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<title type="main">Phänomenologie des Geistes</title>
<title type="short">Phänomenologie des Geistes</title>
<author><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Hegel, Georg Wilhelm Friedrich</persName></author>
<respStmt><resp>Transkription und Kodierung</resp><persName>Giuliano Infantino</persName></respStmt>
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<publisher>Digitale Hegel Edition</publisher>
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<idno type="siglum">GW 9</idno>
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<licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
<p n="database">CC BY 4.0</p>
<p n="text">public domain (Hegel, gest. 1831)</p>
<p n="attribution">Giuliano Infantino, Digitale Hegel-Edition, hegeledition.com</p>
<p n="excludes">Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht enthalten.</p>
<p n="warranty">Ohne Gewaehr. Keine Haftung fuer Richtigkeit oder Eignung.</p>
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<title type="source">Phänomenologie des Geistes</title>
<title type="series">GW</title>
<biblScope unit="volume" n="9">9</biblScope>
<publisher>Felix Meiner Verlag</publisher>
<idno type="source_pdf">GW/GW 09 Phänomenologie des Geistes.pdf</idno>
<idno type="pdf_filename">GW 09 Phänomenologie des Geistes.pdf</idno>
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<projectDesc><p>Quellfassung der Digitalen Hegel-Edition: der vollständige Bestand des Bandes einschließlich
Titel-, Verzeichnis-, Leer- und Anhangseiten, aus dem sich die Leserdaten (work-*.js) exakt zurückgewinnen lassen.
Der historisch-kritische Apparat der Herausgeber der Gesammelten Werke ist nicht erfasst.</p></projectDesc>
<editorialDecl>
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lb[@rend="g-umgekehrt"]: an diesem Zeilenwechsel gilt in den Druckzeilen der umgekehrte Sperrzustand
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<rendition xml:id="anmerkung" scheme="free">Anmerkung zum Paragraphen (im Druck kleiner)</rendition>
<rendition xml:id="grad2" scheme="free">zweiter Schriftgrad der GW</rendition>
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<classDecl><taxonomy xml:id="j"><desc>Formfragen der JSON-Fassung, die keinen Textbefund tragen; sie stehen nur, damit sich die JSON-Fassung exakt zurückgewinnen lässt.</desc>
<category xml:id="j.leer-zeilen"><catDesc>Spacer mit leerem `text` und leerer Zeilenliste.</catDesc></category>
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<profileDesc><langUsage><language ident="de">Deutsch</language></langUsage></profileDesc>
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<div type="inhalt" subtype="toc_printed"><list>
<item n="1"><ref n="1">SYSTEM DER WISSENSCHAFT. ERSTER THEIL, DIE PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES</ref></item>
<item n="2"><ref n="5">INHALT</ref></item>
<item n="2"><ref n="9">VORREDE</ref></item>
<item n="2"><ref n="51">I. WISSENSCHAFT DER PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES</ref></item>
<item n="3"><ref n="63">I. Die sinnliche Gewißheit; oder das Diese und das Meynen</ref></item>
<item n="3"><ref n="71">II. Die Wahrnehmung; oder das Ding, und die Täuschung</ref></item>
<item n="3"><ref n="82">III. Krafft und Verstand, Erscheinung und übersinnliche Welt</ref></item>
<item n="3"><ref n="103">IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst</ref></item>
<item n="4"><ref n="109">A. Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Selbstbewußtseyns; Herrschafft und Knechtschafft</ref></item>
<item n="4"><ref n="116">B. Freyheit des Selbstbewußtseyns; Stoicismus, Skepticismus, und das unglückliche Bewußtseyn</ref></item>
<item n="3"><ref n="132">V. Gewißheit und Wahrheit der Vernunft</ref></item>
<item n="4"><ref n="137">A. Beobachtende Vernunft</ref></item>
<item n="5"><ref n="139">a. Beobachtung der Natur</ref></item>
<item n="5"><ref n="167">b. Die Beobachtung des Selbstbewußtseyns in seiner Reinheit und seiner Beziehung auf äußre Wirklichkeit; logische und psychologische Gesetze</ref></item>
<item n="5"><ref n="171">c. Beobachtung der Beziehung des Selbstbewußtseyns auf seine unmittelbare Wirklichkeit; Physiognomik und Schädellehre</ref></item>
<item n="4"><ref n="193">B. Die Verwirklichung des vernünftigen Selbstbewußtseyns durch sich selbst</ref></item>
<item n="5"><ref n="198">a. Die Lust und die Nothwendigkeit</ref></item>
<item n="5"><ref n="202">b. Das Gesetz des Herzens, und der Wahnsinn des Eigendünkels</ref></item>
<item n="5"><ref n="208">c. Die Tugend und der Weltlauff</ref></item>
<item n="4"><ref n="214">C. Die Individualität, welche sich an und für sich selbst reell ist</ref></item>
<item n="5"><ref n="216">a. Das geistige Thierreich und der Betrug, oder die Sache selbst</ref></item>
<item n="5"><ref n="228">b. Die gesetzgebende Vernunfft</ref></item>
<item n="5"><ref n="232">c. Gesetzprüffende Vernunfft</ref></item>
<item n="3"><ref n="238">VI. Der Geist</ref></item>
<item n="4"><ref n="240">A. Der wahre Geist, die Sittlichkeit</ref></item>
<item n="5"><ref n="241">a. Die sittliche Welt, das menschliche und göttliche Gesetz, der Mann und das Weib</ref></item>
<item n="5"><ref n="251">b. Die sittliche Handlung, das menschliche und göttliche Wissen, die Schuld und das Schicksal</ref></item>
<item n="5"><ref n="260">c. Rechtszustand</ref></item>
<item n="4"><ref n="264">B. Der sich entfremdete Geist; die Bildung</ref></item>
<item n="5"><ref n="266">I. Die Welt des sich entfremdeten Geistes</ref></item>
<item n="6"><ref n="267">a. Die Bildung und ihr Reich der Wirklichkeit</ref></item>
<item n="6"><ref n="286">b. Der Glauben und die reine Einsicht</ref></item>
<item n="5"><ref n="292">II. Die Aufklärung</ref></item>
<item n="6"><ref n="293">a. Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben</ref></item>
<item n="6"><ref n="311">b. Die Wahrheit der Aufklärung</ref></item>
<item n="5"><ref n="316">III. Die absolute Freyheit und der Schrecken</ref></item>
<item n="4"><ref n="323">C. Der seiner selbst gewiße Geist. Die Moralität</ref></item>
<item n="5"><ref n="324">a. Die moralische Weltanschauung</ref></item>
<item n="5"><ref n="332">b. Die Verstellung</ref></item>
<item n="5"><ref n="340">c. Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeyhung</ref></item>
<item n="3"><ref n="363">VII. Die Religion</ref></item>
<item n="4"><ref n="369">A. Natürliche Religion</ref></item>
<item n="5"><ref n="370">a. Das Lichtwesen</ref></item>
<item n="5"><ref n="372">b. Die Pflanze und das Thier</ref></item>
<item n="5"><ref n="373">c. Der Werkmeister</ref></item>
<item n="4"><ref n="376">B. Die Kunst-Religion</ref></item>
<item n="5"><ref n="378">a. Das abstracte Kunstwerk</ref></item>
<item n="5"><ref n="385">b. Das lebendige Kunstwerk</ref></item>
<item n="5"><ref n="388">c. Das geistige Kunstwerk</ref></item>
<item n="4"><ref n="400">C. Die offenbare Religion</ref></item>
<item n="3"><ref n="422">VIII. Das absolute Wissen</ref></item>
<item n="1"><ref n="435">BEILAGEN</ref></item>
<item n="2"><ref n="437">Drei Fragmente aus Vorarbeiten</ref></item>
<item n="3"><ref n="437">Das absolute Wissen …</ref></item>
<item n="3"><ref n="437">a) göttliches Recht …</ref></item>
<item n="3"><ref n="438">C. Die Wissenschafft</ref></item>
<item n="2"><ref n="444">Ursprünglicher Zwischentitel</ref></item>
<item n="2"><ref n="445">Vorlesung über »Speculative Philosophie«</ref></item>
<item n="2"><ref n="446">Selbstanzeige der Phänomenologie</ref></item>
<item n="2"><ref n="448">Notiz zur Überarbeitung des Werkes von 1807</ref></item>
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<div type="inhalt" subtype="toc_headings"><list>
<item n="2"><ref n="9">VORREDE.</ref></item>
<item n="1"><ref n="51">I. WISSENSCHAFT DER PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES.</ref></item>
<item n="2"><ref n="63">I. DIE SINNLICHE GEWISSHEIT; ODER DAS DIESE UND DAS MEYNEN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="71">II. DIE WAHRNEHMUNG; ODER DAS DING, UND DIE TÄUSCHUNG.</ref></item>
<item n="2"><ref n="82">III. KRAFFT UND VERSTAND, ERSCHEINUNG UND ÜBERSINNLICHE WELT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="103">IV. DIE WAHRHEIT DER GEWISSHEIT SEINER SELBST.</ref></item>
<item n="2"><ref n="109">A. SELBSTSTÄNDIGKEIT UND UNSELBSTSTÄNDIGKEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS; HERRSCHAFFT UND KNECHTSCHAFFT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="116">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS; STOICISMUS, SKEPTICISMUS, UND DAS UNGLÜCKLICHE BEWUSSTSEYN.</ref></item>
<item n="2"><ref n="132">V. GEWISSHEIT UND WAHRHEIT DER VERNUNFT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="137">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT.</ref></item>
<item n="2"><ref n="139">a. BEOBACHTUNG DER NATUR.</ref></item>
<item n="2"><ref n="167">b. DIE BEOBACHTUNG DES SELBSTBEWUSSTSEYNS in seiner Reinheit und seiner Beziehung auf äußre Wirklichkeit; LOGISCHE UND PSYCHOLOGISCHE GESETZE.</ref></item>
<item n="2"><ref n="171">c. Beobachtung der Beziehung des Selbstbewusstseyns auf seine unmittelbare Wirklichkeit; Physiognomik und Schädellehre.</ref></item>
<item n="2"><ref n="193">B. DIE VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS DURCH SICH SELBST.</ref></item>
<item n="2"><ref n="198">a. Die Lust und die Nothwendigkeit.</ref></item>
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<item n="2"><ref n="260">C. RECHTSZUSTAND.</ref></item>
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<item n="2"><ref n="286">b. DER GLAUBEN UND DIE REINE EINSICHT.</ref></item>
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<item n="2"><ref n="293">a. DER KAMPF DER AUFKLÄRUNG MIT DEM ABERGLAUBEN.</ref></item>
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<item n="2"><ref n="400">C. DIE OFFENBARE RELIGION.</ref></item>
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<item n="1"><ref n="435">BEILAGEN</ref></item>
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<item n="2"><ref n="437">Das absolute Wissen …</ref></item>
<item n="2"><ref n="437">a) Göttliches Recht …</ref></item>
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<pb n="1" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=5" type="body"/>
<head><lb n="1"/>SYSTEM<lb n="2"/>DER<lb n="3"/>WISSENSCHAFT<choice><orig><lb n="4"/>von<lb n="5"/>Ge. Wilh. Fr. Hegel,<lb n="6"/>D. u. Professor der Philosophie zu Jena, der Herzogl.<lb n="7"/>Mineralog. Societät daselbst Asseßor und andrer<lb n="8"/>gelehrten Gesellschaften Mitglied.<lb n="9"/>Erster Theil,<lb n="10"/>die<lb n="11"/>Phänomenologie des Geistes.<lb n="12"/>Bamberg und Würzburg,<lb n="13"/>bey Joseph Anton Goebhardt,<lb n="14"/>1807.</orig><reg>. ERSTER THEIL, DIE PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES</reg></choice></head>
<pb n="5" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=9" type="toc" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">INHALT</fw>
<head><lb n="1"/>INHALT.</head>
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<p><lb n="2"/><hi rendition="#g">Vorrede</hi>: Vom wissenschaftlichen <hi rendition="#g">Erkennen</hi>. Das Element des Wahren ist<lb n="3"/>der Begriff und seine wahre Gestalt das wissenschaftliche System S. VII. Itziger<lb n="4"/>Standpunkt des Geistes S. VIII. Das Princip ist nicht die Vollendung, gegen den<lb n="5"/>Formalismus S. XV. Das Absolute ist Subject S. XX. und was dieses ist S. XXI.<lb n="6"/>Element des Wissens S. XXIX. Die Erhebung in dasselbe ist die Phänomenologie<lb n="7"/>des Geistes S. XXXII. Verwandlung des Vorgestellten und Bekannten in den<lb n="8"/>Gedanken, S. XXXVI. und dieses in den Begriff S. XXXIX. Inwiefern ist die<lb n="9"/>Phänom. des Geistes negativ oder enthält das <hi rendition="#g">Falsche</hi> S. XLIV. Historische und<lb n="10"/>mathematische Wahrheit S. XLVIII. Natur der philosophischen Wahrheit<lb n="11"/>und ihrer <hi rendition="#g">Methode</hi> S. LV. gegen den schematisirenden <hi rendition="#g">Formalismus</hi> S. LIX.<lb n="12"/>Erforderniß beym Studium der Philosophie S. LXXI. Das räsonnirende Denken in<lb n="13"/>seinem negativen Verhalten S. LXXII. in seinem positiven; sein Subject S. LXXIV.<lb n="14"/>Das natürliche Philosophiren als gesunder Menschenverstand und als Genialität<lb n="15"/>S. LXXXIV. Beschluß, Verhältniß des Schriftstellers zum Publicum S. LXXXVIII.</p>
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<p><lb n="16"/><hi rendition="#g">Einleitung</hi>. S. 3.</p>
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<p><lb n="17"/>(A) <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. S. 22–100.</p>
<p><lb n="18"/>I. Die sinnliche Gewißheit, das Dieses und das Meynen. S. 22–37.</p>
<p><lb n="19"/>II. Die Wahrnehmung, das Ding und die Täuschung. S. 38–58.</p>
<p><lb n="20"/>III. Krafft und Verstand, Erscheinung und übersinnliche Welt. S. 59–100.</p>
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<p><lb n="21"/>(B) <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. S. 101–161.</p>
<p><lb n="22"/>IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst. S. 101.</p>
<p><lb n="23"/>A. Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Selbstbewußtseyns; Herr<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schaft und Knechtschaft. S. 114–128.</p>
<pb facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=10" type="duplicate_of_9"/>
<pb n="6" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=11" type="toc" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>B. Freyheit des Selbstbewußtseyns; S. 129–161. Stoicismus, S. 131. Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>cismus, S. 134. und das unglückliche Bewußtseyn. S. 140.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="3"/>(C) (AA) <hi rendition="#g">Vernunft</hi>. S. 162–375.</p>
<p><lb n="4"/>V. Gewißheit und Wahrheit der Vernunft. S. 162.</p>
<p><lb n="5"/>A. Beobachtende Vernunft. S. 174–286.</p>
<p><lb n="6"/>a) Beobachtung der Natur. S. 177–233. Beschreiben überhaupt. S. 178.<lb n="7"/>Merkmale. S. 179. Gesetze. S. 183.</p>
<p><lb n="8"/>Beobachtung des Organischen. S. 189.</p>
<p><lb n="9"/>α) Beziehung desselben auf das Unorganische. S. 190. β) Teleologie.<lb n="10"/>S. 192. γ) Innres und Aeusseres. S. 198. αα) Das Innre. S. 200.<lb n="11"/>Gesetze seiner reinen Momente, der Sensibilität u.s.w. S. 203. Das<lb n="12"/>Innre und sein Aeusseres. S. 208. ββ) Das Innre und das Aeussere<lb n="13"/>als Gestalt. S. 209. γγ) Das Aeussere selbst als Innres und Aeusseres<lb n="14"/>oder die organische Idee übergetragen auf das Unorganische.<lb n="15"/>S. 220. Das Organische nach dieser Seite; seine Gattung, Art und<lb n="16"/>Individualität. S. 225.</p>
<p><lb n="17"/>b) Beobachtung des Selbstbewußtseyns in seiner Reinheit und in seiner<lb n="18"/>Beziehung auf äussere Wirklichkeit. S. 234–242. Logische S. 235.<lb n="19"/>und psychologische Gesetze. S. 237.</p>
<p><lb n="20"/>c) In seiner Beziehung auf seine unmittelbare Wirklichkeit. S. 243–286.<lb n="21"/>Physiognomik. S. 243. und Schädellehre. S. 259–286.</p>
<p><lb n="22"/>B. Die Verwirklichung des vernünftigen Selbstbewußtseyns durch sich selbst.<lb n="23"/>S. 287.</p>
<p><lb n="24"/>a. Die Lust und die Nothwendigkeit. S. 298–304.</p>
<p><lb n="25"/>b. Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels. S. 305–317.</p>
<p><lb n="26"/>c. Die Tugend und der Weltlauff. S. 317–329.</p>
<p><lb n="27"/>C. Die Individualität, welche sich an und für sich reell ist. S. 330.</p>
<p><lb n="28"/>a. Das geistige Thierreich und der Betrug oder die Sache selbst. S. 333–358.</p>
<p><lb n="29"/>b. Die gesetzgebende Vernunft. S. 358–365.</p>
<p><lb n="30"/>c. Die gesetzprüffende Vernunft. S. 365–375.</p>
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<p><lb n="31"/>(BB) <hi rendition="#g">Der</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>. S. 376–624.</p>
<p><lb n="32"/>VI. Der Geist. S. 376.</p>
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<fw type="header" place="top">INHALT</fw>
<p><lb n="1"/>A. Der <hi rendition="#g">wahre</hi> Geist. Die Sittlichkeit. S. 382.</p>
<p><lb n="2"/>a. Die sittliche Welt. Das menschliche und göttliche Gesetz, der Mann<lb n="3"/>und das Weib. S. 383–403.</p>
<p><lb n="4"/>b. Die sittliche Handlung. Das menschliche und göttliche Wissen, die<lb n="5"/>Schuld und das Schicksal. S. 403–421.</p>
<p><lb n="6"/>c. Der Rechtszustand. S. 422–428.</p>
<p><lb n="7"/>B. Der <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">entfremdete</hi> Geist. Die Bildung. S. 429.</p>
<p><lb n="8"/>I. Die Welt des sich entfremdeten Geistes. S. 434.</p>
<p><lb n="9"/>a. Die Bildung und ihr Reich der Wirklichkeit. S. 435–474.</p>
<p><lb n="10"/>b. Der Glauben und die reine Einsicht. S. 474–485.</p>
<p><lb n="11"/>II. Die Aufklärung. S. 486.</p>
<p><lb n="12"/>a. Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben. S. 488–522.</p>
<p><lb n="13"/>b. Die Wahrheit der Aufklärung. S. 522–532.</p>
<p><lb n="14"/>III. Die absolute Freyheit und der Schrecken. S. 533–547.</p>
<p><lb n="15"/>C. Der <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gewisse</hi> Geist. Die Moralität. S. 548.</p>
<p><lb n="16"/>a. Die moralische Weltanschauung. S. 550–564.</p>
<p><lb n="17"/>b. Die Verstellung. S. 565–581.</p>
<p><lb n="18"/>c. Das Gewissen. Die schöne Seele, das Böse und seine Verzeyhung.<lb n="19"/>S. 581–624.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="20"/>(CC) <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>. S. 625–741.</p>
<p><lb n="21"/>VII. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>. S. 625.</p>
<p><lb n="22"/>A. Die <hi rendition="#g">natürliche</hi> Religion. S. 637.</p>
<p><lb n="23"/>a. Das Lichtwesen. S. 640–642.</p>
<p><lb n="24"/>b. Die Pflanze und das Thier. S. 643–644.</p>
<p><lb n="25"/>c. Der Werkmeister. S. 645–650.</p>
<p><lb n="26"/>B. Die <hi rendition="#g">Kunst</hi>-Religion. S. 651.</p>
<p><lb n="27"/>a. Das abstracte Kunstwerk. S. 655–669.</p>
<p><lb n="28"/>b. Das lebendige Kunstwerk. S. 669–676.</p>
<p><lb n="29"/>c. Das geistige Kunstwerk. S. 676–698.</p>
<p><lb n="30"/>C. Die <hi rendition="#g">offenbare</hi> Religion. S. 699–741.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="31"/>(DD) <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi>. S. 742 bis Ende.</p>
<p><lb n="32"/>VIII. Das absolute Wissen. S. 742.</p>
<pb facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=13" type="blank"/>
<pb n="9" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=14" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>VORREDE.</head>
<p><lb n="2"/>Eine Erklärung, wie sie einer Schrifft in einer Vorrede nach der Gewohnheit<lb n="3"/>vorausgeschickt wird, – über den Zweck, den der Verfasser sich in ihr vorgesetzt,<lb n="4"/>so wie über die Veranlassungen und das Verhältniß, worin er sie zu andern frühern<lb n="5"/>oder gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt, –<lb n="6"/>scheint bey einer philosophischen Schrifft nicht nur überflüßig, sondern um der<lb n="7"/>Natur der Sache willen, sogar unpassend und zweckwidrig zu seyn. Denn wie<lb n="8"/>und was von Philosophie in einer Vorrede zu sagen schicklich wäre, – etwa eine<lb n="9"/>historische <hi rendition="#g">Angabe</hi> der Tendenz und des Standpunkts, des allgemeinen Inhalts<lb n="10"/>und der Resultate, eine Verbindung von hin und her sprechenden Behauptungen<lb n="11"/>und Versicherungen über das Wahre – kann nicht für die Art und Weise gelten,<lb n="12"/>in der die philosophische Wahrheit darzustellen sey. – Auch weil die Philosophie<lb n="13"/>wesentlich im Elemente der Allgemeinheit ist, die das Besondere in sich schließt,<lb n="14"/>so findet bey ihr mehr als bey andern Wissenschafften der Schein statt, als ob in<lb n="15"/>dem Zwecke oder den letzten Resultaten, die Sache selbst und sogar in ihrem<lb n="16"/>vollkommenen Wesen ausgedrückt wäre, gegen welches die Ausführung eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lich das unwesentliche sey. In der allgemeinen Vorstellung hingegen, zum Bey<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>spiel was Anatomie sey, etwa die Kenntniß der Theile des Körpers nach ihrem<lb n="19"/>unlebendigen Daseyn betrachtet, ist man überzeugt, die Sache selbst, den Inhalt<lb n="20"/>dieser Wissenschafft, noch nicht zu besitzen, sondern außerdem um das Besondere<lb n="21"/>sich bemühen zu müssen. – Ferner ist bey einem solchen Aggregate von Kennt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nissen, das den Nahmen Wissenschafft nicht mit Recht führt, eine Conversation<lb n="23"/>über Zweck und dergleichen Allgemeinheiten nicht von der historischen und<lb n="24"/>begrifflosen Weise verschieden, worin von dem Inhalte selbst, diesen Nerven,<lb n="25"/>Muskeln und so fort, gesprochen wird. Bey der Philosophie hingegen würde die</p>
<pb facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=15" type="duplicate_of_14" subtype="apparat"/>
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<pb n="10" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=16" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Ungleichheit entstehen, daß von einer solchen Weise Gebrauch gemacht, und<lb n="2"/>diese doch von ihr selbst als unfähig, die Wahrheit zu fassen, aufgezeigt würde.</p>
<p><lb n="3"/>So wird auch durch die Bestimmung des Verhältnisses, das ein philosophisches<lb n="4"/>Werk zu andern Bestrebungen über denselben Gegenstand zu haben glaubt, ein<lb n="5"/>fremdartiges Interesse hereingezogen, und das, worauf es bey der Erkenntniß der<lb n="6"/>Wahrheit ankommt, verdunkelt. So fest der Meynung der Gegensatz des Wahren<lb n="7"/>und des Falschen wird, so pflegt sie auch entweder Beystimmung oder Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>spruch gegen ein vorhandenes philosophisches System zu erwarten, und in einer<lb n="9"/>Erklärung über ein solches nur entweder das eine oder das andre zu sehen. Sie<lb n="10"/>begreifft die Verschiedenheit philosophischer Systeme nicht so sehr als die fort<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schreitende Entwiklung der Wahrheit, als sie in der Verschiedenheit nur den<lb n="12"/>Widerspruch sieht. Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüthe,<lb n="13"/>und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, eben so wird durch<lb n="14"/>die Frucht die Blüthe für ein falsches Daseyn der Pflanze erklärt, und als ihre Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>heit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur,<lb n="16"/>sondern verdrängen sich auch als unverträglich mit einander. Aber ihre flüßige<lb n="17"/>Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich<lb n="18"/>nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so nothwendig als das andere ist, und<lb n="19"/>diese gleiche Nothwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus. Aber der<lb n="20"/>Widerspruch gegen ein philosophisches System pflegt theils sich selbst nicht auf<lb n="21"/>diese Weise zu begreiffen, theils auch weiß das auffassende Bewußtseyn gemeinhin<lb n="22"/>nicht, ihn von seiner Einseitigkeit zu befreyen oder frey zu erhalten, und in der<lb n="23"/>Gestalt des streitend und sich zuwider scheinenden gegenseitig nothwendige<lb n="24"/>Momente zu erkennen.</p>
<p><lb n="25"/>Die Foderung von dergleichen Erklärungen so wie die Befriedigungen der<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>selben scheinen vielleicht das Wesentliche zu betreiben. Worin könnte mehr das<lb n="27"/>Innere einer philosophischen Schrift ausgesprochen seyn, als in den Zwecken<lb n="28"/>und Resultaten derselben, und wodurch diese bestimmter erkannt werden, als<lb n="29"/>durch ihre Verschiedenheit von dem, was das Zeitalter sonst in derselben Sphäre<lb n="30"/>hervorbringt? Wenn aber ein solches Thun für mehr als für den Anfang des<lb n="31"/>Erkennens, wenn es für das wirkliche Erkennen gelten soll, ist es in der That zu<lb n="32"/>den Erfindungen zu rechnen, die Sache selbst zu umgehen, und dieses beydes zu<lb n="33"/>verbinden, den Anschein des Ernstes und Bemühens um sie, und die wirkliche<lb n="34"/>Ersparung desselben. – Denn die Sache ist nicht in ihrem <hi rendition="#g">Zwecke</hi> erschöpft,<lb n="35"/>sondern in ihrer <hi rendition="#g">Ausführung</hi>, noch ist das <hi rendition="#g">Resultat</hi> das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Ganze,<lb n="36"/>sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige</p>
<pb n="11" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=17" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>Allgemeine, wie die Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch<lb n="2"/>entbehrt, und das nakte Resultat ist der Leichnam, der sie hinter sich gelassen. –<lb n="3"/>Ebenso ist die <hi rendition="#g">Verschiedenheit</hi> vielmehr die <hi rendition="#g">Gränze</hi> der Sache; sie ist da,<lb n="4"/>wo die Sache aufhört, oder sie ist das, was diese nicht ist. Solche Bemühungen<lb n="5"/>mit dem Zwecke oder den Resultaten, so wie mit den Verschiedenheiten und<lb n="6"/>Beurtheilungen des einen und des andern, sind daher eine leichtere Arbeit, als sie<lb n="7"/>vielleicht scheinen. Denn statt mit der Sache sich zu befassen, ist solches Thun<lb n="8"/>immer über sie hinaus, statt in ihr zu verweilen und sich in ihr zu vergessen greifft<lb n="9"/>solches Wissen immer nach einem Andern, und bleibt vielmehr bey sich selbst,<lb n="10"/>als daß es bey der Sache ist und sich ihr hingibt. – Das leichteste ist, was Gehalt und<lb n="11"/>Gediegenheit hat, zu beurtheilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beydes<lb n="12"/>vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.</p>
<p><lb n="13"/>Der Anfang der Bildung und des Herausarbeitens aus der Unmittelbarkeit des<lb n="14"/>substantiellen Lebens wird immer damit gemacht werden müssen, Kenntnisse<lb n="15"/>allgemeiner Grundsätze und Gesichtspunkte zu erwerben, sich nur erst zu dem<lb n="16"/>Gedanken der Sache überhaupt herauf zu arbeiten, nicht weniger sie mit Gründen<lb n="17"/>zu unterstützen oder zu widerlegen, die concrete und reiche Fülle nach Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heiten aufzufassen, und ordentlichen Bescheid und ernsthaftes Urtheil über sie zu<lb n="19"/>ertheilen zu wissen. Dieser Anfang der Bildung wird aber zunächst dem Ernste<lb n="20"/>des erfüllten Lebens Platz machen, der in die Erfahrung der Sache selbst hinein<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>führt, und wenn auch diß noch hinzukommt, daß der Ernst des Begriffs in ihre<lb n="22"/>Tiefe steigt, so wird eine solche Kenntniß und Beurtheilung in der Conversation<lb n="23"/>ihre schickliche Stelle behalten.</p>
<p><lb n="24"/>Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existirt, kann allein das wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>schafftliche System derselben seyn. Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der<lb n="26"/>Form der Wissenschaft näher komme, – dem Ziele, ihren Nahmen der <hi rendition="#g">Liebe</hi><lb n="27"/>zum <hi rendition="#g">Wissen</hi> ablegen zu können und <hi rendition="#g">wirkliches</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> zu seyn, – ist es,<lb n="28"/>was ich mir vorgesetzt. Die innere Nothwendigkeit, daß das Wissen Wissenschaft<lb n="29"/>sey, liegt in seiner Natur, und die befriedigende Erklärung hierüber ist allein die<lb n="30"/>Darstellung der Philosophie selbst. Die äussere Nothwendigkeit aber, in so fern<lb n="31"/>sie, abgesehen von der Zufälligkeit der Person und der individuellen Veranlassungen,<lb n="32"/>auf eine allgemeine Weise gefaßt wird, ist dasselbe, was die innere, in der Gestalt<lb n="33"/>wie die Zeit das Daseyn ihrer Momente vorstellt. Daß die Erhebung der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sophie zur Wissenschaft an der Zeit ist, diß aufzuzeigen würde daher die einzig</p>
<pb n="12" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=18" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>wahre Rechtfertigung der Versuche seyn, die diesen Zweck haben, weil sie die<lb n="2"/>Nothwendigkeit desselben darthun, ja weil sie ihn zugleich ausführen würde.</p>
<p><lb n="3"/>Indem die wahre Gestalt der Wahrheit in die Wissenschaftlichkeit gesetzt wird,<lb n="4"/>– oder was dasselbe ist, indem die Wahrheit behauptet wird, an dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi><lb n="5"/>allein das Element ihrer Existenz zu haben, – so weiß ich, daß diß im Widerspruch<lb n="6"/>mit einer Vorstellung und deren Folgen zu stehen scheint, welche eine so große<lb n="7"/>Anmaßung als Ausbreitung in der Ueberzeugung des Zeitalters hat. Eine Erklärung<lb n="8"/>über diesen Widerspruch scheint darum nicht überflüßig; wenn sie auch hier weiter<lb n="9"/>nichts, als gleichfalls eine Versicherung, wie das, gegen was sie geht, seyn kann.<lb n="10"/>Wenn nemlich das Wahre nur in demjenigen oder vielmehr nur als dasjenige<lb n="11"/>existirt, was bald Anschauung, bald unmittelbares Wissen des Absoluten, Religion,<lb n="12"/>das Seyn – nicht im Centrum der göttlichen Liebe, sondern das Seyn desselben<lb n="13"/>selbst – genannt wird, so wird von da aus zugleich für die Darstellung der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sophie vielmehr das Gegentheil der Form des Begriffs gefodert. Das Absolute soll<lb n="15"/>nicht begriffen, sondern gefühlt und angeschaut, nicht sein Begriff, sondern sein<lb n="16"/>Gefühl und Anschauung sollen das Wort führen und ausgesprochen werden.</p>
<p><lb n="17"/>Wird die Erscheinung einer solchen Foderung nach ihrem allgemeinern Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sammenhange aufgefaßt, und auf die Stuffe gesehen, worauf der selbstbewußte<lb n="19"/>Geist gegenwärtig steht, so ist er über das substantielle Leben, das er sonst im<lb n="20"/>Elemente des Gedankens führte, hinaus, – über diese Unmittelbarkeit seines Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>bens, über die Befriedigung und Sicherheit der Gewißheit, welche das Bewußtseyn<lb n="22"/>von seiner Versöhnung mit dem Wesen und dessen allgemeiner, der innern und<lb n="23"/>äussern, Gegenwart besaß. Er ist nicht nur darüber hinausgegangen, in das andere<lb n="24"/>Extrem der substanzlosen Reflexion seiner in sich selbst, sondern auch über diese.<lb n="25"/>Sein wesentliches Leben ist ihm nicht nur verloren, er ist auch dieses Verlustes,<lb n="26"/>und der Endlichkeit, die sein Inhalt ist, bewußt. Von den Trebern sich wegwendend,<lb n="27"/>daß er im Argen liegt, bekennend und darauf schmähend, verlangt er nun von der<lb n="28"/>Philosophie nicht sowohl das <hi rendition="#g">Wissen</hi> dessen, was er <hi rendition="#g">ist</hi>, als zur Herstellung jener<lb n="29"/>Substantialität und der Gediegenheit des Seyns erst wieder durch sie zu gelangen.<lb n="30"/>Diesem Bedürfnisse soll sie also nicht so sehr die Verschlossenheit der Substanz<lb n="31"/>aufschliessen, und diese zum Selbstbewußtseyn erheben, – nicht so sehr ihr chaoti-</p>
<pb n="13" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=19" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>sches Bewußtseyn zur gedachten Ordnung und zur Einfachheit des Begriffes zu<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>rückbringen, als vielmehr die Sonderungen des Gedankens zusammenschütten,<lb n="3"/>den unterscheidenden Begriff unterdrücken und das Gefühl des Wesens herstellen,<lb n="4"/>nicht sowohl <hi rendition="#g">Einsicht</hi> als <hi rendition="#g">Erbauung</hi> gewähren. Das Schöne, Heilige, Ewige,<lb n="5"/>die Religion und Liebe sind der Köder, der gefodert wird, um die Lust zum An<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>beissen zu erwecken, nicht der Begriff, sondern die Ekstase, nicht die kalt fort<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schreitende Nothwendigkeit der Sache, sondern die gährende Begeisterung soll<lb n="8"/>die Haltung und fortleitende Ausbreitung des Reichthums der Substanz seyn.</p>
<p><lb n="9"/>Dieser Foderung entspricht die angestrengte und fast eifernd und gereizt sich<lb n="10"/>zeigende Bemühung, die Menschen aus der Versunkenheit ins Sinnliche, Gemeine<lb n="11"/>und Einzelne herauszureissen und ihren Blick zu den Sternen aufzurichten; als<lb n="12"/>ob sie des Göttlichen ganz vergessend, mit Staub und Wasser, wie der Wurm,<lb n="13"/>auf dem Punkte sich zu befriedigen stünden. Sonst hatten sie einen Himmel mit<lb n="14"/>weitläuffigem Reichthume von Gedanken und Bildern ausgestattet. Von allem,<lb n="15"/>was ist, lag die Bedeutung in dem Lichtfaden, durch den es an den Himmel ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>knüpft war; an ihm, statt in <hi rendition="#g">dieser</hi> Gegenwart zu verweilen, glitt der Blick über<lb n="17"/>sie hinaus, zum göttlichen Wesen, zu einer, wenn man so sagen kann, jenseitigen<lb n="18"/>Gegenwart hinauf. Das Auge des Geistes mußte mit Zwang auf das Irdische gerich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>tet und bey ihm festgehalten werden; und es hat einer langen Zeit bedurft, jene<lb n="20"/>Klarheit, die nur das Ueberirdische hatte, in die Dumpfheit und Verworrenheit,<lb n="21"/>worin der Sinn des Disseitigen lag, hineinzuarbeiten, und die Aufmerksamkeit<lb n="22"/>auf das Gegenwärtige als solches, welche <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> genannt wurde, interessant<lb n="23"/>und geltend zu machen. – Jetzt scheint die Noth des Gegentheils vorhanden, der<lb n="24"/>Sinn so sehr in das Irdische festgewurzelt, daß es gleicher Gewalt bedarf, ihn dar<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>über zu erheben. Der Geist zeigt sich so arm, daß er sich, wie in der Sandwüste der<lb n="26"/>Wanderer nach einem einfachen Trunk Wassers, nur nach dem dürftigen Gefühle<lb n="27"/>des Göttlichen überhaupt für seine Erquickung zu sehnen scheint. An diesem,<lb n="28"/>woran dem Geiste genügt, ist die Größe seines Verlustes zu ermessen.</p>
<p><lb n="29"/>Diese Genügsamkeit des Empfangens oder Sparsamkeit des Gebens ziemt jedoch<lb n="30"/>der Wissenschaft nicht. Wer nur Erbauung sucht, wer seine irdische Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>faltigkeit des Daseyns und des Gedankens in Nebel einzuhüllen und nach dem<lb n="32"/>unbestimmten Genusse dieser unbestimmten Göttlichkeit verlangt, mag zusehen,<lb n="33"/>wo er diß findet; er wird leicht selbst sich etwas vorzuschwärmen und damit sich</p>
<pb n="14" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=20" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>aufzuspreitzen die Mittel finden. Die Philosophie aber muß sich hüten, erbaulich<lb n="2"/>seyn zu wollen.</p>
<p><lb n="3"/>Noch weniger muß diese Genügsamkeit, die auf die Wissenschaft Verzicht<lb n="4"/>thut, darauf Anspruch machen, daß solche Begeisterung und Trübheit etwas höheres<lb n="5"/>sey als die Wissenschaft. Dieses prophetische Reden meynt gerade so recht im<lb n="6"/>Mittelpunkte und der Tiefe zu bleiben, blickt verächtlich auf die Bestimmtheit<lb n="7"/>(den <hi rendition="#g">Horos</hi>) und hält sich absichtlich von dem Begriffe und der Nothwendigkeit<lb n="8"/>entfernt, als von der Reflexion, die nur in der Endlichkeit hauße. Wie es aber eine<lb n="9"/>leere Breite gibt, so auch eine leere Tiefe, wie eine Extension der Substanz, die sich<lb n="10"/>in endliche Mannichfaltigkeit ergießt, ohne Kraft sie zusammenzuhalten, – so ist<lb n="11"/>diß eine gehaltlose Intensität, welche als lautere Kraft ohne Ausbreitung sich hal<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tend, dasselbe ist, was die Oberflächlichkeit. Die Kraft des Geistes ist nur so groß<lb n="13"/>als ihre Aeusserung, seine Tiefe nur so tief als er in seiner Auslegung sich auszu<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>breiten und sich zu verlieren getraut. – Zugleich wenn diß begrifflose substantielle<lb n="15"/>Wissen die Eigenheit des Selbsts in dem Wesen versenkt zu haben und wahr und<lb n="16"/>heilig zu philosophiren vorgibt, so verbirgt es sich, daß es statt dem Gotte ergeben<lb n="17"/>zu seyn, durch die Verschmähung des Maßes und der Bestimmung vielmehr nur<lb n="18"/>bald in sich selbst die Zufälligkeit des Inhalts, bald in ihm die eigne Willkühr<lb n="19"/>gewähren läßt. – Indem sie sich dem ungebändigten Gähren der Substanz über<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lassen, meynen sie, durch die Einhüllung des Selbstbewußtseyns und Aufgeben<lb n="21"/>des Verstands, die <hi rendition="#g">Seinen</hi> zu seyn, denen Gott die Weisheit im Schlafe gibt; was<lb n="22"/>sie so in der That im Schlafe empfangen und gebähren, sind darum auch Träume.</p>
<p><lb n="23"/>Es ist übrigens nicht schwer, zu sehen, daß unsre Zeit eine Zeit der Geburt und<lb n="24"/>des Uebergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt<lb n="25"/>seines Daseyns und Vorstellens gebrochen, und steht im Begriffe, es in die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gangenheit hinab zuversenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist<lb n="27"/>er nie in Ruhe, sondern in immer fortschreitender Bewegung begriffen. Aber wie<lb n="28"/>beym Kinde nach langer stiller Ernährung der erste Athemzug jene Allmähligkeit<lb n="29"/>des nur vermehrenden Fortgangs abbricht, – ein qualitativer Sprung – und itzt<lb n="30"/>das Kind gebohren ist, so reifft der sich bildende Geist langsam und stille der neuen<lb n="31"/>Gestalt entgegen, lößt ein Theilgen des Baues seiner vorgehenden <hi rendition="#g">Welt</hi> nach<lb n="32"/>dem andern auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet;</p>
<pb n="15" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=21" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>der Leichtsinn wie die Langeweile, die im Bestehenden einreissen, die unbestimmte<lb n="2"/>Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, daß etwas Anderes im Anzuge ist.<lb n="3"/>Diß allmählige Zerbrökeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte,<lb n="4"/>wird durch den Aufgang unterbrochen, der ein Blitz in einemmahle das Gebilde<lb n="5"/>der neuen Welt hinstellt.</p>
<p><lb n="6"/>Allein eine vollkommne Wirklichkeit hat diß Neue so wenig als das eben<lb n="7"/>gebohrne Kind; und diß ist wesentlich nicht ausser Acht zu lassen. Das erste Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>treten ist erst seine Unmittelbarkeit oder sein Begriff. So wenig ein Gebäude fertig<lb n="9"/>ist, wenn sein Grund gelegt worden, so wenig ist der erreichte Begriff des Ganzen<lb n="10"/>das Ganze selbst. Wo wir eine Eiche in der Krafft ihres Stammes und in der Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>breitung ihrer Aeste und den Massen ihrer Belaubung zu sehen wünschen, sind wir<lb n="12"/>nicht zufrieden, wenn uns an dieser Stelle eine Eichel gezeigt wird. So ist die<lb n="13"/>Wissenschaft, die Krone einer Welt des Geistes, nicht in ihrem Anfange vollendet.<lb n="14"/>Der Anfang des neuen Geistes ist das Product einer weitläuffigen Umwälzung<lb n="15"/>von mannichfaltigen Bildungsformen, der Preis eines vielfach verschlungnen Weges<lb n="16"/>und eben so vielfacher Anstrengung und Bemühung. Er ist das aus der Succeßion<lb n="17"/>wie aus seiner Ausdehnung in sich zurückgegangene Ganze, der gewordne <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">fache</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> desselben. Die Wirklichkeit dieses einfachen Ganzen aber besteht<lb n="19"/>darin, daß jene zu Momenten gewordne Gestaltungen sich wieder von neuem,<lb n="20"/>aber in ihrem neuen Elemente, in dem gewordenen Sinne entwickeln und Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tung geben.</p>
<p><lb n="22"/>Indem einerseits die erste Erscheinung der neuen Welt nur erst das in seine<lb n="23"/><hi rendition="#g">Einfachheit</hi> verhüllte Ganze oder sein allgemeiner Grund ist, so ist dem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wußtseyn dagegen der Reichthum des vorhergehenden Daseyns noch in der<lb n="25"/>Erinnerung gegenwärtig. Es vermißt an der neu erscheinenden Gestalt die Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>breitung und Besonderung des Inhalts; noch mehr aber vermißt es die Ausbildung<lb n="27"/>der Form, wodurch die Unterschiede mit Sicherheit bestimmt und in ihre festen<lb n="28"/>Verhältnisse geordnet sind. Ohne diese Ausbildung entbehrt die Wissenschaft der<lb n="29"/>allgemeinen <hi rendition="#g">Verständlichkeit</hi>, und hat den Schein, ein esoterisches Besitzthum<lb n="30"/>einiger Einzelnen zu seyn; – ein esoterisches Besitzthum: denn sie ist nur erst in<lb n="31"/>ihrem Begriffe oder ihr Innres vorhanden; einiger Einzelnen: denn ihre unaus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gebreitete Erscheinung macht ihr Daseyn zum Einzelnen. Erst was vollkommen<lb n="33"/>bestimmt ist, ist zugleich exoterisch, begreifflich, und fähig, gelernt und das Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>thum Aller zu seyn. Die verständige Form der Wissenschaft ist der Allen dar<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gebotene und für Alle gleichgemachte Weg zu ihr, und durch den Verstand zum</p>
<pb n="16" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=22" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>vernünftigen Wissen zu gelangen ist die gerechte Foderung des Bewußtseyns,<lb n="2"/>das zur Wissenschaft hinzutritt; denn der Verstand ist das Denken, das reine Ich<lb n="3"/>überhaupt; und das Verständige ist das schon bekannte und das gemeinschaftliche<lb n="4"/>der Wissenschaft und des unwissenschaftlichen Bewußtseyns, wodurch dieses un<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>mittelbar in jene einzutreten vermag.</p>
<p><lb n="6"/>Die Wissenschaft, die erst beginnt, und es also noch weder zur Vollständigkeit<lb n="7"/>des Details noch zur Vollkommenheit der Form gebracht hat, ist dem Tadel dar<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>über ausgesetzt. Aber wenn dieser ihr Wesen treffen soll, so würde er ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>gerecht seyn, als es unstatthaft ist, die Foderung jener Ausbildung nicht anerkennen<lb n="10"/>zu wollen. Dieser Gegensatz scheint der hauptsächlichste Knoten zu seyn, an dem<lb n="11"/>die wissenschaftliche Bildung sich gegenwärtig zerarbeitet und worüber sie sich<lb n="12"/>noch nicht gehörig versteht. Der eine Theil pocht auf den Reichthum des Materials<lb n="13"/>und die Verständlichkeit, der andre verschmäht wenigstens diese und pocht auf die<lb n="14"/>unmittelbare Vernünftigkeit und Göttlichkeit. Wenn auch jener Theil, es sey<lb n="15"/>durch die Kraft der Wahrheit allein oder auch durch das Ungestüm des andern<lb n="16"/>zum Stillschweigen gebracht ist, und wenn er in Ansehung des Grunds der Sache<lb n="17"/>sich überwältigt fühlte, so ist er darum in Ansehung jener Foderungen nicht<lb n="18"/>befriedigt, denn sie sind gerecht, aber nicht erfüllt. Sein Stillschweigen gehört nur<lb n="19"/>halb dem Siege, halb aber der Langeweile und Gleichgültigkeit, welche die Folge<lb n="20"/>einer beständig erregten Erwartung und nicht erfolgten Erfüllung der Versprechun<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gen zu seyn pflegt.</p>
<p><lb n="22"/>In Ansehung des Inhalts machen die Andern sich es wohl zuweilen leicht genug,<lb n="23"/>eine große Ausdehnung zu haben. Sie ziehen auf ihren Boden eine Menge Material,<lb n="24"/>nemlich das schon Bekannte und Geordnete, herein, und indem sie sich vornem<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lich mit den Sonderbarkeiten und Curiositäten zu thun machen, scheinen sie um<lb n="26"/>so mehr das übrige, womit das Wissen in seiner Art schon fertig war, zu besitzen,<lb n="27"/>zugleich auch das noch ungeregelte zu beherrschen, und somit alles der absoluten<lb n="28"/>Idee zu unterwerfen, welche hiemit in Allem erkannt, und zur ausgebreiteten<lb n="29"/>Wissenschaft gediehen zu seyn scheint. Näher aber diese Ausbreitung betrachtet,<lb n="30"/>so zeigt sie sich nicht dadurch zu Stande gekommen, daß ein und dasselbe sich<lb n="31"/>selbst verschieden gestaltet hätte, sondern sie ist die gestaltlose Wiederhohlung</p>
<pb n="17" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=23" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>des Einen und Desselben, das nur an das verschiedene Material äusserlich an<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gewendet ist, und einen langweiligen Schein der Verschiedenheit erhält. Die für<lb n="3"/>sich wohl wahre Idee bleibt in der That nur immer in ihrem Anfange stehen, wenn<lb n="4"/>die Entwicklung in nichts als in einer solchen Wiederholung derselben Formel<lb n="5"/>besteht. Die Eine unbewegte Form vom wissenden Subjecte an dem Vorhandenen<lb n="6"/>herumgeführt, das Material in diß ruhende Element von aussenher eingetaucht,<lb n="7"/>diß ist so wenig, als willkührliche Einfälle über den Inhalt, die Erfüllung dessen,<lb n="8"/>was gefodert wird, nemlich der aus sich entspringende Reichthum und sich selbst<lb n="9"/>bestimmende Unterschied der Gestalten. Es ist vielmehr ein einfärbiger Formalis<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>mus, der nur zum Unterschiede des Stoffes und zwar dadurch kommt, weil dieser<lb n="11"/>schon bereitet und bekannt ist.</p>
<p><lb n="12"/>Dabey behauptet er diese Eintönigkeit und die abstracte Allgemeinheit für das<lb n="13"/>Absolute; er versichert, daß die Ungenügsamkeit mit ihr eine Unfähigkeit sey,<lb n="14"/>sich des absoluten Standpunktes zu bemächtigen und auf ihm fest zu halten. Wenn<lb n="15"/>sonst die leere Möglichkeit sich etwas auf eine andere Weise vorzustellen hinreichte,<lb n="16"/>um eine Vorstellung zu widerlegen, und dieselbe blosse Möglichkeit, der allgemeine<lb n="17"/>Gedanke, auch den ganzen positiven Werth des wirklichen Erkennens hatte, so<lb n="18"/>sehen wir hier ebenso der allgemeinen Idee in dieser Form der Unwirklichkeit<lb n="19"/>allen Werth zugeschrieben, und die Auflösung des Unterschiedenen und Bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ten, oder vielmehr das weiter nicht entwickelte noch an ihm selbst sich recht<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>fertigende Hinunterwerfen desselben in den Abgrund des Leeren für speculative<lb n="22"/>Betrachtungsart gelten. Irgend ein Daseyn, wie es im <hi rendition="#g">Absoluten</hi> ist, betrachten,<lb n="23"/>besteht hier in nichts anderem, als daß davon gesagt wird, es sey zwar jetzt von ihm<lb n="24"/>gesprochen worden, als von einem Etwas, im Absoluten, dem A=A, jedoch gebe<lb n="25"/>es dergleichen gar nicht, sondern darin sey alles Eins. Diß Eine Wissen, daß im<lb n="26"/>Absoluten Alles gleich ist, der unterscheidenden und erfüllten oder Erfüllung<lb n="27"/>suchenden und fodernden Erkenntniß entgegenzusetzen, – oder sein <hi rendition="#g">Absolutes</hi><lb n="28"/>für die Nacht auszugeben, worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz<lb n="29"/>sind, ist die Naivität der Leere an Erkenntniß. – Der Formalismus, den die Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sophie neuerer Zeit verklagt und geschmäht, und der sich in ihr selbst wieder er<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zeugte, wird, wenn auch seine Ungenügsamkeit bekannt und gefühlt ist, aus der<lb n="32"/>Wissenschaft nicht verschwinden, bis das Erkennen der absoluten Wirklichkeit<lb n="33"/>sich über seine Natur vollkommen klar geworden ist. – In der Rücksicht, daß die<lb n="34"/>allgemeine Vorstellung, wenn sie dem, was ein Versuch ihrer Ausführung ist, voran<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>geht, das Auffassen der letztern erleichtert, ist es dienlich das Ungefähre derselben</p>
<pb n="18" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=24" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>hier anzudeuten, in der Absicht zugleich, bey dieser Gelegenheit einige Formen<lb n="2"/>zu entfernen, deren Gewohnheit ein Hinderniß für das philosophische Erkennen ist.</p>
<p><lb n="3"/>Es kömmt nach meiner Einsicht, welche sich durch die Darstellung des Systems<lb n="4"/>selbst rechtfertigen muß, alles darauf an, das Wahre nicht als <hi rendition="#g">Substanz</hi>, sondern<lb n="5"/>eben so sehr als <hi rendition="#g">Subject</hi> aufzufassen und auszudrücken. Zugleich ist zu bemerken,<lb n="6"/>daß die Substantialität so sehr das Allgemeine, oder die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">Wissens</hi>, als diejenige, welche <hi rendition="#g">Seyn</hi> oder Unmittelbarkeit <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Wissen<lb n="8"/>ist, in sich schließt. – Wenn, Gott als die Eine Substanz zu fassen, das Zeitalter<lb n="9"/>empörte, worin diese Bestimmung ausgesprochen wurde, so lag theils der Grund<lb n="10"/>hievon in dem Instincte, daß darin das Selbstbewußtseyn nur untergegangen,<lb n="11"/>nicht erhalten ist, theils aber ist das Gegentheil, welches das Denken als Denken<lb n="12"/>festhält, die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, dieselbe Einfachheit oder ununterschiedne, un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bewegte Substantialität, und wenn drittens das Denken das Seyn der Substanz als<lb n="14"/>solche mit sich vereint und die Unmittelbarkeit oder das Anschauen als Denken<lb n="15"/>erfaßt, so kömmt es noch darauf an, ob dieses intellectuelle Anschauen nicht wieder<lb n="16"/>in die träge Einfachheit zurückfällt, und die Wirklichkeit selbst auf eine unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>liche Weise darstellt.</p>
<p><lb n="18"/>Die lebendige Substanz ist ferner das Seyn, welches in Wahrheit <hi rendition="#g">Subject</hi>,<lb n="19"/>oder was dasselbe heißt, welches in Wahrheit wirklich ist, nur insofern sie die<lb n="20"/>Bewegung des sich selbst Setzens, oder die Vermittlung des sich anders Werdens<lb n="21"/>mit sich selbst ist. Sie ist als Subject die reine <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Negativität</hi>, eben<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dadurch die Entzweyung des Einfachen, oder die entgegensetzende Verdopplung,<lb n="23"/>welche wieder die Negation dieser gleichgültigen Verschiedenheit und ihres Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>satzes ist; nur diese sich <hi rendition="#g">wiederherstellende</hi> Gleichheit oder die Reflexion im<lb n="25"/>Andersseyn in sich selbst – nicht eine <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> Einheit als solche, oder<lb n="26"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> als solche, ist das Wahre. Es ist das Werden seiner selbst, der Kreis,<lb n="27"/>der sein Ende als seinen Zweck voraussetzt und zum Anfange hat, und nur durch<lb n="28"/>die Ausführung und sein Ende wirklich ist.</p>
<p><lb n="29"/>Das Leben Gottes und das göttliche Erkennen mag also wohl als ein Spielen<lb n="30"/>der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden; diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit<lb n="31"/>und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit<lb n="32"/>des Negativen darin fehlt. <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist jenes Leben wohl die ungetrübte Gleichheit<lb n="33"/>und Einheit mit sich selbst, der es kein Ernst mit dem Andersseyn und der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>fremdung, so wie mit dem Ueberwinden dieser Entfremdung ist. Aber diß <hi rendition="#g">An</hi></p>
<pb n="19" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=25" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist die abstracte Allgemeinheit, in welcher von seiner Natur, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, und damit überhaupt von der Selbstbewegung der Form abgesehen wird.<lb n="3"/>Wenn die Form als dem Wesen gleich ausgesagt wird, so ist es ebendarum ein<lb n="4"/>Mißverstand, zu meynen, daß das Erkennen sich mit dem Ansich oder dem Wesen<lb n="5"/>begnügen, die Form aber ersparen könne; – daß der absolute Grundsatz oder die<lb n="6"/>absolute Anschauung, die Ausführung des erstern oder die Entwicklung der andern<lb n="7"/>entbehrlich mache. Gerade weil die Form dem Wesen so wesentlich ist, als es sich<lb n="8"/>selbst, ist es nicht bloß als Wesen, d. h. als unmittelbare Substanz, oder als reine<lb n="9"/>Selbstanschauung des Göttlichen zu fassen und auszudrücken, sondern ebensosehr<lb n="10"/>als <hi rendition="#g">Form</hi> und im ganzen Reichthum der entwickelten Form; dadurch wird es<lb n="11"/>erst als Wirkliches gefaßt und ausgedrückt.</p>
<p><lb n="12"/>Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung<lb n="13"/>sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich<lb n="14"/><hi rendition="#g">Resultat</hi>, daß es erst am <hi rendition="#g">Ende</hi> das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben<lb n="15"/>besteht seine Natur, Wirkliches, Subject, oder sich selbst Werden, zu seyn. So<lb n="16"/>widersprechend es scheinen mag, daß das Absolute wesentlich als Resultat zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>greiffen sey, so stellt doch eine geringe Ueberlegung diesen Schein von Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>spruch zurecht. Der Anfang, das Princip, oder das Absolute, wie es zuerst und<lb n="19"/>unmittelbar ausgesprochen wird, ist nur das Allgemeine. So wenig, wenn ich sage:<lb n="20"/><hi rendition="#g">alle</hi> Thiere, diß Wort für eine Zoologie gelten kann, ebenso fällt es auf, daß die<lb n="21"/>Worte des Göttlichen, Absoluten, Ewigen u.s.w. das nicht aussprechen, was darin<lb n="22"/>enthalten ist; – und nur solche Worte drücken in der That die Anschauung als das<lb n="23"/>Unmittelbare aus. Was mehr ist, als ein solches Wort, der Uebergang auch nur<lb n="24"/>zu einem Satze, ist ein <hi rendition="#g">Anderswerden</hi>, das zurückgenommen werden muß,<lb n="25"/>ist eine Vermittlung. Diese aber ist das, was perhorrescirt wird, als ob dadurch,<lb n="26"/>daß mehr aus ihr gemacht wird denn nur diß, daß sie nichts absolutes und im<lb n="27"/>Absoluten gar nicht sey, die absolute Erkenntniß aufgegeben wäre.</p>
<p><lb n="28"/>Diß Perhorresciren stammt aber in der That aus der Unbekanntschaft mit der<lb n="29"/>Natur der Vermittlung und des absoluten Erkennens selbst. Denn die Vermittlung<lb n="30"/>ist nichts anders als die sich bewegende Sichselbstgleichheit, oder sie ist die Reflexion<lb n="31"/>in sich selbst, das Moment des fürsichseyenden Ich, die reine Negativität oder das<lb n="32"/><hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Werden</hi>. Das Ich, oder das Werden überhaupt, dieses Vermitteln ist<lb n="33"/>um seiner Einfachheit willen eben die werdende Unmittelbarkeit und das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>mittelbare selbst. – Es ist daher ein Verkennen der Vernunft, wenn die Reflexion<lb n="35"/>aus dem Wahren ausgeschlossen und nicht als positives Moment des Absoluten</p>
<pb n="20" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=26" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>erfaßt wird. Sie ist es, die das Wahre zum Resultate macht, aber diesen Gegensatz<lb n="2"/>gegen sein Werden ebenso aufhebt, denn diß Werden ist ebenso einfach und daher<lb n="3"/>von der Form des Wahren, im Resultate sich als <hi rendition="#g">einfach</hi> zu zeigen, nicht ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schieden; es ist vielmehr eben diß Zurückgegangenseyn in die Einfachheit. – Wenn<lb n="5"/>der Embryo wohl <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Mensch ist, so ist er es aber nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; für sich<lb n="6"/>ist er es nur, als gebildete Vernunft, die sich zu dem <hi rendition="#g">gemacht</hi> hat, was sie <hi rendition="#g">an</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist. Diß erst ist ihre Wirklichkeit. Aber diß Resultat ist selbst einfache Un<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>mittelbarkeit, denn es ist die selbstbewußte Freyheit, die in sich selbst ruht, und den<lb n="9"/>Gegensatz nicht auf die Seite gebracht hat und ihn da liegen läßt, sondern mit ihm<lb n="10"/>versöhnt ist.</p>
<p><lb n="11"/>Das Gesagte kann auch so ausgedrückt werden, daß die Vernunft das <hi rendition="#g">zweck<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">mäßige</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> ist. Die Erhebung der vermeinten Natur über das miskannte<lb n="13"/>Denken, und zunächst die Verbannung der äussern Zweckmäßigkeit hat die Form<lb n="14"/>des <hi rendition="#g">Zwecks</hi> überhaupt in Mißkredit gebracht. Allein, wie auch Aristoteles die<lb n="15"/>Natur als das zweckmäßige Thun bestimmt, der Zweck ist das Unmittelbare, das<lb n="16"/>Ruhende, welches selbst bewegend, oder Subject ist. Seine abstracte Krafft zu<lb n="17"/>bewegen ist das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> oder die reine Negativität. Das Resultat ist nur darum<lb n="18"/>dasselbe, was der Anfang, weil der Anfang Zweck ist; – oder das Wirkliche ist nur<lb n="19"/>darum dasselbe, was sein Begriff, weil das Unmittelbare als Zweck das Selbst oder<lb n="20"/>die reine Wirklichkeit in ihm selbst hat. Der ausgeführte Zweck oder das daseyende<lb n="21"/>Wirkliche ist die Bewegung und das entfaltete Werden; eben diese Unruhe aber<lb n="22"/>ist das Selbst; und jener Unmittelbarkeit und Einfachheit des Anfangs ist es darum<lb n="23"/>gleich, weil es das Resultat, das in sich Zurückgekehrte, – das in sich Zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gekehrte aber eben das Selbst, und das Selbst die sich auf sich beziehende Gleichheit<lb n="25"/>und Einfachheit ist.</p>
<p><lb n="26"/>Das Bedürfniß, das Absolute als <hi rendition="#g">Subject</hi> vorzustellen, bediente sich der Sätze:<lb n="27"/><hi rendition="#g">Gott</hi> ist das Ewige, oder die moralische Weltordnung oder die Liebe u.s.f. In<lb n="28"/>solchen Sätzen ist das Wahre nur geradezu als Subject gesetzt, nicht aber als die<lb n="29"/>Bewegung des sich in sich selbst Reflectirens dargestellt. Es wird in einem Satze<lb n="30"/>der Art mit dem Worte: <hi rendition="#g">Gott</hi>, angefangen. Diß für sich ist ein sinnloser Laut,<lb n="31"/>ein blosser Nahme; erst das Prädicat sagt, <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, ist seine Erfüllung und<lb n="32"/>Bedeutung; der leere Anfang wird nur in diesem Ende ein wirkliches Wissen.</p>
<pb n="21" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=27" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Insofern ist nicht abzusehen, warum nicht vom Ewigen, der moralischen Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ordnung u.s.f. oder wie die Alten thaten, von reinen Begriffen, dem Seyn, dem<lb n="3"/>Einen u.s.f. von dem, was die Bedeutung ist, allein gesprochen wird, ohne den<lb n="4"/>sinnlosen Laut noch hinzuzufügen. Aber durch diß Wort wird eben bezeichnet,<lb n="5"/>daß nicht ein Seyn oder Wesen oder Allgemeines überhaupt, sondern ein in sich<lb n="6"/>reflectirtes, ein Subject gesetzt ist. Allein zugleich ist diß nur anticipirt. Das Subject<lb n="7"/>ist als fester Punkt angenommen, an den als ihren Halt die Prädicate geheftet sind,<lb n="8"/>durch eine Bewegung, die dem von ihm Wissenden angehört, und die auch nicht<lb n="9"/>dafür angesehen wird, dem Punkte selbst anzugehören; durch sie aber wäre allein<lb n="10"/>der Inhalt als Subject dargestellt. In der Art, wie diese Bewegung beschaffen ist,<lb n="11"/>kann sie ihm nicht angehören; aber nach Voraussetzung jenes Punkts kann sie auch<lb n="12"/>nicht anders beschaffen, kann sie nur äusserlich seyn. Jene Anticipation, daß das<lb n="13"/>Absolute Subject ist, ist daher nicht nur nicht die Wirklichkeit dieses Begriffs, son<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>dern macht sie sogar unmöglich, denn jene setzt ihn als ruhenden Punkt, diese<lb n="15"/>aber ist die Selbstbewegung.</p>
<p><lb n="16"/>Unter mancherley Folgerungen, die aus dem Gesagten fließen, kann diese heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gehoben werden, daß das Wissen nur als Wissenschafft oder als <hi rendition="#g">System</hi> wirklich<lb n="18"/>ist, und dargestellt werden kann. Daß ferner ein sogenannter Grundsatz oder Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>cip der Philosophie, wenn es wahr ist, schon darum auch falsch ist, weil er Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>satz oder Princip ist. – Es ist deßwegen leicht ihn zu widerlegen. Die Widerlegung<lb n="21"/>besteht darin, daß sein Mangel aufgezeigt wird; mangelhaft aber ist er, weil er<lb n="22"/>nur das Allgemeine oder Princip, der Anfang, ist. Ist die Widerlegung gründlich,<lb n="23"/>so ist sie aus ihm selbst genommen und entwickelt, – nicht durch entgegengesetzte<lb n="24"/>Versicherungen und Einfälle von aussenher bewerkstelligt. Sie würde also eigentlich<lb n="25"/>seine Entwicklung und somit die Ergänzung seiner Mangelhaftigkeit seyn, wenn<lb n="26"/>sie sich nicht darin verkännte, daß sie ihre <hi rendition="#g">negative</hi> Seite allein beachtet, und<lb n="27"/>ihres Fortgangs und Resultates nicht auch nach seiner <hi rendition="#g">positiven</hi> Seite bewußt<lb n="28"/>wird. – Die eigentliche <hi rendition="#g">positive</hi> Ausführung des Anfangs ist zugleich umgekehrt<lb n="29"/>ebensosehr ein negatives Verhalten gegen ihn, nemlich gegen seine einseitige Form,<lb n="30"/>erst <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> oder <hi rendition="#g">Zweck</hi> zu seyn. Sie kann somit eben so sehr als die<lb n="31"/>Widerlegung desjenigen genommen werden, was den <hi rendition="#g">Grund</hi> des Systems aus-</p>
<pb n="22" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=28" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>macht, besser aber, als ein Aufzeigen, daß der <hi rendition="#g">Grund</hi> oder das Princip des Systems<lb n="2"/>in der That nur sein <hi rendition="#g">Anfang</hi> ist.</p>
<p><lb n="3"/>Daß das Wahre nur als System wirklich, oder daß die Substanz wesentlich<lb n="4"/>Subject ist, ist in der Vorstellung ausgedrückt, welche das Absolute als <hi rendition="#g">Geist</hi><lb n="5"/>ausspricht, – der erhabenste Begriff, und der der neuern Zeit und ihrer Religion<lb n="6"/>angehört. Das Geistige allein ist das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi>; es ist das Wesen oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="7"/>seyende, – das sich <hi rendition="#g">Verhaltende</hi> oder bestimmte, das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> und <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyn</hi> – und in dieser Bestimmtheit oder seinem Aussersichseyn in sich selbst<lb n="9"/>bleibende; – oder es ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>. – Diß an und für sich seyn aber ist es<lb n="10"/>erst für uns oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, oder es ist die geistige <hi rendition="#g">Substanz</hi>. Es muß diß auch<lb n="11"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, – muß das Wissen von dem Geistigen und das Wissen von sich<lb n="12"/>als dem Geiste seyn; das heißt, es muß sich als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> seyn, aber eben so<lb n="13"/>unmittelbar als <hi rendition="#g">vermittelter</hi> das heißt aufgehobener, in sich reflectirter Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stand. Er ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nur für uns, in so fern sein geistiger Inhalt durch ihn selbst<lb n="15"/>erzeugt ist; in so fern er aber auch für sich selbst für sich ist, so ist dieses Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>erzeugen, der reine Begriff, ihm zugleich das gegenständliche Element, worin er<lb n="17"/>sein Daseyn hat; und er ist auf diese Weise in seinem Daseyn für sich selbst in sich<lb n="18"/>reflectirter Gegenstand. – Der Geist, der sich so als Geist weiß, ist die <hi rendition="#g">Wissen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">schaft</hi>. Sie ist seine Wirklichkeit und das Reich, das er sich in seinem eigenen<lb n="20"/>Elemente erbaut.</p>
<p><lb n="21"/>Das <hi rendition="#g">reine</hi> Selbsterkennen im absoluten Andersseyn, dieser Aether <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solcher</hi>,<lb n="22"/>ist der Grund und Boden der Wissenschaft oder das <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi>.<lb n="23"/>Der Anfang der Philosophie macht die Voraussetzung oder Foderung, daß das<lb n="24"/>Bewußtseyn sich in diesem Elemente befinde. Aber dieses Element hat seine Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>endung und Durchsichtigkeit selbst nur durch die Bewegung seines Werdens. Es<lb n="26"/>ist die reine Geistigkeit, oder das Allgemeine, das die Weise der einfachen Un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>mittelbarkeit hat. Weil es die Unmittelbarkeit des Geistes, weil die Substanz über<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>haupt der Geist ist, ist sie die <hi rendition="#g">verklärte</hi> <hi rendition="#g">Wesenheit</hi>, die Reflexion, die selbst<lb n="29"/>einfach oder die Unmittelbarkeit ist, das Seyn, das die Reflexion in sich selbst ist.</p>
<pb n="23" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=29" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>Die Wissenschaft von ihrer Seite verlangt vom Selbstbewußtseyn, daß es in diesen<lb n="2"/>Aether sich erhoben habe, um mit ihr und in ihr leben zu können und zu leben.<lb n="3"/>Umgekehrt hat das Individuum das Recht zu fodern, daß die Wissenschaft ihm die<lb n="4"/>Leiter wenigstens zu diesem Standpunkte reiche. Sein Recht gründet sich auf seine<lb n="5"/>absolute Selbstständigkeit, die es in jeder Gestalt seines Wissens zu besitzen weiß,<lb n="6"/>denn in jeder, sey sie von der Wissenschaft anerkannt oder nicht, und der Inhalt<lb n="7"/>sey welcher er wolle, ist es die absolute Form zugleich oder hat die <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">bare</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst; und, wenn dieser Ausdruck vorgezogen würde,<lb n="9"/>damit unbedingtes <hi rendition="#g">Seyn</hi>. Wenn der Standpunkt des Bewußtseyns, von gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ständlichen Dingen im Gegensatze gegen sich selbst, und von sich selbst im Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>satze gegen sie zu wißen, der Wissenschafft als das <hi rendition="#g">Andre</hi> gilt, – das, worin es<lb n="12"/>bey sich selbst ist, vielmehr, als der Verlust des Geistes, – so ist ihm dagegen das<lb n="13"/>Element der Wissenschaft eine jenseitige Ferne, worin es nicht mehr sich selbst<lb n="14"/>besitzt. Jeder von diesen beyden Theilen scheint für den andern das Verkehrte der<lb n="15"/>Wahrheit zu seyn. Daß das natürliche Bewußtseyn sich der Wissenschaft unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bar anvertraut, ist ein Versuch, den es, es weiß nicht von was angezogen, macht,<lb n="17"/>auch einmal auf dem Kopfe zu gehen; der Zwang diese ungewohnte Stellung<lb n="18"/>anzunehmen und sich in ihr zu bewegen ist eine so unvorbereitete als unnöthig<lb n="19"/>scheinende Gewalt, die ihm angemuthet wird, sich anzuthun. – Die Wissenschaft<lb n="20"/>sey an ihr selbst, was sie will, im Verhältnisse zum unmittelbaren Selbstbewußtseyn<lb n="21"/>stellt sie sich als ein Verkehrtes gegen es dar, oder weil das unmittelbare Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>seyn das Princip der Wirklichkeit ist, trägt sie, indem es für sich ausser ihr ist, die<lb n="23"/>Form der Unwirklichkeit. Sie hat darum jenes Element mit ihr zu vereinigen,<lb n="24"/>oder vielmehr zu zeigen, daß und wie es ihr selbst angehört. Der Wirklichkeit<lb n="25"/>entbehrend, ist sie nur das <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, der <hi rendition="#g">Zweck</hi>, der erst noch ein <hi rendition="#g">Innres</hi>, nicht<lb n="26"/>als Geist, nur erst geistige Substanz ist. Sie hat sich zu äussern und für sich selbst zu<lb n="27"/>werden, diß heißt nichts anders, als sie hat das Selbstbewußtseyn als eins mit sich<lb n="28"/>zu setzen.</p>
<pb n="24" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=30" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Diß Werden der <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, oder des <hi rendition="#g">Wissens</hi>, ist es, was<lb n="2"/>diese <hi rendition="#g">Phänomenologie</hi> des Geistes, als der erste Theil des Systems derselben,<lb n="3"/>darstellt. Das Wissen, wie es zuerst ist, oder der <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> ist das<lb n="4"/>geistlose, oder ist das <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Um zum eigentlichen Wissen<lb n="5"/>zu werden, oder das Element der Wissenschaft, was ihr reiner Begriff ist, zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zeugen, hat er durch einen langen Weg sich hindurch zu arbeiten. – Dieses Werden,<lb n="7"/>wie es in seinem Inhalte und den Gestalten, die sich in ihm zeigen, aufgestellt ist,<lb n="8"/>erscheint als etwas anderes, denn als die Anleitung des unwissenschaftlichen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wußtseyns zur Wissenschaft; auch etwas anderes, als die Begründung der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schaft; – so ohnehin, als die Begeisterung, die wie aus der Pistole mit dem absoluten<lb n="11"/>Wissen unmittelbar anfängt, und mit andern Standpunkten dadurch schon fertig<lb n="12"/>ist, daß sie keine Notiz davon zu nehmen erklärt.</p>
<p><lb n="13"/>Die Aufgabe aber, das Individuum von seinem ungebildeten Standpunkte aus<lb n="14"/>zum Wissen zu führen, war in ihrem allgemeinen Sinn zu fassen, und das allgemeine<lb n="15"/>Individuum, der Weltgeist, in seiner Bildung zu betrachten. – Was das Verhältniß<lb n="16"/>beyder betrifft, so zeigt sich in dem allgemeinen Individuum jedes Moment, wie<lb n="17"/>es die concrete Form und eigne Gestaltung gewinnt. Das besondre Individuum<lb n="18"/>aber ist der unvollständige Geist, eine concrete Gestalt, deren ganzes Daseyn Einer<lb n="19"/>Bestimmtheit zufällt, und worin die andern nur in verwischten Zügen vorhanden<lb n="20"/>sind. In dem Geiste, der höher steht als ein anderer, ist das niedrigere concrete<lb n="21"/>Daseyn zu einem unscheinbaren Momente herabgesunken; was vorher die Sache<lb n="22"/>selbst war, ist nur noch eine Spur; ihre Gestalt ist eingehüllt und eine einfache<lb n="23"/>Schattirung geworden. Diese Vergangenheit durchläufft das Individuum, dessen<lb n="24"/>Substanz der höher stehende Geist ist, auf die Art, wie der eine höhere Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>schaft vornimmt, die Vorbereitungskenntnisse, die er längst inne hat, um sich ihren<lb n="26"/>Inhalt gegenwärtig zu machen, durchgeht; er rufft die Erinnerung desselben zu-</p>
<pb n="25" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=31" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>rück, ohne darin sein Interesse und Verweilen zu haben. So durchlaufft jeder<lb n="2"/>einzelne auch die Bildungsstuffen des allgemeinen Geistes, aber als vom Geiste<lb n="3"/>schon abgelegte Gestalten, als Stuffen eines Wegs, der ausgearbeitet und geebnet ist;<lb n="4"/>wie wir in Ansehung der Kenntnisse das, was in frühern Zeitaltern den reifen Geist<lb n="5"/>der Männer beschäfftigte, zu Kenntnissen, Uebungen und selbst Spielen des Knabens<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>alters herabgesunken sehen, und in dem pädagogischen Fortschreiten die wie im<lb n="7"/>Schattenrisse nachgezeichnete Geschichte der Bildung der Welt erkennen werden. Diß<lb n="8"/>vergangne Daseyn ist schon erworbnes Eigenthum des allgemeinen Geistes, der die<lb n="9"/>Substanz des Individuums oder seine unorganische Natur ausmacht. – Die Bildung<lb n="10"/>des Individuums in dieser Rücksicht besteht, von seiner Seite aus betrachtet, darin,<lb n="11"/>daß es diß Vorhandne erwerbe, seine unorganische Natur in sich zehre und für sich in<lb n="12"/>Besitz nehme. Diß ist aber ebensosehr nichts anders, als daß der allgemeine Geist oder<lb n="13"/>die Substanz sich ihr Selbstbewußtseyn gibt, oder ihr Werden und Reflexion in sich.</p>
<p><lb n="14"/>Die Wissenschaft stellt diese bildende Bewegung sowohl in ihrer Ausführlich<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>keit und Nothwendigkeit, als das, was schon zum Momente und Eigenthum des<lb n="16"/>Geists herabgesunken ist, in seiner Gestaltung dar. Das Ziel ist die Einsicht des<lb n="17"/>Geistes in das, was das Wissen ist. Die Ungeduld verlangt das Unmögliche, nem<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lich die Erreichung des Ziels ohne die Mittel. Einestheils ist die <hi rendition="#g">Länge</hi> dieses<lb n="19"/>Wegs zu ertragen, denn jedes Moment ist nothwendig, – anderntheils bey jedem<lb n="20"/>sich zu <hi rendition="#g">verweilen</hi>, denn jedes ist selbst eine individuelle ganze Gestalt, und wird<lb n="21"/>nur absolut betrachtet, insofern seine Bestimmtheit als Ganzes oder Concretes,<lb n="22"/>oder das Ganze in der Eigenthümlichkeit dieser Bestimmung betrachtet wird. –<lb n="23"/>Weil die Substanz des Individuums, weil der Weltgeist die Geduld gehabt, diese<lb n="24"/>Formen in der langen Ausdehnung der Zeit zu durchgehen und die ungeheure<lb n="25"/>Arbeit der Weltgeschichte zu übernehmen, und weil er durch keine geringere</p>
<pb n="26" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=32" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>das Bewußtseyn über sich erreichen konnte, so kann zwar das Individuum nicht mit<lb n="2"/>weniger seine Substanz begreiffen. Inzwischen hat es zugleich geringere Mühe,<lb n="3"/>weil <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> diß vollbracht, – der Inhalt schon die zur Möglichkeit getilgte Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lichkeit und die bezwungne Unmittelbarkeit ist. Schon ein <hi rendition="#g">gedachtes</hi>, ist er<lb n="5"/>Eigenthum der Individualität; es ist nicht mehr das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> in das <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi>,<lb n="6"/>sondern nur das <hi rendition="#g">Ansich</hi> in die Form des <hi rendition="#g">Fürsich</hi>seyns umzukehren, dessen<lb n="7"/>Art näher zu bestimmen ist.</p>
<p><lb n="8"/>Was dem Individuum an dieser Bewegung erspart ist, ist das Aufheben des<lb n="9"/><hi rendition="#g">Daseyns</hi>; was aber noch übrig ist, ist die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> und die <hi rendition="#g">Bekannt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">schaft</hi> mit den Formen. Das in die Substanz zurückgenommne Daseyn ist durch<lb n="11"/>jene erste Negation nur erst <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> in das Element des Selbsts versetzt;<lb n="12"/>es hat also noch denselben Charakter der unbegriffnen Unmittelbarkeit oder un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bewegten Gleichgültigkeit als das Daseyn selbst, oder es ist nur in die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi><lb n="14"/>übergegangen. – Zugleich ist es dadurch ein <hi rendition="#g">Bekanntes</hi>, ein solches, mit dem der<lb n="15"/>Geist fertig geworden, worin daher seine Thätigkeit und somit sein Interesse nicht<lb n="16"/>mehr ist. Wenn die Thätigkeit, die mit dem Daseyn fertig wird, die unmittelbare<lb n="17"/>oder daseyende Vermittlung, und hiemit die Bewegung nur des besondern sich<lb n="18"/>nicht begreiffenden Geistes ist, so ist dagegen das Wissen gegen die hiedurch zu<lb n="19"/>Stande gekommne Vorstellung, gegen diß Bekanntseyn gerichtet, ist das Thun<lb n="20"/>des allgemeinen Selbsts und das Interesse des Denkens.</p>
<p><lb n="21"/>Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es <hi rendition="#g">bekannt</hi> ist, nicht erkannt. Es ist<lb n="22"/>die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beym Erkennen</p>
<pb n="27" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=33" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>etwas als bekannt voraus zu setzen, und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem<lb n="2"/>Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht,<lb n="3"/>nicht von der Stelle. Das Subject und Object, u.s.f. Gott, Natur, der Verstand, die<lb n="4"/>Sinnlichkeit u.s.f. werden unbesehen als bekannt und als etwas gültiges zu Grunde<lb n="5"/>gelegt, und machen feste Punkte sowohl des Ausgangs als der Rückkehr aus. Die<lb n="6"/>Bewegung geht zwischen ihnen, die unbewegt bleiben, hin und her, und somit<lb n="7"/>nur auf ihrer Oberfläche vor. So besteht auch das Auffassen und Prüffen darin, zu<lb n="8"/>sehen, ob jeder das von ihnen gesagte auch in seiner Vorstellung findet, ob es ihm<lb n="9"/>so scheint und bekannt ist oder nicht.</p>
<p><lb n="10"/>Das <hi rendition="#g">Analysiren</hi> einer Vorstellung, wie es sonst getrieben worden, war schon<lb n="11"/>nichts anderes, als das Aufheben der Form ihres Bekanntseyns. Eine Vorstellung<lb n="12"/>in ihre ursprünglichen Elemente auseinanderlegen, ist das Zurückgehen zu ihren<lb n="13"/>Momenten, die wenigstens nicht die Form der vorgefundenen Vorstellung haben,<lb n="14"/>sondern das unmittelbare Eigenthum des Selbsts ausmachen. Diese Analyse kömmt<lb n="15"/>zwar nur zu <hi rendition="#g">Gedanken</hi>, welche selbst bekannte, feste und ruhende Bestimmungen<lb n="16"/>sind. Aber ein wesentliches Moment ist diß <hi rendition="#g">Geschiedne</hi>, Unwirkliche selbst;<lb n="17"/>denn nur darum, daß das Concrete sich scheidet, und zum Unwirklichen macht,<lb n="18"/>ist es das sich bewegende. Die Thätigkeit des Scheidens ist die Krafft und Arbeit<lb n="19"/>des <hi rendition="#g">Verstandes</hi>, der verwundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten<lb n="20"/>Macht. Der Kreis, der in sich geschlossen ruht, und als Substanz seine Momente<lb n="21"/>hält, ist das unmittelbare und darum nicht verwundersame Verhältniß. Aber daß<lb n="22"/>das von seinem Umfange getrennte Accidentelle als solches, das gebundne und nur<lb n="23"/>in seinem Zusammenhange mit anderm Wirkliche ein eigenes Daseyn und ab<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gesonderte Freyheit gewinnt, ist die ungeheure Macht des Negativen; es ist die<lb n="25"/>Energie des Denkens, des reinen Ichs. Der Tod, wenn wir jene Unwirklichkeit so<lb n="26"/>nennen wollen, ist das furchtbarste, und das Todte fest zu halten, das, was die größte<lb n="27"/>Krafft erfodert. Die kraftlose Schönheit haßt den Verstand, weil er ihr diß zu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>muthet was sie nicht vermag. Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut<lb n="29"/>und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt, und in ihm sich<lb n="30"/>erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der<lb n="31"/>absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht, als das Positive,<lb n="32"/>welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, diß ist nichts<lb n="33"/>oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen;<lb n="34"/>sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut,<lb n="35"/>bey ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Seyn umkehrt. –<lb n="36"/>Sie ist dasselbe, was oben das Subject genannt worden, welches darin, daß es der</p>
<pb n="28" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=34" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Bestimmtheit in seinem Elemente Daseyn gibt, die abstracte d. h. nur überhaupt<lb n="2"/><hi rendition="#g">seyende</hi> Unmittelbarkeit aufhebt, und dadurch die wahrhafte Substanz ist, das<lb n="3"/>Seyn oder die Unmittelbarkeit, welche nicht die Vermittlung ausser ihr hat, sondern<lb n="4"/>diese selbst ist.</p>
<p><lb n="5"/>Daß das Vorgestellte Eigenthum des reinen Selbstbewußtseyns wird, diese<lb n="6"/>Erhebung zur Allgemeinheit überhaupt ist nur die Eine Seite, noch nicht die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>endete Bildung. – Die Art des Studiums der alten Zeit hat diese Verschiedenheit<lb n="8"/>von dem der neuern, daß jenes die eigentliche Durchbildung des natürlichen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyns war. An jedem Theile seines Daseyns sich besonders versuchend und über<lb n="10"/>alles vorkommende philosophirend, erzeugte es sich zu einer durch und durch<lb n="11"/>bethätigten Allgemeinheit. In der neuern Zeit hingegen findet das Individuum<lb n="12"/>die abstracte Form vorbereitet; die Anstrengung sie zu ergreiffen und sich zu<lb n="13"/>eigen zu machen, ist mehr das unvermittelte Hervortreiben des Innern und ab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>geschnittne Erzeugen des Allgemeinen, als ein Hervorgehen desselben aus dem<lb n="15"/>Concreten und der Mannichfaltigkeit des Daseyns. Itzt besteht darum die Arbeit<lb n="16"/>nicht sosehr darin, das Individuum aus der unmittelbaren sinnlichen Weise zu<lb n="17"/>reinigen und es zur gedachten und denkenden Substanz zu machen, als vielmehr<lb n="18"/>in dem entgegengesetzten, durch das Aufheben der festen bestimmten Gedanken<lb n="19"/>das Allgemeine zu verwirklichen und zu begeisten. Es ist aber weit schwerer, die<lb n="20"/>festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Daseyn. Der Grund<lb n="21"/>ist das vorhin angegebene; jene Bestimmungen haben das Ich, die Macht des<lb n="22"/>Negativen oder die reine Wirklichkeit zur Substanz und zum Element ihres Da<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>seyns; die sinnlichen Bestimmungen dagegen nur die unmächtige abstracte Un<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mittelbarkeit oder das Seyn als solches. Die Gedanken werden flüssig, indem das<lb n="25"/>reine Denken, diese innere <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, sich als Moment erkennt oder<lb n="26"/>indem die reine Gewißheit seiner selbst von sich abstrahirt; – nicht sich wegläßt,<lb n="27"/>auf die Seite setzt, sondern das <hi rendition="#g">Fixe</hi> ihres Sichselbstsetzens aufgibt, sowohl das<lb n="28"/>Fixe des reinen Concreten, welches Ich selbst im Gegensatze gegen unterschiedenen<lb n="29"/>Inhalt ist, – als das Fixe von Unterschiedenen, die im Elemente des reinen Denkens<lb n="30"/>gesetzt an jener Unbedingtheit des Ich Antheil haben. Durch diese Bewegung<lb n="31"/>werden die reinen Gedanken <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, und sind erst, was sie in Wahrheit sind,<lb n="32"/>Selbstbewegungen, Kreise, das was ihre Substanz ist, geistige Wesenheiten.</p>
<p><lb n="33"/>Diese Bewegung der reinen Wesenheiten macht die Natur der Wissenschaft<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lichkeit überhaupt aus. Als der Zusammenhang ihres Inhalts betrachtet, ist sie die<lb n="35"/>Nothwendigkeit und Ausbreitung desselben zum organischen Ganzen. Der Weg,<lb n="36"/>wodurch der Begriff des Wissens erreicht wird, wird durch sie gleichfalls ein noth<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>wendiges und vollständiges Werden, so daß diese Vorbereitung aufhört, ein zu-</p>
<pb n="29" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=35" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>fälliges Philosophiren zu seyn, das sich an diese und jene Gegenstände, Verhältnisse<lb n="2"/>und Gedanken des unvollkommenen Bewußtseyns, wie die Zufälligkeit es mit sich<lb n="3"/>bringt, anknüpft, oder durch ein hin und hergehendes Räsonnement, Schliessen<lb n="4"/>und Folgern aus bestimmten Gedanken das Wahre zu begründen sucht; sondern<lb n="5"/>dieser Weg wird durch die Bewegung des Begriffs die vollständige Weltlichkeit<lb n="6"/>des Bewußtseyns in ihrer Nothwendigkeit umfassen.</p>
<p><lb n="7"/>Eine solche Darstellung macht ferner den <hi rendition="#g">ersten</hi> Theil der Wissenschaft darum<lb n="8"/>aus, weil das Daseyn des Geistes als Erstes nichts anderes als das Unmittelbare oder<lb n="9"/>der Anfang, der Anfang aber noch nicht seine Rückkehr in sich ist. Das <hi rendition="#g">Element</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Daseyns</hi> ist daher die Bestimmtheit, wodurch sich dieser<lb n="11"/>Theil der Wissenschaft von den andern unterscheidet. – Die Angabe dieses Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schiedes führt zur Erörterung einiger festen Gedanken, die hiebey vorzukommen<lb n="13"/>pflegen.</p>
<p><lb n="14"/>Das unmittelbare Daseyn des Geistes, das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, hat die zwey Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mente, des Wissens und der dem Wissen negativen Gegenständlichkeit. Indem<lb n="16"/>in diesem Elemente sich der Geist entwickelt und seine Momente auslegt, so kommt<lb n="17"/>ihnen dieser Gegensatz zu, und sie treten alle als Gestalten des Bewußtseyns auf.<lb n="18"/>Die Wissenschaft dieses Wegs ist Wissenschaft der <hi rendition="#g">Erfahrung</hi>, die das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyn macht; die Substanz wird betrachtet, wie sie und ihre Bewegung sein Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stand ist. Das Bewußtseyn weiß und begreift nichts, als was in seiner Erfahrung<lb n="21"/>ist; denn was in dieser ist, ist nur die geistige Substanz, und zwar als <hi rendition="#g">Gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">stand</hi> ihres Selbsts. Der Geist wird aber Gegenstand, denn er ist diese Bewegung,<lb n="23"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, d. h. <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi> zu werden, und dieses<lb n="24"/>Andersseyn aufzuheben. Und die Erfahrung wird eben diese Bewegung genannt,<lb n="25"/>worin das Unmittelbare, das Unerfahrne, d. h. das abstracte, es sey des sinnlichen<lb n="26"/>Seyns oder des nur gedachten Einfachen, sich entfremdet, und dann aus dieser<lb n="27"/>Entfremdung zu sich zurückgeht, und hiemit itzt erst in seiner Wirklichkeit und<lb n="28"/>Wahrheit dargestellt, wie auch Eigenthum des Bewußtseyns ist.</p>
<p><lb n="29"/>Die Ungleichheit, die im Bewußtseyn zwischen dem Ich und der Substanz, die<lb n="30"/>sein Gegenstand ist, statt findet, ist ihr Unterschied, das <hi rendition="#g">Negative</hi> überhaupt.<lb n="31"/>Es kann als der <hi rendition="#g">Mangel</hi> beyder angesehen werden, ist aber ihre Seele oder das<lb n="32"/>Bewegende derselben; weßwegen einige Alte das <hi rendition="#g">Leere</hi> als das Bewegende<lb n="33"/>begriffen, indem sie das Bewegende zwar als das <hi rendition="#g">Negative</hi>, aber dieses noch nicht<lb n="34"/>als das Selbst erfaßten. – Wenn nun diß Negative zunächst als Ungleichheit des<lb n="35"/>Ichs zum Gegenstande erscheint, so ist es ebensosehr die Ungleichheit der Substanz<lb n="36"/>zu sich selbst. Was ausser ihr vorzugehen, eine Thätigkeit gegen sie zu seyn scheint,<lb n="37"/>ist ihr eigenes Thun und sie zeigt sich wesentlich Subject zu seyn. Indem sie diß</p>
<pb n="30" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=36" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>vollkommen gezeigt, hat der Geist sein Daseyn seinem Wesen gleich gemacht;<lb n="2"/>er ist sich Gegenstand, wie er ist, und das abstracte Element der Unmittelbarkeit<lb n="3"/>und der Trennung des Wissens und der Wahrheit ist überwunden. Das Seyn ist<lb n="4"/>absolut vermittelt; – es ist substantieller Inhalt, der ebenso unmittelbar Eigenthum<lb n="5"/>des Ich, selbstisch oder der Begriff ist. Hiemit beschließt sich die Phänomenologie des<lb n="6"/>Geistes. Was er in ihr sich bereitet, ist das Element des Wissens. In diesem breiten<lb n="7"/>sich nun die Momente des Geistes in der <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> aus, die ihren<lb n="8"/>Gegenstand als sich selbst weiß. Sie fallen nicht mehr in den Gegensatz des Seyns<lb n="9"/>und Wissens auseinander, sondern bleiben in der Einfachheit des Wissens, sind das<lb n="10"/>Wahre in der Form des Wahren, und ihre Verschiedenheit ist nur Verschieden<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>heit des Inhalts. Ihre Bewegung, die sich in diesem Elemente zum Ganzen organisirt,<lb n="12"/>ist die <hi rendition="#g">Logik</hi> oder <hi rendition="#g">speculative</hi> <hi rendition="#g">Philosophie</hi>.</p>
<p><lb n="13"/>Weil nun jenes System der Erfahrung des Geistes nur die <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> des<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selben befaßt, so scheint der Fortgang von ihm zur Wissenschaft des <hi rendition="#g">Wahren</hi>,<lb n="15"/>das in der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> des <hi rendition="#g">Wahren</hi> ist, bloß negativ zu seyn, und man könnte<lb n="16"/>mit dem Negativen als dem <hi rendition="#g">Falschen</hi> verschont bleiben wollen, und verlangen<lb n="17"/>ohne weiteres zur Wahrheit geführt zu werden; wozu sich mit dem Falschen<lb n="18"/>abgeben? – Wovon schon oben die Rede war, daß sogleich mit der Wissenschaft<lb n="19"/>sollte angefangen werden, darauf ist hier nach der Seite zu antworten, welche<lb n="20"/>Beschaffenheit es mit dem Negativen als <hi rendition="#g">Falschem</hi> überhaupt hat. Die Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lungen hierüber hindern vornemlich den Eingang zur Wahrheit. Diß wird Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>anlassung geben, vom mathematischen Erkennen zu sprechen, welches das un<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>philosophische Wissen als das Ideal ansieht, das zu erreichen die Philosophie streben<lb n="24"/>müßte, bisher aber vergeblich gestrebt habe.</p>
<p><lb n="25"/>Das <hi rendition="#g">Wahre</hi> und <hi rendition="#g">Falsche</hi> gehört zu den bestimmten Gedanken, die bewegungslos<lb n="26"/>für eigne Wesen gelten, deren eines drüben, das andre hüben ohne Gemeinschaft<lb n="27"/>mit dem andern isolirt und fest steht. Dagegen muß behauptet werden, daß die<lb n="28"/>Wahrheit nicht eine ausgeprägte Münze ist, die fertig gegeben, und so eingestrichen<lb n="29"/>werden kann. Noch <hi rendition="#g">gibt</hi> es ein Falsches so wenig es ein Böses gibt. So schlimm<lb n="30"/>zwar als der Teufel ist das Böse und Falsche nicht, denn als dieser sind sie sogar<lb n="31"/>zum besondern <hi rendition="#g">Subjecte</hi> gemacht; als Falsches und Böses sind sie nur <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi>, haben aber doch eigne Wesenheit gegeneinander. – Das Falsche, denn<lb n="33"/>nur von ihm ist hier die Rede, wäre das Andre, das Negative der Substanz, die als<lb n="34"/>Inhalt des Wissens das Wahre ist. Aber die Substanz ist selbst wesentlich das Ne<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gative, theils als Unterscheidung und Bestimmung des Inhalts, theils als ein <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">faches</hi> Unterscheiden, d. h. als Selbst und Wissen überhaupt. Man kann wohl<lb n="37"/>falsch wissen. Es wird etwas falsch gewußt, heißt, das Wissen ist in Ungleichheit<lb n="38"/>mit seiner Substanz. Allein eben diese Ungleichheit ist das Unterscheiden über<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>haupt, das wesentliches Moment ist. Es wird aus dieser Unterscheidung wohl ihre</p>
<pb n="31" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=37" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Gleichheit, und diese gewordene Gleichheit ist die Wahrheit. Aber sie ist nicht<lb n="2"/>so Wahrheit, als ob die Ungleichheit weggeworfen worden wäre, wie die Schlacke<lb n="3"/>vom reinen Metall, auch nicht einmal so, wie das Werkzeug von dem fertigen<lb n="4"/>Gefässe wegbleibt, sondern die Ungleichheit ist als das Negative, als das Selbst<lb n="5"/>im Wahren als solchem selbst noch unmittelbar vorhanden. Es kann jedoch darum<lb n="6"/>nicht gesagt werden, daß das <hi rendition="#g">Falsche</hi> ein Moment oder gar einen Bestandtheil<lb n="7"/>des Wahren ausmache. Daß an jedem Falschen etwas Wahres sey, – in diesem<lb n="8"/>Ausdrucke gelten beyde, wie Oel und Wasser, die unmischbar nur äusserlich<lb n="9"/>verbunden sind. Gerade um der Bedeutung willen, das Moment des <hi rendition="#g">vollkom<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">menen</hi> <hi rendition="#g">Andersseyns</hi> zu bezeichnen, müssen ihre Ausdrücke da, wo ihr Anders<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn aufgehoben ist, nicht mehr gebraucht werden. So wie der Ausdruck der<lb n="12"/><hi rendition="#g">Einheit</hi> des Subjects und Objects, des Endlichen und Unendlichen, des Seyns<lb n="13"/>und Denkens u.s.f. das ungeschickte hat, daß Object und Subject u.s.f. das bedeuten,<lb n="14"/>was <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ausser</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> sind, in der Einheit also nicht als das gemeynt<lb n="15"/>sind, was ihr Ausdruck sagt, eben so ist das Falsche nicht mehr als Falsches ein<lb n="16"/>Moment der Wahrheit.</p>
<p><lb n="17"/>Der <hi rendition="#g">Dogmatismus</hi> der Denkungsart im Wissen und im Studium der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sophie ist nichts anderes, als die Meynung, daß das Wahre in einem Satze, der ein<lb n="19"/>festes Resultat oder auch der unmittelbar gewußt wird, bestehe. Auf solche Fragen:<lb n="20"/>wann Cäsar geboren worden, wie viele Toisen ein Stadium und welches betrug<lb n="21"/>u.s.f. soll eine <hi rendition="#g">nette</hi> Antwort gegeben werden, ebenso wie es bestimmt wahr ist,<lb n="22"/>daß das Quadrat der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate der beyden übrigen<lb n="23"/>Seiten des rechtwinklichten Dreyecks ist. Aber die Natur einer solchen sogenannten<lb n="24"/>Wahrheit ist verschieden von der Natur philosophischer Wahrheiten.</p>
<p><lb n="25"/>In Ansehung der <hi rendition="#g">historischen</hi> Wahrheiten, um ihrer kurz zu erwähnen,<lb n="26"/>insofern nemlich das rein historische derselben betrachtet wird, wird leicht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gegeben, daß sie das einzelne Daseyn, einen Inhalt nach der Seite seiner Zufällig<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>keit und Willkühr, Bestimmungen desselben, die nicht nothwendig sind, betreffen. –<lb n="29"/>Selbst aber solche nakte Wahrheiten wie die als Beyspiel angeführte, sind nicht ohne<lb n="30"/>die Bewegung des Selbstbewußtseyns. Um eine derselben zu kennen, muß viel<lb n="31"/>verglichen, auch in Büchern nachgeschlagen oder auf welche Weise es sey unter<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sucht werden; auch bey einer unmittelbaren Anschauung wird erst die Kenntniß<lb n="33"/>derselben mit ihren Gründen für etwas gehalten, das wahren Werth habe, obgleich<lb n="34"/>eigentlich nur das nakte Resultat das seyn soll, um das es zu thun sey.</p>
<p><lb n="35"/>Was die <hi rendition="#g">mathematischen</hi> Wahrheiten betrift, so würde noch weniger der<lb n="36"/>für einen Geometer gehalten werden, der die Theoreme Euklids <hi rendition="#g">auswendig</hi><lb n="37"/>wüßte, ohne ihre Beweise, ohne sie, wie man im Gegensatze sich ausdrücken</p>
<pb n="32" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=38" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>könne, <hi rendition="#g">inwendig</hi> zu wissen. Ebenso würde die Kenntniß, die einer durch Messung<lb n="2"/>vieler rechtwinklichten Dreyecke sich erwürbe, daß ihre Seiten das bekannte<lb n="3"/>Verhältniß zu einander haben, für unbefriedigend gehalten werden. Die <hi rendition="#g">Wesent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> des Beweises hat jedoch auch beym mathematischen Erkennen noch<lb n="5"/>nicht die Bedeutung und Natur, Moment des Resultates selbst zu seyn, sondern<lb n="6"/>in diesem ist er vielmehr vorbey und verschwunden. Als Resultat ist zwar das<lb n="7"/>Theorem <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">wahr</hi> <hi rendition="#g">eingesehenes</hi>. Aber dieser hinzugekommene Um<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stand betrifft nicht seinen Inhalt, sondern nur das Verhältniß zum Subject;<lb n="9"/>die Bewegung des mathematischen Beweises gehört nicht dem an, was Gegenstand<lb n="10"/>ist, sondern ist ein der Sache <hi rendition="#g">äusserliches</hi> Thun. So zerlegt sich die Natur des<lb n="11"/>rechtwinklichten Dreyecks nicht selbst so, wie es in der Construction dargestellt<lb n="12"/>wird, die für den Beweis des Satzes, der sein Verhältniß ausdrückt, nöthig ist; das<lb n="13"/>ganze Hervorbringen des Resultats ist ein Gang und Mittel des Erkennens. – Auch<lb n="14"/>im philosophischen Erkennen ist das Werden des <hi rendition="#g">Daseyns</hi> als Daseyns verschieden<lb n="15"/>von dem Werden des <hi rendition="#g">Wesens</hi> oder der innern Natur der Sache. Aber das philo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sophische Erkennen enthält erstens beydes, da hingegen das mathematische nur das<lb n="17"/>Werden des <hi rendition="#g">Daseyns</hi>, d. h. des <hi rendition="#g">Seyns</hi> der Natur der Sache im <hi rendition="#g">Erkennen</hi><lb n="18"/>als solchem darstellt. Fürs andre vereinigt jenes auch diese beyden besondern<lb n="19"/>Bewegungen. Das innre Entstehen oder das Werden der Substanz ist ungetrennt<lb n="20"/>Uebergehen in das Aeussere oder in das Daseyn, Seyn für anderes; und umgekehrt<lb n="21"/>ist das Werden des Daseyns das sich Zurücknehmen ins Wesen. Die Bewegung<lb n="22"/>ist so der gedoppelte Proceß und Werden des Ganzen, daß zugleich ein jedes das<lb n="23"/>andre setzt und jedes darum auch beyde als zwey Ansichten an ihm hat; sie zu<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sammen machen dadurch das Ganze, daß sie sich selbst auflösen und zu seinen<lb n="25"/>Momenten machen.</p>
<p><lb n="26"/>Im mathematischen Erkennen ist die Einsicht ein für die Sache äusserliches Thun;<lb n="27"/>es folgt daraus, daß die wahre Sache dadurch verändert wird. Das Mittel, Con<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>struction und Beweis, enthält daher wohl wahre Sätze; aber ebensosehr muß<lb n="29"/>gesagt werden, daß der Inhalt falsch ist. Das Dreyeck wird in dem obigen Bey<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>spiele zerrissen, und seine Theile zu andern Figuren, die die Construction an ihm<lb n="31"/>entstehen läßt, geschlagen. Erst am Ende wird das Dreyeck wieder hergestellt, um<lb n="32"/>das es eigentlich zu thun ist, das im Fortgange aus den Augen verloren wurde,<lb n="33"/>und nur in Stücken, die andern Ganzen angehörten, vorkam. – Hier sehen wir<lb n="34"/>also auch die Negativität des Inhalts eintreten, welche eine Falschheit desselben<lb n="35"/>eben so gut genannt werden müßte, als in der Bewegung des Begriffs das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>schwinden der festgemeynten Gedanken.</p>
<p><lb n="37"/>Die eigentliche Mangelhaftigkeit dieses Erkennens aber betrifft sowohl das<lb n="38"/>Erkennen selbst, als seinen Stoff überhaupt. – Was das Erkennen betrifft, so wird<lb n="39"/>vors erste die Nothwendigkeit der Construction nicht eingesehen. Sie geht nicht</p>
<pb n="33" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=39" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>aus dem Begriffe des Theorems hervor, sondern wird geboten, und man hat dieser<lb n="2"/>Vorschrift, gerade diese Linien, deren unendliche andere gezogen werden könnten,<lb n="3"/>zu ziehen, blindlings zu gehorchen, ohne etwas weiter zu wissen, als den guten<lb n="4"/>Glauben zu haben, daß diß zu Führung des Beweises zweckmäßig seyn werde.<lb n="5"/>Hintennach zeigt sich denn auch diese Zweckmäßigkeit, die deßwegen nur eine<lb n="6"/>äusserliche ist, weil sie sich erst hintennach, beym Beweise, zeigt. – Ebenso geht<lb n="7"/>dieser einen Weg, der irgendwo anfängt, man weiß noch nicht in welcher Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ziehung auf das Resultat, das herauskommen soll. Sein Fortgang nimmt <hi rendition="#g">diese</hi><lb n="9"/>Bestimmungen und Beziehungen auf, und läßt andre liegen, ohne daß man unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bar einsehe, nach welcher Nothwendigkeit; ein äusserer Zweck regiert diese<lb n="11"/>Bewegung.</p>
<p><lb n="12"/>Die <hi rendition="#g">Evidenz</hi> dieses mangelhafften Erkennens, auf welche die Mathematik stolz<lb n="13"/>ist, und womit sie sich auch gegen die Philosophie brüstet, beruht allein auf der<lb n="14"/>Armuth ihres <hi rendition="#g">Zwecks</hi> und der Mangelhaftigkeit ihres <hi rendition="#g">Stoffs</hi>, und ist darum<lb n="15"/>von einer Art, die die Philosophie verschmähen muß. – Ihr <hi rendition="#g">Zweck</hi> oder Begriff<lb n="16"/>ist die <hi rendition="#g">Größe</hi>. Diß ist gerade das unwesentliche, begrifflose Verhältniß. Die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wegung des Wissens geht darum auf der Oberfläche vor, berührt nicht die Sache<lb n="18"/>selbst, nicht das Wesen oder den Begriff, und ist deßwegen kein Begreiffen. – Der<lb n="19"/><hi rendition="#g">Stoff</hi>, über den die Mathematik den erfreulichen Schatz von Wahrheiten gewährt,<lb n="20"/>ist der <hi rendition="#g">Raum</hi> und das <hi rendition="#g">Eins</hi>. Der Raum ist das Daseyn, worin der Begriff seine<lb n="21"/>Unterschiede einschreibt, als in ein leeres, todtes Element, worin sie ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bewegt und leblos sind. Das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi> ist nicht ein Räumliches, wie es in der<lb n="23"/>Mathematik betrachtet wird; mit solcher Unwirklichkeit, als die Dinge der Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>matik sind, gibt sich weder das concrete sinnliche Anschauen, noch die Philosophie<lb n="25"/>ab. In solchem unwirklichen Elemente gibt es denn auch nur unwirkliches Wahres,<lb n="26"/>d. h. fixirte, todte Sätze; bey jedem derselben kann aufgehört werden; der folgende<lb n="27"/>fängt für sich von neuem an, ohne daß der erste sich selbst zum andern fort<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bewegte und ohne daß auf diese Weise ein nothwendiger Zusammenhang durch<lb n="29"/>die Natur der Sache selbst entstünde. – Auch läufft um jenes Princips und Elements<lb n="30"/>willen – und hierin besteht das formelle der mathematischen Evidenz – das Wissen<lb n="31"/>an der Linie der <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> fort. Denn das todte, weil es sich nicht selbst bewegt,<lb n="32"/>kommt nicht zu Unterschieden des Wesens, nicht zur wesentlichen Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>setzung oder Ungleichheit, daher nicht zum Uebergange des Entgegengesetzten<lb n="34"/>in das Entgegengesetzte, nicht zur qualitativen, immanenten, nicht zur Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>bewegung. Denn es ist die Grösse, der unwesentliche Unterschied, den die Mathe<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>matik allein betrachtet. Daß es der Begriff ist, der den Raum in seine Dimensionen<lb n="37"/>entzweyt, und die Verbindungen derselben und in denselben bestimmt, davon</p>
<pb n="34" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=40" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>abstrahirt sie; sie betrachtet z. B. nicht das Verhältniß der Linie zur Fläche; und<lb n="2"/>wo sie den Durchmesser des Kreises mit der Peripherie vergleicht, stößt sie auf die<lb n="3"/>Incommensurabilität derselben, d. h. ein Verhältniß des Begriffs, ein Unendliches,<lb n="4"/>das ihrer Bestimmung entflieht.</p>
<p><lb n="5"/>Die immanente, sogenannte reine Mathematik stellt auch nicht die <hi rendition="#g">Zeit</hi> als<lb n="6"/>Zeit dem Raume gegenüber, als den zweyten Stoff ihrer Betrachtung. Die an<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gewandte handelt wohl von ihr, wie von der Bewegung, auch sonst andern wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichen Dingen, sie nimmt aber die synthetischen, d. h. Sätze ihrer Verhältnisse,<lb n="9"/>die durch ihren Begriff bestimmt sind, aus der Erfahrung auf, und wendet nur auf<lb n="10"/>diese Voraussetzungen ihre Formeln an. Daß die sogenannten Beweise solcher Sätze,<lb n="11"/>als der vom Gleichgewichte des Hebels, dem Verhältnisse des Raums und der Zeit<lb n="12"/>in der Bewegung des Fallens u.s.f. welche sie häuffig gibt, für Beweise gegeben und<lb n="13"/>angenommen werden, ist selbst nur ein Beweis, wie groß das Bedürfniß des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>weisens für das Erkennen ist, weil es, wo es nicht mehr hat, auch den leeren Schein<lb n="15"/>desselben achtet und eine Zufriedenheit dadurch gewinnt. Eine Kritik jener Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>weise würde eben so merkwürdig als belehrend seyn, um die Mathematik theils<lb n="17"/>von diesem falschen Putze zu reinigen, theils ihre Gräntze zu zeigen, und daraus<lb n="18"/>die Nothwendigkeit eines andern Wissens. – Was die <hi rendition="#g">Zeit</hi> betrifft, von der man<lb n="19"/>meynen sollte, daß sie, zum Gegenstücke gegen den Raum, den Stoff des andern<lb n="20"/>Theils der reinen Mathematik ausmachen würde, so ist sie der daseyende Begriff<lb n="21"/>selbst. Das Princip der <hi rendition="#g">Gröse</hi>, des begrifflosen Unterschiedes, und das Princip<lb n="22"/>der <hi rendition="#g">Gleichheit</hi>, der abstracten unlebendigen Einheit, vermag es nicht, sich mit<lb n="23"/>jener reinen Unruhe des Lebens und absoluten Unterscheidung zu befassen. Diese<lb n="24"/>Negativität wird daher, nur als paralysirt, nemlich als das <hi rendition="#g">Eins</hi> zum zweyten<lb n="25"/>Stoffe dieses Erkennens, das, ein äusserliches Thun, das sich selbstbewegende zum<lb n="26"/>Stoffe herabsetzt, um nun an ihm einen gleichgültigen, äusserlichen unlebendigen<lb n="27"/>Inhalt zu haben.</p>
<p><lb n="28"/>Die Philosophie dagegen betrachtet nicht <hi rendition="#g">unwesentliche</hi> Bestimmung, son<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>dern sie in sofern sie wesentliche ist; nicht das Abstracte oder Unwirkliche ist ihr<lb n="30"/>Element und Inhalt, sondern das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi>, sich selbst setzende und in sich<lb n="31"/>lebende, das Daseyn in seinem Begriffe. Es ist der Proceß, der sich seine Momente<lb n="32"/>erzeugt und durchläufft, und diese ganze Bewegung macht das Positive und seine<lb n="33"/>Wahrheit aus. Diese schließt also ebensosehr das Negative in sich, dasjenige, was das<lb n="34"/>Falsche genannt werden würde, wenn es als ein solches betrachtet werden könnte,<lb n="35"/>von dem zu abstrahiren sey. Das Verschwindende ist vielmehr selbst als wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lich zu betrachten, nicht in der Bestimmung eines Festen, das vom Wahren ab-</p>
<pb n="35" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=41" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>geschnitten, ausser ihm, man weiß nicht wo, liegen zu lassen sey, so wie auch<lb n="2"/>das Wahre nicht als das auf der andern Seite ruhende, todte Positive. Die Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>nung ist das Entstehen und Vergehen, das selbst nicht entsteht und vergeht, sondern<lb n="4"/>an sich ist, und die Wirklichkeit und Bewegung des Lebens der Wahrheit aus<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>macht. Das Wahre ist so der bachantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken<lb n="6"/>ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar auflößt, – ist er<lb n="7"/>ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe. In dem Gerichte jener Bewegung<lb n="8"/>bestehen zwar die einzelnen Gestalten des Geistes, wie die bestimmten Gedanken<lb n="9"/>nicht, aber sie sind sosehr auch positive nothwendige Momente, als sie negativ<lb n="10"/>und verschwindend sind. – In dem <hi rendition="#g">Ganzen</hi> der Bewegung, es als Ruhe aufgefaßt,<lb n="11"/>ist dasjenige, was sich in ihr unterscheidet und besonderes Daseyn gibt, als ein<lb n="12"/>solches, das sich <hi rendition="#g">erinnert</hi>, aufbewahrt, dessen Daseyn das Wissen von sich selbst<lb n="13"/>ist, wie dieses ebenso unmittelbar Daseyn ist.</p>
<p><lb n="14"/>Von der <hi rendition="#g">Methode</hi> dieser Bewegung oder der Wissenschaft könnte es nöthig<lb n="15"/>scheinen, voraus das Mehrere anzugeben. Ihr Begriff liegt aber schon in dem<lb n="16"/>Gesagten, und ihre eigentliche Darstellung gehört der Logik an oder ist vielmehr<lb n="17"/>diese selbst. Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen in seiner<lb n="18"/>reinen Wesenheit aufgestellt. Von dem hierüber bisher gangbaren aber müssen<lb n="19"/>wir das Bewußtseyn haben, daß auch das System der sich auf das, was philosophische<lb n="20"/>Methode ist, beziehenden Vorstellungen, einer verschollenen Bildung angehört. –<lb n="21"/>Wenn diß etwa renommistisch oder revolutionär lauten sollte, von welchem Tone<lb n="22"/>ich mich entfernt weiß, so ist zu bedenken, daß der wissenschaftliche Staat, den<lb n="23"/>die Mathematik herlieh, – von Erklärungen, Eintheilungen, Axiomen, Reihen von<lb n="24"/>Theoremen, ihren Beweisen, Grundsätzen und dem Folgern und Schliessen aus<lb n="25"/>ihnen, – schon in der Meynung selbst wenigstens <hi rendition="#g">veraltet</hi> ist. Wenn auch seine<lb n="26"/>Untauglichkeit nicht deutlich eingesehen wird, so wird doch kein oder wenig<lb n="27"/>Gebrauch mehr davon gemacht, und wenn er nicht an sich gemisbilligt wird,<lb n="28"/>doch nicht geliebt. Und wir müssen das Vorurtheil für das Vortreffliche haben,<lb n="29"/>daß es sich in den Gebrauch setze, und beliebt mache. Es ist aber nicht schwer<lb n="30"/>einzusehen, daß die Manier, einen Satz aufzustellen, Gründe für ihn anzuführen,<lb n="31"/>und den entgegengesetzten durch Gründe ebenso zu widerlegen, nicht die Form<lb n="32"/>ist, in der die Wahrheit auftreten kann. Die Wahrheit ist die Bewegung ihrer an<lb n="33"/>ihr selbst, jene Methode aber ist das Erkennen, das dem Stoffe äusserlich ist. Darum<lb n="34"/>ist sie der Mathematik, die, wie bemerkt, das begriffslose Verhältniß der Größe<lb n="35"/>zu ihrem Princip, und den todten Raum, wie das ebenso todte Eins, zu ihrem Stoffe<lb n="36"/>hat, eigenthümlich und muß ihr gelassen werden. Auch mag sie in freyerer Manier,<lb n="37"/>das heißt, mehr mit Willkühr und Zufälligkeit gemischt, im gemeinem Leben,</p>
<pb n="36" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=42" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>in einer Conversation oder historischen Belehrung mehr der Neugierde, als der<lb n="2"/>Erkenntniß, wie ungefähr auch eine Vorrede ist, bleiben. Im gemeinen Leben hat<lb n="3"/>das Bewußtseyn Kenntnisse, Erfahrungen, sinnliche Concretionen, auch Gedanken,<lb n="4"/>Grundsätze, überhaupt solches zu seinem Inhalte, das als ein Vorhandenes oder<lb n="5"/>als ein festes ruhendes Seyn oder Wesen gilt. Es läufft theils daran fort, theils unter<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bricht es den Zusammenhang durch die freye Willkühr über solchen Inhalt, und<lb n="7"/>verhält sich als ein äusserliches Bestimmen und Handhaben desselben. Es führt<lb n="8"/>ihn auf irgend etwas gewisses, sey es auch nur die Empfindung des Augenblicks,<lb n="9"/>zurück, und die Ueberzeugung ist befriedigt, wenn sie auf einem ihr bekannten<lb n="10"/>Ruhepunkte angelangt ist.</p>
<p><lb n="11"/>Wenn aber die Nothwendigkeit des Begriffs den losern Gang der räsonnirenden<lb n="12"/>Conversation, wie den steifern des wissenschafftlichen Gepränges verbannt, so ist<lb n="13"/>schon oben erinnert worden, daß seine Stelle nicht durch die Unmethode des<lb n="14"/>Ahndens und der Begeisterung und die Willkühr des prophetischen Redens ersetzt<lb n="15"/>werden soll, welches nicht jene Wissenschafftlichkeit nur, sondern die Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schafftlichkeit überhaupt verachtet.</p>
<p><lb n="17"/>Ebensowenig ist, nachdem die kantische, noch erst durch den Instinct wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gefundne, noch todte, noch unbegriffne <hi rendition="#g">Triplicität</hi> zu ihrer absoluten Bedeutung<lb n="19"/>erhoben, damit die wahrhaffte Form in ihrem wahrhafften Inhalte zugleich auf<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gestellt und der Begriff der Wissenschaft hervorgegangen ist, – derjenige Gebrauch<lb n="21"/>dieser Form für etwas wissenschafftliches zu halten, durch den wir sie zum leblosen<lb n="22"/>Schema, zu einem eigentlichen Schemen, und die wissenschafftliche Organisation<lb n="23"/>zur Tabelle herabgebracht sehen. – Dieser Formalismus, von dem oben schon im<lb n="24"/>Allgemeinen gesprochen, und dessen Manier wir hier näher angeben wollen, meynt<lb n="25"/>die Natur und das Leben einer Gestalt begriffen und ausgesprochen zu haben,<lb n="26"/>wenn er von ihr eine Bestimmung des Schema’s als Prädicat ausgesagt, – es sey<lb n="27"/>die Subjectivität, oder Objectivität, oder auch der Magnetismus, die Electricität<lb n="28"/>und so fort, die Contraction, oder Expansion, der Osten oder Westen und der<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gleichen, was sich ins unendliche vervielfältigen läßt, weil nach dieser Weise jede<lb n="30"/>Bestimmung oder Gestalt bey der andern wieder als Form oder Moment des<lb n="31"/>Schema’s gebraucht werden, und jede dankbar der andern denselben Dienst leisten<lb n="32"/>kann; – ein Cirkel von Gegenseitigkeit, wodurch man nicht erfährt, was die Sache<lb n="33"/>selbst, weder was die eine noch die andre ist. Es werden dabey theils sinnliche<lb n="34"/>Bestimmungen aus der gemeinen Anschauung aufgenommen, die freylich etwas<lb n="35"/>anderes <hi rendition="#g">bedeuten</hi> sollen, als sie sagen, theils wird das an sich bedeutende, die<lb n="36"/>reinen Bestimmungen des Gedankens, wie Subject, Object, Substanz, Ursache, das</p>
<pb n="37" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=43" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Allgemeine u.s.f. gerade so unbesehen und unkritisch gebraucht wie im gemeinen<lb n="2"/>Leben und wie Stärken und Schwächen, Expansion und Contraction; so daß jene<lb n="3"/>Metaphysik so unwissenschaftlich ist, als diese sinnlichen Vorstellungen.</p>
<p><lb n="4"/>Statt des innern Lebens und der Selbstbewegung seines Daseyns wird nun eine<lb n="5"/>solche einfache Bestimmtheit von der Anschauung, das heißt hier, dem sinnlichen<lb n="6"/>Wissen, nach einer oberflächlichen Analogie ausgesprochen und diese äusserliche<lb n="7"/>und leere Anwendung der Formel die <hi rendition="#g">Construction</hi> genannt. – Es ist mit solchem<lb n="8"/>Formalismus derselbe Fall, als mit jedem. Wie stumpf müßte der Kopf seyn, dem<lb n="9"/>nicht in einer Viertelstunde die Theorie, daß es asthenische, sthenische und in<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>directasthenische Krankheiten, und ebenso viele Heilplane gebe, beygebracht, und<lb n="11"/>der nicht, da ein solcher Unterricht noch vor kurzem dazu hinreichte, aus einem<lb n="12"/>Routinier in dieser kleinen Zeit in einen theoretischen Arzt verwandelt werden<lb n="13"/>könnte? Wenn der naturphilosophische Formalismus etwa lehrt, der Verstand sey<lb n="14"/>die Electricität oder das Thier sey der Stikstoff, oder auch <hi rendition="#g">gleich</hi> dem Süd oder<lb n="15"/>Nord und so fort, oder representire ihn, so nakt wie es hier ausgedrückt ist oder<lb n="16"/>auch mit mehr Terminologie zusammengebraut, so mag über solche Krafft, die<lb n="17"/>das weit entlegen scheinende zusammengreifft, und über die Gewalt, die das ruhende<lb n="18"/>Sinnliche durch diese Verbindung erleidet, und die ihm dadurch den Schein eines<lb n="19"/>Begriffes ertheilt, die Hauptsache aber, den Begriff selbst oder die Bedeutung der<lb n="20"/>sinnlichen Vorstellung auszusprechen erspart, – es mag hierüber die Unerfahrenheit<lb n="21"/>in ein bewunderndes Staunen gerathen, darin eine tiefe Genialität verehren; so<lb n="22"/>wie an der Heiterkeit solcher Bestimmungen, da sie den abstracten Begriff durch<lb n="23"/>Anschauliches ersetzen und erfreulicher machen, sich ergötzen, und sich selbst zu<lb n="24"/>der geahndeten Seelenverwandschafft mit solchem herrlichem Thun glückwünschen.<lb n="25"/>Der Pfiff einer solchen Weisheit ist sobald erlernt, als es leicht ist, ihn auszuüben;<lb n="26"/>seine Wiederhohlung wird, wenn er bekannt ist, so unerträglich als die Wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>hohlung einer eingesehenen Taschenspielerkunst. Das Instrument dieses gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tönigen Formalismus ist nicht schwerer zu handhaben, als die Palette eines Mahlers,<lb n="29"/>auf der sich nur zwey Farben befinden würden, etwa Roth und Grün, um mit<lb n="30"/>jener eine Fläche anzufärben, wenn ein historisches Stück, mit dieser, wenn eine<lb n="31"/>Landschaft verlangt wäre. – Es würde schwer zu entscheiden seyn, was dabey<lb n="32"/>grösser ist, die Behaglichkeit, mit der alles, was im Himmel, auf Erden und unter<lb n="33"/>der Erden ist, mit solcher Farbenbrühe angetüncht wird, oder die Einbildung auf<lb n="34"/>die Vortrefflichkeit dieses Universalmittels; die eine unterstützt die andere. Was<lb n="35"/>diese Methode, allem himmlischen und irrdischen, allen natürlichen und geistigen<lb n="36"/>Gestalten die paar Bestimmungen des allgemeinen Schema’s aufzukleben, und auf</p>
<pb n="38" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=44" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>diese Weise Alles einzurangiren, hervorbringt, ist nichts geringeres, als ein sonnen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>klarer Bericht über den Organismus des Universums, nemlich eine Tabelle, die<lb n="3"/>einem Skelette mit angeklebten Zettelchen oder den Reihen verschlossner Büchsen<lb n="4"/>mit ihren aufgehefteten Etiketten in einer Gewürzkrämerbude gleicht, die so deut<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lich als das eine und das andre ist, und wie dort von den Knochen Fleisch und Blut<lb n="6"/>weggenommen, hier aber die eben auch nicht lebendige Sache in den Büchsen<lb n="7"/>verborgen ist, auch das lebendige Wesen der Sache weggelassen oder verborgen<lb n="8"/>hat. – Daß sich diese Manier zugleich zur einfärbigen absoluten Mahlerey voll<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>endet, indem sie auch, der Unterschiede des Schema’s sich schämend, sie als der<lb n="10"/>Reflexion angehörig in der Leerheit des Absoluten versenkt, auf daß die reine<lb n="11"/>Identität, das formlose Weiße hergestellt werde, ist oben schon bemerkt worden.<lb n="12"/>Jene Gleichfärbigkeit des Schema’s und seiner leblosen Bestimmungen, und diese<lb n="13"/>absolute Identität, und das Uebergehen von einem zum andern, ist eines gleich<lb n="14"/>todter Verstand, als das andere, und gleich äusserliches Erkennen.</p>
<p><lb n="15"/>Das Vortreffliche kann aber dem Schicksale nicht nur nicht entgehen, so ent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lebt, und entgeistet zu werden, und so geschunden seine Haut vom leblosen Wissen<lb n="17"/>und dessen Eitelkeit umgenommen zu sehen. Vielmehr ist noch in diesem Schick<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>sale selbst die Gewalt, welche es auf die Gemüther, wenn nicht auf Geister, ausübt,<lb n="19"/>zu erkennen, so wie die Herausbildung zur Allgemeinheit und Bestimmtheit der<lb n="20"/>Form, in der seine Vollendung besteht, und die es allein möglich macht, daß diese<lb n="21"/>Allgemeinheit zur Oberflächlichkeit gebraucht wird.</p>
<p><lb n="22"/>Die Wissenschafft darf sich nur durch das eigne Leben des Begriffs organisiren;<lb n="23"/>in ihr ist die Bestimmtheit, welche aus dem Schema äusserlich dem Daseyn auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>geklebt wird, die sich selbst bewegende Seele des erfüllten Inhalts. Die Bewegung<lb n="25"/>des Seyenden ist, sich einestheils ein Anders und so zu seinem immanenten Inhalte<lb n="26"/>zu werden; anderntheils nimmt es diese Entfaltung oder diß sein Daseyn in sich<lb n="27"/>zurück, das heißt, macht sich selbst zu einem <hi rendition="#g">Momente</hi> und vereinfacht sich<lb n="28"/>zur Bestimmtheit. In jener Bewegung ist die <hi rendition="#g">Negativität</hi> das Unterscheiden<lb n="29"/>und das Setzen des <hi rendition="#g">Daseyns</hi>; in diesem Zurückgehen in sich ist sie das Werden<lb n="30"/>der <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Einfachheit</hi>. Auf diese Weise ist es, daß der Inhalt seine<lb n="31"/>Bestimmtheit nicht von einem andern empfangen und aufgehefftet zeigt, sondern<lb n="32"/>er gibt sie sich selbst, und rangirt sich aus sich zum Momente und zu einer Stelle<lb n="33"/>des Ganzen. Der tabellarische Verstand behält für sich die Nothwendigkeit und den<lb n="34"/>Begriff des Inhalts, das, was das Concrete, die Wirklichkeit und lebendige Bewegung<lb n="35"/>der Sache ausmacht, die er rangirt, oder vielmehr behält er diß nicht für sich, son<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>dern kennt es nicht; denn wenn er diese Einsicht hätte, würde er sie wohl zeigen.<lb n="37"/>Er kennt nicht einmal das Bedürfniß derselben; sonst würde er sein Schematisiren<lb n="38"/>unterlassen oder wenigstens sich nicht mehr damit wissen, als mit einer Inhalts<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>anzeige; er gibt nur die Inhaltsanzeige, den Inhalt selbst aber liefert er nicht. –</p>
<pb n="39" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=45" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Wenn die Bestimmtheit auch eine solche, wie zum Beyspiel Magnetismus, eine<lb n="2"/>an sich concrete oder wirkliche ist, so ist sie doch zu etwas todtem herabgesunken,<lb n="3"/>da sie von einem andern Daseyn nur prädicirt, und nicht als immanentes Leben<lb n="4"/>dieses Daseyns, oder wie sie in diesem ihre einheimische und eigenthümliche Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>erzeugung und Darstellung hat, erkannt ist. Diese Hauptsache hinzuzufügen<lb n="6"/>überläßt der formelle Verstand den Andern. – Statt in den immanenten Inhalt der<lb n="7"/>Sache einzugehen, übersieht er immer das Ganze, und steht über dem einzelnen<lb n="8"/>Daseyn, von dem er spricht, das heißt, er sieht es gar nicht. Das wissenschafftliche<lb n="9"/>Erkennen erfodert aber vielmehr, sich dem Leben des Gegenstandes zu über<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>geben, oder was dasselbe ist, die innere Nothwendigkeit desselben vor sich zu haben<lb n="11"/>und auszusprechen. Sich so in seinen Gegenstand vertieffend, vergißt es jener<lb n="12"/>Uebersicht, welche nur die Reflexion des Wissens aus dem Inhalte in sich selbst<lb n="13"/>ist. Aber in die Materie versenkt und in deren Bewegung fortgehend, kommt<lb n="14"/>es in sich selbst zurück, aber nicht eher als darin daß die Erfüllung oder der Inhalt<lb n="15"/>sich in sich zurücknimmt, zur Bestimmtheit vereinfacht, sich selbst zu Einer Seite<lb n="16"/>eines Daseyns herabsetzt, und in seine höhere Wahrheit übergeht. Dadurch emergirt<lb n="17"/>das einfache sich übersehende Ganze selbst aus dem Reichthume, worin seine<lb n="18"/>Reflexion verloren schien.</p>
<p><lb n="19"/>Dadurch überhaupt, daß wie es oben ausgedrückt wurde, die Substanz an ihr<lb n="20"/>selbst Subject ist, ist aller Inhalt seine eigene Reflexion in sich. Das Bestehen oder die<lb n="21"/>Substanz eines Daseyns ist die Sichselbstgleichheit; denn seine Ungleichheit mit<lb n="22"/>sich wäre seine Auflösung. Die Sichselbstgleichheit aber ist die reine Abstraction;<lb n="23"/>diese aber ist das <hi rendition="#g">Denken</hi>. Wenn ich sage <hi rendition="#g">Qualität</hi>, sage ich die einfache Be<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stimmtheit; durch die Qualität ist ein Daseyn von einem andern unterschieden,<lb n="25"/>oder ist ein Daseyn; es ist für sich selbst, oder es besteht durch diese Einfachheit<lb n="26"/>mit sich. Aber dadurch ist es wesentlich der <hi rendition="#g">Gedanke</hi>. – Hierin ist es begriffen,<lb n="27"/>daß das Seyn Denken ist; hierein fällt die Einsicht, die dem gewöhnlichen begriff<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>losen Sprechen von der Identität des Denkens und Seyns abzugehen pflegt. – Da<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>durch nun, daß das Bestehen des Daseyns die Sichselbstgleichheit oder die reine<lb n="30"/>Abstraction ist, ist es die Abstraction seiner von sich selbst, oder es ist selbst seine<lb n="31"/>Ungleichheit mit sich und seine Auflösung, – seine eigne Innerlichkeit und Zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>nahme in sich, – sein Werden. – Durch diese Natur des Seyenden und insofern das<lb n="33"/>Seyende diese Natur für das Wissen hat, ist dieses nicht die Thätigkeit, die den<lb n="34"/>Inhalt als ein Fremdes handhabt, nicht die Reflexion in sich aus dem Inhalte heraus;<lb n="35"/>die Wissenschaft ist nicht jener Idealismus, der an die Stelle des <hi rendition="#g">behauptenden</hi><lb n="36"/>Dogmatismus als ein <hi rendition="#g">versichernder</hi> <hi rendition="#g">Dogmatismus</hi> oder der <hi rendition="#g">Dogmatis<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">mus</hi> der <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> trat, – sondern indem das Wissen den Inhalt</p>
<pb n="40" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=46" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>in seine eigne Innerlichkeit zurückgehen sieht, ist seine Thätigkeit vielmehr sowohl<lb n="2"/>versenkt in ihn, denn sie ist das immanente Selbst des Inhalts, als zugleich in sich<lb n="3"/>zurückgekehrt, denn sie ist die reine Sichselbstgleichheit im Andersseyn; so ist sie<lb n="4"/>die List, die der Thätigkeit sich zu enthalten scheinend, zusieht, wie die Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit und ihr concretes Leben, darin eben daß es seine Selbsterhaltung und beson<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>deres Interesse zu treiben vermeynt, das Verkehrte, sich selbst auflösendes und<lb n="7"/>zum Momente des Ganzen machendes Thun ist.</p>
<p><lb n="8"/>Wenn oben die Bedeutung des <hi rendition="#g">Verstandes</hi> nach der Seite des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyns der Substanz angegeben wurde, so erhellt aus dem hier gesagten seine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>deutung nach der Bestimmung derselben als Seyender. – Das Daseyn ist Qualität,<lb n="11"/>sich selbst gleiche Bestimmtheit oder bestimmte Einfachheit, bestimmter Gedanke;<lb n="12"/>diß ist der Verstand des Daseyns. Dadurch ist es <hi rendition="#g">Nus</hi>, als für welchen Anaxagoras<lb n="13"/>zuerst das Wesen erkannte. Die nach ihm, begriffen bestimmter die Natur des<lb n="14"/>Daseyns als <hi rendition="#g">Eidos</hi> oder <hi rendition="#g">Idea</hi>; das heißt, <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, <hi rendition="#g">Art</hi>.<lb n="15"/>Der Ausdruck <hi rendition="#g">Art</hi> scheint etwa zu gemein und zu wenig für die Ideen, für das<lb n="16"/>Schöne und Heilige und Ewige zu seyn, die zu dieser Zeit graßiren. Aber in der<lb n="17"/>That drückt die Idee nicht mehr noch weniger aus, als Art. Allein wir sehen itzt<lb n="18"/>oft einen Ausdruck, der einen Begriff bestimmt bezeichnet, verschmäht und einen<lb n="19"/>andern vorgezogen, der, wenn es auch nur darum ist, weil er einer fremden Sprache<lb n="20"/>angehört, den Begriff in Nebel einhüllt, und damit erbaulicher lautet. – Eben<lb n="21"/>darin daß das Daseyn, als Art bestimmt ist, ist es einfacher Gedanke; der <hi rendition="#g">Nus</hi>,<lb n="22"/>die Einfachheit ist die Substanz. Um ihrer Einfachheit oder Sichselbstgleichheit<lb n="23"/>willen erscheint sie als fest und bleibend. Aber diese Sichselbstgleichheit ist ebenso<lb n="24"/>Negativität; dadurch geht jenes feste Daseyn in seine Auflösung über. Die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stimmtheit scheint zuerst es nur dadurch zu seyn, daß sie sich auf <hi rendition="#g">Andres</hi> be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zieht, und ihre Bewegung ihr durch eine fremde Gewalt angethan zu werden;<lb n="27"/>aber daß sie ihr Andersseyn selbst an ihr hat und Selbstbewegung ist, diß ist eben<lb n="28"/>in jener <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> des Denkens selbst enthalten; denn diese ist der sich selbst<lb n="29"/>bewegende und unterscheidende Gedanke, und die eigene Innerlichkeit, der reine<lb n="30"/><hi rendition="#g">Begriff</hi>. So ist also die <hi rendition="#g">Verständigkeit</hi> ein Werden, und als diß Werden ist<lb n="31"/>sie die <hi rendition="#g">Vernünftigkeit</hi>.</p>
<p><lb n="32"/>In dieser Natur dessen, was ist, in seinem Seyn sein Begriff zu seyn, ist es, daß<lb n="33"/>überhaupt die <hi rendition="#g">logische</hi> <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> besteht; sie allein ist das vernünftige<lb n="34"/>und der Rythmus des organischen Ganzen, sie ist eben so sehr <hi rendition="#g">Wissen</hi> des Inhalts,<lb n="35"/>als der Inhalt Begriff und Wesen ist, – oder sie allein ist das <hi rendition="#g">Speculative</hi>. – Die<lb n="36"/>concrete Gestalt sich selbst bewegend macht sich zur einfachen Bestimmtheit,</p>
<pb n="41" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=47" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>damit erhebt sie sich zur logischen Form und ist in ihrer Wesentlichkeit; ihr con<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>cretes Daseyn ist nur diese Bewegung und ist unmittelbar logisches Daseyn. Es<lb n="3"/>ist darum unnöthig, dem concreten Inhalt den Formalismus äußerlich anzuthun;<lb n="4"/>jener ist an ihm selbst das Uebergehen in diesen, der aber aufhört, dieser äußerliche<lb n="5"/>Formalismus zu seyn, weil die Form das einheimische Werden des concreten<lb n="6"/>Inhalts selbst ist.</p>
<p><lb n="7"/>Diese Natur der wissenschafftlichen Methode, theils von dem Inhalte ungetrennt<lb n="8"/>zu seyn, theils sich durch sich selbst ihren Rythmus zu bestimmen, hat, wie schon<lb n="9"/>erinnert, in der speculativen Philosophie ihre eigentliche Darstellung. – Das hier<lb n="10"/>gesagte drückt zwar den Begriff aus, kann aber für nicht mehr als für eine anti<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>cipirte Versicherung gelten. Ihre Wahrheit liegt nicht in dieser zum Theil erzäh<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>lenden Exposition; und ist darum auch eben so wenig widerlegt, wenn dagegen<lb n="13"/>versichert wird, dem sey nicht so, sondern es verhalte sich damit so und so, wenn<lb n="14"/>gewohnte Vorstellungen, als ausgemachte und bekannte Wahrheiten in Erinnrung<lb n="15"/>gebracht und hererzählt, oder auch aus dem Schreine des innern göttlichen An<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schauens Neues aufgetischt und versichert wird. – Eine solche Aufnahme pflegt die<lb n="17"/>erste Reaction des Wissens, dem etwas unbekannt war, dagegen zu seyn, um die<lb n="18"/>Freyheit und eigne Einsicht, die eigne Autorität gegen die fremde, denn unter<lb n="19"/>dieser Gestalt erscheint das itzt zuerst aufgenommene, zu retten, – auch um den<lb n="20"/>Schein und die Art von Schande, die darin liegen soll, daß etwas gelernt worden<lb n="21"/>sey, wegzuschaffen, so wie bey der Beyfall gebenden Annahme des Unbekannten<lb n="22"/>die Reaction derselben Art in dem besteht, was in einer andren Sphäre das ultra<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>revolutionäre Reden und Handeln war.</p>
<p><lb n="24"/>Worauf es deswegen bey dem <hi rendition="#g">Studium</hi> der <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> ankommt, ist<lb n="25"/>die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen. Sie erfodert die Aufmerksam<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit auf ihn als solchen, auf die einfachen Bestimmungen, zum Beyspiel, des <hi rendition="#g">An<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi>, des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, der <hi rendition="#g">Sichselbstgleichheit</hi>, und sofort; denn<lb n="28"/>diese sind solche reine Selbstbewegungen, die man Seelen nennen könnte, wenn<lb n="29"/>nicht ihr Begriff etwas höheres bezeichnete als diese. Der Gewohnheit an Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stellungen fortzulauffen, ist die Unterbrechung derselben durch den Begriff eben<lb n="31"/>so lästig, als dem formalen Denken, das in unwirklichen Gedanken hin und her<lb n="32"/>räsonnirt. Jene Gewohnheit ist ein materielles Denken zu nennen, ein zufälliges<lb n="33"/>Bewußtseyn, das in den Stoff nur versenkt ist, welchem es daher sauer ankömmt,<lb n="34"/>aus der Materie zugleich sein Selbst rein herauszuheben und bey sich zu seyn. Das<lb n="35"/>andere, das Räsonniren, hingegen ist die Freyheit von dem Inhalt, und die Eitel<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>keit über ihn; ihr wird die Anstrengung zugemuthet, diese Freyheit aufzugeben,<lb n="37"/>und statt das willkührlich bewegende Princip des Inhalts zu seyn, diese Freyheit</p>
<pb n="42" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=48" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>in ihn zu versenken, ihn durch seine eigne Natur, das heißt, durch das Selbst als<lb n="2"/>das seinige, sich bewegen zu lassen, und diese Bewegung zu betrachten. Sich des<lb n="3"/>eignen Einfallens in den immanenten Rythmus der Begriffe entschlagen, in ihn<lb n="4"/>nicht durch die Willkühr und sonst erworbene Weisheit eingreiffen, diese Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>haltsamkeit ist selbst ein wesentliches Moment der Aufmerksamkeit auf den<lb n="6"/>Begriff.</p>
<p><lb n="7"/>Es sind an dem räsonnirenden Verhalten die beyden Seiten bemerklicher zu<lb n="8"/>machen, nach welchen das begreiffende Denken ihm entgegengesetzt ist. – Theils<lb n="9"/>verhält sich jenes negativ gegen den aufgefaßten Inhalt, weiß ihn zu widerlegen<lb n="10"/>und zu nichte zu machen. Daß dem nicht so sey, diese Einsicht ist das bloß <hi rendition="#g">Nega<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">tive</hi>, es ist das Letzte, das nicht selbst über sich hinaus zu einem neuen Inhalt geht,<lb n="12"/>sondern um wieder einen Inhalt zu haben, muß etwas <hi rendition="#g">Anderes</hi> irgendwoher<lb n="13"/>vorgenommen werden. Es ist die Reflexion in das leere Ich, die Eitelkeit seines<lb n="14"/>Wissens. – Diese Eitelkeit drückt aber nicht nur diß aus, daß dieser Inhalt eitel,<lb n="15"/>sondern auch, daß diese Einsicht selbst es ist; denn sie ist das Negative, das nicht<lb n="16"/>das positive in sich erblickt. Dadurch daß diese Reflexion ihre Negativität selbst<lb n="17"/>nicht zum Inhalte gewinnt, ist sie überhaupt nicht in der Sache, sondern immer<lb n="18"/>darüber hinaus; sie bildet sich deßwegen ein, mit der Behauptung der Leere immer<lb n="19"/>weiter zu seyn, als eine inhaltsreiche Einsicht. Dagegen, wie vorhin gezeigt, gehört<lb n="20"/>im begreiffenden Denken das Negative dem Inhalte selbst an, und ist sowohl als<lb n="21"/>seine <hi rendition="#g">immanente</hi> Bewegung und Bestimmung, wie als <hi rendition="#g">Ganzes</hi> derselben das<lb n="22"/><hi rendition="#g">Positive</hi>. Als Resultat aufgefaßt, ist es das aus dieser Bewegung herkommende,<lb n="23"/>das <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Negative, und hiemit ebenso ein positiver Inhalt.</p>
<p><lb n="24"/>In Ansehung dessen aber, daß solches Denken einen Inhalt hat, es sey der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stellungen oder Gedanken, oder der Vermischung beyder, hat es eine andre Seite,<lb n="26"/>die ihm das Begreiffen erschwert. Die merkwürdige Natur derselben hängt mit<lb n="27"/>dem oben angegebenen Wesen der Idee selbst enge zusammen, oder drückt sie<lb n="28"/>vielmehr aus, wie sie als die Bewegung erscheint, die denkendes Auffassen ist. –<lb n="29"/>Wie nemlich in seinem negativen Verhalten, wovon so eben die Rede war, das<lb n="30"/>räsonnirende Denken selber das Selbst ist, in das der Inhalt zurückgeht, so ist da<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gegen in seinem positiven Erkennen das Selbst ein vorgestelltes <hi rendition="#g">Subject</hi>, worauf<lb n="32"/>sich der Inhalt als Accidens und Prädicat bezieht. Diß Subject macht die Basis aus,<lb n="33"/>an die er geknüpft wird, und auf der die Bewegung hin und wieder läufft. Anders<lb n="34"/>verhält es sich im begreiffenden Denken. Indem der Begriff das eigene Selbst des<lb n="35"/>Gegenstandes ist, das sich als <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Werden</hi> darstellt, ist es nicht ein ruhendes<lb n="36"/>Subject, das unbewegt die Accidenzen trägt, sondern der sich bewegende und seine<lb n="37"/>Bestimmungen in sich zurücknehmende Begriff. In dieser Bewegung geht jenes</p>
<pb n="43" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=49" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>ruhende Subject selbst zu Grunde; es geht in die Unterschiede und Inhalt ein, und<lb n="2"/>macht vielmehr die Bestimmtheit, das heißt, den unterschiednen Inhalt wie die<lb n="3"/>Bewegung desselben aus, statt ihr gegenüberstehen zu bleiben. Der feste Boden,<lb n="4"/>den das Räsonniren an dem ruhenden Subjecte hat, schwankt also, und nur diese<lb n="5"/>Bewegung selbst wird der Gegenstand. Das Subject, das seinen Inhalt erfüllt, hört<lb n="6"/>auf, über diesen hinaus zu gehen, und kann nicht noch andre Prädicate oder Ac<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>cidenzen haben. Die Zerstreutheit des Inhalts ist umgekehrt dadurch unter das<lb n="8"/>Selbst gebunden; er ist nicht das allgemeine, das frey vom Subjecte mehrern zu<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>käme. Der Inhalt ist somit in der That nicht mehr Prädicat des Subjects, sondern<lb n="10"/>ist die Substanz, ist das Wesen und der Begriff dessen, wovon die Rede ist. Das<lb n="11"/>vorstellende Denken, da seine Natur ist, an den Accidenzen oder Prädicaten fort<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>zulauffen, und mit Recht, weil sie nicht mehr als Prädicate und Accidenzen sind,<lb n="13"/>über sie hinauszugehen, wird, indem das, was im Satze die Form eines Prädicats<lb n="14"/>hat, die Substanz selbst ist, in seinem Fortlauffen gehemmt. Es erleidet, es so vor<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zustellen, einen Gegenstoß. Vom Subjecte anfangend, als ob dieses zum Grunde<lb n="16"/>liegen bliebe, findet es, indem das Prädicat vielmehr die Substanz ist, das Subject<lb n="17"/>zum Prädicat übergegangen und hiemit aufgehoben; und indem so das, was Prädi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>cat zu seyn scheint, zur ganzen und selbstständigen Masse geworden, kann das Denken<lb n="19"/>nicht frey herumirren, sondern ist durch diese Schwere aufgehalten. – Sonst ist<lb n="20"/>zuerst das Subject als das <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> fixe Selbst zu Grunde gelegt; von<lb n="21"/>hier aus geht die nothwendige Bewegung zur Mannichfaltigkeit der Bestimmungen<lb n="22"/>oder der Prädicate fort; hier tritt an die Stelle jenes Subjects das wissende Ich selbst<lb n="23"/>ein, und ist das Verknüpfen der Prädicate und das sie haltende Subject. Indem aber<lb n="24"/>jenes erste Subject in die Bestimmungen selbst eingeht und ihre Seele ist, findet<lb n="25"/>das zweyte Subject, nemlich das wissende, jenes, mit dem es schon fertig seyn<lb n="26"/>und worüber hinaus es in sich zurückgehen will, noch im Prädicate vor, und statt<lb n="27"/>in dem Bewegen des Prädicats das Thuende, als Räsonniren, ob jenem diß oder<lb n="28"/>jenes Prädicat beyzulegen wäre, seyn zu können, hat es vielmehr mit dem Selbst<lb n="29"/>des Inhalts noch zu thun, soll nicht für sich, sondern mit diesem zusammenseyn.</p>
<p><lb n="30"/>Formell kann das Gesagte so ausgedrückt werden, daß die Natur des Urtheils<lb n="31"/>oder Satzes überhaupt, die den Unterschied des Subjects und Prädicats in sich<lb n="32"/>schließt, durch den speculativen Satz zerstört wird, und der identische Satz, zu<lb n="33"/>dem der erstere wird, den Gegenstoß zu jenem Verhältnisse enthält. – Dieser Con<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>flict der Form eines Satzes überhaupt, und der sie zerstörenden Einheit des Begriffs<lb n="35"/>ist dem ähnlich, der im Rythmus zwischen dem Metrum und dem Accente statt<lb n="36"/>findet. Der Rythmus resultirt aus der schwebenden Mitte und Vereinigung beyder.<lb n="37"/>So soll auch im philosophischen Satze die Identität des Subjects und Prädicats den</p>
<pb n="44" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=50" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Unterschied derselben, den die Form des Satzes ausdrückt, nicht vernichten, sondern<lb n="2"/>ihre Einheit als eine Harmonie hervorgehen. Die Form des Satzes ist die Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>nung des bestimmten Sinnes oder der Accent, der seine Erfüllung unterscheidet;<lb n="4"/>daß aber das Prädicat die Substanz ausdrückt, und das Subject selbst ins Allgemeine<lb n="5"/>fällt, ist die <hi rendition="#g">Einheit</hi>, worin jener Accent verklingt.</p>
<p><lb n="6"/>Um das gesagte durch Beyspiele zu erläutern, so ist in dem Satz; <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">Seyn</hi>, das Prädicat <hi rendition="#g">das</hi> Seyn; es hat substantielle Bedeutung, in der das Subject<lb n="8"/>zerfließt. Seyn soll hier nicht Prädicat, sondern das Wesen seyn; dadurch scheint<lb n="9"/>Gott aufzuhören das zu seyn, was er durch die Stellung des Satzes ist, nemlich das<lb n="10"/>feste Subject. – Das Denken, statt im Uebergange vom Subjecte zum Prädicate<lb n="11"/>weiter zu kommen, fühlt sich, da das Subject verloren geht, vielmehr gehemmt,<lb n="12"/>und zu dem Gedanken des Subjects, weil es dasselbe vermißt, zurückgeworfen;<lb n="13"/>oder es findet, da das Prädicat selbst als ein Subject, als <hi rendition="#g">das</hi> Seyn, als das <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="14"/>ausgesprochen ist, welches die Natur des Subjects erschöpft, das Subject unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bar auch im Prädicate; und nun statt daß es im Prädicate in sich gegangen die<lb n="16"/>freye Stellung des Räsonnirens erhielte, ist es in den Inhalt noch vertieft oder<lb n="17"/>wenigstens ist die Foderung vorhanden, in ihn vertieft zu seyn. – So auch wenn<lb n="18"/>gesagt wird, das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi> ist das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, so vergeht das Wirkliche als<lb n="19"/>Subject, in seinem Prädicate. Das Allgemeine soll nicht nur die Bedeutung des<lb n="20"/>Prädicats haben, so daß der Satz diß aussagte, das Wirkliche sey allgemein, sondern<lb n="21"/>das Allgemeine soll das Wesen des Wirklichen ausdrücken. – Das Denken verliert<lb n="22"/>daher so sehr seinen festen gegenständlichen Boden, den es am Subjecte hatte, als<lb n="23"/>es im Prädicate darauf zurückgeworfen wird, und in diesem nicht in sich, sondern<lb n="24"/>in das Subject des Inhalts zurückgeht.</p>
<p><lb n="25"/>Auf diesem ungewohnten Hemmen beruhen großen Theils die Klagen über die<lb n="26"/>Unverständlichkeit philosophischer Schriften, wenn anders im Individuum die<lb n="27"/>sonstigen Bedingungen der Bildung, sie zu verstehen, vorhanden sind. Wir sehen<lb n="28"/>in dem Gesagten den Grund des ganz bestimmten Vorwurfs, der ihnen oft gemacht<lb n="29"/>wird, daß Mehreres erst wiederhohlt gelesen werden müsse, ehe es verstanden<lb n="30"/>werden könne; – ein Vorwurf, der etwas ungebührliches und letztes enthalten<lb n="31"/>soll, so daß er, wenn er gegründet, weiter keine Gegenrede zulasse. – Es erhellt<lb n="32"/>aus dem Obigen, welche Bewandniß es damit hat. Der philosophische Satz, weil<lb n="33"/>er Satz ist, erweckt die Meynung des gewöhnlichen Verhältnisses des Subjects<lb n="34"/>und Prädicats, und des gewöhnten Verhaltens des Wissens. Diß Verhalten und die<lb n="35"/>Meynung desselben zerstört sein philosophischer Inhalt; die Meynung erfährt, daß<lb n="36"/>es anders gemeynt ist, als sie meynte, und diese Correction seiner Meynung nöthigt<lb n="37"/>das Wissen auf den Satz zurückzukommen und ihn nun anders zu fassen.</p>
<pb n="45" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=51" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Eine Schwierigkeit, die vermieden werden sollte, macht die Vermischung der<lb n="2"/>speculativen und der räsonnirenden Weise aus, wenn einmal das vom Subjecte<lb n="3"/>gesagte die Bedeutung seines Begriffs hat, das anderemal aber auch nur die Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tung seines Prädicats oder Accidens. – Die eine Weise stört die andere, und erst<lb n="5"/>diejenige philosophische Exposition würde es erreichen, plastisch zu seyn, welche<lb n="6"/>strenge die Art des gewöhnlichen Verhältnisses der Theile eines Satzes ausschlösse.</p>
<p><lb n="7"/>In der That hat auch das nicht speculative Denken sein Recht, das gültig aber<lb n="8"/>in der Weise des speculativen Satzes nicht beachtet ist. Daß die Form des Satzes<lb n="9"/>aufgehoben wird, muß nicht nur auf <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Weise geschehen, nicht<lb n="10"/>durch den blossen Inhalt des Satzes. Sondern diese entgegengesetzte Bewegung<lb n="11"/>muß ausgesprochen werden; sie muß nicht nur jene innerliche Hemmung, sondern<lb n="12"/>diß Zurückgehen des Begriffs in sich muß <hi rendition="#g">dargestellt</hi> seyn. Diese Bewegung,<lb n="13"/>welche das ausmacht, was sonst der Beweis leisten sollte, ist die dialektische Be<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>wegung des Satzes selbst. Sie allein ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Speculative, und nur das<lb n="15"/>Aussprechen derselben ist speculative Darstellung. Als Satz ist das Speculative nur<lb n="16"/>die <hi rendition="#g">innerliche</hi> Hemmung und die <hi rendition="#g">nichtdaseyende</hi> Rückkehr des Wesens<lb n="17"/>in sich. Wir sehen uns daher oft von philosophischen Expositionen an dieses<lb n="18"/><hi rendition="#g">innre</hi> Anschauen verwiesen, und dadurch die Darstellung der dialektischen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wegung des Satzes erspart, die wir verlangten. – Der <hi rendition="#g">Satz</hi> soll ausdrücken, <hi rendition="#g">was</hi><lb n="20"/>das Wahre ist, aber wesentlich ist es Subject; als dieses ist es nur die dialektische<lb n="21"/>Bewegung, dieser sich selbst erzeugende, fortleitende und in sich zurückgehende<lb n="22"/>Gang. – Bey dem sonstigen Erkennen macht der Beweis diese Seite der ausgesproch<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>nen Innerlichkeit aus. Nachdem aber die Dialektik vom Beweise getrennt worden,<lb n="24"/>ist in der That der Begriff des philosophischen Beweisens verloren gegangen.</p>
<p><lb n="25"/>Es kann hierüber erinnert werden, daß die dialektische Bewegung gleichfalls<lb n="26"/>Sätze zu ihren Theilen oder Elementen habe; die aufgezeigte Schwierigkeit scheint<lb n="27"/>daher immer zurückzukehren, und eine Schwierigkeit der Sache selbst zu seyn. –<lb n="28"/>Es ist diß dem ähnlich, was beym gewöhnlichen Beweise so vorkommt, daß die<lb n="29"/>Gründe, die er gebraucht, selbst wieder einer Begründung bedürfen, und so fort<lb n="30"/>ins unendliche. Diese Form des Begründens und Bedingens gehört aber jenem<lb n="31"/>Beweisen, von dem die dialektische Bewegung verschieden ist, und somit dem<lb n="32"/>äusserlichen Erkennen an. Was diese selbst betrifft, so ist ihr Element der reine<lb n="33"/>Begriff, hiemit hat sie einen Inhalt, der durch und durch Subject an ihm selbst ist.<lb n="34"/>Es kommt also kein solcher Inhalt vor, der als zum Grunde liegendes Subject sich<lb n="35"/>verhielte, und dem seine Bedeutung als ein Prädicat zukäme; der Satz ist unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>bar eine nur leere Form. – Ausser dem sinnlich angeschauten oder vorgestellten<lb n="37"/>Selbst ist es vornemlich der Nahme als Nahme, der das reine Subject, das leere</p>
<pb n="46" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=52" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>begrifflose Eins bezeichnet. Aus diesem Grunde kann es zum Beyspiel dienlich<lb n="2"/>seyn, den Nahmen: <hi rendition="#g">Gott</hi>, zu vermeiden, weil diß Wort nicht unmittelbar zu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gleich Begriff, sondern der eigentliche Nahme, die feste Ruhe des zum Grunde<lb n="4"/>liegenden Subjects ist. Da hingegen z. B. das Seyn, oder das Eine, die Einzelnheit,<lb n="5"/>das Subject, selbst auch, u.s.f. unmittelbar Begriffe andeuten. – Wenn auch von<lb n="6"/>jenem Subjecte speculative Wahrheiten gesagt werden, so entbehrt doch ihr Inhalt<lb n="7"/>des immanenten Begriffs, weil er nur als ruhendes Subject vorhanden ist, und sie<lb n="8"/>bekommen durch diesen Umstand leicht die Form der blossen Erbaulichkeit. –<lb n="9"/>Von dieser Seite wird also auch das Hinderniß, das in der Gewohnheit liegt, das<lb n="10"/>speculative Prädicat nach der Form des Satzes, nicht als Begriff und Wesen zu<lb n="11"/>fassen durch die Schuld des philosophischen Vortrags selbst vermehrt, und ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ringert werden können. Die Darstellung muß, der Einsicht in die Natur des Specu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lativen getreu, die dialektische Form behalten und nichts hereinnehmen, als in so<lb n="14"/>fern es begriffen wird und der Begriff ist.</p>
<p><lb n="15"/>So sehr als das räsonnirende Verhalten, ist dem Studium der Philosophie die<lb n="16"/>nicht räsonnirende Einbildung auf ausgemachte Wahrheiten hinderlich, auf welche<lb n="17"/>der Besitzer es nicht nöthig zu haben meynt zurückzukommen, sondern sie zu<lb n="18"/>Grunde legt und sie aussprechen zu können glaubt, so wie durch sie richten und<lb n="19"/>absprechen. Von dieser Seite thut es besonders Noth, daß wieder ein ernsthafftes<lb n="20"/>Geschäffte aus dem Philosophiren gemacht werde. Von allen Wissenschaften,<lb n="21"/>Künsten, Geschicklichkeiten, Handwerken gilt die Ueberzeugung, daß, um sie zu<lb n="22"/>besitzen, eine vielfache Bemühung des Erlernens und Uebens derselben nöthig<lb n="23"/>ist. In Ansehung der Philosophie dagegen scheint itzt das Vorurtheil zu herrschen,<lb n="24"/>daß, wenn zwar jeder Augen und Finger hat, und wenn er Leder und Werkzeug<lb n="25"/>bekommt, er darum nicht im Stande sey, Schuhe zu machen, – jeder doch un<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mittelbar zu philosophiren, und die Philosophie zu beurtheilen verstehe, weil er<lb n="27"/>den Maßstab an seiner natürlichen Vernunft dazu besitze, – als ob er den Maßstab<lb n="28"/>eines Schuhes nicht an seinem Fusse ebenfalls besässe. – Es scheint gerade in den<lb n="29"/>Mangel von Kenntnissen und von Studium der Besitz der Philosophie gesetzt zu<lb n="30"/>werden, und diese da aufzuhören, wo jene anfangen. Sie wird häuffig für ein for<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>melles inhaltsleeres Wissen gehalten, und es fehlt sehr an der Einsicht, daß was,<lb n="32"/>auch dem Inhalte nach, in irgend einer Kenntniß und Wissenschafft Wahrheit<lb n="33"/>ist, diesen Nahmen allein dann verdienen kann, wenn es von der Philosophie er<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>zeugt worden; daß die andern Wissenschafften, sie mögen es mit Räsonniren, ohne<lb n="35"/>die Philosophie, versuchen, so viel sie wollen, ohne sie nicht Leben, Geist, Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit in ihnen zu haben vermögen.</p>
<p><lb n="37"/>In Ansehung der eigentlichen Philosophie sehen wir für den langen Weg der<lb n="38"/>Bildung, für die eben so reiche als tiefe Bewegung, durch die der Geist zum Wissen<lb n="39"/>gelangt, die unmittelbare Offenbarung des Göttlichen und den gesunden Menschen-</p>
<pb n="47" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=53" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>verstand, der sich weder mit andrem Wissen noch mit dem eigentlichen Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sophiren bemüht und gebildet hat, sich unmittelbar als ein vollkommenes Equi<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>valent und so gutes Surrogat ansehen, als etwa die Cichorie ein Surrogat des<lb n="4"/>Coffees zu seyn gerühmt wird. Es ist nicht erfreulich, zu bemerken, daß die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wissenheit und die form- wie geschmacklose Rohheit selbst, die unfähig ist, ihr<lb n="6"/>Denken auf einen abstracten Satz, noch weniger auf den Zusammenhang mehrerer<lb n="7"/>festzuhalten, bald die Freyheit und Toleranz des Denkens, bald aber Genialität zu<lb n="8"/>seyn versichert. Die letztere, wie itzt in der Philosophie, graßirte bekanntlich einst<lb n="9"/>ebenso in der Poësie; statt Poësie aber, wenn das Produciren dieser Genialität<lb n="10"/>einen Sinn hatte, erzeugte es triviale Prose oder wenn es über diese hinausging,<lb n="11"/>verrückte Reden. So itzt ein natürliches Philosophiren, das sich zu gut für den Begriff<lb n="12"/>und durch dessen Mangel für ein anschauendes und poëtisches Denken hält, bringt<lb n="13"/>willkührliche Combinationen einer durch den Gedanken nur desorganisirten Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bildungskrafft zu Markte, – Gebilde, die weder Fisch noch Fleisch, weder Poësie<lb n="15"/>noch Philosophie sind.</p>
<p><lb n="16"/>Dagegen im ruhigern Bette des gesunden Menschenverstandes fortfliessend<lb n="17"/>gibt das natürliche Philosophiren eine Rhetorik trivialer Wahrheiten zum Besten.<lb n="18"/>Wird ihm die Unbedeutenheit derselben vorgehalten, so versichert es dagegen,<lb n="19"/>daß der Sinn und die Erfüllung in seinem Herzen vorhanden sey, und auch so<lb n="20"/>bey Andern vorhanden seyn müsse, indem es überhaupt mit der Unschuld des<lb n="21"/>Herzens und der Reinheit des Gewissens und dergleichen, letzte Dinge gesagt zu<lb n="22"/>haben meynt, wogegen weder Einrede statt finde, noch etwas weiteres gefodert<lb n="23"/>werden könne. Es war aber darum zu thun, daß das Beste nicht im Innern zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>bliebe, sondern aus diesem Schachte zu Tage gefördert werde. Letzte Wahrheiten<lb n="25"/>jener Art vorzubringen, diese Mühe konnte längst erspart werden, denn sie sind<lb n="26"/>längst etwa im Katechismus, in den Sprichwörtern des Volks u.s.f. zu finden. –<lb n="27"/>Es ist nicht schwer, solche Wahrheiten an ihrer Unbestimmtheit oder Schiefheit zu<lb n="28"/>fassen, oft die gerade entgegengesetzte ihrem Bewußtseyn in ihm selbst aufzu<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zeigen. Es wird, indem es sich aus der Verwirrung, die in ihm angerichtet wird,<lb n="30"/>zu ziehen bemüht, in neue verfallen und wohl zu dem Ausbruche kommen, daß<lb n="31"/>ausgemachtermassen dem <hi rendition="#g">so</hi> und <hi rendition="#g">so</hi>, jenes aber <hi rendition="#g">Sophistereyen</hi> seyen; – ein<lb n="32"/>Schlagwort des gemeinen Menschenverstandes gegen die gebildete Vernunft, wie<lb n="33"/>den Ausdruck: <hi rendition="#g">Träumereyen</hi>, die Unwissenheit der Philosophie sich für diese<lb n="34"/>ein für allemal gemerkt hat. – Indem jener sich auf das Gefühl, sein inwendiges<lb n="35"/>Orakel, berufft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären,<lb n="36"/>daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; –<lb n="37"/>mit andern Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füssen. Denn die Natur</p>
<pb n="48" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=54" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>dieser ist auf die Uebereinkunft mit andern zu dringen, und ihre Existenz nur in<lb n="2"/>der zu Stande gebrachten Gemeinsamkeit der Bewußtseyn. Das widermenschliche,<lb n="3"/>das thierische besteht darin, im Gefühle stehen zu bleiben und nur durch dieses<lb n="4"/>sich mittheilen zu können.</p>
<p><lb n="5"/>Wenn nach einem königlichen Wege zur Wissenschaft gefragt würde, so kann<lb n="6"/>kein bequemerer angegeben werden, als der sich auf den gesunden Menschen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>verstand zu verlassen, und um übrigens auch mit der Zeit und mit der Philosophie<lb n="8"/>fortzuschreiten, Recensionen von philosophischen Schriften, etwa gar die Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>reden und ersten Paragraphen derselben zu lesen, denn diese geben die allgemeine<lb n="10"/>Grundsätze, worauf alles ankommt, und jene neben der historischen Notiz noch die<lb n="11"/>Beurtheilung, die sogar, weil sie Beurtheilung ist, über das Beurtheilte hinaus ist.<lb n="12"/>Dieser gemeine Weg macht sich im Hausrocke, aber im hohenpriesterlichen<lb n="13"/>Gewande schreitet das Hochgefühl des Ewigen, Heiligen, Unendlichen einher –<lb n="14"/>einen Weg, der vielmehr schon selbst das unmittelbare Seyn im Centrum, die<lb n="15"/>Genialität tiefer origineller Ideen und hoher Gedankenblitze ist. Wie jedoch solche<lb n="16"/>Tiefe noch nicht den Quell des Wesens offenbart, so sind diese Raketen noch nicht<lb n="17"/>das Empyreum. Wahre Gedanken und wissenschaftliche Einsicht ist nur in der<lb n="18"/>Arbeit des Begriffes zu gewinnen. Er allein kann die Allgemeinheit des Wissens her<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>vorbringen, welche weder die gemeine Unbestimmtheit und Dürftigkeit des<lb n="20"/>gemeinen Menschenverstands, sondern gebildete und vollständige Erkenntniß, –<lb n="21"/>noch die ungemeine Allgemeinheit der durch Trägheit und Eigendünkel von<lb n="22"/>Genie sich verderbenden Anlage der Vernunft, sondern die zu ihrer einheimischen<lb n="23"/>Form gediehene Wahrheit, welche fähig ist, das Eigenthum aller selbstbewußten<lb n="24"/>Vernunft zu seyn.</p>
<p><lb n="25"/>Indem ich das, wodurch die Wissenschaft existirt, in die Selbstbewegung des<lb n="26"/>Begriffes setze, so scheint die Betrachtung, daß die angeführten und noch andre<lb n="27"/>äussre Seiten der Vorstellungen unserer Zeit über die Natur und Gestalt der Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>heit hievon abweichen, ja ganz entgegen sind, einem Versuche, das System der<lb n="29"/>Wissenschaft in jener Bestimmung darzustellen, keine günstige Aufnahme zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sprechen. Inzwischen kann ich bedenken, daß, wenn z. B. zuweilen das Vortreff<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>liche der Philosophie Plato’s in seine wissenschaftlich werthlosen Mythen gesetzt<lb n="32"/>wird, es auch Zeiten gegeben, welche sogar Zeiten der Schwärmerey genannt<lb n="33"/>werden, worin die Aristotelische Philosophie um ihrer speculativen Tiefe willen<lb n="34"/>geachtet und der Parmenides des Plato, wohl das größte Kunstwerk der alten<lb n="35"/><hi rendition="#g">Dialektik</hi>, für die wahre Enthüllung und den <hi rendition="#g">positiven</hi> <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">gött<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">Lebens</hi> gehalten wurde, und sogar bey vieler Trübheit dessen, was die<lb n="37"/><hi rendition="#g">Ekstase</hi> erzeugte, diese misverstandne Ekstase in der That nichts andres als <hi rendition="#g">der</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> seyn sollte, – daß ferner das Vortreffliche der Philosophie unserer<lb n="39"/>Zeit seinen Werth selbst in die Wissenschaftlichkeit setzt, und wenn auch die</p>
<pb n="49" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=55" type="body"/>
<fw type="header" place="top">VORREDE</fw>
<p><lb n="1"/>Andern es anders nehmen, nur durch sie in der That sich geltend macht. Somit<lb n="2"/>kann ich auch hoffen, daß dieser Versuch, die Wissenschaft dem Begriffe zu vindi<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ciren und sie in diesem ihrem eigenthümlichen Elemente darzustellen, sich durch<lb n="4"/>die innre Wahrheit der Sache Eingang zu verschaffen wissen werde. Wir müssen<lb n="5"/>überzeugt seyn, daß das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit<lb n="6"/>gekommen, und daß es nur erscheint, wenn diese gekommen, und deßwegen<lb n="7"/>nie zu früh erscheint noch ein unreifes Publicum findet; auch daß das Individuum<lb n="8"/>dieses Effects bedarf um das, was noch seine einsame Sache ist, daran sich zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>währen und die Ueberzeugung, die nur erst der Besonderheit angehört, als etwas<lb n="10"/>allgemeines zu erfahren. Hiebey aber ist häuffig das Publicum von denen zu unter<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>scheiden, welche sich als seine Representanten und Sprecher betragen. Jenes ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>hält sich in manchen Rücksichten anders als diese, ja selbst entgegengesetzt. Wenn<lb n="13"/>es gutmüthigerweise die Schuld, daß ihm eine philosophische Schrift nicht zusagt,<lb n="14"/>eher auf sich nimmt, so schieben hingegen diese, ihrer Competenz gewiß, alle<lb n="15"/>Schuld auf den Schriftsteller. Die Wirkung ist in jenem stiller als das Thun dieser<lb n="16"/>Todten, wenn sie ihre Todten begraben. Wenn itzt die allgemeine Einsicht über<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>haupt gebildeter, ihre Neugierde wachsamer und ihr Urtheil schneller bestimmt<lb n="18"/>ist, so daß die Füsse derer, die dich hinaustragen werden, schon vor der Thüre<lb n="19"/>stehen, so ist hievon oft die langsamere Wirkung zu unterscheiden, welche die<lb n="20"/>Aufmerksamkeit, die durch imponirende Versicherungen erzwungen wurde, so<lb n="21"/>wie den wegwerfenden Tadel, berichtigt, und einem Theile eine Mitwelt erst in<lb n="22"/>einiger Zeit gibt, während ein anderer nach dieser keine Nachwelt mehr hat.</p>
<p><lb n="23"/>Weil übrigens in einer Zeit, worin die Allgemeinheit des Geistes so sehr erstarkt<lb n="24"/>und die Einzelnheit, wie sich gebührt, um so viel gleichgültiger geworden ist,<lb n="25"/>auch jene an ihrem vollen Umfang und gebildeten Reichthum hält und ihn fodert,<lb n="26"/>der Antheil, der an dem gesammten Werke des Geistes auf die Thätigkeit des<lb n="27"/>Individuums fällt, nur gering seyn kann, so muß dieses, wie die Natur der Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schaft schon es mit sich bringt, sich um so mehr vergessen, und zwar werden und<lb n="29"/>thun, was es kann, aber es muß ebenso weniger von ihm gefordert werden, wie<lb n="30"/>es selbst weniger von sich erwarten und für sich fordern darf.</p>
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<pb n="51" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=57" type="body" subtype="apparat"/>
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<div>
<head><lb n="1"/>I.<lb n="2"/>WISSENSCHAFT<lb n="3"/>DER<lb n="4"/>PHÄNOMENOLOGIE<lb n="5"/>DES<lb n="6"/>GEISTES.</head>
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<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Es ist eine natürliche Vorstellung, daß, eh in der Philosophie an die Sache selbst,<lb n="2"/>nemlich an das wirkliche Erkennen dessen, was in Wahrheit ist, gegangen wird, es<lb n="3"/>nothwendig sey, vorher über das Erkennen sich zu verständigen, das als das Werk<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zeug, wodurch man des Absoluten sich bemächtige, oder als das Mittel, durch<lb n="5"/>welches hindurch man es erblicke, betrachtet wird. Die Besorgniß scheint gerecht,<lb n="6"/>theils daß es verschiedene Arten der Erkenntniß geben, und darunter eine geschickter<lb n="7"/>als eine andere zur Erreichung dieses Endzwecks seyn möchte, hiemit durch falsche<lb n="8"/>Wahl unter ihnen, – theils auch daß, indem das Erkennen ein Vermögen von<lb n="9"/>bestimmter Art und Umfange ist, ohne die genauere Bestimmung seiner Natur<lb n="10"/>und Gräntze, Wolken des Irrthums statt des Himmels der Wahrheit erfaßt werden.<lb n="11"/>Diese Besorgniß muß sich wohl sogar in die Ueberzeugung verwandeln, daß das<lb n="12"/>ganze Beginnen, dasjenige, was An-sich ist, durch das Erkennen dem Bewußtseyn<lb n="13"/>zu erwerben, in seinem Begriffe widersinnig sey, und zwischen das Erkennen<lb n="14"/>und das Absolute eine sie schlechthin scheidende Gräntze falle. Denn ist das Er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kennen das Werkzeug, sich des absoluten Wesens zu bemächtigen, so fällt sogleich<lb n="16"/>auf, daß die Anwendung eines Werkzeugs auf eine Sache, sie vielmehr nicht läßt,<lb n="17"/>wie sie für sich ist, sondern eine Formirung und Veränderung mit ihr vornimmt.<lb n="18"/>Oder ist das Erkennen nicht Werkzeug unserer Thätigkeit, sondern gewissermaßen<lb n="19"/>ein passives Medium, durch welches hindurch das Licht der Wahrheit an uns<lb n="20"/>gelangt, so erhalten wir auch so sie nicht, wie sie an sich, sondern wie sie durch<lb n="21"/>und in diesem Medium ist. Wir gebrauchen in beyden Fällen ein Mittel, welches<lb n="22"/>unmittelbar das Gegentheil seines Zwecks hervorbringt; oder das Widersinnige<lb n="23"/>ist vielmehr, daß wir uns überhaupt eines Mittels bedienen. Es scheint zwar, daß<lb n="24"/>diesem Uebelstande durch die Kenntniß der Wirkungsweise des <hi rendition="#g">Werkzeugs</hi><lb n="25"/>abzuhelfen steht, denn sie macht es möglich, den Theil, welcher in der Vorstellung,<lb n="26"/>die wir durch es vom Absoluten erhalten, dem Werkzeuge angehört, im Resultate<lb n="27"/>abzuziehen, und so das Wahre rein zu erhalten. Allein, diese Verbesserung würde<lb n="28"/>uns in der That nur dahin zurückbringen, wo wir vorher waren. Wenn wir von<lb n="29"/>einem formirten Dinge das wieder wegnehmen, was das Werkzeug daran gethan<lb n="30"/>hat, so ist uns das Ding, – hier das Absolute – gerade wieder so viel als vor dieser<lb n="31"/>somit überflüssiger Bemühung. Sollte das Absolute durch das Werkzeug uns nur<lb n="32"/>überhaupt näher gebracht werden, ohne etwas an ihm zu verändern, wie etwa<lb n="33"/>durch die Leimruthe der Vogel, so würde es wohl, wenn es nicht an und für sich<lb n="34"/>schon bey uns wäre und seyn wollte, dieser List spotten; denn eine List wäre in<lb n="35"/>diesem Falle das Erkennen, da es durch sein vielfaches Bemühen ganz etwas anderes<lb n="36"/>zu treiben sich die Miene gibt, als nur die unmittelbare und somit mühelose Be-</p>
<pb n="54" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=61" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>ziehung hervor zu bringen. Oder wenn die Prüffung des Erkennens, das wir als<lb n="2"/>ein <hi rendition="#g">Medium</hi> uns vorstellen, uns das Gesetz seiner Strahlenbrechung kennen<lb n="3"/>lehrt, so nützt es eben so nichts, sie im Resultate abzuziehen; denn nicht das Brechen<lb n="4"/>des Strahls, sondern der Strahl selbst, wodurch die Wahrheit uns berührt, ist das<lb n="5"/>Erkennen, und dieses abgezogen, wäre uns nur die reine Richtung, oder der leere<lb n="6"/>Ort bezeichnet worden.</p>
<p><lb n="7"/>Inzwischen wenn die Besorgniß in Irrthum zu gerathen, ein Mißtrauen in die<lb n="8"/>Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst<lb n="9"/>geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein<lb n="10"/>Mißtrauen in diß Mißtrauen gesetzt, und besorgt werden soll, daß diese Furcht<lb n="11"/>zu irren schon der Irrthum selbst ist. In der That setzt sie etwas und zwar manches<lb n="12"/>als Wahrheit voraus, und stützt darauf ihre Bedenklichkeiten und Consequenzen,<lb n="13"/>was selbst vorher zu prüffen ist, ob es Wahrheit sey. Sie setzt nemlich <hi rendition="#g">Vorstel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">lungen</hi> von dem <hi rendition="#g">Erkennen</hi> als einem <hi rendition="#g">Werkzeuge</hi> und <hi rendition="#g">Medium</hi>, auch<lb n="15"/>einen <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">unserer</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Erkennen</hi> voraus; vor<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>züglich aber diß, daß das Absolute <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> stehe, und das <hi rendition="#g">Erkennen</hi> <hi rendition="#g">auf</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> für sich und getrennt von dem Absoluten doch etwas reelles, oder<lb n="18"/>hiemit, daß das Erkennen, welches, indem es außer dem Absoluten, wohl auch außer<lb n="19"/>der Wahrheit ist, doch wahrhaft sey; eine Annahme, wodurch das, was sich Furcht vor<lb n="20"/>dem Irrthume nennt, sich eher als Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt.</p>
<p><lb n="21"/>Diese Consequenz ergibt sich daraus, daß das Absolute allein wahr, oder das<lb n="22"/>Wahre allein absolut ist. Sie kann abgelehnt werden, durch den Unterschied, daß<lb n="23"/>ein Erkennen, welches zwar nicht, wie die Wissenschaft will, das Absolute erkennt,<lb n="24"/>doch auch wahr; und das Erkennen überhaupt, wenn es dasselbe zu fassen zwar<lb n="25"/>unfähig sey, doch anderer Wahrheit fähig seyn könne. Aber wir sehen nachgerade,<lb n="26"/>daß solches hin- und herreden, auf einen trüben Unterschied zwischen einem<lb n="27"/>absoluten Wahren, und einem sonstigen Wahren hinaus läufft, und das Absolute,<lb n="28"/>das Erkennen, und so fort, Worte sind, welche eine Bedeutung voraus setzen,<lb n="29"/>um die zu erlangen es erst zu thun ist.</p>
<p><lb n="30"/>Statt mit dergleichen unnützen Vorstellungen und Redensarten, von dem Er<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>kennen, als einem Werkzeuge, des Absoluten habhafft zu werden, oder als einem<lb n="32"/>Medium, durch das hindurch wir die Wahrheit erblicken und so fort, – Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>nisse, worauf wohl alle diese Vorstellungen von einem Erkennen, das vom Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>soluten, und einem Absoluten, das von dem Erkennen getrennt ist, hinauslauffen, –<lb n="35"/>statt mit den Ausreden, welche das Unvermögen der Wissenschaft aus der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>aussetzung solcher Verhältnisse schöpft, um von der Mühe der Wissenschaft zu<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gleich sich zu befreyen, und zugleich sich das Ansehen eines ernsthaften und</p>
<pb n="55" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=62" type="body"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>eifrigen Bemühens zu geben, – so wie statt mit Antworten auf alles dieses sich<lb n="2"/>herumzuplacken, könnten sie als zufällige und willkührliche Vorstellungen geradezu<lb n="3"/>verworfen, und der damit verbundne Gebrauch von Worten als dem Absoluten,<lb n="4"/>dem Erkennen, auch dem Objectiven und Subjectiven, und unzähligen andern,<lb n="5"/>deren Bedeutung als allgemein bekannt vorausgesetzt wird, sogar als Betrug an<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gesehen werden. Denn das Vorgeben, theils daß ihre Bedeutung allgemein bekannt<lb n="7"/>ist, theils auch, daß man selbst ihren Begriff hat, scheint eher nur die Hauptsache<lb n="8"/>ersparen zu sollen, nemlich diesen Begriff zu geben. Mit mehr Recht dagegen<lb n="9"/>könnte die Mühe gespart werden, von solchen Vorstellungen und Redensarten,<lb n="10"/>wodurch die Wissenschaft selbst abgewehrt werden soll, überhaupt Notitz zu<lb n="11"/>nehmen, denn sie machen nur eine leere Erscheinung des Wissens aus, welche<lb n="12"/>vor der auftretenden Wissenschaft unmittelbar verschwindet. Aber die Wissenschaft<lb n="13"/>darin, dass sie auftritt, ist sie selbst eine Erscheinung; ihr Auftreten ist noch nicht<lb n="14"/>sie in ihrer Wahrheit ausgeführt und ausgebreitet. Es ist hiebey gleichgültig, sich<lb n="15"/>vorzustellen, daß <hi rendition="#g">sie</hi> die Erscheinung ist, weil sie <hi rendition="#g">neben</hi> <hi rendition="#g">anderem</hi> auftritt, oder<lb n="16"/>jenes andere unwahre Wissen ihr Erscheinen zu nennen. Die Wissenschaft muß<lb n="17"/>sich aber von diesem Scheine befreyen; und sie kann diß nur dadurch, daß sie sich<lb n="18"/>gegen ihn wendet. Denn sie kann ein Wissen, welches nicht wahrhafft ist, weder<lb n="19"/>als eine gemeine Ansicht der Dinge nur verwerfen, und versichern, daß sie eine<lb n="20"/>ganz andere Erkenntniß, und jenes Wissen für sie gar nichts ist; noch sich auf die<lb n="21"/>Ahndung eines bessern in ihm selbst beruffen. Durch jene <hi rendition="#g">Versicherung</hi> er<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>klärte sie ihr <hi rendition="#g">Seyn</hi> für ihre Krafft; aber das unwahre Wissen berufft sich eben so<lb n="23"/>darauf, daß <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, und <hi rendition="#g">versichert</hi>, daß ihm die Wissenschaft nichts ist; <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="24"/>trockenes Versichern gilt aber gerade so viel als ein anderes. Noch weniger kann<lb n="25"/>sie sich auf die bessere Ahndung beruffen, welche in dem nicht wahrhafften Er<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>kennen vorhanden, und in ihm selbst die Hinweisung auf sie sey; denn einestheils<lb n="27"/>berieffe sie sich ebenso wieder auf ein Seyn; anderntheils aber auf sich, als auf die<lb n="28"/>Weise, wie sie im nicht wahrhafften Erkennen ist, das heißt, auf eine schlechte<lb n="29"/>Weise ihres Seyns, und auf ihre Erscheinung vielmehr, als darauf, wie sie an und<lb n="30"/>für sich ist. Aus diesem Grunde soll hier die Darstellung des erscheinenden Wissens<lb n="31"/>vorgenommen werden.</p>
<p><lb n="32"/>Weil nun diese Darstellung nur das erscheinende Wissen zum Gegenstande<lb n="33"/>hat, so scheint sie selbst nicht die freye, in ihrer eigenthümlichen Gestalt sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>wegende Wissenschafft zu seyn, sondern sie kann von diesem Standpunkte aus,<lb n="35"/>als der Weg des natürlichen Bewußtseyns, das zum wahren Wissen dringt, ge<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nommen werden; oder als der Weg der Seele, welche die Reihe ihrer Gestaltungen,<lb n="37"/>als durch ihre Natur ihr vorgesteckter Stationen durchwandert, daß sie sich zum<lb n="38"/>Geiste läutere, indem sie durch die vollständige Erfahrung ihrer selbst zur Kennt<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>niß desjenigen gelangt, was sie an sich selbst ist.</p>
<pb n="56" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=63" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>Das natürliche Bewußtseyn wird sich erweisen, nur Begriff des Wissens, oder<lb n="2"/>nicht reales Wissen zu seyn. Indem es aber unmittelbar sich vielmehr für das reale<lb n="3"/>Wissen hält, so hat dieser Weg für es negative Bedeutung, und ihm gilt das viel<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mehr für Verlust seiner selbst was die Realisirung des Begriffs ist; denn es verliert<lb n="5"/>auf diesem Wege seine Wahrheit. Er kann deßwegen als der Weg des <hi rendition="#g">Zweifels</hi><lb n="6"/>angesehen werden, oder eigentlicher als Weg der Verzweiflung; auf ihm geschieht<lb n="7"/>nemlich nicht das, was unter zweifeln verstanden zu werden pflegt, ein Rütteln<lb n="8"/>an dieser oder jener vermeynten Wahrheit, auf welches ein gehöriges wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>verschwinden des Zweifels und eine Rückkehr zu jener Wahrheit erfolgt, so daß<lb n="10"/>am Ende die Sache genommen wird wie vorher. Sondern er ist die bewußte Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sicht in die Unwahrheit des erscheinenden Wissens, dem dasjenige das reellste ist,<lb n="12"/>was in Wahrheit vielmehr nur der nichtrealisirte Begriff ist. Dieser sich voll<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bringende Skepticismus ist darum auch nicht dasjenige, womit wohl der ernsthafte<lb n="14"/>Eifer um Wahrheit und Wissenschafft sich für diese fertig gemacht und aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gerüstet zu haben wähnt; nemlich mit dem <hi rendition="#g">Vorsatze</hi>, in der Wissenschaft auf die<lb n="16"/>Autorität sich den Gedanken anderer nicht zu ergeben, sondern alles selbst zu<lb n="17"/>prüffen und nur der eigenen Ueberzeugung zu folgen, oder besser noch, alles selbst<lb n="18"/>zu produciren, und nur die eigne That für das Wahre zu halten. Die Reihe seiner<lb n="19"/>Gestaltungen, welche das Bewußtseyn auf diesem Wege durchläufft, ist vielmehr<lb n="20"/>die ausführliche Geschichte der <hi rendition="#g">Bildung</hi> des Bewußtseyns selbst zur Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schafft. Jener Vorsatz stellt die Bildung in der einfachen Weise des Vorsatzes als<lb n="22"/>unmittelbar abgethan und geschehen vor; dieser Weg aber ist gegen diese Un<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wahrheit die wirkliche Ausführung. Der eigenen Ueberzeugung folgen, ist aller<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dings mehr als sich der Autorität ergeben; aber durch die Verkehrung des Dafür<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>haltens aus Autorität, in Dafürhalten aus eigener Ueberzeugung, ist nicht noth<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>wendig der Innhalt desselben geändert und an die Stelle des Irrthums Wahrheit<lb n="27"/>getreten. Auf die Autorität anderer oder aus eigener Ueberzeugung im Systeme<lb n="28"/>des Meynens und des Vorurtheils zu stecken, unterscheidet sich von einander allein<lb n="29"/>durch die Eitelkeit, welche der letztern Weise beywohnt. Der sich auf den ganzen<lb n="30"/>Umfang des erscheinenden Bewußtseyns richtende Skepticismus macht dagegen<lb n="31"/>den Geist erst geschickt zu prüffen, was Wahrheit ist, indem er eine Verzweiflung<lb n="32"/>an den sogenannten natürlichen Vorstellungen, Gedanken und Meynungen zu<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stande bringt, welche es gleichgültig ist, eigene oder fremde zu nennen, und mit<lb n="34"/>welchen das Bewußtseyn, das <hi rendition="#g">geradezu</hi> ans Prüffen geht, noch erfüllt und be<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>haftet, dadurch aber in der That dessen unfähig ist, was es unternehmen will.</p>
<p><lb n="36"/>Die <hi rendition="#g">Vollständigkeit</hi> der Formen des nicht realen Bewußtseyns, wird sich<lb n="37"/>durch die Nothwendigkeit des Fortganges und Zusammenhanges selbst ergeben.</p>
<pb n="57" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=64" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Um diß begreiflich zu machen, kann im Allgemeinen zum voraus bemerkt werden,<lb n="2"/>daß die Darstellung des nicht wahrhaften Bewußtseyns in seiner Unwahrheit,<lb n="3"/>nicht eine bloß <hi rendition="#g">negative</hi> Bewegung ist. Eine solche einseitige Ansicht hat das<lb n="4"/>natürliche Bewußtseyn überhaupt von ihr; und ein Wissen, welches diese Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>seitigkeit zu seinem Wesen macht, ist eine der Gestalten des unvollendeten Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wußtseyns, welche in den Verlauff des Weges selbst fällt, und darin sich darbieten<lb n="7"/>wird. Sie ist nemlich der Skepticismus, der in dem Resultate nur immer das <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">Nichts</hi> sieht, und davon abstrahirt, daß diß Nichts, bestimmt das Nichts <hi rendition="#g">dessen</hi><lb n="9"/>ist, <hi rendition="#g">woraus</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">resultirt</hi>. Das Nichts ist aber nur, genommen als das Nichts<lb n="10"/>dessen, woraus es herkömmt, in der That das wahrhafte Resultat; es ist hiemit<lb n="11"/>selbst ein <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> und hat einen <hi rendition="#g">Innhalt</hi>. Der Skepticismus, der mit der<lb n="12"/>Abstraction des Nichts oder der Leerheit endigt, kann von dieser nicht weiter fort<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gehen, sondern muß es erwarten, ob, und was ihm etwa neues sich darbietet, um<lb n="14"/>es in denselben leeren Abgrund zu werfen. Indem dagegen das Resultat, wie es in<lb n="15"/>Wahrheit ist, aufgefaßt wird, als <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Negation, so ist damit unmittelbar<lb n="16"/>eine neue Form entsprungen, und in der Negation der Uebergang gemacht, wodurch<lb n="17"/>sich der Fortgang durch die vollständige Reihe der Gestalten von selbst ergibt.</p>
<p><lb n="18"/>Das <hi rendition="#g">Ziel</hi> aber ist dem Wissen ebenso nothwendig, als die Reihe des Fortganges,<lb n="19"/>gesteckt; es ist da, wo es nicht mehr über sich selbst hinaus zu gehen nöthig hat,<lb n="20"/>wo es sich selbst findet, und der Begriff dem Gegenstande, der Gegenstand dem<lb n="21"/>Begriffe entspricht. Der Fortgang zu diesem Ziele ist daher auch unaufhaltsam,<lb n="22"/>und auf keiner frühern Station Befriedigung zu finden. Was auf ein natürliches<lb n="23"/>Leben beschränkt ist, vermag durch sich selbst nicht über sein unmittelbares Da<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>seyn hinauszugehen; aber es wird durch ein anderes darüber hinausgetrieben, und<lb n="25"/>diß hinausgerissen werden ist sein Tod. Das Bewußtseyn aber ist für sich selbst<lb n="26"/>sein <hi rendition="#g">Begriff</hi>, dadurch unmittelbar das hinausgehen über das Beschränkte, und,<lb n="27"/>da ihm diß Beschränkte angehört, über sich selbst; mit dem Einzelnen ist ihm<lb n="28"/>zugleich das Jenseits gesetzt, wäre es auch nur, wie im räumlichen Anschauen,<lb n="29"/><hi rendition="#g">neben</hi> dem Beschränkten. Das Bewußtseyn leidet also diese Gewalt, sich die<lb n="30"/>beschränkte Befriedigung zu verderben, von ihm selbst. Bey dem Gefühle dieser<lb n="31"/>Gewalt mag die Angst vor der Wahrheit wohl zurücktreten, und sich dasjenige,<lb n="32"/>dessen Verlust droht, zu erhalten streben. Sie kann aber keine Ruhe finden; es<lb n="33"/>sey daß sie in gedankenloser Trägheit stehen bleiben will; der Gedanke verkümmert<lb n="34"/>die Gedankenlosigkeit, und seine Unruhe stört die Trägheit; oder daß sie als Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>findsamkeit sich befestigt, welche alles in <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">gut</hi> zu finden versichert;<lb n="36"/>diese Versicherung leidet eben so Gewalt von der Vernunft, welche gerade darum<lb n="37"/>etwas nicht gut findet, in so fern es eine Art ist. Oder die Furcht der Wahrheit</p>
<pb n="58" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=65" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>mag sich vor sich und andern hinter dem Scheine verbergen, als ob gerade der<lb n="2"/>heiße Eifer für die Wahrheit selbst es ihr so schwer, ja unmöglich mache, eine<lb n="3"/>andere Wahrheit zu finden, als die einzige der Eitelkeit, immer noch gescheuter<lb n="4"/>zu seyn, als jede Gedanken, welche man aus sich selbst oder von andern hat; diese<lb n="5"/>Eitelkeit, welche sich jede Wahrheit zu vereiteln, daraus in sich zurückzukehren<lb n="6"/>versteht, und an diesem eignen Verstande sich weidet, der alle Gedanken immer<lb n="7"/>aufzulösen und statt alles Innhalts nur das trockne Ich zu finden weiß, ist eine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>friedigung, welche sich selbst überlassen werden muß, denn sie flieht das Allgemeine,<lb n="9"/>und sucht nur das Fürsichseyn.</p>
