symbolisch seyn kann, und historisch, weil er poetisch seyn<lb n="32"/>soll. Die Erfindung, die er in dieser Rücksicht macht, ist jedesmal einzig, eine Welt für sich,<lb n="33"/>ganz der Person angehörig.</p>
<p><lb n="34"/>Das einzige deutsche Gedicht von universeller Anlage knüpft die äußersten Enden in dem<lb n="35"/>Streben der Zeit durch die ganz eigenthümliche Erfindung einer partiellen Mythologie, die<lb n="36"/>Gestalt des Faust, auf ähnliche Weise zusammen, obgleich es in bey weitem mehr Aristophani<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>scher Bedeutung Komödie und in anderm, mehr poetischem Sinne, göttlich heißen kann, als<lb n="38"/>das Gedicht des Dante.</p>
<p><lb n="39"/>Die Energie, mit welcher das Individuum die besondere Mischung des vorliegenden Stoffs<lb n="40"/>der Zeit und seines Lebens gestaltet, bestimmt das Maß, in welchem er mythologische Kraft<lb n="41"/>erhält. Die Personen des Dante erhalten schon durch die Stelle, an welche er sie versetzt und<lb n="42"/>welche ewig ist, eine Art der Ewigkeit: aber nicht nur das Wirkliche, was er aus seiner Zeit</p>
<pb n="489" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=496" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="41–43"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DANTE</fw>
<p><lb n="1"/>aufnimmt, wie die Geschichte des Ugolino u. a., sondern auch, was er gänzlich erdichtet, wie<lb n="2"/>das Ende des Ulysses und seiner Gefährten, hat im Zusammenhang seines Gedichtes eine wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>haft mythologische Gewißheit.</p>
<p><lb n="4"/>Es könnte nur ein sehr untergeordnetes Interesse haben, die Philosophie, Physik und<lb n="5"/>Astronomie des Dante an und für sich darzustellen, da seine wahre Eigenthümlichkeit nur in der<lb n="6"/>Art ihrer Verschmelzung mit der Poesie liegt. Das Ptolomäische Weltsystem, welches gewisser<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>maßen der Grund seines poetischen Gebäudes ist, hat an sich selbst schon eine mythologische<lb n="8"/>Farbe: wenn aber seine Philosophie insgemein als Aristotelische charakterisirt wird, so muß<lb n="9"/>darunter nicht die rein peripatetische, sondern die der damaligen Zeit eigene Verbindung der<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>selben mit den Ideen der Platonischen verstanden werden, wie sich durch viele Proben seines<lb n="11"/>Gedichtes beweisen ließe.</p>
<p><lb n="12"/>Wir wollen nicht bey der Kraft und Gediegenheit einzelner Stellen, der Einfachheit und<lb n="13"/>unendlichen Naivetät einzelner Bilder verweilen, in denen er seine philosophischen Ideen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>spricht, wie das bekannte von der Seele, die aus den Händen Gottes kommt, als ein kleines<lb n="15"/>Mägdlein, das mit Weinen und Lachen kindisch thut, ein einfältig Seelchen, das nichts weiß,<lb n="16"/>außer daß es, bewegt von dem heitern Urheber, sich gern zu dem wendet, wodurch es ergötzt<lb n="17"/>wird: wir reden nur von der allgemein symbolischen Form des Ganzen, in deren Absolutheit<lb n="18"/>mehr als in irgend etwas anderm die Allgemeingültigkeit und die Ewigkeit dieses Gedichts<lb n="19"/>erkannt wird.</p>
<p><lb n="20"/>Wenn die Verbindung der Philosophie und Poesie auch nur in ihrer untergeordnetsten<lb n="21"/>Synthese als Lehrgedicht aufgefaßt wird, so ist, weil das Gedicht ohne äußeren Zweck seyn soll,<lb n="22"/>nothwendig, daß die Absicht (zu lehren) in ihm selbst wieder aufgehoben und in eine Absolut<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heit verwandelt ist, so daß es um seiner selbst willen zu seyn scheinen könne. Dies ist aber nur<lb n="24"/>denkbar, wenn das Wissen, als Bild des Universum und in der vollkommenen Eintracht mit<lb n="25"/>demselben, als der ursprünglichsten und schönsten Poesie, an und für sich selbst schon poetisch<lb n="26"/>ist. Dante’s Gedicht ist eine viel höhere Durchdringung der Wissenschaft und der Poesie, und<lb n="27"/>um so viel mehr muß seine Form, auch in der freyeren Selbstständigkeit, dem allgemeinen<lb n="28"/>Typus der Weltanschauung angemessen seyn.</p>
<p><lb n="29"/>Die Eintheilung des Universum und Anordnung des Stoffs nach den drey Reichen, des<lb n="30"/>Infernum, Purgatorium und Paradieses ist auch unabhängig von der besondern Bedeutung<lb n="31"/>dieser Begriffe im Christenthum eine allgemein symbolische Form, so daß man nicht sieht,<lb n="32"/>warum in derselben Form nicht jedes ausgezeichnete Zeitalter seine göttliche Komödie haben<lb n="33"/>könnte. Wie für das neuere Drama die Form der fünf Aufzüge als die gewöhnliche angenommen<lb n="34"/>ist, weil jede Begebenheit in ihrem Beginn, Fortgang, ihrer Culmination, Hinneigung zum<lb n="35"/>Ende und wirklichen Ende betrachtet werden kann, so ist jene Trichotomie des Dante für die<lb n="36"/>höhere prophetische Poesie, welche eine ganze Zeit ausspräche, als allgemeine Form denkbar,<lb n="37"/>deren Ausfüllung nur unendlich verschieden wäre, wie sie durch die Macht origineller Erfin<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>dung immer aufs neue belebt werden könnte. Aber nicht nur als äußere Form, sondern als<lb n="39"/>sinnbildlicher Ausdruck des innern Typus aller Wissenschaft und Poesie ist jene Form ewig<lb n="40"/>und fähig, die drey großen Gegenstände der Wissenschaft und Bildung, Natur, Geschichte<lb n="41"/>und Kunst in sich zu fassen. Die Natur ist, als die Geburt aller Dinge, die ewige Nacht und als<lb n="42"/>diejenige Einheit, wodurch diese in sich selbst sind, das Aphelium des Universum, der Ort der</p>
<pb n="490" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=497" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="43–45"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>Entfernung von Gott als dem wahren Centro. Das Leben und die Geschichte, deren Natur<lb n="2"/>stufenweises Fortschreiten ist, ist nur Läuterung, Uebergang zu einem absoluten Zustand. Dieser<lb n="3"/>ist nur in der Kunst gegenwärtig, welche die Ewigkeit anticipirt, das Paradies des Lebens, und<lb n="4"/>wahrhaft im Centro ist.</p>
<p><lb n="5"/>Dante’s Gedicht ist also, von allen Seiten betrachtet, kein einzelnes Werk eines besondern<lb n="6"/>Zeitalters, einer besondern Stufe der Bildung, sondern urbildlich durch die Allgemeingültig<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>keit, die es mit der absolutesten Individualität vereinigt, durch die Universalität, vermöge der<lb n="8"/>es keine Seite des Lebens und der Bildung ausschließt, durch die Form endlich, welche nicht<lb n="9"/>besonderer Typus, sondern Typus der Betrachtung des Universum überhaupt ist.</p>
<p><lb n="10"/>Die besondere Anordnung des Gedichts nach innen kann allerdings nicht diese Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gültigkeit haben, da sie nach Begriffen der Zeit und besondern Absichten des Dichters gebildet<lb n="12"/>ist, dagegen ist der allgemeine innere Typus, wie von einem solchen kunstvollen und durchaus<lb n="13"/>absichtlichen Werk nicht anders erwartet werden kann, auch äußerlich wieder durch Gestalt,<lb n="14"/>Farbe, Ton der drey großen Theile des Gedichts symbolisirt.</p>
<p><lb n="15"/>Bey der Ungemeinheit seines Stoffs bedurfte Dante für die Form seiner Erfindungen im<lb n="16"/>einzelnen einer Art von Beglaubigung, welche ihm nur die Wissenschaft der Zeit geben<lb n="17"/>konnte, die für ihn gleichsam die Mythologie und der allgemeine Grund ist, der den kühnen<lb n="18"/>Bau seiner Erfindungen trägt. Aber auch im Einzelnen bleibt er ganz der Absicht getreu<lb n="19"/>allegorisch zu seyn, ohne daß er aufhörte historisch und poetisch zu seyn. Das Infernum,<lb n="20"/>Purgatorium und Paradies sind gleichsam nur das in concreto und architektonisch aufgeführte<lb n="21"/>System der Theologie. Die Maße, Zahlen und Verhältnisse, die er im Innern derselben beob<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>achtet, waren durch diese Wissenschaft vorgeschrieben, und er begab sich hierinn absichtlich<lb n="23"/>der Freyheit der Erfindung, um seinem dem Stoff nach unbegränzten Gedicht durch die<lb n="24"/>Form Nothwendigkeit und Begränzung zu geben. Die allgemeine Heiligkeit und die Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tung der Zahlen ist eine andere äußere Form, auf die seine Poesie sich gründet. So ist überhaupt<lb n="26"/>die ganze logische und syllogistische Gelehrsamkeit jener Zeit für ihn nur Form, die ihm<lb n="27"/>zugegeben werden muß, um zu derjenigen Region zu gelangen, in welcher sich seine Poesie<lb n="28"/>befindet.</p>