<p><lb n="10"/>Wie dieses vorläuffig und im allgemeinen über die Weise und Nothwendigkeit<lb n="11"/>des Fortgangs gesagt worden ist, so kann noch über <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Methode</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Aus<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">führung</hi> etwas zu erinnern dienlich seyn. Diese Darstellung als ein <hi rendition="#g">Verhalten</hi><lb n="13"/>der <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> zu dem <hi rendition="#g">erscheinenden</hi> Wissen, und als <hi rendition="#g">Untersuchung</hi><lb n="14"/>und <hi rendition="#g">Prüffung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Erkennens</hi> vorgestellt, scheint nicht ohne<lb n="15"/>irgend eine Voraussetzung, die als <hi rendition="#g">Maßstab</hi> zu Grunde gelegt wird, statt finden<lb n="16"/>zu können. Denn die Prüffung besteht in dem Anlegen eines angenommenen Maß<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stabes, und in der sich ergebenden Gleichheit oder Ungleichheit dessen, was geprüfft<lb n="18"/>wird, mit ihm, die Entscheidung, ob es richtig oder unrichtig ist; und der Maßstab<lb n="19"/>überhaupt, und ebenso die Wissenschaft, wenn sie der Maßstab wäre, ist dabey als<lb n="20"/>das <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> angenommen. Aber hier, wo die Wissenschaft<lb n="21"/>erst auftritt, hat weder sie selbst, noch was es sey, sich als das Wesen oder als das an<lb n="22"/>sich gerechtfertigt; und ohne ein solches scheint keine Prüffung statt finden zu können.</p>
<p><lb n="23"/>Dieser Widerspruch und seine Wegräumung wird sich bestimmter ergeben,<lb n="24"/>wenn zuerst an die abstracten Bestimmungen des Wissens und der Wahrheit er<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>innert wird, wie sie an dem Bewußtseyn vorkommen. Dieses <hi rendition="#g">unterscheidet</hi><lb n="26"/>nemlich etwas von sich, worauf es sich zugleich <hi rendition="#g">bezieht</hi>; oder wie diß aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gedrückt wird, es ist etwas <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi>; und die bestimmte Seite dieses <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">ziehens</hi>, oder des <hi rendition="#g">Seyns</hi> von Etwas <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist das <hi rendition="#g">Wissen</hi>.<lb n="29"/>Von diesem Seyn für ein anderes, unterscheiden wir aber, das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>;<lb n="30"/>das auf das Wissen bezogene wird eben so von ihm unterschieden, und gesetzt als<lb n="31"/><hi rendition="#g">seyend</hi> auch ausser dieser Beziehung; die Seite dieses an sich heißt <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>.<lb n="32"/>Was eigentlich an diesen Bestimmungen sey, geht uns weiter hier nichts an, denn<lb n="33"/>indem das erscheinende Wissen unser Gegenstand ist, so werden auch zunächst<lb n="34"/>seine Bestimmungen aufgenommen, wie sie sich unmittelbar darbieten; und so<lb n="35"/>wie sie gefaßt worden sind, ist es wohl, daß sie sich darbieten.</p>
<p><lb n="36"/>Untersuchen wir nun die Wahrheit des Wissens, so scheint es, wir untersuchen,<lb n="37"/>was es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Allein in dieser Untersuchung ist es <hi rendition="#g">unser</hi> Gegenstand, es ist<lb n="38"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>; und das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> desselben, welches sich ergäbe, wäre so vielmehr sein<lb n="39"/>Seyn <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>; was wir als sein Wesen behaupten würden, vielmehr nicht seine</p>
<pb n="59" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=66" type="body"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Wahrheit, sondern nur unser Wissen von ihm. Das Wesen oder der Maßstab<lb n="2"/>fiele in uns, und dasjenige, was mit ihm verglichen, und über welches durch diese<lb n="3"/>Vergleichung entschieden werden sollte, hätte ihn nicht nothwendig anzuerkennen.</p>
<p><lb n="4"/>Aber die Natur des Gegenstandes, den wir untersuchen, überhebt dieser Tren<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>nung oder dieses Scheins von Trennung und Voraussetzung. Das Bewußtseyn<lb n="6"/>gibt seinen Maßstab an ihm selbst, und die Untersuchung wird dadurch eine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gleichung seiner mit sich selbst seyn; denn die Unterscheidung, welche so eben<lb n="8"/>gemacht worden ist, fällt in es. Es ist in ihm eines <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> anderes, oder es hat<lb n="9"/>überhaupt die Bestimmtheit des Moments des Wissens an ihm; zugleich ist ihm<lb n="10"/>diß andere nicht nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, sondern auch außer dieser Beziehung oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>;<lb n="11"/>das Moment der Wahrheit. An dem also, was das Bewußtseyn innerhalb seiner für<lb n="12"/>das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder das <hi rendition="#g">Wahre</hi> erklärt, haben wir den Maßstab, den es selbst auf<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stellt, sein Wissen daran zu messen. Nennen wir das <hi rendition="#g">Wissen</hi> den <hi rendition="#g">Begriff</hi>, das<lb n="14"/>Wesen oder das <hi rendition="#g">Wahre</hi> aber, das Seyende oder den <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, so besteht<lb n="15"/>die Prüffung darin, zuzusehen, ob der Begriff dem Gegenstande entspricht. Nennen<lb n="16"/>wir aber <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder das an sich <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gegenstandes</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>, und<lb n="17"/>verstehen dagegen unter dem <hi rendition="#g">Gegenstande</hi>, ihn als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, nemlich<lb n="18"/>wie er <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist, so besteht die Prüffung darin, daß wir zusehen, ob<lb n="19"/>der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Man sieht wohl, daß beydes dasselbe<lb n="20"/>ist; das wesentliche aber ist, diß für die ganze Untersuchung festzuhalten, daß diese<lb n="21"/>beyden Momente, <hi rendition="#g">Begriff</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">selbst</hi> seyn, in das Wissen, das wir untersuchen, selbst fallen, und hiemit wir<lb n="23"/>nicht nöthig haben, Maßstäbe mitzubringen, und <hi rendition="#g">unsere</hi> Einfälle und Gedanken<lb n="24"/>bey der Untersuchung zu appliciren; dadurch, daß wir diese weglassen, erreichen<lb n="25"/>wir es, die Sache, wie sie <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst ist, zu betrachten.</p>
<p><lb n="26"/>Aber nicht nur nach dieser Seite, daß Begriff und Gegenstand, der Maßstab<lb n="27"/>und das zu Prüffende, in dem Bewußtseyn selbst vorhanden sind, wird eine Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>that von uns überflüssig, sondern wir werden auch der Mühe der Vergleichung<lb n="29"/>beyder, und der eigentlichen <hi rendition="#g">Prüffung</hi> überhoben, so daß indem das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>seyn sich selbst prüfft, uns auch von dieser Seite nur das reine Zusehen bleibt.<lb n="31"/>Denn das Bewußtseyn ist einerseits Bewußtseyn des Gegenstandes, anderseits<lb n="32"/>Bewußtseyn seiner selbst; Bewußtseyn dessen, was ihm das Wahre ist, und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wußtseyn seines Wissens davon. Indem beyde <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi> sind, ist es selbst<lb n="34"/>ihre Vergleichung; es wird <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, ob sein Wissen von dem Gegenstande<lb n="35"/>diesem entspricht oder nicht. Der Gegenstand scheint zwar für dasselbe nur so<lb n="36"/>zu seyn, wie es ihn weiß; es scheint gleichsam nicht dahinter kommen zu können,<lb n="37"/>wie er, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, sondern wie er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, und also auch sein<lb n="38"/>Wissen nicht an ihm prüffen zu können. Allein gerade darin, daß es überhaupt<lb n="39"/>von einem Gegenstande weiß, ist schon der Unterschied vorhanden, daß <hi rendition="#g">ihm</hi></p>
<pb n="60" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=67" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>etwas das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, ein anderes Moment aber das Wissen, oder das Seyn des Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>standes <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Bewußtseyn ist. Auf dieser Unterscheidung, welche vorhanden<lb n="3"/>ist, beruht die Prüffung. Entspricht sich in dieser Vergleichung beydes nicht, so<lb n="4"/>scheint das Bewußtseyn sein Wissen ändern zu müssen, um es dem Gegenstande<lb n="5"/>gemäß zu machen, aber in der Veränderung des Wissens ändert sich ihm in der<lb n="6"/>That auch der Gegenstand selbst; denn das vorhandene Wissen war wesentlich<lb n="7"/>ein Wissen von dem Gegenstande; mit dem Wissen wird auch er ein anderer,<lb n="8"/>denn er gehörte wesentlich diesem Wissen an. Es wird hiemit dem Bewußtseyn,<lb n="9"/>daß dasjenige, was ihm vorher das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> war, nicht an sich ist, oder daß es<lb n="10"/>nur FÜR ES <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> war. Indem es also an seinem Gegenstande sein Wissen diesem<lb n="11"/>nicht entsprechend findet, hält auch der Gegenstand selbst nicht aus; oder der<lb n="12"/>Maßstab der Prüffung ändert sich, wenn dasjenige, dessen Maßstab er seyn sollte,<lb n="13"/>in der Prüffung nicht besteht; und die Prüffung ist nicht nur eine Prüffung des<lb n="14"/>Wissens, sondern auch ihres Maßstabes.</p>
<p><lb n="15"/>Diese <hi rendition="#g">dialektische</hi> Bewegung, welche das Bewußtseyn an ihm selbst, sowohl<lb n="16"/>an seinem Wissen, als an seinem Gegenstande ausübt, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sofern</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">neue</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> daraus <hi rendition="#g">entspringt</hi>, ist eigentlich dasjenige, was <hi rendition="#g">Er<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">fahrung</hi> genannt wird. Es ist in dieser Beziehung an dem so eben erwähnten<lb n="19"/>Verlauffe ein Moment noch näher herauszuheben, wodurch sich über die wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schafftliche Seite der folgenden Darstellung ein neues Licht verbreiten wird. Das<lb n="21"/>Bewußtseyn weiß <hi rendition="#g">Etwas</hi>, dieser Gegenstand ist das Wesen oder das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>;<lb n="22"/>er ist aber auch für das Bewußtseyn das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; damit tritt die Zweydeutigkeit<lb n="23"/>dieses Wahren ein. Wir sehen, daß das Bewußtseyn itzt zwey Gegenstände hat,<lb n="24"/>den einen das erste <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, den zweyten, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>.<lb n="25"/>Der letztere scheint zunächst nur die Reflexion des Bewußtseyns in sich selbst zu<lb n="26"/>seyn, ein Vorstellen, nicht eines Gegenstandes, sondern nur seines Wissens von<lb n="27"/>jenem ersten. Allein wie vorhin gezeigt worden, ändert sich ihm dabey der erste<lb n="28"/>Gegenstand; er hört auf das an sich zu seyn, und wird ihm zu einem solchen, der<lb n="29"/>nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist; somit aber ist dann diß: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, das wahre, das heißt aber, diß ist das <hi rendition="#g">Wesen</hi>, oder sein <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>.<lb n="31"/>Dieser neue Gegenstand enthält die Nichtigkeit des ersten, er ist die über ihn<lb n="32"/>gemachte Erfahrung.</p>
<p><lb n="33"/>An dieser Darstellung des Verlauffs der Erfahrung ist ein Moment, wodurch<lb n="34"/>sie mit demjenigen nicht übereinzustimmen scheint, was unter der Erfahrung ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>standen zu werden pflegt. Der Uebergang nemlich, vom ersten Gegenstande und<lb n="36"/>dem Wissen desselben, zu dem andern Gegenstande, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> man sagt, daß die<lb n="37"/>Erfahrung gemacht worden sey, wurde so angegeben, daß das Wissen vom ersten<lb n="38"/>Gegenstande, oder das <hi rendition="#g">für</hi> das Bewußtseyn des ersten an sich, der zweyte Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stand selbst werden soll. Dagegen es sonst scheint, daß wir die Erfahrung von der</p>
<pb n="61" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=68" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">EINLEITUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Unwahrheit unseres ersten Begriffs, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> Gegenstande machen,<lb n="2"/>den wir zufälliger Weise und äußerlich etwa finden, so daß überhaupt nur das<lb n="3"/>reine <hi rendition="#g">Auffassen</hi> dessen, was an und für sich ist, in uns falle. In jener Ansicht<lb n="4"/>aber zeigt sich der neue Gegenstand als geworden, durch eine <hi rendition="#g">Umkehrung</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> selbst. Diese Betrachtung der Sache ist unsere Zuthat, wodurch<lb n="6"/>sich die Reihe der Erfahrungen des Bewußtseyns zum wissenschaftlichen Gange<lb n="7"/>erhebt, und welche nicht für das Bewußtseyn ist, das wir betrachten. Es ist aber<lb n="8"/>diß in der That auch derselbe Umstand, von welchem oben schon in Ansehung<lb n="9"/>des Verhältnisses dieser Darstellung zum Skepticismus die Rede war, daß nemlich<lb n="10"/>das jedesmahlige Resultat, welches sich an einem nicht wahrhafften Wissen ergibt,<lb n="11"/>nicht in ein leeres Nichts zusammenlauffen dürfe, sondern nothwendig als Nichts<lb n="12"/><hi rendition="#g">desjenigen</hi>, <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">Resultat</hi> es ist, aufgefaßt werden müsse; ein Resultat,<lb n="13"/>welches das enthält, was das vorhergehende Wissen Wahres an ihm hat. Diß bietet<lb n="14"/>sich hier so dar, daß, indem das, was zuerst als der Gegenstand erschien, dem<lb n="15"/>Bewußtseyn zu einem Wissen von ihm herabsinkt, und das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, zu einem:<lb n="16"/>für das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>, diß der neue Gegenstand ist,<lb n="17"/>womit auch eine neue Gestalt des Bewußtseyns auftritt, welcher etwas anderes<lb n="18"/>das Wesen ist, als der vorhergehenden. Dieser Umstand ist es, welcher die ganze<lb n="19"/>Folge der Gestalten des Bewußtseyns in ihrer Nothwendigkeit leitet. Nur diese<lb n="20"/>Nothwendigkeit selbst, oder die <hi rendition="#g">Entstehung</hi> des neuen Gegenstandes, der dem<lb n="21"/>Bewußtseyn, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, sich darbietet, ist es, was für uns<lb n="22"/>gleichsam hinter seinem Rücken vorgeht. Es kommt dadurch in seine Bewegung<lb n="23"/>ein Moment des <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi>, welches nicht für das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>seyn, das in der Erfahrung selbst begriffen ist, sich darstellt; der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> aber dessen,<lb n="25"/>was uns entsteht, ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, und wir begreiffen nur das formelle desselben, oder<lb n="26"/>sein reines Entstehen; <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> ist diß entstandene nur als Gegenstand, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi><lb n="27"/>zugleich als Bewegung und Werden.</p>
<p><lb n="28"/>Durch diese Nothwendigkeit ist dieser Weg zur Wissenschaft selbst schon<lb n="29"/><hi rendition="#g">Wissenschaft</hi>, und nach ihrem Inhalte hiemit Wissenschafft der <hi rendition="#g">Erfahrung</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Die Erfahrung, welche das Bewußtseyn über sich macht, kann ihrem Begriffe<lb n="32"/>nach nichts weniger in sich begreiffen, als das ganze System desselben, oder das<lb n="33"/>ganze Reich der Wahrheit des Geistes, so daß die Momente derselben in dieser<lb n="34"/>eigenthümlichen Bestimmtheit sich darstellen, nicht abstracte, reine Momente zu<lb n="35"/>seyn, sondern so, wie sie für das Bewußtseyn sind, oder wie dieses selbst, in seiner<lb n="36"/>Beziehung auf sie auftritt, wodurch die Momente des Ganzen, <hi rendition="#g">Gestalten</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> sind. Indem es zu seiner wahren Existenz sich forttreibt, wird es</p>
<pb n="62" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=69" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE</fw>
<p><lb n="1"/>einen Punkt erreichen, auf welchem es seinen Schein ablegt, mit fremdartigem,<lb n="2"/>das nur für es und als ein anderes ist, behafftet zu seyn, oder wo die Erscheinung<lb n="3"/>dem Wesen gleich wird, seine Darstellung hiemit mit eben diesem Punkte der<lb n="4"/>eigentlichen Wissenschafft des Geistes zusammenfällt, und endlich, indem es selbst<lb n="5"/>diß sein Wesen erfaßt, wird es die Natur des absoluten Wissens selbst bezeichnen.</p>
<pb n="63" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=70" type="body"/>
<fw type="header" place="top">I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>I.</head>
<head><lb n="2"/>DIE SINNLICHE GEWISSHEIT;<lb n="3"/>ODER DAS DIESE UND DAS MEYNEN.</head>
<p><lb n="4"/>Das Wissen, welches zuerst oder unmittelbar unser Gegenstand ist, kann kein<lb n="5"/>anderes seyn, als dasjenige, welches selbst unmittelbares Wissen, <hi rendition="#g">Wissen</hi> des<lb n="6"/><hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> oder <hi rendition="#g">Seyenden</hi> ist. Wir haben uns ebenso <hi rendition="#g">unmittelbar</hi><lb n="7"/>oder <hi rendition="#g">aufnehmend</hi> zu verhalten, also nichts an ihm, wie es sich darbietet, zu<lb n="8"/>verändern, und von dem Auffassen das Begreiffen abzuhalten.</p>
<p><lb n="9"/>Der concrete Inhalt der <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> läßt sie unmittelbar als die<lb n="10"/><hi rendition="#g">reichste</hi> Erkenntniß, ja als eine Erkenntniß von unendlichem Reichthum er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>scheinen, für welchen eben so wohl, wenn wir im Raume und in der Zeit, als worin<lb n="12"/>er sich ausbreitet, <hi rendition="#g">hinaus</hi>, – als wenn wir uns ein Stück aus dieser Fülle nehmen,<lb n="13"/>und durch Theilung in dasselbe <hi rendition="#g">hineingehen</hi>, keine Gräntze zu finden ist. Sie<lb n="14"/>erscheint ausserdem als die <hi rendition="#g">wahrhaffteste</hi>; denn sie hat von dem Gegenstande<lb n="15"/>noch nichts weggelassen, sondern ihn in seiner ganzen Vollständigkeit vor sich.<lb n="16"/>Diese <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> aber gibt in der That sich selbst für die abstracteste und ärmste<lb n="17"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> aus. Sie sagt von dem, was sie weiß, nur diß aus: es <hi rendition="#g">ist</hi>; und ihre<lb n="18"/>Wahrheit enthält allein das <hi rendition="#g">Seyn</hi> der Sache; das Bewußtseyn seinerseits ist in dieser<lb n="19"/>Gewißheit nur als reines <hi rendition="#g">Ich</hi>; oder <hi rendition="#g">Ich</hi> bin darin nur als reiner <hi rendition="#g">dieser</hi>, und der<lb n="20"/>Gegenstand ebenso nur als reines <hi rendition="#g">dieses</hi>. Ich, <hi rendition="#g">dieser</hi>, bin <hi rendition="#g">dieser</hi> Sache, nicht<lb n="21"/>darum <hi rendition="#g">gewiß</hi>, weil <hi rendition="#g">Ich</hi> als Bewußtseyn hiebey mich entwickelte und mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>faltig den Gedanken bewegte. Auch nicht darum, weil <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi>, deren ich gewiß<lb n="23"/>bin, nach einer Menge unterschiedener Beschaffenheiten, eine reiche Beziehung<lb n="24"/>an ihr selbst, oder ein vielfaches Verhalten zu andern wäre. Beydes geht die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>heit der sinnlichen Gewißheit nichts an; weder Ich, noch die Sache hat darin die<lb n="26"/>Bedeutung einer mannichfaltigen Vermittlung; Ich, nicht die Bedeutung eines<lb n="27"/>mannichfaltigen Vorstellens oder Denkens, noch die Sache die Bedeutung mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>faltiger Beschaffenheiten; sondern die Sache <hi rendition="#g">ist</hi>; und sie <hi rendition="#g">ist</hi>, nur weil sie <hi rendition="#g">ist</hi>;<lb n="29"/>sie <hi rendition="#g">ist</hi>, diß ist dem sinnlichen Wissen das Wesentliche, und dieses reine <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="30"/>oder diese einfache Unmittelbarkeit macht ihre <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> aus. Eben so ist die<lb n="31"/>Gewißheit als <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> reine Beziehung; das Bewußtseyn ist<lb n="32"/><hi rendition="#g">Ich</hi>, weiter nichts, ein reiner <hi rendition="#g">dieser</hi>; der <hi rendition="#g">einzelne</hi> weiß, reines dieses, oder<lb n="33"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi>.</p>
<pb n="64" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=71" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>An dem <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> aber, welches das Wesen dieser Gewißheit ausmacht,<lb n="2"/>und welches sie als ihre Wahrheit aussagt, spielt, wenn wir zusehen, noch vieles<lb n="3"/>andere beyher. Eine wirkliche sinnliche Gewißheit ist nicht nur diese reine Un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mittelbarkeit, sondern ein <hi rendition="#g">Beyspiel</hi> derselben. Unter den unzähligen dabey vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>kommenden Unterschieden finden wir allenthalben die Hauptverschiedenheit,<lb n="6"/>daß nemlich in ihr sogleich aus dem reinen Seyn, die beyden schon genannten<lb n="7"/><hi rendition="#g">Diesen</hi>, ein <hi rendition="#g">Dieser</hi> als <hi rendition="#g">Ich</hi>, und ein <hi rendition="#g">Dieses</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> herausfallen.<lb n="8"/>Reflectiren <hi rendition="#g">wir</hi> über diesen Unterschied, so ergibt sich, daß weder das Eine noch<lb n="9"/>das Andere nur <hi rendition="#g">unmittelbar</hi>, in der sinnlichen Gewißheit ist, sondern zugleich<lb n="10"/>als <hi rendition="#g">vermittelt</hi>; Ich habe die Gewißheit <hi rendition="#g">durch</hi> ein anderes, nemlich die Sache;<lb n="11"/>und diese ist eben so in der Gewißheit <hi rendition="#g">durch</hi> ein anderes, nemlich durch Ich.</p>
<p><lb n="12"/>Diesen Unterschied des Wesens und des Beyspiels, der Unmittelbarkeit und der<lb n="13"/>Vermittlung, machen nicht nur wir, sondern wir finden ihn an der sinnlichen<lb n="14"/>Gewißheit selbst; und in der Form, wie er an ihr ist, nicht wie wir ihn so eben<lb n="15"/>bestimmten, ist er aufzunehmen. Es ist in ihr eines als das einfache unmittelbar<lb n="16"/>seyende, oder als das Wesen gesetzt, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>; das andere aber, als das<lb n="17"/>unwesentliche und vermittelte, welches darin nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern durch ein<lb n="18"/>anderes ist, Ich, <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi>, das den Gegenstand nur darum weiß, weil <hi rendition="#g">er</hi> ist,<lb n="19"/>und das seyn oder auch nicht seyn kann. Der Gegenstand aber <hi rendition="#g">ist</hi>, das Wahre,<lb n="20"/>und das Wesen; er <hi rendition="#g">ist</hi>, gleichgültig dagegen ob er gewußt wird oder nicht; er<lb n="21"/>bleibt, wenn er auch nicht gewußt wird; das Wissen aber ist nicht, wenn nicht der<lb n="22"/>Gegenstand ist.</p>
<p><lb n="23"/>Der Gegenstand ist also zu betrachten, ob er in der That, in der sinnlichen<lb n="24"/>Gewißheit selbst, als solches Wesen ist, für welches er von ihr ausgegeben wird;<lb n="25"/>ob dieser sein Begriff, Wesen zu seyn, dem entspricht, wie er in ihr vorhanden ist.<lb n="26"/>Wir haben zu dem Ende nicht über ihn zu reflectiren und nachzudenken, was er<lb n="27"/>in Wahrheit seyn möchte, sondern ihn nur zu betrachten, wie ihn die sinnliche<lb n="28"/>Gewißheit an ihr hat.</p>
<p><lb n="29"/><hi rendition="#g">Sie</hi> ist also selbst zu fragen: <hi rendition="#g">Was</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Diese</hi>? Nehmen wir es in der<lb n="30"/>gedoppelten Gestalt seines Seyns, als das <hi rendition="#g">Itzt</hi>, und als das <hi rendition="#g">Hier</hi>, so wird die Dia<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lektik, die es an ihm hat, eine so verständliche Form erhalten, als es selbst ist. Auf<lb n="32"/>die Frage: <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Itzt</hi>? antworten wir also zum Beyspiel: <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Itzt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Nacht</hi>. Um die Wahrheit dieser sinnlichen Gewißheit zu prüffen, ist ein<lb n="34"/>einfacher Versuch hinreichend. Wir schreiben diese Wahrheit auf; eine Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit kann durch Aufschreiben nicht verlieren; eben so wenig dadurch, daß wir sie<lb n="36"/>aufbewahren. Sehen wir <hi rendition="#g">Itzt</hi>, <hi rendition="#g">diesen</hi> <hi rendition="#g">Mittag</hi>, die aufgeschriebene Wahrheit<lb n="37"/>wieder an, so werden wir sagen müssen, daß sie schaal geworden ist.</p>
<pb n="65" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=72" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>Das Itzt, welches Nacht ist, wird <hi rendition="#g">aufbewahrt</hi>, das heißt, es wird behandelt,<lb n="2"/>als das, für was es ausgegeben wird, als ein <hi rendition="#g">seyendes</hi>; es erweist sich aber viel<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mehr, als ein nicht seyendes. Das <hi rendition="#g">Itzt</hi> selbst erhält sich wohl, aber als ein solches,<lb n="4"/>das nicht Nacht ist; ebenso erhält es sich gegen den Tag, der es Itzt ist, als ein<lb n="5"/>solches, das auch nicht Tag ist; oder als ein <hi rendition="#g">negatives</hi> überhaupt. Dieses sich<lb n="6"/>erhaltende Itzt ist daher nicht ein unmittelbares; sondern ein vermitteltes, denn<lb n="7"/>es ist als ein bleibendes und sich erhaltendes <hi rendition="#g">dadurch</hi> bestimmt, daß anderes,<lb n="8"/>nemlich der Tag und die Nacht, nicht ist. Dabey ist es eben noch so einfach als<lb n="9"/>zuvor, <hi rendition="#g">Itzt</hi>, und in dieser Einfachheit gleichgültig gegen das, was noch bey ihm<lb n="10"/>herspielt; so wenig die Nacht und der Tag sein Seyn ist, ebensowohl ist es auch<lb n="11"/>Tag und Nacht; es ist durch diß sein andersseyn gar nicht afficirt. Ein solches ein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>faches, das durch Negation ist, weder dieses noch jenes, ein <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi>, und<lb n="13"/>ebenso gleichgültig, auch dieses wie jenes zu seyn, nennen wir ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi>;<lb n="14"/>das allgemeine ist also in der That das wahre der sinnlichen Gewißheit.</p>
<p><lb n="15"/>Als ein allgemeines <hi rendition="#g">sprechen</hi> wir auch das sinnliche <hi rendition="#g">aus</hi>; was wir sagen, ist:<lb n="16"/><hi rendition="#g">Dieses</hi>, das heißt das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Diese</hi>; oder: <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; das heißt das <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">überhaupt</hi>. Wir <hi rendition="#g">stellen</hi> uns dabey freylich nicht das allgemeine Diese, oder<lb n="18"/>das Seyn überhaupt <hi rendition="#g">vor</hi>, aber wir <hi rendition="#g">sprechen</hi> das allgemeine <hi rendition="#g">aus</hi>; oder wir<lb n="19"/>sprechen schlechthin nicht, wie wir es in dieser sinnlichen Gewißheit <hi rendition="#g">meynen</hi>.<lb n="20"/>Die Sprache aber ist, wie wir sehen, das wahrhaftere; in ihr widerlegen wir selbst<lb n="21"/>unmittelbar unsere <hi rendition="#g">Meynung</hi>, und da das allgemeine das wahre der sinnlichen<lb n="22"/>Gewißheit ist, und die Sprache nur dieses wahre ausdrückt, so ist es gar nicht<lb n="23"/>möglich, daß wir ein sinnliches Seyn, das wir <hi rendition="#g">meynen</hi>, je sagen können.</p>
<p><lb n="24"/>Es wird derselbe Fall seyn mit der andern Form des Dieses, mit <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi>.<lb n="25"/><hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi> ist zum Beyspiel der <hi rendition="#g">Baum</hi>. Ich wende mich um, so ist diese Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>heit verschwunden, und hat sich in die entgegengesetzte verkehrt: <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Baum</hi>, sondern vielmehr <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Haus</hi>. Das <hi rendition="#g">Hier</hi> selbst verschwindet<lb n="28"/>nicht; sondern <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> bleibend im Verschwinden des Hauses, Baumes und so fort,<lb n="29"/>und gleichgültig Haus, Baum zu seyn. Das <hi rendition="#g">Dieses</hi> zeigt sich also wieder als <hi rendition="#g">ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">mittelte</hi> <hi rendition="#g">Einfachheit</hi>, oder als <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Dieser sinnlichen Gewißheit, indem sie an ihr selbst das allgemeine als die Wahrheit<lb n="32"/>ihres Gegenstandes erweist, bleibt also das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> als ihr Wesen, aber nicht als<lb n="33"/>unmittelbares, sondern ein solches, dem die Negation und Vermittlung wesentlich ist;<lb n="34"/>hiemit nicht als das, was wir unter dem <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">meynen</hi>, sondern das <hi rendition="#g">Seyn</hi> mit der<lb n="35"/><hi rendition="#g">Bestimmung</hi>, daß es die Abstraction oder das rein Allgemeine ist, und <hi rendition="#g">unsere</hi><lb n="36"/><hi rendition="#g">Meynung</hi>, für welche das wahre der sinnlichen Gewißheit nicht das Allgemeine ist,<lb n="37"/>bleibt allein diesem leeren oder gleichgültigen Itzt und Hier gegenüber noch übrig.</p>
<pb n="66" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=73" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>Vergleichen wir das Verhältniß, in welchem das <hi rendition="#g">Wissen</hi> und der <hi rendition="#g">Gegenstand</hi><lb n="2"/>zuerst auftrat, mit dem Verhältnisse derselben, wie sie in diesem Resultate zu<lb n="3"/>stehen kommen, so hat es sich umgekehrt. Der Gegenstand, der das Wesentliche<lb n="4"/>seyn sollte, ist nun das unwesentliche der sinnlichen Gewißheit, denn das Allgemeine,<lb n="5"/>zu dem er geworden ist, ist nicht mehr ein solches, wie er für sie wesentlich seyn<lb n="6"/>sollte, sondern sie ist itzt in dem entgegengesetzten, nemlich in dem Wissen, das<lb n="7"/>vorher das unwesentliche war, vorhanden. Ihre Wahrheit ist in dem Gegenstande,<lb n="8"/>als <hi rendition="#g">meinem</hi> Gegenstande, oder im <hi rendition="#g">Meynen</hi>, er ist, weil <hi rendition="#g">Ich</hi> von ihm weiß.<lb n="9"/>Die sinnliche Gewißheit ist also zwar aus dem Gegenstande vertrieben, aber da<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>durch noch nicht aufgehoben, sondern nur in das Ich zurückgedrängt; es ist zu<lb n="11"/>sehen, was uns die Erfahrung über diese ihre Realität zeigt.</p>
<p><lb n="12"/>Die Kraft ihrer Wahrheit liegt also nun im <hi rendition="#g">Ich</hi>, in der Unmittelbarkeit meines<lb n="13"/><hi rendition="#g">Sehens</hi>, <hi rendition="#g">Hörens</hi>, und so fort; das Verschwinden des einzelnen Itzt, und Hier,<lb n="14"/>das wir meynen, wird dadurch abgehalten, daß <hi rendition="#g">Ich</hi> sie fest halte. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Itzt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Tag</hi>, weil ich ihn sehe; <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Baum</hi>, eben darum. Die sinnliche Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit erfährt aber in diesem Verhältnisse dieselbe Dialektik an ihr, als in dem vorigen.<lb n="17"/><hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">dieses</hi> sehe den Baum, und <hi rendition="#g">behaupte</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Baum</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi>; ein<lb n="18"/><hi rendition="#g">anderer</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> sieht aber das Haus, und behauptet, das Hier sey nicht ein Baum,<lb n="19"/>sondern vielmehr ein Haus. Beyde Wahrheiten haben dieselbe Beglaubigung,<lb n="20"/>nemlich die Unmittelbarkeit des Sehens, und die Sicherheit und Versicherung<lb n="21"/>beyder über ihr Wissen; die eine verschwindet aber in der andern.</p>
<p><lb n="22"/>Was darin nicht verschwindet, ist <hi rendition="#g">Ich</hi>, als <hi rendition="#g">allgemeines</hi>, dessen Sehen weder<lb n="23"/>ein Sehen des Baums noch dieses Hauses, sondern ein einfaches Sehen ist, das<lb n="24"/>durch die Negation dieses Hauses und so fort vermittelt, darin eben so einfach<lb n="25"/>und gleichgültig gegen das, was noch beyher spielt, gegen das Haus, den Baum<lb n="26"/>ist. Ich ist nur allgemeines, wie <hi rendition="#g">Itzt</hi>, <hi rendition="#g">Hier</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">Dieses</hi> überhaupt; ich meyne<lb n="27"/>wohl einen <hi rendition="#g">einzelnen</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>, aber so wenig ich das, was ich bey Itzt, Hier meyne,<lb n="28"/>sagen kann, so wenig bey Ich. Indem ich sage, <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi>, <hi rendition="#g">Itzt</hi> oder ein <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">zelnes</hi>, sage ich ALLE <hi rendition="#g">diese</hi>, <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi>, <hi rendition="#g">Itzt</hi>, <hi rendition="#g">einzelne</hi>; ebenso indem ich<lb n="30"/>sage, <hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> Ich, sage ich überhaupt, ALLE Ich; jeder ist das was<lb n="31"/>ich sage; <hi rendition="#g">Ich</hi>, <hi rendition="#g">dieser</hi>, <hi rendition="#g">einzelne</hi>, <hi rendition="#g">Ich</hi>. Wenn der Wissenschafft diese Forderung,<lb n="32"/>als ihr Probierstein, auf dem sie schlechthin nicht aushalten könnte, vorgelegt<lb n="33"/>wird, ein sogenanntes <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, oder <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">diesen</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi>, zu de<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>duciren, construiren, à priori zu finden oder wie man diß ausdrücken will, so<lb n="35"/>ist billig, daß die Forderung <hi rendition="#g">sage</hi>, welches <hi rendition="#g">dieses</hi> Ding oder welchen <hi rendition="#g">diesen</hi><lb n="36"/>Ich, sie meyne; aber diß zu sagen ist unmöglich.</p>
<p><lb n="37"/>Die sinnliche Gewißheit erfährt also, daß ihr Wesen, weder in dem Gegenstande,<lb n="38"/>noch in dem Ich, und die Unmittelbarkeit weder eine Unmittelbarkeit des einen<lb n="39"/>noch des andern ist, denn an beyden ist das was Ich meyne, vielmehr ein unwesent-</p>
<pb n="67" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=74" type="body"/>
<fw type="header" place="top">I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>liches, und der Gegenstand und Ich sind allgemeine, in welchen dasjenige Itzt<lb n="2"/>und Hier und Ich, das ich meyne, nicht bestehen bleibt, oder <hi rendition="#g">ist</hi>. Wir kommen<lb n="3"/>hiedurch dahin, das <hi rendition="#g">Ganze</hi> der sinnlichen Gewißheit selbst als ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi> zu<lb n="4"/>setzen, nicht mehr nur ein Moment derselben, wie in den beyden Fällen geschehen<lb n="5"/>ist, worin zuerst der dem Ich entgegengesetzte Gegenstand, dann Ich ihre Realität<lb n="6"/>seyn sollte. Es ist also nur die <hi rendition="#g">ganze</hi> sinnliche Gewißheit selbst, welche an ihr als<lb n="7"/><hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> festhält, und hiedurch alle Entgegensetzung, die im vor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>herigen statt fand, aus sich ausschließt.</p>
<p><lb n="9"/>Diese reine Unmittelbarkeit geht also das Andersseyn des Hier, als Baums,<lb n="10"/>welches in ein Hier, das Nichtbaum ist, das Andersseyn des Itzt, als Tages, das in<lb n="11"/>ein Itzt, das Nacht ist, übergeht, oder ein anderes Ich, dem etwas anderes Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stand ist, nichts mehr an. Ihre Wahrheit erhält sich als sich selbst gleichbleibende<lb n="13"/>Beziehung, die zwischen dem Ich, und dem Gegenstande keinen Unterschied der<lb n="14"/>Wesentlichkeit und Unwesentlichkeit macht, und in die daher auch überhaupt<lb n="15"/>kein Unterschied eindringen kann. Ich dieses behaupte also, das Hier als Baum,<lb n="16"/>und wende mich nicht um, so daß mir das Hier zu einem Nichtbaume würde; ich<lb n="17"/>nehme auch keine Notiz davon, daß ein anderer Ich das Hier, als Nichtbaum sieht,<lb n="18"/>oder daß Ich selbst, ein anderesmal, das Hier als Nichtbaum, das Itzt als Nicht-Tag<lb n="19"/>nehme, sondern Ich bin reines Anschauen; Ich für mich bleibe dabey, das Itzt ist<lb n="20"/>Tag, oder auch dabey, das Hier ist Baum; vergleiche auch nicht das Hier und<lb n="21"/>Itzt selbst miteinander, sondern halte an <hi rendition="#g">Einer</hi> unmittelbaren Beziehung fest:<lb n="22"/>das Itzt ist Tag.</p>
<p><lb n="23"/>Da hiemit diese Gewißheit nicht mehr herzutreten will, wenn wir sie auf ein<lb n="24"/>Itzt, das Nacht ist, oder auf einen Ich, dem es Nacht ist, aufmerksam machen, so<lb n="25"/>treten wir zu ihr hinzu, und lassen uns das Itzt zeigen, das behauptet wird. <hi rendition="#g">Zeigen</hi><lb n="26"/>müssen wir es uns lassen, denn die Wahrheit dieser unmittelbaren Beziehung ist<lb n="27"/>die Wahrheit <hi rendition="#g">dieses</hi> Ich, der sich auf ein <hi rendition="#g">Itzt</hi> oder ein <hi rendition="#g">Hier</hi> einschränkt. Würden<lb n="28"/>wir <hi rendition="#g">nachher</hi> diese Wahrheit vornehmen, oder <hi rendition="#g">entfernt</hi> davon stehen, so hätte sie<lb n="29"/>gar keine Bedeutung, denn wir höben die Unmittelbarkeit auf, die ihr wesentlich<lb n="30"/>ist. Wir müssen daher in denselben Punkt der Zeit oder des Raums eintreten, sie uns<lb n="31"/>zeigen, d. h. uns zu demselben diesen Ich, welches das Gewißwissende ist, machen<lb n="32"/>lassen. Sehen wir also, wie das unmittelbare beschaffen ist, das uns aufgezeigt wird.</p>
<p><lb n="33"/>Es wird das <hi rendition="#g">Itzt</hi> gezeigt; <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Itzt</hi>. <hi rendition="#g">Itzt</hi>; es hat schon aufgehört zu seyn,<lb n="34"/>indem es gezeigt wird; das <hi rendition="#g">Itzt</hi>, das <hi rendition="#g">ist</hi>, ist ein anderes, als das gezeigte, und<lb n="35"/>wir sehen, daß das Itzt eben dieses ist, indem es ist, schon nicht mehr zu seyn. Das<lb n="36"/>Itzt, wie es uns gezeigt wird, ist es ein <hi rendition="#g">gewesenes</hi>; und diß ist seine Wahrheit;<lb n="37"/>es hat nicht die Wahrheit des Seyns. Es ist also doch diß wahr, daß es gewesen<lb n="38"/>ist. Aber was <hi rendition="#g">gewesen</hi> ist, ist in der That <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>; <hi rendition="#g">es</hi> IST <hi rendition="#g">nicht</hi>, und<lb n="39"/>um das Seyn war es zu thun.</p>
<pb n="68" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=75" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>Wir sehen also in diesem Aufzeigen nur eine Bewegung und folgenden Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lauff derselben: 1) Ich zeige das Itzt auf, es ist als das wahre behauptet; ich zeige es<lb n="3"/>aber als gewesenes, oder als ein aufgehobenes, hebe die erste Wahrheit auf, und<lb n="4"/>2) Itzt behaupte Ich als die zweyte Wahrheit, daß es <hi rendition="#g">gewesen</hi>, aufgehoben ist.<lb n="5"/>3) Aber das gewesene ist nicht; Ich hebe das gewesen- oder aufgehobenseyn, die<lb n="6"/>zweyte Wahrheit auf, negire damit die Negation des Itzt, und kehre so zur ersten<lb n="7"/>Behauptung zurück: daß <hi rendition="#g">Itzt</hi> ist. Das Itzt und das Aufzeigen des Itzt ist also so<lb n="8"/>beschaffen, daß weder das Itzt, noch das Aufzeigen des Itzt ein unmittelbares Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>faches ist, sondern eine Bewegung, welche verschiedene Momente an ihr hat;<lb n="10"/>es wird <hi rendition="#g">dieses</hi> gesetzt, es wird aber vielmehr <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> gesetzt, oder das<lb n="11"/>diese wird aufgehoben: und dieses <hi rendition="#g">Andersseyn</hi>, oder Aufheben des ersten<lb n="12"/>wird selbst <hi rendition="#g">wieder</hi> <hi rendition="#g">aufgehoben</hi>, und so zu dem Ersten zurückgekehrt. Aber<lb n="13"/>dieses in sich reflectirte Erste ist nicht ganz genau dasselbe, was es zuerst, nemlich<lb n="14"/>ein <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> war; sondern es ist eben <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirtes</hi>, oder<lb n="15"/><hi rendition="#g">einfaches</hi>, welches im Andersseyn bleibt, was es ist; ein Itzt, welches absolut<lb n="16"/>viele Itzt ist; und diß ist das wahrhaffte Itzt; das Itzt als einfacher Tag, das viele<lb n="17"/>Itzt in sich hat, Stunden; ein solches Itzt, eine Stunde, ist eben so viele Minuten,<lb n="18"/>und diese Itzt gleichfalls viele Itzt und so fort. – Das <hi rendition="#g">Aufzeigen</hi> ist also selbst<lb n="19"/>die Bewegung, welche es ausspricht, was das Itzt in Wahrheit ist; nemlich ein<lb n="20"/>Resultat, oder eine Vielheit von Itzt zusammengefaßt; und das Aufzeigen ist das<lb n="21"/>Erfahren, daß Itzt <hi rendition="#g">Allgemeines</hi> ist.</p>
<p><lb n="22"/>Das <hi rendition="#g">aufgezeigte</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi>, das ich festhalte, ist ebenso ein <hi rendition="#g">dieses</hi> Hier, das in<lb n="23"/>der That <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> Hier ist, sondern ein Vornen und Hinten, ein Oben und<lb n="24"/>Unten, ein Rechts und Links ist. Das Oben ist selbst, ebenso dieses vielfache an<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>ders-seyn in Oben, Unten, und so fort. Das Hier, welches aufgezeigt werden sollte,<lb n="26"/>verschwindet in andern Hier, aber diese verschwinden ebenso; das aufgezeigte,<lb n="27"/>festgehaltene und bleibende ist ein <hi rendition="#g">negatives</hi> <hi rendition="#g">Dieses</hi>, das nur so <hi rendition="#g">ist</hi>, indem die<lb n="28"/><hi rendition="#g">Hier</hi>, wie sie sollen, genommen werden, aber darin sich aufheben; es ist eine<lb n="29"/>einfache Complexion vieler Hier. Das Hier, das gemeynt wird, wäre der Punkt;<lb n="30"/>er <hi rendition="#g">ist</hi> aber nicht, sondern, indem er als seyend aufgezeigt wird, zeigt sich das<lb n="31"/>Aufzeigen nicht unmittelbares Wissen, sondern eine Bewegung, von dem ge<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>meynten Hier aus durch viele Hier, in das allgemeine Hier, zu seyn, welches wie der<lb n="33"/>Tag eine einfache Vielheit der Itzt, so eine einfache Vielheit der Hier ist.</p>
<p><lb n="34"/>Es erhellt, daß die Dialektik der sinnlichen Gewißheit nichts anders, als die<lb n="35"/>einfache Geschichte ihrer Bewegung oder ihrer Erfahrung, und die sinnliche<lb n="36"/>Gewißheit selbst nichts anders als nur diese Geschichte ist. Das natürliche Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>seyn geht deßwegen auch zu diesem Resultate, was an ihr das Wahre ist, immer</p>
<pb n="69" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=76" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>selbst fort, und macht die Erfahrung darüber; aber vergißt es nur ebenso immer<lb n="2"/>wieder, und fängt die Bewegung von vorne an. Es ist daher zu verwundern, wenn<lb n="3"/>gegen diese Erfahrung, als allgemeine Erfahrung, auch als philosophische Behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tung, und gar als Resultat des Skepticismus aufgestellt wird, die Realität oder das<lb n="5"/>Seyn von äussern Dingen als <hi rendition="#g">diesen</hi>, oder sinnlichen, habe absolute Wahrheit<lb n="6"/>für das Bewußtseyn; eine solche Behauptung weiß zugleich nicht, was sie spricht,<lb n="7"/>weiß nicht, daß sie das Gegentheil von dem sagt, was sie sagen will. Die Wahrheit<lb n="8"/>des sinnlichen <hi rendition="#g">Diesen</hi> für das Bewußtseyn soll allgemeine Erfahrung seyn; aber<lb n="9"/>vielmehr ist das Gegentheil allgemeine Erfahrung; jedes Bewußtseyn hebt eine<lb n="10"/>solche Wahrheit, wie zum Beyspiel: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Hier</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Baum</hi>, oder <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Itzt</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">Mittag</hi>, selbst wieder auf, und spricht das Gegentheil aus: das Hier ist <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="12"/>ein Baum, <hi rendition="#g">sondern</hi> ein Haus; und was in dieser die erste aufhebenden Behaup<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tung wieder eine eben solche Behauptung eines sinnlichen Diesen ist, hebt es so<lb n="14"/>fort ebenso auf; und wird in aller sinnlichen Gewißheit in Wahrheit nur diß er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fahren, was wir gesehen haben, das <hi rendition="#g">dieses</hi> nemlich als ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi>, das<lb n="16"/>Gegentheil dessen, was jene Behauptung allgemeine Erfahrung zu seyn ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sichert. – Bey dieser Beruffung auf die allgemeine Erfahrung kann es erlaubt seyn,<lb n="18"/>die Rücksicht auf das praktische zu anticipiren. In dieser Rücksicht kann den<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>jenigen, welche jene Wahrheit und Gewißheit der Realität der sinnlichen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stände behaupten, gesagt werden, daß sie in die unterste Schule der Weisheit,<lb n="21"/>nemlich in die alten Eleusischen Mysterien der Ceres und des Bacchus zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zuweisen sind, und das Geheimniß des Essens des Brodes und des Trinkens des<lb n="23"/>Weines erst zu lernen haben; denn der in diese Geheimnisse eingeweihte gelangt<lb n="24"/>nicht nur zum Zweifel an dem Seyn der sinnlichen Dinge, sondern zur Verzweif<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lung an ihm; und vollbringt in ihnen theils selbst ihre Nichtigkeit, theils sieht er sie<lb n="26"/>vollbringen. Auch die Thiere sind nicht von dieser Weisheit ausgeschlossen, son<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>dern erweisen sich vielmehr am tiefsten in sie eingeweiht zu seyn, denn sie bleiben<lb n="28"/>nicht vor den sinnlichen Dingen als an sich seyenden stehen, sondern verzweifelnd<lb n="29"/>an dieser Realität und in der völligen Gewißheit ihrer Nichtigkeit langen sie ohne<lb n="30"/>weiteres zu, und zehren sie auf; und die ganze Natur feyert, wie sie, diese offenbare<lb n="31"/>Mysterien, welche es lehren, was die Wahrheit der sinnlichen Dinge ist.</p>
<p><lb n="32"/>Die, welche solche Behauptung aufstellen, sagen aber, gemäß vorhergehenden<lb n="33"/>Bemerkungen, auch selbst unmittelbar das Gegentheil dessen, was sie meynen;<lb n="34"/>eine Erscheinung, die vielleicht am fähigsten ist, zum Nachdenken über die Natur<lb n="35"/>der sinnlichen Gewißheit zu bringen. Sie sprechen von dem Daseyn <hi rendition="#g">äusserer</hi><lb n="36"/>Gegenstände, welche noch genauer, als <hi rendition="#g">wirkliche</hi>, absolut <hi rendition="#g">einzelne</hi>, <hi rendition="#g">ganz</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">persönliche</hi>, <hi rendition="#g">individuelle</hi> Dinge, deren jedes seines absolutgleichen nicht</p>
<pb n="70" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=77" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · I. SINNLICHE GEWISSHEIT</fw>
<p><lb n="1"/>mehr hat, bestimmt werden können; diß Daseyn habe absolute Gewißheit und<lb n="2"/>Wahrheit. Sie meynen <hi rendition="#g">dieses</hi> Stück Papier, worauf ich diß schreibe, oder viel<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mehr geschrieben habe; aber was sie meynen, sagen sie nicht. Wenn sie wirklich<lb n="4"/>dieses Stück Papier, das sie meynen, <hi rendition="#g">sagen</hi> wollten, und sie wollten <hi rendition="#g">sagen</hi>, so<lb n="5"/>ist diß unmöglich, weil das sinnliche Diese, das gemeynt wird, der Sprache, die<lb n="6"/>dem Bewußtseyn, dem an sich allgemeinen, angehört, <hi rendition="#g">unerreichbar</hi> ist. Unter<lb n="7"/>dem wirklichen Versuche, es zu sagen, würde es daher vermodern; die seine<lb n="8"/>Beschreibung angefangen, könnten sie nicht vollenden, sondern müßten sie andern<lb n="9"/>überlassen, welche von einem Dinge zu sprechen, das nicht <hi rendition="#g">ist</hi>, zuletzt selbst ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gestehen würden. Sie meynen also wohl <hi rendition="#g">dieses</hi> Stück Papier, das hier ein ganz<lb n="11"/>anderes als das obige ist; aber sie sprechen wirkliche <hi rendition="#g">Dinge</hi>, <hi rendition="#g">äußere</hi> oder <hi rendition="#g">sinn<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">liche</hi> <hi rendition="#g">Gegenstände</hi>, <hi rendition="#g">absolut</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> Wesen, und so fort, das heißt, sie sagen<lb n="13"/>von ihnen nur das <hi rendition="#g">allgemeine</hi>; daher, was das Unaussprechliche genannt wird,<lb n="14"/>nichts anderes ist, als das Unwahre, Unvernünftige, bloß Gemeynte. – Wird von<lb n="15"/>etwas weiter nichts gesagt, als daß es <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">wirkliches</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, ein <hi rendition="#g">äußerer</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi> ist, so ist es nur als das allerallgemeinste, und damit vielmehr seine<lb n="17"/><hi rendition="#g">Gleichheit</hi> mit allem, als die Unterschiedenheit ausgesprochen. Sage ich ein<lb n="18"/><hi rendition="#g">einzelnes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, so sage ich es vielmehr ebenso als ganz <hi rendition="#g">allgemeines</hi>, denn<lb n="19"/>Alle sind ein einzelnes Ding; und gleichfalls <hi rendition="#g">dieses</hi> Ding ist alles, was man will.<lb n="20"/>Genauer bezeichnet, als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Stück</hi> <hi rendition="#g">Papier</hi>, so ist <hi rendition="#g">alles</hi> und <hi rendition="#g">jedes</hi> Papier,<lb n="21"/><hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> Stück Papier, und ich habe nur immer das Allgemeine gesagt. Will<lb n="22"/>ich aber dem Sprechen, welches die göttliche Natur hat, die Meynung unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bar zu verkehren, zu etwas anderem zu machen, und so sie gar nicht <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Worte</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">kommen</hi> zu lassen, dadurch nachhelfen, daß ich diß Stück Papier <hi rendition="#g">aufzeige</hi>,<lb n="25"/>so mache ich die Erfahrung, was die Wahrheit der sinnlichen Gewißheit in der<lb n="26"/>That ist; ich zeige es auf, als ein <hi rendition="#g">Hier</hi>, das ein Hier anderer Hier, oder an ihm<lb n="27"/>selbst ein <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">Zusammen</hi> vieler <hi rendition="#g">Hier</hi>, das heißt, ein allgemeines ist,<lb n="28"/>ich nehme so es auf, wie es in Wahrheit ist, und statt ein unmittelbares zu wissen,<lb n="29"/><hi rendition="#g">nehme</hi> <hi rendition="#g">ich</hi> <hi rendition="#g">wahr</hi>.</p>
<pb n="71" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=78" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>II.</head>
<head><lb n="2"/>DIE WAHRNEHMUNG;<lb n="3"/>ODER DAS DING, UND DIE TÄUSCHUNG.</head>
<p><lb n="4"/>Die unmittelbare Gewißheit nimmt sich nicht das Wahre, denn ihre Wahrheit<lb n="5"/>ist das Allgemeine, sie aber will das <hi rendition="#g">Diese</hi> nehmen. Die Wahrnehmung nimmt<lb n="6"/>hingegen das, was ihr das seyende ist, als Allgemeines. Wie die Allgemeinheit<lb n="7"/>ihr Princip überhaupt, so sind auch ihre in ihr unmittelbar sich unterscheidenden<lb n="8"/>Momente, Ich ein allgemeines, und der Gegenstand ein allgemeiner. Jenes Princip<lb n="9"/>ist uns <hi rendition="#g">entstanden</hi>, und unser Aufnehmen der Wahrnehmung daher nicht mehr<lb n="10"/>ein erscheinendes Aufnehmen, wie der sinnlichen Gewißheit, sondern ein noth<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wendiges. In dem Entstehen des Princips sind zugleich die beyden Momente, die<lb n="12"/>an ihrer Erscheinung nur <hi rendition="#g">herausfallen</hi>, geworden; das eine nemlich die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wegung des Aufzeigens, das andere dieselbe Bewegung, aber als Einfaches; jenes<lb n="14"/>das <hi rendition="#g">Wahrnehmen</hi>, diß der <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>. Der Gegenstand ist dem Wesen nach<lb n="15"/>dasselbe, was die Bewegung ist, sie die Entfaltung und Unterscheidung der Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mente, er das Zusammengefaßtseyn derselben. Für uns oder an sich ist das All<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gemeine als Princip das <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Wahrnehmung; und gegen diese Abstraction,<lb n="18"/>die beyden unterschiednen, das Wahrnehmende und das Wahrgenommene das<lb n="19"/><hi rendition="#g">Unwesentliche</hi>. Aber in der That, weil beyde selbst das Allgemeine oder das<lb n="20"/>Wesen sind, sind sie beyde wesentlich; indem sie aber sich als entgegengesetzte auf<lb n="21"/>einander beziehen, so kann in der Beziehung nur das eine das wesentliche seyn; und der<lb n="22"/>Unterschied des Wesentlichen und Unwesentlichen muß sich an sie vertheilen. Das<lb n="23"/>Eine als das einfache bestimmt, der Gegenstand, ist das Wesen, gleichgültig dagegen<lb n="24"/>ob er wahrgenommen wird, oder nicht; das Wahrnehmen aber als die Bewegung<lb n="25"/>ist das unbeständige, das seyn kann, oder auch nicht, und das unwesentliche.</p>
<p><lb n="26"/>Dieser Gegenstand ist nun näher zu bestimmen, und diese Bestimmung aus dem<lb n="27"/>Resultate das sich ergeben, kurz zu entwickeln; die ausgeführtere Entwicklung<lb n="28"/>gehört nicht hierher. Da sein Princip das Allgemeine, in seiner Einfachheit ein<lb n="29"/><hi rendition="#g">vermitteltes</hi> ist, so muß er diß als seine Natur an ihm ausdrücken; er zeigt sich<lb n="30"/>dadurch als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">vielen</hi> <hi rendition="#g">Eigenschafften</hi>. Der Reichthum des sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichen Wissens gehört der Wahrnehmung, nicht der unmittelbaren Gewißheit an,<lb n="32"/>an der er nur das beyherspielende war, denn nur jene hat die <hi rendition="#g">Negation</hi>, den<lb n="33"/>Unterschied oder die Mannigfaltigkeit an ihrem Wesen.</p>
<pb n="72" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=79" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Das Dieses ist also gesetzt, als <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi>, oder als <hi rendition="#g">aufgehoben</hi>; und<lb n="2"/>damit nicht Nichts, sondern ein bestimmtes Nichts, oder <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Nichts</hi> <hi rendition="#g">von</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">Inhalte</hi>, nemlich <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Diesen</hi>. Das Sinnliche ist hiedurch selbst noch<lb n="4"/>vorhanden, aber nicht, wie es in der unmittelbaren Gewißheit seyn sollte, als das<lb n="5"/>gemeynte Einzelne, sondern als Allgemeines, oder als das, was sich als <hi rendition="#g">Eigen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">schafft</hi> bestimmen wird. Das <hi rendition="#g">Aufheben</hi> stellt seine wahrhafte gedoppelte<lb n="7"/>Bedeutung dar, welche wir an dem Negativen gesehen haben; es ist ein <hi rendition="#g">Negiren</hi><lb n="8"/>und ein <hi rendition="#g">Aufbewahren</hi> zugleich; das Nichts, als <hi rendition="#g">Nichts</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Diesen</hi>, bewahrt<lb n="9"/>die Unmittelbarkeit auf, und ist selbst sinnlich, aber eine allgemeine Unmittelbar<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>keit. – Das Seyn aber ist ein Allgemeines dadurch, daß es die Vermittlung oder<lb n="11"/>das negative an ihm hat; indem es diß an seiner Unmittelbarkeit <hi rendition="#g">ausdrückt</hi>,<lb n="12"/>ist es eine <hi rendition="#g">unterschiedene</hi>, <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Eigenschafft. Damit sind zugleich<lb n="13"/><hi rendition="#g">viele</hi> solche Eigenschafften, eine die negative der andern, gesetzt. Indem sie in<lb n="14"/>der <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> des Allgemeinen ausgedrückt sind, beziehen sich diese <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">stimmtheiten</hi>, die eigentlich erst durch eine ferner hinzukommende Bestimmung<lb n="16"/>Eigenschafften sind, <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sind <hi rendition="#g">gleichgültig</hi> gegen einander, jede<lb n="17"/>für sich, frey von der andern. Die einfache sich selbst gleiche Allgemeinheit selbst<lb n="18"/>aber, ist wieder von diesen ihren Bestimmtheiten unterschieden, und frey; sie ist<lb n="19"/>das reine sich auf sich beziehen, oder das <hi rendition="#g">Medium</hi>, worin diese Bestimmtheiten<lb n="20"/>alle sind, sich also in ihr als in einer <hi rendition="#g">einfachen</hi> Einheit <hi rendition="#g">durchdringen</hi>, ohne<lb n="21"/>sich aber <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">berühren</hi>; denn eben durch die Theilnahme an dieser Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>heit sind sie gleichgültig für sich. – Diß abstracte allgemeine Medium, das die<lb n="23"/><hi rendition="#g">Dingheit</hi> überhaupt oder das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> genannt werden kann, ist nichts<lb n="24"/>anderes als das <hi rendition="#g">Hier</hi> und <hi rendition="#g">Itzt</hi>, wie es sich erwiesen hat, nemlich als ein <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">faches</hi> <hi rendition="#g">zusammen</hi> von vielen, aber die vielen sind <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi><lb n="26"/>selbst <hi rendition="#g">einfach</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi>. Diß Saltz ist einfaches Hier, und zugleich vielfach;<lb n="27"/>es ist weiß, und <hi rendition="#g">auch</hi> scharf, <hi rendition="#g">auch</hi> kubisch gestaltet, <hi rendition="#g">auch</hi> von bestimmter<lb n="28"/>Schwere, und so weiter. Alle diese vielen Eigenschafften sind in Einem einfachen<lb n="29"/><hi rendition="#g">Hier</hi>, worin sie sich also durchdringen; keine hat ein anderes Hier, als die andere,<lb n="30"/>sondern jede ist allenthalben, in demselben, worin die andere ist; und zugleich,<lb n="31"/>ohne durch verschiedene Hier geschieden zu seyn, afficiren sie sich in dieser Durch<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>dringung nicht; das weiße afficirt oder verändert das kubische nicht, beyde nicht<lb n="33"/>das scharfe, und so weiter, sondern da jede selbst einfaches <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">ziehen</hi> ist, läßt sie die andern ruhig und bezieht sich nur durch das gleichgültige<lb n="35"/><hi rendition="#g">Auch</hi> auf sie. Dieses <hi rendition="#g">Auch</hi> ist also das reine Allgemeine selbst, oder das Medium,<lb n="36"/>die sie so zusammenfassende <hi rendition="#g">Dingheit</hi>.</p>
<p><lb n="37"/>In diesem Verhältnisse, das sich ergeben hat, ist nur erst der Charakter der</p>
<pb n="73" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=80" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>positiven Allgemeinheit beobachtet und entwickelt; es bietet sich aber noch eine<lb n="2"/>Seite dar, welche auch hereingenommen werden muß. Nemlich wenn die vielen<lb n="3"/>bestimmten Eigenschafften schlechterdings gleichgültig wären, und sich durchaus<lb n="4"/>nur auf sich selbst bezögen, so wären sie keine <hi rendition="#g">bestimmte</hi>; denn sie sind diß nur<lb n="5"/>in sofern sie sich <hi rendition="#g">unterscheiden</hi>, und sich <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> als entgegengesetzte<lb n="6"/><hi rendition="#g">beziehen</hi>. Nach dieser Entgegensetzung aber können sie nicht in der einfachen<lb n="7"/>Einheit ihres Mediums zusammen seyn, die ihnen eben so wesentlich ist als die<lb n="8"/>Negation; die Unterscheidung derselben, insofern sie nicht eine gleichgültige,<lb n="9"/>sondern ausschließende, anderes negirende ist, fällt also außer diesem einfachen<lb n="10"/>Medium; und dieses ist daher nicht nur ein <hi rendition="#g">Auch</hi>, gleichgültige Einheit, sondern<lb n="11"/>auch <hi rendition="#g">Eins</hi>, <hi rendition="#g">ausschließende</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi>. – Das Eins ist das <hi rendition="#g">Moment</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ne<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">gation</hi>, wie es selbst auf eine einfache Weise sich auf sich bezieht, und Anderes<lb n="13"/>ausschließt; und wodurch die <hi rendition="#g">Dingheit</hi>, als <hi rendition="#g">Ding</hi> bestimmt ist. An der Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>schafft ist die Negation als <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, die unmittelbar eins ist mit der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mittelbarkeit des Seyns, welche durch diese Einheit mit der Negation, Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit ist; als <hi rendition="#g">Eins</hi> aber ist sie, wie sie von dieser Einheit mit dem Gegentheil be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>freyt, und an und für sich selbst ist.</p>
<p><lb n="18"/>In diesen Momenten zusammen ist das Ding als das Wahre der Wahrnehmung<lb n="19"/>vollendet, so weit es nöthig ist, es hier zu entwickeln. Es ist α) die gleichgültige<lb n="20"/>passive Allgemeinheit, das <hi rendition="#g">Auch</hi> der vielen Eigenschafften, oder vielmehr<lb n="21"/><hi rendition="#g">Materien</hi>, β) die Negation ebenso als einfach; oder das <hi rendition="#g">Eins</hi>, das Ausschließen<lb n="22"/>entgegengesetzter Eigenschafften, und γ) die vielen <hi rendition="#g">Eigenschafften</hi> selbst, die<lb n="23"/>Beziehung der zwey ersten Momente; die Negation, wie sie sich auf das gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gültige Element bezieht, und sich darin als eine Menge von Unterschieden aus<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>breitet; der Punkt der Einzelnheit in dem Medium des Bestehens in die Vielheit<lb n="26"/>ausstrahlend. Nach der Seite, daß diese Unterschiede dem gleichgültigen Medium<lb n="27"/>angehören, sind sie selbst allgemein, beziehen sich nur auf sich, und afficiren sich<lb n="28"/>nicht; nach der Seite aber, daß sie der negativen Einheit angehören, sind sie zugleich<lb n="29"/>ausschließend; haben aber diese entgegengesetzte Beziehung nothwendig an Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schafften, die aus IHREM <hi rendition="#g">Auch</hi> entfernt sind. Die sinnliche Allgemeinheit, oder<lb n="31"/>die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Einheit des Seyns und des Negativen, ist erst so <hi rendition="#g">Eigen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">schaft</hi>, insofern das Eins und die reine Allgemeinheit aus ihr entwickelt, und von<lb n="33"/>einander unterschieden sind, und sie diese miteinander zusammenschließt; diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ziehung derselben auf die reinen wesentlichen Momente vollendet erst das <hi rendition="#g">Ding</hi>.</p>
<p><lb n="35"/>So ist nun das Ding der Wahrnehmung beschaffen; und das Bewußtseyn ist als<lb n="36"/>Wahrnehmendes bestimmt, insofern diß Ding sein Gegenstand ist; es hat ihn<lb n="37"/><hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">nehmen</hi>, und sich als reines Auffassen zu verhalten; was sich ihm da<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>durch ergibt, ist das Wahre. Wenn es selbst bey diesem Nehmen etwas thäte,<lb n="39"/>würde es durch solches hinzusetzen oder weglassen die Wahrheit verändern. Indem</p>
<pb n="74" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=81" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>der Gegenstand das Wahre und Allgemeine, sich selbst Gleiche, das Bewußtseyn<lb n="2"/>sich aber das veränderliche und unwesentliche ist, kann es ihm geschehen, daß<lb n="3"/>es den Gegenstand unrichtig auffaßt, und sich täuscht. Das Wahrnehmende hat<lb n="4"/>das Bewußtseyn der Möglichkeit der Täuschung; denn in der Allgemeinheit,<lb n="5"/>welche das Princip ist, ist das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> selbst unmittelbar für es, aber als das<lb n="6"/><hi rendition="#g">nichtige</hi>, aufgehobene. Sein Kriterium der Wahrheit ist daher die <hi rendition="#g">Sichselbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">gleichheit</hi>, und sein Verhalten, als sich selbst gleiches aufzufassen. Indem zu<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gleich das verschiedene für es ist, ist es ein Beziehen der verschiedenen Momente<lb n="9"/>seines Auffassens auf einander; wenn sich aber in dieser Vergleichung eine Un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gleichheit hervorthut, so ist diß nicht eine Unwahrheit des Gegenstandes, denn<lb n="11"/>er ist das sich selbst gleiche, sondern des Wahrnehmens.</p>
<p><lb n="12"/>Sehen wir nun zu, welche Erfahrung das Bewußtseyn in seinem wirklichen<lb n="13"/>Wahrnehmen macht. Sie ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> in der so eben gegebenen Entwicklung des<lb n="14"/>Gegenstandes und des Verhaltens des Bewußtseyns zu ihm schon enthalten; und<lb n="15"/>wird nur die Entwicklung der darin vorhandenen Widersprüche seyn. – Der<lb n="16"/>Gegenstand, den Ich aufnehme, bietet sich als <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">Einer</hi> dar; auch werde ich die<lb n="17"/>Eigenschafft an ihm gewahr, die <hi rendition="#g">allgemein</hi> ist, dadurch aber über die Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit hinausgeht. Das erste Seyn des gegenständlichen Wesens als eines Einen, war<lb n="19"/>also nicht sein wahres Seyn; da <hi rendition="#g">er</hi> das Wahre ist, fällt die Unwahrheit in mich,<lb n="20"/>und das Auffassen war nicht richtig. Ich muß um der <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> der Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schafft willen das gegenständliche Wesen, vielmehr als eine <hi rendition="#g">Gemeinschafft</hi><lb n="22"/>überhaupt nehmen. Ich nehme nun ferner die Eigenschafft wahr als <hi rendition="#g">bestimmte</hi>,<lb n="23"/>anderem <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi>, und es ausschließende. Ich faßte das gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>liche Wesen also in der That nicht richtig auf, als Ich es als eine <hi rendition="#g">Gemeinschafft</hi><lb n="25"/>mit Andern oder als die Continuität bestimmte, und muß, vielmehr um der <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">stimmtheit</hi> der Eigenschaft willen, die Continuität trennen, und es als aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schließendes Eins setzen. An dem getrennten Eins finde ich viele solche Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schafften, die einander nicht afficiren, sondern gleichgültig gegeneinander sind;<lb n="29"/>ich nahm den Gegenstand also nicht richtig wahr, als ich ihn als ein <hi rendition="#g">ausschließen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">des</hi> auffaßte, sondern er ist, wie vorhin nur Continuität überhaupt, so itzt ein<lb n="31"/>allgemeines <hi rendition="#g">gemeinschafftliches</hi> <hi rendition="#g">Medium</hi>, worin viele Eigenschafften als<lb n="32"/>sinnliche <hi rendition="#g">Allgemeinheiten</hi>, jede für sich ist, und als <hi rendition="#g">bestimmte</hi> die andern<lb n="33"/>ausschließt. Das einfache und wahre, das ich wahrnehme, ist aber hiemit auch<lb n="34"/>nicht ein allgemeines Medium, sondern die <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> für sich,<lb n="35"/>die aber so weder Eigenschafft, noch ein bestimmtes Seyn ist; denn sie ist nun<lb n="36"/>weder an einem Eins, noch in Beziehung auf andere. Eigenschafft ist sie aber nur<lb n="37"/>am Eins, und bestimmt nur in Beziehung auf andere. Sie bleibt als diß reine sich</p>
<pb n="75" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=82" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>auf sich selbst beziehen, nur <hi rendition="#g">sinnliches</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> überhaupt, da sie den Charakter der<lb n="2"/>Negativität nicht mehr an ihr hat; und das Bewußtseyn für welches itzt ein sinnliches<lb n="3"/>Seyn ist, ist nur ein <hi rendition="#g">Meynen</hi>, das heißt, es ist aus dem Wahrnehmen ganz heraus und<lb n="4"/>in sich zurückgegangen. Allein das sinnliche Seyn und Meynen geht selbst in das<lb n="5"/>Wahrnehmen über; ich bin zu dem Anfang zurückgeworfen, und wieder in denselben,<lb n="6"/>sich in jedem Momente und als Ganzes aufhebenden, Kreislauff hineingerissen.</p>
<p><lb n="7"/>Das Bewußtseyn durchlaufft ihn also nothwendig wieder, aber zugleich nicht<lb n="8"/>auf dieselbe Weise wie das erstemal. Es hat nemlich die Erfahrung über das Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nehmen gemacht, daß das Resultat und das Wahre desselben seine Auflösung,<lb n="10"/>oder die Reflexion in sich selbst aus dem Wahren ist. Es hat sich hiemit für das<lb n="11"/>Bewußtseyn bestimmt, wie sein Wahrnehmen wesentlich beschaffen ist, nemlich<lb n="12"/>nicht ein einfaches reines Auffassen, sondern in <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Auffassen</hi> zugleich aus<lb n="13"/>dem Wahren <hi rendition="#g">heraus</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirt</hi> zu seyn. Diese Rückkehr des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyns in sich selbst, die sich in das reine Auffassen unmittelbar, – denn sie hat sich<lb n="15"/>als dem Wahrnehmen wesentlich gezeigt, – <hi rendition="#g">einmischt</hi>, verändert das Wahre. Das<lb n="16"/>Bewußtseyn erkennt diese Seite zugleich als die seinige, und nimmt sie auf sich,<lb n="17"/>wodurch es also den wahren Gegenstand rein erhalten wird. – Es ist hiemit itzt, wie<lb n="18"/>es bey der sinnlichen Gewißheit geschah, an dem Wahrnehmen die Seite vorhanden,<lb n="19"/>daß das Bewußtseyn in sich zurückgedrängt wird, aber zunächst nicht in dem Sinne,<lb n="20"/>in welchem diß bey jener der Fall war; als ob in es die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> des Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nehmens fiele, sondern vielmehr erkennt es, daß die <hi rendition="#g">Unwahrheit</hi>, die darin vor<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>kömmt, in es fällt. Durch diese Erkenntniß aber ist es zugleich fähig, sie aufzu<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heben; es unterscheidet sein Auffassen des Wahren von der Unwahrheit seines<lb n="24"/>Wahrnehmens, corrigirt diese, und insofern es diese Berichtigung selbst vornimmt,<lb n="25"/>fällt allerdings die Wahrheit, als Wahrheit des <hi rendition="#g">Wahrnehmens</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi>.<lb n="26"/>Das Verhalten des Bewußtseyns, das nunmehr zu betrachten ist, ist also so beschaffen,<lb n="27"/>daß es nicht mehr bloß wahrnimmt, sondern auch seiner Reflexion in sich bewußt<lb n="28"/>ist, und diese von der einfachen Auffassung selbst abtrennt.</p>
<p><lb n="29"/>Ich werde also zuerst des Dings als <hi rendition="#g">Eines</hi> gewahr, und habe es in dieser wahren<lb n="30"/>Bestimmung fest zu halten; wenn in der Bewegung des Wahrnehmens etwas dem<lb n="31"/>Widersprechendes vorkommt, so ist diß als meine Reflexion zu erkennen. Es<lb n="32"/>kommen nun in der Wahrnehmung auch verschiedene Eigenschafften vor, welche<lb n="33"/>Eigenschafften des Dings zu seyn scheinen; allein, das Ding ist Eins und von dieser<lb n="34"/>Verschiedenheit, wodurch es aufhörte, Eins zu seyn, sind wir uns bewußt, daß sie<lb n="35"/>in uns fällt. Diß Ding ist also in der That nur weiß, an <hi rendition="#g">unser</hi> Auge gebracht,<lb n="36"/>scharf <hi rendition="#g">auch</hi>, an <hi rendition="#g">unsre</hi> Zunge, <hi rendition="#g">auch</hi> kubisch an <hi rendition="#g">unser</hi> Gefühl, und so fort.<lb n="37"/>Die gänzliche Verschiedenheit dieser Seiten nehmen wir nicht aus dem Dinge,<lb n="38"/>sondern aus uns; sie fallen uns an unserem von der Zunge ganz unterschiedenen<lb n="39"/>Auge und so fort, so auseinander. Wir sind somit das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Medium</hi>,</p>
<pb n="76" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=83" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>worin solche Momente sich absondern, und für sich sind. Hiedurch also, daß wir<lb n="2"/>die Bestimmtheit allgemeines Medium zu seyn, als unsre Reflexion betrachten,<lb n="3"/>erhalten wir die Sichselbstgleichheit und Wahrheit des Dinges, Eins zu seyn.</p>
<p><lb n="4"/>Diese <hi rendition="#g">verschiedenen</hi> <hi rendition="#g">Seiten</hi>, welche das Bewußtseyn auf sich nimmt, sind<lb n="5"/>aber, jede so für sich, als in dem allgemeinen Medium sich befindend betrachtet,<lb n="6"/><hi rendition="#g">bestimmt</hi>; das Weiße ist nur in Entgegensetzung gegen das Schwarze, und so<lb n="7"/>fort, und das Ding Eins gerade dadurch, daß es andern sich entgegensetzt. Es<lb n="8"/>schließt aber andere nicht, insofern es Eins ist, von sich aus; denn Eins zu seyn ist<lb n="9"/>das allgemeine auf sich selbst beziehen, und dadurch, daß es Eins ist, ist es vielmehr<lb n="10"/>allen gleich; sondern durch die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>. Die Dinge selbst also sind <hi rendition="#g">an</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">bestimmte</hi>; sie haben Eigenschafften, wodurch sie sich von andern<lb n="12"/>unterscheiden. Indem die <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> die <hi rendition="#g">eigene</hi> Eigenschafft des Dinges,<lb n="13"/>oder eine Bestimmtheit an ihm selbst ist, hat es <hi rendition="#g">mehrere</hi> Eigenschafften. Denn<lb n="14"/>vors erste ist das Ding das wahre, es ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; und was an ihm ist, ist<lb n="15"/>an ihm als sein eigenes Wesen, nicht um anderer willen; also sind zweytens die<lb n="16"/>bestimmten Eigenschafften nicht nur um anderer Dinge willen, und für andere<lb n="17"/>Dinge, sondern an ihm selbst; sie sind aber bestimmte Eigenschafften <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi><lb n="18"/>nur, indem sie mehrere sich von einander unterscheidende sind; und drittens, in<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dem sie so in der Dingheit sind, sind sie an und für sich und gleichgültig gegen<lb n="20"/>einander. Es ist also in Wahrheit das Ding selbst, welches weiß, und <hi rendition="#g">auch</hi> kubisch,<lb n="21"/><hi rendition="#g">auch</hi> scharf, und so fort ist, oder das Ding ist das <hi rendition="#g">Auch</hi>, oder das <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Medium</hi>, worin die vielen Eigenschaften außer einander bestehen, ohne sich zu<lb n="23"/>berühren und aufzuheben; und so genommen wird es als das wahre genommen.</p>
<p><lb n="24"/>Bey diesem Wahrnehmen nun ist das Bewußtseyn zugleich sich bewußt, daß es<lb n="25"/>sich <hi rendition="#g">auch</hi> in sich selbst reflectirt und in dem Wahrnehmen das dem <hi rendition="#g">Auch</hi> ent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gegengesetzte Moment vorkommt. Diß Moment aber ist <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Dings mit<lb n="27"/>sich selbst, welche den Unterschied aus sich ausschließt. Sie ist es demnach, welche<lb n="28"/>das Bewußtseyn auf sich zu nehmen hat; denn das Ding selbst ist das <hi rendition="#g">Bestehen</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">vielen</hi> <hi rendition="#g">verschiedenen</hi> und <hi rendition="#g">unabhängigen</hi> <hi rendition="#g">Eigenschafften</hi>. Es wird<lb n="30"/>also von dem Dinge gesagt, <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">weiß</hi>, <hi rendition="#g">auch</hi> kubisch, und auch scharf u.s.f.<lb n="31"/>Aber <hi rendition="#g">insofern</hi> es weiß ist, ist es nicht kubisch, und <hi rendition="#g">insofern</hi> es kubisch und<lb n="32"/>auch weiß ist, ist es nicht scharf u.s.f. Das <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">eins</hi> <hi rendition="#g">setzen</hi> dieser Eigenschafften<lb n="33"/>kommt nur dem Bewußtseyn zu, welches sie daher an dem Ding nicht in Eins<lb n="34"/>fallen zu lassen hat. Zu dem Ende bringt es das <hi rendition="#g">Insofern</hi> herbey, wodurch es sie<lb n="35"/>auseinander, und das Ding als das Auch erhält. Recht eigentlich wird das <hi rendition="#g">Eins<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> von dem Bewußtseyn erst so auf sich genommen, daß dasjenige, was Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schafft genannt wurde, als <hi rendition="#g">freye</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi> vorgestellt wird. Das Ding ist auf diese<lb n="38"/>Weise zum wahrhafften <hi rendition="#g">Auch</hi> erhoben, indem es eine Sammlung von Materien,<lb n="39"/>und statt Eins zu seyn zu einer bloß umschließenden Oberfläche wird.</p>
<pb n="77" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=84" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Sehen wir zurück auf dasjenige, was das Bewußtseyn vorhin auf sich genommen,<lb n="2"/>und itzt auf sich nimmt; was es vorhin dem Dinge zuschrieb, und itzt ihm zu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schreibt, so ergibt sich daß es abwechslungsweise, ebensowohl sich selbst als auch<lb n="4"/>das Ding zu beydem macht, zum reinen vielheitslosen <hi rendition="#g">Eins</hi>, wie zu einem in selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>ständige Materien aufgelösten <hi rendition="#g">Auch</hi>. Das Bewußtseyn findet also durch diese<lb n="6"/>Vergleichung, daß nicht nur <hi rendition="#g">sein</hi> Nehmen des Wahren, die <hi rendition="#g">Verschiedenheit</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Auffassens</hi> und <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">Zurückgehens</hi> an ihm hat, sondern daß<lb n="8"/>vielmehr das Wahre selbst, das Ding, sich auf diese gedoppelte Weise zeigt. Es<lb n="9"/>ist hiemit die Erfahrung vorhanden, daß das Ding sich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> auffassende <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">wußtseyn</hi> auf eine bestimmte Weise <hi rendition="#g">darstellt</hi>, aber <hi rendition="#g">zugleich</hi> aus der Weise,<lb n="11"/>in der es sich darbietet, <hi rendition="#g">heraus</hi> und <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, oder an ihm selbst<lb n="12"/>eine entgegengesetzte Wahrheit hat.</p>
<p><lb n="13"/>Das Bewußtseyn ist also auch aus dieser zweyten Art, sich im Wahrnehmen<lb n="14"/>zu verhalten, nemlich das Ding als das wahre sich selbst gleiche, sich aber für<lb n="15"/>das ungleiche, für das aus der Gleichheit heraus in sich zurückgehende, zu nehmen,<lb n="16"/>selbst heraus, und der Gegenstand ist ihm itzt diese ganze Bewegung, welche<lb n="17"/>vorher an den Gegenstand und an das Bewußtseyn vertheilt war. Das Ding ist<lb n="18"/><hi rendition="#g">Eins</hi>, in sich reflectirt; es ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; aber es ist auch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>; und<lb n="19"/>zwar ist es ein <hi rendition="#g">anderes</hi> für sich, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">es</hi> für anderes ist. Das Ding ist hienach für<lb n="20"/>sich, und <hi rendition="#g">auch</hi> für ein anderes, ein <hi rendition="#g">gedoppeltes</hi> verschiedenes Seyn; aber es ist<lb n="21"/><hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi>; das Einsseyn aber widerspricht dieser seiner Verschiedenheit; das<lb n="22"/>Bewußtseyn hätte hienach diß in einssetzen wieder auf sich zu nehmen, und von<lb n="23"/>dem Dinge abzuhalten. Es müßte also sagen, daß das Ding, <hi rendition="#g">insofern</hi> es für sich<lb n="24"/>ist, nicht für anderes ist. Allein dem Dinge selbst kommt auch das Einsseyn zu,<lb n="25"/>wie das Bewußtseyn erfahren hat; das Ding ist wesentlich in sich reflectirt. Das<lb n="26"/><hi rendition="#g">Auch</hi>, oder der gleichgültige Unterschied fällt also wohl ebenso in das Ding,<lb n="27"/>als das <hi rendition="#g">Einsseyn</hi>; aber da beydes verschieden, nicht in dasselbe, sondern in <hi rendition="#g">ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">schiedene</hi> Dinge; der Widerspruch, der an dem gegenständlichen Wesen über<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>haupt ist, vertheilt sich an zwey Gegenstände. Das Ding ist also wohl an und für<lb n="30"/>sich, sich selbst gleich; aber diese Einheit mit sich selbst wird durch andere Dinge<lb n="31"/>gestört; so ist die Einheit des Dings erhalten, und zugleich das Andersseyn außer<lb n="32"/>ihm, so wie außer dem Bewußtseyn.</p>
<p><lb n="33"/>Ob nun zwar so der Widerspruch des gegenständlichen Wesens an verschiedene<lb n="34"/>Dinge vertheilt ist, so wird darum doch an das abgesonderte einzelne Ding selbst<lb n="35"/>der Unterschied kommen. Die <hi rendition="#g">verschiedenen</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> sind also <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="36"/>gesetzt; und der Widerstreit fällt in sie so gegenseitig, daß jedes nicht von sich selbst,<lb n="37"/>sondern nur von dem andern verschieden ist. Jedes ist aber hiemit <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">unterschiedenes</hi> bestimmt, und hat den wesentlichen Unterschied von den<lb n="39"/>andern <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi>; aber zugleich nicht so, daß diß eine Entgegensetzung an ihm</p>
<pb n="78" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=85" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>selbst wäre, sondern es für sich ist <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, welche seinen<lb n="2"/><hi rendition="#g">wesentlichen</hi> es von andern unterscheidenden Charakter ausmacht. In der That<lb n="3"/>ist zwar, da die Verschiedenheit an ihm ist, dieselbe nothwendig als <hi rendition="#g">wirklicher</hi><lb n="4"/>Unterschied mannichfaltiger Beschaffenheit an ihm. Allein weil die Bestimmtheit<lb n="5"/>das <hi rendition="#g">Wesen</hi> des Dinges ausmacht, wodurch es von andern sich unterscheidet und<lb n="6"/>für sich ist, so ist diese sonstige mannichfaltige Beschaffenheit das <hi rendition="#g">unwesent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">liche</hi>. Das Ding hat hiemit zwar in seiner Einheit das <hi rendition="#g">gedoppelte</hi> <hi rendition="#g">Insofern</hi><lb n="8"/>an ihm, aber mit <hi rendition="#g">ungleichem</hi> <hi rendition="#g">Werthe</hi>; wodurch diß Entgegengesetztseyn<lb n="9"/>also nicht zur wirklichen Entgegensetzung des Dings selbst wird, sondern insofern<lb n="10"/>diß durch seinen ABSOLUTEN <hi rendition="#g">Unterschied</hi> in Entgegensetzung kommt, hat<lb n="11"/>es sie gegen ein anderes Ding außer ihm. Die sonstige Mannichfaltigkeit aber ist<lb n="12"/>zwar auch nothwendig an dem Dinge, so daß sie nicht von ihm wegbleiben<lb n="13"/>kann, aber sie ist ihm <hi rendition="#g">unwesentlich</hi>.</p>
<p><lb n="14"/>Diese Bestimmtheit, welche den wesentlichen Charakter des Dings ausmacht,<lb n="15"/>und es von allen andern unterscheidet, ist nun so bestimmt, daß das Ding dadurch<lb n="16"/>im Gegensatze mit andern ist, aber sich darin für sich erhalten soll. Ding aber, oder<lb n="17"/>für sich seyendes Eins ist es nur, insofern es nicht in dieser Beziehung auf andere<lb n="18"/>steht; denn in dieser Beziehung ist vielmehr der Zusammenhang mit anderem<lb n="19"/>gesetzt; und Zusammenhang mit anderem ist das Aufhören des für sich seyns.<lb n="20"/>Durch den <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Charakter</hi> gerade, und seine Entgegensetzung <hi rendition="#g">verhält</hi><lb n="21"/>es sich zu <hi rendition="#g">andern</hi>, und ist wesentlich nur diß Verhalten; das Verhältniß aber ist<lb n="22"/>die Negation seiner Selbstständigkeit, und das Ding geht vielmehr durch seine<lb n="23"/>wesentliche Eigenschafft zu Grunde.</p>
<p><lb n="24"/>Die Nothwendigkeit der Erfahrung für das Bewußtseyn, daß das Ding eben<lb n="25"/>durch die Bestimmtheit, welche sein Wesen und sein für sich seyn ausmacht, zu<lb n="26"/>Grunde geht, kann kurz dem einfachen Begriffe nach so betrachtet werden. Das<lb n="27"/>Ding ist gesetzt als <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, oder als absolute Negation alles Andersseyns;<lb n="28"/>daher absolute, nur sich auf sich beziehende Negation; aber die sich auf sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ziehende Negation ist Aufheben <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder sein Wesen in einem andern<lb n="30"/>zu haben.</p>
<p><lb n="31"/>In der That enthält die Bestimmung des Gegenstandes, wie er sich ergeben hat,<lb n="32"/>nichts anderes; er soll eine wesentliche Eigenschafft, welche sein einfaches für sich<lb n="33"/>seyn ausmacht, bey dieser Einfachheit aber auch die Verschiedenheit an ihm selbst<lb n="34"/>haben, welche zwar <hi rendition="#g">nothwendig</hi> seyn, aber nicht die <hi rendition="#g">wesentliche</hi> Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit ausmachen soll. Aber diß ist eine Unterscheidung, welche nur noch in den<lb n="36"/>Worten liegt; das <hi rendition="#g">unwesentliche</hi>, welches doch zugleich <hi rendition="#g">nothwendig</hi> seyn</p>
<pb n="79" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=86" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>soll, hebt sich selbst auf, oder ist dasjenige, was so eben die Negation seiner selbst<lb n="2"/>genannt wurde.</p>
<p><lb n="3"/>Es fällt hiemit das letzte <hi rendition="#g">Insofern</hi> hinweg, welches das für sich seyn, und<lb n="4"/>das seyn für anderes trennte; der Gegenstand ist vielmehr <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Rücksicht</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Gegentheil</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">insofern</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>,<lb n="6"/>und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> <hi rendition="#g">insofern</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Er ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, in sich reflectirt,<lb n="7"/><hi rendition="#g">Eins</hi>; aber diß <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, in sich reflectirt, Eins seyn ist mit seinem Gegentheile<lb n="8"/><hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> in einer Einheit, und darum nur als aufgehobenes<lb n="9"/>gesetzt; oder diß <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> ist eben so <hi rendition="#g">unwesentlich</hi>, als dasjenige, was<lb n="10"/>allein das unwesentliche seyn sollte, nemlich das Verhältniß zu anderem.</p>
<p><lb n="11"/>Der Gegenstand ist hiedurch in seinen reinen Bestimmtheiten oder in den<lb n="12"/>Bestimmtheiten, welche seine Wesenheit ausmachen sollten, eben so aufgehoben,<lb n="13"/>als er in seinem sinnlichen Seyn zu einem aufgehobenen wurde. Aus dem sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichen Seyn wird er ein allgemeines; aber diß allgemeine ist, da es <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">sinn<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">herkommt</hi>, wesentlich durch dasselbe <hi rendition="#g">bedingt</hi>, und daher überhaupt<lb n="16"/>nicht wahrhafft sich selbst gleiche, sondern <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">Gegensatze</hi> <hi rendition="#g">afficirte</hi><lb n="17"/>Allgemeinheit, welche sich darum in die Extreme der Einzelnheit und Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit, des Eins der Eigenschafften und des Auchs der freyen Materien trennt. Diese<lb n="19"/>reinen Bestimmtheiten scheinen die <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> selbst auszudrücken, aber sie<lb n="20"/>sind nur ein <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, welches mit dem <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> behafftet<lb n="21"/>ist; indem aber beyde wesentlich <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">einer</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> sind, so ist itzt die unbedingte<lb n="22"/>absolute Allgemeinheit vorhanden, und das Bewußtseyn tritt hier erst wahrhafft<lb n="23"/>in das Reich des Verstandes ein.</p>
<p><lb n="24"/>Die sinnliche Einzelnheit also verschwindet zwar in der dialektischen Bewegung<lb n="25"/>der unmittelbaren Gewißheit und wird Allgemeinheit, aber nur <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinheit</hi>. Das Meynen ist verschwunden, und das Wahrnehmen nimmt den<lb n="27"/>Gegenstand, <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; oder als Allgemeines überhaupt; die Einzelnheit<lb n="28"/>tritt daher an ihm, als wahre Einzelnheit, als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> des <hi rendition="#g">Eins</hi> hervor,<lb n="29"/>oder als <hi rendition="#g">reflectirtseyn</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst. Es ist aber noch ein <hi rendition="#g">bedingtes</hi> für sich<lb n="30"/>seyn, <hi rendition="#g">neben</hi> <hi rendition="#g">welchem</hi> ein anderes für sich seyn, die der Einzelnheit entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gesetzte, und durch sie bedingte Allgemeinheit vorkommt; aber diese beyden<lb n="32"/>widersprechenden Extreme sind nicht nur <hi rendition="#g">neben</hi> <hi rendition="#g">einander</hi>, sondern in Einer<lb n="33"/>Einheit, oder, was dasselbe ist, das gemeinschafftliche beyder, das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">ist</hi> mit dem Gegensatze überhaupt behafftet, das heißt, es ist zugleich nicht ein<lb n="35"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>. Diese Momente sucht die Sophisterey des Wahrnehmens von<lb n="36"/>ihrem Widerspruche zu retten, und durch die Unterscheidung der <hi rendition="#g">Rücksichten</hi>,<lb n="37"/>durch das <hi rendition="#g">Auch</hi> und <hi rendition="#g">Insofern</hi> festzuhalten, so wie endlich durch die Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>scheidung des <hi rendition="#g">unwesentlichen</hi>, und eines ihm entgegengesetzten <hi rendition="#g">Wesens</hi>,<lb n="39"/>das Wahre zu ergreiffen. Allein diese Auskunftsmittel, statt die Täuschung in dem</p>
<pb n="80" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=87" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>Auffassen abzuhalten, erweisen sich vielmehr selbst als nichtig, und das Wahre,<lb n="2"/>das durch diese Logik des Wahrnehmens gewonnen werden soll, erweißt sich in<lb n="3"/>Einer und derselben Rücksicht das Gegentheil zu seyn, und hiemit zu seinem Wesen<lb n="4"/>die unterscheidungs- und bestimmungslose Allgemeinheit zu haben.</p>
<p><lb n="5"/>Diese leeren Abstractionen <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>, und der ihr entgegengesetzten<lb n="6"/><hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, so wie des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, das mit einem unwesentlichen verknüpft,<lb n="7"/>eines <hi rendition="#g">unwesentlichen</hi>, das doch zugleich nothwendig ist, sind die Mächte,<lb n="8"/>deren Spiel der wahrnehmende, oft sogenannte gesunde Menschenverstand ist; er,<lb n="9"/>der sich für das gediegne reale Bewußtseyn nimmt, ist im Wahrnehmen nur das<lb n="10"/>Spiel <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Abstractionen</hi>; er ist überhaupt immer da am ärmsten, wo er<lb n="11"/>am reichsten zu seyn meynt. Indem er von diesen nichtigen Wesen herumgetrieben,<lb n="12"/>von dem einen dem andern in die Arme geworfen wird und durch seine Sophi<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sterey abwechslungsweise itzt das eine, dann das geradentgegengesetzte festzuhalten<lb n="14"/>und zu behaupten bemüht, sich der Wahrheit widersetzt, meynt er von der Philo<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sophie, sie habe es nur mit <hi rendition="#g">Gedankendingen</hi> zu thun. Sie hat in der That auch<lb n="16"/>damit zu thun, und erkennt sie für die reinen Wesen, für die absoluten Elemente<lb n="17"/>und Mächte; aber damit erkennt sie dieselben zugleich <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>,<lb n="18"/>und ist darum Meister über sie, während jener wahrnehmende Verstand sie für das<lb n="19"/>Wahre nimmt, und von ihnen aus einer Irre in die andere geschickt wird. Er selbst<lb n="20"/>kommt nicht zu dem Bewußtseyn, daß es solche einfache Wesenheiten sind, die<lb n="21"/>in ihm walten, sondern er meynt es immer mit ganz gediegnem Stoffe und Inhalte<lb n="22"/>zu thun zu haben, so wie die sinnliche Gewißheit nicht weiß, daß die leere Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tion des reinen Seyns ihr Wesen ist; aber in der That sind sie es, an welchen er durch<lb n="24"/>allen Stoff und Inhalt hindurch und hin und her läufft; sie sind der Zusammenhalt<lb n="25"/>und die Herrschafft desselben, und allein dasjenige, was das sinnliche <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="26"/>für das Bewußtseyn ist, was seine Verhältnisse zu ihm bestimmt, und woran die<lb n="27"/>Bewegung des Wahrnehmens und seines Wahren abläufft. Dieser Verlauff, ein<lb n="28"/>beständig abwechselndes Bestimmen des Wahren und Aufheben dieses Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mens, macht eigentlich das tägliche und beständige Leben und Treiben des Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nehmenden und in der Wahrheit sich zu bewegen meynenden Bewußtseyns aus.<lb n="31"/>Es geht darin unaufhaltsam zu dem Resultate des gleichen Aufhebens aller dieser<lb n="32"/>wesentlichen Wesenheiten oder Bestimmungen fort, ist aber in jedem einzelnen<lb n="33"/>Momente nur dieser <hi rendition="#g">Einen</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> als des Wahren sich bewußt, und<lb n="34"/>dann wieder der entgegengesetzten. Es wittert wohl ihre Unwesenheit; sie gegen<lb n="35"/>die drohende Gefahr zu retten, geht es zur Sophisterey über, das was es selbst so<lb n="36"/>eben als das Nichtwahre behauptete, itzt als das Wahre zu behaupten. Wozu diesen<lb n="37"/>Verstand eigentlich die Natur dieser unwahren Wesen treiben will, die Gedanken</p>
<pb n="81" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=88" type="body"/>
<fw type="header" place="top">II. WAHRNEHMUNG</fw>
<p><lb n="1"/>von jener <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> und <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>, vom <hi rendition="#g">Auch</hi> und <hi rendition="#g">Eins</hi>, von<lb n="2"/>jener <hi rendition="#g">Wesentlichkeit</hi>, die mit einer <hi rendition="#g">Unwesentlichkeit</hi> <hi rendition="#g">nothwendig</hi> ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>knüpft ist, und von einem <hi rendition="#g">Unwesentlichen</hi>, das doch nothwendig ist, – die<lb n="4"/><hi rendition="#g">Gedanken</hi> von diesen Unwesen <hi rendition="#g">zusammen</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">bringen</hi> und sie dadurch auf<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zuheben, dagegen sträubt er sich durch die Stützen des <hi rendition="#g">Insofern</hi> und der ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>schiedenen <hi rendition="#g">Rücksichten</hi>, oder dadurch, den einen Gedanken auf sich zu nehmen,<lb n="7"/>um den andern getrennt, und als den wahren zu erhalten. Aber die Natur dieser<lb n="8"/>Abstractionen bringt sie an und für sich zusammen, der gesunde Verstand ist der<lb n="9"/>Raub derselben, die ihn in ihrem wirbelnden Kreise umhertreiben. Indem er ihnen<lb n="10"/>die Wahrheit dadurch geben will, daß er bald die Unwahrheit derselben auf sich<lb n="11"/>nimmt, bald aber auch die Täuschung einen Schein der unzuverlässigen Dinge<lb n="12"/>nennt und das Wesentliche von einem ihnen nothwendigen, und doch unwesent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lich seyn sollenden abtrennt, und jenes als ihre Wahrheit gegen dieses festhält,<lb n="14"/>erhält er ihnen nicht ihre Wahrheit, sich aber gibt er die Unwahrheit.</p>
<pb n="82" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=89" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>III.</head>
<head><lb n="2"/>KRAFFT UND VERSTAND,<lb n="3"/>ERSCHEINUNG UND ÜBERSINNLICHE WELT.</head>
<p><lb n="4"/>Dem Bewußtseyn ist in der Dialektik der sinnlichen Gewißheit das Hören und<lb n="5"/>Sehen u.s.w. vergangen, und als Wahrnehmen ist es zu Gedanken gekommen,<lb n="6"/>welche es aber erst im unbedingt allgemeinen zusammenbringt. Diß unbedingte<lb n="7"/>wäre nun selbst wieder nichts anders, als das auf eine Seite tretende <hi rendition="#g">Extrem</hi> des<lb n="8"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi>, wenn es als ruhiges einfaches Wesen genommen würde, denn<lb n="9"/>so träte ihm das Unwesen gegenüber; aber auf dieses bezogen wäre es selbst un<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wesentlich, und das Bewußtseyn nicht aus der Täuschung des Wahrnehmens<lb n="11"/>herausgekommen; allein es hat sich als ein solches ergeben, welches aus einem<lb n="12"/>solchen bedingten für sich seyn in sich zurückgegangen ist. – Diß unbedingte<lb n="13"/>Allgemeine, das nunmehr der wahre Gegenstand des Bewußtseyns ist, ist noch als<lb n="14"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi> desselben; es hat seinen <hi rendition="#g">Begriff</hi> als <hi rendition="#g">Begriff</hi> noch nicht erfaßt.<lb n="15"/>Beydes ist wesentlich zu unterscheiden; dem Bewußtseyn ist der Gegenstand aus<lb n="16"/>dem Verhältnisse zu einem andern in sich zurück gegangen, und hiemit <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="17"/>Begriff geworden; aber das Bewußtseyn ist noch nicht für sich selbst der Begriff,<lb n="18"/>und deßwegen erkennt es in jenem reflectirten Gegenstande nicht sich. <hi rendition="#g">Für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> ist<lb n="19"/>dieser Gegenstand durch die Bewegung des Bewußtseyns so geworden, daß dieses in<lb n="20"/>das Werden desselben verflochten, und die Reflexion auf beyden Seiten dieselbe, oder<lb n="21"/>nur Eine ist. Weil aber das Bewußtseyn in dieser Bewegung nur das gegenständliche<lb n="22"/>Wesen, nicht das Bewußtseyn als solches zu seinem Inhalte hatte, so ist für es das Re<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sultat in gegenständlicher Bedeutung zu setzen, und das Bewußtseyn noch von dem<lb n="24"/>gewordenen zurücktretend, so daß ihm dasselbe als gegenständliches das Wesen ist.</p>
<p><lb n="25"/>Der Verstand hat damit zwar seine eigne Unwahrheit und die Unwahrheit<lb n="26"/>des Gegenstandes aufgehoben; und was ihm dadurch geworden, ist der Begriff<lb n="27"/>des Wahren; als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyendes Wahres, das noch nicht Begriff ist, oder das<lb n="28"/>des <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi> des Bewußtseyns entbehrt, und das der Verstand, ohne sich<lb n="29"/>darin zu wissen, gewähren läßt. Dieses treibt sein Wesen für sich selbst; so daß das<lb n="30"/>Bewußtseyn keinen Antheil an seiner freyen Realisirung hat, sondern ihr nur zu<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>sieht, und sie rein auffaßt. <hi rendition="#g">Wir</hi> haben hiemit noch vors erste an seine Stelle zu</p>
<pb n="83" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=90" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>treten, und der Begriff zu seyn, welcher das ausbildet, was in dem Resultate ent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>halten ist; an diesem ausgebildeten Gegenstande, der dem Bewußtseyn als ein<lb n="3"/>seyendes sich darbietet, wird es sich erst zum begreiffenden Bewußtseyn.</p>
<p><lb n="4"/>Das Resultat war das unbedingt allgemeine, zunächst in dem negativen und<lb n="5"/>abstracten Sinne, daß das Bewußtseyn seine einseitigen Begriffe negirte, und sie<lb n="6"/>abstrahirte, nemlich sie aufgab. Das Resultat hat aber an sich die positive Bedeutung,<lb n="7"/>daß darin die Einheit, <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi> und <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi>,<lb n="8"/>oder der absolute Gegensatz unmittelbar als dasselbe Wesen gesetzt ist. Es scheint<lb n="9"/>zunächst nur die Form der Momente zu einander zu betreffen; aber das für sich<lb n="10"/>seyn und das für anderes seyn ist eben sowohl der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> selbst, weil der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>satz in seiner Wahrheit keine andere Natur haben kann, als die sich im Resultate<lb n="12"/>ergeben hat, daß nemlich der in der Wahrnehmung für wahrgehaltene Inhalt,<lb n="13"/>in der That nur der Form angehört, und in ihre Einheit sich auflöst. Dieser Inhalt<lb n="14"/>ist zugleich allgemein; es kann keinen andern Inhalt geben, der durch seine beson<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>dere Beschaffenheit sich dem entzöge, in diese unbedingte Allgemeinheit zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zugehen. Ein solcher Inhalt wäre irgend eine bestimmte Weise für sich zu seyn, und<lb n="17"/>zu anderem sich zu verhalten. Allein <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, und <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">anderem</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">verhalten</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, macht seine <hi rendition="#g">Natur</hi> und <hi rendition="#g">Wesen</hi> aus, deren Wahrheit<lb n="19"/>ist, unbedingt allgemeines zu seyn; und das Resultat ist schlechthin allgemein.</p>
<p><lb n="20"/>Weil aber diß unbedingt Allgemeine Gegenstand für das Bewußtseyn ist, so<lb n="21"/>tritt an ihm der Unterschied der Form und des Inhalts hervor, und in der Gestalt<lb n="22"/>des Inhalts haben die Momente das Aussehen, in welchem sie sich zuerst darboten,<lb n="23"/>einerseits allgemeines Medium vieler bestehender Materien, und anderseits in sich<lb n="24"/>reflectirtes Eins, worin ihre Selbstständigkeit vertilgt ist, zu seyn. Jenes ist die Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lösung der Selbstständigkeit des Dinges, oder die Passivität, die ein Seyn für ein<lb n="26"/>anderes ist, diß aber das für sich seyn. Es ist zu sehen, wie diese Momente in der<lb n="27"/>unbedingten Allgemeinheit, die ihr Wesen ist, sich darstellen. Es erhellt zunächst,<lb n="28"/>daß sie dadurch, daß sie nur in dieser sind, überhaupt nicht mehr auseinander<lb n="29"/>liegen, sondern wesentlich an ihnen selbst sich aufhebende Seiten sind, und nur<lb n="30"/>das Uebergehen derselben in einander gesetzt ist.</p>
<p><lb n="31"/>Das eine Moment erscheint also als das auf die Seite getretene Wesen, als allgemeines<lb n="32"/>Medium oder als das Bestehen selbstständiger Materien. Die <hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi><lb n="33"/>dieser Materien aber ist nichts anders als diß Medium; oder diß <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="34"/>ist durchaus die <hi rendition="#g">Vielheit</hi> solcher verschiedenen Allgemeinen. Das Allgemeine<lb n="35"/>ist an ihm selbst in ungetrennter Einheit mit dieser Vielheit, heißt aber, diese<lb n="36"/>Materien sind, jede wo die andere ist, sie durchdringen sich gegenseitig, – ohne<lb n="37"/>aber sich zu berühren, weil umgekehrt das viele unterschiedene eben so selbstständig</p>
<pb n="84" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=91" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>ist. Damit ist zugleich auch ihre reine Porosität oder ihr Aufgehobenseyn gesetzt.<lb n="2"/>Diß Aufgehobenseyn wieder, oder die Reduction dieser Verschiedenheit zum<lb n="3"/><hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> ist nichts anders als das Medium selbst und diß die <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">ständigkeit</hi> der Unterschiede. Oder die selbstständig gesetzten gehen unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bar in ihre Einheit, und ihre Einheit unmittelbar in die Entfaltung über, und diese<lb n="6"/>wieder zurück in die Reduction. Diese Bewegung ist aber dasjenige was <hi rendition="#g">Krafft</hi><lb n="7"/>genannt wird; das eine Moment derselben, nemlich sie als Ausbreitung der selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ständigen Materien in ihrem Seyn ist ihre <hi rendition="#g">Aeußerung</hi>; sie aber als das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schwundenseyn derselben ist die in sich aus ihrer Aeußerung <hi rendition="#g">zurückgedrängte</hi>,<lb n="10"/>oder <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">eigentliche</hi> <hi rendition="#g">Krafft</hi>. Aber erstens die in sich zurückgedrängte Krafft<lb n="11"/>muß sich äußern; und zweytens in der Aeußerung ist sie ebenso <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst<lb n="12"/>seyende Krafft, als sie in diesem in sich selbstseyn Aeußerung ist. – Indem wir so<lb n="13"/>beyde Momente in ihrer unmittelbaren Einheit erhalten, so ist eigentlich der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stand, dem der Begriff der Krafft angehört, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>, welcher die unterschie<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>denen Momente, als unterschiedene trägt; denn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sollen sie nicht<lb n="16"/>unterschieden seyn; der Unterschied ist hiemit nur im Gedanken. – Oder es ist<lb n="17"/>im obigen nur erst der Begriff der Krafft, nicht ihre Realität gesetzt worden. In der<lb n="18"/>That aber ist die Krafft das unbedingt allgemeine, welches, was es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>,<lb n="19"/>eben so an sich selbst ist; oder welches den Unterschied – denn er ist nichts anderes,<lb n="20"/>als das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, – an ihm selbst hat. Daß also die Krafft in ihrer<lb n="21"/>Wahrheit sey, muß sie ganz vom Gedanken frey gelassen und als die Substanz<lb n="22"/>dieser Unterschiede gesetzt werden, das heißt <hi rendition="#g">einmal</hi>, <hi rendition="#g">sie</hi> als diese ganze Krafft<lb n="23"/>wesentlich <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> bleibend, und <hi rendition="#g">dann</hi> ihre <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> als <hi rendition="#g">sub<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">stantiell</hi>, oder als für sich bestehende Momente. Die Krafft als solche, oder als<lb n="25"/>in sich zurückgedrängte ist hiemit für sich als ein <hi rendition="#g">ausschließendes</hi> Eins, welchem<lb n="26"/>die Entfaltung der Materien ein <hi rendition="#g">anderes</hi> <hi rendition="#g">bestehendes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, und es sind<lb n="27"/>so zwey unterschiedne selbstständige Seiten gesetzt. Aber die Krafft ist auch das<lb n="28"/>Ganze, oder sie bleibt was sie ihrem Begriffe nach ist, nemlich diese <hi rendition="#g">Unterschiede</hi><lb n="29"/>bleiben reine Formen, oberflächliche <hi rendition="#g">verschwindende</hi> <hi rendition="#g">Momente</hi>. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Unter<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">schiede</hi> der in sich <hi rendition="#g">zurückgedrängten</hi> eigentlichen Krafft, und der <hi rendition="#g">Ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">faltung</hi> der selbstständigen Materien, wären zugleich gar nicht, wenn sie nicht<lb n="32"/>ein <hi rendition="#g">Bestehen</hi> hätten, oder die Krafft wäre nicht, wenn sie nicht auf diese ent<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gegengesetzte Weise <hi rendition="#g">existirte</hi>; aber, sie existirt auf diese entgegengesetzte Weise,<lb n="34"/>heißt nichts anderes, als beyde Momente sind selbst zugleich <hi rendition="#g">selbstständig</hi>. –<lb n="35"/>Diese Bewegung des sich beständig verselbstständigens der beyden Momente<lb n="36"/>und ihres sich wieder aufhebens, ist es also, was zu betrachten ist. – Es erhellt im<lb n="37"/>allgemeinen, daß diese Bewegung nichts anderes ist, als die Bewegung des Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>nehmens, worin die beyden Seiten, das wahrnehmende und das wahrgenommene<lb n="39"/>zugleich, einmal als das <hi rendition="#g">Auffassen</hi> des Wahren eins und ununterschieden, dabey</p>
<pb n="85" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=92" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>aber ebensowohl jede Seite in sich <hi rendition="#g">reflectirt</hi> oder für sich ist. Hier sind diese<lb n="2"/>beyden Seiten Momente der Krafft; sie sind ebensowohl in einer Einheit, als diese<lb n="3"/>Einheit, welche gegen die für sich seyenden Extreme als die Mitte erscheint, sich<lb n="4"/>immer in eben diese Extreme zersetzt, die erst dadurch sind. – Die Bewegung,<lb n="5"/>welche sich vorhin als das sich selbst Vernichten widersprechender Begriffe dar<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stellte, hat also hier die <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Form, und ist Bewegung der Krafft,<lb n="7"/>als deren Resultat das unbedingt allgemeine als <hi rendition="#g">ungegenständliches</hi>, oder als<lb n="8"/><hi rendition="#g">Innres</hi> der Dinge hervorgeht.</p>
<p><lb n="9"/>Die Krafft ist, wie sie bestimmt worden, indem sie als <hi rendition="#g">solche</hi>, oder als <hi rendition="#g">in</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirt</hi> vorgestellt wird, die eine Seite ihres Begriffs; aber als ein sub<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>stantiirtes Extrem, und zwar das unter der Bestimmtheit des Eins gesetzte. Hiemit<lb n="12"/>ist das <hi rendition="#g">Bestehen</hi> der entfalteten Materien aus ihr ausgeschlossen, und ein <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="13"/>als sie. Indem es nothwendig ist, daß <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> dieses <hi rendition="#g">Bestehen</hi> sey, oder daß<lb n="14"/>sie sich <hi rendition="#g">äußere</hi>, so stellt sich ihre Aeußerung so vor, daß <hi rendition="#g">jenes</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> zu ihr<lb n="15"/><hi rendition="#g">hinzutritt</hi>, und sie sollicitirt. Aber in der That, indem sie <hi rendition="#g">nothwendig</hi> sich<lb n="16"/>äußert, hat sie diß, was als ein anderes Wesen gesetzt war, an ihr selbst. Es muß<lb n="17"/>zurückgenommen werden, daß sie als <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi>, und ihr Wesen, sich zu äußern,<lb n="18"/>als ein anderes zu ihr von außen hinzutretendes gesetzt wurde; sie ist vielmehr<lb n="19"/>selbst diß allgemeine Medium des Bestehens der Momente als Materien; oder<lb n="20"/><hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">geäußert</hi>, und was das andere sollicitirende seyn sollte, ist sie viel<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>mehr. Sie existirt also itzt als das Medium der entfalteten Materien. Aber sie hat<lb n="22"/>gleich wesentlich die Form des Aufgehobenseyns der bestehenden Materien, oder<lb n="23"/>ist wesentlich <hi rendition="#g">Eins</hi>; <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">Eins-seyn</hi> ist hiemit <hi rendition="#g">itzt</hi>, da <hi rendition="#g">sie</hi> gesetzt ist als das<lb n="24"/>Medium von Materien, <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sie</hi>, und sie hat diß ihr Wesen außer<lb n="25"/>ihr. Indem sie aber nothwendig diß seyn muß, als was sie <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> gesetzt<lb n="26"/>ist, so <hi rendition="#g">tritt</hi> <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">hinzu</hi> und sollicitirt sie zur Reflexion in sich selbst,<lb n="27"/>oder hebt ihre Aeußerung auf. In der That aber ist <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> dieses in sich reflec<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tirt-seyn, oder diß aufgehobenseyn der Aeußerung; das Einsseyn verschwindet,<lb n="29"/><hi rendition="#g">wie</hi> es erschien, nemlich als <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>; <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sie ist in sich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gedrängte Krafft.</p>
<p><lb n="31"/>Das, was als anderes auftritt, und sie sowohl zur Aeußerung als zur Rückkehr<lb n="32"/>in sich selbst sollicitirt, ist, wie sich unmittelbar ergibt, <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">Krafft</hi>; denn<lb n="33"/>das andre zeigt sich ebensowohl als allgemeines Medium, wie als Eins; und so daß<lb n="34"/>jede dieser Gestalten zugleich nur als verschwindendes Moment auftritt. Die Krafft<lb n="35"/>ist hiemit dadurch, daß ein anderes für sie, und sie für ein anderes ist, überhaupt<lb n="36"/>noch nicht aus ihrem Begriffe herausgetreten. Es sind aber zugleich zwey Kräffte<lb n="37"/>vorhanden; der Begriff beyder zwar derselbe, aber aus seiner Einheit in die Zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>heit herausgegangen. Statt daß der Gegensatz durchaus wesentlich nur Moment<lb n="39"/>bliebe, scheint er sich durch die Entzweyung in ganz <hi rendition="#g">selbstständige</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi>,</p>
<pb n="86" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=93" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>der Herrschafft der Einheit entzogen zu haben. Was es mit dieser Selbstständigkeit<lb n="2"/>für eine Bewandniß hat, ist näher zu sehen. Zunächst tritt die zweyte Krafft, als<lb n="3"/>das sollicitirende und zwar als allgemeines Medium seinem Inhalte nach gegen<lb n="4"/>die auf, welche als sollicitirte bestimmt ist; indem aber jene wesentlich Abwechs<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lung dieser beyden Momente und selbst Krafft ist, so ist sie in der That gleichfalls<lb n="6"/><hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">erst</hi> allgemeines Medium, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">dazu</hi> <hi rendition="#g">sollicitirt</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>, und ebenso<lb n="7"/>auch nur negative Einheit, oder zum zurückgehen der Krafft sollicitirendes, <hi rendition="#g">da<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">durch</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">sollicitirt</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>. Es verwandelt sich hiemit auch dieser Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>schied, der zwischen beyden statt fand, daß das eine das <hi rendition="#g">sollicitirende</hi>, das<lb n="10"/>andere das <hi rendition="#g">sollicitirte</hi> seyn sollte, in dieselbe Austauschung der Bestimmtheiten<lb n="11"/>gegeneinander.</p>
<p><lb n="12"/>Das Spiel der beyden Kräffte besteht hiemit in diesem entgegengesetzten Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>stimmtseyn beyder, ihrem füreinander seyn in dieser Bestimmung, und der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>soluten unmittelbaren Verwechslung der Bestimmungen, – einem Uebergange,<lb n="15"/>wodurch allein diese Bestimmungen sind, in denen die Kräffte <hi rendition="#g">selbstständig</hi><lb n="16"/>aufzutreten scheinen. Das sollicitirende ist, zum Beyspiel, als allgemeines Medium,<lb n="17"/>und dagegen das sollicitirte als zurückgedrängte Krafft gesetzt; aber jenes ist all<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gemeines Medium selbst nur dadurch daß das andere zurückgedrängte Krafft ist;<lb n="19"/>oder diese ist vielmehr das sollicitirende für jenes, und macht dasselbe erst zum<lb n="20"/>Medium. Jenes hat nur durch das andere seine Bestimmtheit, und ist sollicitirend,<lb n="21"/>nur insofern es vom andern dazu sollicitirt wird, sollicitirend zu seyn; und es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>liert eben so unmittelbar diese ihm gegebene Bestimmtheit; denn diese geht an das<lb n="23"/>andere über oder vielmehr ist schon an dasselbe übergegangen; das fremde die<lb n="24"/>Kraft sollicitirende tritt als allgemeines Medium auf, aber nur dadurch, daß es<lb n="25"/>von ihr dazu sollicitirt worden ist; das heißt aber, <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">setzt</hi> es so und <hi rendition="#g">ist</hi> viel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mehr <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">wesentlich</hi> allgemeines Medium; sie setzt das sollicitirende so,<lb n="27"/>darum weil diese andere Bestimmung <hi rendition="#g">ihr</hi> wesentlich, das heißt, weil <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">viel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.</p>
<p><lb n="29"/>Zur Vervollständigung der Einsicht in den Begriff dieser Bewegung kann noch<lb n="30"/>darauf aufmerksam gemacht werden, daß sich die Unterschiede selbst in einem<lb n="31"/>gedoppelten Unterschiede zeigen, <hi rendition="#g">einmal</hi> als Unterschiede <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Inhalts</hi>, indem<lb n="32"/>das eine Extrem in sich reflectirte Krafft, das andere aber Medium der Materien<lb n="33"/>ist; das <hi rendition="#g">andremal</hi> als Unterschiede der <hi rendition="#g">Form</hi>, indem das eine sollicitirendes,<lb n="34"/>das andre sollicitirtes, jenes thätig, diß passiv ist. Nach dem Unterschiede des<lb n="35"/>Inhalts <hi rendition="#g">sind</hi> sie überhaupt, oder für uns unterschieden; nach dem Unterschiede<lb n="36"/>der Form aber sind sie selbstständig, in ihrer Beziehung sich von einander selbst<lb n="37"/>abscheidend und entgegengesetzt. Daß so die Extreme nach diesen beyden Seiten<lb n="38"/>nichts <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern diese Seiten, worin ihr unterschiedenes Wesen bestehen<lb n="39"/>sollte, nur verschwindende Momente, ein unmittelbares Uebergehen jeder in die</p>
<pb n="87" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=94" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>entgegengesetzte sind, diß wird für das Bewußtseyn in der Wahrnehmung der<lb n="2"/>Bewegung der Krafft. Für uns aber war, wie oben erinnert, auch noch diß, daß<lb n="3"/>an sich die Unterschiede, als <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Inhalts</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schwanden, und auf der Seite der Form, dem Wesen nach das <hi rendition="#g">thätige</hi>, <hi rendition="#g">solli<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">citirende</hi> oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> dasselbe, was auf der Seite des Inhalts als in<lb n="6"/>sich zurückgedrängte Krafft; das <hi rendition="#g">passive</hi>, <hi rendition="#g">sollicitirte</hi>, oder für ein anderes<lb n="7"/>seyende auf der Seite der Form dasselbe, was auf der Seite des Inhalts als allgemeines<lb n="8"/>Medium der vielen Materien sich darstellte.</p>
<p><lb n="9"/>Es ergibt sich hieraus, daß der Begriff der Krafft durch die Verdopplung in<lb n="10"/>zwey <hi rendition="#g">Kräffte</hi> <hi rendition="#g">wirklich</hi> wird, und wie er diß wird. Diese zwey Kräfte existiren<lb n="11"/>als für sich seyende Wesen; aber ihre Existenz ist eine solche Bewegung gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>einander, daß ihr <hi rendition="#g">Seyn</hi> vielmehr ein reines <hi rendition="#g">Gesetztseyn</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="13"/>ist, das heißt, daß ihr Seyn vielmehr die reine Bedeutung des <hi rendition="#g">Verschwindens</hi><lb n="14"/>hat. Sie sind nicht als Extreme, die etwas festes für sich behielten, und nur eine<lb n="15"/>äußere Eigenschafft gegen einander in die Mitte und in ihre Berührung schickten;<lb n="16"/>sondern was sie sind, sind sie nur in dieser Mitte und Berührung. Es ist darin un<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>mittelbar ebensowohl das in sich zurückgedrängt- oder <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> der<lb n="18"/>Krafft, wie die Aeußerung, das sollicitiren, wie das sollicitirtseyn; diese Momente<lb n="19"/>hiemit nicht an zwey selbstständige Extreme vertheilt, welche sich nur eine ent<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gegengesetzte Spitze böten, sondern ihr Wesen ist diß schlechthin, jedes nur durchs<lb n="21"/>andere, und was jede so durchs andre ist, unmittelbar nicht mehr zu seyn, indem<lb n="22"/>sie es ist. Sie haben hiemit in der That keine eignen Substanzen, welche sie trügen<lb n="23"/>und erhielten. Der <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Krafft erhält sich vielmehr als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> in<lb n="24"/>seiner <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> selbst; die <hi rendition="#g">Krafft</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> ist schlechthin nur in<lb n="25"/>der <hi rendition="#g">Aeußerung</hi>, welche zugleich nichts anders, als ein sich selbst aufheben ist.<lb n="26"/>Diese <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Krafft vorgestellt als frey von ihrer Aeußerung und für sich<lb n="27"/>seyend, ist sie die in sich zurückgedrängte Krafft, aber diese Bestimmtheit ist in der<lb n="28"/>That, wie sich ergeben hat, selbst nur ein Moment der <hi rendition="#g">Aeußerung</hi>. Die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>heit der Krafft bleibt also nur der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> derselben; und haltungslos stürzen<lb n="30"/>die Momente ihrer Wirklichkeit, ihre Substanzen und ihre Bewegung in eine<lb n="31"/>ununterschiedene Einheit zusammen, welche nicht die in sich zurückgedrängte<lb n="32"/>Krafft ist, denn diese ist selbst nur ein solches Moment, sondern diese Einheit ist<lb n="33"/><hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>. Die Realisirung der Krafft ist also zugleich Verlust der<lb n="34"/>Realität; sie ist darin vielmehr ein ganz anderes geworden, nemlich diese <hi rendition="#g">Allge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">meinheit</hi>, welche der Verstand zuerst oder unmittelbar als ihr Wesen erkennt,<lb n="36"/>und welche sich auch als ihr Wesen an ihrer seynsollenden Realität an den wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>lichen Substanzen erweist.</p>
<pb n="88" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=95" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Insofern wir <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">erste</hi> allgemeine als den <hi rendition="#g">Begriff</hi> des Verstandes betrachten,<lb n="2"/>worin die Krafft noch nicht für sich ist, so ist das zweyte itzt ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi>, wie<lb n="3"/>es sich <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> darstellt. Oder umgekehrt, betrachten wir das erste all<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gemeine als das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi>, das ein <hi rendition="#g">wirklicher</hi> Gegenstand für das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wußtseyn seyn sollte, so ist diß zweyte als das <hi rendition="#g">negative</hi> der sinnlich gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichen Krafft bestimmt; es ist sie, wie sie in ihrem wahren Wesen nur als <hi rendition="#g">Gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">stand</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Verstandes</hi> ist; jenes erste wäre die in sich zurückgedrängte Krafft<lb n="8"/>oder sie als Substanz; diß zweyte aber ist das <hi rendition="#g">Innere</hi> der Dinge, als <hi rendition="#g">Inneres</hi>,<lb n="9"/>welches mit dem Begriffe als Begriff dasselbe ist.</p>
<p><lb n="10"/>Dieses wahrhaffte Wesen der Dinge hat sich itzt so bestimmt, daß es nicht un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mittelbar für das Bewußtseyn ist, sondern daß dieses ein mittelbares Verhältniß<lb n="12"/>zu dem Innern hat, und als Verstand <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Mitte</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Spiels</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">wahren</hi> <hi rendition="#g">Hintergrund</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> <hi rendition="#g">blickt</hi>. Die Mitte, welche die<lb n="14"/>beyden Extreme, den Verstand und das Innere, zusammenschließt, ist das ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wickelte <hi rendition="#g">Seyn</hi> der Krafft, das für den Verstand selbst nunmehr ein <hi rendition="#g">Verschwin<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">den</hi> ist. Es heißt darum <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>; denn Schein nennen wir das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, das<lb n="17"/>unmittelbar an ihm selbst ein <hi rendition="#g">Nichtseyn</hi> ist. Es ist aber nicht nur ein Schein,<lb n="18"/>sondern Erscheinung, ein <hi rendition="#g">Ganzes</hi> des Scheins. Diß <hi rendition="#g">Ganze</hi> als Ganzes oder <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">gemeines</hi>, ist es, was das <hi rendition="#g">Innere</hi> ausmacht, das <hi rendition="#g">Spiel</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi>, als<lb n="20"/><hi rendition="#g">Reflexion</hi> desselben in sich selbst. In ihm sind für das Bewußtseyn auf gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ständliche Weise die Wesen der Wahrnehmung so <hi rendition="#g">gesetzt</hi>, wie sie an sich sind,<lb n="22"/>nemlich als unmittelbar in das Gegentheil ohne Ruhe und Seyn sich verwandelnde<lb n="23"/>Momente, das Eins unmittelbar in das Allgemeine, das Wesentliche unmittelbar<lb n="24"/>in das unwesentliche und umgekehrt. Diß Spiel der Kräffte ist daher das ent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wickelte negative, aber die Wahrheit desselben ist das positive, nemlich das <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi>, der <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende Gegenstand. – Das <hi rendition="#g">Seyn</hi> desselben <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="27"/>Bewußtseyn ist vermittelt durch die Bewegung der <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, worin das<lb n="28"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wahrnehmung</hi>, und das sinnlich gegenständliche überhaupt nur<lb n="29"/>negative Bedeutung hat, das Bewußtseyn also daraus sich in sich als in das Wahre<lb n="30"/>reflectirt, aber als Bewußtseyn wieder diß Wahre zum gegenständlichen <hi rendition="#g">Innern</hi><lb n="31"/>macht, und diese Reflexion der Dinge von seiner Reflexion in sich selbst unter<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>scheidet; wie ihm die vermittelnde Bewegung ebenso noch eine gegenständliche<lb n="33"/>ist. Diß Innere ist ihm daher ein Extrem gegen es; aber es ist ihm darum das Wahre,<lb n="34"/>weil es darin als in dem <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zugleich die Gewißheit seiner selbst oder das<lb n="35"/>Moment seines Fürsichseyns hat; aber dieses Grundes ist es sich noch nicht bewußt,<lb n="36"/>denn das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, welches das Innre an ihm selbst haben sollte, wäre nichts<lb n="37"/>anderes als die negative Bewegung, aber diese ist dem Bewußtseyn noch die</p>
<pb n="89" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=96" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">gegenständliche</hi> verschwindende Erscheinung, noch nicht sein <hi rendition="#g">eignes</hi> Für<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sichseyn; das Innre ist ihm daher wohl Begriff, aber es kennt die Natur des Begriffes<lb n="3"/>noch nicht.</p>
<p><lb n="4"/>In diesem <hi rendition="#g">innern</hi> <hi rendition="#g">Wahren</hi>, als dem <hi rendition="#g">absolut</hi> <hi rendition="#g">allgemeinen</hi>, welches vom<lb n="5"/><hi rendition="#g">Gegensatze</hi> des Allgemeinen und Einzelnen gereinigt und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi><lb n="6"/>geworden ist, schließt sich erst über der <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> als der <hi rendition="#g">erscheinenden</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">Welt</hi>, nunmehr eine <hi rendition="#g">übersinnliche</hi> als die <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi> auf, über dem ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schwindenden <hi rendition="#g">Disseits</hi> das bleibende <hi rendition="#g">Jenseits</hi>; ein Ansich, welches die erste<lb n="9"/>und darum selbst unvollkommene Erscheinung der Vernunft, oder nur das reine<lb n="10"/>Element ist, worin die Wahrheit ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi> hat.</p>
<p><lb n="11"/><hi rendition="#g">Unser</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> ist hiemit nunmehr der Schluß, welcher zu seinen Ex<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tremen, das Innere der Dinge, und den Verstand, und zu seiner Mitte die Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>nung hat; die Bewegung dieses Schlusses aber gibt die weitere Bestimmung dessen,<lb n="14"/>was der Verstand durch die Mitte hindurch im Innern erblickt, und die Erfahrung,<lb n="15"/>welche er über dieses Verhältniß des Zusammengeschlossenseyns macht.</p>
<p><lb n="16"/>Noch ist das Innere <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Jenseits</hi> für das Bewußtseyn, denn es findet sich<lb n="17"/>selbst in ihm noch nicht; es ist <hi rendition="#g">leer</hi>, denn es ist nur das Nichts der Erscheinung<lb n="18"/>und positiv das einfache Allgemeine. Diese Weise des Innern zu seyn, stimmt<lb n="19"/>unmittelbar denjenigen bey, welche sagen, daß das Innre der Dinge nicht zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>kennen sey; aber der Grund würde anders gefaßt werden müssen. Von diesem<lb n="21"/>Innern, wie es hier unmittelbar ist, ist allerdings keine Kenntniß vorhanden,<lb n="22"/>aber nicht deßwegen, weil die Vernunft zu kurzsichtig, oder beschränkt, oder<lb n="23"/>wie man es sonst nennen will, wäre; worüber hier noch nichts bekannt ist, denn<lb n="24"/>so tief sind wir noch nicht eingedrungen; sondern um der einfachen Natur der<lb n="25"/>Sache selbst willen, weil nemlich im <hi rendition="#g">Leeren</hi> nichts erkannt wird, oder von der<lb n="26"/>andern Seite ausgesprochen, weil es eben als das <hi rendition="#g">Jenseits</hi> des Bewußtseyns be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>stimmt ist. – Das Resultat ist freylich dasselbe, wenn ein Blinder in den Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>thum der übersinnlichen Welt, – wenn sie einen hat, er sey nun eigenthümlicher<lb n="29"/>Inhalt derselben, oder das Bewußtseyn selbst sey dieser Inhalt, – und wenn ein<lb n="30"/>Sehender in die reine Finsterniß, oder wenn man will, in das reine Licht, wenn sie<lb n="31"/>nur dieses ist, gestellt wird; der Sehende sieht in seinem reinen Lichte so wenig<lb n="32"/>als in seiner reinen Finsterniß, und gerade so viel als der Blinde in der Fülle des<lb n="33"/>Reichthums, der vor ihm läge. Wenn es mit dem Innern und dem Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>geschlossenseyn mit ihm durch die Erscheinung weiter nichts wäre, so bliebe nichts<lb n="35"/>übrig, als sich an die Erscheinung zu halten, das heißt, etwas als wahr zu nehmen,<lb n="36"/>von dem wir wissen, daß es nicht wahr ist; oder damit doch in dem leeren, welches<lb n="37"/>zwar erst als Leerheit von gegenständlichen Dingen geworden, aber <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Leer-</hi></p>
<pb n="90" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=97" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">heit</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, auch für die Leerheit aller geistigen Verhältnisse und der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schiede des Bewußtseyns als Bewußtseyns genommen werden muß, – damit also<lb n="3"/>in diesem so <hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">Leeren</hi>, welches auch das <hi rendition="#g">Heilige</hi> genannt wird, doch etwas<lb n="4"/>sey, es mit Träumereyen, <hi rendition="#g">Erscheinungen</hi>, die das Bewußtseyn sich selbst er<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>zeugt, zu erfüllen; es müßte sich gefallen lassen, daß so schlecht mit ihm um<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gegangen wird, denn es wäre keines bessern würdig, indem Träumereyen selbst<lb n="7"/>noch besser sind, als seine Leerheit.</p>
<p><lb n="8"/>Das Innere oder das übersinnliche Jenseits ist aber <hi rendition="#g">entstanden</hi>, es <hi rendition="#g">kommt</hi><lb n="9"/>aus der Erscheinung her, und sie ist seine Vermittlung; oder <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Erscheinung</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, und in der That seine Erfüllung. Das Uebersinnliche ist das<lb n="11"/>sinnliche und wahrgenommene gesetzt, wie es in <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> ist; die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi><lb n="12"/>des <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> und wahrgenommenen aber ist, <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> zu seyn. Das<lb n="13"/>Uebersinnliche ist also die <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, als <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>. – Wenn dabey<lb n="14"/>gedacht wird, das Uebersinnliche sey <hi rendition="#g">also</hi> die sinnliche Welt, oder die Welt,<lb n="15"/>wie sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wahrnehmung</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">ist</hi>, so ist diß ein verkehrtes Verstehen; denn die Erscheinung ist vielmehr <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="17"/>die Welt des sinnlichen Wissens und Wahrnehmens als seyende, sondern sie <hi rendition="#g">als</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">aufgehobene</hi> oder in Wahrheit <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">innere</hi> <hi rendition="#g">gesetzt</hi>. Es pflegt gesagt zu werden,<lb n="19"/>das übersinnliche sey <hi rendition="#g">nicht</hi> die Erscheinung; dabey wird aber unter der Erscheinung<lb n="20"/>nicht die Erscheinung verstanden, sondern vielmehr die <hi rendition="#g">sinnliche</hi> Welt, als<lb n="21"/>selbst reelle Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="22"/>Der Verstand, welcher unser Gegenstand ist, befindet sich auf eben dieser Stelle,<lb n="23"/>daß ihm das Innere nur erst als das allgemeine noch unerfüllte <hi rendition="#g">Ansich</hi> geworden;<lb n="24"/>das Spiel der Kräffte hat nur eben diese negative Bedeutung, nicht an sich und nur<lb n="25"/>diese positive, das <hi rendition="#g">Vermittelnde</hi>, aber außer ihm zu seyn. Seine Beziehung<lb n="26"/>auf das Innre durch die Vermittlung aber ist seine Bewegung, durch welche es<lb n="27"/>sich ihm erfüllen wird. – <hi rendition="#g">Unmittelbar</hi> für ihn ist das Spiel der Kräffte; das<lb n="28"/><hi rendition="#g">Wahre</hi> <hi rendition="#g">aber</hi> ist ihm das einfache Innre; die Bewegung der Krafft ist daher ebenso<lb n="29"/>nur als <hi rendition="#g">einfaches</hi> überhaupt das Wahre. Von diesem Spiele der Kräffte haben<lb n="30"/>wir aber gesehen, daß es diese Beschaffenheit hat, daß die Krafft, welche <hi rendition="#g">solli<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">citirt</hi> wird von einer andern Krafft, ebenso das <hi rendition="#g">sollicitirende</hi> für diese andere<lb n="32"/>ist, welche selbst erst hierdurch sollicitirende wird. Es ist hierin ebenso nur der<lb n="33"/>unmittelbare Wechsel oder das absolute Austauschen der <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> vor<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>handen, welche den einzigen <hi rendition="#g">Inhalt</hi> des auftretenden ausmacht; entweder all<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gemeines Medium, oder negative Einheit zu seyn. Es hört in seinem bestimmten<lb n="36"/>Auftreten selbst unmittelbar auf, das zu seyn als was es auftritt; es sollicitirt durch<lb n="37"/>sein bestimmtes Auftreten die andere Seite, die sich hiedurch <hi rendition="#g">äußert</hi>; das heißt,<lb n="38"/>diese ist unmittelbar itzt das, was die erste seyn sollte. Diese beyden Seiten, das<lb n="39"/><hi rendition="#g">Verhältniß</hi> des Sollicitirens und das <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> des bestimmten entgegen-</p>
<pb n="91" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=98" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>gesetzten Inhalts ist <hi rendition="#g">jedes</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> die absolute Verkehrung und Verwechslung.<lb n="2"/>Aber diese beyden Verhältnisse sind selbst wieder dasselbe, und der Unterschied<lb n="3"/>der <hi rendition="#g">Form</hi>, das sollicitirte und das sollicitirende zu seyn ist dasselbe, was der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schied des <hi rendition="#g">Inhalts</hi> ist, das sollicitirte als solches, nemlich das passive Medium;<lb n="5"/>das sollicitirende hingegen das thätige, die negative Einheit oder das Eins. Hie<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>durch verschwindet aller Unterschied <hi rendition="#g">besonderer</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi>, die in dieser Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wegung vorhanden seyn sollten, gegen einander überhaupt; denn sie beruhten<lb n="8"/>allein auf jenen Unterschieden; und der Unterschied der Kräffte fällt ebenso mit<lb n="9"/>jenen beyden nur in einen zusammen. Es ist also weder die Krafft noch das solli<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>citiren und sollicitirt werden, noch die Bestimmtheit, bestehendes Medium und in<lb n="11"/>sich reflectirte Einheit zu seyn, weder einzeln für sich etwas, noch sind es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schiedene Gegensätze; sondern was in diesem absoluten Wechsel ist, ist nur der<lb n="13"/><hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">allgemeiner</hi> oder als ein solcher, in welchen sich die vielen<lb n="14"/>Gegensätze reducirt haben. Dieser <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">allgemeiner</hi> ist daher<lb n="15"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Spiele</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Krafft</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, und das Wahre desselben;<lb n="16"/>er ist das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Krafft</hi>.</p>
<p><lb n="17"/>Zu dem <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> wird die absolut wechselnde Erscheinung,<lb n="18"/>durch ihre Beziehung auf die Einfachheit des Innern oder des Verstandes. Das<lb n="19"/>Innre ist zunächst nur das an sich Allgemeine; diß an sich einfache <hi rendition="#g">Allgemeine</hi><lb n="20"/>ist aber wesentlich ebenso absolut der <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>; denn es ist<lb n="21"/>das Resultat des Wechsels selbst, oder der Wechsel ist sein Wesen; aber der Wech<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sel, als im Innern gesetzt, wie er in Wahrheit ist, in dasselbe hiemit als ebenso<lb n="23"/>absolut allgemeiner, beruhigter, sich gleich bleibender Unterschied aufgenommen.<lb n="24"/>Oder die Negation ist wesentliches Moment des Allgemeinen, und sie oder die<lb n="25"/>Vermittlung also im Allgemeinen ist <hi rendition="#g">allgemeiner</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>. Er ist im<lb n="26"/><hi rendition="#g">Gesetze</hi> ausgedrückt, als dem <hi rendition="#g">beständigen</hi> Bilde der unstäten Erscheinung.<lb n="27"/>Die <hi rendition="#g">übersinnliche</hi> Welt ist hiemit ein <hi rendition="#g">ruhiges</hi> <hi rendition="#g">Reich</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Gesetzen</hi>, zwar<lb n="28"/>jenseits der wahrgenommenen Welt, denn diese stellt das Gesetz nur durch be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ständige Veränderung dar, aber in ihr eben so <hi rendition="#g">gegenwärtig</hi>, und ihr unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bares stilles Abbild.</p>
<p><lb n="31"/>Diß Reich der Gesetze ist zwar die Wahrheit des Verstandes, welche an dem<lb n="32"/>Unterschiede, der in dem Gesetze ist, den <hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">hat</hi>; es ist aber zugleich nur<lb n="33"/>seine <hi rendition="#g">erste</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, und füllt die Erscheinung nicht aus. Das Gesetz ist in ihr<lb n="34"/>gegenwärtig, aber es ist nicht ihre ganze Gegenwart; es hat unter immer andern<lb n="35"/>Umständen eine immer andere Wirklichkeit. Es bleibt dadurch der Erscheinung<lb n="36"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> eine Seite, welche nicht im Innern ist; oder sie ist in Wahrheit noch nicht<lb n="37"/>als <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, als <hi rendition="#g">aufgehobenes</hi> für sich seyn gesetzt. Dieser Mangel des</p>
<pb n="92" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=99" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Gesetzes muß sich an ihm selbst ebenso hervorthun. Was ihm zu mangeln scheint,<lb n="2"/>ist, daß es zwar den Unterschied selbst an ihm hat, aber als allgemeinen, un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>bestimmten. Insofern es aber nicht <hi rendition="#g">das</hi> Gesetz überhaupt, sondern <hi rendition="#g">ein</hi> Gesetz<lb n="4"/>ist, hat es die Bestimmtheit an ihm; und es sind damit unbestimmt <hi rendition="#g">viele</hi> Gesetze<lb n="5"/>vorhanden. Allein diese Vielheit ist vielmehr selbst ein Mangel; sie widerspricht<lb n="6"/>nemlich dem Princip des Verstandes, welchem als Bewußtseyn des einfachen<lb n="7"/>Innern, die an sich allgemeine <hi rendition="#g">Einheit</hi> das Wahre ist. Die vielen Gesetze muß<lb n="8"/>er darum vielmehr in <hi rendition="#g">Ein</hi> Gesetz zusammenfallen lassen. Wie zum Beyspiel,<lb n="9"/>das Gesetz, nach welchem der Stein fällt, und das Gesetz, nach welchem die himm<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lischen Sphären sich bewegen, als <hi rendition="#g">Ein</hi> Gesetz begriffen worden ist. Mit diesem<lb n="11"/>ineinanderfallen aber verlieren die Gesetze ihre Bestimmtheit; das Gesetz wird<lb n="12"/>immer oberflächlicher, und es ist damit in der That nicht die Einheit <hi rendition="#g">dieser</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">bestimmten</hi> Gesetze, sondern ein ihre Bestimmtheit weglassendes Gesetz ge<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>funden; wie das Eine Gesetz, welches die Gesetze des Falles der Körper an der<lb n="15"/>Erde, und der himmlischen Bewegung in sich vereint, sie beyde in der That nicht<lb n="16"/>ausdrückt. Die Vereinigung aller Gesetze in der <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Attraction</hi><lb n="17"/>drückt keinen Inhalt weiter aus, als eben den <hi rendition="#g">bloßen</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gesetzes</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, der darin als <hi rendition="#g">seyend</hi> gesetzt ist. Die allgemeine Attraction sagt nur diß,<lb n="19"/>daß <hi rendition="#g">Alles</hi> <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">beständigen</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">anderem</hi> hat. Der Verstand<lb n="20"/>meynt dabey, ein allgemeines Gesetz gefunden zu haben, welches die allgemeine<lb n="21"/>Wirklichkeit <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solche</hi> ausdrücke; aber hat in der That nur den <hi rendition="#g">Begriff</hi> des<lb n="22"/><hi rendition="#g">Gesetzes</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> gefunden; jedoch so, daß er zugleich diß damit aussagt, <hi rendition="#g">alle</hi><lb n="23"/>Wirklichkeit ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> gesetzmäßig. Der Ausdruck <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">allgemeinen</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Attraction</hi> hat darum insofern große Wichtigkeit, als er gegen das gedankenlose<lb n="25"/><hi rendition="#g">Vorstellen</hi> gerichtet ist, welchem alles in der Gestalt der Zufälligkeit sich dar<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bietet, und welchem die Bestimmtheit die Form der sinnlichen Selbstständigkeit hat.</p>
<p><lb n="27"/>Es steht somit den bestimmten Gesetzen, die allgemeine Attraction, oder der<lb n="28"/>reine Begriff des Gesetzes, gegenüber. Insofern dieser reine Begriff, als das Wesen,<lb n="29"/>oder als das wahre Innere betrachtet wird, gehört die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> des be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stimmten Gesetzes selbst noch der Erscheinung oder vielmehr dem sinnlichen<lb n="31"/>Seyn an. Allein der reine <hi rendition="#g">Begriff</hi> des Gesetzes geht nicht nur über das Gesetz,<lb n="32"/>welches, selbst ein <hi rendition="#g">bestimmtes</hi>, <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Gesetzen gegenüber<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>steht, sondern er geht auch <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi> als solches hinaus. Die Bestimmtheit,<lb n="34"/>von welcher die Rede war, ist eigentlich selbst nur verschwindendes Moment,<lb n="35"/>welches hier nicht mehr als Wesenheit vorkommen kann; denn es ist nur das<lb n="36"/>Gesetz als das Wahre vorhanden; aber der <hi rendition="#g">Begriff</hi> des Gesetzes ist gegen <hi rendition="#g">das</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Gesetz</hi> selbst gekehrt. An dem Gesetze nemlich ist der Unterschied selbst <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="38" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbar</hi> aufgefaßt und in das Allgemeine aufgenommen, damit aber ein<lb n="39"/><hi rendition="#g">Bestehen</hi> der Momente, deren Beziehung es ausdrückt, als gleichgültiger und an</p>
<pb n="93" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=100" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>sich seyender Wesenheiten. Diese Theile des Unterschieds am Gesetze, sind aber<lb n="2"/>zugleich selbst bestimmte Seiten; der reine Begriff des Gesetzes, als allgemeine<lb n="3"/>Attraction muß in seiner wahren Bedeutung so aufgefaßt werden, daß in ihm als<lb n="4"/>absolut <hi rendition="#g">einfachem</hi> die <hi rendition="#g">Unterschiede</hi>, die an dem Gesetze als solchem vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>handen sind, selbst wieder in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Innre</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> <hi rendition="#g">zurückgehen</hi>;<lb n="6"/>sie ist die innre <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> des Gesetzes.</p>
<p><lb n="7"/>Das Gesetz ist dadurch auf eine gedoppelte Weise vorhanden, das einemal als<lb n="8"/>Gesetz, an dem die Unterschiede als selbstständige Momente ausgedrückt sind;<lb n="9"/>das anderemal in der Form des <hi rendition="#g">einfachen</hi> in sich zurückgegangenseyns, welche<lb n="10"/>wieder <hi rendition="#g">Kraft</hi> genannt werden kann, aber so daß sie nicht die zurückgedrängte,<lb n="11"/>sondern die Kraft überhaupt oder als der Begriff der Krafft ist, eine Abstraction,<lb n="12"/>welche die Unterschiede dessen, was attrahirt und attrahirt wird, selbst in sich<lb n="13"/>zieht. So ist, zum Beyspiel, die <hi rendition="#g">einfache</hi> Electricität, die <hi rendition="#g">Kraft</hi>; der Ausdruck<lb n="14"/>des Unterschieds aber fällt in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>; dieser Unterschied ist positive und<lb n="15"/>negative Electricität. Bey der Bewegung des Falles ist die <hi rendition="#g">Kraft</hi> das einfache,<lb n="16"/>die <hi rendition="#g">Schwere</hi>, welche das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> hat, daß die Größen der unterschiedenen<lb n="17"/>Momente der Bewegung, der verflossenen <hi rendition="#g">Zeit</hi>, und des durchlauffenen <hi rendition="#g">Raums</hi>,<lb n="18"/>sich wie Wurzel und Quadrat zu einander verhalten. Die Electricität selbst ist nicht<lb n="19"/>der Unterschied an sich oder in ihrem Wesen das Doppelwesen von positiver und<lb n="20"/>negativer Electricität; daher man zu sagen pflegt, sie <hi rendition="#g">habe</hi> das Gesetz, auf diese<lb n="21"/><hi rendition="#g">Weise</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, auch wohl, sie <hi rendition="#g">habe</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi>, so sich zu äußern.<lb n="22"/>Diese Eigenschafft ist zwar wesentliche und einzige Eigenschafft dieser Krafft,<lb n="23"/>oder sie ist ihr <hi rendition="#g">nothwendig</hi>. Aber die Nothwendigkeit ist hier ein leeres Wort;<lb n="24"/>die Kraft <hi rendition="#g">muß</hi> eben, <hi rendition="#g">weil</hi> sie <hi rendition="#g">muß</hi>, so sich verdoppeln. Wenn freylich <hi rendition="#g">positive</hi><lb n="25"/>Elektricität gesetzt ist, ist auch <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nothwendig; denn das <hi rendition="#g">posi<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">tive</hi> ist nur als Beziehung auf ein <hi rendition="#g">negatives</hi>, oder das positive ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="27"/>der Unterschied von sich selbst, wie eben so das negative. Aber daß die Electricität<lb n="28"/>als solche, sich so theile, diß ist nicht an sich das nothwendige; sie als <hi rendition="#g">einfache</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">Krafft</hi> ist gleichgültig gegen ihr Gesetz, als positive und negative <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>;<lb n="30"/>und wenn wir jenes ihren Begriff, diß aber ihr Seyn nennen, so ist ihr Begriff gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gültig gegen ihr Seyn; sie <hi rendition="#g">hat</hi> nur diese Eigenschafft; d. h. eben, es ist ihr nicht<lb n="32"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nothwendig. – Diese Gleichgültigkeit erhält eine andere Gestalt, wenn<lb n="33"/>gesagt wird, daß es zur <hi rendition="#g">Definition</hi> der Electricität gehört, als positive und negative<lb n="34"/>zu seyn, oder daß diß schlechthin <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist. Alsdenn hieße<lb n="35"/>ihr Seyn <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi> überhaupt; in jener Definition liegt aber nicht die <hi rendition="#g">Noth<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">wendigkeit</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Existenz</hi>; sie ist entweder, weil man sie <hi rendition="#g">findet</hi>, das heißt,<lb n="37"/>sie ist gar nicht nothwendig; oder ihre Existenz ist durch andere Kräffte, das heißt,<lb n="38"/>ihre Nothwendigkeit ist eine äußere. Damit aber, daß die Nothwendigkeit, in<lb n="39"/>die Bestimmtheit <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> gelegt wird, fallen wir wieder in</p>
<pb n="94" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=101" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>die <hi rendition="#g">Vielheit</hi> der bestimmten Gesetze zurück, die wir so eben verließen, um das<lb n="2"/><hi rendition="#g">Gesetz</hi> als Gesetz zu betrachten; nur mit diesem ist sein <hi rendition="#g">Begriff</hi> als Begriff,<lb n="3"/>oder seine Nothwendigkeit zu vergleichen, die sich aber in allen diesen Formen<lb n="4"/>nur noch als ein leeres Wort gezeigt hat.</p>
<p><lb n="5"/>Noch auf andere als die angezeigte Weise ist die Gleichgültigkeit des Gesetzes<lb n="6"/>und der Krafft, oder des Begriffs und des Seyns vorhanden. In dem Gesetze der<lb n="7"/>Bewegung z. B. ist es nothwendig, daß die Bewegung in Zeit und Raum sich<lb n="8"/><hi rendition="#g">theile</hi>, oder dann auch in Entfernung und Geschwindigkeit. Indem die Bewegung<lb n="9"/>nur das Verhältniß jener Momente ist, so ist sie, das Allgemeine, hier wohl <hi rendition="#g">an</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> getheilt; aber nun drücken diese Theile, Zeit und Raum, oder Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fernung und Geschwindigkeit, nicht an ihnen diesen Ursprung aus Einem aus;<lb n="12"/>sie sind gleichgültig gegeneinander, der Raum wird vorgestellt ohne die Zeit,<lb n="13"/>die Zeit ohne den Raum, und die Entfernung wenigstens ohne die Geschwindigkeit<lb n="14"/>seyn zu können, – so wie ihre Größen gleichgültig gegeneinander sind; indem sie<lb n="15"/>sich nicht <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">positives</hi> und <hi rendition="#g">negatives</hi> verhalten, hiemit nicht durch <hi rendition="#g">ihr</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> aufeinander beziehen. Die Nothwendigkeit der <hi rendition="#g">Theilung</hi> ist also hier<lb n="17"/>wohl vorhanden; aber nicht der <hi rendition="#g">Theile</hi> als solcher füreinander. Darum ist aber<lb n="18"/>auch jene erste selbst nur eine vorgespiegelte falsche Nothwendigkeit; die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wegung ist nemlich nicht selbst als <hi rendition="#g">einfaches</hi> oder als reines Wesen vorgestellt;<lb n="20"/>sondern <hi rendition="#g">schon</hi> als getheilt; Zeit und Raum sind ihre <hi rendition="#g">selbstständigen</hi> Theile<lb n="21"/>oder <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihnen</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder Entfernung und Geschwindigkeit Weisen<lb n="22"/>des Seyns oder Vorstellens, deren eine wohl ohne die andere seyn kann, und die<lb n="23"/>Bewegung daher nur ihre <hi rendition="#g">oberflächliche</hi> Beziehung, nicht ihr Wesen. Als<lb n="24"/>einfaches Wesen, oder als Krafft vorgestellt ist sie wohl die <hi rendition="#g">Schwere</hi>, welche<lb n="25"/>aber diese Unterschiede überhaupt nicht in ihr enthält.</p>
<p><lb n="26"/>Der Unterschied also ist in beyden Fällen kein <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>;<lb n="27"/>entweder ist das Allgemeine, die Krafft, gleichgültig gegen die Theilung, welche<lb n="28"/>im Gesetze ist, oder die Unterschiede, Theile des Gesetzes sind es gegen einander.<lb n="29"/>Der Verstand <hi rendition="#g">hat</hi> aber den Begriff <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Unterschiedes</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, eben<lb n="30"/>darin, daß das Gesetz einestheils das Innre <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi>, aber <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> zugleich<lb n="31"/><hi rendition="#g">unterschiedne</hi> ist; daß dieser Unterschied hiemit <hi rendition="#g">innrer</hi> Unterschied sey, ist<lb n="32"/>darin vorhanden, daß das Gesetz <hi rendition="#g">einfache</hi> Krafft, oder als <hi rendition="#g">Begriff</hi> desselben<lb n="33"/>ist, also ein <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Begriffes</hi>. Aber dieser innre Unterschied fällt<lb n="34"/>nur erst noch <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Verstand</hi>; und ist noch nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">gesetzt</hi>. Es ist also nur die <hi rendition="#g">eigne</hi> Nothwendigkeit, was der Verstand ausspricht;<lb n="36"/>einen Unterschied, den er also nur so macht, daß er es zugleich ausdrückt, daß der<lb n="37"/>Unterschied kein <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sey. Diese Nothwendigkeit,</p>
<pb n="95" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=102" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>die nur im Worte liegt, ist hiemit die Hererzählung der Momente, die den Kreis<lb n="2"/>derselben ausmachen; sie werden zwar unterschieden, ihr Unterschied aber zugleich,<lb n="3"/>kein Unterschied der Sache selbst zu seyn, ausgedrückt, und daher selbst sogleich<lb n="4"/>wieder aufgehoben; diese Bewegung heißt <hi rendition="#g">Erklären</hi>. Es wird also ein <hi rendition="#g">Gesetz</hi><lb n="5"/>ausgesprochen, von diesem wird sein an sich allgemeines, oder der Grund, als die<lb n="6"/><hi rendition="#g">Krafft</hi>, unterschieden; aber von diesem Unterschiede wird gesagt, daß er keiner,<lb n="7"/>sondern vielmehr der Grund ganz so beschaffen sey, wie das Gesetz. Die einzelne<lb n="8"/>Begebenheit des Blitzes zum Beyspiel wird als allgemeines aufgefaßt, und diß<lb n="9"/>allgemeine als das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> der Electricität ausgesprochen: die Erklärung faßt als<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>denn das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> in die <hi rendition="#g">Krafft</hi> zusammen, als das Wesen des Gesetzes. Diese<lb n="11"/>Krafft ist dann <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">beschaffen</hi>, daß wenn sie sich äußert, entgegengesetzte Elec<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>tricitäten hervortreten, die wieder ineinander verschwinden, das heißt, die <hi rendition="#g">Krafft</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">gerade</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">beschaffen</hi>, <hi rendition="#g">wie</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>; es wird gesagt, daß beyde gar<lb n="14"/>nicht unterschieden seyen. Die Unterschiede sind die reine allgemeine Aeußerung<lb n="15"/>oder das Gesetz, und die reine Krafft; beyde haben aber <hi rendition="#g">denselben</hi> Inhalt, <hi rendition="#g">die<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">selbe</hi> Beschaffenheit; der Unterschied als Unterschied des Inhalts, d. h. der <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="17"/>wird also auch wieder zurückgenommen.</p>
<p><lb n="18"/>In dieser tautologischen Bewegung beharrt, wie sich ergibt, der Verstand bey<lb n="19"/>der ruhigen Einheit seines Gegenstandes und die Bewegung fällt nur in ihn selbst,<lb n="20"/>nicht in den Gegenstand; sie ist ein Erklären, das nicht nur Nichts erklärt, sondern<lb n="21"/>so klar ist, daß es, indem es Anstalten macht, etwas unterschiedenes von dem schon<lb n="22"/>Gesagten zu sagen, vielmehr nichts sagt, sondern nur dasselbe wiederhohlt. An<lb n="23"/>der Sache selbst entsteht durch diese Bewegung nichts neues, sondern sie kommt<lb n="24"/>als Bewegung des Verstandes in Betracht. In ihr aber erkennen wir nun eben das<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>jenige, was an dem Gesetze vermißt wurde, nemlich den absoluten Wechsel selbst,<lb n="26"/>denn diese <hi rendition="#g">Bewegung</hi>, wenn wir sie näher betrachten, ist unmittelbar das Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>theil ihrer selbst. Sie setzt nemlich <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>, welcher nicht nur für<lb n="28"/>uns <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> ist, sondern welchen sie selbst als Unterschied aufhebt.<lb n="29"/>Es ist diß derselbe Wechsel, der sich als das Spiel der Kräffte darstellte; es war in<lb n="30"/>ihm der Unterschied des sollicitirenden und sollicitirten, der sich äußernden, und<lb n="31"/>der in sich zurückgedrängten Krafft; aber es waren Unterschiede, die in Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>heit keine waren, und sich darum auch unmittelbar wieder aufhoben. Es ist nicht<lb n="33"/>nur die bloße Einheit vorhanden, so daß <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">gesetzt</hi> wäre,<lb n="34"/>sondern es ist diese BEWEGUNG, daß <hi rendition="#g">allerdings</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> <hi rendition="#g">gemacht</hi>,<lb n="35"/><hi rendition="#g">aber</hi>, weil er keiner ist, <hi rendition="#g">wieder</hi> <hi rendition="#g">aufgehoben</hi> <hi rendition="#g">wird</hi>. – Mit dem Erklären also<lb n="36"/>ist der Wandel und Wechsel, der vorhin außer dem Innern nur an der Erscheinung<lb n="37"/>war, in das Uebersinnliche selbst eingedrungen; unser Bewußtseyn ist aber aus dem<lb n="38"/>Innern als Gegenstande auf die andere Seite in den <hi rendition="#g">Verstand</hi> herübergegangen,<lb n="39"/>und hat in ihm den Wechsel.</p>
<pb n="96" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=103" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Dieser Wechsel ist so noch nicht ein Wechsel der Sache selbst, sondern stellt<lb n="2"/>sich vielmehr eben dadurch als <hi rendition="#g">reiner</hi> <hi rendition="#g">Wechsel</hi> dar, daß der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> der Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mente des Wechsels derselbe bleibt. Indem aber der <hi rendition="#g">Begriff</hi> als Begriff des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>standes dasselbe ist, was das <hi rendition="#g">Innre</hi> der Dinge, so wird <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Wechsel</hi> <hi rendition="#g">als</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Gesetz</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Innern</hi> für ihn. Er <hi rendition="#g">erfährt</hi> also, daß es <hi rendition="#g">Gesetz</hi> der <hi rendition="#g">Erscheinung</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">selbst</hi> ist, daß Unterschiede werden, die keine Unterschiede sind; oder daß das<lb n="7"/><hi rendition="#g">Gleichnamige</hi> sich von sich selbst <hi rendition="#g">abstößt</hi>; und eben so daß die Unterschiede<lb n="8"/>nur solche sind, die in Wahrheit keine sind, und sich aufheben; oder daß das <hi rendition="#g">Un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">gleichnamige</hi> sich <hi rendition="#g">anzieht</hi>. – Ein <hi rendition="#g">zweytes</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>, dessen Inhalt dem<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>jenigen, was vorher Gesetz genannt wurde, nemlich dem sich beständigen gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bleibenden Unterschiede entgegengesetzt ist; denn diß neue drückt vielmehr das<lb n="12"/><hi rendition="#g">Ungleichwerden</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gleichen</hi>, und das <hi rendition="#g">Gleichwerden</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ungleichen</hi><lb n="13"/>aus. Der Begriff muthet der Gedankenlosigkeit zu, beyde Gesetze zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zubringen, und ihrer Entgegensetzung bewußt zu werden. – Gesetz ist das zweyte<lb n="15"/>freylich auch, oder ein inneres sichselbstgleiches Seyn, aber eine Sichselbstgleich<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit vielmehr der Ungleichheit, eine Beständigkeit der Unbeständigkeit. – An dem<lb n="17"/>Spiele der Kräffte ergab sich dieses Gesetz als eben dieses absolute Uebergehen,<lb n="18"/>und als reiner Wechsel; das <hi rendition="#g">gleichnamige</hi>, die Krafft zersetzt sich in einen<lb n="19"/>Gegensatz, der zunächst als ein selbstständiger Unterschied erscheint, aber welcher<lb n="20"/>sich in der That <hi rendition="#g">keiner</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> erweist; denn es ist das <hi rendition="#g">gleichnamige</hi>, was<lb n="21"/>sich von sich selbst abstößt, und diß abgestoßene zieht sich daher wesentlich an,<lb n="22"/>denn es ist <hi rendition="#g">dasselbe</hi>; der gemachte Unterschied, da er keiner ist, hebt sich also<lb n="23"/>wieder auf. Er stellt sich hiemit als Unterschied <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder als<lb n="24"/>absoluter Unterschied dar, und dieser Unterschied der <hi rendition="#g">Sache</hi> ist also nichts anders<lb n="25"/>als das Gleichnamige, das sich von sich abgestoßen hat, und daher nur einen<lb n="26"/>Gegensatz setzt, der keiner ist.</p>
<p><lb n="27"/>Durch diß Princip wird das erste Uebersinnliche, das ruhige Reich der Gesetze,<lb n="28"/>das unmittelbare Abbild der wahrgenommenen Welt in sein Gegentheil um<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gekehrt; das Gesetz war überhaupt das sich <hi rendition="#g">gleichbleibende</hi>, wie seine Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>schiede; itzt aber ist gesetzt, daß beydes vielmehr das Gegentheil seiner selbst ist;<lb n="31"/>das sich <hi rendition="#g">gleiche</hi> stößt sich vielmehr von sich ab, und das sich ungleiche setzt sich<lb n="32"/>vielmehr als das sich gleiche. In der That ist nur mit dieser Bestimmung der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>schied der <hi rendition="#g">innre</hi>, oder Unterschied <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, indem das gleiche sich un<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gleich, das ungleiche sich gleich ist. – <hi rendition="#g">Diese</hi> <hi rendition="#g">zweyte</hi> <hi rendition="#g">übersinnliche</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi><lb n="35"/>ist auf diese Weise die <hi rendition="#g">verkehrte</hi> Welt; und zwar, indem eine Seite schon an<lb n="36"/>der ersten übersinnlichen Welt vorhanden ist, die <hi rendition="#g">verkehrte</hi> dieser <hi rendition="#g">ersten</hi>.<lb n="37"/>Das Innere ist damit als Erscheinung vollendet. Denn die erste übersinnliche Welt</p>
<pb n="97" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=104" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>war nur die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Erhebung der wahrgenommenen Welt in das all<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gemeine Element; sie hatte ihr nothwendiges Gegenbild an dieser, welche noch<lb n="3"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Princip</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wechsels</hi> und <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Veränderung</hi> behielt; das<lb n="4"/>erste Reich der Gesetze entbehrte dessen, erhält es aber als verkehrte Welt.</p>
<p><lb n="5"/>Nach dem Gesetze dieser verkehrten Welt ist also das <hi rendition="#g">Gleichnamige</hi> der<lb n="6"/>ersten das <hi rendition="#g">ungleiche</hi> seiner selbst, und das <hi rendition="#g">Ungleiche</hi> derselben ist eben so<lb n="7"/><hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">ungleich</hi>, oder es wird sich <hi rendition="#g">gleich</hi>. An bestimmten Momenten<lb n="8"/>wird diß sich so ergeben, daß was im Gesetze der ersten süß, in diesem verkehrten<lb n="9"/>Ansich sauer; was in jenem schwartz, in diesem weiß ist. Was im Gesetz der erstern,<lb n="10"/>am Magnete Nordpol, ist in seinem andern übersinnlichen Ansich, (in der Erde<lb n="11"/>nemlich), Südpol; was aber dort Südpol ist, hier Nordpol. Ebenso was im ersten<lb n="12"/>Gesetze der Electricität Sauerstoffpol ist, wird in seinem andern übersinnlichen<lb n="13"/>Wesen Wasserstoffpol; und umgekehrt, was dort der Wasserstoffpol ist, wird hier<lb n="14"/>der Sauerstoffpol. In einer andern Sphäre, ist nach dem <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Gesetze</hi>,<lb n="15"/>Rache an dem Feinde, die höchste Befriedigung der verletzten Individualität.<lb n="16"/><hi rendition="#g">Dieses</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi> aber, dem, der mich nicht als Selbstwesen behandelt, mich als<lb n="17"/>Wesen gegen ihn zu zeigen, und ihn vielmehr als Wesen aufzuheben, <hi rendition="#g">verkehrt</hi><lb n="18"/>sich durch das Princip der andern Welt in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi>, die Wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>herstellung meiner als des Wesens durch das Aufheben des fremden Wesens<lb n="20"/>in Selbstzerstörung. Wenn nun diese Verkehrung, welche in der <hi rendition="#g">Straffe</hi> des<lb n="21"/>Verbrechens dargestellt wird, zum <hi rendition="#g">Gesetze</hi> gemacht ist, so ist auch sie wieder<lb n="22"/>nur das Gesetz der einen Welt, welche eine <hi rendition="#g">verkehrte</hi> übersinnliche Welt sich<lb n="23"/><hi rendition="#g">gegenüberstehen</hi> hat, in welcher das, was in jener verachtet ist, zu Ehren, was in<lb n="24"/>jener in Ehren steht, in Verachtung kommt. Die nach dem <hi rendition="#g">Gesetze</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> den<lb n="25"/>Menschen schändende und vertilgende Straffe verwandelt sich in ihrer <hi rendition="#g">verkehrten</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Welt</hi> in die sein Wesen erhaltende, und ihn zu Ehren bringende Begnadigung.</p>
<p><lb n="27"/>Oberflächlich angesehen ist diese verkehrte Welt so das Gegentheil der ersten,<lb n="28"/>daß sie dieselbe außer ihr hat, und jene erste als eine verkehrte <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="29"/>von sich abstößt, die <hi rendition="#g">eine</hi> die <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, die <hi rendition="#g">andere</hi> aber das <hi rendition="#g">Ansich</hi>,<lb n="30"/>die <hi rendition="#g">eine</hi> sie ist, wie sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, die <hi rendition="#g">andere</hi> dagegen, wie sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="31"/>ist; so daß um die vorigen Beyspiele zu gebrauchen, was süß schmeckt, <hi rendition="#g">eigent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">lich</hi>, oder <hi rendition="#g">innerlich</hi> am Dinge, sauer, oder was am wirklichen Magnete der<lb n="33"/>Erscheinung Nordpol ist, <hi rendition="#g">am</hi> <hi rendition="#g">innern</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">wesentlichen</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> Südpol wäre;<lb n="34"/>was an der erscheinenden Electricität als Sauerstoffpol sich darstellt, an der nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>erscheinenden Wasserstoffpol wäre. Oder eine Handlung, die in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Erschei<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">nung</hi> Verbrechen ist, sollte im <hi rendition="#g">innern</hi> eigentlich gut seyn (eine schlechte Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>lung eine gute Absicht haben) können; die Straffe nur in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Erscheinung</hi><lb n="38"/>Straffe, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder in einer andern Welt aber Wohlthat für den Verbrecher<lb n="39"/>seyn. Allein solche Gegensätze von Innerem und Aeußerem, von Erscheinung</p>
<pb n="98" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=105" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>und Uebersinnlichem, als von zweyerley Wirklichkeiten, sind hier nicht mehr<lb n="2"/>vorhanden. Die abgestoßenen Unterschiede vertheilen sich nicht von neuem an<lb n="3"/>zwey solche Substanzen, welche sie trügen und ihnen ein getrenntes Bestehen<lb n="4"/>verliehen; wodurch der Verstand aus dem Innern heraus wieder auf seine vorige<lb n="5"/>Stelle zurückfiele. Die eine Seite oder Substanz wäre wieder die Welt der Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>nehmung, worin das eine der beyden Gesetze sein Wesen triebe, und ihr gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>über eine innre Welt, <hi rendition="#g">gerade</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi>, wie die erste,<lb n="8"/>aber in der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi>; sie könnte nicht als sinnliche Welt aufgezeigt, nicht<lb n="9"/>gesehen, gehört, geschmeckt werden, und doch würde sie vorgestellt, als eine<lb n="10"/>solche sinnliche Welt. Aber in der That, wenn <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">gesetzte</hi> ein wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>genommenes ist, und sein <hi rendition="#g">Ansich</hi>, als das verkehrte desselben, ebenso ein <hi rendition="#g">sinn<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">lich</hi> <hi rendition="#g">vorgestelltes</hi>, so ist das Saure was das Ansich des süßen Dinges wäre, ein<lb n="13"/>so wirkliches Ding, wie es, ein <hi rendition="#g">saures</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>; das Schwarze, welches das An<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sich des Weißen wäre, ist das wirkliche Schwarze; der Nordpol, welcher das An<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sich des Südpols ist, ist der <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">demselben</hi> <hi rendition="#g">Magnete</hi> <hi rendition="#g">vorhandne</hi> Nordpol;<lb n="16"/>der Sauerstoffpol, der das Ansich des Wasserstoffpols ist, der <hi rendition="#g">vorhandne</hi> Sauer<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stoffpol derselben Säule. Das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Verbrechen aber hat <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Verkeh<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">rung</hi>, und <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> als <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Absicht</hi> als solcher, aber<lb n="19"/>nicht in einer guten; denn die Wahrheit der Absicht ist nur die That selbst. Das<lb n="20"/>Verbrechen seinem Inhalte nach aber, hat seine Reflexion in sich oder seine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>kehrung an der <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Straffe; diese ist die Aussöhnung des Gesetzes mit<lb n="22"/>der ihm im Verbrechen entgegengesetzten Wirklichkeit. Die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Straffe<lb n="23"/>endlich hat so ihre <hi rendition="#g">verkehrte</hi> Wirklichkeit an ihr, daß sie eine solche Verwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichung des Gesetzes ist, wodurch die Thätigkeit, die es als Straffe hat, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">aufhebt</hi>, es aus thätigem wieder <hi rendition="#g">ruhiges</hi> und geltendes Gesetz wird, und die<lb n="26"/>Bewegung der Individualität gegen es, und seiner gegen sie erloschen ist.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="27"/>Aus der Vorstellung also der Verkehrung, die das Wesen der einen Seite der<lb n="28"/>übersinnlichen Welt ausmacht, ist die sinnliche Vorstellung von der Befestigung<lb n="29"/>der Unterschiede in einem verschiedenen Elemente des Bestehens zu entfernen,<lb n="30"/>und dieser absolute Begriff des Unterschieds, als innrer Unterschied, Abstoßen<lb n="31"/>des Gleichnamigen als gleichnamigen von sich selbst, und Gleichseyn des Un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gleichen als ungleichen rein darzustellen und aufzufassen. Es ist der reine Wechsel,<lb n="33"/>oder <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Entgegensetzung</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Widerspruch</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">denken</hi>.<lb n="34"/>Denn in dem Unterschiede, der ein innerer ist, ist das entgegengesetzte nicht nur<lb n="35"/><hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">zweyen</hi>; – sonst wäre es ein <hi rendition="#g">seyendes</hi>, und nicht ein entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gesetztes; – sondern es ist das entgegengesetzte eines entgegengesetzten, oder<lb n="37"/>das andere ist in ihm unmittelbar selbst vorhanden. Ich stelle wohl das Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>theil <hi rendition="#g">hieher</hi>, und <hi rendition="#g">dorthin</hi> das andere, wovon es das Gegentheil ist; also das</p>
<pb n="99" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=106" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Gegentheil</hi> auf eine Seite, an und für sich ohne das andere. Ebendarum aber,<lb n="2"/>indem ich hier <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Gegentheil</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> habe, ist es das Gegentheil<lb n="3"/>seiner selbst, oder es hat in der That das andere unmittelbar an ihm selbst. – So hat<lb n="4"/>die übersinnliche Welt, welche die verkehrte ist, über die andere zugleich über<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>griffen, und sie an sich selbst; sie ist für sich die verkehrte, d. h. die verkehrte ihrer<lb n="6"/>selbst; sie ist sie selbst, und ihre entgegengesetzte in Einer Einheit. Nur so ist sie der<lb n="7"/>Unterschied als <hi rendition="#g">innerer</hi>, oder Unterschied <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder ist als <hi rendition="#g">Un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">endlichkeit</hi>.</p>
<p><lb n="9"/>Durch die Unendlichkeit sehen wir das Gesetz zur Nothwendigkeit an ihm<lb n="10"/>selbst vollendet, und alle Momente der Erscheinung in das Innre aufgenommen.<lb n="11"/>Das einfache des Gesetzes ist die Unendlichkeit, heißt nach dem, was sich ergeben<lb n="12"/>hat, α) es ist ein sich <hi rendition="#g">selbstgleiches</hi>, welches aber der <hi rendition="#g">Unterschied</hi> an sich ist;<lb n="13"/>oder es ist gleichnamiges, welches sich von sich selbst abstößt, oder sich entzweyt.<lb n="14"/>Dasjenige was die <hi rendition="#g">einfache</hi> Krafft genannt wurde, <hi rendition="#g">verdoppelt</hi> sich selbst,<lb n="15"/>und ist durch ihre Unendlichkeit das Gesetz. β) Das entzweyte, welches die in dem<lb n="16"/><hi rendition="#g">Gesetze</hi> vorgestellten Theile ausmacht, stellt sich als Bestehendes dar; und sie<lb n="17"/>ohne den Begriff des innern Unterschiedes betrachtet, ist der Raum und die<lb n="18"/>Zeit, oder die Entfernung und die Geschwindigkeit, welche als Momente der<lb n="19"/>Schwere auftreten, sowohl gleichgültig und ohne Nothwendigkeit für einander,<lb n="20"/>als für die Schwere selbst, so wie diese einfache Schwere gegen sie, oder die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>fache Electricität gegen das positive und negative ist. γ) Durch den Begriff des<lb n="22"/>innern Unterschiedes aber ist diß ungleiche und gleichgültige, Raum und Zeit<lb n="23"/>u.s.f. ein <hi rendition="#g">Unterschied</hi>, welcher kein <hi rendition="#g">Unterschied</hi> ist, oder nur ein Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schied des <hi rendition="#g">Gleichnamigen</hi>, und sein Wesen die Einheit; sie sind als positives<lb n="25"/>und negatives gegeneinander begeistet, und ihr Seyn ist dieses vielmehr, sich als<lb n="26"/>Nichtseyn zu setzen, und in der Einheit aufzuheben. Es bestehen beyde unter<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schiedne, sie sind <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sie sind <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi>, d. h. das<lb n="28"/>entgegengesetzte ihrer selbst, sie haben ihr Anderes an ihnen und sind nur Eine<lb n="29"/>Einheit.</p>
<p><lb n="30"/>Diese einfache Unendlichkeit, oder der absolute Begriff ist das einfache Wesen<lb n="31"/>des Lebens, die Seele der Welt, das allgemeine Blut zu nennen, welches allgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>wärtig durch keinen Unterschied getrübt noch unterbrochen wird, das vielmehr<lb n="33"/>selbst alle Unterschiede ist, so wie ihr Aufgehobenseyn, also in sich pulsirt, ohne<lb n="34"/>sich zu bewegen, in sich erzittert, ohne unruhig zu seyn. Sie ist sich<hi rendition="#g">selbstgleich</hi>,<lb n="35"/>denn die Unterschiede sind tavtologisch, es sind Unterschiede, die keine sind.<lb n="36"/>Dieses sichselbstgleiche Wesen bezieht sich daher nur auf sich selbst; <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, so ist diß ein anderes, worauf die Beziehung geht, und das <hi rendition="#g">beziehen</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist vielmehr <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Entzweyen</hi>, oder eben jene Sichselbstgleich<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>heit ist innerer Unterschied. Diese <hi rendition="#g">Entzweyten</hi> sind somit <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi></p>
<pb n="100" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=107" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, jedes ein Gegentheil – <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">andern</hi>, so ist darin schon das <hi rendition="#g">Andere</hi><lb n="2"/>mit ihm zugleich ausgesprochen; oder es ist nicht das Gegentheil <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">andern</hi><lb n="3"/>sondern nur <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Gegentheil</hi>, so ist es also an ihm selbst das Gegentheil<lb n="4"/>seiner; oder es ist überhaupt nicht ein Gegentheil, sondern rein für sich, ein reines<lb n="5"/>sich selbst gleiches Wesen, das keinen Unterschied an ihm hat, so brauchen wir<lb n="6"/>nicht zu fragen, noch weniger das Gequäle mit solcher Frage für die Philosophie<lb n="7"/>anzusehen, oder gar sie ihr für unbeantwortlich halten – <hi rendition="#g">wie</hi> aus diesem reinen<lb n="8"/>Wesen, wie aus ihm <hi rendition="#g">heraus</hi> der Unterschied oder das Andersseyn komme; denn<lb n="9"/>es ist schon die Entzweyung geschehen, der Unterschied ist aus dem sich selbst<lb n="10"/>gleichen ausgeschlossen, und ihm zur Seite gestellt worden; was <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">gleiche</hi> seyn sollte, ist also schon eins der entzweyten vielmehr, als daß es das<lb n="12"/>absolute Wesen wäre. Das <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gleiche</hi> <hi rendition="#g">entzweyt</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, heißt darum<lb n="13"/>eben so sehr, es hebt sich als schon entzweytes, es hebt sich als Andersseyn auf.<lb n="14"/>Die <hi rendition="#g">Einheit</hi>, von welcher gesagt zu werden pflegt, daß der Unterschied nicht<lb n="15"/>aus ihr herauskommen könne, ist in der That selbst nur das Eine Moment der<lb n="16"/>Entzweyung; sie ist die Abstraction der Einfachheit, welche dem Unterschiede<lb n="17"/>gegenüber ist. Aber indem sie die Abstraction, nur das eine der entgegengesetzten<lb n="18"/>ist, so ist es schon gesagt, daß sie das Entzweyen ist; denn ist die Einheit ein <hi rendition="#g">nega<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">tives</hi>, ein <hi rendition="#g">entgegengesetztes</hi>, so ist sie eben gesetzt als das, welches die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gegensetzung an ihm hat. Die Unterschiede von <hi rendition="#g">Entzweyung</hi>, und <hi rendition="#g">sich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">selbstgleich</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> sind darum eben so nur <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Bewegung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Aufhebens</hi>; denn indem das sichselbstgleiche, welches sich erst entzweyen<lb n="23"/>oder zu seinem Gegentheile werden soll, eine Abstraction oder <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="24"/>ein entzweytes ist, so ist sein Entzweyen hiemit ein Aufheben dessen, was es ist,<lb n="25"/>und also das Aufheben seines Entzweytseyns. Das <hi rendition="#g">sichselbstgleich</hi> <hi rendition="#g">werden</hi><lb n="26"/>ist ebenso ein Entzweyen; was sich<hi rendition="#g">selbstgleich</hi> wird, tritt damit der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zweyung gegenüber; das heißt, es stellt selbst sich damit <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi>, oder<lb n="28"/>es <hi rendition="#g">wird</hi> vielmehr ein <hi rendition="#g">Entzweytes</hi>.</p>
<p><lb n="29"/>Die Unendlichkeit oder diese absolute Unruhe des reinen sich selbst Bewegens,<lb n="30"/>daß, was auf irgend eine Weise, zum Beyspiel als Seyn, bestimmt ist, vielmehr<lb n="31"/>das Gegentheil dieser Bestimmtheit ist, ist zwar schon die Seele alles bisherigen<lb n="32"/>gewesen, aber im <hi rendition="#g">Innern</hi> erst ist sie selbst frey hervorgetreten. Die Erscheinung<lb n="33"/>oder das Spiel der Kräffte stellt sie selbst schon dar, aber als <hi rendition="#g">Erklären</hi> tritt sie<lb n="34"/>zunächst frey hervor; und indem sie endlich für das Bewußtseyn Gegenstand ist,<lb n="35"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi>, <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, so ist das Bewußtseyn <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Das <hi rendition="#g">Er<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">klären</hi> des Verstandes macht zunächst nur die Beschreibung dessen, was das</p>
<pb n="101" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=108" type="body"/>
<fw type="header" place="top">III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>Selbstbewußtseyn ist. Er hebt die im Gesetze vorhandenen schon reingewordenen,<lb n="2"/>aber noch gleichgültigen Unterschiede auf, und setzt sie in Einer Einheit, der<lb n="3"/>Krafft. Diß gleichwerden ist aber ebenso unmittelbar ein Entzweyen, denn er hebt<lb n="4"/>die Unterschiede nur dadurch auf, und setzt dadurch das Eins der Krafft, daß er<lb n="5"/>einen neuen Unterschied macht, von Gesetz und Krafft, der aber zugleich kein<lb n="6"/>Unterschied ist; und hiezu daß dieser Unterschied ebenso kein Unterschied ist,<lb n="7"/>geht er selbst darin fort, daß er diesen Unterschied wieder aufhebt, indem er die<lb n="8"/>Krafft eben so beschaffen seyn läßt, als das Gesetz. – Diese Bewegung oder Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wendigkeit ist aber so noch Nothwendigkeit, und Bewegung des Verstandes,<lb n="10"/>oder sie <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solche</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, sondern er hat in ihr positive<lb n="11"/>und negative Electricität, Entfernung, Geschwindigkeit, Anziehungskrafft, und<lb n="12"/>tausend andere Dinge zu Gegenständen, welche den Inhalt der Momente der<lb n="13"/>Bewegung ausmachen. In dem Erklären ist eben darum so viele Selbstbefriedigung,<lb n="14"/>weil das Bewußtseyn dabey, es so auszudrücken, in unmittelbarem Selbstgespräche<lb n="15"/>mit sich, nur sich selbst genießt, dabey zwar etwas anderes zu treiben scheint,<lb n="16"/>aber in der That sich nur mit sich selbst herumtreibt.</p>
<p><lb n="17"/>In dem entgegengesetzten Gesetze als der Verkehrung des ersten Gesetzes, oder<lb n="18"/>in dem innern Unterschiede wird zwar die Unendlichkeit selbst <hi rendition="#g">Gegenstand</hi><lb n="19"/>des Verstandes, aber er verfehlt sie als solche wieder, indem er den Unterschied<lb n="20"/>an sich, das sich selbst abstoßen des Gleichnamigen, und die Ungleichen, die sich<lb n="21"/>anziehen, wieder an zwey Welten, oder an zwey substantielle Elemente vertheilt;<lb n="22"/>die <hi rendition="#g">Bewegung</hi>, wie sie in der Erfahrung ist, ist ihm hier ein Geschehen, und<lb n="23"/>das gleichnamige und das ungleiche <hi rendition="#g">Prädicate</hi>, deren Wesen ein seyendes Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>strat ist. Dasselbe, was ihm in sinnlicher Hülle Gegenstand ist, ist es uns in seiner<lb n="25"/>wesentlichen Gestalt, als reiner Begriff. Diß Auffassen des Unterschieds, wie er <hi rendition="#g">in</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> ist, oder das Auffassen der <hi rendition="#g">Unendlichkeit</hi> als solcher, ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>,<lb n="27"/>oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>. Die Exposition ihres Begriffs gehört der Wissenschaft an; das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>wußtseyn aber, wie es ihn <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> hat, tritt wieder als eigne Form oder<lb n="29"/>neue Gestalt des Bewußtseyns auf, welche in dem vorhergehenden ihr Wesen<lb n="30"/>nicht erkennt, sondern es für etwas ganz anderes ansieht. – Indem ihm dieser<lb n="31"/>Begriff der Unendlichkeit Gegenstand ist, ist es also Bewußtseyn des Unterschieds<lb n="32"/>als eines <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> ebenso sehr aufgehobenen; es ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, es<lb n="33"/>ist <hi rendition="#g">Unterscheiden</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ununterschiedenen</hi>, oder <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>.<lb n="34"/>Ich <hi rendition="#g">unterscheide</hi> <hi rendition="#g">mich</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">mir</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, und <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">darin</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">mich</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">unterschiedene</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">unterschieden</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Ich, das<lb n="36"/>Gleichnamige stoße mich von mir selbst ab; aber diß unterschiedne, ungleich<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gesetzte, ist unmittelbar, indem es unterschieden ist, kein Unterschied für mich.<lb n="38"/>Das Bewußtseyn eines Andern, eines Gegenstandes überhaupt, ist zwar selbst<lb n="39"/>nothwendig <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, reflectirt seyn in sich, Bewußtseyn seiner</p>
<pb n="102" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=109" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · III. KRAFFT UND VERSTAND</fw>
<p><lb n="1"/>selbst, in seinem Andersseyn. Der <hi rendition="#g">nothwendige</hi> <hi rendition="#g">Fortgang</hi> von den bisherigen<lb n="2"/>Gestalten des Bewußtseyns, welchen ihr Wahres ein Ding, ein anderes war, als sie<lb n="3"/>selbst, drückt eben diß aus, daß nicht allein das Bewußtseyn vom Dinge nur für<lb n="4"/>ein Selbstbewußtseyn möglich ist, sondern daß diß allein die Wahrheit jener<lb n="5"/>Gestalten ist. Aber für uns nur ist diese Wahrheit vorhanden, noch nicht für das<lb n="6"/>Bewußtseyn. Das Selbstbewußtseyn aber ist erst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geworden, noch nicht<lb n="7"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit dem Bewußtseyn überhaupt.</p>
<p><lb n="8"/>Wir sehen, daß im Innern der Erscheinung der Verstand in Wahrheit nicht<lb n="9"/>etwas anders, als die Erscheinung selbst, aber nicht wie sie als Spiel der Kräffte<lb n="10"/>ist, sondern dasselbe in seinen absolut-allgemeinen Momenten und deren Bewegung,<lb n="11"/>und in der That nur <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> erfährt. Erhoben über die Wahrnehmung stellt<lb n="12"/>sich das Bewußtseyn mit dem Uebersinnlichen durch die Mitte der Erscheinung<lb n="13"/>zusammengeschlossen dar, durch welche es in diesen Hintergrund schaut. Die<lb n="14"/>beyden Extreme, das eine, des reinen Innern, das andere, des in diß reine Innre<lb n="15"/>schauenden Innern, sind nun zusammengefallen, und wie sie als Extreme, so ist<lb n="16"/>auch die Mitte als etwas anders als sie, verschwunden. Dieser Vorhang ist also<lb n="17"/>vor dem Innern weggezogen, und das Schauen des Innern in das Innere vorhanden;<lb n="18"/>das Schauen des <hi rendition="#g">ununterschiedenen</hi> Gleichnamigen, welches sich selbst ab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stößt, als <hi rendition="#g">unterschiedenes</hi> Innres setzt, aber <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> ebenso unmittelbar<lb n="20"/>die <hi rendition="#g">Ununterschiedenheit</hi> beyder ist, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Es zeigt sich,<lb n="21"/>daß hinter dem sogenannten Vorhange, welcher das Innre verdecken soll, nichts<lb n="22"/>zu sehen ist, wenn <hi rendition="#g">wir</hi> nicht selbst dahintergehen, ebensosehr damit gesehen<lb n="23"/>werde, als daß etwas dahinter sey, das gesehen werden kann. Aber es ergibt sich<lb n="24"/>zugleich, daß nicht ohne alle Umstände geradezu dahinter gegangen werden<lb n="25"/>könne; denn diß Wissen, was die Wahrheit <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> der Erscheinung<lb n="26"/>und ihres Innern ist, ist selbst nur Resultat einer umständlichen Bewegung, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>durch die Weisen des Bewußtseyns, Meynen, Wahrnehmen und der Verstand<lb n="28"/>verschwinden; und es wird sich ebenso ergeben, daß das Erkennen dessen, <hi rendition="#g">was</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">weiß</hi>, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">weiß</hi>, noch weiterer Umstände<lb n="30"/>bedarf, deren Auseinanderlegung das Folgende ist.</p>
<pb n="103" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=110" type="body"/>
<fw type="header" place="top">IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>IV.</head>
<head><lb n="2"/>DIE WAHRHEIT<lb n="3"/>DER GEWISSHEIT SEINER SELBST.</head>
<p><lb n="4"/>In den bisherigen Weisen der Gewißheit ist dem Bewußtseyn das Wahre, etwas<lb n="5"/>anderes, als es selbst. Der Begriff dieses Wahren verschwindet aber in der Erfahrung<lb n="6"/>von ihm; wie der Gegenstand unmittelbar <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> war, das Seyende der sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichen Gewißheit, das concrete Ding der Wahrnehmung, die Krafft des Verstandes,<lb n="8"/>so erweist er sich vielmehr nicht in Wahrheit zu seyn, sondern diß <hi rendition="#g">Ansich</hi> ergibt<lb n="9"/>sich als eine Weise, wie er nur für ein anderes ist; der Begriff von ihm hebt sich<lb n="10"/>an dem wirklichen Gegenstande auf, oder die erste unmittelbare Vorstellung in<lb n="11"/>der Erfahrung, und die Gewißheit ging in der Wahrheit verloren. Nunmehr aber<lb n="12"/>ist diß entstanden, was in diesen frühern Verhältnissen nicht zu Stande kam, nem<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lich eine Gewißheit, welche ihrer Wahrheit gleich ist, denn die Gewißheit ist sich<lb n="14"/>selbst ihr Gegenstand, und das Bewußtseyn ist sich selbst das Wahre. Es ist darin<lb n="15"/>zwar auch ein Andersseyn; das Bewußtseyn unterscheidet nemlich, aber ein solches,<lb n="16"/>das für es zugleich ein nicht unterschiedenes ist. Nennen wir <hi rendition="#g">Begriff</hi>, die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wegung des Wissens, den <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> aber, das Wissen als ruhige Einheit, oder<lb n="18"/>als Ich, so sehen wir, daß nicht nur für uns, sondern für das Wissen selbst, der<lb n="19"/>Gegenstand dem Begriffe entspricht. – Oder auf die andere Weise, den <hi rendition="#g">Begriff</hi><lb n="20"/>das genannt, was der Gegenstand <hi rendition="#g">ansich</hi> ist, den Gegenstand aber das, was er als<lb n="21"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> anderes ist, so erhellt, daß das Ansichseyn, und das<lb n="22"/>für ein anderes seyn dasselbe ist; denn das <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist das Bewußtseyn; es ist aber<lb n="23"/>ebenso dasjenige, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> ein anderes (das <hi rendition="#g">Ansich</hi>) ist; und es ist für es,<lb n="24"/>daß das Ansich des Gegenstandes, und das Seyn desselben für ein anderes dasselbe<lb n="25"/>ist; Ich ist der Inhalt der Beziehung, und das Beziehen selbst; es ist es selbst gegen<lb n="26"/>ein anderes, und greifft zugleich über diß andre über, das für es ebenso nur es<lb n="27"/>selbst ist.</p>
<p><lb n="28"/>Mit dem Selbstbewußtseyn sind wir also nun in das einheimische Reich der<lb n="29"/>Wahrheit eingetreten. Es ist zu sehen, wie die Gestalt des Selbstbewußtseyns zu<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nächst auftritt. Betrachten wir diese neue Gestalt des Wissens, das Wissen von<lb n="31"/>sich selbst, im Verhältnisse zu dem Vorhergehenden, dem Wissen von einem<lb n="32"/>Andern, so ist diß zwar verschwunden; aber seine Momente haben sich zugleich<lb n="33"/>eben so aufbewahrt; und der Verlust besteht darin, daß sie hier vorhanden sind,</p>
<pb n="104" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=111" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>wie sie an sich sind. Das <hi rendition="#g">Seyn</hi> der Meynung, die <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> und die ihr ent<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gegengesetzte <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> der Wahrnehmung, so wie <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">leere</hi> <hi rendition="#g">Innere</hi><lb n="3"/>des Verstandes, sind nicht mehr als Wesen sondern als Momente des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyns, das heißt als Abstractionen oder Unterschiede, welche <hi rendition="#g">für</hi> das Bewußtseyn<lb n="5"/>selbst zugleich nichtig, oder keine Unterschiede und rein verschwindende Wesen<lb n="6"/>sind. Es scheint also nur das Hauptmoment selbst verloren gegangen zu seyn,<lb n="7"/>nemlich das <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">selbstständige</hi> <hi rendition="#g">Bestehen</hi> für das Bewußtseyn. Aber<lb n="8"/>in der That ist das Selbstbewußtseyn die Reflexion aus dem Seyn der sinnlichen<lb n="9"/>und wahrgenommenen Welt, und wesentlich die Rückkehr aus dem <hi rendition="#g">Anders<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>. Es ist als Selbstbewußtseyn Bewegung; aber indem es <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">als</hi> sich selbst von sich unterscheidet, so ist ihm der Unterschied, <hi rendition="#g">unmittelbar</hi><lb n="12"/>als ein Andersseyn <hi rendition="#g">aufgehoben</hi>; der Unterschied <hi rendition="#g">ist</hi> nicht, und <hi rendition="#g">es</hi> nur die<lb n="13"/>bewegungslose Tavtologie des: Ich bin Ich; indem ihm der Unterschied nicht<lb n="14"/>auch die Gestalt des <hi rendition="#g">Seyns</hi> hat, ist es nicht Selbstbewußtseyn. Es ist hiemit für<lb n="15"/>es das Andersseyn, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, oder als <hi rendition="#g">unterschiedenes</hi> <hi rendition="#g">Moment</hi>; aber<lb n="16"/>es ist für es auch die Einheit seiner selbst mit diesem Unterschiede, als <hi rendition="#g">zweytes</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">unterschiedenes</hi> Moment. Mit jenem ersten Momente ist das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, und für es die ganze Ausbreitung der sinnlichen Welt<lb n="19"/>erhalten; aber zugleich nur als auf das zweyte Moment, die Einheit des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bewußtseyns mit sich selbst, bezogen; und sie ist hiemit für es ein Bestehen, welches<lb n="21"/>aber nur <hi rendition="#g">Erscheinung</hi>, oder Unterschied ist, der <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> kein Seyn hat. Dieser<lb n="22"/>Gegensatz seiner Erscheinung und seiner Wahrheit hat aber nur die Wahrheit,<lb n="23"/>nemlich die Einheit des Selbstbewußtseyns mit sich selbst, zu seinem Wesen;<lb n="24"/>diese muß ihm wesentlich werden; das heißt, es ist <hi rendition="#g">Begierde</hi> überhaupt. Das<lb n="25"/>Bewußtseyn hat als Selbstbewußtseyn nunmehr einen gedoppelten Gegenstand,<lb n="26"/>den einen, den unmittelbaren, den Gegenstand der sinnlichen Gewißheit, und des<lb n="27"/>Wahrnehmens, der aber <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> mit dem <hi rendition="#g">Charakter</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">negativen</hi> bezeichnet<lb n="28"/>ist, und den zweyten, nemlich <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, welcher das wahre <hi rendition="#g">Wesen</hi>, und<lb n="29"/>zunächst nur erst im Gegensatze des ersten vorhanden ist. Das Selbstbewußtseyn<lb n="30"/>stellt sich hierin als die Bewegung dar, worin dieser Gegensatz aufgehoben, und<lb n="31"/>ihm die Gleichheit seiner selbst mit sich wird.</p>
<p><lb n="32"/>Der Gegenstand, welcher für das Selbstbewußtseyn das negative ist, ist aber<lb n="33"/>seinerseits <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ebenso in sich zurückgegangen als das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>seyn andererseits. Er ist durch diese Reflexion in sich <hi rendition="#g">Leben</hi> geworden. Was das<lb n="35"/>Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">seyend</hi> von sich unterscheidet, hat auch insofern, als es<lb n="36"/>seyend gesetzt ist, nicht bloß die Weise der sinnlichen Gewißheit und der Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>nehmung an ihm, sondern es ist in sich reflectirtes Seyn, und der Gegenstand der<lb n="38"/>unmittelbaren Begierde ist ein <hi rendition="#g">Lebendiges</hi>. Denn das <hi rendition="#g">Ansich</hi>, oder das <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="39" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi> Resultat des Verhältnisses des Verstandes zu dem Innern der Dinge,</p>
<pb n="105" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=112" type="body"/>
<fw type="header" place="top">IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>ist das Unterscheiden des Nichtzuunterscheidenden, oder die Einheit des Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schiednen. Diese Einheit aber ist ebensosehr, wie wir gesehen, ihr Abstoßen von<lb n="3"/>sich selbst, und dieser Begriff <hi rendition="#g">entzweyt</hi> sich in den Gegensatz des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyns und des Lebens; jenes die Einheit, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welche</hi> die unendliche Einheit der<lb n="5"/>Unterschiede ist; dieses aber <hi rendition="#g">ist</hi> nur diese Einheit selbst, so daß sie nicht zugleich<lb n="6"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist. So selbstständig also das Bewußtseyn, ebenso selbstständig<lb n="7"/>ist <hi rendition="#g">ansich</hi> sein Gegenstand. Das Selbstbewußtseyn, welches schlechthin <hi rendition="#g">für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist, und seinen Gegenstand unmittelbar mit dem Charakter des negativen<lb n="9"/>bezeichnet, oder zunächst <hi rendition="#g">Begierde</hi> ist, wird daher vielmehr die Erfahrung<lb n="10"/>der Selbständigkeit desselben machen.</p>
<p><lb n="11"/>Die Bestimmung des Lebens, wie sie sich aus dem Begriffe oder dem allgemeinen<lb n="12"/>Resultate ergibt, mit welchem wir in diese Sphäre eintreten, ist hinreichend es zu<lb n="13"/>bezeichnen, ohne daß seine Natur weiter daraus zu entwickeln wäre; ihr Kreis<lb n="14"/>beschließt sich in folgenden Momenten. Das <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist die Unendlichkeit als<lb n="15"/>das <hi rendition="#g">Aufgehobenseyn</hi> aller Unterschiede, die reine achsendrehende Bewegung,<lb n="16"/>die Ruhe ihrer selbst als absolutunruhigen Unendlichkeit; die <hi rendition="#g">Selbstständig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> selbst, in welcher die Unterschiede der Bewegung aufgelöst sind; das einfache<lb n="18"/>Wesen der Zeit, das in dieser Sichselbstgleichheit die gediegene Gestalt des Raumes<lb n="19"/>hat. Die <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> sind aber an diesem <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Me<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dium ebensosehr, als <hi rendition="#g">Unterschiede</hi>; denn diese allgemeine Flüssigkeit hat ihre<lb n="21"/>negative Natur, nur indem sie ein <hi rendition="#g">Aufheben</hi> <hi rendition="#g">derselben</hi> ist; aber sie kann die<lb n="22"/>unterschiednen nicht aufheben, wenn sie nicht ein Bestehen haben. Ebendiese<lb n="23"/>Flüssigkeit ist als die sichselbstgleiche Selbstständigkeit, selbst das <hi rendition="#g">Bestehen</hi>,<lb n="24"/>oder die <hi rendition="#g">Substanz</hi> derselben, worin sie also als unterschiedene Glieder und <hi rendition="#g">für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyende</hi> Theile sind. Das <hi rendition="#g">Seyn</hi> hat nicht mehr die Bedeutung der <hi rendition="#g">Ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">straction</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>, noch ihre reine Wesenheit, der <hi rendition="#g">Abstraction</hi> der <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinheit</hi>; sondern ihr Seyn ist eben jene einfache flüssige Substanz der reinen<lb n="28"/>Bewegung in sich selbst. Der <hi rendition="#g">Unterschied</hi> dieser Glieder <hi rendition="#g">gegeneinander</hi><lb n="29"/>aber <hi rendition="#g">als</hi> Unterschied besteht überhaupt in keiner anderer <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, als der<lb n="30"/>Bestimmtheit der Momente der Unendlichkeit oder der reinen Bewegung selbst.</p>
<p><lb n="31"/>Die selbstständigen Glieder sind <hi rendition="#g">fürsich</hi>; dieses <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist aber viel<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mehr ebenso <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> ihre Reflexion in die Einheit, als diese Einheit die<lb n="33"/>Entzweyung in die selbstständigen Gestalten ist. Die Einheit ist entzweyt, weil<lb n="34"/>sie absolut negative oder unendliche Einheit ist; und weil <hi rendition="#g">sie</hi> das <hi rendition="#g">Bestehen</hi> ist,<lb n="35"/>so hat auch der Unterschied Selbstständigkeit nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi>. Diese Selbständig<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>keit der Gestalt erscheint als ein <hi rendition="#g">bestimmtes</hi>, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, denn sie ist ein<lb n="37"/>entzweytes; und das <hi rendition="#g">Aufheben</hi> der Entzweyung geschieht insofern durch ein<lb n="38"/>anderes. Aber es ist ebensosehr an ihr selbst; denn eben jene Flüssigkeit ist die<lb n="39"/>Substanz der selbstständigen Gestalten; diese Substanz aber ist unendlich; die</p>
<pb n="106" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=113" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>Gestalt ist darum in ihrem Bestehen selbst die Entzweyung, oder das Aufheben<lb n="2"/>ihres Fürsichseyns.</p>
<p><lb n="3"/>Unterscheiden wir die hierin enthaltenen Momente näher, so sehen wir, daß<lb n="4"/>wir zum <hi rendition="#g">ersten</hi> Momente das <hi rendition="#g">Bestehen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">selbstständigen</hi> Gestalten;<lb n="5"/>oder die Unterdrückung dessen haben, was das unterscheiden an sich ist, nemlich<lb n="6"/>nicht an sich zu seyn und kein Bestehen zu haben. Das <hi rendition="#g">zweyte</hi> Moment aber<lb n="7"/>ist die <hi rendition="#g">Unterwerfung</hi> jenes Bestehens unter die Unendlichkeit des Unterschiedes.<lb n="8"/>Im ersten Momente ist die bestehende Gestalt; als <hi rendition="#g">fürsichseyend</hi>, oder in ihrer<lb n="9"/>Bestimmtheit unendliche Substanz tritt sie gegen die <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Substanz auf,<lb n="10"/>verläugnet diese Flüssigkeit und Continuität mit ihr und behauptet sich als nicht<lb n="11"/>in diesem Allgemeinen aufgelöst, sondern vielmehr als durch die Absonderung<lb n="12"/>von dieser ihrer unorganischen Natur, und durch das Aufzehren derselben sich<lb n="13"/>erhaltend. Das Leben in dem allgemeinen flüssigen Medium, ein <hi rendition="#g">ruhiges</hi> aus<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>einanderlegen der Gestalten wird eben dadurch zur Bewegung derselben, oder<lb n="15"/>zum Leben als <hi rendition="#g">Proceß</hi>. Die einfache allgemeine Flüssigkeit ist das <hi rendition="#g">Ansich</hi>,<lb n="16"/>und der Unterschied der Gestalten, das <hi rendition="#g">Andere</hi>. Aber diese Flüssigkeit wird selbst<lb n="17"/>durch diesen Unterschied <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Andere</hi>; denn sie ist itzt <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>,<lb n="18"/>welcher an und für sich selbst, und daher die unendliche Bewegung ist, von<lb n="19"/>welcher jenes ruhige Medium aufgezehrt wird, das Leben als <hi rendition="#g">Lebendiges</hi>. –<lb n="20"/>Diese <hi rendition="#g">Verkehrung</hi> aber ist darum wieder die <hi rendition="#g">Verkehrtheit</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>;<lb n="21"/>was aufgezehrt wird, ist das Wesen; die auf Kosten des Allgemeinen sich erhal<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tende, und das Gefühl ihrer Einheit mit sich selbst sich gebende Individualität hebt<lb n="23"/>gerade damit <hi rendition="#g">ihren</hi> <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Andern</hi>, <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">welchen</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">ist</hi>, auf; die <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit sich selbst, welche sie sich gibt, ist gerade die <hi rendition="#g">Flüssig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> der Unterschiede, oder die <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Auflösung</hi>. Aber umgekehrt<lb n="26"/>ist das Aufheben des individuellen Bestehens ebenso das Erzeugen desselben. Denn<lb n="27"/>da das <hi rendition="#g">Wesen</hi> der individuellen Gestalt, das allgemeine Leben, und das für sich<lb n="28"/>seyende an sich einfache Substanz ist, so hebt es, indem es das <hi rendition="#g">Andre</hi> in sich setzt,<lb n="29"/>diese seine <hi rendition="#g">Einfachheit</hi>, oder sein Wesen auf, d. h. es entzweyt sie, und diß<lb n="30"/>Entzweyen der unterschiedslosen Flüssigkeit ist eben das Setzen der Individualität.<lb n="31"/>Die einfache Substanz des Lebens also ist die Entzweyung ihrer selbst in Gestalten,<lb n="32"/>und zugleich die Auflösung dieser bestehenden Unterschiede; und die Auflösung<lb n="33"/>der Entzweyung ist ebensosehr Entzweyen oder ein Gliedern. Es fallen damit die<lb n="34"/>beyden Seiten der ganzen Bewegung, welche unterschieden wurden, nemlich die<lb n="35"/>in dem allgemeinen Medium der Selbstständigkeit ruhig auseinandergelegte Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>staltung, und der Proceß des Lebens ineinander; der letztere ist eben so sehr Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>tung, als er das Aufheben der Gestalt ist; und das erste, die Gestaltung ist eben</p>
<pb n="107" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=114" type="body"/>
<fw type="header" place="top">IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>so sehr ein Aufheben, als sie die Gliederung ist. Das flüssige Element ist selbst nur<lb n="2"/>die <hi rendition="#g">Abstraction</hi> des Wesens, oder es ist nur als Gestalt <hi rendition="#g">wirklich</hi>; und daß<lb n="3"/>es sich gliedert, ist wieder ein Entzweyen des Gegliederten, oder ein Auflösen des<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>selben. Dieser ganze Kreislauff macht das Leben aus, weder das, was zuerst aus<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gesprochen wird, die unmittelbare Continuität und Gediegenheit seines Wesens,<lb n="6"/>noch die bestehende Gestalt und das für sich seyende Discrete, noch der reine<lb n="7"/>Proceß derselben, noch auch das einfache zusammenfassen dieser Momente, son<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>dern das sich entwickelnde, und seine Entwicklung auflösende und in dieser Be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wegung sich einfach erhaltende Ganze.</p>
<p><lb n="10"/>Indem von der ersten unmittelbaren Einheit ausgegangen, und durch die Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mente der Gestaltung und des Processes hindurch zur Einheit dieser beyden<lb n="12"/>Momente, und damit wieder zur ersten einfachen Substanz zurückgekehrt wird,<lb n="13"/>so ist diese <hi rendition="#g">reflectirte</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> eine andere, als die erste. Gegen jene <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">bare</hi>, oder als ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> ausgesprochene, ist diese zweyte, die <hi rendition="#g">allgemeine</hi>,<lb n="15"/>welche alle diese Momente als aufgehobne in ihr hat. Sie ist die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Gat<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">tung</hi>, welche in der Bewegung des Lebens selbst nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ALS diß <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">fache</hi> <hi rendition="#g">existirt</hi>; sondern in diesem <hi rendition="#g">Resultate</hi> verweist das Leben auf ein anderes,<lb n="18"/>als es ist, nemlich auf das Bewußtseyn, für welches es als diese Einheit, oder als<lb n="19"/>Gattung, ist.</p>
<p><lb n="20"/>Diß andere Leben aber, für welches die <hi rendition="#g">Gattung</hi> als solche und welches für<lb n="21"/>sich selbst Gattung ist, das Selbstbewußtseyn, ist sich zunächst nur als dieses ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fache Wesen, und hat sich als <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> zum Gegenstande; in seiner Erfahrung,<lb n="23"/>die nun zu betrachten ist, wird sich ihm dieser abstracte Gegenstand bereichern,<lb n="24"/>und die Entfaltung erhalten, welche wir an dem Leben gesehen haben.</p>
<p><lb n="25"/>Das einfache Ich ist diese Gattung oder das einfache allgemeine, für welches<lb n="26"/>die Unterschiede keine sind, nur, indem es <hi rendition="#g">negatives</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der gestalteten<lb n="27"/>selbstständigen Momente ist; und das Selbstbewußtseyn hiemit seiner selbst nur<lb n="28"/>gewiß, durch das Aufheben dieses andern, das sich ihm als selbstständiges Leben<lb n="29"/>darstellt; es ist <hi rendition="#g">Begierde</hi>. Der Nichtigkeit dieses andern gewiß setzt es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="30"/>dieselbe als seine Wahrheit, vernichtet den selbstständigen Gegenstand und gibt<lb n="31"/>sich dadurch die Gewißheit seiner selbst, als <hi rendition="#g">wahre</hi> Gewißheit, als solche, welche<lb n="32"/>ihm selbst auf <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> <hi rendition="#g">Weise</hi> geworden ist.</p>
<p><lb n="33"/>In dieser Befriedigung aber macht es die Erfahrung von der Selbstständigkeit<lb n="34"/>seines Gegenstandes. Die Begierde und die in ihrer Befriedigung erreichte Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit seiner selbst ist bedingt durch ihn, denn sie ist durch Aufheben dieses Andern;<lb n="36"/>daß diß Aufheben sey, muß diß Andere seyn. Das Selbstbewußtseyn vermag<lb n="37"/>also durch seine negative Beziehung, ihn nicht aufzuheben; es erzeugt ihn darum<lb n="38"/>vielmehr wieder, so wie die Begierde. Es ist in der That ein anderes, als das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>bewußtseyn, das Wesen der Begierde; und durch diese Erfahrung ist ihm selbst</p>
<pb n="108" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=115" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>diese Wahrheit geworden. Zugleich aber ist es ebenso absolut für sich, und ist<lb n="2"/>diß nur durch aufheben des Gegenstandes, und es muß ihm seine Befriedigung<lb n="3"/>werden, denn es ist die Wahrheit. Um der Selbstständigkeit des Gegenstandes<lb n="4"/>willen kann es daher zur Befriedigung nur gelangen, indem dieser selbst die Ne<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gation an ihm vollzieht; und er muß diese Negation seiner selbst an sich voll<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ziehen, denn er ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das negative, und muß für das andre seyn, was er ist.<lb n="7"/>Indem er die Negation an sich selbst ist, und darin zugleich selbstständig ist, ist<lb n="8"/>er Bewußtseyn. An dem Leben, welches der Gegenstand der Begierde ist, ist die<lb n="9"/><hi rendition="#g">Negation</hi> entweder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">andern</hi>, nemlich an der Begierde, oder als<lb n="10"/><hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> gegen eine andere gleichgültige Gestalt, oder als seine <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">organische</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>. Diese allgemeine selbstständige Natur aber<lb n="12"/>an der die Negation als absolute ist, ist die Gattung als solche, oder als <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">bewußtseyn</hi>. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">erreicht</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Befriedigung</hi> <hi rendition="#g">nur</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>.</p>
<p><lb n="15"/>In diesen drey Momenten ist erst der Begriff des Selbstbewußtseyns vollendet;<lb n="16"/>a) reines ununterschiedenes Ich ist sein erster unmittelbarer Gegenstand. b) Diese<lb n="17"/>Unmittelbarkeit ist aber selbst absolute Vermittlung, sie ist nur als Aufheben des<lb n="18"/>selbstständigen Gegenstandes, oder sie ist Begierde. Die Befriedigung der Begierde<lb n="19"/>ist zwar die Reflexion des Selbstbewußtseyns in sich selbst, oder die zur Wahrheit<lb n="20"/>gewordene Gewißheit. c) Aber die Wahrheit derselben ist vielmehr die gedoppelte<lb n="21"/>Reflexion, die Verdopplung des Selbstbewußtseyns. Es ist ein Gegenstand für das<lb n="22"/>Bewußtseyn, welcher an sich selbst sein Andersseyn oder den Unterschied als<lb n="23"/>einen nichtigen setzt, und darin selbstständig ist. Die unterschiedene nur <hi rendition="#g">lebendige</hi><lb n="24"/>Gestalt hebt wohl im Processe des Lebens selbst auch ihre Selbstständigkeit auf,<lb n="25"/>aber sie hört mit ihrem Unterschiede auf, zu seyn, was sie ist; der Gegenstand des<lb n="26"/>Selbstbewußtseyns ist aber ebenso selbstständig in dieser Negativität seiner selbst;<lb n="27"/>und damit ist er für sich selbst Gattung, allgemeine Flüssigkeit in der Eigenheit<lb n="28"/>seiner Absonderung; er ist lebendiges Selbstbewußtseyn.</p>
<p><lb n="29"/>Es ist ein <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Erst hiedurch<lb n="30"/>ist es in der That; denn erst hierin wird für es die Einheit seiner selbst in seinem<lb n="31"/>Andersseyn; <hi rendition="#g">Ich</hi>, das der Gegenstand seines Begriffs ist, ist in der That nicht<lb n="32"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi>; der Gegenstand der Begierde aber ist nur <hi rendition="#g">selbstständig</hi>, denn<lb n="33"/>er ist die allgemeine unvertilgbare Substanz, das flüssige sichselbstgleiche Wesen.<lb n="34"/>Indem ein Selbstbewußtseyn der Gegenstand ist, ist er ebenso wohl Ich, wie<lb n="35"/>Gegenstand. – Hiemit ist schon der Begriff <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Geistes</hi> für uns vorhanden. Was<lb n="36"/>für das Bewußtseyn weiter wird, ist die Erfahrung, was der Geist ist, diese absolute<lb n="37"/>Substanz, welche in der vollkommenen Freyheit und Selbstständigkeit ihres<lb n="38"/>Gegensatzes, nemlich verschiedener für sich seyender Selbstbewußtseyn, die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>heit derselben ist; <hi rendition="#g">Ich</hi>, das <hi rendition="#g">Wir</hi>, und <hi rendition="#g">Wir</hi>, das <hi rendition="#g">Ich</hi> ist. Das Bewußtseyn hat erst</p>
<pb n="109" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=116" type="body"/>
<fw type="header" place="top">IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>in dem Selbstbewußtseyn, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt,<lb n="2"/>auf dem es aus dem farbigten Scheine des sinnlichen Disseits, und aus der leeren<lb n="3"/>Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="4"/>A.</head>
<head><lb n="5"/>SELBSTSTÄNDIGKEIT UND UNSELBSTSTÄNDIGKEIT<lb n="6"/>DES SELBSTBEWUSSTSEYNS;<lb n="7"/>HERRSCHAFFT UND KNECHTSCHAFFT.</head>
<p><lb n="8"/>Das Selbstbewußtseyn ist <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, indem, und dadurch, daß es für<lb n="9"/>ein anderes an und für sich ist; d. h. es ist nur als ein Anerkanntes. Der Begriff<lb n="10"/>dieser seiner Einheit in seiner Verdopplung, der sich im Selbstbewußtseyn reali<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sirenden Unendlichkeit, ist eine vielseitige und vieldeutige Verschränkung, so<lb n="12"/>daß die Momente derselben theils genau auseinandergehalten, theils in dieser<lb n="13"/>Unterscheidung zugleich auch als nicht unterschieden, oder immer in ihrer ent<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegengesetzten Bedeutung genommen und erkannt werden müssen. Die Doppel<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sinnigkeit des unterschiedenen liegt in dem Wesen des Selbstbewußtseyns, un<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>endlich, oder unmittelbar das Gegentheil der Bestimmtheit, in der es gesetzt ist,<lb n="17"/>zu seyn. Die Auseinanderlegung des Begriffs dieser geistigen Einheit in ihrer Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>dopplung stellt uns die Bewegung des <hi rendition="#g">Anerkennens</hi> dar.</p>
<p><lb n="19"/>Es ist für das Selbstbewußtseyn ein anderes Selbstbewußtseyn; es ist <hi rendition="#g">außer</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">sich</hi> gekommen. Diß hat die gedoppelte Bedeutung, <hi rendition="#g">erstlich</hi>, es hat sich selbst<lb n="21"/>verloren, denn es findet sich als ein <hi rendition="#g">anderes</hi> Wesen; <hi rendition="#g">zweytens</hi>, es hat damit<lb n="22"/>das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das andere als Wesen, sondern<lb n="23"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> im andern.</p>
<p><lb n="24"/>Es muß diß <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">andersseyn</hi> aufheben; diß ist das Aufheben des ersten Doppel<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>sinnes, und darum selbst ein zweyter Doppelsinn; <hi rendition="#g">erstlich</hi>, es muß darauf gehen,<lb n="26"/>das <hi rendition="#g">andere</hi> selbstständige Wesen aufzuheben, um dadurch <hi rendition="#g">seiner</hi> als des Wesens<lb n="27"/>gewiß zu werden; <hi rendition="#g">zweytens</hi> geht es hiemit darauf, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> aufzuheben,<lb n="28"/>denn diß andere ist es selbst.</p>
<p><lb n="29"/>Diß doppelsinnige Aufheben seines doppelsinnigen Andersseyns ist ebenso eine<lb n="30"/>doppelsinnige Rückkehr <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; denn <hi rendition="#g">erstlich</hi> erhält es durch das<lb n="31"/>Aufheben sich selbst zurück; denn es wird sich wieder gleich durch das Aufheben<lb n="32"/><hi rendition="#g">seines</hi> Andersseyns; <hi rendition="#g">zweytens</hi> aber gibt es das andere Selbstbewußtseyn ihm<lb n="33"/>wieder ebenso zurück, denn es war sich im andern, es hebt diß <hi rendition="#g">sein</hi> Seyn im<lb n="34"/>andern auf, entläßt also das andere wieder frey.</p>
<pb n="110" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=117" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>Diese Bewegung des Selbstbewußtseyns in der Beziehung auf ein anderes Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>bewußtseyn ist aber auf diese Weise vorgestellt worden, als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Einen</hi>;<lb n="3"/>aber dieses Thun des einen hat selbst die gedoppelte Bedeutung, ebensowohl <hi rendition="#g">sein</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">Thun</hi> als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Andern</hi> zu seyn; denn das andere ist ebenso selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>ständig, in sich beschlossen, und es ist nichts in ihm, was nicht durch es selbst ist.<lb n="6"/>Das erste hat den Gegenstand nicht vor sich, wie er nur für die Begierde zunächst<lb n="7"/>ist, sondern einen für sich seyenden selbstständigen, über welchen es darum nichts<lb n="8"/>für sich vermag, wenn er nicht an sich selbst diß thut, was es an ihm thut. Die<lb n="9"/>Bewegung ist also schlechthin die gedoppelte beyder Selbstbewußtseyn. Jedes<lb n="10"/>sieht <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> dasselbe thun, was es thut; jedes thut selbst, was es an das andre<lb n="11"/>fodert; und thut darum was es thut, auch <hi rendition="#g">nur</hi> insofern als das andre dasselbe thut;<lb n="12"/>das einseitige Thun wäre unnütz; weil, was geschehen soll, nur durch beyde zu<lb n="13"/>Stande kommen kann.</p>
<p><lb n="14"/>Das Thun ist also nicht nur insofern doppelsinnig, als es ein Thun ebensowohl<lb n="15"/><hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">andre</hi>, sondern auch insofern, als es ungetrennt<lb n="16"/>ebensowohl <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Einen</hi> als <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Andern</hi> ist.</p>
<p><lb n="17"/>In dieser Bewegung sehen wir sich den Proceß wiederholen, der sich als Spiel<lb n="18"/>der Kräffte darstellte, aber im Bewußtseyn. Was in jenem für uns war, ist hier für<lb n="19"/>die Extreme selbst. Die Mitte ist das Selbstbewußtseyn, welches sich in die Ex<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>treme zersetzt, und jedes Extrem ist diese Austauschung seiner Bestimmtheit, und<lb n="21"/>absoluter Uebergang in das entgegengesetzte. Als Bewußtseyn aber kommt es<lb n="22"/>wohl <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, jedoch ist es in seinem außersichseyn zugleich in sich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gehalten, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und sein Außersich ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>. Es ist für es, daß es unmittelbar<lb n="24"/>anderes Bewußtseyn <hi rendition="#g">ist</hi>, und <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; und ebenso, daß diß Andere nur für<lb n="25"/>sich ist, indem es sich als für sich seyendes aufhebt, und nur im Fürsichseyn des<lb n="26"/>andern für sich ist. Jedes ist dem andern die Mitte, durch welche jedes sich mit sich<lb n="27"/>selbst vermittelt und zusammenschließt, und jedes sich und dem andern unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bares für sich seyendes Wesen, welches zugleich nur durch diese Vermittlung<lb n="29"/>so für sich ist. Sie <hi rendition="#g">anerkennen</hi> sich, als <hi rendition="#g">gegenseitig</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">anerkennend</hi>.</p>
<p><lb n="30"/>Dieser reine Begriff des Anerkennens, der Verdopplung des Selbstbewußtseyns<lb n="31"/>in seiner Einheit, ist nun zu betrachten, wie sein Proceß für das Selbstbewußtseyn<lb n="32"/>erscheint. Er wird zuerst die Seite der <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi> beyder darstellen, oder das<lb n="33"/>Heraustreten der Mitte in die Extreme, welche als Extreme sich entgegengesetzt,<lb n="34"/>und das eine nur anerkanntes, der andre nur anerkennendes ist.</p>
<p><lb n="35"/>Das Selbstbewußtseyn ist zunächst einfaches Fürsichseyn, sichselbstgleich durch<lb n="36"/>das Ausschließen alles <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; sein Wesen und absoluter Gegenstand<lb n="37"/>ist ihm <hi rendition="#g">Ich</hi>; und es ist in dieser <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, oder in diesem <hi rendition="#g">Seyn</hi> seines</p>
<pb n="111" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=118" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. SELBSTSTÄNDIGKEIT UND UNSELBSTSTÄNDIGKEIT</fw>
<p><lb n="1"/>Fürsichseyns, <hi rendition="#g">Einzelnes</hi>. Was anderes für es ist, ist als unwesentlicher, mit dem<lb n="2"/>Charakter des negativen bezeichneter Gegenstand. Aber das Andre ist auch ein<lb n="3"/>Selbstbewußtseyn; es tritt ein Individuum, einem Individuum gegenüber auf. So<lb n="4"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> auftretend sind sie für einander in der Weise gemeiner Gegenstände;<lb n="5"/><hi rendition="#g">selbstständige</hi> Gestalten, in das <hi rendition="#g">Seyn</hi> des <hi rendition="#g">Lebens</hi>, – denn als Leben hat sich<lb n="6"/>hier der seyende Gegenstand bestimmt – versenkte Bewußtseyn, welche <hi rendition="#g">für</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">einander</hi> die Bewegung der absoluten Abstraction, alles unmittelbare Seyn zu<lb n="8"/>vertilgen, und nur das rein negative Seyn des sichselbstgleichen Bewußtseyns zu<lb n="9"/>seyn, noch nicht vollbracht, oder sich einander noch nicht als reines <hi rendition="#g">Fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, das heißt, als <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn dargestellt haben. Jedes ist wohl seiner<lb n="11"/>selbst gewiß, aber nicht des andern, und darum hat seine eigne Gewißheit von sich<lb n="12"/>noch keine Wahrheit; denn seine Wahrheit wäre nur, daß sein eignes Fürsichseyn,<lb n="13"/>sich ihm als selbstständiger Gegenstand, oder, was dasselbe ist, der Gegenstand<lb n="14"/>sich als diese reine Gewißheit seiner selbst dargestellt hätte. Diß aber ist nach dem<lb n="15"/>Begriffe des Anerkennens nicht möglich, als daß wie der andere für ihn, so er für<lb n="16"/>den andern, jeder an sich selbst durch sein eigenes Thun, und wieder durch das<lb n="17"/>Thun des andern, diese reine Abstraction des Fürsichseyns vollbringt.</p>
<p><lb n="18"/>Die <hi rendition="#g">Darstellung</hi> seiner aber als der reinen Abstraction des Selbstbewußtseyns<lb n="19"/>besteht darin, sich als reine Negation seiner gegenständlichen Weise zu zeigen, oder<lb n="20"/>es zu zeigen, an kein bestimmtes <hi rendition="#g">Daseyn</hi> geknüpft, an die allgemeine Einzelnheit<lb n="21"/>des Daseyns überhaupt nicht, nicht an das Leben geknüpft zu seyn. Diese Dar<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stellung ist, das <hi rendition="#g">gedoppelte</hi> Thun; Thun des andern, und Thun durch sich selbst.<lb n="23"/>Insofern es Thun <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> ist, geht also jeder auf den Tod des andern. Darin<lb n="24"/>aber ist auch das zweyte, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, vorhanden; denn jenes<lb n="25"/>schließt das daransetzen des eignen Lebens in sich. Das Verhältniß beyder Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bewußtseyn ist also so bestimmt, daß sie sich selbst und einander durch den Kampf<lb n="27"/>auf Leben und Tod <hi rendition="#g">bewähren</hi>. – Sie müssen in diesen Kampf gehen, denn sie<lb n="28"/>müssen die Gewißheit ihrer selbst, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, zur Wahrheit an dem<lb n="29"/>andern, und an ihnen selbst erheben. Und es ist allein das daransetzen des Lebens,<lb n="30"/>wodurch die Freyheit, wodurch es bewährt wird, daß dem Selbstbewußtseyn nicht<lb n="31"/>das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, nicht die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Weise, wie es auftritt, nicht sein Versenkt<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>seyn in die Ausbreitung des Lebens, – das Wesen, sondern daß an ihm nichts vor<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>handen, was für es nicht verschwindendes Moment wäre, daß es nur reines <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyn</hi> ist. Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl<lb n="35"/>als <hi rendition="#g">Person</hi> anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkanntseyns<lb n="36"/>als eines selbstständigen Selbstbewußtseyns nicht erreicht. Ebenso muß jedes auf<lb n="37"/>den Tod des andern gehen, wie es sein Leben daransetzt; denn das Andre gilt ihm<lb n="38"/>nicht mehr als es selbst; sein Wesen stellt sich ihm als ein Andres dar, es ist außer<lb n="39"/>sich; es muß sein Außersichseyn aufheben; das Andre ist mannichfaltig befangenes</p>
<pb n="112" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=119" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>und seyendes Bewußtseyn; es muß sein Andersseyn als reines Fürsichseyn oder als<lb n="2"/>absolute Negation anschauen.</p>
<p><lb n="3"/>Diese Bewährung aber durch den Tod hebt eben so die Wahrheit, welche dar<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>aus hervorgehen sollte, als damit auch die Gewißheit seiner selbst überhaupt auf;<lb n="5"/>denn wie das Leben die <hi rendition="#g">natürliche</hi> Position des Bewußtseyns, die Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>keit ohne die absolute Negativität, ist, so ist er die <hi rendition="#g">natürliche</hi> Negation des<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>selben, die Negation ohne die Selbständigkeit, welche also ohne die geforderte<lb n="8"/>Bedeutung des Anerkennens bleibt. Durch den Tod ist zwar die Gewißheit gewor<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>den, daß beyde ihr Leben wagten, und es an ihnen und an dem andern verachteten;<lb n="10"/>aber nicht für die, welche diesen Kampf bestanden. Sie heben ihr in dieser fremden<lb n="11"/>Wesenheit, welches das natürliche Daseyn ist, gesetztes Bewußtseyn, oder sie heben<lb n="12"/>sich, und werden, als die für sich seyn wollenden <hi rendition="#g">Extreme</hi> aufgehoben. Es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schwindet aber damit aus dem Spiele des Wechsels das wesentliche Moment, sich<lb n="14"/>in Extreme entgegengesetzter Bestimmtheiten zu zersetzen; und die Mitte fällt<lb n="15"/>in eine todte Einheit zusammen, welche in todte, bloß seyende, nicht entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gesetzte Extreme zersetzt ist; und die beyden geben und empfangen sich nicht<lb n="17"/>gegenseitig von einander durch das Bewußtseyn zurück, sondern lassen einander<lb n="18"/>nur gleichgültig, als Dinge, frey. Ihre That ist die abstracte Negation, nicht die<lb n="19"/>Negation des Bewußtseyns, welches so <hi rendition="#g">aufhebt</hi>, daß es das aufgehobene <hi rendition="#g">auf<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">bewahrt</hi> und <hi rendition="#g">erhält</hi>, und hiemit sein Aufgehobenwerden überlebt.</p>
<p><lb n="21"/>In dieser Erfahrung wird es dem Selbstbewußtseyn, daß ihm das Leben so<lb n="22"/>wesentlich als das reine Selbstbewußtseyn ist. Im unmittelbaren Selbstbewußtseyn<lb n="23"/>ist das einfache Ich der absolute Gegenstand, welcher aber für uns oder an sich die<lb n="24"/>absolute Vermittlung ist, und die bestehende Selbstständigkeit zum wesentlichen<lb n="25"/>Momente hat. Die Auflösung jener einfachen Einheit ist das Resultat der ersten<lb n="26"/>Erfahrung; es ist durch sie ein reines Selbstbewußtseyn, und ein Bewußtseyn ge<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>setzt, welches nicht rein für sich, sondern für ein anderes, das heißt, als <hi rendition="#g">seyendes</hi><lb n="28"/>Bewußtseyn oder Bewußtseyn in der Gestalt der <hi rendition="#g">Dingheit</hi> ist. Beyde Momente<lb n="29"/>sind wesentlich; – da sie zunächst ungleich und entgegengesetzt sind, und ihre<lb n="30"/>Reflexion in die Einheit sich noch nicht ergeben hat, so sind sie als zwey entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gesetzte Gestalten des Bewußtseyns; die eine das selbstständige, welchem das Für<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sichseyn, die andere das unselbstständige, dem das Leben oder das Seyn für ein<lb n="33"/>anderes, das Wesen ist; jenes ist der <hi rendition="#g">Herr</hi>, diß der <hi rendition="#g">Knecht</hi>.</p>
<p><lb n="34"/>Der Herr ist das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende Bewußtseyn, aber nicht mehr nur der Begriff<lb n="35"/>desselben, sondern für sich seyendes Bewußtseyn, welches durch ein <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="36"/>Bewußtseyn mit sich vermittelt ist, nemlich durch ein solches, zu dessen Wesen<lb n="37"/>es gehört, daß es mit selbstständigem <hi rendition="#g">Seyn</hi> oder der Dingheit überhaupt synthe-</p>
<pb n="113" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=120" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. SELBSTSTÄNDIGKEIT UND UNSELBSTSTÄNDIGKEIT</fw>
<p><lb n="1"/>sirt ist. Der Herr bezieht sich auf diese beyden Momente, auf ein <hi rendition="#g">Ding</hi>, als<lb n="2"/>solches, den Gegenstand der Begierde, und auf das Bewußtseyn, dem die Ding<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heit das wesentliche ist; und, indem er a) als Begriff des Selbstbewußtseyns, un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mittelbare Beziehung des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> ist, aber b) nunmehr zugleich als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>mittlung, oder als ein Fürsichseyn, welches nur durch ein anderes für sich ist, so<lb n="6"/>bezieht er sich a) unmittelbar auf beyde, und b) mittelbar auf jedes durch das andere.<lb n="7"/>Der Herr bezieht sich <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Knecht</hi> <hi rendition="#g">mittelbar</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">selbstständige</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">Seyn</hi>; denn eben hieran ist der Knecht gehalten; es ist seine Kette, von der er im<lb n="9"/>Kampfe nicht abstrahiren konnte, und darum sich als unselbstständig, seine Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ständigkeit in der Dingheit zu haben, erwies. Der Herr aber ist die Macht über<lb n="11"/>diß Seyn, denn er erwies im Kampfe, daß es ihm nur als ein negatives gilt; indem<lb n="12"/>er die Macht darüber, diß Seyn aber die Macht über den Andern ist, so hat er in<lb n="13"/>diesem Schlusse diesen andern unter sich. Ebenso bezieht sich der Herr <hi rendition="#g">mittelbar</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Knecht</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>; der Knecht bezieht sich als Selbstbewußtseyn<lb n="15"/>überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; aber es ist zugleich selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ständig für ihn, und er kann darum durch sein Negiren nicht bis zur Vernichtung<lb n="17"/>mit ihm fertig werden, oder er <hi rendition="#g">bearbeitet</hi> es nur. Dem Herrn dagegen <hi rendition="#g">wird</hi><lb n="18"/>durch diese Vermittlung die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Beziehung als die reine Negation<lb n="19"/>desselben, oder der <hi rendition="#g">Genuß</hi>; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit<lb n="20"/>fertig zu werden, und im Genusse sich zu befriedigen. Der Begierde gelang diß<lb n="21"/>nicht wegen der Selbstständigkeit des Dinges; der Herr aber, der den Knecht<lb n="22"/>zwischen es und sich eingeschoben, schließt sich dadurch nur mit der Unselbst<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ständigkeit des Dinges zusammen, und genießt es rein; die Seite der Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>keit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet.</p>
<p><lb n="25"/>In diesen beyden Momenten wird für den Herrn sein Anerkanntseyn durch<lb n="26"/>ein anderes Bewußtseyn; denn dieses setzt sich in ihnen als unwesentliches, einmal<lb n="27"/>in der Bearbeitung des Dings, das anderemal in der Abhängigkeit von einem<lb n="28"/>bestimmten Daseyn; in beyden kann es nicht über das Seyn Meister werden und<lb n="29"/>zur absoluten Negation gelangen. Es ist also hierin diß Moment des Anerkennens<lb n="30"/>vorhanden, daß das andere Bewußtseyn sich als Fürsichseyn aufhebt, und hiemit<lb n="31"/>selbst das thut, was das erste gegen es thut. Ebenso das andere Moment, daß diß<lb n="32"/>Thun des Zweyten das eigne Thun des ersten ist; denn, was der Knecht thut, ist<lb n="33"/>eigentlich Thun des Herrn; diesem ist nur das Fürsichseyn, das Wesen; er ist die<lb n="34"/>reine negative Macht, der das Ding Nichts ist, und also das reine wesentliche Thun<lb n="35"/>in diesem Verhältnisse; der Knecht aber ein nicht reines, sondern unwesentliches<lb n="36"/>Thun. Aber zum eigentlichen Anerkennen fehlt das Moment, daß was der Herr<lb n="37"/>gegen den andern thut, er auch gegen sich selbst, und was der Knecht gegen sich,<lb n="38"/>er auch gegen den andern thue. Es ist dadurch ein einseitiges und ungleiches An<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>erkennen entstanden.</p>
<pb n="114" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=121" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>Das unwesentliche Bewußtseyn ist hierin für den Herrn der Gegenstand, welcher<lb n="2"/>die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> der Gewißheit seiner selbst ausmacht. Aber es erhellt, daß dieser<lb n="3"/>Gegenstand seinem Begriffe nicht entspricht, sondern daß darin, worin der Herr sich<lb n="4"/>vollbracht hat, ihm vielmehr ganz etwas anderes geworden, als ein selbstständiges Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wußtseyn. Nicht ein solches ist für ihn, sondern vielmehr ein unselbstständiges; er<lb n="6"/>also nicht <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, als der Wahrheit gewiß, sondern seine Wahrheit ist<lb n="7"/>vielmehr das unwesentliche Bewußtseyn, und das unwesentliche Thun desselben.</p>
<p><lb n="8"/>Die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> des selbstständigen Bewußtseyns ist demnach das <hi rendition="#g">knech<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">tische</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Dieses erscheint zwar zunächst <hi rendition="#g">außer</hi> sich und nicht als<lb n="10"/>die Wahrheit des Selbstbewußtseyn. Aber wie die Herrschafft zeigte, daß ihr<lb n="11"/>Wesen das verkehrte dessen ist, was sie seyn will, so wird auch wohl die Knecht<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schafft vielmehr in ihrer Vollbringung zum Gegentheile dessen werden, was sie<lb n="13"/>unmittelbar ist; sie wird als in sich <hi rendition="#g">zurückgedrängtes</hi> Bewußtseyn in sich<lb n="14"/>gehen, und zur wahren Selbstständigkeit sich umkehren.</p>
<p><lb n="15"/>Wir sahen nur, was die Knechtschafft im Verhältnisse der Herrschafft ist. Aber<lb n="16"/>sie ist Selbstbewußtseyn, und was sie hienach an und für sich selbst ist, ist nun<lb n="17"/>zu betrachten. Zunächst ist für die Knechtschafft der Herr das Wesen; also das<lb n="18"/><hi rendition="#g">selbstständige</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist ihr <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>,<lb n="19"/>die jedoch FÜR SIE noch nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> ist. Allein sie hat diese Wahrheit der reinen<lb n="20"/>Negativität und des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">That</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; denn sie hat<lb n="21"/>dieses Wesen an ihr <hi rendition="#g">erfahren</hi>. Diß Bewußtseyn hat nemlich nicht um dieses<lb n="22"/>oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein<lb n="23"/>ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden.<lb n="24"/>Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und<lb n="25"/>alles fixe hat in ihm gebebt. Diese reine allgemeine Bewegung, das absolute flüssig<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>werden alles Bestehens ist aber das einfache Wesen des Selbstbewußtseyns, die<lb n="27"/>absolute Negativität, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, das hiemit an diesem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>seyn ist. Diß Moment des reinen Fürsichseyn ist auch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, denn im Herrn ist<lb n="29"/>es ihm sein <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>. Es ist ferner nicht nur diese allgemeine Auflösung<lb n="30"/><hi rendition="#g">überhaupt</hi>, sondern im Dienen vollbringt es sie <hi rendition="#g">wirklich</hi>; es hebt darin in<lb n="31"/>allen <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Momenten seine Anhänglichkeit an natürliches Daseyn auf,<lb n="32"/>und arbeitet dasselbe hinweg.</p>
<p><lb n="33"/>Das Gefühl der absoluten Macht aber überhaupt, und im einzelnen des Dienstes<lb n="34"/>ist nur die Auflösung <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und ob zwar die Furcht des Herrn der Anfang der<lb n="35"/>Weisheit ist, so ist das Bewußtseyn darin <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, nicht das <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi>.<lb n="36"/>Durch die Arbeit kömmt es aber zu sich selbst. In dem Momente, welches der<lb n="37"/>Begierde im Bewußtseyn des Herrn entspricht, schien dem dienenden Bewußtseyn<lb n="38"/>zwar die Seite der unwesentlichen Beziehung auf das Ding zugefallen zu seyn,<lb n="39"/>indem das Ding darin seine Selbstständigkeit behält. Die Begierde hat sich das</p>
<pb n="115" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=122" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. SELBSTSTÄNDIGKEIT UND UNSELBSTSTÄNDIGKEIT</fw>
<p><lb n="1"/>reine Negiren des Gegenstandes, und dadurch das unvermischte Selbstgefühl vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>behalten. Diese Befriedigung ist aber deßwegen selbst nur ein Verschwinden, denn<lb n="3"/>es fehlt ihr die <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Seite oder das <hi rendition="#g">Bestehen</hi>. Die Arbeit hin<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gegen ist <hi rendition="#g">gehemmte</hi> Begierde, <hi rendition="#g">aufgehaltenes</hi> Verschwinden, oder sie <hi rendition="#g">bil<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">det</hi>. Die negative Beziehung auf den Gegenstand wird zur <hi rendition="#g">Form</hi> desselben,<lb n="6"/>und zu einem <hi rendition="#g">bleibenden</hi>; weil eben dem arbeitenden der Gegenstand Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ständigkeit hat. Diese <hi rendition="#g">negative</hi> Mitte oder das formirende <hi rendition="#g">Thun</hi>, ist zugleich<lb n="8"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> oder das reine Fürsichseyn des Bewußtseyns, welches nun<lb n="9"/>in der Arbeit außer es in das Element des Bleibens tritt; das arbeitende Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>seyn kommt also hiedurch zur Anschauung des selbstständigen Seyns, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">selbst</hi>.</p>
<p><lb n="12"/>Das Formiren hat aber nicht nur diese positive Bedeutung, daß das dienende<lb n="13"/>Bewußtseyn sich darin als reines <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> zum <hi rendition="#g">Seyenden</hi> wird; sondern<lb n="14"/>auch die negative, gegen sein erstes Moment, die Furcht. Denn in dem Bilden des<lb n="15"/>Dinges wird ihm die eigne Negativität, sein Fürsichseyn, nur dadurch zum Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stande, daß es die entgegengesetzte seyende <hi rendition="#g">Form</hi> aufhebt. Aber diß gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>liche <hi rendition="#g">Negative</hi> ist gerade das fremde Wesen, vor welchem es gezittert hat.<lb n="18"/>Nun aber zerstört es diß fremde Negative, setzt <hi rendition="#g">sich</hi> als ein solches in das Element<lb n="19"/>des Bleibens; und wird hiedurch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, ein <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyendes</hi>. Im<lb n="20"/>Herrn ist ihm das Fürsichseyn <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> oder nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>; in der Furcht ist<lb n="21"/>das Fürsichseyn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; in dem Bilden wird das Fürsichseyn als <hi rendition="#g">sein</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">eignes</hi> für es, und es kömmt zum Bewußtseyn, daß es selbst an und für sich ist.<lb n="23"/>Die Form wird dadurch, daß sie <hi rendition="#g">hinausgesetzt</hi> wird, ihm nicht ein anderes<lb n="24"/>als es; denn eben sie ist sein reines Fürsichseyn, das ihm darin zur Wahrheit wird.<lb n="25"/>Es wird also durch diß Wiederfinden seiner durch sich selbst <hi rendition="#g">eigner</hi> <hi rendition="#g">Sinn</hi>, gerade<lb n="26"/>in der Arbeit, worin es nur <hi rendition="#g">fremder</hi> <hi rendition="#g">Sinn</hi> zu seyn schien. – Es sind zu dieser<lb n="27"/>Reflexion die beyden Momente, der Furcht und des Dienstes überhaupt, so wie<lb n="28"/>des Bildens nothwendig, und zugleich beyde auf eine allgemeine Weise. Ohne<lb n="29"/>die Zucht des Dienstes und Gehorsams bleibt die Furcht beym formellen stehen,<lb n="30"/>und verbreitet sich nicht über die bewußte Wirklichkeit des Daseyns. Ohne das<lb n="31"/>Bilden bleibt die Furcht innerlich und stumm, und das Bewußtseyn wird nicht für<lb n="32"/>es selbst. Formirt das Bewußtseyn ohne die erste absolute Furcht, so ist es nur ein<lb n="33"/>eitler eigner Sinn; denn seine Form oder Negativität ist nicht die Negativität <hi rendition="#g">an</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">sich</hi>; und sein Formiren kann ihm daher nicht das Bewußtseyn seiner als des<lb n="35"/>Wesens geben. Hat es nicht die absolute Furcht, sondern nur einige Angst aus<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gestanden, so ist das negative Wesen ihm ein äußerliches geblieben, seine Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>stanz ist von ihm nicht durch und durch angesteckt. Indem nicht alle Erfüllungen<lb n="38"/>seines natürlichen Bewußtseyns wankend geworden, gehört es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> noch<lb n="39"/>bestimmtem Seyn an; der eigne Sinn ist <hi rendition="#g">Eigensinn</hi>, eine Freyheit, welche noch</p>
<pb n="116" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=123" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>innerhalb der Knechtschafft stehen bleibt. So wenig ihm die reine Form zum<lb n="2"/>Wesen werden kann, so wenig ist sie, als Ausbreitung über das einzelne betrachtet,<lb n="3"/>allgemeines Bilden, absoluter Begriff, sondern eine Geschicklichkeit, welche nur<lb n="4"/>über einiges, nicht über die allgemeine Macht und das ganze gegenständliche<lb n="5"/>Wesen mächtig ist.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="6"/>B.</head>
<head><lb n="7"/>FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS;<lb n="8"/>STOICISMUS, SKEPTICISMUS,<lb n="9"/>UND DAS UNGLÜCKLICHE BEWUSSTSEYN.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="10"/>Dem selbstständigen Selbstbewußtseyn ist einestheils nur die reine Abstraction<lb n="11"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> sein Wesen, und anderntheils, indem sie sich ausbildet und sich Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schiede gibt, wird diß Unterscheiden ihm nicht zum gegenständlichen <hi rendition="#g">ansich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/>seyenden Wesen; diß Selbstbewußtseyn wird also nicht ein in seiner Einfachheit<lb n="14"/>sich wahrhafft unterscheidendes, oder in dieser absoluten Unterscheidung sich<lb n="15"/>gleichbleibendes Ich. Das in sich zurückgedrängte Bewußtseyn hingegen wird sich<lb n="16"/>im Formiren als Form der gebildeten Dinge zum Gegenstande, und an dem Herrn<lb n="17"/>schaut es das Fürsichseyn zugleich als Bewußtseyn an. Aber dem dienenden Be<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wußtseyn als solchem fallen diese beyden Momente, – <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> als selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ständigen Gegenstandes, und dieses Gegenstandes als eines Bewußtseyns, und hie<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>mit seines eigenen Wesens auseinander. Indem aber <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> die<lb n="21"/><hi rendition="#g">Form</hi> und das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> dasselbe ist, und im Begriffe des selbstständigen<lb n="22"/>Bewußtseyns das <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyn das Bewußtseyn ist, so ist die Seite des <hi rendition="#g">Ansich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/>seyns oder der <hi rendition="#g">Dingheit</hi>, welche die Form in der Arbeit erhielt, keine andere<lb n="24"/>Substanz, als das Bewußtseyn, und es ist uns eine neue Gestalt des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>seyns geworden; ein Bewußtseyn, welches sich als die Unendlichkeit, oder reine<lb n="26"/>Bewegung des Bewußtseyns das Wesen ist; welches <hi rendition="#g">denkt</hi>, oder freyes Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>bewußtseyn ist. Denn nicht als <hi rendition="#g">abstractes</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>, sondern als Ich, welches zugleich<lb n="28"/>die Bedeutung des <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyns hat, sich Gegenstand seyn, oder zum gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ständlichen Wesen sich so verhalten, daß es die Bedeutung des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi><lb n="30"/>des Bewußtseyns hat, für welches es ist, heißt <hi rendition="#g">denken</hi>. – Dem <hi rendition="#g">Denken</hi> bewegt<lb n="31"/>sich der Gegenstand nicht in Vorstellungen, oder Gestalten, sondern in <hi rendition="#g">Begriffen</hi>,<lb n="32"/>das heißt in einem unterschiednen Ansichseyn, welches unmittelbar für das Be-</p>
<pb n="117" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=124" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>wußtseyn kein unterschiednes von ihm ist. Das <hi rendition="#g">Vorgestellte</hi>, <hi rendition="#g">Gestaltete</hi>,<lb n="2"/><hi rendition="#g">Seyende</hi>, als solches, hat die Form etwas anders zu seyn, als das Bewußtseyn;<lb n="3"/>ein Begriff aber ist zugleich ein <hi rendition="#g">Seyendes</hi>, – und dieser Unterschied, insofern er<lb n="4"/>an ihm selbst ist, ist sein bestimmter Inhalt, – aber darin daß dieser Inhalt ein<lb n="5"/>begriffener zugleich ist, bleibt es sich seiner Einheit mit diesem bestimmten und<lb n="6"/>unterschiedenen Seyenden <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> bewußt; nicht wie bey der Vorstellung,<lb n="7"/>worin es erst noch besonders sich zu erinnern hat, daß diß <hi rendition="#g">seine</hi> Vorstellung<lb n="8"/>sey; sondern der Begriff ist mir unmittelbar <hi rendition="#g">mein</hi> Begriff. Im Denken <hi rendition="#g">bin</hi> Ich<lb n="9"/><hi rendition="#g">frey</hi>, weil ich nicht in einem Andern bin, sondern schlechthin bey mir selbst<lb n="10"/>bleibe, und der Gegenstand, der mir das Wesen ist, in ungetrennter Einheit mein<lb n="11"/>Fürmichseyn ist; und meine Bewegung in Begriffen ist eine Bewegung in mir<lb n="12"/>selbst. – Es ist aber in dieser Bestimmung dieser Gestalt des Selbstbewußtseyns,<lb n="13"/>wesentlich diß festzuhalten, daß sie <hi rendition="#g">denkendes</hi> Bewußtseyn <hi rendition="#g">überhaupt</hi> oder<lb n="14"/>ihr Gegenstand, <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Einheit des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi> und des <hi rendition="#g">Fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> ist. Das sich gleichnamige Bewußtseyn, das sich von sich selbst abstößt,<lb n="16"/>wird sich <hi rendition="#g">ansichseyendes</hi> <hi rendition="#g">Element</hi>; aber es ist sich diß Element nur erst als<lb n="17"/>allgemeines Wesen überhaupt, nicht als diß gegenständliche Wesen in der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wicklung und Bewegung seines mannichfaltigen Seyns.</p>
<p><lb n="19"/>Diese Freyheit des Selbstbewußtseyns hat bekanntlich, indem sie als ihrer<lb n="20"/>bewußte Erscheinung in der Geschichte des Geistes aufgetreten ist, <hi rendition="#g">Stoicismus</hi><lb n="21"/>geheißen. Sein Princip ist, daß das Bewußtseyn denkendes Wesen, und etwas nur<lb n="22"/>Wesenheit für dasselbe hat, oder wahr und gut für es ist, als das Bewußtseyn sich<lb n="23"/>darin als denkendes Wesen verhält.</p>
<p><lb n="24"/>Die vielfache sich in sich unterscheidende Ausbreitung, Vereinzelung und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wicklung des Lebens ist der Gegenstand, gegen welchen die Begierde und die<lb n="26"/>Arbeit thätig ist. Diß vielfache Thun hat sich nun in die einfache Unterscheidung<lb n="27"/>zusammengezogen, welche in der reinen Bewegung des Denkens ist. Nicht der<lb n="28"/>Unterschied, welcher sich als <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, oder als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">eines</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">natürlichen</hi> <hi rendition="#g">Daseyns</hi>, als ein Gefühl, oder als <hi rendition="#g">Begierde</hi> und<lb n="30"/><hi rendition="#g">Zweck</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">dieselbe</hi>, ob er durch das <hi rendition="#g">eigene</hi> oder durch <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">fremdes</hi> <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">wußtseyn</hi> gesetzt sey, hat mehr Wesenheit, sondern allein der Unterschied, der<lb n="32"/>ein <hi rendition="#g">gedachter</hi>, oder unmittelbar nicht von Mir unterschieden ist. Diß Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seyn ist somit negativ gegen das Verhältniß der Herrschafft und Knechtschafft;<lb n="34"/>sein Thun ist, in der Herrschafft nicht seine Wahrheit an dem Knechte zu haben,<lb n="35"/>noch als Knecht seine Wahrheit an dem Willen des Herrn und an seinem Dienen,<lb n="36"/>sondern wie auf dem Throne so in den Fesseln, in aller Abhängigkeit seines ein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>zelnen Daseyns frey zu seyn, und die Leblosigkeit sich zu erhalten, welche sich<lb n="38"/>beständig aus der Bewegung des Daseyns, aus dem Wirken wie aus dem Leiden,<lb n="39"/>in <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gedankens</hi> <hi rendition="#g">zurückzieht</hi>. Der Eigensinn</p>
<pb n="118" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=125" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>ist die Freyheit, die an eine Einzelnheit sich befestigt und <hi rendition="#g">innerhalb</hi> der Knecht<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schafft steht, der Stoicismus aber die Freyheit, welche unmittelbar immer aus ihr<lb n="3"/>her, und in die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> des Gedankens zurückkömmt; als all<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gemeine Form des Weltgeistes nur in der Zeit einer allgemeinen Furcht und Knecht<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schafft, aber auch einer allgemeinen Bildung auftreten konnte, welche das Bilden<lb n="6"/>bis zum Denken gesteigert hatte.</p>
<p><lb n="7"/>Ob nun zwar diesem Selbstbewußtseyn weder ein anderes als es, noch die reine<lb n="8"/>Abstraction des Ich das Wesen ist, sondern Ich, welches das Andersseyn, aber als<lb n="9"/>gedachten Unterschied an ihm hat, so daß es in seinem Andersseyn unmittelbar in<lb n="10"/>sich zurückgekehrt ist; so ist diß sein Wesen zugleich nur ein <hi rendition="#g">abstractes</hi> Wesen.<lb n="11"/>Die Freyheit des Selbstbewußtseyns ist <hi rendition="#g">gleichgültig</hi> gegen das natürliche Da<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn, hat darum <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">ebenso</hi> <hi rendition="#g">frey</hi> <hi rendition="#g">entlassen</hi>, und die <hi rendition="#g">Reflexion</hi> ist eine<lb n="13"/><hi rendition="#g">gedoppelte</hi>. Die Freyheit im Gedanken hat nur <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Gedanken</hi> zu<lb n="14"/>ihrer Wahrheit, die ohne die Erfüllung des Lebens ist; und ist also auch nur der<lb n="15"/>Begriff der Freyheit, nicht die lebendige Freyheit selbst; denn ihr ist nur erst das<lb n="16"/><hi rendition="#g">Denken</hi> überhaupt das Wesen, die Form als solche, welche von der Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>keit der Dinge weg, in sich zurückgegangen ist. Indem aber die Individualität als<lb n="18"/>handelnd sich lebendig darstellen, oder als denkend die lebendige Welt als ein<lb n="19"/>System des Gedankens fassen sollte, so müßte in <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Gedanken</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> für<lb n="20"/>jene Ausbreitung ein <hi rendition="#g">Inhalt</hi> dessen, was gut, für diese, was wahr ist, liegen;<lb n="21"/>damit <hi rendition="#g">durchaus</hi>, in demjenigen, <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, kein anderes<lb n="22"/>Ingrediens wäre, als der Begriff, der das Wesen ist. Allein so wie er hier als <hi rendition="#g">Ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">straction</hi> von der Mannichfaltigkeit der Dinge sich abtrennt, hat er <hi rendition="#g">keinen</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sondern <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">gegebenen</hi>. Das Bewußtseyn vertilgt<lb n="25"/>den Inhalt wohl als ein fremdes <hi rendition="#g">Seyn</hi>, indem es ihn denkt; aber der Begriff<lb n="26"/>ist <hi rendition="#g">bestimmter</hi> Begriff, und diese <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> desselben ist das Fremde,<lb n="27"/>das er an ihm hat. Der Stoicismus ist darum in Verlegenheit gekommen, als er,<lb n="28"/>wie der Ausdruck war, nach dem <hi rendition="#g">Kriterium</hi> der Wahrheit überhaupt gefragt<lb n="29"/>wurde, d. h. eigentlich nach einem <hi rendition="#g">Inhalte</hi> des <hi rendition="#g">Gedankens</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Auf die<lb n="30"/>Frage an ihn, <hi rendition="#g">was</hi> gut und wahr ist, hat er wieder das <hi rendition="#g">inhaltslose</hi> Denken<lb n="31"/>selbst zur Antwort gegeben; in der Vernünftigkeit soll das wahre und gute bestehen.<lb n="32"/>Aber diese Sichselbstgleichheit des Denkens ist nur wieder die reine Form, in<lb n="33"/>welcher sich nichts bestimmt; die allgemeinen Worte von dem Wahren und Guten,<lb n="34"/>der Weisheit und der Tugend, bey welchen er stehen bleiben muß, sind daher<lb n="35"/>wohl im allgemeinen erhebend, aber weil sie in der That zu keiner Ausbreitung<lb n="36"/>des Inhalts kommen können, fangen sie bald an, Langeweile zu machen.</p>
<p><lb n="37"/>Dieses denkende Bewußtseyn so, wie es sich bestimmt hat, als die abstracte<lb n="38"/>Freyheit, ist also nur die unvollendete Negation des Andersseyns; aus dem Daseyn<lb n="39"/>nur in sich <hi rendition="#g">zurückgezogen</hi> hat es sich nicht als absolute Negation desselben an</p>
<pb n="119" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=126" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>ihm vollbracht. Der Inhalt gilt ihm zwar nur als Gedanke, aber dabey auch als<lb n="2"/><hi rendition="#g">bestimmter</hi>, und die Bestimmtheit als solche zugleich.</p>
<p><lb n="3"/>Der <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> ist die Realisirung desjenigen, wovon der Stoicismus nur<lb n="4"/>der Begriff, – und die wirkliche Erfahrung, was die Freyheit des Gedankens ist;<lb n="5"/>sie ist <hi rendition="#g">ansich</hi> das negative, und muß sich so darstellen. Mit der Reflexion des<lb n="6"/>Selbstbewußtseyns in den einfachen Gedanken seiner selbst, ist ihr gegenüber in<lb n="7"/>der That, aus der Unendlichkeit, das selbstständige Daseyn oder die bleibende<lb n="8"/>Bestimmtheit herausgefallen; im Skepticismus wird nun <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi><lb n="9"/>die gänzliche Unwesentlichkeit und Unselbstständigkeit dieses Andern; der Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>danke wird zu dem vollständigen das Seyn der <hi rendition="#g">vielfachbestimmten</hi> Welt<lb n="11"/>vernichtenden Denken, und die Negativität des freyen Selbstbewußtseyns wird<lb n="12"/>sich an dieser mannichfaltigen Gestaltung des Lebens zur realen Negativität. – Es<lb n="13"/>erhellt, daß wie der Stoicismus dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> des <hi rendition="#g">selbstständigen</hi> Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyns, das als Verhältniß der Herrschafft und Knechtschafft erschien, entspricht,<lb n="15"/>so entspricht der Skepticismus der <hi rendition="#g">Realisirung</hi> desselben, als der negativen<lb n="16"/>Richtung auf das Andersseyn, der Begierde und der Arbeit. Aber wenn die Begierde<lb n="17"/>und die Arbeit die Negation nicht für das Selbstbewußtseyn ausführen konnten,<lb n="18"/>so wird dagegen diese polemische Richtung gegen die vielfache Selbstständigkeit<lb n="19"/>der Dinge von Erfolg seyn, weil sie als in sich vorher vollendetes freyes Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bewußtseyn sich gegen sie kehrt; bestimmter, weil sie <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi>, oder die<lb n="21"/>Unendlichkeit, an ihr selbst hat, und hierin die Selbstständigkeiten nach ihrem<lb n="22"/>Unterschiede ihr nur als verschwindende Größen sind. Die Unterschiede, welche<lb n="23"/>im reinen Denken seiner selbst nur die Abstraction der Unterschiede sind, werden<lb n="24"/>hier zu <hi rendition="#g">allen</hi> Unterschieden, und alles unterschiedene Seyn zu einem Unterschiede<lb n="25"/>des Selbstbewußtseyns.</p>
<p><lb n="26"/>Hiedurch hat sich das <hi rendition="#g">Thun</hi> des <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> überhaupt, und die <hi rendition="#g">Weise</hi><lb n="27"/>desselben bestimmt. Er zeigt die <hi rendition="#g">dialektische</hi> <hi rendition="#g">Bewegung</hi> auf, welche die<lb n="28"/>sinnliche Gewißheit, die Wahrnehmung und der Verstand ist; so wie auch die<lb n="29"/>Unwesenheit desjenigen, was in dem Verhältnisse des Herrschens und des Dienens,<lb n="30"/>und was für das abstracte Denken selbst, als <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> gilt. Jenes Verhältniß<lb n="31"/>faßt eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">Weise</hi> zugleich in sich, in welcher auch sittliche Gesetze<lb n="32"/>als Gebote der Herrschafft vorhanden sind; die Bestimmungen im abstracten<lb n="33"/>Denken aber sind Begriffe der Wissenschafft, in welche sich das inhaltslose Denken<lb n="34"/>ausbreitet, und den Begriff auf eine in der That nur äußerliche Weise an das ihm<lb n="35"/>selbstständige Seyn, das seinen Inhalt ausmacht, hängt und nur <hi rendition="#g">bestimmte</hi><lb n="36"/>Begriffe als geltende hat, es sey, daß sie auch reine Abstractionen sind.</p>
<p><lb n="37"/>Das <hi rendition="#g">dialektische</hi> als negative Bewegung, wie sie unmittelbar <hi rendition="#g">ist</hi>, erscheint<lb n="38"/>dem Bewußtseyn zunächst als etwas, dem es preisgegeben, und das nicht durch<lb n="39"/>es selbst ist. Als <hi rendition="#g">Skepticismus</hi> hingegen ist sie Moment des Selbstbewußtseyns,</p>
<pb n="120" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=127" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>welchem es nicht <hi rendition="#g">geschieht</hi>, daß ihm, ohne zu wissen wie, sein Wahres und<lb n="2"/>Reelles verschwindet, sondern welches in der Gewißheit seiner Freyheit, diß andere<lb n="3"/>für reell sich gebende selbst verschwinden läßt; nicht nur das gegenständliche<lb n="4"/>als solches, sondern sein eignes Verhalten zu ihm, worin es als gegenständlich gilt,<lb n="5"/>und geltend gemacht wird, also auch sein <hi rendition="#g">Wahrnehmen</hi>, so wie sein <hi rendition="#g">Befesti<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">gen</hi> dessen, was es in Gefahr ist zu verlieren, die <hi rendition="#g">Sophisterey</hi>, und sein <hi rendition="#g">aus</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> und <hi rendition="#g">festgesetztes</hi> <hi rendition="#g">Wahres</hi>; durch welche selbstbewußte<lb n="8"/>Negation es <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> sich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> verschafft,<lb n="9"/>die Erfahrung derselben hervorbringt, und sie dadurch zur <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> erhebt.<lb n="10"/>Was verschwindet, ist das Bestimmte, oder der Unterschied, der auf welche Weise,<lb n="11"/>und woher es sey, als fester und unwandelbarer sich aufstellt. Er hat nichts blei<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>bendes an ihm, und <hi rendition="#g">muß</hi> dem Denken verschwinden, weil das unterschiedne<lb n="13"/>eben diß ist, nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> zu seyn, sondern seine Wesenheit nur in einem<lb n="14"/>Andern zu haben; das Denken aber ist die Einsicht in diese Natur des Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schiednen, es ist das negative Wesen als einfaches.</p>
<p><lb n="16"/>Das skeptische Selbstbewußtseyn erfährt also in dem Wandel alles dessen, was<lb n="17"/>sich für es befestigen will, seine eigne Freyheit als durch es selbst sich gegeben und<lb n="18"/>erhalten; es ist sich diese Ataraxie des sich selbst Denkens, die unwandelbare und<lb n="19"/><hi rendition="#g">wahrhaffte</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Sie geht nicht aus einem Fremden,<lb n="20"/>das seine vielfache Entwicklung in sich zusammenstürtzte, als ein Resultat hervor,<lb n="21"/>welches sein Werden hinter sich hätte; sondern das Bewußtseyn selbst ist die<lb n="22"/><hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">dialektische</hi> <hi rendition="#g">Unruhe</hi>, dieses Gemische von sinnlichen und gedach<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ten Vorstellungen, deren Unterschiede zusammenfallen, und deren <hi rendition="#g">Gleichheit</hi><lb n="24"/>sich ebenso, – denn sie ist selbst die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> gegen das <hi rendition="#g">Ungleiche</hi> –<lb n="25"/>wieder auflöst. Diß Bewußtseyn ist aber eben hierin in der That, statt sichselbst<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gleiches Bewußtseyn zu seyn, nur eine schlechthin zufällige Verwirrung, der<lb n="27"/>Schwindel einer sich immer erzeugenden Unordnung. <hi rendition="#g">Es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">selbst</hi>; denn es selbst erhält und bringt diese sich bewegende Verwirrung hervor.<lb n="29"/>Es bekennt sich darum auch dazu, es bekennt ein ganz <hi rendition="#g">zufälliges</hi>, <hi rendition="#g">einzelnes</hi><lb n="30"/>Bewußtseyn zu seyn, – ein Bewußtseyn, das <hi rendition="#g">empirisch</hi> ist, sich nach dem richtet,<lb n="31"/>was keine Realität für es hat, dem gehorcht, was ihm kein Wesen ist, das thut<lb n="32"/>und zur Wirklichkeit bringt, was ihm keine Wahrheit hat. Aber ebenso wie es<lb n="33"/>sich auf diese Weise als <hi rendition="#g">einzelnes</hi>, <hi rendition="#g">zufälliges</hi> und in der That thierisches Leben,<lb n="34"/>und <hi rendition="#g">verlornes</hi> Selbstbewußtseyn gilt, macht es sich im Gegentheile auch wieder<lb n="35"/>zum <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">sichselbstgleichen</hi>; denn es ist die Negativität aller Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>zelnheit und alles Unterschieds. Von dieser Sichselbstgleichheit oder in ihr selbst<lb n="37"/>vielmehr fällt es wieder in jene Zufälligkeit und Verwirrung zurück, denn eben<lb n="38"/>diese sich bewegende Negativität hat es nur mit einzelnem zu thun, und treibt<lb n="39"/>sich mit zufälligem herum. Diß Bewußtseyn ist also diese bewußtlose Faseley, von</p>
<pb n="121" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=128" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>dem einen Extreme des sichselbstgleichen Selbstbewußtseyns zum andern des<lb n="2"/>zufälligen, verworrenen, und verwirrenden Bewußtseyns hinüber und herüber zu<lb n="3"/>gehen. Es selbst bringt diese beyden Gedanken seiner selbst nicht zusammen; es<lb n="4"/>erkennt seine Freyheit <hi rendition="#g">einmal</hi> als Erhebung über alle Verwirrung und alle Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>fälligkeit des Daseyns, und bekennt sich ebenso das <hi rendition="#g">andremal</hi> wieder als ein<lb n="6"/>Zurückfallen in die <hi rendition="#g">Unwesentlichkeit</hi> und als ein Herumtreiben in ihr. Es<lb n="7"/>läßt den unwesentlichen Inhalt in seinem Denken verschwinden, aber eben darin<lb n="8"/>ist es das Bewußtseyn eines unwesentlichen; es spricht das absolute <hi rendition="#g">Verschwin<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">den</hi> aus, aber das <hi rendition="#g">Aussprechen</hi> IST, und diß Bewußtseyn ist das ausgesprochne<lb n="10"/>Verschwinden; es spricht die Nichtigkeit des Sehens, Hörens, und sofort aus, und<lb n="11"/>es <hi rendition="#g">sieht</hi>, <hi rendition="#g">hört</hi>, und sofort, <hi rendition="#g">selbst</hi>; es spricht die Nichtigkeit der sittlichen Wesen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heiten aus, und macht sie selbst zu den Mächten seines Handelns. Sein Thun und<lb n="13"/>seine Worte widersprechen sich immer, und ebenso hat es selbst das gedoppelte<lb n="14"/>widersprechende Bewußtseyn der Unwandelbarkeit und Gleichheit, und der völ<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>ligen Zufälligkeit und Ungleichheit mit sich. Aber es hält diesen Widerspruch<lb n="16"/>seiner selbst auseinander; und verhält sich darüber wie in seiner rein negativen<lb n="17"/>Bewegung überhaupt. Wird ihm die <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> aufgezeigt, so zeigt es die<lb n="18"/><hi rendition="#g">Ungleichheit</hi> auf; und indem ihm diese, die es eben ausgesprochen hat, itzt<lb n="19"/>vorgehalten wird, so geht es zum aufzeigen der <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> über; sein Gerede<lb n="20"/>ist in der That ein Gezänke eigensinniger Jungen, deren einer A sagt, wenn der<lb n="21"/>andere B, und wieder B, wenn der andere A, und die sich durch den Widerspruch<lb n="22"/><hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> die Freude erkauffen, <hi rendition="#g">miteinander</hi> im Widerspruche zu bleiben.</p>
<p><lb n="23"/>Im Skepticismus erfährt das Bewußtseyn in Wahrheit sich als ein in sich selbst<lb n="24"/>widersprechendes Bewußtseyn; es geht aus dieser Erfahrung eine <hi rendition="#g">neue</hi> <hi rendition="#g">Gestalt</hi><lb n="25"/>hervor, welche die zwey Gedanken zusammenbringt, die der Skepticismus aus<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>einander hält. Die Gedankenlosigkeit des Skepticismus über sich selbst muß ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>schwinden, weil es in der That <hi rendition="#g">Ein</hi> Bewußtseyn ist, welches diese beyden Weisen<lb n="28"/>an ihm hat. Diese neue Gestalt ist hiedurch ein solches, welches <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das<lb n="29"/>gedoppelte Bewußtseyn seiner, als des sich befreyenden, unwandelbaren und<lb n="30"/>sichselbstgleichen, und seiner als des absolut sich verwirrenden und verkehrenden, –<lb n="31"/>und das Bewußtseyn dieses seines Widerspruchs ist. – Im Stoicismus ist das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bewußtseyn die einfache Freyheit seiner selbst; im Skepticismus realisirt sie sich,<lb n="33"/>vernichtet die andere Seite des bestimmten Daseyns, aber verdoppelt <hi rendition="#g">sich</hi> viel<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>mehr, und ist sich nun ein zweyfaches. Hiedurch ist die Verdopplung, welche früher<lb n="35"/>an zwey einzelne, an den Herrn und den Knecht, sich vertheilte, in eines ein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gekehrt; die Verdopplung des Selbstbewußtseyns in sich selbst, welche im Begriffe<lb n="37"/>des Geistes wesentlich ist, ist hiemit vorhanden, aber noch nicht ihre Einheit und<lb n="38"/>das <hi rendition="#g">unglückliche</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist das Bewußtseyn seiner als des gedoppelten<lb n="39"/>nur widersprechenden Wesens.</p>
<pb n="122" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=129" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>Dieses <hi rendition="#g">unglückliche</hi>, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">entzweyte</hi> Bewußtseyn muß also, weil dieser<lb n="2"/>Widerspruch seines Wesens sich <hi rendition="#g">Ein</hi> Bewußtseyn ist, in dem einen Bewußtseyn<lb n="3"/>immer auch das andere haben, und so aus jedem unmittelbar, indem es zum Siege<lb n="4"/>und zur Ruhe der Einheit gekommen zu seyn meynt, wieder daraus ausgetrieben<lb n="5"/>werden. Seine wahre Rückkehr aber in sich selbst, oder seine Versöhnung mit<lb n="6"/>sich wird den Begriff des lebendig gewordenen und in die Existenz getretenen<lb n="7"/>Geistes darstellen, weil an ihm schon diß ist, daß es als Ein ungetheiltes Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wußtseyn ein gedoppeltes ist; es selbst <hi rendition="#g">ist</hi> das Schauen eines Selbstbewußtseyns in<lb n="9"/>ein anderes, und es selbst <hi rendition="#g">ist</hi> beyde, und die Einheit beyder ist ihm auch das<lb n="10"/>Wesen, aber es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist sich noch nicht dieses Wesen selbst, noch nicht die<lb n="11"/>Einheit beyder.</p>
<p><lb n="12"/>Indem es zunächst nur die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> beyder ist, aber für es<lb n="13"/>nicht beyde dasselbe, sondern entgegengesetzte sind, so ist ihm das eine, nemlich<lb n="14"/>das einfache unwandelbare, als das <hi rendition="#g">Wesen</hi>; das andere aber, das vielfache wandel<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bare, als das <hi rendition="#g">Unwesentliche</hi>. Beyde sind <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> einander fremde Wesen; es<lb n="16"/>selbst, weil es das Bewußtseyn dieses Widerspruchs ist, stellt sich auf die Seite des<lb n="17"/>wandelbaren Bewußtseyns, und ist sich das unwesentliche; aber als Bewußtseyn<lb n="18"/>der Unwandelbarkeit, oder des einfachen Wesens, muß es zugleich darauf gehen,<lb n="19"/>sich von dem unwesentlichen, das heißt, sich von sich selbst zu befreyen. Denn<lb n="20"/>ob es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> wohl nur das wandelbare, und das unwandelbare ihm ein Fremdes<lb n="21"/>ist, so <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> einfaches, und hiemit unwandelbares Bewußtseyn, dessen<lb n="22"/>hiemit als <hi rendition="#g">seines</hi> Wesens sich bewußt, jedoch so, daß <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> für sich wieder<lb n="23"/>nicht diß Wesen ist. Die Stellung, welche es beyden gibt, kann daher nicht eine<lb n="24"/>Gleichgültigkeit derselben gegeneinander, d. i. nicht eine Gleichgültigkeit seiner<lb n="25"/>selbst gegen das Unwandelbare seyn; sondern es ist unmittelbar selbst beyde, und<lb n="26"/>es ist für es <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">beyder</hi> als eine Beziehung des Wesens auf das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wesen, so daß diß letztere aufzuheben ist, aber indem ihm beyde gleichwesentlich<lb n="28"/>und widersprechend sind, ist es nur die widersprechende Bewegung, in welcher<lb n="29"/>das Gegentheil nicht in seinem Gegentheil zur Ruhe kommt, sondern in ihm nur<lb n="30"/>als Gegentheil sich neu erzeugt.</p>
<p><lb n="31"/>Es ist damit ein Kampf gegen einen Feind vorhanden, gegen welchen der Sieg<lb n="32"/>vielmehr ein Unterliegen, das eine erreicht zu haben vielmehr der Verlust des<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>selben in seinem Gegentheile ist. Das Bewußtseyn des Lebens, seines Daseyns und<lb n="34"/>Thuns ist nur der Schmerz über dieses Daseyn und Thun, denn es hat darin nur das<lb n="35"/>Bewußtseyn seines Gegentheils als des Wesens, und der eignen Nichtigkeit. Es<lb n="36"/>geht in die Erhebung hieraus zum Unwandelbaren über. Aber diese Erhebung ist<lb n="37"/>selbst diß Bewußtseyn; sie ist also unmittelbar das Bewußtseyn des Gegentheils,</p>
<pb n="123" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=130" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>nemlich seiner selbst als der Einzelnheit. Das Unwandelbare, das in das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyn tritt, ist ebendadurch zugleich von der Einzelnheit berührt, und nur mit dieser<lb n="3"/>gegenwärtig; statt diese im Bewußtseyn des Unwandelbaren vertilgt zu haben,<lb n="4"/>geht sie darin immer nur hervor.</p>
<p><lb n="5"/>In dieser Bewegung aber erfährt es eben dieses <hi rendition="#g">Hervortreten</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzeln<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> AM <hi rendition="#g">Unwandelbaren,</hi> und <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Unwandelbaren</hi> AN <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzeln<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">heit.</hi> Es wird <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> die Einzelnheit <hi rendition="#g">überhaupt</hi> <hi rendition="#g">am</hi> unwandelbaren Wesen,<lb n="8"/>und zugleich die <hi rendition="#g">seinige</hi> an ihm. Denn die Wahrheit dieser Bewegung ist eben<lb n="9"/>das <hi rendition="#g">Einsseyn</hi> dieses gedoppelten Bewußtseyns. <hi rendition="#g">Diese</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> <hi rendition="#g">wird</hi> <hi rendition="#g">ihm,</hi><lb n="10"/>aber <hi rendition="#g">zunächst</hi> selbst eine solche, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">welcher</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Verschiedenheit</hi><lb n="11"/>beyder das Herrschende ist. Es ist dadurch die dreyfache Weise für dasselbe vor<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>handen, wie die Einzelnheit mit dem Unwandelbaren verknüpft ist; <hi rendition="#g">einmal</hi><lb n="13"/>geht es selbst sich wieder hervor als entgegengesetzt dem unwandelbaren Wesen;<lb n="14"/>und es ist in den Anfang des Kampfs zurückgeworfen, welcher das Element des<lb n="15"/>ganzen Verhältnisses bleibt. Das <hi rendition="#g">andremal</hi> aber hat das <hi rendition="#g">Unwandelbare</hi> selbst<lb n="16"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> die <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es;</hi> so daß sie Gestalt des Unwandelbaren ist, an<lb n="17"/>welches hiemit die ganze Weise der Existenz hinübertritt. Das <hi rendition="#g">drittemal</hi> findet<lb n="18"/><hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> als dieses Einzelne im Unwandelbaren. Das <hi rendition="#g">erste</hi> Unwandelbare<lb n="19"/>ist ihm nur das <hi rendition="#g">fremde</hi> die Einzelnheit verurtheilende Wesen; indem das <hi rendition="#g">andre</hi><lb n="20"/>eine <hi rendition="#g">Gestalt</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> wie es selbst ist, so wird es <hi rendition="#g">drittens</hi> zum Geiste,<lb n="21"/>hat sich selbst darin zu finden die Freude, und wird sich seine Einzelnheit mit dem<lb n="22"/>Allgemeinen versöhnt zu seyn bewußt.</p>
<p><lb n="23"/>Was sich hier als Weise und Verhältniß des Unwandelbaren darstellt, ergab sich<lb n="24"/>als die <hi rendition="#g">Erfahrung,</hi> welche das entzweyte Selbstbewußtseyn in seinem Unglücke<lb n="25"/>macht. Diese Erfahrung ist nun zwar nicht <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">einseitige</hi> Bewegung, denn<lb n="26"/>es ist selbst unwandelbares Bewußtseyn, dieses hiemit zugleich auch einzelnes<lb n="27"/>Bewußtseyn, und die Bewegung ebensowohl Bewegung des unwandelbaren<lb n="28"/>Bewußtseyns, das in ihr so sehr wie das andere auftritt; denn sie verläufft sich durch<lb n="29"/>diese Momente, einmal unwandelbares dem einzelnen überhaupt, dann selbst ein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>zelnes dem andern einzelnen entgegengesetzt, und endlich mit ihm Eins zu seyn.<lb n="31"/>Aber diese Betrachtung, insofern sie uns angehört, ist hier unzeitig, denn bis itzt<lb n="32"/>ist uns nur die Unwandelbarkeit als Unwandelbarkeit des Bewußtseyns, welche<lb n="33"/>deswegen nicht die wahre, sondern noch mit einem Gegensatze behafftete ist,<lb n="34"/>nicht das Unwandelbare <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> entstanden; wir wissen daher<lb n="35"/>nicht, wie dieses sich verhalten wird. Was hier sich ergeben hat, ist nur diß, daß<lb n="36"/>dem Bewußtseyn, das hier unser Gegenstand ist, diese angezeigten Bestimmungen<lb n="37"/>an dem Unwandelbaren erscheinen.</p>
<p><lb n="38"/>Aus diesem Grunde behält also auch das unwandelbare <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> in seiner<lb n="39"/>Gestaltung selbst den Charakter und die Grundlage des Entzweyt- und des Für-</p>
<pb n="124" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=131" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>sichseyns gegen das einzelne Bewußtseyn. Es ist hiemit für dieses, überhaupt ein<lb n="2"/><hi rendition="#g">Geschehen</hi>, daß das Unwandelbare die Gestalt der Einzelnheit erhält; so wie<lb n="3"/>es sich auch ihm entgegengesetzt nur <hi rendition="#g">findet</hi>, und also <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> diß<lb n="4"/>Verhältniß hat; daß es <hi rendition="#g">sich</hi> endlich in ihm <hi rendition="#g">findet</hi>, erscheint ihm zum Theil<lb n="5"/>zwar durch es selbst hervorgebracht, oder darum Statt zu haben, weil es selbst<lb n="6"/>einzeln ist; aber ein Theil dieser Einheit als dem Unwandelbaren zugehörend,<lb n="7"/>sowohl nach ihrer Entstehung, als insofern sie ist; und der Gegensatz bleibt in dieser<lb n="8"/>Einheit selbst. In der That ist durch die <hi rendition="#g">Gestaltung</hi> des Unwandelbaren das<lb n="9"/>Moment des Jenseits nicht nur geblieben, sondern vielmehr noch befestigt; denn<lb n="10"/>wenn es durch die Gestalt der einzelnen Wirklichkeit ihm einerseits zwar näher<lb n="11"/>gebracht zu seyn scheint, so ist es ihm andererseits nunmehr als ein undurchsichtiges<lb n="12"/>sinnliches <hi rendition="#g">Eins</hi>, mit der ganzen Sprödigkeit eines <hi rendition="#g">Wirklichen</hi>, gegenüber;<lb n="13"/>die Hoffnung mit ihm Eins zu werden, muß Hoffnung, das heißt, ohne Erfüllung<lb n="14"/>und Gegenwart bleiben, denn zwischen ihr und der Erfüllung steht gerade die<lb n="15"/>absolute Zufälligkeit oder unbewegliche Gleichgültigkeit, welche in der Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tung selbst, dem begründenden der Hoffnung, liegt. Durch die Natur des <hi rendition="#g">seyenden</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">Eins</hi>, durch die Wirklichkeit, die es angezogen, geschieht es nothwendig, daß<lb n="18"/>es in der Zeit verschwunden, und im Raume und ferne gewesen ist, und schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>hin ferne bleibt.</p>
<p><lb n="20"/>Wenn zuerst der bloße Begriff des entzweyten Bewußtseyns sich so bestimmte,<lb n="21"/>daß es auf das Aufheben seiner als einzelnen und auf das Werden zum unwandel<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>baren Bewußtseyn gehe, so hat sein Streben nunmehr diese Bestimmung, daß es<lb n="23"/>vielmehr sein Verhältniß zu dem reinen <hi rendition="#g">ungestalteten</hi> Unwandelbaren auf<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>hebe, und sich nur die Beziehung auf <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">gestalteten</hi> <hi rendition="#g">Unwandelbaren</hi><lb n="25"/>gebe. Denn das <hi rendition="#g">Einsseyn</hi> des Einzelnen mit dem Unwandelbaren ist ihm nun<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mehr <hi rendition="#g">Wesen</hi> und <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, wie im Begriffe nur das gestaltlose, abstracte<lb n="27"/>Unwandelbare der wesentliche Gegenstand war; und das Verhältniß dieses ab<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>soluten Entzweytseyns des Begriffes ist nun dasjenige, von welchem es sich weg<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zuwenden hat. Die zunächst äußere Beziehung aber zu dem gestalteten Unwandel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>baren als einem fremden Wirklichen hat es zum absoluten Einswerden zu erheben.</p>
<p><lb n="31"/>Die Bewegung, worin das unwesentliche Bewußtseyn diß Einsseyn zu erreichen<lb n="32"/>strebt, ist selbst die <hi rendition="#g">dreyfache</hi>, nach dem dreyfachen Verhältnisse, welche es<lb n="33"/>zu seinem gestalteten Jenseits haben wird; einmal als <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>;<lb n="34"/>das andremal als <hi rendition="#g">einzelnes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, welches sich als Begierde und Arbeit gegen<lb n="35"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> verhält; und zum dritten als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi>. – Wie diese drey Weisen seines Seyns in jenem allgemeinen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hältnisse vorhanden und bestimmt sind, ist nun zu sehen.</p>
<p><lb n="38"/>Zuerst also es als <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> betrachtet, so scheint der gestaltete<lb n="39"/>Unwandelbare, indem er für das reine Bewußtseyn ist, gesetzt zu werden, wie</p>
<pb n="125" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=132" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>er an und für sich selbst ist. Allein wie er an und für sich selbst ist, diß ist, wie schon<lb n="2"/>erinnert, noch nicht entstanden. Daß er im Bewußtseyn wäre, wie er an und für<lb n="3"/>sich selbst ist, diß müßte wohl von ihm vielmehr ausgehen, als von dem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyn; so aber ist diese seine Gegenwart hier nur erst einseitig durch das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>seyn vorhanden, und eben darum nicht vollkommen und wahrhafftig, sondern<lb n="6"/>bleibt mit Unvollkommenheit oder einem Gegensatze beschwert.</p>
<p><lb n="7"/>Obgleich aber das unglückliche Bewußtseyn also diese Gegenwart nicht besitzt,<lb n="8"/>so ist es zugleich über das reine Denken, insofern dieses das abstracte von der <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">zelnheit</hi> überhaupt <hi rendition="#g">wegsehende</hi> Denken des Stoicismus, und das nur <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">ruhige</hi> Denken des Skepticismus, – in der That nur die Einzelnheit als der bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lose Widerspruch und dessen rastlose Bewegung – ist; es ist über diese beyde hin<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>aus, es bringt und hält das reine Denken und die Einzelnheit zusammen, ist aber<lb n="13"/>noch nicht zu demjenigen Denken erhoben, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> die Einzelnheit des<lb n="14"/>Bewußtseyns mit dem reinen Denken selbst ausgesöhnt ist. Es steht vielmehr in<lb n="15"/>dieser Mitte, worin das abstracte Denken die Einzelnheit des Bewußtseyns als<lb n="16"/>Einzelnheit berührt. Es selbst <hi rendition="#g">ist</hi> diese Berührung; es ist die Einheit des reinen<lb n="17"/>Denkens und der Einzelnheit; es ist auch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> diese denkende Einzelnheit, oder<lb n="18"/>das reine Denken, und das Unwandelbare wesentlich selbst als Einzelnheit. Aber<lb n="19"/>es ist nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, daß dieser sein Gegenstand, das Unwandelbare, welches ihm<lb n="20"/>wesentlich die Gestalt der Einzelnheit hat, <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist, es selbst, das Einzelnheit<lb n="21"/>des Bewußtseyns ist.</p>
<p><lb n="22"/>Es <hi rendition="#g">verhält</hi> sich daher in dieser ersten Weise, worin wir es als <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> betrachten, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> nicht denkend, sondern indem es<lb n="24"/>selbst zwar <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> reine denkende Einzelnheit und sein Gegenstand eben dieses,<lb n="25"/>aber nicht die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">aufeinander</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> ist, geht es,<lb n="26"/>so zu sagen, nur <hi rendition="#g">an</hi> das Denken <hi rendition="#g">hin</hi>, und ist <hi rendition="#g">Andacht</hi>. Sein Denken als solche<lb n="27"/>bleibt das gestaltlose Sausen des Glockengeläutes oder eine warme Nebelerfüllung,<lb n="28"/>ein musicalisches Denken, das nicht zum Begriffe, der die einzige immanente gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ständliche Weise wäre, kommt. Es wird diesem unendlichen reinen innern Fühlen<lb n="30"/>wohl sein Gegenstand; aber so eintretend, daß er nicht als begriffner, und darum<lb n="31"/>als ein Fremdes eintritt. Es ist hiedurch die innerliche Bewegung des <hi rendition="#g">reinen</hi><lb n="32"/>Gemüths vorhanden, welches sich selbst, aber als die Entzweyung schmerzhafft<lb n="33"/><hi rendition="#g">fühlt</hi>; die Bewegung einer unendlichen <hi rendition="#g">Sehnsucht</hi>, welche die Gewißheit hat,<lb n="34"/>daß ihr Wesen ein solches reines Gemüth ist, reines <hi rendition="#g">Denken</hi>, welches sich <hi rendition="#g">als</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> <hi rendition="#g">denkt</hi>; daß sie von diesem Gegenstande, ebendarum, weil er sich<lb n="36"/>als Einzelnheit denkt, erkannt, und anerkannt wird. Zugleich aber ist diß Wesen<lb n="37"/>das unerreichbare <hi rendition="#g">Jenseits</hi>, welches im Ergreiffen entflieht, oder vielmehr schon</p>
<pb n="126" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=133" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>entflohen ist. Es ist schon entflohen; denn es ist einestheils das sich als Einzelnheit<lb n="2"/>denkende Unwandelbare, und das Bewußtseyn erreicht sich selbst daher un<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>mittelbar in ihm, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, aber als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Unwandelbaren</hi> <hi rendition="#g">entgegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">gesetzte</hi>; statt das Wesen zu ergreiffen <hi rendition="#g">fühlt</hi> es nur, und ist in sich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gefallen; indem es im Erreichen sich als diß entgegengesetzte nicht abhalten kann,<lb n="6"/>hat es statt das Wesen ergriffen zu haben, nur die Unwesentlichkeit ergriffen. Wie<lb n="7"/>es so auf einer Seite, indem <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> zu erreichen strebt, nur die eigne<lb n="8"/>getrennte Wirklichkeit ergreifft, so kann es auf der andern Seite das Andere nicht<lb n="9"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">einzelnes</hi>, oder als <hi rendition="#g">wirkliches</hi> ergreiffen. Wo es gesucht werde, kann es<lb n="10"/>nicht gefunden werden, denn es soll eben <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Jenseits</hi>, ein solches seyn, welches<lb n="11"/>nicht gefunden werden kann. Es als einzelnes gesucht, ist nicht eine <hi rendition="#g">allgemeine</hi>,<lb n="12"/>gedachte <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>, nicht Begriff, sondern <hi rendition="#g">einzelnes</hi> als Gegenstand, oder<lb n="13"/><hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">wirkliches</hi>; Gegenstand der unmittelbaren sinnlichen Gewißheit; und<lb n="14"/>ebendarum nur ein solches, welches verschwunden ist. Dem Bewußtseyn kann<lb n="15"/>daher nur das <hi rendition="#g">Grab</hi> seines Lebens zur Gegenwart kommen. Aber weil diß selbst<lb n="16"/>eine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> und es gegen die Natur dieser ist, einen dauernden Besitz<lb n="17"/>zu gewähren; so ist auch diese Gegenwart des Grabes nur der Kampf eines Be<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mühens, der verloren werden muß. Allein indem es diese Erfahrung gemacht,<lb n="19"/>daß <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Grab</hi> seines <hi rendition="#g">wirklichen</hi> unwandelbaren Wesens <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">Wirklich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> hat, daß die <hi rendition="#g">verschwundene</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> als verschwundne nicht die<lb n="21"/>wahre Einzelnheit ist, wird es die unwandelbare Einzelnheit als <hi rendition="#g">wirkliche</hi> auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zusuchen, oder als verschwundne festzuhalten aufgeben, und erst hiedurch ist es<lb n="23"/>fähig die Einzelnheit als wahrhaffte oder als allgemeine zu finden.</p>
<p><lb n="24"/>Zunächst aber ist die <hi rendition="#g">Rückkehr</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gemüths</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> so zu nehmen,<lb n="25"/>daß es sich als <hi rendition="#g">einzelnes</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> hat. Es ist das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Gemüth</hi>, welches<lb n="26"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sich gefunden und in sich ersättigt ist, denn ob <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi><lb n="27"/>in seinem Gefühle sich wohl das Wesen von ihm trennt, so ist an sich diß Gefühl<lb n="28"/><hi rendition="#g">Selbstgefühl</hi>, es hat den Gegenstand seines reinen Fühlens gefühlt, und dieser<lb n="29"/>ist es selbst; es tritt also hieraus als Selbstgefühl oder für sich seyendes Wirkliches<lb n="30"/>auf. In dieser Rückkehr in sich ist für uns sein <hi rendition="#g">zweytes</hi> <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> geworden,<lb n="31"/>das der Begierde und Arbeit, welche dem Bewußtseyn die innerliche Gewißheit<lb n="32"/>seiner selbst, die es für uns erlangt hat, durch Aufheben und Genießen des fremden<lb n="33"/>Wesens, nemlich desselben in der Form der selbstständigen Dinge bewährt. Das<lb n="34"/>unglückliche Bewußtseyn aber <hi rendition="#g">findet</hi> sich nur als <hi rendition="#g">begehrend</hi> und <hi rendition="#g">arbeitend</hi>;<lb n="35"/>es ist für es nicht vorhanden, daß sich so zu finden, die innre Gewißheit seiner selbst<lb n="36"/>zum Grunde liegt, und sein Gefühl des Wesens diß Selbstgefühl ist. Indem es sie<lb n="37"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> nicht hat, bleibt sein Innres vielmehr noch die gebrochne Gewiß-</p>
<pb n="127" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=134" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>heit seiner selbst; die Bewährung, welche es durch Arbeit und Genuß erhalten<lb n="2"/>würde, ist darum eine ebensolche <hi rendition="#g">gebrochne</hi>; oder es muß sich vielmehr selbst<lb n="3"/>diese Bewährung vernichten, so daß es in ihr wohl die Bewährung, aber nur die<lb n="4"/>Bewährung desjenigen, was es für sich ist, nemlich seiner Entzweyung findet.</p>
<p><lb n="5"/>Die Wirklichkeit, gegen welche sich die Begierde und die Arbeit wendet, ist<lb n="6"/>diesem Bewußtseyn nicht mehr ein <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nichtiges</hi>, von ihm nur aufzuheben<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>des und zu verzehrendes, sondern ein solches, wie es selbst ist, eine <hi rendition="#g">entzwey</hi><lb n="8"/><hi rendition="#g">gebrochene</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, welche nur einerseits an sich nichtig, andererseits<lb n="9"/>aber auch eine geheiligte Welt ist; sie ist Gestalt des Unwandelbaren, denn dieses<lb n="10"/>hat die Einzelnheit an sich erhalten, und weil es als das Unwandelbare Allgemeines<lb n="11"/>ist, hat seine Einzelnheit überhaupt die Bedeutung aller Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="12"/>Wenn das Bewußtseyn für sich selbstständiges Bewußtseyn und ihm die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lichkeit an und für sich nichtig wäre, würde es in der Arbeit und in dem Genusse<lb n="14"/>zum Gefühle seiner Selbstständigkeit gelangen, dadurch daß es selbst es wäre,<lb n="15"/>welches die Wirklichkeit aufhöbe. Allein indem diese ihm Gestalt des Unwandel<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>baren ist, vermag es nicht sie durch sich aufzuheben. Sondern indem es zwar zur<lb n="17"/>Vernichtung der Wirklichkeit und zum Genusse gelangt, so geschieht für es diß<lb n="18"/>wesentlich dadurch, daß das Unwandelbare selbst seine Gestalt <hi rendition="#g">preisgibt</hi>, und<lb n="19"/>ihm zum Genusse <hi rendition="#g">überläßt</hi>. - Das Bewußtseyn tritt hierin seinerseits <hi rendition="#g">gleich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">falls</hi> als Wirkliches auf, aber ebenso als innerlich gebrochen, und diese Entzweyung<lb n="21"/>stellt sich in seinem Arbeiten und Genießen dar, in ein <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">zur</hi> <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> oder das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> und in ein <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> sich zu brechen. Jenes<lb n="23"/>Verhältniß zur Wirklichkeit ist das <hi rendition="#g">Verändern</hi> oder das <hi rendition="#g">Thun</hi>, das Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>seyn, das dem <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußtseyn als solchem angehört. Aber es ist darin auch<lb n="25"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; diese Seite gehört dem Unwandelbaren Jenseits an; sie sind die Fähig<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keiten und Kräffte, eine fremde Gabe, welche das Unwandelbare ebenso dem<lb n="27"/>Bewußtseyn überläßt, um sie zu gebrauchen.</p>
<p><lb n="28"/>In seinem Thun ist demnach das Bewußtseyn zunächst in dem Verhältnisse<lb n="29"/>zweyer Extreme; es steht als das thätige Disseits auf einer Seite, und ihm gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>über die passive Wirklichkeit, beyde in Beziehung auf einander aber auch beyde<lb n="31"/>in das Unwandelbare zurückgegangen, und an sich festhaltend. Von beyden Seiten<lb n="32"/>löst sich daher nur eine Oberfläche gegeneinander ab, welche in das Spiel der<lb n="33"/>Bewegung gegen die andre tritt. - Das Extrem der Wirklichkeit wird durch das<lb n="34"/>thätige Extrem aufgehoben; sie von ihrer Seite kann aber nur darum aufgehoben<lb n="35"/>werden, weil ihr unwandelbares Wesen sie selbst aufhebt, sich von sich abstößt,<lb n="36"/>und das abgestoßene der Thätigkeit preisgibt. Die thätige Krafft erscheint als <hi rendition="#g">die</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Macht</hi>, worin die Wirklichkeit sich auflöst; darum aber ist für dieses Bewußt-</p>
<pb n="128" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=135" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>seyn, welchem das <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder das Wesen ein ihm Andres ist, diese Macht, als<lb n="2"/>welche es in der Thätigkeit auftritt, das Jenseits seiner selbst. Statt also aus seinem<lb n="3"/>Thun in sich zurückzukehren, und sich für sich selbst bewährt zu haben, reflectirt<lb n="4"/>es vielmehr diese Bewegung des Thuns in das andre Extrem zurück, welches hie<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>durch als rein allgemeines, als die absolute Macht dargestellt ist, von der die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wegung nach allen Seiten ausgegangen, und die das Wesen sowohl der sich zer<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>setzenden Extreme, wie sie zuerst auftraten, als des Wechsels selbst sey.</p>
<p><lb n="8"/>Daß das unwandelbare Bewußtseyn auf seine Gestalt <hi rendition="#g">Verzicht</hi> <hi rendition="#g">thut</hi> und<lb n="9"/>sie <hi rendition="#g">preisgibt</hi>, dagegen das einzelne Bewußtseyn <hi rendition="#g">dankt</hi>, d. h. die Befriedigung<lb n="10"/>des Bewußtseyns seiner <hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi> sich <hi rendition="#g">versagt</hi>, und das Wesen des<lb n="11"/>Thuns von sich ab dem Jenseits zuweist, durch diese beyde Momente des <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">seitigen</hi> sich <hi rendition="#g">aufgebens</hi> beyder Theile entsteht hiemit allerdings dem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn seine <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit dem Unwandelbaren. Allein zugleich ist diese Einheit<lb n="14"/>mit der Trennung afficirt, in sich wieder gebrochen, und es tritt aus ihr der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>satz des allgemeinen und einzelnen wieder hervor. Denn das Bewußtseyn entsagt<lb n="16"/>zwar <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Scheine</hi>, der Befriedigung seines Selbstgefühls; erlangt aber die<lb n="17"/><hi rendition="#g">wirkliche</hi> Befriedigung desselben; denn <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> Begierde, Arbeit und Genuß<lb n="18"/>gewesen; <hi rendition="#g">es</hi> hat als Bewußtseyn <hi rendition="#g">gewollt</hi>, <hi rendition="#g">gethan</hi> und <hi rendition="#g">genossen</hi>. Sein <hi rendition="#g">Dan<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">ken</hi> ebenso, worin es das andre Extrem als das Wesen anerkennt, und sich auf<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>hebt, ist selbst <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">eignes</hi> Thun, welches das Thun des andern Extrems auf<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wiegt, und der sich preisgebenden Wohlthat ein <hi rendition="#g">gleiches</hi> Thun entgegenstellt;<lb n="22"/>wenn jenes ihm seine <hi rendition="#g">Oberfläche</hi> überläßt, so dankt es <hi rendition="#g">aber</hi> <hi rendition="#g">auch</hi>, und thut<lb n="23"/>darin, indem es sein Thun, d. h. sein <hi rendition="#g">Wesen</hi>, selbst aufgibt, eigentlich mehr als<lb n="24"/>das andere, das nur eine Oberfläche von sich abstößt. Die ganze Bewegung reflec<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>tirt sich also nicht nur im wirklichen Begehren, Arbeiten und Genießen, sondern<lb n="26"/>sogar selbst im Danken, worin das Gegentheil zu geschehen scheint, in das <hi rendition="#g">Ex<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">trem</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>. Das Bewußtseyn fühlt sich darin als dieses einzelne,<lb n="28"/>und läßt sich durch den Schein seines Verzichtleistens nicht täuschen, denn die<lb n="29"/>Wahrheit desselben ist, daß es sich nicht aufgegeben hat; was zu Stande gekommen,<lb n="30"/>ist nur die gedoppelte Reflexion in die beyden Extreme, und das Resultat die wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>holte Spaltung in das entgegengesetzte Bewußtseyn des <hi rendition="#g">Unwandelbaren</hi> und<lb n="32"/>in das Bewußtseyn des <hi rendition="#g">gegenüberstehenden</hi> Wollens, Vollbringens, Genießens,<lb n="33"/>und des auf sich Verzichtleistens selbst, oder der <hi rendition="#g">fürsichseyenden</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi><lb n="34"/>überhaupt.</p>
<p><lb n="35"/>Es ist damit das <hi rendition="#g">dritte</hi> <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> der Bewegung dieses Bewußtseyns ein<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>getreten, welches aus dem zweyten als ein solches hervortritt, das in Wahrheit<lb n="37"/>durch sein Wollen und Vollbringen sich als selbstständiges erprobt hat. Im ersten<lb n="38"/>Verhältnisse war es nur <hi rendition="#g">Begriff</hi> des wirklichen Bewußtseyns, oder das <hi rendition="#g">innre</hi><lb n="39"/><hi rendition="#g">Gemüth</hi>, welches im Thun und Genusse noch nicht wirklich ist; das <hi rendition="#g">zweyte</hi></p>
<pb n="129" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=136" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>ist diese Verwirklichung, als äußeres Thun und Genießen; hieraus aber zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gekehrt ist es ein solches, welches sich als wirkliches und wirkendes Bewußtseyn<lb n="3"/><hi rendition="#g">erfahren</hi>, oder dem es <hi rendition="#g">wahr</hi> ist, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zu seyn. Darin ist aber nun<lb n="4"/>der Feind in seiner eigensten Gestalt aufgefunden. Im Kampfe des Gemüths ist<lb n="5"/>das einzelne Bewußtseyn nur als musicalisches, abstractes Moment; in der Arbeit<lb n="6"/>und dem Genusse, als der Realisirung dieses wesenlosen Seyns, kann es unmittelbar<lb n="7"/><hi rendition="#g">sich</hi> vergessen, und die bewußte <hi rendition="#g">Eigenheit</hi> in dieser Wirklichkeit wird durch<lb n="8"/>das dankende Anerkennen niedergeschlagen. Dieses Niederschlagen ist aber in<lb n="9"/>Wahrheit eine Rückkehr des Bewußtseyns in sich selbst, und zwar in sich als die<lb n="10"/>ihm wahrhaffte Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="11"/>Diß dritte Verhältniß, worin diese wahrhaffte Wirklichkeit das Eine Extrem<lb n="12"/>ist, ist die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> derselben auf das allgemeine Wesen, als der Nichtigkeit;<lb n="13"/>und die Bewegung dieser Beziehung ist noch zu betrachten.</p>
<p><lb n="14"/>Was zuerst die entgegengesetzte Beziehung des Bewußtseyns betrifft, worin<lb n="15"/>ihm seine <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Nichtige</hi> ist, so wird also sein wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>liches Thun zu einem Thun von Nichts, sein Genuß Gefühl seines Unglücks. Hie<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>mit verlieren Thun und Genuß allen <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Bedeutung</hi>,<lb n="18"/>denn dadurch hätten sie ein an und fürsichseyn, und beyde ziehen sich in die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>zelnheit zurück, auf welche das Bewußtseyn, sie aufzuheben, gerichtet ist. Seiner<lb n="20"/>als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi>, ist das Bewußtseyn sich in den thierischen<lb n="21"/>Functionen bewußt. Diese, statt unbefangen, als etwas, das an und für sich nichtig<lb n="22"/>ist, und keine Wichtigkeit und Wesenheit für den Geist erlangen kann, gethan<lb n="23"/>zu werden, da sie es sind, in welchen sich der Feind in seiner eigenthümlichen<lb n="24"/>Gestalt zeigt, sind sie vielmehr Gegenstand des ernstlichen Bemühens, und werden<lb n="25"/>gerade zum Wichtigsten. Indem aber dieser Feind in seiner Niederlage sich erzeugt,<lb n="26"/>das Bewußtseyn, da es sich ihn fixirt, vielmehr statt frey davon zu werden, immer<lb n="27"/>dabey verweilt, und sich immer verunreinigt erblickt, zugleich dieser Inhalt seines<lb n="28"/>Bestrebens, statt eines wesentlichen das niedrigste, statt eines allgemeinen das ein<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zelnste ist, so sehen wir nur eine auf sich und ihr kleines Thun beschränkte, und sich<lb n="30"/>bebrütende, eben so unglückliche als ärmliche Persönlichkeit.</p>
<p><lb n="31"/>Aber an beydes, das Gefühl seines Unglücks, und die Aermlichkeit seines Thuns<lb n="32"/>knüpft sich ebenso das Bewußtseyn seiner Einheit mit dem Unwandelbaren.<lb n="33"/>Denn die versuchte unmittelbare Vernichtung seines wirklichen Seyns ist <hi rendition="#g">vermittelt</hi><lb n="34"/>durch den Gedanken des Unwandelbaren, und geschieht in dieser <hi rendition="#g">Beziehung</hi>. <hi rendition="#g">Die</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">mittelbare</hi> Beziehung macht das Wesen der negativen Bewegung aus, in welcher<lb n="36"/>es sich gegen seine Einzelnheit richtet, welche aber ebenso als <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="37"/>positiv ist, und für es selbst diese seine <hi rendition="#g">Einheit</hi> hervorbringen wird.</p>
<p><lb n="38"/>Diese mittelbare Beziehung ist hiemit ein Schluß, in welchem die sich zuerst<lb n="39"/>als gegen das <hi rendition="#g">Ansich</hi> entgegengesetzt fixirende Einzelnheit, mit diesem andern</p>
<pb n="130" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=137" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · IV. GEWISSHEIT SEINER SELBST</fw>
<p><lb n="1"/>Extreme nur durch ein drittes zusammengeschlossen ist. Durch diese Mitte ist das<lb n="2"/>Extrem des unwandelbaren Bewußtseyns für das unwesentliche Bewußtseyn, in<lb n="3"/>welchem zugleich auch diß ist, daß es ebenso für jenes nur durch diese Mitte sey,<lb n="4"/>und diese Mitte hiemit eine solche, die beyde Extreme einander vorstellt, und der<lb n="5"/>gegenseitige Diener eines jeden bey dem andern ist. Diese Mitte ist selbst ein bewuß<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tes Wesen, denn sie ist ein das Bewußtseyn als solches vermittelndes Thun; der<lb n="7"/>Inhalt dieses Thuns ist die Vertilgung, welche das Bewußtseyn mit seiner Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>heit vornimmt.</p>
<p><lb n="9"/>In ihr also befreyt dieses sich von dem Thun und Genusse als <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">seinen</hi>;<lb n="10"/>es stößt von sich als <hi rendition="#g">fürsichseyendem</hi> Extreme das Wesen seines <hi rendition="#g">Willens</hi> ab,<lb n="11"/>und wirft auf die Mitte oder den Diener die Eigenheit und Freyheit des Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>schlusses, und damit die <hi rendition="#g">Schuld</hi> seines Thuns. Dieser Vermittler, als mit dem<lb n="13"/>unwandelbaren Wesen in unmittelbarer Beziehung, dient mit seinem <hi rendition="#g">Rathe</hi><lb n="14"/>über das Rechte. Die Handlung, indem sie Befolgung eines fremden Beschlusses<lb n="15"/>ist, hört nach der Seite des Thuns oder des <hi rendition="#g">Willens</hi> auf, die eigne zu seyn. Es<lb n="16"/>bleibt aber noch ihre <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Seite dem unwesentlichen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyn, nemlich die <hi rendition="#g">Frucht</hi> seiner Arbeit und der <hi rendition="#g">Genuß</hi>. Diesen stößt es also<lb n="18"/>ebenso von sich ab, und leistet, wie auf seinen Willen so auf seine in der Arbeit<lb n="19"/>und Genusse erhaltene <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> Verzicht; auf sie, <hi rendition="#g">theils</hi> als auf die er<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>reichte Wahrheit seiner selbstbewußten <hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi>, – indem es etwas<lb n="21"/>ganz Fremdes ihm sinnloses vorstellend und sprechend sich bewegt; – theils auf<lb n="22"/>sie als <hi rendition="#g">äußerliches</hi> <hi rendition="#g">Eigenthum</hi>, – indem es von dem Besitze, den es durch die<lb n="23"/>Arbeit erworben, etwas abläßt; theils auf den gehabten <hi rendition="#g">Genuß</hi>, – indem es ihn<lb n="24"/>im Fasten und Kasteyen auch wieder ganz sich versagt.</p>
<p><lb n="25"/>Durch diese Momente des Aufgebens des eignen Entschlusses, dann des Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>thumes und Genusses, und endlich das positive Moment des Treibens eines un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>verstandenen Geschäfftes nimmt es sich in Wahrheit und vollständig das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>seyn der innern und äußern Freyheit, der Wirklichkeit als seines <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>;<lb n="29"/>es hat die Gewißheit in Wahrheit seines <hi rendition="#g">Ich</hi> sich entäußert, und sein unmittelbares<lb n="30"/>Selbstbewußtseyn zu einem <hi rendition="#g">Dinge</hi>, zu einem gegenständlichen Seyn gemacht<lb n="31"/>zu haben. – Die Verzichtleistung auf sich konnte es allein durch diese <hi rendition="#g">wirkliche</hi><lb n="32"/>Aufopferung bewähren; denn nur in ihr verschwindet der <hi rendition="#g">Betrug</hi>, welcher in<lb n="33"/>dem <hi rendition="#g">innern</hi> Anerkennen des Dankens durch Herz, Gesinnung und Mund liegt,<lb n="34"/>einem Anerkennen, welches zwar alle Macht des Fürsichseyns von sich abwälzt,<lb n="35"/>und sie einem Geben von oben zuschreibt, aber in diesem Abwälzen selbst sich die<lb n="36"/><hi rendition="#g">äußere</hi> Eigenheit in dem Besitze, den es nicht aufgibt, die <hi rendition="#g">innre</hi> aber in dem<lb n="37"/>Bewußtseyn des Entschlusses, den es selbst gefaßt, und in dem Bewußtseyn seines<lb n="38"/>durch es bestimmten Inhalts, den es nicht gegen einen fremden es sinnlos erfüllenden<lb n="39"/>umgetauscht hat, behält.</p>
<pb n="131" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=138" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. FREYHEIT DES SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Aber in der wirklich vollbrachten Aufopferung hat <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, wie das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyn das <hi rendition="#g">Thun</hi> als das seinige aufgehoben, auch sein <hi rendition="#g">Unglück</hi> von ihm ab<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gelassen. Daß diß Ablassen <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geschehen ist, ist jedoch ein Thun des andern<lb n="4"/>Extrems des Schlusses, welches das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> Wesen ist. Jene Aufopferung<lb n="5"/>des unwesentlichen Extrems war aber zugleich nicht ein einseitiges Thun, sondern<lb n="6"/>enthielt das Thun des andern in sich. Denn das Aufgeben des eignen Willens ist<lb n="7"/>nur einerseits negativ, <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi> nach oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, zugleich aber posi<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tiv, nemlich das Setzen des Willens als eines <hi rendition="#g">Andern</hi>, und bestimmt des Willens<lb n="9"/>als eines nicht einzelnen, sondern allgemeinen. Für diß Bewußtseyn ist diese posi<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tive Bedeutung des negativ gesetzten einzelnen Willens der Willen des andern<lb n="11"/>Extrems, der ihm, weil er eben ein anderes für es ist, nicht durch sich, sondern durch<lb n="12"/>das Dritte, den Vermittler als Rath, wird. Es wird daher <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> sein Willen wohl<lb n="13"/>zum allgemeinen, und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyenden Willen, aber <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi><lb n="14"/>diß <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; das Aufgeben des seinigen als <hi rendition="#g">einzelnen</hi> ist ihm nicht dem Begriffe<lb n="15"/>nach das positive des allgemeinen Willens. Ebenso sein Aufgeben des Besitzes und<lb n="16"/>Genusses hat nur dieselbe negative Bedeutung, und das Allgemeine, das für es<lb n="17"/>dadurch wird, ist ihm nicht sein <hi rendition="#g">eignes</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi>. Diese <hi rendition="#g">Einheit</hi> des gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lichen und des fürsichseyns, welche im <hi rendition="#g">Begriffe</hi> des Thuns ist, und welche darum<lb n="19"/>dem Bewußtseyn als das Wesen und <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> wird, – wie sie ihm nicht der<lb n="20"/>Begriff seines Thuns ist, so ist ihm auch diß nicht, daß sie als Gegenstand <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi><lb n="21"/>wird, unmittelbar und durch es selbst, sondern es läßt sich von dem vermittelnden<lb n="22"/>Diener diese selbst noch gebrochne Gewißheit aussprechen, daß nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="23"/>sein Unglück das verkehrte, nemlich sich in seinem Thun selbstbefriedigendes<lb n="24"/>Thun, oder seeliger Genuß; sein ärmliches Thun ebenso <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das verkehrte,<lb n="25"/>nemlich absolutes Thun; dem Begriffe nach, das Thun nur als Thun des Einzelnen<lb n="26"/>überhaupt Thun ist. Aber <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> selbst bleibt das Thun, und sein wirkliches Thun<lb n="27"/>ein ärmliches, und sein Genuß der Schmerz, und das Aufgehobenseyn derselben,<lb n="28"/>in der positiven Bedeutung ein <hi rendition="#g">Jenseits</hi>. Aber in diesem Gegenstande, worin ihm<lb n="29"/>sein Thun und Seyn als dieses <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußtseyns, Seyn und Thun <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="30"/>ist, ist ihm die Vorstellung der <hi rendition="#g">Vernunft</hi> geworden, der Gewißheit des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyns in seiner Einzelnheit absolut <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, oder alle Realität zu seyn.</p>
<pb n="132" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=139" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>V.</head>
<head><lb n="2"/>GEWISSHEIT UND WAHRHEIT<lb n="3"/>DER VERNUNFT.</head>
<p><lb n="4"/>Das Bewußtseyn geht in dem Gedanken, welchen es erfaßt hat, daß das <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">zelne</hi> Bewußtseyn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> absolutes Wesen ist, in sich selbst zurück. Für das<lb n="6"/>unglückliche Bewußtseyn ist das <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> das <hi rendition="#g">Jenseits</hi> seiner selbst. Aber<lb n="7"/>seine Bewegung hat diß an ihm vollbracht, die Einzelnheit in ihrer vollständigen<lb n="8"/>Entwicklung, oder die Einzelnheit, die <hi rendition="#g">wirkliches</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist, als das<lb n="9"/><hi rendition="#g">negative</hi> seiner selbst, nämlich als das <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Extrem gesetzt, oder<lb n="10"/>sein Fürsichseyn aus sich hinausgerungen, und es zum Seyn gemacht zu haben;<lb n="11"/>darin ist für es auch seine <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit diesem Allgemeinen geworden, welche<lb n="12"/>für uns, da das aufgehobne einzelne das Allgemeine ist, nicht mehr außer ihm fällt;<lb n="13"/>und da das Bewußtseyn in dieser seiner Negativität sich selbst erhält, an ihm als<lb n="14"/>solchem sein Wesen ist. Seine Wahrheit ist dasjenige, welches in dem Schlusse,<lb n="15"/>worin die Extreme absolut auseinander gehalten auftraten, als die Mitte erscheint,<lb n="16"/>welche es dem unwandelbaren Bewußtseyn ausspricht, daß das einzelne auf sich<lb n="17"/>Verzicht gethan, und dem einzelnen, daß das Unwandelbare kein Extrem mehr<lb n="18"/>für es, sondern mit ihm versöhnt ist. Diese Mitte ist die beyde unmittelbar wissende<lb n="19"/>und sie beziehende Einheit, und das Bewußtseyn ihrer Einheit, welche sie dem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wußtseyn und damit <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ausspricht, die Gewißheit alle Wahrheit zu seyn.</p>
<p><lb n="21"/>Damit daß das Selbstbewußtseyn Vernunft ist, schlägt sein bisher negatives<lb n="22"/>Verhältniß zu dem Andersseyn in ein positives um. Bisher ist es ihm nur um seine<lb n="23"/>Selbstständigkeit und Freyheit zu thun gewesen, um sich für sich selbst auf Kosten<lb n="24"/>der <hi rendition="#g">Welt</hi> oder seiner eignen Wirklichkeit, welche ihm beyde als das negative<lb n="25"/>seines Wesens erschienen, zu retten und zu erhalten. Aber als Vernunft, seiner<lb n="26"/>selbst versichert, hat es die Ruhe gegen sie empfangen, und kann sie ertragen;<lb n="27"/>denn es ist seiner selbst als der Realität gewiß; oder daß alle Wirklichkeit nichts<lb n="28"/>anders ist, als es; sein Denken ist unmittelbar selbst die Wirklichkeit; es verhält<lb n="29"/>sich also als Idealismus zu ihr. Es ist ihm, indem es sich so erfaßt, als ob die Welt<lb n="30"/>erst itzt ihm würde; vorher versteht es sie nicht; es begehrt, und bearbeitet sie;<lb n="31"/>zieht sich aus ihr in sich zurück, und vertilgt sie für sich, und sich selbst als Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>seyn, als Bewußtseyn derselben als des Wesens, so wie als Bewußtseyn ihrer Nich<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>tigkeit. Hierin erst, nachdem das Grab seiner Wahrheit verloren, das Vertilgen</p>
<pb n="133" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=140" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>seiner Wirklichkeit selbst vertilgt, und die Einzelnheit des Bewußtseyns ihm an<lb n="2"/>sich absolutes Wesen ist, entdeckt es sie als <hi rendition="#g">seine</hi> neue wirkliche Welt, die in ihrem<lb n="3"/>Bleiben Interesse für es hat, wie vorhin nur in ihrem Verschwinden; denn ihr<lb n="4"/><hi rendition="#g">Bestehen</hi> wird ihm seine eigne <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> und <hi rendition="#g">Gegenwart</hi>; es ist gewiß,<lb n="5"/>nur sich darin zu erfahren.</p>
<p><lb n="6"/>Die Vernunft ist die Gewißheit des Bewußtseyns alle Realität zu seyn: so spricht<lb n="7"/>der Idealismus ihren Begriff aus. Wie das Bewußtseyn, das als Vernunft <hi rendition="#g">auftritt</hi>,<lb n="8"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> jene Gewißheit an sich hat, so spricht auch der <hi rendition="#g">Idealismus</hi> sie<lb n="9"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> aus: Ich bin Ich, in dem Sinne, daß Ich, welches mir Gegenstand<lb n="10"/>ist, nicht wie im Selbstbewußtseyn überhaupt, noch auch wie im freyen Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bewußtseyn, dort nur <hi rendition="#g">leerer</hi> Gegenstand überhaupt, hier nur Gegenstand, der<lb n="12"/>sich von den Andern zurückzieht, welche <hi rendition="#g">neben</hi> ihm noch gelten, sondern<lb n="13"/>Gegenstand mit dem Bewußtseyn des <hi rendition="#g">Nichtseyns</hi> irgend eines andern, einziger<lb n="14"/>Gegenstand, alle Realität und Gegenwart ist. Das Selbstbewußtseyn ist aber nicht<lb n="15"/>nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern auch <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> alle Realität, erst dadurch, daß es diese Reali<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tät <hi rendition="#g">wird</hi>, oder vielmehr sich als solche <hi rendition="#g">erweist</hi>. Es erweist sich so in <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Wege</hi>,<lb n="17"/>worin zuerst in der dialektischen Bewegung des Meynens, Wahrnehmens und des<lb n="18"/>Verstandes das Andersseyn als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und dann in der Bewegung durch die<lb n="19"/>Selbstständigkeit des Bewußtseyns in Herrschafft und Knechtschafft, durch den<lb n="20"/>Gedanken der Freyheit, die skeptische Befreyung, und den Kampf der absoluten<lb n="21"/>Befreyung des in sich entzweyten Bewußtseyns, das Andersseyn insofern es nur<lb n="22"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> ist, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> verschwindet. Es traten zwey Seiten nach einander auf,<lb n="23"/>die eine, worin das Wesen oder das Wahre für das Bewußtseyn, die Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heit des <hi rendition="#g">Seyns</hi>, die andere die hatte nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> zu seyn. Aber beyde reducirten<lb n="25"/>sich in Eine Wahrheit, daß was <hi rendition="#g">ist</hi>, oder das <hi rendition="#g">Ansich</hi> nur ist, insofern es <hi rendition="#g">für</hi><lb n="26"/>das Bewußtseyn, und was <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> ist, auch <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Das Bewußtseyn, welches<lb n="27"/>diese Wahrheit ist, hat diesen Weg im Rücken und vergessen, indem es <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">bar</hi> als Vernunft auftritt, oder diese unmittelbar auftretende Vernunft tritt nur als<lb n="29"/>die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> jener <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> auf. Sie <hi rendition="#g">versichert</hi> so nur, alle Realität zu<lb n="30"/>seyn, begreift diß aber selbst nicht; denn jener vergessene Weg ist das Begreiffen<lb n="31"/>dieser unmittelbar ausgedrückten Behauptung. Und ebenso ist dem, der ihn nicht<lb n="32"/>gemacht hat, diese Behauptung, wenn er sie in dieser reinen Form hört, – denn<lb n="33"/>in einer concreten Gestalt macht er sie wohl selbst, – unbegreiflich.</p>
<p><lb n="34"/>Der Idealismus, der jenen Weg nicht darstellt, sondern mit dieser Behauptung<lb n="35"/>anfängt, ist daher auch reine <hi rendition="#g">Versicherung</hi>, welche sich selbst nicht begreift,<lb n="36"/>noch sich andern begreiflich machen kann. Er spricht eine <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Gewiß<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> aus, welcher andere unmittelbare Gewißheiten gegenüberstehen, die allein</p>
<pb n="134" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=141" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>auf jenem Wege verloren gegangen sind. Mit gleichem Rechte stellen daher <hi rendition="#g">neben</hi><lb n="2"/>der <hi rendition="#g">Versicherung</hi> jener Gewißheit sich auch die <hi rendition="#g">Versicherungen</hi> dieser<lb n="3"/>andern Gewißheiten. Die Vernunft beruft sich auf das <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn eines<lb n="4"/>jeden Bewußtseyns: <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">bin</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>; mein Gegenstand und Wesen ist <hi rendition="#g">Ich</hi>; und<lb n="5"/>keines wird ihr diese Wahrheit ableugnen. Aber indem sie sie auf diese Beruffung<lb n="6"/>gründet, sanctionirt sie die Wahrheit der andern Gewißheit nemlich der: <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="7"/>ANDERES <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">mich</hi>; Anderes als <hi rendition="#g">Ich</hi> ist mir Gegenstand und Wesen, oder indem<lb n="8"/><hi rendition="#g">Ich</hi> mir Gegenstand und Wesen bin, bin ich es nur, indem Ich mich von dem<lb n="9"/>Andern überhaupt zurückziehe, und als eine Wirklichkeit <hi rendition="#g">neben</hi> es trete. – Erst<lb n="10"/>wenn die Vernunft als <hi rendition="#g">Reflexion</hi> aus dieser entgegengesetzten Gewißheit auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tritt, tritt ihre Behauptung von sich nicht nur als Gewißheit und Versicherung,<lb n="12"/>sondern als <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> auf; und nicht <hi rendition="#g">neben</hi> andern, sondern als die <hi rendition="#g">einzige</hi>.<lb n="13"/>Das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Auftreten</hi> ist die Abstraction ihres <hi rendition="#g">Vorhandenseyns</hi>,<lb n="14"/>dessen <hi rendition="#g">Wesen</hi> und <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> absoluter Begriff, d. h. die <hi rendition="#g">Bewegung</hi> <hi rendition="#g">seines</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Gewordenseyns</hi> ist. – Das Bewußtseyn wird sein Verhältniß zum Andersseyn<lb n="16"/>oder seinem Gegenstande auf verschiedene Weise bestimmen, je nachdem es gerade<lb n="17"/>auf einer Stuffe des sich bewußtwerdenden Weltgeistes steht. Wie es sich und seinen<lb n="18"/>Gegenstand jedesmal <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> findet und bestimmt, oder wie es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist,<lb n="19"/>hängt davon ab, was er schon <hi rendition="#g">geworden</hi> oder was er schon <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist.</p>
<p><lb n="20"/>Die Vernunft ist die Gewißheit alle <hi rendition="#g">Realität</hi> zu seyn. Dieses <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder<lb n="21"/>diese <hi rendition="#g">Realität</hi> ist aber noch ein durchaus allgemeines, die reine <hi rendition="#g">Abstraction</hi><lb n="22"/>der Realität. Es ist die erste <hi rendition="#g">Positivität</hi>, welche das Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, und Ich daher nur die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> des Seyenden,<lb n="24"/>oder die einfache <hi rendition="#g">Kategorie</hi>. Die <hi rendition="#g">Kategorie</hi>, welche sonst die Bedeutung<lb n="25"/>hatte, Wesenheit des Seyenden zu seyn, <hi rendition="#g">unbestimmt</hi> des Seyenden überhaupt<lb n="26"/>oder des Seyenden gegen das Bewußtseyn, ist itzt <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> oder einfache<lb n="27"/><hi rendition="#g">Einheit</hi> des Seyenden nur als denkende Wirklichkeit; oder sie ist diß, daß Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bewußtseyn und Seyn <hi rendition="#g">dasselbe</hi> Wesen ist; <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, nicht in der Vergleichung,<lb n="29"/>sondern an und für sich. Nur der einseitige schlechte Idealismus läßt diese Einheit<lb n="30"/>wieder als Bewußtseyn auf die eine Seite, und ihr gegenüber ein <hi rendition="#g">Ansich</hi> treten. –<lb n="31"/>Diese Kategorie nun oder <hi rendition="#g">einfache</hi> Einheit des Selbstbewußtseyns und des Seyns<lb n="32"/>hat aber an sich <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>; denn ihr Wesen ist eben dieses, im <hi rendition="#g">Anders<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> oder im absoluten Unterschiede unmittelbar sich selbst gleich zu seyn. Der<lb n="34"/>Unterschied <hi rendition="#g">ist</hi> daher; aber vollkommen durchsichtig, und als ein Unterschied,<lb n="35"/>der zugleich keiner ist. Er erscheint als eine <hi rendition="#g">Vielheit</hi> von Kategorien. Indem<lb n="36"/>der Idealismus, die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Selbstbewußtseyns als alle Realität<lb n="37"/>ausspricht, und sie <hi rendition="#g">unmittelbar</hi>, ohne sie als absolut negatives Wesen, – nur</p>
<pb n="135" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=142" type="body"/>
<fw type="header" place="top">V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>dieses hat die Negation, die Bestimmtheit oder den Unterschied an ihm selbst, –<lb n="2"/>begriffen zu haben, zum Wesen macht, so ist noch unbegreifflicher, als das erste,<lb n="3"/>diß zweyte, daß in der Kategorie <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> oder <hi rendition="#g">Arten</hi> seyn. Diese Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sicherung überhaupt, so wie die Versicherung von irgend einer <hi rendition="#g">bestimmten</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Anzahl</hi> der Arten derselben, ist eine neue Versicherung, welche es aber an ihr<lb n="6"/>selbst enthält, daß man sie sich nicht mehr als Versicherung gefallen lassen müsse.<lb n="7"/>Denn indem im reinen Ich, im reinen Verstande selbst <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> anfängt,<lb n="8"/>so ist damit gesetzt, daß hier die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, das <hi rendition="#g">Versichern</hi> und<lb n="9"/><hi rendition="#g">Finden</hi> aufgegeben werde, und das <hi rendition="#g">Begreiffen</hi> anfange. Die Vielheit der<lb n="10"/>Kategorien aber auf irgend eine Weise wieder als einen Fund, zum Beyspiel aus<lb n="11"/>den Urtheilen, aufnehmen, und sich dieselben so gefallen lassen, ist in der That<lb n="12"/>als eine Schmach der Wissenschaft anzusehen; wo sollte noch der Verstand eine<lb n="13"/>Nothwendigkeit aufzuzeigen vermögen, wenn er diß an ihm selbst, der reinen<lb n="14"/>Nothwendigkeit, nicht vermag.</p>
<p><lb n="15"/>Weil nun so der Vernunft die reine Wesenheit der Dinge, wie ihr Unterschied,<lb n="16"/>angehört, so könnte eigentlich überhaupt nicht mehr von <hi rendition="#g">Dingen</hi> die Rede seyn,<lb n="17"/>das heißt, einem solchen, welches für das Bewußtseyn nur das negative seiner<lb n="18"/>selbst wäre. Denn die vielen Kategorien sind <hi rendition="#g">Arten</hi> der reinen Kategorie, heißt,<lb n="19"/><hi rendition="#g">sie</hi> ist noch ihre <hi rendition="#g">Gattung</hi> oder <hi rendition="#g">Wesen</hi>, nicht ihnen entgegengesetzt. Aber sie<lb n="20"/>sind schon das Zweydeutige, welches zugleich das Andersseyn <hi rendition="#g">gegen</hi> die reine<lb n="21"/>Kategorie in seiner <hi rendition="#g">Vielheit</hi> an sich hat. Sie widersprechen ihr durch diese Viel<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>heit in der That, und die reine Einheit muß sie an sich aufheben, wodurch sie sich<lb n="23"/>als <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> der Unterschiede constituirt. Als <hi rendition="#g">negative</hi> Einheit aber<lb n="24"/>schließt sie ebensowohl die <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> als solche, so wie jene erste <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbare</hi> reine Einheit als solche von sich aus; und ist <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>; eine<lb n="26"/>neue Kategorie, welche ausschließendes Bewußtseyn, das heißt, diß ist, daß <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">anderes</hi> für es ist. Die Einzelnheit ist ihr Uebergang aus ihrem Begriffe zu einer<lb n="28"/><hi rendition="#g">äußern</hi> Realität; das reine <hi rendition="#g">Schema</hi>, welches ebensowohl Bewußtseyn, wie damit,<lb n="29"/>daß es Einzelnheit und ausschließendes Eins ist, das hindeuten auf ein anderes ist.<lb n="30"/>Aber diß <hi rendition="#g">Andere</hi> dieser Kategorie sind nur die <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">ersten</hi> <hi rendition="#g">Kategorien</hi>,<lb n="31"/>nemlich <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesenheit</hi>, und der <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi>; und in ihr, d. h.<lb n="32"/>eben in dem Gesetztseyn des Andern, oder in diesem Andern selbst das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seyn ebenso es selbst. Jedes dieser verschiedenen Momente verweist auf ein anderes;<lb n="34"/>es kommt aber in ihnen zugleich zu keinem Andersseyn. Die reine Kategorie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>weist auf die <hi rendition="#g">Arten</hi>, welche in die negative Kategorie, oder die Einzelnheit über<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gehen; die letztere weist aber auf jene zurück; sie ist selbst reines Bewußtseyn,<lb n="37"/>welches in jeder sich diese klare Einheit mit sich bleibt, eine Einheit aber, die ebenso<lb n="38"/>auf ein anderes hingewiesen wird, das indem es ist, verschwunden, und indem es<lb n="39"/>verschwunden, auch wieder erzeugt ist.</p>
<pb n="136" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=143" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Wir sehen hier das reine Bewußtseyn auf eine gedoppelte Weise gesetzt, einmal<lb n="2"/>als das unruhige <hi rendition="#g">hin-</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">hergehen</hi>, welches alle seine Momente durchläufft,<lb n="3"/>in ihnen das Andersseyn vorschweben hat, das im Erfassen sich aufhebt; das andere<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mal vielmehr als die <hi rendition="#g">ruhige</hi> ihrer Wahrheit gewisse <hi rendition="#g">Einheit</hi>. Für diese Einheit ist<lb n="5"/>jene Bewegung das <hi rendition="#g">Andere</hi>; für diese Bewegung aber jene ruhige Einheit; und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wußtseyn und Gegenstand wechseln in diesen gegenseitigen Bestimmungen ab. Das<lb n="7"/>Bewußtseyn ist sich also einmal das hin- und hergehende Suchen, und sein Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stand das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> und Wesen; das andremal ist sich jenes die einfache Kategorie,<lb n="9"/>und der Gegenstand die Bewegung der Unterschiede. Das Bewußtseyn aber als Wesen<lb n="10"/>ist dieser ganze Verlauff selbst, aus sich als einfacher Kategorie in die Einzelnheit und<lb n="11"/>den Gegenstand überzugehen, und an diesem diesen Verlauff anzuschauen, ihn als<lb n="12"/>einen unterschiednen aufzuheben, sich <hi rendition="#g">zuzueignen</hi>, und sich als diese Gewißheit,<lb n="13"/>alle Realität, sowohl es selbst als sein Gegenstand zu seyn, auszusprechen.</p>
<p><lb n="14"/>Sein erstes Aussprechen ist nur dieses abstracte leere Wort, daß alles <hi rendition="#g">sein</hi> ist.<lb n="15"/>Denn die Gewißheit alle Realität zu seyn ist erst die reine Kategorie. Diese erste<lb n="16"/>im Gegenstande sich erkennende Vernunft drückt der leere Idealismus aus, welcher<lb n="17"/>die Vernunft nur so auffaßt wie sie sich zunächst ist, und darin, daß er in allem<lb n="18"/>Seyn dieses reine <hi rendition="#g">Mein</hi> des Bewußtseyns aufzeigt und die Dinge als Empfindungen<lb n="19"/>oder Vorstellungen ausspricht, es als vollendete Realität aufgezeigt zu haben wähnt.<lb n="20"/>Er muß darum zugleich absoluter Empirismus seyn, denn für die <hi rendition="#g">Erfüllung</hi><lb n="21"/>des leeren <hi rendition="#g">Meins</hi>, das heißt für den Unterschied und alle Entwicklung und Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tung desselben bedarf seine Vernunft eines fremden Anstoßes, in welchem erst<lb n="23"/>die <hi rendition="#g">Mannigfaltigkeit</hi> des Empfindens oder Vorstellens liege. Dieser Idealismus<lb n="24"/>wird daher eine ebensolche sich widersprechende Doppelsinnigkeit, als der Skepti<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>cismus, nur daß wie dieser sich negativ, jener sich positiv ausdrückt, aber ebenso<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>wenig seine widersprechenden Gedanken des reinen Bewußtseyns als aller Realität,<lb n="27"/>und ebenso des fremden Anstoßes oder des sinnlichen Empfindens und Vorstellens,<lb n="28"/>als einer gleichen Realität, zusammenbringt, sondern von dem einen zu dem<lb n="29"/>andern sich herüber und hinüber wirft und in die schlechte, nemlich in die sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>liche Unendlichkeit, gerathen ist. Indem die Vernunft alle Realität in der Bedeutung<lb n="31"/>des abstracten <hi rendition="#g">Meins</hi>, und das <hi rendition="#g">Andere</hi> ihm ein <hi rendition="#g">gleichgültiges</hi> <hi rendition="#g">Fremdes</hi><lb n="32"/>ist, so ist darin gerade dasjenige Wissen der Vernunft von einem Anderen gesetzt,<lb n="33"/>welches als <hi rendition="#g">Meynen</hi>, <hi rendition="#g">Wahrnehmen</hi> und der das gemeynte und wahrgenommene<lb n="34"/>auffassende <hi rendition="#g">Verstand</hi> vorkam. Ein solches Wissen wird zugleich, nicht wahres<lb n="35"/>Wissen zu seyn, durch den Begriff dieses Idealismus selbst behauptet, denn nur<lb n="36"/>die Einheit der Apperception ist die Wahrheit des Wissens. Die reine Vernunft<lb n="37"/>dieses Idealismus wird also durch sich selbst um zu diesem <hi rendition="#g">Andern</hi>, das ihr<lb n="38"/><hi rendition="#g">wesentlich</hi>, das heißt also, das <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist, das sie aber nicht in ihr selbst hat,<lb n="39"/>zu gelangen, an dasjenige Wissen zurückgeschickt, das nicht ein Wissen des Wahren</p>
<pb n="137" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=144" type="body"/>
<fw type="header" place="top">V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>ist; sie verurtheilt sich so mit Wissen und Willen zu einem unwahren Wissen,<lb n="2"/>und kann vom Meynen und Wahrnehmen, die für sie selbst keine Wahrheit haben,<lb n="3"/>nicht ablassen. Sie befindet sich in unmittelbarem Widerspruche, ein gedoppeltes<lb n="4"/>schlechthin entgegengesetztes als das Wesen zu behaupten, die <hi rendition="#g">Einheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Apperception</hi> und ebenso das <hi rendition="#g">Ding</hi>, welches wenn es auch <hi rendition="#g">fremder</hi> <hi rendition="#g">An<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">stoß</hi>, oder <hi rendition="#g">empirisches</hi> Wesen, oder <hi rendition="#g">Sinnlichkeit</hi>, oder <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> <hi rendition="#g">an</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">sich</hi> genannt wird, in seinem Begriffe dasselbe jener Einheit fremde bleibt.</p>
<p><lb n="8"/>Dieser Idealismus ist in diesem Widerspruche, weil er den <hi rendition="#g">abstracten</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi><lb n="9"/>der Vernunft als das Wahre behauptet; daher ihm unmittelbar ebensosehr die<lb n="10"/>Realität, als eine solche entsteht, welche vielmehr nicht die Realität der Vernunft<lb n="11"/>ist, während die Vernunft zugleich alle Realität seyn sollte; diese bleibt ein un<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ruhiges Suchen, welches in dem Suchen selbst die Befriedigung des Findens für<lb n="13"/>schlechthin unmöglich erklärt. – So inconsequent aber ist die wirkliche Vernunft<lb n="14"/>nicht; sondern nur erst die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi>, alle Realität zu seyn, ist sie in diesem<lb n="15"/><hi rendition="#g">Begriffe</hi> sich bewußt als <hi rendition="#g">Gewißheit</hi>, als <hi rendition="#g">Ich</hi> noch nicht die Realität in Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit zu seyn, und ist getrieben, ihre Gewißheit zur Wahrheit zu erheben, und das<lb n="17"/><hi rendition="#g">leere</hi> Mein zu erfüllen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="18"/>A.</head>
<head><lb n="19"/>BEOBACHTENDE VERNUNFT.</head>
<p><lb n="20"/>Dieses Bewußtseyn, welchem das <hi rendition="#g">Seyn</hi> die Bedeutung des <hi rendition="#g">Seinen</hi> hat, sehen<lb n="21"/>wir nun zwar wieder in das Meynen und Wahrnehmen hineingehen, aber nicht<lb n="22"/>als in die Gewißheit eines nur <hi rendition="#g">Andern</hi>, sondern mit der Gewißheit, diß andere<lb n="23"/>selbst zu seyn. Früher ist es ihm nur <hi rendition="#g">geschehen</hi>, manches an dem Dinge wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zunehmen und zu <hi rendition="#g">erfahren</hi>; hier stellt es die Beobachtungen und die Erfahrung<lb n="25"/>selbst an. Meynen und Wahrnehmen, das für uns früher sich aufgehoben, wird<lb n="26"/>nun von dem Bewußtseyn für es selbst aufgehoben; die Vernunft geht darauf,<lb n="27"/>die Wahrheit zu <hi rendition="#g">wissen</hi>; was für das Meynen und Wahrnehmen ein Ding ist,<lb n="28"/>als Begriff zu finden, das heißt, in der Dingheit nur das Bewußtseyn ihrer selbst zu<lb n="29"/>haben. Die Vernunft hat daher itzt ein allgemeines <hi rendition="#g">Interesse</hi> an der Welt, weil<lb n="30"/>sie die Gewißheit ist, Gegenwart in ihr zu haben, oder daß die Gegenwart ver<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>nünftig ist. Sie sucht ihr Anderes, indem sie weiß, daran nichts Anders als sich selbst<lb n="32"/>zu besitzen; sie sucht nur ihre eigne Unendlichkeit.</p>
<p><lb n="33"/>Zuerst sich in der Wirklichkeit nur ahndend, oder sie nur als das <hi rendition="#g">ihrige</hi> über<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>haupt wissend, schreitet sie in diesem Sinne zur allgemeinen Besitznehmung des<lb n="35"/>ihr versicherten Eigenthums, und pflanzt auf alle Höhen und in alle Tiefen das</p>
<pb n="138" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=145" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Zeichen ihrer Souverainität. Aber dieses oberflächliche Mein ist nicht ihr letztes<lb n="2"/>Interesse; die Freude dieser allgemeinen Besitznehmung findet an ihrem Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>thume noch das fremde Andre, das die abstracte Vernunft nicht an ihr selbst hat.<lb n="4"/>Die Vernunft ahndet sich als ein tieferes Wesen, denn das reine Ich <hi rendition="#g">ist</hi>, und muß<lb n="5"/>fodern, daß der Unterschied, das <hi rendition="#g">mannichfaltige</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, ihm als das seinige<lb n="6"/>selbst werde, daß es sich als die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> anschaue, und sich als Gestalt<lb n="7"/>und Ding gegenwärtig finde. Aber wenn die Vernunft alle Eingeweide der Dinge<lb n="8"/>durchwühlt, und ihnen alle Adern öffnet, daß sie sich daraus entgegenspringen<lb n="9"/>möge, so wird sie nicht zu diesem Glücke gelangen, sondern muß an ihr selbst<lb n="10"/>vorher sich vollendet haben, um dann ihre Vollendung erfahren zu können.</p>
<p><lb n="11"/>Das Bewußtseyn <hi rendition="#g">beobachtet</hi>; d. h. die Vernunft will sich als seyenden Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stand, als <hi rendition="#g">wirkliche</hi>, <hi rendition="#g">sinnlich-gegenwärtige</hi> Weise finden, und haben.<lb n="13"/>Das Bewußtseyn dieses Beobachtens meynt und sagt wohl, daß es <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, sondern im Gegentheil <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fahren wolle. Daß diß <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> diß meynt und sagt, liegt darin, daß es<lb n="16"/>Vernunft <hi rendition="#g">ist</hi> aber ihm die Vernunft noch nicht als solche Gegenstand ist. Wenn<lb n="17"/>es die <hi rendition="#g">Vernunft</hi> als gleiches Wesen der Dinge und seiner selbst wüßte, und daß<lb n="18"/>sie nur in dem Bewußtseyn in ihrer eigenthümlichen Gestalt gegenwärtig seyn<lb n="19"/>kann, so würde es vielmehr in seine eigne Tiefe steigen und sie darin suchen, als<lb n="20"/>in den Dingen. Wenn es sie in dieser gefunden hätte, würde sie von da wieder<lb n="21"/>heraus an die Wirklichkeit gewiesen werden, um in dieser ihren sinnlichen Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>druck anzuschauen, aber ihn sogleich wesentlich als <hi rendition="#g">Begriff</hi> nehmen. Die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>nunft, wie sie <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> als die Gewißheit des Bewußtseyns alle Realität zu<lb n="24"/>seyn, auftritt, nimmt ihre Realität in dem Sinne der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">Seyns</hi>, und ebenso die Einheit des Ich mit diesem gegenständlichen Wesen in<lb n="26"/>dem Sinne einer <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi>, an der sie die Momente des Seyns<lb n="27"/>und Ich noch nicht getrennt, und wieder vereinigt, oder die sie noch nicht erkannt<lb n="28"/>hat. Sie geht daher als beobachtendes Bewußtseyn an die Dinge, in der Meynung,<lb n="29"/>daß sie diese als sinnliche, dem Ich entgegengesetzte Dinge in Wahrheit nehme;<lb n="30"/>allein ihr wirkliches Thun widerspricht dieser Meynung; denn sie <hi rendition="#g">erkennt</hi> die<lb n="31"/>Dinge, sie verwandelt ihre Sinnlichkeit in <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, d. h. eben in ein Seyn,<lb n="32"/>welches zugleich Ich ist, das Denken somit in ein seyendes Denken, oder das Seyn<lb n="33"/>in ein gedachtes Seyn, und behauptet in der That, daß die Dinge nur als Begriffe<lb n="34"/>Wahrheit haben. Für diß beobachtende Bewußtseyn wird darin nur diß, was <hi rendition="#g">die</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Dinge</hi> sind, für uns aber, was <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; das Resultat seiner Bewegung aber<lb n="36"/>wird diß seyn, für sich selbst diß zu werden, was es an sich ist.</p>
<p><lb n="37"/><hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> der beobachtenden Vernunft ist in den Momenten seiner Bewegung<lb n="38"/>zu betrachten, wie sie die Natur, den Geist, und endlich die Beziehung beyder als<lb n="39"/>sinnliches Seyn aufnimmt, und sich als seyende Wirklichkeit sucht.</p>
<pb n="139" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=146" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>a.</head>
<head><lb n="2"/>BEOBACHTUNG DER NATUR.</head>
<p><lb n="3"/>Wenn das gedankenlose Bewußtseyn das Beobachten und Erfahren als die<lb n="4"/>Quelle der Wahrheit ausspricht, so mögen wohl ihre Worte so lauten, als ob es<lb n="5"/>allein um ein Schmecken, Riechen, Fühlen, Hören und Sehen zu thun sey; es ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gißt in dem Eifer, womit es das Schmecken, Riechen, u.s.f. empfiehlt, zu sagen,<lb n="7"/>daß es in der That auch ebenso wesentlich den Gegenstand dieses Empfindens sich<lb n="8"/>schon bestimmt hat, und diese Bestimmung ihm wenigstens soviel gilt, als jenes<lb n="9"/>Empfinden. Es wird auch sogleich eingestehen, daß es ihm nicht so überhaupt<lb n="10"/>nur ums Wahrnehmen zu thun sey, und z. B. die Wahrnehmung, daß diß Feder<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>messer neben dieser Tabacksdose liegt, nicht für eine Beobachtung gelten lassen.<lb n="12"/>Das wahrgenommene soll wenigstens die Bedeutung eines <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi>, nicht<lb n="13"/>eines <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">diesen</hi> haben.</p>
<p><lb n="14"/>Diß Allgemeine ist so nur erst das <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">gleich</hi> <hi rendition="#g">bleibende</hi>; seine Bewegung<lb n="15"/>nur das gleichförmige Wiederkehren desselben Thuns. Das Bewußtseyn, welches<lb n="16"/>insofern im Gegenstande nur die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> oder das <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Mein</hi><lb n="17"/>findet, muß die eigentliche Bewegung desselben auf <hi rendition="#g">sich</hi> selbst nehmen; indem<lb n="18"/>es noch nicht der Verstand desselben ist, wenigstens sein Gedächtniß seyn, welches<lb n="19"/>das was in der Wirklichkeit nur auf einzelne Weise vorhanden ist, auf allgemeine<lb n="20"/>Weise ausdrückt. Diß oberflächliche Herausheben aus der Einzelnheit, und die<lb n="21"/>ebenso oberflächliche Form der Allgemeinheit, worein das sinnliche nur auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>genommen wird, ohne an sich selbst allgemeines geworden zu seyn, das <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">schreiben</hi> der Dinge hat noch in dem Gegenstande selbst die Bewegung nicht;<lb n="24"/>sie ist vielmehr nur in dem Beschreiben. Der Gegenstand, wie er beschrieben ist,<lb n="25"/>hat daher das Interesse verloren; ist der eine beschrieben, so muß ein anderer vor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>genommen, und immer gesucht werden, damit das Beschreiben nicht ausgehe.<lb n="27"/>Ist es nicht so leicht mehr neue <hi rendition="#g">ganze</hi> Dinge zu finden, so muß zu den schon<lb n="28"/>gefundenen zurückgegangen werden, sie weiter zu theilen, auseinander zu legen,<lb n="29"/>und neue Seiten der Dingheit an ihnen noch aufzuspüren. Diesem rastlosen, un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ruhigen Instinkte kann es nie an Material gebrechen; eine neue ausgezeichnete<lb n="31"/>Gattung zu finden, oder gar einen neuen Planeten, dem ob er zwar ein Individuum<lb n="32"/>ist, doch die Natur eines Allgemeinen zukommt, zu finden, kann nur Glück<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lichen zu theil werden. Aber die Gräntzen dessen, was wie der Elephant, die Eiche,</p>
<pb n="140" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=147" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>das Gold, <hi rendition="#g">ausgezeichnet</hi>, was <hi rendition="#g">Gattung</hi> und <hi rendition="#g">Art</hi> ist, geht durch viele Stuffen<lb n="2"/>in die unendliche <hi rendition="#g">Besonderung</hi> der chaotischen Thiere und Pflanzen, der<lb n="3"/>Gebirgsarten, oder der durch Gewalt und Kunst erst darzustellenden Metalle,<lb n="4"/>Erden u.s.f. über. In diesem Reiche der Unbestimmtheit des Allgemeinen, worin<lb n="5"/>die Besonderung wieder der <hi rendition="#g">Vereinzelung</hi> sich nähert, und in sie hie und da<lb n="6"/>auch wieder ganz herabsteigt, ist ein unerschöpflicher Vorrath fürs Beobachten<lb n="7"/>und Beschreiben aufgethan. Hier aber, wo ihm ein unübersehbares Feld sich er<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>öffnet, an der Gräntze des Allgemeinen kann es vielmehr statt eines unermeß<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichen Reichthums nur die Schrancke der Natur und seines eignen Thuns gefunden<lb n="10"/>haben; es kann nicht mehr wissen, ob das an sich zu seyn scheinende nicht eine<lb n="11"/>Zufälligkeit ist; was das Gepräge eines verwirrten oder unreifen, schwachen und<lb n="12"/>der elementarischen Unbestimmtheit kaum sich entwickelnden Gebildes an sich<lb n="13"/>trägt, kann nicht darauf Anspruch machen, auch nur beschrieben zu werden.</p>
<p><lb n="14"/>Wenn es diesem Suchen und Beschreiben nur um die Dinge zu thun zu seyn<lb n="15"/>scheint, so sehen wir es in der That nicht an dem <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">Wahrnehmen</hi><lb n="16"/>fortlauffen, sondern das, woran die Dinge <hi rendition="#g">erkannt</hi> werden, ist ihm wichtiger<lb n="17"/>als der übrige Umfang der sinnlichen Eigenschafften, welche das Ding selbst<lb n="18"/>wohl nicht entbehren kann, aber deren das Bewußtseyn sich entübrigt. Durch<lb n="19"/>diese Unterscheidung in das <hi rendition="#g">wesentliche</hi> und <hi rendition="#g">unwesentliche</hi> erhebt sich der<lb n="20"/>Begriff aus der sinnlichen Zerstreuung empor, und das Erkennen erklärt darin,<lb n="21"/>daß es ihm wenigstens ebenso wesentlich <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, als um die Dinge<lb n="22"/>zu thun ist. Es geräth bey dieser gedoppelten Wesentlichkeit in ein Schwanken,<lb n="23"/>ob das, was für <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Erkennen</hi> das wesentliche und nothwendige ist, es auch<lb n="24"/>an <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi> sey. Einestheils sollen die <hi rendition="#g">Merkmahle</hi> nur dem Erkennen<lb n="25"/>dienen, wodurch es die Dinge von einander unterscheide; aber anderntheils nicht<lb n="26"/>das unwesentliche der Dinge erkannt werden, sondern das wodurch sie selbst aus<lb n="27"/>der allgemeinen Continuität des Seyns überhaupt sich <hi rendition="#g">losreißen</hi>, sich von dem<lb n="28"/>Andern <hi rendition="#g">abscheiden</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> sind. Die Merkmahle sollen nicht nur wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liche Beziehung auf das Erkennen haben, sondern auch die wesentlichen Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heiten der Dinge, und das künstliche System dem Systeme der Natur selbst gemäß<lb n="31"/>seyn, und nur dieses ausdrücken. Aus dem Begriffe der Vernunft ist diß noth<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>wendig, und der Instinkt derselben, – denn sie verhält sich nur als solcher in diesem<lb n="33"/>Beobachten, – hat auch in seinen Systemen diese Einheit erreicht, wo nemlich<lb n="34"/>ihre Gegenstände selbst so beschaffen sind, daß sie eine Wesentlichkeit oder ein<lb n="35"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> an ihnen haben, und nicht nur Zufall dieses <hi rendition="#g">Augenblicks</hi> oder<lb n="36"/>dieses <hi rendition="#g">Hier</hi> sind. Die Unterscheidungsmerkmahle der Thiere z. B. sind von den<lb n="37"/>Klauen und Zähnen genommen; denn in der That <hi rendition="#g">unterscheidet</hi> nicht nur<lb n="38"/>das Erkennen dadurch ein Thier von dem andern; sondern das Thier <hi rendition="#g">scheidet</hi><lb n="39"/>sich dadurch selbst ab; durch diese Waffen erhält es sich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und gesondert</p>
<pb n="141" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=148" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>von dem Allgemeinen. Die Pflanze dagegen kommt nicht zum <hi rendition="#g">Fürsich</hi>seyn,<lb n="2"/>sondern berührt nur die Gräntze der Individualität; an dieser Gräntze, wo sie den<lb n="3"/>Schein der <hi rendition="#g">Entzweyung</hi> in Geschlechter aufzeigt, ist sie deßwegen aufgenommen<lb n="4"/>und unterschieden worden. Was aber weiter hinuntersteht, kann sich nicht mehr<lb n="5"/>selbst von anderem unterscheiden, sondern geht verloren, indem es in den Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>satz kommt. Das <hi rendition="#g">ruhende</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, und das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Verhältnisse</hi> kommt<lb n="7"/>in Streit miteinander, das Ding ist in diesem etwas anders, als nach jenem, da hin<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gegen das Individuum diß ist, im Verhältnisse zu anderem sich zu erhalten. Was<lb n="9"/>aber diß nicht vermag, und <hi rendition="#g">chemischerweise</hi> ein anderes wird, als es <hi rendition="#g">em<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">pirischerweise</hi> ist, verwirrt das Erkennen, und bringt es in denselben Streit, ob<lb n="11"/>es sich an die eine und andere Seite halten soll, da das Ding selbst nichts gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>bleibendes ist, und sie an ihm auseinanderfallen.</p>
<p><lb n="13"/>In solchen Systemen des allgemeinen sich gleichbleibenden, hat also dieses die<lb n="14"/>Bedeutung, ebensowohl das sich gleichbleibende des Erkennens, wie der Dinge<lb n="15"/>selbst zu seyn. Allein diese Ausbreitung <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">gleichbleibenden</hi> <hi rendition="#g">Bestimmt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">heiten</hi>, deren jede ruhig die Reihe ihres Fortgangs beschreibt, und Raum erhält,<lb n="17"/>um für sich zu gewähren, geht wesentlich ebensosehr in ihr Gegentheil über, in<lb n="18"/>die Verwirrung dieser Bestimmtheiten; denn das Merkmahl, die allgemeine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stimmtheit, ist die Einheit des entgegengesetzten, des Bestimmten und des an sich<lb n="20"/>Allgemeinen; sie muß also in diesen Gegensatz auseinandertreten. Wenn nun die<lb n="21"/>Bestimmtheit nach einer Seite das Allgemeine, worin sie ihr Wesen hat, besiegt,<lb n="22"/>so erhält dieses dagegen auf der andern Seite ebenso sich seine Herrschafft über sie,<lb n="23"/>treibt die Bestimmtheit an ihre Gräntze, vermischt da ihre Unterschiede und<lb n="24"/>Wesentlichkeiten. Das Beobachten, welches sie ordentlich auseinanderhielt und an<lb n="25"/>ihnen etwas festes zu haben glaubte, sieht über ein Princip die andern herüber<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>greiffen, Uebergänge und Verwirrungen sich bilden, und in diesem das verbunden,<lb n="27"/>was es zuerst für schlechthin getrennt nahm, und getrennt, was es zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>rechnete; so daß diß Festhalten an dem ruhigen, sich gleichbleibenden Seyn<lb n="29"/>sich hier gerade in seinen allgemeinsten Bestimmungen, z. B. was das Thier, die<lb n="30"/>Pflanze für wesentliche Merkmahle habe, mit Instanzen geneckt sehen muß, die<lb n="31"/>ihm jede Bestimmung rauben, die Allgemeinheit, zu der es sich erhob, zum<lb n="32"/>Verstummen bringen, und es aufs gedankenlose Beobachten und Beschreiben<lb n="33"/>zurücksetzen.</p>
<p><lb n="34"/>Dieses sich auf das Einfache einschränkende oder die sinnliche Zerstreuung<lb n="35"/>durch das Allgemeine beschränkende Beobachten findet also an seinem Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>stande die <hi rendition="#g">Verwirrung</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Princips</hi>, weil das Bestimmte durch seine<lb n="37"/>Natur sich in seinem Gegentheile verlieren muß; die Vernunft muß darum viel<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>mehr von der <hi rendition="#g">trägen</hi> Bestimmtheit, die den Schein des Bleibens hatte, zur Beob<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>achtung derselben, wie sie in Wahrheit ist, nemlich <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Gegentheil</hi></p>
<pb n="142" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=149" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">beziehen</hi>, fortgehen. Was wesentliche Merkmahle genannt werden, sind<lb n="2"/><hi rendition="#g">ruhende</hi> Bestimmtheiten, welche so, wie sie als <hi rendition="#g">einfache</hi> sich ausdrücken und<lb n="3"/>aufgefaßt werden, nicht das, was ihre Natur ausmacht, verschwindende <hi rendition="#g">Momente</hi><lb n="4"/>der sich in sich zurücknehmenden Bewegung zu seyn, darstellen. Indem itzt der<lb n="5"/>Vernunftinstinkt dazu kömmt, die Bestimmtheit ihrer Natur gemäß, wesentlich<lb n="6"/>nicht für sich zu seyn, sondern in das entgegengesetzte überzugehen, aufzusuchen,<lb n="7"/>sucht er nach dem <hi rendition="#g">Gesetze</hi> und dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> desselben; zwar nach ihnen<lb n="8"/>ebenso als <hi rendition="#g">seyender</hi> Wirklichkeit, aber diese wird ihm in der That verschwinden,<lb n="9"/>und die Seiten des Gesetzes zu reinen Momenten, oder Abstractionen werden,<lb n="10"/>so daß das Gesetz in der Natur des Begriffes hervortritt, welcher das gleichgültige<lb n="11"/>Bestehen der sinnlichen Wirklichkeit an sich vertilgt hat.</p>
<p><lb n="12"/>Dem beobachtenden Bewußtseyn ist die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gesetzes</hi> in der<lb n="13"/><hi rendition="#g">Erfahrung</hi>, als in der Weise, daß <hi rendition="#g">sinnliches</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; nicht an und für<lb n="14"/>sich selbst. Wenn aber das Gesetz nicht in dem Begriffe seine Wahrheit hat, so ist<lb n="15"/>es etwas zufälliges, nicht eine Nothwendigkeit, oder in der That nicht ein Gesetz.<lb n="16"/>Aber daß es wesentlich als Begriff ist, widerstreitet nicht nur dem nicht, daß es<lb n="17"/>für die Beobachtung vorhanden ist, sondern hat darum vielmehr nothwendiges<lb n="18"/><hi rendition="#g">Daseyn</hi>, und ist für die Beobachtung. Das allgemeine, im <hi rendition="#g">Sinne</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vernunft<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">allgemeinheit</hi>, ist auch allgemein in dem Sinne, den jener an ihm hat, daß es<lb n="20"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Bewußtseyn, sich als das Gegenwärtige und Wirkliche, oder daß der<lb n="21"/>Begriff sich in der Weise der Dingheit und des sinnlichen Seyns darstellt; – aber<lb n="22"/>ohne darum seine Natur zu verlieren, und in das träge Bestehen oder die gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gültige Aufeinanderfolge hinabgefallen zu seyn. Was allgemein gültig ist, ist auch<lb n="24"/>allgemein geltend; was seyn <hi rendition="#g">soll</hi>, <hi rendition="#g">ist</hi> in der That auch, und was nur seyn <hi rendition="#g">soll</hi>,<lb n="25"/>ohne zu <hi rendition="#g">seyn</hi>, hat keine Wahrheit. Hieran bleibt der Instinkt der Vernunft mit<lb n="26"/>Recht seinerseits fest hängen, und läßt sich nicht durch die Gedankendinge, die<lb n="27"/>nur seyn <hi rendition="#g">sollen</hi>, und als <hi rendition="#g">Sollen</hi> Wahrheit haben sollen, ob sie schon in keiner<lb n="28"/>Erfahrung angetroffen werden, – durch die Hypothesen so wenig als durch alle<lb n="29"/>andere Unsichtbarkeiten eines perennirenden Sollens irre machen; denn die<lb n="30"/>Vernunft ist eben diese Gewißheit, Realität zu haben, und was nicht als ein<lb n="31"/>Selbstwesen für das Bewußtseyn ist, das heißt, was nicht erscheint, ist für es gar<lb n="32"/>Nichts.</p>