<p><lb n="29"/>Dennoch sucht Dante in diesem Anschließen an religiöse und wissenschaftliche Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lungen, als das allgemeingültigste, was seine Zeit darbot, niemals eine Art gemeiner poetischer<lb n="31"/>Wahrscheinlichkeit, sondern hebt vielmehr eben damit alle Absicht auf, den groben Sinnen zu<lb n="32"/>schmeicheln. Sein erster Eingang in die Hölle geschieht, wie er geschehen mußte, ohne einen<lb n="33"/>unpoetischen Versuch, ihn zu motiviren oder begreiflich zu machen, in einem Zustand, ähn<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lich dem eines Gesichts, ohne daß doch die Absicht wäre, ihn dafür gelten zu machen. Seine<lb n="35"/>Erhebung durch die Augen der Beatrice, durch welche die göttliche Kraft sich an ihn gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sam fortleitet, drückt er in einer einzigen Zeile aus: das Wunderbare seiner eigenen Begegnisse<lb n="37"/>verwandelt er unmittelbar selbst wieder in ein Gleichniß von Geheimnissen der Religion und<lb n="38"/>beglaubigt jene durch das noch höhere Mysterium, wie wenn er seine Aufnahme in den Mond,<lb n="39"/>die der des Lichtes in ungetrenntes Wasser gleicht, zu einem Bilde der Menschwerdung Gottes<lb n="40"/>macht.</p>
<p><lb n="41"/>Die Fülle der Kunst, die Tiefe der bis in’s Einzelne gehenden Absichtlichkeit in der innern<lb n="42"/>Construction der drey Welttheile darzustellen, wäre eine eigene Wissenschaft, wie kurze</p>
<pb n="491" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=498" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="45–48"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DANTE</fw>
<p><lb n="1"/>Zeit nach des Dichters Tode von seiner Nation anerkannt wurde, indem sie einen eigenen<lb n="2"/>Lehrstuhl des Dante errichtete, den zuerst Boccaccio bekleidete.</p>
<p><lb n="3"/>Aber nicht nur die einzelnen Erfindungen jedes der drey Theile des Gedichts lassen das<lb n="4"/>allgemein-bedeutende der ersten Form durchscheinen, sondern noch bestimmter drückt sich<lb n="5"/>das Gesetz derselben in dem innerlichen und geistigen Rhythmus aus, wodurch sie einander<lb n="6"/>entgegengesetzt sind. Das Infernum, wie es das furchtbarste in den Gegenständen ist, ist auch das<lb n="7"/>stärkste im Ausdruck, das strengste in der Diction, auch den Worten nach dunkel und graun<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>voll. Auf einem Theil des Purgatorium ruht eine tiefe Stille, da die Wehklagen der untern<lb n="9"/>Welt verstummen, auf den Anhöhn desselben, den Vorhöfen des Himmels, wird alles Farbe:<lb n="10"/>das Paradies ist eine wahre Musik der Sphären.</p>
<p><lb n="11"/>Die Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit der Strafen im Infernum ist mit einer fast bey<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>spiellosen Invention ausgedacht. Zwischen den Verbrechen und den Qualen ist nie ein anderer<lb n="13"/>als poetischer Zusammenhang. Dantes Geist entsetzt sich vor dem Schrecklichen nicht, ja er<lb n="14"/>geht bis an die äußerste Gränze desselben. Aber es ließe sich für jeden einzelnen Fall zeigen, daß<lb n="15"/>er niemals aufhört, erhaben und demnach wahrhaft schön zu seyn: denn was Menschen, die<lb n="16"/>das Ganze nicht zu fassen im Stande sind, zum Theil als niedrig ausgezeichnet haben, ist es nicht<lb n="17"/>in ihrem Sinne, sondern nothwendiges Element der Gemischtheit des Gedichts, wegen welcher<lb n="18"/>es Dante selbst Komödie nannte. Der Haß des Argen, der Zorn eines göttlichen Gemüths, der<lb n="19"/>sich in Dante’s schrecklicher Composition ausdrückt, sind nicht das Erbtheil gemeiner Seelen.<lb n="20"/>Es ist zwar noch sehr zweifelhaft, was insgemein angenommen wird, daß die Verbannung aus<lb n="21"/>Florenz, nachdem er bis dahin seine Poesie vornehmlich nur der Liebe geweiht hatte, zuerst<lb n="22"/>seinen zum Ernsthaften und Außerordentlichen aufgelegten Geist zu der höchsten Erfindung<lb n="23"/>gespornt habe, worinn er das Ganze seines Lebens, der Schicksale seines Herzens und seines<lb n="24"/>Vaterlandes, zugleich mit dem Unmuth darüber aushauchte. Aber die Rache, die er im In<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>fernum übt, übt er wie im Namen des Weltgerichts, als berufener Strafrichter mit prophetischer<lb n="26"/>Kraft, nicht nach persönlichem Haß, sondern mit frommer durch die Gräuel der Zeit empörter<lb n="27"/>Seele und einer längst nicht mehr gekannten Liebe des Vaterlandes, wie er selbst in einer Stelle<lb n="28"/>des Paradieses sich darstellt, wo er sagt: »Wenn es je geschieht, daß das heilige Gedicht, an<lb n="29"/>welches Hand gelegt haben so der Himmel als die Erde, und das mich bleich gemacht hat viele<lb n="30"/>Jahre hindurch, überwindet die Grausamkeit der Zeit, die mich ausschließt aus der schönen<lb n="31"/>Hürde, wo ich, ein Lämmlein, schlief, feind den Wölfen, die sie verheeren: mit anderer Stimme<lb n="32"/>dann und neuem Vließ werde ich zurückkehren und an dem Ort meiner Taufe den Lorbeer<lb n="33"/>empfangen.« Die Schrecklichkeit der Qualen der Verdammten mäßigt er durch seine eigene<lb n="34"/>Empfindung darüber, die noch fast am Ziele so vielen Jammers die Augen ihm so berauscht,<lb n="35"/>daß er zu weinen begierig ist, und Virgilius ihm sagt: Warum betrübst du dich doch?</p>
<p><lb n="36"/>Es ist schon bemerkt worden, daß die meisten Strafen des Infernum symbolisch für die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>brechen sind, die durch sie gestraft werden, aber mehrere sind es noch in weit allgemeinerer<lb n="38"/>Beziehung. Von dieser Art ist insbesondere die Darstellung einer Metamorphose, wo zwey<lb n="39"/>Naturen zugleich sich in einander und durch einander verwandeln und den Stoff gleichsam<lb n="40"/>tauschen. Keine der Verwandlungen des Alterthums kann sich an Erfindung mit dieser messen,</p>
<pb n="492" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=499" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="48–50"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>und wenn ein Naturforscher oder didaktischer Dichter Sinnbilder der ewigen Metamorphose<lb n="2"/>der Natur von solcher Kraft zu entwerfen vermöchte, könnte er sich glücklich preisen.</p>
<p><lb n="3"/>Das Infernum ist nicht nur, wie schon bemerkt, der äußern Form der Darstellung nach,<lb n="4"/>sondern dadurch von den andern Theilen unterschieden, daß es vorzugsweise das Reich der<lb n="5"/>Gestalten, und demnach der plastische Theil des Gedichts ist. Das Purgatorium muß man als<lb n="6"/>den pittoresken erkennen. Nicht allein sind die Büßungen, die den Sündern hier auferlegt<lb n="7"/>werden, zum Theil ganz mahlerisch, bis zur Heiterkeit behandelt; sondern insbesondere bietet<lb n="8"/>die Wanderung über die heiligen Hügel der Büßungsstätte einen raschen Wechsel vorüber<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gehender Aussichten, Scenen und mannichfacher Wirkungen des Lichtes dar, bis auf den<lb n="10"/>letzten Gränzen desselben, nachdem der Dichter am Lethe angekommen ist, die höchste<lb n="11"/>Pracht der Mahlerey und der Farbe sich aufthut: in den Schilderungen der göttlichen uralten<lb n="12"/>Hayne dieser Gegend, der himmlischen Klarheit der Wasser, die von ihren ewigen Schatten<lb n="13"/>bedeckt sind, der Jungfrau, der er an ihren Ufern begegnet und der Ankunft der Beatrice in<lb n="14"/>einer Wolke von Blumen, unter einem weißen Schleyer, bekränzt mit Oliven, gehüllt in einen<lb n="15"/>grünen Mantel und in Purpur lebendiger Flamme gekleidet.</p>
<p><lb n="16"/>Der Dichter ist durch das Herz der Erde selbst zum Lichte gedrungen: im Dunkel der<lb n="17"/>Unterwelt konnte nur die Gestalt unterschieden werden, im Purgatorium entzündet sich das<lb n="18"/>Licht noch gleichsam mit dem irdischen Stoff und wird Farbe. Im Paradies bleibt nur die reine<lb n="19"/>Musik des Lichtes, der Reflex hört auf und der Dichter erhebt sich stufenweise zur Anschauung<lb n="20"/>der farblosen reinen Substanz der Gottheit selbst.</p>
<p><lb n="21"/>Die zur Zeit des Dichters mit mythologischer Würde bekleidete Ansicht des Weltsystems,<lb n="22"/>der Qualität der Gestirne und des Maßes ihrer Bewegung ist der Grund, auf welchen sich seine<lb n="23"/>Erfindungen in diesem Theil des Gedichtes stützen: und wenn er in dieser Sphäre der Absolut<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heit dennoch Grade und Unterschiede statt finden läßt, hebt er sie durch das herrliche Wort<lb n="25"/>wieder auf, das er eine der Schwesterseelen, die er im Monde begegnet, aussprechen läßt: daß<lb n="26"/>jedes <hi rendition="#g">Wo</hi> im Himmel Paradies ist.</p>