<p><lb n="33"/>Daß die Wahrheit des Gesetzes wesentlich <hi rendition="#g">Realität</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, wird zwar diesem<lb n="34"/>bey dem Beobachten bleibenden Bewußtseyn, wieder zu einem <hi rendition="#g">Gegensatze</hi><lb n="35"/>gegen den Begriff, und gegen das an sich allgemeine, oder ein solches wie sein<lb n="36"/>Gesetz ist, ist ihm nicht ein Wesen der Vernunft; es meynt darin etwas <hi rendition="#g">Fremdes</hi><lb n="37"/>zu erhalten. Allein es widerlegt diese seine Meynung durch die That, in welcher</p>
<pb n="143" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=150" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>es selbst seine Allgemeinheit nicht in dem Sinne nimmt, daß <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">einzelnen</hi><lb n="2"/>sinnlichen Dinge ihm die Erscheinung des Gesetzes gezeigt haben müßten, um die<lb n="3"/>Wahrheit desselben behaupten zu können. Daß die Steine von der Erde aufgehoben<lb n="4"/>und freygelassen, fallen, dazu fodert es gar nicht, daß mit allen Steinen dieser Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>such gemacht werde; es sagt vielleicht wohl, daß diß wenigstens mit sehr vielen<lb n="6"/>müsse versucht worden seyn, woraus dann auf die übrigen mit größter Wahrschein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichkeit, oder mit vollem Rechte <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Analogie</hi> geschlossen werden könne.<lb n="8"/>Allein die Analogie gibt nicht nur kein volles Recht, sondern sie widerlegt, um<lb n="9"/>ihrer Natur willen, sich so offt, daß nach der Analogie selbst zu schließen, die<lb n="10"/>Analogie vielmehr keinen Schluß zu machen erlaubt. Die <hi rendition="#g">Wahrscheinlichkeit</hi>,<lb n="11"/>auf welche sich das Resultat derselben reduciren würde, verliert gegen die <hi rendition="#g">Wahr<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> allen Unterschied von geringerer und größerer Wahrscheinlichkeit; sie sey<lb n="13"/>so groß, als sie will, ist sie nichts gegen die Wahrheit. Der Instinkt der Vernunft<lb n="14"/>nimmt aber in der That solche Gesetze für <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> an, und erst in Beziehung<lb n="15"/>auf ihre Nothwendigkeit, die er nicht erkennt, geräth er in diese Unterscheidung,<lb n="16"/>und setzt die Wahrheit der Sache selbst zur Wahrscheinlichkeit herab, um die<lb n="17"/>unvollkommene Weise, in welcher die Wahrheit für das Bewußtseyn, das die<lb n="18"/>Einsicht in den reinen Begriff noch nicht erreicht hat, vorhanden ist, zu bezeichnen;<lb n="19"/>denn die Allgemeinheit ist nur als <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Allgemeinheit vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>handen. Aber zugleich um ihrer willen hat das Gesetz für das Bewußtseyn Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heit; daß der Stein fällt, ist ihm darum wahr, weil ihm der Stein <hi rendition="#g">schwer</hi> ist, das<lb n="22"/>heißt, weil er in der Schwere <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> die wesentliche Beziehung<lb n="23"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Erde</hi> hat, die sich als Fall ausdrückt. Es hat also in der Erfahrung das<lb n="24"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> des Gesetzes, aber ebenso dasselbe als <hi rendition="#g">Begriff</hi> und nur um <hi rendition="#g">beyder</hi> <hi rendition="#g">Um<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">stände</hi> <hi rendition="#g">willen</hi> zusammen ist es ihm wahr; es gilt darum als Gesetz, weil es in der<lb n="26"/>Erscheinung sich darstellt, und zugleich an sich selbst Begriff ist.</p>
<p><lb n="27"/>Der Vernunftinstinckt dieses Bewußtseyns geht, weil das Gesetz zugleich <hi rendition="#g">an</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> ist, nothwendig, aber ohne zu wissen, daß er diß will, selbst darauf,<lb n="29"/>das Gesetz und seine Momente zum <hi rendition="#g">Begriffe</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">reinigen</hi>. Er stellt Versuche<lb n="30"/>über das Gesetz an. Wie das Gesetz zuerst erscheint, stellt es sich unrein, umhüllt<lb n="31"/>von einzelnem sinnlichem Seyn, der Begriff, der seine Natur ausmacht, im em<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>pirischen Stoff versenkt dar. Der Vernunftinstinkt geht in seinen Versuchen darauf,<lb n="33"/>zu finden was unter diesen und jenen Umständen erfolge. Das Gesetz scheint<lb n="34"/>hiedurch nur um so mehr in sinnliches Seyn getaucht zu werden; allein diß geht<lb n="35"/>darin vielmehr verloren. Diese Forschung hat die innere Bedeutung, <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">dingungen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> Gesetzes zu finden; was nichts anderes sagen will, wenn auch das<lb n="37"/>Bewußtseyn, das sich so ausdrückt, meynen sollte, es sage damit etwas anderes,<lb n="38"/>als das Gesetz ganz in die Gestalt des Begriffs zu erheben, und alle Gebundenheit<lb n="39"/><hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Momente</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">bestimmtes</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">tilgen</hi>. Die negative Electricität,</p>
<pb n="144" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=151" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>zum Beyspiel, welche etwa zuerst als <hi rendition="#g">Harz</hi>electricität so wie die positive als <hi rendition="#g">Glas<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/>electricität sich ankündigt, verliert durch die Versuche ganz diese Bedeutung,<lb n="3"/>und wird rein zur <hi rendition="#g">positiven</hi> und <hi rendition="#g">negativen</hi> Electricität, deren jede nicht einer<lb n="4"/>besonderen Art von Dingen mehr angehört; und es hört auf, gesagt werden zu<lb n="5"/>können, daß es Körper gibt, die positiv electrisch, andere, die negativ electrisch<lb n="6"/>sind. So macht auch das Verhältniß von Säure und Base und deren Bewegung<lb n="7"/>gegeneinander ein Gesetz aus, worin diese Gegensätze als Körper erscheinen. Allein<lb n="8"/>diese abgesonderten Dinge haben keine Wirklichkeit; die Gewalt, welche sie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>einander reißt, kann sie nicht hindern, sogleich in einen Proceß wieder einzutreten;<lb n="10"/>denn sie sind nur diese Beziehung. Sie können nicht wie ein Zahn oder eine Klaue<lb n="11"/>für sich bleiben, und so aufgezeigt werden. Daß diß ihr Wesen ist, unmittelbar in<lb n="12"/>ein neutrales Product überzugehen, macht ihr <hi rendition="#g">Seyn</hi> zu einem an sich aufgehobenen,<lb n="13"/>oder zu einem allgemeinen, und Säure und Base haben Wahrheit nur als <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi>. Wie also Glas und Harz ebensowohl positiv als negativ elektrisch seyn<lb n="15"/>kann, so ist Säure und Base nicht als Eigenschafft an diese oder jene <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="16"/>gebunden, sondern jedes Ding ist nur <hi rendition="#g">relativ</hi> sauer oder basisch; was decidirte<lb n="17"/>Base oder Säure zu seyn scheint, erhält in den sogenannten Synsomatien die ent<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gegengesetzte Bedeutung zu einem andern. – Das Resultat der Versuche hebt auf<lb n="19"/>diese Weise die Momente oder Begeistungen als Eigenschafften der bestimmten<lb n="20"/>Dinge auf, und befreyt die Prädicate von ihren Subjecten. Diese Prädicate werden,<lb n="21"/>wie sie in Wahrheit sind, nur als allgemeine gefunden; um dieser Selbstständigkeit<lb n="22"/>willen erhalten sie daher den Nahmen von <hi rendition="#g">Materien</hi>, welche weder Körper,<lb n="23"/>noch Eigenschafften sind, und man hütet sich wohl Sauerstoff u.s.f. positive und<lb n="24"/>negative Electricität, Wärme u.s.w. Körper zu nennen.</p>
<p><lb n="25"/>Die <hi rendition="#g">Materie</hi> ist hingegen nicht ein <hi rendition="#g">seyendes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, sondern das Seyn als<lb n="26"/><hi rendition="#g">allgemeines</hi>, oder in der Weise des Begriffs. Die Vernunft, welche noch Instinkt,<lb n="27"/>macht diesen richtigen Unterschied, ohne das Bewußtseyn, daß sie, indem sie das<lb n="28"/>Gesetz an allem sinnlichen Seyn versucht, eben darin sein nur sinnliches Seyn auf<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>hebt, und, indem sie seine Momente als <hi rendition="#g">Materien</hi> auffaßt, ihre Wesenheit<lb n="30"/>ihm zum Allgemeinen geworden, und in diesem Ausdrucke als ein unsinnliches<lb n="31"/>Sinnliches, als ein körperloses, und doch gegenständliches Seyn, ausgesprochen<lb n="32"/>ist.</p>
<p><lb n="33"/>Es ist nun zu sehen, welche Wendung für ihn sein Resultat nimmt, und welche<lb n="34"/>neue Gestalt seines Beobachtens damit auftritt. Als die Wahrheit dieses versuchenden<lb n="35"/>Bewußtseyns sehen wir das reine Gesetz, welches sich vom sinnlichen Seyn be<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>freyt, wir sehen es als <hi rendition="#g">Begriff</hi>, der im sinnlichen Seyn vorhanden, aber in ihm<lb n="37"/>selbstständig und ungebunden sich bewegt, in es versenkt frey davon und <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="38" break="no"/><hi rendition="#g">facher</hi> Begriff ist. Diß was in Wahrheit das <hi rendition="#g">Resultat</hi> und <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, tritt für<lb n="39"/>diß Bewußtseyn nun selbst, aber als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> auf, und zwar indem er eben</p>
<pb n="145" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=152" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>für es nicht <hi rendition="#g">Resultat</hi> und ohne die Beziehung auf die vorhergehende Bewegung<lb n="2"/>ist, als eine <hi rendition="#g">besondere</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> von Gegenstand, und sein Verhältniß zu diesem als<lb n="3"/>ein anderes Beobachten.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="4"/>Solcher Gegenstand, welcher den Proceß in der <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> des Begriffes<lb n="5"/>an ihm hat, ist das <hi rendition="#g">Organische</hi>. Es ist diese absolute Flüssigkeit, worin die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stimmtheit, durch welche es nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> wäre, aufgelöst ist. Wenn das un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>organische Ding die Bestimmtheit zu seinem Wesen hat, und deßwegen nur mit<lb n="8"/>einem andern Dinge zusammen die Vollständigkeit der Momente des Begriffs aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>macht, und daher in die Bewegung tretend verloren geht; so sind dagegen an dem or<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ganischen Wesen alle Bestimmtheiten, durch welche es für anderes offen ist, unter<lb n="11"/>die organische einfache Einheit gebunden; es tritt keine als wesentlich auf, welche sich<lb n="12"/>frey auf anderes bezöge; und das Organische erhält sich daher in seiner Beziehung<lb n="13"/>selbst.</p>
<p><lb n="14"/>Die <hi rendition="#g">Seiten</hi> des <hi rendition="#g">Gesetzes</hi>, auf dessen Beobachtung hier der Vernunftinstinkt<lb n="15"/>geht, sind, wie aus dieser Bestimmung folgt, zunächst die <hi rendition="#g">organische</hi> Natur<lb n="16"/>und die <hi rendition="#g">unorganische</hi> in ihrer Beziehung aufeinander. Diese letztere ist für die<lb n="17"/>organische eben die ihrem <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi> entgegengesetzte Freyheit der<lb n="18"/><hi rendition="#g">losgebundenen</hi> Bestimmtheiten, in welchen die individuelle Natur <hi rendition="#g">zugleich</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">aufgelöst</hi>, und aus deren Continuität sie <hi rendition="#g">zugleich</hi> sich absondert und <hi rendition="#g">für</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist. Luft, Wasser, Erde, Zonen und Klima sind solche allgemeine Elemente,<lb n="21"/>die das unbestimmte einfache Wesen der Individualitäten ausmachen, und worin<lb n="22"/>diese zugleich in sich reflectirt sind. Weder die Individualität ist schlechthin an<lb n="23"/>und für sich, noch das Elementarische, sondern in der selbstständigen Freyheit,<lb n="24"/>in welcher sie für die Beobachtung gegeneinander auftreten, verhalten sie sich<lb n="25"/>zugleich als <hi rendition="#g">wesentliche</hi> <hi rendition="#g">Beziehungen</hi>, aber so daß die Selbstständigkeit und<lb n="26"/>Gleichgültigkeit beyder gegeneinander das Herrschende ist, und nur zum Theil<lb n="27"/>in die Abstraction übergeht. Hier ist also das Gesetz, als die Beziehung eines Ele<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ments auf die Bildung des Organischen vorhanden, welches das elementarische<lb n="29"/>Seyn einmal gegen sich über hat, und das andremal es an seiner organischen Re<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>flexion darstellt. Allein solche <hi rendition="#g">Gesetze</hi>, daß die Thiere, welche der Luft angehören,<lb n="31"/>von der Beschaffenheit der Vögel, welche dem Wasser, von der Beschaffenheit<lb n="32"/>der Fische sind, nordische Thiere, ein dickbehaartes Fell haben und so fort, zeigen<lb n="33"/>sogleich eine Armuth, welche der organischen Mannigfaltigkeit nicht entspricht.<lb n="34"/>Außerdem daß die organische Freyheit diesen Bestimmungen ihre Formen wieder<lb n="35"/>zu entziehen weiß, und nothwendig allenthalben Ausnahmen solcher Gesetze</p>
<pb n="146" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=153" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>oder Regeln, wie man sie nennen wollte, darbietet, so bleibt diß an denjenigen<lb n="2"/>selbst, welche unter sie fallen, eine so oberflächliche Bestimmung, daß auch der<lb n="3"/>Ausdruck ihrer Nothwendigkeit nicht anders seyn kann, und es nicht über den<lb n="4"/><hi rendition="#g">großen</hi> <hi rendition="#g">Einfluß</hi> hinausbringt; wobey man nicht weiß, was diesem Einflusse<lb n="5"/>eigentlich angehört, und was nicht. Dergleichen Beziehungen des organischen<lb n="6"/>auf das elementarische sind daher in der That nicht <hi rendition="#g">Gesetze</hi> zu nennen, denn<lb n="7"/>theils erschöpft, wie erinnert, eine solche Beziehung, ihrem Inhalte nach, gar nicht<lb n="8"/>den Umfang des Organischen, theils bleiben aber auch die Momente der Beziehung<lb n="9"/>selbst gleichgültig gegeneinander, und drücken keine Nothwendigkeit aus. Im<lb n="10"/>Begriffe der Säure liegt der <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Base, wie im Begriffe der positiven, die<lb n="11"/>negative Electricität; aber so sehr auch das dickbehaarte Fell mit dem Norden,<lb n="12"/>oder der Bau der Fische mit dem Wasser, der Bau der Vögel mit der Luft zu<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sammen, <hi rendition="#g">angetroffen</hi> werden mag, so liegt im Begriffe des Nordens nicht der<lb n="14"/>Begriff dicker Behaarung, des Meeres nicht der des Baues der Fische, der Luft,<lb n="15"/>nicht der des Baus der Vögel. Um dieser Freyheit beyder Seiten gegeneinander<lb n="16"/>willen <hi rendition="#g">gibt</hi> es auch Landthiere, welche die wesentlichen Charaktere eines Vogels,<lb n="17"/>des Fisches haben u.s.f. Die Nothwendigkeit, weil sie als keine innere des Wesens<lb n="18"/>begriffen werden kann, hört auch auf, sinnliches Daseyn zu haben, und kann nicht<lb n="19"/>mehr an der Wirklichkeit beobachtet werden, sondern ist aus ihr <hi rendition="#g">herausgetreten</hi>.<lb n="20"/>So an dem realen Wesen selbst sich nicht findend, ist sie das, was teleologische<lb n="21"/>Beziehung genannt wird, eine Beziehung, die den bezogenen <hi rendition="#g">äußerlich</hi>, und da<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>her vielmehr das Gegentheil eines Gesetzes ist. Sie ist der von der nothwendigen Na<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>tur ganz befreyte Gedanke, welcher sie verläßt, und über ihr sich für sich bewegt.</p>
<p><lb n="24"/>Wenn die vorhin berührte Beziehung des Organischen auf die elementarische<lb n="25"/>Natur, das Wesen desselben nicht ausdrückt, so ist es dagegen in dem <hi rendition="#g">Zweck<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">begriffe</hi> enthalten. Diesem beobachtenden Bewußtseyn zwar, ist er nicht das<lb n="27"/>eigne <hi rendition="#g">Wesen</hi> des Organischen, sondern fällt ihm außer demselben, und ist dann<lb n="28"/>nur jene äußerliche, <hi rendition="#g">teleologische</hi> Beziehung. Allein wie vorhin das Organische<lb n="29"/>bestimmt worden, ist es in der That der reale Zweck selbst; denn indem es <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="30"/>in der Beziehung auf Anderes <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">erhält</hi>, ist es eben dasjenige natürliche<lb n="31"/>Wesen, in welchem die Natur sich in den Begriff reflectirt, und die an der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>wendigkeit auseinandergelegten Momente einer Ursache und einer Wirkung,<lb n="33"/>eines thätigen und eines leidenden, in Eins zusammengenommen; so daß hier<lb n="34"/>etwas nicht nur als <hi rendition="#g">Resultat</hi> der Nothwendigkeit auftritt; sondern, weil es in<lb n="35"/>sich zurückgegangen ist, ist das Letzte oder das Resultat, ebensowohl das <hi rendition="#g">Erste</hi>,<lb n="36"/>welches die Bewegung anfängt, und sich der <hi rendition="#g">Zweck</hi>, den es verwirklicht. Das<lb n="37"/>Organische bringt nicht etwas hervor, sondern <hi rendition="#g">erhält</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">nur</hi>, oder das was<lb n="38"/>hervorgebracht wird, ist ebenso schon vorhanden, als es hervorgebracht wird.</p>
<p><lb n="39"/>Diese Bestimmung ist, wie sie an sich und wie sie für den Vernunftinstinkt</p>
<pb n="147" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=154" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>ist, näher zu erörtern, um zu sehen, wie er sich darin findet, sich aber in seinem<lb n="2"/>Funde nicht erkennt. Der Zweckbegriff also, zu dem die beobachtende Vernunft<lb n="3"/>sich erhebt, wie es ihr <hi rendition="#g">bewußter</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> ist, ist eben so sehr als ein <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">liches</hi> vorhanden; und ist nicht nur eine <hi rendition="#g">äußere</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> desselben, sondern<lb n="5"/>sein <hi rendition="#g">Wesen</hi>. Dieses Wirkliche, welches selbst ein Zweck ist, bezieht sich zweck<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mäßig auf anderes, heißt, seine Beziehung ist eine zufällige, <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">dem</hi>, <hi rendition="#g">was</hi><lb n="7"/><hi rendition="#g">beyde</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>; unmittelbar sind beyde selbstständig, und gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gültig gegeneinander. Das Wesen ihrer Beziehung aber ist ein anderes, als sie so<lb n="9"/>zu seyn scheinen, und ihr Thun hat einen andern Sinn, als es <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> für<lb n="10"/>das sinnliche Wahrnehmen ist; die Nothwendigkeit ist an dem, was geschieht,<lb n="11"/>verborgen, und zeigt sich erst <hi rendition="#g">am</hi> <hi rendition="#g">Ende</hi>, aber so, daß eben diß Ende zeigt, daß<lb n="12"/>sie auch das Erste gewesen ist. Das Ende aber zeigt diese Priorität seiner selbst<lb n="13"/>dadurch, daß durch die Veränderung, welche das Thun vorgenommen hat, nichts<lb n="14"/>anders herauskommt, als was schon war. Oder wenn wir vom Ersten anfangen,<lb n="15"/>so geht dieses an seinem Ende oder in dem Resultate seines Thuns nur zu sich selbst<lb n="16"/>zurück; und eben hiedurch erweist es sich, ein solches zu seyn, welches <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="17"/>zu seinem Ende hat, also als Erstes schon zu sich zurückgekommen, oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist. Was es also durch die Bewegung seines Thuns erreicht, ist<lb n="19"/><hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; und daß es nur sich selbst erreicht, ist sein <hi rendition="#g">Selbstgefühl</hi>. Es ist hiemit<lb n="20"/>zwar der Unterschied dessen <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, und <hi rendition="#g">was</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sucht</hi>, vorhanden, aber diß ist<lb n="21"/>nur der <hi rendition="#g">Schein</hi> <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">Unterschieds</hi>, und hiedurch ist es Begriff an ihm selbst.</p>
<p><lb n="22"/>Ebenso ist aber das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> beschaffen, sich auf eine solche Weise<lb n="23"/>von sich zu unterscheiden, worin zugleich kein Unterschied herauskömmt. Es<lb n="24"/>findet daher in der Beobachtung der organischen Natur nichts anders als diß<lb n="25"/>Wesen, es findet sich als ein Ding, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi>, macht aber noch einen Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schied, zwischen dem, was es selbst ist, und was es gefunden, der aber keiner ist.<lb n="27"/>Wie der Instinkt des Thieres das Futter sucht, und verzehrt, aber damit nichts<lb n="28"/>anders herausbringt, als sich, so findet auch der Instinkt der Vernunft in seinem<lb n="29"/>Suchen nur sie selbst. Das Thier endigt mit dem Selbstgefühle. Der Vernunft<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>instinkt hingegen ist zugleich Selbstbewußtseyn; aber weil er nur Instinkt ist,<lb n="31"/>ist er gegen das Bewußtseyn auf die Seite gestellt, und hat an ihm seinen Gegensatz.<lb n="32"/>Seine Befriedigung ist daher durch diesen entzweyt, er findet wohl sich selbst,<lb n="33"/>nemlich den <hi rendition="#g">Zweck</hi>, und ebenso diesen Zweck als <hi rendition="#g">Ding</hi>. Aber der Zweck fällt<lb n="34"/>ihm erstlich <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi>, welches sich als Zweck darstellt. Dieser Zweck<lb n="35"/>als Zweck ist zweytens zugleich <hi rendition="#g">gegenständlich</hi>, er fällt ihm daher auch nicht<lb n="36"/>in sich als Bewußtseyn, sondern in einen andern Verstand.</p>
<p><lb n="37"/>Näher betrachtet, so liegt diese Bestimmung ebensowohl in dem Begriffe des<lb n="38"/>Dinges, daß es <hi rendition="#g">Zweck</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist. Es nemlich erhält <hi rendition="#g">sich</hi>; d. h. zugleich,<lb n="39"/>es ist seine Natur, die Nothwendigkeit zu verbergen und in der Form <hi rendition="#g">zufälliger</hi></p>
<pb n="148" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=155" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Beziehung darzustellen; denn seine Freyheit oder <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi> ist eben dieses,<lb n="2"/>sich gegen sein nothwendiges als ein gleichgültiges zu verhalten; es stellt sich also<lb n="3"/>selbst als ein solches dar, dessen Begriff außer seinem Seyn falle. Ebenso hat die<lb n="4"/>Vernunft die Nothwendigkeit, ihren eigenen Begriff als außer ihr fallend, hiemit<lb n="5"/>als <hi rendition="#g">Ding</hi> anzuschauen, als ein solches, gegen das sie, und das hiemit gegenseitig<lb n="6"/>gegen sie, und gegen seinen Begriff <hi rendition="#g">gleichgültig</hi> ist. Als Instinkt bleibt sie auch<lb n="7"/>innerhalb dieses <hi rendition="#g">Seyns</hi>, oder der <hi rendition="#g">Gleichgültigkeit</hi> stehen, und das Ding,<lb n="8"/>welches den Begriff ausdrückt, bleibt ihm ein anderes, als dieser Begriff, der Begriff<lb n="9"/>ein anderes als das Ding. So ist das organische Ding für sie nur so <hi rendition="#g">Zweck</hi> an<lb n="10"/>ihm selbst, daß die Nothwendigkeit, welche in seinem Thun als verborgen sich<lb n="11"/>darstellt, indem das Thuende darin als ein gleichgültiges für sich seyendes sich<lb n="12"/>verhält, außer dem Organischen selbst fällt. – Da aber das Organische als Zweck<lb n="13"/>an ihm selbst sich nicht anders verhalten kann, denn als ein solches, so ist auch diß<lb n="14"/>erscheinend und sinnlich gegenwärtig, daß es Zweck an ihm selbst ist, und es wird<lb n="15"/>so beobachtet. Das Organische zeigt sich als ein sich selbst <hi rendition="#g">erhaltendes</hi> und<lb n="16"/>in sich <hi rendition="#g">zurückkehrendes</hi> und <hi rendition="#g">zurückgekehrtes</hi>. Aber in diesem Seyn er<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>kennt diß beobachtende Bewußtseyn den Zweckbegriff nicht, oder diß nicht,<lb n="18"/>daß der Zweckbegriff nicht sonst irgendwo in einem Verstande, sondern eben<lb n="19"/>hier existirt, und als ein Ding ist. Es macht einen Unterschied, zwischen dem<lb n="20"/>Zweckbegriffe, und zwischen dem fürsichseyn und sich selbst erhalten, welcher<lb n="21"/>keiner ist. Daß er keiner ist, ist nicht für es, sondern ein Thun, das zufällig und<lb n="22"/>gleichgültig gegen das, was durch dasselbe zustande kommt, erscheint, und die<lb n="23"/>Einheit, welche doch beydes zusammenknüpft, – jenes Thun, und dieser Zweck<lb n="24"/>fällt ihm auseinander.</p>
<p><lb n="25"/>Was in dieser Ansicht dem Organischen selbst zukommt, ist das zwischen<lb n="26"/>seinem Ersten und Letzten mitten inne liegende Thun, insofern es den Charakter<lb n="27"/>der Einzelnheit an ihm hat. Das Thun aber, insofern es den Charakter der All<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gemeinheit hat, und das Thuende demjenigen, was dadurch hervorgebracht<lb n="29"/>wird, gleich gesetzt, das zweckmäßige Thun als solches, käme nicht ihm zu. Jenes<lb n="30"/>einzelne Thun, das nur Mittel ist, tritt durch seine Einzelnheit unter die Bestimmung<lb n="31"/>einer durchaus einzelnen oder zufälligen Nothwendigkeit. Was das Organische<lb n="32"/>zur Erhaltung seiner selbst als Individuums, oder seiner als Gattung thut, ist daher<lb n="33"/>diesem unmittelbaren Inhalte nach ganz gesetzlos, denn das Allgemeine und der<lb n="34"/>Begriff fällt außer ihm. Sein Thun wäre sonach die leere Wirksamkeit ohne Inhalt<lb n="35"/>an ihr selbst; sie wäre nicht einmal die Wirksamkeit einer Maschine, denn diese<lb n="36"/>hat einen Zweck, und ihre Wirksamkeit hiedurch einen bestimmten Inhalt. So<lb n="37"/>verlassen von dem Allgemeinen würde sie Thätigkeit nur eines seyenden, als<lb n="38"/><hi rendition="#g">seyenden</hi>, d. h. eine nicht zugleich in sich reflectirte seyn, wie die einer Säure<lb n="39"/>oder Base ist; eine Wirksamkeit, die von ihrem unmittelbaren Daseyn sich nicht</p>
<pb n="149" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=156" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>abtrennen, noch dieses, das in der Beziehung auf sein entgegengesetztes verloren<lb n="2"/>geht, aufgeben, sich aber erhalten könnte. Das Seyn aber, dessen Wirksamkeit<lb n="3"/>die hier betrachtete ist, ist gesetzt als ein in seiner Beziehung auf sein entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gesetztes <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">erhaltendes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>; <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Thätigkeit</hi> als solche ist nichts als die<lb n="5"/>reine wesenlose Form seines Fürsichseyns, und ihre Substanz, die nicht bloß be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stimmtes Seyn, sondern das Allgemeine ist, ihr <hi rendition="#g">Zweck</hi> fällt nicht außer ihr; sie<lb n="7"/>ist an ihr selbst in sich zurückgehende, nicht durch irgend ein fremdes in sich<lb n="8"/>zurückgelenkte Thätigkeit.</p>
<p><lb n="9"/>Diese Einheit der Allgemeinheit und der Thätigkeit ist aber darum nicht für<lb n="10"/>diß <hi rendition="#g">beobachtende</hi> Bewußtseyn, weil jene Einheit wesentlich die innre Bewegung<lb n="11"/>des Organischen ist, und nur als Begriff aufgefaßt werden kann; das Beobachten<lb n="12"/>aber sucht die Momente in der Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> und <hi rendition="#g">Bleibens</hi>; und weil das<lb n="13"/>organische Ganze wesentlich diß ist, so die Momente nicht an ihm zu haben und<lb n="14"/>nicht an ihm finden zu lassen, verwandelt das Bewußtseyn in seiner Ansicht den<lb n="15"/>Gegensatz in einen solchen, als er ihr gemäß ist.</p>
<p><lb n="16"/>Es entsteht ihm auf diese Weise das organische Wesen als eine Beziehung zweyer<lb n="17"/><hi rendition="#g">seyender</hi> und <hi rendition="#g">fester</hi> Momente, – eines Gegensatzes, dessen beyde Seiten ihm<lb n="18"/>also einestheils in der Beobachtung gegeben zu seyn scheinen, anderntheils ihrem<lb n="19"/>Inhalte nach den Gegensatz des organischen <hi rendition="#g">Zweckbegriffs</hi>, und der <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> ausdrücken; weil aber der Begriff als solcher daran getilgt ist, auf eine<lb n="21"/>dunkle und oberflächliche Weise, worin der Gedanke in das Vorstellen herab<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gesunken ist. So sehen wir den ersten ungefähr unter dem <hi rendition="#g">Innern</hi>, die andere<lb n="23"/>unter dem <hi rendition="#g">Aeußern</hi> gemeynt, und ihre Beziehung erzeugt das Gesetz, <hi rendition="#g">daß</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Aeußere</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Innern</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.</p>
<p><lb n="25"/>Diß Innere mit seinem Entgegengesetzten, und ihre Beziehung aufeinander<lb n="26"/>näher betrachtet, ergibt sich, daß vors erste die beyden Seiten des Gesetzes nicht<lb n="27"/>mehr wie bey frühern Gesetzen lauten, worin sie als selbstständige <hi rendition="#g">Dinge</hi> jede<lb n="28"/>als ein besonderer Körper, erschienen, noch auch fürs andere so, daß das Allgemeine<lb n="29"/>irgend sonst <hi rendition="#g">außer</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Seyenden</hi> seine Existenz haben sollte. Sondern das<lb n="30"/>organische Wesen ist ungetrennt überhaupt zu Grunde gelegt, als Inhalt des Innern<lb n="31"/>und Aeußern, und für beyde dasselbe; der Gegensatz ist dadurch nur noch ein rein<lb n="32"/>formeller, dessen reale Seiten dasselbe <hi rendition="#g">Ansich</hi> zu ihrem Wesen, zugleich aber,<lb n="33"/>indem Inneres und Aeußeres auch entgegengesetzte Realität und ein für das Beob<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>achten verschiedenes <hi rendition="#g">Seyn</hi> sind, scheinen sie ihm jedes einen eigenthümlichen<lb n="35"/>Inhalt zu haben. Dieser eigenthümliche Inhalt, da er dieselbe Substanz oder or<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>ganische Einheit ist, kann aber in der That nur eine verschiedene Form derselben<lb n="37"/>seyn; und diß wird von dem beobachtenden Bewußtseyn darin angedeutet, daß</p>
<pb n="150" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=157" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>das Aeußere nur <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> des Innern ist. – Dieselben Bestimmungen des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>hältnisses, nemlich die gleichgültige Selbstständigkeit der verschiedenen, und in<lb n="3"/>ihr ihre Einheit, worin sie verschwinden, haben wir an dem Zweckbegriffe gesehen.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="4"/>Es ist nun zu sehen, welche <hi rendition="#g">Gestalt</hi> das Innere und Aeußere in seinem Seyn<lb n="5"/>hat. Das Innere als solches muß ebensosehr ein äußeres Seyn, und eine Gestalt<lb n="6"/>haben, wie das Aeußere als solches, denn es ist Gegenstand oder selbst als seyendes<lb n="7"/>und für die Beobachtung vorhanden gesetzt.</p>
<p><lb n="8"/>Die organische Substanz als <hi rendition="#g">innere</hi> ist sie die <hi rendition="#g">einfache</hi> Seele, der reine <hi rendition="#g">Zweck<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">begriff</hi> oder das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, welches in seiner Theilung ebenso allgemeine<lb n="10"/>Flüssigkeit bleibt, und daher in seinem <hi rendition="#g">Seyn</hi> als das <hi rendition="#g">Thun</hi> oder die <hi rendition="#g">Bewegung</hi><lb n="11"/>der <hi rendition="#g">verschwindenden</hi> Wirklichkeit erscheint; da hingegen das <hi rendition="#g">Aeußere</hi><lb n="12"/>entgegengesetzt jenem seyenden Innern in dem <hi rendition="#g">ruhenden</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> des Organischen<lb n="13"/>besteht. Das Gesetz als die Beziehung jenes Innere auf diß Aeußere drückt hiemit<lb n="14"/>seinen Inhalt, einmal in der Darstellung allgemeiner <hi rendition="#g">Momente</hi> oder <hi rendition="#g">einfacher</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Wesenheiten</hi>, und das anderemal in der Darstellung der verwirklichten Wesen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>heit oder der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> aus. Jene ersten einfachen organischen <hi rendition="#g">Eigenschafften</hi>,<lb n="17"/>um sie so zu nennen, sind <hi rendition="#g">Sensibilität</hi>, <hi rendition="#g">Irritabilität</hi> und <hi rendition="#g">Reproduction</hi>.<lb n="18"/>Diese Eigenschafften, wenigstens die beyden ersten scheinen sich zwar nicht auf<lb n="19"/>den Organismus überhaupt, sondern nur auf den animalischen zu beziehen. Der<lb n="20"/>vegetabilische drückt auch in der That nur den einfachen Begriff des Organismus<lb n="21"/>aus, der seine Momente <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">entwickelt</hi>; daher wir uns in Ansehung ihrer,<lb n="22"/>insofern sie für die Beobachtung seyn sollen, an denjenigen halten müssen, der ihr<lb n="23"/>entwickeltes Daseyn darstellt.</p>
<p><lb n="24"/>Was nun sie selbst betrifft, so ergeben sie sich unmittelbar aus dem Begriffe des<lb n="25"/>Selbstzwecks. Denn die <hi rendition="#g">Sensibilität</hi> drückt überhaupt den einfachen Begriff<lb n="26"/>der organischen Reflexion in sich, oder die allgemeine Flüssigkeit desselben aus;<lb n="27"/>die <hi rendition="#g">Irritabilität</hi> aber die organische Elasticität, sich in der Reflexion zugleich<lb n="28"/><hi rendition="#g">reagirend</hi> zu verhalten, und die dem ersten ruhigen <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gesetzte Verwirklichung, worin jenes abstracte für sich seyn ein Seyn <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="30"/>ist. Die <hi rendition="#g">Reproduction</hi> aber ist die Action dieses <hi rendition="#g">ganzen</hi> in sich reflectirten<lb n="31"/>Organismus, seine Thätigkeit als Zwecks an sich oder als <hi rendition="#g">Gattung</hi>, worin also<lb n="32"/>das Individuum sich von sich selbst abstößt, entweder seine organischen Theile,<lb n="33"/>oder das ganze Individuum erzeugend wiederholt. In der Bedeutung der <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">erhaltung</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi> genommen drückt die Reproduction den formalen<lb n="35"/>Begriff des Organischen oder die Sensibilität aus; aber sie ist eigentlich der reale<lb n="36"/>organische Begriff, oder das <hi rendition="#g">Ganze</hi>, das als Individuum entweder durch die Her-</p>
<pb n="151" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=158" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>vorbringung der einzelnen Theile seiner selbst oder als Gattung durch die Her<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>vorbringung von Individuen in sich zurückkehrt.</p>
<p><lb n="3"/>Die <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">Bedeutung</hi> dieser organischen Elemente, nemlich als des <hi rendition="#g">Aeu<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">ßeren</hi>, ist ihre <hi rendition="#g">gestaltete</hi> Weise, nach welcher sie als <hi rendition="#g">wirkliche</hi>, aber zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gleich auch als <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Theile oder organische <hi rendition="#g">Systeme</hi> vorhanden sind;<lb n="6"/>die Sensibilität etwa als Nervensystem, die Irritabilität als Muskelsystem, die Re<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>production als Eingeweide der Erhaltung des Individuums und der Gattung.</p>
<p><lb n="8"/>Eigenthümliche Gesetze des Organischen betreffen demnach ein Verhältniß der<lb n="9"/>organischen Momente in ihrer gedoppelten Bedeutung, einmal ein <hi rendition="#g">Theil</hi> der<lb n="10"/>organischen <hi rendition="#g">Gestaltung</hi>, das andremal <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">flüssige</hi> Bestimmtheit<lb n="11"/>zu seyn, welche durch alle jene Systeme hindurchgeht. In dem Ausdrucke eines<lb n="12"/>solchen Gesetzes hätte also zum Beyspiel eine bestimmte <hi rendition="#g">Sensibilität</hi> als Moment<lb n="13"/>des <hi rendition="#g">ganzen</hi> Organismus ihren Ausdruck an einem bestimmt gebildeten Nerven<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>system, oder sie wäre auch mit einer bestimmten <hi rendition="#g">Reproduction</hi> der organischen<lb n="15"/>Theile des Individuums, oder Fortpflanzung des ganzen verknüpft, und so fort. –<lb n="16"/>Die beyden Seiten eines solchen Gesetzes können <hi rendition="#g">beobachtet</hi> werden. Das<lb n="17"/><hi rendition="#g">Aeußere</hi> ist seinem Begriffe nach das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>; die Sensibilität hat<lb n="18"/>z. B. in dem sensibeln <hi rendition="#g">Systeme</hi> ihre unmittelbar verwirklichte Weise; und als<lb n="19"/><hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> ist sie in ihren <hi rendition="#g">Aeußerungen</hi> ebenso ein gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ständliches. Die Seite, welche das <hi rendition="#g">Innere</hi> heißt, hat ihre <hi rendition="#g">eigene</hi> <hi rendition="#g">äußere</hi> Seite,<lb n="21"/>die unterschieden ist von dem, was im Ganzen das <hi rendition="#g">äußere</hi> heißt.</p>
<p><lb n="22"/>Die beyden Seiten eines organischen Gesetzes wären also zwar wohl zu beob<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>achten, allein nicht Gesetze der Beziehung derselben; und die Beobachtung reicht<lb n="24"/>nicht darum nicht zu, weil sie, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Beobachtung</hi>, zu kurzsichtig wäre, und<lb n="25"/>nicht empirisch verfahren, sondern von der Idee ausgegangen werden sollte; denn<lb n="26"/>solche Gesetze, wenn sie etwas reelles wären, müßten in der That wirklich vor<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>handen, und also zu beobachten seyn; sondern weil der Gedanke von Gesetzen<lb n="28"/>dieser Art keine Wahrheit zu haben sich erweist.</p>
<p><lb n="29"/>Es ergab sich für ein Gesetz das Verhältniß, daß die allgemeine organische<lb n="30"/><hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> an einem organischen <hi rendition="#g">Systeme</hi> sich zum Dinge gemacht und an<lb n="31"/>ihm seinen gestalteten Abdruck hätte, so daß beyde dasselbe Wesen wären, das<lb n="32"/>einmal als allgemeines Moment, das andremal als Ding vorhanden. Aber außer<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>dem ist auch die Seite des Innern für sich ein Verhältniß mehrerer Seiten, und es<lb n="34"/>bietet sich daher zuerst der Gedanke eines Gesetzes an, als eine Beziehung der all<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gemeinen organischen Thätigkeiten oder Eigenschafften auf einander. Ob ein<lb n="36"/>solches möglich ist, muß sich aus der Natur einer solchen Eigenschafft entscheiden.<lb n="37"/>Sie ist aber, als eine allgemeine Flüssigkeit, theils nicht etwas, das nach der Weise</p>
<pb n="152" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=159" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>eines Dinges beschränkt und in dem Unterschiede eines Daseyns sich hält, das<lb n="2"/>seine Gestalt ausmachen sollte, sondern die Sensibilität geht über das Nerven<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>system hinaus, und durch alle andere Systeme des Organismus hindurch, – theils<lb n="4"/>ist sie allgemeines <hi rendition="#g">Moment</hi>, das wesentlich ungeschieden und unzertrennlich<lb n="5"/>von Reaction oder Irritabilität und Reproduction ist. Denn als Reflexion in sich,<lb n="6"/>hat sie schlechthin die Reaction an ihr. Nur in sich reflectirtseyn ist Passivität, oder<lb n="7"/>todtes Seyn, nicht eine Sensibilität, so wenig als Action, was dasselbe ist als Re<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>action, ohne in sich reflectirtseyn Irritabilität ist. Die Reflexion in der Action oder<lb n="9"/>Reaction, und die Action oder Reaction in der Reflexion ist gerade diß, dessen<lb n="10"/>Einheit das organische ausmacht, eine Einheit, welche mit der organischen Re<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>production gleichbedeutend ist. Es folgt hieraus, daß in jeder Weise der Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>keit dieselbe <hi rendition="#g">Größe</hi> der Sensibilität, – indem wir zuerst das Verhältniß derselben<lb n="13"/>und der Irritabilität zu einander betrachten, – vorhanden seyn muß, als der Irri<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>tabilität, und daß eine organische Erscheinung ebensosehr nach der einen als nach<lb n="15"/>der andern aufgefaßt und bestimmt, oder wie man will, erklärt werden kann.<lb n="16"/>Dasselbe, was der eine etwa für hohe Sensibilität nimmt, kann ein anderer ebenso<lb n="17"/>gut für hohe Irritabilität, und Irritabilität von <hi rendition="#g">derselben</hi> <hi rendition="#g">Höhe</hi> betrachten.<lb n="18"/>Wenn sie <hi rendition="#g">Factoren</hi> genannt werden, und diß nicht ein bedeutungsloses Wort<lb n="19"/>seyn soll, so ist eben damit ausgesprochen, daß sie <hi rendition="#g">Momente</hi> des Begriffs sind,<lb n="20"/>also der reale Gegenstand, dessen Wesen dieser Begriff ausmacht, sie auf gleiche<lb n="21"/>Weise an ihm hat, und wenn er auf die eine bestimmt wird, als sehr sensibel, er<lb n="22"/>ebenso auf die andere, als ebensosehr irritabel auszusagen ist.</p>
<p><lb n="23"/>Werden sie unterschieden, wie nothwendig ist, so sind sie es dem Begriffe nach,<lb n="24"/>und ihr Gegensatz ist <hi rendition="#g">qualitativ</hi>. Aber außer diesem wahren Unterschiede auch<lb n="25"/>noch als seyend, und für die Vorstellung, wie sie Seiten des Gesetzes seyn könnten,<lb n="26"/>verschieden gesetzt, so erscheinen sie in <hi rendition="#g">quantitativer</hi> Verschiedenheit. Ihr<lb n="27"/>eigenthümlicher qualitativer Gegensatz tritt somit in die <hi rendition="#g">Größe</hi>, und es ent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>stehen Gesetze der Art, daß zum Beyspiel Sensibilität und Irritabilität in umgekehr<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tem Verhältnisse ihrer Größe stehen, so daß wie die eine wächst, die andere ab<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>nimmt; oder besser gleich die Größe selbst zum Inhalte genommen, daß die Größe<lb n="31"/>von Etwas zunimmt, wie seine Kleinheit abnimmt. – Wird diesem Gesetze aber<lb n="32"/>ein bestimmter Inhalt gegeben, etwa so, daß die Größe eines Loches <hi rendition="#g">zunimmt</hi>,<lb n="33"/>jemehr das <hi rendition="#g">abnimmt</hi>, was seine Erfüllung ausmacht, so kann diß umgekehrte<lb n="34"/>Verhältniß ebenso in ein gerades verwandelt und ausgedrückt werden, daß die<lb n="35"/>Größe des Loches in geradem Verhältnisse der Menge des weggenommenen <hi rendition="#g">zu<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">nimmt</hi>; – ein <hi rendition="#g">tavtologischer</hi> Satz, er mag als directes oder umgekehrtes</p>
<pb n="153" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=160" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Verhältniß ausgedrückt werden, der in seinem eigenthümlichen Ausdrucke nur<lb n="2"/>dieses heißt, daß eine Größe zunimmt, wie diese Größe zunimmt. Wie das Loch<lb n="3"/>und das, was es erfüllt und weggenommen wird, qualitativ entgegengesetzt, aber<lb n="4"/>wie das reale derselben, und dessen bestimmte Größe in beyden, ein und dasselbe,<lb n="5"/>und ebenso Zunahme der Größe, und Abnahme der Kleinheit dasselbe ist, und<lb n="6"/>ihre bedeutungsleere Entgegensetzung in eine Tavtologie hinausläufft, so sind die<lb n="7"/>organischen Momente gleich unzertrennlich in ihrem Realen, und in ihrer Größe,<lb n="8"/>die die Größe desselben ist; eines nimmt nur mit dem andern ab und nimmt nur<lb n="9"/>mit ihm zu, denn eines hat schlechthin nur Bedeutung, insoweit das andere vor<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>handen ist; – oder vielmehr es ist gleichgültig eine organische Erscheinung als<lb n="11"/>Irritabilität, oder als Sensibilität zu betrachten, schon überhaupt, und ebenso wenn<lb n="12"/>von ihrer Größe gesprochen wird. So gleichgültig es ist, die Zunahme eines Lochs,<lb n="13"/>als Vermehrung seiner als der Leerheit, oder als Vermehrung der herausgenommenen<lb n="14"/>Fülle auszusprechen. Oder eine Zahl, z. B. <hi rendition="#g">drey</hi>, bleibt gleich groß, ich mag sie<lb n="15"/>positiv oder negativ nehmen; und wenn ich die drey zu vier vergrößere, so ist<lb n="16"/>das positive wie das negative zu vier geworden; – wie der Südpol an einem Magnete<lb n="17"/>gerade so stark ist, als sein Nordpol, oder eine positive Elektricität, oder eine Säure,<lb n="18"/>gerade so stark als ihre negative, oder als die Base, worauf sie einwirkt. – Ein solches<lb n="19"/>Großes, als jene drey, oder ein Magnet u.s.f. ist ein organisches <hi rendition="#g">Daseyn</hi>; es ist<lb n="20"/>dasjenige, das vermehrt und vermindert wird, und wenn es vermehrt wird, wer<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den <hi rendition="#g">beyde</hi> Factoren desselben vermehrt, so sehr als <hi rendition="#g">beyde</hi> Pole des Magnets,<lb n="22"/>oder als die beyden Elektricitäten, wenn ein Magnet u.s.f. verstärkt wird,<lb n="23"/>zunehmen. – Daß beyde eben so wenig nach <hi rendition="#g">Intension</hi> und <hi rendition="#g">Extension</hi> ver<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>schieden seyn, das eine nicht an Extension ab, dagegen an Intension zunehmen<lb n="25"/>kann, während das andere umgekehrt seine Intension vermindern, dagegen an<lb n="26"/>Extension zunehmen sollte, fällt unter denselben Begriff leerer Entgegensetzung;<lb n="27"/>die reale Intension ist ebenso schlechthin so groß als die Extension, und um<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gekehrt.</p>
<p><lb n="29"/>Es geht, wie erhellt, bey diesem Gesetzgeben eigentlich so zu, daß zuerst Irri<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>tabilität und Sensibilität den bestimmten organischen Gegensatz ausmacht; dieser<lb n="31"/>Inhalt verliert sich aber und der Gegensatz verläufft sich in den Formalen des Zu-<lb n="32"/>und Abnehmens der Größe, oder der verschiedenen Intension und Extension; –<lb n="33"/>ein Gegensatz, der die Natur der Sensibilität und der Irritabilität weiter nichts<lb n="34"/>mehr angeht, und sie nicht mehr ausdrückt. Daher solches leeres Spiel des Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gebens nicht an die organischen Momente gebunden ist, sondern es kann allent<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>halben mit allem getrieben werden, und beruht überhaupt auf der Unbekannt<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schafft mit der logischen Natur dieser Gegensätze.</p>
<pb n="154" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=161" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Wird endlich statt der Sensibilität und Irritabilität die Reproduction mit der<lb n="2"/>einen oder der andern in Beziehung gebracht, so fällt auch die Veranlassung zu<lb n="3"/>diesem Gesetzgeben hinweg; denn Reproduction steht mit jenen Momenten nicht<lb n="4"/>in einem Gegensatze, wie sie gegeneinander; und da auf ihm diß Gesetzgeben<lb n="5"/>beruht, so fällt hier auch der Schein seines Stattfindens hinweg.</p>
<p><lb n="6"/>Das so eben betrachtete Gesetzgeben enthält die Unterschiede des Organismus<lb n="7"/>in ihrer Bedeutung von Momenten seines <hi rendition="#g">Begriffs</hi>, und sollte eigentlich ein<lb n="8"/>apriorisches Gesetzgeben seyn. Es liegt aber in ihm selbst wesentlich dieser Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>danke, daß sie die Bedeutung von <hi rendition="#g">Vorhandenen</hi> haben, und das bloß beob<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>achtende Bewußtseyn hat sich ohnehin nur an ihr Daseyn zu halten. Die organische<lb n="11"/>Wirklichkeit hat nothwendig einen solchen Gegensatz an ihr, als ihr Begriff aus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>drückt, und der als Irritabilität und Sensibilität bestimmt werden kann, sowie sie<lb n="13"/>beyde wieder von der Reproduction verschieden erscheinen. – Die <hi rendition="#g">Aeußer<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>, in der die Momente des organischen Begriffs hier betrachtet werden,<lb n="15"/>ist die <hi rendition="#g">eigne</hi> <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Aeußerlichkeit des Innern, nicht das <hi rendition="#g">Aeußere</hi>,<lb n="16"/>welches Aeußeres im Ganzen, und <hi rendition="#g">Gestalt</hi> ist, und mit welchem das Innre nach<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>her in Beziehung zu betrachten ist.</p>
<p><lb n="18"/>Aber den Gegensatz der Momente so aufgefaßt wie er an dem Daseyn ist, so<lb n="19"/>sinken Sensibilität, Irritabilität, Reproduction zu gemeinen <hi rendition="#g">Eigenschafften</hi><lb n="20"/>herunter, die gegeneinander ebenso gleichgültige Allgemeinheiten sind, als speci<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>fische Schwere, Farbe, Härte, und so fort. In diesem Sinne kann wohl beobachtet<lb n="22"/>werden, daß ein organisches sensibler, oder irritabler, oder von größerer Repro<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ductionskraft sey als ein anderes; – so wie daß die Sensibilität u.s.f. des einen der<lb n="24"/><hi rendition="#g">Art</hi> nach von der eines andern verschieden sey, eins sich gegen bestimmte Reitze<lb n="25"/>anders verhalte, als ein anderes, wie das Pferd anders gegen Hafer als gegen Heu,<lb n="26"/>und der Hund wieder anders gegen beyde, u.s.f. so sehr, als beobachtet werden<lb n="27"/>kann, daß ein Körper härter ist als ein anderer, und so fort. – Allein diese sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichen Eigenschafften, Härte, Farbe, und so fort, so wie die Erscheinungen der<lb n="29"/>Reitzempfänglichkeit für Hafer, der Irritabilität für Lasten, oder der Anzahl und<lb n="30"/>Art Junge zu gebähren, auf einander bezogen und mit einander verglichen, wider<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>streiten wesentlich einer Gesetzmäßigkeit. Denn die Bestimmtheit ihres <hi rendition="#g">sinn<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> besteht eben darin, vollkommen gleichgültig gegeneinander zu<lb n="33"/>existiren, und die des Begriffs entbundne Freyheit der Natur vielmehr darzustellen, als<lb n="34"/>die Einheit einer Beziehung, vielmehr ihr unvernünftiges hin- und herspielen auf der<lb n="35"/>Leiter der zufälligen Größe zwischen den Momenten des Begriffs, als diese selbst.</p>
<p><lb n="36"/>Die <hi rendition="#g">andere</hi> Seite, nach welcher die einfachen Momente des organischen Begriffs<lb n="37"/>mit den Momenten der <hi rendition="#g">Gestaltung</hi> verglichen werden, würde erst das eigent-</p>
<pb n="155" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=162" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>liche Gesetz geben, welches das wahre <hi rendition="#g">Aeußere</hi> als Abdruck des <hi rendition="#g">Innern</hi> aus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>spräche. – Weil nun jene einfachen Momente durchdringende flüssige Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schafften sind, so haben sie an dem organischen Dinge nicht einen solchen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>geschiedenen realen Ausdruck, wie das ist, was ein einzelnes System der Gestalt<lb n="5"/>genannt wird. Oder wenn die abstracte Idee des Organismus in jenen drey Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>menten nur darum wahrhafft ausgedrückt ist, weil sie nichts stehendes, sondern<lb n="7"/>nur Momente des Begriffs und der Bewegung sind, so ist er dagegen als Gestaltung<lb n="8"/>nicht in solchen drey bestimmten Systemen befaßt, wie die Anatomie sie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>einander legt. Insofern solche Systeme in ihrer Wirklichkeit gefunden, und durch<lb n="10"/>diß Finden legitimirt werden sollen, muß auch erinnert werden, daß die Anatomie<lb n="11"/>nicht nur drey dergleichen Systeme, sondern viel mehrere aufweist. – Alsdenn<lb n="12"/>muß abgesehen hievon, überhaupt das sensible <hi rendition="#g">System</hi> etwas ganz anderes be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>deuten, als das was <hi rendition="#g">Nervensystem</hi> genannt wird, so das irritable <hi rendition="#g">System</hi><lb n="14"/>etwas anderes als das <hi rendition="#g">Muskelsystem</hi>, das reproductive <hi rendition="#g">System</hi> etwas anders<lb n="15"/>als die <hi rendition="#g">Eingeweide</hi> der Reproduction. In den Systemen der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> als solcher<lb n="16"/>ist der Organismus nach der abstracten Seite der todten Existenz aufgefaßt; seine<lb n="17"/>Momente so aufgenommen gehören der Anatomie und dem Kadaver, nicht der<lb n="18"/>Erkenntniß und dem lebendigen Organismus an. Als solche Theile haben sie viel<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>mehr aufgehört, <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>, denn sie hören auf Processe zu seyn. Da das <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="20"/>des Organismus wesentlich Allgemeinheit oder Reflexion in sich selbst ist, so<lb n="21"/>kann das <hi rendition="#g">Seyn</hi> seines Ganzen, wie seine Momente nicht in einem anatomischen<lb n="22"/>Systeme bestehen, sondern der wirkliche Ausdruck und ihre Aeußerlichkeit ist<lb n="23"/>vielmehr nur als eine Bewegung vorhanden, die sich durch die verschiedenen Theile<lb n="24"/>der Gestaltung verlaufft, und worin das, was als einzelnes System herausgerissen<lb n="25"/>und fixirt wird, sich wesentlich als fließendes Moment darstellt, so daß nicht jene<lb n="26"/>Wirklichkeit, wie die Anatomie sie findet, als ihre Realität gelten darf, sondern<lb n="27"/>nur sie als Proceß, in welchem auch die anatomischen Theile allein einen Sinn<lb n="28"/>haben.</p>
<p><lb n="29"/>Es ergibt sich also, daß weder die Momente des organischen <hi rendition="#g">Innern</hi> für sich<lb n="30"/>genommen, Seiten eines Gesetzes des Seyns abzugeben fähig sind; indem sie in<lb n="31"/>einem solchen Gesetze von einem Daseyn ausgesprochen, von einander unter<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>schieden, und nicht jede auf gleiche Weise anstatt der andern sollte genannt werden<lb n="33"/>können; noch daß sie auf die eine Seite gestellt, in der andern an einem festen<lb n="34"/>Systeme ihre Realisirung haben; denn diß letztere ist so wenig etwas, das überhaupt<lb n="35"/>organische Wahrheit hätte, als es der Ausdruck jener Momente des Innern ist. Das<lb n="36"/>wesentliche des Organischen, da es an sich das Allgemeine ist, ist vielmehr über<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>haupt, seine Momente in der Wirklichkeit ebenso allgemein, das heißt, als durch<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>lauffende Processe zu haben, nicht aber an einem isolirten Dinge ein Bild des All<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>gemeinen zu geben.</p>
<pb n="156" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=163" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Auf diese Weise geht an dem Organischen die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> eines <hi rendition="#g">Gesetzes</hi><lb n="2"/>überhaupt verloren. Das Gesetz will den Gegensatz als ruhende Seiten auffassen<lb n="3"/>und ausdrücken, und an ihnen die Bestimmtheit, welche ihre Beziehung auf<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>einander ist. Das <hi rendition="#g">Innere</hi>, welchem die erscheinende Allgemeinheit, und das<lb n="5"/><hi rendition="#g">Aeußere</hi>, welchem die Theile der ruhenden Gestalt angehören, sollten die sich<lb n="6"/>entsprechenden Seiten des Gesetzes ausmachen, verlieren aber so auseinander<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gehalten ihre organische Bedeutung; und der Vorstellung des Gesetzes liegt gerade<lb n="8"/>diß zum Grunde, daß seine beyden Seiten ein für sich seyendes gleichgültiges<lb n="9"/>Bestehen hätten, und an sie die Beziehung, als eine gedoppelte sich entsprechende<lb n="10"/>Bestimmtheit vertheilt wäre. Jede Seite des Organischen ist vielmehr diß an ihr<lb n="11"/>selbst, einfache Allgemeinheit, in welcher alle Bestimmungen aufgelöst sind, und<lb n="12"/>die Bewegung dieses Auflösens zu seyn.</p>
<p><lb n="13"/>Die Einsicht in den Unterschied dieses Gesetzgebens gegen frühere Formen<lb n="14"/>wird seine Natur vollends aufhellen. – Sehen wir nemlich zurück auf die Bewegung<lb n="15"/>des Wahrnehmens und des darin sich in sich reflectirenden und seinen Gegenstand<lb n="16"/>hiedurch bestimmenden Verstandes, so hat dieser dabey an seinem Gegenstande<lb n="17"/>die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> dieser abstracten Bestimmungen, des Allgemeinen und Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>zelnen, des Wesentlichen und des Aeußerlichen, nicht vor sich, sondern ist selbst<lb n="19"/>das Uebergehen, dem dieses Uebergehen nicht gegenständlich wird. Hier hin<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gegen ist die organische Einheit, d. h. eben die Beziehung jener Gegensätze, und<lb n="21"/>diese Beziehung ist reines Uebergehen, selbst der <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>. Diß Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gehen in seiner Einfachheit ist unmittelbar <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, und indem sie in<lb n="23"/>den Unterschied tritt, dessen Beziehung das Gesetz ausdrücken soll, so sind seine<lb n="24"/>Momente <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Gegenstände dieses Bewußtseyns, und das Gesetz<lb n="25"/>lautet, daß das <hi rendition="#g">Aeußere</hi> Ausdruck des <hi rendition="#g">Innern</hi> sey. Der Verstand hat hier <hi rendition="#g">den</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Gedanken</hi> des Gesetzes selbst erfaßt, da er vorher nur überhaupt Gesetze suchte,<lb n="27"/>und die Momente derselben ihm als ein bestimmter Inhalt, nicht als die Gedanken<lb n="28"/>derselben vorschwebte. – In Ansehung des Inhalts sollen hiemit hier nicht solche<lb n="29"/>Gesetze erhalten werden, welche nur ein ruhiges Aufnehmen rein <hi rendition="#g">seyender</hi><lb n="30"/>Unterschiede in die Form der Allgemeinheit sind, sondern Gesetze, die unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>bar an diesen Unterschieden auch die Unruhe des Begriffes, und damit zugleich<lb n="32"/>die Nothwendigkeit der Beziehung der Seiten haben. Allein weil eben der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stand, die organische Einheit, das unendliche Aufheben oder die absolute Negation<lb n="34"/>des Seyns mit dem ruhigen Seyn unmittelbar vereinigt, und die Momente wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lich <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Uebergehen</hi> sind, so ergeben sich keine solche <hi rendition="#g">seyende</hi> Seiten,<lb n="36"/>als für das Gesetz erfodert werden.</p>
<pb n="157" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=164" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Um solche zu erhalten muß der Verstand sich an das andre Moment des organi<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schen Verhältnisses halten; nemlich an das <hi rendition="#g">Reflectirtseyn</hi> des organischen<lb n="3"/>Daseyns in sich selbst. Aber dieses Seyn ist so vollkommen in sich reflectirt, daß<lb n="4"/>ihm keine Bestimmtheit gegen anderes übrig bleibt. Das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>liche Seyn ist unmittelbar mit der Bestimmtheit als solcher eins, und drückt daher<lb n="6"/>einen qualitativen Unterschied an ihm aus; wie z. B. Blau gegen Roth, Saures<lb n="7"/>gegen Alkalisches u.s.f. Aber das in sich zurückgekommene organische Seyn ist<lb n="8"/>vollkommen gleichgültig gegen anderes, sein Daseyn ist die einfache Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heit, und verweigert dem Beobachten bleibende sinnliche Unterschiede, oder<lb n="10"/>was dasselbe ist, zeigt seine wesentliche Bestimmtheit nur als den <hi rendition="#g">Wechsel</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">seyender</hi> Bestimmtheiten. Wie sich daher der Unterschied als seyender ausdrückt,<lb n="12"/>ist ebendiß, daß er ein <hi rendition="#g">gleichgültiger</hi> ist, d. h. als <hi rendition="#g">Größe</hi>. Hierin ist aber der<lb n="13"/>Begriff getilgt, und die Nothwendigkeit verschwunden. – Der Inhalt aber und<lb n="14"/>Erfüllung dieses gleichgültigen Seyns, der Wechsel der sinnlichen Bestimmungen, in<lb n="15"/>die Einfachheit einer organischen Bestimmung zusammengenommen drückt dann<lb n="16"/>zugleich diß aus, daß er eben jene – der unmittelbaren Eigenschafft – Bestimmtheit<lb n="17"/>nicht hat, und das qualitative fällt allein in die Größe, wie wir oben gesehen.</p>
<p><lb n="18"/>Ob also schon das Gegenständliche, das als organische Bestimmtheit aufgefaßt<lb n="19"/>wird, den Begriff an ihm selbst hat, und sich hiedurch von dem unterscheidet,<lb n="20"/>das für den Verstand ist, der sich als rein wahrnehmend bey dem Auffassen des<lb n="21"/>Inhaltes seiner Gesetze verhält, so fällt jenes Auffassen doch ganz in das Princip<lb n="22"/>und die Manier des bloß wahrnehmenden Verstandes darum zurück, weil das<lb n="23"/>Aufgefaßte zu Momenten eines <hi rendition="#g">Gesetzes</hi> gebraucht wird; denn hiedurch erhält<lb n="24"/>es die Weise einer festen Bestimmtheit, die Form einer unmittelbaren Eigenschafft<lb n="25"/>oder einer ruhenden Erscheinung, wird ferner in die Bestimmung der Größe auf<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>genommen, und die Natur des Begriffs ist unterdrückt. – Die Umtauschung<lb n="27"/>eines bloß wahrgenommenen gegen ein in sich reflectirtes, einer bloß sinnlichen<lb n="28"/>Bestimmtheit gegen eine organische verliert also wieder ihren Werth, und zwar<lb n="29"/>dadurch daß der Verstand das Gesetzgeben noch nicht aufgehoben hat.</p>
<p><lb n="30"/>Um die Vergleichung in Ansehung dieses Umtausches an einigen Beyspielen<lb n="31"/>anzustellen, so wird etwa etwas, das für die Wahrnehmung ein Thier von starken<lb n="32"/>Muskeln ist, – als thierischer Organismus von hoher Irritabilität, oder was für die<lb n="33"/>Wahrnehmung ein Zustand großer Schwäche ist, – als Zustand hoher Sensibilität<lb n="34"/>oder wenn man lieber will als eine innormale Affection und zwar eine Poten<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zirung derselben (Ausdrücke, welche das sinnliche, statt in den Begriff, ins Lateini<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sche – und zwar noch dazu in ein schlechtes – übersetzen) bestimmt. Daß das Thier</p>
<pb n="158" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=165" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>starke Muskeln habe, kann vom Verstande auch so ausgedrückt werden, das Thier<lb n="2"/>besitze eine große <hi rendition="#g">Muskelkraft</hi>, – wie die große Schwäche als eine geringe <hi rendition="#g">Krafft</hi>.<lb n="3"/>Die Bestimmung durch Irritabilität hat vor der Bestimmung als <hi rendition="#g">Krafft</hi> voraus, daß<lb n="4"/>diese die unbestimmte Reflexion in sich, jene aber die bestimmte ausdrückt, denn die<lb n="5"/><hi rendition="#g">eigenthümliche</hi> Krafft des Muskels ist eben Irritabilität, – und vor der Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mung als <hi rendition="#g">starke</hi> <hi rendition="#g">Muskeln</hi>, daß wie schon in der Krafft die Reflexion in sich zu<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gleich darin enthalten ist. So wie die Schwäche oder die geringe Krafft, die <hi rendition="#g">organi<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">sche</hi> <hi rendition="#g">Passivität</hi> bestimmt durch <hi rendition="#g">Sensibilität</hi> ausgedrückt wird. Aber diese Sen<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sibilität so für sich genommen und fixirt, und noch mit der Bestimmung der <hi rendition="#g">Grö<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">ße</hi> verbunden, und als größere oder geringere Sensibilität einer größern oder ge<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ringern Irritabilität entgegengesetzt, ist jede ganz in das sinnliche Element, und zur ge<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>meinen Form einer Eigenschafft herabgesetzt, und ihre Beziehung nicht der Begriff,<lb n="13"/>sondern im Gegentheil die Größe, in welche nun der Gegensatz fällt, und ein<lb n="14"/>gedankenloser Unterschied wird. Wenn hiebei zwar das unbestimmte der Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>drücke von <hi rendition="#g">Krafft</hi> und <hi rendition="#g">Stärke</hi> und <hi rendition="#g">Schwäche</hi> entfernt wurde, so entsteht<lb n="16"/>itzt das ebenso leere und unbestimmte Herumtreiben in den Gegensätzen einer<lb n="17"/>höhern und niedern Sensibilität, Irritabilität in ihrem Auf- und Absteigen an und<lb n="18"/>gegeneinander. Nicht weniger als Stärke und Schwäche ganz sinnliche gedanken<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lose Bestimmungen sind, ist die größere oder geringere Sensibilität, Irritabilität,<lb n="20"/>die gedankenlos aufgefaßte und ebenso ausgesprochene sinnliche Erscheinung. An<lb n="21"/>die Stelle jener begriffslosen Ausdrücke ist nicht der Begriff getreten, sondern<lb n="22"/>Stärke und Schwäche durch eine Bestimmung erfüllt worden, die für sich allein<lb n="23"/>genommen auf dem Begriffe beruht und ihn zum Inhalte hat, aber diesen Ursprung<lb n="24"/>und Charakter gänzlich verliert. – Durch die Form der Einfachheit und Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>barkeit also, in welcher dieser Inhalt zur Seite eines Gesetzes gemacht wird, und<lb n="26"/>durch die Größe, welche das Element des Unterschiedes solcher Bestimmungen<lb n="27"/>ausmacht, behält das ursprünglich als Begriff seyende und gesetzte Wesen die<lb n="28"/>Weise des sinnlichen Wahrnehmens, und bleibt von dem Erkennen so entfernt,<lb n="29"/>als in der Bestimmung durch Stärke und Schwäche der Krafft, oder durch un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mittelbare sinnliche Eigenschafften.</p>
<p><lb n="31"/>Es ist itzt auch noch dasjenige <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">allein</hi> zu betrachten übrig, was das</p>
<pb n="159" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=166" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Aeußere</hi> des Organischen ist, und wie an ihm der Gegensatz <hi rendition="#g">seines</hi> Innern und<lb n="2"/>Aeußern sich bestimmt; so wie zuerst das <hi rendition="#g">Innere</hi> des Ganzen in der Beziehung<lb n="3"/>auf sein <hi rendition="#g">eignes</hi> Aeußeres betrachtet wurde.</p>
<p><lb n="4"/>Das <hi rendition="#g">Aeußere</hi> für sich betrachtet, ist die <hi rendition="#g">Gestaltung</hi> überhaupt, das System<lb n="5"/>des sich im <hi rendition="#g">Elemente</hi> des <hi rendition="#g">Seyns</hi> gliedernden Lebens, und wesentlich zugleich<lb n="6"/>das Seyn des organischen Wesens <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, – gegenständliches Wesen<lb n="7"/>in seinem <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>. – Diß <hi rendition="#g">Andere</hi> erscheint zunächst als seine äußere un<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>organische Natur. Diese beyden in Beziehung auf ein Gesetz betrachtet, kann,<lb n="9"/>wie wir oben sahen, die unorganische Natur nicht die Seite eines Gesetzes gegen<lb n="10"/>das organische Wesen ausmachen, weil dieses zugleich schlechthin für sich ist, und<lb n="11"/>eine allgemeine und freye Beziehung auf sie hat.</p>
<p><lb n="12"/>Das Verhältniß dieser beyden Seiten aber an der organischen Gestalt selbst näher<lb n="13"/>bestimmt, so ist sie also nach einer Seite gegen die unorganische Natur gekehrt,<lb n="14"/>auf der andern aber <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und in sich reflectirt. Das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> organische<lb n="15"/>Wesen ist die Mitte, welche das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> des Lebens mit dem <hi rendition="#g">Aeußern</hi><lb n="16"/>überhaupt oder dem <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> zusammenschließt. – Das Extrem des Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyns ist aber das Innere als unendliches Eins, welches die Momente der Gestalt<lb n="18"/>selbst aus ihrem Bestehen und dem Zusammenhange mit dem Aeußern in sich<lb n="19"/>zurücknimmt, das inhaltslose, das an der Gestalt sich seinen Inhalt gibt, und an ihr<lb n="20"/>als ihr Proceß erscheint. In diesem Extreme als einfacher Negativität oder <hi rendition="#g">reiner</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> hat das Organische seine absolute Freyheit, wodurch es gegen das<lb n="22"/>Seyn für anderes, und gegen die Bestimmtheit der Momente der Gestalt gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gültig und gesichert ist. Diese Freyheit ist zugleich Freyheit der Momente selbst,<lb n="24"/>sie ist ihre Möglichkeit als <hi rendition="#g">daseyende</hi> zu erscheinen und aufgefaßt zu werden,<lb n="25"/>und wie gegen äußeres sind sie darin auch gegen einander befreyt und gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gültig, denn die <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> dieser Freyheit ist das <hi rendition="#g">Seyn</hi> oder ihre einfache<lb n="27"/>Substanz. Dieser Begriff oder reine Freyheit ist ein und dasselbe Leben, die Gestalt<lb n="28"/>oder das Seyn für anderes mag in noch so mannigfaltigem Spiele umherschweiffen;<lb n="29"/>es ist diesem Strome des Lebens gleichgültig, welcher Art die Mühlen sind, die<lb n="30"/>er treibt. – Vors erste ist nun zu bemerken, daß dieser Begriff hier nicht wie vorhin<lb n="31"/>bey der Betrachtung des eigentlichen Innern in seiner Form des <hi rendition="#g">Processes</hi>, oder<lb n="32"/>der Entwicklung seiner Momente aufzufassen ist, sondern in seiner Form als <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">faches</hi> <hi rendition="#g">Innres</hi>, welches die rein allgemeine Seite gegen das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> lebendige<lb n="34"/>Wesen ausmacht, oder als das <hi rendition="#g">Element</hi> des <hi rendition="#g">Bestehens</hi> der seyenden Glieder<lb n="35"/>der Gestalt; denn diese betrachten wir hier, und an ihr ist das Wesen des Lebens<lb n="36"/>als die Einfachheit des Bestehens. Alsdenn ist das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> oder die<lb n="37"/>Bestimmtheit der wirklichen Gestaltung, in diese einfache Allgemeinheit auf<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>genommen, die ihr Wesen ist, eine ebenso einfache allgemeine unsinnliche Be<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stimmtheit, und kann nur die seyn, welche als <hi rendition="#g">Zahl</hi> ausgedrückt ist. – Sie ist die</p>
<pb n="160" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=167" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Mitte der Gestalt, welche das unbestimmte Leben mit dem wirklichen verknüpft,<lb n="2"/>einfach wie jenes, und bestimmt wie dieses. Was an jenem, dem <hi rendition="#g">Innern</hi> als Zahl<lb n="3"/>wäre, müßte das Aeußere nach seiner Weise als die vielförmige Wirklichkeit,<lb n="4"/>Lebensart, Farbe und so fort ausdrücken, überhaupt als die ganze Menge der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schiede, welche in der Erscheinung sich entwickeln.</p>
<p><lb n="6"/>Die beyden Seiten des organischen Ganzen – die eine das <hi rendition="#g">Innere</hi>, die andere<lb n="7"/>aber das <hi rendition="#g">Aeußere</hi>, so daß jede wieder an ihr selbst ein Inneres und Aeußeres<lb n="8"/>hat – nach ihrem beyderseitigen Innern verglichen, so war das Innere der ersten<lb n="9"/>der Begriff, als die Unruhe der <hi rendition="#g">Abstraction</hi>; die zweyte aber hat zu dem ihrigen<lb n="10"/>die ruhende Allgemeinheit, und darin auch die ruhende Bestimmtheit, die Zahl.<lb n="11"/>Wenn daher jene, weil in ihr der Begriff seine Momente entwickelt, durch den<lb n="12"/>Schein von Nothwendigkeit der Beziehung täuschend Gesetze verhieß, so thut<lb n="13"/>diese sogleich Verzicht darauf, indem sich die Zahl als die Bestimmung der einen<lb n="14"/>Seite ihrer Gesetze zeigt. Denn die Zahl ist eben die gänzlich ruhende, todte<lb n="15"/>und gleichgültige Bestimmtheit, an welcher alle Bewegung und Beziehung er<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>loschen ist, und welche die Brücke zu dem lebendigen der Triebe, der Lebensart<lb n="17"/>und dem sonstigen sinnlichen Daseyn abgebrochen hat.</p>
<p><lb n="18"/>Diese Betrachtung der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> des Organischen als solcher, und des Innern als<lb n="19"/>eines Innern bloß der Gestalt ist aber in der That nicht mehr eine Betrachtung des<lb n="20"/>Organischen. Denn die beyden Seiten, die bezogen werden sollten, sind nur gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gültig gegeneinander gesetzt, und dadurch die Reflexion in sich, welche das Wesen<lb n="22"/>des Organischen ausmacht, aufgehoben. Sondern es wird hier vielmehr auf die<lb n="23"/>unorganische Natur die versuchte Vergleichung des Innern und Aeußern über<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>getragen; der unendliche Begriff ist hier nur das <hi rendition="#g">Wesen</hi>, das inwendig verborgen,<lb n="25"/>oder außen in das Selbstbewußtseyn fällt, und nicht mehr, wie am Organischen<lb n="26"/>seine gegenständliche Gegenwart hat. Diese Beziehung des Innern und Aeußern<lb n="27"/>ist also noch in ihrer eigentlichen Sphäre zu betrachten.</p>
<p><lb n="28"/>Zuerst ist jenes Innere der Gestalt als die einfache Einzelnheit eines unorganischen<lb n="29"/>Dinges, die <hi rendition="#g">specifische</hi> <hi rendition="#g">Schwere</hi>. Sie kann als einfaches Seyn ebensowohl,<lb n="30"/>wie die Bestimmtheit der Zahl, deren sie allein fähig ist, beobachtet oder eigentlich<lb n="31"/>durch Vergleichung von Beobachtungen gefunden werden, und scheint auf diese<lb n="32"/>Weise die eine Seite des Gesetzes zu geben. Gestalt, Farbe, Härte, Zähigkeit und<lb n="33"/>eine unzählige Menge anderer Eigenschafften würden zusammen die <hi rendition="#g">äußere</hi><lb n="34"/>Seite ausmachen, und die Bestimmtheit des Innern, die Zahl, auszudrücken haben,<lb n="35"/>so daß das eine am andern sein Gegenbild hätte.</p>
<p><lb n="36"/>Weil nun die Negativität hier nicht als Bewegung des Processes, sondern als<lb n="37"/><hi rendition="#g">beruhigte</hi> Einheit oder <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> aufgefaßt ist, so erscheint</p>
<pb n="161" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=168" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>sie vielmehr als dasjenige, wodurch das Ding sich dem Processe widersetzt, und<lb n="2"/>sich in sich und als gleichgültig gegen ihn erhält. Dadurch aber daß diß einfache<lb n="3"/>Fürsichseyn eine ruhige Gleichgültigkeit gegen anderes ist, tritt die specifische<lb n="4"/>Schwere als eine <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> <hi rendition="#g">neben</hi> andere; und damit hört alle nothwendige<lb n="5"/>Beziehung ihrer auf diese Vielheit, oder alle Gesetzmäßigkeit auf. – Die specifische<lb n="6"/>Schwere als diß einfache Innere, hat nicht den Unterschied <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder<lb n="7"/>sie hat nur den unwesentlichen; denn eben ihre <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> hebt alle<lb n="8"/>wesentliche Unterscheidung auf. Dieser unwesentliche Unterschied, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Größe</hi>,<lb n="9"/>müßte also an der andern Seite, welche die Vielheit der Eigenschafften ist, sein<lb n="10"/>Gegenbild oder das <hi rendition="#g">Andere</hi> haben, indem er dadurch überhaupt erst Unterschied<lb n="11"/>ist. Wenn diese Vielheit selbst in die Einfachheit des Gegensatzes zusammengefaßt,<lb n="12"/>und etwa als <hi rendition="#g">Kohäsion</hi> bestimmt wird, so daß diese das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Anders<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, wie die specifische Schwere das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist, so ist diese<lb n="14"/>Kohäsion zuerst diese reine im Begriffe gesetzte Bestimmtheit gegen jene Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stimmtheit, und die Manier des Gesetzgebens wäre die, welche oben bey der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>ziehung der Sensibilität auf die Irritabilität betrachtet worden. – Alsdenn ist sie<lb n="17"/>ferner als <hi rendition="#g">Begriff</hi> des Fürsichseyns im Andersseyn nur die <hi rendition="#g">Abstraction</hi> der<lb n="18"/>Seite, die der specifischen Schwere gegenüber steht, und hat als solche keine Exi<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stenz. Denn das Fürsichseyn im Andersseyn ist der Proceß, worin das unorganische<lb n="20"/>sein Fürsichseyn als eine <hi rendition="#g">Selbsterhaltung</hi> auszudrücken hätte, welche es dagegen<lb n="21"/>bewahrte aus dem Processe als Moment eines Products herauszutreten. Allein diß<lb n="22"/>eben ist gegen seine Natur, welche nicht den Zweck oder Allgemeinheit an ihr<lb n="23"/>selbst hat. Sein Proceß ist vielmehr nur das bestimmte Verhalten, wie sein Für<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>sichseyn, seine specifische Schwere sich <hi rendition="#g">aufhebt</hi>. Diß bestimmte Verhalten,<lb n="25"/>worin seine Kohäsion in ihrem wahren Begriffe bestehen würde, aber selbst, und<lb n="26"/>die bestimmte Größe seiner specifischen Schwere sind ganz gleichgültige Begriffe<lb n="27"/>gegeneinander. Wenn die Art des Verhaltens ganz außer Acht gelassen, und auf<lb n="28"/>die Vorstellung der Größe eingeschränkt würde, so könnte etwa diese Bestimmung<lb n="29"/>gedacht werden, daß das größere specifische Gewicht, als ein höheres Insichseyn<lb n="30"/>dem Eingehen in den Proceß mehr widerstände, als das geringere. Allein um<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gekehrt bewährt die Freyheit des Fürsichseyns sich nur in der Leichtigkeit, mit<lb n="32"/>allem sich einzulassen und sich in dieser Mannichfaltigkeit zu erhalten. Jene In<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>tensität ohne Extension der Beziehungen ist eine gehaltlose Abstraction, denn die<lb n="34"/>Extension macht das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> der Intensität aus. Die Selbsterhaltung aber des<lb n="35"/>Unorganischen in seiner Beziehung fällt, wie erinnert, außer der Natur derselben,<lb n="36"/>da es das Princip der Bewegung nicht an ihm selbst hat, oder da sein Seyn nicht<lb n="37"/>die absolute Negativität und Begriff ist.</p>
<p><lb n="38"/>Diese andre Seite des Unorganischen dagegen nicht als Proceß, sondern als<lb n="39"/>ruhendes Seyn betrachtet, so ist sie die gemeine Kohäsion, eine <hi rendition="#g">einfache</hi> sinn-</p>
<pb n="162" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=169" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>liche Eigenschafft auf die Seite getreten gegen das freygelassene Moment des<lb n="2"/><hi rendition="#g">Andersseyn</hi>, welches in vielen gleichgültigen Eigenschafften auseinander liegt,<lb n="3"/>und unter diese selbst, wie die specifische Schwere, tritt; die Menge der Eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schafften zusammen macht dann die andre Seite zu dieser aus. An ihr aber, wie<lb n="5"/>an den andern ist <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Zahl</hi> die einzige Bestimmtheit, welche eine Beziehung<lb n="6"/>und Uebergang dieser Eigenschafften zu einander nicht nur nicht ausdrückt, son<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>dern eben wesentlich diß ist, keine nothwendige Beziehung zu haben, sondern die<lb n="8"/>Vertilgung aller Gesetzmäßigkeit darzustellen, denn sie ist der Ausdruck der<lb n="9"/>Bestimmtheit als einer <hi rendition="#g">unwesentlichen</hi>. So daß also eine Reihe von Körpern,<lb n="10"/>welche den Unterschied als Zahlenunterschied ihrer specifischen Schweren aus<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>drückt, durchaus nicht einer Reihe des Unterschieds der andern Eigenschafften<lb n="12"/>parallel geht, wenn auch, um die Sache zu erleichtern, von ihnen nur eine einzelne<lb n="13"/>oder etliche genommen werden. Denn in der That könnte es nur das ganze Kon<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>volut derselben seyn, was in dieser Parallele die andere Seite auszumachen hätte.<lb n="15"/>Dieses in sich zu ordnen und zu einem Ganzen zu verbinden, sind die Größen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bestimmtheiten dieser vielerley Eigenschafften für die Beobachtung einerseits<lb n="17"/>vorhanden, andererseits aber treten ihre Unterschiede als qualitativ ein. Was nun<lb n="18"/>in diesem Hauffen als positiv oder negativ bezeichnet werden müßte und sich<lb n="19"/>gegenseitig aufhöbe, überhaupt die innre Figuration und Exposition der Formel,<lb n="20"/>die sehr zusammengesetzt seyn würde, gehörte dem Begriffe an, welcher eben<lb n="21"/>in der Weise, wie die Eigenschafften als <hi rendition="#g">seyende</hi> daliegen und aufgenommen<lb n="22"/>werden sollen, ausgeschlossen ist; in diesem Seyn zeigt keine den Charakter eines<lb n="23"/>negativen gegen die andere, sondern die eine <hi rendition="#g">ist</hi> so gut als die andere, noch deutet<lb n="24"/>sie sonst ihre Stelle in der Anordnung des Ganzen an. – Bey einer Reihe, die in<lb n="25"/>parallelen Unterschieden [fortläufft], – das Verhältniß möchte als auf beyden Seiten<lb n="26"/>zugleich steigend, oder nur auf der einen und auf der andern abnehmend gemeynt<lb n="27"/>werden, – ist es nur um den <hi rendition="#g">letzten</hi> einfachen Ausdruck dieses zusammengefaßten<lb n="28"/>Ganzen zu thun, welches die eine Seite des Gesetzes, gegen die specifische Schwere<lb n="29"/>ausmachen sollte; aber diese eine Seite, als <hi rendition="#g">seyendes</hi> <hi rendition="#g">Resultat</hi> ist eben nichts<lb n="30"/>anders als was schon erwähnt worden, nemlich einzelne Eigenschafft, wie etwa<lb n="31"/>auch die gemeine Kohäsion, neben welcher die andern und darunter auch die<lb n="32"/>specifische Schwere, gleichgültig vorhanden sind, und jede andre mit dem gleichen<lb n="33"/>Rechte, d. h. mit dem gleichen Unrechte zum Representanten der ganzen andern<lb n="34"/>Seite gewählt werden kann; eine wie die andre würde das Wesen nur represen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>tiren, auf deutsch: <hi rendition="#g">vorstellen</hi>, aber nicht die Sache selbst seyn. So daß der Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>such Körper-Reihen zu finden, welche an der einfachen Parallele zweyer Seiten<lb n="37"/>fortlieffen, und die wesentliche Natur der Körper nach einem Gesetze dieser Seiten</p>
<pb n="163" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=170" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>ausdrückten, für einen Gedanken genommen werden muß, welcher seine Aufgabe<lb n="2"/>und die Mittel, wodurch sie ausgeführt werden sollte, nicht kennt.</p>
<p><lb n="3"/>Es wurde vorhin die Beziehung des Aeußern und Innern an der Gestalt, welche<lb n="4"/>der Beobachtung sich darstellen soll, sogleich zu der Sphäre des Unorganischen<lb n="5"/>herübergenommen; die Bestimmung, welche sie hieher zieht, kann itzt näher<lb n="6"/>angegeben werden, und es ergibt sich von da noch eine andere Form und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ziehung dieses Verhältnisses. Bey dem Organischen nemlich fällt überhaupt das<lb n="8"/>hinweg, was bey dem Unorganischen die Möglichkeit einer solchen Vergleichung<lb n="9"/>des Innern und Aeußern darzubieten scheint. Das unorganische Innere ist ein ein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>faches Inneres, das für die Wahrnehmung als <hi rendition="#g">seyende</hi> Eigenschafft sich darbietet;<lb n="11"/>seine Bestimmtheit ist daher wesentlich die Größe, und es erscheint als seyende<lb n="12"/>Eigenschafft gleichgültig gegen das Aeußere, oder die vielen andern sinnlichen<lb n="13"/>Eigenschafften. Das Fürsichseyn des Organisch-lebendigen aber tritt nicht so auf<lb n="14"/>die Seite gegen sein Aeußeres, sondern hat das Princip des <hi rendition="#g">Andersseyns</hi> an ihm<lb n="15"/>selbst. Bestimmen wir das Fürsichseyn als <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">erhaltende</hi> <hi rendition="#g">Bezie<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">hung</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, so ist sein Andersseyn die einfache <hi rendition="#g">Negativität</hi>, und<lb n="17"/>die organische Einheit ist die Einheit des sichselbstgleichen sich auf sich Beziehens,<lb n="18"/>und der reinen Negativität. Diese Einheit ist als Einheit das Innere des Organischen;<lb n="19"/>diß ist hiedurch an sich allgemein, oder es ist <hi rendition="#g">Gattung</hi>. Die Freyheit der Gattung<lb n="20"/>gegen ihre Wirklichkeit aber ist eine andere als die Freyheit der specifischen<lb n="21"/><hi rendition="#g">Schwere</hi> gegen die Gestalt. Die der letztern ist eine <hi rendition="#g">seyende</hi> Freyheit, oder daß<lb n="22"/>sie als besondere Eigenschafft auf die Seite tritt. Aber weil sie <hi rendition="#g">seyende</hi> Freyheit<lb n="23"/>ist, ist sie auch nur <hi rendition="#g">Eine</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, welche dieser Gestalt <hi rendition="#g">wesentlich</hi><lb n="24"/>angehört, oder wodurch diese <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ein bestimmtes ist. Die Freyheit der<lb n="25"/>Gattung aber ist eine allgemeine, und gleichgültig gegen diese Gestalt oder gegen<lb n="26"/>ihre Wirklichkeit. Die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, welche dem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Un<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>organischen <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solchem</hi> zukommt, tritt daher an dem Organischen <hi rendition="#g">unter</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">sein</hi> Fürsichseyn; wie sie an dem Unorganischen nur unter das <hi rendition="#g">Seyn</hi> desselben<lb n="29"/>tritt; ob sie daher schon an diesem zugleich nur als <hi rendition="#g">Eigenschafft</hi> ist, so fällt<lb n="30"/>ihr doch die Würde des <hi rendition="#g">Wesens</hi> zu, weil sie als das einfache Negative dem Da<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyn als dem Seyn für anderes gegenübersteht; und diß einfache Negative ist in<lb n="32"/>seiner letzten einzelnen Bestimmtheit eine Zahl. Das Organische aber ist eine<lb n="33"/>Einzelnheit, welche selbst reine Negativität und daher die fixe Bestimmtheit der<lb n="34"/>Zahl, welche dem <hi rendition="#g">gleichgültigen</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> zukommt, in sich vertilgt. Insofern<lb n="35"/>es das Moment des gleichgültigen Seyns und darin der Zahl an ihm hat, kann sie<lb n="36"/>daher nur als ein Spiel an ihm, nicht aber als das Wesen seiner Lebendigkeit ge<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>nommen werden.</p>
<pb n="164" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=171" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn nun aber schon die reine Negativität, das Princip des Processes, nicht<lb n="2"/>außer dem Organischen fällt, und es sie also nicht als eine Bestimmtheit in seinem<lb n="3"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> hat, sondern die Einzelnheit selbst an sich allgemein ist, so ist doch diese<lb n="4"/>reine Einzelnheit nicht in ihren Momenten als selbst <hi rendition="#g">abstracten</hi> oder <hi rendition="#g">allge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">meinen</hi> an ihm entwickelt und wirklich. Sondern dieser Ausdruck tritt außer<lb n="6"/>jener Allgemeinheit, welche in die <hi rendition="#g">Innerlichkeit</hi> zurückfällt, und zwischen die<lb n="7"/>Wirklichkeit oder Gestalt, d. h. die sich entwickelnde Einzelnheit und zwischen<lb n="8"/>das organische Allgemeine, oder die Gattung, das <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Allgemeine, die <hi rendition="#g">Art</hi>.<lb n="9"/>Die Existenz, zu welcher die Negativität des Allgemeinen oder der Gattung gelangt,<lb n="10"/>ist nur die entwickelte Bewegung eines Processes, welcher sich an den <hi rendition="#g">Theilen</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> <hi rendition="#g">Gestalt</hi> verläufft. Hätte die Gattung an ihr als ruhender Einfach<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heit die unterschiedenen Theile, und wäre somit ihre <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Negativität</hi> als<lb n="13"/>solche zugleich Bewegung, welche sich durch ebenso einfache, unmittelbar an ihnen<lb n="14"/>allgemeine Theile verlieffe, die als solche Momente hier wirklich wären, so wäre die<lb n="15"/>organische Gattung Bewußtseyn. So aber ist die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, als<lb n="16"/>Bestimmtheit der Art, an ihr auf eine geistlose Weise vorhanden; die Wirklichkeit<lb n="17"/>fängt von ihr an, oder was in die Wirklichkeit tritt, ist nicht die Gattung als solche,<lb n="18"/>d. h. überhaupt nicht der Gedanke. Diese als wirkliches Organisches ist nur durch<lb n="19"/>einen Repräsentanten vertreten. Dieser aber, die Zahl, welche den Uebergang aus der<lb n="20"/>Gattung in die individuelle Gestaltung zu bezeichnen, und der Beobachtung die bey<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>den Seiten der Nothwendigkeit, einmal als einfache Bestimmtheit, das anderemal sie<lb n="22"/>als entwickelte zur Mannigfaltigkeit herausgeborne Gestalt zu geben scheint, bezeich<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>net vielmehr die Gleichgültigkeit und Freyheit des Allgemeinen und Einzelnen gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>einander, das von der Gattung dem wesenlosen Unterschiede der Größe preis<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gegeben wird, selbst aber als lebendiges von diesem Unterschiede sich ebenso frey<lb n="26"/>erweist. Die wahre Allgemeinheit, wie sie bestimmt worden, ist hier nur <hi rendition="#g">innres</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">Wesen</hi>; als <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> ist sie formale Allgemeinheit, und dieser<lb n="28"/>gegenüber tritt jene wahre Allgemeinheit auf die Seite der Einzelnheit, die dadurch<lb n="29"/>eine lebendige ist, und sich durch ihr <hi rendition="#g">Inneres</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> <hi rendition="#g">als</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">Art</hi> hinwegsetzt. Aber diese Einzelnheit ist nicht zugleich allgemeines Individuum,<lb n="31"/>d. h. an dem die Allgemeinheit ebenso äußere Wirklichkeit hätte, sondern diß<lb n="32"/>fällt außer dem Organisch-lebendigen. Dieses <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Individuum aber, wie<lb n="33"/>es <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> das Individuum der natürlichen Gestaltungen ist, ist nicht das<lb n="34"/>Bewußtseyn selbst; sein Daseyn als <hi rendition="#g">EINZELNES</hi> <hi rendition="#g">organisches</hi> <hi rendition="#g">lebendiges</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Individuum</hi> müßte nicht außer ihm fallen, wenn es dieses seyn sollte.</p>
<p><lb n="36"/>Wir sehen daher einen Schluß, worin das eine Extrem das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">allgemeines</hi>, oder als Gattung, das andre Extrem aber <hi rendition="#g">dasselbe</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="38" break="no"/><hi rendition="#g">zelnes</hi>, oder als allgemeines Individuum ist; die Mitte aber ist aus beyden zu<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>sammengesetzt, das erste scheint in sie sich als <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Allgemeinheit oder</p>
<pb n="165" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=172" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>als <hi rendition="#g">Art</hi>, das andre aber als <hi rendition="#g">eigentliche</hi> oder einzelne <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> zu schicken. –<lb n="2"/>Und da dieser Schluß überhaupt der Seite der <hi rendition="#g">Gestaltung</hi> angehört, so ist unter<lb n="3"/>ihm ebenso dasjenige begriffen, was als unorganische Natur unterschieden wird.</p>
<p><lb n="4"/>Indem nun das allgemeine Leben als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gattung</hi><lb n="5"/>von seiner Seite die Unterschiede des Begriffs entwickelt, und sie als eine Reihe<lb n="6"/>der einfachen Bestimmtheiten darstellen muß, so ist diese ein System gleichgültig<lb n="7"/>gesetzter Unterschiede, oder <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Zahlreihe</hi>. Wenn vorhin das Organische in<lb n="8"/>der Form der Einzelnheit diesem wesenlosen Unterschiede gegenübergesetzt wurde,<lb n="9"/>der ihre lebendige Natur nicht ausdrückt und enthält – und wenn in Ansehung<lb n="10"/>des Unorganischen nach seinem ganzen in der Menge seiner Eigenschafften ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wickelten Daseyn ebendiß gesagt werden muß, – so ist es itzt das allgemeine Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>viduum, welches nicht nur als frey von jeder Gliederung der Gattung, sondern<lb n="13"/>auch als ihre Macht zu betrachten ist. Die Gattung, welche sich in Arten nach der<lb n="14"/><hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der Zahl zerlegt, oder auch einzelne Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>heiten ihres Daseyns, z. B. die Figur, Farbe u.s.f. zu ihrem Eintheilungsgrunde<lb n="16"/>nehmen mag, erleidet in diesem ruhigen Geschäffte Gewalt von der Seite des all<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gemeinen Individuums, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Erde</hi>, welches als die allgemeine Negativität, die<lb n="18"/>Unterschiede, wie sie dieselben an sich hat und deren Natur um der Substanz<lb n="19"/>willen, der sie angehören, eine andere ist als die Natur jener, gegen das Systemati<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>siren der Gattung geltend macht. Dieses Thun der Gattung wird zu einem ganz<lb n="21"/>eingeschränkten Geschäffte, das sie nur innerhalb jener mächtigen Elemente treiben<lb n="22"/>darf, und das durch die zügellose Gewalt derselben allenthalben unterbrochen,<lb n="23"/>lückenhaft und verkümmert wird.</p>
<p><lb n="24"/>Es folgt hieraus, daß der Beobachtung an dem gestalteten Daseyn nur die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nunft <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi> werden kann, welches aber in seinem Unterscheiden<lb n="26"/>keine vernünftige Reihung und Gegliederung an sich selbst wirklich hat, und nicht<lb n="27"/>ein in sich gegründetes System der Gestalten ist. – Wenn im Schlusse der or<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ganischen Gestaltung die Mitte, worein die Art und ihre Wirklichkeit als einzelne<lb n="29"/>Individualität fällt, an ihr selbst die Extreme der innern Allgemeinheit und der<lb n="30"/>allgemeinen Individualität hätte, so würde diese Mitte an <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Bewegung</hi> ihrer<lb n="31"/>Wirklichkeit den Ausdruck und die Natur der Allgemeinheit haben, und die sich<lb n="32"/>selbst systematisirende Entwicklung seyn. So hat das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, zwischen<lb n="33"/>dem allgemeinen Geiste und zwischen seiner Einzelnheit oder dem sinnlichen<lb n="34"/>Bewußtseyn, zur Mitte das System der Gestaltungen des Bewußtseyns, als ein<lb n="35"/>zum Ganzen sich ordnendes Leben des Geistes, – das System, das hier betrachtet<lb n="36"/>wird, und welches als Weltgeschichte sein gegenständliches Daseyn hat. Aber die<lb n="37"/>organische Natur hat keine Geschichte; sie fällt von ihrem Allgemeinen, dem Leben,</p>
<pb n="166" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=173" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>unmittelbar in die Einzelnheit des Daseyns herunter, und die in dieser Wirklichkeit<lb n="2"/>vereinigten Momente der einfachen Bestimmtheit und der einzelnen Lebendigkeit<lb n="3"/>bringen das Werden nur als die zufällige Bewegung hervor, worin jedes an seinem<lb n="4"/>Theile thätig ist und das Ganze erhalten wird, aber diese Regsamkeit ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="5"/>selbst nur auf ihren Punkt beschränkt, weil das Ganze nicht in ihm vorhanden ist,<lb n="6"/>und diß ist nicht darin vorhanden, weil es nicht als Ganzes hier <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist.</p>
<p><lb n="7"/>Außerdem also, daß die beobachtende Vernunft in der organischen Natur nur<lb n="8"/>zur Anschauung ihrer selbst als allgemeines Leben überhaupt kommt, wird ihr<lb n="9"/>die Anschauung seiner Entwicklung und Realisirung nur nach ganz allgemein<lb n="10"/>unterschiedenen Systemen, deren Bestimmung ihr Wesen nicht in dem Organi<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schen als solchem, sondern in dem allgemeinen Individuum liegt; und <hi rendition="#g">unter</hi><lb n="12"/>diesen Unterschieden der Erde, nach Reihungen, welche die Gattung versucht.</p>
<p><lb n="13"/>Indem also in seiner Wirklichkeit die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">organischen</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Lebens</hi> sich, ohne die wahrhaffte fürsichseyende Vermittlung, unmittelbar in das<lb n="15"/><hi rendition="#g">Extrem</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> herunterfallen läßt, so hat das beobachtende Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seyn nur das <hi rendition="#g">Meynen</hi> als Ding vor sich; und wenn die Vernunft das müssige<lb n="17"/>Interesse haben kann, dieses Meynen zu beobachten, ist sie auf das Beschreiben<lb n="18"/>und Hererzählen von Meynungen und Einfällen der Natur beschränkt. Diese geist<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lose Freyheit des Meynens wird zwar allenthalben Anfänge von Gesetzen, Spuren<lb n="20"/>von Nothwendigkeit, Anspielungen auf Ordnung und Reihung, witzige und<lb n="21"/>scheinbare Beziehungen darbieten. Aber die Beobachtung kommt in der Beziehung<lb n="22"/>des Organischen auf die seyenden Unterschiede des Unorganischen, die Elemente,<lb n="23"/>Zonen und Klimate, in Ansehung des Gesetzes und der Nothwendigkeit nicht über<lb n="24"/>den <hi rendition="#g">großen</hi> <hi rendition="#g">Einfluß</hi> hinaus. So auf der andern Seite, wo die Individualität nicht<lb n="25"/>die Bedeutung der Erde, sondern des dem organischen Leben <hi rendition="#g">immanenten</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Eins</hi> hat, diß aber mit dem Allgemeinen in unmittelbarer Einheit zwar die Gat<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tung ausmacht, aber deren einfache Einheit ebendarum nur als Zahl sich bestimmt,<lb n="28"/>und daher die qualitative Erscheinung freyläßt, – kann es die Beobachtung nicht<lb n="29"/>über <hi rendition="#g">artige</hi> <hi rendition="#g">Bemerkungen</hi>, <hi rendition="#g">interessante</hi> <hi rendition="#g">Beziehungen</hi>, <hi rendition="#g">freundliches</hi> <hi rendition="#g">Ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">gegenkommen</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, hinausbringen. Aber die artigen <hi rendition="#g">Bemerkun<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">gen</hi> sind kein <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>, die <hi rendition="#g">interessanten</hi> Bezie<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>hungen bleiben bey dem <hi rendition="#g">Interesse</hi> stehen, das Interesse ist aber nur noch die<lb n="33"/>Meynung von der Vernunft; und die <hi rendition="#g">Freundlichkeit</hi> des individuellen, mit<lb n="34"/>der es an einen Begriff anspielt, ist eine kindliche Freundlichkeit, welche kindisch<lb n="35"/>ist, wenn sie an und für sich etwas gelten will oder soll.</p>
<pb n="167" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=174" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>b.</head>
<head><lb n="2"/>DIE BEOBACHTUNG DES SELBSTBEWUSSTSEYNS<lb n="3"/>in seiner Reinheit und seiner Beziehung auf äußre Wirklichkeit;<lb n="4"/>LOGISCHE UND PSYCHOLOGISCHE GESETZE.</head>
<p><lb n="5"/>Die Naturbeobachtung findet den Begriff in der unorganischen Natur realisirt,<lb n="6"/>Gesetze, deren Momente Dinge sind, welche sich zugleich als Abstractionen ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>halten; aber dieser Begriff ist nicht eine in sich reflectirte Einfachheit. Das Leben<lb n="8"/>der organischen Natur ist dagegen nur diese in sich reflectirte Einfachheit, der<lb n="9"/>Gegensatz seiner selbst, als des Allgemeinen und des Einzelnen tritt nicht im Wesen<lb n="10"/>dieses Lebens selbst auseinander; das Wesen ist nicht die Gattung, welche in ihrem<lb n="11"/>unterschiedslosen Elemente sich trennte und bewegte, und in ihrer Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>setzung für sich selbst zugleich ununterschieden wäre. Die Beobachtung findet diesen<lb n="13"/>freyen Begriff, dessen Allgemeinheit die entwickelte Einzelnheit ebenso absolut<lb n="14"/>in ihr selbst hat, nur in dem als Begriff existirenden Begriffe selbst, oder in dem<lb n="15"/>Selbstbewußtseyn.</p>
<p><lb n="16"/>Indem sie sich nun in sich selbst kehrt, und auf den als freyen Begriff wirklichen<lb n="17"/>Begriff richtet, findet sie zuerst die <hi rendition="#g">Gesetze</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi>. Diese Einzelnheit,<lb n="18"/>welche das Denken an ihm selbst ist, ist die abstracte, ganz in die Einfachheit<lb n="19"/>zurückgenommene Bewegung des Negativen, und die Gesetze sind außerhalb<lb n="20"/>der Realität. – Sie haben keine <hi rendition="#g">Realität</hi>, heißt überhaupt nichts anders, als sie<lb n="21"/>sind ohne Wahrheit. Sie sollen auch zwar nicht <hi rendition="#g">ganze</hi>, aber doch <hi rendition="#g">formelle</hi><lb n="22"/>Wahrheit seyn. Allein das rein formelle ohne Realität ist das Gedankending, oder<lb n="23"/>die leere Abstraction ohne die Entzweyung an ihr, welche nichts anders als der<lb n="24"/>Inhalt wäre. – Auf der andern Seite aber, indem sie Gesetze des reinen Denkens<lb n="25"/>sind, dieses aber das an sich Allgemeine, und also ein Wissen ist, welches unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bar das Seyn und darin alle Realität an ihm hat, sind diese Gesetze absolute Begriffe<lb n="27"/>und ungetrennt die Wesenheiten der Form wie der Dinge. Da die sich in sich<lb n="28"/>bewegende Allgemeinheit der <hi rendition="#g">entzweyte</hi> einfache Begriff ist; hat er auf diese<lb n="29"/>Weise <hi rendition="#g">Inhalt</hi> an sich, und einen solchen, welcher aller Inhalt, nur nicht ein sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>liches Seyn ist. Es ist ein Inhalt, der weder im Widerspruche mit der Form noch<lb n="31"/>überhaupt von ihr getrennt, sondern vielmehr wesentlich sie selbst ist, denn diese<lb n="32"/>ist nichts anderes als das in seine reinen Momente sich trennende Allgemeine.</p>
<p><lb n="33"/>Wie aber diese Form oder Inhalt <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beobachtung</hi> als Beobachtung ist,<lb n="34"/>erhält sie die Bestimmung eines <hi rendition="#g">gefundenen</hi>, gegebenen, d. i. <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi><lb n="35"/>Inhalts. Er wird <hi rendition="#g">ruhiges</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> von Beziehungen, eine Menge abgesonderter</p>
<pb n="168" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=175" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Nothwendigkeiten, die als ein <hi rendition="#g">fester</hi> Inhalt an und für sich, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Bestimmt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi>, Wahrheit haben sollen, und so in der That der Form entzogen sind. – Diese<lb n="3"/>absolute Wahrheit fixer Bestimmtheiten oder vieler verschiedener Gesetze, wider<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>spricht aber der Einheit des Selbstbewußtseyns, oder des Denkens und der Form<lb n="5"/>überhaupt. Was für festes an sich bleibendes Gesetz ausgesagt wird, kann nur<lb n="6"/>ein Moment der sich in sich reflectirenden Einheit seyn, nur als eine verschwindende<lb n="7"/>Größe auftreten. Aus diesem Zusammenhange der Bewegung aber von der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>trachtung herausgerissen und einzeln hingestellt, fehlt ihnen nicht der Inhalt, denn<lb n="9"/>sie haben vielmehr einen bestimmten Inhalt, sondern sie entbehren vielmehr der<lb n="10"/>Form, welche ihr Wesen ist. In der That nicht darum, weil sie nur formell seyn<lb n="11"/>und keinen Inhalt haben sollen, sondern vielmehr aus dem entgegengesetzten<lb n="12"/>Grunde, weil sie in ihrer Bestimmtheit, oder eben <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, dem die Form<lb n="13"/>genommen ist, für etwas absolutes gelten sollen, sind diese Gesetze nicht die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>heit des Denkens. In ihrer Wahrheit, als in der Einheit des Denkens verschwindende<lb n="15"/>Momente, müßten sie als Wissen, oder denkende Bewegung, nicht aber als <hi rendition="#g">Ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">setze</hi> des Wissens genommen werden. Das Beobachten aber ist nicht das Wissen<lb n="17"/>selbst, und kennt es nicht, sondern verkehrt seine Natur in die Gestalt des <hi rendition="#g">Seyns</hi>,<lb n="18"/>d. h. faßt seine Negativität nur als <hi rendition="#g">Gesetze</hi> desselben auf. – Es ist hier hinreichend,<lb n="19"/>die Ungültigkeit der sogenannten Denkgesetze aus der allgemeinen Natur der<lb n="20"/>Sache aufgezeigt zu haben. Die nähere Entwicklung gehört in die speculative<lb n="21"/>Philosophie, worin sie sich als dasjenige zeigen, was sie in Wahrheit sind, nemlich<lb n="22"/>einzelne verschwindende Momente, deren Wahrheit nur das Ganze der denkenden<lb n="23"/>Bewegung, das Wissen selbst ist.</p>
<p><lb n="24"/>Diese negative Einheit des Denkens ist für sich selbst, oder vielmehr sie ist das<lb n="25"/><hi rendition="#g">Fürsichselbstseyn</hi>, das Princip der Individualität, und in seiner Realität, <hi rendition="#g">thuen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Zu ihm als der Realität jener Gesetze wird daher das beob<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>achtende Bewußtseyn durch die Natur der Sache fortgeführt. Indem dieser Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>sammenhang nicht für es ist, so meynt es, das Denken in seinen Gesetzen bleibe<lb n="29"/>ihm auf der einen Seite stehen, und auf der andern Seite erhalte es ein anderes Seyn<lb n="30"/>an dem, was ihm itzt Gegenstand ist, nemlich das thuende Bewußtseyn, welches<lb n="31"/>so für sich ist, daß es das Andersseyn aufhebt, und in dieser Anschauung seiner<lb n="32"/>selbst als des negativen seine Wirklichkeit hat.</p>
<p><lb n="33"/>Es eröffnet sich also für die <hi rendition="#g">Beobachtung</hi> ein <hi rendition="#g">neues</hi> <hi rendition="#g">Feld</hi> an der <hi rendition="#g">han<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">delnden</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>. Die Psychologie enthält die Menge<lb n="35"/>von Gesetzen, nach welchen der Geist gegen die verschiedenen Weisen seiner<lb n="36"/>Wirklichkeit, als eines <hi rendition="#g">vorgefundenen</hi> <hi rendition="#g">Andersseyns</hi>, sich verschieden ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hält; theils diese in sich zu empfangen, und den vorgefundenen Gewohnheiten,</p>
<pb n="169" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=176" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>Sitten und Denkungsart, als worin er sich als Wirklichkeit Gegenstand ist, <hi rendition="#g">gemäß</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>, – theils gegen sie sich selbstthätig zu wissen, mit Neigung und Leiden<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schaft nur besonderes daraus für sich herauszugreiffen, und das gegenständliche<lb n="4"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">gemäß</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">machen</hi>; dort sich gegen sich selbst als Einzelnheit, hier gegen<lb n="5"/>sich als allgemeines Seyn negativ zu verhalten. – Die Selbstständigkeit gibt dem<lb n="6"/>Vorgefundenen nach der ersten Seite nur die <hi rendition="#g">Form</hi> bewußter Individualität<lb n="7"/>überhaupt, und bleibt in Ansehung des Inhalts innerhalb der vorgefundenen all<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gemeinen Wirklichkeit stehen; nach der andern Seite aber gibt sie ihr wenigstens<lb n="9"/>eine eigenthümliche Modification, die ihrem wesentlichen Inhalte nicht wider<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>spricht, oder auch eine solche, wodurch das Individuum als besondere Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>keit und eigenthümlicher Inhalt sich ihr entgegensetzt, – und zum Verbrechen<lb n="12"/>wird, indem es sie auf eine nur einzelne Weise aufhebt, oder indem es diß auf eine<lb n="13"/>allgemeine Weise und damit für alle thut, eine andere Welt, anderes Recht, Gesetz<lb n="14"/>und Sitten an die Stelle der vorhandenen bringt.</p>
<p><lb n="15"/>Die beobachtende Psychologie, welche zuerst ihre Wahrnehmungen von den<lb n="16"/><hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Weisen</hi>, die ihr an dem thätigen Bewußtseyn vorkommen, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>spricht, findet mancherley Vermögen, Neigungen und Leidenschafften, und indem<lb n="18"/>sich die Erinnerung an die Einheit des Selbstbewußtseyns bey der Hererzählung<lb n="19"/>dieser Collection nicht unterdrücken läßt, muß sie wenigstens bis zur Verwun<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>derung fortgehen, daß in dem Geiste, wie in einem Sacke, so vielerley und solche<lb n="21"/>heterogene einander zufällige Dinge beysammen seyn können, besonders auch da<lb n="22"/>sie sich nicht als todte ruhende Dinge, sondern als unruhige Bewegungen zeigen.</p>
<p><lb n="23"/>In der Hererzählung dieser verschiedenen Vermögen ist die Beobachtung in<lb n="24"/>der allgemeinen Seite; die Einheit dieser vielfachen Fähigkeiten ist die dieser All<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gemeinheit entgegengesetzte Seite die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Individualität. – Die unter<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schiednen wirklichen Individualitäten wieder so aufzufassen und zu erzählen,<lb n="27"/>daß der eine Mensch mehr Neigung zu diesem, der andere mehr zu jenem, der eine<lb n="28"/>mehr Verstand als der andere habe, hat aber etwas viel uninteressanteres, als selbst<lb n="29"/>die Arten von Insekten, Moosen, und so fort aufzuzählen; denn diese geben der<lb n="30"/>Beobachtung das Recht, sie so einzeln und begrifflos zu nehmen, weil sie wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lich dem Elemente der zufälligen Vereinzelung angehören. Die bewußte Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>vidualität hingegen, geistlos als <hi rendition="#g">einzelne</hi> seyende Erscheinung zu nehmen, hat<lb n="33"/>das widersprechende, daß ihr Wesen das Allgemeine des Geistes ist. Indem aber<lb n="34"/>das Auffassen sie zugleich in die Form der Allgemeinheit eintreten läßt, findet es<lb n="35"/><hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>, und scheint itzt einen vernünftigen Zweck zu haben, und ein noth<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>wendiges Geschäffte zu treiben.</p>
<p><lb n="37"/>Die Momente, die den Inhalt des Gesetzes ausmachen, sind einerseits die Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>vidualität selbst, anderseits ihre allgemeine unorganische Natur, nemlich die vor<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>gefundenen Umstände, Lage, Gewohnheiten, Sitten, Religion, und so weiter; aus</p>
<pb n="170" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=177" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>diesen ist die bestimmte Individualität zu begreiffen. Sie enthalten Bestimmtes eben<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sowohl als Allgemeines, und sind zugleich <hi rendition="#g">Vorhandenes</hi>, das sich der Beobachtung<lb n="3"/>darbietet, und sich an der andern Seite in der Form der Individualität ausdrückt.</p>
<p><lb n="4"/>Das Gesetz dieses Verhältnisses der beyden Seiten müßte nun diß enthalten,<lb n="5"/>was diese bestimmten Umstände für eine Wirkung und Einfluß auf die Indivi<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>dualität ausüben. Diese Individualität aber ist gerade diß, <hi rendition="#g">ebensowohl</hi> das <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi> zu seyn, und daher auf eine ruhige unmittelbare Weise mit dem <hi rendition="#g">vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">handenen</hi> Allgemeinen, den Sitten, Gewohnheiten u.s.f. zusammen zu fließen<lb n="9"/>und ihnen gemäß zu werden, <hi rendition="#g">als</hi> sich entgegengesetzt gegen sie zu verhalten,<lb n="10"/>und sie vielmehr zu verkehren, – sowie gegen sie in ihrer Einzelnheit ganz gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gültig sich zu verhalten, sie nicht auf sich einwirken zu lassen, und nicht gegen<lb n="12"/>sie thätig zu seyn. <hi rendition="#g">Was</hi> auf die Individualität Einfluß und <hi rendition="#g">welchen</hi> Einfluß es<lb n="13"/>haben soll, – was eigentlich gleichbedeutend ist, – hängt darum nur von der In<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>dividualität selbst ab; <hi rendition="#g">dadurch</hi> ist diese Individualität <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">worden</hi>, heißt nichts anders, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">gewesen</hi>. Umstände,<lb n="16"/>Lage, Sitten und so fort, welche einerseits gezeigt werden als <hi rendition="#g">vorhanden</hi>, und<lb n="17"/>anderseits <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi>, drücken nur das unbe<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stimmte Wesen derselben aus, um welches es nicht zu thun ist. Wenn diese Um<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stände, Denkungsart, Sitten, Weltzustand überhaupt nicht gewesen wäre, so wäre<lb n="20"/>allerdings das Individuum nicht geworden, was es ist; denn diese allgemeine Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stanz sind alle, welche in diesem Weltzustande sich befinden. – Wie er sich aber<lb n="22"/>in <hi rendition="#g">diesem</hi> Individuum, – und ein solches soll begriffen werden, – particularisirt<lb n="23"/>hat, so müßte er sich an und für sich selbst particularisirt, und in dieser Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heit, welche er sich gegeben, auf ein Individuum eingewirkt haben; nur so hätte<lb n="25"/>er es zu diesem bestimmten gemacht, das es ist. Wenn das Aeußere sich an und<lb n="26"/>für sich so beschaffen hat, wie es an der Individualität erscheint, wäre diese aus<lb n="27"/>jenem begriffen. Wir hätten eine gedoppelte Gallerie von Bildern, deren eine<lb n="28"/>der Wiederschein der andern wäre; die eine die Gallerie der völligen Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>heit und Umgränzung äußerer Umstände, die andere dieselbe übersetzt in die<lb n="30"/>Weise, wie sie in dem bewußten Wesen sind; jene die Kugelfläche, dieses der Mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>punkt, welcher sie in sich vorstellt.</p>
<p><lb n="32"/>Aber die Kugelfläche, die Welt des Individuums, hat unmittelbar die zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>deutige Bedeutung, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi> und <hi rendition="#g">Lage</hi>, <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Individuums</hi> <hi rendition="#g">entweder</hi> insofern zu seyn, als dieses mit ihr nur zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>geflossen wäre, sie so wie sie ist in sich hineingehen lassen, und gegen sie sich nur<lb n="36"/>als formelles Bewußtseyn verhalten hätte; – <hi rendition="#g">oder</hi> aber Welt des Individuums<lb n="37"/>so zu seyn, wie das Vorhandene von ihm <hi rendition="#g">verkehrt</hi> worden ist. – Da um dieser</p>
<pb n="171" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=178" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Freyheit willen die Wirklichkeit dieser gedoppelten Bedeutung fähig ist, so ist die<lb n="2"/>Welt des Individuums nur aus diesem selbst zu begreiffen, und der <hi rendition="#g">Einfluß</hi> der<lb n="3"/>Wirklichkeit, welche als an und für sich <hi rendition="#g">seyend</hi> vorgestellt wird, auf das Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>viduum, erhält durch dieses absolut den entgegengesetzten Sinn, daß es entweder<lb n="5"/>den Strom der einfließenden Wirklichkeit an ihm <hi rendition="#g">gewähren</hi> läßt, oder daß es ihn<lb n="6"/>abbricht und verkehrt. Hiedurch aber wird die <hi rendition="#g">psychologische</hi> <hi rendition="#g">Nothwendig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> ein so leeres Wort, daß von dem, was diesen Einfluß soll gehabt haben, die<lb n="8"/>absolute Möglichkeit vorhanden ist, daß es ihn auch hätte nicht haben können.</p>
<p><lb n="9"/>Es fällt hiemit das <hi rendition="#g">Seyn</hi> hinweg, welches <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> wäre, und die eine<lb n="10"/>und zwar die allgemeine Seite eines Gesetzes ausmachen sollte. Die Individualität<lb n="11"/>ist, was <hi rendition="#g">ihre</hi> Welt als die <hi rendition="#g">ihrige</hi> ist; sie selbst ist der Kreis ihres Thuns, worin<lb n="12"/>sie sich als Wirklichkeit dargestellt hat, und schlechthin nur Einheit des <hi rendition="#g">vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">handenen</hi> und des <hi rendition="#g">gemachten</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>; eine Einheit, deren Seiten nicht, wie<lb n="14"/>in der Vorstellung des psychologischen Gesetzes als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> vorhandne Welt,<lb n="15"/>und als <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende Individualität auseinanderfallen; oder wenn sie so jede<lb n="16"/>für sich betrachtet wird, so ist keine Nothwendigkeit und Gesetz ihrer Beziehung<lb n="17"/>füreinander vorhanden.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="18"/>c.</head>
<head><lb n="19"/>Beobachtung<lb n="20"/>der Beziehung des Selbstbewusstseyns<lb n="21"/>auf seine unmittelbare Wirklichkeit;<lb n="22"/>Physiognomik und Schädellehre.</head>
<p><lb n="23"/>Die psychologische Beobachtung findet kein Gesetz des Verhältnisses des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>bewußtseyns zu der Wirklichkeit, oder der ihm entgegengesetzten Welt, und ist<lb n="25"/>durch die Gleichgültigkeit beyder gegeneinander auf die <hi rendition="#g">eigenthümliche</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der realen Individualität zurückgetrieben, welche <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">sich</hi> selbst ist, oder den Gegensatz des <hi rendition="#g">Fürsich</hi>seyns und des <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyns in<lb n="28"/>ihrer absoluten Vermittlung getilgt enthält. Sie ist der Gegenstand, der itzt der<lb n="29"/>Beobachtung geworden, oder zu dem sie übergeht.</p>
<p><lb n="30"/>Das Individuum ist an und für sich selbst: es ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder es ist ein freyes<lb n="31"/>Thun; es ist aber auch <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; oder es selbst hat ein <hi rendition="#g">ursprüngliches</hi> bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tes <hi rendition="#g">Seyn</hi>, – eine Bestimmtheit, welche dem Begriffe nach dasselbe ist, was die<lb n="33"/>Psychologie außer ihm finden wollte. <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> tritt also der Gegensatz</p>
<pb n="172" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=179" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>hervor, diß Gedoppelte, Bewegung des Bewußtseyns, und das feste Seyn einer<lb n="2"/>erscheinenden Wirklichkeit, zu seyn, einer solchen, welche an ihm unmittelbar<lb n="3"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">seinige</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. <hi rendition="#g">Diß</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, der <hi rendition="#g">Leib</hi> der bestimmten Individualität, ist die<lb n="4"/><hi rendition="#g">Ursprünglichkeit</hi> derselben, ihr nicht gethan haben. Aber indem das Indivi<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>duum zugleich nur ist, was es gethan hat, so ist sein Leib, auch der von ihm <hi rendition="#g">her<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">vorgebrachte</hi> Ausdruck seiner selbst; zugleich ein <hi rendition="#g">Zeichen</hi>, welches nicht<lb n="7"/>unmittelbare Sache geblieben, sondern woran es nur zu erkennen gibt, was es in<lb n="8"/>dem Sinne <hi rendition="#g">ist</hi>, daß es seine ursprüngliche Natur ins Werk richtet.</p>
<p><lb n="9"/>Betrachten wir die hier vorhandenen Momente in Beziehung auf die vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gehende Ansicht, so ist hier eine allgemeine menschliche Gestalt, oder wenigstens<lb n="11"/>die allgemeine eines Klimas, Welttheils, eines Volks, wie vorhin dieselben all<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gemeinen Sitten und Bildung. Hiezu kommen die besondern Umstände und<lb n="13"/>Lage innerhalb der allgemeinen Wirklichkeit; hier ist diese besondere Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>keit als besondere Formation der Gestalt des Individuums. – Auf der andern Seite,<lb n="15"/>wie vorhin das freye Thun des Individuums und die Wirklichkeit als <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">seinige</hi><lb n="16"/>gegen die vorhandne gesetzt war, steht hier die Gestalt, als Ausdruck <hi rendition="#g">seiner</hi><lb n="17"/>durch es selbst gesetzten Verwirklichung, die Züge und Formen seines selbstthätigen<lb n="18"/>Wesens. Aber die sowohl allgemeine als besondere Wirklichkeit, welche die Beob<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>achtung vorhin außer dem Individuum vorfand, ist hier die Wirklichkeit desselben,<lb n="20"/>sein angebohrner Leib, und in eben diesen fällt der Ausdruck, der seinem Thun<lb n="21"/>angehört. In der psychologischen Betrachtung sollte die an und für sich seyende<lb n="22"/>Wirklichkeit und die bestimmte Individualität aufeinander bezogen werden;<lb n="23"/>hier aber ist die <hi rendition="#g">ganze</hi> bestimmte <hi rendition="#g">Individualität</hi> Gegenstand der Beobachtung;<lb n="24"/>und jede Seite seines Gegensatzes ist selbst diß Ganze. Zu dem äußern Ganzen<lb n="25"/>gehört also nicht nur das <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, der angebohrne Leib, sondern<lb n="26"/>ebenso die Formation desselben, die der Thätigkeit des Innern angehört; er ist Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>heit des ungebildeten und des gebildeten Seyns, und die von dem Fürsichseyn<lb n="28"/>durchdrungne Wirklichkeit des Individuums. Dieses Ganze, welches die bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ten ursprünglichen festen Theile, und die Züge, die allein durch das Thun ent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>stehen, in sich faßt, <hi rendition="#g">ist</hi>, und diß <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> des Innern, des als Be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wußtseyn und Bewegung gesetzten Individuums. – Diß <hi rendition="#g">Innre</hi> ist ebenso nicht<lb n="32"/>mehr die formelle, inhaltlose oder unbestimmte Selbstthätigkeit, deren Inhalt<lb n="33"/>und Bestimmtheit, wie vorhin, in den äußern Umständen läge, sondern es ist ein<lb n="34"/>an sich bestimmter ursprünglicher Charakter, dessen Form nur die Thätigkeit<lb n="35"/>ist. Zwischen diesen beyden Seiten also wird hier das Verhältniß betrachtet, wie es<lb n="36"/>zu bestimmen, und was unter diesem <hi rendition="#g">Ausdrucke</hi> des Innern im Aeußern zu<lb n="37"/>verstehen ist.</p>
<pb n="173" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=180" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Diß Aeußere macht zuerst nur als <hi rendition="#g">Organ</hi> das Innere sichtbar oder überhaupt<lb n="2"/>zu einem Seyn für anderes; denn das Innere, insofern es in dem Organe ist, ist<lb n="3"/>es die <hi rendition="#g">Thätigkeit</hi> selbst. Der sprechende Mund, die arbeitende Hand, wenn man<lb n="4"/>will auch noch die Beine dazu, sind die verwirklichenden und vollbringenden<lb n="5"/>Organe, welche das Thun <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi>, oder das Innre als solches an ihnen haben;<lb n="6"/>die Aeußerlichkeit aber, welche es durch sie gewinnt, ist die That, als eine von<lb n="7"/>dem Individuum abgetrennte Wirklichkeit. Sprache und Arbeit sind Aeußerungen,<lb n="8"/>worin das Individuum nicht mehr an ihm selbst sich behält und besitzt, sondern<lb n="9"/>das Innre ganz außer sich kommen läßt, und dasselbe Anderem preisgibt. Man<lb n="10"/>kann darum ebensosehr sagen, daß diese Aeußerungen das Innere zu sehr, als daß<lb n="11"/>sie es zu wenig ausdrücken; <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">sehr</hi>, – weil das Innere selbst in ihnen ausbricht,<lb n="12"/>bleibt kein Gegensatz zwischen ihnen und diesem; sie geben nicht nur einen <hi rendition="#g">Aus<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">druck</hi> des Innern, sondern es selbst unmittelbar; <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">wenig</hi>, – weil das Innere<lb n="14"/>in Sprache und Handlung sich zu einem Andern macht, so gibt es sich damit dem<lb n="15"/>Elemente der Verwandlung preis, welches das gesprochene Wort und die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>brachte That verkehrt, und etwas anders daraus macht, als sie an und für sich als<lb n="17"/>Handlungen dieses bestimmten Individuums sind. Nicht nur verlieren die Werke<lb n="18"/>der Handlungen durch diese Aeußerlichkeit von dem Einwirken Anderer den<lb n="19"/>Charakter, etwas bleibendes gegen andere Individualitäten zu seyn; sondern in<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dem sie sich zum Innern, das sie enthalten, als abgesondertes, gleichgültiges Aeußeres<lb n="21"/>verhalten, können sie als Innres <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Individuum</hi> selbst ein anders<lb n="22"/>seyn, als sie erscheinen, – entweder daß es sie mit Absicht für die Erscheinung zu<lb n="23"/>etwas anderem macht, als sie in Wahrheit sind, – oder daß es zu ungeschickt ist<lb n="24"/>sich die Außenseite zu geben, die es eigentlich wollte, und sie so zu befestigen, daß<lb n="25"/>ihm von Andern sein Werk nicht verkehrt werden kann. Das Thun also, als voll<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>brachtes Werk, hat die doppelte entgegengesetzte Bedeutung, entweder die<lb n="27"/><hi rendition="#g">innere</hi> Individualität und <hi rendition="#g">nicht</hi> ihr <hi rendition="#g">Ausdruck</hi>, oder als Aeußeres eine von dem<lb n="28"/>Innern <hi rendition="#g">freye</hi> Wirklichkeit zu seyn, welche ganz etwas anderes ist, als jenes. –<lb n="29"/>Um dieser Zweydeutigkeit willen müssen wir uns nach dem Innern umsehen,<lb n="30"/>wie es <hi rendition="#g">noch</hi>, aber sichtbar oder äußerlich <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Individuum</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.<lb n="31"/>Im Organe aber ist es nur als unmittelbares <hi rendition="#g">Thun</hi> selbst, das seine Aeußerlichkeit<lb n="32"/>an der That erlangt, die entweder das Innre vorstellt oder auch nicht. Das Organ<lb n="33"/>nach diesem Gegensatze betrachtet gewährt also nicht den Ausdruck, der gesucht<lb n="34"/>wird.</p>
<p><lb n="35"/>Wenn nun die äußere Gestalt nur, insofern sie nicht Organ oder nicht <hi rendition="#g">Thun</hi>,<lb n="36"/>hiemit als <hi rendition="#g">ruhendes</hi> Ganzes ist, die innre Individualität ausdrücken könnte, so<lb n="37"/>verhielte sie sich also als ein bestehendes Ding, welches das Innre als ein Fremdes in</p>
<pb n="174" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=181" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>sein passives Daseyn ruhig empfinge, und hiedurch das <hi rendition="#g">Zeichen</hi> desselben würde; –<lb n="2"/>ein äußerer, zufälliger Ausdruck, dessen <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Seite für sich bedeutungslos, –<lb n="3"/>eine Sprache, deren Töne und Tonverbindungen nicht die Sache selbst, sondern<lb n="4"/>durch die freye Willkühr mit ihr verknüpft und zufällig für sie sind.</p>
<p><lb n="5"/>Eine solche willkührliche Verbindung von solchen, die ein Aeußeres für ein<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ander sind, gibt kein Gesetz. Die Physiognomik soll sich aber von andern schlechten<lb n="7"/>Künsten und heillosen Studien dadurch unterscheiden, daß sie die bestimmte<lb n="8"/>Individualität in dem <hi rendition="#g">nothwendigen</hi> Gegensatze eines Innern und Aeußern,<lb n="9"/>des Charakters als bewußten Wesens, und ebendesselben als seyender Gestalt be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>trachtet, und diese Momente so auf einander bezieht, wie sie durch ihren Begriff<lb n="11"/>aufeinander bezogen sind, und daher den Inhalt eines Gesetzes ausmachen müssen.<lb n="12"/>In der Astrologie, Chiromantie und dergleichen Wissenschafften hingegen scheint<lb n="13"/>nur Aeußeres auf Aeußeres, irgend etwas auf ein ihm fremdes, bezogen zu seyn.<lb n="14"/><hi rendition="#g">Diese</hi> Constellation bey der Geburt, und wenn diß Aeußere näher auf den Leib<lb n="15"/>selbst gerückt wird, <hi rendition="#g">diese</hi> Züge der Hand sind <hi rendition="#g">äußere</hi> Momente für das lange<lb n="16"/>oder kurze Leben, und das Schicksal des einzelnen Menschen überhaupt. Als<lb n="17"/>Aeußerlichkeiten verhalten sie sich gleichgültig zueinander und haben nicht die<lb n="18"/>Nothwendigkeit füreinander, welche in der Beziehung eines <hi rendition="#g">Aeußern</hi> und<lb n="19"/><hi rendition="#g">Innern</hi> liegen soll.</p>
<p><lb n="20"/>Die Hand freylich scheint nicht so sehr etwas äußeres für das Schicksal zu seyn,<lb n="21"/>sondern vielmehr als Inneres zu ihm sich zu verhalten. Denn das Schicksal ist<lb n="22"/>auch wieder nur die Erscheinung dessen, was die bestimmte Individualität <hi rendition="#g">an</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">sich</hi> als innre ursprüngliche Bestimmtheit ist. – Zu wissen nun, was sie an sich ist,<lb n="24"/>dazu kommt der Chiromante wie auch der Physiognomiker auf eine kürzere<lb n="25"/>Weise, als zum Beyspiel Solon, der erst aus und nach dem Verlauffe des ganzen<lb n="26"/>Lebens diß wissen zu können erachtete; er betrachtete die Erscheinung, jene aber<lb n="27"/>das <hi rendition="#g">Ansich</hi>. Daß aber die Hand das <hi rendition="#g">Ansich</hi> der Individualität in Ansehung ihres<lb n="28"/>Schicksals darstellen muß, ist leicht daraus zu sehen, daß sie nächst dem Organ<lb n="29"/>der Sprache am meisten es ist, wodurch der Mensch sich zur Erscheinung und<lb n="30"/>Verwirklichung bringt. Sie ist der beseelte Werkmeister seines Glücks; man kann<lb n="31"/>von ihr sagen, sie <hi rendition="#g">ist</hi> das, was der Mensch <hi rendition="#g">thut</hi>, denn an ihr als dem thätigen<lb n="32"/>Organe seines sich selbst vollbringens ist er als beseelender gegenwärtig, und indem<lb n="33"/>er ursprünglich sein eignes Schicksal ist, wird sie also diß Ansich ausdrücken.</p>
<p><lb n="34"/>Aus dieser Bestimmung, daß das <hi rendition="#g">Organ</hi> der Thätigkeit <hi rendition="#g">ebensowohl</hi> ein<lb n="35"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> als das <hi rendition="#g">Thun</hi> in ihm ist, oder daß das innre <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyn selbst an ihm<lb n="36"/><hi rendition="#g">gegenwärtig</hi> und ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> andre hat, ergibt sich eine andre Ansicht des<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>selben, als die vorherige. Wenn nemlich die Organe überhaupt darum nicht als</p>
<pb n="175" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=182" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Ausdrücke</hi> des Innern genommen werden zu können sich zeigten, weil in ihnen<lb n="2"/>das Thun <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> gegenwärtig, das Thun <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">That</hi> aber nur äußeres ist, und<lb n="3"/>Inneres und Aeußeres auf diese Weise auseinander fällt und fremde gegen einander<lb n="4"/>sind oder seyn können, so muß nach der betrachteten Bestimmung das Organ<lb n="5"/>auch wieder als <hi rendition="#g">Mitte</hi> beyder genommen werden, indem eben diß, daß das<lb n="6"/>Thun an ihm <hi rendition="#g">gegenwärtig</hi> ist, zugleich eine <hi rendition="#g">Aeußerlichkeit</hi> desselben aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>macht, und zwar eine andere als die That ist, jene nemlich bleibt dem Individuum<lb n="8"/>und an ihm. – Diese Mitte und Einheit des Innern und Aeußern ist nun vors erste<lb n="9"/>selbst auch äußerlich; alsdenn aber ist diese Aeußerlichkeit zugleich in das Innere<lb n="10"/>aufgenommen; sie steht als <hi rendition="#g">einfache</hi> Aeußerlichkeit der zerstreuten entgegen,<lb n="11"/>welche entweder nur ein <hi rendition="#g">einzelnes</hi> für die ganze Individualität zufälliges Werk<lb n="12"/>oder Zustand, oder aber als <hi rendition="#g">ganze</hi> Aeußerlichkeit, das in eine Vielheit von Wer<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ken und Zuständen zersplitterte Schicksal ist. Die <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Züge</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Hand</hi><lb n="14"/>also, ebenso <hi rendition="#g">Klang</hi> und <hi rendition="#g">Umfang</hi> der <hi rendition="#g">Stimme</hi>, als die individuelle Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>heit der <hi rendition="#g">Sprache</hi>, – auch dieselbe wieder, wie sie durch die Hand eine festere<lb n="16"/>Existenz als durch die Stimme bekommt, die <hi rendition="#g">Schrifft</hi>, und zwar in ihrer Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>sonderheit als <hi rendition="#g">Handschrifft</hi> – alles dieses ist <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> des Innern, so daß er<lb n="18"/>als die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Aeußerlichkeit</hi> sich wieder gegen die <hi rendition="#g">vielfache</hi> <hi rendition="#g">Aeußer<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> des Handelns und des Schicksals, sich als <hi rendition="#g">Inneres</hi> gegen diese verhält. –<lb n="20"/>Wenn also zuerst die bestimmte Natur und angebohrne Eigenthümlichkeit des<lb n="21"/>Individuums zusammen mit dem, was sie durch die Bildung geworden, als das<lb n="22"/><hi rendition="#g">Innere</hi>, als das Wesen des Handelns und des Schicksals genommen wird, so hat<lb n="23"/>es seine <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> und Aeußerlichkeit <hi rendition="#g">zuerst</hi> an seinem Munde, Hand,<lb n="24"/>Stimme, Handschrifft, so wie an den übrigen Organen, und deren bleibenden<lb n="25"/>Bestimmtheiten; und <hi rendition="#g">alsdann</hi> erst drückt es sich <hi rendition="#g">weiter</hi> hinaus nach außen an<lb n="26"/>seiner Wirklichkeit in der Welt aus.</p>
<p><lb n="27"/>Weil nun diese Mitte sich als die Aeußerung bestimmt, welche zugleich ins<lb n="28"/>Innere zurückgenommen ist, ist ihr Daseyn nicht auf das unmittelbare Organ des<lb n="29"/>Thuns eingeschränkt, sie ist vielmehr die nichts vollbringende Bewegung und<lb n="30"/>Form des Gesichts und der Gestaltung überhaupt. Diese Züge und ihre Bewegung<lb n="31"/>sind nach diesem Begriffe das zurückgehaltne an dem Individuum bleibende Thun,<lb n="32"/>und nach seiner Beziehung auf das wirkliche Thun das eigene Beaufsichtigen und<lb n="33"/>Beobachten desselben, <hi rendition="#g">Aeußerung</hi> als <hi rendition="#g">Reflexion</hi> <hi rendition="#g">über</hi> die wirkliche Aeuße<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>rung. – Das Individuum ist zu und bey seinem äußern Thun darum nicht stumm,<lb n="35"/>weil es dabey zugleich in sich reflectirt ist, und es äußert diß in sich reflectirtseyn;<lb n="36"/>diß theoretische Thun oder die Sprache des Individuums mit sich selbst darüber<lb n="37"/>ist auch vernehmlich für andere, denn sie ist selbst eine Aeußerung.</p>
<pb n="176" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=183" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>An diesem Innern, welches in seiner Aeußerung Inneres bleibt, wird also das<lb n="2"/>Reflectirtseyn des Individuums aus seiner Wirklichkeit beobachtet, und es ist zu<lb n="3"/>sehen, welche Bewandtniß es mit dieser Nothwendigkeit hat, die in dieser Einheit<lb n="4"/>gesetzt ist. – Diß reflectirtseyn ist zuerst verschieden von der That selbst, und kann<lb n="5"/>also etwas <hi rendition="#g">anderes</hi> seyn und für etwas anderes genommen werden, als sie ist;<lb n="6"/>man sieht es einem am Gesicht an, ob es ihm <hi rendition="#g">Ernst</hi> mit dem ist, was er sagt oder<lb n="7"/>thut. – Umgekehrt aber ist dieses, was Ausdruck des Innern seyn soll, zugleich<lb n="8"/><hi rendition="#g">seyender</hi> Ausdruck, und fällt hiemit selbst in die Bestimmung des <hi rendition="#g">Seyns</hi> her<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>unter, das absolut zufällig für das selbstbewußte Wesen ist. Es ist daher wohl Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>druck, aber zugleich auch nur wie ein <hi rendition="#g">Zeichen</hi>, so daß dem ausgedrückten Inhalte<lb n="11"/>die Beschaffenheit dessen, wodurch es ausgedrückt wird, vollkommen gleichgültig<lb n="12"/>ist. Das Innere ist in dieser Erscheinung wohl <hi rendition="#g">sichtbares</hi> Unsichtbares, aber<lb n="13"/>ohne an sie geknüpft zu seyn; es kann ebensowohl in einer andern Erscheinung<lb n="14"/>seyn, als ein anderes Inneres in derselben Erscheinung seyn kann. – Lichtenberg<lb n="15"/>sagt daher mit Recht: <hi rendition="#g">Gesetzt</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Physiognom</hi> <hi rendition="#g">haschte</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">einmal</hi>, <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">käme</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">einen</hi> <hi rendition="#g">braven</hi> <hi rendition="#g">Entschluß</hi> <hi rendition="#g">an</hi>, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">wieder</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">Jahrtausende</hi> <hi rendition="#g">unbegreiflich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">machen</hi>. – Wie in dem vorhergehenden<lb n="18"/>Verhältnisse die vorliegenden Umstände ein Seyendes waren, woraus die Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>vidualität sich das nahm, was <hi rendition="#g">sie</hi> vermochte und wollte, entweder sich ihm er<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gebend oder es verkehrend, aus welchem Grunde es die Nothwendigkeit und das<lb n="21"/>Wesen der Individualität nicht enthielt, – ebenso ist hier das erscheinende un<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>mittelbare Seyn der Individualität ein solches, das entweder ihr Reflectirtseyn aus<lb n="23"/>der Wirklichkeit und ihr Insichseyn ausdrückt, oder das für sie nur ein Zeichen<lb n="24"/>ist, das gleichgültig gegen das bezeichnete, und darum in Wahrheit nichts bezeich<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>net; es ist ihr ebensowohl ihr Gesicht als ihre Maske, die sie ablegen kann. – Sie<lb n="26"/>durchdringt ihre Gestalt, bewegt sich, spricht in ihr; aber diß ganze Daseyn tritt<lb n="27"/>ebenso als ein gleichgültiges Seyn gegen den Willen und die Handlung über; sie<lb n="28"/>tilgt an ihm die Bedeutung, die es vorhin hatte, ihr Reflectirtseyn in sich oder ihr<lb n="29"/>wahres Wesen an ihm zu haben, und legt es umgekehrt vielmehr in den Willen<lb n="30"/>und in die That.</p>
<p><lb n="31"/>Die Individualität <hi rendition="#g">gibt</hi> <hi rendition="#g">dasjenige</hi> in <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirtseyn</hi> <hi rendition="#g">auf</hi>, welches<lb n="32"/>in den <hi rendition="#g">Zügen</hi> ausgedrückt ist, und <hi rendition="#g">legt</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi>. Hierin<lb n="33"/>widerspricht sie dem Verhältnisse, welches von dem Vernunftinstinkte, der sich<lb n="34"/>auf das Beobachten der selbstbewußten Individualität legt, in Ansehung dessen,<lb n="35"/>was ihr <hi rendition="#g">Inneres</hi> und <hi rendition="#g">Aeußeres</hi> seyn soll, festgesetzt wird. Dieser Gesichtspunkt<lb n="36"/>führt uns auf den eigentlichen Gedanken, der der physiognomischen – wenn man<lb n="37"/>so will – <hi rendition="#g">Wissenschafft</hi> zum Grunde liegt. Der Gegensatz, auf welchen diß<lb n="38"/>Beobachten gerathen, ist der Form nach der Gegensatz von praktischem und<lb n="39"/>theoretischem, beydes nemlich innerhalb des praktischen selbst gesetzt, – von der</p>
<pb n="177" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=184" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>sich im Handeln, diß im allgemeinsten Sinne genommen, verwirklichenden<lb n="2"/>Individualität, – und derselben, wie sie in diesem Handeln zugleich daraus heraus,<lb n="3"/>in sich reflectirt, und es ihr Gegenstand ist. Das Beobachten nimmt diesen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>satz nach demselben verkehrten Verhältnisse auf, worin er sich in der Erscheinung<lb n="5"/>bestimmt. Für das <hi rendition="#g">unwesentliche</hi> <hi rendition="#g">Aeußere</hi> gilt ihm die <hi rendition="#g">That</hi> selbst und das<lb n="6"/>Werk, es sey der Sprache oder einer befestigtern Wirklichkeit, – für das <hi rendition="#g">wesent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">liche</hi> <hi rendition="#g">Innre</hi> aber, das <hi rendition="#g">Insichseyn</hi> der Individualität. Unter den beyden Seiten,<lb n="8"/>welche das praktische Bewußtseyn an ihm hat, dem Beabsichten und der That, –<lb n="9"/>dem <hi rendition="#g">Meynen</hi> über seine Handlung, und der <hi rendition="#g">Handlung</hi> selbst wählt die Beob<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>achtung jene Seite zum wahren Innern; – dieses soll seine mehr oder weniger<lb n="11"/><hi rendition="#g">unwesentliche</hi> Aeußerung an der That, seine wahre aber an seiner Gestalt haben.<lb n="12"/>Die letztere Aeußerung ist unmittelbare sinnliche Gegenwart des individuellen<lb n="13"/>Geistes; die Innerlichkeit, die die wahre seyn soll, ist die Eigenheit der Absicht<lb n="14"/>und die Einzelnheit des Fürsichseyns; beydes der <hi rendition="#g">gemeynte</hi> Geist. Was das<lb n="15"/>Beobachten zu seinen Gegenständen hat, ist also <hi rendition="#g">gemeyntes</hi> Daseyn, und zwi<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>schen solchem sucht es Gesetze auf.</p>
<p><lb n="17"/>Das unmittelbare Meynen über die gemeynte Gegenwart des Geistes ist die<lb n="18"/>natürliche Physiognomik, das vorschnelle Urtheil über die innre Natur und den<lb n="19"/>Charakter ihrer Gestalt bey ihrem ersten Anblicke. Der Gegenstand dieser Meynung<lb n="20"/>ist von der Art, daß es in seinem Wesen liegt, in Wahrheit etwas anderes zu seyn,<lb n="21"/>als nur sinnliches unmittelbares Seyn. Es ist zwar auch eben dieses im Sinnlichen<lb n="22"/>aus ihm in sich Reflectirtseyn, was gegenwärtig, die Sichtbarkeit als Sichtbarkeit<lb n="23"/>des Unsichtbaren, was Gegenstand des Beobachtens ist. Aber eben diese sinnliche<lb n="24"/>unmittelbare Gegenwart ist <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des Geistes, wie sie nur für die Mey<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>nung ist; und das Beobachten treibt sich nach dieser Seite mit seinem gemeynten<lb n="26"/>Daseyn, mit der Physiognomie, Handschrifft, Ton der Stimme u.s.f. herum. –<lb n="27"/>Es bezieht solches Daseyn auf eben solches <hi rendition="#g">gemeyntes</hi> <hi rendition="#g">Innres</hi>. Es ist nicht der<lb n="28"/>Mörder, der Dieb, welcher erkannt werden soll, sondern die <hi rendition="#g">Fähigkeit</hi>, <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">seyn</hi>; die feste abstracte Bestimmtheit verliert sich dadurch in die concrete un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>endliche Bestimmtheit des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Individuums, die nun kunstreichere Schil<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>dereyen erfordert, als jene Qualificationen sind. Solche kunstreichen Schildereyen<lb n="32"/>sagen wohl mehr als die Qualification durch Mörder, Diebe, oder gutherzig, un<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>verdorben u.s.f., aber für ihren Zweck das gemeynte Seyn, oder die einzelne<lb n="34"/>Individualität auszusprechen, bey weitem nicht genug; so wenig als die Schil<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>dereyen der Gestalt, welche über die flache Stirne, lange Nase u.s.f. hinausgehen.<lb n="36"/>Denn die einzelne Gestalt wie das einzelne Selbstbewußtseyn ist als gemeyntes<lb n="37"/>Seyn unaussprechlich. Die Wissenschafft der Menschenkenntniß, welche auf<lb n="38"/>den vermeynten Menschen, so wie der Physiognomik, die auf seine vermeynte<lb n="39"/>Wirklichkeit geht und das bewußtlose Urtheilen der natürlichen Physiognomik</p>
<pb n="178" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=185" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>zu einem Wissen erheben will, ist daher etwas end- und bodenloses, das nie dazu<lb n="2"/>kommen kann, zu sagen, was es meynt, weil es nur meynt, und sein Inhalt nur<lb n="3"/>gemeyntes ist.</p>
<p><lb n="4"/>Die <hi rendition="#g">Gesetze</hi>, welche diese Wissenschafft zu finden ausgeht, sind Beziehungen<lb n="5"/>dieser beyden gemeynten Seiten, und können daher selbst nichts als ein leeres Meynen<lb n="6"/>seyn. Auch da diß vermeynte Wissen, das mit der Wirklichkeit des Geistes sich<lb n="7"/>zu thun macht, gerade diß zu seinem Gegenstande hat, daß er aus seinem sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichen Daseyn heraus sich in sich reflectirt, und das bestimmte Daseyn für ihn<lb n="9"/>eine gleichgültige Zufälligkeit ist, so muß es bey seinen aufgefundenen Gesetzen<lb n="10"/>unmittelbar wissen, daß nichts damit gesagt ist, sondern eigentlich rein geschwatzt<lb n="11"/>oder nur <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Meynung</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> gegeben wird; ein Ausdruck, der die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heit hat diß als dasselbe auszusprechen, – seine <hi rendition="#g">Meynung</hi> zu sagen und damit<lb n="13"/>nicht die Sache, sondern nur eine Meynung <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> beyzubringen. Dem <hi rendition="#g">In<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">halte</hi> nach aber können diese Beobachtungen nicht von denen abweichen: »Es<lb n="15"/>regnet allemal, wenn wir Jahrmarkt haben, sagt der Krämer; und auch allemal<lb n="16"/>wenn ich Wäsche trockne, sagt die Hausfrau.«</p>
<p><lb n="17"/>Lichtenberg, der das physiognomische Beobachten so charakterisirt, sagt auch<lb n="18"/>noch diß: »wenn jemand sagte, du handelst zwar, wie ein ehrlicher Mann, ich<lb n="19"/>sehe es aber aus deiner Figur, du zwingst dich, und bist ein Schelm im Herzen;<lb n="20"/>fürwahr eine solche Anrede wird bis ans Ende der Welt von jedem braven Kerl<lb n="21"/>mit einer Ohrfeige erwiedert werden.« – Diese Erwiederung ist deswegen <hi rendition="#g">tref<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">fend</hi>, weil sie die Widerlegung der ersten Voraussetzung einer solchen Wissen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schafft des Meynens ist, daß nemlich <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des Menschen, sein<lb n="24"/>Gesicht u.s.f. sey. – Das <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> des Menschen ist vielmehr <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">That</hi>;<lb n="25"/>in ihr ist die Individualität <hi rendition="#g">wirklich</hi>, und sie ist es, welche das <hi rendition="#g">Gemeynte</hi> in<lb n="26"/>seinen beyden Seiten aufhebt. Einmal das Gemeynte als ein leibliches ruhendes<lb n="27"/>Seyn; die Individualität stellt sich vielmehr in der Handlung als das <hi rendition="#g">negative</hi><lb n="28"/>Wesen dar, welches nur <hi rendition="#g">ist</hi>, insofern es Seyn aufhebt. Alsdenn hebt die That die<lb n="29"/>Unaussprechlichkeit der Meynung ebenso in Ansehung der selbstbewußten<lb n="30"/>Individualität auf, welche in der Meynung eine unendlich bestimmte und be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>stimmbare ist. In der vollbrachten That ist diese schlechte Unendlichkeit vernichtet.<lb n="32"/>Die That ist ein einfach bestimmtes, allgemeines, in einer Abstraction zu befassendes;<lb n="33"/>sie ist Mord, Diebstahl, oder Wohltat, tapfere That und so fort, und es kann von<lb n="34"/>ihr <hi rendition="#g">gesagt</hi> werden, was <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Sie <hi rendition="#g">ist</hi> diß, und ihr Seyn ist nicht nur ein Zeichen,<lb n="35"/>sondern die Sache selbst. Sie <hi rendition="#g">ist</hi> diß, und der individuelle Mensch <hi rendition="#g">ist</hi>, was sie<lb n="36"/><hi rendition="#g">ist</hi>; in der Einfachheit <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> ist er für andere seyendes, allgemeines<lb n="37"/>Wesen, und hört auf nur gemeyntes zu seyn. Er ist zwar darin nicht als Geist<lb n="38"/>gesetzt; aber indem von seinem <hi rendition="#g">Seyn</hi> als Seyn die Rede, und <hi rendition="#g">einerseits</hi> das<lb n="39"/>gedoppelte Seyn, der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> und der <hi rendition="#g">That</hi>, sich gegenübersteht, und jene wie</p>
<pb n="179" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=186" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>diese seine Wirklichkeit seyn soll, so ist vielmehr nur die That als sein <hi rendition="#g">ächtes</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> zu behaupten, – nicht seine Figur, welche das ausdrücken sollte, was er zu<lb n="3"/>seinen Thaten meynt, oder was man meynte, daß er thun nur könnte. Ebenso<lb n="4"/>indem <hi rendition="#g">andererseits</hi> sein <hi rendition="#g">Werk</hi> und seine innre <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi>, Fähigkeit<lb n="5"/>oder Absicht, entgegengesetzt werden, ist jenes allein für seine wahre Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>keit anzusehen, wenn auch er selbst sich darüber täuscht, und aus seiner Handlung<lb n="7"/>in sich gekehrt, in diesem Innern ein anderes zu seyn meynt, als in der <hi rendition="#g">That</hi>. Die<lb n="8"/>Individualität, die sich dem gegenständlichen Elemente anvertraut, indem sie zum<lb n="9"/>Werke wird, gibt sich damit wohl dem Preis, verändert und verkehrt zu werden.<lb n="10"/>Aber den Charakter der That macht ebendiß aus, ob sie ein wirkliches Seyn ist,<lb n="11"/>das sich hält, oder ob nur ein gemeyntes Werk, das in sich nichtig vergeht. Die<lb n="12"/>Gegenständlichkeit verändert nicht die That selbst, sondern zeigt nur, <hi rendition="#g">was</hi> sie<lb n="13"/>ist, das heißt, ob sie <hi rendition="#g">ist</hi>, oder ob sie <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. – Die Zergliederung dieses Seyns<lb n="14"/>in Absichten, und dergleichen Feinheiten, wodurch der <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Mensch,<lb n="15"/>d. h. seine That, wieder in ein gemeyntes Seyn zurück erklärt werden soll, wie<lb n="16"/>er wohl selbst auch, sich besondere Absichten über seine Wirklichkeit erschaffen<lb n="17"/>mag, müssen dem Müssiggange der Meynung überlassen bleiben, der, wenn er<lb n="18"/>seine thatenlose Weisheit ins Werk richten, den Charakter der Vernunft am<lb n="19"/>Handelnden ableugnen und ihn auf diese Weise mißhandeln will, daß er statt<lb n="20"/>der That vielmehr die Figur und die Züge für das Seyn desselben erklären will,<lb n="21"/>die obige Erwiederung zu befahren hat, die ihm erweist, daß Figur nicht das <hi rendition="#g">An<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist, sondern vielmehr ein Gegenstand der Behandlung seyn kann.</p>
<p><lb n="23"/>Sehen wir nun auf den Umfang der Verhältnisse überhaupt, in welchen die<lb n="24"/>selbstbewußte Individualität zu ihrem Aeußern stehend beobachtet werden kann,<lb n="25"/>so wird eines zurück seyn, welches die Beobachtung sich noch zu ihrem Gegenstande<lb n="26"/>machen muß. In der Psychologie ist es die <hi rendition="#g">äußere</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi>,<lb n="27"/>welche an dem Geiste ihr sich bewußtes <hi rendition="#g">Gegenbild</hi> haben und ihn begreifflich<lb n="28"/>machen soll. In der Physiognomik dagegen soll er in seinem <hi rendition="#g">eignen</hi> Aeußern<lb n="29"/>als in einem Seyn, welches die <hi rendition="#g">Sprache</hi> – die sichtbare Unsichtbarkeit seines<lb n="30"/>Wesens – sey, erkannt werden. Noch ist die Bestimmung der Seite der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichkeit übrig, daß die Individualität an ihrer unmittelbaren, festen, rein daseyenden<lb n="32"/>Wirklichkeit ihr Wesen ausspreche. – Diese letzte Beziehung unterscheidet sich<lb n="33"/>also von der physiognomischen dadurch, daß diese die <hi rendition="#g">sprechende</hi> Gegenwart<lb n="34"/>des Individuums ist, das in seiner <hi rendition="#g">handelnden</hi> Aeußerung zugleich die sich in<lb n="35"/>sich <hi rendition="#g">reflectirende</hi> und <hi rendition="#g">betrachtende</hi> darstellt, eine Aeußerung, welche<lb n="36"/>selbst Bewegung ist, ruhende Züge, welche selbst wesentlich ein vermitteltes Seyn<lb n="37"/>sind. In der noch zu betrachtenden Bestimmung aber ist endlich das Aeußere eine</p>
<pb n="180" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=187" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>ganz <hi rendition="#g">ruhende</hi> Wirklichkeit, welche nicht an ihr selbst redendes Zeichen, sondern<lb n="2"/>getrennt von der selbstbewußten Bewegung sich für sich darstellt und als bloßes<lb n="3"/>Ding ist.</p>
<p><lb n="4"/>Zunächst erhellt über die Beziehung des Innern auf diß sein Aeußeres, daß sie<lb n="5"/>als Verhältniß des <hi rendition="#g">Causalzusammenhangs</hi> begriffen werden zu müssen scheint,<lb n="6"/>indem die Beziehung eines an sich seyenden auf ein anderes an sich seyendes, als<lb n="7"/>eine <hi rendition="#g">nothwendige</hi>, diß Verhältniß ist.</p>
<p><lb n="8"/>Daß nun die geistige Individualität auf den Leib Wirkung habe, muß sie als<lb n="9"/>Ursache selbst leiblich seyn. Das Leibliche aber, worin sie als Ursache ist, ist das<lb n="10"/>Organ, aber nicht des Thuns gegen die äußere Wirklichkeit, sondern des Thuns<lb n="11"/>des selbstbewußten Wesens in sich selbst, nach außen nur gegen seinen Körper;<lb n="12"/>es ist nicht sogleich abzusehen, welches diese Organe seyn können. Würde nur an<lb n="13"/>die Organe überhaupt gedacht, so würde das Organ der Arbeit überhaupt leicht<lb n="14"/>bey der Hand seyn, ebenso das Organ des Geschlechtstriebes und so fort. Allein<lb n="15"/>solche Organe sind als Werkzeuge oder als Theile zu betrachten, welche der Geist<lb n="16"/>als Ein Extrem zur Mitte gegen das andere Extrem, das äußerer <hi rendition="#g">Gegenstand</hi><lb n="17"/>ist, hat. Hier aber ist ein Organ verstanden, worin das selbstbewußte Individuum<lb n="18"/>als Extrem gegen seine eigne ihm entgegengesetzte Wirklichkeit sich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="19"/>erhält, nicht zugleich nach außen gekehrtes, sondern in seiner Handlung reflec<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tirtes, und woran die Seite des <hi rendition="#g">Seyns</hi> nicht ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist. In der<lb n="21"/>physiognomischen Beziehung wird das Organ zwar auch als in sich reflectirtes,<lb n="22"/>und das Thun besprechendes Daseyn betrachtet; aber diß Seyn ist ein gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>liches, und das Resultat der physiognomischen Beobachtung ist dieses, daß das<lb n="24"/>Selbstbewußtseyn gegen eben diese seine Wirklichkeit, als gegen etwas gleichgültiges<lb n="25"/>gegenübertritt. Diese Gleichgültigkeit verschwindet darin, daß diß in sich reflectirt<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>seyn selbst <hi rendition="#g">wirkend</hi> ist; dadurch erhält jenes Daseyn eine nothwendige Beziehung<lb n="27"/>auf es; daß es aber auf das Daseyn wirkend sey, muß es selbst ein aber nicht eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lich gegenständliches Seyn haben, und als diß Organ soll es aufgezeigt werden.</p>
<p><lb n="29"/>Im gemeinen Leben nun wird der Zorn zum Beyspiel, als ein solches inneres<lb n="30"/>Thun, in die Leber verlegt; Plato gibt ihr sogar noch etwas höheres, das nach<lb n="31"/>einigen sogar das Höchste ist, zu, nemlich die Prophezeihung, oder die Gabe das<lb n="32"/>Heilige und Ewige unvernünftiger Weise auszusprechen. Allein die Bewegung,<lb n="33"/>welche das Individuum in der Leber, dem Herzen und so fort hat, kann nicht als<lb n="34"/>die ganz in sich reflectirte Bewegung desselben angesehen werden, sondern sie<lb n="35"/>ist darin vielmehr so, daß sie ihm schon in den Leib geschlagen ist, und ein ani<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>malisches heraus gegen die Aeußerlichkeit sich wendendes Daseyn hat.</p>
<p><lb n="37"/>Das <hi rendition="#g">Nervensystem</hi> hingegen ist die unmittelbare Ruhe des Organischen in<lb n="38"/>seiner Bewegung. Die <hi rendition="#g">Nerven</hi> selbst sind zwar wieder die Organe des schon<lb n="39"/>in seine Richtung nach Außen versenkten Bewußtseyns; Gehirn und Rücken-</p>
<pb n="181" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=188" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>mark aber dürfen als die in sich bleibende – die nicht gegenständliche, die auch<lb n="2"/>nicht hinausgehende, – unmittelbare Gegenwart des Selbstbewußtseyns betrachtet<lb n="3"/>werden. Insofern das Moment des Seyns, welches diß Organ hat, ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">anderes</hi>, Daseyn ist, ist es todtes Seyn, nicht mehr Gegenwart des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>seyns. Diß <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> ist aber seinem Begriffe nach eine Flüssigkeit,<lb n="6"/>worin die Kreise, die darein geworfen werden, sich unmittelbar auflösen, und<lb n="7"/>kein Unterschied als <hi rendition="#g">seyender</hi> sich ausdrückt. Inzwischen wie der Geist selbst<lb n="8"/>nicht ein abstract-einfaches ist, sondern ein System von Bewegungen, worin er<lb n="9"/>sich in Momente unterscheidet, in dieser Unterscheidung selbst aber frey bleibt,<lb n="10"/>und wie er seinen Körper überhaupt zu verschiedenen Verrichtungen gliedert, und<lb n="11"/>einen einzelnen Theil desselben nur Einer bestimmt, so kann auch sich vorgestellt<lb n="12"/>werden, daß das flüssige <hi rendition="#g">Seyn</hi> seines <hi rendition="#g">Insich</hi>seyns ein gegliedertes ist; und es scheint<lb n="13"/>so vorgestellt werden zu müssen, weil das in sich reflectirte <hi rendition="#g">Seyn</hi> des Geistes im<lb n="14"/>Gehirn selbst wieder nur eine Mitte seines reinen Wesens und seiner körperlichen<lb n="15"/>Gegliederung ist, eine Mitte, welche hiemit von der Natur beyder und also von<lb n="16"/>der Seite der letztern auch die <hi rendition="#g">seyende</hi> Gegliederung wieder an ihr haben muß.</p>
<p><lb n="17"/>Das geistig-organische Seyn hat zugleich die nothwendige Seite eines <hi rendition="#g">ruhenden</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">bestehenden</hi> Daseyns; jenes muß als Extrem des Fürsichseyns zurücktreten,<lb n="19"/>und diese als das andere Extrem gegenüber haben, welches alsdenn der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stand ist, worauf jenes als Ursache wirkt. Wenn nun Gehirn und Rückenmark<lb n="21"/>jenes körperliche <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Geistes ist, so ist der Schädel und die Rücken<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wirbelsäule das andere ausgeschiedne Extrem hinzu, nemlich das feste ruhende<lb n="23"/>Ding. – Indem aber jedem, wenn er an den eigentlichen Ort des Daseyns des<lb n="24"/>Geistes denkt, nicht der Rücken, sondern nur der Kopf einfällt, so können wir<lb n="25"/>uns in der Untersuchung eines Wissens, als das vorliegende ist, mit diesem – für<lb n="26"/>es nicht zu schlechten – Grunde begnügen, um diß Daseyn auf den Schädel ein<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>zuschränken. Sollte einem der Rücken insofern einfallen, als auch wohl zuweilen<lb n="28"/>durch ihn Wissen und Thun zum Theil <hi rendition="#g">ein-</hi> zum Theil aber <hi rendition="#g">aus</hi>getrieben wird,<lb n="29"/>so würde diß dafür, daß das Rückenmark mit zum innwohnenden Orte des Geistes,<lb n="30"/>und seine Säule zum gegenbildlichen Daseyn genommen werden müsse, darum<lb n="31"/>nichts beweisen, weil es zuviel bewiese; denn man kann ebenso sich erinnern,<lb n="32"/>daß auch andere äußerliche Wege, der Thätigkeit des Geistes beyzukommen,<lb n="33"/>um sie zu erwecken oder zurückzuhalten, beliebt werden. – Die Rückenwirbel<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>säule fällt also, wenn man will, <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">Recht</hi> hinweg; und es ist so gut, als viele<lb n="35"/>andere naturphilosophische Lehren, <hi rendition="#g">construirt</hi>, daß der Schädel allein zwar<lb n="36"/>nicht die <hi rendition="#g">Organe</hi> des Geistes enthalte. Denn diß wurde vorhin aus dem Begriffe<lb n="37"/>dieses Verhältnisses ausgeschlossen, und deßwegen der Schädel zur Seite des Da<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>seyns genommen; oder wenn nicht an den <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Sache erinnert werden<lb n="39"/>dürfte, so lehrt ja die Erfahrung, daß wie mit dem Auge als Organe gesehen, so</p>
<pb n="182" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=189" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">nicht</hi> mit dem Schädel gemordet, gestohlen, gedichtet, u.s.w. wird. – Es ist sich<lb n="2"/>deßwegen auch des Ausdrucks <hi rendition="#g">Organ</hi> für diejenige <hi rendition="#g">Bedeutung</hi> des Schädels<lb n="3"/>zu enthalten, von welcher noch zu sprechen ist. Denn ob man gleich zu sagen<lb n="4"/>pflegt, daß es vernünftigen Menschen nicht auf das Wort, sondern auf die <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="5"/>ankomme, so ist daraus doch nicht die Erlaubniß zu nehmen, eine Sache mit einem<lb n="6"/>ihr nicht zugehörigen Worte zu bezeichnen, denn diß ist Ungeschicklichkeit zu<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gleich und Betrug, der nur das rechte <hi rendition="#g">Wort</hi> nicht zu haben meynt und vorgibt,<lb n="8"/>und es sich verbirgt, daß ihm in der That die Sache, d. h. der Begriff, fehlt; wenn<lb n="9"/>dieser vorhanden wäre, würde er auch sein rechtes Wort haben. – Zunächst hat sich<lb n="10"/>hier nur diß bestimmt, daß wie das Gehirn der lebendige Kopf, der Schädel das<lb n="11"/>caput mortuum ist.</p>
<p><lb n="12"/>In diesem todten Seyn hätten also die geistigen Bewegungen und bestimmten<lb n="13"/>Weisen des Gehirns ihre Darstellung äußerer Wirklichkeit, die jedoch noch an dem<lb n="14"/>Individuum selbst ist, sich zu geben. Für das Verhältniß derselben zu ihm, der als<lb n="15"/>todtes Seyn den Geist nicht in sich selbst innwohnen hat, bietet sich zunächst das<lb n="16"/>oben festgesetzte, das äußere mechanische dar, so daß die eigentlichen Organe,<lb n="17"/>– und diese sind am Gehirne, – ihn hier rund ausdrücken, dort breit schlagen oder<lb n="18"/>platt stoßen, oder wie man sonst diese Einwirkung darstellen mag. Selbst ein Theil<lb n="19"/>des Organismus, muß in ihm zwar, wie in jedem Knochen, eine lebendige Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bildung gedacht werden, so daß, hiernach betrachtet, er von seiner Seite vielmehr<lb n="21"/>das Gehirn drückt und dessen äußere Beschränkung setzt; wozu er auch als das<lb n="22"/>härtere eher das Vermögen hat. Dabey aber würde noch immer dasselbe Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>hältniß in der Bestimmung der Thätigkeit beyder gegeneinander bleiben; denn<lb n="24"/>ob der Schädel das bestimmende, oder das bestimmte ist, diß änderte an dem<lb n="25"/>Causalzusammenhange überhaupt nichts, nur daß dann der Schädel zum unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>baren Organe des Selbstbewußtseyns gemacht würde, weil in ihm als <hi rendition="#g">Ursache</hi><lb n="27"/>sich die Seite des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> fände. Allein indem das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> als<lb n="28"/><hi rendition="#g">organische</hi> <hi rendition="#g">Lebendigkeit</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">beyde</hi> auf gleiche Weise fällt, fällt in der That<lb n="29"/>der Kausalzusammenhang zwischen ihnen hinweg. Diese Fortbildung beyder<lb n="30"/>aber hinge im Innern zusammen, und wäre eine organische prästabilirte Har<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>monie, welche die beyden sich aufeinander beziehenden Seiten frey gegeneinander<lb n="32"/>und jeder ihre eigene <hi rendition="#g">Gestalt</hi> läßt, der die Gestalt der andern nicht zu entsprechen<lb n="33"/>braucht; und noch mehr die Gestalt und die Qualität gegeneinander, – wie die<lb n="34"/>Form der Weinbeere und der Geschmack des Weines frey gegeneinander sind. –<lb n="35"/>Indem aber auf die Seite des Gehirns die Bestimmung des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, auf<lb n="36"/>die Seite des Schädels aber die Bestimmung des <hi rendition="#g">Daseyns</hi> fällt, so ist innerhalb<lb n="37"/>der organischen Einheit <hi rendition="#g">auch</hi> ein Kausalzusammenhang derselben zu setzen;</p>
<pb n="183" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=190" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>eine nothwendige Beziehung derselben als äußere füreinander, d. h. eine selbst<lb n="2"/>äußerliche, wodurch also ihre <hi rendition="#g">Gestalt</hi> durcheinander bestimmt würde.</p>
<p><lb n="3"/>In Ansehung der Bestimmung aber, in welcher das Organ des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyns auf die gegenüberstehende Seite thätige Ursache wäre, kann auf mancherley<lb n="5"/>Weise hin und her geredet werden; denn es ist von der Beschaffenheit einer Ursache<lb n="6"/>die Rede, die nach ihrem <hi rendition="#g">gleichgültigen</hi> Daseyn, ihrer Gestalt und Größe<lb n="7"/>betrachtet wird, einer Ursache, deren Innres und Fürsichseyn gerade ein solches<lb n="8"/>seyn soll, welches das unmittelbare Daseyn nichts angeht. Die organische Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>bildung des Schädels ist zuerst gleichgültig gegen die mechanische Einwirkung,<lb n="10"/>und das Verhältniß dieser beyden Verhältnisse ist, da jenes das sich auf sich selbst<lb n="11"/>Beziehen ist, eben diese Unbestimmtheit und Grenzenlosigkeit selbst. Alsdenn<lb n="12"/>wenn auch das Gehirn die Unterschiede des Geistes zu seyenden Unterschieden<lb n="13"/>in sich aufnähme und eine Vielheit innerer einen verschiedenen Raum einnehmenden<lb n="14"/>Organe wäre – was der Natur widerspricht, welche den Momenten des Begriffs<lb n="15"/>ein eigenes Daseyn gibt, und daher die <hi rendition="#g">flüssige</hi> <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> des organischen<lb n="16"/>Lebens <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi>, und die <hi rendition="#g">Articulation</hi> und <hi rendition="#g">Eintheilung</hi> des<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>selben ebenso in seinen Unterschieden auf die <hi rendition="#g">andere</hi> Seite stellt, so daß sie, wie<lb n="18"/>sie hier gefaßt werden sollen, als besondere anatomische Dinge sich zeigen, – so<lb n="19"/>würde es unbestimmt seyn, ob ein geistiges Moment, je nachdem es ursprünglich<lb n="20"/>stärker oder schwächer wäre, entweder in jenem Falle ein <hi rendition="#g">expandirteres</hi>, in<lb n="21"/>diesem ein <hi rendition="#g">contrahirteres</hi> Gehirnorgan besitzen müßte, oder auch gerade um<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gekehrt. – Ebenso ob seine <hi rendition="#g">Ausbildung</hi> das Organ vergrößerte oder verkleinerte,<lb n="23"/>ob es dasselbe plumper und dicker, oder feiner machte. Dadurch, daß es unbestimmt<lb n="24"/>bleibe, wie die Ursache beschaffen ist, ist es ebenso unbestimmt gelassen, wie die<lb n="25"/>Einwirkung auf den Schädel geschieht, ob sie ein Erweitern oder Verengern und<lb n="26"/>Zusammenfallenlassen ist. Wird diese Einwirkung etwa <hi rendition="#g">vornehmer</hi> als ein<lb n="27"/><hi rendition="#g">Erregen</hi> bestimmt, so ist es unbestimmt, ob es nach der Weise eines Canthariden<lb n="28"/>Pflasters auftreibend, oder eines Essigs einschrumpfend geschieht. – Für alle der<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gleichen Ansichten lassen sich plausible Gründe vorbringen, denn die organische<lb n="30"/>Beziehung, welche ebensosehr eingreifft, läßt den einen so gut passiren als den<lb n="31"/>andern, und ist gleichgültig gegen allen diesen Verstand.</p>
<p><lb n="32"/>Dem beobachtenden Bewußtseyn ist es aber nicht darum zu thun, diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>ziehung bestimmen zu wollen. Denn es ist ohnehin nicht das Gehirn, was als<lb n="34"/><hi rendition="#g">animalischer</hi> Theil auf der einen Seite steht, sondern dasselbe als <hi rendition="#g">Seyn</hi> der<lb n="35"/><hi rendition="#g">selbstbewußten</hi> Individualität. – Sie als stehender Charakter und sich bewegendes<lb n="36"/>bewußtes Thun ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; diesem Für- und Insichseyn steht ihre<lb n="37"/>Wirklichkeit und Daseyn für anderes entgegen; das Für- und Insichseyn ist das<lb n="38"/>Wesen und Subject, welches am Gehirne ein Seyn hat, das <hi rendition="#g">unter</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">subsumirt</hi><lb n="39"/>ist, und seinen Werth nur durch die innwohnende Bedeutung erhält. Die andre</p>
<pb n="184" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=191" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Seite der selbstbewußten Individualität aber, die Seite ihres Daseyns ist das <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="2"/>als selbstständig und Subject, oder als ein <hi rendition="#g">Ding</hi>, nemlich ein Knochen; die <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Menschen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Schädelknochen</hi>. – Diß<lb n="4"/>ist das Verhältniß und der Verstand, den die beyden Seiten dieser Beziehung in<lb n="5"/>dem sie beobachtenden Bewußtseyn haben.</p>
<p><lb n="6"/>Diesem ist es nun um die bestimmtere Beziehung dieser Seiten zu thun; der<lb n="7"/>Schädelknochen hat wohl im Allgemeinen die Bedeutung, die unmittelbare Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichkeit des Geistes zu seyn. Aber die Vielseitigkeit des Geistes gibt seinem Daseyn<lb n="9"/>eine ebensolche Vieldeutigkeit; was zu gewinnen ist, ist die Bestimmtheit der<lb n="10"/>Bedeutung der einzelnen Stellen, in welche diß Daseyn getheilt ist, und es ist zu<lb n="11"/>sehen, wie sie das Hinweisen darauf an ihnen haben.</p>
<p><lb n="12"/>Der Schädelknochen ist kein Organ der Thätigkeit, noch auch eine sprechende<lb n="13"/>Bewegung; es wird weder mit dem Schädelknochen gestohlen, gemordet u.s.f.,<lb n="14"/>noch verzieht er zu solchen Thaten im geringsten die Miene, so daß er sprechende<lb n="15"/>Gebehrde würde. – Noch hat auch dieses <hi rendition="#g">Seyende</hi> den Werth eines <hi rendition="#g">Zeichens</hi>.<lb n="16"/>Miene und Gebehrde, Ton, auch eine Säule, ein Pfahl, der auf einer öden Insel<lb n="17"/>eingeschlagen ist, kündigen sich sogleich an, daß noch irgend etwas anderes damit<lb n="18"/>gemeynt ist, als das, was sie unmittelbar <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>. Sie geben sich selbst sogleich<lb n="19"/>für Zeichen aus, indem sie eine Bestimmtheit an ihnen haben, welche auf etwas<lb n="20"/>anderes dadurch hinweist, daß sie ihnen nicht eigenthümlich angehört. Man kann<lb n="21"/>sich wohl auch bey einem Schädel, wie Hamlet bey Yoriks, vielerley einfallen<lb n="22"/>lassen, aber der Schädelknochen für sich ist ein so gleichgültiges, unbefangenes<lb n="23"/>Ding, daß an ihm unmittelbar nichts anderes zu sehen und zu meynen ist, als nur<lb n="24"/>er selbst; er erinnert wohl an das Gehirn und seine Bestimmtheit, an Schädel von<lb n="25"/>anderer Formation, aber nicht an eine bewußte Bewegung, indem er weder Miene<lb n="26"/>und Gebehrde, noch etwas an ihm eingedrückt hat, das von einem bewußten<lb n="27"/>Thun herkommend sich ankündigte; denn er ist diejenige Wirklichkeit, welche<lb n="28"/>an der Individualität eine solche andere Seite darstellen sollte, die nicht mehr<lb n="29"/>sich in sich reflectirendes Seyn, sondern rein <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> wäre.</p>
<p><lb n="30"/>Da er ferner auch nicht selbst fühlt, so scheint sich eine bestimmtere Bedeutung<lb n="31"/>für ihn etwa noch so ergeben zu können, daß bestimmte Empfindungen durch die<lb n="32"/>Nachbarschafft erkennen ließen, was mit ihm gemeynt sey; und indem eine<lb n="33"/>bewußte Weise des Geistes bey einer bestimmten Stelle desselben ihr Gefühl hat,<lb n="34"/>wird etwa dieser Ort in seiner Gestalt sie und ihre Besonderheit andeuten. Wie<lb n="35"/>zum Beyspiel manche bey dem angestrengten Denken oder auch schon beym<lb n="36"/><hi rendition="#g">Denken</hi> überhaupt, eine schmerzliche Spannung irgendwo im Kopfe zu fühlen<lb n="37"/>klagen, könnte auch das <hi rendition="#g">Stehlen</hi>, das <hi rendition="#g">Morden</hi>, das <hi rendition="#g">Dichten</hi> und so fort,</p>
<pb n="185" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=192" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>jedes mit einer eigenen Empfindung begleitet seyn, die außerdem noch ihre be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sondere Stelle haben müßte. Diese Stelle des Gehirns, die auf diese Art mehr<lb n="3"/>bewegt und bethätigt wäre, würde wahrscheinlich auch die benachbarte Stelle des<lb n="4"/>Knochens mehr ausbilden; oder diese würde aus Sympathie oder Consensus auch<lb n="5"/>nicht träge seyn, sondern sich vergrößern oder verkleinern, oder auf welche Weise<lb n="6"/>es sey sich formiren. – Was jedoch diese Hypothese unwahrscheinlich macht, ist<lb n="7"/>diß, daß das Gefühl überhaupt etwas unbestimmtes ist, und das Gefühl im Kopfe<lb n="8"/>als dem Centrum das allgemeine Mitgefühl alles Leidens seyn möchte, so daß sich<lb n="9"/>mit dem Diebs- Mörders- Dichters Kopf-Kitzel, oder Schmerz andere vermischen,<lb n="10"/>und sich von einander so wie von denen, die man bloß körperlich nennen kann,<lb n="11"/>so wenig unterscheiden lassen würden, als aus dem Symptome des Kopfwehs,<lb n="12"/>wenn wir seine Bedeutung nur auf das körperliche einschränken, sich die Krank<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>heit bestimmen läßt.</p>
<p><lb n="14"/>Es fällt in der That, von welcher Seite die Sache betrachtet werde, alle noth<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wendige gegenseitige Beziehung, so wie deren durch sich selbst sprechende An<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>deutung, hinweg. Es bleibt, wenn denn die Beziehung doch statt finden soll, eine<lb n="17"/><hi rendition="#g">begrifflose</hi> freye prästabilirte Harmonie der entsprechenden Bestimmung bey<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>der Seiten übrig und nothwendig; denn die eine <hi rendition="#g">soll</hi> <hi rendition="#g">geistlose</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>,<lb n="19"/><hi rendition="#g">bloßes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> seyn. – Es stehen also eben auf einer Seite eine Menge ruhender<lb n="20"/>Schädelstellen, auf der andern eine Menge Geistes-Eigenschafften, deren Vielheit<lb n="21"/>und Bestimmung von dem Zustande der Psychologie abhängen wird. Je elender<lb n="22"/>die Vorstellung von dem Geiste ist, um so mehr wird von dieser Seite die Sache<lb n="23"/>erleichtert; denn theils werden die Eigenschafften um so weniger, theils um so<lb n="24"/>abgeschiedener, fester und knöcherner, hiedurch Knochenbestimmungen um so<lb n="25"/>ähnlicher und mit ihnen vergleichbarer. Allein obzwar durch die Elendigkeit<lb n="26"/>der Vorstellung von dem Geiste vieles erleichtert ist, so bleibt doch immer eine<lb n="27"/>sehr große Menge auf beyden Seiten; es bleibt die gänzliche Zufälligkeit ihrer<lb n="28"/>Beziehung für die Beobachtung. Wenn von den Kindern Israels aus dem Sand<lb n="29"/>am Meere, dem sie entsprechen sollen, jedes das Körnchen, dessen Zeichen es ist,<lb n="30"/>sich nehmen sollte, so ist diese Gleichgültigkeit und Willkühr, welche jedem das<lb n="31"/>seine zutheilte, ebenso stark, als die, welche jeder Seelenfähigkeit, Leidenschafft,<lb n="32"/>und was hier gleichfalls betrachtet werden müßte, den Schattirungen von Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>teren, von welchen die feinere Psychologie und Menschenkenntniß zu sprechen<lb n="34"/>pflegt, ihre Schädelstätten und Knochenformen zuweist. – Der Schädel des Mörders<lb n="35"/>hat dieses – nicht Organ, auch nicht Zeichen, sondern diesen Knorren; aber dieser<lb n="36"/>Mörder hat noch eine Menge anderer Eigenschafften, so wie andere Knorren, und<lb n="37"/>mit den Knorren auch Vertieffungen; man hat die Wahl unter Knorren und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>tieffungen. Und wieder kann sein Mordsinn, auf welchen Knorren oder Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>tieffung es sey, und hinwiederum diese, auf welche Eigenschafft es sey, bezogen</p>
<pb n="186" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=193" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>werden; denn weder ist der Mörder nur diß Abstractum eines Mörders, noch hat<lb n="2"/>er nur Eine Erhabenheit und Eine Vertieffung. Die Beobachtungen, welche hier<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>über angestellt werden, müssen darum gerade auch so gut lauten, als der Regen<lb n="4"/>des Krämers und der Hausfrau am Jahrmarkte und bey der Wäsche. Krämer und<lb n="5"/>Hausfrau konnten auch die Beobachtung machen, daß es immer regnet, wenn<lb n="6"/>dieser Nachbar vorbeygeht, oder wenn Schweinsbraten gegessen wird. Wie der<lb n="7"/>Regen gegen diese Umstände so gleichgültig ist für die Beobachtung <hi rendition="#g">diese</hi> Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stimmtheit des Geistes gegen <hi rendition="#g">dieses</hi> bestimmte Seyn des Schädels. Denn von<lb n="9"/>den beyden Gegenständen dieses Beobachtens ist der eine ein trockenes <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, eine knöcherne Eigenschafft des Geistes, wie der andere ein trockenes an<lb n="11"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>; ein so knöchernes Ding als beyde sind, ist vollkommen gleichgültig<lb n="12"/>gegen alles andere; es ist dem hohen Knorren eben so gleichgültig, ob ein Mörder<lb n="13"/>in seiner Nachbarschafft, als dem Mörder, ob die Plattheit in seiner Nähe ist.</p>
<p><lb n="14"/>Es bleibt allerdings die <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi>, daß mit irgend einer Eigenschafft,<lb n="15"/>Leidenschafft u.s.f. ein Knorren an irgend einer Stelle verbunden sey, unüberwind<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lich übrig. Man <hi rendition="#g">kann</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> den Mörder mit einem hohen Knorren hier an dieser<lb n="17"/>Schädelstelle, den Dieb mit einer dort, <hi rendition="#g">vorstellen</hi>. Von dieser Seite ist die Schädel<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wissenschafft noch großer Erweiterung fähig; denn zunächst scheint sie sich nur<lb n="19"/>auf die Verbindung eines Knorren mit einer Eigenschafft <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">demselben</hi> <hi rendition="#g">Indi<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">viduum</hi>, so daß dieses beyde besitzt, einzuschränken. Aber schon die natürliche<lb n="21"/>Schädelwissenschafft, – denn es muß so gut eine solche, als eine natürliche Physio<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gnomik geben, – geht über diese Schranke hinaus; sie urtheilt nicht nur, daß ein<lb n="23"/>schlauer Mensch einen faustdicken Knorren hinter den Ohren sitzen habe, sondern<lb n="24"/>sie stellt auch vor, daß die untreue Ehefrau nicht selbst, sondern das andre ehliche<lb n="25"/>Individuum Knorren an der Stirne habe. – Ebenso kann man sich auch den, der<lb n="26"/>mit dem Mörder unter einem Dache wohnt, oder auch seinen Nachbar, und weiter<lb n="27"/>hinaus seine Mitbürger u.s.f. mit hohen Knorren an irgend einer Schädelstelle<lb n="28"/><hi rendition="#g">vorstellen</hi>, so gut als die fliegende Kuh, die zuerst von dem Krebs, der auf dem<lb n="29"/>Esel ritt, geliebkost und hernach u.s.f. wurde. – Wird aber die <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi><lb n="30"/>nicht im Sinne der Möglichkeit <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Vorstellens</hi>, sondern der <hi rendition="#g">innern</hi> Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichkeit, oder des <hi rendition="#g">Begriffs</hi> genommen, so ist der Gegenstand eine solche Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lichkeit, welche reines Ding und ohne dergleichen Bedeutung ist und seyn soll,<lb n="33"/>und sie also nur in der Vorstellung haben kann.</p>
<p><lb n="34"/>Schreitet, ungeachtet der Gleichgültigkeit der beyden Seiten, der Beobachter<lb n="35"/>jedoch ans Werk, Beziehungen zu bestimmen, theils frisch gehalten durch den<lb n="36"/>allgemeinen Vernunftgrund, daß das <hi rendition="#g">Aeußere</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ausdruck</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Innern</hi><lb n="37"/>sey, theils sich unterstützend mit der Analogie von Schädeln der Thieren, – welche</p>
<pb n="187" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=194" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>zwar wohl einen einfachern Charakter haben mögen, als die Menschen, von denen<lb n="2"/>es aber zugleich um ebenso schwerer zu sagen wird, welchen sie haben, indem es<lb n="3"/>nicht der Vorstellung eines jeden Menschen so leicht seyn kann, sich in die Natur<lb n="4"/>eines Thieres recht hineinzubilden, – so findet der Beobachter bey der Versicherung<lb n="5"/>der Gesetze, die er entdeckt haben will, eine <hi rendition="#g">vorzügliche</hi> <hi rendition="#g">Hülfe</hi> an einem<lb n="6"/>Unterschiede, der uns hier nothwendig auch einfallen muß. – Das <hi rendition="#g">Seyn</hi> des<lb n="7"/>Geistes kann wenigstens nicht als so etwas schlechthin unverrücktes und unver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>rückbares genommen werden. Der Mensch ist frey; es wird zugegeben, daß das<lb n="9"/><hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> Seyn nur <hi rendition="#g">Anlagen</hi> sind, über welche er viel vermag, oder<lb n="10"/>welche günstiger Umstände bedürfen, um entwickelt zu werden, d. h. ein <hi rendition="#g">ur<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">sprüngliches</hi> Seyn des Geistes ist eben sowohl als ein solches auszusprechen,<lb n="12"/>das nicht als Seyn existirt. Widersprächen also Beobachtungen demjenigen, was<lb n="13"/>irgend einem als Gesetz zu versichern einfällt, – wäre es schön Wetter am Jahr<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>markte oder bey der Wäsche, so könnten Krämer und Hausfrau sprechen, daß es<lb n="15"/><hi rendition="#g">eigentlich</hi> regnen <hi rendition="#g">sollte</hi>, und die <hi rendition="#g">Anlage</hi> doch dazu <hi rendition="#g">vorhanden</hi> sey; ebenso<lb n="16"/>das Schädelbeobachten, – daß diß Individuum <hi rendition="#g">eigentlich</hi> so seyn <hi rendition="#g">sollte</hi>, wie der<lb n="17"/>Schädel nach dem Gesetze aussagt, und eine <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Anlage</hi> habe, die <hi rendition="#g">aber</hi><lb n="18"/>nicht ausgebildet worden sey; vorhanden ist diese Qualität nicht, aber sie <hi rendition="#g">sollte</hi> <hi rendition="#g">vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">handen</hi> seyn. – Das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> und das <hi rendition="#g">Sollen</hi> gründet sich auf das Beobachten des<lb n="20"/>wirklichen Regens, und des wirklichen Sinnes bey dieser Bestimmtheit des Schädels;<lb n="21"/>ist aber die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> nicht vorhanden; so gilt die <hi rendition="#g">leere</hi> <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> für<lb n="22"/>eben soviel. – Diese Möglichkeit, d. i. die Nichtwirklichkeit des aufgestellten Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>setzes und hiemit ihm widersprechende Beobachtungen müssen eben dadurch herein<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>kommen, daß die Freyheit des Individuums und die entwickelnden Umstände<lb n="25"/>gleichgültig gegen das <hi rendition="#g">Seyn</hi> überhaupt sind sowohl gegen es als ursprüngliches<lb n="26"/>inneres wie als äußeres knöchernes, und daß das Individuum auch etwas anderes<lb n="27"/>seyn kann, als es innerlich ursprünglich und noch mehr als ein Knochen ist.</p>
<p><lb n="28"/>Wir erhalten also die Möglichkeit, daß dieser Knorren oder Vertiefung des<lb n="29"/>Schädels sowohl etwas wirkliches als auch nur eine <hi rendition="#g">Anlage</hi>, und zwar unbestimmt<lb n="30"/>zu irgend etwas, daß er etwas nichtwirkliches bezeichne; wir sehen es einer schlech<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ten Ausrede wie immer ergehen, daß sie wider dasjenige, dem sie aufhelffen soll,<lb n="32"/>selbst zu gebrauchen steht. Wir sehen das Meynen durch die Natur der Sache<lb n="33"/>dahin gebracht, das <hi rendition="#g">Gegentheil</hi> dessen aber <hi rendition="#g">gedankenlos</hi> selbst zu sagen,<lb n="34"/>was es fest hält; – zu sagen, es wird durch diesen Knochen irgend etwas angedeutet,<lb n="35"/>aber eben so gut <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi>.</p>
<p><lb n="36"/>Was der Meynung selbst bey dieser Ausrede vorschwebt ist der wahre, sie gerade<lb n="37"/>vertilgende Gedanke, daß das <hi rendition="#g">Seyn</hi> als solches überhaupt nicht die Wahrheit<lb n="38"/>des Geistes ist. Wie schon die Anlage ein <hi rendition="#g">ursprüngliches</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist, das an der<lb n="39"/>Thätigkeit des Geistes keinen Antheil hat, ein eben solches ist seinerseits auch der</p>
<pb n="188" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=195" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Knochen. Das Seyende ohne die geistige Thätigkeit ist ein Ding für das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyn, und so wenig sein Wesen, daß es vielmehr das Gegentheil desselben und das<lb n="3"/>Bewußtseyn sich allein <hi rendition="#g">wirklich</hi> ist, durch die Negation und Vertilgung eines<lb n="4"/>solchen Seyns. – Es ist von dieser Seite für völlige Verläugnung der Vernunft<lb n="5"/>anzusehen, für das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi> des Bewußtseyns einen Knochen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zugeben; und dafür wird er ausgegeben, indem er als das Aeußere des Geistes<lb n="7"/>betrachtet wird, denn das Aeußere ist eben die seyende Wirklichkeit. Es hilft nichts<lb n="8"/>zu sagen, daß von diesem Aeußern <hi rendition="#g">nur</hi> auf das Innere, das <hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">anders</hi> sey,<lb n="9"/><hi rendition="#g">geschlossen</hi> werde, das Aeußere nicht das Innere selbst, sondern nur dessen<lb n="10"/><hi rendition="#g">Ausdruck</hi> sey. Denn in dem Verhältnisse beyder zueinander, fällt eben auf die<lb n="11"/>Seite des Innern, die Bestimmung der sich <hi rendition="#g">denkenden</hi> und <hi rendition="#g">gedachten</hi>, auf<lb n="12"/>die Seite des Aeußern aber die <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>. – Wenn also<lb n="13"/>einem Menschen gesagt wird, du (dein Inneres) bist diß, <hi rendition="#g">weil</hi> dein <hi rendition="#g">Knochen</hi><lb n="14"/>so beschaffen ist; so heißt es nichts anderes, als ich sehe einen Knochen für <hi rendition="#g">deine</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> an. Die bey der Physiognomik erwähnte Erwiederung eines<lb n="16"/>solchen Urtheils durch die Ohrfeige bringt zunächst die <hi rendition="#g">weichen</hi> Theile aus<lb n="17"/>ihrem Ansehen und Lage, und erweist nur, daß diese kein wahres <hi rendition="#g">Ansich</hi>, nicht<lb n="18"/>die Wirklichkeit des Geistes sind; – hier müßte die Erwiederung eigentlich so<lb n="19"/>weit gehen, einem, der so urtheilt, den Schädel einzuschlagen, um gerade so greif<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lich, als seine Weisheit ist, zu erweisen, daß ein Knochen für den Menschen nichts<lb n="21"/><hi rendition="#g">Ansich</hi>, viel weniger <hi rendition="#g">seine</hi> wahre Wirklichkeit ist. –</p>
<p><lb n="22"/>Der rohe Instinkt der selbstbewußten Vernunft wird eine solche Schädelwissen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schaft unbesehen verwerfen, – diesen andern beobachtenden Instinkt derselben,<lb n="24"/>der zur Ahndung <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Erkennens</hi> gediehen, es auf die geistlose Weise, daß das<lb n="25"/>Aeußere Ausdruck des Innern sey, erfaßt hat. Aber je schlechter der Gedanke ist,<lb n="26"/>desto weniger fällt es zuweilen auf, worin bestimmt seine Schlechtigkeit liegt,<lb n="27"/>und desto schwerer ist es, sie auseinander zu legen. Denn der Gedanke heißt um<lb n="28"/>so schlechter, je reiner und leerer die Abstraction ist, welche ihm für das Wesen<lb n="29"/>gilt. Der Gegensatz aber, auf den es hier ankömmt, hat zu seinen Gliedern, die<lb n="30"/>ihrer bewußte Individualität, und die Abstraction der ganz zum <hi rendition="#g">Dinge</hi> gewor<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>dene Aeußerlichkeit, – jenes innre Seyn des Geistes als festes geistloses Seyn auf<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gefaßt, eben solchem Seyn entgegengesetzt. – Damit scheint aber auch die beob<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>achtende Vernunft in der That ihre Spitze erreicht zu haben, von welcher sie sich<lb n="34"/>selbst verlassen, und sich überschlagen muß; denn erst das ganz schlechte hat die<lb n="35"/>unmittelbare Nothwendigkeit an sich, sich zu verkehren. – Wie von dem jüdischen<lb n="36"/>Volke gesagt werden kann, daß es gerade darum, weil es unmittelbar vor der<lb n="37"/>Pforte des Heils stehe, das Verworfenste sey, und gewesen sey; was es an und für</p>
<pb n="189" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=196" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>sich seyn sollte, diese Selbstwesenheit ist es sich nicht, sondern verlegt sie jenseits<lb n="2"/>seiner; es macht sich durch diese Entäußerung ein höheres Daseyn <hi rendition="#g">möglich</hi>,<lb n="3"/>wenn es seinen Gegenstand wieder in sich zurücknehmen könnte, als wenn es<lb n="4"/>innerhalb der Unmittelbarkeit des Seyns stehen geblieben; weil der Geist um so<lb n="5"/>größer ist, aus je grösserem Gegensatze er in sich zurück kehrt; diesen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>satz aber macht er sich in dem Aufheben seiner unmittelbaren Einheit und in der<lb n="7"/>Entäußerung seines Fürsichseyns. Allein wenn ein solches Bewußtseyn sich nicht<lb n="8"/>reflectirt, ist die Mitte, worin es steht, die unselige Leere, indem dasjenige, was sie<lb n="9"/>erfüllen sollte, zum festen Extreme geworden ist. So ist diese letzte Stuffe der beob<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>achtenden Vernunft ihre schlechteste, aber darum ihre Umkehrung nothwendig.</p>
<p><lb n="11"/>Denn die Uebersicht der bisher betrachteten Reihe von Verhältnissen, welche<lb n="12"/>den Inhalt und Gegenstand der Beobachtung ausmachen, zeigt, daß in ihrer <hi rendition="#g">ersten</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">Weise</hi>, in der Beobachtung der Verhältnisse der unorganischen Natur ihr schon<lb n="14"/>das <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">verschwindet</hi>; die Momente ihres Verhältnisses, stellen<lb n="15"/>sich als reine Abstractionen und als einfache Begriffe dar, welche an das Daseyn<lb n="16"/>von Dingen fest geknüpft seyn sollten, das aber verlohren geht, so, daß das Moment<lb n="17"/>sich als reine Bewegung und als allgemeines erweist. Dieser freye in sich vollendete<lb n="18"/>Proceß behält die Bedeutung eines gegenständlichen; tritt aber nun als ein <hi rendition="#g">Eins</hi><lb n="19"/>auf; im Proceße des Unorganischen ist das Eins das nicht existirende Innere; als<lb n="20"/>Eins aber existirend ist er das Organische. – Das Eins steht als Fürsichseyn oder<lb n="21"/>negatives Wesen dem Allgemeinen gegenüber, entzieht sich diesem und bleibt<lb n="22"/>frey für sich, so daß der Begriff, nur im Elemente der absoluten Vereinzelung<lb n="23"/>realisirt, in der organischen Existenz seinen wahrhafften Ausdruck, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">gemeines</hi> da zu seyn, nicht findet, sondern ein Aeußeres oder, was dasselbe ist,<lb n="25"/>ein <hi rendition="#g">Inneres</hi> der organischen Natur bleibt. – Der organische Proceß ist nur frey<lb n="26"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, ist es aber nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; im <hi rendition="#g">Zwecke</hi> tritt das Fürsichseyn<lb n="27"/>seiner Freyheit ein; <hi rendition="#g">existirt</hi> als ein anderes Wesen, als eine ihrer selbst bewußte<lb n="28"/>Weisheit, die außer jenem ist. Die beobachtende Vernunft wendet sich also an diese,<lb n="29"/>an den Geist, den als Allgemeinheit existirenden Begriff oder als Zweck existirenden<lb n="30"/>Zweck, und ihr eignes Wesen ist ihr nunmehr der Gegenstand.</p>
<p><lb n="31"/>Sie wendet sich zuerst an seine Reinheit; aber indem sie Auffassen des in seinen<lb n="32"/>Unterschieden sich bewegenden Gegenstandes als eines seyenden ist, werden ihr<lb n="33"/><hi rendition="#g">Gesetze</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi>, Beziehungen von Bleibendem auf Bleibendes; aber da<lb n="34"/>der Inhalt dieser Gesetze nur Momente sind, verlauffen sie sich in das Eins des<lb n="35"/>Selbstbewußtseyns. – Dieser neue Gegenstand ebenso als <hi rendition="#g">seyendes</hi> genommen,<lb n="36"/>ist das <hi rendition="#g">einzelne</hi>, <hi rendition="#g">zufällige</hi> Selbstbewußtseyn; das Beobachten steht daher inner<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>halb des gemeynten Geistes, und des zufälligen Verhältnisses von bewußter Wirk-</p>
<pb n="190" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=197" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>lichkeit auf unbewußte. Er an sich selbst nur ist die Nothwendigkeit dieser Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ziehung; die Beobachtung rückt ihm daher näher auf den Leib, und vergleicht<lb n="3"/>seine wollende und thuende Wirklichkeit mit seiner in sich reflectirten und be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>trachtenden Wirklichkeit, die selbst gegenständlich ist. Dieses Aeußre, ob zwar<lb n="5"/>eine Sprache des Individuums, die es an ihm selbst hat, ist zugleich als Zeichen<lb n="6"/>etwas gleichgültiges gegen den Inhalt, den es bezeichnen sollte, so wie das, welches<lb n="7"/>sich das Zeichen setzt, gleichgültig gegen dieses.</p>
<p><lb n="8"/>Von dieser wandelbaren Sprache geht darum die Beobachtung endlich zum<lb n="9"/><hi rendition="#g">festen</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> zurück, und spricht ihrem Begriffe nach aus, daß die Aeusserlichkeit,<lb n="10"/>nicht als Organ, auch nicht als Sprache und Zeichen, sondern als <hi rendition="#g">todtes</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi><lb n="11"/>die äußere und unmittelbare Wirklichkeit des Geistes sey. Was von der allerersten<lb n="12"/>Beobachtung der unorganischen Natur aufgehoben wurde, daß nemlich der Begriff<lb n="13"/>als Ding vorhanden seyn sollte, stellt diese letzte Weise so her, daß sie die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichkeit des Geistes selbst zu einem Dinge macht, oder umgekehrt ausgedrückt,<lb n="15"/>dem todten Seyn die Bedeutung des Geistes giebt. – Die Beobachtung ist damit<lb n="16"/>dazu gekommen, es auszusprechen, was unser Begriff von ihr war, daß nemlich<lb n="17"/>die Gewißheit der Vernunft sich selbst als gegenständliche Wirklichkeit sucht. –<lb n="18"/>Man meynt zwar dabey wohl nicht, daß der Geist, der von einem Schädel vor<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gestellt wird, als Ding ausgesprochen werde; es soll kein Materialismus, wie<lb n="20"/>man es nennt, in diesem Gedanken liegen, sondern der Geist vielmehr noch etwas<lb n="21"/>anders als diese Knochen seyn; aber er <hi rendition="#g">ist</hi>, heißt selbst nichts anders, als, er ist<lb n="22"/>ein <hi rendition="#g">Ding</hi>. Wenn das <hi rendition="#g">Seyn</hi> als solches oder Dingseyn von dem Geiste prädicirt<lb n="23"/>wird, so ist darum der wahrhaffte Ausdruck hievon, daß er ein solches wie <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Knochen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Es muß daher für höchst wichtig angesehen werden, daß der wahre<lb n="25"/>Ausdruck davon daß vom Geiste rein gesagt wird, <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, sich gefunden hat.<lb n="26"/>Wenn sonst vom Geiste gesagt wird, <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, hat <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, ist ein <hi rendition="#g">Ding</hi>, eine<lb n="27"/>einzelne <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, so wird damit nicht etwas <hi rendition="#g">gemeynt</hi>, das man sehen,<lb n="28"/>oder in die Hand nehmen, stoßen und so fort, kann, aber <hi rendition="#g">gesagt</hi> wird ein solches,<lb n="29"/>und was in Wahrheit gesagt wird, drückt sich hiemit so aus, daß <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">Geistes</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Knochen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Diß Resultat hat nun eine doppelte Bedeutung, einmal seine wahre, insofern<lb n="32"/>es eine Ergänzung des Resultates der vorhergehenden Bewegung des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>bewußtseyns ist. Das unglückliche Selbstbewußtseyn entäußerte sich seiner Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ständigkeit und rang sein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> zum <hi rendition="#g">Dinge</hi> heraus. Es kehrte dadurch<lb n="35"/>aus dem Selbstbewußtseyn in das Bewußtseyn zurück, d. h. in das Bewußtseyn,<lb n="36"/>für welches der Gegenstand ein <hi rendition="#g">Seyn</hi>, ein <hi rendition="#g">Ding</hi> ist; – aber diß, was Ding ist,</p>
<pb n="191" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=198" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. BEOBACHTENDE VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>ist das Selbstbewußtseyn; es ist also die Einheit des Ich und des Seyns, die <hi rendition="#g">Kate<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">gorie</hi>. Indem der Gegenstand für das Bewußtseyn so bestimmt ist, <hi rendition="#g">hat</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">Ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">nunft</hi>. Das Bewußtseyn, so wie das Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> eigentlich<lb n="4"/>Vernunft; aber nur von dem Bewußtseyn, dem der Gegenstand als die Kategorie<lb n="5"/>sich bestimmt hat, kann gesagt werden, daß es Vernunft <hi rendition="#g">habe</hi>; – hievon aber<lb n="6"/>ist noch das Wissen, was Vernunft ist, unterschieden. – Die Kategorie, welche<lb n="7"/>die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Einheit des <hi rendition="#g">Seyns</hi> und des <hi rendition="#g">Seinen</hi> ist, muß beyde Formen<lb n="8"/>durchlauffen, und das beobachtende Bewußtseyn ist eben dieses, dem sie sich in<lb n="9"/>der Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> darstellt. In seinem Resultate spricht das Bewußtseyn das<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>jenige, dessen bewußtlose Gewißheit es ist, als Satz aus, – den Satz, der im Begriffe<lb n="11"/>der Vernunft liegt. Er ist das <hi rendition="#g">unendliche</hi> <hi rendition="#g">Urtheil</hi>, daß das Selbst ein Ding ist,<lb n="12"/>– ein Urtheil, das sich selbst aufhebt. – Durch dieses Resultat ist also bestimmt<lb n="13"/>zur Kategorie diß hinzugekommen, daß sie dieser sich aufhebende Gegensatz ist.<lb n="14"/>Die <hi rendition="#g">reine</hi> Kategorie, welche in der Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> oder der <hi rendition="#g">Unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">barkeit</hi> für das Bewußtseyn ist, ist der noch <hi rendition="#g">unvermittelte</hi>, nur <hi rendition="#g">vorhandne</hi><lb n="16"/>Gegenstand, und das Bewußtseyn ein eben so unvermitteltes Verhalten. Das Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ment jenes unendlichen Urtheils ist der Uebergang der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> in<lb n="18"/>die Vermittlung oder <hi rendition="#g">Negativität</hi>. Der vorhandne Gegenstand ist daher als<lb n="19"/>ein negativer bestimmt, das Bewußtseyn aber als <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn gegen ihn,<lb n="20"/>oder die Kategorie, welche die Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> im Beobachten durchlauffen hat,<lb n="21"/>ist jetzt in der Form des Fürsichseyns gesetzt; das Bewußtseyn will sich nicht mehr<lb n="22"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> <hi rendition="#g">finden</hi>, sondern durch seine Thätigkeit sich selbst hervorbringen.<lb n="23"/><hi rendition="#g">Es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist sich der Zweck seines Thuns, wie es ihm im Beobachten nur um die<lb n="24"/>Dinge zu thun war.</p>
<p><lb n="25"/>Die andere Bedeutung des Resultats ist die schon betrachtete des begrifflosen<lb n="26"/>Beobachtens. Dieses weiß sich nicht anders zu fassen und auszusprechen, als daß<lb n="27"/>es unbefangen den Knochen, wie er sich als sinnliches Ding findet, das seine Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>ständlichkeit für das Bewußtseyn nicht zugleich verliert, für die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="29"/>des Selbstbewußtseyns aussagt. Es hat aber auch darüber, daß es diß sagt, keine<lb n="30"/>Klarheit des Bewußtseyns, und faßt seinen Satz nicht in der Bestimmtheit seines<lb n="31"/>Subjects und Prädicats und der Beziehung derselben, noch weniger in dem Sinne<lb n="32"/>des unendlichen sich selbst auflösenden Urtheils, und des Begriffs. – Es verbirgt<lb n="33"/>sich vielmehr aus einem tieferliegenden Selbstbewußtseyn des Geistes, das hier<lb n="34"/>als eine natürliche Honnetetät erscheint, die Schmählichkeit des begrifflosen nack<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ten Gedankens, für die Wirklichkeit des Selbstbewußtseyns einen Knochen zu<lb n="36"/>nehmen, und übertüncht ihn durch die Gedankenlosigkeit selbst, mancherley Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hältnisse von Ursache und Wirkung, von Zeichen, Organ u.s.w., die hier keinen<lb n="38"/>Sinn haben, einzumischen, und durch Unterscheidungen, die von ihnen her<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>genommen sind, das Grelle des Satzes zu verstecken.</p>
<pb n="192" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=199" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Gehirnfibern und dergleichen als das Seyn des Geistes betrachtet, sind schon<lb n="2"/>eine gedachte nur hypothetische, – nicht <hi rendition="#g">daseyende</hi>, nicht gefühlte, gesehene,<lb n="3"/>nicht die wahre Wirklichkeit; wenn sie <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, wenn sie gesehen werden, sind<lb n="4"/>sie todte Gegenstände und gelten dann nicht mehr für das Seyn des Geistes. Aber<lb n="5"/>die eigentliche Gegenständlichkeit muß eine <hi rendition="#g">unmittelbare</hi>, <hi rendition="#g">sinnliche</hi> seyn,<lb n="6"/>so daß der Geist in dieser als todten, – denn der Knochen ist das todte insofern es<lb n="7"/>am Lebendigen selbst ist, – als wirklich gesetzt wird. – Der Begriff dieser Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lung ist, daß die Vernunft sich <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Dingheit</hi>, auch die <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">gegenständliche</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">selbst</hi> ist; sie ist aber diß <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, oder der Begriff nur ist ihre Wahrheit,<lb n="10"/>und je reiner der Begriff selbst ist, zu einer desto albernern Vorstellung sinkt er<lb n="11"/>herab, wenn sein Inhalt nicht als Begriff, sondern als Vorstellung ist, – wenn das<lb n="12"/>sich selbst aufhebende Urtheil nicht mit dem Bewußtseyn dieser seiner Unendlich<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>keit genommen wird, sondern als ein bleibender Satz, und dessen Subject und<lb n="14"/>Prädicat jedes für sich gelten, das Selbst als Selbst, das Ding als Ding fixirt und<lb n="15"/>doch eins das andre seyn soll. – Die Vernunft, wesentlich der Begriff, ist unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bar in sich selbst und ihr Gegentheil entzweyt, ein Gegensatz der ebendarum<lb n="17"/>ebenso unmittelbar aufgehoben ist. Aber sich so als sich selbst und als ihr Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>theil darbietend, und festgehalten in dem ganz einzelnen Momente dieses Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>einandertretens, ist sie unvernünftig aufgefaßt; und je reiner die Momente des<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>selben sind, desto greller ist die Erscheinung dieses Inhalts, der allein entweder<lb n="21"/>für das Bewußtseyn ist, oder von ihm unbefangen allein ausgesprochen wird. –<lb n="22"/><hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Tiefe</hi>, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein <hi rendition="#g">vorstellendes</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> treibt und es in diesem stehen läßt – und die <hi rendition="#g">Unwissenheit</hi><lb n="24"/>dieses Bewußtseyns, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen<lb n="25"/>und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des<lb n="26"/>Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, – und des Organs<lb n="27"/>des Pissens naiv ausdrückt. – Das unendliche Urtheil als unendliches wäre die<lb n="28"/>Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens, das in der Vorstellung bleibende<lb n="29"/>Bewußtseyn desselben aber verhält sich als Pissen.</p>
<pb n="193" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=200" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>B.<lb n="2"/>DIE VERWIRKLICHUNG<lb n="3"/>DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS<lb n="4"/>DURCH SICH SELBST.</head>
<p><lb n="5"/>Das Selbstbewußtseyn fand das Ding als sich, und sich als Ding; d. h. <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> es <hi rendition="#g">ansich</hi> die gegenständliche Wirklichkeit ist. Es ist nicht mehr<lb n="7"/>die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Gewißheit, alle Realität zu seyn; sondern eine solche, für<lb n="8"/>welche das Unmittelbare überhaupt die Form eines aufgehobenen hat, so daß<lb n="9"/>seine <hi rendition="#g">Gegenständlichkeit</hi> nur noch als Oberfläche gilt, deren Inneres und<lb n="10"/>Wesen <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist. – Der Gegenstand, auf welchen es sich positiv bezieht, ist<lb n="11"/>daher ein Selbstbewußtseyn; er ist in der Form der Dingheit, d. h. <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">ständig</hi>; aber es hat die Gewißheit, daß dieser selbstständige Gegenstand kein<lb n="13"/>fremdes für es ist; es weiß hiemit, daß es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> von ihm anerkannt ist; es ist der<lb n="14"/><hi rendition="#g">Geist</hi>, der die Gewißheit hat in der Verdopplung seines Selbstbewußtseyns und in<lb n="15"/>der Selbstständigkeit beyder seine Einheit mit sich selbst zu haben. Diese Gewißheit<lb n="16"/>hat sich ihm nun zur Wahrheit zu erheben; was ihm gilt, daß es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und in<lb n="17"/>seiner <hi rendition="#g">innern</hi> Gewißheit sey, soll in sein Bewußtseyn treten, und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> werden.</p>
<p><lb n="18"/>Was die allgemeinen Stationen dieser Verwirklichung seyn werden, bezeichnet<lb n="19"/>sich im allgemeinen schon durch die Vergleichung mit dem bisherigen Wege.<lb n="20"/>Wie nemlich die beobachtende Vernunft, in dem Elemente der Kategorie, die<lb n="21"/>Bewegung des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>, nemlich die sinnliche Gewißheit, das Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>nehmen und den Verstand wiederhohlte, so wird diese auch die doppelte Bewegung<lb n="23"/>des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> wieder durchlauffen, und aus der Selbstständigkeit in<lb n="24"/>seine Freyheit übergehen. Zuerst ist diese thätige Vernunft ihrer selbst nur als<lb n="25"/>eines Individuums bewußt, und muß als ein solches seine Wirklichkeit im andern<lb n="26"/>fodern und hervorbringen – alsdenn aber, indem sich sein Bewußtseyn zur All<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gemeinheit erhebt, wird es <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Vernunft, und ist sich seiner als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>nunft, als an und für sich schon anerkanntes bewußt, welches in seinem reinen<lb n="29"/>Bewußtseyn alles Selbstbewußtseyn vereinigt; es ist das einfache geistige Wesen,<lb n="30"/>das indem es zugleich zum Bewußtseyn kommt, die <hi rendition="#g">reale</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi> ist, worein die<lb n="31"/>frühern Formen als in ihren Grund zurückgehen, so daß sie gegen diesen nur einzelne<lb n="32"/>Momente seines Werdens sind, die sich zwar losreissen, und als eigne Gestalten<lb n="33"/>erscheinen, in der That aber nur von ihm getragen, <hi rendition="#g">Daseyn</hi> und <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>,<lb n="34"/>aber ihre <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> nur haben, insofern sie in ihm selbst sind und bleiben.</p>
<pb n="194" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=201" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>Nehmen wir dieses Ziel, das der <hi rendition="#g">Begriff</hi> ist, der <hi rendition="#g">uns</hi> schon entstanden, nemlich<lb n="2"/>das anerkannte Selbstbewußtseyn, das in dem andern freyen Selbstbewußtseyn<lb n="3"/>die Gewißheit seiner selbst, und eben darin seine Wahrheit hat – in seiner Realität<lb n="4"/>auf, oder heben wir diesen noch innern Geist als die schon zu ihrem Daseyn ge<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>diehene Substanz heraus, so schließt sich in diesem Begriffe <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Reich</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sitt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> auf. Denn diese ist nichts anders als in der selbstständigen <hi rendition="#g">Wirklich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> der Individuen die absolute geistige <hi rendition="#g">Einheit</hi> ihres Wesens; ein an sich all<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gemeines Selbstbewußtseyn, das sich in einem andern Bewußtseyn so wirklich<lb n="9"/>ist, daß dieses vollkommene Selbstständigkeit hat, oder ein Ding für es, und daß<lb n="10"/>es ebendarin der <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit ihm sich bewußt ist, und in dieser Einheit mit diesem<lb n="11"/>gegenständlichen Wesen erst Selbstbewußtseyn ist. Diese sittliche <hi rendition="#g">Substanz</hi> in<lb n="12"/>der <hi rendition="#g">Abstraction</hi> der <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, ist sie nur das <hi rendition="#g">gedachte</hi> Gesetz; aber<lb n="13"/>sie ist ebensosehr unmittelbar wirkliches <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> oder sie ist <hi rendition="#g">Sitte</hi>.<lb n="14"/>Das <hi rendition="#g">einzelne</hi> Bewußtseyn ist umgekehrt nur dieses seyende Eins, indem es des<lb n="15"/>allgemeinen Bewußtseyns in seiner Einzelnheit als seines Seyns sich bewußt, in<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dem sein Thun und Daseyn die allgemeine Sitte ist.</p>
<p><lb n="17"/>In dem Leben eines Volks hat in der That der Begriff der Verwirklichung der<lb n="18"/>selbstbewußten Vernunft, in der Selbstständigkeit des <hi rendition="#g">Andern</hi> die vollständige<lb n="19"/><hi rendition="#g">Einheit</hi> mit ihm anzuschauen, oder diese von mir vorgefundene freye <hi rendition="#g">Ding<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> eines andern, welche das negative Meinerselbst ist, als <hi rendition="#g">mein</hi> für <hi rendition="#g">mich</hi> seyn<lb n="21"/>zum Gegenstande zu haben, – seine vollendete Realität. Die Vernunft ist als die<lb n="22"/>flüssige allgemeine <hi rendition="#g">Substanz</hi>, als die unwandelbare einfache <hi rendition="#g">Dingheit</hi> vor<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>handen, welche ebenso in viele vollkommen selbstständige Wesen wie das Licht<lb n="24"/>in Sterne als unzählige für sich leuchtende Punkte zerspringt, die in ihrem absoluten<lb n="25"/>Fürsichseyn nicht nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> in der einfachen selbstständigen Substanz auf<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gelöst sind, sondern <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; sie sind sich bewußt diese einzelne selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>ständige Wesen dadurch zu seyn, daß sie ihre Einzelnheit aufopfern und diese<lb n="28"/>allgemeine Substanz ihre Seele und Wesen ist; so wie diß Allgemeine wieder das<lb n="29"/><hi rendition="#g">Thun</hi> ihrer als einzelner oder das von ihnen hervorgebrachte Werk ist.</p>
<p><lb n="30"/>Das <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> Thun und Treiben des Individuums bezieht sich auf die<lb n="31"/>Bedürfnisse, welche es als Naturwesen, das heißt, als <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi><lb n="32"/>hat. Daß selbst diese seine gemeinsten Functionen nicht zunichte werden, sondern<lb n="33"/>Wirklichkeit haben, geschieht durch das allgemeine erhaltende Medium, durch<lb n="34"/>die <hi rendition="#g">Macht</hi> des ganzen Volks. – Nicht nur aber diese <hi rendition="#g">Form</hi> des <hi rendition="#g">Bestehens</hi><lb n="35"/>seines Thuns überhaupt hat es in der allgemeinen Substanz, sondern ebensosehr<lb n="36"/><hi rendition="#g">seinen</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi>; was es thut, <hi rendition="#g">ist</hi> die allgemeine Geschicklichkeit und Sitte aller.<lb n="37"/>Dieser Inhalt, insofern er sich vollkommen vereinzelt, ist in seiner Wirklichkeit</p>
<pb n="195" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=202" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>in das Thun Aller verschränkt. Die <hi rendition="#g">Arbeit</hi> des Individuums für seine Bedürfnisse<lb n="2"/>ist ebensosehr eine Befriedigung der Bedürfnisse der andern als seiner eignen, und<lb n="3"/>die Befriedigung der seinigen erreicht es nur durch die Arbeit der andern. – Wie<lb n="4"/>der Einzelne in seiner <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Arbeit schon eine <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Arbeit <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">wußtlos</hi> vollbringt, so vollbringt er auch wieder die allgemeine als seinen <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">wußten</hi> Gegenstand; das Ganze wird <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Ganzes</hi> sein Werk, für das er sich<lb n="7"/>aufopfert, und ebendadurch sich selbst von ihm zurückerhält. – Es ist hier nichts,<lb n="8"/>das nicht gegenseitig wäre, nichts, woran nicht die Selbstständigkeit des Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>viduums in der Auflösung ihres Fürsichseyns, in der <hi rendition="#g">Negation</hi> ihrer selbst ihre<lb n="10"/><hi rendition="#g">positive</hi> Bedeutung, für sich zu seyn, sich gäbe. Diese Einheit des Seyns für<lb n="11"/>anderes oder des sich zum Dinge Machens, und des Fürsichseyns, diese allgemeine<lb n="12"/>Substanz redet ihre <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Sprache</hi> in den Sitten und Gesetzen seines Volks;<lb n="13"/>aber diß seyende unwandelbare Wesen ist nichts anders, als der Ausdruck der ihr<lb n="14"/>entgegengesetzt scheinenden einzelnen Individualität selbst; die Gesetze sprechen<lb n="15"/>das aus, was jeder Einzelne <hi rendition="#g">ist</hi>, und <hi rendition="#g">thut</hi>; das Individuum erkennt sie nicht nur<lb n="16"/>als seine <hi rendition="#g">allgemeine</hi> gegenständliche Dingheit, sondern ebensosehr sich in ihr,<lb n="17"/>oder als <hi rendition="#g">vereinzelt</hi> in seiner eignen Individualität und in jedem seiner Mitbürger.<lb n="18"/>In dem allgemeinen Geiste hat daher jeder nur die Gewißheit seiner selbst, nichts<lb n="19"/>anders in der seyenden Wirklichkeit zu finden, als sich selbst; er ist der andern<lb n="20"/>so gewiß als seiner. – Ich schaue es in allen an, daß sie für sich selbst nur diese selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ständigen Wesen sind, als Ich es bin; Ich schaue die freye Einheit mit den andern<lb n="22"/>in ihnen so an, daß sie wie durch Mich, so durch die Andern selbst ist. Sie als Mich,<lb n="23"/>Mich als Sie.</p>
<p><lb n="24"/>In einem freyen Volke ist darum in Wahrheit die Vernunft verwirklicht; sie<lb n="25"/>ist gegenwärtiger lebendiger Geist, worin das Individuum seine <hi rendition="#g">Bestimmung</hi>,<lb n="26"/>das heißt, sein allgemeines und einzelnes Wesen, nicht nur ausgesprochen und als<lb n="27"/>Dingheit vorhanden findet, sondern selbst dieses Wesen ist, und seine Bestimmung<lb n="28"/>auch erreicht hat. Die weisesten Männer des Alterthums haben darum den Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>spruch gethan: <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Weisheit</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Tugend</hi> <hi rendition="#g">darin</hi> <hi rendition="#g">bestehen</hi>, <hi rendition="#g">den</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">Sitten</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Volks</hi> <hi rendition="#g">gemäß</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">leben</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Aus diesem Glücke aber, seine Bestimmung erreicht zu haben, und in ihr zu leben,<lb n="32"/>ist das Selbstbewußtseyn, welches zunächst nur <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> und dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">nach</hi> Geist ist, herausgetreten, oder auch, – es hat es noch nicht erreicht; denn<lb n="34"/>beydes kann auf gleiche Weise gesagt werden.</p>
<p><lb n="35"/>Die Vernunft <hi rendition="#g">muß</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Glücke</hi> <hi rendition="#g">heraustreten</hi>; denn nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="36"/>oder <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> ist das Leben eines freyen Volks die <hi rendition="#g">reale</hi> <hi rendition="#g">Sittlichkeit</hi>,</p>
<pb n="196" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=203" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>oder sie ist eine <hi rendition="#g">seyende</hi>, und damit ist auch dieser allgemeine Geist selbst ein<lb n="2"/>einzelner, das Ganze der Sitten und Gesetze, eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi> sittliche Substanz,<lb n="3"/>welche erst in dem höhern Momente, nemlich im <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">über</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">Wesen</hi>, die Beschränkung auszieht, und nur in diesem Erkennen ihre absolute<lb n="5"/>Wahrheit hat, nicht aber unmittelbar in ihrem <hi rendition="#g">Seyn</hi>; in diesem ist sie theils eine<lb n="6"/>beschränkte, theils ist die absolute Beschränkung eben diß, daß der Geist in der<lb n="7"/>Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> ist.</p>
<p><lb n="8"/>Ferner ist daher das <hi rendition="#g">einzelne</hi> Bewußtseyn, wie es unmittelbar seine Existenz<lb n="9"/>in der realen Sittlichkeit oder in dem Volke hat, ein gediegenes Vertrauen, dem<lb n="10"/>sich der Geist nicht in seine <hi rendition="#g">abstracte</hi> Momente aufgelöst hat, und das sich also<lb n="11"/>auch nicht als reine <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> weiß. Ist es aber zu diesem<lb n="12"/>Gedanken gekommen, wie es muß, so ist diese <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Einheit mit dem<lb n="13"/>Geiste oder sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> in ihm, sein Vertrauen verloren; es für sich <hi rendition="#g">isolirt</hi>, ist<lb n="14"/>sich nun das Wesen, nicht mehr der allgemeine Geist. Das <hi rendition="#g">Moment</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> ist zwar in dem allgemeinen Geiste<lb n="16"/>selbst, aber nur als eine verschwindende Größe, die wie sie für sich auftritt, in ihm<lb n="17"/>eben so unmittelbar sich auflöst und nur als Vertrauen zum Bewußtseyn kommt.<lb n="18"/>Indem es sich so fixirt, – und jedes Moment, weil es Moment des Wesens ist, muß<lb n="19"/>selbst dazu gelangen, als Wesen sich darzustellen, – so ist das Individuum den<lb n="20"/>Gesetzen und Sitten gegenübergetreten; sie sind nur ein Gedanke ohne absolute<lb n="21"/>Wesenheit, eine abstracte Theorie ohne Wirklichkeit; es aber ist als dieses Ich<lb n="22"/>sich die lebendige Wahrheit.</p>
<p><lb n="23"/>Oder das Selbstbewußtseyn hat <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Glück</hi> <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">erreicht</hi>, sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>liche Substanz, der Geist eines Volks zu seyn. Denn aus der Beobachtung zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gekehrt, ist der Geist zuerst noch nicht als solcher durch sich selbst verwirklicht;<lb n="26"/>er ist nur als <hi rendition="#g">innres</hi> Wesen oder als die Abstraction gesezt. – Oder er <hi rendition="#g">ist</hi> erst<lb n="27"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi>; unmittelbar seyend aber ist er <hi rendition="#g">einzeln</hi>; er ist das practische Be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>wußtseyn, das in seine vorgefundene Welt mit dem Zwecke einschreitet, sich in<lb n="29"/>dieser Bestimmtheit eines Einzelnen zu verdoppeln, sich als Diesen als sein seyendes<lb n="30"/>Gegenbild zu erzeugen und dieser Einheit seiner Wirklichkeit mit dem gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ständlichen Wesen bewußt zu werden. Es hat die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> dieser Einheit;<lb n="32"/>es gilt ihm, daß sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder daß diese Uebereinstimmung seiner und der<lb n="33"/>Dingheit schon vorhanden ist, nur <hi rendition="#g">ihm</hi> noch durch es zu werden hat, oder daß<lb n="34"/>sein Machen ebenso das <hi rendition="#g">Finden</hi> derselben ist. Indem diese Einheit <hi rendition="#g">Glück</hi> heißt,<lb n="35"/>wird diß Individuum hiemit sein <hi rendition="#g">Glück</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">suchen</hi> von seinem Geiste in die<lb n="36"/>Welt hinausgeschickt.</p>
<pb n="197" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=204" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Wenn also die Wahrheit dieses vernünftigen Selbstbewußtseyns für uns die<lb n="2"/>sittliche Substanz ist, so ist hier für es der Anfang seiner sittlichen Welterfahrung.<lb n="3"/>Von der Seite, daß es noch nicht zu jener geworden, dringt diese Bewegung auf<lb n="4"/>sie, und das, was in ihr sich aufhebt, sind die einzelnen Momente, die ihm isolirt<lb n="5"/>gelten. Sie haben die Form eines unmittelbaren Wollens, oder <hi rendition="#g">Naturtriebs</hi>,<lb n="6"/>der seine Befriedigung erreicht, welche selbst der Inhalt eines neuen Triebes ist. –<lb n="7"/>Von der Seite aber, daß das Selbstbewußtseyn das Glück in der Substanz zu seyn<lb n="8"/>verloren, sind diese Naturtriebe mit Bewußtseyn ihres Zweckes als der wahren<lb n="9"/>Bestimmung und Wesenheit verbunden; die sittliche Substanz ist zum selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>losen Prädicate herabgesunken, dessen lebendige Subjecte die Individuen sind,<lb n="11"/>die ihre Allgemeinheit durch sich selbst zu erfüllen, und für ihre Bestimmung<lb n="12"/>aus sich zu sorgen haben. – In jener Bedeutung also sind jene Gestalten das Werden<lb n="13"/>der sittlichen Substanz, und gehen ihr vor; in dieser folgen sie, und lösen es für<lb n="14"/>das Selbstbewußtseyn auf, was seine Bestimmung sey; nach jener Seite geht in<lb n="15"/>der Bewegung, worin erfahren wird, was ihre Wahrheit ist, die Unmittelbarkeit<lb n="16"/>oder Rohheit der Triebe verloren, und der Inhalt derselben in einen höhern über;<lb n="17"/>nach dieser aber die falsche Vorstellung des Bewußtseyns, das in sie seine Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mung setzt. Nach jener ist das <hi rendition="#g">Ziel</hi>, das sie erreichen, die unmittelbare sittliche<lb n="19"/>Substanz; nach dieser aber das Bewußtseyn derselben, und zwar ein solches, das<lb n="20"/>sie als sein eignes Wesen weiß; und insofern wäre diese Bewegung das Werden<lb n="21"/>der Moralität, einer höhern Gestalt als jene. Allein diese Gestalten machen zugleich<lb n="22"/>nur Eine Seite ihres Werdens aus, nemlich diejenige, welche in das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi><lb n="23"/>fällt, oder worin das Bewußtseyn <hi rendition="#g">seine</hi> Zwecke aufhebt; nicht die Seite, nach<lb n="24"/>welcher sie aus der Substanz selbst hervorgeht. Da diese Momente noch nicht<lb n="25"/>die Bedeutung haben können, im Gegensatze gegen die verlorne Sittlichkeit zu<lb n="26"/>Zwecken gemacht zu werden, so gelten sie hier zwar nach ihrem unbefangenen<lb n="27"/>Inhalte, und das Ziel, nach welchem sie dringen, ist die sittliche Substanz. Aber<lb n="28"/>indem unsern Zeiten jene Form derselben näher liegt, in welcher sie erscheinen,<lb n="29"/>nachdem das Bewußtseyn sein sittliches Leben verloren und es suchend jene Formen<lb n="30"/>wiederholt, so mögen sie mehr in dem Ausdrucke dieser Weise vorgestellt werden.</p>
<p><lb n="31"/>Das Selbstbewußtseyn, welches nur erst der Begriff des Geistes ist, tritt diesen<lb n="32"/>Weg in der Bestimmtheit an, sich als einzelner Geist das Wesen zu seyn, und sein<lb n="33"/>Zweck ist also, sich als einzelnes die Verwirklichung zu geben und als dieses in<lb n="34"/>ihr sich zu genießen.</p>
<p><lb n="35"/>In der Bestimmung sich als <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyendes</hi> das Wesen zu seyn, ist es die<lb n="36"/><hi rendition="#g">Negativität</hi> des Andern; in seinem Bewußtseyn tritt daher es selbst als das<lb n="37"/>positive einem solchen gegenüber, das zwar <hi rendition="#g">ist</hi>, aber für es die Bedeutung eines<lb n="38"/>nicht an sich seyenden hat; das Bewußtseyn erscheint entzweyt in diese vorgefun<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>dene Wirklichkeit, und in den <hi rendition="#g">Zweck</hi>, den es durch Aufheben derselben voll-</p>
<pb n="198" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=205" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>bringt, und statt jener vielmehr zur Wirklichkeit macht. Sein erster Zweck ist<lb n="2"/>aber sein <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> abstractes <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, oder sich als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">zelne</hi> in einem andern oder ein anderes Selbstbewußtseyn als sich anzuschauen.<lb n="4"/>Die Erfahrung, was die Wahrheit dieses Zwecks ist, stellt das Selbstbewußtseyn<lb n="5"/>höher, und es ist sich nunmehr Zweck, insofern es zugleich <hi rendition="#g">allgemeines</hi> ist,<lb n="6"/>und das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> an ihm hat. In der Vollbringung dieses <hi rendition="#g">Gesetzes</hi><lb n="7"/>seines <hi rendition="#g">Herzens</hi> erfährt es aber, daß das <hi rendition="#g">einzelne</hi> Wesen hiebey sich nicht er<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>halten, sondern das Gute nur durch die Aufopferung desselben ausgeführt werden<lb n="9"/>kann, und es wird zur <hi rendition="#g">Tugend</hi>. Die Erfahrung, welche sie macht, kann keine<lb n="10"/>andre seyn, als daß ihr Zweck an sich schon ausgeführt ist, das Glück unmittelbar<lb n="11"/>im Thun selbst sich findet, und das Thun selbst das Gute ist. Der Begriff dieser<lb n="12"/>ganzen Sphäre, daß die Dingheit das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Geistes selbst ist, wird<lb n="13"/>in ihrer Bewegung für das Selbstbewußtseyn. Indem es ihn gefunden, ist es sich<lb n="14"/>also Realität als unmittelbar sich aussprechende Individualität, die keinen Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stand an einer entgegengesetzten Wirklichkeit mehr findet, und der nur diß Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sprechen selbst Gegenstand und Zweck ist.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="17"/>a.</head>
<head><lb n="18"/>Die Lust und die Nothwendigkeit.</head>
<p><lb n="19"/>Das Selbstbewußtseyn, welches sich überhaupt die <hi rendition="#g">Realität</hi> ist, hat seinen<lb n="20"/>Gegenstand an ihm selbst, aber als einen solchen, welchen es nur erst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="21"/>hat, und der noch nicht seyend ist; das <hi rendition="#g">Seyn</hi> steht ihm als eine andere Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>keit, denn die seinige ist, gegenüber; und es geht darauf durch Vollführung seines<lb n="23"/>Fürsichseyns sich als anderes selbstständiges Wesen anzuschauen. Dieser <hi rendition="#g">erste</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Zweck</hi> ist, seiner als einzelnen Wesens in dem andern Selbstbewußtseyn bewußt<lb n="25"/>zu werden, oder diß Andre zu sich selbst zu machen; es hat die Gewißheit, daß<lb n="26"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> schon diß andre es selbst ist. – Insofern es aus der sittlichen Substanz und<lb n="27"/>dem ruhigen Seyn des Denkens zu seinem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> sich erhoben, so hat es<lb n="28"/>das Gesetz der Sitte und des Daseyns, die Kenntnisse der Beobachtung und die<lb n="29"/>Theorie, als einen grauen eben verschwindenden Schatten hinter sich, denn diß ist<lb n="30"/>vielmehr ein Wissen von einem solchen, dessen Fürsichseyn und Wirklichkeit<lb n="31"/>eine andere, als die des Selbstbewußtseyns ist. Es ist in es statt des himmlisch schei<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>nenden Geistes der Allgemeinheit des Wissens und Thuns, worin die Empfindung<lb n="33"/>und der Genuß der Einzelnheit schweigt, der Erdgeist gefahren, dem das Seyn<lb n="34"/>nur, welches die Wirklichkeit des einzelnen Bewußtseyns ist, als die wahre Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichkeit gilt.</p>
<pb n="199" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=206" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Es verachtet Verstand und Wissenschaft<lb n="2"/>des Menschen allerhöchste Gaben –<lb n="3"/>es hat dem Teufel sich ergeben<lb n="4"/>und muß zu Grunde gehn.</p>
<p><lb n="5"/>Es stürzt also ins Leben, und bringt die reine Individualität, in welcher es auf<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>tritt, zur Ausführung. Es macht sich weniger sein Glück, als daß es dasselbige un<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>mittelbar nimmt und genießt. Die Schatten von Wissenschaft, Gesetzen und Grund<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sätzen, die allein zwischen ihm und seiner eignen Wirklichkeit stehen, verschwinden,<lb n="9"/>als ein lebloser Nebel, der es nicht mit der Gewißheit seiner Realität aufnehmen<lb n="10"/>kann; es nimmt sich das Leben, wie eine reife Frucht gepflückt wird, welche eben<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sosehr selbst entgegen kommt, als sie genommen wird.</p>
<p><lb n="12"/>Sein Thun ist nur nach einem Momente ein Thun der <hi rendition="#g">Begierde</hi>; es geht<lb n="13"/>nicht auf die Vertilgung des ganzen gegenständlichen Wesens, sondern nur auf<lb n="14"/>die Form seines Andersseyns oder seiner Selbstständigkeit, die ein wesenloser<lb n="15"/>Schein ist; denn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> gilt es ihm für dasselbe Wesen, oder als seine Selbstheit.<lb n="16"/>Das Element, worinn die Begierde und ihr Gegenstand gleichgültig gegeneinander<lb n="17"/>und selbstständig bestehen, ist das <hi rendition="#g">lebendige</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi>; der Genuß der Begierde<lb n="18"/>hebt diß, insofern es ihrem Gegenstande zukommt, auf. Aber hier ist diß Element,<lb n="19"/>welches beyden die abgesonderte Wirklichkeit gibt, vielmehr die Kategorie,<lb n="20"/>ein Seyn, das wesentlich ein <hi rendition="#g">vorgestelltes</hi> ist; es ist daher das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi><lb n="21"/>der Selbstständigkeit; – sey es nun das natürliche, oder das zu einem System von<lb n="22"/>Gesetzen ausgebildete Bewußtseyn, welches die Individuen jedes für sich erhält.<lb n="23"/>Diese Trennung ist nicht an sich für das Selbstbewußtseyn, welches als <hi rendition="#g">seine</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">eigne</hi> Selbstheit das andre weiß. Es gelangt also zum Genuße der <hi rendition="#g">Lust</hi>, zum<lb n="25"/>Bewußtseyn seiner Verwirklichung in einem als selbstständig erscheinenden Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>wußtseyn, oder zur Anschauung der Einheit beyder selbstständigen Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn. Es erreicht seinen Zweck, erfährt aber eben darin, was die Wahrheit des<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>selben ist. Es begreifft sich als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyende</hi> Wesen, aber<lb n="29"/>die Verwirklichung dieses Zwecks ist selbst das Aufheben desselben, denn es wird<lb n="30"/>sich nicht Gegenstand als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi>, sondern vielmehr als <hi rendition="#g">Einheit</hi> seiner<lb n="31"/>selbst und des andern Selbstbewußtseyns, hiemit als aufgehobnes Einzelnes oder<lb n="32"/>als <hi rendition="#g">Allgemeines</hi>.</p>
<p><lb n="33"/>Die genossene Lust hat wohl die positive Bedeutung, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> als gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ständliches Selbstbewußtseyn geworden zu seyn, aber ebensosehr die negative,<lb n="35"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> aufgehoben zu haben; und indem es seine Verwirklichung nur in<lb n="36"/>jener Bedeutung begriff, tritt seine Erfahrung als Widerspruch in sein Bewußt-</p>
<pb n="200" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=207" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>seyn ein, worin die erreichte Wirklichkeit seiner Einzelnheit sich von dem nega<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tiven <hi rendition="#g">Wesen</hi> vernichtet werden sieht, das Wirklichkeitslos jener leer gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>übersteht und doch die verzehrende Macht desselben ist. Dieses Wesen ist nichts<lb n="4"/>anders als der <hi rendition="#g">Begriff</hi> dessen, was diese Individualität an sich ist. Sie ist aber noch<lb n="5"/>die ärmste Gestalt des sich verwirklichenden Geistes; denn sie ist sich erst die<lb n="6"/><hi rendition="#g">Abstraction</hi> der Vernunft, oder die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> der <hi rendition="#g">Einheit</hi> des<lb n="7"/><hi rendition="#g">Fürsich</hi> und des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi>; ihr Wesen ist also nur die <hi rendition="#g">abstracte</hi> Kategorie.<lb n="8"/>Jedoch hat sie nicht mehr die Form des <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi>, <hi rendition="#g">einfachen</hi> Seyns,<lb n="9"/>wie dem beobachtenden Geiste, wo sie das abstracte <hi rendition="#g">Sein</hi>, oder als fremdes gesetzt,<lb n="10"/>die <hi rendition="#g">Dingheit</hi> überhaupt ist. Hier ist in diese Dingheit, das Fürsichseyn und die<lb n="11"/>Vermittlung getreten. Sie tritt daher als <hi rendition="#g">Kreis</hi> auf, dessen Inhalt die entwickelte<lb n="12"/>reine Beziehung der einfachen Wesenheiten ist. Die erlangte Verwirklichung dieser<lb n="13"/>Individualität besteht daher in nichts anderem, als daß sie diesen Kreis von Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stractionen aus der Eingeschlossenheit des einfachen Selbstbewußtseyns, in das<lb n="15"/>Element des <hi rendition="#g">Für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi>, oder der gegenständlichen Ausbreitung heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>geworfen hat. Was dem Selbstbewußtseyn also in der genießenden Lust als sein<lb n="17"/>Wesen zum <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> wird, ist die Ausbreitung jener leeren Wesenheiten,<lb n="18"/>der reinen Einheit, des reinen Unterschiedes, und ihrer Beziehung; weiter hat der<lb n="19"/>Gegenstand, den die Individualität als ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi> erfährt, keinen Inhalt. Er ist das,<lb n="20"/>was die <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> genannt wird; denn die Nothwendigkeit, das <hi rendition="#g">Schick<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">sal</hi> und dergleichen, ist eben dieses, von dem man nicht zu sagen weiß, <hi rendition="#g">was</hi> es<lb n="22"/>thue, welches seine bestimmten Gesetze und positiver Inhalt seye, weil es der<lb n="23"/>absolute als <hi rendition="#g">Seyn</hi> angeschaute reine Begriff selbst ist, die einfache und leere aber<lb n="24"/>unaufhaltsame und unstörbare <hi rendition="#g">Beziehung</hi>, deren Werk nur das Nichts der<lb n="25"/>Einzelnheit ist. Sie ist dieser <hi rendition="#g">feste</hi> <hi rendition="#g">Zusammenhang</hi>, weil das Zusammenhängende<lb n="26"/>die reinen Wesenheiten oder die leeren Abstractionen sind; Einheit, Unterschied<lb n="27"/>und Beziehung sind Kategorien, deren jede nichts an und für sich, nur in Beziehung<lb n="28"/>auf ihr Gegentheil ist, und die daher nicht auseinander kommen können. Sie sind<lb n="29"/>durch ihren <hi rendition="#g">Begriff</hi> aufeinander bezogen, denn sie sind die reinen Begriffe selbst;<lb n="30"/>und diese <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> und abstracte Bewegung macht die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendigkeit aus. Die nur einzelne Individualität, die nur erst den reinen Begriff<lb n="32"/>der Vernunft zu ihrem Inhalte hat, statt aus der todten Theorie in das Leben sich<lb n="33"/>gestürzt zu haben, hat sich also vielmehr nur in das Bewußtseyn der eignen Leb<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>losigkeit gestürtzt, und wird sich nur als die leere und fremde Nothwendigkeit,<lb n="35"/>als die <hi rendition="#g">todte</hi> Wirklichkeit zu Theil.</p>
<p><lb n="36"/>Der Uebergang geschieht aus der Form des <hi rendition="#g">Eins</hi> in die der <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>,<lb n="37"/>aus einer absoluten Abstraction in die andere; aus dem Zwecke des reinen Für-</p>
<pb n="201" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=208" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi>, das die Gemeinschafft mit <hi rendition="#g">Andern</hi> abgeworfen, in das <hi rendition="#g">reine</hi> Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>theil, das dadurch ebenso abstracte <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi>. Diß erscheint hiemit so, daß<lb n="3"/>das Individuum nur zu Grunde gegangen, und die absolute Sprödigkeit der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>zelnheit, an der ebenso harten, aber continuirlichen Wirklichkeit zerstäubt ist. –<lb n="5"/>Indem es als Bewußtseyn die Einheit seiner selbst und seines Gegentheils ist, ist<lb n="6"/>dieser Untergang noch für es; sein Zweck und seine Verwirklichung, so wie der<lb n="7"/>Widerspruch dessen, was <hi rendition="#g">ihm</hi> das Wesen war, und was <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das Wesen ist; –<lb n="8"/>es erfährt den Doppelsinn, der in dem liegt, was es that, nemlich sein <hi rendition="#g">Leben</hi> sich<lb n="9"/><hi rendition="#g">genommen</hi> zu haben; es nahm das Leben, aber vielmehr ergriff es damit den<lb n="10"/>Tod.</p>
<p><lb n="11"/>Dieser <hi rendition="#g">Uebergang</hi> seines lebendigen Seyns in die leblose Nothwendigkeit<lb n="12"/>erscheint ihm daher als eine Verkehrung, die durch nichts vermittelt ist. Das Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>mittelnde müßte das seyn, worin beyde Seiten eins wären, das Bewußtseyn also<lb n="14"/>das eine Moment im andern erkännte, seinen Zweck und Thun in dem Schick<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sale, und sein Schicksal in seinem Zwecke und Thun, <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">eigenes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> in<lb n="16"/>dieser <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>. Aber diese Einheit ist für diß Bewußtseyn eben die<lb n="17"/>Lust selbst, oder das <hi rendition="#g">einfache</hi>, <hi rendition="#g">einzelne</hi> Gefühl, und der Uebergang von dem<lb n="18"/>Momente dieses seines Zwecks in das Moment seines wahren Wesens für es ein<lb n="19"/>reiner Sprung in das Entgegengesezte; denn diese Momente sind nicht im Gefühle<lb n="20"/>enthalten und verknüpft, sondern nur im reinen Selbst, das ein Allgemeines oder<lb n="21"/>das Denken ist. Das Bewußtseyn ist sich daher durch seine Erfahrung, worin<lb n="22"/>ihm seine Wahrheit werden sollte, vielmehr ein Räthsel geworden, die Folgen<lb n="23"/>seiner Thaten sind ihm nicht seine Thaten selbst; was ihm wiederfährt, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi><lb n="24"/>nicht die Erfahrung dessen, was es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist; der Uebergang nicht eine blose<lb n="25"/>Formänderung desselben Inhalts und Wesens, einmal vorgestellt, als Inhalt und<lb n="26"/>Wesen des Bewußtseyns, das anderemal als Gegenstand oder <hi rendition="#g">angeschautes</hi><lb n="27"/>Wesen seiner selbst. Die <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> gilt also für die nur<lb n="28"/>negative, unbegriffene <hi rendition="#g">Macht</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>, an welcher die Individualität<lb n="29"/>zerschmettert wird.</p>
<p><lb n="30"/>Bis hieher geht die Erscheinung dieser Gestalt des Selbstbewußtseyns; das letzte<lb n="31"/>Moment ihrer Existenz ist der Gedanke ihres Verlusts in der Nothwendigkeit,<lb n="32"/>oder der Gedanke ihrer selbst als eines sich absolut <hi rendition="#g">fremden</hi> Wesens. Das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>bewußtseyn <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> hat aber diesen Verlust überlebt; denn diese Nothwendigkeit,<lb n="34"/>oder reine Allgemeinheit ist <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">eignes</hi> Wesen. Diese Reflexion des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>seyns in sich, die Nothwendigkeit als <hi rendition="#g">sich</hi> zu wissen, ist eine neue Gestalt des<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>selben.</p>
<pb n="202" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=209" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>b.</head>
<head><lb n="2"/>Das Gesetz des Herzens, und der Wahnsinn<lb n="3"/>des Eigendünkels.</head>
<p><lb n="4"/>Was die Nothwendigkeit in Wahrheit am Selbstbewußtseyn ist, diß ist sie für<lb n="5"/>seine neue Gestalt, worin es sich selbst als das Nothwendige ist; es weiß <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">bar</hi> das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, oder das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> in sich zu haben; welches um dieser<lb n="7"/>Bestimmung willen, daß es <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> in dem Fürsichseyn des Bewußtseyns<lb n="8"/>ist, das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> des <hi rendition="#g">Herzens</hi> heißt. Diese Gestalt ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi><lb n="9"/>Wesen, wie die vorige, aber sie ist um die Bestimmung reicher, daß ihr diß <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyn</hi> als nothwendiges oder allgemeines gilt.</p>
<p><lb n="11"/>Das Gesetz also, das unmittelbar das eigne des Selbstbewußtseyns ist, oder ein<lb n="12"/>Herz, das aber ein Gesetz an ihm hat, ist der <hi rendition="#g">Zweck</hi>, den es zu verwirklichen<lb n="13"/>geht. Es ist zu sehen, ob seine Verwirklichung diesem Begriffe entsprechen, und ob<lb n="14"/>es in ihr diß sein Gesetz als das Wesen erfahren wird.</p>
<p><lb n="15"/>Diesem Herzen steht eine Wirklichkeit gegenüber; denn im Herzen ist das<lb n="16"/>Gesetz nur erst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, noch nicht verwirklicht und also zugleich etwas <hi rendition="#g">Anderes</hi>,<lb n="17"/>als der Begriff ist. Dieses Andere bestimmt sich dadurch als eine Wirklichkeit, die<lb n="18"/>das entgegengesetzte des zu verwirklichenden, hiemit der <hi rendition="#g">Widerspruch</hi> des<lb n="19"/><hi rendition="#g">Gesetzes</hi> und der <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> ist. Sie ist also einerseits ein Gesetz, von dem die<lb n="20"/>einzelne Individualität gedrückt wird, eine gewaltthätige Ordnung der Welt,<lb n="21"/>welche dem Gesetze des Herzens widerspricht; – und andererseits eine unter ihr<lb n="22"/>leidende Menschheit, welche nicht dem Gesetze des Herzens folgt, sondern einer<lb n="23"/>fremden Nothwendigkeit unterthan ist. – Diese Wirklichkeit, die der itzigen<lb n="24"/>Gestalt des Bewußtseyns <hi rendition="#g">gegenüber</hi> erscheint, ist, wie erhellt, nichts anders als<lb n="25"/>das vorhergehende entzweyte Verhältniß der Individualität und ihrer Wahrheit,<lb n="26"/>das Verhältniß einer grausamen Nothwendigkeit, von welcher jene erdrückt<lb n="27"/>wird. Für <hi rendition="#g">uns</hi> tritt die vorhergehende Bewegung darum der neuen Gestalt gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>über, weil diese an sich aus ihr entsprungen, das Moment, woraus sie herkommt,<lb n="29"/>also nothwendig für sie ist; ihr aber erscheint es als ein <hi rendition="#g">vorgefundenes</hi>, indem<lb n="30"/>sie kein Bewußtseyn über ihren <hi rendition="#g">Ursprung</hi> hat, und ihr das Wesen ist, vielmehr<lb n="31"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst oder das negative gegen diß positive Ansich zu seyn.</p>
<p><lb n="32"/>Diese dem Gesetze des Herzens widersprechende Nothwendigkeit, so wie das<lb n="33"/>durch sie vorhandene Leiden, aufzuheben, darauf ist also diese Individualität<lb n="34"/>gerichtet. Sie ist hiemit nicht mehr der Leichtsinn der vorigen Gestalt, die nur die</p>
<pb n="203" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=210" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>einzelne Lust wollte, sondern die Ernsthaftigkeit eines hohen Zwecks, die ihre<lb n="2"/>Lust in der Darstellung ihres <hi rendition="#g">vortrefflichen</hi> eigenen Wesens und in der Her<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>vorbringung des <hi rendition="#g">Wohls</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Menschheit</hi> sucht. Was sie verwirklicht, ist selbst<lb n="4"/>das Gesetz, und ihre Lust daher zugleich die Allgemeine aller Herzen. Beydes ist<lb n="5"/>ihr <hi rendition="#g">ungetrennt</hi>; ihre Lust das gesetzmäßige, und die Verwirklichung des Gesetzes<lb n="6"/>der allgemeinen Menschheit, Bereitung ihrer einzelnen Lust. Denn innerhalb ihrer<lb n="7"/>selbst ist <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> die Individualität und das Nothwendige Eins; das Gesetz,<lb n="8"/>Gesetz des Herzens. Die Individualität ist noch nicht aus ihrer Stelle gerückt, und<lb n="9"/>die Einheit beyder nicht durch die vermittelnde Bewegung derselben, noch nicht<lb n="10"/>durch die Zucht zu Stande gekommen. Die Verwirklichung des unmittelbaren<lb n="11"/><hi rendition="#g">ungezogenen</hi> Wesens gilt für Darstellung einer Vortrefflichkeit und für Her<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>vorbringung des Wohls der Menschheit.</p>
<p><lb n="13"/>Das Gesetz dagegen, welches dem Gesetze des Herzens gegenübersteht, ist vom<lb n="14"/>Herzen getrennt, und frey für sich. Die Menschheit, die ihm angehört, lebt nicht<lb n="15"/>in der beglückenden Einheit des Gesetzes mit dem Herzen, sondern entweder in<lb n="16"/>grausamer Trennung und Leiden, oder wenigstens in der Entbehrung des Genusses<lb n="17"/><hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> bey der <hi rendition="#g">Befolgung</hi> des Gesetzes, und in dem Mangel des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wußtseyns der eignen Vortrefflichkeit bey der <hi rendition="#g">Ueberschreitung</hi> desselben.<lb n="19"/>Weil jene gewalthabende göttliche und menschliche Ordnung von dem Herzen<lb n="20"/>getrennt ist, ist sie diesem ein <hi rendition="#g">Schein</hi>, welcher das verlieren soll, was ihm noch<lb n="21"/>zugesellt ist, nemlich die Gewalt und die Wirklichkeit. Sie mag in ihrem <hi rendition="#g">Inhalte</hi><lb n="22"/>wohl zufälligerweise mit dem Gesetze des Herzens übereinstimmen, und dann<lb n="23"/>kann sich dieses sie gefallen lassen; aber nicht das gesetzmäßige rein als solches<lb n="24"/>ist ihm das Wesen, sondern daß es darin das Bewußtseyn <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, daß es<lb n="25"/><hi rendition="#g">sich</hi> darin befriedigt habe. Wo der Inhalt der allgemeinen Nothwendigkeit aber<lb n="26"/>nicht mit dem Herzen übereinstimmt, ist sie auch ihrem Inhalte nach nichts an sich,<lb n="27"/>und muß dem Gesetze des Herzens weichen.</p>
<p><lb n="28"/>Das Individuum <hi rendition="#g">vollbringt</hi> also das Gesetz seines Herzens; es wird <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi> <hi rendition="#g">Ordnung</hi>, und die Lust zu einer an und für sich gesetzmäßigen Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lichkeit. Aber in dieser Verwirklichung ist es ihm in der That entflohen; es wird<lb n="31"/>unmittelbar nur das Verhältniß, welches aufgehoben werden sollte. Das Gesetz<lb n="32"/>des Herzens hört eben durch seine Verwirklichung auf, Gesetz des <hi rendition="#g">Herzens</hi> zu<lb n="33"/>seyn. Denn es erhält darin die Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi>, und ist nun <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Macht</hi>,<lb n="34"/>für welche <hi rendition="#g">dieses</hi> Herz gleichgültig ist, so daß das Individuum, <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">eigene</hi><lb n="35"/>Ordnung dadurch, daß es sie <hi rendition="#g">aufstellt</hi>, nicht mehr als die seinige findet. Durch<lb n="36"/>die Verwirklichung seines Gesetzes bringt es daher nicht <hi rendition="#g">sein</hi> Gesetz, sondern<lb n="37"/>indem sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> die seinige, für es aber eine fremde ist, nur diß hervor, in die<lb n="38"/>wirkliche Ordnung sich zu verwickeln; und zwar in sie als eine ihm nicht nur<lb n="39"/>fremde, sondern feindliche Uebermacht. – Durch seine That setzt es sich in oder</p>
<pb n="204" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=211" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>vielmehr <hi rendition="#g">als</hi> das allgemeine Element der seyenden Wirklichkeit, und seine That<lb n="2"/>soll selbst nach seinem Sinne den Werth einer allgemeinen Ordnung haben. Aber<lb n="3"/>damit hat es sich von sich selbst <hi rendition="#g">frey</hi> gelassen, es wächst als Allgemeinheit für<lb n="4"/>sich fort und reinigt sich von der Einzelnheit; das Individuum, welches die All<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gemeinheit nur in der Form seines unmittelbaren Fürsichseyns erkennen will,<lb n="6"/>erkennt sich also nicht in dieser freyen Allgemeinheit, während es ihr zugleich<lb n="7"/>angehört, denn sie ist sein Thun. Diß Thun hat daher die verkehrte Bedeutung,<lb n="8"/>der allgemeinen Ordnung zu <hi rendition="#g">widersprechen</hi>, denn seine That soll That <hi rendition="#g">seines</hi><lb n="9"/>einzelnen Herzens, nicht freye allgemeine Wirklichkeit seyn; und zugleich hat<lb n="10"/>es sie in der That <hi rendition="#g">anerkannt</hi>, denn das Thun hat den Sinn, sein Wesen als <hi rendition="#g">freye</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> zu setzen, das heißt die Wirklichkeit als sein Wesen anzuerkennen.</p>
<p><lb n="12"/>Das Individuum hat durch den Begriff seines Thuns die nähere Weise bestimmt,<lb n="13"/>in welcher die wirkliche Allgemeinheit, der es sich angehörig gemacht, sich gegen<lb n="14"/>es kehrt. Seine That gehört als <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> dem Allgemeinen an; ihr Inhalt<lb n="15"/>aber ist die eigene Individualität, welche sich als diese <hi rendition="#g">einzelne</hi> dem Allgemeinen<lb n="16"/>entgegengesetzte erhalten will. Es ist nicht irgend ein bestimmtes Gesetz, von<lb n="17"/>dessen Aufstellung die Rede wäre, sondern die unmittelbare Einheit des einzelnen<lb n="18"/>Herzens mit der Allgemeinheit, ist der zum Gesetze erhobene und geltensollende<lb n="19"/>Gedanke, daß in dem, was Gesetz ist, <hi rendition="#g">jedes</hi> <hi rendition="#g">Herz</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst erkennen muß.<lb n="20"/>Aber nur das Herz dieses Individuums hat seine Wirklichkeit in seiner That, welche<lb n="21"/><hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> oder <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Lust</hi> ausdrückt, gesetzt. Sie soll unmittelbar<lb n="22"/>als allgemeines gelten, das heißt, sie ist in Wahrheit etwas Besonderes, und hat<lb n="23"/>nur die Form der Allgemeinheit, sein <hi rendition="#g">besonderer</hi> Inhalt soll <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solcher</hi> für<lb n="24"/>allgemein gelten. Daher finden in diesem Inhalte die andern nicht das Gesetz ihres<lb n="25"/>Herzens, sondern vielmehr das <hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> vollbracht, und eben nach dem<lb n="26"/>allgemeinen Gesetze, daß in dem, was Gesetz ist, jedes sein Herz finden soll, kehren<lb n="27"/>sie sich ebenso gegen die Wirklichkeit, welche <hi rendition="#g">es</hi> aufstellte, als es sich gegen die<lb n="28"/>ihrige kehrte. Das Individuum findet also, wie zuerst nur das starre Gesetz, itzt<lb n="29"/>die Herzen der Menschen selbst seinen vortrefflichen Absichten entgegen und zu<lb n="30"/>verabscheuen.</p>
<p><lb n="31"/>Weil diß Bewußtseyn die Allgemeinheit nur erst als <hi rendition="#g">unmittelbare</hi>, und die<lb n="32"/>Nothwendigkeit als Nothwendigkeit des <hi rendition="#g">Herzens</hi> kennt, ist ihm die Natur der<lb n="33"/>Verwirklichung und der Wirksamkeit unbekannt, daß sie als das <hi rendition="#g">Seyende</hi> in<lb n="34"/>ihrer Wahrheit vielmehr das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> ist, worin die Einzelnheit<lb n="35"/>des Bewußtseyns, die sich ihr anvertraut, um als <hi rendition="#g">diese</hi> unmittelbare <hi rendition="#g">Einzeln<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> zu <hi rendition="#g">seyn</hi>, vielmehr untergeht; statt dieses <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> erlangt es also in<lb n="37"/>dem Seyn die Entfremdung <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Dasjenige, worin es sich nicht erkennt,</p>
<pb n="205" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=212" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>ist aber nicht mehr die todte Nothwendigkeit, sondern die Nothwendigkeit<lb n="2"/>als belebt durch die allgemeine Individualität. Es nahm diese göttliche und mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>liche Ordnung, die es geltend vorfand, für eine todte Wirklichkeit, worin, wie es<lb n="4"/>selbst, das sich als dieses für sich seyende dem allgemeinen entgegengesetzte Herz<lb n="5"/>fixirt, so die ihr angehören, das Bewußtseyn ihrer selbst nicht hätten; es findet<lb n="6"/>sie aber vielmehr von dem Bewußtseyn aller belebt, und als Gesetz aller Herzen.<lb n="7"/>Es macht die Erfahrung, daß die Wirklichkeit belebte Ordnung ist, zugleich in<lb n="8"/>der That eben dadurch, daß es das Gesetz seines Herzens verwirklicht; denn diß<lb n="9"/>heißt nichts anders, als daß die Individualität sich als allgemeines zum Gegenstande<lb n="10"/>wird, worin es sich aber nicht erkennt.</p>
<p><lb n="11"/>Was also dieser Gestalt des Selbstbewußtseyns aus ihrer Erfahrung als das Wahre<lb n="12"/>hervorgeht, <hi rendition="#g">widerspricht</hi> dem, was sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Was sie aber für sich ist,<lb n="13"/>hat selbst die Form absoluter Allgemeinheit für sie, und es ist das Gesetz des Her<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>zens, welches mit dem <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn unmittelbar Eins ist. Zugleich ist die<lb n="15"/>bestehende und lebendige Ordnung eben so sein <hi rendition="#g">eigenes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> und Werk,<lb n="16"/>es bringt nichts anders hervor, als sie; sie ist in gleich unmittelbarer Einheit mit<lb n="17"/>dem Selbstbewußtseyn. Dieses ist auf diese Weise, einer gedoppelten entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gesetzten Wesenheit angehörend, an sich selbst widersprechend, und im Innersten<lb n="19"/>zerrüttet. Das Gesetz <hi rendition="#g">dieses</hi> Herzens ist nur dasjenige, worin das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyn sich selbst erkennt; aber die allgemeine gültige Ordnung ist durch die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wirklichung jenes Gesetzes, ebenso ihm sein eigenes <hi rendition="#g">Wesen</hi> und seine eigene<lb n="22"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> geworden; was in seinem Bewußtseyn sich also widerspricht,<lb n="23"/>ist beydes in der Form des Wesens und seiner eignen Wirklichkeit für es.</p>
<p><lb n="24"/>Indem es diß Moment seines sich bewußten Untergangs und darin das Resultat<lb n="25"/>seiner Erfahrung ausspricht, zeigt es sich als diese innere Verkehrung seiner selbst,<lb n="26"/>als die Verrücktheit des Bewußtseyns, welchem sein Wesen unmittelbar Unwesen,<lb n="27"/>seine Wirklichkeit unmittelbar Unwirklichkeit ist. – Die Verrücktheit kann nicht<lb n="28"/>dafür gehalten werden, daß überhaupt etwas wesenloses für wesentlich, etwas<lb n="29"/>nichtwirkliches für wirklich gehalten werde, so daß das, was für den einen wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lich oder wirklich ist, es für einen andern nicht wäre, und das Bewußtseyn der<lb n="31"/>Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, oder der Wesenheit und Unwesenheit aus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>einander fielen. – Wenn etwas in der That für das Bewußtsein überhaupt wirklich<lb n="33"/>und wesentlich, für mich aber nicht ist, so habe ich in dem Bewußtseyn seiner<lb n="34"/>Nichtigkeit, zugleich da ich Bewußtseyn überhaupt bin, das Bewußtseyn seiner<lb n="35"/>Wirklichkeit, – und indem sie beyde fixirt sind, so ist diß eine Einheit, welche der<lb n="36"/>Wahnsinn im Allgemeinen ist. In diesem ist aber nur ein <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> für das<lb n="37"/>Bewußtseyn verrückt; nicht das Bewußtseyn als solches in und für sich selbst.<lb n="38"/>In dem Resultate des Erfahrens, das sich hier ergeben hat, ist aber das Bewußtseyn<lb n="39"/>in seinem Gesetze sich <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, als dieses wirklichen bewußt; und zugleich</p>
<pb n="206" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=213" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>indem ihm ebendieselbe Wesenheit, dieselbe Wirklichkeit <hi rendition="#g">entfremdet</hi> ist, ist<lb n="2"/>es als Selbstbewußtseyn, als absolute Wirklichkeit sich seiner Unwirklichkeit<lb n="3"/>bewußt, oder die beyden Seiten gelten ihm nach ihrem Widerspruche unmittelbar<lb n="4"/>als <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, das also im innersten verrückt ist.</p>
<p><lb n="5"/>Das Herzklopfen für das Wohl der Menschheit geht darum in das Toben des<lb n="6"/>verrückten Eigendünkels über; in die Wuth des Bewußtseyns, gegen seine Zer<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>störung sich zu erhalten, und diß dadurch, daß es die Verkehrtheit, welche es selbst<lb n="8"/>ist, aus sich herauswirfft, und sie als ein Anderes anzusehen und auszusprechen sich<lb n="9"/>anstrengt. Es spricht also die allgemeine Ordnung aus, als eine von fanatischen<lb n="10"/>Priestern, schwelgenden Despoten und für ihre Erniedrigung hinabwärts durch<lb n="11"/>Erniedrigen und Unterdrücken sich entschädigenden Dienern derselben erfundne,<lb n="12"/>und zum namenlosen Elende der betrognen Menschheit gehandhabte Verkehrung<lb n="13"/>des Gesetzes des Herzens und seines Glückes. – Das Bewußtseyn spricht in dieser<lb n="14"/>seiner Verrücktheit die <hi rendition="#g">Individualität</hi> als das verrückende und verkehrte aus,<lb n="15"/>aber <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">fremde</hi> und <hi rendition="#g">zufällige</hi>. Aber das Herz, oder die <hi rendition="#g">unmittelbar</hi>,<lb n="16"/><hi rendition="#g">allgemeinseynwollende</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> ist diß Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>rückende und Verkehrte selbst, und sein Thun nur die Hervorbringung dessen,<lb n="18"/>daß dieser Widerspruch <hi rendition="#g">seinem</hi> Bewußtseyn wird. Denn das Wahre ist ihm<lb n="19"/>das Gesetz des Herzens, – ein bloß <hi rendition="#g">gemeyntes</hi>, das nicht, wie die bestehende<lb n="20"/>Ordnung, den Tag ausgehalten hat, sondern vielmehr wie es sich diesem zeigt,<lb n="21"/>zu Grunde geht. Diß sein Gesetz sollte <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> haben; hierin ist ihm das<lb n="22"/>Gesetz als <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, als <hi rendition="#g">geltende</hi> <hi rendition="#g">Ordnung</hi> Zweck und Wesen, aber<lb n="23"/>unmittelbar ist ihm ebenso die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, eben das Gesetz als <hi rendition="#g">geltende</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Ordnung</hi>, vielmehr das Nichtige. – Ebenso seine <hi rendition="#g">eigne</hi> Wirklichkeit, <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="25"/>als Einzelnheit des Bewußtseyns ist sich das Wesen; aber es ist ihm Zweck sie<lb n="26"/><hi rendition="#g">seyend</hi> zu setzen; es ist ihm also unmittelbar vielmehr sein Selbst als Nicht<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>einzelnes das Wesen, oder Zweck als Gesetz, ebendarin als eine Allgemeinheit,<lb n="28"/>welche es für sein Bewußtseyn selbst sey. – Dieser sein Begriff wird durch sein<lb n="29"/>Thun zu seinem Gegenstande; sein Selbst erfährt es also vielmehr als das Unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>liche, und die Unwirklichkeit als seine Wirklichkeit. Es ist also nicht eine zufällige<lb n="31"/>und fremde Individualität, sondern eben dieses Herz nach allen Seiten in sich das<lb n="32"/>Verkehrte und Verkehrende.</p>
<p><lb n="33"/>Indem aber die unmittelbar allgemeine Individualität das Verkehrte und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>kehrende ist, ist nicht weniger diese allgemeine Ordnung, da sie das Gesetz aller<lb n="35"/><hi rendition="#g">Herzen</hi>, das heißt, des Verkehrten ist, selbst an sich das Verkehrte, wie die<lb n="36"/>tobende Verrücktheit es aussprach. Einmal erweist sie sich in dem Widerstande,<lb n="37"/>welchen das Gesetz eines Herzens an den andern Einzelnen findet, <hi rendition="#g">Gesetz</hi> aller</p>
<pb n="207" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=214" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Herzen zu seyn. Die bestehenden Gesetze werden gegen das Gesetz eines Individuums<lb n="2"/>vertheidigt, weil sie nicht bewußtlose, leere und todte Nothwendigkeit, sondern<lb n="3"/>geistige Allgemeinheit und Substanz sind, worin diejenigen, an denen sie ihre<lb n="4"/>Wirklichkeit hat, als Individuen leben, und ihrer selbst bewußt sind; so daß wenn<lb n="5"/>sie auch über diese Ordnung als ob sie dem innern Gesetze zuwiderlaufe, klagen<lb n="6"/>und die Meynungen des Herzens gegen sie halten, in der That mit ihrem Her<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zen an ihr als ihrem Wesen hängen; und wenn diese Ordnung ihnen genommen<lb n="8"/>wird, oder sie selbst sich daraussetzen, sie alles verlieren. Indem hierin eben die<lb n="9"/>Wirklichkeit und Macht der öffentlichen Ordnung besteht, erscheint also diese<lb n="10"/>als das sich selbst gleiche allgemein belebte Wesen, und die Individualität als die<lb n="11"/>Form derselben. – Aber diese Ordnung ist eben so das Verkehrte.</p>
<p><lb n="12"/>Denn darin, daß sie das Gesetz aller Herzen ist, daß alle Individuen unmittelbar<lb n="13"/>dieses Allgemeine sind, ist sie eine Wirklichkeit, welche nur die Wirklichkeit<lb n="14"/>der <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> Individualität, oder des Herzens ist. Das Bewußtseyn,<lb n="15"/>welches das Gesetz seines Herzens aufstellt, erfährt also Widerstand von andern,<lb n="16"/>weil es den <hi rendition="#g">ebenso</hi> <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Gesetzen ihres Herzens widerspricht, und diese<lb n="17"/>thun in ihrem Widerstande nichts anders, als ihr Gesetz aufstellen und geltend<lb n="18"/>machen. Das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, das vorhanden ist, ist daher nur ein allgemeiner<lb n="19"/>Widerstand und Bekämpfung aller gegen einander, worin jeder seine eigene Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zelnheit geltend macht, aber zugleich nicht dazu kommt, weil sie denselben Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stand erfährt, und durch die andern gegenseitig aufgelöst wird. Was öffentliche<lb n="22"/><hi rendition="#g">Ordnung</hi> scheint, ist also diese allgemeine Befehdung, worin jeder an sich reißt,<lb n="23"/>was er kann, die Gerechtigkeit an der Einzelnheit der Andern ausübt und die seinige<lb n="24"/>festsetzt, die ebenso durch andere verschwindet. Sie ist der <hi rendition="#g">Weltlauff</hi>, der<lb n="25"/>Schein eines bleibenden Ganges, der nur eine <hi rendition="#g">gemeynte</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>,<lb n="26"/>und dessen Inhalt vielmehr das wesenlose Spiel der Festsetzung der Einzelnheiten<lb n="27"/>und ihrer Auflösung ist.</p>
<p><lb n="28"/>Betrachten wir beyde Seiten der allgemeinen Ordnung gegen einander, so hat<lb n="29"/>die letztere Allgemeinheit zu ihrem Inhalte die unruhige Individualität, für welche<lb n="30"/>die Meynung, oder die Einzelnheit Gesetz, das Wirkliche unwirklich, und das<lb n="31"/>Unwirkliche das Wirkliche ist. Sie ist aber zugleich die <hi rendition="#g">Seite</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wirklich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> der Ordnung, denn ihr gehört das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> der Individualität an. –<lb n="33"/>Die andere Seite ist das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> als <hi rendition="#g">ruhiges</hi> Wesen, aber eben darum nur<lb n="34"/>als ein <hi rendition="#g">Inneres</hi>, das nicht gar nicht, aber doch keine Wirklichkeit ist, und nur<lb n="35"/>durch Aufhebung der Individualität, welche sich die Wirklichkeit angemaßt hat,<lb n="36"/>selbst wirklich werden kann. Diese Gestalt des Bewußtseyns, sich in dem Gesetze, in<lb n="37"/>dem <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Wahren und Guten nicht als die Einzelnheit, sondern nur als <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="38"/>zu werden, die Individualität aber als das Verkehrte und Verkehrende zu wissen, und<lb n="39"/>daher die Einzelnheit des Bewußtseyns aufopfern zu müssen, ist die <hi rendition="#g">Tugend</hi>.</p>
<pb n="208" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=215" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>C.</head>
<head><lb n="2"/>Die Tugend und der Weltlauff.</head>
<p><lb n="3"/>In der ersten Gestalt der thätigen Vernunft war das Selbstbewußtseyn sich reine<lb n="4"/>Individualität, und ihr gegenüber stand die leere Allgemeinheit. In der zweyten<lb n="5"/>hatten die beyden Theile des Gegensatzes, jeder die <hi rendition="#g">beyden</hi> Momente, Gesetz<lb n="6"/>und Individualität an ihnen; der eine aber, das Herz, war ihre unmittelbare Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>heit, der andere ihre Entgegensetzung. Hier im Verhältnisse der Tugend und des<lb n="8"/>Weltlaufs, sind beyde Glieder, jedes Einheit und Gegensatz dieser Momente, oder<lb n="9"/>eine Bewegung des Gesezes und der Individualität gegeneinander, aber eine ent<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gegengesetzte. Dem Bewußtseyn der Tugend ist das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> das <hi rendition="#g">Wesentliche</hi><lb n="11"/>und die Individualität das aufzuhebende, und also sowohl an ihrem Bewußtseyn<lb n="12"/>selbst als an dem Weltlauffe. An jenem ist die eigne Individualität in die Zucht<lb n="13"/>unter das Allgemeine, das an sich Wahre und Gute, zu nehmen; es bleibt aber darin<lb n="14"/>noch persönliches Bewußtseyn; die wahre Zucht ist allein die Aufopfrung der<lb n="15"/>ganzen Persönlichkeit, als die Bewährung, daß es in der That nicht noch an Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>zelnheiten festgeblieben ist. In dieser einzelnen Aufopfrung wird zugleich die<lb n="17"/>Individualität an <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Weltlauffe</hi> vertilgt, denn sie ist auch einfaches beyden<lb n="18"/>gemeinschaftliches Moment. – In diesem verhält sich die Individualität auf die<lb n="19"/>verkehrte Weise, als sie am tugendhaften Bewußtseyn gesetzt ist, nemlich sich<lb n="20"/>zum Wesen zu machen, und dagegen das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Gute und Wahre sich zu unter<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>werfen. – Der Weltlauff ist ferner ebenso für die Tugend nicht nur diß durch die<lb n="22"/><hi rendition="#g">Individualität</hi> <hi rendition="#g">verkehrte</hi> Allgemeine; sondern die absolute <hi rendition="#g">Ordnung</hi> ist<lb n="23"/>gleichfalls gemeinschaftliches Moment, an dem Weltlauffe nur nicht als <hi rendition="#g">seyende</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> für das Bewußtseyn vorhanden, sondern das <hi rendition="#g">innere</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="25"/>desselben. Sie ist daher nicht erst durch die Tugend eigentlich hervorzubringen,<lb n="26"/>denn das Hervorbringen ist, als <hi rendition="#g">Thun</hi>, Bewußtseyn der Individualität, und diese<lb n="27"/>vielmehr aufzuheben; durch dieses Aufheben aber wird dem <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> des Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lauffs gleichsam nur Raum gemacht, an und für sich selbst in die Existenz zu treten.</p>
<p><lb n="29"/>Der allgemeine <hi rendition="#g">Inhalt</hi> des wirklichen Weltlauffs hat sich schon ergeben;<lb n="30"/>näher betrachtet, ist er wieder nichts anders als die beyden vorhergehenden<lb n="31"/>Bewegungen des Selbstbewußtseyns. Aus ihnen ist die Gestalt der Tugend hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gegangen; indem sie ihr Ursprung sind, hat sie sie vor sich; sie geht aber darauf,<lb n="33"/>ihren Ursprung aufzuheben, und sich zu realisiren, oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zu werden.<lb n="34"/>Der Weltlauff ist also einerseits die einzelne Individualität, welche ihre Lust und<lb n="35"/>Genuß sucht, darin zwar ihren Untergang findet, und hiemit das Allgemeine<lb n="36"/>befriedigt. Aber diese Befriedigung selbst so wie die übrigen Momente dieses</p>
<pb n="209" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=216" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Verhältnisses ist eine verkehrte Gestalt und Bewegung des Allgemeinen. Die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lichkeit ist nur die Einzelnheit der Lust und des Genusses, das Allgemeine aber ihr<lb n="3"/>entgegengesetzt; eine Nothwendigkeit, welche nur die leere Gestalt desselben,<lb n="4"/>eine nur negative Rückwirkung und inhaltsloses Thun ist. – Das andere Moment<lb n="5"/>des Weltlauffs ist die Individualität, welche an und für sich Gesetz seyn will, und<lb n="6"/>in dieser Einbildung die bestehende Ordnung stört; das allgemeine Gesetz erhält<lb n="7"/>sich zwar gegen diesen Eigendünkel, und tritt nicht mehr als ein dem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>seyn Entgegengesetztes und Leeres, nicht als eine todte Nothwendigkeit auf, son<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>dern als <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Aber wie es als<lb n="10"/>die <hi rendition="#g">bewußte</hi> Beziehung der absolut widersprechenden Wirklichkeit existirt, ist<lb n="11"/>es die Verrücktheit; wie es aber als <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Wirklichkeit ist, ist es die<lb n="12"/>Verkehrtheit überhaupt. Das Allgemeine stellt sich also wohl in beyden Seiten<lb n="13"/>als die Macht ihrer Bewegung dar, aber die <hi rendition="#g">Existenz</hi> dieser Macht ist nur die<lb n="14"/>allgemeine Verkehrung.</p>
<p><lb n="15"/>Von der Tugend soll es nun seine wahrhafte Wirklichkeit erhalten, durch das<lb n="16"/>Aufheben der Individualität, des Princips der Verkehrung; ihr Zweck ist, hiedurch<lb n="17"/>den verkehrten Weltlauff wieder zu verkehren und sein wahres Wesen hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>zubringen. Diß wahre Wesen ist an dem Weltlauffe nur erst als sein <hi rendition="#g">Ansich</hi>,<lb n="19"/>es ist noch nicht wirklich; und die Tugend <hi rendition="#g">glaubt</hi> es daher nur. Diesen Glauben<lb n="20"/>geht sie zum Schauen zu erheben, ohne aber der Früchte ihrer Arbeit und Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>opferung zu genießen. Denn insofern sie <hi rendition="#g">Individualität</hi> ist, ist sie das <hi rendition="#g">Thun</hi><lb n="22"/>des Kampfes, den sie mit dem Weltlauffe eingeht; ihr Zweck und wahres Wesen<lb n="23"/>aber ist die Besiegung der Wirklichkeit des Weltlauffs; die dadurch bewirkte<lb n="24"/>Existenz des Guten, ist hiemit das Aufhören ihres <hi rendition="#g">Thuns</hi>, oder des <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> der Individualität. – Wie dieser Kampf selbst bestanden werde, was die<lb n="26"/>Tugend in ihm erfährt, ob durch die Aufopferung, welche sie über sich nimmt,<lb n="27"/>der Weltlauff unterliege, die Tugend aber siege, – diß muß sich aus der Natur der<lb n="28"/>lebendigen <hi rendition="#g">Waffen</hi> entscheiden, welche die Kämpfer führen. Denn die Waffen<lb n="29"/>sind nichts anderes, als das <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Kämpfer selbst, das nur für sie beyde gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>seitig hervortritt. Ihre Waffen haben sich hiemit schon aus dem ergeben, was an<lb n="31"/>sich in diesem Kampfe vorhanden ist.</p>
<p><lb n="32"/>Das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> ist für das tugendhaffte Bewußtseyn im <hi rendition="#g">Glauben</hi>, oder<lb n="33"/>an <hi rendition="#g">sich</hi> wahrhafft; noch nicht eine wirkliche, sondern eine <hi rendition="#g">abstracte</hi> All<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gemeinheit; an diesem Bewußtseyn selbst ist es <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Zweck</hi>, an dem Weltlauffe<lb n="35"/>als <hi rendition="#g">Inneres</hi>. In eben dieser Bestimmung stellt das Allgemeine sich auch an der<lb n="36"/>Tugend für den Weltlauff dar; denn sie <hi rendition="#g">will</hi> das Gute erst ausführen, und gibt<lb n="37"/>selbst es noch nicht für Wirklichkeit aus. Diese Bestimmtheit kann auch so be-</p>
<pb n="210" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=217" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>trachtet werden, daß das Gute, indem es in dem Kampf gegen den Weltlauff auf<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>tritt, damit sich darstellt, als seyend <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>; als etwas, das nicht <hi rendition="#g">an</hi><lb n="3"/>und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist, denn sonst würde es nicht durch Bezwingung seines<lb n="4"/>Gegentheils sich erst seine Wahrheit geben wollen. Es ist nur erst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>,<lb n="5"/>heißt dasselbe, was vorher von ihm in der entgegengesetzten Betrachtung sich<lb n="6"/>zeigte, nemlich es ist erst eine <hi rendition="#g">Abstraction</hi>, welche nur in dem Verhältnisse,<lb n="7"/>nicht an und für sich, Realität hat.</p>
<p><lb n="8"/>Das Gute oder Allgemeine, wie es also hier auftritt, ist dasjenige, was die <hi rendition="#g">Gaben</hi>,<lb n="9"/><hi rendition="#g">Fähigkeiten</hi>, <hi rendition="#g">Kräffte</hi> genannt wird. Es ist eine Weise des Geistigen zu seyn,<lb n="10"/>worin es als ein Allgemeines vorgestellt wird, das zu seiner Belebung und Bewegung<lb n="11"/>des Princips der Individualität bedarf, und in dieser seine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> hat.<lb n="12"/>Von diesem Princip, insofern es am Bewußtseyn der Tugend ist, wird diß All<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gemeine <hi rendition="#g">gut</hi> <hi rendition="#g">angewendet</hi>, von ihm aber, insofern es am Weltlauff ist, <hi rendition="#g">mis<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">braucht</hi>; – ein passives Werkzeug, das von der Hand der freyen Individualität<lb n="15"/>regiert, gleichgültig gegen den Gebrauch, den sie von ihm macht, auch zur Her<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>vorbringung einer Wirklichkeit misbraucht werden kann, die seine Zerstörung<lb n="17"/>ist; eine leblose, eigner Selbstständigkeit entbehrende Materie, die so oder auch<lb n="18"/>anders, und selbst zu ihrem Verderben geformt werden kann.</p>
<p><lb n="19"/>Indem diß Allgemeine dem Bewußtseyn der Tugend, wie dem Weltlauffe auf<lb n="20"/>gleiche Weise zu Gebote steht, so ist nicht abzusehen, ob so ausgerüstet, die Tugend<lb n="21"/>das Laster besiegen werde. Die Waffen sind dieselben; sie sind diese Fähigkeiten<lb n="22"/>und Kräffte. Zwar hat die Tugend ihren Glauben an die ursprüngliche Einheit<lb n="23"/>ihres Zweckes und des Wesens des Weltlauffes in den Hinterhalt gelegt, welche<lb n="24"/>dem Feinde während des Kampfes in den Rücken fallen, und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ihn voll<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>bringen soll; so daß hiedurch in der That für den Ritter der Tugend sein eignes<lb n="26"/><hi rendition="#g">Thun</hi> und Kämpfen eigentlich eine Spiegelfechterey ist, die er nicht für Ernst<lb n="27"/>nehmen <hi rendition="#g">kann</hi>, weil er seine wahrhaffte Stärke darein setzt, daß das Gute <hi rendition="#g">an</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sey, d. h. sich selbst vollbringe, – eine Spiegelfechterey,<lb n="29"/>die er auch nicht zum Ernste werden lassen <hi rendition="#g">darf</hi>. Denn dasjenige, was er gegen<lb n="30"/>den Feind kehrt, und gegen sich gekehrt findet, und dessen Abnutzung und Be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schädigung er sowohl an ihm selbst, als seinem Feinde daran wagt, soll nicht das<lb n="32"/>Gute selbst seyn; denn für dessen Bewahrung und Ausführung kämpft er; sondern<lb n="33"/>was daran gewagt wird, sind nur die gleichgültigen Gaben und Fähigkeiten.<lb n="34"/>Allein diese sind in der That nichts anderes, als eben dasjenige individualitätslose<lb n="35"/>Allgemeine selbst, welches durch den Kampf erhalten und verwirklicht werden<lb n="36"/>soll. – Es ist aber zugleich durch den Begriff des Kampfs selbst unmittelbar <hi rendition="#g">bereits</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">verwirklicht</hi>; es ist das <hi rendition="#g">Ansich</hi>, das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>; und seine Verwirklichung<lb n="38"/>heißt nur dieses, daß es <hi rendition="#g">zugleich</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> sey. Die beyden oben an<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>gegebenen Seiten, nach deren jeder es zu einer Abstraction wurde, <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi></p>
<pb n="211" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=218" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">getrennt</hi>, sondern in und durch den Kampf ist das Gute auf beyde Weisen<lb n="2"/>zumal gesetzt. – Das tugendhaffte Bewußtseyn tritt aber in den Kampf gegen den<lb n="3"/>Weltlauff als gegen ein dem Guten entgegengesetztes; was er ihm hierin dar<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bietet, ist das Allgemeine, nicht nur als abstractes allgemeines, sondern als ein von<lb n="5"/>der Individualität belebtes, und für ein anderes seyendes, oder das <hi rendition="#g">wirkliche</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Gute</hi>. Wo also die Tugend den Weltlauff anfaßt, trifft sie immer auf solche<lb n="7"/>Stellen, die die Existenz des Guten selbst sind, das in alle Erscheinung des Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lauffs, als das <hi rendition="#g">Ansich</hi> des Weltlauffs, unzertrennlich verschlungen ist, und in der<lb n="9"/>Wirklichkeit desselben auch sein Daseyn hat; er ist also für sie unverwundbar.<lb n="10"/>Ebensolche Existenzen des Guten, und hiemit unverletzliche Verhältnisse, sind alle<lb n="11"/>Momente, welche von der Tugend selbst an ihr darangesetzt und aufgeopfert<lb n="12"/>werden sollten. Das Kämpfen kann daher nur ein Schwanken zwischen Bewahren<lb n="13"/>und Aufopfern seyn; oder vielmehr kann weder Aufopferung des Eignen, noch<lb n="14"/>Verletzung des Fremden stattfinden. Die Tugend gleicht nicht nur jenem Streiter,<lb n="15"/>dem es im Kampfe allein darum zu thun ist, sein Schwerdt blank zu erhalten,<lb n="16"/>sondern sie hat auch den Streit darum begonnen, die Waffen zu bewahren; und<lb n="17"/>nicht nur kann sie die ihrigen nicht gebrauchen, sondern muß auch die des Feindes<lb n="18"/>unverletzt erhalten, und sie gegen sich selbst schützen, denn alle sind edle Theile<lb n="19"/>des Guten, für welches sie in den Kampf ging.</p>
<p><lb n="20"/>Diesem Feinde dagegen ist nicht das <hi rendition="#g">Ansich</hi>, sondern die <hi rendition="#g">Individualität</hi><lb n="21"/>das Wesen; seine Krafft also das negative Princip, welchem nichts bestehend und<lb n="22"/>absolut heilig ist, sondern welches den Verlust von Allem und Jedem wagen und<lb n="23"/>ertragen kann. Hiedurch ist ihm der Sieg ebensosehr an ihm selbst gewiß, als durch<lb n="24"/>den Widerspruch, in welchen sich sein Gegner verwickelt. Was der Tugend <hi rendition="#g">an<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">sich</hi> ist, ist dem Weltlauffe nur für <hi rendition="#g">ihn</hi>; er ist frey von jedem Momente, das<lb n="26"/>für sie fest und woran sie gebunden ist. Er hat ein solches Moment dadurch, daß<lb n="27"/>es für ihn nur als ein solches gilt, das er ebensowohl aufheben als bestehen lassen<lb n="28"/>kann, in seiner Gewalt; und damit auch den daran befestigten tugendhafften Ritter.<lb n="29"/>Dieser kann sich davon nicht als von einem äußerlich umgeworffenen Mantel los<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>wickeln, und durch Hinterlassung desselben sich frey machen; denn es ist ihm<lb n="31"/>das nicht aufzugebende Wesen.</p>
<p><lb n="32"/>Was endlich den Hinterhalt betrifft, aus welchem das <hi rendition="#g">gute</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> dem<lb n="33"/>Weltlauffe listigerweise in den Rücken fallen soll, so ist diese Hoffnung an sich<lb n="34"/>nichtig. Der Weltlauff ist das wache seiner selbst gewisse Bewußtseyn, das nicht<lb n="35"/>von hinten an sich kommen läßt, sondern allenthalben die Stirne bietet; denn<lb n="36"/>er ist dieses, daß alles <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> ist, daß alles <hi rendition="#g">vor</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> steht. Das gute <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="37"/>aber, ist es <hi rendition="#g">für</hi> seinen Feind, so ist es in dem Kampfe, den wir gesehen haben;</p>
<pb n="212" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=219" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>insofern es aber nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi>, sondern <hi rendition="#g">ansich</hi> ist, ist es das passive Werkzeug<lb n="2"/>der Gaben und Fähigkeiten, die wirklichkeitslose Materie; als Daseyn vorgestellt,<lb n="3"/>wäre es ein schlafendes und dahinten, man weiß nicht wo, bleibendes Bewußtseyn.</p>
<p><lb n="4"/>Die Tugend wird also von dem Weltlauffe besiegt, weil das abstracte, unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>liche <hi rendition="#g">Wesen</hi> in der That ihr Zweck ist, und weil in Ansehung der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="6"/>ihr Thun auf <hi rendition="#g">Unterschieden</hi> beruht, die allein in den <hi rendition="#g">Worten</hi> liegen. Sie<lb n="7"/>wollte darin bestehen, durch <hi rendition="#g">Aufopferung</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> das Gute<lb n="8"/>zur <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> zu bringen, aber die Seite der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ist selbst nichts<lb n="9"/>anders, als die Seite der <hi rendition="#g">Individualität</hi>. Das Gute sollte dasjenige seyn, was<lb n="10"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und dem, was <hi rendition="#g">ist</hi>, entgegengesetzt ist, aber das <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist, nach seiner<lb n="11"/>Realität und Wahrheit genommen, vielmehr das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Das <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="12"/>ist zunächst die <hi rendition="#g">Abstraction</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi> gegen die Wirklichkeit; aber die<lb n="13"/>Abstraction ist eben dasjenige, was nicht wahrhafft, sondern nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">wußtseyn</hi> ist; das heißt aber, es ist selbst dasjenige, was <hi rendition="#g">wirklich</hi> genannt<lb n="15"/>wird; denn das Wirkliche ist, was wesentlich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist, oder es ist<lb n="16"/>das <hi rendition="#g">Seyn</hi>. Das Bewußtseyn der Tugend aber beruht auf diesem Unterschiede<lb n="17"/>des <hi rendition="#g">Ansich</hi> und des <hi rendition="#g">Seyns</hi>, der keine Wahrheit hat. – Der Weltlauff sollte die<lb n="18"/>Verkehrung des Guten seyn, weil er die <hi rendition="#g">Individualität</hi> zu seinem Princip hatte;<lb n="19"/>allein diese ist das Princip der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>; denn eben sie ist das Bewußtseyn,<lb n="20"/>wodurch das <hi rendition="#g">Ansichseyende</hi> ebensosehr <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist; er verkehrt<lb n="21"/>das Unwandelbare, aber er verkehrt es in der That aus dem <hi rendition="#g">Nichts</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">straction</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi>.</p>
<p><lb n="23"/>Der Weltlauff siegt also über das, was die Tugend im Gegensatze gegen ihn<lb n="24"/>ausmacht; er siegt über sie, der die wesenlose Abstraction das Wesen ist. Er siegt<lb n="25"/>aber nicht über etwas reales, sondern über das Erschaffen von Unterschieden, welche<lb n="26"/>keine sind, über diese pomphafften Reden vom Besten der Menschheit, und der<lb n="27"/>Unterdrückung derselben, von der Aufopferung fürs Gute, und dem Misbrauche<lb n="28"/>der Gaben; – solcherley ideale Wesen und Zwecke sinken als leere Worte zu<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sammen, welche das Herz erheben und die Vernunft leer lassen; erbauen, aber<lb n="30"/>nichts aufbauen; Declamationen, welche nur diesen Inhalt bestimmt aussprechen,<lb n="31"/>daß das Individuum, welches für solche edle Zwecke zu handeln vorgibt, und<lb n="32"/>solche vortreffliche Redensarten führt, sich für ein vortreffliches Wesen gilt; –<lb n="33"/>eine Aufschwellung, welche sich und andern den Kopf groß macht, aber groß<lb n="34"/>von einer leeren Aufgeblasenheit. – Die antike Tugend hatte ihre bestimmte sichere<lb n="35"/>Bedeutung, denn sie hatte an der <hi rendition="#g">Substanz</hi> des Volks ihre <hi rendition="#g">inhaltsvolle</hi> <hi rendition="#g">Grund<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">lage</hi>, und ein <hi rendition="#g">wirkliches</hi> <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">existirendes</hi> Gutes zu ihrem Zwecke;<lb n="37"/>sie war daher auch nicht gegen die Wirklichkeit als eine <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Verkehrt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="38" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> und gegen einen <hi rendition="#g">Weltlauff</hi> gerichtet. Die betrachtete aber ist aus der Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stanz heraus, eine wesenlose Tugend, eine Tugend nur der Vorstellung und der</p>
<pb n="213" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=220" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. VERWIRKLICHUNG DES VERNÜNFTIGEN SELBSTBEWUSSTSEYNS</fw>
<p><lb n="1"/>Worte, die jenes Inhalts entbehren. – Diese Leerheit der mit dem Weltlauffe<lb n="2"/>kämpfenden Rednerey würde sich sogleich aufdecken, wenn gesagt werden sollte,<lb n="3"/>was ihre Redensarten bedeuten; – sie werden daher <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">bekannt</hi> <hi rendition="#g">vorausgesetzt</hi>.<lb n="4"/>Die Forderung, diß bekannte zu sagen, würde entweder durch einen neuen Schwall<lb n="5"/>von Redensarten erfüllt, oder ihr die Beruffung auf das Herz entgegengesetzt,<lb n="6"/>welches <hi rendition="#g">innerhalb</hi> es sage, was sie bedeuten, das heißt, die Unvermögenheit,<lb n="7"/><hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">That</hi> zu sagen, würde eingestanden. – Die Nichtigkeit jener Rednerey<lb n="8"/>scheint auch auf eine bewußtlose Art für die Bildung unsers Zeitalters Gewißheit<lb n="9"/>erlangt zu haben; indem aus der ganzen Masse jener Redensarten, und der Weise<lb n="10"/>sich damit aufzuspreitzen, alles Interesse verschwunden ist; ein Verlust, der sich<lb n="11"/>darin ausdrückt, daß sie nur Langeweile machen.</p>
<p><lb n="12"/>Das Resultat also, welches aus diesem Gegensatze hervorgeht, besteht darin,<lb n="13"/>daß das Bewußtseyn die Vorstellung von einem <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> guten, das noch keine<lb n="14"/>Wirklichkeit hätte, als einen leeren Mantel fahren läßt. Es hat in seinem Kampfe<lb n="15"/>die Erfahrung gemacht, daß der Weltlauff so übel nicht ist, als er aussah; denn seine<lb n="16"/>Wirklichkeit ist die Wirklichkeit des Allgemeinen. Es fällt mit dieser Erfahrung<lb n="17"/>das Mittel, durch <hi rendition="#g">Aufopferung</hi> der Individualität das Gute hervorzubringen,<lb n="18"/>hinweg; denn die Individualität ist gerade die <hi rendition="#g">Verwirklichung</hi> des Ansich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyenden; und die Verkehrung hört auf, als eine Verkehrung des Guten angesehen<lb n="20"/>zu werden, denn sie ist vielmehr eben die Verkehrung desselben als eines bloßen<lb n="21"/>Zwecks in die Wirklichkeit; die Bewegung der Individualität ist die Realität des<lb n="22"/>Allgemeinen.</p>
<p><lb n="23"/>In der That ist hiemit aber ebenso dasjenige besiegt worden und verschwunden,<lb n="24"/>was als <hi rendition="#g">Weltlauff</hi> dem Bewußtseyn des Ansichseyenden gegenüberstand. Das<lb n="25"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> der Individualität war daran dem Wesen oder Allgemeinen ent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gegengesetzt, und erschien als eine von dem <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> getrennte Wirklichkeit.<lb n="27"/>Indem aber sich gezeigt hat, daß die Wirklichkeit in ungetrennter Einheit mit dem<lb n="28"/>Allgemeinen ist, so erweißt sich das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Weltlauffs ebenso, wie<lb n="29"/>das <hi rendition="#g">Ansich</hi> der Tugend nur eine <hi rendition="#g">Ansicht</hi> ist, auch nicht mehr zu seyn. Die<lb n="30"/>Individualität des Weltlauffs mag wohl nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder <hi rendition="#g">eigennützig</hi> zu<lb n="31"/>handeln meynen; sie ist besser als sie meynt, ihr Thun ist zugleich <hi rendition="#g">ansich</hi>seyendes,<lb n="32"/><hi rendition="#g">allgemeines</hi> Thun. Wenn sie eigennützig handelt, so weiß sie nur nicht, was sie<lb n="33"/>thut, und wenn sie versichert, alle Menschen handeln eigennützig, so behauptet<lb n="34"/>sie nur, alle Menschen haben kein Bewußtseyn darüber, was das Thun ist. – Wenn<lb n="35"/>sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> handelt, so ist diß eben die Hervorbringung des nur erst <hi rendition="#g">ansich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/>seyenden zur Wirklichkeit; der Zweck des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> also, der dem Ansich<lb n="37"/>sich entgegengesetzt meynt, – seine leere Pfiffigkeit, so wie seine feinen Erklärungen,<lb n="38"/>die den Eigennutz überall aufzuzeigen wissen, sind ebenso verschwunden, als der<lb n="39"/>Zweck des <hi rendition="#g">Ansich</hi> und seine Rednerey.</p>
<pb n="214" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=221" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Es</hi> ist also <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Treiben</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi>, <hi rendition="#g">Zweck</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">selbst</hi>; <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gebrauch</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Spiel</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Aeußerungen</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="3"/>es, was ihnen, die sonst das todte Ansich wären, Leben gibt, das Ansich nicht<lb n="4"/>ein unausgeführtes, existenzloses und abstractes Allgemeines, sondern es selbst<lb n="5"/>ist unmittelbar diese Gegenwart und Wirklichkeit des Processes der Individualität.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="6"/>C.<lb n="7"/>DIE INDIVIDUALITÄT, WELCHE SICH AN UND<lb n="8"/>FÜR SICH SELBST REELL IST.</head>
<p><lb n="9"/>Das Selbstbewußtseyn hat itzt den Begriff von sich erfaßt, der erst nur der unsrige<lb n="10"/>von ihm war, nemlich in der Gewißheit seiner selbst alle Realität zu seyn, und<lb n="11"/>Zweck und Wesen ist ihm nunmehr die sich bewegende Durchdringung des<lb n="12"/>Allgemeinen, – der Gaben und Fähigkeiten, – und der Individualität. – Die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>zelnen Momente dieser Erfüllung und Durchdringung <hi rendition="#g">vor</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi>, in<lb n="14"/>welche sie zusammengegangen, sind die bisher betrachteten Zwecke. Sie sind als<lb n="15"/>Abstractionen und Chimären verschwunden, die jenen ersten schalen Gestalten<lb n="16"/>des geistigen Selbstbewußtseyns angehören, und ihre Wahrheit nur in dem ge<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>meynten Seyn des Herzens, der Einbildung und der Reden haben, nicht in der<lb n="18"/>Vernunft, die itzt an und für sich ihrer Realität gewiß, sich nicht mehr als <hi rendition="#g">Zweck</hi><lb n="19"/>im <hi rendition="#g">Gegensatze</hi> gegen die unmittelbarseyende Wirklichkeit erst hervorzubringen<lb n="20"/>sucht, sondern zum Gegenstande ihres Bewußtseyns die Kategorie als solche hat. –<lb n="21"/>Es ist nämlich die Bestimmung <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> <hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">negativen</hi><lb n="22"/>Selbstbewußtseyns, in welcher die Vernunft auftrat, aufgehoben; <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">fand</hi> <hi rendition="#g">eine</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> vor, die das negative seiner wäre, und durch deren Aufheben<lb n="24"/>es erst sich seinen <hi rendition="#g">Zweck</hi> verwirklichte. Indem aber <hi rendition="#g">Zweck</hi> und <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi><lb n="25"/>als dasselbe sich ergeben hat, was das <hi rendition="#g">Seyn</hi> für <hi rendition="#g">anderes</hi> und die <hi rendition="#g">vorgefundene</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ist, trennt sich die Wahrheit nicht mehr von der Gewißheit; es<lb n="27"/>werde nun der gesetzte Zweck für die Gewißheit seiner selbst, und die Verwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichung desselben für die Wahrheit, oder aber der Zweck für die Wahrheit, und<lb n="29"/>die Wirklichkeit für die Gewißheit genommen; sondern das Wesen und der Zweck<lb n="30"/>an und für sich selbst ist die Gewißheit der unmittelbaren Realität selbst, die Durch<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>dringung des <hi rendition="#g">Ansich</hi> und <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, des Allgemeinen und der Individuali<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tät; das Thun ist an ihm selbst seine Wahrheit und Wirklichkeit, und die Dar-</p>
<pb n="215" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=222" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">stellung</hi> oder das <hi rendition="#g">Aussprechen</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> ist ihm Zweck an und<lb n="2"/>für sich selbst.</p>
<p><lb n="3"/>Mit diesem Begriffe ist also das Selbstbewußtseyn aus den entgegengesetzten<lb n="4"/>Bestimmungen, welche die Kategorie für es, und sein Verhalten zu ihr, als beob<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>achtendes und dann als thätiges hatte, in sich zurückgegangen. Es hat die reine<lb n="6"/>Kategorie selbst zu seinem Gegenstande, oder es ist die Kategorie, welche ihrer<lb n="7"/>selbst bewußt geworden. Die Rechnung ist dadurch mit seinen vorherigen Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ten abgeschlossen; sie liegen hinter ihm in Vergessenheit, treten nicht als seine<lb n="9"/>vorgefundne Welt gegenüber, sondern entwickeln sich nur innerhalb seiner<lb n="10"/>selbst als durchsichtige Momente. Doch treten sie noch in seinem Bewußtseyn<lb n="11"/>als eine <hi rendition="#g">Bewegung</hi> unterschiedner Momente auseinander, die sich noch nicht<lb n="12"/>in ihre substantielle Einheit zusammengefaßt hat. Aber in <hi rendition="#g">allen</hi> hält es die einfache<lb n="13"/>Einheit des Seyns und des Selbsts fest, die ihre <hi rendition="#g">Gattung</hi> ist. –</p>
<p><lb n="14"/>Das Bewußtseyn hat hiemit allen Gegensatz und alle Bedingung seines Thuns<lb n="15"/>abgeworfen; es geht frisch <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> aus, und nicht auf <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, sondern<lb n="16"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Indem die Individualität die Wirklichkeit an ihr selbst ist, ist<lb n="17"/>der <hi rendition="#g">Stoff</hi> des Wirkens und der <hi rendition="#g">Zweck</hi> des Thuns an dem Thun selbst. Das<lb n="18"/>Thun hat daher das Ansehen der Bewegung eines Kreises, welcher frey im Leeren<lb n="19"/>sich in sich selbst bewegt, ungehindert bald sich erweitert, bald verengert, und<lb n="20"/>vollkommen zufrieden nur in und mit sich selbst spielt. Das Element, worin die<lb n="21"/>Individualität ihre Gestalt darstellt, hat die Bedeutung eines reinen Aufnehmens<lb n="22"/>dieser Gestalt; es ist der Tag überhaupt, dem das Bewußtseyn sich zeigen will.<lb n="23"/>Das Thun verändert nichts, und geht gegen nichts; es ist die reine Form des Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>setzens aus dem <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">gesehen</hi> werden in das <hi rendition="#g">gesehen</hi> <hi rendition="#g">werden</hi>, und der<lb n="25"/>Inhalt, der zu Tage ausgebracht wird, und sich darstellt, nichts anderes, als was<lb n="26"/>dieses Thun schon an sich ist. Es ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, – diß ist seine Form als <hi rendition="#g">gedachter</hi><lb n="27"/>Einheit; und es ist <hi rendition="#g">wirklich</hi>, – diß ist seine Form als <hi rendition="#g">seyender</hi> Einheit; es selbst<lb n="28"/>ist <hi rendition="#g">Inhalt</hi> nur in dieser Bestimmung der Einfachheit gegen die Bestimmung<lb n="29"/>seines Uebergehens und seiner Bewegung.</p>
<pb n="216" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=223" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>a.</head>
<head><lb n="2"/>Das geistige Thierreich und der Betrug,<lb n="3"/>oder die Sache selbst.</head>
<p><lb n="4"/>Diese an sich reale Individualität ist zuerst wieder eine <hi rendition="#g">einzelne</hi> und <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">stimmte</hi>; die absolute Realität, als welche sie sich weiß, ist daher, wie sie der<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>selben sich bewußt wird, die <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi>, welche ohne Erfüllung<lb n="7"/>und Inhalt, nur der leere Gedanke dieser Kategorie ist. – Es ist zu sehen, wie dieser<lb n="8"/>Begriff der an sich selbst realen Individualität in seinen Momenten sich bestimmt,<lb n="9"/>und wie ihr ihr Begriff von ihr selbst in das Bewußtseyn tritt.</p>
<p><lb n="10"/>Der Begriff dieser Individualität, wie sie als solche für sich selbst alle Realität<lb n="11"/>ist, ist zunächst <hi rendition="#g">Resultat</hi>; sie hat ihre Bewegung und Realität noch nicht dar<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gestellt, und ist hier <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> als <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> gesetzt. Die<lb n="13"/>Negativität aber, welche dasselbe ist, was als Bewegung erscheint, ist an dem<lb n="14"/><hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> als <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>; und das <hi rendition="#g">Seyn</hi> oder das einfache An<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sich wird ein bestimmter Umfang. Die Individualität tritt daher als ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>liche bestimmte Natur auf, – als <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>, denn sie <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, –<lb n="17"/>als ursprünglich-<hi rendition="#g">bestimmte</hi>, denn das Negative ist am <hi rendition="#g">Ansich</hi>, und dieses<lb n="18"/>ist dadurch eine Qualität. Diese Beschränkung des Seyns jedoch kann <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi><lb n="19"/>des Bewußtseyns <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">beschränken</hi>, denn dieses ist hier ein vollendetes <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> beziehen; die Beziehung auf Anderes ist aufgehoben, welche die<lb n="21"/>Beschränkung desselben wäre. Die ursprüngliche Bestimmtheit der Natur ist<lb n="22"/>daher nur einfaches Princip, – ein durchsichtiges allgemeines Element, worin die<lb n="23"/>Individualität ebenso frey und sich selbst gleich bleibt, als sie darin ungehindert<lb n="24"/>ihre Unterschiede entfaltet, und reine Wechselwirkung mit sich in ihrer Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wirklichung ist. Wie das unbestimmte Thierleben etwa dem Elemente des Wassers,<lb n="26"/>der Luft, oder der Erde, und innerhalb dieser wieder bestimmtern Principien,<lb n="27"/>seinen Odem einbläst, alle seine Momente in sie eintaucht, aber sie jener<lb n="28"/>Beschränckung des Elements ungeachtet in seiner Macht und sich in seinem<lb n="29"/>Eins erhält, und als diese besondere Organisation dasselbe allgemeine Thierleben<lb n="30"/>bleibt.</p>
<p><lb n="31"/>Diese bestimmte ursprüngliche <hi rendition="#g">Natur</hi> des in ihr frey und ganz bleibenden<lb n="32"/>Bewußtseyns erscheint als der unmittelbare und einzige eigentliche <hi rendition="#g">Inhalt</hi> dessen,<lb n="33"/>was dem Individuum Zweck ist; er ist zwar <hi rendition="#g">bestimmter</hi> Inhalt, aber er ist über<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>haupt <hi rendition="#g">Inhalt</hi> nur, insofern wir das <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyn isolirt betrachten; in Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit aber ist er die von der Individualität durchdrungene Realität; die Wirklich-</p>
<pb n="217" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=224" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>keit, wie sie das Bewußtseyn als einzelnes an ihm selbst hat, und zunächst <hi rendition="#g">als</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">seyend</hi>, noch nicht als thuend gesetzt ist. Für das Thun aber ist einestheils jene<lb n="3"/>Bestimmtheit darum nicht Beschränkung, über welche es hinauswollte, weil sie<lb n="4"/>als seyende Qualität betrachtet die einfache Farbe des Elements ist, worin es sich<lb n="5"/>bewegt; anderntheils aber ist die Negativität <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> nur am Seyn; aber<lb n="6"/>das <hi rendition="#g">Thun</hi> ist selbst nichts anderes als die Negativität; an der thuenden Individuali<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tät ist also die Bestimmtheit aufgelöst in Negativität überhaupt, oder den Inbegriff<lb n="8"/>aller Bestimmtheit.</p>
<p><lb n="9"/>Die einfache ursprüngliche Natur nun tritt in dem <hi rendition="#g">Thun</hi> und dem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>seyn des Thuns in den Unterschied, welcher diesem zukommt. Es ist <hi rendition="#g">zuerst</hi> als<lb n="11"/>Gegenstand, und zwar als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, wie er noch dem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> an<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gehört, als <hi rendition="#g">Zweck</hi> vorhanden, und somit entgegengesetzt einer vorhandenen<lb n="13"/>Wirklichkeit. Das <hi rendition="#g">andere</hi> Moment ist die <hi rendition="#g">Bewegung</hi> des als ruhend vor<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gestellten Zwecks, die Verwirklichung, als die Beziehung des Zwecks auf die<lb n="15"/>ganz formelle Wirklichkeit, hiemit die Vorstellung des <hi rendition="#g">Ueberganges</hi> selbst,<lb n="16"/>oder das <hi rendition="#g">Mittel</hi>. Das <hi rendition="#g">dritte</hi> ist endlich der Gegenstand, wie er nicht mehr Zweck,<lb n="17"/>dessen das thuende unmittelbar als des <hi rendition="#g">seinigen</hi> sich bewußt ist, sondern wie er<lb n="18"/>aus ihm heraus und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> als ein <hi rendition="#g">Anderes</hi> ist. – Diese verschiedenen Seiten<lb n="19"/>sind nun aber nach dem Begriffe dieser Sphäre so festzuhalten, daß der Inhalt in<lb n="20"/>ihnen derselbe bleibt, und kein Unterschied hereinkommt, weder der Individuali<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tät und des Seyns überhaupt, noch des <hi rendition="#g">Zwecks</hi> gegen die <hi rendition="#g">Individualität</hi> als<lb n="22"/><hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>, noch gegen die vorhandne Wirklichkeit, ebenso nicht<lb n="23"/>des <hi rendition="#g">Mittels</hi> gegen sie als absoluten <hi rendition="#g">Zweck</hi>, noch der <hi rendition="#g">bewirkten</hi> <hi rendition="#g">Wirklich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> gegen den Zweck, oder die ursprüngliche Natur, oder das Mittel.</p>
<p><lb n="25"/>Vors erste also ist die ursprünglich bestimmte Natur der Individualität, ihr<lb n="26"/>unmittelbares Wesen noch nicht als thuend gesetzt, und heißt so <hi rendition="#g">besondere</hi><lb n="27"/>Fähigkeit, Talent, Charakter u.s.f. Diese eigenthümliche Tinctur des Geistes ist<lb n="28"/>als der einzige Inhalt des Zwecks selbst, und ganz allein als die Realität zu betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ten. Stellte man sich das Bewußtseyn vor, als darüber hinausgehend, und einen<lb n="30"/>andern Inhalt zur Wirklichkeit bringen wollend, so stellte man es sich vor, als<lb n="31"/><hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Nichts</hi> in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Nichts</hi> hinarbeitend. – Diß ursprüngliche Wesen ist ferner<lb n="32"/>nicht nur Inhalt des Zwecks, sondern an sich auch die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, welche<lb n="33"/>sonst als <hi rendition="#g">gegebener</hi> Stoff des Thuns, als <hi rendition="#g">vorgefundene</hi> und im Thun zu bil<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>dende Wirklichkeit erscheint. Das Thun ist nemlich nur reines übersetzen aus der<lb n="35"/>Form des noch nicht dargestellten in die des dargestellten Seyns; das Ansichseyn<lb n="36"/>jener dem Bewußtseyn entgegengesetzten Wirklichkeit ist zum bloßen leeren<lb n="37"/>Scheine herabgesunken. Diß Bewußtseyn, indem es sich zum handeln bestimmt,</p>
<pb n="218" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=225" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>läßt sich also durch den Schein der vorhandenen Wirklichkeit nicht irre machen,<lb n="2"/>und ebenso hat es sich aus dem herumtreiben in leeren Gedanken und Zwecken<lb n="3"/>auf den ursprünglichen Inhalt seines Wesens zusammenzuhalten. – Dieser ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>liche Inhalt ist zwar erst <hi rendition="#g">für</hi> das Bewußtseyn, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">verwirklicht</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">hat</hi>; der Unterschied aber eines solchen, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Bewußtseyn nur <hi rendition="#g">inner<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">halb</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi>, und einer außer ihm an sich seyenden Wirklichkeit ist hinweg<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gefallen. – Nur daß <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> sey, was es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, muß es handeln, oder das Han<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>deln ist eben das Werden des Geistes <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Was es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist,<lb n="9"/>weiß es also aus seiner Wirklichkeit. Das Individuum kann daher nicht wissen,<lb n="10"/>was <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, eh es sich durch das Thun zur Wirklichkeit gebracht hat. – Es scheint<lb n="11"/>aber hiemit den <hi rendition="#g">Zweck</hi> seines Thuns nicht bestimmen zu können, eh es gethan<lb n="12"/>hat; aber zugleich muß es, indem es Bewußtseyn ist, die Handlung vorher als die<lb n="13"/><hi rendition="#g">ganz</hi> <hi rendition="#g">seinige</hi>, das heißt, als <hi rendition="#g">Zweck</hi> vor sich haben. Das ans handeln gehende<lb n="14"/>Individuum scheint sich also in einem Kreise zu befinden, worin jedes Moment<lb n="15"/>das andere schon voraussetzt, und hiemit keinen Anfang finden zu können, weil<lb n="16"/>es sein ursprüngliches Wesen, das sein Zweck seyn muß, <hi rendition="#g">erst</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">That</hi><lb n="17"/>kennen lernt, aber um zu thun, <hi rendition="#g">vorher</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Zweck</hi> haben muß. Ebendarum<lb n="18"/>aber hat es <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> anzufangen, und unter welchen Umständen es sey,<lb n="19"/>ohne weiteres Bedenken um <hi rendition="#g">Anfang</hi>, <hi rendition="#g">Mittel</hi> und <hi rendition="#g">Ende</hi> zur Thätigkeit zu<lb n="20"/>schreiten; denn sein Wesen und <hi rendition="#g">ansich</hi>seyende Natur ist alles in Einem, Anfang,<lb n="21"/>Mittel und Ende. Als <hi rendition="#g">Anfang</hi> ist sie in den <hi rendition="#g">Umständen</hi> des Handelns vorhan<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>den, und das <hi rendition="#g">Interesse</hi>, welches das Individuum an etwas findet, ist die schon<lb n="23"/>gegebene Antwort auf die Frage: ob und was hier zu thun ist. Denn was eine<lb n="24"/>vorgefundene Wirklichkeit zu seyn scheint, ist an sich seine ursprüngliche Natur,<lb n="25"/>welche nur den Schein eines <hi rendition="#g">Seyns</hi> hat, – einen Schein, der in dem Begriffe des<lb n="26"/>sich entzweyenden Thuns liegt – aber als <hi rendition="#g">seine</hi> ursprüngliche Natur sich in dem<lb n="27"/><hi rendition="#g">Interesse</hi>, das es an ihr findet, ausspricht. – Ebenso ist das <hi rendition="#g">Wie</hi>, oder die <hi rendition="#g">Mittel</hi><lb n="28"/>an und für sich bestimmt. Das <hi rendition="#g">Talent</hi> ist gleichfalls nichts anders, als die be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stimmte ursprüngliche Individualität, betrachtet als <hi rendition="#g">inneres</hi> <hi rendition="#g">Mittel</hi>, oder<lb n="30"/><hi rendition="#g">Uebergang</hi> des Zwecks zur Wirklichkeit. Das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Mittel aber und der<lb n="31"/>reale Uebergang ist die Einheit des Talents, und der im Interesse vorhandenen<lb n="32"/>Natur der Sache; jenes stellt am Mittel die Seite des Thuns, dieses die Seite des<lb n="33"/>Inhalts vor, beyde sind die Individualität selbst, als Durchdringung des Seyns und<lb n="34"/>des Thuns. Was also vorhanden ist, sind vorgefundene <hi rendition="#g">Umstände</hi>, die <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="35"/>die ursprüngliche Natur des Individuums sind; als denn das Interesse, welches sie<lb n="36"/>eben als das <hi rendition="#g">seinige</hi> oder als <hi rendition="#g">Zweck</hi> setzt; endlich die Verknüpfung und Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hebung dieses Gegensatzes im <hi rendition="#g">Mittel</hi>. Diese Verknüpfung fällt selbst noch</p>
<pb n="219" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=226" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>innerhalb des Bewußtseyns, und das so eben betrachtete Ganze ist die eine Seite<lb n="2"/>eines Gegensatzes. Dieser noch übrige Schein von Entgegensetzung wird durch<lb n="3"/>den <hi rendition="#g">Uebergang</hi> selbst oder das <hi rendition="#g">Mittel</hi> aufgehoben; – denn es ist <hi rendition="#g">Einheit</hi><lb n="4"/>des Aeußern und Innern, das Gegentheil der Bestimmtheit, welche es als <hi rendition="#g">innres</hi><lb n="5"/>Mittel hat, es hebt sie also auf und setzt sich, diese Einheit des Thuns und des Seyns<lb n="6"/>ebenso als <hi rendition="#g">äußeres</hi>, als die wirklich gewordene Individualität selbst; d. i. die<lb n="7"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> als das <hi rendition="#g">seyende</hi> gesetzt ist. Die ganze Handlung tritt auf diese<lb n="8"/>Weise weder als die <hi rendition="#g">Umstände</hi>, noch als <hi rendition="#g">Zweck</hi> noch <hi rendition="#g">Mittel</hi> noch als <hi rendition="#g">Werk</hi><lb n="9"/>aus sich heraus.</p>
<p><lb n="10"/>Mit dem Werke aber scheint der Unterschied der ursprünglichen Naturen<lb n="11"/>einzutreten; das Werk ist wie die ursprüngliche Natur, welche es ausdrückt, ein<lb n="12"/><hi rendition="#g">bestimmtes</hi>, denn vom Thun frey entlassen als <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, ist<lb n="13"/>die Negativität als Qualität an ihm. Das Bewußtseyn aber bestimmt sich ihm<lb n="14"/>gegenüber als dasjenige, welches die Bestimmtheit als Negativität <hi rendition="#g">überhaupt</hi>,<lb n="15"/>als Thun, an ihm hat; es ist also das allgemeine gegen jene Bestimmtheit des Werks,<lb n="16"/>kann es also mit andern <hi rendition="#g">vergleichen</hi> und hieraus die Individualitäten selbst als<lb n="17"/><hi rendition="#g">verschiedene</hi> fassen; das in seinem Werke weiter übergreiffende Individuum<lb n="18"/>entweder als stärkere Energie des Willens, oder als reichere Natur, das heißt, eine<lb n="19"/>solche, deren ursprüngliche Bestimmtheit weniger beschränkt ist; – eine andere<lb n="20"/>hingegen als eine schwächere und dürftigere Natur. Gegen diesen unwesentlichen<lb n="21"/>Unterschied der <hi rendition="#g">Größe</hi> würde das <hi rendition="#g">Gute</hi> und <hi rendition="#g">Schlechte</hi> einen absoluten Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>schied ausdrücken; aber hier findet dieser nicht statt. Was auf die eine oder andere<lb n="23"/>Weise genommen würde, ist auf gleiche Weise ein Thun und Treiben, ein sich<lb n="24"/>Darstellen und Aussprechen einer Individualität, und darum alles gut, und es wäre<lb n="25"/>eigentlich nicht zu sagen, was das schlechte seyn sollte. Was ein schlechtes Werk<lb n="26"/>genannt würde, ist das individuelle Leben einer bestimmten Natur, die sich darin<lb n="27"/>verwirklicht; zu einem schlechten Werke würde es nur durch den vergleichenden<lb n="28"/>Gedanken verdorben, der aber etwas leeres ist, da er über das Wesen des Werks,<lb n="29"/>ein sich Aussprechen der Individualität zu seyn, hinausgeht und sonst, man weiß<lb n="30"/>nicht was, daran sucht und fodert. – Er könnte nur den vorhin angeführten Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schied betreffen; dieser ist aber an sich, als Größeunterschied, ein unwesentlicher;<lb n="32"/>und hier bestimmt darum, weil es verschiedene Werke oder Individualitäten<lb n="33"/>wären, die miteinander verglichen würden; aber diese gehen einander nichts an;<lb n="34"/>jedes bezieht sich nur auf sich selbst. Die ursprüngliche Natur ist allein das <hi rendition="#g">An-</hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">sich</hi>, oder das, was als Maßstab der Beurtheilung des Werks und umgekehrt zu<lb n="36"/>Grunde gelegt werden könnte; beydes aber entspricht sich einander, es ist nichts<lb n="37"/><hi rendition="#g">für</hi> die Individualität, was nicht <hi rendition="#g">durch</hi> sie, oder es gibt keine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>,</p>
<pb n="220" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=227" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>die nicht ihre Natur und ihr Thun, und kein Thun noch Ansich derselben, das<lb n="2"/>nicht wirklich ist, und nur diese Momente sind zu vergleichen.</p>
<p><lb n="3"/>Es findet daher überhaupt weder <hi rendition="#g">Erhebung</hi>, noch <hi rendition="#g">Klage</hi>, noch Reue statt;<lb n="4"/>denn dergleichen alles kömmt aus dem Gedanken her, der sich einen andern<lb n="5"/><hi rendition="#g">Inhalt</hi> und ein anderes <hi rendition="#g">Ansich</hi> einbildet, als die ursprüngliche Natur des Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>viduums und ihre in der Wirklichkeit vorhandene Ausführung ist. Was es sey,<lb n="7"/>das es thut, und ihm wiederfährt, diß hat es gethan, und ist es selbst; es kann nur<lb n="8"/>das Bewußtseyn des reinen Uebersetzens <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> aus der Nacht der Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lichkeit in den Tag der Gegenwart, des <hi rendition="#g">abstracten</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> in die Bedeutung des<lb n="10"/><hi rendition="#g">wirklichen</hi> Seyns, und die Gewißheit haben, daß was in diesem ihm vorkommt,<lb n="11"/>nichts anders ist, als was in jener schlief. Das Bewußtseyn dieser Einheit ist zwar eben<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>falls eine Vergleichung, aber, was verglichen wird, hat eben nur den <hi rendition="#g">Schein</hi> des<lb n="13"/>Gegensatzes; ein Schein der Form, der für das Selbstbewußtseyn der Vernunft,<lb n="14"/>daß die Individualität an ihr selbst die Wirklichkeit ist, nichts mehr als Schein ist.<lb n="15"/>Das Individuum kann also, da es weiß, daß es in seiner Wirklichkeit nichts anderes<lb n="16"/>finden kann, als ihre Einheit mit ihm, oder nur die Gewißheit seiner selbst in<lb n="17"/>ihrer Wahrheit, und daß es also immer seinen Zweck erreicht, <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">Freude</hi> <hi rendition="#g">an</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">erleben</hi>.</p>
<p><lb n="19"/>Diß ist der Begriff, welchen das Bewußtseyn, das sich seiner als absoluter Durch<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dringung der Individualität und des Seyns gewiß ist, von sich macht; sehen wir,<lb n="21"/>ob er sich ihm durch die Erfahrung bestätigt, und seine Realität damit überein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>stimmt. Das Werk ist die Realität, welche das Bewußtseyn sich gibt; es ist das<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>jenige, worin das Individuum das für es ist, was es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, und so daß das<lb n="24"/>Bewußtseyn, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> es in dem Werke wird, nicht das besondere, sondern<lb n="25"/>das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Bewußtseyn ist; es hat sich im Werke überhaupt in das Element<lb n="26"/>der Allgemeinheit, in den bestimmtheitslosen Raum des Seyns hinausgestellt. Das<lb n="27"/>von seinem Werke zurücktretende Bewußtseyn ist in der That das allgemeine, –<lb n="28"/>weil es die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Negativität</hi> oder das Thun in diesem Gegensatze wird, –<lb n="29"/>gegen sein Werk, welches das <hi rendition="#g">bestimmte</hi> ist; es geht also über sich als Werk<lb n="30"/>hinaus, und ist selbst der bestimmtheitslose Raum, der sich von seinem Werke<lb n="31"/>nicht erfüllt findet. Wenn vorhin im Begriffe sich doch ihre Einheit erhielt, so<lb n="32"/>geschah diß ebendadurch, daß das Werk als <hi rendition="#g">seyendes</hi> Werk aufgehoben wurde.<lb n="33"/>Aber es soll <hi rendition="#g">seyn</hi>, und es ist zu sehen, wie in seinem <hi rendition="#g">Seyn</hi> die Individualität<lb n="34"/>seine Allgemeinheit erhalten, und sich zu befriedigen wissen wird. – Zunächst ist<lb n="35"/>das gewordene Werk für sich zu betrachten. Es hat die ganze Natur der Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>vidualität mitempfangen; sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist daher selbst ein Thun, worin sich alle<lb n="37"/>Unterschiede durchdringen und auflösen; das Werk ist also in ein <hi rendition="#g">Bestehen</hi></p>
<pb n="221" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=228" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>hinausgeworfen, worin die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der ursprünglichen Natur in der<lb n="2"/>That gegen andere bestimmte Naturen sich herauskehrt, in sie eingreifft, wie diese<lb n="3"/>andere in sie, und sich als verschwindendes Moment in dieser allgemeinen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>wegung verliert. Wenn <hi rendition="#g">innerhalb</hi> des <hi rendition="#g">Begriffs</hi> der an und für sich selbst realen<lb n="5"/>Individualität alle Momente, Umstände, Zweck, Mittel, und die Verwirklichung<lb n="6"/>einander gleich sind, und die ursprüngliche bestimmte Natur nur als allgemeines<lb n="7"/>Element gilt, so kömmt dagegen, indem diß Element gegenständliches Seyn wird,<lb n="8"/>seine <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> als solche in dem Werke an den Tag, und erhält ihre Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heit in ihrer Auflösung. Näher stellt diese Auflösung sich so dar, daß in dieser<lb n="10"/>Bestimmtheit das Individuum, als <hi rendition="#g">dieses</hi> sich wirklich geworden <hi rendition="#g">ist</hi>; aber sie<lb n="11"/>ist nicht nur Inhalt der Wirklichkeit, sondern ebenso Form derselben, oder die<lb n="12"/>Wirklichkeit als solche überhaupt ist eben diese Bestimmtheit, dem Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn entgegengesetzt zu seyn. Von dieser Seite zeigt sie sich als die aus dem Begriffe<lb n="14"/>verschwundene, nur <hi rendition="#g">vorgefundene</hi> <hi rendition="#g">fremde</hi> Wirklichkeit. Das Werk ist,<lb n="15"/>d. h. es ist für andere Individualitäten, und für sie eine fremde Wirklichkeit, an<lb n="16"/>deren Stelle <hi rendition="#g">sie</hi> die ihrige setzen müssen, um durch <hi rendition="#g">ihr</hi> Thun sich das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyn <hi rendition="#g">ihrer</hi> Einheit mit der Wirklichkeit zu geben; oder <hi rendition="#g">ihr</hi> durch <hi rendition="#g">ihre</hi> ursprüng<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>liche Natur gesetztes Interesse an jenem Werke ist ein anderes als das <hi rendition="#g">eigen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">thümliche</hi> Interesse dieses Werks, welches hiedurch zu etwas anderem gemacht<lb n="20"/>ist. Das Werk ist also überhaupt etwas vergängliches, das durch das Widerspiel<lb n="21"/>anderer Kräffte und Interesse ausgelöscht wird, und vielmehr die Realität der<lb n="22"/>Individualität als verschwindend, denn als vollbracht darstellt.</p>
<p><lb n="23"/>Es entsteht dem Bewußtseyn also in seinem Werke der Gegensatz des Thuns<lb n="24"/>und des Seyns, welcher in den frühern Gestalten des Bewußtseyns zugleich der<lb n="25"/><hi rendition="#g">Anfang</hi> des Thuns war, hier nur <hi rendition="#g">Resultat</hi> ist. Er hat aber in der That gleichfalls<lb n="26"/>zu Grunde gelegen, indem das Bewußtseyn als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> reale Individualität ans<lb n="27"/>Handeln ging; denn dem Handeln war die <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><lb n="28"/>als das <hi rendition="#g">Ansich</hi> voraus gesetzt, und das reine Vollbringen um des Vollbringens<lb n="29"/>willen, hatte sie zum <hi rendition="#g">Inhalte</hi>. Das reine Thun ist aber die sich <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gleiche</hi><lb n="30"/>Form, welcher hiemit die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der ursprünglichen Natur ungleich<lb n="31"/>ist. Es ist hier, wie sonst, gleichgültig, welches von beyden <hi rendition="#g">Begriff</hi>, und welches<lb n="32"/><hi rendition="#g">Realität</hi> genannt wird; die ursprüngliche Natur ist das <hi rendition="#g">Gedachte</hi> oder das<lb n="33"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> gegen das Thun, worin sie erst ihre Realität hat; oder die ursprüngliche<lb n="34"/>Natur ist das <hi rendition="#g">Seyn</hi> ebensowohl der Individualität als solcher, wie ihrer als Werk,<lb n="35"/>das Thun aber ist der ursprüngliche <hi rendition="#g">Begriff</hi>, als absoluter Uebergang, oder als<lb n="36"/>das <hi rendition="#g">Werden</hi>. Diese <hi rendition="#g">Unangemessenheit</hi> des Begriffs und der Realität, die in<lb n="37"/>seinem Wesen liegt, erfährt das Bewußtseyn in seinem Werke; in diesem wird es<lb n="38"/>sich also, wie es in Wahrheit ist, und sein leerer Begriff von sich selbst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>schwindet.</p>
<pb n="222" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=229" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>In diesem Grundwiderspruche des Werks, das die Wahrheit dieser sich an sich<lb n="2"/>realen Individualität ist, treten somit wieder alle Seiten derselben als widersprechend<lb n="3"/>auf; oder das Werk, als der Inhalt der ganzen Individualität aus dem <hi rendition="#g">Thun</hi>,<lb n="4"/>welches die negative Einheit ist, und alle Momente gefangen hält, in das <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="5"/>herausgestellt, läßt sie nun frey; und im Elemente des Bestehens werden sie gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gültig gegeneinander. Begriff und Realität trennen sich also als Zweck, und als<lb n="7"/>dasjenige, was die <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> ist. Es ist zufällig, daß der Zweck<lb n="8"/>wahrhafftes Wesen habe, oder daß das Ansich zum Zwecke gemacht werde. Ebenso<lb n="9"/>treten wieder Begriff und Realität als <hi rendition="#g">Uebergang</hi> in die Wirklichkeit, und als<lb n="10"/><hi rendition="#g">Zweck</hi> auseinander; oder es ist zufällig, daß das den Zweck ausdrückende <hi rendition="#g">Mittel</hi><lb n="11"/>gewählt werde. Und endlich diese innere Momente zusammen, sie mögen in<lb n="12"/>sich eine Einheit haben oder nicht, das <hi rendition="#g">Thun</hi> des Individuums ist wieder zufällig<lb n="13"/>gegen die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> überhaupt; das <hi rendition="#g">Glück</hi> entscheidet, ebensowohl für<lb n="14"/>einen schlecht bestimmten Zweck und schlechtgewählte Mittel, als gegen sie.</p>
<p><lb n="15"/>Wenn nun hiemit dem Bewußtseyn an seinem Werke der <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> des<lb n="16"/>Wollens und Vollbringens, des Zwecks und der Mittel und wieder dieses inner<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lichen zusammen, und der Wirklichkeit selbst wird, was überhaupt die <hi rendition="#g">Zufällig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Thuns</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> befaßt, so ist aber ebenso auch die <hi rendition="#g">Einheit</hi> und<lb n="19"/>die <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> desselben vorhanden; diese Seite greifft über jene über,<lb n="20"/>und die <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> von der <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Thuns</hi> ist selbst nur eine <hi rendition="#g">zu<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">fällige</hi> <hi rendition="#g">Erfahrung</hi>. Die <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> des Thuns besteht darin, daß<lb n="22"/><hi rendition="#g">Zweck</hi> schlechthin auf die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> bezogen ist, und diese Einheit ist der<lb n="23"/>Begriff des Thuns; es wird gehandelt, weil das Thun an und für sich selbst das<lb n="24"/>Wesen der Wirklichkeit ist. In dem Werke ergibt sich zwar die Zufälligkeit, welche<lb n="25"/>das <hi rendition="#g">Vollbrachtseyn</hi> gegen das <hi rendition="#g">Wollen</hi> und <hi rendition="#g">Vollbringen</hi> hat, und diese<lb n="26"/>Erfahrung, welche als die Wahrheit gelten zu müssen scheint, widerspricht jenem<lb n="27"/>Begriffe der Handlung. Betrachten wir jedoch den Inhalt dieser Erfahrung in<lb n="28"/>seiner Vollständigkeit, so ist er das <hi rendition="#g">verschwindende</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi>; was sich <hi rendition="#g">erhält</hi>,<lb n="29"/>ist nicht das <hi rendition="#g">Verschwinden</hi>, sondern das Verschwinden ist selbst wirklich und<lb n="30"/>an das Werk geknüpft, und verschwindet selbst mit diesem; das <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">geht</hi><lb n="31"/>mit dem <hi rendition="#g">positiven</hi>, <hi rendition="#g">dessen</hi> <hi rendition="#g">Negation</hi> es ist, <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi>.</p>
<p><lb n="32"/>Diß Verschwinden des Verschwindens liegt in dem Begriffe der an sich realen<lb n="33"/>Individualität selbst; denn dasjenige, worin das Werk, oder was an ihm verschwindet,<lb n="34"/>und was demjenigen, was Erfahrung genannt worden, seine Uebermacht über<lb n="35"/>den Begriff, den die Individualität von sich selbst hat, geben sollte, ist die <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">ständliche</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>; sie aber ist ein Moment, welches auch in diesem<lb n="37"/>Bewußtseyn selbst keine Wahrheit mehr für sich hat, diese besteht nur in der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>heit desselben mit dem Thun, und das <hi rendition="#g">wahre</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi> ist nur jene Einheit des<lb n="39"/><hi rendition="#g">Thuns</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>, des <hi rendition="#g">Wollens</hi> und <hi rendition="#g">Vollbringens</hi>. Dem Bewußtseyn</p>
<pb n="223" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=230" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>ist also um der seinem Handeln zu Grunde liegenden Gewißheit, die ihr <hi rendition="#g">ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">gegengesetzte</hi> Wirklichkeit selbst ein solches, welches nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> ist; ihm als<lb n="3"/>in sich zurückgekehrten <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, dem aller Gegensatz verschwunden<lb n="4"/>ist, kann er nicht mehr in dieser Form seines <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> gegen die <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> werden; sondern der Gegensatz und die Negativität, die an dem Werke<lb n="6"/>zum Vorschein kommt, trifft hiemit nicht nur den Inhalt des Werks oder auch<lb n="7"/>des Bewußtseyns, sondern die Wirklichkeit als solche, und damit den nur durch<lb n="8"/>sie und an ihr vorhandenen Gegensatz und das Verschwinden des Werks. Auf diese<lb n="9"/>Weise reflectirt sich also das Bewußtseyn in sich aus seinem vergänglichen Werke,<lb n="10"/>und behauptet seinen Begriff und Gewißheit als das <hi rendition="#g">Seyende</hi> und <hi rendition="#g">Bleibende</hi>,<lb n="11"/>gegen die Erfahrung von der <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> des Thuns; es erfährt in der That<lb n="12"/>seinen Begriff, in welchem die Wirklichkeit nur ein Moment, etwas <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, nicht<lb n="13"/>das An und für sich ist; es erfährt sie als verschwindendes Moment, und sie gilt<lb n="14"/>ihm daher nur als <hi rendition="#g">Seyn</hi> überhaupt, dessen Allgemeinheit mit dem Thun dasselbe<lb n="15"/>ist. Diese Einheit ist das wahre Werk; es ist die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, welche sich schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>hin behauptet und als das bleibende erfahren wird, unabhängig von der Sache,<lb n="17"/>welche die <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> des individuellen Thuns als eines solchen, der Um<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stände, Mittel und der Wirklichkeit ist.</p>
<p><lb n="19"/>Die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist diesen Momenten nur insofern entgegengesetzt, als sie<lb n="20"/>isolirt gelten sollen, ist aber wesentlich als Durchdringung der Wirklichkeit und<lb n="21"/>der Individualität die Einheit derselben; ebensowohl ein Thun, und als Thun<lb n="22"/><hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> überhaupt, <hi rendition="#g">damit</hi> <hi rendition="#g">ebensosehr</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Individuums</hi>,<lb n="23"/>und diß Thun als ihm noch angehörig im Gegensatze gegen die Wirklichkeit, als<lb n="24"/><hi rendition="#g">Zweck</hi>; ebenso ist sie der <hi rendition="#g">Uebergang</hi> aus dieser Bestimmtheit in die entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gesetzte; und endlich eine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, welche <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> vor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>handen ist. Die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> drückt hiemit die <hi rendition="#g">geistige</hi> Wesenheit aus, worin<lb n="27"/>alle diese Momente aufgehoben sind als fürsichgeltende, also nur als allgemeine<lb n="28"/>gelten, und worin dem Bewußtseyn seine Gewißheit von sich selbst gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liches Wesen, <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi>, ist; der aus dem Selbstbewußtseyn als der <hi rendition="#g">seinige</hi><lb n="30"/>herausgeborne Gegenstand, ohne aufzuhören freyer, eigentlicher Gegenstand zu<lb n="31"/>seyn. – Das <hi rendition="#g">Ding</hi> der sinnlichen Gewißheit und des Wahrnehmens hat nun für<lb n="32"/>das Selbstbewußtseyn allein seine Bedeutung durch es; hierauf beruht der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>schied eines <hi rendition="#g">Dings</hi> und einer <hi rendition="#g">Sache</hi>. – Es wird eine der sinnlichen Gewißheit<lb n="34"/>und Wahrnehmung entsprechende Bewegung daran durchlauffen.</p>
<p><lb n="35"/>In <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> also, als der gegenständlich gewordnen Durchdringung<lb n="36"/>der Individualität und der Gegenständlichkeit selbst ist dem Selbstbewußtseyn<lb n="37"/>sein wahrer Begriff von sich geworden, oder es ist zum Bewußtseyn seiner Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>stanz gekommen. Es ist zugleich, wie es hier ist, ein so eben gewordenes und daher<lb n="39"/><hi rendition="#g">unmittelbares</hi> Bewußtseyn derselben, und diß ist die bestimmte Weise, in welcher</p>
<pb n="224" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=231" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>das geistige Wesen hier vorhanden, und noch nicht zur wahrhafft realen Substanz<lb n="2"/>gediehen ist. Die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> hat in diesem unmittelbaren Bewußtseyn der<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>selben die Form des <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi>, welches als allgemeines alle seine ver<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>schiedenen Momente in sich enthält, und ihnen zukommt, aber auch wieder gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gültig gegen sie als bestimmte Momente und frey für sich ist, und als diese freye<lb n="6"/><hi rendition="#g">einfache</hi>, <hi rendition="#g">abstracte</hi> Sache selbst, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">gilt</hi>. Die verschiedenen<lb n="7"/>Momente der ursprünglichen Bestimmtheit oder der <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> Individuums,<lb n="8"/>seines Zwecks, der Mittel, des Thuns selbst und der Wirklichkeit, sind für dieses<lb n="9"/>Bewußtseyn einerseits einzelne Momente, welche es gegen die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="10"/>verlassen und aufgeben kann; andererseits aber haben sie alle die Sache selbst nur<lb n="11"/>so zum Wesen, daß sie als das <hi rendition="#g">abstracte</hi> Allgemeine derselben <hi rendition="#g">an</hi> jedem dieser<lb n="12"/>verschiedenen Momente sich findet und <hi rendition="#g">Prädicat</hi> derselben seyn kann. Sie selbst<lb n="13"/>ist noch nicht das Subject, sondern dafür gelten jene Momente, weil sie auf die<lb n="14"/>Seite der <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> überhaupt fallen, die Sache selbst aber nur erst das ein<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>fach allgemeine ist. Sie ist die <hi rendition="#g">Gattung</hi>, welche sich in allen diesen Momenten<lb n="16"/>als ihren <hi rendition="#g">Arten</hi> findet, und ebenso frey davon ist.</p>
<p><lb n="17"/>Das Bewußtseyn heißt <hi rendition="#g">ehrlich</hi>, welches einestheils zu diesem Idealismus gekom<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>men, den <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ausdrückt, und anderntheils an ihr als dieser formalen<lb n="19"/>Allgemeinheit das Wahre hat; dem es immer nur um sie zu thun ist, das sich daher<lb n="20"/>in ihren verschiedenen Momenten oder Arten herumtreibt, und indem es sie in<lb n="21"/>einem derselben oder in einer Bedeutung nicht erreicht, ebendadurch in dem<lb n="22"/>andern ihrer habhafft wird, somit die Befriedigung in der That immer gewinnt,<lb n="23"/>welche diesem Bewußtseyn seinem Begriffe nach zu Theil werden sollte. Es mag<lb n="24"/>gehen, wie es will, so hat es die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> vollbracht und erreicht, denn sie<lb n="25"/>ist als diese <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Gattung jener Momente Prädicat Aller.</p>
<p><lb n="26"/>Bringt es einen <hi rendition="#g">Zweck</hi> nicht zur <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, so hat es ihn doch <hi rendition="#g">gewollt</hi>,<lb n="27"/>das heißt, es macht den <hi rendition="#g">Zweck</hi> als Zweck, das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi>, welches nichts<lb n="28"/>thut, zur <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; und kann sich daher so ausdrücken und trösten, daß<lb n="29"/>doch immer etwas <hi rendition="#g">gethan</hi> und <hi rendition="#g">getrieben</hi> worden ist. Da das Allgemeine<lb n="30"/>selbst das negative oder das Verschwinden unter sich enthält, so ist auch diß, daß<lb n="31"/>das Werk sich vernichtet, selbst <hi rendition="#g">sein</hi> Thun; es hat die andern dazu gereitzt, und<lb n="32"/>findet in dem <hi rendition="#g">Verschwinden</hi> seiner Wirklichkeit noch die Befriedigung, wie<lb n="33"/>böse Jungen in der Ohrfeige, die sie erhalten, <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> genießen, nemlich<lb n="34"/>als Ursache derselben. Oder es hat die Sache selbst auszuführen auch <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">mal</hi> <hi rendition="#g">versucht</hi>, und <hi rendition="#g">gar</hi> <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">gethan</hi>, so hat es nicht <hi rendition="#g">gemocht</hi>; <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="36"/><hi rendition="#g">selbst</hi> ist ihm eben <hi rendition="#g">Einheit</hi> seines <hi rendition="#g">Entschlusses</hi> und <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi>; es be<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hauptet, daß die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> nichts anders wäre als sein <hi rendition="#g">Mögen</hi>. – Es ist end<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>lich etwas ihm interessantes überhaupt ohne sein Zuthun geworden, so ist ihm<lb n="39"/>diese <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> die Sache selbst eben in dem Interesse, das es daran findet,</p>
<pb n="225" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=232" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>ob sie gleich nicht von ihm hervorgebracht worden ist; ist es ein Glück, das ihm<lb n="2"/>persönlich widerfahren, so hält es darauf als auf seine <hi rendition="#g">That</hi> und <hi rendition="#g">Verdienst</hi>;<lb n="3"/>ist es sonst eine Weltbegebenheit, die es weiter nichts angeht, so macht es sie ebenso<lb n="4"/>zu der seinigen, und <hi rendition="#g">thatloses</hi> <hi rendition="#g">Interesse</hi> gilt ihm für <hi rendition="#g">Parthey</hi>, die es dafür<lb n="5"/>oder dawider genommen, und <hi rendition="#g">bekämpft</hi> oder <hi rendition="#g">gehalten</hi> hat.</p>
<p><lb n="6"/>Die <hi rendition="#g">Ehrlichkeit</hi> dieses Bewußtseyns, sowie die Befriedigung, die es allent<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>halben erlebt, besteht, wie erhellt, in der That darin, daß es seine <hi rendition="#g">Gedanken</hi>,<lb n="8"/>die es von der Sache selbst hat, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">zusammenbringt</hi>. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="9"/>ist ihm ebensowohl <hi rendition="#g">seine</hi> Sache, wie gar <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi>, oder das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi><lb n="10"/>und der <hi rendition="#g">leere</hi> <hi rendition="#g">Zweck</hi>, oder auch eine <hi rendition="#g">thatlose</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>; es macht<lb n="11"/>eine Bedeutung nach der andern zum Subjecte dieses Prädicats, und vergißt die<lb n="12"/>eine nach der andern. Itzt im bloßen <hi rendition="#g">Gewollt-</hi>, oder auch im <hi rendition="#g">Nichtgemocht<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/>haben, hat die Sache selbst die Bedeutung des <hi rendition="#g">leeren</hi> <hi rendition="#g">Zwecks</hi>, und der <hi rendition="#g">ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">dachten</hi> Einheit des Wollens und Vollbringens. Der Trost über die Vernichtung<lb n="15"/>des Zwecks, doch <hi rendition="#g">gewollt</hi>, oder doch <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">gethan</hi>, so wie die Befriedigung,<lb n="16"/>den andern etwas zu thun gegeben zu haben, macht das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> oder das<lb n="17"/>ganz schlechte Werk zum Wesen, denn dasjenige ist ein schlechtes zu nennen,<lb n="18"/>welches gar keines ist. Endlich beym Glücksfall, die Wirklichkeit <hi rendition="#g">vorzufinden</hi>,<lb n="19"/>wird dieses Seyn ohne That zur Sache selbst.</p>
<p><lb n="20"/>Die Wahrheit dieser Ehrlichkeit aber ist, nicht so ehrlich zu seyn, als sie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sieht. Denn sie kann nicht so gedankenlos seyn, diese verschiedenen Momente<lb n="22"/>in der That so auseinanderfallen zu lassen, sondern sie muß das unmittelbare Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wußtseyn über ihren Gegensatz haben, weil sie sich schlechthin aufeinander be<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ziehen. Das <hi rendition="#g">reine</hi> Thun ist wesentlich Thun <hi rendition="#g">dieses</hi> Individuums, und dieses<lb n="25"/>Thun ist ebenso wesentlich eine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, oder eine Sache. Umgekehrt<lb n="26"/>ist die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> wesentlich nur als <hi rendition="#g">sein</hi> Thun, so wie als <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">über<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">haupt</hi>; und <hi rendition="#g">sein</hi> Thun ist zugleich nur wie Thun überhaupt, so auch Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>lichkeit. Indem es ihm also nur um die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> als <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Wirklich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> zu thun scheint, ist auch diß vorhanden, daß es ihm um sie als <hi rendition="#g">sein</hi> Thun<lb n="30"/>zu thun ist. Aber ebenso, indem es ihm nur ums <hi rendition="#g">Thun</hi> und <hi rendition="#g">Treiben</hi> zu thun<lb n="31"/>ist, ist es ihm damit nicht Ernst, sondern es ist ihm um <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> zu thun, und<lb n="32"/>um die Sache als die <hi rendition="#g">seinige</hi>. Indem es endlich nur <hi rendition="#g">seine</hi> Sache und <hi rendition="#g">sein</hi><lb n="33"/>Thun zu wollen scheint, ist es wieder um die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, oder die an<lb n="34"/>und für sich bleibende Wirklichkeit zu thun.</p>
<p><lb n="35"/>Wie die Sache selbst und ihre Momente hier als <hi rendition="#g">Inhalt</hi> erscheinen, eben so<lb n="36"/>nothwendig sind sie auch <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Formen</hi> an dem Bewußtseyn. Sie treten als Inhalt<lb n="37"/>nur auf, um zu verschwinden, und jedes macht dem andern Platz. Sie müssen daher<lb n="38"/>in der Bestimmtheit, als <hi rendition="#g">aufgehobene</hi>, vorhanden seyn; so aber sind sie Seiten<lb n="39"/>des Bewußtseyns selbst. <hi rendition="#g">Die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist als das <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder seine <hi rendition="#g">Re-</hi></p>
<pb n="226" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=233" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">flexion</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> vorhanden, die <hi rendition="#g">Verdrängung</hi> der Momente aber durch<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>einander drückt sich an ihm so aus, daß sie nicht an sich, sondern nur für <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">anderes</hi> an ihm gesetzt sind. Das eine der Momente des Inhalts wird von ihm<lb n="4"/>dem Tage ausgesetzt, und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> vorgestellt; das Bewußtseyn ist aber zu<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gleich daraus in sich reflectirt, und das entgegengesetzte ebenso in ihm vorhanden;<lb n="6"/>es behält es für sich, als das seinige. Es ist zugleich auch nicht irgend eines derselben,<lb n="7"/>welches allein <hi rendition="#g">nur</hi> hinausgestellt, und ein anderes, das nur im Innern behalten<lb n="8"/>würde, sondern das Bewußtseyn wechselt mit ihnen ab; denn es muß das eine wie<lb n="9"/>das andere zum wesentlichen für sich und für die andere machen. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Ganze</hi><lb n="10"/>ist die sich bewegende Durchdringung der Individualität und des Allgemeinen;<lb n="11"/>weil aber diß Ganze für diß Bewußtseyn nur als das <hi rendition="#g">einfache</hi> Wesen und damit<lb n="12"/>als die Abstraction <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> vorhanden ist, fallen seine Momente als<lb n="13"/>getrennte außer ihr und auseinander; und <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Ganzes</hi> wird es nur durch die<lb n="14"/>trennende Abwechslung des Ausstellens und des Fürsichbehaltens erschöpft und<lb n="15"/>dargestellt. Indem in dieser Abwechslung das Bewußtseyn Ein Moment für sich<lb n="16"/>und als wesentliches in seiner Reflexion, ein anderes aber nur äußerlich an <hi rendition="#g">ihm</hi><lb n="17"/>oder für die <hi rendition="#g">andern</hi> hat, tritt damit ein Spiel der Individualitäten miteinander<lb n="18"/>ein, worin sie sowohl sich selbst als sich gegenseitig, sowohl betrügen, als betrogen<lb n="19"/>finden.</p>
<p><lb n="20"/>Eine Individualität geht also, etwas auszuführen; sie scheint damit etwas <hi rendition="#g">zur</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">Sache</hi> gemacht zu haben; sie handelt, wird darin für andere, und es scheint ihr<lb n="22"/>um die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> zu thun zu seyn. Die Andern nehmen also das Thun der<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>selben für ein Interesse an der Sache als solcher, und für den Zweck, daß <hi rendition="#g">die</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">ausgeführt</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>; gleichgültig, ob von der ersten Individualität,<lb n="25"/>oder von ihnen. Indem sie hienach diese Sache schon von ihnen zu Stande gebracht<lb n="26"/>aufzeigen, oder wo nicht, ihre Hülffe anbieten und leisten, so ist jenes Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn vielmehr da heraus, wo sie meynen, daß es sey; es ist <hi rendition="#g">sein</hi> Thun und Treiben,<lb n="28"/>was es bey der Sache interessirt, und indem sie inne werden, daß diß <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">selbst</hi> war, finden sie sich also getäuscht. – Aber in der That war ihr Herbey<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>eilen, um zu helffen, selbst nichts anders, als daß sie <hi rendition="#g">ihr</hi> Thun, nicht die <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">selbst</hi>, sehen und zeigen wollten; d. h. sie wollten das andere auf eben die Weise<lb n="32"/>betrügen, als sie sich betrogen worden zu seyn beschweren. – Indem es nun itzt<lb n="33"/>herausgekehrt ist, daß das <hi rendition="#g">eigne</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> und <hi rendition="#g">Treiben</hi>, das Spiel <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Kräffte</hi><lb n="34"/>für die Sache selbst gilt, so scheint das Bewußtseyn, sein Wesen <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, nicht<lb n="35"/>für die andern, zu treiben, und nur bekümmert um das Thun als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">seinige</hi>,<lb n="36"/>nicht um es als ein Thun der <hi rendition="#g">Andern</hi>, hiemit die andern ebenso in <hi rendition="#g">ihrer</hi> Sache<lb n="37"/>gewähren zu lassen. Allein sie irren sich wieder; es ist schon da heraus, wo sie es</p>
<pb n="227" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=234" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>zu seyn meynten. Es ist ihm nicht um die Sache als <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> zu<lb n="2"/>thun, sondern um sie als <hi rendition="#g">Sache</hi>, als allgemeines, das für alle ist. Es mischt sich also<lb n="3"/>in ihr Thun und Werk, und wenn es ihnen dasselbe nicht mehr aus der Hand neh<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>men kann, interessirt es sich wenigstens dadurch dabey, daß es sich durch Urtheilen<lb n="5"/>zu thun macht; drückt es ihm den Stempel seiner Billigung und seines Lobes auf,<lb n="6"/>so ist diß so gemeynt, daß es am Werke nicht nur das Werk selbst lobt, sondern<lb n="7"/>zugleich <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">eigne</hi> Großmuth und Mäßigung, das Werk nicht als Werk und<lb n="8"/>auch nicht durch seinen Tadel verdorben zu haben. Indem es ein Interesse am<lb n="9"/><hi rendition="#g">Werke</hi> zeigt, genießt <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> darin; ebenso ist ihm das <hi rendition="#g">Werk</hi>, das von<lb n="10"/>ihm getadelt wird, willkommen für eben diesen Genuß <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">eignen</hi> Thuns,<lb n="11"/>der ihm dadurch verschafft wird. Die aber sich durch diese Einmischung für be<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>trogen halten oder ausgeben, wollten vielmehr selbst auf gleiche Weise betrügen.<lb n="13"/>Sie geben ihr Thun und Treiben für etwas aus, das nur für sie selbst ist, worin<lb n="14"/>sie nur <hi rendition="#g">sich</hi> und <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">eignes</hi> Wesen bezweckten. Allein indem sie etwas thun,<lb n="15"/>und hiemit sich darstellen und dem Tage zeigen, widersprechen sie unmittelbar<lb n="16"/>durch die That ihrem Vorgeben, den Tag selbst, das allgemeine Bewußtseyn und<lb n="17"/>die Theilnahme Aller ausschließen zu wollen; die Verwirklichung ist vielmehr<lb n="18"/>eine Ausstellung des Seinigen in das allgemeine Element, wodurch es zur <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="19"/>Aller wird, und werden soll.</p>
<p><lb n="20"/>Es ist also ebenso Betrug seiner selbst und der andern, wenn es nur um die<lb n="21"/><hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> zu thun seyn soll; ein Bewußtseyn, das eine Sache aufthut, macht<lb n="22"/>vielmehr die Erfahrung, daß die Andern, wie die Fliegen zu frischaufgestellter<lb n="23"/>Milch, herbeyeilen und sich dabey geschäfftig wissen wollen; und sie an ihm,<lb n="24"/>daß es ihm ebenso nicht um die Sache als Gegenstand, sondern als um die <hi rendition="#g">seinige</hi><lb n="25"/>zu thun ist. Hingegen, wenn nur das <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, der Gebrauch der Kräffte<lb n="26"/>und Fähigkeiten oder das Aussprechen dieser Individualität, das wesentliche seyn<lb n="27"/>soll, so wird ebenso gegenseitig die Erfahrung gemacht, daß <hi rendition="#g">alle</hi> sich rühren<lb n="28"/>und für eingeladen halten, und statt eines <hi rendition="#g">reinen</hi> Thuns, oder eines <hi rendition="#g">einzelnen</hi><lb n="29"/>eigenthümlichen Thuns vielmehr etwas, das ebensowohl <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> ist, oder<lb n="30"/><hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> aufgethan wurde. Es geschieht in beyden Fällen dasselbe,<lb n="31"/>und hat nur einen verschiedenen Sinn gegen denjenigen, der dabey angenommen<lb n="32"/>wurde und gelten sollte. Das Bewußtseyn erfährt beyde Seiten als gleich wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>liche Momente, und hierin was die <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist, nemlich weder<lb n="34"/>nur Sache, welche dem Thun überhaupt und dem einzelnen Thun, noch Thun,<lb n="35"/>welches dem Bestehen entgegengesetzt und die von diesen Momenten als ihren<lb n="36"/><hi rendition="#g">Arten</hi> freye <hi rendition="#g">Gattung</hi> wäre, sondern ein Wesen, dessen <hi rendition="#g">Seyn</hi> das <hi rendition="#g">Thun</hi> des<lb n="37"/><hi rendition="#g">einzelnen</hi> Individuums und aller Individuen, und dessen Thun unmittelbar<lb n="38"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andre</hi>, oder eine <hi rendition="#g">Sache</hi> ist, und nur Sache ist als <hi rendition="#g">Thun</hi> <hi rendition="#g">Aller</hi> und <hi rendition="#g">Jeder</hi>;<lb n="39"/>das Wesen, welches das Wesen aller Wesen, das <hi rendition="#g">geistige</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist. Das Be-</p>
<pb n="228" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=235" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>wußtseyn erfährt, daß keins jener Momente <hi rendition="#g">Subject</hi> ist, sondern sich vielmehr<lb n="2"/>in der <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> auflöst; die Momente der Individualität,<lb n="3"/>welche der Gedankenlosigkeit dieses Bewußtseyns nach einander als Subject galten,<lb n="4"/>nehmen sich in die einfache Individualität zusammen, die als <hi rendition="#g">diese</hi> ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>mittelbar allgemein ist. Die Sache selbst verliert dadurch das Verhältniß des Prädi<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>cats, und die Bestimmtheit lebloser abstracter Allgemeinheit, sie ist vielmehr die<lb n="7"/>von der Individualität durchdrungene Substanz; das Subject, worin die Indivi<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>dualität ebenso als sie selbst oder als <hi rendition="#g">diese</hi>, wie als <hi rendition="#g">alle</hi> Individuen ist, und das<lb n="9"/>allgemeine, das nur als diß Thun Aller und Jeder ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist, eine Wirklichkeit<lb n="10"/>darin, daß <hi rendition="#g">dieses</hi> Bewußtseyn sie als seine einzelne Wirklichkeit und als Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichkeit Aller weiß. Die reine <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist das, was sich oben als die <hi rendition="#g">Kate<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">gorie</hi> bestimmte, das Seyn das Ich, oder Ich das Seyn ist, aber als <hi rendition="#g">Denken</hi> wel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ches vom <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> sich noch unterscheidet; hier<lb n="14"/>aber sind die Momente des wirklichen Selbstbewußtseyns, insofern wir sie seinen<lb n="15"/>Inhalt, Zweck, Thun und Wirklichkeit, wie insofern wir sie seine Form nennen,<lb n="16"/>Fürsichseyn und Seyn für anderes, mit der einfachen Kategorie selbst als eins gesetzt,<lb n="17"/>und sie ist dadurch zugleich aller Inhalt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="18"/>b.</head>
<head><lb n="19"/>Die gesetzgebende Vernunfft.</head>
<p><lb n="20"/>Das geistige Wesen ist in seinem einfachen Seyn <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> und<lb n="21"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn. Die ursprünglich-<hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> des Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>viduums hat ihre positive Bedeutung, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das Element und der Zweck seiner<lb n="23"/>Thätigkeit zu seyn, verloren; sie ist nur aufgehobnes Moment, und das Indivi<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>duum ein <hi rendition="#g">Selbst</hi>; als allgemeines Selbst. Umgekehrt hat die <hi rendition="#g">formale</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">selbst</hi> ihre Erfüllung <hi rendition="#g">an</hi> der thuenden sich in sich unterscheidenden Individualität;<lb n="26"/>denn die Unterschiede dieser machen den <hi rendition="#g">Inhalt</hi> jenes Allgemeinen aus. Die<lb n="27"/>Kategorie ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, als das Allgemeine des <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>; sie ist<lb n="28"/>ebenso <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, denn das <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußtseyns ist ebenso ihr Moment. Sie<lb n="29"/>ist absolutes <hi rendition="#g">Seyn</hi>, denn jene Allgemeinheit ist die einfache <hi rendition="#g">Sichselbstgleich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Was also dem Bewußtseyn der Gegenstand ist, hat die Bedeutung das <hi rendition="#g">Wahre</hi><lb n="32"/>zu seyn; <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> und <hi rendition="#g">gilt</hi> in dem Sinne, an und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> zu <hi rendition="#g">seyn</hi> und<lb n="33"/><hi rendition="#g">gelten</hi>; es ist die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi>, welche nicht mehr von dem Gegensatze<lb n="34"/>der Gewißheit und ihrer Wahrheit, des Allgemeinen und des Einzelnen, des Zwecks</p>
<pb n="229" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=236" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>und seiner Realität leidet, sondern deren Daseyn die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> und das<lb n="2"/><hi rendition="#g">Thun</hi> des Selbstbewußtseyns ist; diese Sache ist daher die <hi rendition="#g">sittliche</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi>;<lb n="3"/>das Bewußtseyn derselben <hi rendition="#g">sittliches</hi> Bewußtseyn. Sein Gegenstand gilt ihm<lb n="4"/>ebenso als das <hi rendition="#g">Wahre</hi>, denn es vereinigt Selbstbewußtseyn und Seyn in Einer<lb n="5"/>Einheit; es gilt als das <hi rendition="#g">Absolute</hi>, denn das Selbstbewußtseyn kann und will nicht<lb n="6"/>mehr über diesen Gegenstand hinausgehen, denn es ist darin bey sich selbst; es<lb n="7"/><hi rendition="#g">kann</hi> nicht, denn er ist alles Seyn und Macht; – es <hi rendition="#g">will</hi> nicht, denn er ist das<lb n="8"/><hi rendition="#g">Selbst</hi> oder der Willen dieses Selbsts. Er ist der <hi rendition="#g">reale</hi> Gegenstand an ihm selbst<lb n="9"/>als Gegenstand, denn er hat den Unterschied des Bewußtseyns an ihm; er theilt<lb n="10"/>sich in Massen, welche die <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Gesetze</hi> des absoluten Wesens sind.<lb n="11"/>Diese Massen aber trüben den Begriff nicht, denn in ihm bleiben die Momente<lb n="12"/>des Seyns und reinen Bewußtseyns und des Selbsts eingeschlossen, – eine Einheit,<lb n="13"/>welche das Wesen dieser Massen ausmacht, und in diesem Unterschiede diese<lb n="14"/>Momente nicht mehr auseinander treten läßt.</p>
<p><lb n="15"/>Diese Gesetze oder Massen der sittlichen Substanz sind unmittelbar anerkannt;<lb n="16"/>es kann nicht nach ihrem Ursprunge und Berechtigung gefragt und nach einem<lb n="17"/>andern gesucht werden, denn ein anderes als das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende<lb n="18"/>Wesen wäre nur das Selbstbewußtseyn selbst; aber es ist nichts anderes als diß<lb n="19"/>Wesen, denn es selbst ist das Fürsichseyn dieses Wesens, welches ebendarum die<lb n="20"/>Wahrheit ist, weil es ebensosehr das <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußtseyns, als sein <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="21"/>oder reines Bewußtseyn ist.</p>