<p><lb n="27"/>Die Anlage des Gedichts bringt es mit sich, daß eben auf der Erhebung durch das Paradies<lb n="28"/>die höchsten Sätze der Theologie erörtert werden. Die hohe Verehrung gegen diese Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schaft wird durch die Liebe zu Beatrice vorgebildet. Es ist nothwendig, daß in dem Verhältniß,<lb n="30"/>als die Anschauung in das rein Allgemeine sich auflöst, die Poesie Musik wird, die Gestaltung<lb n="31"/>verschwindet und daß in dieser Beziehung das Infernum als der poetischere Theil erscheinen<lb n="32"/>kann. Allein es ist hier durchaus nichts einzeln zu nehmen und die besondere Vortrefflichkeit<lb n="33"/>eines jeden Theils nur durch die Zusammenstimmung zum Ganzen bewährt und wahrhaft<lb n="34"/>erkennbar. Wird das Verhältniß der drey Theile im Ganzen gefaßt, so wird es als nothwendig<lb n="35"/>erkannt, daß das Paradies der rein musikalische und lyrische ist, selbst in der Absicht des Dich<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>ters, der diese auch in den äußeren Formen durch den häufigeren Gebrauch der lateinischen<lb n="37"/>Worte kirchlicher Hymnen ausdrückt.</p>
<p><lb n="38"/>Die bewundernswürdige Größe des Gedichts, welche in der Durchdringung aller Elemente<lb n="39"/>der Poesie und Kunst hervorleuchtet, gelangt auf diese Weise ganz zur äußeren Erscheinung.<lb n="40"/>Dieses göttliche Werk ist nicht plastisch, nicht pittoresk, nicht musikalisch, sondern dieß alles<lb n="41"/>zugleich und in zusammenstimmender Harmonie: es ist nicht dramatisch, nicht episch, nicht<lb n="42"/>lyrisch, sondern auch von diesem eine ganz eigne, einzige, beyspiellose Mischung.</p>
<pb n="493" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=500" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="50"/>
<fw type="header" place="top">UEBER DANTE</fw>
<p><lb n="1"/>Ich glaube zugleich gezeigt zu haben, daß es prophetisch, vorbildlich ist für die ganze<lb n="2"/>moderne Poesie. Es faßt alle ihre Bestimmungen in sich und entsteigt dem noch vielfach<lb n="3"/>gemischten Stoff derselben als das erste sich über die Erde und zum Himmel ausbreitende<lb n="4"/>Gewächs, die erste Frucht der Verklärung. Die die Poesie der späteren Zeit nicht nach ober<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>flächlichen Begriffen, sondern in ihrem Quell kennen lernen wollen, mögen an diesem großen<lb n="6"/>und strengen Geist sich üben, um zu wissen, durch welche Mittel die Ganzheit der neueren<lb n="7"/>Zeit umfaßt werde und daß kein so leicht geknüpftes Band sie vereinige. Die hiezu nicht<lb n="8"/>berufen sind, mögen gleich die Worte am Anfang des ersten Theils auf sich selbst beziehen:</p>
<p><lb n="9"/>Laßt alle Hofnung fahren, die ihr eingeht!</p>
<pb n="494" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=501" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="51–52"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>III.<lb n="2"/>ANZEIGE EINIGER DIE NATURPHILOSOPHIE<lb n="3"/>BETREFFENDEN SCHRIFTEN.<lb n="4"/>(FORTSETZUNG.)</head>
<p><lb n="5"/>2. D. J. C. <hi rendition="#g">Oersteds</hi> <hi rendition="#g">Ideen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">neuen</hi> <hi rendition="#g">Architektonik</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Naturmetaphysik</hi>,<lb n="6"/>nebst Bemerkungen über einzelne Theile derselben. Herausgegeben von D. M. H. Mendel.<lb n="7"/>Berlin b. Maurer. 1802.</p>
<space/>
<p><lb n="8"/>Sein als scharfsinniger Denker und Gelehrter rühmlichst bekannter Freund, <hi rendition="#g">Hr.</hi> <hi rendition="#g">D.</hi> <hi rendition="#g">Oer</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">sted</hi>, habe das ungetheilte Verdienst, eine der wichtigsten Untersuchungen des unsterblichen<lb n="10"/>Kant, die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft – seinen Landsleuten, den<lb n="11"/>Dänen, bekannt gemacht zu haben, erzählt der Herausgeber und Bearbeiter. Eine zu Coppen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>hagen 1800. erschienene Schrift desselben habe sich des Beyfalls der Recensenten zu erfreuen,<lb n="13"/>auch theile er die angenehme Erklärung mit, daß Hr. Oe. mit diesen Ideen keineswegs die<lb n="14"/>Bearbeitung der Naturphilosophie beschlossen habe, und daß wir, nach beendigter literarischer<lb n="15"/>Reise, durch seine Bemühungen bedeutendere Aufklärungen im Felde der Naturmetaphysik<lb n="16"/>von ihm zu erwarten haben. – Die Bedeutung der gegenwärtigen wird sich aus den folgenden<lb n="17"/>Angaben hinlänglich beurtheilen lassen.</p>
<p><lb n="18"/>Die Metaphysik der äußern Natur, behauptet der Verf., gebe sich nur mit dem Wesen der<lb n="19"/>Materie und der Bewegung ab, nicht aber damit, wie die <hi rendition="#g">ganze</hi> Natur daraus gebildet werde.<lb n="20"/>Kant meyne, man müsse in einem jeden Theil der N. M. zu den Formen a priori ein durch<lb n="21"/>Erfahrung gegebenes Merkmal hinzufügen, welches doch gegen seine Behauptung der All<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gemeinheit und Nothwendigkeit der Naturgesetze streite.</p>
<p><lb n="23"/>Ueber die Architectonik der Kantischen Naturmetaphysik sey zu erinnern, daß weder die<lb n="24"/>Bewegung noch die Materie in ihr durch alle Prädicamente hindurch geführt sey, indem die<lb n="25"/><hi rendition="#g">Bewegung</hi> bloß nach denen der Quantität und Modalität und dem der Wechselwirkung,<lb n="26"/>die <hi rendition="#g">Materie</hi> hingegen nur nach denen der Qualität und denen der Substantialität und Cau<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>salität abgehandelt sey.</p>
<p><lb n="28"/>Nach diesen wichtigen Entdeckungen stellt der Vf. seinen Plan auf, worinn die Mängel des<lb n="29"/>Kantischen verbessert werden sollen, und nimmt zu diesem Behuf nur gleich als etwas, das<lb n="30"/>sich versteht, an, daß aus der Transscendentalphilosophie zwey Doctrinen, eine Metaphysik<lb n="31"/>der äußern und eine Metaphysik der innern Natur entspringen. Die letzte enthalte aber nur</p>
<pb n="495" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=502" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="52–54"/>
<fw type="header" place="top">NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN · OERSTED</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">wenig</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi>, was nicht schon in der Transscendentalphilosophie erläutert worden<lb n="2"/>wäre. Warum oder wodurch ist sie denn also doch eine besondere Wissenschaft?</p>
<p><lb n="3"/>Hierauf wird auch wirklich eine vollständige Darstellung der allgemeinen Gesetze der<lb n="4"/>Erfahrung, nach der Schnur der Categorieen gemacht, und nach demselben Fachwerk eine:<lb n="5"/><hi rendition="#g">Elementare</hi> <hi rendition="#g">Metaphysik</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">äußern</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi>, hinterdrein geschickt.<lb n="6"/>Keiner der Beweise, die hier geführt werden, erhebt sich über das Gegebenseyn der Materie<lb n="7"/>und ein geistloses Analysiren leerer Begriffe wie des der Kräfte: alle lauten ohngefähr so<lb n="8"/>gemeinverständlich, wie der des Grundsatzes von der Qualität der Materie: »daß die Materie<lb n="9"/>eine <hi rendition="#g">Kraft</hi> <hi rendition="#g">haben</hi> muß, ist schon daraus bewiesen, daß sie ein Reales ist, und daß diese Kraft<lb n="10"/>eine bewegende sey, schließen wir daraus, weil jede Veränderung im Raum durch Bewegung<lb n="11"/>geschieht!«</p>
<p><lb n="12"/>Obgleich in all’ diesem nichts, was über Kants Construction der Materie hinaus gienge oder<lb n="13"/>nur sie erreichte, sondern einzig das Misverstandene und Falsche von dem Falschen in derselben<lb n="14"/>bemerklich ist, wird dennoch S. 28. Eschenmayer von dem Verf. belehrt, indem er ihm schuld<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>giebt, die Repulsivkraft, als solche, als unendlich groß, die Attractivkraft dagegen als unendlich<lb n="16"/>klein angenommen zu haben. Dieser unerhörte Unsinn fällt aber ganz auf des Verf. und nicht<lb n="17"/>auf Eschenmayers Rechnung, welcher die <hi rendition="#g">Wirkung</hi> der sich selbst überlassenen Repulsiv<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kraft = ∞, die <hi rendition="#g">Wirkung</hi> der sich selbst überlassenen Attractivkraft = 1/∞ setzt und damit<lb n="19"/>nichts anders sagt, als was ihm der Vf. kurz zuvor, nur auf eine unverstandene Weise, nach<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gesprochen hatte, daß die erste, ohne Einschränkung durch die entgegengesetzte, die Materie<lb n="21"/>in’s Unendliche ausbreiten, die andere, unter gleicher Voraussetzung, sie auf den mathemati<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schen Punct zurückbringen würde. Seine vermeinte Einwendung gegen den Eschenmayer’schen<lb n="23"/>Schluß fällt also von selbst hinweg. Ebenso der Widerspruch, den er S. 38. gegen denselben<lb n="24"/>Schriftsteller durch ein ganz formelles Verstehen einer seiner Reihen herauszubringen meynt,<lb n="25"/>daß nämlich, ihm zufolge, das Unendlichkleine dem Unendlichgroßen gleich seyn müsse.<lb n="26"/>Denn wenn die <hi rendition="#g">Wirkung</hi> der uneingeschränkten Attractivkraft = 1/∞ ist, so ist nothwendig<lb n="27"/>sie selbst, in dieser Wirkung, ebenso wie die Repulsivkraft in der ihrigen unendlich groß,<lb n="28"/>beyde also allerdings einander gleich und nicht als das Unendlichkleine und Unendlichgroße<lb n="29"/>einander entgegengesetzt.</p>