<p><lb n="22"/>Indem das Selbstbewußtseyn sich als Moment des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> dieser Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stanz weiß, so drückt es also das Daseyn des Gesetzes in ihm so aus, daß die <hi rendition="#g">gesunde</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Vernunft</hi> unmittelbar weiß, was <hi rendition="#g">recht</hi> und <hi rendition="#g">gut</hi> ist. So <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> sie es <hi rendition="#g">weiß</hi>,<lb n="25"/>so unmittelbar <hi rendition="#g">gilt</hi> es ihr auch, und sie sagt unmittelbar: <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> recht und gut. Und<lb n="26"/>zwar <hi rendition="#g">diß</hi>; es sind <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Gesetze, es ist erfüllte, inhaltsvolle Sache selbst.</p>
<p><lb n="27"/>Was sich so unmittelbar gibt, muß ebenso unmittelbar aufgenommen und<lb n="28"/>betrachtet werden; wie von dem, was die sinnliche Gewißheit unmittelbar als<lb n="29"/>seyend ausspricht, ist auch von dem Seyn, welches diese sittliche unmittelbare<lb n="30"/>Gewißheit ausspricht, oder von den unmittelbar seyenden Massen des sittlichen<lb n="31"/>Wesens zu sehen, wie sie beschaffen sind. Die Beyspiele einiger solcher Gesetze<lb n="32"/>werden diß zeigen, und indem wir sie in der Form von Aussprüchen der <hi rendition="#g">wissen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">den</hi>, gesunden Vernunft nehmen, haben wir nicht erst das Moment herbey<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>zubringen, welches an ihnen, sie als <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> sittliche Gesetze betrachtet,<lb n="35"/>geltend zu machen ist.</p>
<p><lb n="36"/>»<hi rendition="#g">Jeder</hi> <hi rendition="#g">soll</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">sprechen</hi>.« – Bey dieser als unbedingt aus<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gesprochnen Pflicht wird sogleich die Bedingung zugegeben werden: <hi rendition="#g">wenn</hi></p>
<pb n="230" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=237" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>er die Wahrheit weiß. Das Gebot wird hiemit jetzt so lauten: <hi rendition="#g">jeder</hi> <hi rendition="#g">soll</hi> <hi rendition="#g">die</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">reden</hi>, <hi rendition="#g">jedesmal</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Kenntniß</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi><lb n="3"/>davon. Die gesunde Vernunft, eben diß sittliche Bewußtseyn, welches unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bar weiß, was recht und gut ist, wird auch erklären, daß diese Bedingung mit<lb n="5"/>seinem allgemeinen Ausspruche schon so verbunden gewesen sey, daß sie jenes<lb n="6"/>Gebot so <hi rendition="#g">gemeynt</hi> habe. Damit gibt sie aber in der That zu, daß sie vielmehr<lb n="7"/>schon unmittelbar im Aussprechen desselben dasselbe verletzte; sie <hi rendition="#g">sprach</hi>: jeder<lb n="8"/>soll die Wahrheit sprechen; sie <hi rendition="#g">meynte</hi> <hi rendition="#g">aber</hi>, er solle sie sprechen nach seiner<lb n="9"/>Kenntniß und Ueberzeugung davon; das heißt, sie <hi rendition="#g">sprach</hi> <hi rendition="#g">anders</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sie</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">meynte</hi>; und anders sprechen als man meynt, heißt die Wahrheit nicht sprechen.<lb n="11"/>Die verbesserte Unwahrheit oder Ungeschicklichkeit drückt sich nun so aus: <hi rendition="#g">jeder</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">solle</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">jedesmaligen</hi> <hi rendition="#g">Kenntniß</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Ueber<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">zeugung</hi> <hi rendition="#g">davon</hi> <hi rendition="#g">sprechen</hi>. – Damit aber hat sich das <hi rendition="#g">allgemein-noth<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">wendige</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geltende, welches der Satz aussprechen wollte, vielmehr in<lb n="15"/>eine vollkommne <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> verkehrt. Denn daß die Wahrheit gesprochen<lb n="16"/>wird, ist dem Zufalle, ob ich sie kenne und mich davon überzeugen kann, anheim<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gestellt; und es ist weiter nichts gesagt, als daß Wahres und Falsches durcheinander,<lb n="18"/>wie es kommt, daß es einer kennt, meynt und begreifft, gesprochen werden solle.<lb n="19"/>Diese <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Inhalts</hi> hat die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> nur an der <hi rendition="#g">Form</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">eines</hi> <hi rendition="#g">Satzes</hi>, in der sie ausgedrückt ist; aber als sittlicher Satz verspricht er einen<lb n="21"/>allgemeinen und nothwendigen <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, und widerspricht so durch die Zufällig<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>keit desselben sich selbst. – Wird endlich der Satz so verbessert: daß die Zufällig<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>keit der Kenntniß und Ueberzeugung von der Wahrheit wegfallen und die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heit auch <hi rendition="#g">gewußt</hi> werden <hi rendition="#g">solle</hi>; so wäre diß ein Gebot, welches dem geradezu<lb n="25"/>widerspricht, wovon ausgegangen wurde. Die gesunde Vernunft sollte zuerst<lb n="26"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> die Fähigkeit haben, die Wahrheit auszusprechen; itzt aber ist<lb n="27"/>gesagt, daß sie sie <hi rendition="#g">wissen</hi> <hi rendition="#g">sollte</hi>, das heißt, sie nicht <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> auszusprechen<lb n="28"/>wisse. – Von Seite des <hi rendition="#g">Inhalts</hi> betrachtet, so ist er in der Foderung, man solle<lb n="29"/>die Wahrheit <hi rendition="#g">wissen</hi>, hinweggefallen; denn sie bezieht sich auf das <hi rendition="#g">Wissen</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">überhaupt</hi>: man soll wissen; was gefodert ist, ist also vielmehr das von allem<lb n="31"/>bestimmten Inhalte freye. Aber hier war von einem <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Inhalt, von<lb n="32"/><hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> an der sittlichen Substanz die Rede. Allein diese <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbare</hi> Bestimmung derselben ist ein solcher Inhalt, der sich vielmehr als<lb n="34"/>eine vollkommene Zufälligkeit zeigte, und in die Allgemeinheit und Nothwendig<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>keit erhoben, so daß das <hi rendition="#g">Wissen</hi> als das Gesetz ausgesprochen wird, vielmehr<lb n="36"/>verschwindet.</p>
<p><lb n="37"/>Ein anderes berühmtes Gebot ist: <hi rendition="#g">Liebe</hi> <hi rendition="#g">deinen</hi> <hi rendition="#g">Nächsten</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">dich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>.<lb n="38"/>Es ist an den Einzelnen im Verhältnisse zu den Einzelnen gerichtet, und <hi rendition="#g">behauptet</hi><lb n="39"/><hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi> <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi>, oder als Verhält-</p>
<pb n="231" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=238" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>niß der Empfindung. Die thätige Liebe, – denn eine unthätige hat kein Seyn, und<lb n="2"/>ist darum wohl nicht gemeynt, – geht darauf, Uebel von einem Menschen ab<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zusondern, und ihm Gutes zuzufügen. Zu diesem Behuff muß unterschieden wer<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>den, was an ihm das Uebel, was gegen diß Uebel das zweckmäßige Gute, und<lb n="5"/>was überhaupt sein Wohl ist; das heißt, ich muß ihn mit <hi rendition="#g">Verstand</hi> lieben; un<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>verständige Liebe wird ihm schaden, vielleicht mehr als Haß. Das verständige<lb n="7"/>wesentliche Wohlthun ist aber in seiner reichsten und wichtigsten Gestalt, das<lb n="8"/>verständige allgemeine Thun des Staats, – ein Thun, mit welchem verglichen das<lb n="9"/>Thun des Einzelnen als eines Einzelnen etwas überhaupt so geringfügiges wird,<lb n="10"/>daß es fast nicht der Mühe werth ist, davon zu sprechen. Jenes Thun ist dabey<lb n="11"/>von so großer Macht, daß, wenn das einzelne Thun sich ihm entgegensetzen, und<lb n="12"/>entweder geradezu für sich Verbrechen seyn oder einem andern zu Liebe das All<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gemeine um das Recht und den Antheil, welchen es an ihm hat, betrügen wollte,<lb n="14"/>es überhaupt unnütz seyn, und unwiderstehlich zerstört werden würde. Es bleibt<lb n="15"/>dem Wohlthun, welches Empfindung ist, nur die Bedeutung eines ganz einzelnen<lb n="16"/>Thuns, einer Nothhülffe, die ebenso zufällig als augenblicklich ist. Der Zufall<lb n="17"/>bestimmt nicht nur seine Gelegenheit, sondern auch diß, ob es überhaupt ein<lb n="18"/><hi rendition="#g">Werk</hi> ist, ob es nicht sogleich wieder aufgelöst, und selbst vielmehr in Uebel<lb n="19"/>verkehrt wird. Dieses Handeln also zum Wohl anderer, das als <hi rendition="#g">nothwendig</hi><lb n="20"/>ausgesprochen wird, ist so beschaffen, daß es vielleicht existiren kann, vielleicht<lb n="21"/>auch nicht; daß, wenn der Fall zufälliger Weise sich darbietet, es vielleicht ein<lb n="22"/>Werk, vielleicht gut ist, vielleicht auch nicht. Diß Gesetz hat hiemit ebensowenig<lb n="23"/>einen allgemeinen Inhalt als das erste, das betrachtet wurde, und drückt nicht, wie<lb n="24"/>es als absolutes Sittengesetz sollte, etwas aus, das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Oder solche<lb n="25"/>Gesetze bleiben nur beym <hi rendition="#g">Sollen</hi> stehen, haben aber keine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>;<lb n="26"/>sie sind nicht <hi rendition="#g">Gesetze</hi>, sondern nur <hi rendition="#g">Gebote</hi>.</p>
<p><lb n="27"/>Es erhellt aber in der That aus der Natur der Sache selbst, daß auf einen all<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gemeinen absoluten <hi rendition="#g">Inhalt</hi> Verzicht gethan werden muß; denn der einfachen<lb n="29"/>Substanz, und ihr Wesen ist diß einfache zu seyn, ist jede <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, die<lb n="30"/>an ihr gesetzt wird, <hi rendition="#g">ungemäß</hi>. Das Gebot in seiner einfachen Absolutheit spricht<lb n="31"/>selbst <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> <hi rendition="#g">sittliches</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> aus; der Unterschied, der an ihm er<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>scheint, ist eine Bestimmtheit, und also ein Inhalt, der <hi rendition="#g">unter</hi> der absoluten All<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gemeinheit dieses einfachen Seyns steht. Indem hiemit auf einen absoluten Inhalt<lb n="34"/>Verzicht gethan werden muß, kann ihm nur die <hi rendition="#g">formale</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi>,<lb n="35"/>oder diß, daß es sich nicht widerspreche, zukommen, denn die inhaltslose All<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gemeinheit ist die formale, und absoluter Inhalt heißt selbst soviel, als ein Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schied, der keiner ist, oder als Inhaltslosigkeit.</p>
<p><lb n="38"/>Was dem Gesetzgeben übrig bleibt, ist also die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Form</hi> der <hi rendition="#g">Allgemein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="39" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> oder in der That die <hi rendition="#g">Tavtologie</hi> des Bewußtseyns, welche dem Inhalt</p>
<pb n="232" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=239" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>gegenübertritt, und ein <hi rendition="#g">Wissen</hi> nicht von dem <hi rendition="#g">seyenden</hi>, oder eigentli<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>chen <hi rendition="#g">Inhalte</hi>, sondern von dem <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder der Sichselbstgleichheit dessel<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ben ist.</p>
<p><lb n="4"/>Das sittliche Wesen ist hiemit nicht unmittelbar selbst ein Inhalt, sondern nur<lb n="5"/>ein Maßstab, ob ein Inhalt fähig sey, Gesetz zu seyn oder nicht, indem er sich nicht<lb n="6"/>selbst widerspricht. Die gesetzgebende Vernunft ist zu einer nur <hi rendition="#g">prüffenden</hi><lb n="7"/>Vernunft herabgesetzt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="8"/>c.</head>
<head><lb n="9"/>Gesetzprüffende Vernunfft.</head>
<p><lb n="10"/>Ein Unterschied an der einfachen sittlichen Substanz ist eine Zufälligkeit für<lb n="11"/>sie, welche wir an dem bestimmten Gebote als Zufälligkeit des Wissens, der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>lichkeit und des Thuns hervortreten sahen. Die <hi rendition="#g">Vergleichung</hi> jenes einfachen<lb n="13"/>Seyns und der ihm nicht entsprechenden Bestimmtheit fiel in uns; und die einfache<lb n="14"/>Substanz hat sich darin formale Allgemeinheit oder reines <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> zu<lb n="15"/>seyn gezeigt, das frey von dem Inhalte ihm gegenübertritt, und ein <hi rendition="#g">Wissen</hi> von<lb n="16"/>ihm als dem bestimmten ist. Diese Allgemeinheit bleibt auf diese Weise dasselbe,<lb n="17"/>was die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> war. Aber sie ist im Bewußtseyn ein anderes; sie ist nemlich<lb n="18"/>nicht mehr die gedankenlose träge Gattung, sondern bezogen auf das Besondere,<lb n="19"/>und geltend für dessen Macht und Wahrheit. – Diß Bewußtseyn scheint zunächst<lb n="20"/>dasselbe Prüffen, welches wir vorhin waren, und sein Thun nichts anderes seyn<lb n="21"/>zu können, als schon geschehen ist, eine Vergleichung des allgemeinen mit dem<lb n="22"/>bestimmten, woraus sich ihre Unangemessenheit wie vorhin ergäbe. Aber das<lb n="23"/>Verhältniß des Inhalts zum Allgemeinen ist hier ein anderes, indem dieses eine<lb n="24"/>andere Bedeutung gewonnen hat; es ist <hi rendition="#g">formale</hi> Allgemeinheit, deren der be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stimmte Inhalt fähig ist, denn in ihr wird er nur in Beziehung auf sich selbst be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>trachtet. Bey unserm Prüffen stand die allgemeine gediegene Substanz, der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>stimmtheit gegenüber, welche sich als Zufälligkeit des Bewußtseyns, worein die<lb n="28"/>Substanz eintrat, entwickelte. Hier ist das eine Glied der Vergleichung verschwun<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>den; das Allgemeine ist nicht mehr die <hi rendition="#g">seyende</hi> und <hi rendition="#g">geltende</hi> Substanz, oder<lb n="30"/>das an und für sich rechte, sondern einfaches Wissen oder Form, welche einen<lb n="31"/>Inhalt nur mit sich selbst vergleicht, und ihn betrachtet, ob er eine Tavtologie<lb n="32"/>ist. Es werden Gesetze nicht mehr gegeben, sondern <hi rendition="#g">geprüfft</hi>; und die Gesetze<lb n="33"/>sind für das prüffende Bewußtseyn <hi rendition="#g">schon</hi> gegeben; es nimmt ihren <hi rendition="#g">Inhalt</hi> auf,<lb n="34"/>wie er einfach ist, ohne in die Betrachtung der seiner Wirklichkeit anklebenden<lb n="35"/>Einzelnheit und Zufälligkeit einzugehen, wie wir thaten, sondern bleibt bey dem</p>
<pb n="233" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=240" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>Gebote als Gebote stehen, und verhält sich ebenso einfach gegen es, als es sein<lb n="2"/>Maßstab ist.</p>
<p><lb n="3"/>Diß Prüffen reicht aber aus diesem Grunde nicht weit; eben indem der Maßstab,<lb n="4"/>die Tavtologie und gleichgültig gegen den Inhalt ist, nimmt er ebenso gut diesen,<lb n="5"/>als den entgegengesetzten in sich auf. – Es ist die Frage, soll es an und für sich<lb n="6"/>Gesetz seyn, daß <hi rendition="#g">Eigenthum</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>; <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, nicht aus Nützlichkeit<lb n="7"/>für andere Zwecke; die sittliche Wesenheit besteht eben darin, daß das Gesetz<lb n="8"/>nur sich selbst gleiche, und durch diese Gleichheit mit sich also in seinem eignen<lb n="9"/>Wesen gegründet, nicht ein bedingtes sey. Das Eigenthum an und für sich wider<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>spricht sich nicht; es ist eine <hi rendition="#g">isolirte</hi>, oder nur sich selbst gleich gesetzte Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>heit. Nichteigenthum, Herrenlosigkeit der Dinge, oder Gütergemeinschafft, wider<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>spricht sich gerade ebensowenig. Daß etwas Niemand gehört, oder dem Nächsten<lb n="13"/>Besten, der sich in Besitz setzt, oder Allen zusammen, und Jedem nach seinem<lb n="14"/>Bedürfnisse oder zu gleichen Theilen, ist eine <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>, ein<lb n="15"/><hi rendition="#g">formaler</hi> <hi rendition="#g">Gedanke</hi>, wie sein Gegentheil, das Eigenthum. – Wenn das herren<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lose Ding freylich betrachtet wird als ein <hi rendition="#g">nothwendiger</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> des<lb n="17"/><hi rendition="#g">Bedürfnisses</hi>, so ist es nothwendig, daß es der Besitz irgend eines einzelnen<lb n="18"/>werde; und es wäre widersprechend, vielmehr die Freyheit des Dinges zum Gesetze<lb n="19"/>zu machen. Unter der Herrenlosigkeit des Dinges ist aber auch nicht eine absolute<lb n="20"/>Herrenlosigkeit gemeynt, sondern es soll in <hi rendition="#g">Besitz</hi> <hi rendition="#g">kommen</hi>, nach dem <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">dürfnisse</hi> des einzelnen; und zwar nicht um aufbewahrt, sondern um unmit<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>telbar gebraucht zu werden. Aber so ganz nur nach der Zufälligkeit für das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dürfniß zu sorgen, ist der Natur des bewußten Wesens, von dem allein die Rede<lb n="24"/>ist, widersprechend; denn es muß sich sein Bedürfniß in der Form der <hi rendition="#g">Allgemein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> vorstellen, für seine ganze Existenz sorgen, und sich ein bleibendes Gut er<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>werben. So stimmte also der Gedanke, daß ein Ding dem nächsten selbstbewußten<lb n="27"/>Leben nach seinem Bedürfnisse zufälligerweise zu Theil werde, nicht mit sich selbst<lb n="28"/>überein. – In der Gütergemeinschafft, worin auf eine allgemeine und bleibende<lb n="29"/>Weise dafür gesorgt wäre, wird jedem entweder soviel zu Theil, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">braucht</hi>,<lb n="30"/>so widerspricht diese Ungleichheit und das Wesen des Bewußtseyns, dem die<lb n="31"/><hi rendition="#g">Gleichheit</hi> der Einzelnen Princip ist, einander. Oder es wird nach dem letztern<lb n="32"/>Princip <hi rendition="#g">gleich</hi> ausgetheilt, so hat der Antheil nicht die Beziehung auf das Bedürf<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>niß, welche doch allein sein Begriff ist.</p>
<p><lb n="34"/>Allein wenn auf diese Weise das Nichteigenthum widersprechend erscheint,<lb n="35"/>so geschieht es nur darum, weil es nicht als <hi rendition="#g">einfache</hi> Bestimmtheit gelassen<lb n="36"/>worden ist. Dem Eigenthum geht es ebenso, wenn es in Momente aufgelöst wird.<lb n="37"/>Das einzelne Ding, das mein Eigenthum ist, gilt damit für ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi>,<lb n="38"/><hi rendition="#g">befestigtes</hi>, <hi rendition="#g">bleibendes</hi>; diß widerspricht aber seiner Natur, die darin besteht,<lb n="39"/>gebraucht zu werden und zu <hi rendition="#g">verschwinden</hi>. Es gilt zugleich für das <hi rendition="#g">Meinige</hi>,</p>
<pb n="234" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=241" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>das alle andern anerkennen, und sich davon ausschließen. Aber darin, daß ich<lb n="2"/>anerkannt bin, liegt vielmehr meine Gleichheit mit Allen, das Gegentheil der<lb n="3"/>Ausschließung. – Was ich besitze, ist ein <hi rendition="#g">Ding</hi>, d. h. ein Seyn für Andre über<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>haupt, ganz allgemein und unbestimmt nur für mich zu seyn; daß <hi rendition="#g">Ich</hi> es besitze,<lb n="5"/>widerspricht seiner allgemeinen Dingheit. Eigenthum widerspricht sich daher nach<lb n="6"/>allen Seiten ebensosehr als Nichteigenthum; jedes hat diese beyden entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gesetzten, sich widersprechenden Momente der Einzelnheit und Allgemeinheit an<lb n="8"/>ihm. – Aber jede dieser Bestimmtheiten <hi rendition="#g">einfach</hi> vorgestellt, als Eigenthum oder<lb n="9"/>Nichteigenthum, ohne weitere Entwicklung, ist eine so <hi rendition="#g">einfach</hi>, als die andere,<lb n="10"/>das heißt, sich nicht widersprechend. – Der Maßstab des Gesetzes, den die Vernunft<lb n="11"/>an ihr selbst hat, paßt daher allem gleich gut, und ist hiemit in der That kein Maß<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>stab. – Es müßte auch sonderbar zugehen, wenn die Tavtologie, der Satz des<lb n="13"/>Widerspruchs, der für die Erkenntniß theoretischer Wahrheit nur als ein formelles<lb n="14"/>Kriterium zugestanden wird, das heißt, als etwas, das gegen Wahrheit und Un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wahrheit ganz gleichgültig sey, für die Erkenntniß praktischer <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">mehr</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">sollte</hi>.</p>
<p><lb n="17"/>In den beyden so eben betrachteten Momenten der Erfüllung des vorher leeren<lb n="18"/>geistigen Wesens hat sich das Setzen von unmittelbaren Bestimmtheiten an der<lb n="19"/>sittlichen Substanz, und dann das Wissen von ihnen, ob sie Gesetze sind, auf<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gehoben. Das Resultat scheint hiemit dieses zu seyn, daß weder bestimmte Gesetze<lb n="21"/>noch ein Wissen derselben statt finden könne. Allein die Substanz ist das <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> von sich als der absoluten <hi rendition="#g">Wesenheit</hi>, welches hiemit weder den <hi rendition="#g">Unter<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">schied</hi> an ihr, noch das <hi rendition="#g">Wissen</hi> von ihm aufgeben kann. Daß das Gesetzgeben<lb n="24"/>und Gesetzprüffen sich als nichtig erwies, hat diese Bedeutung, daß beydes einzeln<lb n="25"/>und isolirt genommen, nur haltungslose <hi rendition="#g">Momente</hi> des sittlichen Bewußtseyns<lb n="26"/>sind; und die Bewegung, in welcher sie auftreten, hat den formalen Sinn, daß die<lb n="27"/>sittliche Substanz sich dadurch als Bewußtseyn darstellt.</p>
<p><lb n="28"/>Insofern diese beyden Momente nähere Bestimmungen des Bewußtseyns der<lb n="29"/><hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sind, können sie als Formen der <hi rendition="#g">Ehrlichkeit</hi> angesehen werden,<lb n="30"/>die, wie sonst mit ihren formalen Momenten, sich itzt mit einem seynsollenden<lb n="31"/>Inhalt des Guten und Rechten und einem Prüffen solcher festen Wahrheit herum<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>treibt, und in der gesunden Vernunft und verständigen Einsicht die Krafft und<lb n="33"/>Gültigkeit der Gebote zu haben meynt.</p>
<p><lb n="34"/>Ohne diese Ehrlichkeit aber gelten die Gesetze nicht als <hi rendition="#g">Wesen</hi> des <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> und das Prüffen ebenso nicht als Thun <hi rendition="#g">innerhalb</hi> desselben; sondern diese<lb n="36"/>Momente drücken, wie sie jedes für sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> als eine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="37"/>auftreten, das eine ein ungültiges Aufstellen und Seyn wirklicher Gesetze, und das<lb n="38"/>andre eine ebenso ungültige Befreyung von denselben aus. Das Gesetz hat als<lb n="39"/>bestimmtes Gesetz einen zufälligen Inhalt, – diß hat hier die Bedeutung, daß es</p>
<pb n="235" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=242" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>Gesetz eines einzelnen Bewußtseyns von einem willkührlichen Inhalt ist. Jenes<lb n="2"/>unmittelbare Gesetzgeben ist also der tyrannische Frevel, der die Willkühr zum<lb n="3"/>Gesetze macht, und die Sittlichkeit zu einem Gehorsame gegen sie, – gegen Gesetze,<lb n="4"/>die <hi rendition="#g">nur</hi> Gesetze, nicht zugleich <hi rendition="#g">Gebote</hi> sind. So wie das zweyte Moment, in<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sofern es isolirt ist, das Prüffen der Gesetze, das Bewegen des Unbewegbaren und<lb n="6"/>den Frevel des Wissens bedeutet, der sich von den absoluten Gesetzen frey räsonnirt,<lb n="7"/>und sie für eine ihm fremde Willkühr nimmt.</p>
<p><lb n="8"/>In beyden Formen sind diese Momente ein negatives Verhältniß zur Substanz<lb n="9"/>oder dem realen geistigen Wesen; oder in ihnen hat die Substanz noch nicht ihre<lb n="10"/>Realität, sondern das Bewußtseyn enthält sie noch in der Form seiner eignen Un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mittelbarkeit, und sie ist nur erst ein <hi rendition="#g">Willen</hi> und <hi rendition="#g">Wissen</hi> dieses Individuums,<lb n="12"/>oder das <hi rendition="#g">Sollen</hi> eines unwirklichen Gebots, und ein Wissen der formalen All<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gemeinheit. Aber indem diese Weisen sich aufhoben, ist das Bewußtseyn in das<lb n="14"/>Allgemeine zurückgegangen, und jene Gegensätze sind verschwunden. Das geistige<lb n="15"/>Wesen ist dadurch wirkliche Substanz, daß diese Weisen nicht einzeln gelten,<lb n="16"/>sondern nur als aufgehobne, und die Einheit, worin sie nur Momente sind, ist das<lb n="17"/>Selbst des Bewußtseyns, welches nunmehr in dem geistigen Wesen gesetzt, das<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>selbe zum wirklichen, erfüllten und selbstbewußten macht.</p>
<p><lb n="19"/>Das geistige Wesen ist hiemit vors erste für das Selbstbewußtseyn als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="20"/>seyendes Gesetz; die Allgemeinheit des Prüffens, welche die formale nicht <hi rendition="#g">an</hi><lb n="21"/><hi rendition="#g">sich</hi> seyende war, ist aufgehoben. Es ist ebenso ein ewiges Gesetz, welches nicht<lb n="22"/>in dem <hi rendition="#g">Willen</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Individuums</hi> seinen Grund hat, sondern es ist an und<lb n="23"/>für sich, der absolute <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi> <hi rendition="#g">Aller</hi>, der die Form des unmittelbaren<lb n="24"/><hi rendition="#g">Seyns</hi> hat. Er ist auch nicht ein <hi rendition="#g">Gebot</hi>, das nur seyn <hi rendition="#g">soll</hi>, sondern er <hi rendition="#g">ist</hi> und<lb n="25"/><hi rendition="#g">gilt</hi>; es ist das allgemeine Ich der Kategorie, das unmittelbar die Wirklichkeit<lb n="26"/>ist, und die Welt ist nur diese Wirklichkeit. Indem aber dieses <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi><lb n="27"/>schlechthin gilt, so ist der Gehorsam des Selbstbewußtseyns nicht der Dienst gegen<lb n="28"/>einen Herrn, dessen Befehle eine Willkühr wäre, und worin es sich nicht erkennte.<lb n="29"/>Sondern die Gesetze sind Gedanken seines eignen absoluten Bewußtseyns, welche<lb n="30"/>es selbst unmittelbar <hi rendition="#g">hat</hi>. Es <hi rendition="#g">glaubt</hi> auch nicht an sie, denn der Glauben schaut<lb n="31"/>wohl auch das Wesen, aber ein fremdes an. Das sittliche <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußseyn ist<lb n="32"/>durch die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> seines <hi rendition="#g">Selbsts</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> mit dem Wesen eins;<lb n="33"/>der Glauben hingegen fängt von dem <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußtseyn an, er ist die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>wegung desselben, immer dieser Einheit zuzugehen, ohne die Gegenwart seines<lb n="35"/>Wesens zu erreichen. – Jenes Bewußtseyn hingegen hat sich als einzelnes auf<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gehoben, diese Vermittlung ist vollbracht, und nur dadurch, daß sie vollbracht<lb n="37"/>ist, ist es unmittelbares Selbstbewußtseyn der sittlichen Substanz.</p>
<p><lb n="38"/>Der Unterschied des Selbstbewußtseyns von dem Wesen ist also vollkommen<lb n="39"/>durchsichtig. Dadurch sind die <hi rendition="#g">Unterschiede</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> selbst nicht</p>
<pb n="236" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=243" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · V. GEWISSHEIT DER VERNUNFT</fw>
<p><lb n="1"/>zufällige Bestimmtheiten, sondern um der Einheit des Wesens und des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>bewußtseyns willen, von welchem allein die Ungleichheit kommen könnte, sind<lb n="3"/>sie die Massen ihrer von ihrem Leben durchdrungenen Gegliederung, sich selbst<lb n="4"/>klare unentzweyte Geister, mackellose himmlische Gestalten, die in ihren Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>schieden die unentweihte Unschuld und Einmüthigkeit ihres Wesens erhalten. –<lb n="6"/>Das Selbstbewußtseyn ist ebenso einfaches, klares <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> zu ihnen. Sie<lb n="7"/><hi rendition="#g">sind</hi>, und weiter nichts, – macht das Bewußtseyn seines Verhältnisses aus. So gelten<lb n="8"/>sie der Antigone des Sophokles als der Götter <hi rendition="#g">ungeschriebnes</hi> und <hi rendition="#g">untrüg<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">liches</hi> Recht</p>
<p><lb n="10"/>nicht etwa jetzt und gestern, sondern immerdar<lb n="11"/>lebt es, und keiner weiß, von wannen es erschien.</p>
<p><lb n="12"/>Sie <hi rendition="#g">sind</hi>. Wenn ich nach ihrer Entstehung frage, und sie auf den Punkt ihres Ur<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sprungs einenge, so bin ich darüber hinausgegangen; denn ich bin nunmehr das All<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gemeine, sie aber das bedingte und beschränkte. Wenn sie sich meiner Einsicht legi<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>timiren sollen, so habe ich schon ihr unwankendes Ansichseyn bewegt, und betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>te sie als etwas, das vielleicht wahr, vielleicht auch nicht wahr für mich sey. Die sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>liche Gesinnung besteht eben darin, unverrückt in dem fest zu beharren, was das<lb n="18"/>Rechte ist, und sich alles Bewegens, Rüttelns und Zurückführens desselben zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>halten. – Es wird ein Depositum bey mir gemacht; es <hi rendition="#g">ist</hi> das Eigenthum eines An<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>dern, und ich anerkenne es, <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">so</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, und erhalte mich unwankend in diesem<lb n="21"/>Verhältnisse. Behalte ich für mich das Depositum, so begehe ich nach dem Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>cipe meines Prüffens, der Tavtologie, ganz und gar keinen Widerspruch; denn<lb n="23"/>alsdenn sehe ich es nicht mehr für das Eigenthum eines Andern an; etwas behalten,<lb n="24"/>das ich nicht für das Eigenthum eines Andern ansehe, ist vollkommen consequent.<lb n="25"/>Die Aenderung <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Ansicht</hi> ist kein Widerspruch, denn es ist nicht um sie als<lb n="26"/>Ansicht, sondern um den Gegenstand und Inhalt zu thun, der sich nicht wider<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sprechen soll. So sehr ich – wie ich thue, wenn ich etwas wegschenke – die Ansicht,<lb n="28"/>daß etwas mein Eigenthum ist, in die Ansicht, daß es das Eigenthum eines Andern<lb n="29"/>ist, verändern kann, ohne dadurch eines Widerspruches schuldig zu werden, eben<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sosehr kann ich den umgekehrten Weg gehen. – Nicht darum also, weil ich etwas<lb n="31"/>sich nicht widersprechend finde, ist es Recht; sondern weil es das Rechte ist, ist es<lb n="32"/>Recht. Daß etwas das Eigenthum des Andern <hi rendition="#g">ist</hi>, diß liegt <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Grunde</hi>; dar<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>über habe ich nicht zu räsonniren, noch mancherley Gedanken, Zusammenhänge,<lb n="34"/>Rücksichten aufzusuchen oder mir einfallen zu lassen; weder ans Gesetzgeben,<lb n="35"/>noch ans Prüffen zu denken; durch solcherley Bewegungen meines Gedankens<lb n="36"/>verrückte ich jenes Verhältniß, indem ich in der That nach Belieben meinem un<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>bestimmten tavtologischen Wissen das Gegentheil ebensowohl gemäß, und es</p>
<pb n="237" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=244" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. INDIVIDUALITÄT, AN UND FÜR SICH SELBST REELL</fw>
<p><lb n="1"/>also zum Gesetze machen könnte. Sondern ob diese oder die entgegengesetzte<lb n="2"/>Bestimmung das Rechte sey, ist <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> bestimmt; ich für mich könnte,<lb n="3"/>welche ich wollte, und ebenso gut keine zum Gesetze machen, und bin, indem<lb n="4"/>ich zu prüffen anfange, schon auf unsittlichem Wege. Daß das Rechte mir <hi rendition="#g">an</hi><lb n="5"/>und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, dadurch bin ich in der sittlichen Substanz; so ist sie das <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="6"/>des Selbstbewußtseyns; dieses aber ist <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> und <hi rendition="#g">Daseyn</hi>, ihr<lb n="7"/><hi rendition="#g">Selbst</hi> und <hi rendition="#g">Willen</hi>.</p>
<pb n="238" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=245" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>VI.<lb n="2"/>DER GEIST.</head>
<p><lb n="3"/>Die Vernunft ist Geist, indem die Gewißheit, alle Realität zu seyn, zur Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>heit erhoben, und sie sich ihrer selbst als ihrer Welt, und der Welt als ihrer selbst<lb n="5"/>bewußt ist. – Das Werden des Geistes zeigte die unmittelbar vorhergehende<lb n="6"/>Bewegung auf, worin der Gegenstand des Bewußtseyns, die reine Kategorie,<lb n="7"/>zum Begriffe der Vernunft sich erhob. In der <hi rendition="#g">beobachtenden</hi> Vernunft ist diese<lb n="8"/>reine Einheit des <hi rendition="#g">Ich</hi> und des <hi rendition="#g">Seyns</hi>, des <hi rendition="#g">Fürsich</hi> und des <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyns, als<lb n="9"/>das <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder als <hi rendition="#g">Seyn</hi> bestimmt, und das Bewußtseyn der Vernunft <hi rendition="#g">findet</hi><lb n="10"/>sie. Aber die Wahrheit des Beobachtens ist vielmehr das Aufheben dieses un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mittelbaren findenden Instinkts, dieses bewußtlosen Daseyns derselben. Die <hi rendition="#g">an<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">geschaute</hi> Kategorie, das <hi rendition="#g">gefundne</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> tritt in das Bewußtseyn als das<lb n="13"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Ich, welches sich nun im gegenständlichen Wesen als das<lb n="14"/><hi rendition="#g">Selbst</hi> weiß. Aber diese Bestimmung der Kategorie, als des Fürsichseyns ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gegengesetzt dem Ansichseyn, ist ebenso einseitig und ein sich selbst aufhebendes<lb n="16"/>Moment. Die Kategorie wird daher für das Bewußtseyn bestimmt, wie sie in ihrer<lb n="17"/>allgemeinen Wahrheit ist, als <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyendes Wesen. Diese noch<lb n="18"/><hi rendition="#g">abstracte</hi> Bestimmung, welche die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ausmacht, ist erst das <hi rendition="#g">geistige</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">Wesen</hi>, und sein Bewußtseyn ein formales Wissen von ihm, das sich mit mancher<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ley Inhalt desselben herumtreibt; es ist von der Substanz in der That noch als ein<lb n="21"/>einzelnes unterschieden, gibt entweder willkührliche Gesetze, oder meynt die<lb n="22"/>Gesetze, wie sie an und für sich sind, in seinem Wissen als solchem zu haben; und<lb n="23"/>hält sich für die beurtheilende Macht derselben. – Oder von der Seite der Substanz<lb n="24"/>betrachtet, so ist diese das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyende</hi> geistige Wesen, welches<lb n="25"/>noch nicht <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> seiner selbst ist. – Das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyende</hi><lb n="26"/>Wesen aber, welches sich zugleich als Bewußtseyn wirklich und sich sich selbst<lb n="27"/>vorstellt, ist <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>.</p>
<p><lb n="28"/>Sein geistiges <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist schon als die <hi rendition="#g">sittliche</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi> bezeichnet worden;<lb n="29"/>der Geist aber ist <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">sittliche</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>. Er ist das <hi rendition="#g">Selbst</hi> des wirklichen<lb n="30"/>Bewußtseyns, dem er oder vielmehr das sich als gegenständliche wirkliche <hi rendition="#g">Welt</hi><lb n="31"/>gegenübertritt, welche aber ebenso für das Selbst alle Bedeutung eines Fremden,</p>
<pb n="239" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=246" type="body"/>
<fw type="header" place="top">VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>so wie das Selbst alle Bedeutung eines von ihr getrennten, abhängigen oder un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>abhängigen Fürsichseyns verloren hat. Die <hi rendition="#g">Substanz</hi> und das allgemeine, sich<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>selbstgleiche, bleibende Wesen, – ist er der unverrückte und unaufgelöste <hi rendition="#g">Grund</hi><lb n="4"/>und <hi rendition="#g">Ausgangspunkt</hi> des Thuns Aller, – und ihr <hi rendition="#g">Zweck</hi> und <hi rendition="#g">Ziel</hi>, als das<lb n="5"/>gedachte <hi rendition="#g">Ansich</hi> aller Selbstbewußtseyn. – Diese Substanz ist ebenso das all<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gemeine <hi rendition="#g">Werk</hi>, das sich durch das <hi rendition="#g">Thun</hi> Aller und Jeder als ihre Einheit und<lb n="7"/>Gleichheit erzeugt, denn sie ist das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, das Selbst, das Thun. Als die<lb n="8"/><hi rendition="#g">Substanz</hi> ist der Geist die unwankende gerechte <hi rendition="#g">Sichselbstgleichheit</hi>; aber<lb n="9"/>als <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist sie das aufgelöste, das sich aufopfernde gütige Wesen, an<lb n="10"/>dem Jeder sein eignes Werk vollbringt, das allgemeine Seyn zerreißt und sich<lb n="11"/>seinen Theil davon nimmt. Diese Auflösung und Vereinzelung des Wesens ist<lb n="12"/>eben das <hi rendition="#g">Moment</hi> des Thuns und Selbsts Aller; es ist die Bewegung und Seele der<lb n="13"/>Substanz, und das bewirkte allgemeine Wesen. Gerade darin daß sie das im Selbst auf<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gelöste Seyn ist, ist sie nicht das todte Wesen, sondern <hi rendition="#g">wirklich</hi> und <hi rendition="#g">lebendig</hi>.</p>
<p><lb n="15"/>Der Geist ist hiemit das sich selbsttragende absolute reale Wesen. Alle bis<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>herigen Gestalten des Bewußtseyns sind Abstractionen desselben; sie sind diß,<lb n="17"/>daß er sich analysirt, seine Momente unterscheidet, und bey einzelnen verweilt.<lb n="18"/>Diß Isoliren solcher Momente hat ihn selbst zur <hi rendition="#g">Voraussetzung</hi> und zum<lb n="19"/><hi rendition="#g">Bestehen</hi>, oder es existirt nur in ihm, der die Existenz ist. Sie haben so isolirt<lb n="20"/>den Schein, als ob sie als solche <hi rendition="#g">wären</hi>; aber wie sie nur Momente oder ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>schwindende Größen sind, zeigte ihre Fortwälzung und Rückgang in ihren Grund<lb n="22"/>und Wesen; und diß Wesen eben ist diese Bewegung und Auflösung dieser Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mente. Hier, wo der Geist, oder die Reflexion derselben in sich selbst gesetzt ist,<lb n="24"/>kann unsre Reflexion an sie nach dieser Seite kurz erinnern; sie waren Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>seyn, Selbstbewußtseyn und Vernunft. Der Geist ist also <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> über<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>haupt, was sinnliche Gewißheit, Wahrnehmen und den Verstand in sich begreifft,<lb n="27"/>insofern er in der Analyse seiner selbst, das Moment festhält, daß er sich <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">ständliche</hi>, <hi rendition="#g">seyende</hi> Wirklichkeit ist, und davon abstrahirt, daß diese Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit sein eignes Fürsichseyn ist. Hält er im Gegentheil das andre Moment der<lb n="30"/>Analyse fest, daß sein Gegenstand sein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist, so ist er Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyn. Aber als unmittelbares Bewußtseyn des <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">fürsichseyns</hi>, als Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>heit des Bewußtseyns und des Selbstbewußtseyns ist er das Bewußtseyn, das <hi rendition="#g">Ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">nunft</hi> <hi rendition="#g">hat</hi>, das, wie das <hi rendition="#g">Haben</hi> es bezeichnet, den Gegenstand hat als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="34"/>vernünftig bestimmt, oder vom Werthe der Kategorie, aber so, daß er noch für<lb n="35"/>das Bewußtseyn desselben den Werth der Kategorie nicht hat. Er ist das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>seyn, aus dessen Betrachtung wir so eben herkommen. Diese Vernunft, die er<lb n="37"/><hi rendition="#g">hat</hi>, endlich als eine solche von ihm angeschaut, die Vernunft <hi rendition="#g">ist</hi>, oder die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>nunft, die in ihm <hi rendition="#g">wirklich</hi> und die seine Welt ist, so ist er in seiner Wahrheit;<lb n="39"/>er <hi rendition="#g">ist</hi> der Geist, er ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">sittliche</hi> Wesen.</p>
<pb n="240" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=247" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Der</hi> Geist ist das <hi rendition="#g">sittliche</hi> <hi rendition="#g">Leben</hi> eines <hi rendition="#g">Volks</hi>, insofern er die <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">bare</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; das Individuum, das eine Welt ist. Er muß zum Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn über das, was er unmittelbar ist, fortgehen, das schöne sittliche Leben auf<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>heben, und durch eine Reihe von Gestalten zum Wissen seiner selbst gelangen.<lb n="5"/>Diese unterscheiden sich aber von den vorhergehenden dadurch, daß sie die realen<lb n="6"/>Geister sind, eigentliche Wirklichkeiten, und statt Gestalten nur des Bewußtseyns,<lb n="7"/>Gestalten einer Welt.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="8"/>Die <hi rendition="#g">lebendige</hi> <hi rendition="#g">sittliche</hi> Welt ist der Geist in seiner <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>; wie er<lb n="9"/>zunächst zum abstracten <hi rendition="#g">Wissen</hi> seines Wesens kommt, geht die Sittlichkeit in<lb n="10"/>der formalen Allgemeinheit des Rechts unter. Der in sich selbst nunmehr ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>zweyte Geist beschreibt in seinem gegenständlichen Elemente als in einer harten<lb n="12"/>Wirklichkeit die eine seiner Welten, das <hi rendition="#g">Reich</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Bildung</hi>, und ihr gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>über im Elemente des Gedankens die <hi rendition="#g">Welt</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Glaubens</hi>, das <hi rendition="#g">Reich</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Wesens</hi>. Beyde Welten aber von dem Geiste, der aus diesem Verluste seiner<lb n="15"/>selbst in sich geht, von dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> erfaßt, werden durch die <hi rendition="#g">Einsicht</hi> und<lb n="16"/>ihre Verbreitung, die <hi rendition="#g">Aufklärung</hi>, verwirrt und revolutionirt, und das in das<lb n="17"/><hi rendition="#g">Disseits</hi> und <hi rendition="#g">Jenseits</hi> vertheilte und ausgebreitete Reich kehrt in das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>bewußtseyn zurück, das nun in der <hi rendition="#g">Moralität</hi> sich als die Wesenheit, und das<lb n="19"/>Wesen als wirkliches Selbst erfaßt, seine <hi rendition="#g">Welt</hi> und ihren <hi rendition="#g">Grund</hi> nicht mehr aus<lb n="20"/>sich heraussetzt, sondern alles in sich verglimmen läßt, und als <hi rendition="#g">Gewissen</hi> der<lb n="21"/><hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gewisse</hi> Geist ist.</p>
<p><lb n="22"/>Die sittliche Welt, die in das Disseits und Jenseits zerrissene Welt und die mora<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lische Weltanschauung sind also die Geister, deren Bewegung und Rückgang<lb n="24"/>in das einfache fürsichseyende Selbst des Geistes sich entwickeln, und als deren<lb n="25"/>Ziel und Resultat das wirkliche Selbstbewußtseyn des absoluten Geistes hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>treten wird.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="27"/>A.</head>
<head><lb n="28"/>DER WAHRE GEIST,</head>
<head><lb n="29"/>DIE SITTLICHKEIT.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="30"/>Der Geist ist in seiner einfachen Wahrheit Bewußtseyn, und schlägt seine Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>mente auseinander. Die <hi rendition="#g">Handlung</hi> trennt ihn in die Substanz und das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>seyn derselben; und trennt ebensowohl die Substanz als das Bewußtseyn. Die<lb n="33"/>Substanz tritt als allgemeines <hi rendition="#g">Wesen</hi> und <hi rendition="#g">Zweck</hi>, sich als der <hi rendition="#g">vereinzelnten</hi><lb n="34"/>Wirklichkeit gegenüber; die unendliche Mitte ist das Selbstbewußtseyn, welches</p>
<pb n="241" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=248" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Einheit seiner und der Substanz, es nun <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> wird, das allgemeine<lb n="2"/>Wesen und seine vereinzelte Wirklichkeit vereint, diese zu jenem erhebt, und<lb n="3"/>sittlich handelt, – und jenes zu dieser herunterbringt, und den Zweck, die nur<lb n="4"/>gedachte Substanz ausführt; es bringt die Einheit seines Selbsts und der Substanz<lb n="5"/>als <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi> und damit als <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> hervor.</p>
<p><lb n="6"/>In dem Auseinandertreten des Bewußtseyns hat die einfache Substanz den<lb n="7"/>Gegensatz theils gegen das Selbstbewußtseyn erhalten, theils stellt sie damit eben<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sosehr an ihr selbst die Natur des Bewußtseyns, sich in sich selbst zu unterscheiden,<lb n="9"/>als eine in ihre Massen gegliederte Welt dar. Sie spaltet sich also in ein unterschiednes<lb n="10"/>sittliches Wesen, in ein menschliches und göttliches Gesetz. Ebenso das ihr gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>übertretende Selbstbewußtseyn theilt sich nach seinem Wesen der einen dieser<lb n="12"/>Mächte zu, und als Wissen in die Unwissenheit dessen, was es thut, und in das<lb n="13"/>Wissen desselben, das deßwegen ein betrognes Wissen ist. Es erfährt also in seiner<lb n="14"/>That sowohl den Widerspruch <hi rendition="#g">jener</hi> <hi rendition="#g">Mächte</hi>, worein die Substanz sich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zweyte, und ihre gegenseitige Zerstörung, wie den Widerspruch seines Wissens<lb n="16"/>von der Sittlichkeit seines Handelns – mit dem, was an und für sich sittlich ist, und<lb n="17"/>findet <hi rendition="#g">seinen</hi> <hi rendition="#g">eignen</hi> Untergang. In der That aber ist die sittliche Substanz<lb n="18"/>durch diese Bewegung zum <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> geworden, oder<lb n="19"/><hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst zum <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyenden, aber darin ist eben die Sittlichkeit<lb n="20"/>zu Grunde gegangen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="21"/>a.</head>
<head><lb n="22"/>Die sittliche Welt,<lb n="23"/>das menschliche und göttliche Gesetz,<lb n="24"/>der Mann und das Weib.</head>
<p><lb n="25"/>Die einfache Substanz des Geistes theilt sich als Bewußtseyn. Oder wie das<lb n="26"/>Bewußtseyn des abstracten, des sinnlichen Seyns in die Wahrnehmung übergeht,<lb n="27"/>so auch die unmittelbare Gewißheit des realen, sittlichen Seyns; und wie für die<lb n="28"/>sinnliche Wahrnehmung das einfache Seyn ein Ding von vielen Eigenschafften<lb n="29"/>wird, so ist für die sittliche der Fall des Handelns eine Wirklichkeit von vielen<lb n="30"/>sittlichen Beziehungen. Jener zieht sich aber die unnütze Vielheit der Eigenschafften<lb n="31"/>in den wesentlichen Gegensatz der Einzelnheit und Allgemeinheit zusammen, und<lb n="32"/>noch mehr dieser, die das gereinigte, substantielle Bewußtseyn ist, wird die Viel<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>heit der sittlichen Momente das Zwiefache eines Gesetzes der Einzelnheit und<lb n="34"/>eines der Allgemeinheit. Jede dieser Massen der Substanz bleibt aber der ganze<lb n="35"/>Geist; wenn in der sinnlichen Wahrnehmung die Dinge keine andre Substanz als die</p>
<pb n="242" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=249" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>beyden Bestimmungen der Einzelnheit und der Allgemeinheit haben, so drücken sie<lb n="2"/>hier nur den oberflächlichen Gegensatz der beyden Seiten gegeneinander aus.</p>
<p><lb n="3"/>Die Einzelnheit hat an dem Wesen, das wir hier betrachten, die Bedeutung<lb n="4"/>des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> überhaupt, nicht eines einzelnen zufälligen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>seyns. Die sittliche Substanz ist also in dieser Bestimmung die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>stanz, der absolute Geist in der Vielheit des daseyenden <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> <hi rendition="#g">reali<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">sirt</hi>; er ist das <hi rendition="#g">Gemeinwesen</hi>, welches <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> bey dem Eintritt in die prak<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tische Gestaltung der Vernunft überhaupt das absolute Wesen war, und hier in<lb n="9"/>seiner Wahrheit <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst als bewußtes sittliches Wesen, und als das <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Bewußtseyn, das wir zum Gegenstande haben, hervorgetreten ist. Es<lb n="11"/>ist Geist, welcher <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, indem er im <hi rendition="#g">Gegenschein</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Individuen</hi><lb n="12"/>sich, – und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder Substanz ist, indem er sie in sich erhält. Als die <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">liche</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi> ist er <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Volk</hi>, als <hi rendition="#g">wirkliches</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, <hi rendition="#g">Bürger</hi><lb n="14"/>des Volkes. Diß Bewußtseyn hat an dem einfachen Geiste sein <hi rendition="#g">Wesen</hi>, und die<lb n="15"/>Gewißheit seiner selbst in der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> dieses Geistes, dem ganzen Volke,<lb n="16"/>und unmittelbar darin seine <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, also nicht in etwas, das nicht wirklich<lb n="17"/>ist, sondern in einem Geiste, der <hi rendition="#g">existirt</hi> und <hi rendition="#g">gilt</hi>.</p>
<p><lb n="18"/>Dieser Geist kann das menschliche Gesetz genannt werden, weil er wesentlich<lb n="19"/>in der Form der <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">selbstbewußten</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ist. Er ist in der Form<lb n="20"/>der Allgemeinheit das <hi rendition="#g">bekannte</hi> Gesetz und die <hi rendition="#g">vorhandene</hi> Sitte; in der Form<lb n="21"/>der Einzelnheit ist er die wirkliche Gewißheit seiner selbst in dem <hi rendition="#g">Individuum</hi><lb n="22"/>überhaupt, und die Gewißheit seiner als <hi rendition="#g">einfacher</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> ist er als<lb n="23"/>Regierung; seine Wahrheit ist die offene an dem Tag liegende <hi rendition="#g">Gültigkeit</hi>;<lb n="24"/>eine <hi rendition="#g">Existenz</hi>, welche für die unmittelbare Gewißheit in die Form des frey<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>entlassenen Daseyns tritt.</p>
<p><lb n="26"/>Dieser sittlichen Macht und Offenbarkeit tritt aber eine andere Macht, das<lb n="27"/><hi rendition="#g">göttliche</hi> <hi rendition="#g">Gesetz</hi>, gegenüber. Denn die sittliche <hi rendition="#g">Staatsmacht</hi> hat als die<lb n="28"/><hi rendition="#g">Bewegung</hi> des sich <hi rendition="#g">bewußten</hi> <hi rendition="#g">Thuns</hi> an dem <hi rendition="#g">einfachen</hi> und <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">baren</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Sittlichkeit ihren Gegensatz; als <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Allgemein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> ist sie eine Gewalt gegen das individuelle fürsichseyn; und als Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>keit überhaupt hat sie an dem <hi rendition="#g">innern</hi> Wesen noch ein Anders, als sie ist.</p>
<p><lb n="32"/>Es ist schon erinnert worden, daß jede der entgegengesetzten Weisen der sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lichen Substanz zu existiren sie ganz und alle Momente ihres Inhalts enthält. Wenn<lb n="34"/>also das Gemeinwesen sie als das seiner bewußte wirkliche Thun ist, so hat die<lb n="35"/>andere Seite die Form der unmittelbaren oder seyenden Substanz. Diese ist so einer<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>seits der innre Begriff oder die allgemeine Möglichkeit der Sittlichkeit überhaupt, hat<lb n="37"/>aber anderseits das Moment des Selbstbewußtseyns ebenso an ihr. Dieses in diesem<lb n="38"/>Elemente der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> oder des <hi rendition="#g">Seyns</hi> die Sittlichkeit ausdrückend, oder<lb n="39"/>ein <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> Bewußtseyn seiner wie als Wesens so als dieses Selbsts in einem</p>
<pb n="243" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=250" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Andern, das heißt, ein <hi rendition="#g">natürliches</hi> <hi rendition="#g">sittliches</hi> Gemeinwesen, – ist die <hi rendition="#g">Familie</hi>.<lb n="2"/>Sie steht als der <hi rendition="#g">bewußtlose</hi> noch innre Begriff, seiner sich bewußten Wirklichkeit,<lb n="3"/>als das <hi rendition="#g">Element</hi> der Wirklichkeit des Volks, dem Volke selbst, als <hi rendition="#g">unmittelbares</hi><lb n="4"/>sittliches <hi rendition="#g">Seyn</hi>, – der durch die <hi rendition="#g">Arbeit</hi> für das Allgemeine sich bildenden und<lb n="5"/>erhaltenden Sittlichkeit, die Penaten dem allgemeinen Geiste gegenüber.</p>
<p><lb n="6"/>Ob sich aber wohl das <hi rendition="#g">sittliche</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> der Familie als das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi><lb n="7"/>bestimmt, so ist sie innerhalb ihrer, <hi rendition="#g">sittliches</hi> Wesen nicht <hi rendition="#g">insofern</hi> sie das<lb n="8"/>Verhältniß <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> ihrer Glieder, oder deren Beziehung die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi><lb n="9"/><hi rendition="#g">einzelner</hi> <hi rendition="#g">wirklicher</hi> ist; denn das sittliche ist an sich <hi rendition="#g">allgemein</hi>, und diß<lb n="10"/>Verhältniß der Natur ist wesentlich ebensosehr ein Geist, und nur als geistiges<lb n="11"/>Wesen sittlich. Es ist zu sehen, worin seine eigenthümliche Sittlichkeit besteht. –<lb n="12"/>Zunächst, weil das Sittliche das an sich allgemeine ist, ist die sittliche Beziehung<lb n="13"/>der Familienglieder nicht die Beziehung der Empfindung oder das Verhältniß<lb n="14"/>der Liebe. Das Sittliche scheint nun in das Verhältniß des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Familien<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gliedes zur <hi rendition="#g">ganzen</hi> Familie als der Substanz gelegt werden zu müssen; so daß<lb n="16"/>sein Thun und Wirklichkeit nur sie zum Zweck und Inhalt hat. Aber der bewußte<lb n="17"/>Zweck, den das <hi rendition="#g">Thun</hi> dieses Ganzen, insofern er auf es selbst geht, hat, ist selbst<lb n="18"/>das Einzelne. Die Erwerbung und Erhaltung von Macht und Reichthum geht<lb n="19"/>theils nur auf das Bedürfniß und gehört der Begierde an; theils wird sie in ihrer<lb n="20"/>höhern Bestimmung etwas nur mittelbares. Diese Bestimmung fällt nicht in die<lb n="21"/>Familie selbst, sondern geht auf das wahrhafft Allgemeine, das Gemeinwesen; sie<lb n="22"/>ist vielmehr negativ gegen die Familie, und besteht darin, den Einzelnen aus ihr<lb n="23"/>herauszusetzen, seine Natürlichkeit und Einzelnheit zu unterjochen, und ihn zur<lb n="24"/><hi rendition="#g">Tugend</hi>, zum Leben in und fürs Allgemeine zu ziehen. Der der Familie eigen<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>thümliche, <hi rendition="#g">positive</hi> Zweck ist der Einzelne als solcher. Daß nun diese Beziehung<lb n="26"/>sittlich sey, kann er nicht, weder der, welcher handelt, noch der, auf welchen sich<lb n="27"/>die Handlung bezieht, nach einer <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> auftreten, wie etwa in irgend<lb n="28"/>einer Hülffe oder Dienstleistung geschieht. Der Inhalt der sittlichen Handlung<lb n="29"/>muß substantiell oder ganz und allgemein seyn; sie kann sich daher nur auf den<lb n="30"/><hi rendition="#g">ganzen</hi> Einzelnen, oder auf ihn als allgemeinen beziehen. Auch diß wieder nicht<lb n="31"/>etwa so, daß sich nur <hi rendition="#g">vorgestellt</hi> wäre, eine <hi rendition="#g">Dienstleistung</hi> fördere sein<lb n="32"/>ganzes Glück, während sie so, wie sie unmittelbare und wirkliche Handlung ist,<lb n="33"/>nur etwas einzelnes an ihm thut; – noch daß sie auch wirklich als Erziehung, in<lb n="34"/>einer <hi rendition="#g">Reihe</hi> von Bemühungen, ihn als Ganzes zum Gegenstand hat und als Werk<lb n="35"/>hervorbringt; wo außer dem gegen die Familie negativen Zwecke die <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">liche</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi> nur einen beschränkten Inhalt hat; – ebensowenig endlich,<lb n="37"/>daß sie eine Nothhülffe ist, wodurch in Wahrheit der ganze Einzelne errettet wird;</p>
<pb n="244" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=251" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>denn sie ist selbst eine völlig zufällige That, deren Gelegenheit eine gemeine Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lichkeit ist, welche seyn und auch nicht seyn kann. Die Handlung also, welche<lb n="3"/>die ganze Existenz des Blutsverwandten umfaßt, und ihn, – nicht den Bürger,<lb n="4"/>denn dieser gehört nicht der Familie an, noch den, der Bürger werden und <hi rendition="#g">auf<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">hören</hi> soll, als <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Einzelne</hi> zu gelten, – sondern ihn, <hi rendition="#g">diesen</hi> der Familie<lb n="6"/>angehörigen Einzelnen, als ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi>, der sinnlichen, d. i. einzelnen Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichkeit enthobenes Wesen zu ihrem Gegenstande und Inhalt hat, betrifft nicht mehr<lb n="8"/>den <hi rendition="#g">Lebenden</hi>, sondern den <hi rendition="#g">Todten</hi>, der aus der langen Reihe seines zerstreuten<lb n="9"/>Daseyns sich in die vollendete Eine Gestaltung zusammengefaßt, und aus der<lb n="10"/>Unruhe des zufälligen Lebens sich in die Ruhe der einfachen Allgemeinheit er<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>hoben hat. – Weil er nur als Bürger <hi rendition="#g">wirklich</hi> und <hi rendition="#g">substantiell</hi> ist, so ist der<lb n="12"/>Einzelne, wie er nicht Bürger ist, und der Familie angehört, nur der <hi rendition="#g">Unwirkliche</hi><lb n="13"/>marklose Schatten.</p>
<p><lb n="14"/>Diese Allgemeinheit, zu der der Einzelne als <hi rendition="#g">solcher</hi> gelangt, ist das <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">Seyn</hi>, <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Tod</hi>; es ist das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">natürliche</hi> <hi rendition="#g">Gewordenseyn</hi>,<lb n="16"/>nicht das <hi rendition="#g">Thun</hi> eines <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>. Die Pflicht des Familiengliedes ist deß<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wegen, diese Seite hinzuzufügen, damit auch sein letztes <hi rendition="#g">Seyn</hi>, diß <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="18"/>Seyn, nicht allein der Natur angehöre und etwas unvernünftiges bleibe, sondern<lb n="19"/>daß es ein <hi rendition="#g">gethanes</hi>, und das Recht des Bewußtseyns in ihm behauptet sey. Oder<lb n="20"/>der Sinn der Handlung ist vielmehr, daß, weil in Wahrheit die Ruhe und All<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gemeinheit des seiner selbstbewußten Wesens nicht der Natur angehört, der Schein<lb n="22"/>eines solchen Thuns hinwegfalle, den sich die Natur angemaßt, und die Wahrheit<lb n="23"/>hergestellt werde. – Was die Natur an ihm that, ist die Seite, von welcher sein<lb n="24"/>Werden zum Allgemeinen sich als die Bewegung eines <hi rendition="#g">Seyenden</hi> darstellt. Sie<lb n="25"/>fällt zwar selbst innerhalb des sittlichen Gemeinwesens und hat dieses zum Zwecke;<lb n="26"/>der Tod ist die Vollendung und höchste Arbeit, welche das Individuum als solches<lb n="27"/>für es übernimmt. Aber insofern es wesentlich <hi rendition="#g">einzelnes</hi> ist, ist es zufällig, daß<lb n="28"/>sein Tod unmittelbar mit seiner Arbeit fürs Allgemeine zusammenhing, und<lb n="29"/>Resultat derselben war, theils wenn ers war, ist er die <hi rendition="#g">natürliche</hi> Negativität<lb n="30"/>und die Bewegung des Einzelnen als <hi rendition="#g">Seyenden</hi>, worin das Bewußtseyn nicht<lb n="31"/>in sich zurückkehrt, und Selbstbewußtseyn wird; oder indem die Bewegung des<lb n="32"/><hi rendition="#g">Seyenden</hi> diese ist, daß es aufgehoben wird und zum <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> gelangt,<lb n="33"/>ist der Tod die Seite der Entzweyung, worin das Fürsichseyn, das erlangt wird,<lb n="34"/>ein Anderes ist, als das Seyende, welches in die Bewegung eintrat. – Weil die Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichkeit der Geist in seiner <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> Wahrheit ist, so fallen die Seiten, in<lb n="36"/>die sein Bewußtseyn auseinandertritt, auch in diese Form der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>,<lb n="37"/>und die Einzelnheit tritt in diese <hi rendition="#g">abstracte</hi> Negativität herüber, welche ohne Trost<lb n="38"/>und Versöhnung <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sie <hi rendition="#g">wesentlich</hi> durch eine <hi rendition="#g">wirkliche</hi> und<lb n="39"/><hi rendition="#g">äußerliche</hi> <hi rendition="#g">Handlung</hi> empfangen muß. – Die Blutsverwandschafft ergänzt</p>
<pb n="245" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=252" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>also die abstracte natürliche Bewegung dadurch, daß sie die Bewegung des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wußtseyns hinzufügt, das Werk der Natur unterbricht, und den Blutsverwandten<lb n="3"/>der Zerstörung entreißt, oder besser, weil die Zerstörung, sein Werden zum reinen<lb n="4"/>Seyn, nothwendig ist, selbst die That der Zerstörung über sich nimmt. – Es kömmt<lb n="5"/>hiedurch zu Stande, daß auch das <hi rendition="#g">todte</hi>, das allgemeine <hi rendition="#g">Seyn</hi> ein in sich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gekehrtes, ein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, oder die krafftlose reine <hi rendition="#g">einzelne</hi> Einzelnheit<lb n="7"/>zur <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> erhoben wird. Der Todte, da er sein <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="8"/>von seinem <hi rendition="#g">Thun</hi> oder negativen Eins frey gelassen, ist die leere Einzelnheit,<lb n="9"/>nur ein passives <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, aller niedrigen vernunftlosen Individualität<lb n="10"/>und den Kräfften abstracter Stoffe preisgegeben, wovon jene um des Lebens willen,<lb n="11"/>das sie hat, diese um ihrer negativen Natur willen itzt mächtiger sind, als er. Diß<lb n="12"/>ihn entehrende Thun bewußtloser Begierde und abstracter Wesen hält die Familie<lb n="13"/>von ihm ab, setzt das ihrige an die Stelle, und vermählt den Verwandten dem<lb n="14"/>Schoße der Erde, der elementarischen unvergänglichen Individualität; sie macht<lb n="15"/>ihn hierdurch zum Genossen eines Gemeinwesens, welches vielmehr die Kräffte<lb n="16"/>der einzelnen Stoffe und die niedrigen Lebendigkeiten, die gegen ihn frey werden<lb n="17"/>und ihn zerstören wollten, überwältigt und gebunden hält.</p>
<p><lb n="18"/>Diese letzte Pflicht macht also das vollkommene <hi rendition="#g">göttliche</hi> Gesetz, oder die<lb n="19"/>positive <hi rendition="#g">sittliche</hi> Handlung gegen den Einzelnen aus. Alles andre Verhältniß<lb n="20"/>gegen ihn, das nicht in der Liebe stehen bleibt, sondern sittlich ist, gehört dem<lb n="21"/>menschlichen Gesetze an, und hat die negative Bedeutung, den Einzelnen über die<lb n="22"/>Einschließung in das natürliche Gemeinwesen zu erheben, dem er als <hi rendition="#g">wirklicher</hi><lb n="23"/>angehört. Wenn nun aber schon das menschliche Recht zu seinem Inhalte und<lb n="24"/>Macht die wirkliche ihrer bewußte sittliche Substanz, das ganze Volk, hat; das<lb n="25"/>göttliche Recht und Gesetz aber den Einzelnen, der jenseits der Wirklichkeit ist,<lb n="26"/>so ist er nicht ohne Macht; seine Macht ist das <hi rendition="#g">abstracte</hi> rein <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>;<lb n="27"/>das <hi rendition="#g">elementarische</hi> Individuum, welches die Individualität, die sich von dem<lb n="28"/>Elemente losreißt, und die ihrer bewußte Wirklichkeit des Volks ausmacht, in die<lb n="29"/>reine Abstraction als in sein Wesen ebenso zurückreißt, als es ihr Grund ist. – Wie<lb n="30"/>diese Macht am Volke selbst sich darstellt, wird sich noch weiter entwickeln.</p>
<p><lb n="31"/>Es gibt nun in dem einen Gesetze, wie in dem andern, auch <hi rendition="#g">Unterschiede</hi><lb n="32"/>und <hi rendition="#g">Stuffen</hi>. Denn indem beyde Wesen das Moment des Bewußtseyns an ihnen<lb n="33"/>haben, entfaltet sich innerhalb ihrer selbst der Unterschied; was ihre Bewegung<lb n="34"/>und eigenthümliches Leben ausmacht. Die Betrachtung dieser Unterschiede zeigt<lb n="35"/>die Weise der <hi rendition="#g">Bethätigung</hi> und des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> der beyden <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der sittlichen Welt, so wie ihren <hi rendition="#g">Zusammenhang</hi> und<lb n="37"/><hi rendition="#g">Uebergang</hi> ineinander.</p>
<p><lb n="38"/>Das <hi rendition="#g">Gemeinwesen</hi>, das obere und offenbar an der Sonne geltende Gesetz<lb n="39"/>hat seine wirkliche Lebendigkeit in der <hi rendition="#g">Regierung</hi>, als worin es Individuum</p>
<pb n="246" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=253" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>ist. Sie ist der <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirte</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Geist, das einfache <hi rendition="#g">Selbst</hi> der<lb n="2"/>ganzen sittlichen Substanz. Diese einfache Krafft erlaubt dem Wesen zwar in seine<lb n="3"/>Gegliederung sich auszubreiten, und jedem Theile Bestehen und eigenes Für<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sichseyn zu geben. Der Geist hat hieran seine <hi rendition="#g">Realität</hi> oder sein <hi rendition="#g">Daseyn</hi>, und<lb n="5"/>die Familie ist das <hi rendition="#g">Element</hi> dieser Realität. Aber er ist zugleich die Krafft des<lb n="6"/>Ganzen, welche diese Theile wieder in das negative Eins zusammenfaßt, ihnen<lb n="7"/>das Gefühl ihrer Unselbstständigkeit gibt, und sie in dem Bewußtseyn erhält, ihr<lb n="8"/>Leben nur im Ganzen zu haben. Das Gemeinwesen mag sich also einerseits in die<lb n="9"/>Systeme der persönlichen Selbstständigkeit und des Eigenthums, des persönlichen<lb n="10"/>und dinglichen Rechts, organisiren; ebenso die Weisen des Arbeitens für die zu<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>nächst einzelnen Zwecke, – des Erwerbs und Genusses, – zu eigenen Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>künften, gliedern und verselbstständigen. Der Geist der allgemeinen Zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>kunft ist die <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> und das <hi rendition="#g">negative</hi> Wesen dieser sich isolirenden<lb n="14"/>Systeme. Um sie nicht in dieses Isoliren einwurzeln und festwerden, hiedurch das<lb n="15"/>Ganze auseinanderfallen und den Geist verfliegen zu lassen, hat die Regierung sie<lb n="16"/>in ihrem Innern von Zeit zu Zeit durch die Kriege zu erschüttern, ihre sich zu<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>rechtgemachte Ordnung und Recht der Selbstständigkeit dadurch zu verletzen<lb n="18"/>und zu verwirren, den Individuen aber, die sich darin vertieffend vom Ganzen<lb n="19"/>losreißen und dem unverletzbaren <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> und Sicherheit der Person zu<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>streben, in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen zu geben.<lb n="21"/>Der Geist wehrt durch diese Auflösung der Form des Bestehens das Versinken<lb n="22"/>in das natürliche Daseyn aus dem sittlichen ab, und erhält und erhebt das Selbst<lb n="23"/>seines Bewußtseyns in die <hi rendition="#g">Freyheit</hi> und in seine <hi rendition="#g">Krafft</hi>. – Das negative Wesen<lb n="24"/>zeigt sich als die eigentliche <hi rendition="#g">Macht</hi> des Gemeinwesens und die <hi rendition="#g">Krafft</hi> seiner<lb n="25"/>Selbsterhaltung; dieses hat also die Wahrheit und Bekräfftigung seiner Macht<lb n="26"/>an dem Wesen des <hi rendition="#g">göttlichen</hi> <hi rendition="#g">Gesetzes</hi> und dem <hi rendition="#g">unterirdischen</hi> <hi rendition="#g">Reiche</hi>.</p>
<p><lb n="27"/>Das göttliche Gesetz, das in der Familie waltet, hat seinerseits gleichfalls Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>schiede in sich, deren Beziehung die lebendige Bewegung seiner Wirklichkeit<lb n="29"/>ausmacht. Unter den drey Verhältnissen aber, des Mannes und der Frau, der Eltern<lb n="30"/>und der Kinder, der Geschwister als Bruder und Schwester, ist zuerst das <hi rendition="#g">Ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">hältniß</hi> des <hi rendition="#g">Mannes</hi> und der <hi rendition="#g">Frau</hi>, das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> sich Erkennen des<lb n="32"/>einen Bewußtseyns im andern, und das Erkennen des gegenseitigen Anerkannt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seyns. Weil es das <hi rendition="#g">natürliche</hi> sich Erkennen, nicht das sittliche ist, ist es nur die<lb n="34"/><hi rendition="#g">Vorstellung</hi> und das <hi rendition="#g">Bild</hi> des Geistes, nicht der wirkliche Geist selbst. – Die<lb n="35"/>Vorstellung oder das Bild hat aber seine Wirklichkeit an einem andern, als es ist;<lb n="36"/>diß Verhältniß hat daher seine Wirklichkeit nicht an ihm selbst, sondern an dem<lb n="37"/>Kinde, – einem andern, dessen Werden es ist, und worin es selbst verschwindet;<lb n="38"/>und dieser Wechsel der sich fortwälzenden Geschlechter hat seinen Bestand in dem<lb n="39"/>Volke. – Die Pietät des Mannes und der Frau gegeneinander ist also mit natürlicher</p>
<pb n="247" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=254" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Beziehung und mit Empfindung vermischt, und ihr Verhältniß hat seine Rückkehr<lb n="2"/>in sich nicht an ihm selbst; ebenso das zweyte, die <hi rendition="#g">Pietät</hi> der <hi rendition="#g">Eltern</hi> und <hi rendition="#g">Kin<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">der</hi> gegeneinander. Die der Eltern gegen ihre Kinder ist eben von dieser Rührung<lb n="4"/>afficirt, das Bewußtseyn seiner Wirklichkeit in dem andern zu haben, und das<lb n="5"/>Fürsichseyn in ihm werden zu sehen, ohne es zurück zu erhalten; sondern es bleibt<lb n="6"/>eine fremde, eigne Wirklichkeit; – die der Kinder aber gegen die Eltern umgekehrt<lb n="7"/>mit der Rührung, das Werden seiner selbst oder das Ansich an einem andern ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schwindenden zu haben, und das Fürsichseyn und eigene Selbstbewußtseyn zu<lb n="9"/>erlangen, nur durch die Trennung von dem Ursprung, – eine Trennung, worin<lb n="10"/>dieser versiegt.</p>
<p><lb n="11"/>Diese beyden Verhältnisse bleiben innerhalb des Uebergehens und der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gleichheit der Seiten stehen, die an sie vertheilt sind. – Das unvermischte Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>hältniß aber findet zwischen <hi rendition="#g">Bruder</hi> und <hi rendition="#g">Schwester</hi> statt. Sie sind dasselbe<lb n="14"/>Blut, das aber in ihnen in seine <hi rendition="#g">Ruhe</hi> und <hi rendition="#g">Gleichgewicht</hi> gekommen ist. Sie<lb n="15"/>begehren daher einander nicht, noch haben sie diß Fürsichseyn eins dem andern<lb n="16"/>gegeben, noch empfangen, sondern sie sind freye Individualität gegeneinander.<lb n="17"/>Das Weibliche hat daher als Schwester die höchste <hi rendition="#g">Ahndung</hi> des sittlichen<lb n="18"/>Wesens; zum <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> und der Wirklichkeit desselben kommt es nicht,<lb n="19"/>weil das Gesetz der Familie das <hi rendition="#g">ansich</hi>seyende, <hi rendition="#g">innerliche</hi> Wesen ist, das nicht<lb n="20"/>am Tage des Bewußtseyns liegt, sondern innerliches Gefühl und das der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichkeit enthobne Göttliche bleibt. An diese Penaten ist das Weibliche geknüpft,<lb n="22"/>welches in ihnen theils seine allgemeine Substanz, theils aber seine Einzelnheit<lb n="23"/>anschaut, so jedoch daß diese Beziehung der Einzelnheit zugleich nicht die natür<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>liche der Lust sey. – Als <hi rendition="#g">Tochter</hi> muß nun das Weib die Eltern mit natürlicher<lb n="25"/>Bewegung und mit sittlicher Ruhe verschwinden sehen, denn nur auf Unkosten<lb n="26"/>dieses Verhältnisses kommt sie zu dem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, dessen sie fähig ist; sie schaut<lb n="27"/>in den Eltern also ihr Fürsichseyn nicht auf positive Weise an. – Die Verhältnisse<lb n="28"/>der <hi rendition="#g">Mutter</hi> und der <hi rendition="#g">Frau</hi> aber haben die Einzelnheit theils als etwas natürliches,<lb n="29"/>das der Lust angehört, theils als etwas negatives, das nur sein Verschwinden darin<lb n="30"/>erblickt, theils ist sie ebendarum etwas zufälliges, das durch eine andere ersetzt<lb n="31"/>werden kann. Im Hause der Sittlichkeit ist es nicht <hi rendition="#g">dieser</hi> Mann, nicht <hi rendition="#g">dieses</hi><lb n="32"/>Kind, sondern <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Mann</hi>, <hi rendition="#g">Kinder</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi>, – nicht die Empfindung, son<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>dern das Allgemeine, worauf sich diese Verhältnisse des Weibes gründen. Der<lb n="34"/>Unterschied seiner Sittlichkeit von der des Mannes besteht eben darin, daß es in<lb n="35"/>seiner Bestimmung für die Einzelnheit und in seiner Lust unmittelbar allgemein<lb n="36"/>und der Einzelnheit der Begierde fremd bleibt; dahingegen in dem Manne diese<lb n="37"/>beyden Seiten auseinandertreten, und indem er als Bürger die <hi rendition="#g">selbstbewußte</hi><lb n="38"/>Krafft der <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> besitzt, erkauft er sich dadurch das Recht der <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="39" break="no"/><hi rendition="#g">gierde</hi>, und erhält sich zugleich die Freyheit von derselben. Indem also in diß</p>
<pb n="248" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=255" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Verhältniß der Frau die Einzelnheit eingemischt ist, ist seine Sittlichkeit nicht<lb n="2"/>rein; insofern sie aber diß ist, ist die Einzelnheit <hi rendition="#g">gleichgültig</hi>, und die Frau<lb n="3"/>entbehrt das Moment, sich als <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst im andern zu erkennen. – Der Bruder<lb n="4"/>aber ist der Schwester das ruhige gleiche Wesen überhaupt, ihre Anerkennung in<lb n="5"/>ihm rein und unvermischt mit natürlicher Beziehung; die Gleichgültigkeit der<lb n="6"/>Einzelnheit und die sittliche Zufälligkeit derselben ist daher in diesem Verhältnisse<lb n="7"/>nicht vorhanden; sondern das Moment des anerkennenden und anerkannten <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">zelnen</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi> darf hier sein Recht behaupten, weil es mit dem Gleichgewichte<lb n="9"/>des Blutes und begierdeloser Beziehung verknüpft ist. Der Verlust des Bruders<lb n="10"/>ist daher der Schwester unersetzlich, und ihre Pflicht gegen ihn die höchste.</p>
<p><lb n="11"/>Diß Verhältniß ist zugleich die Gräntze, an der sich die in sich beschlossene<lb n="12"/>Familie auflöst, und außer sich geht. Der Bruder ist die Seite, nach welcher ihr<lb n="13"/>Geist zur Individualität wird, die gegen anderes sich kehrt, und in das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyn der Allgemeinheit übergeht. Der Bruder verläßt diese <hi rendition="#g">unmittelbare</hi>,<lb n="15"/><hi rendition="#g">elementarische</hi> und darum eigentlich <hi rendition="#g">negative</hi> Sittlichkeit der Familie, um<lb n="16"/>die ihrer selbstbewußte, wirkliche Sittlichkeit zu erwerben und hervorzubringen.</p>
<p><lb n="17"/>Er geht aus dem göttlichen Gesetz, in dessen Sphäre er lebte, zu dem mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lichen über. Die Schwester aber wird, oder die Frau bleibt der Vorstand des Hauses<lb n="19"/>und die Bewahrerin des göttlichen Gesetzes. Auf diese Weise überwinden die<lb n="20"/>beyden Geschlechter ihr natürliches Wesen, und treten in ihrer sittlichen Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>tung auf, als Verschiedenheiten, welche die beyden Unterschiede, die die sittliche<lb n="22"/>Substanz sich gibt, unter sich theilen. Diese beyden <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Wesen der<lb n="23"/>sittlichen Welt haben ihre bestimmte <hi rendition="#g">Individualität</hi> darum an <hi rendition="#g">natürlich</hi><lb n="24"/>unterschiedenen Selbstbewußtseyn, weil der sittliche Geist die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi><lb n="25"/>Einheit der Substanz mit dem Selbstbewußtseyn ist; – eine <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>,<lb n="26"/>welche also nach der Seite der Realität und des Unterschieds zugleich als das Da<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn eines natürlichen Unterschieds erscheint. – Es ist diejenige Seite, welche sich<lb n="28"/>an der Gestalt der sich selbst realen Individualität, in dem Begriffe des geistigen<lb n="29"/>Wesens, als <hi rendition="#g">ursprünglich</hi> <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> zeigte. Diß Moment verliert<lb n="30"/>die Unbestimmtheit, die es dort noch hat, und die zufällige Verschiedenheit von<lb n="31"/>Anlagen und Fähigkeiten. Es ist itzt der bestimmte Gegensatz der zwey Geschlechter,<lb n="32"/>deren Natürlichkeit zugleich die Bedeutung ihrer sittlichen Bestimmung erhält.</p>
<p><lb n="33"/>Der Unterschied der Geschlechter und ihres sittlichen Inhalts bleibt jedoch in<lb n="34"/>der Einheit der Substanz, und seine Bewegung ist eben das bleibende Werden der<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>selben. Der Mann wird vom Familiengeiste in das Gemeinwesen hinausgeschickt,<lb n="36"/>und findet in diesem sein selbstbewußtes Wesen; wie die Familie hiedurch in ihm<lb n="37"/>ihre allgemeine Substanz und Bestehen hat, so umgekehrt das Gemeinwesen<lb n="38"/>an der Familie das formale Element seiner Wirklichkeit und an dem göttlichen<lb n="39"/>Gesetze seine Krafft und Bewährung. Keins von beyden ist allein an und für sich;</p>
<pb n="249" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=256" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>das menschliche Gesetz geht in seiner lebendigen Bewegung von dem göttlichen,<lb n="2"/>das auf Erden geltende von dem unterirdischen, das bewußte vom bewußtlosen,<lb n="3"/>die Vermittlung von der Unmittelbarkeit aus, und geht ebenso dahin zurück,<lb n="4"/>wovon es ausging. Die unterirdische Macht dagegen hat auf der Erde ihre <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>; sie wird durch das Bewußtseyn Daseyn und Thätigkeit.</p>
<p><lb n="6"/>Die allgemeinen sittlichen Wesen sind also die Substanz als allgemeines, und sie<lb n="7"/>als einzelnes Bewußtseyn; sie haben das Volk und die Familie zu ihrer allgemeinen<lb n="8"/>Wirklichkeit, den Mann aber und das Weib zu ihrem natürlichen Selbst und der<lb n="9"/>bethätigenden Individualität. In diesem Inhalt der sittlichen Welt sehen wir die<lb n="10"/>Zwecke erreicht, welche die vorhergehenden substanzlosen Gestalten des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn sich machten; was die Vernunft nur als Gegenstand auffaßte, ist Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn geworden, und was dieses nur in ihm selbst hatte, als wahre Wirklichkeit<lb n="13"/>vorhanden. – Was die Beobachtung als ein <hi rendition="#g">vorgefundenes</hi> wußte, an dem das<lb n="14"/>Selbst keinen Theil hätte, ist hier vorgefundene Sitte, aber eine Wirklichkeit, die<lb n="15"/>zugleich That und Werk des Findenden ist. – Der Einzelne die Lust <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Genusses</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> suchend, findet sie in der Familie, und die Nothwendigkeit,<lb n="17"/>worin die Lust vergeht, ist sein eignes Selbstbewußtseyn als Bürgers seines Volks; –<lb n="18"/>oder es ist dieses, das <hi rendition="#g">Gesetz</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Herzens</hi> als das Gesetz aller Herzen, das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wußtseyn des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> als die anerkannte allgemeine Ordnung zu wissen; – es<lb n="20"/>ist die <hi rendition="#g">Tugend</hi>, welche der Früchte ihrer Aufopferung genießt; sie bringt zu<lb n="21"/>Stande, worauf sie geht, nemlich das Wesen zur wirklichen Gegenwart heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zuheben, und ihr Genuß ist diß allgemeine Leben. – Endlich das Bewußtseyn<lb n="23"/><hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> wird in der realen Substanz befriedigt, die auf eine positive<lb n="24"/>Weise die abstracten Momente jener leeren Kategorie enthält und erhält. Sie hat<lb n="25"/>an den sittlichen Mächten einen wahrhafften Inhalt, der an die Stelle der substanz<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>losen Gebote getreten, die die gesunde Vernunft geben und wissen wollte; – so<lb n="27"/>wie hiedurch einen inhaltsvollen, an ihm selbstbestimmten Maßstab der Prüffung<lb n="28"/>nicht der Gesetze, sondern dessen, was gethan wird.</p>
<p><lb n="29"/>Das Ganze ist ein ruhiges Gleichgewicht aller Theile, und jeder Theil ein ein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heimischer Geist, der seine Befriedigung nicht jenseits seiner sucht, sondern sie<lb n="31"/>in sich darum hat, weil er selbst in diesem Gleichgewichte mit dem Ganzen ist. –<lb n="32"/>Diß Gleichgewicht kann zwar nur dadurch lebendig seyn, daß Ungleichheit in<lb n="33"/>ihm entsteht, und von der <hi rendition="#g">Gerechtigkeit</hi> zur Gleichheit zurückgebracht wird.<lb n="34"/>Die Gerechtigkeit ist aber weder ein fremdes jenseits sich befindendes Wesen,<lb n="35"/>noch die seiner unwürdige Wirklichkeit einer gegenseitigen Tücke, Verraths,<lb n="36"/>Undanks u.s.f., die in der Weise des gedankenlosen Zufalls als ein unbegriffner<lb n="37"/>Zusammenhang und ein bewußtloses Thun und Unterlassen das Gericht voll-</p>
<pb n="250" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=257" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>brächte, sondern als Gerechtigkeit des <hi rendition="#g">menschlichen</hi> Rechts, welche das aus dem<lb n="2"/>Gleichgewichte tretende Fürsichseyn, die Selbstständigkeit der Stände und Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>viduen in das Allgemeine zurückbringt, ist sie die Regierung des Volks, welche<lb n="4"/>die sich gegenwärtige Individualität des allgemeinen Wesens und der eigne selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bewußte Willen Aller ist. – Die Gerechtigkeit aber, welche das über den Einzelnen<lb n="6"/>übermächtig werdende Allgemeine zum Gleichgewichte zurückbringt, ist ebenso<lb n="7"/>der einfache Geist desjenigen, der Unrecht erlitten; – nicht zersetzt in ihn, der es<lb n="8"/>erlitten, und ein jenseitiges Wesen; er selbst ist die unterirrdische Macht, und es ist<lb n="9"/><hi rendition="#g">seine</hi> Erinnye, welche die Rache betreibt; denn seine Individualität, sein Blut,<lb n="10"/>lebt im Hause fort; seine Substanz hat eine dauernde Wirklichkeit. Das Unrecht,<lb n="11"/>welches im Reiche der Sittlichkeit dem Einzelnen zugefügt werden kann, ist nur<lb n="12"/>dieses, daß ihm rein etwas <hi rendition="#g">geschieht</hi>. Die Macht, welche diß Unrecht an dem<lb n="13"/>Bewußtseyn verübt, es zu einem reinen Dinge zu machen, ist die Natur, es ist die<lb n="14"/>Allgemeinheit nicht des <hi rendition="#g">Gemeinwesens</hi>, sondern die <hi rendition="#g">abstracte</hi> des <hi rendition="#g">Seyns</hi>;<lb n="15"/>und die Einzelnheit wendet sich in der Auflösung des erlittenen Unrechts nicht<lb n="16"/>gegen jenes, denn von ihm hat es nicht gelitten, sondern gegen dieses. Das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wußtseyn des Bluts des Individuums löst diß Unrecht, wie wir gesehen, so auf,<lb n="18"/>daß was <hi rendition="#g">geschehen</hi> ist, vielmehr ein <hi rendition="#g">Werk</hi> wird, damit das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, das <hi rendition="#g">Letzte</hi>,<lb n="19"/>auch ein <hi rendition="#g">gewolltes</hi> und hiemit erfreulich sey.</p>
<p><lb n="20"/>Das sittliche Reich ist auf diese Weise in seinem <hi rendition="#g">Bestehen</hi> eine unbefleckte<lb n="21"/>durch keinen Zwiespalt verunreinigte Welt. Ebenso ist seine Bewegung ein ruhiges<lb n="22"/>Werden der einen Macht desselben zur andern, so daß jede die andere selbst erhält<lb n="23"/>und hervorbringt. Wir sehen sie zwar in zwey Wesen und deren Wirklichkeit<lb n="24"/>sich theilen; aber ihr Gegensatz ist vielmehr die Bewährung des Einen durch das<lb n="25"/>Andere, und, worin sie sich unmittelbar als wirkliche berühren, ihre Mitte und<lb n="26"/>Element ist die unmittelbare Durchdringung derselben. Das eine Extrem, der all<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gemeine sich bewußte Geist, wird mit seinem andern Extrem, seiner Krafft und<lb n="28"/>seinem Element, mit dem <hi rendition="#g">bewußtlosen</hi> Geiste, durch die <hi rendition="#g">Individualität</hi><lb n="29"/>des <hi rendition="#g">Mannes</hi> zusammen geschlossen. Dagegen hat das <hi rendition="#g">göttliche</hi> Gesetz seine<lb n="30"/>Individualisirung, oder der <hi rendition="#g">bewußtlose</hi> Geist des Einzelnen sein Daseyn an dem<lb n="31"/>Weibe, durch welches als die <hi rendition="#g">Mitte</hi> er aus seiner Unwirklichkeit in die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lichkeit, aus dem Unwissenden und Ungewußten in das bewußte Reich herauf<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>tritt. Die Vereinigung des Mannes und des Weibes macht die thätige Mitte des<lb n="34"/>Ganzen und das Element aus, das, in diese Extreme des göttlichen und menschlichen<lb n="35"/>Gesetzes entzweyt, ebenso ihre unmittelbare Vereinigung ist, welche jene beyden<lb n="36"/>ersten Schlüsse zu demselben Schlusse macht, und die entgegengesetzte Bewegung,<lb n="37"/>der Wirklichkeit hinab zur Unwirklichkeit, – des menschlichen Gesetzes, das sich</p>
<pb n="251" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=258" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>in selbstständige Glieder organisirt, herunter zur Gefahr und Bewährung des Todes; –<lb n="2"/>und des unterirdischen Gesetzes herauf zur Wirklichkeit des Tages und zum be<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>wußten Daseyn, – deren jene dem Manne, diese dem Weibe zukommt, – in Eine<lb n="4"/>vereinigt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="5"/>b.</head>
<head><lb n="6"/>Die sittliche Handlung,<lb n="7"/>das menschliche und göttliche Wissen,<lb n="8"/>die Schuld und das Schicksal.</head>
<p><lb n="9"/>Wie aber in diesem Reiche der Gegensatz beschaffen ist, so ist das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>seyn noch nicht in seinem Rechte als <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> aufgetreten;<lb n="11"/>sie gilt in ihm auf der einen Seite nur als <hi rendition="#g">allgemeiner</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi>, auf der andern<lb n="12"/>als <hi rendition="#g">Blut</hi> der <hi rendition="#g">Familie</hi>; <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Einzelne</hi> gilt nur als der <hi rendition="#g">unwirkliche</hi> <hi rendition="#g">Schatten</hi>. –<lb n="13"/>Es ist <hi rendition="#g">noch</hi> <hi rendition="#g">keine</hi> <hi rendition="#g">That</hi> begangen; die That aber ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>. –<lb n="14"/>Sie stört die ruhige Organisation und Bewegung der sittlichen Welt. Was in dieser<lb n="15"/>als Ordnung und Uebereinstimmung ihrer beyden Wesen erscheint, deren eins<lb n="16"/>das andere bewährt und vervollständigt, wird durch die That zu einem Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gange <hi rendition="#g">entgegengesetzter</hi>, worin jedes sich vielmehr als die Nichtigkeit seiner<lb n="18"/>selbst und des andern beweißt, denn als die Bewährung; – es wird zu der negativen<lb n="19"/>Bewegung oder der ewigen Nothwendigkeit des furchtbaren <hi rendition="#g">Schicksals</hi>, welche<lb n="20"/>das göttliche, wie das menschliche Gesetz, so wie die beyden Selbstbewußtseyn,<lb n="21"/>in denen diese Mächte ihr Daseyn haben, in den Abgrund seiner <hi rendition="#g">Einfachheit</hi><lb n="22"/>verschlingt, – und für uns in das <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des rein einzelnen<lb n="23"/>Selbstbewußtseyns übergeht.</p>
<p><lb n="24"/>Der <hi rendition="#g">Grund</hi>, von dem diese Bewegung aus- und auf dem sie vorgeht, ist das<lb n="25"/>Reich der Sittlichkeit; aber die <hi rendition="#g">Thätigkeit</hi> dieser Bewegung ist das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bewußtseyn. Als <hi rendition="#g">sittliches</hi> Bewußtseyn ist es die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Richtung</hi><lb n="27"/>auf die sittliche Wesenheit, oder die Pflicht. Keine Willkühr, und ebenso kein<lb n="28"/>Kampf, keine Unentschiedenheit ist in ihm, indem das Geben und das Prüffen<lb n="29"/>der Gesetze aufgegeben worden, sondern die sittliche Wesenheit ist ihm das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mittelbare, Unwankende, Widerspruchslose. Es gibt daher nicht das schlechte<lb n="31"/>Schauspiel, sich in einer Collision von Leidenschafft und Pflicht, noch das Ko<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mische, in einer Collision von Pflicht und Pflicht zu befinden, – einer Collision,<lb n="33"/>die dem Inhalte nach dasselbe ist, als die zwischen Leidenschafft und Pflicht; denn</p>
<pb n="252" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=259" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>die Leidenschafft ist ebenso fähig als Pflicht vorgestellt zu werden, weil die Pflicht,<lb n="2"/>wie sich das Bewußtseyn aus ihrer unmittelbaren substantiellen Wesenheit in sich<lb n="3"/>zurückzieht, zum formell-allgemeinen wird, in das jeder Inhalt gleich gut paßt,<lb n="4"/>wie sich oben ergab. Komisch aber ist die Collision der Pflichten, weil sie den<lb n="5"/>Widerspruch, nemlich eines <hi rendition="#g">entgegengesetzten</hi> <hi rendition="#g">Absoluten</hi>, also Absolutes<lb n="6"/>und unmittelbar die Nichtigkeit dieses sogenannten Absoluten oder Pflicht, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>drückt. – Das sittliche Bewußtseyn aber weiß, was es zu thun hat; und ist ent<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schieden, es sey dem göttlichen oder dem menschlichen Gesetze anzugehören.<lb n="9"/>Diese Unmittelbarkeit seiner Entschiedenheit ist ein <hi rendition="#g">ansich</hi> seyn, und hat daher<lb n="10"/>zugleich die Bedeutung eines natürlichen Seyns wie wir gesehen; die Natur, nicht<lb n="11"/>das Zufällige der Umstände oder der Wahl, theilt das eine Geschlecht dem einen,<lb n="12"/>das andere dem andern Gesetze zu, – oder umgekehrt, die beyden sittlichen Mächte<lb n="13"/>selbst geben sich an den beyden Geschlechtern ihr individuelles Daseyn und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>wirklichung.</p>
<p><lb n="15"/>Hiedurch nun daß einestheils die Sittlichkeit wesentlich in dieser unmittelbaren<lb n="16"/><hi rendition="#g">Entschiedenheit</hi> besteht, und darum für das Bewußtseyn nur das Eine Gesetz<lb n="17"/>das Wesen ist, anderntheils daß die sittlichen Mächte in dem <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyns wirklich sind, erhalten sie die Bedeutung, sich <hi rendition="#g">auszuschliessen</hi> und sich<lb n="19"/><hi rendition="#g">entgegengesetzt</hi> zu seyn; – sie sind in dem Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, wie<lb n="20"/>sie im <hi rendition="#g">Reiche</hi> der Sittlichkeit nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> sind. Das sittliche Bewußtseyn, weil<lb n="21"/>es für Eins derselben <hi rendition="#g">entschieden</hi> ist, ist wesentlich <hi rendition="#g">Charakter</hi>; es ist für es<lb n="22"/>nicht die gleiche <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> beyder; der Gegensatz erscheint darum als eine<lb n="23"/><hi rendition="#g">unglückliche</hi> Collision der Pflicht nur mit der rechtlosen <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>.<lb n="24"/>Das sittliche Bewußtseyn ist als Selbstbewußtseyn in diesem Gegensatze, und als<lb n="25"/>solches geht es zugleich darauf, dem Gesetze, dem es angehört, diese entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gesetzte Wirklichkeit durch Gewalt zu unterwerfen, oder sie zu täuschen. Indem<lb n="27"/>es das Recht nur auf seiner Seite, das Unrecht aber auf der andern sieht, so erblickt<lb n="28"/>von beyden dasjenige, welches dem göttlichen Gesetze angehört, auf der andern<lb n="29"/>Seite menschliche zufällige <hi rendition="#g">Gewaltthätigkeit</hi>; das aber dem menschlichen<lb n="30"/>Gesetze zugetheilt ist, auf der andern den Eigensinn und den <hi rendition="#g">Ungehorsam</hi><lb n="31"/>des innerlichen Fürsichseyns; denn die Befehle der Regierung sind der allgemeine,<lb n="32"/>am Tage liegende öffentliche Sinn; der Willen des andern Gesetzes aber ist, der<lb n="33"/>unterirrdische, ins Innre verschlossne Sinn, der in seinem Daseyn als Willen der<lb n="34"/>Einzelnheit erscheint, und im Widerspruche mit dem ersten der Frevel ist.</p>
<p><lb n="35"/>Es entsteht hiedurch am Bewußtseyn der Gegensatz des <hi rendition="#g">Gewußten</hi> und des<lb n="36"/><hi rendition="#g">Nichtgewußten</hi>, wie in der Substanz, des <hi rendition="#g">Bewußten</hi> und <hi rendition="#g">Bewußtlosen</hi>;</p>
<pb n="253" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=260" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>und das absolute <hi rendition="#g">Recht</hi> des sittlichen <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> kommt mit dem<lb n="2"/>göttlichen <hi rendition="#g">Rechte</hi> des <hi rendition="#g">Wesens</hi> in Streit. Für das Selbstbewußtseyn als Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn hat die gegenständliche Wirklichkeit als solche Wesen; nach seiner Substanz<lb n="4"/>aber ist es die Einheit seiner und dieses Entgegengesetzten; und das sittliche Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bewußtseyn ist das Bewußtseyn der Substanz; der Gegenstand als dem Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bewußtseyn entgegengesetzt, hat darum gänzlich die Bedeutung verloren, für<lb n="7"/>sich Wesen zu haben. Wie die Sphären, worinn er nur ein <hi rendition="#g">Ding</hi> ist, längst ver<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schwunden, so auch diese Sphären, worin das Bewußtseyn etwas aus sich befestiget<lb n="9"/>und ein einzelnes Moment zum Wesen macht. Gegen solche Einseitigkeit hat die<lb n="10"/>Wirklichkeit eine eigene Krafft; sie steht mit der Wahrheit im Bunde gegen das<lb n="11"/>Bewußtseyn, und stellt diesem erst dar, was die Wahrheit ist. Das sittliche Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn aber hat aus der Schaale der absoluten Substanz die Vergessenheit aller Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seitigkeit des Fürsichseyns, seiner Zwecke und eigenthümlichen Begriffe getrunken,<lb n="14"/>und darum in diesem stygischen Wasser zugleich alle eigne Wesenheit und selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>ständige Bedeutung der gegenständlichen Wirklichkeit ertränkt. Sein absolutes<lb n="16"/>Recht ist daher, daß es, indem es nach dem sittlichen Gesetze handelt, in dieser<lb n="17"/>Verwirklichung nicht irgend etwas anderes finde, als nur die Vollbringung dieses<lb n="18"/>Gesetzes selbst, und die That nichts anders zeige, als das sittliche Thun ist. – Das<lb n="19"/>Sittliche, als das absolute <hi rendition="#g">Wesen</hi> und die absolute <hi rendition="#g">Macht</hi> zugleich kann keine<lb n="20"/>Verkehrung seines Inhalts erleiden. Wäre es nur das absolute <hi rendition="#g">Wesen</hi> ohne die<lb n="21"/>Macht, so könnte es eine Verkehrung durch die Individualität erfahren; aber diese<lb n="22"/>als sittliches Bewußtseyn hat mit dem Aufgeben des einseitigen Fürsichseyns dem<lb n="23"/>Verkehren entsagt; so wie die bloße Macht umgekehrt vom Wesen verkehrt<lb n="24"/>werden würde, wenn sie noch ein solches Fürsichseyn wäre. Um dieser Einheit<lb n="25"/>willen ist die Individualität reine Form der Substanz, die der Inhalt ist, und das<lb n="26"/>Thun ist das Uebergehen aus dem Gedanken in die Wirklichkeit, nur als die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wegung eines wesenlosen Gegensatzes, dessen Momente keinen besondern von<lb n="28"/>einander verschiedenen Inhalt und Wesenheit haben. Das absolute Recht des sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichen Bewußtseyns ist daher, daß die <hi rendition="#g">That</hi>, die <hi rendition="#g">Gestalt</hi> seiner <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>,<lb n="30"/>nichts anders sey, als es <hi rendition="#g">weiß</hi>.</p>
<p><lb n="31"/>Aber das sittliche Wesen hat sich selbst in zwey Gesetze gespalten, und das<lb n="32"/>Bewußtseyn als unentzweytes Verhalten zum Gesetze, ist nur Einem zugetheilt.<lb n="33"/>Wie diß <hi rendition="#g">einfache</hi> Bewußtseyn auf dem absoluten Rechte besteht, daß ihm als<lb n="34"/>sittlichem das Wesen <hi rendition="#g">erschienen</hi> sey, wie es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, so besteht dieses Wesen<lb n="35"/>auf dem Rechte seiner <hi rendition="#g">Realität</hi>, oder darauf gedoppeltes zu seyn. Diß Recht des<lb n="36"/>Wesens steht aber zugleich dem Selbstbewußtseyn nicht gegenüber, daß es irgend<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>wo anders wäre, sondern es ist das eigne Wesen des Selbstbewußtseyns; es hat</p>
<pb n="254" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=261" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>darin allein sein Daseyn und seine Macht, und sein Gegensatz ist die <hi rendition="#g">That</hi> des<lb n="2"/><hi rendition="#g">letztern</hi>. Denn dieses, eben indem es sich als Selbst ist und zur That schreitet,<lb n="3"/>erhebt sich aus der <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> und setzt selbst die <hi rendition="#g">Ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">zweyung</hi>. Es gibt durch die That die Bestimmtheit der Sittlichkeit auf, die ein<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>fache Gewißheit der unmittelbaren Wahrheit zu seyn, und setzt die Trennung<lb n="6"/>seiner selbst, in sich als das Thätige und in die gegenüberstehende für es negative<lb n="7"/>Wirklichkeit. Es wird also durch die That zur <hi rendition="#g">Schuld</hi>. Denn sie ist sein <hi rendition="#g">Thun</hi>,<lb n="8"/>und das Thun sein eigenstes Wesen; und die <hi rendition="#g">Schuld</hi> erhält auch die Bedeutung<lb n="9"/>des <hi rendition="#g">Verbrechens</hi>: denn als einfaches sittliches Bewußtseyn hat es sich dem einen<lb n="10"/>Gesetze zugewandt, dem andern aber abgesagt, und verletzt dieses durch seine<lb n="11"/>That. – Die <hi rendition="#g">Schuld</hi> ist nicht das gleichgültige doppelsinnige Wesen, daß die That,<lb n="12"/>wie sie <hi rendition="#g">wirklich</hi> am Tage liegt, <hi rendition="#g">Thun</hi> ihres Selbsts seyn könne oder auch nicht,<lb n="13"/>als ob mit dem Thun sich etwas Aeußerliches und Zufälliges verknüpfen könnte,<lb n="14"/>das dem Thun nicht angehörte, von welcher Seite das Thun also unschuldig wäre.<lb n="15"/>Sondern das Thun ist selbst diese Entzweyung, sich für sich, und diesem gegenüber<lb n="16"/>eine fremde äußerliche Wirklichkeit zu setzen; daß eine solche ist, gehört dem<lb n="17"/>Thun selbst an und ist durch dasselbe. Unschuldig ist daher nur das Nichtthun<lb n="18"/>wie das Seyn eines Steines, nicht einmal eines Kindes. – Dem Inhalte nach aber<lb n="19"/>hat die sittliche <hi rendition="#g">Handlung</hi> das Moment des Verbrechens an ihr, weil sie die<lb n="20"/><hi rendition="#g">natürliche</hi> Vertheilung der beyden Gesetze an die beyden Geschlechter nicht<lb n="21"/>aufhebt, sondern vielmehr als <hi rendition="#g">unentzweyte</hi> Richtung auf das Gesetz innerhalb<lb n="22"/>der <hi rendition="#g">natürlichen</hi> <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> bleibt, und als Thun diese Einseitigkeit<lb n="23"/>zur Schuld macht, nur die eine der Seiten des Wesens zu ergreifen, und gegen die<lb n="24"/>andre sich negativ zu verhalten, d. h. sie zu verletzen. Wohin in dem allgemeinen<lb n="25"/>sittlichen Leben Schuld und Verbrechen, Thun und Handeln fällt, wird nachher<lb n="26"/>bestimmter ausgedrückt werden; es erhellt unmittelbar soviel, daß es nicht <hi rendition="#g">dieser</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">Einzelne</hi> ist, der handelt und schuldig ist; denn er als <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst ist nur der<lb n="28"/>unwirkliche Schatten, oder er ist nur als allgemeines Selbst, und die Individualität<lb n="29"/>rein das <hi rendition="#g">formale</hi> Moment des <hi rendition="#g">Thuns</hi> überhaupt, und der Inhalt die Gesetze<lb n="30"/>und Sitten, und bestimmt für den Einzelnen, die seines Standes; er ist die Substanz<lb n="31"/>als Gattung, die durch ihre Bestimmtheit zwar zur Art wird, aber die Art bleibt<lb n="32"/>zugleich das Allgemeine der Gattung. Das Selbstbewußtseyn steigt innerhalb des<lb n="33"/>Volkes vom Allgemeinen nur bis zur Besonderheit, nicht bis zur einzelnen Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>vidualität herab, welche ein ausschließendes Selbst, eine sich negative Wirklichkeit<lb n="35"/>in seinem Thun setzt; sondern seinem Handeln liegt das sichre Vertrauen zum<lb n="36"/>Ganzen zu Grunde, worin sich nichts Fremdes, keine Furcht noch Feindschafft<lb n="37"/>einmischt.</p>
<pb n="255" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=262" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Die entwickelte Natur des <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Handelns erfährt nun das sittliche<lb n="2"/>Selbstbewußtseyn an seiner That, ebensowohl wenn es dem göttlichen als wenn<lb n="3"/>es dem menschlichen Gesetze sich ergab. Das ihm offenbare Gesetz ist im Wesen<lb n="4"/>mit dem entgegengesetzten verknüpft; das Wesen ist die Einheit beyder; die That<lb n="5"/>aber hat nur das Eine gegen das Andere ausgeführt. Aber im Wesen mit diesem<lb n="6"/>verknüpft, rufft die Erfüllung des Einen das Andere hervor, und, wozu die That<lb n="7"/>es machte, als ein verletztes, und nun feindliches, Rache forderndes Wesen. Dem<lb n="8"/>Handeln liegt nur die eine Seite des Entschlusses überhaupt an dem Tage; er ist<lb n="9"/>aber <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das Negative, das ein ihm Anderes, ein ihm, der das Wissen ist,<lb n="10"/>Fremdes gegenüberstellt. Die Wirklichkeit hält daher die andere dem Wissen<lb n="11"/>fremde Seite in sich verborgen, und zeigt sich dem Bewußtseyn nicht, wie sie<lb n="12"/>an und für sich ist, – dem Sohne nicht den Vater in seinem Beleidiger, den er er<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>schlägt; – nicht die Mutter in der Königin, die er zum Weibe nimmt. Dem sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichen Selbstbewußtseyn stellt auf diese Weise eine lichtscheue Macht nach, welche<lb n="15"/>erst, wenn die That geschehen, hervorbricht und es bey ihr ergreifft; denn die<lb n="16"/>vollbrachte That ist der aufgehobne Gegensatz des wissenden Selbst, und der<lb n="17"/>ihm gegenüberstehenden Wirklichkeit. Das Handelnde kann das Verbrechen und<lb n="18"/>seine Schuld nicht verleugnen; – die That ist dieses, das Unbewegte zu bewegen<lb n="19"/>und das nur erst in der Möglichkeit verschlossene hervor zu bringen, und hiemit<lb n="20"/>das Unbewußte dem Bewußten, das Nichtseyende dem Seyn zu verknüpfen.<lb n="21"/>In dieser Wahrheit tritt also die That an die Sonne; – als ein solches, worin ein<lb n="22"/>Bewußtes einem Unbewußten, das Eigne einem Fremden verbunden ist, als das<lb n="23"/>entzweyte Wesen, dessen andere Seite das Bewußtseyn, und auch als die seinige<lb n="24"/>erfährt, aber als die von ihm verletzte und feindlich erregte Macht.</p>
<p><lb n="25"/>Es kann seyn, daß das Recht, welches sich im Hinterhalte hielt, nicht in seiner<lb n="26"/>eigenthümlichen Gestalt für das handelnde <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, sondern nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, in<lb n="27"/>der innern Schuld des Entschlusses und des Handelns vorhanden ist. Aber das sittliche<lb n="28"/>Bewußtseyn ist vollständiger, seine Schuld reiner, wenn es das Gesetz und die Macht<lb n="29"/><hi rendition="#g">vorher</hi> <hi rendition="#g">kennt</hi>, der es gegenüber tritt, sie für Gewalt und Unrecht, für eine sittliche<lb n="30"/>Zufälligkeit nimmt, und wissentlich, wie Antigone, das Verbrechen begeht. Die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>brachte That verkehrt seine Ansicht; die <hi rendition="#g">Vollbringung</hi> spricht es selbst aus, daß<lb n="32"/>was <hi rendition="#g">sittlich</hi> ist, <hi rendition="#g">wirklich</hi> seyn müsse; denn die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des Zwecks ist der<lb n="33"/>Zweck des Handelns. Das Handeln spricht gerade die <hi rendition="#g">Einheit</hi> der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="34"/>und der <hi rendition="#g">Substanz</hi> aus, es spricht aus, daß die Wirklichkeit dem Wesen nicht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>fällig ist, sondern mit ihm im Bunde keinem gegeben wird, das nicht wahres Recht<lb n="36"/>ist. Das sittliche Bewußtseyn muß sein Entgegengesetztes um dieser Wirklichkeit<lb n="37"/>willen, und um seines Thuns willen, als die seinige, es muß seine Schuld anerkennen;</p>
<pb n="256" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=263" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">leiden</hi>, <hi rendition="#g">anerkennen</hi> <hi rendition="#g">wir</hi>, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">wir</hi> <hi rendition="#g">gefehlt</hi> –</p>
<p><lb n="2"/>Diß Anerkennen drückt den aufgehobenen Zwiespalt des sittlichen <hi rendition="#g">Zweckes</hi><lb n="3"/>und der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, es drückt die Rückkehr zur sittlichen <hi rendition="#g">Gesinnung</hi><lb n="4"/>aus, die weiß, daß nichts gilt, als das Rechte. Damit aber gibt das Handelnde seinen<lb n="5"/><hi rendition="#g">Charakter</hi> und die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> seines Selbsts auf, und ist zu Grunde ge<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gangen. Sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist dieses, seinem sittlichen Gesetze als seiner Substanz anzu<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gehören; in dem Anerkennen des Entgegengesetzten hat diß aber aufgehört, ihm<lb n="8"/>Substanz zu seyn; und statt seiner Wirklichkeit hat es die Unwirklichkeit, die<lb n="9"/>Gesinnung, erreicht. – Die Substanz erscheint zwar <hi rendition="#g">an</hi> der Individualität, als das<lb n="10"/><hi rendition="#g">Pathos</hi> derselben, und die Individualität als das, was sie belebt, und daher über<lb n="11"/>ihr steht; aber sie ist ein Pathos, das zugleich sein Charakter ist; die sittliche Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>vidualität ist unmittelbar, und an sich eins mit diesem seinem Allgemeinen, sie<lb n="13"/>hat ihre Existenz nur in ihm, und vermag den Untergang, den diese sittliche Macht<lb n="14"/>durch die entgegengesetzte leidet, nicht zu überleben.</p>
<p><lb n="15"/>Sie hat aber dabey die Gewißheit, daß diejenige Individualität, deren Pathos<lb n="16"/>diese entgegengesetzte Macht ist, – <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">mehr</hi> <hi rendition="#g">Uebel</hi> <hi rendition="#g">erleidet</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">zu<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">gefügt</hi>. Die Bewegung der sittlichen Mächte gegeneinander, und der sie in Leben<lb n="18"/>und Handlung setzenden Individualitäten hat nur darin ihr <hi rendition="#g">wahres</hi> <hi rendition="#g">Ende</hi> er<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>reicht, daß beyde Seiten denselben Untergang erfahren. Denn keine der Mächte<lb n="20"/>hat etwas vor der andern voraus, um <hi rendition="#g">wesentlicheres</hi> Moment der Substanz<lb n="21"/>zu seyn. Die gleiche Wesentlichkeit und das gleichgültige Bestehen beyder neben<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>einander ist ihr selbstloses Seyn; in der <hi rendition="#g">That</hi> sind sie als Selbstwesen, aber ein<lb n="23"/>verschiedenes, was der Einheit des Selbsts widerspricht, und ihre Rechtlosigkeit<lb n="24"/>und nothwendigen Untergang ausmacht. Der <hi rendition="#g">Charakter</hi> gehört ebenso theils<lb n="25"/>nach seinem Pathos oder Substanz nur der Einen an, theils ist nach der Seite des<lb n="26"/>Wissens der eine wie der andere in ein Bewußtes und Unbewußtes entzweyt;<lb n="27"/>und indem jeder selbst diesen Gegensatz hervorrufft, und durch die That auch das<lb n="28"/>Nichtwissen sein Werk ist, setzt er sich in die Schuld, die ihn verzehrt. Der Sieg<lb n="29"/>der einen Macht und ihres Charakters, und das Unterliegen der andern Seite wäre<lb n="30"/>also nur der Theil und das unvollendete Werk, das unaufhaltsam zum Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gewichte beyder fortschreitet. Erst in der gleichen Unterwerfung beyder Seiten<lb n="32"/>ist das absolute Recht vollbracht, und die sittliche Substanz als die negative Macht,<lb n="33"/>welche beyde Seiten verschlingt, oder das allmächtige und gerechte <hi rendition="#g">Schicksal</hi><lb n="34"/>aufgetreten.</p>
<p><lb n="35"/>Werden beyde Mächte nach ihrem bestimmten Inhalte und dessen Individuali<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>sation genommen, so bietet sich das Bild ihres gestalteten Widerstreits, nach seiner</p>
<pb n="257" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=264" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>formellen Seite, als der Widerstreit der Sittlichkeit und des Selbstbewußtseyns<lb n="2"/>mit der bewußtlosen Natur und einer durch sie vorhandenen Zufälligkeit, – diese<lb n="3"/>hat ein Recht gegen jenes, weil es nur der <hi rendition="#g">wahre</hi> Geist, nur in <hi rendition="#g">unmittelbarer</hi><lb n="4"/>Einheit mit seiner Substanz ist; – und seinem Inhalte nach, als der Zwiespalt des<lb n="5"/>göttlichen und menschlichen Gesetzes dar. – Der Jüngling tritt aus dem bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>losen Wesen, aus dem Familiengeiste, und wird die Individualität des Gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wesens; daß er aber der Natur, der er sich entriß, noch angehöre, erweißt sich so,<lb n="8"/>daß er in der Zufälligkeit zweyer Brüder heraustritt, welche mit gleichem Rechte<lb n="9"/>sich desselben bemächtigen; die Ungleichheit der frühern und spätern Geburt<lb n="10"/>hat <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sie,</hi> die in das sittliche Wesen eintreten, als Unterschied der Natur, keine<lb n="11"/>Bedeutung. Aber die Regierung, als die einfache Seele oder das Selbst des Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>geistes, verträgt nicht eine Zweyheit der Individualität; und der sittlichen Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wendigkeit dieser Einheit tritt die Natur als der Zufall der Mehrheit gegenüber<lb n="14"/>auf. Diese beyden werden darum uneins, und ihr gleiches Recht an die Staats<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gewalt zertrümmert beyde, die gleiches Unrecht haben. Menschlicher Weise<lb n="16"/>angesehen, hat derjenige das Verbrechen begangen, welcher, nicht <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Besitze,</hi><lb n="17"/>das Gemeinwesen, an dessen Spitze der andere stand, angreifft; derjenige dagegen<lb n="18"/>hat das Recht auf seiner Seite, welcher den andern nur als <hi rendition="#g">Einzelnen,</hi> abgelößt<lb n="19"/>von dem Gemeinwesen, zu fassen wußte und in dieser Machtlosigkeit vertrieb;<lb n="20"/>er hat nur das Individuum als solches, nicht jenes, nicht das Wesen des mensch<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichen Rechts, angetastet. Das von der leeren Einzelnheit angegriffene und ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>theidigte Gemeinwesen erhält sich, und die Brüder finden beyde ihren wechsel<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>seitigen Untergang durcheinander; denn die Individualität, welche <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> die Gefahr des Ganzen knüpft, hat sich selbst vom Gemeinwesen<lb n="25"/>ausgestossen, und lößt sich in sich auf. Den einen aber, der auf seiner Seite sich<lb n="26"/>fand, wird es ehren; den andern hingegen, der schon auf den Mauern seine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>wüstung aussprach, wird die Regierung, die wiederhergestellte Einfachheit des<lb n="28"/>Selbsts des Gemeinwesens, um die letzte Ehre bestraffen; wer an dem höchsten<lb n="29"/>Geiste des Bewußtseyns, der Gemeine, sich zu vergreiffen kam, muß der Ehre<lb n="30"/>seines ganzen vollendeten Wesens, der Ehre des abgeschiedenen Geistes, beraubt<lb n="31"/>werden.</p>
<p><lb n="32"/>Aber wenn so das Allgemeine die reine Spitze seiner Pyramide leicht abstößt,<lb n="33"/>und über das sich empörende Princip der Einzelnheit, die Familie, zwar den <hi rendition="#g">Sieg</hi><lb n="34"/>davon trägt, so hat es sich dadurch mit dem göttlichen Gesetze, der seiner selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>bewußte Geist sich mit dem Bewußtlosen nur in <hi rendition="#g">Kampf</hi> eingelassen; denn dieser<lb n="36"/>ist die andre wesentliche und darum von jener unzerstörte, und nur beleidigte<lb n="37"/>Macht. Er hat aber gegen das gewalthabende, am Tage liegende Gesetz, seine<lb n="38"/>Hülffe zur <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Ausführung nur an dem blutlosen Schatten. Als das<lb n="39"/>Gesetz der Schwäche und der Dunkelheit unterliegt er daher zunächst dem Gesetze</p>
<pb n="258" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=265" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>des Tages und der Krafft, denn jene Gewalt gilt unten, nicht auf Erden. Allein das<lb n="2"/>Wirkliche, das dem Innerlichen seine Ehre und Macht genommen, hat damit<lb n="3"/>sein Wesen aufgezehrt. Der offenbare Geist hat die Wurzel seiner Kraft in der<lb n="4"/>Unterwelt; die ihrer selbst sichere und sich versichernde <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> des Volkes<lb n="5"/>hat die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> ihres Alle in Eins bindenden Eydes, nur in der bewußtlosen<lb n="6"/>und stummen Substanz Aller, in den Wässern der Vergessenheit. Hiedurch ver<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wandelt sich die Vollbringung des offenbaren Geistes in das Gegentheil, und er<lb n="8"/>erfährt, daß sein höchstes Recht das höchste Unrecht, sein Sieg vielmehr sein<lb n="9"/>eigener Untergang ist. Der Todte, dessen Recht gekränkt ist, weiß darum für seine<lb n="10"/>Rache Werkzeuge zu finden, welche von gleicher Wirklichkeit und Gewalt sind<lb n="11"/>mit der Macht, die ihn verletzt. Diese Mächte sind andere Gemeinwesen, deren<lb n="12"/>Altäre die Hunde oder Vögel mit der Leiche besudelten, welche nicht durch die<lb n="13"/>ihr gebührende Zurückgabe an das elementarische Individuum in die bewußtlose<lb n="14"/>Allgemeinheit erhoben, sondern über der Erde im Reiche der Wirklichkeit<lb n="15"/>geblieben, und als die Krafft des göttlichen Gesetzes, nun eine selbstbewußte<lb n="16"/>wirkliche Allgemeinheit erhält. Sie machen sich feindlich auf, und zerstören das<lb n="17"/>Gemeinwesen, das seine Krafft, die Pietät der Familie, entehrt und zerbrochen<lb n="18"/>hat.</p>
<p><lb n="19"/>In dieser Vorstellung hat die Bewegung des menschlichen und göttlichen Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>setzes den Ausdruck ihrer Nothwendigkeit an Individuen, an denen das Allgemeine<lb n="21"/>als ein <hi rendition="#g">Pathos</hi> und die Thätigkeit der Bewegung als <hi rendition="#g">individuelles</hi> Thun<lb n="22"/>erscheint, welches der Nothwendigkeit derselben den Schein der Zufälligkeit gibt.<lb n="23"/>Aber die Individualität und das Thun macht das Princip der Einzelnheit überhaupt<lb n="24"/>aus, das in seiner reinen Allgemeinheit, das innere göttliche Gesetz genannt wurde.<lb n="25"/>Als Moment des offenbaren Gemeinwesens hat es nicht nur jene unterirrdische<lb n="26"/>oder – in seinem Daseyn äußerliche Wirksamkeit, sondern ein eben so offenbares<lb n="27"/>an dem wirklichen Volke wirkliches Daseyn und Bewegung. In dieser Form<lb n="28"/>genommen, erhält das was als einfache Bewegung des individualisirten Pathos<lb n="29"/>vorgestellt wurde, ein anderes Aussehen, und das Verbrechen und die dadurch<lb n="30"/>begründete Zerstörung des Gemeinwesens die eigentliche Form ihres Daseyns. –<lb n="31"/>Das menschliche Gesetz also in seinem allgemeinen Daseyn, das Gemeinwesen, in<lb n="32"/>seiner Bethätigung überhaupt die Männlichkeit, in seiner wirklichen Bethätigung,<lb n="33"/>die Regierung <hi rendition="#g">ist</hi>, <hi rendition="#g">bewegt</hi> und <hi rendition="#g">erhält</hi> sich dadurch, daß es die Absonderung<lb n="34"/>der Penaten oder die selbstständige Vereinzelung in Familien, welchen die Weib<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichkeit vorsteht, in sich aufzehrt, und sie in der Continuität seiner Flüssigkeit<lb n="36"/>aufgelößt erhält. Die Familie ist aber zugleich überhaupt sein Element, das ein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>zelne Bewußtseyn allgemeiner bethätigender Grund. Indem das Gemeinwesen</p>
<pb n="259" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=266" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sich nur durch die Störung der Familienglückseligkeit und die Auflösung des<lb n="2"/>Selbstbewußtseyns in das allgemeine, sein Bestehen gibt, erzeugt es sich an dem,<lb n="3"/>was es unterdrückt und was ihm zugleich wesentlich ist, an der Weiblichkeit über<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>haupt seinen innern Feind. Diese, – die ewige Ironie des Gemeinwesens – ver<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>ändert durch die Intrigue den allgemeinen Zweck der Regierung in einen Privat<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>zweck, verwandelt ihre allgemeine Thätigkeit in ein Werk dieses bestimmten<lb n="7"/>Individuums, und verkehrt das allgemeine Eigenthum des Staats zu einem Besitz<lb n="8"/>und Putz der Familie. Sie macht hiedurch die ernsthaffte Weisheit des reifen<lb n="9"/>Alters, das, der Einzelnheit, – der Lust und dem Genusse, so wie der wirklichen<lb n="10"/>Thätigkeit – abgestorben, nur das Allgemeine denkt und besorgt, zum Spotte für<lb n="11"/>den Muthwillen der unreifen Jugend, und zur Verachtung für ihren Enthusias<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>mus; erhebt überhaupt die Krafft der Jugend zum Geltenden, – des Sohnes, an dem<lb n="13"/>die Mutter ihren Herrn geboren, des Bruders, an dem die Schwester den Mann<lb n="14"/>als ihres gleichen hat, des Jünglings, durch den die Tochter ihrer Unselbstständigkeit<lb n="15"/>entnommen, den Genuß und die Würde der Frauenschaft erlangt. – Das Gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>wesen kann sich aber nur durch Unterdrückung dieses Geistes der Einzelnheit<lb n="17"/>erhalten, und, weil er wesentliches Moment ist, erzeugt es ihn zwar eben so, und<lb n="18"/>zwar durch die unterdrükende Haltung gegen denselben als ein feindseliges Prin<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>cip. Dieses würde jedoch, da es vom allgemeinen Zwecke sich trennend, nur böse<lb n="20"/>und in sich nichtig ist, nichts vermögen, wenn nicht das Gemeinwesen selbst die<lb n="21"/>Krafft der Jugend, die Männlichkeit, welche nicht reiff noch innerhalb der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zelnheit steht, als die <hi rendition="#g">Krafft</hi> des Ganzen anerkännte. Denn es ist ein Volk, es ist<lb n="23"/>selbst Individualität und wesentlich nur so für <hi rendition="#g">sich</hi>, daß <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">Individuali<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">täten</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">sind</hi>, daß es sie von sich <hi rendition="#g">ausschließt</hi> und sich unabhängig von<lb n="25"/>ihnen weiß. Die negative Seite des Gemeinwesens, <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">innen</hi> die Vereinzelung<lb n="26"/>der Individuen unterdrückend, nach <hi rendition="#g">aussen</hi> aber <hi rendition="#g">selbstthätig</hi>, hat an der<lb n="27"/>Individualität seine Waffen. Der Krieg ist der Geist und die Form, worin das<lb n="28"/>wesentliche Moment der sittlichen Substanz, die absolute <hi rendition="#g">Freyheit</hi> des sittlichen<lb n="29"/><hi rendition="#g">Selbstwesens</hi> von allem Daseyn, in ihrer Wirklichkeit und Bewährung vor<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>handen ist. Indem er einerseits den einzelnen <hi rendition="#g">Systemen</hi> des Eigenthums und der<lb n="31"/>persönlichen Selbstständigkeit wie auch der einzelnen <hi rendition="#g">Persönlichkeit</hi> selbst,<lb n="32"/>die Krafft des negativen zu fühlen gibt, erhebt andererseits in ihm eben diß negative<lb n="33"/>Wesen sich als das erhaltende des Ganzen; der tapfre Jüngling, an welchem die<lb n="34"/>Weiblichkeit ihre Lust hat, das unterdrückte Princip des Verderbens tritt an den<lb n="35"/>Tag und ist das Geltende. Nun ist es die natürliche Krafft, und das, was als Zufall<lb n="36"/>des Glücks erscheint, welche über das Daseyn des sittlichen Wesens und die geistige<lb n="37"/>Nothwendigkeit entscheiden; weil auf Stärke und Glück das Daseyn des sittlichen</p>
<pb n="260" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=267" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Wesens beruht, so ist <hi rendition="#g">schon</hi> <hi rendition="#g">entschieden</hi>, daß es zu Grunde gegangen. – Wie<lb n="2"/>vorhin nur Penaten im Volksgeiste, so gehen die <hi rendition="#g">lebendigen</hi> Volksgeister durch<lb n="3"/>ihre Individualität, itzt in einem <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Gemeinwesen zu Grunde, dessen<lb n="4"/><hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> geistlos und todt, und dessen Lebendigkeit das <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">zelne</hi> Individuum, als einzelnes, ist. Die sittliche Gestalt des Geistes ist verschwun<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>den, und es tritt eine andere an ihre Stelle.</p>
<p><lb n="7"/>Dieser Untergang der sittlichen Substanz, und ihr Uebergang in eine andere<lb n="8"/>Gestalt ist also dadurch bestimmt, daß das sittliche Bewußtseyn auf das Gesetz<lb n="9"/>wesentlich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> gerichtet ist; in dieser Bestimmung der Unmittelbarkeit<lb n="10"/>liegt, daß in die Handlung der Sittlichkeit die Natur überhaupt hereinkommt.<lb n="11"/>Ihre Wirklichkeit offenbart nur den Widerspruch und den Keim des Verderbens,<lb n="12"/>den die schöne Einmüthigkeit und das ruhige Gleichgewicht des sittlichen Geistes<lb n="13"/>eben an dieser Ruhe und Schönheit selbst hat; denn die Unmittelbarkeit hat die<lb n="14"/>widersprechende Bedeutung, die bewußtlose Ruhe der Natur, und die selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bewußte unruhige Ruhe des Geistes zu seyn. – Um dieser Natürlichkeit willen<lb n="16"/>ist überhaupt dieses sittliche Volk eine durch die Natur bestimmte und daher<lb n="17"/>beschränkte Individualität, und findet also ihre Aufhebung an einer andern. In<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>dem aber diese Bestimmtheit, die im Daseyn gesetzt, Beschränkung, aber ebenso<lb n="19"/>das Negative überhaupt, und das Selbst der Individualität ist, – verschwindet, ist<lb n="20"/>das Leben des Geistes und diese in Allen ihrer selbstbewußte Substanz, verloren.<lb n="21"/>Sie tritt als eine <hi rendition="#g">formelle</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> an ihnen heraus, ist ihnen nicht mehr<lb n="22"/>als lebendiger Geist inwohnend, sondern die einfache Gediegenheit ihrer Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>vidualität ist in viele Punkte zersprungen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="24"/>C.</head>
<head><lb n="25"/>RECHTSZUSTAND.</head>
<p><lb n="26"/>Die allgemeine Einheit, in welche die lebendige unmittelbare Einheit der Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>vidualität und der Substanz zurückgeht, ist das geistlose Gemeinwesen, das auf<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gehört hat, die selbstbewußtlose Substanz der Individuen zu seyn, und worin sie<lb n="29"/>itzt nach ihrem einzelnen Fürsichseyn als Selbstwesen und Substanzen gelten.<lb n="30"/>Das Allgemeine in die Atome der absolut vielen Individuen zersplittert, dieser<lb n="31"/>gestorbene Geist ist eine <hi rendition="#g">Gleichheit</hi>, worin <hi rendition="#g">Alle</hi> als <hi rendition="#g">Jede</hi>, als <hi rendition="#g">Personen</hi><lb n="32"/>gelten. – Was in der Welt der Sittlichkeit das verborgene göttliche Gesetz genannt</p>
<pb n="261" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=268" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>wurde, ist in der That aus seinem Innern in die Wirklichkeit getreten; in jener<lb n="2"/>galt und war der <hi rendition="#g">Einzelne</hi> wirklich, nur als das allgemeine <hi rendition="#g">Blut</hi> der <hi rendition="#g">Familie</hi>.<lb n="3"/>Als <hi rendition="#g">dieser</hi> Einzelne war er der <hi rendition="#g">selbstlose</hi> <hi rendition="#g">abgeschiedene</hi> Geist; nun aber<lb n="4"/>ist er aus seiner Unwirklichkeit hervorgetreten. Weil die sittliche Substanz nur<lb n="5"/>der <hi rendition="#g">wahre</hi> Geist ist, darum geht er in die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst zurück; jene<lb n="6"/>ist er als das <hi rendition="#g">positive</hi> allgemeine, aber seine Wirklichkeit ist <hi rendition="#g">negatives</hi> all<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gemeines <hi rendition="#g">Selbst</hi> zu seyn. – Wir sahen die Mächte und die Gestalten der sittlichen<lb n="8"/>Welt in der einfachen Nothwendigkeit des leeren <hi rendition="#g">Schicksals</hi> versinken. Diese<lb n="9"/>ihre Macht ist die in ihre Einfachheit sich reflectirende Substanz; aber das in sich<lb n="10"/>reflectirende absolute Wesen, eben jene Nothwendigkeit des leeren Schicksals,<lb n="11"/>ist nichts anders als das <hi rendition="#g">Ich</hi> des Selbstbewußtseyns.</p>
<p><lb n="12"/>Dieses gilt hiemit nunmehr als das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende Wesen; diß<lb n="13"/><hi rendition="#g">anerkanntseyn</hi> ist seine Substantialität; aber sie ist die <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Allgemein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi>, weil ihr Inhalt <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">spröde</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>, nicht das in der Substanz auf<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gelößte ist.</p>
<p><lb n="16"/>Die Persönlichkeit ist also hier aus dem Leben der sittlichen Substanz heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>getreten; sie ist die <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">geltende</hi> Selbstständigkeit des Bewußtseyns.<lb n="18"/>Der <hi rendition="#g">unwirkliche</hi> <hi rendition="#g">Gedanke</hi> derselben, der sich durch <hi rendition="#g">Verzichtthun</hi> auf<lb n="19"/>die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> wird, ist früher als <hi rendition="#g">stoisches</hi> Selbstbewußtseyn vorgekommen;<lb n="20"/>wie dieses aus der Herrschafft und Knechtschafft, als dem unmittelbaren Daseyn<lb n="21"/>des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, so ist die Persönlichkeit aus dem unmittelbaren <hi rendition="#g">Geiste</hi> –<lb n="22"/>der der allgemeine herrschende Willen Aller und ebenso ihr dienender Gehorsam<lb n="23"/>ist, hervorgegangen. Was dem Stoicismus nur in der <hi rendition="#g">Abstraction</hi> das <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="24"/>war, ist nun <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi>. Er ist nichts anderes, als das Bewußtseyn, welches<lb n="25"/>das Princip des Rechtszustands, die geistlose Selbstständigkeit, auf seine abstracte<lb n="26"/>Form bringt; durch seine Flucht aus der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> erreichte es nur den<lb n="27"/>Gedanken der Selbstständigkeit; es ist absolut für <hi rendition="#g">sich</hi> dadurch, daß es sein Wesen<lb n="28"/>nicht an irgend ein Daseyn knüpft, sondern jedes Daseyn aufgegeben, und sein<lb n="29"/>Wesen allein in die Einheit des reinen Denkens, setzt. Auf dieselbe Weise ist das<lb n="30"/>Recht der Person weder an ein reicheres oder mächtigeres Daseyn des Individuums<lb n="31"/>als eines solchen, noch auch an einen allgemeinen lebendigen Geist geknüpft,<lb n="32"/>sondern vielmehr an das reine Eins seiner abstracten Wirklichkeit oder an es als<lb n="33"/>Selbstbewußtseyn überhaupt.</p>
<p><lb n="34"/>Wie nun die <hi rendition="#g">abstracte</hi> Selbstständigkeit des Stoicismus ihre Verwirklichung<lb n="35"/>darstellte, so wird auch diese letztere die Bewegung jener ersten wiederholen.<lb n="36"/>Jene geht in die skeptische Verwirrung des Bewußtseyns über, in eine Faseley des<lb n="37"/>Negativen, welche gestaltlos von einer Zufälligkeit des Seyns und Gedankens zur</p>
<pb n="262" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=269" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>andern irrt, sie zwar in der absoluten Selbstständigkeit auflößt, aber eben so sehr<lb n="2"/>wieder erzeugt; und in der That nur der Widerspruch der Selbstständigkeit und<lb n="3"/>Unselbstständigkeit des Bewußtseyns ist. – Ebenso ist die persönliche Selbstständig<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>keit des <hi rendition="#g">Rechts</hi> vielmehr diese gleiche allgemeine Verwirrung und gegenseitige<lb n="5"/>Auflösung. Denn was als das absolute Wesen gilt, ist das Selbstbewußtseyn als das<lb n="6"/>reine <hi rendition="#g">leere</hi> <hi rendition="#g">Eins</hi> der Person. Gegen diese leere Allgemeinheit hat die Substanz<lb n="7"/>die Form der <hi rendition="#g">Erfüllung</hi> und des <hi rendition="#g">Inhalts</hi>, und dieser ist nun völlig frey gelassen<lb n="8"/>und ungeordnet; denn der Geist ist nicht mehr vorhanden, der ihn unterjochte,<lb n="9"/>und in seiner Einheit zusammenhielt. – Diß leere Eins der Person ist daher in seiner<lb n="10"/><hi rendition="#g">Realität</hi> ein zufälliges Daseyn und wesenloses Bewegen und Thun, welches zu<lb n="11"/>keinem Bestand kommt. Wie der Skepticismus, ist der Formalismus des Rechts<lb n="12"/>also durch seinen Begriff ohne eigenthümlichen Inhalt, findet ein mannichfaltiges<lb n="13"/>Bestehen, den Besitz, vor, und drückt ihm dieselbe abstracte Allgemeinheit, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>durch er <hi rendition="#g">Eigenthum</hi> heißt, auf, wie jener. Wenn aber die so bestimmte Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichkeit im Skepticismus <hi rendition="#g">Schein</hi> überhaupt heißt, und nur einen negativen Werth<lb n="16"/>hat, so hat sie im Rechte einen positiven. Jener negative Werth besteht darin, daß<lb n="17"/>das Wirkliche die Bedeutung des Selbsts als Denkens, als des <hi rendition="#g">ansich</hi> allgemeinen<lb n="18"/>hat, dieser positive aber darin, daß es <hi rendition="#g">Mein</hi> in der Bedeutung der Kategorie, als<lb n="19"/><hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anerkanntes</hi> und <hi rendition="#g">wirkliches</hi> Gelten ist. – Beydes ist dasselbe <hi rendition="#g">abstracte</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Allgemeine</hi>; der wirkliche Inhalt oder die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> des Meinen – es<lb n="21"/>sey nun eines äusserlichen Besitzes, oder auch des innern Reichthums oder Armuth<lb n="22"/>des Geistes und Charakters, ist nicht in dieser leeren Form enthalten und geht sie<lb n="23"/>nichts an. Er gehört also einer <hi rendition="#g">eignen</hi> <hi rendition="#g">Macht</hi> an, die ein anderes als das formal<lb n="24"/>allgemeine, die der Zufall und die Willkühr ist. – Das Bewußtseyn des Rechts<lb n="25"/>erfährt darum in seinem wirklichen Gelten selbst, vielmehr den Verlust seiner<lb n="26"/>Realität und seine vollkommne Unwesentlichkeit, und ein Individuum als eine<lb n="27"/><hi rendition="#g">Person</hi> bezeichnen ist Ausdruck der Verachtung.</p>
<p><lb n="28"/>Die freye Macht des Inhalts bestimmt sich so, daß die Zerstreuung in die ab<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>solute <hi rendition="#g">Vielheit</hi> der persönlichen Atome durch die Natur dieser Bestimmtheit<lb n="30"/>zugleich in <hi rendition="#g">Einen</hi> ihnen fremden und ebenso geistlosen Punkt gesammelt ist,<lb n="31"/>der eines Theils gleich der Sprödigkeit ihrer Personalität rein einzelne Wirklichkeit<lb n="32"/>ist, aber im Gegensatze gegen ihre leere Einzelnheit, zugleich die Bedeutung alles<lb n="33"/>Inhalts, dadurch des realen Wesens für sie hat, und gegen ihre vermeynte absolute,<lb n="34"/>an sich aber wesenlose Wirklichkeit die allgemeine Macht und absolute Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichkeit ist. Dieser Herr der Welt ist sich auf diese Weise die absolute zugleich alles<lb n="36"/>Daseyn in sich befassende Person, für deren Bewußtseyn kein höherer Geist existirt.<lb n="37"/>Er ist Person; aber die einsame Person, welche <hi rendition="#g">Allen</hi> gegenübergetreten; diese</p>
<pb n="263" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=270" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. WAHRER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Alle machen die geltende Allgemeinheit der Person aus, denn das Einzelne als<lb n="2"/>solches ist wahr nur als allgemeine Vielheit der Einzelnheit, von dieser abgetrennt<lb n="3"/>ist das einsame Selbst in der That das unwirkliche, krafftlose Selbst. – Zugleich<lb n="4"/>ist es das Bewußtseyn des Inhalts, der jener allgemeinen Persönlichkeit gegen<lb n="5"/>übergetreten ist. Dieser Inhalt aber von seiner negativen Macht befreyt, ist das<lb n="6"/>Chaos der geistigen Mächte, die entfesselt als elementarische Wesen in wilder<lb n="7"/>Ausschweifung sich gegeneinander toll und zerstörend bewegen; ihr kraftloses<lb n="8"/>Selbstbewußtseyn ist die machtlose Umschliessung und der Boden ihres Tumultes.<lb n="9"/>Sich so als den Inbegriff aller wirklichen Mächte wissend, ist dieser Herr der Welt<lb n="10"/>das ungeheure Selbstbewußtseyn, das sich als den wirklichen Gott weiß; indem<lb n="11"/>er aber nur das formale Selbst ist, das sie nicht zu bändigen vermag, ist seine<lb n="12"/>Bewegung und Selbstgenuß die ebenso ungeheure Ausschweifung.</p>
<p><lb n="13"/>Der Herr der Welt hat das wirkliche Bewußtseyn dessen, was er ist, der all<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gemeinen Macht der Wirklichkeit, in der zerstörenden Gewalt, die er gegen das<lb n="15"/>ihm gegenüberstehende Selbst seiner Unterthanen ausübt. Denn seine Macht ist<lb n="16"/>nicht die <hi rendition="#g">Einigkeit</hi> des Geistes, worin die Personen ihr eigenes Selbstbewußtseyn<lb n="17"/>erkennten, vielmehr sind sie als Personen für sich und schliessen die Continuität<lb n="18"/>mit Andern aus der absoluten Sprödigkeit ihrer Punctualität aus; sie sind also in<lb n="19"/>einem nur negativen Verhältnisse wie zu einander so zu ihm, der ihre Beziehung<lb n="20"/>oder Continuität ist. Als diese Continuität ist er das Wesen und der Inhalt ihres<lb n="21"/>Formalismus; aber der ihnen fremde Inhalt, und das feindliche Wesen, welches<lb n="22"/>gerade dasjenige, was für sie als ihr Wesen gilt, das inhaltsleere fürsichseyn, viel<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mehr aufhebt; – und als die Continuität ihrer Persönlichkeit eben diese zerstört.<lb n="24"/>Die rechtliche Persönlichkeit erfährt also, indem der ihr fremde Inhalt sich in ihr<lb n="25"/>geltend macht, und er macht sich in ihnen geltend, weil er ihre Realität ist, – viel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mehr ihre Substanzlosigkeit. Das zerstörende Wühlen in diesem wesenlosen Boden<lb n="27"/>gibt sich dagegen das Bewußtseyn seiner Allherrschafft, aber dieses Selbst ist bloses<lb n="28"/>Verwüsten, daher nur außer sich, und vielmehr das Wegwerfen seines Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>bewußtseyns.</p>
<p><lb n="30"/>So ist die Seite beschaffen, in welcher das Selbstbewußtseyn als absolutes Wesen<lb n="31"/><hi rendition="#g">wirklich</hi> ist. Das aus dieser Wirklichkeit aber <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zurückgetriebene</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> denkt diese seine Unwesenheit; wir sahen früher die stoische Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>ständigkeit des reinen Denkens, durch den Skepticismus hindurch gehen und in<lb n="34"/>dem unglücklichen Bewußtseyn ihre Wahrheit finden, – die Wahrheit, welche<lb n="35"/>Bewandniß es mit seinem an und für sich seyn hat. Wenn diß Wissen damals nur<lb n="36"/>als die einseitige Ansicht des Bewußtseyns als eines solchen erschien, so ist hier ihre<lb n="37"/><hi rendition="#g">wirkliche</hi> Wahrheit eingetreten. Sie besteht darin, daß diß <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Gel-</hi></p>
<pb n="264" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=271" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">ten</hi> des Selbstbewußtseyns, die ihm entfremdete Realität ist. Diß <hi rendition="#g">Gelten</hi> ist<lb n="2"/>die allgemeine Wirklichkeit des Selbsts, aber sie ist unmittelbar eben so die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>kehrung; sie ist der Verlust seines Wesens. – Die in der sittlichen Welt nicht vor<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>handne Wirklichkeit des Selbsts ist durch ihr Zurückgehen in die <hi rendition="#g">Person</hi> ge<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>wonnen worden, was in jener einig war, tritt nun entwickelt aber sich entfremdet<lb n="6"/>auf.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="7"/>B.<lb n="8"/>DER SICH ENTFREMDETE GEIST;<lb n="9"/>DIE BILDUNG.</head>
<p><lb n="10"/>Die sittliche Substanz erhielt den Gegensatz in ihr einfaches Bewußtseyn ein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>geschlossen, und dieses in unmittelbarer Einheit mit seinem Wesen. Das Wesen<lb n="12"/>hat darum die einfache Bestimmtheit des <hi rendition="#g">Seyns</hi> für das Bewußtseyn, das unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bar darauf gerichtet, und dessen Sitte es ist; weder gilt das Bewußtseyn sich als<lb n="14"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">ausschließende</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>, noch hat die Substanz die Bedeutung eines<lb n="15"/>aus ihm ausgeschlossenen Daseyns, mit dem es sich nur durch die Entfremdung<lb n="16"/>seiner selbst eins zu setzen und sie zugleich hervorzubringen hätte. Aber derjenige<lb n="17"/>Geist, dessen Selbst das absolut discrete ist, hat seinen Inhalt sich als eine ebenso<lb n="18"/>harte Wirklichkeit gegenüber, und die Welt hat hier die Bestimmung, ein äußer<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>liches, das negative des Selbstbewußtseyns, zu seyn. Aber diese Welt ist geistiges<lb n="20"/>Wesen, sie ist an sich die Durchdringung des Seyns und der Individualität; diß<lb n="21"/>ihr Daseyn ist das <hi rendition="#g">Werk</hi> des Selbstbewußtseyns; aber ebenso eine unmittelbar<lb n="22"/>vorhandne ihm fremde Wirklichkeit, welche eigenthümliches Seyn hat, und<lb n="23"/>worin es sich nicht erkennt. Sie ist das äußerliche Wesen, und der freye Inhalt<lb n="24"/>des Rechts; aber diese äußerliche Wirklichkeit, welche der Herr der Welt des<lb n="25"/>Rechts in sich befaßt, ist nicht nur dieses zufällig für das Selbst vorhandne elemen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tarische Wesen, sondern sie ist seine aber nicht positive Arbeit, – vielmehr seine<lb n="27"/>negative. Sie erhält ihr Daseyn durch die <hi rendition="#g">eigne</hi> Entäußerung und Entwesung<lb n="28"/>des Selbstbewußtseyns, welche ihm in der Verwüstung, die in der Welt des Rechts<lb n="29"/>herrscht, die äußerliche Gewalt der losgebundnen Elemente anzuthun scheinet.<lb n="30"/>Diese für sich, sind nur das reine Verwüsten, und die Auflösung ihrer selbst; diese<lb n="31"/>Auflösung aber, diß ihr negatives Wesen ist eben das Selbst; es ist ihr Subject,<lb n="32"/>ihr Thun und Werden. Diß Thun und Werden aber, wodurch die Substanz wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lich wird, ist die Entfremdung der Persönlichkeit, denn das <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> d. h.</p>
<pb n="265" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=272" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">ohne</hi> <hi rendition="#g">Entfremdung</hi> an und für sich geltende Selbst ist ohne Substanz, und das<lb n="2"/>Spiel jener tobenden Elemente; <hi rendition="#g">seine</hi> Substanz ist also seine Entäußerung selbst,<lb n="3"/>und die Entäußerung ist die Substanz, oder die zu einer Welt sich ordnenden und<lb n="4"/>sich dadurch erhaltenden geistigen Mächte.</p>
<p><lb n="5"/>Die Substanz ist auf diese Weise <hi rendition="#g">Geist</hi>, selbstbewußte <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Selbsts<lb n="6"/>und des Wesens, aber beydes hat auch die Bedeutung der Entfremdung für ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ander. Er ist <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> einer für sich freyen gegenständlichen Wirklichkeit;<lb n="8"/>diesem Bewußtseyn aber steht jene Einheit des Selbst und des Wesens gegenüber,<lb n="9"/>dem <hi rendition="#g">wirklichen</hi> das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>. Einerseits geht das wirkliche Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bewußtseyn durch seine Entäußerung in die wirkliche Welt über, und diese in<lb n="11"/>jenes zurück; andrerseits aber ist eben diese Wirklichkeit, sowohl die Person,<lb n="12"/>wie die Gegenständlichkeit, aufgehoben; sie sind rein allgemeine. Diese ihre Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>fremdung ist das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, oder das <hi rendition="#g">Wesen</hi>. Die Gegenwart hat<lb n="14"/>unmittelbar den Gegensatz an ihrem <hi rendition="#g">Jenseits</hi>, das ihr Denken und Gedachtseyn;<lb n="15"/>so wie diß am Diesseits, das seine ihm entfremdete Wirklichkeit ist.</p>
<p><lb n="16"/>Dieser Geist bildet sich daher nicht nur <hi rendition="#g">Eine</hi> Welt, sondern eine gedoppelte,<lb n="17"/>getrennte und entgegengesetzte aus. – Die Welt des sittlichen Geistes ist seine<lb n="18"/>eigne <hi rendition="#g">Gegenwart</hi>; und daher jede Macht derselben in dieser Einheit, und insofern<lb n="19"/>beyde sich unterscheiden, im Gleichgewichte mit dem Ganzen. Nichts hat die<lb n="20"/>Bedeutung des negativen des Selbstbewußtseyns; selbst der abgeschiedne Geist<lb n="21"/>ist im <hi rendition="#g">Blute</hi> der Verwandtschafft, im <hi rendition="#g">Selbst</hi> der Familie gegenwärtig, und die<lb n="22"/>allgemeine <hi rendition="#g">Macht</hi> der Regierung ist der <hi rendition="#g">WILLEN</hi>, das Selbst des Volks. Hier<lb n="23"/>aber bedeutet das Gegenwärtige nur gegenständliche <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, die ihr<lb n="24"/>Bewußtseyn jenseits hat; jedes einzelne Moment als <hi rendition="#g">Wesen</hi> empfängt diß und<lb n="25"/>damit die Wirklichkeit von einem andern, und insofern es wirklich ist, ist sein<lb n="26"/>Wesen ein andres als seine Wirklichkeit. Nichts hat einen in ihm selbst gegrün<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>deten und inwohnenden Geist, sondern ist außer sich in einem fremden, – das<lb n="28"/>Gleichgewicht des Ganzen nicht die bey sich selbst bleibende Einheit und ihre in<lb n="29"/>sich zurückgekehrte Beruhigung, sondern beruht auf der Entfremdung des Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gegengesetzten. Das Ganze ist daher, wie jedes einzelne Moment, eine sich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>fremdete Realität; es zerfällt in ein Reich, worin das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">lich</hi> sowohl es als sein Gegenstand ist, und in ein anderes, das Reich des <hi rendition="#g">reinen</hi><lb n="33"/>Bewußtseyns, welches jenseits des Ersten nicht wirkliche Gegenwart hat, sondern<lb n="34"/>im <hi rendition="#g">Glauben</hi> ist. Wie nun die sittliche Welt aus der Trennung des göttlichen und<lb n="35"/>menschlichen Gesetzes und ihrer Gestalten, und ihr Bewußtseyn aus der Trennung<lb n="36"/>in das Wissen und in die Bewußtlosigkeit zurück in sein Schicksal, in das <hi rendition="#g">Selbst</hi></p>
<pb n="266" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=273" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>als die <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">Macht</hi> dieses Gegensatzes geht, so werden auch diese beyden<lb n="2"/>Reiche des sich entfremdeten Geistes in das <hi rendition="#g">Selbst</hi> zurückkehren; aber wenn<lb n="3"/>jenes das erste unmittelbar geltende <hi rendition="#g">Selbst</hi>, die einzelne <hi rendition="#g">Person</hi>, war; so wird<lb n="4"/>diß zweyte, das aus seiner Entäußerung in sich zurückkehrt, das <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Selbst</hi>, das den <hi rendition="#g">Begriff</hi> erfassende Bewußtseyn seyn; und diese geistigen Wel<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>ten, deren alle Momente eine fixirte Wirklichkeit und ungeistiges Bestehen von<lb n="7"/>sich behaupten, werden sich in der <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> auflösen. Sie als das sich<lb n="8"/>selbst <hi rendition="#g">erfassende</hi> Selbst vollendet die Bildung; sie faßt nichts als das Selbst, und<lb n="9"/>alles als das Selbst auf, d. h. sie <hi rendition="#g">begreifft</hi> alles, tilgt alle Gegenständlichkeit, und<lb n="10"/>verwandelt alles <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> in ein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>. Gegen den Glauben als das<lb n="11"/>fremde jenseits liegende Reich des <hi rendition="#g">Wesens</hi> gekehrt, ist sie die <hi rendition="#g">Aufklärung</hi>. Diese<lb n="12"/>vollendet auch an diesem Reiche, wohin sich der entfremdete Geist, als in das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wußtseyn der sich selbst gleichen Ruhe rettet, die Entfremdung; sie verwirrt ihm die<lb n="14"/>Haushaltung, die er hier führt, dadurch, daß sie die Geräthschafften der disseitigen<lb n="15"/>Welt hineinbringt, die er als sein Eigenthum nicht verläugnen kann, weil sein Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>wußtseyn ihr gleichfalls angehört. – In diesem negativen Geschäffte realisirt zugleich<lb n="17"/>die reine Einsicht sich selbst, und bringt ihren eignen Gegenstand, das unerkennbare<lb n="18"/><hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, und das <hi rendition="#g">Nützliche</hi> hervor. Indem auf diese Weise die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichkeit alle Substantialität verloren, und nichts mehr <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> in ihr ist, so ist wie<lb n="20"/>das Reich des Glaubens, so auch der realen Welt gestürzt, und diese Revolution<lb n="21"/>bringt die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> hervor, womit der vorher entfremdete Geist<lb n="22"/>vollkommen in sich zurückgegangen ist, diß Land der Bildung verläßt, und in ein<lb n="23"/>anderes Land, in das Land des <hi rendition="#g">moralischen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> übergeht.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="24"/>I.</head>
<head><lb n="25"/>Die Welt des sich entfremdeten Geistes.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="26"/>Die Welt dieses Geistes zerfällt in die gedoppelte; die erste ist die Welt der<lb n="27"/>Wirklichkeit oder seiner Entfremdung selbst; die andre aber die, welche er, über<lb n="28"/>die erste sich erhebend, im Aether des reinen Bewußtseyns sich erbaut. Diese, jener<lb n="29"/>Entfremdung <hi rendition="#g">entgegengesetzt</hi>, ist eben darum nicht frey davon, sondern viel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>mehr nur die andre Form der Entfremdung, welche eben darin besteht, in zweyer<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>ley Welten das Bewußtseyn zu haben, und beyde umfaßt. Es ist also nicht das<lb n="32"/>Selbstbewußtseyn des absoluten Wesens, wie es <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, nicht die<lb n="33"/>Religion, welche hier betrachtet wird, sondern der <hi rendition="#g">Glauben</hi>, insofern er die<lb n="34"/><hi rendition="#g">Flucht</hi> aus der wirklichen Welt und also nicht <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Diese Flucht</p>
<pb n="267" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=274" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>aus dem Reiche der Gegenwart ist daher an ihr selbst unmittelbar die gedoppelte.<lb n="2"/>Das reine Bewußtseyn ist das Element, in welches der Geist sich erhebt; aber es<lb n="3"/>ist nicht nur das Element des <hi rendition="#g">Glaubens</hi>, sondern ebenso des <hi rendition="#g">Begriffs</hi>; beyde<lb n="4"/>treten daher zugleich miteinander ein, und jener kömmt nur in Betracht im Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>satze gegen diesen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="6"/>a.</head>
<head><lb n="7"/>DIE BILDUNG<lb n="8"/>UND IHR REICH DER WIRKLICHKEIT.</head>
<p><lb n="9"/>Der Geist dieser Welt ist das von einem Selbstbewußtseyn durchdrungne<lb n="10"/>geistige <hi rendition="#g">Wesen</hi>, das sich als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> unmittelbar gegenwärtig,<lb n="11"/>und das <hi rendition="#g">Wesen</hi> als eine Wirklichkeit sich gegenüber weiß. Aber das Daseyn dieser<lb n="12"/>Welt, so wie die Wirklichkeit des Selbstbewußtseyns beruht auf der Bewegung,<lb n="13"/>daß dieses seiner Persönlichkeit sich entäussert, hiedurch seine Welt hervorbringt,<lb n="14"/>und sich gegen sie als eine Fremde so verhält, daß es sich ihrer nunmehr zu bemäch<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>tigen hat. Aber die Entsagung seines Fürsichseyns ist selbst die Erzeugung der<lb n="16"/>Wirklichkeit, und durch sie bemächtigt es sich also unmittelbar derselben. – Oder<lb n="17"/>das Selbstbewußtseyn ist nur <hi rendition="#g">Etwas</hi>, es hat nur <hi rendition="#g">Realität</hi>, insofern es sich selbst<lb n="18"/>entfremdet; hiedurch setzt es sich als allgemeines, und diese seine Allgemeinheit<lb n="19"/>ist sein Gelten und Wirklichkeit. Diese <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> mit Allen ist daher nicht jene<lb n="20"/>Gleichheit des Rechts, nicht jenes unmittelbare Anerkanntseyn und Gelten des<lb n="21"/>Selbstbewußtseyns, darum weil es <hi rendition="#g">ist</hi>; sondern daß es gelte, ist durch die ent<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fremdende Vermittlung, sich dem Allgemeinen gemäß gemacht zu haben. Die<lb n="23"/>geistlose Allgemeinheit des Rechts nimmt jede natürliche Weise des Charakters<lb n="24"/>wie des Daseyns in sich auf, und berechtigt sie. Die Allgemeinheit aber, welche<lb n="25"/>hier gilt, ist die <hi rendition="#g">gewordne</hi>, und darum ist sie <hi rendition="#g">wirklich</hi>.</p>
<p><lb n="26"/>Wodurch also das Individuum hier Gelten und Wirklichkeit hat, ist die <hi rendition="#g">Bil<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">dung</hi>. Seine wahre <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> und Substanz ist der Geist der <hi rendition="#g">Ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">fremdung</hi> des <hi rendition="#g">natürlichen</hi> Seyns. Diese Entäusserung ist daher ebenso <hi rendition="#g">Zweck</hi><lb n="29"/>als <hi rendition="#g">Daseyn</hi> desselben; sie ist zugleich das <hi rendition="#g">Mittel</hi> oder der <hi rendition="#g">Uebergang</hi> sowohl<lb n="30"/>der <hi rendition="#g">gedachten</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi> in die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, als umgekehrt der <hi rendition="#g">bestimm<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">ten</hi> <hi rendition="#g">Individualität</hi> in die <hi rendition="#g">Wesentlichkeit</hi>. Diese Individualität <hi rendition="#g">bildet</hi> sich<lb n="32"/>zu dem, was sie <hi rendition="#g">ansich</hi> ist, und erst dadurch <hi rendition="#g">ist</hi> sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und hat wirkliches<lb n="33"/>Daseyn; soviel sie Bildung hat, soviel Wirklichkeit und Macht. Obwohl das Selbst<lb n="34"/>als <hi rendition="#g">dieses</hi> sich hier wirklich weiß, so besteht doch seine Wirklichkeit allein in<lb n="35"/>dem Aufheben des natürlichen Selbsts; die ursprünglich <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Natur re<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>ducirt sich daher auf den <hi rendition="#g">unwesentlichen</hi> Unterschied der Größe, auf eine<lb n="37"/>größere oder geringere Energie des Willens. Zweck und Inhalt aber desselben</p>
<pb n="268" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=275" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>gehört allein der allgemeinen Substanz selbst an, und kann nur ein Allgemeines<lb n="2"/>seyn; die Besonderheit einer Natur, die Zweck und Inhalt wird, ist etwas <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">mächtiges</hi> und <hi rendition="#g">unwirkliches</hi>; sie ist eine <hi rendition="#g">Art</hi>, die sich vergeblich und lächer<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>lich abmüht, sich ins Werk zu setzen; sie ist der Widerspruch dem Besondern die<lb n="5"/>Wirklichkeit zu geben, die unmittelbar das Allgemeine ist. Wenn daher fälsch<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>licher Weise die Individualität in die <hi rendition="#g">Besonderheit</hi> der Natur und des Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>ters gesetzt wird, so finden sich in der realen Welt keine Individualitäten und<lb n="8"/>Charaktere, sondern die Individuen haben ein gleiches Daseyn für einander; jene<lb n="9"/>vermeintliche Individualität ist eben nur das <hi rendition="#g">gemeinte</hi> Daseyn, welches in dieser<lb n="10"/>Welt, worin nur das sich selbst entäussernde und darum nur das Allgemeine Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lichkeit erhält, kein Bleiben hat. – Das <hi rendition="#g">Gemeynte</hi> gilt darum für das, was es ist,<lb n="12"/>für eine Art. Art ist nicht ganz dasselbe, was <hi rendition="#g">Espece</hi>, »von allen Spitznahmen<lb n="13"/>der fürchterlichste, denn er bezeichnet die Mittelmäßigkeit, und drückt die höchste<lb n="14"/>Stuffe der Verachtung aus.« <hi rendition="#g">Art</hi> und in <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Art</hi> <hi rendition="#g">gut</hi> seyn ist aber ein deut<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>scher Ausdruck, welcher dieser Bedeutung die ehrliche Miene hinzufügt, als ob<lb n="16"/>es nicht so schlimm gemeynt sey, oder auch in der That das Bewußtseyn, was<lb n="17"/>Art, und was Bildung und Wirklichkeit ist, noch nicht in sich schließt.</p>
<p><lb n="18"/>Was in Beziehung auf das einzelne <hi rendition="#g">Individuum</hi> als seine Bildung erscheint,<lb n="19"/>ist das wesentliche Moment der <hi rendition="#g">Substanz</hi> selbst, nemlich das unmittelbare Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gehen ihrer gedachten Allgemeinheit in die Wirklichkeit, oder die einfache Seele<lb n="21"/>derselben, wodurch das <hi rendition="#g">Ansich</hi> <hi rendition="#g">Anerkanntes</hi> und <hi rendition="#g">Daseyn</hi> ist. Die Bewegung<lb n="22"/>der sich bildenden Individualität ist daher unmittelbar das Werden derselben, als<lb n="23"/>des allgemeinen gegenständlichen Wesens, d. h. das Werden der wirklichen Welt.<lb n="24"/>Diese, obwohl geworden durch die Individualität, ist für das Selbstbewußtseyn<lb n="25"/>ein unmittelbar entfremdetes, und hat für es die Form unverrückter Wirklichkeit.<lb n="26"/>Aber gewiß zugleich daß sie seine Substanz ist, geht es sich derselben zu bemäch<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>tigen; es erlangt diese Macht über sie durch die Bildung, welche von dieser Seite<lb n="28"/>so erscheint, daß es sich der Wirklichkeit gemäß macht, und soviel als die Energie<lb n="29"/>des ursprünglichen Charakters und Talents ihm zuläßt. Was hier als die Gewalt<lb n="30"/>des Individuums erscheint, unter welche die Substanz komme, und hiemit auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gehoben werde, ist dasselbe, was die Verwirklichung der letztern ist. Denn die<lb n="32"/>Macht des Individuums besteht darin, daß es sich ihr gemäß macht, d. h. daß es<lb n="33"/>sich seines Selbsts entäußert, also sich als die gegenständliche seyende Substanz<lb n="34"/>setzt. Seine Bildung und seine eigne Wirklichkeit ist daher die Verwirklichung der<lb n="35"/>Substanz selbst.</p>
<p><lb n="36"/>Das Selbst ist sich nur als <hi rendition="#g">aufgehobnes</hi> wirklich. Es macht daher für es nicht<lb n="37"/>die Einheit des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> seiner selbst, und des Gegenstandes aus; sondern<lb n="38"/>dieser ist ihm das Negative seiner. – Durch das Selbst als die Seele wird die Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stanz also so in ihren Momenten ausgebildet, daß das Entgegengesetzte das Andre</p>
<pb n="269" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=276" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>begeistet, jedes durch seine Entfremdung dem Andern Bestehen gibt, und es ebenso<lb n="2"/>von ihm erhält. Zugleich hat jedes Moment seine Bestimmtheit als ein unüber<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>windliches Gelten, und eine feste Wirklichkeit gegen das Andre. Das Denken<lb n="4"/>fixirt diesen Unterschied auf die allgemeinste Weise durch die absolute Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>setzung von <hi rendition="#g">Gut</hi> und <hi rendition="#g">Schlecht</hi>, die, sich fliehend, auf keine Weise dasselbe<lb n="6"/>werden können. Aber dieses feste Seyn hat zu seiner Seele den unmittelbaren<lb n="7"/>Uebergang in das Entgegengesetzte; das Daseyn ist vielmehr die Verkehrung jeder<lb n="8"/>Bestimmtheit in ihre entgegengesetzte, und nur diese Entfremdung ist das Wesen<lb n="9"/>und Erhaltung des Ganzen. Diese verwircklichende Bewegung und Begeistung<lb n="10"/>der Momente ist nun zu betrachten; die Entfremdung wird sich selbst entfremden,<lb n="11"/>und das Ganze durch sie in seinen Begriff sich zurücknehmen.</p>
<p><lb n="12"/>Zuerst ist die einfache Substanz selbst in der unmittelbaren Organisation ihrer<lb n="13"/>daseyenden noch unbegeisteten Momente zu betrachten. – Wie die Natur sich<lb n="14"/>in die allgemeinen Elemente auslegt, worunter die <hi rendition="#g">Luft</hi> das <hi rendition="#g">bleibende</hi> rein all<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>gemeine durchsichtige Wesen ist, – das Wasser aber das Wesen, das immer <hi rendition="#g">auf<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">geopfert</hi> wird, – das <hi rendition="#g">Feuer</hi> ihre <hi rendition="#g">beseelende</hi> Einheit, welche ihren Gegensatz<lb n="17"/>ebenso immer auflöst als ihre Einfachheit in ihn entzweyt, – die <hi rendition="#g">Erde</hi> endlich<lb n="18"/>der <hi rendition="#g">feste</hi> <hi rendition="#g">Knoten</hi> dieser Gegliederung und das <hi rendition="#g">Subject</hi> dieser Wesen wie<lb n="19"/>ihres Processes, ihr Ausgehen und ihre Rükkehr ist, – so legt sich in eben solche<lb n="20"/>allgemeine aber geistige Massen das innere <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder der einfache Geist der<lb n="21"/>selbstbewußten Wirklichkeit als eine Welt aus, – in die <hi rendition="#g">erste</hi> Masse, das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, sich <hi rendition="#g">selbstgleiche</hi> geistige Wesen; – in die andere, das <hi rendition="#g">für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyende</hi> in sich <hi rendition="#g">ungleich</hi> gewordene, sich <hi rendition="#g">aufopfernde</hi> und <hi rendition="#g">hin<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">gebende</hi> Wesen, und in das <hi rendition="#g">dritte</hi>, welches als Selbstbewußtseyn Subject ist,<lb n="25"/>und die Krafft des Feuers unmittelbar an ihm selbst hat; – im ersten Wesen ist es<lb n="26"/>seiner als des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi> bewußt; in dem Zweyten aber hat es das Werden<lb n="27"/>des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> durch die Aufopferung des Allgemeinen. Der Geist aber selbst<lb n="28"/>ist das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi> des Ganzen, das sich in die Substanz als Bleibende,<lb n="29"/>und in sie als sich Aufopfernde <hi rendition="#g">entzweyt</hi>, und ebenso sie auch wieder in seine<lb n="30"/>Einheit <hi rendition="#g">zurücknimmt</hi>, sowohl als die ausbrechende sie verzehrende Flamme,<lb n="31"/>wie als die bleibende Gestalt derselben. – Wir sehen, daß diese Wesen dem Gemein<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>wesen und der Familie der sittlichen Welt entsprechen, ohne aber den heimischen<lb n="33"/>Geist zu besitzen, den diese haben; dagegen, wenn diesem das Schicksal fremde ist,<lb n="34"/>so ist und weiß sich hier das Selbstbewußtseyn als die wirkliche Macht derselben.</p>
<p><lb n="35"/>Diese Glieder sind sowohl wie sie zunächst innerhalb des reinen Bewußtseyns<lb n="36"/>als <hi rendition="#g">Gedanken</hi> oder ansichseyende, als auch wie sie im wirklichen Bewußtseyn<lb n="37"/>als <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Wesen vorgestellt werden, zu betrachten. – In jener Form<lb n="38"/>der Einfachheit ist das erste, als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gleiche</hi>, unmittelbare und un<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>wandelbare <hi rendition="#g">Wesen</hi> aller Bewußtseyn, das <hi rendition="#g">Gute</hi>, – die unabhängige geistige</p>
<pb n="270" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=277" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Macht des <hi rendition="#g">Ansich</hi>, bey der die Bewegung des fürsichseyenden Bewußtseyns nur<lb n="2"/>beyherspielt. Das Andere dagegen ist das <hi rendition="#g">passive</hi> geistige Wesen, oder das<lb n="3"/>Allgemeine, insofern es sich preißgibt und die Individuen das Bewußtseyn ihrer<lb n="4"/>Einzelnheit sich an ihm nehmen läßt; es ist das nichtige Wesen, das <hi rendition="#g">Schlechte</hi>. –<lb n="5"/>Dieses absolute Aufgelößtwerden des Wesens ist selbst bleibend; wie das erste<lb n="6"/>Wesen, Grundlage, Ausgangspunkt und Resultat der Individuen und diese rein<lb n="7"/>allgemein darin sind, so ist das zweyte dagegen einerseits das sich aufopfernde<lb n="8"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, andererseits eben darum deren beständige Rückkehr zu sich<lb n="9"/>selbst als das <hi rendition="#g">Einzelne</hi> und ihr bleibendes <hi rendition="#g">Fürsichwerden</hi>.</p>
<p><lb n="10"/>Aber diese einfachen <hi rendition="#g">Gedanken</hi> des Guten und Schlechten sind ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mittelbar sich entfremdet; sie sind <hi rendition="#g">wirklich</hi> und im wirklichen Bewußtseyn<lb n="12"/>als <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Momente. So ist das erste Wesen, die <hi rendition="#g">Staatsmacht</hi>,<lb n="13"/>das andere der <hi rendition="#g">Reichthum</hi>. – Die Staatsmacht ist, wie die einfache <hi rendition="#g">Substanz</hi>,<lb n="14"/>so das allgemeine <hi rendition="#g">Werk</hi>; – die absolute <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, worin den Individuen<lb n="15"/>ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi> ausgesprochen und ihre Einzelnheit schlechthin nur Bewußtseyn<lb n="16"/>ihrer <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> ist; – sie ist ebenso das Werk und einfache <hi rendition="#g">Resultat</hi>,<lb n="17"/>aus welchem diß, daß es aus ihrem <hi rendition="#g">Thun</hi> herkömmt, verschwindet; es bleibt<lb n="18"/>die absolute Grundlage und Bestehen alles ihres Thuns. – Diese <hi rendition="#g">einfache</hi> ätheri<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sche Substanz ihres Lebens ist durch diese Bestimmung ihrer unwandelbaren Sich<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>selbstgleichheit <hi rendition="#g">Seyn</hi>, und damit nur <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>. Sie ist also an sich<lb n="21"/>unmittelbar das entgegengesetzte ihrer selbst, <hi rendition="#g">Reichthum</hi>. Ob er zwar das<lb n="22"/>passive oder nichtige ist, ist er ebenfalls allgemeines geistiges Wesen, ebenso das<lb n="23"/>beständig <hi rendition="#g">werdende</hi> <hi rendition="#g">Resultat</hi> der <hi rendition="#g">Arbeit</hi> und des <hi rendition="#g">Thuns</hi> <hi rendition="#g">Aller</hi>, wie es<lb n="24"/>sich wieder in den <hi rendition="#g">Genuß</hi> Aller auflößt. In dem Genuße wird die Individualität<lb n="25"/>zwar <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder als <hi rendition="#g">einzelne</hi>, aber dieser Genuß selbst ist Resultat des all<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gemeinen Thuns; so wie er gegenseitig die allgemeine Arbeit und den Genuß<lb n="27"/>aller hervorbringt. Das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi> hat schlechthin die geistige Bedeutung un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>mittelbar allgemein zu seyn. Es meynt wohl in diesem Momente jeder Einzelne<lb n="29"/><hi rendition="#g">eigennützig</hi> zu handeln; denn es ist das Moment, worin er sich das Bewußtseyn<lb n="30"/>gibt, für sich zu seyn, und er nimmt es deswegen nicht für etwas geistiges; allein<lb n="31"/>auch nur äußerlich angesehen, zeigt es sich, daß in seinem Genuße jeder Allen<lb n="32"/>zu geniessen gibt, in seiner Arbeit ebenso für Alle arbeitet als für sich, und alle für<lb n="33"/>ihn. Sein <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi> ist daher an sich <hi rendition="#g">allgemein</hi> und der Eigennutz etwas<lb n="34"/>nur gemeyntes, das nicht dazu kommen kann, dasjenige wirklich zu machen, was<lb n="35"/>es meynt, nemlich etwas zu thun, das nicht Allen zu gut käme.</p>
<p><lb n="36"/>In diesen beyden geistigen Mächten erkennt also das Selbstbewußtseyn seine<lb n="37"/>Substanz, Inhalt und Zweck; es schaut sein Doppelwesen darin an, in der einen</p>
<pb n="271" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=278" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sein <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi>, in der andern sein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>. – Es ist aber zugleich als der<lb n="2"/>Geist, die negative <hi rendition="#g">Einheit</hi> ihres Bestehens und der Trennung der Individualität<lb n="3"/>und des Allgemeinen, oder der Wirklichkeit und des Selbsts. Herrschafft und<lb n="4"/>Reichthum sind daher für das Individuum als Gegenstände vorhanden, d. h. als<lb n="5"/>solche, von denen es sich <hi rendition="#g">frey</hi> weiß und zwischen ihnen und selbst keines von<lb n="6"/>beyden wählen zu können meynt. Es tritt als dieses freye und <hi rendition="#g">reine</hi> Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>seyn dem Wesen als einem solchen gegen über, das nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> ist. Es hat alsdenn<lb n="8"/>das Wesen als <hi rendition="#g">Wesen</hi> in sich. – In diesem reinen Bewußtseyn sind ihm die Momente<lb n="9"/>der Substanz nicht Staatsmacht und Reichthum, sondern die Gedanken von <hi rendition="#g">Gut</hi><lb n="10"/>und <hi rendition="#g">Schlecht</hi>. – Das Selbstbewußtseyn ist aber ferner die Beziehung seines reinen<lb n="11"/>Bewußtseyns auf sein wirkliches, des Gedachten auf das gegenständliche Wesen,<lb n="12"/>es ist wesentlich das <hi rendition="#g">Urtheil</hi>. – Es hat sich zwar schon für die beyden Seiten des<lb n="13"/>wirklichen Wesens durch ihre unmittelbaren Bestimmungen ergeben, welche das<lb n="14"/>Gute, und welche das Schlechte sey; jenes die Staatsmacht, diß der Reichthum.<lb n="15"/>Allein diß erste Urtheil kann nicht als ein geistiges Urtheil angesehen werden;<lb n="16"/>denn in ihm ist die eine Seite nur als das <hi rendition="#g">ansich</hi>seyende oder positive, die andre<lb n="17"/>nur als das <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyende und negative bestimmt worden. Aber sie sind als<lb n="18"/>geistige Wesen, jedes die Durchdringung beyder Momente, also in jenen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>stimmungen nicht erschöpft; und das Selbstbewußtseyn, das sich auf sie bezieht,<lb n="20"/>ist <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; es muß daher sich auf jedes auf die gedoppelte Weise be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>ziehen, wodurch sich ihre Natur, sich selbst entfremdete Bestimmungen zu seyn,<lb n="22"/>herauskehren wird.</p>
<p><lb n="23"/>Dem Selbstbewußtseyn ist nun derjenige Gegenstand <hi rendition="#g">gut</hi> und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, worin<lb n="24"/>es sich selbst, derjenige aber schlecht, worin es das Gegentheil seiner findet; das<lb n="25"/><hi rendition="#g">Gute</hi> ist die <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> der gegenständlichen Realität mit ihm; das <hi rendition="#g">Schlechte</hi><lb n="26"/>aber ihre <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi>. Zugleich was <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> gut und schlecht ist, ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="27"/>gut und schlecht, denn es ist eben dasjenige, worin diese beyden Momente des<lb n="28"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und des <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> seyn dasselbe sind; es ist der wirkliche Geist der gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ständlichen Wesen, und das Urtheil der Erweis seiner Macht an ihnen, die sie zu<lb n="30"/>dem <hi rendition="#g">macht</hi>, was sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> sind. Nicht diß, wie sie unmittelbar an sich selbst<lb n="31"/>das <hi rendition="#g">Gleiche</hi> oder <hi rendition="#g">Ungleiche</hi> d. h. das abstracte Ansich oder Fürsichseyn sind,<lb n="32"/>ist ihr Kriterium und ihre Wahrheit, sondern was sie in der Beziehung des Geistes<lb n="33"/>auf sie sind; ihre Gleichheit oder Ungleichheit mit ihm. Seine <hi rendition="#g">Beziehung</hi> auf<lb n="34"/>sie, die zuerst als <hi rendition="#g">Gegenstände</hi> gesetzt, <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> zum <hi rendition="#g">Ansich</hi> werden,<lb n="35"/>wird zugleich ihre <hi rendition="#g">Reflexion</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, durch welche sie wirkliches<lb n="36"/>geistiges Seyn erhalten, und was <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> ist, hervortritt. Aber wie ihre erste<lb n="37"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> sich von der <hi rendition="#g">Beziehung</hi> des Geistes auf sie<lb n="38"/>unterscheidet, so wird auch das dritte, der eigne Geist derselben, sich von dem<lb n="39"/>zweyten unterscheiden. – Das <hi rendition="#g">zweyte</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> derselben zunächst, das durch</p>
<pb n="272" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=279" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>die Beziehung des Geistes auf sie hervortritt, muß schon anders ausfallen als das<lb n="2"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi>; denn diese <hi rendition="#g">Vermittlung</hi> des Geistes bewegt vielmehr die<lb n="3"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Bestimmtheit, und macht sie zu etwas Anderem.</p>
<p><lb n="4"/>Hiernach findet nun das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyende Bewußtseyn in der <hi rendition="#g">Staats<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">macht</hi> wohl sein <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> und <hi rendition="#g">Bestehen</hi> überhaupt, allein nicht<lb n="6"/>seine <hi rendition="#g">Individualität</hi> als solche, wohl sein <hi rendition="#g">Ansich</hi>, nicht sein <hi rendition="#g">Fürsich</hi>seyn,<lb n="7"/>es findet darin vielmehr das Thun als einzelnes Thun verleugnet und zum Gehor<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sam unterjocht. Das Individuum reflectirt sich also vor dieser Macht in sich selbst;<lb n="9"/>sie ist ihm das unterdrückende Wesen, und das <hi rendition="#g">Schlechte</hi>; denn statt das Gleiche<lb n="10"/>zu seyn, ist sie das der Individualität schlechthin Ungleiche. – Hingegen der <hi rendition="#g">Reich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">thum</hi> ist das <hi rendition="#g">Gute</hi>; er geht auf allgemeinen Genuß, gibt sich preiß, und verschafft<lb n="12"/>allen das Bewußtseyn ihres Selbsts. Er ist <hi rendition="#g">ansich</hi> allgemeines Wohlthun; wenn<lb n="13"/>er irgend eine Wohlthat versagt, und nicht jedem Bedürfnisse gefällig ist, so ist<lb n="14"/>diß eine Zufälligkeit, welche seinem allgemeinen nothwendigen Wesen, sich allen<lb n="15"/>Einzelnen mitzutheilen und tausendhändiger Geber zu seyn, keinen Eintrag thut.</p>
<p><lb n="16"/>Diese beyden Urtheile geben den Gedanken von Gut und Schlecht einen Inhalt,<lb n="17"/>welcher das Gegentheil von dem ist, den sie für uns hatten. – Das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn hat sich aber nur erst unvollständig auf seine Gegenstände bezogen, nemlich<lb n="19"/>nur nach dem Maßstabe des <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi>. Aber das Bewußtseyn ist ebenso<lb n="20"/><hi rendition="#g">ansich</hi>seyendes Wesen, und muß diese Seite gleichfalls zum Maßstabe machen,<lb n="21"/>wodurch sich erst das geistige Urtheil vollendet. Nach dieser Seite spricht ihm die<lb n="22"/><hi rendition="#g">Staatsmacht</hi> sein <hi rendition="#g">Wesen</hi> aus; sie ist theils ruhendes Gesetz, theils Regierung<lb n="23"/>und Befehl, welcher die einzelnen Bewegungen des allgemeinen Thuns anordnet;<lb n="24"/>das eine die einfache Substanz selbst, das andere ihr sich selbst und Alle belebendes<lb n="25"/>und erhaltendes Thun. Das Individuum findet also darin seinen Grund und Wesen<lb n="26"/>ausgedrückt, organisirt und bethätigt. – Hingegen durch den Genuß des <hi rendition="#g">Reich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="27" break="no"/><hi rendition="#g">thums</hi> erfährt es nicht sein allgemeines Wesen, sondern erhält nur das <hi rendition="#g">ver<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">gängliche</hi> Bewußtseyn und den Genuß seiner selbst als einer fürsichseyenden<lb n="29"/><hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>, und der <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi> mit seinem Wesen. – Die Begriffe von<lb n="30"/>Gut und Schlecht erhalten also hier den entgegengesetzten Inhalt gegen den vor<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>herigen.</p>
<p><lb n="32"/>Diese beyden Weisen des Urtheilens finden jede eine <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> und eine<lb n="33"/><hi rendition="#g">Ungleichheit</hi>; das erste urtheilende Bewußtseyn findet die Staatsmacht <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">gleich</hi>, den Genuß des Reichthums <hi rendition="#g">gleich</hi> mit ihm; das zweyte hingegen die<lb n="35"/>erstere gleich, und den letztern <hi rendition="#g">ungleich</hi> mit ihm. Es ist ein zweyfaches <hi rendition="#g">gleich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">finden</hi>, und ein zweyfaches <hi rendition="#g">ungleichfinden</hi>, eine entgegengesetzte Beziehung<lb n="37"/>auf die beyden realen Wesenheiten vorhanden. – Wir müssen dieses verschiedene<lb n="38"/>Urtheilen selbst beurtheilen, wozu wir den aufgestellten Maßstab anzulegen haben.<lb n="39"/>Die <hi rendition="#g">gleichfindende</hi> Beziehung des Bewußtseyns ist hienach das <hi rendition="#g">Gute</hi>, die</p>
<pb n="273" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=280" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>ungleichfindende das <hi rendition="#g">Schlechte</hi>; und diese beyden Weisen der Beziehung sind<lb n="2"/>nunmehr selbst als <hi rendition="#g">verschiedene</hi> <hi rendition="#g">Gestalten</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> festzu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>halten. Das Bewußtseyn kommt dadurch, daß es sich auf verschiedene Weise<lb n="4"/>verhält, selbst unter die Bestimmung der Verschiedenheit gut oder schlecht zu<lb n="5"/>seyn, nicht darnach, daß es entweder das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> oder das reine <hi rendition="#g">Ansich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> zum Princip hätte, denn beyde sind gleich wesentliche Momente; das ge<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>doppelte Urtheilen, das betrachtet wurde, stellte die Principien getrennt vor, und<lb n="8"/>enthält daher nur <hi rendition="#g">abstracte</hi> Weisen des <hi rendition="#g">Urtheilens</hi>. Das wirkliche Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyn hat beyde Principien an ihm und der Unterschied fällt allein in sein <hi rendition="#g">Wesen</hi>,<lb n="10"/>nemlich in die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> seiner selbst auf das reale.</p>