<p><lb n="30"/>Es scheint, der Vf., der gegen Eschenmayer mit den trivialsten Regeln der Mathematik auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>tritt, habe in gegenwärtigem Specimen vorzüglich seine Kenntniß von diesen beweisen wollen:<lb n="32"/>denn von Philosophie oder Metaphysik ist so wenig eine Spur anzutreffen, daß er S. 49. sagt:<lb n="33"/>die <hi rendition="#g">philosophische</hi> Strenge erlaube nicht, in Ansehung der chemischen Erscheinungen,<lb n="34"/>über das Phänomen hinauszugehen (daß Heterogene homogen oder Homogene heterogen<lb n="35"/>werden), und die neueren empirischen Entdeckungen zeigen uns, wie nothwendig diese Behut<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>samkeit wäre. Freylich, wer überhaupt keine Ideen auszusprechen hat, soll sich hüten, etwas<lb n="37"/>anders als die Thatsache so gut er es vermag, auszusprechen.</p>
<p><lb n="38"/>Als ein <hi rendition="#g">Anhang</hi> werden S. 50. »Einige Untersuchungen <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">höheren</hi> <hi rendition="#g">Stand</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/><hi rendition="#g">punct</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Naturwissenschaft</hi>« oder Bruchstücke einer Wissenschaft mitgetheilt, »die uns<lb n="40"/>die <hi rendition="#g">Regeln</hi> angiebt, nach welchen die <hi rendition="#g">gesammte</hi> äußere Natur besteht« (einer Wissenschaft</p>
<pb n="496" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=503" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="54–56"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>also, die nach der Ueberschrift auf einem <hi rendition="#g">höheren</hi> Standpunct als die vorhergegangene<lb n="2"/>Elementarlehre steht und doch zugleich auch aus dieser hervorgeht.)</p>
<p><lb n="3"/>Diese Bruchstücke, welche, nach dem Verf., den ersten Versuch dieser Art ausmachen,<lb n="4"/>bestehen in Folgendem, nämlich: daß <hi rendition="#g">wenn</hi> Bewegung etwas Nothwendiges in der Natur<lb n="5"/>ist, sie auf solche Art geschehen müsse, daß sie nicht wieder von selbst aufhöre und daß sie<lb n="6"/>einen bestimmten Raum einnehme (wahrscheinlich: beschreibe). Nun müßte, wenn dieser<lb n="7"/>Schluß Kraft haben sollte, die <hi rendition="#g">Art</hi> der Bewegung, bey welcher diese Foderungen erfüllt<lb n="8"/>wären, also (nach dem Verf.) die Bewegung in einer krummen, in sich selbst zurückkehrenden<lb n="9"/>Linie, ohne Zweifel aus denselben Gründen, aus welchen die allgemeine Nothwendigkeit der<lb n="10"/>Bewegung, in der Natur überhaupt, eingesehen werden können, ohne daß etwas Anderes dazu<lb n="11"/>nöthig wäre. Mit der Centripetalkraft geht es nun zwar, (nachdem sich der Vf. den Central<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>körper vorläufig zugeben lassen), denn diese wird mit der Attractivkraft als Eins angenommen:<lb n="13"/>zur Erklärung der Tangentialkraft bedarf es aber einer abgeleiteten Ursache, und die <hi rendition="#g">leich</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">teste</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">kürzeste</hi> Herleitung derselben ist nach Hrn. Oe. folgende: <hi rendition="#g">Eine</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi>,<lb n="15"/><hi rendition="#g">welche</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Centralkörper</hi> <hi rendition="#g">ausströmt</hi>, <hi rendition="#g">treffe</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">bewegten</hi> <hi rendition="#g">Kör</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">per</hi>, daß der Stoß in zwey Wirkungen aufgelöst wird, die Richtung der einen durch das<lb n="17"/>Centrum des Körpers geht und zugleich die Tangente der krummen Linie wird.</p>
<p><lb n="18"/>Ist nun, (von allem Uebrigen abgesehen), diese aus dem Centralkörper ausströmende<lb n="19"/>Materie auch eine aus der vorausgeschickten allgemeinen Elementarlehre und der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wendigkeit der Bewegung in der Natur überhaupt hervorgehende Annahme? Und solche<lb n="21"/>grob empirische Annahmen sind Untersuchungen auf einem höheren Standpuncte der Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wissenschaft! Und dem Cartesius, Kepler und allen folgenden, die sich mit diesen Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>suchungen beschäftigten, sind solche unendlich leichte Hypothesen gar nicht beygegangen,<lb n="24"/>mit denen man außer der Tangentialkraft auch noch gleich die tägliche Bewegung der Himmels<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>körper zu erklären, die Bequemlichkeit hat!</p>
<p><lb n="26"/>Mit einem <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Versuch</hi> muß man nun freylich wohl Nachsicht haben: wir über<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gehen daher noch einen platten Widerspruch zwischen S. 52 u. 53., da das Bisherige hinreichend<lb n="28"/>ist zur Beurtheilung: ob der Vf. wohl einen Begriff von <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> haben könne, und<lb n="29"/>was von einem solchen stumpfen Formalismus und bleyerner Geistesträgheit, die Ideen nicht<lb n="30"/>einmal ahndet, für die Naturwissenschaft zu erwarten sey?</p>
<pb n="497" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=504" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="57–58"/>
<fw type="header" place="top">ANHANG ZU DANTE</fw>
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<head><lb n="1"/>IV.<lb n="2"/>ANHANG ZU NO. II.</head>
<head><lb n="3"/>1.</head>
<p><lb n="4"/>Da kein Zweifel ist, daß mehrere den Aufsatz über Dante ganz unverständlich finden und<lb n="5"/>noch mehrere sich mit der Ansicht desselben nicht werden zufrieden geben können, so wird<lb n="6"/>ihnen zur Gemüthserholung hier eine andere vorgelegt, die mit jener, so wie mit Dante, gar<lb n="7"/>nichts gemein hat, die also auch für andere, als die erstbestimmten, gar nicht und überhaupt<lb n="8"/>fast bloß in der Absicht hier steht, ihrem Urheber eine Ehre damit zu erweisen.</p>
<p><lb n="9"/>Es ist die des Herrn Prof. Boutterweck, der in einer <hi rendition="#g">Geschichte</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Poesie</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Bered</hi><pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">samkeit</hi> <hi rendition="#g">seit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Ende</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">dreyzehnten</hi> <hi rendition="#g">Jahrhunderts</hi> (Göttingen 1801. Erster Band.<lb n="11"/>S. 119.) den Vater der neueren Poesie einen verunglückten <hi rendition="#g">Zögling</hi> der Kunst kecklich zu<lb n="12"/>nennen wagt.</p>
<p><lb n="13"/>Die Würde eines Mitarbeiters an der allgemeinen Geschichte der Künste und Wissenschaf<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>ten, wie an den Göttingischen gelehrten Anzeigen, giebt schon ein ziemliches Gefühl erhabener<lb n="15"/>Vornehmigkeit gegen Dante, so daß er »beym freyen Ueberblick der Composition des ersten<lb n="16"/>Theils der göttlichen Komödie <hi rendition="#g">kaum</hi> ernsthaft bleiben kann, das Fegfeuer aber ihn sehr oft<lb n="17"/>wirklich zum Lachen reizt, wo man doch der Absicht des Dichters nach ernsthaft bleiben<lb n="18"/>sollte.« Ja – sogar zum <hi rendition="#g">Lächeln</hi> fühlt sich diese kräftige Ueberlegenheit gekitzelt, vorzüglich<lb n="19"/>über die Strafen der Verdammten, die ihm in keinem ordentlich criminalrechtlichen Verhältniß<lb n="20"/>zu den Verbrechen zu stehen scheinen; besonders der Wollüstigen, bey denen er S. 103. mit<lb n="21"/>vielem Interesse und recht behaglichen Späßen verweilt.</p>
<p><lb n="22"/>Zum Troste aller, die der vorhergehende Aufsatz betrübt hat, sey es gesagt: »Dante’s<lb n="23"/>Gedicht ist nur eine poetisch-theologische Reisebeschreibung«, (S. 98.) die sich gegen den<lb n="24"/>»<hi rendition="#g">guten</hi> <hi rendition="#g">Geschmack</hi>« ungemessen dadurch versündigt, »daß sie von scholastischer, astro<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>logischer und theologischer Gelehrsamkeit starrt« (S. 118.) – Dieser Sünde wird sich Hr. B.<lb n="26"/>gewiß weder in seinen poetischen noch selbst in seinen philosophischen Schriften jemals<lb n="27"/>schuldig machen, denen man durch den tausendsten Theil der scholastischen und übrigen<lb n="28"/>Gelehrsamkeit des Dante schon bey weitem zu viel zur Last legte. Ja, dieser Umstand hat ihm<lb n="29"/>zuverlässig den vorzüglichen Beruf zur Abfassung einer Geschichte der Poesie gegeben, denn<lb n="30"/>man kann vermuthen, daß mit der Abwesenheit von Gelehrsamkeit die Gegenwart des <hi rendition="#g">guten</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">Geschmacks</hi> eintrete, besonders da Hr. B. eignen poetischen Versuchen entsagt und hierinn<lb n="32"/>den guten Geschmack wirklich in richtiger Anwendung gezeigt hat.</p>
<pb n="498" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=505" type="body" subtype="apparat"/>
<milestone unit="vorlage" n="58–60"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>In Kraft desselben beschwert er sich höchlich, daß er von »Machinerie« und allem, was die<lb n="2"/>ästhetischen Recept- oder Kochbücher zu einer Epopee oder irgend einer Art von Gedicht<lb n="3"/>fodern, in der göttlichen Komödie keine Spur finden könne. Sie ist »eine poetische Gallerie,<lb n="4"/>vereinigt durch nichts weiter, als einen grotesken Nahmen« (S. 116.) und »mit Gothischen<lb n="5"/>Schnörkeln verbrämt,« (S. 111.) wofür man überhaupt vergeblich eine ästhetische Handhabe<lb n="6"/>sucht.</p>
<p><lb n="7"/>Welche angenehme Beruhigung über das Unfaßbare des Gedichts! wie wenn jemand, der<lb n="8"/>kaum etwa einen Hühnerstall bauen oder fassen könnte, sich vor das Straßburger Münster<lb n="9"/>stellte, und den Vorübergehenden bemerklich machte, daß es in keinen edeln Formen und nicht<lb n="10"/>nach den Regeln des guten Geschmacks gebaut sey!</p>
<p><lb n="11"/>Eine Frucht seiner historischen Gelehrsamkeit ist es ohne Zweifel, wenn Hr. B. weiß: »an<lb n="12"/>bestimmte Gründe, warum an diese oder jene Stellen der göttlichen Komödie diese oder jene<lb n="13"/>Personen versetzt sind, sey nicht zu denken, in einer andern Stunde würde vielleicht der Dichter<lb n="14"/>an eine ganz andere Person gedacht haben.«</p>
<p><lb n="15"/>Es geschieht übrigens recht gern: man läßt sich die Mühe nicht verdrießen, »sich in die<lb n="16"/>gewaltige Zurüstung zum Plan der göttlichen Komödie hineinzustudieren,« und quält sich<lb n="17"/>erbärmlich an ihm herum, »weil man sich nachher durch die gehörige Belehrung und erlangte<lb n="18"/>Aufklärung über die Verirrungen des Vaters der Poesie reichlich belohnt findet.« »Der <hi rendition="#g">Ehre</hi><lb n="19"/>(von Boutterweck) studirt zu werden, ist er selbst in seinen Verirrungen noch werth.«</p>
<p><lb n="20"/>Ja er geht in der Herablassung so weit, einzelne Stellen oder Gleichnisse schön zu finden<lb n="21"/>und sie auszuzeichnen, da er die Ehre des Ganzen doch einmal nicht »<hi rendition="#g">retten</hi>« kann, (S. 108.)<lb n="22"/>und zu gestehen, daß die göttliche Komödie, wenn sie »fragmentarisch« geschätzt wird, eines<lb n="23"/>der edelsten Producte sey, dem an Eigenthümlichkeit sogar Shakespears Dramen nachstehen,<lb n="24"/>über die Hr. B. ohne Zweifel¹ so gut wie über Dante berichtet ist.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="25"/>2.</head>
<p><lb n="26"/>Unter den unerhörten Gräueln des neuesten Idealismus wurde in einer Anmerkung des<lb n="27"/>deutschen Mercurs kürzlich auch folgendes angeführt: Die ehrwürdigsten Theologen der<lb n="28"/>protestantischen Kirche, ein Semler, Spalding, Teller, Nösselt, Herder, Löffler u.s.w. werden</p>
<note xml:id="fn-498-1" n="¹"><lb n="29"/><seg type="marke">¹ </seg>S. 334. wird eine Geschichte erzählt, die ein italiänischer Dichter dramatisch behandelt,<lb n="30"/>von der ihm nicht nur die nächste Quelle (Boccaccio) unbekannt ist, sondern auch bemerkt<lb n="31"/>wird: »aus dieser Geschichte ein ordentliches Lustspiel zu machen möchte <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Dichter</hi>, <hi rendition="#g">der</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">dramatisches</hi> <hi rendition="#g">Interesse</hi> <hi rendition="#g">versteht</hi>, <hi rendition="#g">wohl</hi> <hi rendition="#g">schwerlich</hi> versucht haben,« welche<lb n="33"/>Meynung dem guten Geschmack und der Gelehrsamkeit dieses Geschichtschreibers der Poesie<lb n="34"/>gleiche Ehre bringt: denn es ist nichts gewisser, als daß – Shakespeare diese Novelle, in Alls<lb n="35"/>well that ends well, sogar bis auf die Nebenzüge befolgt hat.</note>
<pb n="499" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=506" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="60–61"/>
<fw type="header" place="top">ANHANG ZU DANTE</fw>
<p><lb n="1"/>in gemäß desselben mit Hohn bedeckt und von den Anhängern desselben mit dem Lieblings<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>prädicate <hi rendition="#g">Ausklärer</hi> gescholten. Dantes Hölle und Fegfeuer (das Paradies ist dem Schreiber<lb n="3"/>wahrscheinlich entfallen oder er will nur das Grauenhafteste nennen) sey ihr christliches<lb n="4"/>Evangelienbuch, und dergleichen mehr.</p>
<p><lb n="5"/>Da es nicht bekannt ist, daß in den Schriften irgend eines der neueren Idealisten die ehr<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>würdigsten protestantischen Theologen Ausklärer genannt worden sind, so müßte einer von<lb n="7"/>ihnen etwa in einer Vorlesung von einer Art derselben, die er nicht für ehrwürdig hielt, eine<lb n="8"/>solche Benennung gebraucht haben. Zuverlässig hat der Schreiber jener Anmerkung dieser<lb n="9"/>Vorlesung, (gesetzt nämlich, sie wäre wirklich gehalten worden), nicht beygewohnt: wer<lb n="10"/>könnte es denn also wohl seyn, als der wohlbestellte Ausrufer und allgemein bekannte Klat<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>scher, der schon im ersten Stück des Ersten Bandes dieser Zeitschrift beyläufig charakterisirt<lb n="12"/>worden ist.</p>
<p><lb n="13"/>Da sich also an der Identität desselben mit einem bekannten, aber wahrlich nicht ehrwür<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>digen, Mann in geistlichen Amt und Würden nicht zweifeln läßt, so bittet man um Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schuldigung, wenn folgende uns mitgetheilte Bemerkungen, die für unser unmittelbares<lb n="16"/>Publikum ganz überflüssig sind, hier auf Verlangen, für ein anderes Publikum dahinten einen<lb n="17"/>Platz finden, dem, wie es das Auskehricht der protestantischen Aufklärung als höchste Weisheit<lb n="18"/>sich aufdringen lassen muß, billigerweise auch die Masken hiesiger Gegend als Auctoritäten<lb n="19"/>vorgeführt werden.</p>
<p><lb n="20"/>»Der Verfasser dieses ist in einem rechtgläubigen Lande gebohren und hat die dort erhaltenen<lb n="21"/>Begriffe von theologischer Ehrwürdigkeit noch immer nicht los werden können. Er weiß,<lb n="22"/>daß wenn in seinem Vaterlande, z. B. ein Oberconsistorialrath alle Arten der literarischen<lb n="23"/>Industrie triebe, sein Studierzimmer zu einem Comptoir machte, von dem aus er 4–5 Novitäten-<lb n="24" break="no"/>Journale expedirte und diese benutzte, Ausfälle auf öffentlich angestellte Lehrer in Fächern,<lb n="25"/>von denen er nichts versteht, anzubringen, noch dazu nicht in eignen sondern in fremden<lb n="26"/>Diensten, und wenn er zugleich sich als den Parasiten der Buchhändler hinstellte, auf der Leip<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>ziger Messe mit Lob und Tadel feil hätte, schlechte Scribenten durch seine Anpreisungen zu<lb n="28"/>heben suchte, ehrliche Leute mit Lob incommodirte, er schon darum in der allgemeinen<lb n="29"/>Verachtung leben würde.«</p>
<p><lb n="30"/>»Man setze aber: daß er, anstatt in Predigten oder erbaulichen Schriften gegen die<lb n="31"/>Modesucht und den einreißenden Luxus zu arbeiten, selbst ein Journal des Luxus und<lb n="32"/>der Moden redigirte, oder anstatt, wie es seines Amtes wäre, gegen die Unsittlichkeit<lb n="33"/>der gangbaren Schauspiele zu schreiben, vielmehr die liederlichsten Stücke lobpriese,<lb n="34"/>Meisterwerke dagegen, wär’ es auch nur aus den Antiquitäten, herunter zu reißen suchte;<lb n="35"/>man setze: er könnte, – da ihm, wenn er etwa noch Schulmann dabey wäre, vielleicht<lb n="36"/>erlaubt seyn möchte, von den <hi rendition="#g">griechischen</hi> Hetären, obgleich nicht ex professo, doch bey<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>läufig, zu reden – nicht aufhören, von den schlechten Häusern und öffentlichen Mädchen in<lb n="38"/>London und Paris zu schreiben: so würde er, wohl zu merken, nach den in jenem Lande, und<lb n="39"/>vielen andern, herrschenden Begriffen seines geistlichen Amtes ohne Widerrede entsetzt wer<pc force="weak">-</pc><lb n="40" break="no"/>den. Ich zweifle, ob ihm noch das Schulamt gelassen würde; vielleicht, mit der Weisung, sich<lb n="41"/>bloß an die Antiquitäten zu halten. Wofern er aber von Monat zu Monat die englischen<lb n="42"/>Carricaturblätter eigends zur Schau ausstellte und ihre Unfläthereyen mit Bildern aus der</p>
<pb n="500" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=507" type="body"/>