<p><lb n="11"/>Die Weise dieser Beziehung ist die entgegengesetzte, die eine ist Verhalten zu<lb n="12"/>Staatsmacht und Reichthum als zu einem <hi rendition="#g">Gleichen</hi>, das andere als zu einem<lb n="13"/><hi rendition="#g">Ungleichen</hi>. – Das Bewußtseyn der gleichfindenden Beziehung ist das <hi rendition="#g">edel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">müthige</hi>. In der öffentlichen Macht betrachtet es das mit ihm Gleiche, daß es<lb n="15"/>in ihr sein <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> und dessen Bethätigung hat, und im Dienste des<lb n="16"/>wirklichen Gehorsams, wie der innern Achtung gegen es steht. Ebenso in dem<lb n="17"/>Reichthume, daß er ihm das Bewußtseyn seiner andern wesentlichen Seite, des<lb n="18"/><hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, verschafft; daher es ihn ebenfalls als <hi rendition="#g">Wesen</hi> in Beziehung auf<lb n="19"/>sich betrachtet, und denjenigen, von welchem es genießt, als Wohlthäter an<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>erkennt und sich zum Danke verpflichtet hält.</p>
<p><lb n="21"/>Das Bewußtseyn der andern Beziehung dagegen ist das <hi rendition="#g">niederträchtige</hi>,<lb n="22"/>das die <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi> mit den beyden Wesenheiten festhält; in der Herrscher<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gewalt also eine Fessel und Unterdrückung des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> sieht, und daher<lb n="24"/>den Herrscher haßt, nur mit Heimtücke gehorcht, und immer auf dem Sprunge<lb n="25"/>zum Aufruhr steht, – im Reichthum, durch den es zum Genuße seines Fürsichseyns<lb n="26"/>gelangt, ebenso nur die Ungleichheit, nemlich mit dem bleibenden <hi rendition="#g">Wesen</hi> be<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>trachtet; indem es durch ihn nur zum Bewußtseyn der Einzelnheit und des ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gänglichen Genusses kommt, ihn liebt aber verachtet, und mit dem Verschwinden<lb n="29"/>des Genusses, des an sich verschwindenden, auch sein Verhältniß zu dem Reichen<lb n="30"/>für verschwunden ansieht.</p>
<p><lb n="31"/>Diese Beziehungen drücken nun erst das <hi rendition="#g">Urtheil</hi> aus, die Bestimmung dessen,<lb n="32"/>was die beyden Wesen als <hi rendition="#g">Gegenstände</hi> für das Bewußtseyn sind, noch nicht<lb n="33"/><hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>. Die Reflexion, die im Urtheil vorgestellt ist, ist theils erst <hi rendition="#g">für</hi><lb n="34"/><hi rendition="#g">uns</hi> ein Setzen der einen so wie der andern Bestimmung und daher ein gleiches<lb n="35"/>Aufheben beyder, noch nicht die Reflexion derselben für das Bewußtseyn selbst.<lb n="36"/>Theils <hi rendition="#g">sind</hi> sie erst unmittelbar <hi rendition="#g">Wesen</hi>, weder diß <hi rendition="#g">geworden</hi>, noch an ihnen<lb n="37"/><hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn; dasjenige, für welches sie sind, ist noch nicht ihre Belebung;</p>
<pb n="274" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=281" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sie sind Prädicate, die noch nicht selbst Subject sind. Um dieser Trennung willen<lb n="2"/>fällt auch das Ganze des geistigen Urtheilens noch an zwey Bewußtseyn ausein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>ander, deren jedes unter einer einseitigen Bestimmung liegt. – Wie sich nun zuerst<lb n="4"/>die <hi rendition="#g">Gleichgültigkeit</hi> der beyden Seiten der Entfremdung – der einen, des<lb n="5"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> des reinen Bewußtseyns nemlich der bestimmten <hi rendition="#g">Gedanken</hi> von Gut<lb n="6"/>und Schlecht – der andern ihres <hi rendition="#g">Daseyns</hi> als Staatsmacht und Reichthum, zur<lb n="7"/>Beziehung beyder, zum <hi rendition="#g">Urtheil</hi> erhob; so hat sich diese äußere Beziehung zur<lb n="8"/>innern Einheit, oder als Beziehung des Denkens zur Wirklichkeit zu erheben,<lb n="9"/>und der Geist der beyden Gestalten des Urtheils hervorzutreten. Diß geschieht,<lb n="10"/>indem das <hi rendition="#g">Urtheil</hi> zum <hi rendition="#g">Schlusse</hi> wird, zur vermittelnden Bewegung, worin<lb n="11"/>die Nothwendigkeit und Mitte der beyden Seiten des Urtheils hervortritt.</p>
<p><lb n="12"/>Das edelmüthige Bewußtseyn findet also im Urtheil sich so der Staatsmacht<lb n="13"/>gegenüber, daß sie zwar noch nicht ein Selbst, sondern erst die allgemeine Substanz,<lb n="14"/>deren es aber als seines <hi rendition="#g">Wesens</hi>, als des Zwecks und absoluten Inhalts sich bewußt<lb n="15"/>ist. Sich so positiv auf sie beziehend, verhält es sich negativ gegen seine eignen<lb n="16"/>Zwecke, seinen besondern Inhalt und Daseyn, und läßt sie verschwinden. Es ist<lb n="17"/>der Heroismus des <hi rendition="#g">Dienstes</hi>, – die <hi rendition="#g">Tugend</hi>, welche das einzelne Seyn dem<lb n="18"/>Allgemeinen aufopfert, und diß dadurch ins Daseyn bringt, – die <hi rendition="#g">Person</hi>, welche<lb n="19"/>dem Besitze und Genuße von selbst entsagt, und für die vorhandene Macht handelt<lb n="20"/>und wirklich ist.</p>
<p><lb n="21"/>Durch diese Bewegung wird das Allgemeine mit dem Daseyn überhaupt zu<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sammengeschloßen, wie das daseyende Bewußtseyn durch diese Entäußerung<lb n="23"/>sich zur Wesentlichkeit bildet. Wessen dieses im Dienste sich entfremdet, ist sein<lb n="24"/>in das Daseyn versenktes Bewußtseyn; das sich entfremdete <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist aber das<lb n="25"/><hi rendition="#g">Ansich</hi>; es bekommt also durch diese Bildung Achtung vor sich selbst und bey<lb n="26"/>den Andern. – Die Staatsmacht aber, die nur erst das <hi rendition="#g">gedachte</hi> Allgemeine,<lb n="27"/>das <hi rendition="#g">Ansich</hi> war, wird durch eben diese Bewegung zum <hi rendition="#g">seyenden</hi> Allgemeinen,<lb n="28"/>zur wirklichen Macht. Sie ist diese nur in dem wirklichen Gehorsam, welchen sie<lb n="29"/>durch das <hi rendition="#g">Urtheil</hi> des Selbstbewußtseyns, daß sie das <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, und durch die<lb n="30"/>freye Aufopferung desselben erlangt. Dieses Thun, das das Wesen mit dem Selbst<lb n="31"/>zusammenschließt, bringt die <hi rendition="#g">gedoppelte</hi> Wirklichkeit hervor, sich als das, welches<lb n="32"/><hi rendition="#g">wahre</hi> Wirklichkeit hat, und die Staatsmacht als das <hi rendition="#g">Wahre</hi>, welches <hi rendition="#g">gilt</hi>.</p>
<p><lb n="33"/>Diese ist aber durch diese Entfremdung noch nicht ein sich als Staatsmacht<lb n="34"/>wissendes Selbstbewußtseyn; es ist nur ihr <hi rendition="#g">Gesetz</hi>, oder ihr <hi rendition="#g">Ansich</hi>, das gilt;<lb n="35"/>sie hat noch keinen <hi rendition="#g">besondern</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi>; denn noch hat das dienende Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>bewußtseyn nicht sein reines Selbst entäußert und die Staatsmacht damit begeistet,<lb n="37"/>sondern erst mit seinem Seyn; ihr nur sein <hi rendition="#g">Daseyn</hi> aufgeopfert, nicht sein <hi rendition="#g">An-</hi></p>
<pb n="275" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=282" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sichseyn. – Diß Selbstbewußtseyn gilt als ein solches, das dem <hi rendition="#g">Wesen</hi> gemäß<lb n="2"/>ist, es ist anerkannt um seines <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi> willen. Die andern finden in ihm<lb n="3"/>ihr <hi rendition="#g">Wesen</hi> bethätigt, nicht aber ihr Fürsichseyn, – ihr Denken oder reines Be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>wußtseyn erfüllt, nicht ihre Individualität. Es gilt daher in ihren <hi rendition="#g">Gedanken</hi>,<lb n="5"/>und genießt der <hi rendition="#g">Ehre</hi>. Es ist der <hi rendition="#g">stolze</hi> Vasall, der für die Staatsmacht thätig<lb n="6"/>ist, insofern sie nicht eigner Willen, sondern <hi rendition="#g">wesentlicher</hi> ist, und der sich nur<lb n="7"/>in dieser <hi rendition="#g">Ehre</hi> gilt, nur in dem <hi rendition="#g">wesentlichen</hi> Vorstellen der allgemeinen Mey<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>nung, nicht in dem <hi rendition="#g">dankbaren</hi> der Individualität, denn dieser hat er nicht zu<lb n="9"/>ihrem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> verholffen. Seine <hi rendition="#g">Sprache</hi>, wenn es sich zum eignen Willen<lb n="10"/>der Staatsmacht verhielte, der noch nicht geworden ist, wäre der <hi rendition="#g">Rath</hi>, den er<lb n="11"/>zum allgemeinen Besten ertheilt.</p>
<p><lb n="12"/>Die Staatsmacht ist daher noch willenlos gegen den Rath, und nicht entscheidend<lb n="13"/>zwischen den verschiedenen Meynungen über das allgemeine Beste. Sie ist noch<lb n="14"/>nicht <hi rendition="#g">Regierung</hi>, und somit noch nicht in Wahrheit wirkliche Staatsmacht. –<lb n="15"/>Das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, der <hi rendition="#g">Willen</hi>, der als Willen noch nicht aufgeopfert ist, ist<lb n="16"/>der innre abgeschiedne Geist der Stände, der seinem Sprechen vom <hi rendition="#g">allgemeinen</hi><lb n="17"/>Besten gegenüber sich sein <hi rendition="#g">besondres</hi> Bestes vorbehält, und diß Geschwätze<lb n="18"/>vom allgemeinen Besten zu einem Surrogate für das Handeln zu machen geneigt<lb n="19"/>ist. Die Aufopferung des Daseyns, die im Dienste geschieht, ist zwar vollständig,<lb n="20"/>wenn sie bis zum Tode fortgegangen ist; aber die bestandne Gefahr des Todes<lb n="21"/>selbst, der überlebt wird, läßt ein bestimmtes Daseyn, und damit ein <hi rendition="#g">besonderes</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Fürsich</hi> übrig, welches den Rath fürs allgemeine Beßte zweydeutig und ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>dächtig macht, und sich in der That die eigne Meynung und den besondern Willen<lb n="24"/>gegen die Staatsgewalt vorbehält. Es verhält sich daher noch ungleich gegen<lb n="25"/>dieselbe, und fällt unter die Bestimmung des niederträchtigen Bewußtseyns, immer<lb n="26"/>auf dem Sprunge zur Empörung zu stehen.</p>
<p><lb n="27"/>Dieser Widerspruch, den es aufzuheben hat, enthält in dieser Form, in der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gleichheit des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> gegen die Allgemeinheit der Staatsmacht zu stehen,<lb n="29"/>zugleich die Form, daß jene Entäußerung des Daseyns, indem sie sich, im Tode<lb n="30"/>nemlich, vollendet, selbst eine seyende, nicht eine ins Bewußtseyn zurückkehrende<lb n="31"/>ist, – daß dieses sie nicht überlebt, und <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, sondern nur ins un<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>versöhnte Gegentheil übergeht. Die wahre Aufopferung des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> ist<lb n="33"/>daher allein die, worin es sich so vollkommen als im Tode hingibt, aber in dieser<lb n="34"/>Entäußerung sich ebensosehr erhält; es wird dadurch als das wirklich, was es an<lb n="35"/>sich ist, als die identische Einheit seiner selbst und seiner als des Entgegengesetzten.<lb n="36"/>Dadurch daß der abgeschiedne innre Geist, das Selbst als solches, hervortritt und<lb n="37"/>sich entfremdet, wird zugleich die Staatsmacht zu eignem Selbst erhoben; so</p>
<pb n="276" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=283" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>wie ohne diese Entfremdung die Handlungen der Ehre, des edeln Bewußtseyns<lb n="2"/>und die Rathschläge seiner Einsicht das Zweydeutige bleiben würden, das<lb n="3"/>noch jenen abgeschiednen Hinterhalt der besondern Absicht und des Eigenwillens<lb n="4"/>hätte.</p>
<p><lb n="5"/>Diese Entfremdung aber geschieht allein in der <hi rendition="#g">Sprache</hi>, welche hier in ihrer<lb n="6"/>eigenthümlichen Bedeutung auftritt. – In der Welt der Sittlichkeit, <hi rendition="#g">Gesetz</hi><lb n="7"/>und <hi rendition="#g">Befehl</hi>, – in der Welt der Wirklichkeit, erst <hi rendition="#g">Rath</hi>, hat sie das <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="8"/>zum Inhalte, und ist dessen Form; hier aber erhält sie die Form, welche sie ist,<lb n="9"/>selbst zum Inhalte, und gilt als <hi rendition="#g">Sprache</hi>; es ist die Krafft des Sprechens, als eines<lb n="10"/>solchen, welche das ausführt, was auszuführen ist. Denn sie ist das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> des<lb n="11"/>reinen Selbsts, als Selbsts; in ihr tritt die <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sichseyende</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> des<lb n="12"/>Selbstbewußtseyns als solche in die Existenz, so daß sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> ist. <hi rendition="#g">Ich</hi> als<lb n="13"/>dieses <hi rendition="#g">reine</hi> Ich ist sonst nicht <hi rendition="#g">da</hi>; in jeder andern Aeußerung ist es in eine Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichkeit versenkt, und in einer Gestalt, aus welcher es sich zurückziehen kann; es<lb n="15"/>ist aus seiner Handlung, wie aus seinem physiognomischen Ausdrucke in sich re<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>flectirt, und läßt solches unvollständiges Daseyn, worin immer ebensosehr zu viel<lb n="17"/>als zu wenig ist, entseelt liegen. Die Sprache aber enthält es in seiner Reinheit, sie<lb n="18"/>allein spricht <hi rendition="#g">Ich</hi> aus, es selbst. Diß sein <hi rendition="#g">Daseyn</hi> ist als <hi rendition="#g">Daseyn</hi> eine Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ständlichkeit, welche seine wahre Natur an ihr hat. <hi rendition="#g">Ich</hi> ist <hi rendition="#g">dieses</hi> Ich – aber ebenso<lb n="20"/><hi rendition="#g">allgemeines</hi>; sein Erscheinen ist ebenso unmittelbar die Entäußerung und das<lb n="21"/>Verschwinden <hi rendition="#g">dieses</hi> Ichs, und dadurch sein Bleiben in seiner Allgemeinheit.<lb n="22"/><hi rendition="#g">Ich</hi>, das sich ausspricht, ist <hi rendition="#g">vernommen</hi>; es ist eine Ansteckung, worin es un<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>mittelbar in die Einheit mit denen, für welche es da ist, übergegangen und all<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gemeines Selbstbewußtseyn ist. – Daß es <hi rendition="#g">vernommen</hi> wird, darin ist sein<lb n="25"/><hi rendition="#g">Daseyn</hi> selbst unmittelbar <hi rendition="#g">verhallt</hi>; diß sein Andersseyn ist in sich zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>genommen; und eben diß ist sein Daseyn, als selbstbewußtes <hi rendition="#g">Jetzt</hi>, wie es da<lb n="27"/>ist, nicht da zu seyn, und durch diß Verschwinden da zu seyn. Diß Verschwinden<lb n="28"/>ist also selbst unmittelbar sein Bleiben; es ist sein eignes Wissen von sich, und sein<lb n="29"/>Wissen von sich als einem, das in anderes Selbst übergegangen, das vernommen<lb n="30"/>worden und allgemeines ist.</p>
<p><lb n="31"/>Der Geist erhält hier diese Wirklichkeit, weil die Extreme, deren <hi rendition="#g">Einheit</hi> er<lb n="32"/>ist, ebenso unmittelbar die Bestimmung haben, für sich eigne Wirklichkeiten zu<lb n="33"/>seyn. Ihre Einheit ist zersetzt in spröde Seiten, deren jede für die andre wirklicher<lb n="34"/>von ihr ausgeschlossener Gegenstand ist. Die Einheit tritt daher als eine <hi rendition="#g">Mitte</hi><lb n="35"/>hervor, welche von der abgeschiedenen Wirklichkeit der Seiten ausgeschlossen<lb n="36"/>und unterschieden wird; sie hat daher selbst eine wirkliche von ihren Seiten unter<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schiedne Gegenständlichkeit, und ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sie</hi>, d. h. sie ist daseyendes. Die <hi rendition="#g">geistige</hi><lb n="38"/><hi rendition="#g">Substanz</hi> tritt als solche in die Existenz, erst indem sie zu ihren Seiten solche<lb n="39"/>Selbstbewußtseyn gewonnen hat, welche dieses reine Selbst als <hi rendition="#g">unmittelbar</hi></p>
<pb n="277" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=284" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">geltende</hi> Wirklichkeit wissen, und darin ebenso unmittelbar wissen, diß nur durch<lb n="2"/>die entfremdende <hi rendition="#g">Vermittlung</hi> zu seyn. Durch jenes sind die Momente zu<lb n="3"/>der sich selbst wissenden Kategorie und damit bis dahin geläutert, daß sie Momente<lb n="4"/>des Geistes sind; durch dieses tritt er als Geistigkeit in das Daseyn. – Er ist so die<lb n="5"/>Mitte, welche jene Extreme voraussetzt, und durch ihr Daseyn erzeugt wird, –<lb n="6"/>aber ebenso das zwischen ihnen hervorbrechende geistige Ganze, das sich in sie ent<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zweyt und jedes erst durch diese Berührung zum Ganzen in seinem Principe er<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>zeugt. – Daß die beyden Extreme schon <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> aufgehoben und zersetzt sind,<lb n="9"/>bringt ihre Einheit hervor, und diese ist die Bewegung, welche beyde zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schließt, ihre Bestimmungen austauscht, und sie, und zwar <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">jedem</hi> <hi rendition="#g">Extreme</hi><lb n="11"/>zusammenschließt. Diese Vermittlung setzt hiemit den <hi rendition="#g">Begriff</hi> eines jeden der<lb n="12"/>beyden Extreme in seine Wirklichkeit, oder sie macht das, was jedes <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="13"/>ist, zu seinem <hi rendition="#g">Geiste</hi>.</p>
<p><lb n="14"/>Die beyden Extreme, die Staatsmacht und das edelmüthige Bewußtseyn, sind<lb n="15"/>durch dieses zersetzt, jene in das abstracte Allgemeine, dem gehorcht wird, und<lb n="16"/>in den fürsichseyenden Willen, welcher ihm aber noch nicht selbst zukömmt; –<lb n="17"/>dieses in den Gehorsam des aufgehobnen Daseyns oder in das <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> der<lb n="18"/>Selbstachtung und der Ehre, – und in das noch nicht aufgehobene reine Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyn, den im Hinterhalte noch bleibenden Willen. Die beyden Momente, zu<lb n="20"/>welchen beyde Seiten gereinigt, und die daher Momente der Sprache sind, sind das<lb n="21"/><hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, welches das allgemeine Beste heißt, und das <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Selbst</hi>, das im Dienste seinem ins vielfache Daseyn versenkten Bewußtseyn ab<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sagte. Beyde sind im Begriffe dasselbe, denn reines Selbst ist eben das abstract<lb n="24"/>allgemeine, und daher ist ihre Einheit als ihre Mitte gesetzt. Aber das <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist<lb n="25"/>nur erst am Extreme des Bewußtseyns wirklich, – das <hi rendition="#g">Ansich</hi> aber erst am Ex<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>treme der Staatsmacht; dem Bewußtseyn fehlt diß, daß die Staatsmacht nicht nur<lb n="27"/>als <hi rendition="#g">Ehre</hi>, sondern wirklich an es übergegangen wäre, – der Staatsmacht, daß<lb n="28"/>ihr nicht nur als dem sogenannten <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Besten</hi> gehorcht würde, sondern<lb n="29"/>als Willen, oder daß sie das entscheidende Selbst ist. Die Einheit des Begriffes, in<lb n="30"/>welchem die Staatsmacht noch steht, und zu dem das Bewußtseyn sich geläutert hat,<lb n="31"/>wird in dieser <hi rendition="#g">vermittelnden</hi> <hi rendition="#g">Bewegung</hi> wirklich, deren einfaches Daseyn, als<lb n="32"/><hi rendition="#g">Mitte</hi>, die Sprache ist. – Sie hat jedoch zu ihren Seiten noch nicht zwey als <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="33"/>vorhandene Selbst; denn die Staatsmacht wird erst zum Selbst begeistet; diese Sprache<lb n="34"/>ist daher noch nicht der Geist, wie er sich vollkommen weiß und ausspricht.</p>
<p><lb n="35"/>Das edelmüthige Bewußtseyn, weil es das Extrem des Selbsts ist, erscheint als<lb n="36"/>dasjenige, von dem die <hi rendition="#g">Sprache</hi> ausgeht, durch welche sich die Seiten des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hältnisses zu beseelten Ganzen gestalten. – Der Heroismus des stummen Dienstes</p>
<pb n="278" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=285" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>wird <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Heroismus</hi> der <hi rendition="#g">Schmeicheley.</hi> Diese sprechende Reflexion des<lb n="2"/>Dienstes macht die geistige sich zersetzende Mitte aus, und reflectirt nicht nur ihr<lb n="3"/>eigenes Extrem in sich selbst, sondern auch das Extrem der allgemeinen Gewalt<lb n="4"/>in dieses selbst zurück, und macht sie, die erst <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, zum <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi><lb n="5"/>und zur Einzelnheit des Selbstbewußtseyns. Es wird hiedurch der Geist dieser<lb n="6"/>Macht, – ein <hi rendition="#g">unumschränkter</hi> <hi rendition="#g">Monarch</hi> zu seyn; – <hi rendition="#g">unumschränkt,</hi> die<lb n="7"/>Sprache der Schmeicheley erhebt die Macht in ihre geläuterte <hi rendition="#g">Allgemeinheit;</hi> –<lb n="8"/>das Moment als Erzeugniß der Sprache, des zum Geiste geläuterten Daseyns, ist<lb n="9"/>eine gereinigte Sichselbstgleichheit; – <hi rendition="#g">Monarch,</hi> sie erhebt ebenso die <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">zelnheit</hi> auf ihre Spitze; dasjenige, dessen das edelmüthige Bewußtseyn sich nach<lb n="11"/>dieser Seite der einfachen geistigen Einheit entäussert, ist das reine <hi rendition="#g">Ansich</hi> <hi rendition="#g">seines</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">Denkens,</hi> sein Ich selbst. Bestimmter erhebt sie die Einzelnheit, die sonst nur<lb n="13"/>ein <hi rendition="#g">Gemeyntes</hi> ist, dadurch in ihre daseyende Reinheit, daß sie dem Monarchen<lb n="14"/>den eignen <hi rendition="#g">Nahmen</hi> gibt; denn es ist allein der Nahme, worin der <hi rendition="#g">Unter<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">schied</hi> des Einzelnen von allen andern nicht <hi rendition="#g">gemeynt</hi> ist, sondern von allen<lb n="16"/>wirklich gemacht wird; in dem Nahmen <hi rendition="#g">gilt</hi> der Einzelne als rein Einzelner<lb n="17"/>nicht mehr nur in seinem Bewußtseyn, sondern im Bewußtseyn Aller. Durch ihn<lb n="18"/>also wird der Monarch schlechthin von Allen abgesondert, ausgenommen und<lb n="19"/>einsam; in ihm ist er das Atom, das von seinem Wesen nichts mittheilen kann<lb n="20"/>und nicht seines Gleichen hat. – Dieser Nahme ist hiemit die Reflexion in sich<lb n="21"/>oder die <hi rendition="#g">Wirklichkeit,</hi> welche die allgemeine Macht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> hat; durch<lb n="22"/>ihn ist sie der <hi rendition="#g">Monarch.</hi> <hi rendition="#g">Er,</hi> <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Einzelne,</hi> weiß umgekehrt dadurch <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">diesen</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi> als die allgemeine Macht, daß die Edeln, nicht nur als zum<lb n="24"/>Dienst der Staatsmacht bereit, sondern als <hi rendition="#g">Zierrathen</hi> sich um den Thron stellen,<lb n="25"/>und daß sie dem, der darauf sitzt, es immer <hi rendition="#g">sagen,</hi> was <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist.</hi></p>
<p><lb n="26"/>Die Sprache ihres Preißes ist auf diese Weise der Geist, der in der <hi rendition="#g">Staatsmacht</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">selbst</hi> die beyden Extreme zusammenschließt; sie reflectirt die abstracte Macht<lb n="28"/>in sich und gibt ihr das Moment des andern Extrems, das wollende und entscheidende<lb n="29"/><hi rendition="#g">fürsichseyn,</hi> und hiedurch selbstbewußte Existenz; oder dadurch kommt diß<lb n="30"/><hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Selbstbewußtseyn dazu, sich als die Macht <hi rendition="#g">gewiß</hi> <hi rendition="#g">zu</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">wissen.</hi> Sie ist der Punkt des Selbsts, in den durch die Entäußerung der <hi rendition="#g">innern</hi><lb n="32"/><hi rendition="#g">Gewißheit</hi> die vielen Punkte zusammengeflossen sind. – Indem aber dieser eigne<lb n="33"/>Geist der Staatsmacht darin besteht, seine Wirklichkeit und Nahrung an dem<lb n="34"/>Opfer des Thuns und des Denkens des edelmüthigen Bewußtseyns zu haben, ist<lb n="35"/>sie die sich <hi rendition="#g">entfremdete</hi> <hi rendition="#g">Selbstständigkeit;</hi> das edelmüthige Bewußtseyn,<lb n="36"/>das Extrem des <hi rendition="#g">fürsichseyns</hi> erhält das Extrem der <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">Allgemein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> für die Allgemeinheit des Denkens, der es sich entäusserte, zurück; die Macht</p>
<pb n="279" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=286" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>des Staats ist auf es <hi rendition="#g">übergegangen</hi>. An ihm wird die Staatsgewalt erst wahrhaft<lb n="2"/>bethätigt; in seinem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> hört sie auf, das <hi rendition="#g">träge</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, wie sie als<lb n="3"/>Extrem des abstracten Ansichseyns erschien, zu seyn. – <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> betrachtet heißt<lb n="4"/>die <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirte</hi> <hi rendition="#g">Staatsmacht</hi>, oder diß, daß sie Geist geworden, nichts<lb n="5"/>anderes, als daß sie <hi rendition="#g">Moment</hi> des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> geworden, d. h. nur<lb n="6"/>als <hi rendition="#g">aufgehobne</hi> ist. Hiemit ist sie nun das Wesen als ein solches, dessen Geist<lb n="7"/>es ist, aufgeopfert und preißgegeben zu seyn, oder sie existirt als <hi rendition="#g">Reichthum</hi>. –<lb n="8"/>Sie bleibt zwar dem Reichthume, zu welchem sie dem Begriffe nach immer wird,<lb n="9"/>gegenüber zugleich als eine Wirklichkeit bestehen; aber eine solche, deren Begriff<lb n="10"/>eben diese Bewegung ist, durch den Dienst und die Verehrung, wodurch sie wird,<lb n="11"/>in ihr Gegentheil, in die Entäusserung der Macht, überzugehen. Für sich wird also<lb n="12"/>das eigenthümliche <hi rendition="#g">Selbst</hi>, das ihr Willen ist, durch die Wegwerfung des edel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>müthigen Bewußtseyns, zur sich entäussernden Allgemeinheit, zu einer voll<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>kommnen Einzelnheit und Zufälligkeit, die jedem mächtigern Willen preißgegeben<lb n="15"/>ist; was ihm an <hi rendition="#g">allgemein</hi> anerkannter und nicht mittheilbarer Selbstständigkeit<lb n="16"/>bleibt, ist der leere Nahmen.</p>
<p><lb n="17"/>Wenn also das edelmüthige Bewußtseyn sich als dasjenige bestimmte, welches<lb n="18"/>sich auf die allgemeine Macht auf eine <hi rendition="#g">gleiche</hi> Weise bezöge, so ist die Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heit desselben vielmehr, in seinem Dienste sein eignes Fürsichseyn sich zu behalten,<lb n="20"/>in der eigentlichen Entsagung seiner Persönlichkeit aber das wirkliche Aufheben<lb n="21"/>und Zerreissen der allgemeinen Substanz zu seyn. Sein Geist ist das Verhältniß<lb n="22"/>der völligen Ungleichheit, einerseits in seiner Ehre seinen Willen zu behalten;<lb n="23"/>andererseits in dem Aufgeben desselben theils seines Innern sich zu entfremden,<lb n="24"/>und zur höchsten Ungleichheit mit sich selbst zu werden, theils die allgemeine<lb n="25"/>Substanz darin sich zu unterwerfen und diese sich selbst völlig ungleich zu machen. –<lb n="26"/>Es erhellt, daß damit seine Bestimmtheit, die es im <hi rendition="#g">Urtheile</hi> gegen das hatte,<lb n="27"/>welches niederträchtiges Bewußtseyn hieß, und hiedurch auch dieses verschwunden<lb n="28"/>ist. Das letztere hat seinen Zweck erreicht, nemlich die allgemeine Macht unter<lb n="29"/>das Fürsichseyn zu bringen.</p>
<p><lb n="30"/>So durch die allgemeine Macht bereichert, existirt das Selbstbewußtseyn als<lb n="31"/>die <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Wohlthat</hi>, oder sie ist der <hi rendition="#g">Reichthum</hi>, der selbst wieder<lb n="32"/>Gegenstand für das Bewußtseyn ist. Denn er ist diesem das zwar unterworfne<lb n="33"/>Allgemeine, das aber durch diß erste Aufheben, noch nicht absolut in das Selbst<lb n="34"/>zurückgegangen ist. – Das <hi rendition="#g">Selbst</hi> hat noch nicht <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>, sondern das<lb n="35"/><hi rendition="#g">aufgehobne</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> zum Gegenstande. Indem dieser erst geworden,<lb n="36"/>ist die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Beziehung des Bewußtseyns auf ihn gesetzt, das also noch<lb n="37"/>nicht seine Ungleichheit mit ihm dargestellt hat; es ist das edelmüthige Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>seyn, welches an dem unwesentlich gewordenen Allgemeinen sein Fürsichseyn<lb n="39"/>erhält, daher ihn anerkennt und gegen den Wohlthäter dankbar ist.</p>
<pb n="280" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=287" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Der Reichthum hat an ihm selbst schon das Moment des Fürsichseyns. Er ist<lb n="2"/>nicht das selbstlose Allgemeine der Staatsmacht, oder die unbefangene unorgani<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sche Natur des Geistes, sondern sie, wie sie durch den Willen an ihr selbst festhält<lb n="4"/>gegen den, der sich ihrer zum Genuß bemächtigen will. Aber indem der Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>thum nur die Form des Wesens hat, ist diß einseitige Fürsichseyn, das nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>,<lb n="6"/>sondern vielmehr das aufgehobne Ansich ist, die in seinem Genuße wesenlose Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>kehr des Individuums in sich selbst. Er bedarf also selbst der Belebung; und die<lb n="8"/>Bewegung seiner Reflexion besteht darin, daß er, der nur für sich ist, zum <hi rendition="#g">An</hi> und<lb n="9"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, daß er, der das aufgehobene Wesen ist, zum Wesen werde; so erhält<lb n="10"/>er seinen eigenen Geist an ihm selbst. – Da vorhin die Form dieser Bewegung aus<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>einandergesetzt worden, so ist es hinreichend, hier den Inhalt derselben zu bestimmen.</p>
<p><lb n="12"/>Das edelmüthige Bewußtseyn bezieht sich also hier nicht auf den Gegenstand<lb n="13"/>als Wesen überhaupt, sondern es ist das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> selbst, das ihm ein Fremdes<lb n="14"/>ist; es <hi rendition="#g">findet</hi> sein Selbst als solches entfremdet <hi rendition="#g">vor</hi>, als eine gegenständliche feste<lb n="15"/>Wirklichkeit, die es von einem andern festen Fürsichseyn zu empfangen hat. Sein<lb n="16"/>Gegenstand ist das Fürsichseyn; also das <hi rendition="#g">seinige</hi>; aber dadurch, daß es Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stand ist, ist es zugleich unmittelbar eine fremde Wirklichkeit, welche eigenes<lb n="18"/>Fürsichseyn, eigner Willen ist, das heißt, es sieht sein Selbst in der Gewalt eines<lb n="19"/>fremden Willens, von dem es abhängt, ob er ihm dasselbe ablassen will.</p>
<p><lb n="20"/>Von jeder einzelnen Seite kann das Selbstbewußtseyn abstrahiren, und behält<lb n="21"/>darum in einer Verbindlichkeit, die eine solche betrifft, sein Anerkanntseyn und<lb n="22"/><hi rendition="#g">Ansichgelten</hi> als für sich seyenden Wesens. Hier aber sieht es sich von der Seite<lb n="23"/>seiner reinen eigensten <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, oder seines Ichs ausser sich und einem<lb n="24"/>Andern angehörig, sieht seine <hi rendition="#g">Persönlichkeit</hi> als solche abhängig von der zu<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>fälligen Persönlichkeit eines andern, von dem Zufall eines Augenbliks, einer Will<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>kühr oder sonst des gleichgültigsten Umstandes. – Im Rechtszustande erscheint,<lb n="27"/>was in der Gewalt des gegenständlichen Wesens ist, als ein <hi rendition="#g">zufälliger</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi>,<lb n="28"/>von dem abstrahirt werden kann, und die Gewalt betrifft nicht das <hi rendition="#g">Selbst</hi> als<lb n="29"/><hi rendition="#g">solches</hi>, sondern dieses ist vielmehr anerkannt. Allein hier sieht es die Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heit seiner als solche das wesenloseste, die reine Persönlichkeit absolute Unpersön<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lichkeit zu seyn. Der Geist seines Dankes ist daher das Gefühl wie dieser tiefsten<lb n="32"/>Verworfenheit so auch der tiefsten Empörung. Indem das reine Ich selbst sich<lb n="33"/>ausser sich und zerrissen anschaut, ist in dieser Zerrissenheit zugleich alles,<lb n="34"/>was Continuität und Allgemeinheit hat, was Gesetz, gut und recht heißt, aus<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>einander und zu Grunde gegangen; alles gleiche ist aufgelöst, denn die <hi rendition="#g">reinste</hi><lb n="36"/><hi rendition="#g">Ungleichheit</hi>, die absolute Unwesentlichkeit des absolut wesentlichen, das ausser<lb n="37"/>sich seyn des Fürsichseyns ist vorhanden; das reine Ich selbst ist absolut zersetzt.</p>
<p><lb n="38"/>Wenn also von dem Reichthum diß Bewußtseyn wohl die Gegenständlichkeit<lb n="39"/>des Fürsichseyns zurückerhält und sie aufhebt, so ist es nicht nur seinem Begriffe</p>
<pb n="281" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=288" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>nach, wie die vorhergehende Reflexion nicht vollendet, sondern für es selbst un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>befriedigt; die Reflexion, da das Selbst sich als ein gegenständliches empfängt, ist<lb n="3"/>der unmittelbare Widerspruch im reinen Ich selbst gesetzt. Als Selbst steht es aber<lb n="4"/>zugleich unmittelbar über diesem Widerspruche, ist die absolute Elasticität, welche<lb n="5"/>diß aufgehoben seyn des Selbsts wieder aufhebt, diese Verworfenheit, daß ihm<lb n="6"/>sein fürsichseyn als ein fremdes werde, verwirft, und gegen diß Empfangen seiner<lb n="7"/>selbst empört, im <hi rendition="#g">Empfangen</hi> selbst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist.</p>
<p><lb n="8"/>Indem also das Verhältniß dieses Bewußtseyns mit dieser absoluten Zerrissenheit<lb n="9"/>verknüpft ist, fällt in seinem Geiste der Unterschied desselben, als edelmüthiges<lb n="10"/>gegen das <hi rendition="#g">niederträchtige</hi> bestimmt zu seyn, hinweg, und beyde sind dasselbe. –<lb n="11"/>Der Geist des wohlthuenden Reichthums kann ferner von dem Geiste des die<lb n="12"/>Wohlthat empfangenden Bewußtseyns unterschieden werden, und ist besonders<lb n="13"/>zu betrachten. – Er war das wesenlose Fürsichseyn, das preißgegebne Wesen. Durch<lb n="14"/>seine Mittheilung aber wird er zum <hi rendition="#g">Ansich</hi>; indem er seine Bestimmung erfüllte,<lb n="15"/>sich aufzuopfern, hebt er die Einzelnheit, für sich nur zu geniessen, auf, und als<lb n="16"/>aufgehobne Einzelnheit ist er <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> oder <hi rendition="#g">Wesen</hi>. – Was er mittheilt,<lb n="17"/>was er Andern gibt, ist das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>. Er gibt sich aber nicht hin als eine<lb n="18"/>selbstlose Natur, als die unbefangen sich preißgebende Bedingung des Lebens,<lb n="19"/>sondern als selbstbewußtes, sich für sich haltendes Wesen: er ist nicht die un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>organische Macht des Elements, welche von dem empfangenden Bewußtseyn als<lb n="21"/>an sich vergänglich gewußt wird, sondern die Macht über das Selbst, die sich<lb n="22"/><hi rendition="#g">unabhängig</hi> und <hi rendition="#g">willkührlich</hi> weiß, und die zugleich weiß, daß was sie aus<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>spendet, das Selbst eines Andern ist. – Der Reichthum theilt also mit dem Klienten<lb n="24"/>die Verworfenheit, aber an die Stelle der Empörung tritt der Uebermuth. Denn<lb n="25"/>er weiß nach der einen Seite, wie der Klient, das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> als ein zufälliges<lb n="26"/><hi rendition="#g">Ding</hi>; aber er selbst ist diese Zufälligkeit, in deren Gewalt die Persönlichkeit steht.<lb n="27"/>In diesem Uebermuthe, der durch eine Mahlzeit ein fremdes Ichselbst erhalten,<lb n="28"/>und sich dadurch die Unterwerfung von dessen innerstem Wesen erworben zu<lb n="29"/>haben meynt, übersieht er die innere Empörung des andern; er übersieht die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kommene Abwerfung aller Fessel, diese reine Zerrissenheit, welcher, indem ihr<lb n="31"/>die <hi rendition="#g">Sichselbstgleichheit</hi> des Fürsichseyns schlechthin ungleich geworden,<lb n="32"/>alles Gleiche, alles Bestehen zerrissen ist, und die daher die Meynung und Ansicht<lb n="33"/>des Wohlthäters am meisten zerreißt. Er steht unmittelbar vor diesem innersten<lb n="34"/>Abgrunde, vor dieser bodenlosen Tiefe, worinn aller Halt und Substanz ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>schwunden ist; und er sieht in dieser Tiefe nichts als ein gemeines Ding, ein Spiel<lb n="36"/>seiner Laune, einen Zufall seiner Willkühr; sein Geist ist die ganz wesenlose<lb n="37"/>Meynung, die geistverlassne Oberfläche zu seyn.</p>
<pb n="282" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=289" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Wie das Selbstbewußtseyn gegen die Staatsmacht seine Sprache hatte, oder der<lb n="2"/>Geist zwischen diesen Extremen als wirkliche Mitte hervortrat, so hat es auch<lb n="3"/>Sprache gegen den Reichthum, noch mehr aber hat seine Empörung ihre Sprache.<lb n="4"/>Jene, welche dem Reichthum das Bewußtseyn seiner Wesenheit gibt, und sich<lb n="5"/>seiner dadurch bemächtigt, ist gleichfalls die Sprache der Schmeicheley, aber der<lb n="6"/>unedeln; – denn was sie als Wesen ausspricht, weiß sie als das preißgegebne, das<lb n="7"/>nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyende Wesen. Die Sprache der Schmeicheley aber ist, wie vorhin<lb n="8"/>schon erinnert, der noch einseitige Geist. Denn seine Momente sind zwar das<lb n="9"/>durch die Bildung des Dienstes zur reinen Existenz geläuterte <hi rendition="#g">Selbst</hi>, und das<lb n="10"/><hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> der Macht. Allein der reine Begriff, in welchem das einfache <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="11"/>und das <hi rendition="#g">Ansich</hi>, jenes reine Ich und diß reine Wesen oder Denken dasselbe sind, –<lb n="12"/>diese Einheit beyder Seiten, zwischen welchen die Wechselwirkung statt findet,<lb n="13"/>ist nicht in dem Bewußtseyn dieser Sprache; der Gegenstand ist ihm noch das<lb n="14"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> im Gegensatze gegen das Selbst; oder der <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> ist ihm nicht<lb n="15"/>zugleich sein eignes <hi rendition="#g">Selbst</hi> als solches. – Die Sprache der Zerrissenheit aber ist<lb n="16"/>die vollkommne Sprache und der wahre existirende Geist dieser ganzen Welt<lb n="17"/>der Bildung. Diß Selbstbewußtseyn, dem die seine Verworfenheit verwerfende<lb n="18"/>Empörung zukömmt, ist unmittelbar die absolute Sichselbstgleichheit in der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>soluten Zerrissenheit, die reine Vermittlung des reinen Selbstbewußtseyns mit sich<lb n="20"/>selbst. Es ist die Gleichheit des identischen Urtheils, worin eine und dieselbe Per<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sönlichkeit sowohl Subject als Prädicat ist. Aber diß identische Urtheil ist zugleich<lb n="22"/>das unendliche; denn diese Persönlichkeit ist absolut entzweyt, und Subject und<lb n="23"/>Prädicat schlechthin <hi rendition="#g">gleichgültige</hi> <hi rendition="#g">Seyende</hi>, die einander nichts angehen,<lb n="24"/>ohne nothwendige Einheit, sogar daß jedes die Macht einer eignen Persönlichkeit<lb n="25"/>ist. Das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> hat <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> zum Gegenstande, als ein schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>hin <hi rendition="#g">Anderes</hi> und zugleich ebenso unmittelbar als <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, – sich als ein<lb n="27"/>Anderes, nicht daß dieses einen andern Inhalt hätte, sondern der Inhalt ist dasselbe<lb n="28"/>Selbst in der Form absoluter Entgegensetzung und vollkommen eignen gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gültigen Daseyns. – Es ist also hier der seiner in seiner Wahrheit und seines <hi rendition="#g">Begrif<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">fes</hi> <hi rendition="#g">bewußte</hi> Geist dieser realen Welt der Bildung vorhanden.</p>
<p><lb n="31"/>Er ist diese absolute und allgemeine Verkehrung und Entfremdung der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lichkeit und des Gedankens; die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Bildung</hi>. Was in dieser Welt erfahren<lb n="33"/>wird, ist, daß weder die <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Macht und des Reichthums, –<lb n="34"/>noch ihre bestimmten <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, Gut und Schlecht, oder das Bewußtseyn des<lb n="35"/>Guten und Schlechten, das edelmüthige und niederträchtige Wahrheit haben;<lb n="36"/>sondern alle diese Momente verkehren sich vielmehr eins im Andern, und jedes<lb n="37"/>ist das Gegentheil seiner selbst. – Die allgemeine Macht, welche die <hi rendition="#g">Substanz</hi><lb n="38"/>ist, indem sie durch das Princip der Individualität zur eigenen Geistigkeit gelangt,<lb n="39"/>empfängt das eigne Selbst nur als den Nahmen an ihr, und ist, indem sie <hi rendition="#g">wirk-</hi></p>
<pb n="283" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=290" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">liche</hi> Macht ist, vielmehr das unmächtige Wesen, das sich selbst aufopfert. –<lb n="2"/>Aber diß preißgegebene selbstlose Wesen, oder das zum Dinge gewordne Selbst<lb n="3"/>ist vielmehr die Rückkehr des Wesens in sich selbst; es ist das <hi rendition="#g">fürsichseyende</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, die Existenz des Geistes. – Die <hi rendition="#g">Gedanken</hi> dieser Wesen, des<lb n="5"/><hi rendition="#g">Guten</hi> und <hi rendition="#g">Schlechten</hi> verkehren sich ebenso in dieser Bewegung; was als gut<lb n="6"/>bestimmt ist, ist schlecht; was als schlecht, ist gut. Das Bewußtseyn eines jeden<lb n="7"/>dieser Momente als das edle und niederträchtige Bewußtseyn beurtheilt, sind<lb n="8"/>in ihrer Wahrheit vielmehr ebensosehr das verkehrte dessen, was diese Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>mungen seyn sollen, das edelmüthige ebenso niederträchtig und verworfen, als<lb n="10"/>die Verworfenheit zum Adel der gebildetsten Freyheit des Selbstbewußtseyns<lb n="11"/>umschlägt. – Alles ist ebenso, formell betrachtet, <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">aussen</hi> das verkehrte<lb n="12"/>dessen, was es für <hi rendition="#g">sich</hi> ist; und wieder was es für sich ist, ist es nicht in Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>heit, sondern etwas anderes als es seyn will, das Fürsichseyn vielmehr der Verlust<lb n="14"/>seiner selbst, und die Entfremdung seiner vielmehr die Selbsterhaltung. – Was<lb n="15"/>vorhanden ist, ist also diß, daß alle Momente eine allgemeine Gerechtigkeit ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gen einander ausüben, jedes ebensosehr an sich selbst sich entfremdet, als es sich<lb n="17"/>in sein Gegentheil einbildet und es auf diese Weise verkehrt. – Der wahre Geist<lb n="18"/>aber ist eben diese Einheit der absolut getrennten, und zwar kommt er eben durch<lb n="19"/>die <hi rendition="#g">freye</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> dieser <hi rendition="#g">selbstlosen</hi> Extreme selbst als ihre Mitte<lb n="20"/>zur Existenz. Sein Daseyn ist das allgemeine <hi rendition="#g">Sprechen</hi> und zerreissende <hi rendition="#g">Urthei<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">len</hi>, welchem alle jene Momente, die als Wesen und wirkliche Glieder des Ganzen<lb n="22"/>gelten sollen, sich auflösen, und welches ebenso diß sich auflösende Spiel mit sich<lb n="23"/>selbst ist. Diß Urtheilen und Sprechen ist daher das Wahre und Unbezwingbare,<lb n="24"/>während es alles überwältigt; dasjenige, um welches es in dieser realen Welt<lb n="25"/><hi rendition="#g">allein</hi> <hi rendition="#g">wahrhafft</hi> zu thun ist. Jeder Theil dieser Welt kommt darin dazu, daß<lb n="26"/>sein Geist ausgesprochen, oder daß mit Geist von ihm gesprochen und von ihm<lb n="27"/>gesagt wird, was er ist. – Das ehrliche Bewußtseyn nimmt jedes Moment als eine<lb n="28"/>bleibende Wesenheit und ist die ungebildete Gedankenlosigkeit nicht zu wissen,<lb n="29"/>daß es ebenso das verkehrte thut. Das zerrissene Bewußtseyn aber ist das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>seyn der Verkehrung, und zwar der absoluten Verkehrung; der Begriff ist das<lb n="31"/>herrschende in ihm, der die Gedanken zusammenbringt, welche der Ehrlichkeit<lb n="32"/>weit auseinander liegen, und dessen Sprache daher geistreich ist.</p>
<p><lb n="33"/>Der Inhalt der Rede des Geistes von und über sich selbst ist also die Verkehrung<lb n="34"/>aller Begriffe und Realitäten, der allgemeine Betrug seiner selbst und der andern,<lb n="35"/>und die Schamlosigkeit, diesen Betrug zu sagen, ist ebendarum die größte Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit. Diese Rede ist die Verrüktheit des Musikers, »der dreißig Arien, italienische,<lb n="37"/>französische, tragische, komische, von aller Art Charakter, häuffte und vermischte;</p>
<pb n="284" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=291" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>bald mit einem tiefen Basse stieg er bis in die Hölle, dann zog er die Kehle zu<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>sammen, und mit einem Fistelton zerriß er die Höhe der Lüffte, wechselsweise<lb n="3"/>rasend, besänftigt, gebieterisch und spöttisch.« – Dem ruhigen Bewußtseyn, das<lb n="4"/>ehrlicherweise die Melodie des Guten und Wahren in die Gleichheit der Töne,<lb n="5"/>d. h. in Eine Note setzt, erscheint diese Rede als »eine Faseley von Weisheit und<lb n="6"/>Tollheit, als ein Gemische von eben soviel Geschik als Niedrigkeit, von ebenso<lb n="7"/>richtigen als falschen Ideen, von einer so völligen Verkehrtheit der Empfindung,<lb n="8"/>so vollkommener Schändlichkeit, als gänzlicher Offenheit und Wahrheit. Es<lb n="9"/>wird es nicht versagen können, in alle diese Töne einzugehen, und die ganze Scale<lb n="10"/>der Gefühle von der tiefsten Verachtung und Verwerfung bis zur höchsten Be<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>wunderung und Rührung auf und nieder zu lauffen; in diese wird ein lächerlicher<lb n="12"/>Zug verschmolzen seyn, der ihnen ihre Natur benimmt;« jene werden an ihrer<lb n="13"/>Offenheit selbst einen versöhnenden, an ihrer erschütternden Tiefe den allgewal<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>tigen Zug haben, der den Geist sich selbst gibt.</p>
<p><lb n="15"/>Betrachten wir der Rede dieser sich selbst klaren Verwirrung gegenüber die<lb n="16"/>Rede jenes <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> des Wahren und Guten, so kann sie gegen<lb n="17"/>die offene und ihrer bewußte Beredsamkeit des Geistes der Bildung nur einsylbig<lb n="18"/>seyn; denn es kann diesem nichts sagen, was er nicht selbst weiß und sagt. Geht<lb n="19"/>es über seine Einsylbigkeit hinaus, so sagt es daher dasselbe, was er ausspricht,<lb n="20"/>begeht aber darin noch dazu die Thorheit zu meynen, daß es etwas neues und<lb n="21"/>anderes sage. Selbst seine Sylben, <hi rendition="#g">schändlich</hi>, <hi rendition="#g">niederträchtig</hi>, sind schon<lb n="22"/>diese Thorheit, denn jener sagt sie von sich selbst. Wenn dieser Geist in seiner Rede<lb n="23"/>alles eintönige verkehrt, weil dieses sich gleiche nur eine Abstraction, in seiner<lb n="24"/>Wirklichkeit aber die Verkehrung an sich selbst ist, und wenn dagegen das gerade<lb n="25"/>Bewußtseyn, das Gute und Edle, d. h. das sich in seiner Aeusserung gleichhaltende,<lb n="26"/>auf die einzige Weise, die hier möglich ist, in Schutz nimmt, – daß es nemlich<lb n="27"/>seinen Werth nicht darum verliere, weil es an das Schlechte <hi rendition="#g">geknüpft</hi> oder mit<lb n="28"/>ihm <hi rendition="#g">gemischt</hi> sey; denn diß sey seine <hi rendition="#g">Bedingung</hi> und <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>,<lb n="29"/>hierin bestehe die <hi rendition="#g">Weisheit</hi> der Natur; – so hat diß Bewußtseyn, indem es zu<lb n="30"/>widersprechen meynte, damit nur den Inhalt der Rede des Geistes in eine triviale<lb n="31"/>Weise zusammengefaßt, welche gedankenlos, indem sie das <hi rendition="#g">Gegentheil</hi> des<lb n="32"/>Edeln und Guten zur <hi rendition="#g">Bedingung</hi> und <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> des Edeln und Guten<lb n="33"/>macht, etwas anderes zu sagen meynt, als diß, daß das Edel und Gut genannte<lb n="34"/>in seinem Wesen das Verkehrte seiner selbst, so wie das Schlechte umgekehrt<lb n="35"/>das Vortreffliche ist.</p>
<p><lb n="36"/>Ersetzt das einfache Bewußtseyn diesen geistlosen <hi rendition="#g">Gedanken</hi> durch die <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> des Vortrefflichen, indem es dasselbe in dem <hi rendition="#g">Beyspiele</hi> eines fin-</p>
<pb n="285" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=292" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>girten Falles, oder auch einer wahren Anekdote aufführt, und so zeigt, daß es kein<lb n="2"/>leerer Nahme, sondern <hi rendition="#g">vorhanden</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, so steht die <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Wirklichkeit<lb n="3"/>des verkehrten Thuns der ganzen realen Welt entgegen, worin jenes Beyspiel<lb n="4"/>also nur etwas ganz vereinzelntes, eine <hi rendition="#g">Espece</hi> ausmacht; und das Daseyn des Guten<lb n="5"/>und Edeln als eine einzelne Anekdote, sie sey fingirt oder wahr, darstellen, ist das<lb n="6"/>bitterste, was von ihm gesagt werden kann. – Fordert das einfache Bewußtseyn<lb n="7"/>endlich die Auflösung dieser ganzen Welt der Verkehrung, so kann es nicht an das<lb n="8"/><hi rendition="#g">Individuum</hi> die Entfernung aus ihr fodern, denn Diogenes im Fasse ist durch<lb n="9"/>sie bedingt, und die Foderung an den Einzelnen ist gerade das, was für das Schlechte<lb n="10"/>gilt, nemlich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als <hi rendition="#g">einzelnen</hi> zu sorgen. An die allgemeine <hi rendition="#g">Individuali<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">tät</hi> aber gerichtet kann die Foderung dieser Entfernung nicht die Bedeutung<lb n="12"/>haben, daß die Vernunft das geistige gebildete Bewußtseyn, zu dem sie gekommen<lb n="13"/>ist, wieder aufgebe, den ausgebreiteten Reichthum ihrer Momente in die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>fachheit des natürlichen Herzens zurückversenke, und in die Wildniß und Nähe<lb n="15"/>des thierischen Bewußtseyns, welche Natur, auch Unschuld genannt wird, zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>falle; sondern die Foderung dieser Auflösung kann nur an den <hi rendition="#g">Geist</hi> der Bil<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>dung selbst gehen, daß er aus seiner Verwirrung als <hi rendition="#g">Geist</hi> zu sich zurückkehre,<lb n="18"/>und ein noch höheres Bewußtseyn gewinne.</p>
<p><lb n="19"/>In der That aber hat der Geist diß schon an sich vollbracht. Die ihrer selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bewußte und sich aussprechende Zerrissenheit des Bewußtseyns ist das Hohn<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gelächter über das Daseyn so wie über die Verwirrung des Ganzen und über sich<lb n="22"/>selbst; es ist zugleich das sich noch vernehmende Verklingen dieser ganzen Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wirrung. – Diese sich selbst vernehmende Eitelkeit aller Wirklichkeit, und alles<lb n="24"/>bestimmten Begriffs, ist die gedoppelte Reflexion der realen Welt in sich selbst;<lb n="25"/>einmal in <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußtseyns, als <hi rendition="#g">diesem</hi>, das andermal in der<lb n="26"/>reinen <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> desselben oder im Denken. Nach jener Seite hat der zu<lb n="27"/>sich gekommene Geist den Blick in die Welt der Wirklichkeit hineingerichtet,<lb n="28"/>und sie noch zu seinem Zwecke und unmittelbaren Inhalt; nach der andern aber<lb n="29"/>ist sein Blick theils nur in sich und negativ gegen sie, theils von ihr weg gen Himmel<lb n="30"/>gewendet und das Jenseits derselben sein Gegenstand.</p>
<p><lb n="31"/>In jener Seite der Rükkehr in das Selbst ist die <hi rendition="#g">Eitelkeit</hi> aller <hi rendition="#g">Dinge</hi> seine<lb n="32"/><hi rendition="#g">eigene</hi> <hi rendition="#g">Eitelkeit</hi>, oder es <hi rendition="#g">ist</hi> eitel. Es ist das fürsichseyende Selbst, das alles<lb n="33"/>nicht nur zu beurtheilen und zu beschwatzen, sondern geistreich die festen Wesen<lb n="34"/>der Wirklichkeit wie die festen Bestimmungen, die das Urtheil setzt, in ihrem<lb n="35"/><hi rendition="#g">Widerspruche</hi> zu sagen weiß, und dieser Widerspruch ist ihre Wahrheit. –<lb n="36"/>Nach der Form betrachtet, weiß es Alles sich selbst entfremdet; das <hi rendition="#g">Fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> vom <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> getrennt; das Gemeynte und den Zweck von der Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>heit; und von beyden wieder das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, das Vorgegebne von der<lb n="39"/>eigentlichen Meynung und der wahren Sache und Absicht. – Es weiß also jedes</p>
<pb n="286" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=293" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Moment gegen das andere, überhaupt die Verkehrung Aller, richtig auszusprechen,<lb n="2"/>es weiß besser, was jedes ist, als es ist, es sey bestimmt wie es wolle. Indem es das<lb n="3"/>Substantielle nach der Seite der <hi rendition="#g">Uneinigkeit</hi> und des <hi rendition="#g">Widerstreits</hi>, den<lb n="4"/>es in sich einigt, aber nicht nach der Seite dieser Einigkeit kennt, versteht es das<lb n="5"/>Substantielle sehr gut zu <hi rendition="#g">beurtheilen</hi>, aber hat die Fähigkeit verloren es zu<lb n="6"/><hi rendition="#g">fassen</hi>. – Diese Eitelkeit bedarf dabey der Eitelkeit aller Dinge, um aus ihnen sich<lb n="7"/>das Bewußtseyn des Selbsts zu geben, erzeugt sie daher selbst, und ist die Seele,<lb n="8"/>welche sie trägt. Macht und Reichthum sind die höchsten Zwecke seiner An<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>strengung, es weiß, daß es durch Entsagung und Aufopferung sich zum Allgemeinen<lb n="10"/>bildet, zum Besitze desselben gelangt, und in diesem Besitze allgemeine Gültigkeit<lb n="11"/>hat; sie sind die wirklichen anerkannten Mächte. Aber dieses sein Gelten ist selbst<lb n="12"/>eitel, und eben indem es sich ihrer bemächtigt, weiß es sie nicht Selbstwesen zu<lb n="13"/>seyn, sondern vielmehr sich als ihre Macht, sie aber als eitel. Daß es so in ihrem<lb n="14"/>Besitze selbst daraus heraus ist, stellt es in der geistreichen Sprache dar, die daher<lb n="15"/>sein höchstes Interesse und die Wahrheit des Ganzen ist; in ihr wird <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst,<lb n="16"/>als diß reine nicht den wirklichen noch gedachten Bestimmungen angehörige<lb n="17"/>Selbst, sich zum geistigen, wahrhafft allgemeingültigen. Es <hi rendition="#g">ist</hi> die sich selbst zer<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>reissende Natur aller Verhältnisse und das bewußte Zerreissen derselben; nur als<lb n="19"/>empörtes Selbstbewußtseyn aber weiß es seine eigne Zerrissenheit, und in diesem<lb n="20"/>Wissen derselben hat es sich unmittelbar darüber erhoben. In jener Eitelkeit wird<lb n="21"/>aller Inhalt zu einem negativen, welches nicht mehr positiv gefaßt werden kann;<lb n="22"/>der positive Gegenstand ist nur das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, und das zerrissne Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>seyn ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> diese reine Sichselbstgleichheit des zu sich zurückgekommnen<lb n="24"/>Selbstbewußtseyns.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="25"/>b.</head>
<head><lb n="26"/>DER GLAUBEN UND DIE REINE EINSICHT.</head>
<p><lb n="27"/>Der Geist der Entfremdung seiner selbst hat in der Welt der Bildung sein<lb n="28"/>Daseyn; aber indem dieses Ganze sich selbst entfremdet worden, steht jenseits<lb n="29"/>ihrer die unwirkliche Welt <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> oder des <hi rendition="#g">Denkens</hi>.<lb n="30"/>Ihr Inhalt ist das rein Gedachte, das Denken ihr absolutes Element. Indem aber das<lb n="31"/>Denken zunächst das <hi rendition="#g">Element</hi> dieser Welt ist, <hi rendition="#g">hat</hi> das Bewußtseyn nur diese<lb n="32"/>Gedanken, aber es <hi rendition="#g">denkt</hi> sie noch nicht, oder weiß nicht, daß es Gedanken sind;<lb n="33"/>sondern sie sind für es in der Form der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi>. Denn es tritt aus der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lichkeit in das reine Bewußtseyn, aber es ist selbst überhaupt noch in der Sphäre<lb n="35"/>und Bestimmtheit der Wirklichkeit. Das zerrissne Bewußtseyn ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> erst</p>
<pb n="287" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=294" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>die <hi rendition="#g">Sichselbstgleichheit</hi> des reinen Bewußtseyns, für uns, nicht für sich selbst.<lb n="2"/>Es ist also nur die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> noch nicht in sich vollendete Erhebung, und<lb n="3"/>hat sein entgegengesetztes Princip, wodurch es bedingt ist, noch in sich, ohne<lb n="4"/>durch die vermittelte Bewegung darüber Meister geworden zu seyn. Daher gilt<lb n="5"/>ihm das Wesen seines Gedankens nicht als <hi rendition="#g">Wesen</hi> nur in der Form des abstracten<lb n="6"/>Ansich, sondern in der Form eines <hi rendition="#g">gemeinwirklichen</hi>, einer Wirklichkeit,<lb n="7"/>die nur in ein anderes Element erhoben worden, ohne in diesem die Bestimmtheit<lb n="8"/>einer nicht gedachten Wirklichkeit verloren zu haben. – Es ist wesentlich von dem<lb n="9"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> zu unterscheiden, welches das Wesen des <hi rendition="#g">stoischen</hi> Bewußtseyns ist;<lb n="10"/>diesem galt nur die <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gedankens</hi>, als solchen, der dabey irgend einen<lb n="11"/>ihm fremden, aus der Wirklichkeit genommnen Inhalt hat; jenem Bewußtseyn<lb n="12"/>ist aber nicht die <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gedankens</hi> das Geltende; – ebenso von dem <hi rendition="#g">An<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">sich</hi> des tugendhafften Bewußtseyns, dem das Wesen zwar in Beziehung auf die<lb n="14"/>Wirklichkeit steht, dem es Wesen der Wirklichkeit selbst, – aber nur erst unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>liches Wesen ist; – jenem Bewußtseyn gilt es, ob zwar jenseits der Wirklichkeit<lb n="16"/>doch wirkliches Wesen zu seyn. Ebenso hat das an sich Rechte und Gute der gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gebenden Vernunft und das Allgemeine des gesetzprüffenden Bewußtseyns nicht die<lb n="18"/>Bestimmung der Wirklichkeit. – Wenn daher innerhalb der Welt der Bildung<lb n="19"/>selbst das reine Denken, als eine Seite der Entfremdung fiel, nemlich als der Maß<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stab des abstracten Guten und Schlechten im Urtheilen, so ist es, hindurchgegangen<lb n="21"/>durch die Bewegung des Ganzen, um das Moment der Wirklichkeit und dadurch<lb n="22"/>des Inhalts bereichert worden. Diese Wirklichkeit des Wesens ist aber zugleich<lb n="23"/>nur eine Wirklichkeit des <hi rendition="#g">reinen</hi>, nicht des <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Bewußtseyns; in das<lb n="24"/>Element des Denkens zwar erhoben, gilt sie diesem Bewußtseyn noch nicht als<lb n="25"/>ein Gedanke, sondern vielmehr ist sie ihm jenseits seiner eignen Wirklichkeit;<lb n="26"/>denn jene ist die Flucht aus dieser.</p>
<p><lb n="27"/>Wie hier die <hi rendition="#g">Religion</hi> – denn es erhellt, daß von ihr die Rede ist, – als der<lb n="28"/>Glauben der Welt der Bildung auftritt, tritt sie noch nicht auf, wie sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="29"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. – Sie ist uns schon in andern Bestimmtheiten erschienen, als <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">glückliches</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> nemlich, als Gestalt der substanzlosen Bewegung<lb n="31"/>des Bewußtseyns selbst. – Auch an der sittlichen Substanz erschien sie als Glauben<lb n="32"/>an die Unterwelt, aber das Bewußtseyn des abgeschiednen Geistes ist eigentlich<lb n="33"/>nicht <hi rendition="#g">Glauben</hi>, nicht das Wesen im Elemente des reinen Bewußtseyns jenseits<lb n="34"/>des wirklichen gesetzt, sondern er hat selbst unmittelbare Gegenwart; sein Ele<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ment ist die Familie. – Hier aber ist die Religion theils aus der <hi rendition="#g">Substanz</hi> her<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>vorgegangen, und ist reines Bewußtseyn derselben; theils ist diß reine Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>seyn seinem wirklichen, das <hi rendition="#g">Wesen</hi> seinem <hi rendition="#g">Daseyn</hi> entfremdet. Sie ist also<lb n="38"/>zwar nicht mehr die substanzlose Bewegung des Bewußtseyns, aber hat noch die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>stimmtheit des Gegensatzes gegen die Wirklichkeit als <hi rendition="#g">diese</hi> überhaupt, und gegen</p>
<pb n="288" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=295" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>die des Selbstbewußtseyns insbesondere, sie ist daher wesentlich nur ein <hi rendition="#g">Glauben</hi>.</p>
<p><lb n="2"/>Diß <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> des absoluten Wesens ist ein <hi rendition="#g">entfremdetes</hi>. Es<lb n="3"/>ist näher zu sehen, wie dasjenige sich bestimmt, dessen anderes es ist, und es ist<lb n="4"/>nur in Verbindung mit diesem zu betrachten. Zunächst nemlich scheint diß reine<lb n="5"/>Bewußtseyn nur die <hi rendition="#g">Welt</hi> der Wirklichkeit sich gegenüber zu haben; aber indem<lb n="6"/>es die Flucht aus dieser, und dadurch die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> des <hi rendition="#g">Gegensatzes</hi><lb n="7"/>ist, so hat es diese an ihm selbst; das reine Bewußtseyn ist daher wesentlich an<lb n="8"/>ihm selbst sich entfremdet, und der Glauben macht nur eine Seite desselben aus.<lb n="9"/>Die andre Seite ist uns zugleich schon entstanden. Das reine Bewußtseyn ist nem<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lich so die Reflexion aus der Welt der Bildung, daß die Substanz derselben, so wie<lb n="11"/>die Massen, in welche sie sich gliedert, sich als das zeigten, was sie an sich sind, als<lb n="12"/><hi rendition="#g">geistige</hi> Wesenheiten, als absolut unruhige Bewegungen oder Bestimmungen,<lb n="13"/>die sich unmittelbar in ihrem Gegentheil aufheben. Ihr Wesen, das einfache<lb n="14"/>Bewußtseyn ist also die Einfachheit des <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Unterschiedes</hi>, der un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>mittelbar kein Unterschied ist. Es ist hiemit das reine <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, nicht als<lb n="16"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi>, sondern das in sich <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Selbst als unruhige Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wegung, die das <hi rendition="#g">ruhige</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der <hi rendition="#g">Sache</hi> angreifft, und durchdringt. In ihm<lb n="18"/>ist also die Gewißheit, welche sich selbst unmittelbar als Wahrheit weiß, das reine<lb n="19"/>Denken, als der <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi> in der Macht seiner <hi rendition="#g">Negativität</hi> vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>handen, die alles gegenständliche, dem Bewußtseyn gegenüberseyn sollende<lb n="21"/>Wesen vertilgt, und es zu einem Seyn des Bewußtseyns macht. – Diß reine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wußtseyn ist zugleich ebensosehr <hi rendition="#g">einfach</hi>, weil eben sein Unterschied kein<lb n="23"/>Unterschied ist. Als diese Form der einfachen Reflexion in sich aber ist es das Ele<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ment des Glaubens, worin der Geist die Bestimmtheit <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">positiven</hi> <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinheit</hi>, des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi> gegen jenes Fürsichseyn des Selbstbewußtseyns<lb n="26"/>hat. – Aus der wesenlosen sich nur auflösenden Welt in sich zurück gedrängt, ist<lb n="27"/>der Geist, nach der Wahrheit, in ungetrennter Einheit sowohl die <hi rendition="#g">absolute</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">Bewegung</hi> und <hi rendition="#g">Negativität</hi> seines Erscheinens, wie ihr in sich <hi rendition="#g">befriedigtes</hi><lb n="29"/>Wesen, und ihre positive <hi rendition="#g">Ruhe</hi>. Aber überhaupt unter der Bestimmtheit der<lb n="30"/><hi rendition="#g">Entfremdung</hi> liegend, treten diese beyden Momente als ein gedoppeltes Be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wußtseyn auseinander. Jenes ist die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi>, als der sich im <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/>bewußtseyn zusammenfassende geistige <hi rendition="#g">Proceß</hi>, welcher das Bewußtseyn des<lb n="33"/>positiven, die Form der Gegenständlichkeit oder des Vorstellens sich gegenüber<lb n="34"/>hat und sich dagegen richtet; ihr eigner Gegenstand aber ist nur das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>. –<lb n="35"/>Das einfache Bewußtseyn des positiven oder der ruhigen Sichselbstgleichheit hat<lb n="36"/>hingegen das innere <hi rendition="#g">Wesen</hi> als Wesen zum Gegenstande. Die reine Einsicht<lb n="37"/>hat daher zunächst an ihr selbst keinen Inhalt, weil sie das negative Fürsichseyn</p>
<pb n="289" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=296" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>ist; dem Glauben dagegen gehört der Inhalt an, ohne Einsicht. Wenn jene nicht<lb n="2"/>aus dem Selbstbewußtseyn heraustritt, so hat dieser seinen Inhalt zwar ebenfalls<lb n="3"/>im Element des reinen Selbstbewußtseyns, aber im <hi rendition="#g">Denken</hi>, nicht in <hi rendition="#g">Begrif<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">fen</hi>, <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Er<lb n="5"/>ist hiemit zwar reines Bewußtseyn des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, das heißt, des <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Innern</hi><lb n="6"/>und <hi rendition="#g">ist</hi> also Denken; – das Hauptmoment in der Natur des Glaubens, das gewöhn<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lich übersehen wird. Die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, mit der das Wesen in ihm ist, liegt<lb n="8"/>darin, daß sein Gegenstand <hi rendition="#g">Wesen</hi>, das heißt, <hi rendition="#g">reiner</hi> <hi rendition="#g">Gedanke</hi> ist. Diese <hi rendition="#g">Un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbarkeit</hi> aber, insofern das <hi rendition="#g">Denken</hi> ins <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> oder das reine<lb n="10"/>Bewußtseyn in das Selbstbewußtseyn eintritt, erhält die Bedeutung eines gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>ständlichen <hi rendition="#g">Seyns</hi>, das jenseits des Bewußtseyns des Selbsts liegt. Durch diese<lb n="12"/>Bedeutung, welche die Unmittelbarkeit und Einfachheit des <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi><lb n="13"/>im <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> erhält, ist es, daß das <hi rendition="#g">Wesen</hi> des Glaubens in die <hi rendition="#g">Vorstel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">lung</hi> aus dem Denken herabfällt, und zu einer übersinnlichen Welt wird, welche<lb n="15"/>wesentlich ein <hi rendition="#g">Anders</hi> des Selbstbewußtseyns sey. – In der reinen Einsicht hin<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gegen hat der Uebergang des reinen Denkens ins Bewußtseyn die entgegengesetzte<lb n="17"/>Bestimmung; die Gegenständlichkeit hat die Bedeutung eines nur negativen, sich<lb n="18"/>aufhebenden und in das Selbst zurückkehrenden Inhalts, d. h. nur das Selbst ist<lb n="19"/>sich eigentlich der Gegenstand, oder der Gegenstand hat nur Wahrheit, insofern<lb n="20"/>er die Form des Selbsts hat.</p>
<p><lb n="21"/>Wie der Glauben und die reine Einsicht gemeinschafftlich dem Elemente des reinen<lb n="22"/>Bewußtseyns angehören, so sind sie auch gemeinschafftlich die Rückkehr aus der<lb n="23"/>wirklichen Welt der Bildung. Sie bieten sich daher nach drey Seiten dar. Das eine<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mal ist jedes ausser allem Verhältnisse <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; das andremal bezieht jedes<lb n="25"/>sich auf die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> dem reinen Bewußtseyn entgegengesetzte Welt, und zum<lb n="26"/>dritten bezieht sich jedes innerhalb des reinen Bewußtseyns auf das andre.</p>
<p><lb n="27"/>Die Seite des <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyns</hi> im <hi rendition="#g">glaubenden</hi> Bewußtseyn ist sein<lb n="28"/>absoluter Gegenstand, dessen Inhalt und Bestimmung sich ergeben hat. Denn er<lb n="29"/>ist nach dem Begriffe des Glaubens nichts anders als die in die Allgemeinheit des<lb n="30"/>reinen Bewußtseyns erhobne reale Welt. Die Gegliederung der letztern macht<lb n="31"/>daher auch die Organisation der erstern aus, nur daß die Theile in dieser in ihrer<lb n="32"/>Begeistung sich nicht entfremden, sondern an und für sich seyende Wesen, in<lb n="33"/>sich zurückgekehrte und bey sich selbst bleibende Geister sind. – Die Bewegung<lb n="34"/>ihres Uebergehens ist daher nur für uns eine Entfremdung der Bestimmtheit, in<lb n="35"/>der sie in ihrem Unterschiede sind, und nur für uns eine <hi rendition="#g">nothwendige</hi> Reihe;<lb n="36"/>für den Glauben aber ist ihr Unterschied eine ruhige Verschiedenheit, und ihre<lb n="37"/>Bewegung ein <hi rendition="#g">Geschehen</hi>.</p>
<p><lb n="38"/>Sie nach der äussern Bestimmung ihrer Form kurz zu nennen, so ist, wie in der<lb n="39"/>Welt der Bildung die Staatsmacht oder das Gute das erste war, auch hier das Erste,</p>
<pb n="290" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=297" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, der an und für sichseyende Geist, insofern er die einfache<lb n="2"/>ewige <hi rendition="#g">Substanz</hi> ist. In der Realisirung ihres Begriffes, Geist zu seyn, aber geht<lb n="3"/>sie in das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> über; ihre Sichselbstgleichheit wird zum <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> sich <hi rendition="#g">aufopfernden</hi> absoluten Wesen; es wird zum <hi rendition="#g">Selbst</hi>, aber zum<lb n="5"/>vergänglichen Selbst. Daher ist das Dritte die Rükkehr dieses entfremdeten Selbsts<lb n="6"/>und der erniedrigten Substanz in ihre erste Einfachheit, erst auf diese Weise ist<lb n="7"/>sie als Geist vorgestellt. –</p>
<p><lb n="8"/>Diese unterschiednen Wesen, aus dem Wandel der wirklichen Welt durch das<lb n="9"/>Denken in sich zurückgenommen, sind sie wandellose ewige Geister, deren Seyn<lb n="10"/>ist, die Einheit, welche sie ausmachen, zu denken. So entrükt dem Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn, greiffen diese Wesen jedoch in es ein; wäre das Wesen unverrükt in der<lb n="12"/>Form der ersten einfachen Substanz, so bliebe es ihm fremde. Aber die Entäusserung<lb n="13"/>dieser Substanz und dann ihr Geist hat das Moment der Wirklichkeit an ihm,<lb n="14"/>und macht sich hiedurch des glaubenden Selbstbewußtseyns theilhafftig, oder<lb n="15"/>das glaubende Bewußtseyn gehört der realen Welt an.</p>
<p><lb n="16"/>Nach diesem zweyten Verhältnisse hat das glaubende Bewußtseyn theils selbst<lb n="17"/>seine Wirklichkeit in der realen Welt der Bildung, und macht ihren Geist und ihr<lb n="18"/>Daseyn aus, das betrachtet worden ist; theils aber tritt es dieser seiner Wirklichkeit<lb n="19"/>als dem Eiteln gegenüber, und ist die Bewegung sie aufzuheben. Diese Bewegung<lb n="20"/>besteht nicht darin, daß es ein geistreiches Bewußtseyn über ihre Verkehrung<lb n="21"/>hätte; denn es ist das einfache Bewußtseyn, welches das Geistreiche zum Eiteln<lb n="22"/>zählt, weil dieses noch die reale Welt zu seinem Zwecke hat. Sondern dem ruhigen<lb n="23"/>Reiche seines Denkens steht die Wirklichkeit als ein geistloses Daseyn gegenüber,<lb n="24"/>das daher auf eine äusserliche Weise zu überwinden ist. Dieser Gehorsam des Dien<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>stes und des Preißes bringt durch das Aufheben des sinnlichen Wissens und Thuns,<lb n="26"/>das Bewußtseyn der Einheit mit dem an und fürsichseyenden Wesen hervor, doch<lb n="27"/>nicht als angeschaute wirkliche Einheit, sondern dieser Dienst ist nur das fort<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>während<choice><orig/><reg>e</reg></choice> Hervorbringen, das sein Ziel in der Gegenwart nicht vollkommen<lb n="29"/>erreicht. Die Gemeine gelangt zwar dazu, denn sie ist das allgemeine Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>seyn; aber dem einzelnen Selbstbewußtseyn bleibt nothwendig das Reich des<lb n="31"/>reinen Denkens ein Jenseits seiner Wirklichkeit, oder indem dieses durch die Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>äusserung des ewigen Wesens in die Wirklichkeit getreten, ist sie eine unbegriffne<lb n="33"/>sinnliche Wirklichkeit; eine sinnliche Wirklichkeit aber bleibt gleichgültig gegen<lb n="34"/>die andre, und das Jenseits hat nur die Bestimmung der Entfernung in Raum und<lb n="35"/>Zeit noch dazu erhalten. – Der Begriff aber, die sich selbst gegenwärtige Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>keit des Geistes, bleibt im glaubenden Bewußtseyn das <hi rendition="#g">Innre</hi>, welches Alles ist<lb n="37"/>und wirkt, aber nicht selbst hervortritt.</p>
<p><lb n="38"/>In der <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> aber ist der Begriff das allein wirkliche; und diese<lb n="39"/>dritte Seite des Glaubens, Gegenstand für die reine Einsicht zu seyn, ist das eigent-</p>
<pb n="291" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=298" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>liche Verhältniß, in welchem er hier auftritt. – Die reine Einsicht selbst ist ebenso<lb n="2"/>theils an und für sich, theils im Verhältnisse zur wirklichen Welt, insofern sie<lb n="3"/>noch positiv, nemlich als eitles Bewußtseyn, vorhanden ist, theils endlich in jenem<lb n="4"/>Verhältnisse zum Glauben zu betrachten.</p>
<p><lb n="5"/>Was die reine Einsicht an und für sich ist, haben wir gesehen; wie der Glauben<lb n="6"/>das ruhige reine <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> des Geistes, als des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, so ist sie das <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/>bewußtseyn desselben; sie weiß das Wesen daher nicht als <hi rendition="#g">Wesen</hi>, sondern als<lb n="8"/>absolutes <hi rendition="#g">Selbst</hi>. Sie geht also darauf, alle dem Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">andre</hi> Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ständigkeit, es sey des Wirklichen oder <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyenden, aufzuheben, und sie<lb n="10"/>zum <hi rendition="#g">Begriffe</hi> zu machen. Sie ist nicht nur die Gewißheit der selbstbewußten<lb n="11"/>Vernunft, alle Wahrheit zu seyn; sondern sie <hi rendition="#g">weiß</hi>, daß sie diß ist.</p>
<p><lb n="12"/>Wie aber der Begriff derselben auftritt, ist er noch nicht <hi rendition="#g">realisirt</hi>. Sein Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wußtseyn erscheint hiernach noch als ein <hi rendition="#g">zufälliges</hi>, <hi rendition="#g">einzelnes</hi>, und das, was<lb n="14"/>ihm das Wesen ist, als <hi rendition="#g">Zweck</hi>, den es zu verwirklichen hat. Es hat erst die <hi rendition="#g">Ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">sicht</hi>, die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> <hi rendition="#g">allgemein</hi>, das heißt, alles, was wirklich ist, zum<lb n="16"/>Begriffe, und zu einem Begriffe in allen Selbstbewußtseyn zu machen. Die Absicht<lb n="17"/>ist <hi rendition="#g">rein</hi>, denn sie hat die reine Einsicht zum Inhalte; und diese Einsicht ist ebenso<lb n="18"/><hi rendition="#g">rein</hi>, denn ihr Inhalt ist nur der absolute Begriff, der keinen Gegensatz an einem<lb n="19"/>Gegenstande hat, noch an ihm selbst beschränkt ist. In dem unbeschränkten Begriffe<lb n="20"/>liegen unmittelbar die beyden Seiten, daß alles gegenständliche nur die Bedeutung<lb n="21"/>des <hi rendition="#g">fürsichseyns</hi>, des Selbstbewußtseyns, und daß dieses die Bedeutung eines<lb n="22"/><hi rendition="#g">allgemeinen</hi> habe, daß die reine Einsicht Eigenthum aller Selbstbewußtseyn<lb n="23"/>werde. Diese zweyte Seite der Absicht ist insofern Resultat der Bildung, als darin,<lb n="24"/>wie die Unterschiede des gegenständlichen Geistes, die Theile und Urtheilsbestim<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>mungen seiner Welt, so auch die Unterschiede, welche als ursprünglich bestimmte<lb n="26"/>Naturen erscheinen, zu Grunde gegangen sind. Genie, Talent, die besondern<lb n="27"/>Fähigkeiten überhaupt, gehören der Welt der Wirklichkeit an, insofern sie an ihr<lb n="28"/>noch die Seite hat, geistiges Thierreich zu seyn, welches in gegenseitiger Gewalt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>thätigkeit und Verwirrung sich um die Wesen der realen Welt bekämpft und<lb n="30"/>betrügt. – Die Unterschiede haben in ihr zwar nicht als ehrliche Especen Platz;<lb n="31"/>weder begnügt sich die Individualität mit der unwirklichen <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, noch<lb n="32"/>hat sie <hi rendition="#g">besondern</hi> Inhalt und eigne Zwecke. Sondern sie gilt nur als ein allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gültiges, nemlich als gebildetes; und der Unterschied reducirt sich auf die geringere<lb n="34"/>oder grössere Energie; – einen Unterschied der <hi rendition="#g">Größe</hi>, d. h. den unwesentlichen.<lb n="35"/>Diese letzte Verschiedenheit aber ist darin zu Grunde gegangen, daß der Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>schied in der vollkommnen Zerrissenheit des Bewußtseyns zum absolutqualitativen<lb n="37"/>umschlug. Was darin dem Ich das Andre ist, ist nur das Ich selbst. In diesem un-</p>
<pb n="292" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=299" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>endlichen Urtheile ist alle Einseitigkeit und Eigenheit des ursprünglichen Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyns getilgt; das Selbst weiß sich als reines Selbst sein Gegenstand zu seyn; und<lb n="3"/>diese absolute Gleichheit beyder Seiten ist das Element der reinen Einsicht. – Sie<lb n="4"/>ist daher das einfache in sich ununterschiedne <hi rendition="#g">Wesen</hi>, und ebenso das allgemeine<lb n="5"/><hi rendition="#g">Werk</hi> und allgemeiner Besitz. In dieser <hi rendition="#g">einfachen</hi> geistigen Substanz gibt und<lb n="6"/>erhält sich das Selbstbewußtseyn ebenso in allem Gegenstande das Bewußtseyn<lb n="7"/><hi rendition="#g">dieser</hi> seiner <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> oder des <hi rendition="#g">Thuns</hi>, als umgekehrt die Individualität<lb n="8"/>desselben darin <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gleich</hi> und allgemein ist. – Diese reine Einsicht ist<lb n="9"/>also der Geist, der <hi rendition="#g">allem</hi> Bewußtseyn zurufft: <hi rendition="#g">seyd</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">euch</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, was ihr<lb n="10"/><hi rendition="#g">Alle</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">euch</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> seyd, – <hi rendition="#g">vernünftig</hi>.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="11"/>II.<lb n="12"/>Die Aufklärung.</head>
<p><lb n="13"/>Der eigenthümliche Gegenstand, gegen welchen die reine Einsicht die Krafft<lb n="14"/>des Begriffes richtet, ist der Glauben, als die ihr in demselben Elemente gegenüber<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stehende Form des reinen Bewußtseyns. Sie hat aber auch Beziehung auf die wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>liche Welt, denn sie ist wie jener, die Rückkehr aus derselben in das reine Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyn. Es ist zuerst zu sehen, wie ihre Thätigkeit gegen die unlautern Absichten<lb n="18"/>und verkehrten Einsichten derselben beschaffen ist.</p>
<p><lb n="19"/>Oben wurde schon des ruhigen Bewußtseyns erwähnt, das diesem sich in sich<lb n="20"/>auflösenden und wieder erzeugenden Wirbel gegenübersteht; es macht die Seite<lb n="21"/>der reinen Einsicht und Absicht aus. In diß ruhige Bewußtseyn fällt aber, wie wir<lb n="22"/>sahen, keine <hi rendition="#g">besondere</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> über die Welt der Bildung; diese hat vielmehr<lb n="23"/>selbst das schmerzlichste Gefühl und die wahrste Einsicht über sich selbst, – das<lb n="24"/>Gefühl, die Auflösung alles sich befestigenden, durch alle Momente ihres Daseyns<lb n="25"/>hindurch gerädert, und an allen Knochen zerschlagen zu seyn; – ebenso ist sie die<lb n="26"/>Sprache dieses Gefühls und die beurtheilende geistreiche Rede über alle Seiten<lb n="27"/>ihres Zustands. Die reine Einsicht kann daher hier keine eigene Thätigkeit und<lb n="28"/>Inhalt haben, und sich also nur als das formelle treue <hi rendition="#g">Auffassen</hi> dieser eignen<lb n="29"/>geistreichen Einsicht der Welt und ihrer Sprache verhalten. Indem diese Sprache<lb n="30"/>zerstreut, die Beurtheilung eine Faseley des Augenbliks, die sich sogleich wieder<lb n="31"/>vergißt, und ein Ganzes nur für ein drittes Bewußtseyn ist, so kann sich dieses<lb n="32"/>als <hi rendition="#g">reine</hi> Einsicht nur dadurch unterscheiden, daß es jene sich zerstreuenden<lb n="33"/>Züge in ein allgemeines Bild zusammenfaßt, und sie dann zu einer Einsicht aller<lb n="34"/>macht.</p>
<pb n="293" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=300" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Sie wird durch diß einfache Mittel die Verwirrung dieser Welt zur Auflösung<lb n="2"/>bringen. Denn es hat sich ergeben, daß nicht die Massen, und die bestimmten<lb n="3"/>Begriffe und Individualitäten das Wesen dieser Wirklichkeit sind, sondern daß<lb n="4"/>sie ihre Substanz und Halt allein in dem Geiste hat, der als Urtheilen und Besprechen<lb n="5"/>existirt, und daß das Interesse, für diß Räsonniren und Schwatzen einen Inhalt<lb n="6"/>zu haben, allein das Ganze und die Massen seiner Gegliederung erhält. In dieser<lb n="7"/>Sprache der Einsicht ist ihr Selbstbewußtseyn sich noch ein <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyendes</hi>,<lb n="8"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Einzelne</hi>; aber die Eitelkeit des Inhalts ist zugleich Eitelkeit des ihn eitel<lb n="9"/>wissenden Selbsts. Indem nun das ruhig auffassende Bewußtseyn von diesem ganzen<lb n="10"/>geistreichen Geschwätze der Eitelkeit die treffendsten und die Sache durchschneiden<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>den Fassungen in eine Sammlung bringt, geht zu der übrigen Eitelkeit des Da<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyns die das Ganze noch erhaltende Seele, die Eitelkeit des geistreichen Beurthei<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>lens, zu Grunde. Die Sammlung zeigt den Meisten einen bessern, oder allen wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stens einen vielfachern Witz, als der ihrige ist, und das Besserwissen und Beur<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>theilen überhaupt, als etwas allgemeines und nun allgemein bekanntes; damit<lb n="16"/>tilgt sich das einzige Interesse, das noch vorhanden war, und das einzelne Einsehen<lb n="17"/>lößt sich in die allgemeine Einsicht auf.</p>
<p><lb n="18"/>Noch aber steht über dem eiteln Wissen das Wissen von dem Wesen fest, und<lb n="19"/>die reine Einsicht erscheint erst in eigentlicher Thätigkeit, insofern sie gegen den<lb n="20"/>Glauben auftritt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="21"/>a.</head>
<head><lb n="22"/>DER KAMPF<lb n="23"/>DER AUFKLÄRUNG MIT DEM ABERGLAUBEN.</head>
<p><lb n="24"/>Die verschiednen Weisen des negativen Verhaltens des Bewußtseyns, theils des<lb n="25"/>Skepticismus, theils des theoretischen und praktischen Idealismus sind unter<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>geordnete Gestalten gegen diese der <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi>, und ihrer Verbreitung,<lb n="27"/>der <hi rendition="#g">Aufklärung</hi>; denn sie ist aus der Substanz geboren, weiß das reine <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="28"/>des Bewußtseyns als absolut, und nimmt es mit dem reinen Bewußtseyn des ab<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>soluten Wesens aller Wirklichkeit auf. – Indem Glauben und Einsicht dasselbe<lb n="30"/>reine Bewußtseyn, der Form nach aber entgegengesetzt sind, dem Glauben das<lb n="31"/>Wesen als <hi rendition="#g">Gedanke</hi>, nicht als <hi rendition="#g">Begriff</hi>, und daher ein dem <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn<lb n="32"/>schlechthin entgegengesetztes – der reinen Einsicht aber das Wesen das <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="33"/>ist – sind sie füreinander das Eine das schlechthin negative des Andern. – Dem<lb n="34"/>Glauben kommt, wie beyde gegen einander auftreten, aller <hi rendition="#g">Inhalt</hi> zu, denn in<lb n="35"/>seinem ruhigen Elemente des Denkens gewinnt jedes Moment Bestehen; – die</p>
<pb n="294" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=301" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>reine Einsicht aber ist zunächst ohne Inhalt, und vielmehr reines Verschwinden<lb n="2"/>desselben; durch die negative Bewegung gegen das ihr Negative aber wird sie<lb n="3"/>sich realisiren und einen Inhalt geben.</p>
<p><lb n="4"/>Sie weiß den Glauben als das ihr, der Vernunft und Wahrheit, entgegengesetzte.<lb n="5"/>Wie er ihr im Allgemeinen ein Gewebe von Aberglauben, Vorurtheilen und<lb n="6"/>Irrthümern ist, so organisirt sich ihr weiter das Bewußtseyn dieses Inhalts in ein<lb n="7"/>Reich des Irrthums, worin die falsche Einsicht einmal als die <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Masse</hi><lb n="8"/>des Bewußtseyns, unmittelbar, unbefangen, und ohne Reflexion in sich selbst ist;<lb n="9"/>aber das Moment der Reflexion in sich oder des Selbstbewußtseyns, getrennt von<lb n="10"/>der Unbefangenheit, auch an ihr hat, als eine im Hintergrunde für sich bleibende<lb n="11"/>Einsicht und böse Absicht, von welcher jenes bethört wird. Jene Masse ist das<lb n="12"/>Opfer des Betrugs einer <hi rendition="#g">Priesterschafft</hi>, die ihre neidische Eitelkeit, allein im<lb n="13"/>Besitze der Einsicht zu bleiben, so wie ihren sonstigen Eigennutz ausführt, und<lb n="14"/>zugleich mit dem <hi rendition="#g">Despotismus</hi> sich verschwört, der als die synthetische, begriff<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lose Einheit des realen und dieses idealen Reichs, – ein seltsam inconsequentes<lb n="16"/>Wesen, – über der schlechten Einsicht der Menge, und der schlechten Absicht der<lb n="17"/>Priester steht, und beydes auch in sich vereinigt, aus der Dummheit und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wirrung des Volks durch das Mittel der betriegenden Priesterschafft, beyde ver<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>achtend, den Vortheil der ruhigen Beherrschung und der Vollführung seiner<lb n="20"/>Lüste und Willkühr zieht, zugleich aber dieselbe Dumpfheit der Einsicht, der<lb n="21"/>gleiche Aberglauben und Irrthum ist.</p>
<p><lb n="22"/>Gegen diese drey Seiten des Feindes läßt die Aufklärung sich nicht ohne Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>schied ein; denn indem ihr Wesen reine Einsicht, das an und für sich <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="24"/>ist, so ist ihre wahre Beziehung auf das andere Extrem diejenige, in welcher sie<lb n="25"/>auf das <hi rendition="#g">Gemeinschafftliche</hi> und <hi rendition="#g">Gleiche</hi> beyder geht. Die Seite der aus dem<lb n="26"/>allgemeinen unbefangenen Bewußtseyn sich isolirenden <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> ist das<lb n="27"/>ihr entgegengesetzte, das sie nicht unmittelbar berühren kann. Der Willen der<lb n="28"/>betriegenden Priesterschafft und des unterdrückenden Despoten ist daher nicht<lb n="29"/>unmittelbarer Gegenstand ihres Thuns, sondern die willenlose, nicht zum Für<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sichseyn sich vereinzelnde Einsicht, der <hi rendition="#g">Begriff</hi> des vernünftigen Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyns, der an der Masse sein Daseyn hat, aber in ihr noch nicht als Begriff vor<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>handen ist. Indem aber die reine Einsicht diese ehrliche Einsicht und ihr un<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>befangenes Wesen den Vorurtheilen und Irrthümern entreißt, windet sie der<lb n="34"/>schlechten Absicht die Realität und Macht ihres Betrugs aus den Händen, deren<lb n="35"/>Reich an dem begrifflosen Bewußtseyn der allgemeinen Masse seinen <hi rendition="#g">Boden</hi><lb n="36"/>und <hi rendition="#g">Material</hi> – das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> an dem <hi rendition="#g">einfachen</hi> Bewußtseyn überhaupt<lb n="37"/>seine <hi rendition="#g">Substanz</hi> hat.</p>
<p><lb n="38"/>Die Beziehung der reinen Einsicht auf das unbefangene Bewußtseyn des ab<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>soluten Wesens hat nun die gedoppelte Seite, daß sie eines Theils <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das-</p>
<pb n="295" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=302" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>selbe mit ihm ist, andern Theils aber daß dieses in dem einfachen Elemente seines<lb n="2"/>Gedankens das absolute Wesen so wie seine Theile gewähren, und sich Bestehen<lb n="3"/>geben, und sie nur als sein <hi rendition="#g">Ansich</hi> und darum in gegenständlicher Weise gelten<lb n="4"/>läßt, sein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> aber in diesem Ansich verleugnet. – Insofern nach der<lb n="5"/>ersten Seite dieser Glauben <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> für die reine Einsicht reines <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seyn ist, und er diß nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> werden soll, so hat sie an diesem Begriffe desselben<lb n="7"/>das Element, worin sie statt der falschen Einsicht sich realisirt.</p>
<p><lb n="8"/>Von dieser Seite, daß beyde wesentlich dasselbe sind und die Beziehung der<lb n="9"/>reinen Einsicht durch und in demselben Elemente geschieht, ist ihre Mittheilung<lb n="10"/>eine <hi rendition="#g">unmittelbare</hi>, und ihr Geben und Empfangen ein ungestörtes Ineinander<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fliessen. Was auch sonst weiter in das Bewußtseyn für Pflöcke eingeschlagen seyen,<lb n="12"/>es ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> diese Einfachheit, in welcher alles aufgelößt, vergessen und un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>befangen, und die daher des Begriffs schlechthin empfänglich ist. Die Mittheilung<lb n="14"/>der reinen Einsicht ist deßwegen einer ruhigen Ausdehnung oder dem <hi rendition="#g">Verbreiten</hi><lb n="15"/>wie eines Dufftes in der widerstandslosen Atmosphäre zu vergleichen. Sie ist eine<lb n="16"/>durchdringende Ansteckung, welche sich nicht vorher gegen das gleichgültige<lb n="17"/>Element, in das sie sich insinuirt, als entgegengesetztes bemerkbar macht, und daher<lb n="18"/>nicht abgewehrt werden kann. Erst wenn die Ansteckung sich verbreitet hat, ist <hi rendition="#g">sie</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, das sich ihr unbesorgt überließ. Denn es war zwar das<lb n="20"/>einfache sich und ihm gleiche Wesen, was es in sich empfing, aber zugleich die<lb n="21"/>Einfachheit der in sich reflectirten <hi rendition="#g">Negativität</hi>, welche nachher auch sich nach<lb n="22"/>ihrer Natur als entgegengeseztes entfaltet, und das Bewußtseyn hiedurch an seine<lb n="23"/>vorige Weise erinnert; sie ist der Begriff, der das einfache Wissen ist, welches sich<lb n="24"/>selbst und zugleich sein Gegentheil, aber dieses in ihm als aufgehoben weiß. So<lb n="25"/>wie daher die reine Einsicht für das Bewußtseyn ist, hat sie sich schon verbreitet;<lb n="26"/>der Kampf gegen sie verräth die geschehene Ansteckung; er ist zu spät, und jedes<lb n="27"/>Mittel verschlimmert nur die Krankheit, denn sie hat das Mark des geistigen Lebens<lb n="28"/>ergriffen, nemlich das Bewußtseyn in seinem Begriffe oder sein reines Wesen<lb n="29"/>selbst; es gibt darum auch keine Kraft in ihm, welche über ihr wäre. Weil sie im<lb n="30"/>Wesen selbst ist, lassen sich ihre noch vereinzelnten Aeusserungen zurückdrängen<lb n="31"/>und die oberflächlichen Symptome dämpfen. Es ist ihr diß höchst vortheilhaft;<lb n="32"/>denn sie vergeudet nun nicht unnütz die Krafft, noch zeigt sie sich ihres Wesens<lb n="33"/>unwürdig, was dann der Fall ist, wenn sie in Symptome und einzelne Eruptionen<lb n="34"/>gegen den Inhalt des Glaubens und gegen den Zusammenhang seiner äussern<lb n="35"/>Wirklichkeit hervorbricht. Sondern nun ein unsichtbarer und unbemerkter Geist,<lb n="36"/>durchschleicht sie die edeln Theile durch und durch, und hat sich bald aller Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>geweide und Glieder des bewußtlosen Götzen gründlich bemächtigt, und »an</p>
<pb n="296" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=303" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">schönen</hi> <hi rendition="#g">Morgen</hi> gibt sie mit dem Ellbogen dem Kameraden einen<lb n="2"/>Schubb und Bautz! Baradautz! der Götze liegt am Boden.« – An <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">schönen</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">Morgen</hi>, dessen Mittag nicht blutig ist, wenn die Ansteckung alle Organe des<lb n="4"/>geistigen Lebens durchdrungen hat; nur das Gedächtniß bewahrt dann noch als<lb n="5"/>eine, man weiß nicht wie, vergangene Geschichte, die todte Weise der vorigen<lb n="6"/>Gestalt des Geistes auf; und die neue für die Anbetung erhöhte Schlange der Weis<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>heit hat auf diese Weise nur eine welke Haut schmerzlos abgestreifft.</p>
<p><lb n="8"/>Aber dieses stumme Fortweben des Geistes im einfachen Innern seiner Substanz,<lb n="9"/>der sich sein Thun verbirgt, ist nur Eine Seite der Realisirung der reinen Einsicht.<lb n="10"/>Ihre Verbreitung besteht nicht nur darin, daß Gleiches mit Gleichem zusammen<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>geht; und ihre Verwirklichung ist nicht nur eine gegensatzlose Ausdehnung.<lb n="12"/>Sondern das Thun des negativen Wesens ist ebenso wesentlich eine entwickelte<lb n="13"/>sich in sich unterscheidende Bewegung, welche als bewußtes Thun ihre Momente<lb n="14"/>in bestimmtem offenbarem Daseyn aufstellen, und als ein lauter Lärm und gewalt<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>samer Kampf mit Entgegengesetztem als solchem vorhanden seyn muß.</p>
<p><lb n="16"/>Es ist daher zu sehen, wie die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> und <hi rendition="#g">Absicht</hi> gegen das andere<lb n="17"/>ihr entgegengesetzte, das sie vorfindet, sich <hi rendition="#g">negativ</hi> verhält. – Die reine Einsicht<lb n="18"/>und Absicht, welche sich negativ verhält, kann, da ihr Begriff alle Wesenheit,<lb n="19"/>und nichts außer ihr ist, nur das negative ihrer selbst seyn. Sie wird daher als Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>sicht zum negativen der reinen Einsicht, sie wird Unwahrheit und Unvernunft,<lb n="21"/>und als Absicht zum negativen der reinen Absicht, zur Lüge und Unlauterkeit<lb n="22"/>des Zwecks.</p>
<p><lb n="23"/>In diesen Widerspruch verwickelt sie sich dadurch, daß sie sich in Streit ein<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>läßt, und etwas <hi rendition="#g">Anderes</hi> zu bekämpfen meynt. – Sie meynt diß nur, denn ihr<lb n="25"/>Wesen als die absolute Negativität ist dieses, das Andersseyn an ihr selbst zu<lb n="26"/>haben. Der absolute Begriff ist die Kategorie; er ist diß, daß das Wissen und der<lb n="27"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi> des Wissens dasselbe ist. Was hiemit die reine Einsicht als ihr Andres,<lb n="28"/>was sie als Irrthum oder Lüge ausspricht, kann nichts andres seyn, als sie selbst;<lb n="29"/>sie kann nur das verdammen, was sie ist. Was nicht vernünftig ist, hat keine<lb n="30"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, oder was nicht begriffen ist, <hi rendition="#g">ist</hi> nicht; indem also die Vernunft von<lb n="31"/>einem <hi rendition="#g">Andern</hi> spricht, als sie ist, spricht sie in der That nur von sich selbst;<lb n="32"/>sie tritt darin nicht aus sich heraus. – Dieser Kampf mit dem Entgegengesetzten<lb n="33"/>vereinigt darum die Bedeutung in sich, ihre <hi rendition="#g">Verwirklichung</hi> zu seyn. Diese<lb n="34"/>besteht nemlich eben in der Bewegung, die Momente zu entwickeln, und sie in<lb n="35"/>sich zurückzunehmen; ein Theil dieser Bewegung ist die Unterscheidung, in<lb n="36"/>welcher die begreiffende Einsicht sich selbst als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> gegenüberstellt;<lb n="37"/>so lange sie in diesem Momente verweilt, ist sie sich entfremdet. Als reine Ein-</p>
<pb n="297" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=304" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sicht ist sie ohne allen <hi rendition="#g">Inhalt</hi>; die Bewegung ihrer Realisirung besteht darin,<lb n="2"/>daß <hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sich als Inhalt wird, denn ein anderer kann ihr nicht werden, weil<lb n="3"/>sie das Selbstbewußtseyn der Kategorie ist. Aber indem sie ihn zuerst in dem<lb n="4"/>Entgegensetzen nur als <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, und ihn noch nicht als sich selbst weiß, verkennt<lb n="5"/>sie sich in ihm. Ihre Vollendung hat daher diesen Sinn, den ihr zuerst gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lichen Inhalt als den ihrigen zu erkennen. Ihr Resultat wird dadurch aber weder<lb n="7"/>die Wiederherstellung der Irrthümer, welche sie bekämpft, noch nur ihr erster<lb n="8"/>Begriff seyn, sondern eine Einsicht welche die absolute Negation ihrer selbst<lb n="9"/>als ihre eigne Wirklichkeit, als sich selbst erkennt, oder ihr sich selbst erkennender<lb n="10"/>Begriff. – Diese Natur des Kampfs der Aufklärung mit den Irrthümern, in ihnen<lb n="11"/>sich selbst zu bekämpfen, und das darin zu verdammen, was sie behauptet, ist<lb n="12"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>, oder was sie und ihr Kampf <hi rendition="#g">ansich</hi> ist. Die erste Seite desselben aber,<lb n="13"/>ihre Verunreinigung durch die Aufnahme des negativen Verhaltens in ihre sich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selbstgleiche <hi rendition="#g">Reinheit</hi> ist es, wie sie <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Glauben</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> ist; der<lb n="15"/>sie also als Lüge, Unvernunft und schlechte Absicht erfährt, so wie er für sie<lb n="16"/>Irrthum und Vorurtheil ist. – In Rücksicht auf ihren Inhalt ist sie zunächst die<lb n="17"/>leere Einsicht, der ihr Inhalt als ein Anderes erscheint, sie <hi rendition="#g">findet</hi> ihn daher in<lb n="18"/>dieser Gestalt, daß er noch nicht der ihrige ist, <hi rendition="#g">vor</hi>, als ein von ihr ganz unab<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>hängiges Daseyn, in dem Glauben.</p>
<p><lb n="20"/>Die Aufklärung faßt also ihren Gegenstand zuerst und allgemein so auf, daß<lb n="21"/>sie ihn als <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> nimmt und ihn so, sich selbst nicht erkennend, für<lb n="22"/>Irrthum erklärt. In der <hi rendition="#g">Einsicht</hi> als solcher faßt das Bewußtseyn einen Gegenstand<lb n="23"/>so, daß er ihm zum Wesen des Bewußtseyns oder zu einem Gegenstande wird,<lb n="24"/>den es durchdringt, worin es sich erhält, bey sich selbst und sich gegenwärtig<lb n="25"/>bleibt, und indem es hiemit seine Bewegung ist, ihn hervorbringt. Als eben dieses<lb n="26"/>spricht die Aufklärung den Glauben richtig aus, indem sie von ihm sagt, daß<lb n="27"/>das, was ihm das absolute Wesen ist, ein Seyn seines eignen Bewußtseyns, sein<lb n="28"/>eigner Gedanke, ein vom Bewußtseyn hervorgebrachtes sey. Sie erklärt ihn hie<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>mit für Irrthum und Erdichtung über dasselbe, was sie ist. – Sie, die den Glauben<lb n="30"/>die neue Weisheit lehren will, sagt ihm damit nichts neues; denn sein Gegenstand<lb n="31"/>ist ihm auch gerade dieses, nemlich reines Wesen seines eignen Bewußtseyns,<lb n="32"/>so daß dieses darin sich nicht verloren und negirt setzt, sondern ihm vielmehr<lb n="33"/>vertraut, das heißt eben, <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> sich <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> Bewußtseyn, oder als <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/>bewußtseyn findet. Wem ich vertraue, dessen <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> selbst, ist mir<lb n="35"/>die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">meiner</hi> selbst; ich erkenne mein Fürmichseyn in ihm, daß er<lb n="36"/>es anerkennt, und es ihm Zweck und Wesen ist. Vertrauen ist aber der Glauben,<lb n="37"/>weil sein Bewußtseyn sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> auf seinen Gegenstand <hi rendition="#g">bezieht</hi>, und</p>
<pb n="298" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=305" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>also auch diß anschaut, daß es <hi rendition="#g">eins</hi> mit ihm, in ihm ist. – Ferner indem dasjenige<lb n="2"/>mir Gegenstand ist, worin ich mich selbst erkenne, bin ich mir darin zugleich<lb n="3"/>überhaupt als <hi rendition="#g">anderes</hi> Selbstbewußtseyn, das heißt, als ein solches, welches dar<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>in seiner besondern Einzelnheit, nemlich seiner Natürlichkeit und Zufälligkeit<lb n="5"/>entfremdet worden, aber theils darin Selbstbewußtseyn bleibt, theils eben darin<lb n="6"/><hi rendition="#g">wesentliches</hi> Bewußtseyn, wie die reine Einsicht ist. – In dem Begriffe der<lb n="7"/>Einsicht liegt nicht nur diß, daß das Bewußtseyn in seinem eingesehenen Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>stande sich selbst erkennt, und ohne das Gedachte zu verlassen und daraus in sich<lb n="9"/>erst zurück zu gehen, sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> darin hat, sondern es ist seiner selbst<lb n="10"/>als auch der <hi rendition="#g">vermittelnden</hi> Bewegung oder seiner als des <hi rendition="#g">Thuns</hi> oder Her<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>vorbringens bewußt; dadurch ist in dem Gedanken <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> diese Einheit seiner<lb n="12"/>als des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> und des Gegenstandes. – Eben diß Bewußtseyn ist auch der Glau<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>ben; <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gehorsam</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi> ist ein nothwendiges Moment, durch<lb n="14"/>welches die Gewißheit des Seyns in dem absoluten Wesen, zu Stande kommt.<lb n="15"/>Diß Thun des Glaubens erscheint zwar nicht so, daß das absolute Wesen selbst<lb n="16"/>dadurch hervorgebracht werde. Aber das absolute Wesen des Glaubens ist wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lich nicht das <hi rendition="#g">abstracte</hi> Wesen, das jenseits des glaubenden Bewußtseyns sey,<lb n="18"/>sondern es ist der Geist der Gemeinde, es ist die Einheit des abstracten Wesens<lb n="19"/>und des Selbstbewußtseyns. Daß es dieser Geist der Gemeine sey, darin ist das<lb n="20"/>Thun der Gemeine ein wesentliches Moment; er ist es <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Her<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">vorbringen</hi> des Bewußtseyns; – oder vielmehr <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">ohne</hi> vom Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>seyn hervorgebracht zu seyn; denn so wesentlich das Hervorbringen ist, so wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lich ist es auch nicht der einzige Grund des Wesens, sondern es ist nur ein Moment.<lb n="24"/>Das Wesen ist zugleich an und für sich selbst.</p>
<p><lb n="25"/>Von der andern Seite ist der Begriff der reinen Einsicht, sich ein <hi rendition="#g">Anderes</hi><lb n="26"/>als sein Gegenstand; denn eben diese negative Bestimmung macht den Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>stand aus. So spricht sie also von der andern Seite auch das Wesen des Glaubens<lb n="28"/>aus, als ein dem Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">Fremdes</hi>, das nicht <hi rendition="#g">sein</hi> Wesen, sondern<lb n="29"/>als ein Wechselbalg ihm unterschoben sey. Allein die Aufklärung ist hier völlig<lb n="30"/>thöricht; der Glauben erfährt sie als ein Sprechen, das nicht weiß, was es sagt,<lb n="31"/>und die Sache nicht versteht, wenn es von Pfaffenbetrug und Volkstäuschung<lb n="32"/>redet. Sie spricht hievon, als ob durch ein Hokuspokus der taschenspielerischen<lb n="33"/>Priester dem Bewußtseyn etwas absolut <hi rendition="#g">Fremdes</hi> und <hi rendition="#g">Anderes</hi> für das Wesen<lb n="34"/>untergeschoben würde, und sagt zugleich, daß diß ein Wesen des Bewußtseyns<lb n="35"/>sey, daß es daran glaube, ihm vertraue und sich es geneigt zu machen suche; – das<lb n="36"/>heißt, daß es darin <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">reines</hi> Wesen ebensosehr als <hi rendition="#g">seine</hi> einzelne und all<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>gemeine <hi rendition="#g">Individualität</hi> anschaue, und durch sein Thun diese Einheit seiner<lb n="38"/>selbst mit seinem Wesen, hervorbringe. Sie sagt unmittelbar das, was sie als ein<lb n="39"/>dem Bewußtseyn <hi rendition="#g">Fremdes</hi> aussagt, als das <hi rendition="#g">eigenste</hi> desselben aus. – Wie mag</p>
<pb n="299" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=306" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>also sie von Betrug und Täuschung sprechen? Indem sie <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> das Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>theil dessen, was sie vom Glauben behauptet, selbst von ihm ausspricht, zeigt sie<lb n="3"/>diesem vielmehr sich als die bewußte <hi rendition="#g">Lüge</hi>. Wie soll Täuschung und Betrug da<lb n="4"/>statt finden, wo das Bewußtseyn in seiner Wahrheit unmittelbar die <hi rendition="#g">Gewiß<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> hat; wo es in seinem Gegenstande <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> besitzt, in<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>dem es sich ebensowohl darin findet als hervorbringt. Der Unterschied ist sogar<lb n="7"/>in den Worten nicht mehr vorhanden. – Wenn die allgemeine Frage aufgestellt<lb n="8"/>worden ist: <hi rendition="#g">ob</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">erlaubt</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>, <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Volk</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">täuschen</hi>, so müßte in der<lb n="9"/>That die Antwort seyn, daß die Frage nichts tauge; weil es unmöglich ist, hierin<lb n="10"/>ein Volk zu täuschen. – Meßing statt Golds, nachgemachte Wechsel statt ächter<lb n="11"/>mögen wohl einzeln verkauft, eine verlorne Schlacht als eine gewonnene Mehrern<lb n="12"/>aufgehefftet, und sonstige Lügen über sinnliche Dinge und einzelne Begebenheiten<lb n="13"/>auf eine Zeitlang glaubhaft gemacht werden; aber in dem Wissen von dem Wesen,<lb n="14"/>worin das Bewußtseyn die unmittelbare <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> hat, fällt<lb n="15"/>der Gedanke der Täuschung ganz hinweg.</p>
<p><lb n="16"/>Sehen wir weiter, wie der Glauben die Aufklärung in den <hi rendition="#g">unterschiedenen</hi><lb n="17"/>Momenten seines Bewußtseyns erfährt, auf welches die aufgezeigte Ansicht nur<lb n="18"/>erst im Allgemeinen ging. Diese Momente aber sind, das reine Denken, oder als<lb n="19"/>Gegenstand, das <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> an und für sich selbst; dann seine <hi rendition="#g">Bezie<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">hung</hi> als ein <hi rendition="#g">Wissen</hi> darauf, der <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Glaubens</hi>, und endlich seine<lb n="21"/>Beziehung darauf in seinem Thun, oder <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Dienst</hi>. Wie die reine Einsicht<lb n="22"/>sich im Glauben überhaupt verkennt und verleugnet hat, so wird sie in diesen<lb n="23"/>Momenten ebenso verkehrt sich verhalten.</p>
<p><lb n="24"/>Die reine Einsicht verhält sich zu <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> des glaubenden<lb n="25"/>Bewußtseyns negativ. Diß Wesen ist reines <hi rendition="#g">Denken</hi>, und das reine Denken<lb n="26"/>innerhalb seiner selbst als Gegenstand oder als das <hi rendition="#g">Wesen</hi> gesetzt; im glaubenden<lb n="27"/>Bewußtseyn erhält diß <hi rendition="#g">Ansich</hi> des Denkens zugleich für das für sich seyende<lb n="28"/>Bewußtseyn die Form, aber auch nur die leere Form der Gegenständlichkeit; es<lb n="29"/>ist in der Bestimmung eines <hi rendition="#g">Vorgestellten</hi>. Der reinen Einsicht aber, indem<lb n="30"/>sie das reine Bewußtseyn nach der Seite des <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi> ist,<lb n="31"/>erscheint das <hi rendition="#g">Andre</hi> als ein <hi rendition="#g">negatives</hi> des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi>. Diß könnte<lb n="32"/>noch entweder als das reine <hi rendition="#g">Ansich</hi> des Denkens oder auch als das <hi rendition="#g">Seyn</hi> der<lb n="33"/>sinnlichen Gewißheit genommen werden. Aber indem es zugleich für das <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="34"/>und dieses als <hi rendition="#g">Selbst</hi>, das einen Gegenstand hat, wirkliches Bewußtseyn ist, so<lb n="35"/>ist ihr eigenthümlicher Gegenstand als solcher ein <hi rendition="#g">seyendes</hi> <hi rendition="#g">gemeines</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi><lb n="36"/>der <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi>. Dieser ihr Gegenstand erscheint ihr an der <hi rendition="#g">Vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">stellung</hi> des Glaubens. Sie verdammt diese und in ihr ihren eignen Gegenstand.</p>
<pb n="300" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=307" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Gegen den Glauben aber begeht sie schon darin das Unrecht, seinen Gegenstand so<lb n="2"/>aufzufassen, daß er der ihrige ist. Sie sagt hiernach über den Glauben, daß sein<lb n="3"/>absolutes Wesen ein Steinstück, ein Holzblock sey, der Augen habe und nicht<lb n="4"/>sehe, oder auch etwas Brodteig, der auf dem Acker gewachsen, von Menschen<lb n="5"/>verwandelt darauf zurückgeschickt werde; – oder nach welchen Weisen sonst<lb n="6"/>der Glauben, das Wesen anthropomorphosire, sich gegenständlich und vorstellig<lb n="7"/>mache.</p>
<p><lb n="8"/>Die Aufklärung, die sich für das reine ausgiebt, macht hier das, was dem Geiste<lb n="9"/>ewiges Leben und heiliger Geist ist, zu einem wirklichen <hi rendition="#g">vergänglichen</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi>,<lb n="10"/>und besudelt es mit der an sich nichtigen Ansicht der sinnlichen Gewißheit, –<lb n="11"/>mit einer Ansicht, welche dem anbetenden Glauben gar nicht vorhanden ist, so<lb n="12"/>daß sie ihm dieselbe rein anlügt. Was er verehrt, ist ihm durchaus weder Stein,<lb n="13"/>oder Holz, oder Brodteig, noch sonst ein zeitliches sinnliches Ding. Wenn es der<lb n="14"/>Aufklärung einfällt, zu sagen, sein Gegenstand sey doch diß <hi rendition="#g">auch</hi>, oder gar,<lb n="15"/>er sey dieses an sich und in Wahrheit, so kennt theils der Glauben eben so wohl<lb n="16"/><hi rendition="#g">jenes</hi> <hi rendition="#g">Auch</hi>, aber es ist ihm ausser seiner Anbetung; theils aber ist ihm überhaupt<lb n="17"/>nicht so etwas, wie ein Stein und sofort <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern an sich ist ihm allein<lb n="18"/>das Wesen des reinen Denkens.</p>
<p><lb n="19"/>Das <hi rendition="#g">zweyte</hi> <hi rendition="#g">Moment</hi> ist die Beziehung des Glaubens als <hi rendition="#g">wissenden</hi> Be<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wußtseyns auf dieses Wesen. Als denkendem reinem Bewußtseyn ist ihm diß<lb n="21"/>Wesen unmittelbar; aber das reine Bewußtseyn ist ebensosehr <hi rendition="#g">vermittelte</hi><lb n="22"/>Beziehung der Gewißheit auf die Wahrheit; eine Beziehung, welche den <hi rendition="#g">Grund</hi><lb n="23"/>des <hi rendition="#g">Glaubens</hi> ausmacht. Dieser Grund wird für die Aufklärung eben so zu<lb n="24"/>einem zufälligen <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">zufälligen</hi> Begebenheiten. Der Grund des<lb n="25"/>Wissens aber ist das <hi rendition="#g">wissende</hi> Allgemeine, und in seiner Wahrheit der absolute<lb n="26"/><hi rendition="#g">Geist</hi>, der in dem abstracten reinen Bewußtseyn, oder dem Denken als solchem<lb n="27"/>nur absolutes <hi rendition="#g">Wesen</hi>, als Selbstbewußtseyn aber das <hi rendition="#g">Wissen</hi> von sich ist. Die<lb n="28"/>reine Einsicht setzt diß wissende Allgemeine, den <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">wis<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">senden</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>, ebenso als negatives des Selbstbewußtseyns. Sie ist zwar selbst<lb n="30"/>das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">vermittelte</hi>, d. h. sich mit sich vermittelnde Denken, sie ist das reine<lb n="31"/>Wissen; aber indem sie <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi>, <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> ist, das sich selbst<lb n="32"/>noch nicht weiß, d. h. für welches es noch nicht ist, daß sie diese reine vermit<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>telnde Bewegung ist, erscheint sie ihr, wie alles, was sie selbst ist, als ein Anderes.<lb n="34"/>In ihrer Verwirklichung also begriffen, entwickelt sie diß ihr wesentliches Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ment, aber es erscheint ihr als dem Glauben angehörend, und in seiner Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit, ein ihr äusseres zu seyn, als ein zufälliges Wissen eben solcher gemein wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>licher Geschichten. Sie dichtet also hier dem religiösen Glauben an, daß seine</p>
<pb n="301" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=308" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Gewißheit sich auf einige <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">historische</hi> <hi rendition="#g">Zeugnisse</hi> gründe, welche<lb n="2"/>als historische Zeugnisse betrachtet, freylich nicht den Grad von Gewißheit über<lb n="3"/>ihren Inhalt gewähren würden, den uns Zeitungsnachrichten über irgend eine<lb n="4"/>Begebenheit geben; – daß seine Gewißheit ferner auf dem Zufall der <hi rendition="#g">Auf<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">bewahrung</hi> dieser Zeugnisse beruhe, – der Aufbewahrung durch Papier einer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seits, und andererseits durch die Geschicklichkeit und Ehrlichkeit der Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>tragung von einem Papier auf ein anderes, und endlich auf der richtigen Auffas<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>sung des Sinnes todter Worte und Buchstaben. In der That aber fällt es dem<lb n="9"/>Glauben nicht ein, an solche Zeugnisse und Zufälligkeiten seine Gewißheit zu<lb n="10"/>knüpfen; er ist in seiner Gewißheit unbefangenes Verhältniß zu seinem absoluten<lb n="11"/>Gegenstande, ein reines Wissen desselben, welches nicht Buchstaben, Papier und<lb n="12"/>Abschreiber in sein Bewußtseyn des absoluten Wesens einmischt, und nicht durch<lb n="13"/>solcherley Dinge sich damit vermittelt. Sondern diß Bewußtseyn ist der sich selbst<lb n="14"/>vermittelnde Grund seines Wissens; es ist der Geist selbst, der das Zeugniß von<lb n="15"/>sich ist, eben so im <hi rendition="#g">Innern</hi> des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußtseyns, als durch die <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi> <hi rendition="#g">Gegenwart</hi> des Glaubens Aller an ihn. Wenn der Glauben aus dem<lb n="17"/>Geschichtlichen auch jene Weise von Begründung oder wenigstens Bestätti<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gung seines Inhaltes, von der die Aufklärung spricht, sich geben will, und ernst<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>haft meynt und thut, als ob es darauf ankäme, so hat er sich schon von der<lb n="20"/>Aufklärung verführen lassen; und seine Bemühungen sich auf solche Weise zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gründen oder zu befestigen, sind nur Zeugnisse, die er von seiner Ansteckung gibt.</p>
<p><lb n="22"/>Noch ist die dritte Seite übrig, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> <hi rendition="#g">auf</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, als ein <hi rendition="#g">Thun</hi>. Diß Thun ist das Aufheben der Besonder<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>heit des Individuums oder der natürlichen Weise seines fürsichseyns, woraus<lb n="25"/>ihm die Gewißheit hervorgeht, reines Selbstbewußtseyn, nach seinem Thun d. h.<lb n="26"/>als <hi rendition="#g">fürsichseyendes</hi> einzelnes Bewußtseyn eins mit dem Wesen zu seyn. – In<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>dem an dem Thun <hi rendition="#g">Zweckmässigkeit</hi> und <hi rendition="#g">Zweck</hi> sich unterscheidet, und<lb n="28"/>die reine Einsicht ebenso in Beziehung auf dieses Thun sich <hi rendition="#g">negativ</hi> <hi rendition="#g">verhält</hi>,<lb n="29"/>und wie in den andern Momenten sich selbst verleugnet, so muß sie in Ansehung<lb n="30"/>der <hi rendition="#g">Zweckmässigkeit</hi> als Unverstand sich darstellen, indem die Einsicht mit der<lb n="31"/>Absicht verbunden, Uebereinstimmung des Zwecks und des Mittels, ihr als Anderes,<lb n="32"/>vielmehr als das Gegentheil erscheint, – in Ansehung des <hi rendition="#g">Zwecks</hi> aber das Schlechte,<lb n="33"/>Genuß und Besitz zum Zwecke machen, und sich hiemit als die unreinste Absicht<lb n="34"/>beweisen, indem die reine Absicht ebenso, als Andres, unreine Absicht ist.</p>
<p><lb n="35"/>Hienach sehen wir in Ansehung der <hi rendition="#g">Zweckmässigkeit</hi> die Aufklärung es<lb n="36"/>thörigt finden, wenn das glaubende Individuum sich das höhere Bewußtseyn,</p>
<pb n="302" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=309" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>nicht an den natürlichen Genuß und Vergnügen gefesselt zu seyn, dadurch gibt,<lb n="2"/>daß es sich natürlichen Genuß und Vergnügen <hi rendition="#g">wirklich</hi> versagt, und <hi rendition="#g">durch</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">That</hi> erweißt, daß es die Verachtung derselben nicht <hi rendition="#g">lügt</hi>, sondern daß<lb n="4"/>sie <hi rendition="#g">wahr</hi> ist. – Eben so findet sie es thörigt, daß das Individuum von seiner Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stimmtheit, absolut einzelnes, alle andern ausschliessendes und Eigenthum be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>sitzendes zu seyn, sich dadurch absolvirt, daß es von seinem Eigenthume selbst<lb n="7"/>abläßt; womit es <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> zeigt, daß es mit seinem Isoliren nicht Ernst,<lb n="8"/>sondern daß es über die Naturnothwendigkeit, sich zu vereinzeln, und in dieser<lb n="9"/>absoluten Vereinzelung des Fürsichseyns die Andern als dasselbe <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zu<lb n="10"/>verleugnen, erhaben ist. – Die reine Einsicht findet beydes sowohl unzweck<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mässig, als unrecht, – <hi rendition="#g">unzweckmässig</hi>, um von Vergnügen und Besitz sich<lb n="12"/>frey zu erweisen, sich Vergnügen zu versagen und einen Besitz weg zu geben;<lb n="13"/>sie wird also im Gegentheil den für einen <hi rendition="#g">Thoren</hi> erklären, der um zu essen,<lb n="14"/>das Mittel ergreift, wirklich zu essen. – Sie findet es auch <hi rendition="#g">unrecht</hi>, sich eine<lb n="15"/>Mahlzeit zu versagen, und Butter, Eyer nicht gegen Geld, oder Geld nicht gegen<lb n="16"/>Butter und Eyer, sondern geradezu, ohne so was dafür zurück zu erhalten, weg<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>zugeben; sie erklärt eine Mahlzeit oder den Besitz von dergleichen Dingen für<lb n="18"/>einen Selbstzweck, und sich damit in der That für eine sehr unreine Absicht, der<lb n="19"/>es um solchen Genuß und Besitz ganz wesentlich zu thun ist. Sie behauptet als<lb n="20"/>reine Absicht auch wieder die Nothwendigkeit der Erhebung über die natür<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>liche Existenz und über die Habsucht um ihre Mittel; nur findet sie es thörigt und<lb n="22"/>unrecht, daß diese Erhebung <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">That</hi> bewiesen werden soll, oder diese<lb n="23"/>reine Absicht ist in Wahrheit Betrug, welcher eine <hi rendition="#g">innerliche</hi> Erhebung vor<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gibt und fodert, aber Ernst daraus zu machen, sie <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">ins</hi> <hi rendition="#g">Werk</hi> zu rich<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>ten, und <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">erweisen</hi> für überflüssig, thörigt, und selbst für<lb n="26"/>unrecht ausgibt. – Sie verleugnet sich also sowohl als reine Einsicht, denn sie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>läugnet das unmittelbar zweckmässige Thun, wie als reine Absicht, denn sie ver<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>leugnet die Absicht, sich von den Zwecken der Einzelnheit befreyt zu erweisen.</p>
<p><lb n="29"/>So gibt die Aufklärung sich dem Glauben zu erfahren. Sie tritt in diesem schlech<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ten Aussehen auf, weil sie eben durch das Verhältniß zu einem andern sich eine<lb n="31"/><hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> gibt, oder sich als das Gegentheil ihrer selbst darstellt; die<lb n="32"/>reine Einsicht und Absicht muß sich aber diß Verhältniß geben, denn es ist ihre<lb n="33"/>Verwirklichung. – Diese erschien zunächst als negative Realität. Vielleicht ist ihre<lb n="34"/><hi rendition="#g">positive</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi> besser beschaffen; sehen wir, wie diese sich verhält. – Wenn<lb n="35"/>alles Vorurtheil und Aberglauben verbannt worden, so tritt die Frage ein, <hi rendition="#g">was</hi><lb n="36"/><hi rendition="#g">nun</hi> <hi rendition="#g">weiter?</hi> <hi rendition="#g">Welches</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, <hi rendition="#g">welche</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Aufklärung</hi> <hi rendition="#g">statt</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">jener</hi> <hi rendition="#g">verbreitet</hi> <hi rendition="#g">hat?</hi> – Sie hat diesen positiven Inhalt in ihrem Ausrotten des</p>
<pb n="303" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=310" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Irrthums schon ausgesprochen, denn jene Entfremdung ihrer selbst ist ebensosehr<lb n="2"/>ihre positive Realität. – An demjenigen, was dem Glauben absoluter Geist ist,<lb n="3"/>faßt sie, was sie von <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> daran entdeckt, als Holz, Stein und so fort,<lb n="4"/>als einzelne wirkliche Dinge auf; indem sie überhaupt <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>,<lb n="5"/>das heißt, allen Innhalt und Erfüllung desselben auf diese Weise als eine <hi rendition="#g">End<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>, als <hi rendition="#g">menschliches</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> begreifft, wird ihr<lb n="7"/>das <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> zu einem <hi rendition="#g">Vacuum</hi>, dem keine Bestimmungen, keine<lb n="8"/>Prädicate beygelegt werden können. Ein solches Beylager wäre an sich sträflich,<lb n="9"/>und es ist es eben, in welchem die Ungeheuer des Aberglaubens erzeugt worden<lb n="10"/>sind. Die Vernunft, die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi> ist wohl selbst nicht leer, indem das<lb n="11"/>negative ihrer selbst <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> und ihr Inhalt ist, sondern reich, aber nur an Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heit und Schranke; dem absoluten Wesen dergleichen nichts zukommen zu lassen<lb n="13"/>noch beyzulegen, ist ihre einsichtsvolle Lebensart, welche sich und ihren Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>thum der Endlichkeit an ihren Ort zu stellen, und das absolute würdig zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>handeln weiß.</p>
<p><lb n="16"/>Diesem leeren Wesen gegenüber steht als <hi rendition="#g">zweytes</hi> <hi rendition="#g">Moment</hi> der positiven<lb n="17"/>Wahrheit der Aufklärung, die aus einem absoluten Wesen ausgeschlossene <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">zelnheit</hi> überhaupt, des Bewußtseyns und alles Seyns, als <hi rendition="#g">absolutes</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="19"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>. Das Bewußtseyn, welches in seiner allerersten Wirklichkeit<lb n="20"/><hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> und <hi rendition="#g">Meynung</hi> ist, kehrt hier aus dem ganzen Wege<lb n="21"/>seiner Erfahrung dahin zurück, und ist wieder ein Wissen von <hi rendition="#g">rein</hi> <hi rendition="#g">negativem</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder von <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">Dingen</hi>, d. h. <hi rendition="#g">seyenden</hi>, welche seinem<lb n="23"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> gleichgültig gegenüberstehen. Es ist hier aber nicht <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="24" break="no"/><hi rendition="#g">bares</hi> natürliches Bewußtseyn, sondern es ist sich solches <hi rendition="#g">geworden</hi>. Zuerst<lb n="25"/>preisgegeben aller Verwicklung, worein es durch seine Entfaltung gestürzt wird,<lb n="26"/>itzt durch die reine Einsicht auf seine erste Gestalt zurückgeführt, hat es sie als das<lb n="27"/><hi rendition="#g">Resultat</hi> <hi rendition="#g">erfahren</hi>. Auf die Einsicht der Nichtigkeit aller andern Gestalten des<lb n="28"/>Bewußtseyns, und somit alles Jenseits der sinnlichen Gewißheit <hi rendition="#g">gegründet</hi>,<lb n="29"/>ist diese sinnliche Gewißheit nicht mehr Meynung, sondern sie ist vielmehr die<lb n="30"/>absolute Wahrheit. Diese Nichtigkeit alles dessen, was über die sinnliche Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>heit hinausgeht, ist zwar nur ein negativer Beweis dieser Wahrheit; aber sie ist<lb n="32"/>keines andern fähig, denn die positive Wahrheit der sinnlichen Gewißheit an ihr<lb n="33"/>selbst, ist eben das <hi rendition="#g">unvermittelte</hi> fürsichseyn des Begriffes selbst als Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>stands, und zwar in der Form des Andersseyns, – daß es jedem Bewußtseyn<lb n="35"/><hi rendition="#g">schlechthin</hi> <hi rendition="#g">gewiß</hi> ist, daß es ist, und <hi rendition="#g">andere</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Dinge</hi> ausser<lb n="36"/>ihm, und daß es in seinem <hi rendition="#g">natürlichen</hi> Seyn, so wie diese Dinge, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">sich</hi> oder <hi rendition="#g">absolut</hi> ist.</p>
<pb n="304" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=311" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">dritte</hi> <hi rendition="#g">Moment</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Aufklärung</hi> endlich ist das<lb n="2"/>Verhältniß der einzelnen Wesen zum absoluten Wesen, die Beziehung der bey<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>den ersten. Die Einsicht als reine Einsicht des <hi rendition="#g">Gleichen</hi> oder <hi rendition="#g">Unbeschränkten</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">geht</hi> auch über das <hi rendition="#g">ungleiche</hi>, nemlich die endliche Wirklichkeit, oder über<lb n="5"/>sich als blosses Andersseyn <hi rendition="#g">hinaus</hi>. Sie hat zum Ienseits desselben <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Leere</hi>,<lb n="6"/>auf welches sie also die sinnliche Wirklichkeit bezieht. In die Bestimmung dieses<lb n="7"/><hi rendition="#g">Verhältnisses</hi> treten nicht die beyden Seiten als <hi rendition="#g">Inhalt</hi> ein, denn die eine ist<lb n="8"/>das Leere, und ein Inhalt ist also nur durch die andere, die sinnliche Wirklichkeit,<lb n="9"/>vorhanden. Die <hi rendition="#g">Form</hi> der Beziehung aber, in deren Bestimmung die Seite des<lb n="10"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> mithilft, kann nach Belieben gemacht werden; denn die Form ist das<lb n="11"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">negative</hi>, und darum das sich entgegengesetzte; Seyn sowohl als Nichts;<lb n="12"/><hi rendition="#g">Ansich</hi>, wie das <hi rendition="#g">Gegentheil</hi>; oder was dasselbe, die Beziehung <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> auf <hi rendition="#g">Ansich</hi> als das <hi rendition="#g">Ienseits</hi> ist eben sowohl ein <hi rendition="#g">Negiren</hi> als ein<lb n="14"/><hi rendition="#g">Setzen</hi> derselben. Die endliche Wirklichkeit kann daher eigentlich, wie man es<lb n="15"/>gerade braucht, genommen werden. Das Sinnliche wird also itzt auf das Absolute<lb n="16"/>als auf das <hi rendition="#g">Ansich</hi> <hi rendition="#g">positiv</hi> bezogen, und die sinnliche Wirklichkeit ist selbst<lb n="17"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; das Absolute macht, hegt und pflegt sie. Wiederum ist sie auch darauf<lb n="18"/>als auf das Gegentheil, als auf ihr <hi rendition="#g">Nichtseyn</hi> bezogen; nach diesem Verhältnisse<lb n="19"/>ist sie nicht an sich, sondern nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>. Wenn in der vorhergehenden<lb n="20"/>Gestalt des Bewußtseyns die <hi rendition="#g">Begriffe</hi> des Gegensatzes sich als <hi rendition="#g">Gut</hi> und <hi rendition="#g">Schlecht</hi><lb n="21"/>bestimmten, so werden sie dagegen der reinen Einsicht zu den reinern Abstrac<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>tionen, des <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> seyn.</p>
<p><lb n="23"/>Beyde Betrachtungsweisen, der positiven wie der negativen Beziehung des<lb n="24"/>Endlichen auf das Ansich, sind aber in der That gleichnothwendig, und alles ist<lb n="25"/>also so sehr <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist; oder alles ist <hi rendition="#g">nützlich</hi>. –<lb n="26"/>Alles gibt sich andern preis, läßt sich itzt von andern gebrauchen, und ist <hi rendition="#g">für</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">sie</hi>; und itzt stellt es sich, es so zu sagen, wieder auf die Hinterbeine, thut spröde<lb n="28"/>gegen anderes, ist für sich und gebraucht das andere seinerseits. – Für den Men<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schen, als das dieser Beziehung <hi rendition="#g">bewußte</hi> Ding, ergibt sich daraus sein Wesen<lb n="30"/>und seine Stellung. Er ist, wie er unmittelbar ist, als natürliches Bewußtseyn <hi rendition="#g">an</hi><lb n="31"/><hi rendition="#g">sich</hi>, <hi rendition="#g">gut</hi>, als einzelnes <hi rendition="#g">absolut</hi>, und anderes ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi>; und zwar da für<lb n="32"/>ihn als das seiner bewußte Thier die Momente die Bedeutung der Allgemeinheit<lb n="33"/>haben, ist <hi rendition="#g">Alles</hi> für sein Vergnügen und Ergötzlichkeit, und er geht, wie er aus<lb n="34"/>Gottes Hand gekommen, in der Welt als einem für ihn gepflanzten Garten um<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>her. – Er muß auch vom Baume der Erkenntniß des Guten und des Bösen gepflückt</p>
<pb n="305" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=312" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>haben; er besitzt darin einen Nutzen, der ihn von allem Andern unterscheidet,<lb n="2"/>denn zufälligerweise ist seine an sich gute Natur <hi rendition="#g">auch</hi> so beschaffen, daß ihr das<lb n="3"/>Uebermaß der Ergötzlichkeit Schaden thut, oder vielmehr seine Einzelnheit hat<lb n="4"/><hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">ihr</hi> <hi rendition="#g">Jenseits</hi> an ihr, kann über sich selbst hinausgehen und sich zerstören.<lb n="5"/>Hiegegen ist ihm die Vernunft ein nützliches Mittel, diß Hinausgehen gehörig<lb n="6"/>zu beschränken, oder vielmehr im Hinausgehen über das Bestimmte sich selbst zu er<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>halten; denn diß ist die Kraft des Bewußtseyns. Der Genuß des bewußten an sich <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> Wesens muß nach Mannichfaltigkeit und Dauer selbst nicht ein bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>tes, sondern allgemein seyn; das Maß hat daher die Bestimmung, zu verhindern,<lb n="10"/>daß das Vergnügen in seiner Mannigfaltigkeit und Dauer abgebrochen werde; das<lb n="11"/>heißt die Bestimmung des Maßes ist die Unmässigkeit. – Wie dem Menschen alles<lb n="12"/>nützlich ist, so ist er es ebenfalls, und seine Bestimmung ebensosehr sich zum ge<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>meinnützlichen und allgemein brauchbaren Mitgliede des Trupps zu machen. So viel<lb n="14"/>er für sich sorgt, gerade so viel muß er sich auch hergeben für die Andern, und so<lb n="15"/>viel er sich hergibt, so viel sorgt er für sich selbst, eine Hand wäscht die andere.<lb n="16"/>Wo er aber sich befindet, ist er recht daran, er nützt andern und wird genützt.</p>
<p><lb n="17"/>Anders ist auf andere Weise einander nützlich; alle Dinge aber haben diese<lb n="18"/>nützliche Gegenseitigkeit durch ihr Wesen, nemlich auf das Absolute auf die<lb n="19"/>gedoppelte Weise bezogen zu seyn, die positive, – dadurch <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst<lb n="20"/>zu seyn, die negative, dadurch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andere</hi> zu seyn. Die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> auf das abso<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lute Wesen oder die Religion ist daher unter aller Nützlichkeit, das allernützlichste;<lb n="22"/>denn sie ist der <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Nutzen</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sie ist diß Bestehen aller Dinge, oder ihr<lb n="23"/><hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyn, und das Fallen aller Dinge, oder ihr <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>.</p>
<p><lb n="24"/>Dem Glauben freylich ist dieses positive Resultat der Aufklärung, so sehr ein<lb n="25"/>Greuel, als ihr negatives Verhalten gegen ihn. Diese <hi rendition="#g">Einsicht</hi> in das absolute<lb n="26"/>Wesen, die nichts in ihm sieht, als eben das <hi rendition="#g">absolute</hi> Wesen, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">être</hi> <hi rendition="#g">supreme</hi>,<lb n="27"/><hi rendition="#g">oder</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Leere</hi>, – diese <hi rendition="#g">Absicht</hi>, daß alles in seinem unmittelbaren Daseyn <hi rendition="#g">an</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">sich</hi> oder gut ist, daß endlich die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> des einzelnen bewußten Seyns auf<lb n="29"/>das absolute Wesen, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>, der Begriff der Nützlichkeit erschöpfend aus<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>drückt, ist dem Glauben schlechthin <hi rendition="#g">abscheulich</hi>. Diese eigne <hi rendition="#g">Weisheit</hi> der Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>klärung erscheint ihm nothwendig zugleich als die <hi rendition="#g">Plattheit</hi> selbst, und als das<lb n="32"/><hi rendition="#g">Geständniß</hi> der Plattheit; weil sie darin besteht, vom absoluten Wesen nichts oder<lb n="33"/>was dasselbe ist, von ihm diese ganz ebne Wahrheit zu wissen, daß es eben nur das<lb n="34"/><hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, dagegen nur von der Endlichkeit und zwar sie als das Wahre<lb n="35"/>und diß Wissen von derselben als dem Wahren, als das Höchste zu wissen.</p>
<p><lb n="36"/>Der Glauben hat das göttliche Recht, das Recht der absoluten <hi rendition="#g">Sichselbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">gleichheit</hi> oder des reinen Denkens, gegen die Aufklärung, und erfährt von ihr</p>
<pb n="306" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=313" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>durchaus Unrecht; denn sie verdreht ihn in allen seinen Momenten, und macht<lb n="2"/>sie zu etwas anderem, als sie in ihm sind. Sie aber hat nur menschliches Recht<lb n="3"/>gegen ihn und für ihre Wahrheit; denn das Unrecht das sie begeht, ist das Recht<lb n="4"/>der <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi>, und besteht in dem Verkehren und Verändern, ein Recht,<lb n="5"/>das der Natur des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> im Gegensatze gegen das einfache<lb n="6"/>Wesen oder das <hi rendition="#g">Denken</hi> angehört. Aber indem ihr Recht, das Recht des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>bewußtseyns ist, wird sie nicht nur <hi rendition="#g">auch</hi> ihr Recht behalten, so daß zwey gleiche<lb n="8"/>Rechte des Geistes einander gegenüber stehen blieben, und keins das andere be<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>friedigen könnte, sondern sie wird das absolute Recht behaupten, weil das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>bewußtseyn die Negativität des Begriffs ist, die nicht nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, sondern<lb n="11"/>auch über ihr Gegentheil übergreifft; und der Glauben selbst, weil er Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn ist, wird ihr ihr Recht nicht verweigern können.</p>
<p><lb n="13"/>Denn die Aufklärung verhält sich gegen das glaubende Bewußtseyn nicht mit<lb n="14"/>eigenthümlichen Principien, sondern mit solchen, welche dieses selbst an ihm<lb n="15"/>hat. Sie bringt ihm nur seine <hi rendition="#g">eigenen</hi> <hi rendition="#g">Gedanken</hi> zusammen, die ihm bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>los auseinanderfallen; sie erinnert es nur bey der <hi rendition="#g">einen</hi> seiner Weisen an die<lb n="17"/><hi rendition="#g">andern</hi>, die es <hi rendition="#g">auch</hi> hat, aber deren eine es immer bey der andern vergißt. Sie<lb n="18"/>erweißt sich eben dadurch gegen es als reine Einsicht, daß sie bey einem <hi rendition="#g">bestimm<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">ten</hi> Momente das Ganze sieht, also das auf jenes Moment sich beziehende <hi rendition="#g">Ent<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">gegengesetzte</hi> herbeybringt, und eines im andern verkehrend das negative<lb n="21"/>Wesen beyder Gedanken, den <hi rendition="#g">Begriff</hi>, hervortreibt. Sie erscheint dem Glauben<lb n="22"/>darum als Verdrehung und Lüge, weil sie das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> seiner Momente<lb n="23"/>aufzeigt; sie scheint ihm damit unmittelbar etwas anderes aus ihnen zu machen,<lb n="24"/>als sie in ihrer Einzelnheit sind; aber diß <hi rendition="#g">Andere</hi> ist ebenso wesentlich, und es<lb n="25"/>ist in Wahrheit in dem glaubenden Bewußtseyn selbst vorhanden, nur daß dieses<lb n="26"/>daran nicht denkt, sondern es sonst wo hat; daher ist es ihm weder fremde noch<lb n="27"/>kann es von ihm abgeleugnet werden.</p>
<p><lb n="28"/>Die Aufklärung selbst aber, welche den Glauben an das entgegengesetzte seiner<lb n="29"/>abgesonderten Momente erinnert, ist eben so wenig über sich selbst aufgeklärt.<lb n="30"/>Sie verhält sich rein <hi rendition="#g">negativ</hi> gegen den Glauben, insofern sie ihren Inhalt aus<lb n="31"/>ihrer Reinheit ausschließt, und ihn für das <hi rendition="#g">negative</hi> ihrer selbst nimmt. Sie er<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>kennt daher weder in diesem negativen, in dem Inhalte des Glaubens sich selbst,<lb n="33"/>noch bringt auch sie aus diesem Grunde, die beyden Gedanken zusammen, den<lb n="34"/>welchen sie herbeybringt, und den, gegen welchen sie ihn herbeybringt. Indem<lb n="35"/>sie nicht erkennt, daß dasjenige, was sie am Glauben verdammt, unmittelbar ihr<lb n="36"/>eigener Gedanken ist, so ist sie selbst in der Entgegensetzung der beyden Momente,<lb n="37"/>deren eines, nemlich jedesmal das dem Glauben entgegengesetzte, sie nur an-</p>
<pb n="307" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=314" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>erkennt, das andere aber gerade wie der Glauben thut, davon trennt. Sie bringt<lb n="2"/>daher nicht die Einheit beyder als Einheit derselben, d. i. den Begriff hervor; aber<lb n="3"/>er <hi rendition="#g">entsteht</hi> ihr für sich oder sie findet ihn nur als <hi rendition="#g">vorhanden</hi>. Denn an sich<lb n="4"/>ist ebendiß die Realisirung der reinen Einsicht, daß sie, deren Wesen der Begriff<lb n="5"/>ist, zuerst sich selbst als ein absolut <hi rendition="#g">Anderes</hi> wird und sich verleugnet, denn der<lb n="6"/>Gegensatz des Begriffes ist der absolute, und aus diesem Andersseyn zu sich selbst,<lb n="7"/>oder zu ihrem Begriffe kommt. – Die Aufklärung <hi rendition="#g">ist</hi> aber nur diese Bewegung,<lb n="8"/>sie ist die noch bewußtlose Thätigkeit des reinen Begriffes, die zwar zu sich selbst,<lb n="9"/>als Gegenstand kommt, aber diesen für ein <hi rendition="#g">Anderes</hi> nimmt, auch die Natur<lb n="10"/>des Begriffes nicht kennt, daß nemlich das Nichtunterschiedne es ist, was sich<lb n="11"/>absolut trennt. – Gegen den Glauben also ist die Einsicht insofern die <hi rendition="#g">Macht</hi><lb n="12"/>des Begriffes als sie die Bewegung und das Beziehen der in seinem Bewußtseyn<lb n="13"/>auseinander liegenden Momente ist, ein Beziehen, worin der Widerspruch der<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selben zum Vorschein kömmt. Hierin liegt das absolute <hi rendition="#g">Recht</hi> der Gewalt, welche<lb n="15"/>sie über ihn ausübt; die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> aber, zu der sie diese Gewalt bringt,<lb n="16"/>ebendarin, daß das glaubende Bewußtseyn selbst der Begriff ist, und also das<lb n="17"/>Entgegengesetzte, das ihm die Einsicht herbeybringt, selbst anerkennt. Sie behält<lb n="18"/>darum gegen es Recht, weil sie an ihm das geltend macht, was ihm selbst noth<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wendig ist, und was es an ihm selbst hat.</p>
<p><lb n="20"/>Zuerst behauptet die Aufklärung das Moment des Begriffs, ein <hi rendition="#g">Thun</hi> des<lb n="21"/><hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> zu seyn; sie behauptet diß <hi rendition="#g">gegen</hi> den Glauben, – daß sein ab<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>solutes Wesen, Wesen <hi rendition="#g">seines</hi> Bewußtseyn als eines Selbsts, oder daß es durch das<lb n="23"/>Bewußtseyn <hi rendition="#g">hervorgebracht</hi> sey. Dem glaubenden Bewußtseyn ist sein ab<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>solutes Wesen, ebenso wie es ihm <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist, zugleich nicht wie ein fremdes<lb n="25"/>Ding, welches darin, man weiß nicht wie und woher, <hi rendition="#g">stünde</hi>, sondern sein<lb n="26"/>Vertrauen besteht gerade darin, sich als <hi rendition="#g">dieses</hi> persönliche Bewußtseyn darin<lb n="27"/>zu <hi rendition="#g">finden</hi>, und sein Gehorsam und Dienst darin, es als <hi rendition="#g">sein</hi> absolutes Wesen<lb n="28"/>durch sein <hi rendition="#g">Thun</hi> hervorzubringen. Hieran erinnert eigentlich nur den Glauben<lb n="29"/>die Aufklärung, wenn er rein das <hi rendition="#g">Ansich</hi> des absoluten Wesens <hi rendition="#g">jenseits</hi> des<lb n="30"/><hi rendition="#g">Thuns</hi> des Bewußtseyns ausspricht. – Aber indem sie zwar der Einseitigkeit des<lb n="31"/>Glaubens das entgegengesetzte Moment des <hi rendition="#g">Thuns</hi> desselben gegen das <hi rendition="#g">Seyn</hi>,<lb n="32"/>an das er hier allein denkt, herbey, selbst aber ihre Gedanken ebenso nicht zu<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sammenbringt, isolirt sie das reine Moment des <hi rendition="#g">Thuns</hi>, und spricht von dem<lb n="34"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> des Glaubens aus, daß es <hi rendition="#g">nur</hi> ein <hi rendition="#g">hervorgebrachtes</hi> des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>seyns sey. Das isolirte dem <hi rendition="#g">Ansich</hi> entgegengesetzte Thun ist aber ein zufälliges<lb n="36"/>Thun, und als ein vorstellendes ein Erzeugen von Fictionen, – Vorstellungen,<lb n="37"/>die nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> sind; und so betrachtet sie den Inhalt des Glaubens. – Um-</p>
<pb n="308" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=315" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>gekehrt aber sagt die reine Einsicht ebenso das Gegentheil. Indem sie das Moment<lb n="2"/>des <hi rendition="#g">Andersseyns</hi>, das der Begriff an ihm hat, behauptet, spricht sie das Wesen<lb n="3"/>des Glaubens als ein solches aus, welches das Bewußtseyn <hi rendition="#g">nichts</hi> <hi rendition="#g">angehe</hi>, <hi rendition="#g">jen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">seits</hi> desselben, ihm fremd und unerkannt sey. Dem Glauben, ist es ebenso wie<lb n="5"/>er einerseits ihm vertraut, und darin die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> hat, anderer<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seits in seinen Wegen unerforschlich, und in seinem Seyn unerreichbar.</p>
<p><lb n="7"/>Ferner behauptet die Aufklärung gegen das glaubende Bewußtseyn darin ein<lb n="8"/>Recht, das es selbst einräumt, wenn sie den Gegenstand seiner Verehrung, als<lb n="9"/>Stein und Holz, oder sonst als eine endliche anthropomorphische Bestimmtheit<lb n="10"/>betrachtet. Denn da es diß entzweyte Bewußtseyn ist, ein <hi rendition="#g">Jenseits</hi> der <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> und ein reines <hi rendition="#g">Disseits</hi> von jenem Jenseits zu haben, so ist in ihm in<lb n="12"/>der That <hi rendition="#g">auch</hi> diese Ansicht des sinnlichen Dinges vorhanden, nach welcher<lb n="13"/>es <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">gilt</hi>; es bringt aber diese beyden Gedanken <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> das ihm einmal das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, das anderemal ein<lb n="15"/>gemeines <hi rendition="#g">sinnliches</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> ist, nicht zusammen. – Selbst sein reines Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seyn ist von der letztern Ansicht afficirt, denn die Unterschiede seines übersinn<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lichen Reichs sind, weil es des Begriffs entbehrt, eine Reihe von selbstständi<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gen <hi rendition="#g">Gestalten</hi> und ihre Bewegung ein <hi rendition="#g">Geschehen</hi>, das heißt, sie sind nur in<lb n="19"/>der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi>, und haben die Weise des sinnlichen Seyns an ihnen. – Die<lb n="20"/>Aufklärung isolirt ihrerseits ebenso die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, als ein vom Geiste<lb n="21"/>verlassenes Wesen, die Bestimmtheit als eine unverrückte Endlichkeit, welche<lb n="22"/>nicht in der geistigen Bewegung des Wesens selbst ein <hi rendition="#g">Moment</hi> wäre, nicht<lb n="23"/>Nichts, auch nicht ein an und für sich<hi rendition="#g">seyendes</hi> Etwas, sondern ein verschwin<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dendes.</p>
<p><lb n="25"/>Es ist klar, daß dasselbe bey dem <hi rendition="#g">Grunde</hi> des <hi rendition="#g">Wissens</hi> der Fall ist. Das glau<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bende Bewußtseyn anerkennt selbst ein zufälliges <hi rendition="#g">Wissen</hi>, denn es hat ein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>hältniß zu Zufälligkeiten, und das absolute Wesen selbst ist ihm in der Form einer<lb n="28"/>vorgestellten gemeinen Wirklichkeit; hiemit ist das glaubende Bewußtseyn <hi rendition="#g">auch</hi><lb n="29"/>eine Gewißheit, welche nicht die Wahrheit an ihr selbst hat, und es bekennt sich<lb n="30"/>als ein solches unwesentliches Bewußtseyn, disseits des sich selbst vergewissernden<lb n="31"/>und bewährenden Geistes. – Diß Moment vergißt es aber in seinem geistigen<lb n="32"/>unmittelbaren Wissen von dem absoluten Wesen. – Die Aufklärung aber, welche<lb n="33"/>es daran erinnert, denkt wieder <hi rendition="#g">nur</hi> an das zufällige Wissen, und vergißt das<lb n="34"/>andere, – denkt nur an die Vermittlung, welche durch ein <hi rendition="#g">fremdes</hi> Drittes<lb n="35"/>geschieht, nicht an die, worin das Unmittelbare sich selbst das Dritte ist, wodurch<lb n="36"/>es sich mit dem Andern, nemlich mit <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, vermittelt.</p>
<p><lb n="37"/>Endlich findet sie in ihrer Ansicht des <hi rendition="#g">Thuns</hi> des Glaubens das Wegwerfen</p>
<pb n="309" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=316" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>des Genusses und der Habe unrecht und unzweckmäßig. – Was das Unrecht<lb n="2"/>betrifft, so erhält sie die Uebereinstimmung des glaubenden Bewußtseyns darin,<lb n="3"/>daß dieses selbst diese Wirklichkeit anerkennt, Eigenthum zu besitzen, festzuhalten,<lb n="4"/>und zu genießen; es beträgt sich in der Behauptung des Eigenthums um so isolirter<lb n="5"/>und hartnäckiger, so wie in seinem Genuße um so roher dahingegeben, da jen<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seits dieser Wirklichkeit sein religiöses – Besitz und Genuß <hi rendition="#g">aufgebendes</hi> –<lb n="7"/>Thun fällt und ihm die Freyheit für jene Seite erkaufft. Dieser Dienst der Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>opferung des natürlichen Treibens und Geniessens hat durch diesen Gegensatz<lb n="9"/>in der That keine Wahrheit; die Beybehaltung hat <hi rendition="#g">neben</hi> der Aufopferung statt;<lb n="10"/>diese ist nur ein <hi rendition="#g">Zeichen</hi>, das die wirkliche Aufopferung nur an einem kleinen<lb n="11"/>Theile vollbringt, und sie daher in der That nur <hi rendition="#g">vorstellt</hi>.</p>
<p><lb n="12"/>In Ansehung der <hi rendition="#g">Zweckmäßigkeit</hi> findet die Aufklärung das Wegwerfen<lb n="13"/><hi rendition="#g">einer</hi> Habe, um von <hi rendition="#g">der</hi> Habe, die Versagung <hi rendition="#g">eines</hi> Genusses, um von <hi rendition="#g">dem</hi><lb n="14"/>Genusse sich befreyt zu wissen und zu erweisen, für ungeschickt. Das glaubende<lb n="15"/>Bewußtseyn selbst faßt das absolute Thun als ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi> Thun; nicht<lb n="16"/>nur das Handeln seines absoluten Wesens als seines Gegenstandes ist ihm ein all<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gemeines, sondern auch das einzelne Bewußtseyn soll sich ganz und allgemein<lb n="18"/>von seinem sinnlichen Wesen befreyt erweisen. Das Wegwerfen einer <hi rendition="#g">einzelnen</hi><lb n="19"/>Habe oder das Verzichtthun auf einen <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Genuß ist aber nicht diese<lb n="20"/><hi rendition="#g">allgemeine</hi> Handlung; und indem in der Handlung wesentlich der <hi rendition="#g">Zweck</hi>,<lb n="21"/>der ein allgemeiner, und die <hi rendition="#g">Ausführung</hi>, die eine einzelne ist, vor dem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wußtseyn in ihrer Unangemessenheit stehen müßte, so erweißt sie sich als ein<lb n="23"/>solches Handeln, woran das Bewußtseyn keinen Antheil hat, und hiemit diß<lb n="24"/>Handeln eigentlich als zu <hi rendition="#g">naiv</hi>, um eine Handlung zu seyn; es ist zu naiv zu<lb n="25"/>fasten, um von der Lust der Mahlzeit sich befreyt, – zu naiv, sich, wie Origines,<lb n="26"/>andere Lust <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Leibe</hi> wegzuschaffen, um sie abgethan zu erweisen. Die Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lung selbst erweißt sich als ein <hi rendition="#g">äusserliches</hi> und <hi rendition="#g">einzelnes</hi> Thun; die Begierde<lb n="28"/>aber ist <hi rendition="#g">innerlich</hi> eingewurzelt, und ein <hi rendition="#g">allgemeines</hi>; ihre Lust verschwindet<lb n="29"/>weder mit dem Werkzeuge, noch durch einzelne Entbehrung.</p>
<p><lb n="30"/>Die Aufklärung aber isolirt ihrerseits hier das <hi rendition="#g">innerliche</hi>, <hi rendition="#g">unwirkliche</hi><lb n="31"/>gegen die Wirklichkeit, wie sie gegen die Innerlichkeit des Glaubens in seiner<lb n="32"/>Anschauung und Andacht, die Aeusserlichkeit der Dingheit festhielt. Sie legt<lb n="33"/>das Wesentliche in die <hi rendition="#g">Absicht</hi>, in den <hi rendition="#g">Gedanken</hi>, und erspart dadurch das<lb n="34"/>wirkliche Vollbringen der Befreyung von den natürlichen Zwecken; im Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>theil ist diese Innerlichkeit selbst das formale, das an den natürlichen Trieben seine<lb n="36"/>Erfüllung hat, welche eben dadurch gerechtfertigt sind, daß sie innerlich, daß sie<lb n="37"/>dem <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Seyn, der Natur angehören.</p>
<pb n="310" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=317" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Die Aufklärung hat also über den Glauben darum eine unwiderstehliche Gewalt,<lb n="2"/>daß sich in seinem Bewußtseyn selbst die Momente finden, welche sie geltend<lb n="3"/>macht. Die Wirkung dieser Krafft näher betrachtet, so scheint ihr Verhalten<lb n="4"/>gegen ihn die <hi rendition="#g">schöne</hi> Einheit des <hi rendition="#g">Vertrauens</hi> und der unmittelbaren <hi rendition="#g">Gewiß<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> zu zerreissen, sein <hi rendition="#g">geistiges</hi> Bewußtseyn durch niedrige Gedanken der<lb n="6"/><hi rendition="#g">sinnlichen</hi> Wirklichkeit zu verunreinigen, sein in seiner Unterwerfung <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">ruhigtes</hi> und <hi rendition="#g">sicheres</hi> Gemüth durch die <hi rendition="#g">Eitelkeit</hi> des Verstandes und des<lb n="8"/>eigenen Willens und Vollbringens zu zerstören. Aber in der That leitet sie viel<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>mehr die Aufhebung der <hi rendition="#g">gedankenlosen</hi> oder vielmehr <hi rendition="#g">begrifflosen</hi> <hi rendition="#g">Tren<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">nung</hi> ein, welche in ihm vorhanden ist. Das glaubende Bewußtseyn führt dop<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>peltes Maß und Gewicht, es hat zweyerley Augen, zweyerley Ohren, zweyerley<lb n="12"/>Zunge und Sprache, es hat alle Vorstellungen verdoppelt, ohne diese Doppel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sinnigkeit zu vergleichen. Oder der Glauben lebt in zweyerley Wahrnehmungen,<lb n="14"/>der einen, der Wahrnehmung des <hi rendition="#g">schlaffenden</hi> rein in begrifflosen Gedanken,<lb n="15"/>der andern des wachen, rein in der sinnlichen Wirklichkeit lebenden Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seyns, und in jeder führt er eine eigene Haushaltung. – Die Aufklärung beleuchtet<lb n="17"/>jene himmlische Welt mit den Vorstellungen der sinnlichen; und zeigte jener diese<lb n="18"/>Endlichkeit auf, die der Glauben nicht verleugnen kann, weil er Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyn und hiemit die Einheit ist, welcher beyde Vorstellungsweisen angehören,<lb n="20"/>und worin sie nicht auseinander fallen, denn sie gehören demselben untrennbaren<lb n="21"/><hi rendition="#g">einfachen</hi> Selbst an, in welches er übergegangen ist.</p>
<p><lb n="22"/>Der Glauben hat hiedurch den Inhalt, der sein Element erfüllte, verloren, und<lb n="23"/>sinkt in ein dumpfes Weben des Geistes in ihm selbst zusammen. Er ist aus seinem<lb n="24"/>Reiche vertrieben, oder diß Reich ist ausgeplündert, indem alle Unterscheidung<lb n="25"/>und Ausbreitung desselben das wache Bewußtseyn an sich riß, und seine Theile<lb n="26"/>alle der Erde als ihr Eigenthum vindicirte und zurückgab. Aber befriedigt ist er<lb n="27"/>darum nicht, denn durch diese Beleuchtung ist allenthalben nur einzelnes Wesen<lb n="28"/>entstanden, so daß den Geist nur wesenlose Wirklichkeit und von ihm verlassne<lb n="29"/>Endlichkeit anspricht. – Indem er ohne Inhalt ist und in dieser Leere nicht bleiben<lb n="30"/>kann, oder indem er über das Endliche, das der einzige Inhalt ist, hinausgehend<lb n="31"/>nur das Leere findet, ist er ein <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Sehnen</hi>; seine Wahrheit ein leeres <hi rendition="#g">Jen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">seits</hi>, dem sich kein gemäßer Inhalt mehr finden läßt, denn alles ist anders ver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wandt. – Der Glauben ist in der That hiemit dasselbe geworden, was die Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>klärung, nemlich das Bewußtseyn der Beziehung des ansichseyenden Endlichen<lb n="35"/>auf das prädicatlose, unerkannte und unerkennbare Absolute; nur <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">sie</hi> die<lb n="36"/><hi rendition="#g">befriedigte</hi>, er aber die <hi rendition="#g">unbefriedigte</hi> Aufklärung ist. Es wird sich jedoch<lb n="37"/>an ihr zeigen, ob sie in ihrer Befriedigung bleiben kann; jenes Sehnen des trüben<lb n="38"/>Geistes, der über den Verlust seiner geistigen Welt trauert, steht im Hinterhalte.<lb n="39"/>Sie selbst hat diesen Makel des unbefriedigten Sehnens an ihr, – als <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Ge-</hi></p>
<pb n="311" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=318" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">genstand</hi>, an ihrem <hi rendition="#g">leeren</hi> absoluten Wesen, – als <hi rendition="#g">Thun</hi> und <hi rendition="#g">Bewegung</hi>,<lb n="2"/>an dem <hi rendition="#g">Hinausgehen</hi> über ihr Einzelwesen zum unerfüllten Jenseits, – als<lb n="3"/><hi rendition="#g">erfüllten</hi> <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> an der <hi rendition="#g">Selbstlosigkeit</hi> des Nützlichen. Sie wird<lb n="4"/>diesen Makel aufheben; aus der nähern Betrachtung des positiven Resultates,<lb n="5"/>das ihr die Wahrheit ist, wird sich ergeben, daß er an sich darin schon aufge<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>hoben ist.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="7"/>b.</head>
<head><lb n="8"/>DIE WAHRHEIT DER AUFKLÄRUNG.</head>
<p><lb n="9"/>Das dumpfe nichts mehr in sich unterscheidende Weben des Geistes ist also<lb n="10"/>in sich selbst jenseits des Bewußtseyns getreten, welches dagegen sich klar geworden<lb n="11"/>ist. – Das erste Moment dieser Klarheit ist in seiner Nothwendigkeit und Bedingung<lb n="12"/>dadurch bestimmt, daß die reine Einsicht, oder sie, die <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Begriff ist, sich<lb n="13"/>verwirklicht; sie thut diß, indem sie das Andersseyn oder die Bestimmtheit an ihr<lb n="14"/>setzt. Auf diese Weise ist sie negative reine Einsicht, d. i. Negation des Begriffs;<lb n="15"/>diese ist ebenso rein; und es ist damit das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>, das absolute Wesen, das<lb n="16"/>sonst keine weitere Bestimmung hat, geworden. Diß näher bestimmt, so ist sie<lb n="17"/>als absoluter Begriff, ein Unterscheiden von Unterschieden, die keine mehr sind,<lb n="18"/>von Abstractionen oder reinen Begriffen, die sich selbst nicht mehr tragen, sondern<lb n="19"/>nur durch <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ganze</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Bewegung</hi> Halt und Unterscheidung haben. Dieses<lb n="20"/>Unterscheiden des Nichtunterschiednen besteht gerade darin, daß der absolute<lb n="21"/>Begriff sich selbst zu seinem <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> macht, und jener <hi rendition="#g">Bewegung</hi><lb n="22"/>gegenüber sich als das <hi rendition="#g">Wesen</hi> setzt. Diß entbehrt hiedurch der Seite, worin die<lb n="23"/>Abstractionen oder Unterschiede <hi rendition="#g">auseinandergehalten</hi> werden, und wird<lb n="24"/>daher das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> als <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi>. – Diß ist also eben jenes dumpfe<lb n="25"/>bewußtlose Weben des Geistes in ihm selbst, zu dem der Glauben herabsank,<lb n="26"/>indem er den unterschiednen Inhalt verlor; – es ist zugleich jene <hi rendition="#g">Bewegung</hi><lb n="27"/>des reinen Selbstbewußtseyns, der es das absolut fremde Jenseits seyn soll. Denn<lb n="28"/>weil diß reine Selbstbewußtseyn die Bewegung in reinen Begriffen, in Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>schieden ist, die keine sind, so fällt es in der That in das bewußtlose Weben, d. i.<lb n="30"/>in das reine <hi rendition="#g">Fühlen</hi> oder in die reine <hi rendition="#g">Dingheit</hi> zusammen. – Der sich selbst<lb n="31"/>entfremdete Begriff – denn er steht hier noch auf der Stuffe dieser Entfremdung –<lb n="32"/>aber erkennt nicht diß <hi rendition="#g">gleiche</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> beyder Seiten, der Bewegung des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>bewußtseyns und seines absoluten Wesens, – nicht das <hi rendition="#g">gleiche</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> der<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>selben, welches in der That ihre Substanz und Bestehen ist. Indem er diese Einheit<lb n="35"/>nicht erkennt, so gilt ihm das Wesen nur in der Form des gegenständlichen Jen-</p>
<pb n="312" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=319" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>seits, das unterscheidende Bewußtseyn aber, das auf diese Weise das Ansich außer<lb n="2"/>ihm hat, als ein endliches Bewußtseyn.</p>
<p><lb n="3"/>Ueber jenes absolute Wesen geräth die Aufklärung selbst mit sich in den Streit,<lb n="4"/>den sie vorher mit dem Glauben hatte, und theilt sich in zwey Partheyen. Eine<lb n="5"/>Parthey bewährt sich erst dadurch als die <hi rendition="#g">Siegende</hi>, daß sie in zwey Partheyen<lb n="6"/>zerfällt; denn darin zeigt sie das Princip, das sie bekämpfte, an ihr selbst zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>sitzen, und hiemit die Einseitigkeit aufgehoben zu haben, in der sie vorher auf<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>trat. Das Interesse, das sich zwischen ihr und der andern theilte, fällt nun ganz in<lb n="9"/>sie und vergißt der andern, weil es in ihr selbst den Gegensatz findet, der es be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>schäfftigt. Zugleich aber ist er in das höhere siegende Element erhoben worden,<lb n="11"/>worin er geläutert sich darstellt. So daß also die in einer Parthey entstehende<lb n="12"/>Zwietracht, welche ein Unglück scheint, vielmehr ihr Glück beweißt.</p>
<p><lb n="13"/>Das reine Wesen selbst hat keinen Unterschied an ihm, daher kommt er so an<lb n="14"/>dasselbe, daß sich zwey solche reine Wesen für das Bewußtseyn, oder ein zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>faches Bewußtseyn desselben hervorthut. – Das reine absolute Wesen ist nur in<lb n="16"/>dem reinen Denken, oder vielmehr es ist das reine Denken selbst, also schlechthin<lb n="17"/><hi rendition="#g">jenseits</hi> des endlichen, des <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyns, und nur das negative Wesen.<lb n="18"/>Aber auf diese Weise ist es eben das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, das negative des Selbstbewußtseyns.<lb n="19"/>Als <hi rendition="#g">negatives</hi> desselben ist es <hi rendition="#g">auch</hi> darauf bezogen; es ist das <hi rendition="#g">äußere</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>,<lb n="20"/>welches auf es, worin die Unterschiede und Bestimmungen fallen, bezogen die<lb n="21"/>Unterschiede an ihm erhält, geschmeckt, gesehen, und so fort zu werden; und das<lb n="22"/>Verhältniß ist die <hi rendition="#g">sinnliche</hi> Gewißheit und Wahrnehmung.</p>
<p><lb n="23"/>Wird von diesem <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> Seyn, worein jenes negative Jenseits noth<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wendig übergeht, ausgegangen, aber von diesen bestimmten Weisen der Beziehung<lb n="25"/>des Bewußtseyns abstrahirt, so bleibt die reine <hi rendition="#g">Materie</hi> übrig als das dumpfe<lb n="26"/>Weben und Bewegen in sich selbst. Es ist hiebey wesentlich, diß zu betrachten,<lb n="27"/>daß die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi> nur das ist, was <hi rendition="#g">übrig</hi> bleibt, wenn wir vom Sehen,<lb n="28"/>Fühlen, Schmecken und so fort <hi rendition="#g">abstrahiren</hi>, das heißt, sie ist nicht das gesehene,<lb n="29"/>geschmeckte, gefühlte, und so fort; es ist nicht die <hi rendition="#g">Materie</hi>, die gesehen, gefühlt,<lb n="30"/>geschmeckt wird, sondern die Farbe, ein Stein, ein Salz u.s.f.; sie ist vielmehr<lb n="31"/>die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Abstraction</hi>; und dadurch ist das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> des <hi rendition="#g">Denkens</hi>,<lb n="32"/>oder das reine Denken selbst vorhanden, als das nicht in sich unterschiedene, nicht<lb n="33"/>bestimmte, prädicatlose Absolute.</p>
<p><lb n="34"/>Die eine Aufklärung nennt das absolute Wesen jenes prädicatlose Absolute,<lb n="35"/>das jenseits des wirklichen Bewußtseyns im Denken ist, von welchem ausgegangen<lb n="36"/>wurde; – die andere nennt es <hi rendition="#g">Materie</hi>. Wenn sie als <hi rendition="#g">Natur</hi>, und Geist oder<lb n="37"/><hi rendition="#g">Gott</hi> unterschieden würden, so würde, dem bewußtlosen Weben in sich selbst,<lb n="38"/>um Natur zu seyn, der Reichthum des entfalteten Lebens fehlen; – dem Geiste<lb n="39"/>oder Gotte das sich in sich unterscheidende Bewußtseyn. Beydes ist, wie wir ge-</p>
<pb n="313" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=320" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>sehen, schlechthin derselbe Begriff; der Unterschied liegt nicht in der Sache,<lb n="2"/>sondern rein nur in dem verschiedenen Ausgangspunkte beyder Bildungen, und<lb n="3"/>darin, daß jede auf einem eigenen Punkte in der Bewegung des Denkens stehen<lb n="4"/>bleibt. Wenn sie darüber hinwegsetzten, würden sie zusammentreffen und als<lb n="5"/>dasselbe erkennen, was der einen, wie sie vorgibt, ein Greuel, der andern eine<lb n="6"/>Thorheit ist. Denn der einen ist das absolute Wesen in ihrem reinen Denken oder<lb n="7"/>unmittelbar für das reine Bewußtseyn, ausser dem endlichen Bewußtseyn, das<lb n="8"/><hi rendition="#g">negative</hi> Jenseits desselben. Würde sie darauf reflectiren, daß theils jene einfache<lb n="9"/>Unmittelbarkeit des Denkens nichts anderes ist als das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, theils das<lb n="10"/>was <hi rendition="#g">negativ</hi> für das Bewußtseyn ist, sich zugleich darauf bezieht, daß im nega<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tiven Urtheile das <hi rendition="#g">ist</hi> (copula) beyde getrennten ebenso zusammenhält, – so<lb n="12"/>würde sich die Beziehung dieses Jenseits in der Bestimmung eines <hi rendition="#g">äussern</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">Seyenden</hi> auf das Bewußtseyn ergeben, und hiemit als dasselbe, was <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Materie</hi> genannt wird; das fehlende Moment der <hi rendition="#g">Gegenwart</hi> wäre gewonnen. –<lb n="15"/>Die andere Aufklärung geht von dem sinnlichen Seyn aus, <hi rendition="#g">abstrahirt</hi> dann<lb n="16"/>von der sinnlichen Beziehung des Schmeckens, Sehens und so fort, und macht<lb n="17"/>es zum reinen <hi rendition="#g">Ansich</hi>, zur <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Materie</hi>, dem nicht gefühlten, noch<lb n="18"/>geschmeckten; diß Seyn ist auf diese Weise das prädicatlose Einfache, Wesen des<lb n="19"/><hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> geworden; es ist der reine Begriff als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyend,<lb n="20"/>oder das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Diese Einsicht macht in ihrem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyn nicht den entgegengesetzten Schritt vom <hi rendition="#g">Seyenden</hi>, welches <hi rendition="#g">rein</hi> seyendes<lb n="22"/>ist, zum Gedachten, das dasselbe ist, als das <hi rendition="#g">rein</hi>seyende, oder nicht vom rein<lb n="23"/>Positiven zum rein Negativen; indem doch das Positive <hi rendition="#g">rein</hi> schlechthin nur<lb n="24"/>durch die Negation ist; das <hi rendition="#g">rein</hi> Negative aber als reines, sich in sich selbst gleich<lb n="25"/>und eben dadurch positiv ist. – Oder beyde sind nicht zum Begriffe der Cartesi<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schen Metaphysik gekommen, daß <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> und <hi rendition="#g">Denken</hi> dasselbe ist,<lb n="27"/>nicht zu dem Gedanken, daß <hi rendition="#g">Seyn</hi>, <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, nicht ein <hi rendition="#g">concretes</hi> <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">liches</hi> ist, sondern die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Abstraction</hi>; und umgekehrt das reine Denken,<lb n="29"/>die Sichselbstgleichheit, oder das Wesen, theils das <hi rendition="#g">Negative</hi> des Selbstbewußtseyns<lb n="30"/>und hiemit <hi rendition="#g">Seyn</hi>, theils als unmittelbare Einfachheit ebenso nichts anderes als <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="31"/>ist; das <hi rendition="#g">Denken</hi> ist <hi rendition="#g">Dingheit</hi>, oder <hi rendition="#g">Dingheit</hi> ist <hi rendition="#g">Denken</hi>.</p>
<p><lb n="32"/>Das Wesen hat hier die <hi rendition="#g">Entzweyung</hi> erst so an ihm, daß es zwey Arten der<lb n="33"/>Betrachtungsweise angehört; theils muß das Wesen den Unterschied an ihm<lb n="34"/>selbst haben, theils gehen eben darin die beyden Betrachtungsarten in Eine zu<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>sammen; denn die abstracten Momente des reinen Seyns und des Negativen, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>durch sie sich unterscheiden, sind alsdenn in dem Gegenstande dieser Betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>tungsweisen vereinigt. – Das gemeinschafftliche Allgemeine ist die Abstraction<lb n="38"/>des reinen Erzitterns in sich selbst, oder des reinen sich selbst Denkens. Diese<lb n="39"/>einfache achsendrehende Bewegung muß sich auseinander werfen, weil sie selbst</p>
<pb n="314" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=321" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>nur Bewegung ist, indem sie ihre Momente unterscheidet. Diese Unterscheidung<lb n="2"/>der Momente läßt das Unbewegte als die leere Hülse des reinen <hi rendition="#g">Seyns</hi>, das kein<lb n="3"/>wirkliches Denken, kein Leben in sich selbst mehr ist, zurück; denn sie ist als der<lb n="4"/>Unterschied aller Inhalt. Sie, die sich <hi rendition="#g">ausser</hi> jener <hi rendition="#g">Einheit</hi> setzt, ist aber hiemit<lb n="5"/>der <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zurückkehrende</hi> Wechsel der Momente, des <hi rendition="#g">ansich</hi> und<lb n="6"/>des <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> und des <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyns; – die Wirklichkeit, wie sie Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>stand für das wirkliche Bewußtseyn der reinen Einsicht ist, – die <hi rendition="#g">Nützlichkeit</hi>.</p>
<p><lb n="8"/>So schlecht die Nützlichkeit dem Glauben, oder der Empfindsamkeit, oder<lb n="9"/>auch der sich Speculation nennenden Abstraction, welche sich das <hi rendition="#g">ansich</hi> fixirt,<lb n="10"/>aussehen mag, so ist sie es, worin die reine Einsicht ihre Realisirung vollendet,<lb n="11"/>und sich selbst ihr <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> ist, den sie nun nicht mehr verleugnet, und der<lb n="12"/>auch nicht den Werth des Leeren oder des reinen Jenseits für sie hat. Denn die<lb n="13"/>reine Einsicht ist, wie wir sahen, der seyende Begriff selbst, oder die sich selbst<lb n="14"/>gleiche reine Persönlichkeit, so sich in sich unterscheidend, daß jedes der unter<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>schiedenen selbst reiner Begriff, das heißt unmittelbar nicht unterschieden ist; sie<lb n="16"/>ist einfaches reines Selbstbewußtseyn, welches ebensowohl <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="17"/>in einer unmittelbaren Einheit ist. Sein <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> ist daher nicht bleibendes<lb n="18"/><hi rendition="#g">Seyn</hi>, sondern hört unmittelbar auf, in seinem Unterschiede etwas zu seyn;<lb n="19"/>ein solches Seyn aber, das unmittelbar keinen Halt hat, ist nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern<lb n="20"/>wesentlich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anders</hi>, das die Macht ist, die es absorbirt. Aber diß zweyte<lb n="21"/>dem ersten, dem <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi>, entgegengesetzte Moment verschwindet ebenso<lb n="22"/>unmittelbar als das erste, oder als <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist es vielmehr das<lb n="23"/><hi rendition="#g">Verschwinden</hi> selbst, und es ist das in sich <hi rendition="#g">zurückgekehrt</hi>, das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">seyn</hi> <hi rendition="#g">gesetzt</hi>. Diß einfache für sich seyn ist aber als die Sichselbstgleichheit viel<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>mehr <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, oder damit <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>. – Diese Natur der reinen Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>sicht in der <hi rendition="#g">Entfaltung</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">Momente</hi>, oder sie als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> drückt<lb n="27"/>das Nützliche aus. Es ist ein <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> bestehendes oder Ding, diß Ansichseyn ist<lb n="28"/>zugleich nur reines Moment; es ist somit absolut <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, aber es ist<lb n="29"/>ebenso nur für ein anderes, als es an sich ist; diese entgegengesetzten Momente<lb n="30"/>sind in die unzertrennliche Einheit des Fürsichseyns zurückgekehrt. Wenn aber<lb n="31"/>das Nützliche wohl den Begriff der reinen Einsicht ausdrückt, so ist es jedoch<lb n="32"/>nicht als solche, sondern sie als <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> oder als ihr <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>; es ist<lb n="33"/>nur der rastlose Wechsel jener Momente, deren eines zwar das in sich selbst zu<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>rückgekehrtseyn selbst ist, aber nur als <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyn, d. h. als ein abstractes gegen<lb n="35"/>die andern auf die Seite tretendes Moment. Das nützliche selbst ist nicht das negative<lb n="36"/>Wesen, diese Momente in ihrer Entgegensetzung zugleich <hi rendition="#g">ungetrennt</hi> in <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="37"/>und <hi rendition="#g">derselben</hi> <hi rendition="#g">Rücksicht</hi>, oder als ein <hi rendition="#g">Denken</hi> an sich zu haben, wie sie als</p>
<pb n="315" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=322" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>reine Einsicht sind; das Moment des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> ist wohl an dem Nützlichen,<lb n="2"/>aber nicht so, daß es über die andern Momente, das <hi rendition="#g">Ansich</hi> und das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="3"/><hi rendition="#g">anderes</hi>, <hi rendition="#g">übergreift</hi>, und somit das <hi rendition="#g">Selbst</hi> wäre. Die reine Einsicht hat also<lb n="4"/>an dem Nützlichen ihren eigenen Begriff in seinen <hi rendition="#g">reinen</hi> Momenten zum<lb n="5"/><hi rendition="#g">Gegenstande</hi>; sie ist das Bewußtseyn dieser <hi rendition="#g">Metaphysik</hi>, aber noch nicht<lb n="6"/>das Begreiffen derselben; es ist noch nicht zu der <hi rendition="#g">Einheit</hi> des <hi rendition="#g">Seyns</hi> und des<lb n="7"/><hi rendition="#g">Begriffs</hi> selbst gekommen. Weil das Nützliche noch die Form eines Gegenstandes<lb n="8"/>für sie hat, hat sie eine zwar nicht mehr an und für sich seyende, aber doch noch<lb n="9"/>eine <hi rendition="#g">Welt</hi>, welche sie von sich unterscheidet. Allein indem die Gegensätze auf die<lb n="10"/>Spitze des Begriffes herausgetreten sind, wird diß die nächste Stuffe seyn, daß<lb n="11"/>sie zusammenstürzen, und die Aufklärung die Früchte ihrer Thaten erfährt.</p>
<p><lb n="12"/>Den erreichten Gegenstand in Beziehung auf diese ganze Sphäre betrachtet, so<lb n="13"/>hatte die wirkliche Welt der Bildung sich in die <hi rendition="#g">Eitelkeit</hi> des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>seyns zusammengefaßt, – in das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, das ihre Verworrenheit noch zu<lb n="15"/>seinem Inhalte hat, und noch der <hi rendition="#g">einzelne</hi> Begriff, noch nicht der für sich <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">gemeine</hi> ist. In sich aber zurückgekehrt ist er die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Einsicht</hi>, – das reine<lb n="17"/>Bewußtseyn als das reine <hi rendition="#g">Selbst</hi>, oder die Negativität, wie der Glauben eben<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>dasselbe als das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> oder die Positivität. Der Glauben hat in jenem<lb n="19"/>Selbst das ihn vervollständigende Moment; – aber durch diese Ergäntzung unter<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gehend, ist es nun an der reinen Einsicht, daß wir die beyden Momente sehen,<lb n="21"/>als das absolute Wesen, das rein <hi rendition="#g">gedacht</hi> oder negatives – und als <hi rendition="#g">Materie</hi>,<lb n="22"/>die das positive <hi rendition="#g">seyende</hi> ist. – Es fehlt dieser Vollständigkeit noch jene <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> des Selbstbewußtseyns, welche dem <hi rendition="#g">eiteln</hi> Bewußtseyn angehört, –<lb n="24"/>die Welt, aus welcher das Denken sich zu sich erhob. Diß Fehlende ist in der<lb n="25"/>Nützlichkeit insofern erreicht, als die reine Einsicht daran die positive Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>ständlichkeit erlangte; sie ist dadurch wirkliches in sich befriedigtes Bewußtseyn.<lb n="27"/>Diese Gegenständlichkeit macht nun ihre <hi rendition="#g">Welt</hi> aus; sie ist die Wahrheit der<lb n="28"/>vorhergehenden ganzen der ideellen wie der reellen Welt geworden. Die erste<lb n="29"/>Welt des Geistes ist das ausgebreitete Reich seines sich zerstreuenden Daseyns und<lb n="30"/>der vereinzelnten <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst; wie die Natur ihr Leben in un<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>endlich mannichfaltige Gestalten zerstreut, ohne daß die <hi rendition="#g">Gattung</hi> derselben<lb n="32"/>vorhanden wäre. Die zweyte enthält die <hi rendition="#g">Gattung</hi>, und ist das Reich des <hi rendition="#g">An<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi>, oder der <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> entgegengesetzt jener Gewißheit. Das dritte<lb n="34"/>aber, das Nützliche ist die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, welche ebenso die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner<lb n="35"/>selbst ist. Dem Reiche der Wahrheit des <hi rendition="#g">Glaubens</hi> fehlt das Princip der <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi> oder Gewißheit seiner selbst als dieses <hi rendition="#g">Einzelnen</hi>. Der Wirklichkeit<lb n="37"/>aber oder Gewißheit seiner selbst als dieses einzelnen fehlt das <hi rendition="#g">Ansich</hi>. In dem<lb n="38"/>Gegenstande der reinen Einsicht sind beyde Welten vereinigt. Das Nützliche ist<lb n="39"/>der Gegenstand, insofern das Selbstbewußtseyn ihn durchschaut, und die <hi rendition="#g">ein-</hi></p>