<milestone unit="vorlage" n="61–62"/>
<fw type="header" place="top">KRITISCHES JOURNAL · BAND 2 · STÜCK 3</fw>
<p><lb n="1"/>griechischen Mythologie recht con amore erläuterte, so würde er als ein offenbarer Verderber<lb n="2"/>des Geschmacks und der Reinheit der Jugend ohne Zweifel auch dieses Amtes entledigt, und<lb n="3"/>es stünde ihm dann frey, mit Carricaturbildern und Pamphlets von Haus zu Haus feil zu gehen,<lb n="4"/>und die freche Schamlosigkeit, gegen eine, die Heiligkeit der Natur, der Religion und der<lb n="5"/>Kunst lehrende, Philosophie, als gegen ein Verderbniß und Gift der Jugend, Invectiven aus<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zustreuen, mit Anstand zu treiben.«</p>
<p><lb n="7"/>An der Verachtung fehlt es nun freylich hier zu Lande diesem Anmerkungenschreiber<lb n="8"/>keineswegs, und er thut wohl, da er in diesem Umkreis, wie gesagt, schon längst keine andere<lb n="9"/>Realität als die einer öffentlichen komischen Person hat, sich in einigen ganz rohen und unauf<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gehellten Gegenden, an den Pasquillantenpöbel, der in einer obscuren oberdeutschen Zeitung<lb n="11"/>dem Vernehmen nach sein Wesen treibt, zu wenden und in die aufgeklärten Capuciner<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>predigten und Salatbadereyen, die von dorther gegen die Philosophie angestimmt werden<lb n="13"/>sollen, mit einzustimmen. Daß er sich selbst nur zu dieser Classe von Menschen in jener Gegend<lb n="14"/>rechnet, hat er dadurch an den Tag gelegt, daß er einen Mann, der ihr in seiner doppelten<lb n="15"/>Eigenschaft als physischer Wohlthäter und Freund der Wissenschaften und Künste heilbringend<lb n="16"/>gewesen ist und seyn wird, den Grafen Rumford, mit seinem einen Gilrey accompagnirenden<lb n="17"/>Schenkenwitz nicht verschont gelassen hat.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="18"/>SCHLUSSANMERKUNG.</head>
<p><lb n="19"/>»Dieser Elenden dunkles Leben ist so niedrig, daß sie jedes andere Loos beneiden. Sprechen<lb n="20"/>wir nicht weiter von ihnen, sondern sieh sie an und geh’ vorbey.« Infern. C. III.</p>
<pb n="501" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=508" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ANZEIGEN<lb n="2"/>ZUM<lb n="3"/>KRITISCHEN JOURNAL DER PHILOSOPHIE</head>
<pb n="503" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=510" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ANZEIGEN ZUM KRITISCHEN JOURNAL</fw>
<head><lb n="1"/>ANKÜNDIGUNG DES KRITISCHEN JOURNALS</head>
<p><lb n="2"/><hi rendition="#g">Kritisches</hi> <hi rendition="#g">Journal</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi> herausgegeben von F. W. J. <hi rendition="#g">Schelling</hi> und<lb n="3"/>G. W. F. <hi rendition="#g">Hegel</hi>.</p>
<space/>
<p><lb n="4"/>Indeß allmählig der große Haufen, den die Philosophie gegen ihren Willen, in der letzten<lb n="5"/>Zeit zur Theilnahme sowohl als zum Zuschauen herbey gezogen hatte, sich zu verlaufen<lb n="6"/>anfängt, gewinnt die wahre Wissenschaft Zeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und einen<lb n="7"/>lebendigen Mittelpunkt der Contraktion bildend, sich auf immer von der Unphilosophie zu<lb n="8"/>scheiden. Das allgemeine Interesse, das die Philosophie wirklich gefunden hat, ihre große,<lb n="9"/>weltbürgerliche Beziehung, ihr Einfluß auf die Bildung des allgemeinen und einzelnen Lebens<lb n="10"/>der Menschen, und Herstellung der alten Größe und des fast erloschnen spekulativen Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ters aller Wissenschaften, haben die ächten Wirkungen noch lange nicht hervorgebracht.<lb n="12"/>Weit entfernt, daß alle besonderen Interessen und überhaupt jede mit der Zeit allmählig ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>getretene Absonderung der einzelnen Theile des lebendigen Ganzen durch die Philosophie zur<lb n="14"/>Totalität zurück geführt und dadurch als Besonderheiten vernichtet worden wären, hat die<lb n="15"/>letztere vielmehr sich brauchen lassen müssen, ihnen einen neuen Zuschuß scheinbaren Lebens<lb n="16"/>zu schaffen, und anstatt jene in der Tiefe ihres eignen Mittelpunkts zu versenken, vielmehr sich<lb n="17"/>selbst zu ihnen ausgedehnt und verseichtet. – Vor allem, Darstellung des categorischen Wesens<lb n="18"/>der Philosophie im Gegensatz des negativen Charakters der Unphilosophie; dann Berück<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sichtigung so viel möglich aller Berührungspunkte der Philosophie mit der gesammten Kultur,<lb n="20"/>Aufnahme jedes Theils der allgemeinen Bildung in’s Absolute, und Eröffnung der Aussicht auf<lb n="21"/>die wahre Palingenesie aller Wissenschaften durch Philosophie, ist das, wodurch das angezeigte<lb n="22"/>periodische Werk der Philosophie sich die Achtung der sich für sie interessirenden Welt ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sichern, und sich die Zuneigung der Zeitgenossen zu erwerben suchen wird. Während einiges<lb n="24"/>von dem, was sich jetzt für Philosophie ausgiebt, sich selbst durch sich selbst von ihr ab<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>geschlossen und völlig getrennt hat, und von andern Beschränktheiten, die sich geltend machen<lb n="26"/>wollten, eine nach der andern von selbst abfällt, werden die wenigen welche noch durch einen</p>
<pb n="504" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=511" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ANZEIGEN ZUM KRITISCHEN JOURNAL</fw>
<p><lb n="1"/>schwachen Zufluß von der Philosophie aus, den sie durch falsche Canäle sich zu machen<lb n="2"/>gesucht hatten, ihr Leben fristen, unfehlbar verdorren und absterben sobald diese letzte Hülfe<lb n="3"/>ihnen abgeschnitten ist. Damit wird endlich reine Bahn gemacht seyn; und unter der Hand der<lb n="4"/>Kritik der Grund und Boden der wahren Philosophie sich von selbst bilden können, und ruhig<lb n="5"/>emporsteigen.</p>
<space/>
<p><lb n="6"/>Das <hi rendition="#g">erste</hi> <hi rendition="#g">Heft</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Journals</hi>, das in unserm Verlage erscheint, wird Ende dieses<lb n="7"/>Monats an alle Buchhandlungen versendet. Jedes Heft ist zwischen 6 und 9 Bogen stark, drey<lb n="8"/>derselben machen einen Band, wovon jeder ein Alphabet.</p>
<p><lb n="9"/>Jährlich erscheinen in unbestimmten Zwischenräumen 6 Hefte, folglich 2 Bände.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="10"/><hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Heftes</hi>.</head>
<p><lb n="11"/>I. <hi rendition="#g">Einleitung</hi>. Ueber das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt und ihr Verhältniß<lb n="12"/>zum gegenwärtigen Zustand der Philosophie insbesondere.</p>
<p><lb n="13"/>II. Ueber das absolute Identitätssystem und sein Verhältniß zum neuesten (Reinholdischen)<lb n="14"/>Dualismus. Ein Gespräch zwischen dem Verfasser und einem Freund.</p>
<p><lb n="15"/>III. Benehmen des gemeinen Menschenverstandes gegen die Philosophie; und eigne Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sophie desselben, dargestellt an den philosophischen Bestrebungen des Herrn Krug.</p>
<p><lb n="17"/>IV. <hi rendition="#g">Notizenblatt</hi>. Bemerkungen über das äußere Verhältniß der Philosophie besonders zu<lb n="18"/>dem gegenwärtigen teutschen Recensirwesen.</p>
<p><lb n="19"/>Tübingen, im Dec. 1801.</p>
<p><lb n="20"/>J. G. <hi rendition="#g">Cottaische</hi> Buchhandlung.</p>
<pb n="505" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=512" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">ANZEIGEN ZUM KRITISCHEN JOURNAL</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>ANZEIGE ZUM ERSTEN HEFT DES<lb n="2"/>ZWEITEN BANDES</head>
<p><lb n="3"/>Vom <hi rendition="#g">kritischen</hi> <hi rendition="#g">Journale</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>, herausgegeben von <hi rendition="#g">Schelling</hi> und<lb n="4"/><hi rendition="#g">Hegel</hi>, ist des <hi rendition="#g">II.</hi> <hi rendition="#g">Bandes</hi> <hi rendition="#g">erstes</hi> <hi rendition="#g">Heft</hi> (188 S.) erschienen und enthält:</p>
<space/>
<p><lb n="5"/><hi rendition="#g">Glauben</hi> und <hi rendition="#g">Wissen</hi>, oder die <hi rendition="#g">Reflexionsphilosophie</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Subjectivität</hi>, in der<lb n="6"/>Vollständigkeit ihrer Formen als <hi rendition="#g">Kantische</hi>, <hi rendition="#g">Jacobische</hi> und <hi rendition="#g">Fichtesche</hi> Philosophie.<lb n="7"/>Diese Abhandlung bestimmt theils das gemeinschaftliche Princip dieser Philosophieen, theils<lb n="8"/>den einer jeden innerhalb desselben eigenthümlichen Charakter, durch welches sie die Formen<lb n="9"/>jenes Princips vollkommen erschöpfen.</p>
<p><lb n="10"/><hi rendition="#g">Einleitung</hi>. S. 3.</p>
<p><lb n="11"/>A. <hi rendition="#g">Kantische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>. S. 22.</p>
<p><lb n="12"/>B. <hi rendition="#g">Jacobische</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>. S. 63. Bey welcher außer ihrer charakteristischen Polemik<lb n="13"/>gegen Spinoza, auch auf sie gegen Kant (Reinh. Beytr. 3s Heft) Rücksicht genommen ist,<lb n="14"/>so wie auf die höhere Potenzirung, welche die Jacobische Philosophie in den <hi rendition="#g">Reden</hi> <hi rendition="#g">über</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi> erlangt hat.</p>
<p><lb n="16"/>C. <hi rendition="#g">Fichtesche</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>. S. 138. Hierbey ist vorzüglich die Darstellung derselben in<lb n="17"/>der <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> zum Grunde gelegt worden, weil diese unter der<lb n="18"/>populären Form das Wesen dieser Philosophie sowohl am offensten enthüllt, als auch<lb n="19"/>dieselbe unter allen Darstellungen allein in der Totalität als System aufstellt.</p>
<space/>
<p><lb n="20"/>Anm. Um den ersten Band dieses Journals nicht unverhältnißmäßig zu vergrößern, konnte<lb n="21"/>diese Abhandlung nicht als dessen drittes Stück abgedruckt werden; dasselbe wird unverzüg<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lich nachgeliefert.</p>
<pb n="507" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=514" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>MAXIMEN DES JOURNALS<lb n="2"/>DER DEUTSCHEN LITERATUR</head>
<pb n="509" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=517" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JOURNAL DER DEUTSCHEN LITERATUR</fw>
<head><lb n="1"/>MAXIMEN DES JOURNALS<lb n="2"/>DER DEUTSCHEN LITERATUR.</head>
<p><lb n="3"/>Der allgemeine Zweck ist die Beförderung der wissenschafftlichen und ästhetischen<lb n="4"/>Bildung, an welcher jeder, der nicht zur Gewerbsklasse gehört, Antheil nimmt,<lb n="5"/>durch Kritik der in Deutschland herauskommenden neuen Schrifften, die die Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schafften und die Kunst betreffen.</p>
<p><lb n="7"/>a. Alle Aufsätze, die nicht die Kritik einer Schrift enthalten, sind ausgeschlossen,<lb n="8"/>da ihr Inhalt um der Unbestimmtheit seines Kreises willen zu heterogen wird, und<lb n="9"/>bey seiner Einzelheit ein zu eingeschränktes, bey seiner Allgemeinheit, die um der<lb n="10"/>geringen Ausführung willen leicht Oberflächlichkeit wird, ein zu geringes Inter<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>esse erhält.</p>
<p><lb n="12"/>b. Die Kritik hat nicht die Literaturkenntniß zum Zwecke, also auch nicht<lb n="13"/>eine <hi rendition="#g">vollständige</hi> Anzeige aller erscheinenden Schrifften, die von andern Jour<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nalen ohnehin auch mehr nur versprochen als gehalten werden kann. Geflissentlich<lb n="15"/>wird also theils das Unwichtige übergangen, theils was nicht zur wissenschafftlichen<lb n="16"/>und schönen Literatur gehört; es ist also das ökonomische, technologische und der<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gleichen Fächer ausgeschlossen.</p>
<p><lb n="18"/>c. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Detail</hi> der besondern eigentlichen Wissenschafften, der Theologie, Juris<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>prudenz u.s.f. bleibt ebenso aus diesem Plane weg, insofern es nur denjenigen inter<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>essiren kann, der sich ausschliessend und unmittelbar damit beschäfftigt. Aber bey<lb n="21"/><hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Werken</hi> über diese Wissenschafften, wie auch über Medicin, Physik,<lb n="22"/>Naturgeschichte, Chemie, Mathematik, Geschichte, Philologie, kann es nicht so<lb n="23"/>sehr von ihrem <hi rendition="#g">Inhalte</hi> abhängen, ob eine Kritik derselben dem Zwecke dieses<lb n="24"/>Instituts entspricht, als vielmehr von der <hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Kritik</hi> selbst, ob die all<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gemeine geistige Bildung überhaupt und Wissenschaft und Geschmak dadurch<lb n="26"/>gewinnt.</p>
<pb n="510" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=518" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">JOURNAL DER DEUTSCHEN LITERATUR</fw>
<p><lb n="1"/>d. Diese werden nicht durch gewöhnlich sogenannte Recensionen und Beurthei<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lungen gefödert, wodurch nur eine Schrift charakterisirt, aber nicht in den Inhalt<lb n="3"/>derselben eingegangen wird, – wodurch man etwa erfährt, ob das Buch gut oder<lb n="4"/>schlecht und die Titel, die der Vf. abhandelt, aber die Sache selbst nicht untersucht<lb n="5"/>und mit ihm durchgesprochen wird. Die <hi rendition="#g">Kritiken</hi> sollen daher mehr von der<lb n="6"/><hi rendition="#g">abhandelnden</hi> <hi rendition="#g">Art</hi>, wobey die Darstellung des Vfs zum Grunde gelegt und ihr<lb n="7"/>gefolgt wird, als von der recensirenden Art an sich haben.</p>
<p><lb n="8"/>e. Insofern ein Werk es sey empirischen oder theoretischen Inhalts so beschaffen<lb n="9"/>ist, daß es sich zwar als interessant zeigt, aber die Neuheit seines Inhalts noch keine<lb n="10"/>eigentliche Beurtheilung gestattet, so ist eine <hi rendition="#g">historische</hi> <hi rendition="#g">Darlegung</hi> <hi rendition="#g">seines</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">Inhalts</hi> (Analyse) zu geben, und die falsche Schaam zu entfernen, die, weil der Rec.<lb n="12"/>sich nicht im Stande fühlt, als ein Meister, der bereits mit Allem scibili fertig ist und<lb n="13"/>alles besser weiß, sich daran zu zeigen, es verhindert, daß überhaupt die Rede davon<lb n="14"/>wird, wie es z. B. mit Winterl’s und manchen andern Schrifften der Fall ist, bey<lb n="15"/>denen die Recensenten noch nicht dikthun zu können sich bewußt sind und doch<lb n="16"/>nicht darauf Verzicht thun und mit einer Analyse sich begnügen wollen, die einst<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>weilen das Publicum benachrichtige und die ihm erwünscht ist und oft erwünschter,<lb n="18"/>als wie das Urtheil; wenn es nur unter beydem, einer Analyse und einer reinen<lb n="19"/>Recension zu wählen hat, wird ihm gewiß die erstere willkommener seyn.</p>
<p><lb n="20"/>f. Ebenso haben Recensionen keinen Platz, die in der Absicht, dem Vf die Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>merksamkeit, mit der seine Schrifft gelesen worden sey, zu beweisen, ausser dem<lb n="22"/>allgemeinen Urtheil ein <hi rendition="#g">Dialog</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Autor</hi> sind, und ihm Mäkeleyen<lb n="23"/>machen und Berichtigungen an die Hand geben, die nur zwischen dem Verf. und<lb n="24"/>Recensenten aber für keinen Dritten ein Interesse haben. Überhaupt fällt alles hinweg,<lb n="25"/>was nur persönliche Meynung des Recensenten seyn sollte, ob er sich gleich dabey<lb n="26"/>die Stellung eines Representanten des Publicums gäbe.</p>
<p><lb n="27"/>g. Sich hingegen auf den wesentlichen Inhalt von Werken aus bestimmten Fächern<lb n="28"/>einzulassen, hat ebensosehr allgemeines Interesse als es der Wissenschafft beförderlich<lb n="29"/>ist. Um ein bestimmtes Beyspiel anzuführen, würde diß bey einer Recension von einem<lb n="30"/>Buche, wie Paulus Commentar über das N. T. der Fall seyn, wenn eine Recension die<lb n="31"/>Maximen desselben untersuchte. – In andern besondern Wissenschafften, z. B. der</p>
<pb n="511" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=519" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Jurisprudenz gehört ebenso das Naturrechtliche, Staatsrechtliche, auch Pandecten-<lb n="2" break="no"/>Systeme, Untersuchungen über Criminaljustiz, Code Napoleon u. drgl. hieher. So<lb n="3"/>von der Medicin das Systematische derselben, wie geistreiche Ansichten und Behand<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lungen einzelner Krankheiten, das gelbe Fieber mit seinem temporären Interesse<lb n="5"/>u.s.f. Von der Physik wie Chemie gehören wesentlich solche Werke hieher, die eine<lb n="6"/>Bereicherung der Wissenschaften enthalten. Alte Literatur soll ohnehin das Interesse<lb n="7"/>jedes gebildeten Menschen für sich haben; es ist wichtig, diesem den Weg dazu zu<lb n="8"/>bahnen und zu erleichtern, besonders durch Herabsetzung des Werths der bloß<lb n="9"/>pedantischen Bemühungen damit, und der scientiae arcanae, deren Schein sich<lb n="10"/>Manche, die von der Profession sind, geben, die sich, aber näher untersucht, aber als<lb n="11"/>ihre Grille und Willkühr zeigt.</p>
<p><lb n="12"/>h. Es steht gegenwärtig allen Wissenschaften eine Wiedergeburt in Ansehung<lb n="13"/>ihrer Begriffe und der Geistlosigkeit bevor, die wissenschafftlichen Inhalt in blosses<lb n="14"/>Material verwandelt, und die Begriffe, deren sie zu haben gewöhnlich nicht einmal<lb n="15"/>weiß, unkritisch und bewußtlos handhabt. Die theoretische wie die empirische Seite<lb n="16"/>macht eine Tradition aus, die unbesehen, als etwas längst bewiesenes und in den<lb n="17"/>Schatz gelegtes, von einer Hand in die andre überliefert wird. Gegen diese Tradition,<lb n="18"/>welche ohnehin schon wenn nicht die Verachtung doch die Langeweile des Publicums<lb n="19"/>gegen sich hat, hat besonders die Kritik ihre Untersuchung zu richten. Gerade das,<lb n="20"/>was gäng und gäbe ist, das Herkommen für sich hat, was als längst bekannt gilt, –<lb n="21"/>eine Art alten Trödels, von dem der Gebrauch und gleichsam eine conventionelle<lb n="22"/>Lebensart es mit sich bringt, daß man ihn gelten läßt, ohne daß es denen, die immer<lb n="23"/>darin fortsprechen, eigentlich mehr Ernst damit ist, als den Astronomen, wenn sie<lb n="24"/>sich der Redensart vom Umlauffe der Sonne um die Erde bequemen, – bedarf es am<lb n="25"/>meisten auf den Kopf gestellt und in Anspruch genommen zu werden, um zunächst<lb n="26"/>wenigstens Verwunderung und Stutzen zu erregen, und weiterhin Nachdenken zu<lb n="27"/>veranlassen.</p>
<p><lb n="28"/>i. Es ist damit nicht gemeynt, in die Manier der gegenwärtigen Gährung der<lb n="29"/>Wissenschaften einzugehen, die von der Philosophie aus sie überschwemmt und<lb n="30"/>verwirrt. Theils bedarf es zum siegreichen Angriff der leeren und geistlosen Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schafftlichkeit nur des gesunden Menschenverstandes, wenn er die gebildete Sicherheit<lb n="32"/>besitzt, die sich durch die ernsthaffte Miene jener nicht irre machen noch imponiren<lb n="33"/>läßt. Theils ist jene philosophische Wissenschafftlichkeit, die eine Anwendung und</p>
<pb n="512" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=520" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>der Übergang der abstracten Ideen zum bestimmten Inhalte und den eigentlichen<lb n="2"/>Wissenschafften seyn sollte, – als um was es gegenwärtig zu thun ist, – – vielmehr<lb n="3"/>grösserntheils leerer Formalismus, unreifes Gebraue halb aufgefaßter Begriffe, seichte<lb n="4"/>und meist sogar läppische Einfälle, und eine Unwissenheit sowohl der Philosophie<lb n="5"/>selbst als der Wissenschafften – wie um bestimmter zu bezeichnen, was ich meyne,<lb n="6"/>das Windischmannsche, Görressche, auch gröstentheils das Steffenssche Wesen, so<lb n="7"/>wie die Proben, die die Jen. A. L. Z. besonders bey ihrem Anfange gegeben. Diesem<lb n="8"/>rohen Waldstrome, der Vernunft und Wissenschaft zu verwirren droht, – dessen<lb n="9"/>Manieren und Grundsätzen Schelling nach dem er sie zum theil angegeben und<lb n="10"/>gebraucht, itzt feyerlich zu entsagen anfängt, – hat sich eine wissenschaftliche Kritik<lb n="11"/>vornemlich zu widersetzen. Wir werden dadurch dem Instincte des Publicums, das<lb n="12"/>von seinem ersten Staunen zu einer Gleichgültigkeit dagegen übergegangen, zu<lb n="13"/>Hülfe kommen, die Achtung, welche der Philosophie von ihrem allgemeinen<lb n="14"/>Bedürfnisse noch immer im Grunde gewidmet wird, unterstützen, bey allen durch<lb n="15"/>Insolenz und Unreife zum Stillschweigen und Wegsehen gebrachten Freunden der<lb n="16"/>Einsicht Theilnahme finden, sowie das zum Prüffen zu schüchterne Staunen, das<lb n="17"/>um der allgemeinen Ideen, die in jenes Gethue verwebt sind, willen Achtung dafür<lb n="18"/>hatte, entwirren und durch die Scheidung des Unlautern ihm den Gewinn des<lb n="19"/>Ächten verschaffen.</p>
<p><lb n="20"/>k. Die gründliche Untersuchung und die Abhandlung der <hi rendition="#g">Sache</hi> schließt es von<lb n="21"/>selbst in sich, daß das Mittelmässige und Schlechte, – wenn von ihm die Rede seyn<lb n="22"/>muß, wegen irgend eines Ansehens und Prätensionen, die es hat, – keine Schonung<lb n="23"/>und Toleranz zu gewarten hat, sondern allen Gründen dagegen sowie dem Witze<lb n="24"/>und den Einfällen preisgegeben ist, ebenso daß alles Persönliche, Hämische, alles<lb n="25"/>was von einem pruritus sich zu reiben oder zu zeigen herrührte, entfernt bleibt.<lb n="26"/>Darin daß es um die Sache zu thun ist, ist auch diß enthalten, daß es dem Recensenten<lb n="27"/>lieber seyn muß, etwas als vortrefflich – mit Verstand – anerkennen zu können, als<lb n="28"/>dagegen sprechen zu müssen, indem es zugleich schwerer ist, es gehörig zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wikeln, warum etwas vortrefflich ist, als die Mängel aufzufinden; unentwikelte<lb n="30"/>Bewunderung und Beyfall hat aber sowenig Interesse als ein blosses Tadeln und</p>
<pb n="513" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=521" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Mäkeln. – Redlicher Eifer für die Wissenschaft und gründliche Behandlung bleibt<lb n="2"/>ebenso von der Sucht frey, die ein Rec. gewissermassen vom Amtswegen haben zu<lb n="3"/>müssen meynt, immer noch gescheuter zu seyn, als etwas schon sehr gescheutes,<lb n="4"/>beym Vortrefflichen noch anzugeben zu wissen, daß es noch besser (wodurch es<lb n="5"/>in den meisten Fällen schlechter geworden wäre) hätte gemacht werden können,<lb n="6"/>überhaupt alles besser zu wissen und die Miene eines Meisters und Richters, bey dem<lb n="7"/>nicht die Rede mehr davon seyn könne, daß er aus einer Schrifft etwas lerne, an<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>zunehmen und aus diesem Sinne heraus zu sprechen.</p>
<p><lb n="9"/>Mit einem Worte, wenn mit Beyseitsetzung sowohl persönlicher Rüksichten, als<lb n="10"/>ungründlicher Anhänglichkeit an das Hergebrachte, und der blossen Meynung, die<lb n="11"/>nur behauptet und versichert, nicht untersucht noch entwikelt, die Sache der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schaft und des Geschmaks kek gefaßt und fest gegen alle falsche Anmassungen gel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tend gemacht, und mit Ernst und Eindringen in die Gründe behauptet wird, so kann<lb n="14"/>es einem Institut, das diß leistet, und sich dadurch von den vorhandnen gröstentheils<lb n="15"/>auszeichnet, an innerm Interesse und Interesse bey dem allgemeinen Publicum, dessen<lb n="16"/>Instinct dem Rechten immer den Vorzug vor dem Schlechten, mit dem es einstweilen<lb n="17"/>vorlieb nimmt, gibt, nicht fehlen.</p>
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<p><lb n="18"/>In Ansehung der <hi rendition="#g">aüssern</hi> <hi rendition="#g">Einrichtung</hi> bemerke ich folgende Punkte:</p>
<p><lb n="19"/>Das Journal erscheint monathsweise in Hefften eher zu 12 als 10 Bogen oder drunter.</p>
<p><lb n="20"/>Der Contract mit dem Buchhändler wird nach der Anzahl von Exemplaren ge<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schlossen, die abgesetzt werden, so daß 500 oder 750 E. als der bestimmte feste Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gangspunkt und als minimum angenommen sind.</p>
<p><lb n="23"/>Eine Direction aus denen, die das Institut zuerst unternehmen, bestehend führt die<lb n="24"/>Oberaufsicht in Ansehung der anzuzeigenden Schrifften und der einzuladenden Mit<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>arbeiter, und ist als Eigenthümer des Ganzen anzusehen.</p>
<p><lb n="26"/>Der Redacteur, der ein Mitglied der Direction und bleibend ist, führt die Corres<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>pondenz, Rechnung, und die lauffenden Geschäffte des Druks u.s.f.</p>
<p><lb n="28"/>Die Kosten werden zuerst vom Ertrage des Ganzen abgezogen, nach dem Über<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>reste die Grösse der Honorarien bestimmt, und dem Redacteur, statt eines fixen<lb n="30"/>Gehalts, gewisse Procente, vom Überreste 15 bis 20, für seine Mühe zugestanden.</p>
<pb n="514" facs="GW%2004%20Jenear%20Kritische%20Schriften.pdf#page=522" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Die Bücher liefert die Verlagshandlung zu einem Rabat von 20–25 pC. des Laden<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>preises; der Rec. hat das Recht, sie mit 40 pC Rabat desselben zu behalten; sonst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>kaufft sie die Directions-Kasse. Sie sind unter die Kosten zu rechnen. – Welche<lb n="4"/>übrigens beym Gebrauche nicht unverkaüflich für die Buchhandlung geworden,<lb n="5"/>und wovon sie nicht ausdrüklich für das Institut ein Exemplar verschrieben und sonst<lb n="6"/>gebrauchen kann, nimmt sie wieder ohne weitere Provision an.</p>
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<p><lb n="7"/>Mit Julius 1807 wird angefangen.</p>
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