<pb n="316" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=323" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">zelne</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst, seinen Genuß, (sein <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>) in ihm<lb n="2"/>hat; es <hi rendition="#g">sieht</hi> ihn auf diese Weise ein, und diese Einsicht enthält das <hi rendition="#g">wahre</hi><lb n="3"/>Wesen des Gegenstandes; (ein durchschautes oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> zu seyn)<lb n="4"/>sie ist also selbst <hi rendition="#g">wahres</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi>, und das Selbstbewußtseyn hat ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>mittelbar die allgemeine Gewißheit seiner selbst, sein <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> in<lb n="6"/>diesem Verhältnisse, in welchem also ebenso <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, wie Gegenwart und<lb n="7"/><hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> vereinigt sind. Beyde Welten sind versöhnt, und der Himmel<lb n="8"/>auf die Erde herunter verpflanzt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="9"/>III.</head>
<head><lb n="10"/>Die absolute Freyheit<lb n="11"/>und der Schrecken.</head>
<p><lb n="12"/>Das Bewußtseyn hat in der Nützlichkeit seinen Begriff gefunden. Aber er ist<lb n="13"/>theils noch <hi rendition="#g">Gegenstand</hi>, theils ebendarum noch <hi rendition="#g">Zweck</hi>, in dessen Besitze<lb n="14"/>es sich noch nicht unmittelbar befindet. Die Nützlichkeit ist noch Prädicat des<lb n="15"/>Gegenstandes, nicht Subject selbst, oder seine unmittelbare und einzige <hi rendition="#g">Wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>. Es ist dasselbe, was vorhin so erschien; daß das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> noch<lb n="17"/>nicht sich als die Substanz der übrigen Momente erwiesen, wodurch das Nütz<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>liche unmittelbar nichts anderes als das Selbst des Bewußtseyns und dieses hie<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>durch in seinem Besitze wäre. – Diese Rücknahme der Form der Gegenständlich<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>keit des Nützlichen ist aber <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> schon geschehen, und aus dieser innern Um<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>wälzung tritt die wirkliche Umwälzung der Wirklichkeit, die neue Gestalt des<lb n="22"/>Bewußtseyns, die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> hervor.</p>
<p><lb n="23"/>Es ist nemlich in der That nicht mehr als ein leerer Schein von Gegenständlich<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>keit vorhanden, der das Selbstbewußtseyn von dem Besitze trennt. Denn theils<lb n="25"/>ist überhaupt alles Bestehen und Gelten der bestimmten Glieder der Organisation<lb n="26"/>der wirklichen und geglaubten Welt in diese einfache Bestimmung als in ihren<lb n="27"/>Grund und Geist zurückgegangen; theils aber hat diese nichts eignes mehr für sich,<lb n="28"/>sie ist vielmehr reine Metaphysik, reiner Begriff oder Wissen des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>seyns. Von dem <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyn</hi> des Nützlichen als Gegenstandes erkennt<lb n="30"/>nemlich das Bewußtseyn, daß <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> wesentlich <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="31"/>ist; das <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> als das <hi rendition="#g">Selbstlose</hi> ist in Wahrheit das passive, oder was<lb n="32"/>für ein anderes Selbst ist. Der Gegenstand ist aber für das Bewußtseyn in dieser</p>
<pb n="317" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=324" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>abstracten Form des <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi>, denn es ist reines <hi rendition="#g">Einsehen</hi>, dessen<lb n="2"/>Unterschiede in der reinen Form der Begriffe sind. – Das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> aber,<lb n="3"/>in welches das Seyn für anderes zurückgeht, das Selbst, ist nicht ein von dem Ich<lb n="4"/>verschiednes, eignes Selbst dessen, was Gegenstand heißt; denn das Bewußtseyn<lb n="5"/>als reine Einsicht ist nicht <hi rendition="#g">einzelnes</hi> Selbst, dem der Gegenstand ebenso als<lb n="6"/><hi rendition="#g">eignes</hi> Selbst gegenüberstünde, sondern es ist der reine Begriff, das Schauen des<lb n="7"/>Selbsts in das Selbst, das absolute <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> doppelt sehen; die Gewißheit seiner<lb n="8"/>ist das allgemeine Subject und sein wissender Begriff das Wesen aller Wirklichkeit.<lb n="9"/>Wenn also das Nützliche nur der nicht in seine eigne <hi rendition="#g">Einheit</hi> zurückkehrende<lb n="10"/>Wechsel der Momente, und daher noch Gegenstand für das Wissen war, so hört<lb n="11"/>er auf dieses zu seyn, denn das Wissen ist selbst die Bewegung jener abstracten<lb n="12"/>Momente, es ist das allgemeine Selbst, das Selbst ebenso seiner als des Gegenstandes,<lb n="13"/>und als allgemeines, die in sich zurückkehrende Einheit dieser Bewegung.</p>
<p><lb n="14"/>Hiemit ist der Geist als <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Freyheit</hi> vorhanden; er ist das Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bewußtseyn, welches sich erfaßt, daß seine Gewißheit seiner selbst, das Wesen<lb n="16"/>aller geistigen Massen der realen so wie der übersinnlichen Welt, oder umgekehrt,<lb n="17"/>daß Wesen und Wirklichkeit das Wissen des Bewußtseyns von <hi rendition="#g">sich</hi> ist. – Es<lb n="18"/>ist seiner reinen Persönlichkeit und darinn aller geistigen Realität bewußt, und alle<lb n="19"/>Realität ist nur geistiges; die Welt ist ihm schlechthin sein Willen, und dieser ist<lb n="20"/>allgemeiner Willen. Und zwar ist er nicht der leere Gedanke des Willens, der in<lb n="21"/>stillschweigende oder representirte Einwilligung gesetzt wird, sondern reell all<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gemeiner Willen, Willen aller <hi rendition="#g">einzelner</hi> als solcher. Denn der Willen ist an sich<lb n="23"/>das Bewußtseyn der Persönlichkeit oder eines Jeden, und als dieser wahrhafte<lb n="24"/>wirkliche Willen soll er seyn, als <hi rendition="#g">selbst</hi>bewußtes Wesen aller und jeder Persön<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichkeit, so daß jeder immer ungetheilt Alles thut, und was als Thun des Ganzen<lb n="26"/>auftritt, das unmittelbare und bewußte Thun eines <hi rendition="#g">Jeden</hi> ist.</p>
<p><lb n="27"/>Diese ungetheilte Substanz der absoluten Freyheit erhebt sich auf den Thron<lb n="28"/>der Welt, ohne daß irgend eine Macht ihr Widerstand zu leisten vermöchte. Denn<lb n="29"/>indem in Wahrheit das Bewußtseyn allein das Element ist, worinn die geistigen<lb n="30"/>Wesen oder Mächte ihre Substanz haben, so ist ihr ganzes System, das sich durch<lb n="31"/>die Theilung in Massen organisirte und erhielt, zusammengefallen, nachdem das<lb n="32"/>einzelne Bewußtseyn den Gegenstand so erfaßt, daß er kein anderes Wesen habe,<lb n="33"/>als das Selbstbewußtseyn selbst, oder daß er absolut der Begriff ist. Was den Begriff<lb n="34"/>zum seyenden <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> machte, war seine Unterscheidung in abgesonderte<lb n="35"/><hi rendition="#g">bestehende</hi> Massen; indem aber der Gegenstand zum Begriffe wird, ist nichts<lb n="36"/>bestehendes mehr an ihm; die Negativität hat alle seine Momente durchdrungen.<lb n="37"/>Er tritt so in die Existenz, daß jedes einzelne Bewußtseyn aus der Sphäre, der es<lb n="38"/>zugetheilt war, sich erhebt, nicht mehr in dieser besonderten Masse sein Wesen<lb n="39"/>und sein Werk findet, sondern sein Selbst als den <hi rendition="#g">Begriff</hi> des Willens, alle Massen</p>
<pb n="318" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=325" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>als Wesen dieses Willens erfaßt, und sich hiemit auch nur in einer Arbeit verwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>lichen kann, welche ganze Arbeit ist. In dieser absoluten Freyheit sind also alle<lb n="3"/>Stände, welche die geistigen Wesen sind, worein sich das Ganze gliedert, getilgt;<lb n="4"/>das einzelne Bewußtseyn, das einem solchen Gliede angehörte, und in ihm wollte<lb n="5"/>und vollbrachte, hat seine Schranke aufgehoben: sein Zweck ist der allgemeine<lb n="6"/>Zweck, seine Sprache das allgemeine Gesetz, sein Werk das allgemeine Werk.</p>
<p><lb n="7"/>Der Gegenstand und der <hi rendition="#g">Unterschied</hi> hat hier die Bedeutung der <hi rendition="#g">Nütz<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">lichkeit</hi>, die Prädicat alles realen Seyns war, verloren; das Bewußtseyn fängt<lb n="9"/>seine Bewegung nicht an ihm an als <hi rendition="#g">einem</hi> <hi rendition="#g">fremden</hi>, von dem aus es erst<lb n="10"/>in sich zurückkehrte, sondern der Gegenstand ist ihm das Bewußtseyn selbst;<lb n="11"/>der Gegensatz besteht also allein in dem Unterschiede des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> und <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> Bewußtseyns; aber das einzelne ist sich unmittelbar selbst dasjenige,<lb n="13"/>was nur <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Schein</hi> des Gegensatzes hatte, es ist allgemeines Bewußtseyn und<lb n="14"/>Willen. Das <hi rendition="#g">Jenseits</hi> dieser seiner Wirklichkeit schwebt über dem Leichname<lb n="15"/>der verschwundnen Selbstständigkeit des realen oder geglaubten Seyns nur als<lb n="16"/>die Ausdünstung eines faden Gases, des leeren Etre suprême.</p>
<p><lb n="17"/>Es ist nach Aufhebung der unterschiedenen geistigen Massen, und des beschränk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>ten Lebens der Individuen, so wie seiner beyden Welten also nur die Bewegung<lb n="19"/>des allgemeinen Selbstbewußtseyns in sich selbst vorhanden, als eine Wechsel<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>wirkung desselben in der Form <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> und des <hi rendition="#g">persönlichen</hi><lb n="21"/>Bewußtseyns; der allgemeine Willen geht <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, und ist <hi rendition="#g">einzelner</hi> Willen,<lb n="22"/>dem das allgemeine Gesetz und Werk gegenübersteht. Aber diß <hi rendition="#g">einzelne</hi> Be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wußtseyn ist sich seiner ebenso unmittelbar als allgemeinen Willens bewußt; es<lb n="24"/>ist sich bewußt, daß sein Gegenstand von ihm gegebenes Gesetz und von ihm voll<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>brachtes Werk ist; in Thätigkeit übergehend und Gegenständlichkeit erschaffend,<lb n="26"/>macht es also nichts einzelnes, sondern nur Gesetze, und Staatsactionen.</p>
<p><lb n="27"/>Diese Bewegung ist hiedurch die Wechselwirkung des Bewußtseyns mit sich<lb n="28"/>selbst, worinn es nichts in der Gestalt eines <hi rendition="#g">freyen</hi> ihm gegenüber tretenden<lb n="29"/><hi rendition="#g">Gegenstandes</hi> entläßt. Es folgt daraus, daß es zu keinem positiven Werke,<lb n="30"/>weder zu allgemeinen Werken der Sprache noch der Wirklichkeit, weder zu<lb n="31"/>Gesetzen und allgemeinen Einrichtungen der <hi rendition="#g">bewußten</hi> – noch zu Thaten und<lb n="32"/>Werken <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">wollenden</hi> Freyheit kommen kann. – Das Werk, zu welchem<lb n="33"/>die sich <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> gebende Freyheit sich machen könnte, würde darin be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>stehen, daß sie als <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Substanz sich zum <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> und <hi rendition="#g">blei<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">benden</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> machte. Diß Andersseyn wäre der Unterschied an ihr, wornach<lb n="36"/>sie sich in bestehende geistige Massen und in die Glieder verschiedener Gewalten<lb n="37"/>theilte; theils daß diese Massen die <hi rendition="#g">Gedankendinge</hi> einer gesonderten gesetz-</p>
<pb n="319" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=326" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>gebenden, richterlichen und ausübenden <hi rendition="#g">Gewalt</hi> wären, theils aber die <hi rendition="#g">realen</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">Wesen</hi>, die sich in der realen Welt der Bildung ergaben, und indem der Inhalt<lb n="3"/>des allgemeinen Thuns näher beachtet würde, die besondern Massen des Arbeitens,<lb n="4"/>welche weiter als speciellere <hi rendition="#g">Stände</hi> unterschieden werden. – Die allgemeine<lb n="5"/>Freyheit, die sich auf diese Weise in ihre Glieder gesondert, und ebendadurch zur<lb n="6"/><hi rendition="#g">seyenden</hi> Substanz gemacht hätte, wäre dadurch frey von der einzelnen Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>vidualität und theilte die <hi rendition="#g">Menge</hi> der <hi rendition="#g">Individuen</hi> unter ihre verschiedenen<lb n="8"/>Glieder. Das Thun und Seyn der Persönlichkeit fände sich aber dadurch auf einen<lb n="9"/>Zweig des Ganzen, auf eine Art des Thuns und Seyns beschränkt; in das Element<lb n="10"/>des <hi rendition="#g">Seyns</hi> gesetzt, erhielte sie die Bedeutung einer <hi rendition="#g">bestimmten</hi>; sie hörte auf<lb n="11"/>in Wahrheit allgemeines Selbstbewußtseyn zu seyn. Dieses läßt sich dabey nicht<lb n="12"/>durch die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> des Gehorsams unter <hi rendition="#g">selbstgegebenen</hi> Gesetzen, die<lb n="13"/>ihm einen Theil zuwiesen, noch durch seine <hi rendition="#g">Representation</hi> beym Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>geben und allgemeinen Thun um die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> betriegen, – nicht um die<lb n="15"/>Wirklichkeit, <hi rendition="#g">selbst</hi> das Gesetz zu geben, und nicht ein einzelnes Werk, sondern<lb n="16"/>das allgemeine <hi rendition="#g">selbst</hi> zu vollbringen; denn wobey das Selbst nur <hi rendition="#g">representirt</hi><lb n="17"/>und <hi rendition="#g">vorgestellt</hi> ist, da ist es nicht <hi rendition="#g">wirklich</hi>; wo es <hi rendition="#g">vertreten</hi> ist, ist es nicht.</p>
<p><lb n="18"/>Wie in diesem <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Werke</hi> der absoluten Freyheit als daseyender<lb n="19"/>Substanz sich das einzelne Selbstbewußtseyn nicht findet, eben so wenig in eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichen <hi rendition="#g">Thaten</hi> und <hi rendition="#g">individuellen</hi> Handlungen ihres Willens. Daß das All<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gemeine zu einer That komme, muß es sich in das Eins der Individualität zu<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sammennehmen, und ein einzelnes Selbstbewußtseyn an die Spitze stellen; denn<lb n="23"/>der allgemeine Willen ist nur in einem Selbst, das Eines ist, <hi rendition="#g">wirklicher</hi> Willen.<lb n="24"/>Dadurch aber sind <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> <hi rendition="#g">Einzelnen</hi> von dem <hi rendition="#g">Ganzen</hi> dieser That<lb n="25"/>ausgeschlossen, und haben nur einen beschränkten Antheil an ihr, so daß die That<lb n="26"/>nicht That des <hi rendition="#g">wirklichen</hi> <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Selbstbewußtseyns seyn würde. –<lb n="27"/>Kein positives Werk noch That kann also die allgemeine Freyheit hervorbringen;<lb n="28"/>es bleibt ihr nur das <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">Thun</hi>; sie ist nur die <hi rendition="#g">Furie</hi> des Verschwindens.</p>
<p><lb n="29"/>Aber die höchste und der allgemeinen Freyheit entgegengesetzteste Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>keit oder vielmehr der einzige Gegenstand, der für sie noch wird, ist die Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>heit und Einzelnheit des wirklichen Selbstbewußtseyns selbst. Denn jene All<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>gemeinheit, die sich nicht zu der Realität der organischen Gegliederung kommen<lb n="33"/>läßt, und in der ungetheilten Continuität sich zu erhalten den Zweck hat, unter<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>scheidet sich in sich zugleich, weil sie Bewegung oder Bewußtseyn überhaupt<lb n="35"/>ist. Und zwar um ihrer eignen Abstraction willen, trennt sie sich in eben so abstracte<lb n="36"/>Extreme, in die einfache unbiegsame kalte Allgemeinheit, und in die discrete ab<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>solute harte Sprödigkeit und eigensinnige Punctualität des wirklichen Selbst-</p>
<pb n="320" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=327" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>bewußtseyns. Nachdem sie mit der Vertilgung der realen Organisation fertig<lb n="2"/>geworden, und nun für sich besteht, ist diß ihr einziger Gegenstand; – ein Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>stand, der keinen andern Inhalt, Besitz, Daseyn und äusserliche Ausdehnung mehr<lb n="4"/>hat, sondern er ist nur diß Wissen von sich als absolut reinem und freyem einzelnem<lb n="5"/>Selbst. An was er erfaßt werden kann, ist allein sein <hi rendition="#g">abstractes</hi> Daseyn über<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>haupt. – Das Verhältniß also dieser beyden, da sie untheilbar absolut für sich sind,<lb n="7"/>und also keinen Theil in die Mitte schicken können, wodurch sie sich verknüpften,<lb n="8"/>ist die ganz <hi rendition="#g">unvermittelte</hi> reine Negation; und zwar die Negation des Einzelnen<lb n="9"/>als <hi rendition="#g">Seyenden</hi> in dem Allgemeinen. Das einzige Werk und That der allgemeinen<lb n="10"/>Freyheit ist daher der <hi rendition="#g">Tod</hi>, und zwar ein <hi rendition="#g">Tod</hi>, der keinen innern Umfang und<lb n="11"/>Erfüllung hat, denn was negirt wird, ist der unerfüllte Punkt des absolutfreyen<lb n="12"/>Selbsts; er ist also der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung, als das<lb n="13"/>Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers.</p>
<p><lb n="14"/>In der Plattheit dieser Sylbe besteht die Weisheit der Regierung, der Verstand<lb n="15"/>des allgemeinen Willens sich zu vollbringen. Die Regierung ist selbst nichts anders,<lb n="16"/>als der sich festsetzende Punkt oder die Individualität des allgemeinen Willens.<lb n="17"/>Sie, ein Wollen und Vollbringen, das aus einem Punkte ausgeht, will und voll<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>bringt zugleich eine bestimmte Anordnung und Handlung. Sie schließt damit<lb n="19"/>einerseits die übrigen Individuen aus ihrer That aus, andererseits constituirt sie<lb n="20"/>sich dadurch als eine solche, die ein bestimmter Willen, und dadurch dem all<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gemeinen Willen entgegengesetzt ist; sie kann daher schlechterdings nicht anders,<lb n="22"/>denn als eine <hi rendition="#g">Faction</hi> sich darstellen. Die <hi rendition="#g">siegende</hi> Faction nur heißt Regierung,<lb n="23"/>und ebendarin daß sie Faction ist, liegt unmittelbar die Nothwendigkeit ihres<lb n="24"/>Untergangs; und daß sie Regierung ist, diß macht sie umgekehrt zur Faction und<lb n="25"/>schuldig. Wenn der allgemeine Willen sich an ihr wirkliches Handeln als an das<lb n="26"/>Verbrechen hält, das sie gegen ihn begeht, so hat sie dagegen nichts Bestimmtes<lb n="27"/>und Aeusseres, wodurch die Schuld des ihr entgegengesetzten Willens sich dar<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>stellte; denn ihr als dem <hi rendition="#g">wirklichen</hi> allgemeinen Willen steht nur der unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liche reine Willen, die <hi rendition="#g">Absicht</hi>, gegenüber. <hi rendition="#g">Verdächtig</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> tritt daher<lb n="30"/>an die Stelle, oder hat die Bedeutung und Wirkung des <hi rendition="#g">Schuldigseyns</hi>, und<lb n="31"/>die äusserliche Reaction gegen diese Wirklichkeit, die in dem einfachen Innern<lb n="32"/>der Absicht liegt, besteht in dem trocknen Vertilgen dieses seyenden Selbsts, an<lb n="33"/>dem nichts sonst wegzunehmen ist, als nur sein Seyn selbst.</p>
<p><lb n="34"/>In diesem ihrem eigenthümlichen <hi rendition="#g">Werke</hi> wird die absolute Freyheit sich<lb n="35"/>zum Gegenstande, und das Selbstbewußtseyn erfährt, was sie <hi rendition="#g">ist</hi>. <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist<lb n="36"/>sie eben diß <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, welches allen Unterschied und<lb n="37"/>alles Bestehen des Unterschiedes in sich vertilgt. Als dieses ist sie sich der Gegen-</p>
<pb n="321" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=328" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>stand; der <hi rendition="#g">Schrecken</hi> des Todes ist die Anschauung dieses ihres negativen Wesens.<lb n="2"/>Diese seine Realität findet aber das absolutfreye Selbstbewußtseyn ganz anders<lb n="3"/>als ihr Begriff von ihr selbst war, daß nemlich der allgemeine Willen nur das<lb n="4"/><hi rendition="#g">positive</hi> Wesen der Persönlichkeit sey, und diese in ihm sich nur positiv oder<lb n="5"/>erhalten wisse. Sondern hier ist für es, das als reine Einsicht sein positives und<lb n="6"/>negatives Wesen, – das prädicatlose Absolute als reines <hi rendition="#g">Denken</hi>, und als reine<lb n="7"/><hi rendition="#g">Materie</hi> schlechthin trennt, – der absolute <hi rendition="#g">Uebergang</hi> von dem einen in das<lb n="8"/>andere, in seiner Wirklichkeit vorhanden. – Der allgemeine Willen, als absolut<lb n="9"/><hi rendition="#g">positives</hi> wirkliches Selbstbewußtseyn, schlägt, weil es diese zum <hi rendition="#g">reinen</hi> Den<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ken oder zur <hi rendition="#g">abstracten</hi> Materie <hi rendition="#g">gesteigerte</hi> selbstbewußte Wirklichkeit<lb n="11"/>ist, in das <hi rendition="#g">negative</hi> Wesen um, und erweißt sich ebenso <hi rendition="#g">Aufheben</hi> des <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="12"/><hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> oder des Selbstbewußtseyns zu seyn.</p>
<p><lb n="13"/>Die absolute Freyheit hat also als <hi rendition="#g">reine</hi> Sichselbstgleichheit des allgemeinen<lb n="14"/>Willens die <hi rendition="#g">Negation</hi>, damit aber <hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> überhaupt an ihr, und<lb n="15"/>entwickelt diesen wieder als <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Unterschied. Denn die reine <hi rendition="#g">Nega<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">tivität</hi> hat an dem sich selbstgleichen allgemeinen Willen das <hi rendition="#g">Element</hi> des<lb n="17"/><hi rendition="#g">Bestehens</hi> oder die <hi rendition="#g">Substanz</hi>, worin ihre Momente sich realisiren, sie hat die<lb n="18"/>Materie welche sie in ihre Bestimmtheit verwenden kann; und insofern diese<lb n="19"/>Substanz sich als das negative für das einzelne Bewußtseyn gezeigt hat, bildet sich<lb n="20"/>also wieder die Organisation der geistigen Massen aus, denen die Menge der<lb n="21"/>individuellen Bewußtseyn zugetheilt wird. Diese, welche die Furcht ihres abso<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>luten Herrn, des Todes empfunden, lassen sich die Negation und die Unterschiede<lb n="23"/>wieder gefallen, ordnen sich unter die Massen, und kehren zu einem getheilten<lb n="24"/>und beschränkten Werke, aber dadurch zu ihrer substantiellen Wirklichkeit zurück.</p>
<p><lb n="25"/>Der Geist wäre aus diesem Tumulte zu seinem Ausgangspunkte, der sittlichen<lb n="26"/>und realen Welt der Bildung, zurückgeschleudert, welche durch die Furcht des<lb n="27"/>Herrn, die wieder in die Gemüther gekommen, nur erfrischt und verjüngt worden.<lb n="28"/>Der Geist müßte diesen Kreislauf der Nothwendigkeit von neuem durchlauffen<lb n="29"/>und immer wiederhohlen, wenn nur die vollkommne Durchdringung des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bewußtseyns und der Substanz, das Resultat wäre, – eine Durchdringung, worin<lb n="31"/>das Selbstbewußtseyn, das die gegen es negative Krafft seines allgemeinen Wesens<lb n="32"/>erfahren, sich nicht als dieses Besondre, sondern nur als Allgemeines wissen und<lb n="33"/>finden wollte, und daher auch die gegenständliche es als Besonders ausschliessende<lb n="34"/>Wirklichkeit des allgemeinen Geistes ertragen könnte. – Aber in der absoluten<lb n="35"/>Freyheit war nicht, weder das Bewußtseyn, das in mannichfaltiges Daseyn ver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>senkt ist, oder das sich bestimmte Zwecke und Gedanken festsetzt, – noch eine<lb n="37"/><hi rendition="#g">äussere</hi> geltende Welt, es sey der Wirklichkeit oder des Denkens, miteinander</p>
<pb n="322" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=329" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>in Wechselwirkung, sondern die Welt schlechthin in der Form des Bewußtseyns,<lb n="2"/>als allgemeiner Willen und ebenso das Selbstbewußtseyn zusammengezogen aus<lb n="3"/>allem ausgedehnten Daseyn oder mannichfaltigem Zweck und Urtheil in das<lb n="4"/>einfache Selbst. Die Bildung, die es in der Wechselwirkung mit jenem Wesen<lb n="5"/>erlangt, ist daher die erhabenste und letzte, seine reine einfache Wirklichkeit un<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mittelbar verschwinden und in das leere Nichts übergehen zu sehen. In der Welt<lb n="7"/>der Bildung selbst, kommt es nicht dazu, seine Negation oder Entfremdung in<lb n="8"/>dieser Form der reinen Abstraction anzuschauen; sondern seine Negation ist die<lb n="9"/>erfüllte; entweder die Ehre oder der Reichthum, die es an die Stelle des Selbsts,<lb n="10"/>dessen es sich entfremdete, gewinnt; – oder die Sprache des Geistes und der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sicht, die das zerrissene Bewußtseyn erlangt; oder sie ist der Himmel des Glaubens,<lb n="12"/>oder das Nützliche der Aufklärung. Alle diese Bestimmungen sind in dem Verluste,<lb n="13"/>den das Selbst in der absoluten Freyheit erfährt, verloren; seine Negation ist der<lb n="14"/>bedeutungslose Tod, der reine Schrecken des Negativen, das nichts positives,<lb n="15"/>nichts erfüllendes in ihm hat. – Zugleich aber ist diese Negation in ihrer Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichkeit nicht ein <hi rendition="#g">Fremdes</hi>, sie ist weder die allgemeine jenseits liegende <hi rendition="#g">Noth<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">wendigkeit</hi>, worin die sittliche Welt untergeht, noch der einzelne Zufall des<lb n="18"/>eignen Besitzes oder der Laune des Besitzenden, von dem das zerrissne Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyn sich abhängig sieht, – sondern sie ist der <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi>, der in dieser<lb n="20"/>seiner letzten Abstraction nichts positives hat, und daher nichts für die Aufopferung<lb n="21"/>zurückgeben kann, – aber ebendarum ist er unvermittelt eins mit dem Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>bewußtseyn, oder er ist das rein positive, weil er das rein negative ist; und der<lb n="23"/>bedeutungslose Tod, die unerfüllte Negativität des Selbsts schlägt im innern<lb n="24"/>Begriffe zur absoluten Positivität um. Für das Bewußtseyn verwandelt sich die<lb n="25"/>unmittelbare Einheit seiner mit dem allgemeinen Willen, seine Foderung sich als<lb n="26"/>diesen bestimmten Punkt im allgemeinen Willen zu wissen, in die schlechthin<lb n="27"/>entgegengesetzte Erfahrung um. Was ihm darin verschwindet, ist das abstracte<lb n="28"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> oder die Unmittelbarkeit des substanzlosen Punkts, und diese verschwundne<lb n="29"/>Unmittelbarkeit ist der allgemeine Willen selbst, als welchen es sich nun weiß,<lb n="30"/>insofern es <hi rendition="#g">aufgehobne</hi> <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, insofern es reines Wissen oder<lb n="31"/>reiner Willen ist. Hiedurch weiß es ihn als sich selbst und sich als Wesen, aber nicht<lb n="32"/>als das <hi rendition="#g">unmittelbarseyende</hi> Wesen, weder ihn als die revolutionäre Regierung<lb n="33"/>oder als die die Anarchie zu constituiren strebende Anarchie, noch sich als Mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>punkt dieser Faction oder der ihr entgegengesetzten, sondern der <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Willen</hi> ist sein <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Wollen</hi>, und es ist allgemeiner Willen,</p>
<pb n="323" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=330" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. SICH ENTFREMDETER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>als dieses reine Wissen und Wollen. Es verliert darin nicht <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, denn<lb n="2"/>das reine Wissen und Wollen ist vielmehr es, als der atome Punkt des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyns. Es ist also die Wechselwirkung des reinen Wissens mit sich selbst; das reine<lb n="4"/><hi rendition="#g">Wissen</hi> als <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist der allgemeine Willen; aber dieses <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>hin nur das reine Wissen. Das Selbstbewußtseyn ist also das reine Wissen von<lb n="6"/>dem Wesen als reinem Wissen. Es ferner als <hi rendition="#g">einzelnes</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist nur die<lb n="7"/>Form des Subjects oder wirklichen Thuns, die von ihm als <hi rendition="#g">Form</hi> gewußt wird;<lb n="8"/>ebenso ist für es die <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Wirklichkeit, das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, schlechthin selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lose Form; denn sie wäre das nicht gewußte; diß Wissen aber weiß das Wissen als<lb n="10"/>das Wesen.</p>
<p><lb n="11"/>Die absolute Freyheit hat also den Gegensatz des allgemeinen und einzelnen<lb n="12"/>Willens mit sich selbst ausgeglichen; der sich entfremdete Geist, auf die Spitze<lb n="13"/>seines Gegensatzes getrieben, in welchem das reine Wollen und das rein Wollende<lb n="14"/>noch unterschieden sind, setzt ihn zur durchsichtigen Form herab, und findet<lb n="15"/>darin sich selbst. – Wie das Reich der wirklichen Welt in das Reich des Glaubens<lb n="16"/>und der Einsicht übergeht, so geht die absolute Freyheit aus ihrer sich selbst<lb n="17"/>zerstörenden Wirklichkeit in ein anderes Land des selbstbewußten Geistes über,<lb n="18"/>worin sie in dieser Unwirklichkeit als das Wahre gilt, an dessen Gedanken er sich<lb n="19"/>labt, insofern <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">Gedanke</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> und bleibt, und dieses in das Selbstbewußtseyn<lb n="20"/>eingeschlossene Seyn als das vollkommne und vollständige Wesen weiß. Es ist die<lb n="21"/>neue Gestalt des <hi rendition="#g">moralischen</hi> <hi rendition="#g">Geistes</hi> entstanden.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="22"/>C.<lb n="23"/>DER SEINER SELBST GEWISSE GEIST.<lb n="24"/>DIE MORALITÄT.</head>
<p><lb n="25"/>Die sittliche Welt zeigte den in ihr nur abgeschiednen Geist, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">Selbst</hi>, als ihr Schicksal und ihre Wahrheit. Diese <hi rendition="#g">Person</hi> des <hi rendition="#g">Rechts</hi> aber hat<lb n="27"/>ihre Substanz und Erfüllung ausser ihr. Die Bewegung der Welt der Bildung und<lb n="28"/>des Glaubens hebt diese Abstraction der Person auf, und durch die vollendete<lb n="29"/>Entfremdung, durch die höchste Abstraction, wird dem Selbst des Geistes die<lb n="30"/>Substanz zuerst zum <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Willen</hi>, und endlich zu seinem Eigenthum.<lb n="31"/>Hier also scheint das Wissen endlich seiner Wahrheit vollkommen gleich geworden<lb n="32"/>zu seyn; denn seine Wahrheit ist diß Wissen selbst, und aller Gegensatz beyder<lb n="33"/>Seiten verschwunden; und zwar nicht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi>, oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, sondern für das<lb n="34"/>Selbstbewußtseyn selbst. Es ist nemlich über den Gegensatz des Bewußtseyns</p>
<pb n="324" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=331" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>selbst Meister geworden. Dieses beruht auf dem Gegensatze der Gewißheit seiner<lb n="2"/>selbst und des Gegenstandes; nun aber ist der Gegenstand ihm selbst die Gewißheit<lb n="3"/>seiner, das Wissen – so wie die Gewißheit seiner selbst als solche nicht mehr eigne<lb n="4"/>Zwecke hat, also nicht mehr in der Bestimmtheit, sondern reines Wissen ist.</p>
<p><lb n="5"/>Das Wissen des Selbstbewußtseyns ist ihm also die <hi rendition="#g">Substanz</hi> selbst. Sie ist<lb n="6"/>für es ebenso <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> als absolut <hi rendition="#g">vermittelt</hi> in einer ungetrennten Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>heit. <hi rendition="#g">Unmittelbar</hi> – wie das sittliche Bewußtseyn weiß und thut es selbst die<lb n="8"/>Pflicht und gehört ihr als seiner Natur an; aber es ist nicht <hi rendition="#g">Charakter</hi>, wie<lb n="9"/>dieses, das um seiner Unmittelbarkeit willen ein bestimmter Geist ist, nur Einer<lb n="10"/>der sittlichen Wesenheiten angehört, und die Seite hat, <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">wissen</hi>. – Es<lb n="11"/>ist <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Vermittlung</hi>, wie das sich bildende und das glaubende Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn; denn es ist wesentlich die Bewegung des Selbsts, die Abstraction des <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Daseyns</hi> aufzuheben, und sich allgemeines zu werden; – aber<lb n="14"/>weder durch reine Entfremdung und Zerreissung seines Selbsts und der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichkeit, – noch durch die Flucht. Sondern es ist sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> in seiner Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stanz <hi rendition="#g">gegenwärtig</hi>, denn sie ist sein Wissen, sie ist die angeschaute reine Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>heit seiner selbst; und eben <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, die seine eigne Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>keit ist, ist alle Wirklichkeit, denn das Unmittelbare ist das <hi rendition="#g">Seyn</hi> selbst, und als<lb n="19"/>die reine durch die absolute Negativität geläuterte Unmittelbarkeit ist sie reines,<lb n="20"/>ist sie <hi rendition="#g">Seyn</hi> überhaupt oder <hi rendition="#g">alles</hi> Seyn.</p>
<p><lb n="21"/>Das absolute Wesen ist daher nicht in der Bestimmung erschöpft, das einfache<lb n="22"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> des <hi rendition="#g">Denkens</hi> zu seyn, sondern es ist alle <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, und diese<lb n="23"/>Wirklichkeit ist nur als Wissen; was das Bewußtseyn nicht wüßte, hätte keinen<lb n="24"/>Sinn und kann keine Macht für es seyn; in seinen wissenden Willen hat sich alle<lb n="25"/>Gegenständlichkeit und Welt zurückgezogen. Es ist absolut frey, darin daß es<lb n="26"/>seine Freyheit weiß, und eben diß Wissen seiner Freyheit ist seine Substanz und<lb n="27"/>Zweck und einziger Inhalt.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="28"/>a.</head>
<head><lb n="29"/>Die moralische Weltanschauung.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="30"/>Das Selbstbewußtseyn weiß die Pflicht, als das absolute Wesen; es ist nur durch<lb n="31"/>sie gebunden, und diese Substanz ist sein eignes reines Bewußtseyn; die Pflicht<lb n="32"/>kann nicht die Form eines Fremden für es erhalten. So aber in sich selbst beschlossen</p>
<pb n="325" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=332" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>ist das moralische Selbstbewußtseyn noch nicht als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> gesetzt und be<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>trachtet. Der Gegenstand ist unmittelbares Wissen, und so rein von dem Selbst durch<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>drungen ist er nicht Gegenstand. Aber wesentlich die Vermittlung und Negativität,<lb n="4"/>hat es in seinem Begriffe die Beziehung auf ein <hi rendition="#g">Andersseyn</hi>; und ist Bewußtseyn.<lb n="5"/>Diß Andersseyn ist einerseits, weil die Pflicht seinen einzigen wesentlichen Zweck<lb n="6"/>und Gegenstand ausmacht, für es eine völlig <hi rendition="#g">bedeutungslose</hi> Wirklichkeit. Weil<lb n="7"/>diß Bewußtseyn aber so vollkommen in sich beschlossen ist, so verhält es sich gegen<lb n="8"/>diß Andersseyn vollkommen frey und gleichgültig, und das Daseyn ist daher ande<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>rerseits ein vom Selbstbewußtseyn völlig freygelassenes, sich ebenso nur auf sich be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ziehendes Daseyn; je freyer das Selbstbewußtseyn wird, desto freyer auch der nega<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tive Gegenstand seines Bewußtseyns. Er ist hiedurch eine zur eignen Individualität<lb n="12"/>in sich vollendete Welt, ein selbstständiges Ganzes eigenthümlicher Gesetze, so wie<lb n="13"/>ein selbstständiger Gang und freye Verwirklichung derselben, – eine <hi rendition="#g">Natur</hi> über<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>haupt, deren Gesetze wie ihr Thun ihr selbst angehören, als einem Wesen, das un<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>bekümmert um das moralische Selbstbewußtseyn ist, wie dieses um sie.</p>
<p><lb n="16"/>Von dieser Bestimmung an bildet sich eine <hi rendition="#g">moralische</hi> <hi rendition="#g">Weltanschauung</hi><lb n="17"/>aus, die in der <hi rendition="#g">Beziehung</hi> des <hi rendition="#g">moralischen</hi> An- und Fürsichseyns und des<lb n="18"/><hi rendition="#g">natürlichen</hi> An- und Fürsichseyns besteht. Dieser Beziehung liegt zum Grunde<lb n="19"/>sowohl die völlige <hi rendition="#g">Gleichgültigkeit</hi> und eigne <hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi> der<lb n="20"/><hi rendition="#g">Natur</hi>, und der <hi rendition="#g">moralischen</hi> Zwecke und Thätigkeit gegeneinander, als auf<lb n="21"/>der andern Seite das Bewußtseyn der alleinigen Wesenheit der Pflicht und der<lb n="22"/>völligen Unselbstständigkeit und Unwesenheit der Natur. Die moralische Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>anschauung enthält die Entwicklung der Momente, die in dieser Beziehung so<lb n="24"/>ganz widerstreitender Voraussetzungen enthalten sind.</p>
<p><lb n="25"/>Zuerst also ist das moralische Bewußtseyn überhaupt vorausgesetzt; die Pflicht<lb n="26"/>gilt ihm als das Wesen, ihm, das <hi rendition="#g">wirklich</hi> und <hi rendition="#g">thätig</hi> ist, und in seiner Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lichkeit und That die Pflicht erfüllt. Für diß moralische Bewußtseyn ist aber<lb n="28"/>zugleich die vorausgesetzte Freyheit der Natur, oder es <hi rendition="#g">erfährt</hi>, daß die Natur<lb n="29"/>unbekümmert darum ist, ihm das Bewußtseyn der Einheit seiner Wirklichkeit<lb n="30"/>mit der ihrigen zu geben, und es also <hi rendition="#g">vielleicht</hi> <hi rendition="#g">glücklich</hi> werden läßt, <hi rendition="#g">viel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">leicht</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi>. Das unmoralische Bewußtseyn dagegen findet vielleicht<lb n="32"/>zufälligerweise seine Verwirklichung, wo das moralische nur <hi rendition="#g">Veranlassung</hi><lb n="33"/>zum Handeln, aber durch dasselbe nicht das Glück der Ausführung und des Genus<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ses der Vollbringung ihm zu Theil werden sieht. Es findet daher vielmehr Grund<lb n="35"/>zu Klagen über solchen Zustand der Unangemessenheit seiner und des Daseyns,<lb n="36"/>und der Ungerechtigkeit, die es darauf einschränkt, seinen Gegenstand nur als <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="37"/><hi rendition="#g">Pflicht</hi> zu haben, aber ihm denselben, und <hi rendition="#g">sich</hi> verwirklicht zu sehen versagt.</p>
<pb n="326" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=333" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Das moralische Bewußtseyn kann nicht auf die Glückseligkeit Verzicht thun,<lb n="2"/>und diß Moment aus seinem absoluten Zwecke weglassen. Der Zweck, der als<lb n="3"/><hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> ausgesprochen wird, hat wesentlich diß an ihm, dies <hi rendition="#g">einzelne</hi><lb n="4"/>Selbstbewußtseyn zu enthalten; die <hi rendition="#g">individuelle</hi> <hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi> und das<lb n="5"/>Wissen von ihr machten ein absolutes Moment der Moralität aus. Dieses Moment<lb n="6"/>an dem <hi rendition="#g">gegenständlich</hi> gewordenen <hi rendition="#g">Zwecke</hi>, an der <hi rendition="#g">erfüllten</hi> Pflicht,<lb n="7"/>ist das sich als verwirklicht anschauende <hi rendition="#g">einzelne</hi> Bewußtseyn, oder der <hi rendition="#g">Genuß</hi>,<lb n="8"/>der hiemit im Begriffe zwar nicht unmittelbar der Moralität als <hi rendition="#g">Gesinnung</hi><lb n="9"/>betrachtet liegt, allein im Begriffe der <hi rendition="#g">Verwirklichung</hi> derselben. Hiedurch<lb n="10"/>aber liegt er auch in ihr als <hi rendition="#g">Gesinnung</hi>; denn diese geht darauf, nicht Gesinnung<lb n="11"/>im Gegensatze des Handelns zu bleiben, sondern zu <hi rendition="#g">handeln</hi>, oder sich zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wirklichen. Der Zweck als das Ganze mit dem Bewußtseyn seiner Momente aus<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gesprochen, ist also diß, daß die erfüllte Pflicht ebensowohl reinmoralische Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lung, als realisirte <hi rendition="#g">Individualität</hi> sey, und die <hi rendition="#g">Natur</hi>, als die Seite der <hi rendition="#g">Ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">zelnheit</hi> gegen den abstracten Zweck, <hi rendition="#g">eins</hi> sey mit diesem. – So nothwendig<lb n="16"/>die Erfahrung von der Disharmonie beyder Seiten ist, weil die Natur frey ist,<lb n="17"/>ebenso ist auch die Pflicht allein das Wesentliche, und die Natur gegen sie das<lb n="18"/>Selbstlose. Jener ganze <hi rendition="#g">Zweck</hi>, den die Harmonie ausmacht, enthält die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>lichkeit selbst in sich. Er ist zugleich der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>. Die<lb n="20"/>Harmonie der Moralität und der Natur, – oder indem die Natur nur insofern in<lb n="21"/>Betracht kömmt, als das Bewußtseyn ihre Einheit mit ihm erfährt, – die Har<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>monie der Moralität und der Glückseligkeit ist <hi rendition="#g">gedacht</hi> als nothwendig <hi rendition="#g">seyend</hi>,<lb n="23"/>oder sie ist <hi rendition="#g">postulirt</hi>. Denn <hi rendition="#g">Fodern</hi> drückt aus, daß etwas <hi rendition="#g">seyend</hi> gedacht<lb n="24"/>wird, das noch nicht wirklich ist; eine Nothwendigkeit nicht des <hi rendition="#g">Begriffes</hi>,<lb n="25"/>als Begriffes, sondern des <hi rendition="#g">Seyns</hi>. Aber die Nothwendigkeit ist zugleich wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lich die Beziehung durch den Begriff. Das gefoderte <hi rendition="#g">Seyn</hi> gehört also nicht dem<lb n="27"/>Vorstellen des zufälligen Bewußtseyns an, sondern es liegt im Begriffe der Morali<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tät selbst, dessen wahrer Inhalt die <hi rendition="#g">Einheit</hi> des <hi rendition="#g">reinen</hi> und <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>seyns ist; dem letztern gehört diß an, daß diese Einheit <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> als eine Wirklichkeit<lb n="30"/>sey, was im <hi rendition="#g">Inhalte</hi> des Zwecks Glückseligkeit, in seiner <hi rendition="#g">Form</hi> aber Daseyn<lb n="31"/>überhaupt ist. – Diß gefoderte Daseyn oder die Einheit beyder ist darum nicht ein<lb n="32"/>Wunsch, oder als Zweck betrachtet, nicht ein solcher, dessen Erreichung noch<lb n="33"/>ungewiß wäre, sondern er ist eine Foderung der Vernunft, oder unmittelbare<lb n="34"/>Gewißheit und Voraussetzung derselben.</p>
<p><lb n="35"/>Jene erste Erfahrung und diß Postulat ist nicht das einzige, sondern es thut sich<lb n="36"/>ein ganzer Kreis von Postulaten auf. Die Natur ist nemlich nicht nur diese ganz<lb n="37"/>freye <hi rendition="#g">äusserliche</hi> Weise, in welcher als einem reinen Gegenstande das Bewußt-</p>
<pb n="327" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=334" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>seyn seinen Zweck zu realisiren hätte. Dieses ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> wesentlich ein<lb n="2"/>solches, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> diß andere freye Wirkliche ist, d. h. es ist selbst ein zu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>fälliges und natürliches. Diese Natur, die ihm die seinige ist, ist die <hi rendition="#g">Sinnlich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi>, die in der <hi rendition="#g">Gestalt</hi> des Wollens, als <hi rendition="#g">Triebe</hi> und <hi rendition="#g">Neigungen</hi>, für sich<lb n="5"/><hi rendition="#g">eigene</hi> <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Wesenheit oder <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Zwecke</hi> hat, also dem reinen<lb n="6"/>Willen und seinem reinen Zwecke entgegengesetzt ist. Gegen diese Entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>setzung aber ist dem reinen Bewußtseyn vielmehr die Beziehung der Sinnlichkeit<lb n="8"/>auf es, ihre absolute Einheit mit ihm das Wesen. Beydes, das reine Denken und<lb n="9"/>die Sinnlichkeit des Bewußtseyns, sind <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">Ein</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, und das<lb n="10"/>reine Denken ist eben dieses, für welches und in welchem diese reine Einheit<lb n="11"/>ist; für es aber als Bewußtseyn ist der Gegensatz seiner selbst und der Triebe. In<lb n="12"/>diesem Widerstreit der Vernunft und der Sinnlichkeit ist für jene diß das Wesen,<lb n="13"/>daß er sich auflöse, und als <hi rendition="#g">Resultat</hi> die Einheit beyder hervorgehe, die nicht<lb n="14"/>jene <hi rendition="#g">ursprüngliche</hi>, daß beyde in Einem Individuum sind, sondern eine solche<lb n="15"/>ist, die aus dem <hi rendition="#g">gewußten</hi> Gegensatze beyder hervorgeht. Solche Einheit erst<lb n="16"/>ist die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Moralität, denn in ihr ist der Gegensatz, wodurch das Selbst<lb n="17"/>Bewußtseyn oder erst wirkliches und in der That Selbst und zugleich allgemeines<lb n="18"/>ist, enthalten; oder es ist diejenige <hi rendition="#g">Vermittlung</hi> darin ausgedrückt, welche der<lb n="19"/>Moralität, wie wir sehen, wesentlich ist. – Indem unter den beyden Momenten<lb n="20"/>des Gegensatzes die Sinnlichkeit schlechthin das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> oder das Negative,<lb n="21"/>hingegen das reine Denken der Pflicht das Wesen ist, von welchem nichts auf<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>gegeben werden kann, so scheint die hervorgebrachte Einheit nur durch das Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>heben der Sinnlichkeit zu Stande kommen zu können. Da sie aber selbst Moment<lb n="24"/>dieses Werdens, das Moment der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ist, so wird man sich für die<lb n="25"/>Einheit zunächst mit dem Ausdrucke begnügen müssen, daß die Sinnlichkeit der<lb n="26"/>Moralität <hi rendition="#g">gemäß</hi> sey. – Diese Einheit ist gleichfalls ein <hi rendition="#g">postulirtes</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>,<lb n="27"/><hi rendition="#g">sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> nicht <hi rendition="#g">da</hi>; denn was <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, ist das Bewußtseyn, oder der Gegensatz der<lb n="28"/>Sinnlichkeit und des reinen Bewußtseyns. Sie ist aber zugleich nicht ein An sich,<lb n="29"/>wie das erste Postulat, worin die freye Natur eine Seite ausmacht, und die Har<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>monie derselben mit dem moralischen Bewußtseyn daher ausser diesem fällt;<lb n="31"/>sondern die Natur ist hier diejenige, welche an ihm selbst, und es ist hier um die<lb n="32"/>Moralität als solche zu thun, um eine Harmonie, welche die eigne des thuenden<lb n="33"/>Selbsts ist; das Bewußtseyn hat sie daher selbst zu Stande zu bringen, und in der<lb n="34"/>Moralität immer Fortschritte zu machen. Die <hi rendition="#g">Vollendung</hi> derselben aber ist<lb n="35"/><hi rendition="#g">ins</hi> <hi rendition="#g">unendliche</hi> <hi rendition="#g">hinauszuschieben</hi>; denn wenn sie wirklich einträte, so höbe<lb n="36"/>sich das moralische Bewußtseyn auf. Denn die <hi rendition="#g">Moralität</hi> ist nur moralisches<lb n="37"/><hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> als das negative Wesen, für dessen reine Pflicht die Sinnlichkeit<lb n="38"/>nur eine <hi rendition="#g">negative</hi> Bedeutung, nur <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">gemäß</hi> ist. In der Harmonie aber<lb n="39"/>verschwindet die <hi rendition="#g">Moralität</hi> als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> oder ihre <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, wie</p>
<pb n="328" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=335" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>in dem moralischen <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> oder der Wirklichkeit ihre <hi rendition="#g">Harmonie</hi> ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schwindet. Die Vollendung ist darum nicht wirklich zu erreichen, sondern nur als<lb n="3"/>eine <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Aufgabe</hi> zu denken, das heißt als eine solche, welche schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>hin Aufgabe bleibt. Zugleich ist jedoch ihr Inhalt als ein solcher zu denken, der<lb n="5"/>schlechthin <hi rendition="#g">seyn</hi> müsse, und nicht Aufgabe bleibe; es sey nun, daß man sich in<lb n="6"/>diesem Ziele das Bewußtseyn ganz aufgehoben, oder auch nicht, vorstelle; wie es<lb n="7"/>eigentlich damit zu halten, läßt sich in der dunkeln Ferne der Unendlichkeit,<lb n="8"/>wohin eben deßwegen die Erreichung des Ziels zu schieben ist, nicht mehr deut<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lich unterscheiden. Es wird eigentlich gesagt werden müssen, daß die bestimmte<lb n="10"/>Vorstellung nicht interessiren und nicht gesucht werden soll, weil diß auf Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sprüche führt, – einer Aufgabe, die Aufgabe bleiben, und doch erfüllt werden, –<lb n="12"/>einer Moralität, die nicht Bewußtseyn, nicht wirklich mehr seyn soll. Durch die<lb n="13"/>Betrachtung aber, daß die vollendete Moralität einen Widerspruch enthielte,<lb n="14"/>würde die Heiligkeit der moralischen Wesenheit leiden, und die absolute Pflicht<lb n="15"/>als etwas unwirkliches erscheinen.</p>
<p><lb n="16"/>Das erste Postulat war die Harmonie der Moralität und der gegenständlichen<lb n="17"/>Natur, der Endzweck der <hi rendition="#g">Welt</hi>; das andere die Harmonie der Moralität und<lb n="18"/>des sinnlichen Willens, der Endzweck des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> als solchen;<lb n="19"/>das erste also die Harmonie in der Form des <hi rendition="#g">Ansich</hi>, das andere in der Form<lb n="20"/>des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>. Was aber diese beyden extremen Endzwecke, die gedacht<lb n="21"/>sind, als Mitte verbindet, ist die Bewegung des <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Handelns selbst.<lb n="22"/>Sie sind Harmonien, deren Momente in ihrer abstracten Unterschiedenheit noch<lb n="23"/>nicht zum Gegenstande geworden; diß geschieht in der Wirklichkeit, worin die<lb n="24"/>Seiten im eigentlichen Bewußtseyn, jede als die <hi rendition="#g">Andre</hi> der Andern auftritt. Die<lb n="25"/>hiedurch entstehenden Postulate enthalten, wie vorher nur die getrennten <hi rendition="#g">an</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">sich</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> Harmonien, itzt <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyende.</p>
<p><lb n="27"/>Das moralische Bewußtseyn ist als das <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> und <hi rendition="#g">Wollen</hi> der<lb n="28"/>reinen <hi rendition="#g">Pflicht</hi> im Handeln auf den seiner Einfachheit entgegengesetzten Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stand – auf die Wirklichkeit des <hi rendition="#g">mannichfaltigen</hi> <hi rendition="#g">Falles</hi> bezogen, und hat<lb n="30"/>dadurch ein mannichfaltiges moralisches <hi rendition="#g">Verhältniß</hi>. Es entstehen hier dem<lb n="31"/>Inhalte nach die <hi rendition="#g">vielen</hi> Gesetze überhaupt, und der Form nach die widersprechen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>den Mächte des wissenden Bewußtseyns und des Bewußtlosen. – Was fürs erste<lb n="33"/>die <hi rendition="#g">vielen</hi> <hi rendition="#g">Pflichten</hi> betrifft, so gilt dem moralischen Bewußtseyn überhaupt<lb n="34"/>nur die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> in ihnen; die <hi rendition="#g">vielen</hi> <hi rendition="#g">Pflichten</hi> als viele, sind <hi rendition="#g">bestimmte</hi><lb n="35"/>und daher als solche für das moralische Bewußtseyn nichts heiliges. Zugleich<lb n="36"/>aber durch den Begriff des <hi rendition="#g">Handelns</hi>, das eine mannichfaltige Wirklichkeit,<lb n="37"/>und daher eine mannichfaltige moralische Beziehung in sich schließt, <hi rendition="#g">noth-</hi></p>
<pb n="329" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=336" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">wendig</hi>, müssen sie als an und für sich seyend betrachtet werden. Da sie ferner nur<lb n="2"/>in einem moralischen <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> seyn können, sind sie zugleich in einem andern<lb n="3"/>als jenem, dem nur die reine Pflicht als die reine an und für sich und heilig ist.</p>
<p><lb n="4"/>Es ist also postulirt, daß ein <hi rendition="#g">anderes</hi> Bewußtseyn sey, welches sie heiligt,<lb n="5"/>oder welches sie als Pflichten weiß und will. Das erste erhält die reine Pflicht<lb n="6"/><hi rendition="#g">gleichgültig</hi> gegen allen <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, und die Pflicht ist nur diese<lb n="7"/>Gleichgültigkeit gegen ihn. Das andere aber enthält die ebenso wesentliche Be<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ziehung auf das Handeln, und die <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> des <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Inhalts;<lb n="9"/>indem ihm die Pflichten als <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Pflichten gelten, so ist ihm damit der<lb n="10"/>Inhalt als solcher ebenso wesentlich als die Form, wodurch er Pflicht ist. Diß<lb n="11"/>Bewußtseyn ist hiedurch ein solches, worin das Allgemeine und das Besondere<lb n="12"/>schlechthin eins ist, sein Begriff also derselbe, als der Begriff der Harmonie der<lb n="13"/>Moralität und Glückseligkeit. Denn dieser Gegensatz drückt ebenso die Trennung<lb n="14"/>des <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gleichen</hi> moralischen Bewußtseyns von der Wirklichkeit aus,<lb n="15"/>die als das <hi rendition="#g">vielfache</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> dem einfachen Wesen der Pflicht widerstreitet.<lb n="16"/>Wenn aber das erste Postulat nur die <hi rendition="#g">seyende</hi> Harmonie der Moralität und der<lb n="17"/>Natur ausdrückt, weil die Natur darin diß negative des Selbstbewußtseyns, das<lb n="18"/>Moment des <hi rendition="#g">Seyns</hi> ist, so ist hingegen itzt diß <hi rendition="#g">Ansich</hi> wesentlich als Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>seyn gesetzt. Denn das Seyende hat nun die Form des <hi rendition="#g">Inhalts</hi> der <hi rendition="#g">Pflicht</hi>,<lb n="20"/>oder ist die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> an der <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi>. Das Ansich ist also<lb n="21"/>die Einheit solcher, welche als <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Wesenheiten</hi>, Wesenheiten des Den<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>kens, und daher nur in einem Bewußtseyn sind. Dieses ist also nunmehr ein Herr<lb n="23"/>und Beherrscher der Welt, der die Harmonie der Moralität und der Glückselig<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>keit hervorbringt, und zugleich die Pflichten als <hi rendition="#g">Viele</hi> heiligt. Das letztere heißt<lb n="25"/>soviel, daß dem Bewußtseyn der <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> die bestimmte nicht unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>bar heilig seyn kann; weil sie aber um des wirklichen Handelns, das ein bestimmtes<lb n="27"/>ist, gleichfalls <hi rendition="#g">nothwendig</hi> ist, so fällt ihre Nothwendigkeit ausser jenem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>wußtseyn in ein anderes, das somit das vermittelnde der bestimmten und reinen<lb n="29"/>Pflicht, und der Grund ist, daß jene auch gilt.</p>
<p><lb n="30"/>In der wirklichen Handlung aber verhält sich das Bewußtseyn als dieses Selbst,<lb n="31"/>als ein vollkommen einzelnes; es ist auf die Wirklichkeit als solche gerichtet, und<lb n="32"/>hat sie zum Zwecke; denn es will vollbringen. Es fällt also die <hi rendition="#g">Pflicht</hi> <hi rendition="#g">über<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">haupt</hi> ausser es in ein anderes Wesen, das Bewußtseyn und der heilige Gesetz<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>geber der reinen Pflicht ist. Dem handelnden, eben weil es Handelndes ist, gilt<lb n="35"/>das Andere der reinen Pflicht unmittelbar, diese ist also Inhalt eines andern Be<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>wußtseyns und nur mittelbar, nemlich in diesem, jenem heilig.</p>
<p><lb n="37"/>Weil es hiemit gesetzt ist, daß das Gelten der Pflicht als des <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi></p>
<pb n="330" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=337" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>heiligen, ausserhalb des wirklichen Bewußtseyns fällt, so steht dieses hiedurch<lb n="2"/>überhaupt als das <hi rendition="#g">unvollkommne</hi> moralische Bewußtseyn auf der einen Seite.<lb n="3"/>Sowohl seinem <hi rendition="#g">Wissen</hi> nach weiß es sich also als ein solches, dessen Wissen und<lb n="4"/>Ueberzeugung unvollständig und zufällig ist; ebenso seinem <hi rendition="#g">Wollen</hi> nach als<lb n="5"/>ein solches, dessen Zwecke mit Sinnlichkeit afficirt sind. Um seiner Unwürdig<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>keit willen kann es daher die Glückseligkeit nicht nothwendig, sondern als etwas<lb n="7"/>Zufälliges ansehen, und sie nur aus Gnade erwarten.</p>
<p><lb n="8"/>Ob aber schon seine Wirklichkeit unvollkommen ist, so gilt doch seinem<lb n="9"/><hi rendition="#g">reinen</hi> Willen und Wissen die Pflicht als das Wesen; im Begriffe, insofern er<lb n="10"/>der Realität entgegengesetzt ist, oder im Denken ist es also vollkommen. Das<lb n="11"/>absolute Wesen aber ist eben diß Gedachte, und jenseits der Wirklichkeit postu<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>lirte; es ist daher der Gedanke, in welchem das moralisch unvollkommne Wissen<lb n="13"/>und Wollen für vollkommen gilt, hiemit auch, indem es dasselbe für vollwichtig<lb n="14"/>nimmt, die Glückseligkeit nach der Würdigkeit, nemlich nach dem ihm <hi rendition="#g">zu<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">geschriebenen</hi> <hi rendition="#g">Verdienst</hi> ertheilt.</p>
<p><lb n="16"/>Die Weltanschauung ist hierin vollendet; denn in dem Begriffe des moralischen<lb n="17"/>Selbstbewußtseyns sind die beyden Seiten reine Pflicht und Wirklichkeit in Einer<lb n="18"/>Einheit gesetzt, und dadurch die eine wie andre nicht als an und für sich seyend, son<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dern als <hi rendition="#g">Moment</hi> oder als aufgehoben. Diß wird in dem letzten Theile der morali<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>schen Weltanschauung für das Bewußtseyn; die reine Pflicht nemlich setzt es in ein<lb n="21"/>andres Wesen, als es selbst ist, d. h. es setzt sie theils als ein <hi rendition="#g">vorgestelltes</hi>, theils<lb n="22"/>als ein solches, das nicht das ist, was an und für sich gilt, sondern das nichtmora<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>lische gilt vielmehr als vollkommen. Ebenso sich selbst setzt es als ein solches, dessen<lb n="24"/>Wirklichkeit, die der Pflicht unangemessen ist, aufgehoben, und als <hi rendition="#g">aufgehobne</hi><lb n="25"/>oder in der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> des absoluten Wesens, der Moralität nicht mehr wider<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>spricht.</p>
<p><lb n="27"/>Für das moralische Bewußtseyn selbst hat jedoch seine moralische Weltanschauung<lb n="28"/>nicht die Bedeutung, daß es in ihr seinen eignen Begriff entwickelt, und ihn sich<lb n="29"/>zum Gegenstande macht; es hat weder ein Bewußtseyn über diesen Gegensatz<lb n="30"/>der Form, noch auch über den Gegensatz dem Inhalte nach, dessen Theile es nicht<lb n="31"/>untereinander bezieht und vergleicht, sondern in seiner Entwicklung sich, ohne<lb n="32"/>der zusammenhaltende <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Momente zu seyn, fortwälzt. Denn es weiß<lb n="33"/>nur das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, oder den Gegenstand, insofern er <hi rendition="#g">Pflicht</hi>, insofern er<lb n="34"/><hi rendition="#g">abstracter</hi> Gegenstand seines reinen Bewußtseyns ist, als reines Wissen oder als<lb n="35"/>sich selbst. Es verhält sich also nur denkend, nicht begreiffend. Daher ist ihm der<lb n="36"/>Gegenstand seines <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Bewußtseyns noch nicht durchsichtig; es ist nicht<lb n="37"/>der absolute Begriff, der allein das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> als solches, oder sein absolutes</p>
<pb n="331" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=338" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Gegentheil als sich selbst erfaßt. Seine eigne Wirklichkeit, so wie alle gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ständliche Wirklichkeit gilt ihm zwar als das <hi rendition="#g">unwesentliche</hi>; aber seine Frey<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>heit ist die Freyheit des reinen Denkens, welcher darum zugleich die Natur gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>über als ein ebenso freyes entstanden ist. Weil beydes auf gleiche Weise in ihm<lb n="5"/>ist, die <hi rendition="#g">Freyheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> und das Eingeschlossenseyn desselben in das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>wußtseyn, so wird sein Gegenstand als ein <hi rendition="#g">seyender</hi>, der <hi rendition="#g">zugleich</hi> nur <hi rendition="#g">ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">dacht</hi>; in dem letzten Theile seiner Anschauung wird der Inhalt wesentlich<lb n="8"/>so gesetzt, daß sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> ein <hi rendition="#g">vorgestelltes</hi> ist, und diese Verbindung des<lb n="9"/>Seyns und des Denkens als das ausgesprochen, was sie in der That ist, das <hi rendition="#g">Vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">stellen</hi>.</p>
<p><lb n="11"/>Indem wir die moralische Weltanschauung so betrachten, daß diese gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>liche Weise nichts anderes ist, als der Begriff des moralischen Selbstbewußtseyns<lb n="13"/>selbst, den es sich gegenständlich macht, so ergibt sich durch diß Bewußtseyn<lb n="14"/>über die Form ihres Ursprungs eine andere Gestalt ihrer Darstellung. -- Das Erste<lb n="15"/>nemlich, wovon ausgegangen wird, ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> moralische Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seyn, oder daß <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">solches</hi> <hi rendition="#g">gibt</hi>. Denn der Begriff setzt es in der Bestimmung,<lb n="17"/>daß ihm alle Wirklichkeit überhaupt Wesen nur insofern hat, als sie der Pflicht<lb n="18"/>gemäß ist, und er setzt diß Wesen als Wissen, d. h. in unmittelbarer Einheit mit<lb n="19"/>dem wirklichen Selbst; diese Einheit ist somit selbst wirklich, sie <hi rendition="#g">ist</hi> ein mora<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lisches wirkliches Bewußtseyn. – Dieses nun als Bewußtseyn stellt sich seinen<lb n="21"/>Inhalt als Gegenstand vor, nemlich als <hi rendition="#g">Endzweck</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi>, als Harmonie<lb n="22"/>der Moralität und aller Wirklichkeit. Indem es aber diese Einheit als <hi rendition="#g">Gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">stand</hi> vorstellt, und noch nicht der Begriff ist, der die Macht über den Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stand als solchen hat, so ist sie ihm ein Negatives des Selbstbewußtseyns, oder sie<lb n="25"/>fällt ausser ihm, als ein Jenseits seiner Wirklichkeit, aber zugleich als ein solches,<lb n="26"/>das <hi rendition="#g">auch</hi> als <hi rendition="#g">seyend</hi>, aber nur gedacht wird.</p>
<p><lb n="27"/>Was ihm, das als Selbstbewußtseyn ein <hi rendition="#g">anderes</hi>, denn der Gegenstand ist,<lb n="28"/>hiemit übrig bleibt, ist die Nichtharmonie des Pflichtbewußtseyns und der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lichkeit, und zwar seiner eignen. Der Satz lautet hiemit itzt so; <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">gibt</hi> <hi rendition="#g">kein</hi><lb n="30"/><hi rendition="#g">moralisch</hi> <hi rendition="#g">vollendetes</hi> <hi rendition="#g">wirkliches</hi> Selbstbewußtseyn; – und da das mora<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>lische überhaupt nur ist, insofern es vollendet ist, denn die Pflicht ist das <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="32"/>unvermischte <hi rendition="#g">Ansich</hi>, und die Moralität besteht nur in der Angemessenheit<lb n="33"/>zu diesem Reinen, – so heißt der zweyte Satz überhaupt so, daß es <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">mora<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">lisch</hi> <hi rendition="#g">wirkliches</hi> gibt.</p>
<p><lb n="35"/>Indem es aber drittens Ein Selbst ist, so ist es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> die Einheit der Pflicht und<lb n="36"/>der Wirklichkeit; diese Einheit wird ihm also Gegenstand, als die vollendete Morali<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>tät, – aber als ein <hi rendition="#g">Jenseits</hi> seiner Wirklichkeit, – aber das doch wirklich seyn soll.</p>
<p><lb n="38"/>In diesem Ziele der synthetischen Einheit der beyden ersten Sätze, ist die selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>bewußte Wirklichkeit sowohl als die Pflicht nur als aufgehobnes Moment gesetzt;</p>
<pb n="332" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=339" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>denn keines ist einzeln, aber sie, in deren wesentlichen Bestimmung ist, <hi rendition="#g">frey</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">andern</hi> zu seyn, sind somit jedes in der Einheit nicht mehr frey von<lb n="3"/>dem andern, also jedes aufgehoben, und somit werden sie dem Inhalt nach als<lb n="4"/>solche Gegenstand, deren <hi rendition="#g">jedes</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> <hi rendition="#g">gilt</hi>, und der Form nach, so<lb n="5"/>daß diese Austauschung derselben zugleich nur <hi rendition="#g">vorgestellt</hi> ist. – Oder das<lb n="6"/><hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> moralische, weil es ebenso reines Denken und über seine<lb n="7"/>Wirklichkeit erhaben ist, ist in der Vorstellung doch moralisch, und wird für<lb n="8"/>vollgültig genommen. Es wird hiedurch der erste Satz, daß es ein moralisches<lb n="9"/>Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">gibt</hi>, hergestellt, aber verbunden mit dem zweyten, daß es<lb n="10"/>keines <hi rendition="#g">gibt</hi>, nemlich es <hi rendition="#g">gibt</hi> eines, aber nur in der Vorstellung; oder es gibt<lb n="11"/>zwar keines, aber es wird von einem andern doch dafür gelten gelassen.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="12"/>b.</head>
<head><lb n="13"/>DIE VERSTELLUNG.</head>
<p><lb n="14"/>In der moralischen Weltanschauung sehen wir einestheils das Bewußtseyn<lb n="15"/><hi rendition="#g">selbst</hi> seinen Gegenstand mit <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">erzeugen</hi>; wir sehen es denselben<lb n="16"/>weder als ein Fremdes vorfinden, noch auch ihn bewußtlos ihm werden, sondern<lb n="17"/>es verfährt überall nach einem Grunde, aus welchem es das <hi rendition="#g">gegenständliche</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">setzt</hi>; es weiß dasselbe also als sich selbst, denn es weiß sich als das<lb n="19"/><hi rendition="#g">thätige</hi>, das es erzeugt. Es scheint somit hier zu seiner Ruhe und Befriedigung zu<lb n="20"/>kommen, denn diese kann es nur da finden, wo es über seinen Gegenstand nicht mehr<lb n="21"/>hinauszugehen braucht, weil dieser nicht mehr über es hinausgeht. Auf der andern<lb n="22"/>Seite aber setzt es selbst ihn vielmehr <hi rendition="#g">ausser</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> hinaus, als ein Jenseits seiner.<lb n="23"/>Aber diß an und fürsichseyende ist ebenso als ein solches gesetzt, das nicht frey vom<lb n="24"/>Selbstbewußtseyn, sondern zum Behuf des letztern und durch dasselbe sey.</p>
<p><lb n="25"/>Die moralische Weltanschauung ist daher in der That nichts anderes, als die<lb n="26"/>Ausbildung dieses zum Grunde liegenden Widerspruchs nach seinen verschiedenen<lb n="27"/>Seiten; sie ist, um einen kantischen Ausdruck hier, wo er am passendsten ist, zu<lb n="28"/>gebrauchen, ein <hi rendition="#g">ganzes</hi> <hi rendition="#g">Nest</hi> gedankenloser Widersprüche. Das Bewußtseyn<lb n="29"/>verhält sich in dieser Entwicklung so, daß es ein Moment festsetzt, und von da<lb n="30"/>unmittelbar zum andern übergeht, und das erste aufhebt; wie es aber nun diß<lb n="31"/>zweyte <hi rendition="#g">aufgestellt</hi> <hi rendition="#g">hat</hi>, <hi rendition="#g">verstellt</hi> es <hi rendition="#g">auch</hi> dasselbe wieder, und macht viel<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mehr das Gegentheil zum Wesen. Zugleich ist es sich seines Widerspruches und</p>
<pb n="333" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=340" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Verstellens</hi> <hi rendition="#g">auch</hi> bewußt, denn es geht von einem Momente <hi rendition="#g">unmittelbar</hi><lb n="2"/>in <hi rendition="#g">Beziehung</hi> <hi rendition="#g">auf</hi> <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> zu dem entgegengesetzten über; <hi rendition="#g">weil</hi> <hi rendition="#g">ein</hi><lb n="3"/>Moment keine Realität für es hat, setzt es eben dasselbe als <hi rendition="#g">reell</hi>, oder was das<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>selbe ist, um <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Moment</hi> als an sich seyend zu behaupten, behauptet es das<lb n="5"/><hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi> als das ansichseyende. Es bekennt damit, daß es ihm in der<lb n="6"/>That mit keinem derselben Ernst ist. Diß ist in den Momenten dieser schwindeln<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>den Bewegung näher zu betrachten.</p>
<p><lb n="8"/>Lassen wir die Voraussetzung, daß es ein wirkliches moralisches Bewußtseyn<lb n="9"/>gibt, zuerst auf sich beruhen, weil sie unmittelbar nicht in Beziehung auf etwas<lb n="10"/>vorhergehendes gemacht wird, und wenden uns an die Harmonie der Moralität<lb n="11"/>und der Natur, das erste Postulat. Sie soll <hi rendition="#g">ansich</hi> seyn, nicht für das wirkliche<lb n="12"/>Bewußtseyn, nicht gegenwärtig, sondern die Gegenwart ist vielmehr nur der<lb n="13"/>Widerspruch beyder. In der Gegenwart ist die <hi rendition="#g">Moralität</hi> als <hi rendition="#g">vorhanden</hi> an<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>genommen, und die Wirklichkeit so gestellt, daß sie nicht in Harmonie mit ihr<lb n="15"/>sey. Das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> moralische Bewußtseyn aber ist ein <hi rendition="#g">handelndes</hi>; darin<lb n="16"/>besteht eben die Wirklichkeit seiner Moralität. Im <hi rendition="#g">Handeln</hi> selbst aber ist jene<lb n="17"/>Stellung unmittelbar verstellt; denn das Handeln ist nichts anderes als die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>wirklichung des innern moralischen Zwecks, nichts anderes, als die Hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>bringung einer durch den <hi rendition="#g">Zweck</hi> <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, oder der<lb n="20"/>Harmonie des moralischen Zwecks und der Wirklichkeit selbst. Zugleich ist die<lb n="21"/>Vollbringung der Handlung für das Bewußtseyn, sie ist die <hi rendition="#g">Gegenwart</hi> dieser<lb n="22"/>Einheit der Wirklichkeit und des Zweckes; und weil in der vollbrachten Handlung<lb n="23"/>das Bewußtseyn sich als dieses Einzelne verwirklicht, oder das Daseyn in es zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>gekehrt anschaut, und der Genuß hierin besteht, so ist in der Wirklichkeit des<lb n="25"/>moralischen Zwecks zugleich auch diejenige Form derselben enthalten, welche Genuß<lb n="26"/>und Glückseligkeit genannt wird. – Das Handeln erfüllt also in der That unmittelbar<lb n="27"/>dasjenige, was nicht statt zu finden aufgestellt war, und nur ein Postulat, nur Jenseits<lb n="28"/>seyn sollte. Das Bewußtseyn spricht es also durch die That aus, daß es mit dem Postu<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>liren nicht Ernst ist, weil der Sinn des Handelns vielmehr dieser ist, das zur Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>wart zu machen, was nicht in der Gegenwart seyn sollte. Und indem um des Han<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>delns willen die Harmonie postulirt wird, – was nemlich durch das Handeln <hi rendition="#g">wirklich</hi><lb n="32"/>werden soll, muß <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> so seyn, sonst wäre die Wirklichkeit nicht <hi rendition="#g">möglich</hi>, so<lb n="33"/>ist der Zusammenhang des Handelns und des Postulats so beschaffen, daß um des<lb n="34"/>Handelns d. h. um der <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Harmonie des Zwecks und der Wirklichkeit<lb n="35"/>willen diese Harmonie als <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">wirklich</hi>, als <hi rendition="#g">jenseits</hi>, gesetzt wird.</p>
<p><lb n="36"/>Indem <hi rendition="#g">gehandelt</hi> wird, ist es also mit der <hi rendition="#g">Unangemessenheit</hi> des Zwecks<lb n="37"/>und der Wirklichkeit überhaupt nicht Ernst; dagegen scheint es mit dem <hi rendition="#g">Handeln</hi></p>
<pb n="334" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=341" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>selbst Ernst zu seyn. Aber in der That ist die wirkliche Handlung, nur Handlung<lb n="2"/>des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Bewußtseyns, also selbst nur etwas einzelnes und das Werk zu<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>fällig. Der Zweck der Vernunfft aber als der allgemeine, alles umfassende, Zweck<lb n="4"/>ist nichts geringeres als die ganze Welt; ein Endzweck, der weit über den Inhalt<lb n="5"/>dieser einzelnen Handlung hinausgeht, und daher überhaupt über alles wirkliche<lb n="6"/>handeln hinauszustellen ist. Weil das allgemeine Beste ausgeführt werden soll,<lb n="7"/>wird nichts Gutes gethan. In der That aber ist die <hi rendition="#g">Nichtigkeit</hi> des wirklichen<lb n="8"/>Handelns, und die <hi rendition="#g">Realität</hi> nur des <hi rendition="#g">ganzen</hi> Zwecks, die itzt aufgestellt sind,<lb n="9"/>nach allen Seiten auch wieder verstellt. Die moralische Handlung ist nicht etwas<lb n="10"/>zufälliges, und beschränktes, denn sie hat die reine <hi rendition="#g">Pflicht</hi> zu ihrem Wesen;<lb n="11"/>diese macht den <hi rendition="#g">einzigen</hi> <hi rendition="#g">ganzen</hi> Zweck aus; und die Handlung also als Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wirklichung desselben ist bey aller sonstigen Beschränkung des Inhalts die Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>bringung des ganzen absoluten Zwecks. Oder wenn wieder die Wirklichkeit<lb n="14"/>als Natur, die ihre <hi rendition="#g">eignen</hi> Gesetze hat und der reinen Pflicht entgegengesetzt<lb n="15"/>ist, genommen wird, so daß also die Pflicht ihr Gesetz nicht in ihr realisiren kann,<lb n="16"/>so ist es, indem die Pflicht als solche das Wesen ist, in der That <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">um</hi> <hi rendition="#g">die</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">Vollbringung</hi> der reinen Pflicht, welche der ganze Zweck ist, zu thun; denn<lb n="18"/>die Vollbringung hätte vielmehr nicht die reine Pflicht, sondern das ihr entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gesetzte, die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, zum Zwecke. Aber daß es nicht um die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>lichkeit zu thun sey, ist wieder verstellt; denn nach dem Begriffe des moralischen<lb n="21"/>Handelns, ist die reine Pflicht wesentlich <hi rendition="#g">thätiges</hi> Bewußtseyn; es soll also aller<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dings gehandelt, die absolute Pflicht in der ganzen Natur ausgedrückt und das<lb n="23"/>Moralgesetz Naturgesetz werden.</p>
<p><lb n="24"/>Lassen wir also dieses <hi rendition="#g">höchste</hi> <hi rendition="#g">Gut</hi> als das Wesen gelten, so ist es dem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wußtseyn mit der Moralität überhaupt nicht Ernst. Denn in diesem höchsten<lb n="26"/>Gute hat die Natur nicht ein anderes Gesetz, als die Moralität hat. Somit fällt das<lb n="27"/>moralische Handeln selbst hinweg, denn das Handeln ist nur unter der Voraus<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>setzung eines negativen, das durch die Handlung aufzuheben ist. Ist aber die Natur<lb n="29"/>dem Sittengesetze gemäß, so würde ja dieses durch das Handeln, durch das Auf<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heben des Seyenden verletzt. – Es wird also in jener Annahme als der wesentliche<lb n="31"/>Zustand ein solcher eingestanden, worin das moralische Handeln überflüßig ist,<lb n="32"/>und gar nicht statt findet. Das Postulat der Harmonie der Moralität und der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>lichkeit, einer Harmonie, die durch den Begriff des moralischen Handelns, beyde<lb n="34"/>in Uebereinstimmung zu bringen, gesetzt ist, – drückt sich also auch von dieser<lb n="35"/>Seite so aus: weil das moralische Handeln der absolute Zweck ist, so ist der absolute<lb n="36"/>Zweck, daß das moralische Handeln gar nicht vorhanden sey.</p>
<p><lb n="37"/>Stellen wir diese Momente, durch die das Bewußtseyn sich in seinem moralischen<lb n="38"/>Vorstellen fortwälzte, zusammen, so erhellt, daß es jedes wieder in seinem Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>theile aufhebt. Es geht davon aus, daß <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> die Moralität und Wirklichkeit</p>
<pb n="335" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=342" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>nicht harmonire, aber es ist ihm damit nicht Ernst, denn in der Handlung ist <hi rendition="#g">für</hi><lb n="2"/>es die Gegenwart dieser Harmonie. Es ist ihm aber auch mit diesem <hi rendition="#g">Handeln</hi>,<lb n="3"/>da es etwas einzelnes ist, nicht Ernst; denn es hat einen so hohen Zweck, <hi rendition="#g">das</hi><lb n="4"/><hi rendition="#g">höchste</hi> <hi rendition="#g">Gut</hi>. Diß ist aber wieder nur eine Verstellung der Sache, denn darin<lb n="5"/>fiele alles Handeln und alle Moralität hinweg. Oder es ist ihm eigentlich mit<lb n="6"/>dem <hi rendition="#g">moralischen</hi> Handeln nicht Ernst, sondern das wünschenswertheste, ab<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>solute ist, daß das höchste Gut ausgeführt und das moralische Handeln überflüssig<lb n="8"/>wäre.</p>
<p><lb n="9"/>Von diesem Resultate muß das Bewußtseyn in seiner widersprechenden Be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wegung sich weiter fortwälzen, und das <hi rendition="#g">Aufheben</hi> des moralischen Handelns<lb n="11"/>nothwendig wieder verstellen. Die Moralität ist das Ansich; daß sie statt habe,<lb n="12"/>kann der Endzweck der Welt nicht ausgeführt seyn, sondern das moralische<lb n="13"/>Bewußtseyn muß <hi rendition="#g">fürsich</hi> seyn, und eine ihm <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi><lb n="14"/>vorfinden. Aber es an ihm selbst muß vollendet seyn. Diß führt zum zweyten<lb n="15"/>Postulate der Harmonie seiner und der Natur, welche an ihm unmittelbar ist, der<lb n="16"/>Sinnlichkeit. Das moralische Selbstbewußtseyn stellt seinen Zweck als rein, als<lb n="17"/>von Neigungen und Trieben unabhängig auf, so daß er die Zwecke der Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lichkeit in sich vertilgt hat. – Allein diese aufgestellte Aufhebung des sinnlichen<lb n="19"/>Wesens verstellt es wieder. Es handelt, bringt seinen Zweck zur Wirklichkeit,<lb n="20"/>und die selbstbewußte Sinnlichkeit, welche aufgehoben seyn soll, ist gerade diese<lb n="21"/>Mitte zwischen dem reinen Bewußtseyn, und der Wirklichkeit, – sie ist das Werk<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zeug des erstern zu seiner Verwirklichung oder das Organ, und das, was Trieb,<lb n="23"/>Neigung genannt wird. Es ist daher nicht Ernst mit dem Aufheben der Neigungen<lb n="24"/>und Triebe, denn eben sie sind das <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">verwirklichende</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>. Aber sie sollen auch nicht <hi rendition="#g">unterdrükt</hi>, sondern der Vernunft nur<lb n="26"/><hi rendition="#g">gemäß</hi> seyn. Sie sind ihr auch gemäß, denn das moralische <hi rendition="#g">Handeln</hi> ist nichts<lb n="27"/>anderes, als das sich verwirklichende, also sich die Gestalt eines <hi rendition="#g">Triebes</hi> gebende<lb n="28"/>Bewußtseyn, das heißt, es ist unmittelbar die gegenwärtige Harmonie des Triebs<lb n="29"/>und der Moralität. Aber in der That ist der Trieb nicht nur diese leere Gestalt,<lb n="30"/>die eine andere Feder, als er selbst ist, in sich haben und von ihr getrieben werden<lb n="31"/>könnte. Denn die Sinnlichkeit ist eine Natur, die ihre eigenen Gesetze und Spring<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>federn an ihr selbst hat; es kann der Moralität daher nicht Ernst damit seyn, die<lb n="33"/>Triebfeder der Triebe, der Neigungswinkel der Neigungen zu seyn. Denn indem<lb n="34"/>diese ihre eigne feste Bestimmtheit und eigenthümlichen Inhalt haben, so wäre<lb n="35"/>vielmehr das Bewußtseyn, dem sie gemäß wären, ihnen gemäß; eine Gemäßheit,<lb n="36"/>welche sich das moralische Selbstbewußtseyn verbittet. Die Harmonie beyder</p>
<pb n="336" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=343" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>ist also nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und <hi rendition="#g">postulirt</hi>. – In dem moralischen Handeln war so eben<lb n="2"/>die <hi rendition="#g">gegenwärtige</hi> Harmonie der Moralität und der Sinnlichkeit aufgestellt,<lb n="3"/>diß aber <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">nun</hi> verstellt; sie ist jenseits des Bewußtseyns in einer neblichten<lb n="4"/>Ferne, worin nichts mehr genau zu unterscheiden noch zu begreiffen ist; denn<lb n="5"/>mit dem Begreiffen dieser Einheit, das wir so eben versuchten, ging es nicht. –<lb n="6"/>In diesem Ansich gibt aber überhaupt das Bewußtseyn sich auf. Dieses Ansich<lb n="7"/>ist seine moralische Vollendung, worin der Kampf der Moralität und der Sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lichkeit aufgehört hat, und die letztere der erstern auf eine Weise gemäß ist, die<lb n="9"/>nicht zu fassen ist. – Darum ist diese Vollendung wieder nur eine Verstellung der<lb n="10"/>Sache, denn in der That gäbe in ihr vielmehr die <hi rendition="#g">Moralität</hi> selbst sich auf,<lb n="11"/>denn sie ist nur Bewußtseyn des absoluten Zwecks als des <hi rendition="#g">reinen</hi>, also im <hi rendition="#g">Gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">satze</hi> gegen alle andern Zwecke; sie ist ebenso die <hi rendition="#g">Thätigkeit</hi> dieses reinen<lb n="13"/>Zwecks, als sie sich der Erhebung über die Sinnlichkeit, der Einmischung der<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>selben und ihres Gegensatzes und Kampfes mit ihr bewußt ist. – Daß es mit der<lb n="15"/>moralischen Vollendung nicht Ernst ist, spricht das Bewußtseyn unmittelbar selbst<lb n="16"/>darin aus, daß es sie in die <hi rendition="#g">Unendlichkeit</hi> hinausverstellt, das heißt, sie als<lb n="17"/>niemals vollendet behauptet.</p>
<p><lb n="18"/>Vielmehr ist ihm also nur dieser Zwischenzustand der Nichtvollendung das<lb n="19"/>gültige; ein Zustand, der aber doch ein <hi rendition="#g">Fortschreiten</hi> zur Vollendung wenig<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>stens seyn soll. Allein er kann auch diß nicht seyn, denn das Fortschreiten in der<lb n="21"/>Moralität wäre vielmehr ein Zugehen zum Untergang derselben. Das Ziel nemlich<lb n="22"/>wäre das obige Nichts oder Aufheben der Moralität und des Bewußtseyns selbst;<lb n="23"/>dem Nichts aber immer näher und näher kommen, heißt <hi rendition="#g">abnehmen</hi>. Ausserdem<lb n="24"/>nähme <hi rendition="#g">Fortschreiten</hi> überhaupt ebenso, wie <hi rendition="#g">Abnehmen</hi>, Unterschiede der<lb n="25"/><hi rendition="#g">Grösse</hi> in der Moralität an; allein von diesen kann in ihr keine Rede seyn. In ihr<lb n="26"/>als dem Bewußtseyn, welchem der sittliche Zweck die <hi rendition="#g">reine</hi> Pflicht ist, ist an<lb n="27"/>eine Verschiedenheit überhaupt nicht, am wenigsten an den oberflächlichen der<lb n="28"/>Grösse zu denken; es gibt nur Eine Tugend, nur Eine reine Pflicht, nur Eine<lb n="29"/>Moralität.</p>
<p><lb n="30"/>Indem es also mit der moralischen Vollendung nicht Ernst ist, sondern vielmehr<lb n="31"/>mit dem Mittelzustande, d. h. wie so eben erörtert, mit der Nichtmoralität, so<lb n="32"/>kommen wir von einer andern Seite auf den Inhalt des ersten Postulats zurück.<lb n="33"/>Es ist nemlich nicht abzusehen, wie Glückseligkeit für diß moralische Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>seyn um seiner <hi rendition="#g">Würdigkeit</hi> willen zu fodern ist. Es ist seiner Nichtvollendung<lb n="35"/>sich bewußt, und kann daher die Glückseligkeit in der That nicht als Verdienst,<lb n="36"/>nicht als etwas, dessen es würdig wäre, fodern, sondern sie nur aus einer freyen<lb n="37"/>Gnade, das heißt, die Glückseligkeit als <hi rendition="#g">solche</hi> an und für sich selbst verlangen,<lb n="38"/>und nicht aus jenem absoluten Grunde, sondern nach Zufall und Willkühr er<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>warten. – Die Nichtmoralität spricht eben hierin aus, was sie ist, – daß es nicht</p>
<pb n="337" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=344" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>um die Moralität, sondern um die Glückseligkeit an und für sich ohne Beziehung<lb n="2"/>auf jene zu thun ist.</p>
<p><lb n="3"/>Durch diese zweyte Seite der moralischen Weltanschauung wird auch noch die<lb n="4"/>andere Behauptung der erstern aufgehoben, worin die Disharmonie der Moralität<lb n="5"/>und Glückseligkeit vorausgesetzt wird. – Es will nemlich die Erfahrung gemacht<lb n="6"/>werden, daß es in dieser Gegenwart dem Moralischen oft schlecht, dem Unmorali<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>schen hingegen oft glücklich gehe. Allein der Zwischenzustand der unvollendeten<lb n="8"/>Moralität, der sich als das wesentliche ergeben hat, zeigt offenbar, daß diese Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>nehmung und seynsollende Erfahrung nur eine Verstellung der Sache ist. Denn<lb n="10"/>da die Moralität unvollendet, das heißt, die Moralität in der That <hi rendition="#g">nicht</hi> ist, was<lb n="11"/>kann an der Erfahrung seyn, daß es ihr schlecht gehe? – Indem es zugleich heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gekommen, daß es um die Glückseligkeit an und für sich zu thun ist, so zeigt es<lb n="13"/>sich, daß bey Beurtheilung, es gehe dem unmoralischen gut, nicht ein Unrecht<lb n="14"/>gemeynt war, das hier statt finde. Die Bezeichnung eines Individuums als eines<lb n="15"/>unmoralischen fällt, indem die Moralität überhaupt unvollendet ist, <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="16"/>hinweg, hat also nur einen willkührlichen Grund. Der Sinn und Inhalt des Urtheils<lb n="17"/>der Erfahrung ist dadurch allein dieser, daß einigen die Glückseligkeit an und für<lb n="18"/>sich nicht zukommen sollte, das heißt, er ist <hi rendition="#g">Neid</hi>, der sich zum Deckmantel<lb n="19"/>die Moralität nimmt. Der Grund aber, warum Andern das sogenannte Glück zu<lb n="20"/>Theil werden sollte, ist die gute Freundschaft, die ihnen und sich selbst, diese<lb n="21"/>Gnade d. h. diesen Zufall <hi rendition="#g">gönnt</hi> und <hi rendition="#g">wünscht</hi>.</p>
<p><lb n="22"/>Die Moralität also im moralischen Bewußtseyn ist unvollendet, diß ist es, was<lb n="23"/>itzt aufgestellt wird, aber es ist ihr Wesen nur das <hi rendition="#g">vollendete</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> zu seyn;<lb n="24"/>die unvollendete Moralität ist daher unrein, oder sie ist Immoralität. Die Moralität<lb n="25"/>selbst ist also in einem andern Wesen, als in dem wirklichen Bewußtseyn; es ist<lb n="26"/>ein heiliger moralischer Gesetzgeber. – Die im Bewußtseyn <hi rendition="#g">unvollendete</hi><lb n="27"/>Moralität, welche der Grund dieses Postulirens ist, hat <hi rendition="#g">zunächst</hi> die Bedeutung,<lb n="28"/>daß die Moralität, indem sie im Bewußtseyn als <hi rendition="#g">wirklich</hi> gesetzt wird, in der<lb n="29"/>Beziehung auf ein <hi rendition="#g">Anderes</hi>, auf ein Daseyn steht, also selbst an ihr das Anders<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>seyn oder den Unterschied erhält, wodurch eine vielfache Menge von moralischen<lb n="31"/>Geboten entsteht. Das moralische Selbstbewußtseyn hält aber zugleich diese<lb n="32"/><hi rendition="#g">vielen</hi> Pflichten für unwesentlich; denn es ist nur um die <hi rendition="#g">Eine</hi> reine Pflicht zu<lb n="33"/>thun, und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> haben sie, insofern sie <hi rendition="#g">bestimmte</hi> sind, keine Wahrheit. Sie<lb n="34"/>können ihre Wahrheit also nur in einem Andern haben, und sind, was sie für es<lb n="35"/>nicht sind, heilig durch einen heiligen Gesetzgeber. – Allein diß ist selbst wieder<lb n="36"/>nur eine Verstellung der Sache. Denn das moralische Selbstbewußtseyn ist sich<lb n="37"/>das absolute, und Pflicht schlechthin nur das, was es als Pflicht <hi rendition="#g">weiß</hi>. Es weiß</p>
<pb n="338" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=345" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>aber nur die reine Pflicht als Pflicht; was ihm nicht heilig ist, ist an sich nicht heilig,<lb n="2"/>und was an sich nicht heilig ist, kann durch das heilige Wesen nicht geheiliget<lb n="3"/>werden. Es ist dem moralischen Bewußtseyn auch überhaupt damit nicht Ernst,<lb n="4"/>etwas <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> Bewußtseyn, als es selbst ist, heiligen zu lassen; denn<lb n="5"/>es ist ihm schlechthin nur das heilig, was ihm durch <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi><lb n="6"/>heilig ist. – Es ist also ebensowenig damit Ernst, daß diß andere Wesen ein heiliges<lb n="7"/>sey, denn in ihm sollte etwas zur Wesenheit gelangen, was für das moralische<lb n="8"/>Bewußtseyn d. h. an sich keine Wesenheit hat.</p>
<p><lb n="9"/>Wenn das heilige Wesen postulirt wurde, daß in ihm die Pflicht nicht als reine<lb n="10"/>Pflicht, sondern als eine Vielheit <hi rendition="#g">bestimmter</hi> Pflichten ihre Gültigkeit hätte,<lb n="11"/>so muß also dieses wieder verstellt, und das andere Wesen allein insofern heilig<lb n="12"/>seyn, als in ihm nur <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> Gültigkeit hat. Die reine Pflicht hat auch<lb n="13"/>in der That Gültigkeit nur in einem andern Wesen, nicht in dem moralischen<lb n="14"/>Bewußtseyn. Obschon in ihm die reine Moralität allein zu gelten scheint, so muß<lb n="15"/>doch dieses anders gestellt werden, denn es ist zugleich natürliches Bewußtseyn.<lb n="16"/>Die Moralität ist in ihm von der Sinnlichkeit afficirt und bedingt, also nicht an<lb n="17"/>und für sich, sondern eine Zufälligkeit des freyen <hi rendition="#g">Willens</hi>; in ihm aber als reinem<lb n="18"/><hi rendition="#g">Willen</hi> eine Zufälligkeit des <hi rendition="#g">Wissens</hi>; <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist die Moralität da<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>her in einem andern Wesen.</p>
<p><lb n="20"/>Dieses Wesen ist also hier die rein vollendete Moralität darum, weil sie in ihm<lb n="21"/>nicht in Beziehung auf Natur und Sinnlichkeit steht. Allein die <hi rendition="#g">Realität</hi> der<lb n="22"/>reinen Pflicht ist ihre <hi rendition="#g">Verwirklichung</hi> in Natur und Sinnlichkeit. Das morali<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>sche Bewußtseyn setzt seine Unvollkommenheit darein, daß in ihm die Moralität<lb n="24"/>eine <hi rendition="#g">positive</hi> Beziehung auf die Natur und Sinnlichkeit hat, da ihm diß für ein<lb n="25"/>wesentliches Moment derselben gilt, daß sie schlechthin nur eine <hi rendition="#g">negative</hi> Be<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>ziehung darauf habe. Das reine moralische Wesen dagegen, weil es erhaben über<lb n="27"/>den <hi rendition="#g">Kampf</hi> mit der Natur und Sinnlichkeit ist, steht nicht in einer <hi rendition="#g">negativen</hi><lb n="28"/>Beziehung darauf. Es bleibt ihm also in der That nur die <hi rendition="#g">positive</hi> Beziehung<lb n="29"/>darauf übrig, d. h. eben dasjenige, was so eben als das unvollendete, als das un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>moralische galt. Die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Moralität</hi> aber ganz getrennt von der Wirklichkeit,<lb n="31"/>so daß sie ebensosehr ohne positive Beziehung auf diese wäre, wäre eine bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>lose, unwirkliche Abstraction, worinn der Begriff der Moralität, Denken der<lb n="33"/>reinen Pflicht und ein Willen und Thun zu seyn, schlechthin aufgehoben wäre.<lb n="34"/>Dieses so rein moralische Wesen ist daher wieder eine Verstellung der Sache, und<lb n="35"/>aufzugeben.</p>
<p><lb n="36"/>In diesem rein moralischen Wesen aber nähern sich die Momente des Wider<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>spruchs, in welchem diß synthetische Vorstellen sich herumtreibt, und die ent<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>gegengesetzten <hi rendition="#g">Auchs</hi>, die es, ohne diese seine Gedanken zusammenzubringen,<lb n="39"/>aufeinander folgen, und ein Gegentheil immer durch das andere ablösen läßt,</p>
<pb n="339" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=346" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>so sehr, daß das Bewußtseyn hier seine moralische Weltanschauung aufgeben,<lb n="2"/>und in sich zurückfliehen muß.</p>
<p><lb n="3"/>Es erkennt seine Moralität darum als nicht vollendet, weil es von einer ihr ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>gegengesetzten Sinnlichkeit und Natur afficirt ist, welche theils die Moralität<lb n="5"/>selbst als solche trübt, theils eine Menge von Pflichten entstehen macht, durch die<lb n="6"/>es im concreten Falle des wirklichen Handeln in Verlegenheit geräth; denn jeder<lb n="7"/>Fall ist die Concretion vieler moralischen Beziehungen, wie ein Gegenstand der<lb n="8"/>Wahrnehmung überhaupt, ein Ding von vielen Eigenschaften ist; und indem die<lb n="9"/><hi rendition="#g">bestimmte</hi> Pflicht Zweck ist, hat sie einen Inhalt, und ihr <hi rendition="#g">Inhalt</hi> ist ein Theil<lb n="10"/>des Zwecks, und die Moralität nicht rein. – Diese hat also in einem andern Wesen<lb n="11"/>ihre <hi rendition="#g">Realität</hi>. Aber diese Realität heißt nichts anderes, als daß die Moralität hier<lb n="12"/><hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> sey, – <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> d. h. Moralität eines <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> sey, <hi rendition="#g">an</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">sich</hi>, das heißt, <hi rendition="#g">Daseyn</hi> und <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> habe. – In jenem ersten unvoll<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>endeten Bewußtseyn ist die Moralität nicht ausgeführt; sie ist darin das <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="15"/>im Sinne eines <hi rendition="#g">Gedankendinges</hi>; denn sie ist mit Natur und Sinnlichkeit, mit<lb n="16"/>der Wirklichkeit des Seyns und des Bewußtseyns vergesellschaftet, die ihren<lb n="17"/>Innhalt ausmacht, und Natur und Sinnlichkeit ist das moralisch nichtige. – In dem<lb n="18"/>zweyten ist die Moralität als <hi rendition="#g">vollendet</hi>, und nicht als ein unausgeführtes Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>dankending vorhanden. Aber diese Vollendung besteht eben darin, daß die Morali<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>tät in einem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, so wie <hi rendition="#g">freye</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>,<lb n="21"/>Daseyn überhaupt hat, nicht das leere, sondern erfüllte inhaltsvolle ist; – das heißt,<lb n="22"/>die Vollendung der Moralität wird darin gesetzt, daß das, was so eben als das<lb n="23"/>moralischnichtige bestimmt wurde, in ihr und an ihr vorhanden ist. Sie soll das<lb n="24"/>einemal schlechthin nur als das unwirkliche Gedankending der reinen Abstraction<lb n="25"/>Gültigkeit, aber ebensowohl in dieser Weise keine Gültigkeit haben; ihre Wahrheit<lb n="26"/>soll darin bestehen, der Wirklichkeit entgegengesetzt, und von ihr ganz frey und<lb n="27"/>leer, und wieder darin, Wirklichkeit zu seyn.</p>
<p><lb n="28"/>Der Synkretismus dieser Widersprüche, der in der moralischen Weltanschauung<lb n="29"/>auseinandergelegt ist, fällt in sich zusammen, indem der Unterschied, worauf er<lb n="30"/>beruht, von solchem, das nothwendig gedacht und gesetzt werden müsse, und<lb n="31"/>doch zugleich unwesentlich sey, zu einem Unterschiede wird, der nicht einmal<lb n="32"/>mehr in den Worten liegt. Was am Ende als ein verschiedenes gesetzt wird, so<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>wohl als das Nichtige, wie als das Reelle ist ein und eben dasselbe, das Daseyn und<lb n="34"/>die Wirklichkeit; und was absolut nur als das <hi rendition="#g">Jenseits</hi> des wirklichen Seyns und<lb n="35"/>Bewußtseyns, und ebensowohl nur in ihm und als ein Jenseits das nichtige seyn<lb n="36"/>soll, ist die reine Pflicht, und das Wissen derselben als des Wesens. Das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>seyn, das diesen Unterschied macht, der keiner ist, die Wirklichkeit, für das nichtige</p>
<pb n="340" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=347" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>und das reale zugleich, – die reine Moralität ebenso für das wahre Wesen so wie<lb n="2"/>für das wesenlose aussagt, spricht die Gedanken, die es vorher trennte, zusammen<lb n="3"/>aus, spricht es selbst aus, daß es ihm mit dieser Bestimmung und der Auseinander<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stellung der Momente des <hi rendition="#g">Selbsts</hi>, und des <hi rendition="#g">Ansichs</hi> nicht Ernst ist, sondern<lb n="5"/>daß es das, was es als das absolute ausser dem Bewußtseyn <hi rendition="#g">Seyende</hi> aussagt,<lb n="6"/>vielmehr in dem Selbst des Selbstbewußtseyns eingeschlossen behält, und was es<lb n="7"/>als das absolut <hi rendition="#g">Gedachte</hi> oder das absolute <hi rendition="#g">Ansich</hi> aussagt, eben darum für ein<lb n="8"/>nicht Wahrheit habendes nimmt. – Es wird für das Bewußtseyn, daß das Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>einanderstellen dieser Momente eine Verstellung ist, und es wäre <hi rendition="#g">Heucheley</hi>,<lb n="10"/>wenn es sie doch beybehielte. Aber als moralisches reines Selbstbewußtseyn flieht<lb n="11"/>es aus dieser Ungleichheit seines <hi rendition="#g">Vorstellens</hi> mit dem, was sein <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist,<lb n="12"/>aus dieser Unwahrheit, welche das für wahr aussagt, was ihm für unwahr gilt,<lb n="13"/>mit Abscheu in sich zurück. Es ist <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Gewissen</hi>, welches eine solche morali<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sche Weltvorstellung verschmäht; es ist <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> der einfache seiner gewisse<lb n="15"/>Geist, der ohne die Vermittlung jener Vorstellungen unmittelbar gewissenhafft<lb n="16"/>handelt, und in dieser Unmittelbarkeit seine Wahrheit hat. – Wenn aber diese<lb n="17"/>Welt der Verstellung nichts anders als die Entwiklung des moralischen Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>bewußtseyns in seinen Momenten, und hiemit seine <hi rendition="#g">Realität</hi> ist, so wird es<lb n="19"/>durch sein Zurückgehen in sich, seinem Wesen nach nichts anderes werden; sein<lb n="20"/>Zurückgehen, in sich ist vielmehr nur das <hi rendition="#g">erlangte</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, daß seine<lb n="21"/>Wahrheit eine vorgegebene ist. Es <hi rendition="#g">müßte</hi> sie noch immer für <hi rendition="#g">seine</hi> Wahrheit<lb n="22"/><hi rendition="#g">ausgeben</hi>, denn es müßte sich als gegenständliche Vorstellung aussprechen und<lb n="23"/>darstellen, aber <hi rendition="#g">wüßte</hi>, daß diß nur eine Verstellung ist; er wäre hiemit in der<lb n="24"/>That die Heucheley, und jenes <hi rendition="#g">Verschmähen</hi> jener Verstellung schon die erste<lb n="25"/>Aeusserung der Heucheley.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="26"/>C.</head>
<head><lb n="27"/>Das Gewissen,<lb n="28"/>die schöne Seele,<lb n="29"/>das Böse und seine Verzeyhung.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="30"/>Die Antinomie der moralischen Weltanschauung, daß es ein moralisches Be<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wußtseyn gibt, und daß es keines gibt, – oder daß das Gelten der Pflicht ein Jen<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>seits des Bewußtseyns ist, und umgekehrt nur in ihm statt findet, war in die Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stellung zusammengefaßt worden, worin das nichtmoralische Bewußtseyn für</p>
<pb n="341" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=348" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>moralisch gelte, sein zufälliges Wissen und Wollen für vollwichtig angenommen,<lb n="2"/>und die Glückseligkeit ihm aus Gnade zu Theil werde. Diese sich selbst wider<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sprechende Vorstellung nahm das moralische Selbstbewußtseyn nicht über sich,<lb n="4"/>sondern verlegte sie in ein ihm andres Wesen. Aber diß Hinaussetzen dessen, was<lb n="5"/>es als nothwendig denken muß, ausser sich selbst, ist ebenso der Widerspruch<lb n="6"/>der Form nach, wie jener es dem Inhalte nach ist. Weil aber an sich eben das, was<lb n="7"/>als widersprechend erscheint, und in dessen Trennung und Wiederauflösung die<lb n="8"/>moralische Weltanschauung sich herumtreibt, dasselbe ist, die reine Pflicht nem<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>lich als das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi>, nichts anders als das <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußtseyns, und das<lb n="10"/>Selbst des Bewußtseyns das <hi rendition="#g">Seyn</hi> und <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>; – ebenso was jenseits<lb n="11"/>des <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Bewußtseyns seyn soll, nicht anders als das reine Denken, also<lb n="12"/>in der That das Selbst ist, so geht <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das Selbstbewußtseyn<lb n="13"/>in sich zurück, und weiß dasjenige Wesen als sich selbst, worin das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi><lb n="14"/>zugleich <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> und <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi> ist. Es selbst ist sich das in seiner<lb n="15"/>Zufälligkeit vollgültige, das seine unmittelbare Einzelnheit als das reine Wissen<lb n="16"/>und Handeln, als die wahre Wirklichkeit und Harmonie weiß.</p>
<p><lb n="17"/>Diß <hi rendition="#g">Selbst</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Gewissens</hi>, der seiner unmittelbar als der absoluten Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit und des Seyns gewisse Geist, ist das <hi rendition="#g">dritte</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>, das uns aus der dritten<lb n="19"/>Welt des Geistes geworden ist, und ist mit den vorherigen kurz zu vergleichen.<lb n="20"/>Die Totalität oder Wirklichkeit, welche sich als die Wahrheit der sittlichen Welt<lb n="21"/>darstellt, ist das Selbst der <hi rendition="#g">Person</hi>; ihr Dasein ist das <hi rendition="#g">Anerkanntseyn</hi>. Wie<lb n="22"/>die Person das substanzleere Selbst ist, so ist diß ihr Daseyn ebenso die abstracte<lb n="23"/>Wirklichkeit; die Person <hi rendition="#g">gilt</hi> und zwar unmittelbar; das Selbst ist der in dem Ele<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>mente seines Seyns unmittelbar ruhende Punkt; er ist ohne die Abtrennung von<lb n="25"/>seiner Allgemeinheit, beyde daher nicht in Bewegung und Beziehung aufeinander,<lb n="26"/>das allgemeine ist ohne Unterscheidung in ihm, und weder Inhalt des Selbsts,<lb n="27"/>noch ist das Selbst durch sich selbst erfüllt. – Das <hi rendition="#g">zweyte</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist die zu ihrer<lb n="28"/>Wahrheit gekommne Welt der Bildung oder der sich wiedergegebne Geist der<lb n="29"/>Entzweyung, – die absolute Freyheit. In diesem Selbst tritt jene erste unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bare Einheit der Einzelnheit und Allgemeinheit auseinander; das Allgemeine, das<lb n="31"/>ebenso rein geistiges Wesen, Anerkanntseyn oder allgemeiner Willen und Wissen<lb n="32"/>bleibt, ist <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> und Inhalt des Selbsts und seine allgemeine Wirklichkeit.<lb n="33"/>Aber es hat nicht die Form des vom Selbst freyen Daseyns; es kommt in diesem<lb n="34"/>Selbst daher zu keiner Erfüllung und zu keinem positiven Inhalt, zu keiner Welt.<lb n="35"/>Das moralische Selbstbewußtseyn läßt seine Allgemeinheit zwar frey, so daß sie<lb n="36"/>eine eigne Natur wird, und ebenso hält es sie in sich als aufgehoben fest. Aber<lb n="37"/>es ist nur das verstellende Spiel der Abwechslung dieser beyden Bestimmungen.</p>
<pb n="342" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=349" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Als Gewissen erst hat es in seiner <hi rendition="#g">Selbstgewißheit</hi> den <hi rendition="#g">Inhalt</hi> für die vorhin<lb n="2"/>leere Pflicht so wie für das leere Recht und den leeren allgemeinen Willen; und<lb n="3"/>weil diese Selbstgewißheit ebenso das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> ist, das Daseyn selbst.</p>
<p><lb n="4"/>Zu dieser seiner Wahrheit gelangt verläßt also oder hebt das moralische Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bewußtseyn vielmehr die Trennung in sich selbst auf, woraus die Verstellung<lb n="6"/>entsprungen, die Trennung des <hi rendition="#g">Ansich</hi> und des <hi rendition="#g">Selbsts</hi>, der reinen Pflicht als<lb n="7"/>des reinen <hi rendition="#g">Zwecks</hi>, und der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> als einer dem reinen Zwecke<lb n="8"/>entgegengesetzten Natur und Sinnlichkeit. Es ist so in sich zurückgekehrt, <hi rendition="#g">con<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">creter</hi> moralischer Geist, der nicht am Bewußtseyn der reinen Pflicht sich einen<lb n="10"/>leeren Maßstab gibt, welcher dem wirklichen Bewußtseyn entgegengesetzt wäre,<lb n="11"/>sondern die reine Pflicht ebenso wie die ihr entgegengesetzte Natur sind aufgehobne<lb n="12"/>Momente; er ist in unmittelbarer Einheit sich <hi rendition="#g">verwirklichendes</hi> <hi rendition="#g">moralisches</hi><lb n="13"/>Wesen, und die Handlung unmittelbar <hi rendition="#g">concrete</hi> moralische Gestalt.</p>
<p><lb n="14"/>Es ist ein Fall des Handelns vorhanden; er ist eine gegenständliche Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>keit für das wissende Bewußtseyn. Dieses als Gewissen weiß ihn auf unmittelbare<lb n="16"/>concrete Weise, und er ist zugleich nur wie es ihn weiß. Zufällig ist das Wissen,<lb n="17"/>insofern es ein anderes ist, als der Gegenstand; der seiner selbst gewisse Geist aber<lb n="18"/>ist nicht mehr ein solches zufälliges Wissen und Erschaffen von Gedanken in sich,<lb n="19"/>von denen die Wirklichkeit verschieden wäre, sondern indem die Trennung des<lb n="20"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> und des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> aufgehoben ist, so ist der Fall unmittelbar in der sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichen <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> des Wissens, wie er <hi rendition="#g">ansich</hi> ist, und er ist nur so <hi rendition="#g">ansich</hi>,<lb n="22"/>wie er in diesem Wissen ist. – Das Handeln als die Verwirklichung ist hiedurch<lb n="23"/>die reine Form des Willens; die blosse Umkehrung der Wirklichkeit als eines<lb n="24"/><hi rendition="#g">seyenden</hi> Falles, in eine <hi rendition="#g">gethane</hi> Wirklichkeit, der blossen Weise des <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">ständlichen</hi> Wissens in die Weise des Wissens von der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> als<lb n="26"/>einem vom Bewußtseyn hervorgebrachten. Wie die sinnliche Gewißheit unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>bar in das Ansich des Geistes aufgenommen oder vielmehr umgekehrt ist, so ist<lb n="28"/>auch diese Umkehrung einfach und unvermittelt, ein Uebergang durch den<lb n="29"/>reinen Begriff ohne Aenderung des Inhalts, der durch das Interesse des von ihm<lb n="30"/>wissenden Bewußtseyns bestimmt ist. – Das Gewissen sondert ferner die Um<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>stände des Falles nicht in verschiedene Pflichten ab. Es verhält sich nicht als <hi rendition="#g">posi<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">tives</hi> <hi rendition="#g">allgemeines</hi> <hi rendition="#g">Medium</hi>, worin die vielen Pflichten, jede für sich, unver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>rückte Substantialität erhielten, so daß <hi rendition="#g">entweder</hi> gar nicht gehandelt werden<lb n="34"/>könnte, weil jeder concrete Fall die Entgegensetzung überhaupt, und als mora<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lischer Fall die Entgegensetzung der Pflichten enthält, in der Bestimmung des<lb n="36"/>Handelns also Eine Seite, Eine Pflicht immer <hi rendition="#g">verletzt</hi> würde; – <hi rendition="#g">oder</hi> daß,<lb n="37"/>wenn gehandelt wird, die Verletzung einer der entgegengesetzten Pflichten wirk-</p>
<pb n="343" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=350" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>lich einträte. Das Gewissen ist vielmehr das negative Eins oder absolute Selbst,<lb n="2"/>welches diese verschiedenen moralischen Substanzen vertilgt; es ist einfaches<lb n="3"/>pflichtmässiges Handeln, das nicht diese oder jene Pflicht erfüllt, sondern das con<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>crete Rechte weiß und thut. Es ist daher überhaupt erst das moralische <hi rendition="#g">Handeln</hi><lb n="5"/>als Handeln; worein das vorhergehende thatlose Bewußtseyn der Moralität über<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gegangen ist. – Die concrete Gestalt der That mag vom unterscheidenden Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wußtseyn in verschiedene Eigenschafften, d. h. hier in verschiedene moralische<lb n="8"/>Beziehungen analysirt, und diese entweder jede, wie es seyn muß, wenn sie Pflicht<lb n="9"/>seyn soll, für absolut geltend ausgesagt, oder auch verglichen und geprüft werden.<lb n="10"/>In der einfachen moralischen Handlung des Gewissens sind die Pflichten so ver<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schüttet, daß allen diesen einzelnen Wesen unmittelbar <hi rendition="#g">Abbruch</hi> gethan wird,<lb n="12"/>und das prüffende Rütteln an der Pflicht in der unwankenden Gewißheit des Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wissens gar nicht statt findet.</p>
<p><lb n="14"/>Ebensowenig ist im Gewissen jene hin und hergehende Ungewißheit des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wußtseyns vorhanden, welches bald die sogenannte reine Moralität ausser sich in<lb n="16"/>ein anderes heiliges Wesen setzt, und sich selbst als das unheilige gilt, bald aber<lb n="17"/>auch wieder die moralische Reinheit in sich, und die Verknüpfung des Sinnlichen<lb n="18"/>mit dem Moralischen in das andere Wesen setzt.</p>
<p><lb n="19"/>Es entsagt allen diesen Stellungen und Verstellungen der moralischen Welt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>anschauung, indem es dem Bewußtseyn entsagt, das die Pflicht und die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichkeit als widersprechend faßt. Nach diesem letztern handle ich moralisch, in<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>dem ich mir <hi rendition="#g">bewußt</hi> bin, nur die reine Pflicht zu vollbringen, nicht irgend<lb n="23"/><hi rendition="#g">etwas</hi> <hi rendition="#g">anders</hi>, diß heißt in der That, <hi rendition="#g">indem</hi> <hi rendition="#g">ich</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi> handle. Indem ich aber<lb n="24"/>wirklich handle, bin ich mir eines <hi rendition="#g">andern</hi>, einer <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, die vorhanden<lb n="25"/>ist, und einer die ich hervorbringen will, bewußt, habe einen <hi rendition="#g">bestimmten</hi><lb n="26"/>Zweck und erfülle eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Pflicht; es ist was <hi rendition="#g">anderes</hi> darin, als die<lb n="27"/>reine Pflicht, die allein beabsichtiget werden sollte. – Das Gewissen ist dagegen<lb n="28"/>das Bewußtseyn darüber, daß, wenn das moralische Bewußtseyn die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi><lb n="29"/>als das Wesen seines Handelns aussagt, dieser reine Zweck eine Verstellung der<lb n="30"/>Sache ist; denn die Sache selbst ist, daß die reine Pflicht in der leeren Abstraction<lb n="31"/>des reinen Denkens besteht, und ihre Realität und Inhalt nur an einer bestimmten<lb n="32"/>Wirklichkeit hat, einer Wirklichkeit, welche Wirklichkeit des Bewußtseyns selbst,<lb n="33"/>und desselben nicht als eines Gedankendings, sondern als eines Einzelnen ist. Das<lb n="34"/>Gewissen hat <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, seine Wahrheit an der <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Gewiß<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> seiner selbst. Diese <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> concrete Gewißheit seiner selbst ist das<lb n="36"/>Wesen; sie nach dem Gegensatze des Bewußtseyns betrachtet, so ist die eigne<lb n="37"/>unmittelbare <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> der Inhalt des moralischen Thuns; und die <hi rendition="#g">Form</hi><lb n="38"/>desselben ist eben dieses Selbst als reine Bewegung, nemlich als das <hi rendition="#g">Wissen</hi> oder<lb n="39"/>die <hi rendition="#g">eigne</hi> <hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi>.</p>
<pb n="344" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=351" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Diß in seiner Einheit und in der Bedeutung der Momente näher betrachtet, so<lb n="2"/>erfaßte das moralische Bewußtseyn sich nur als das <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder <hi rendition="#g">Wesen</hi>; als<lb n="3"/>Gewissen aber erfaßt es sein <hi rendition="#g">Fürsich</hi>seyn oder sein <hi rendition="#g">Selbst</hi>. – Der Widerspruch<lb n="4"/>der moralischen Weltanschauung <hi rendition="#g">löst</hi> sich <hi rendition="#g">auf</hi>, d. h. der Unterschied, der ihm<lb n="5"/>zu Grunde liegt, zeigt sich kein Unterschied zu seyn, und er läufft in die reine<lb n="6"/>Negativität zusammen; diese aber ist eben das <hi rendition="#g">Selbst</hi>; ein einfaches <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="7"/>welches ebensowohl <hi rendition="#g">reines</hi> Wissen, als Wissen seiner als <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">einzelnen</hi><lb n="8"/>Bewußtseyns ist. Diß Selbst macht daher den Inhalt des vorher leeren Wesens<lb n="9"/>aus, denn es ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi>, welches nicht mehr die Bedeutung hat, eine dem<lb n="10"/>Wesen fremde und in eignen Gesetzen selbstständige Natur zu seyn. Es ist als das<lb n="11"/>Negative der <hi rendition="#g">Unterschied</hi> des reinen Wesens, ein Inhalt und zwar ein solcher,<lb n="12"/>welcher an und für sich gilt.</p>
<p><lb n="13"/>Ferner ist diß Selbst als reines sich selbstgleiches Wissen das <hi rendition="#g">schlechthin</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, so daß eben diß Wissen <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">eignes</hi> Wissen, als Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>zeugung die <hi rendition="#g">Pflicht</hi> ist. Die Pflicht ist nicht mehr das dem Selbst gegenüber<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>tretende Allgemeine, sondern ist gewußt, in dieser Getrenntheit kein Gelten zu<lb n="17"/>haben; es ist itzt das Gesetz, das um des Selbsts willen, nicht um dessen willen das<lb n="18"/>Selbst ist. Das Gesetz und die Pflicht hat aber darum nicht allein die Bedeutung<lb n="19"/>des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, sondern auch des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi>, denn diß Wissen ist um<lb n="20"/>seiner Sichselbstgleichheit willen eben das <hi rendition="#g">Ansich</hi>. Diß <hi rendition="#g">Ansich</hi> trennt sich auch<lb n="21"/>im Bewußtseyn von jener unmittelbaren Einheit mit dem Fürsichseyn; so gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>übertretend ist es <hi rendition="#g">Seyn</hi>, <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>. – Die Pflicht eben wird itzt als<lb n="23"/>Pflicht, die vom Selbst verlassen ist, gewußt, nur <hi rendition="#g">Moment</hi> zu seyn, sie ist von<lb n="24"/>ihrer Bedeutung, <hi rendition="#g">absolutes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> zu seyn, zum Seyn, das nicht Selbst, nicht<lb n="25"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, herabgesunken und also <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>. Aber diß <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">anderes</hi> bleibt ebendarum wesentliches Moment, weil das Selbst als Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn den Gegensatz des Fürsichseyns und des Seyns für anderes ausmacht, und<lb n="28"/>itzt die Pflicht an ihr unmittelbar <hi rendition="#g">wirkliches</hi>, nicht mehr bloß das abstracte<lb n="29"/>reine Bewußtseyn ist.</p>
<p><lb n="30"/>Diß <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist also die <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> vom Selbst unterschiedne<lb n="31"/>Substanz. Das Gewissen hat die reine Pflicht oder das <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> nicht<lb n="32"/>aufgegeben, sondern sie ist das wesentliche Moment, als <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> sich<lb n="33"/>zu andern zu verhalten. Es ist das gemeinschaftliche Element der Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>seyn, und dieses die Substanz, worin die That <hi rendition="#g">Bestehen</hi> und <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi><lb n="35"/>hat; das Moment des <hi rendition="#g">Anerkanntwerdens</hi> von den andern. Das moralische<lb n="36"/>Selbstbewußtseyn hat diß Moment des Anerkanntseyns, des <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi>, welches <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, nicht; und ist dadurch überhaupt nicht handelndes, nicht</p>
<pb n="345" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=352" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>verwirklichendes. Sein <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist ihm entweder das abstracte <hi rendition="#g">unwirkliche</hi><lb n="2"/>Wesen, oder das <hi rendition="#g">Seyn</hi> als eine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, welche nicht geistig ist. Die<lb n="3"/><hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des Gewißens aber ist eine solche, welche <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist,<lb n="4"/>d. h. das seiner bewußte Daseyn, das geistige Element des Anerkanntwerdens.<lb n="5"/>Das Thun ist daher nur das Uebersetzen seines <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Inhalts in das <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">ständliche</hi> Element, worin er allgemein und anerkannt ist, und eben diß, daß<lb n="7"/>er anerkannt ist, macht die Handlung zur Wirklichkeit. Anerkannt und dadurch<lb n="8"/>wirklich ist die Handlung, weil die daseyende Wirklichkeit unmittelbar mit der<lb n="9"/>Ueberzeugung oder dem Wissen verknüpft, oder das Wissen von seinem Zwecke<lb n="10"/>unmittelbar das Element des Daseyns, das allgemeine Anerkennen ist. Denn<lb n="11"/>das <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Handlung, die Pflicht besteht in der <hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi> des Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>wissens von ihr; diese Ueberzeugung ist eben das <hi rendition="#g">Ansich</hi> selbst; es ist das <hi rendition="#g">an</hi><lb n="13"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Selbst<hi rendition="#g">bewußtseyn</hi>, oder das <hi rendition="#g">Anerkanntseyn</hi> und hie<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>mit die Wirklichkeit. Das mit der Ueberzeugung von der Pflicht gethane ist also<lb n="15"/>unmittelbar ein solches, das Bestand und Daseyn hat. Es ist also da keine Rede<lb n="16"/>mehr davon, daß die gute Absicht nicht zuStande komme, oder daß es dem Guten<lb n="17"/>schlecht geht; sondern das als Pflicht gewußte vollführt sich und kommt zur<lb n="18"/>Wirklichkeit, weil eben das Pflichtmässige das Allgemeine aller Selbstbewußtseyn,<lb n="19"/>das anerkannte und also Seyende ist. Getrennt und allein genommen, ohne den<lb n="20"/>Inhalt des Selbsts aber ist diese Pflicht das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, das durchsichtige,<lb n="21"/>das nur die Bedeutung gehaltloser Wesenheit überhaupt hat.</p>
<p><lb n="22"/>Sehen wir auf die Sphäre zurück, mit der überhaupt die <hi rendition="#g">geistige</hi> <hi rendition="#g">Realität</hi><lb n="23"/>eintrat, so war es der Begriff, daß das Aussprechen der Individualität das <hi rendition="#g">An</hi> <hi rendition="#g">und</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">sey</hi>. Aber die Gestalt, welche diesen Begriff unmittelbar ausdrückte,<lb n="25"/>war das <hi rendition="#g">ehrliche</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, das sich mit der <hi rendition="#g">abstracten</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="26"/>herumtrieb. Diese <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, war dort <hi rendition="#g">Prädicat</hi>; im Gewissen aber erst<lb n="27"/>ist sie <hi rendition="#g">Subject</hi>, das alle Momente des Bewußtseyns an ihm gesetzt hat, und für<lb n="28"/>welches alle diese Momente, Substantialität überhaupt, äusseres Daseyn und Wesen<lb n="29"/>des Denkens, in dieser Gewißheit seiner selbst enthalten sind. Substantialität über<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>haupt hat die <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> in der Sittlichkeit, äusseres Daseyn in der Bildung,<lb n="31"/>sich selbstwissende Wesenheit des Denkens in der Moralität, und im Gewissen ist<lb n="32"/>sie das <hi rendition="#g">Subject</hi>, das diese Momente an ihm selbst weiß. Wenn das ehrliche<lb n="33"/>Bewußtseyn nur immer <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">leere</hi> <hi rendition="#g">Sache</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ergreifft, so gewinnt dagegen<lb n="34"/>das Gewissen sie in ihrer Erfüllung, die es ihr durch sich gibt. Es ist diese Macht<lb n="35"/>dadurch, daß es die Momente des Bewußtseyns als <hi rendition="#g">Momente</hi> weiß, und als ihr<lb n="36"/>negatives Wesen, sie beherrscht.</p>
<pb n="346" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=353" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Das Gewissen in Beziehung auf die einzelnen Bestimmungen des Gegensatzes,<lb n="2"/>der am Handeln erscheint, und sein Bewußtseyn über die Natur derselben betrachtet,<lb n="3"/>so verhält es sich zuerst als <hi rendition="#g">Wissendes</hi> zur <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des <hi rendition="#g">Falles</hi>, worin<lb n="4"/>zu handeln ist. Insofern das Moment der <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> an diesem Wissen ist,<lb n="5"/>gehört zum Wissen des gewissenhafften Handelns, die vorliegende Wirklichkeit<lb n="6"/>auf uneingeschränkte Weise zu umfassen, und also die Umstände des Falles genau<lb n="7"/>zu wissen und in Erwägung zu ziehen. Diß Wissen aber, da es die Allgemeinheit<lb n="8"/>als ein <hi rendition="#g">Moment</hi> <hi rendition="#g">kennt</hi>, ist daher ein solches Wissen von diesen Umständen,<lb n="9"/>das sich bewußt ist, sie nicht zu umfassen oder darin nicht gewissenhafft zu seyn.<lb n="10"/>Die wahrhafft allgemeine und reine Beziehung des Wissens wäre eine Beziehung<lb n="11"/>auf ein nicht <hi rendition="#g">entgegengesetztes</hi>, auf sich selbst; aber das <hi rendition="#g">Handeln</hi> durch<lb n="12"/>den Gegensatz, der in ihm wesentlich ist, bezieht sich auf ein Negatives des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>wußtseyns, auf eine <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>. Gegen die Einfachheit<lb n="14"/>des reinen Bewußtseyns, das absolut <hi rendition="#g">andere</hi>, oder die Mannichfaltigkeit <hi rendition="#g">an</hi><lb n="15"/><hi rendition="#g">sich</hi>, ist sie eine absolute Vielheit der Umstände, die sich rückwärts in ihre Be<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>dingungen, seitwärts in ihrem Nebeneinander, vorwärts in ihren Folgen unend<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lich theilt und ausbreitet. – Das gewissenhaffte Bewußtseyn ist dieser Natur der<lb n="18"/>Sache und seines Verhältnisses zu ihr bewußt, und weiß, daß es den Fall, in dem<lb n="19"/>es handelt, nicht nach dieser gefoderten Allgemeinheit kennt, und daß sein Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>geben dieser gewissenhafften Erwägung aller Umstände nichtig ist. Diese Kennt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>niß und Erwägung aller Umstände aber ist nicht gar nicht vorhanden; allein<lb n="22"/>nur als <hi rendition="#g">Moment</hi>, als etwas, das nur für <hi rendition="#g">andere</hi> ist; und sein unvollständiges<lb n="23"/>Wissen, weil es <hi rendition="#g">sein</hi> Wissen ist, gilt ihm als hinreichendes vollkommenes Wissen.</p>
<p><lb n="24"/>Auf gleiche Weise verhält es sich mit der Allgemeinheit des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, oder<lb n="25"/>der Bestimmung des Inhalts durchs reine Bewußtseyn. – Das zum Handeln schrei<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tende Gewissen bezieht sich auf die vielen Seiten des Falles. Dieser schlägt sich<lb n="27"/>auseinander, und ebenso die Beziehung des reinen Bewußtseyns auf ihn, wodurch<lb n="28"/>die Mannichfaltigkeit des Falles eine Mannichfaltigkeit von <hi rendition="#g">Pflichten</hi> ist. –<lb n="29"/>Das Gewissen weiß, daß es unter ihnen zu wählen und zu entscheiden hat; denn<lb n="30"/>keine ist in ihrer Bestimmtheit oder in ihrem Inhalte absolut, sondern nur die<lb n="31"/><hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Pflicht</hi>. Aber diß Abstractum hat in seiner Realität die Bedeutung des<lb n="32"/>selbstbewußten Ich erlangt. Der seiner selbst gewisse Geist ruht als Gewissen in<lb n="33"/>sich, und seine <hi rendition="#g">reale</hi> Allgemeinheit, oder seine Pflicht liegt in seiner reinen<lb n="34"/><hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi> von der Pflicht. Diese <hi rendition="#g">reine</hi> Ueberzeugung ist als solche so<lb n="35"/>leer als die reine <hi rendition="#g">Pflicht</hi>, rein in dem Sinne, daß nichts in ihr, kein bestimmter<lb n="36"/>Inhalt Pflicht ist. Es soll aber gehandelt, es muß von dem Individuum <hi rendition="#g">bestimmt</hi><lb n="37"/>werden; und der seiner selbst gewisse Geist, in dem das Ansich die Bedeutung des<lb n="38"/>selbstbewußten Ich erlangt hat, weiß diese Bestimmung und Inhalt in der un<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>mittelbaren <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst zu haben. Diese ist als Bestimmung und Inhalt</p>
<pb n="347" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=354" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>das <hi rendition="#g">natürliche</hi> Bewußtseyn, das heißt, die Triebe und Neigungen. – Das Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wissen erkennt keinen Inhalt für es als absolut, denn es ist absolute Negativität<lb n="3"/>alles Bestimmten. Es bestimmt <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; der Kreis des Selbsts aber, worein<lb n="4"/>die Bestimmtheit als solche fällt, ist die sogenannte Sinnlichkeit; einen Inhalt aus<lb n="5"/>der unmittelbaren Gewißheit seiner selbst zu haben, findet sich nichts bey der<lb n="6"/>Hand, als sie. – Alles, was in frühern Gestalten, als Gut oder Schlecht, als Gesetz<lb n="7"/>und Recht sich darstellte, ist ein <hi rendition="#g">Anderes</hi> als die unmittelbare Gewißheit seiner<lb n="8"/>selbst; es ist ein <hi rendition="#g">Allgemeines</hi>, das jetzt ein Seyn für anderes ist; oder anders<lb n="9"/>betrachtet, ein Gegenstand, welcher das Bewußtseyn mit sich selbst vermittelnd,<lb n="10"/>zwischen es und seine eigene Wahrheit tritt und es vielmehr von sich absondert,<lb n="11"/>als daß er seine Unmittelbarkeit wäre. – Dem Gewissen aber ist die Gewißheit<lb n="12"/>seiner selbst die reine unmittelbare Wahrheit; und diese Wahrheit ist also seine<lb n="13"/>als <hi rendition="#g">Inhalt</hi> vorgestellte unmittelbare Gewißheit seiner selbst, das heißt, überhaupt<lb n="14"/>die Willkühr des Einzelnen und die Zufälligkeit seines bewußtlosen natürlichen<lb n="15"/>Seyns.</p>
<p><lb n="16"/>Dieser Inhalt gilt zugleich als moralische <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> oder als <hi rendition="#g">Pflicht</hi>. Denn<lb n="17"/>die reine Pflicht ist, wie schon bey dem Prüffen der Gesetze sich ergab, schlecht<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>hin gleichgültig gegen jeden Inhalt, und verträgt jeden Inhalt. Hier hat sie zu<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gleich die wesentliche Form des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, und diese Form der individuellen<lb n="20"/>Ueberzeugung ist nichts anderes als das Bewußtseyn von der Leerheit der reinen<lb n="21"/>Pflicht, und davon daß sie nur Moment, daß seine Substantialität ein Prädicat ist,<lb n="22"/>welches sein Subject an dem Individuum hat, dessen Willkühr ihr den Inhalt gibt,<lb n="23"/>jeden an diese Form knüpfen, und seine Gewissenhafftigkeit an ihn hefften kann. –<lb n="24"/>Ein Individuum vermehrt sein Eigenthum auf eine gewisse Weise; es ist Pflicht,<lb n="25"/>daß jedes für die Erhaltung seiner selbst wie auch seiner Familie, nicht weniger<lb n="26"/>für die <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi> sorgt, seinen Nebenmenschen nützlich zu werden, und<lb n="27"/>Hülfsbedürftigen gutes zu thun. Das Individuum ist sich bewußt, daß diß Pflicht<lb n="28"/>ist, denn dieser Inhalt ist unmittelbar in der Gewißheit seiner selbst enthalten;<lb n="29"/>es sieht ferner ein, daß es diese Pflicht in diesem Falle erfüllt. Andere halten viel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>leicht diese gewisse Weise für Betrug; <hi rendition="#g">sie</hi> halten sich an andere Seiten des con<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>creten Falles, es aber hält diese Seite dadurch fest, daß es sich der Vermehrung<lb n="32"/>des Eigenthums als reiner Pflicht bewußt ist. – So erfüllt das, was andere Gewalt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>thätigkeit und Unrecht nennen, die Pflicht gegen Andere seine Selbstständigkeit<lb n="34"/>zu behaupten, was sie Feigheit nennen, – die Pflicht, sich das Leben und die Mög<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>lichkeit der Nützlichkeit für die Nebenmenschen zu erhalten; was sie aber die<lb n="36"/>Tapferkeit nennen, verletzt vielmehr beyde Pflichten. Die Feigheit darf aber nicht<lb n="37"/>so ungeschickt seyn, nicht zu wissen, daß die Erhaltung des Lebens und der Mög-</p>
<pb n="348" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=355" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>lichkeit, andern nützlich zu seyn, Pflichten sind, nicht von der Pflichtmäßigkeit<lb n="2"/>ihres Handelns <hi rendition="#g">überzeugt</hi> zu seyn und nicht zu wissen, daß in dem <hi rendition="#g">Wissen</hi><lb n="3"/>das Pflichtmäßige besteht; sonst begienge sie die Ungeschicklichkeit, unmoralisch<lb n="4"/>zu seyn. Da die Moralität in dem Bewußtseyn, die Pflicht erfüllt zu haben, liegt,<lb n="5"/>so wird dem Handeln, das Feigheit, eben so wenig als dem, das Tapferkeit genannt<lb n="6"/>wird, diß nicht fehlen; das Abstractum, das Pflicht heißt, ist wie jedes, so auch<lb n="7"/>dieses Inhalts fähig, es weiß also, was es thut, als Pflicht, und indem es diß<lb n="8"/>weiß und die Ueberzeugung von der Pflicht das Pflichtmäßige selbst ist, so ist<lb n="9"/>es anerkannt von den Andern; die Handlung gilt dadurch und hat wirkliches<lb n="10"/>Daseyn.</p>
<p><lb n="11"/>Gegen diese Freyheit, die jeden beliebigen Inhalt in das allgemeine passive Me<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>dium der reinen Pflicht und Wissens einlegt, so gut als einen andern, hilfft es nichts,<lb n="13"/>zu behaupten, daß ein anderer Inhalt eingelegt werden sollte; denn welcher es<lb n="14"/>sey, jeder hat den <hi rendition="#g">Makel</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> an ihm, von der das reine Wissen<lb n="15"/>frey ist, die es verschmähen, ebenso wie es jede aufnehmen kann. Aller Inhalt<lb n="16"/>steht darin, daß er ein bestimmter ist, auf gleicher Linie mit dem andern, wenn<lb n="17"/>er auch gerade den Charakter zu haben scheint, daß in ihm das Besondere auf<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>gehoben sey. Es kann scheinen, daß indem an dem wirklichen Falle die Pflicht<lb n="19"/>sich überhaupt in den <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> und dadurch den der <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> und<lb n="20"/><hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> entzweyt, diejenige Pflicht, deren Inhalt das Allgemeine selbst<lb n="21"/>ist, dadurch unmittelbar die Natur der reinen Pflicht an ihr habe, und Form und<lb n="22"/>Inhalt hiemit sich ganz gemäß werden; so daß also z. B. die Handlung für das<lb n="23"/>allgemeine Beste, der für das individuelle vorzuziehen sey. Allein diese allgemeine<lb n="24"/>Pflicht ist überhaupt dasjenige, was als an und für sich seyende Substanz, als Recht<lb n="25"/>und Gesetz <hi rendition="#g">vorhanden</hi> ist, und <hi rendition="#g">unabhängig</hi> von dem Wissen und der Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>zeugung wie von dem unmittelbaren Interesse des Einzelnen gilt; es ist also gerade<lb n="27"/>dasjenige, gegen dessen <hi rendition="#g">Form</hi> die Moralität überhaupt gerichtet ist. Was aber<lb n="28"/>seinen <hi rendition="#g">Inhalt</hi> betrifft, so ist auch er ein <hi rendition="#g">bestimmter</hi>, insofern das allgemeine<lb n="29"/>Beste dem einzelnen <hi rendition="#g">entgegengesetzt</hi> ist; hiemit ist sein Gesetz ein solches,<lb n="30"/>von welchem das Gewissen sich schlechthin frey weiß und hinzu und davon<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zuthun, es zu unterlassen, so wie zu erfüllen, sich die absolute Befugniß gibt. –<lb n="32"/>Alsdenn ist ferner jene Unterscheidung der Pflicht gegen das Einzelne und gegen<lb n="33"/>das Allgemeine, der Natur des Gegensatzes überhaupt nach nichts festes. Sondern<lb n="34"/>vielmehr was der Einzelne für sich thut, kommt auch dem Allgemeinen zu gute;<lb n="35"/>je mehr er für sich gesorgt hat, desto grösser ist nicht nur seine <hi rendition="#g">Möglichkeit</hi>,<lb n="36"/><hi rendition="#g">andern</hi> zu nützen; sondern seine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> selbst ist nur diß, im Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>sammenhange mit andern zu seyn und zu leben; sein einzelner Genuß hat wesent-</p>
<pb n="349" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=356" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>lich die Bedeutung, damit andern das seinige preiszugeben, und ihnen zum Er<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>werb ihres Genusses zu verhelffen. In der Erfüllung der Pflicht gegen den Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zelnen, also gegen sich, wird also auch die gegen das Allgemeine erfüllt. – Die <hi rendition="#g">Er<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">wägung</hi> und <hi rendition="#g">Vergleichung</hi> der Pflichten, welche hier einträte, lieffe auf die<lb n="5"/>Berechnung des Vortheils hinaus, den das Allgemeine von einer Handlung hätte,<lb n="6"/>aber theils fällt die Moralität hiedurch der nothwendigen <hi rendition="#g">Zufälligkeit</hi> der<lb n="7"/><hi rendition="#g">Einsicht</hi> anheim, theils ist es gerade das Wesen des Gewissens diß <hi rendition="#g">Berech<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">nen</hi> und Erwägen <hi rendition="#g">abzuschneiden</hi>, und ohne solche Gründe aus sich zu ent<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>scheiden.</p>
<p><lb n="10"/>Auf diese Weise handelt und erhält sich also das Gewissen in der Einheit des<lb n="11"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> und des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, in der Einheit des reinen Denkens und der Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>vidualität, und ist der seiner gewisse Geist, der seine Wahrheit an ihm selbst, in<lb n="13"/>seinem Selbst, in seinem Wissen, und darin als dem Wissen von der Pflicht hat.<lb n="14"/>Er erhält sich eben dadurch darin, daß was <hi rendition="#g">positives</hi> in der Handlung ist, so<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wohl der Inhalt, als die Form der Pflicht und das Wissen von ihr, dem Selbst,<lb n="16"/>der Gewißheit seiner, angehört; was aber dem Selbst als <hi rendition="#g">eignes</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">übertreten</hi> will, als nicht wahres, nur als aufgehobnes, nur als Moment gilt. Es<lb n="18"/>gilt daher nicht das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> überhaupt, sondern <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Kennt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">niß</hi> von den Umständen. In die Pflicht, als das allgemeine <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi>, legt<lb n="20"/>es den Inhalt ein, den es aus seiner natürlichen Individualität nimmt; denn er ist<lb n="21"/>der an ihm selbst vorhandne; dieser wird durch das allgemeine Medium, worin<lb n="22"/>er ist, die <hi rendition="#g">Pflicht</hi>, die es ausübt, und die leere reine Pflicht ist ebenhiedurch als<lb n="23"/>aufgehobnes oder als Moment gesetzt; dieser Inhalt ist ihre aufgehobne Leerheit<lb n="24"/>oder die Erfüllung. – Aber ebenso ist das Gewissen von jedem Inhalt überhaupt<lb n="25"/>frey; es absolvirt sich von jeder bestimmten Pflicht, die als Gesetz gelten soll; in<lb n="26"/>der Krafft der Gewißheit seiner selbst, hat es die Majestät der absoluten Avtarkie,<lb n="27"/>zu binden und zu lösen. – Diese <hi rendition="#g">Selbstbestimmung</hi> ist darum unmittelbar<lb n="28"/>das schlechthin pflichtmässige; die Pflicht ist das Wissen selbst; diese einfache<lb n="29"/>Selbstheit aber ist das Ansich; denn das <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist die reine Sichselbstgleichheit;<lb n="30"/>und diese ist in diesem Bewußtseyn. –</p>
<p><lb n="31"/>Diß reine Wissen ist unmittelbar <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>; denn als die reine Sich<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>selbstgleichheit ist es die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, oder das Seyn. Diß Seyn ist aber<lb n="33"/>zugleich das reine Allgemeine, die Selbstheit Aller; oder das Handeln ist anerkannt<lb n="34"/>und daher wirklich. Diß Seyn ist das Element, wodurch das Gewissen unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>bar mit allen Selbstbewußtseyn in der Beziehung der Gleichheit steht; und die<lb n="36"/>Bedeutung dieser Beziehung ist nicht das selbstlose Gesetz, sondern das Selbst<lb n="37"/>des Gewissens.</p>
<pb n="350" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=357" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Darin aber, daß diß Rechte, was das Gewissen thut, zugleich <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi><lb n="2"/>ist, scheint eine Ungleichheit an es zu kommen. Die Pflicht, die es vollbringt, ist<lb n="3"/>ein <hi rendition="#g">bestimmter</hi> Inhalt; er ist zwar das <hi rendition="#g">Selbst</hi> des Bewußtseyns, und darin sein<lb n="4"/><hi rendition="#g">Wissen</hi> von sich, seine <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> mit sich selbst. Aber vollbracht, in das all<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gemeine Medium <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> gestellt, ist diese Gleichheit nicht mehr <hi rendition="#g">Wissen</hi>,<lb n="6"/>nicht mehr dieses Unterscheiden, welches seine Unterschiede ebenso unmittelbar<lb n="7"/>aufhebt; sondern im <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist der Unterschied bestehend gesetzt, und die Handlung<lb n="8"/>eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi>, ungleich mit dem Elemente des Selbstbewußtseyns Aller, also<lb n="9"/>nicht nothwendig anerkannt. Beyde Seiten, das handelnde Gewissen und das all<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gemeine diese Handlung als Pflicht anerkennende Bewußtseyn sind gleich <hi rendition="#g">frey</hi><lb n="11"/>von der Bestimmtheit dieses Thuns. Um dieser Freyheit willen ist die Beziehung<lb n="12"/>in dem gemeinschafftlichen Medium des Zusammenhangs vielmehr ein Verhält<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>niß der vollkommnen Ungleichheit; wodurch das Bewußtseyn, für welches die<lb n="14"/>Handlung ist, sich in vollkommner Ungewißheit über den handelnden seiner selbst<lb n="15"/>gewissen Geist befindet. Er handelt, er setzt eine Bestimmtheit als seyend; an diß<lb n="16"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> als an seine Wahrheit halten sich die andern, und sind darin seiner gewiß;<lb n="17"/>er hat darin ausgesprochen, <hi rendition="#g">was</hi> ihm als Pflicht gilt. Allein er ist frey von irgend<lb n="18"/>einer <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Pflicht; er ist da heraus, wo sie meynen, daß er wirklich sey;<lb n="19"/>und diß Medium des Seyns selbst, und die Pflicht als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyend, gilt ihm<lb n="20"/>nur als Moment. Was er ihnen also hinstellt, verstellt er auch wieder, oder viel<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>mehr hat es unmittelbar verstellt. Denn seine <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> ist ihm nicht diese<lb n="22"/>hinausgestellte Pflicht und Bestimmung, sondern diejenige, welche er in der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>soluten Gewißheit seiner selbst hat.</p>
<p><lb n="24"/>Sie wissen also nicht, ob diß Gewissen moralisch gut oder ob es böse ist, oder<lb n="25"/>vielmehr sie können es nicht nur nicht wissen, sondern müssen es auch für böse<lb n="26"/>nehmen. Denn wie es frey von der <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der Pflicht, und von der Pflicht<lb n="27"/>als <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyender ist, sind sie es gleichfalls. Was es ihnen hinstellt, wissen sie<lb n="28"/>selbst zu verstellen; es ist ein solches, wodurch nur das <hi rendition="#g">Selbst</hi> eines andern aus<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>gedrückt ist, nicht ihr eignes; sie wissen sich nicht nur frey davon, sondern müssen<lb n="30"/>es in ihrem eignen Bewußtseyn auflösen, durch Urtheilen und Erklären zu nichte<lb n="31"/>machen, um ihr Selbst zu erhalten.</p>
<p><lb n="32"/>Allein die Handlung des Gewissens ist nicht nur diese von dem reinen Selbst<lb n="33"/>verlassne <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> des Seyns. Was als Pflicht gelten und anerkannt werden<lb n="34"/>soll, ist es allein durch das Wissen und die Ueberzeugung davon als von der Pflicht,<lb n="35"/>durch das Wissen seiner Selbst in der That. Wenn die That aufhört, dieses Selbst<lb n="36"/>an ihr zu haben, hört sie auf das zu seyn, was allein ihr Wesen ist. Ihr Daseyn von<lb n="37"/>diesem Bewußtseyn verlassen, wäre eine gemeine Wirklichkeit, und die Handlung<lb n="38"/>erschiene uns als ein Vollbringen seiner Lust und Begierde. Was <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi> soll,<lb n="39"/>ist hier allein Wesenheit dadurch, daß es als sich selbst aussprechende Individualität</p>
<pb n="351" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=358" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">gewußt</hi> wird; und diß <hi rendition="#g">gewußtseyn</hi> ist es, was das anerkannte ist, und was<lb n="2"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solches,</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi> haben soll.</p>
<p><lb n="3"/>Das Selbst tritt ins Daseyn, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Selbst;</hi> der seiner gewisse Geist existirt als<lb n="4"/>solcher für andre; seine <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Handlung ist nicht das, was gilt und wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lich ist; nicht das <hi rendition="#g">bestimmte,</hi> nicht das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> ist das anerkannte,<lb n="6"/>sondern allein das sich wissende <hi rendition="#g">Selbst</hi> als solches. Das Element des Bestehens<lb n="7"/>ist das allgemeine Selbstbewußtseyn; was in dieses Element tritt, kann nicht die<lb n="8"/><hi rendition="#g">Wirkung</hi> der Handlung seyn, diese hält nicht darin aus, und erhält kein Bleiben,<lb n="9"/>sondern nur das Selbstbewußtseyn ist das anerkannte und gewinnt die Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichkeit.</p>
<p><lb n="11"/>Wir sehen hiemit wieder die <hi rendition="#g">Sprache</hi> als das Daseyn des Geistes. Sie ist das<lb n="12"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> seyende Selbstbewußtseyn, welches unmittelbar <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solches</hi> <hi rendition="#g">vor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">handen</hi> und als <hi rendition="#g">dieses</hi> allgemeines ist. Sie ist das sich von sich selbst abtrennende<lb n="14"/>Selbst, das als reines Ich=Ich sich gegenständlich wird, in dieser Gegenständlich<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>keit sich ebenso als <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst erhält, wie es unmittelbar mit den Andern zu<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>sammenfließt und <hi rendition="#g">ihr</hi> Selbstbewußtseyn ist; es vernimmt ebenso sich, als es von<lb n="17"/>den andern vernommen wird, und das Vernehmen ist eben das <hi rendition="#g">zum</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="18"/><hi rendition="#g">gewordne</hi> <hi rendition="#g">Daseyn.</hi></p>
<p><lb n="19"/>Der Inhalt, den die Sprache hier gewonnen, ist nicht mehr das verkehrte und<lb n="20"/>verkehrende und zerrissne Selbst der Welt der Bildung; sondern der in sich zu<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>rückgekehrte, seiner und in seinem Selbst seiner Wahrheit oder seines Anerkennens<lb n="22"/>gewisse, und als dieses Wissen anerkannte Geist. Die Sprache des sittlichen Geistes<lb n="23"/>ist das Gesetz und der einfache Befehl, und die Klage, die mehr eine Thräne über<lb n="24"/>die Nothwendigkeit ist; das moralische Bewußtseyn hingegen ist noch <hi rendition="#g">stumm,</hi><lb n="25"/>bey sich in seinem Innern verschlossen, denn in ihm hat das Selbst noch nicht Da<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>seyn, sondern das Daseyn und das <hi rendition="#g">Selbst</hi> stehen erst in äusserer Beziehung auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>einander. Die Sprache aber tritt nur als die Mitte selbstständiger und anerkannter<lb n="28"/>Selbstbewußtseyn hervor, und das <hi rendition="#g">daseyende</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist unmittelbar allgemeines,<lb n="29"/>vielfaches und in dieser Vielheit einfaches Anerkanntseyn. Der Inhalt der Sprache<lb n="30"/>des Gewissens ist <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> <hi rendition="#g">wissende</hi> <hi rendition="#g">Selbst.</hi> Diß allein spricht<lb n="31"/>sie aus, und dieses Aussprechen ist die wahre Wirklichkeit des Thuns und das<lb n="32"/>Gelten der Handlung. Das Bewußtseyn spricht seine <hi rendition="#g">Ueberzeugung</hi> aus; diese<lb n="33"/>Ueberzeugung ist es, worin allein die Handlung Pflicht ist; sie <hi rendition="#g">gilt</hi> auch allein<lb n="34"/>dadurch als Pflicht, daß die Ueberzeugung <hi rendition="#g">ausgesprochen</hi> wird. Denn das<lb n="35"/>allgemeine Selbstbewußtseyn ist frey von der <hi rendition="#g">nur</hi> <hi rendition="#g">seyenden</hi> <hi rendition="#g">bestimmten</hi><lb n="36"/>Handlung; <hi rendition="#g">sie</hi> als <hi rendition="#g">Daseyn</hi> gilt ihm nichts, sondern die <hi rendition="#g">Ueberzeugung,</hi><lb n="37"/>daß sie Pflicht ist; und diese ist in der Sprache wirklich. – Die Handlung ver-</p>
<pb n="352" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=359" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>wirklichen heißt hier nicht ihren Inhalt aus der Form des <hi rendition="#g">Zwecks</hi> oder <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi> in die Form der <hi rendition="#g">abstracten</hi> Wirklichkeit übersetzen, sondern aus der<lb n="3"/>Form der unmittelbaren <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner selbst, die ihr Wissen oder Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>seyn als das Wesen weiß, in die Form der <hi rendition="#g">Versicherung</hi>, daß das Bewußtseyn<lb n="5"/>von der Pflicht überzeugt ist, und die Pflicht als Gewissen <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> weiß;<lb n="6"/>diese Versicherung versichert also, daß es davon überzeugt ist, daß seine Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>zeugung das Wesen ist.</p>
<p><lb n="8"/>Ob die Versicherung, aus Ueberzeugung von der Pflicht zu handeln, <hi rendition="#g">wahr</hi><lb n="9"/>ist, ob es <hi rendition="#g">wirklich</hi> die <hi rendition="#g">Pflicht</hi> ist, was gethan wird, – diese Fragen oder Zweifel<lb n="10"/>haben keinen Sinn gegen das Gewissen. – Bey jener Frage, ob die <hi rendition="#g">Versicherung</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">wahr</hi> ist, würde vorausgesetzt, daß die innere Absicht von der vorgegebnen<lb n="12"/>verschieden sey, d. h. daß das Wollen des einzelnen Selbsts, sich von der Pflicht,<lb n="13"/>von dem Willen des allgemeinen und reinen Bewußtseyns trennen könne; der<lb n="14"/>letztre wäre in die Rede gelegt, das erstere aber eigentlich die wahre Triebfeder<lb n="15"/>der Handlung. Allein dieser Unterschied des allgemeinen Bewußtseyns und des<lb n="16"/>einzelnen Selbsts ist es eben, der sich aufgehoben, und dessen Aufheben das Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wissen ist. Das unmittelbare Wissen des seiner gewissen Selbsts ist Gesetz und<lb n="18"/>Pflicht; seine Absicht ist dadurch, daß sie seine Absicht ist, das Rechte; es wird<lb n="19"/>nur erfodert, daß es diß wisse und diß, daß es die Ueberzeugung davon, sein<lb n="20"/>Wissen und Wollen sey das Rechte, sage. Das Aussprechen dieser Versicherung<lb n="21"/>hebt an sich selbst die Form seiner Besonderheit auf; es anerkennt darinn die<lb n="22"/><hi rendition="#g">nothwendige</hi> <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi>; indem es sich <hi rendition="#g">Gewissen</hi> nennt,<lb n="23"/>nennt es sich reines sich selbst Wissen und reines abstractes Wollen, d. h. es nennt<lb n="24"/>sich ein allgemeines Wissen und Wollen, das die Andern anerkennt, ihnen <hi rendition="#g">gleich</hi><lb n="25"/>ist, denn sie sind eben diß reine sich Wissen und Wollen, und das darum auch<lb n="26"/>von ihnen anerkannt wird. In dem Wollen des seiner gewissen Selbsts, in diesem<lb n="27"/>Wissen, daß das Selbst das Wesen ist, liegt das Wesen des Rechten. – Wer also<lb n="28"/>sagt, er handle so aus Gewissen, der spricht wahr, denn sein Gewissen ist das wissende<lb n="29"/>und wollende Selbst. Er muß diß aber wesentlich <hi rendition="#g">sagen</hi>, denn diß Selbst muß zu<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gleich <hi rendition="#g">allgemeines</hi> Selbst seyn. Diß ist es nicht in dem <hi rendition="#g">Inhalt</hi> der Handlung,<lb n="31"/>denn dieser ist um seiner <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> willen an sich gleichgültig: sondern die<lb n="32"/>Allgemeinheit liegt in der Form derselben; diese Form ist es, welche als wirklich zu<lb n="33"/>setzen ist; sie ist das <hi rendition="#g">Selbst</hi>, das als solches in der Sprache wirklich ist, sich als das<lb n="34"/>Wahre aussagt, eben darin alle Selbst anerkennt und von ihnen anerkannt wird.</p>
<p><lb n="35"/>Das Gewissen also, in der Majestät seiner Erhabenheit über das bestimmte Gesetz<lb n="36"/>und jeden Inhalt der Pflicht, legt den beliebigen Inhalt in sein Wissen und Wollen;<lb n="37"/>es ist die moralische Genialität, welche die innere Stimme ihres unmittelbaren<lb n="38"/>Wissens als göttliche Stimme weiß, und indem sie an diesem Wissen ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>mittelbar das Daseyn weiß, ist sie die göttliche Schöpferkrafft, die in ihrem Begriffe</p>
<pb n="353" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=360" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>die Lebendigkeit hat. Sie ist ebenso der Gottesdienst in sich selbst; denn ihr Han<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>deln ist das Anschauen dieser ihrer eignen Göttlichkeit.</p>
<p><lb n="3"/>Dieser einsame Gottesdienst ist zugleich wesentlich der Gottesdienst einer<lb n="4"/><hi rendition="#g">Gemeinde</hi>, und das reine innere sich selbst <hi rendition="#g">Wissen</hi> und Vernehmen geht zum<lb n="5"/>Momente des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> fort. Die Anschauung seiner ist sein <hi rendition="#g">gegenständ<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">liches</hi> Daseyn, und diß gegenständliche Element ist das Aussprechen seines<lb n="7"/>Wissens und Wollens als eines <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi>. Durch diß Aussprechen wird das<lb n="8"/>Selbst zum geltenden und die Handlung zur ausführenden That. Die Wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>keit und das Bestehen seines Thuns ist das allgemeine Selbstbewußtseyn; das Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>sprechen des Gewissens aber setzt die Gewißheit seiner selbst als reines und da<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>durch als allgemeines Selbst; die andern lassen die Handlung um dieser Rede willen,<lb n="12"/>worin das Selbst als das Wesen ausgedrückt und anerkannt ist, gelten. Der Geist<lb n="13"/>und die Substanz ihrer Verbindung ist also die gegenseitige Versicherung von<lb n="14"/>ihrer Gewissenhafftigkeit, guten Absichten, das Erfreuen über diese wechselseitige<lb n="15"/>Reinheit und das Laben an der Herrlichkeit des Wissens und Aussprechens, des<lb n="16"/>Hegens und Pflegens solcher Vortrefflichkeit. – Insofern diß Gewissen sein <hi rendition="#g">ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="17" break="no"/><hi rendition="#g">stractes</hi> Bewußtseyn noch von seinem <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> unterscheidet,<lb n="18"/>hat es sein Leben nur <hi rendition="#g">verborgen</hi> in Gott; er ist zwar <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> seinem<lb n="19"/>Geist und Herzen, seinem Selbst gegenwärtig; aber das offenbare, sein wirkliches<lb n="20"/>Bewußtseyn und die vermittelnde Bewegung desselben ist ihm ein Anderes als<lb n="21"/>jenes verborgene Innere und die Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Wesens.<lb n="22"/>Allein in der Vollendung des Gewissens hebt sich der Unterschied seines abstracten<lb n="23"/>und seines Selbstbewußtseyns auf. Es weiß, daß das <hi rendition="#g">abstracte</hi> Bewußtseyn eben<lb n="24"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>, dieses seiner gewisse Fürsichseyn ist, daß in der <hi rendition="#g">Unmittelbar<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> der <hi rendition="#g">Beziehung</hi> des Selbsts auf das Ansich, das ausser dem Selbst gesetzt<lb n="26"/>das abstracte Wesen und das ihm verborgene ist, eben die <hi rendition="#g">Verschiedenheit</hi><lb n="27"/><hi rendition="#g">aufgehoben</hi> ist. Denn diejenige Beziehung ist eine <hi rendition="#g">vermittelnde</hi>, worin die<lb n="28"/>bezognen nicht ein und dasselbe, sondern ein <hi rendition="#g">Anderes</hi> für einander und nur in<lb n="29"/>einem dritten eins sind; die <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Beziehung aber heißt in der That<lb n="30"/>nichts anderes als die Einheit. Das Bewußtseyn über die Gedankenlosigkeit, diese<lb n="31"/>Unterschiede, die keine sind, noch für Unterschiede zu halten, erhoben, weiß die<lb n="32"/>Unmittelbarkeit der Gegenwart des Wesens in ihm als Einheit des Wesens und<lb n="33"/>seines Selbsts, sein Selbst also als das lebendige Ansich, und diß sein Wissen als<lb n="34"/>die Religion, die als angeschautes oder daseyendes Wissen das Sprechen der Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>meinde über ihren Geist ist.</p>
<p><lb n="36"/>Wir sehen hiemit hier das Selbstbewußtseyn in sein Innerstes zurückgegangen,<lb n="37"/>dem alle Aeusserlichkeit als solche verschwindet, – in die Anschauung des Ich=</p>
<pb n="354" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=361" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Ich, worin dieses Ich alle Wesenheit und Daseyn ist. Es versinkt in diesem Begriffe<lb n="2"/>seiner selbst, denn es ist auf die Spitze seiner Extreme getrieben, und zwar so daß<lb n="3"/>die unterschiednen Momente, wodurch es real oder noch <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist,<lb n="4"/>nicht für uns nur diese reinen Extreme sind, sondern das, was es für sich, und<lb n="5"/>was ihm <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und was ihm <hi rendition="#g">Daseyn</hi> ist, zu Abstractionen verflüchtigt, die<lb n="6"/>keinen Halt, keine Substanz mehr für diß Bewußtseyn selbst haben; und alles,<lb n="7"/>was bisher für das Bewußtseyn Wesen war, ist in diese Abstractionen zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>gegangen. – Zu dieser Reinheit geläutert, ist das Bewußtseyn seine ärmste Gestalt,<lb n="9"/>und die Armuth, die seinen einzigen Besitz ausmacht, ist selbst ein Verschwinden;<lb n="10"/>diese absolute <hi rendition="#g">Gewißheit</hi>, in welche sich die Substanz aufgelöst hat, ist die<lb n="11"/>absolute <hi rendition="#g">Unwahrheit</hi>, die in sich zusammenfällt; es ist das absolute <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">bewußtseyn</hi>, in dem das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> versinkt.</p>
<p><lb n="13"/>Diß Versinken innerhalb seiner selbst betrachtet, so ist für das Bewußtseyn die<lb n="14"/><hi rendition="#g">ansichseyende</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi> das <hi rendition="#g">Wissen</hi> als <hi rendition="#g">sein</hi> Wissen. Als Bewußtseyn ist<lb n="15"/>es in den Gegensatz seiner und des Gegenstandes, der für es das Wesen ist, getrennt;<lb n="16"/>aber dieser Gegenstand eben ist das vollkommen durchsichtige, es ist <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="17"/>und sein Bewußtseyn ist nur das Wissen von sich. Alles Leben, und alle geistige<lb n="18"/>Wesenheit ist in diß Selbst zurückgegangen, und hat seine Verschiedenheit von<lb n="19"/>dem Ichselbst verloren. Die Momente des Bewußtseyns sind daher diese extremen<lb n="20"/>Abstractionen, deren keine steht, sondern in der andern sich verliert, und sie er<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>zeugt. Es ist der Wechsel des unglücklichen Bewußtseyns mit sich, der aber für<lb n="22"/>es selbst innerhalb seiner vorgeht, und der Begriff der Vernunft zu seyn sich<lb n="23"/>bewußt ist, der jenes nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist. Die absolute Gewißheit seiner selbst schlägt<lb n="24"/>ihr also als Bewußtseyn unmittelbar in ein Austönen, in Gegenständlichkeit seines<lb n="25"/>Fürsichseyns um; aber diese erschaffne Welt ist seine <hi rendition="#g">Rede</hi>, die es ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>mittelbar vernommen, und deren Echo nur zu ihm zurückkommt. Diese Rück<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>kehr hat daher nicht die Bedeutung, daß es <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> darin ist; denn das<lb n="28"/>Wesen ist ihm kein <hi rendition="#g">ansich</hi>, sondern es selbst; ebensowenig hat es <hi rendition="#g">Daseyn</hi>,<lb n="29"/>denn das Gegenständliche kommt nicht dazu ein Negatives des wirklichen Selbsts<lb n="30"/>zu seyn; so wie dieses nicht zur Wirklichkeit. Es fehlt ihm die Kraft der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>äusserung, die Kraft sich zum Dinge zu machen, und das Seyn zu ertragen. Es<lb n="32"/>lebt in der Angst die Herrlichkeit seines Innern durch Handlung und Daseyn zu<lb n="33"/>beflecken, und um die Reinheit seines Herzens zu bewahren, flieht es die Berührung<lb n="34"/>der Wirklichkeit, und beharret in der eigensinnigen Kraftlosigkeit, seinem zur<lb n="35"/>letzten Abstraction zugespitzten Selbst zu entsagen, und sich Substantialität zu<lb n="36"/>geben, oder sein Denken in Seyn zu verwandeln, und sich dem absoluten Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>schiede anzuvertrauen. Der hohle Gegenstand, den es sich erzeugt, erfüllt es daher</p>
<pb n="355" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=362" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>nur mit dem Bewußtseyn der Leerheit; sein Thun ist das Sehnen, das in dem<lb n="2"/>Werden seiner selbst zum wesenlosen Gegenstande sich nur verliert, und über die<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sen Verlust hinaus und zurück zu sich fallend, sich nur als verlornes findet; – in<lb n="4"/>dieser durchsichtigen Reinheit seiner Momente eine unglückliche sogenannte<lb n="5"/><hi rendition="#g">schöne</hi> <hi rendition="#g">Seele</hi>, verglimmt sie in sich, und schwindet als ein gestaltloser Dunst,<lb n="6"/>der sich in Luft auflöst.</p>
<p><lb n="7"/>Diß stille Zusammenfliessen der marklosen Wesenheiten des verflüchtigten<lb n="8"/>Lebens ist aber noch in der andern Bedeutung der <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des Gewissens,<lb n="9"/>und in der <hi rendition="#g">Erscheinung</hi> seiner Bewegung zu nehmen, und das Gewissen als<lb n="10"/>handelnd zu betrachten. – Das <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Moment in diesem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn hat sich oben als allgemeines Bewußtseyn bestimmt; das sich selbstwissende<lb n="12"/>Wissen ist als <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst unterschieden von andern Selbst; die Sprache, in der<lb n="13"/>sich alle gegenseitig als gewissenhaft handelnd anerkennen, diese allgemeine Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>heit, zerfällt in die Ungleichheit des einzelnen Fürsichseyns, jedes Bewußtseyn<lb n="15"/>ist aus seiner Allgemeinheit ebenso schlechthin in sich reflectirt; hiedurch tritt<lb n="16"/>der Gegensatz der Einzelnheit gegen die andern Einzelnen und gegen das All<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>gemeine nothwendig ein, und dieses Verhältniß und seine Bewegung ist zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>trachten. – Oder diese Allgemeinheit und die Pflicht hat die schlechthin entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gesetzte Bedeutung der bestimmten von dem Allgemeinen sich ausnehmenden<lb n="20"/><hi rendition="#g">Einzelnheit</hi>, für welche die reine Pflicht nur die an die <hi rendition="#g">Oberfläche</hi> getretene<lb n="21"/>und nach aussen gekehrte Allgemeinheit ist; die Pflicht liegt nur in den Worten,<lb n="22"/>und gilt als ein Seyn für anderes. Das Gewissen zunächst nur <hi rendition="#g">negativ</hi> gegen<lb n="23"/>die Pflicht als <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">vorhandne</hi> gerichtet, weiß sich frey von ihr;<lb n="24"/>aber indem es die leere Pflicht mit einem <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Inhalte <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="25"/>anfüllt, hat es das positive Bewußtseyn darüber, daß es als <hi rendition="#g">dieses</hi> Selbst sich den<lb n="26"/>Inhalt macht; sein reines Selbst, als leeres Wissen ist das inhalts- und bestimmungs<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lose; der Inhalt, den es ihm gibt, ist aus seinem Selbst <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">diesem</hi> bestimmten,<lb n="28"/>aus sich als natürlicher Individualität genommen, und in dem Sprechen von der<lb n="29"/>Gewissenhaftigkeit seines Handelns ist es sich wohl seines reinen Selbsts, aber,<lb n="30"/>im <hi rendition="#g">Zwecke</hi> seines Handelns als wirklichem Inhalt, seiner als dieses besondern<lb n="31"/>Einzelnen und des Gegensatzes desjenigen bewußt, was es für sich und was es für<lb n="32"/>andere ist, des Gegensatzes der Allgemeinheit oder Pflicht und seines Reflectirt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seyns aus ihr.</p>
<p><lb n="34"/>Wenn sich so der Gegensatz, in den das Gewissen als <hi rendition="#g">handelnd</hi> eintritt, in<lb n="35"/>seinem Innern ausdrückt, so ist er zugleich die Ungleichheit nach Aussen in dem<lb n="36"/>Elemente des Daseyns, die Ungleichheit seiner besondern Einzelnheit gegen anderes<lb n="37"/>Einzelnes. – Seine Besonderheit besteht darin, daß die beyden sein Bewußtseyn</p>
<pb n="356" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=363" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>constituirenden Momente, das Selbst und das Ansich mit <hi rendition="#g">ungleichem</hi> <hi rendition="#g">Werthe</hi><lb n="2"/>und zwar mit der Bestimmung in ihm gelten, daß die Gewißheit seiner selbst<lb n="3"/>das Wesen ist, <hi rendition="#g">gegen</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, das nur als Moment<lb n="4"/>gilt. Dieser innerlichen Bestimmung steht also das Element des Daseyns oder<lb n="5"/>das allgemeine Bewußtseyn gegenüber, welchem vielmehr die Allgemeinheit,<lb n="6"/>die Pflicht, das Wesen, dagegen die Einzelnheit, die gegen das Allgemeine für sich<lb n="7"/>ist, nur als aufgehobnes Moment gilt. Diesem Festhalten an der Pflicht gilt das<lb n="8"/>erste Bewußtseyn als <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Böse</hi>, weil es die Ungleichheit seines <hi rendition="#g">Insichseyns</hi><lb n="9"/>mit dem Allgemeinen ist, und indem dieses zugleich sein Thun als Gleichheit<lb n="10"/>mit sich selbst, als Pflicht und Gewissenhaftigkeit ausspricht, als <hi rendition="#g">Heucheley</hi>.</p>
<p><lb n="11"/>Die <hi rendition="#g">Bewegung</hi> dieses Gegensatzes ist zunächst die formelle Herstellung der<lb n="12"/>Gleichheit zwischen dem, was das Böse in sich ist, und was es ausspricht; es muß<lb n="13"/>zum Vorschein kommen, daß es böse und so sein Daseyn seinem Wesen gleich,<lb n="14"/>die <hi rendition="#g">Heucheley</hi> muß <hi rendition="#g">entlarvt</hi> werden. – Diese Rückkehr der in ihr vorhandnen<lb n="15"/>Ungleichheit in die Gleichheit ist nicht darin schon zu Stande gekommen, daß die<lb n="16"/>Heucheley, wie man zu sagen pflegt, ebendadurch ihre Achtung für Pflicht und<lb n="17"/>Tugend beweise, daß sie den <hi rendition="#g">Schein</hi> derselben annehme und als Maske für ihr<lb n="18"/>eignes nicht weniger als für fremdes Bewußtseyn gebrauche; in welchem An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>erkennen des Entgegengesetzten an sich die Gleichheit und Uebereinstimmung<lb n="20"/>enthalten sey. – Allein sie ist zugleich aus diesem Anerkennen der Sprache eben<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>sosehr heraus und in sich reflectirt, und darin, daß sie das <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyende nur<lb n="22"/>als ein <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> gebraucht, ist vielmehr die eigne Verachtung des<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>selben und die Darstellung seiner Wesenlosigkeit für Alle enthalten. Denn was<lb n="24"/>sich als ein äusserliches Werkzeug gebrauchen läßt, zeigt sich als ein Ding, das<lb n="25"/>keine eigne Schwere in sich hat.</p>
<p><lb n="26"/>Auch kommt diese Gleichheit weder durch das einseitige Beharren des bösen<lb n="27"/>Bewußtseyns auf sich, noch durch das Urtheil des allgemeinen zu Stande. – Wenn<lb n="28"/>jenes sich gegen das Bewußtseyn der Pflicht verleugnet, und was dieses für Schlech<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tigkeit, für absolute Ungleichheit mit dem Allgemeinen, aussagt, als ein Handeln<lb n="30"/>nach dem innern Gesetze und Gewissen behauptet, so bleibt in dieser einseitigen<lb n="31"/>Versicherung der Gleichheit seine Ungleichheit mit dem Andern, da ja dieses sie<lb n="32"/>nicht glaubt und nicht anerkennt. – Oder da das einseitige Beharren auf <hi rendition="#g">Einem</hi><lb n="33"/>Extreme sich selbst auflöst, so würde das Böse sich zwar dadurch als Böses ein<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gestehen, aber darin, sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> aufheben und nicht Heucheley seyn<lb n="35"/>noch als solche sich entlarven. Es gesteht sich in der That als Böses durch die Be<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>hauptung ein, daß es, dem anerkannten Allgemeinen entgegengesetzt, nach <hi rendition="#g">seinem</hi><lb n="37"/>innern Gesetze und Gewissen handle. Denn wäre diß Gesetz und Gewissen nicht</p>
<pb n="357" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=364" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>das Gesetz seiner <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> und <hi rendition="#g">Willkühr</hi>, so wäre es nicht etwas Innres,<lb n="2"/>Eignes, sondern das allgemein anerkannte. Wer darum sagt, daß er nach <hi rendition="#g">seinem</hi><lb n="3"/>Gesetze und Gewissen gegen die Andern handle, sagt in der That, daß er sie<lb n="4"/>mishandle. Aber das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Gewissen ist nicht dieses Beharren auf dem Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>sen und Willen, der dem Allgemeinen sich entgegensetzt, sondern das Allgemeine<lb n="6"/>ist das Element seines <hi rendition="#g">Daseyns</hi>, und seine Sprache sagt sein Thun als die <hi rendition="#g">an<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">erkannte</hi> Pflicht aus.</p>
<p><lb n="8"/>Ebensowenig ist das Beharren des allgemeinen Bewußtseyns auf seinem Urtheile<lb n="9"/>Entlarvung und Auflösung der Heucheley. – Indem es gegen sie, schlecht, nieder<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>trächtig u.s.f. ausruft, beruft es sich in solchem Urtheil auf <hi rendition="#g">sein</hi> Gesetz, wie das<lb n="11"/><hi rendition="#g">böse</hi> Bewußtseyn auf das <hi rendition="#g">seinige</hi>. Denn jenes tritt im Gegensatz gegen dieses,<lb n="12"/>und dadurch als ein besonderes Gesetz auf. Es hat also nichts vor dem andern vor<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>aus, legitimirt vielmehr dieses, und dieser Eifer thut gerade das Gegentheil dessen,<lb n="14"/>was er zu thun meynt – nemlich das, was er wahre Pflicht nennt und das <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">gemein</hi> anerkannt seyn soll, als ein <hi rendition="#g">nichtanerkanntes</hi> zu zeigen, und hie<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>durch dem andern das gleiche Recht des Fürsichseyns einzuräumen.</p>
<p><lb n="17"/>Diß Urtheil aber hat zugleich eine andre Seite, von welcher es die Einleitung<lb n="18"/>zur Auflösung des vorhandnen Gegensatzes wird. – Das Bewußtseyn <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">All<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> verhält sich nicht als <hi rendition="#g">wirkliches</hi> und <hi rendition="#g">handelndes</hi> gegen das Erste,<lb n="20"/>denn dieses ist vielmehr das wirkliche, – sondern ihm entgegengesetzt, als das<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>jenige, das nicht in dem Gegensatze der Einzelnheit und Allgemeinheit befangen<lb n="22"/>ist, welcher in dem Handeln eintritt. Es bleibt in der Allgemeinheit des <hi rendition="#g">Ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">dankens</hi>, verhält sich als <hi rendition="#g">auffassendes</hi>, und seine erste Handlung ist nur das<lb n="24"/>Urtheil. – Durch diß Urtheil stellt es sich nun, wie so eben bemerkt wurde, <hi rendition="#g">neben</hi><lb n="25"/>das Erste, und dieses kommt <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">diese</hi> <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> zur Anschauung seiner<lb n="26"/>selbst in diesem andern Bewußtseyn. Denn das Bewußtseyn der Pflicht verhält<lb n="27"/>sich <hi rendition="#g">auffassend</hi>, <hi rendition="#g">passiv</hi>; es ist aber hiedurch im Widerspruche mit sich als dem<lb n="28"/>absoluten Willen der Pflicht, mit sich, dem schlechthin aus sich selbst bestimmen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>den. Es hat gut sich in der Reinheit bewahren, denn es <hi rendition="#g">handelt</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi>; es ist<lb n="30"/>die Heucheley, die das Urtheilen für <hi rendition="#g">wirkliche</hi> That genommen wissen will,<lb n="31"/>und statt durch Handlung, durch das Aussprechen vortrefflicher Gesinnungen<lb n="32"/>die Rechtschaffenheit beweißt. Es ist also ganz so beschaffen wie dasjenige, dem<lb n="33"/>der Vorwurf gemacht wird, daß es nur in seine Rede die Pflicht legt. In beyden<lb n="34"/>ist die Seite der Wirklichkeit gleich unterschieden von der Rede, in dem einen<lb n="35"/>durch den <hi rendition="#g">eigennützigen</hi> <hi rendition="#g">Zweck</hi> der Handlung, in dem andern durch das<lb n="36"/><hi rendition="#g">Fehlen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Handelns</hi> überhaupt, dessen Nothwendigkeit in dem Sprechen<lb n="37"/>von der Pflicht selbst liegt, denn diese hat ohne That gar keine Bedeutung.</p>
<pb n="358" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=365" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Das Urtheilen ist aber auch als positive Handlung des Gedankens zu betrachten<lb n="2"/>und hat einen positiven Inhalt; durch diese Seite wird der Widerspruch, der in<lb n="3"/>dem auffassenden Bewußtseyn vorhanden ist, und seine Gleichheit mit dem Ersten<lb n="4"/>noch vollständiger. – Das handelnde Bewußtseyn spricht diß sein bestimmtes<lb n="5"/>Thun als Pflicht aus, und das beurtheilende kann ihm diß nicht ableugnen; denn<lb n="6"/>die Pflicht selbst ist die jeden Inhalts fähige, inhaltslose Form, – oder die concrete<lb n="7"/>Handlung, in ihrer Vielseitigkeit an ihr selbst verschieden, hat die allgemeine<lb n="8"/>Seite, welche die ist, die als Pflicht genommen wird, ebensosehr an ihr, als die<lb n="9"/>besondere, die den Antheil und das Interesse des Individuums ausmacht. Das be<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>urtheilende Bewußtseyn bleibt nun nicht bey jener Seite der Pflicht und bey dem<lb n="11"/>Wissen des Handelnden davon, daß diß seine Pflicht, das Verhältniß und der Stand<lb n="12"/>seiner Wirklichkeit sey, stehen. Sondern es hält sich an die andre Seite, spielt die<lb n="13"/>Handlung in das Innre hinein, und erklärt sie aus ihrer von ihr selbst verschiednen<lb n="14"/><hi rendition="#g">Absicht</hi> und eigennützigen <hi rendition="#g">Triebfeder</hi>. Wie jede Handlung der Betrachtung<lb n="15"/>ihrer Pflichtgemäßheit fähig ist, ebenso dieser andern Betrachtung der <hi rendition="#g">Besonder<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi>; denn als Handlung ist sie die Wirklichkeit des Individuums. – Dieses Be<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>urtheilen setzt also die Handlung aus ihrem Daseyn heraus und reflectirt sie in das<lb n="18"/>Innre oder in die Form der eignen Besonderheit. – Ist sie von Ruhme begleitet,<lb n="19"/>so weiß es diß Innre als Ruhm<hi rendition="#g">sucht</hi>; – ist sie dem Stande des Individuums über<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>haupt angemessen, ohne über diesen hinauszugehen, und so beschaffen, daß die<lb n="21"/>Individualität den Stand nicht als eine äussere Bestimmung an ihr hängen hat,<lb n="22"/>sondern diese Allgemeinheit durch sich selbst ausfüllt und ebendadurch sich als<lb n="23"/>eines höhern fähig zeigt, so weiß das Urtheil ihr Innres als Ehrbegierde u.s.f.<lb n="24"/>Indem in der Handlung überhaupt das Handelnde zur Anschauung <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="25"/>in der Gegenständlichkeit, oder zum Selbstgefühl seiner in seinem Daseyn und also<lb n="26"/>zum Genusse gelangt; so weiß das Urtheil das Innre als Trieb nach eigner Glück<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seligkeit, bestünde sie auch nur in der innern moralischen Eitelkeit, dem Genusse<lb n="28"/>des Bewußtseyns der eignen Vortrefflichkeit, und dem Vorschmacke der Hoff<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>nung einer künftigen Glückseligkeit. – Es kann sich keine Handlung solchem<lb n="30"/>Beurtheilen entziehen, denn die Pflicht um der Pflicht willen, dieser reine Zweck,<lb n="31"/>ist das unwirkliche; seine Wirklichkeit hat er in dem Thun der Individualität,<lb n="32"/>und die Handlung dadurch die Seite der Besondernheit an ihr. – Es gibt keinen<lb n="33"/>Helden für den Kammerdiener; nicht aber weil jener nicht ein Held, sondern weil<lb n="34"/>dieser – der Kammerdiener ist, mit welchem jener nicht als Held, sondern als<lb n="35"/>essender, trinkender, sich kleidender, überhaupt in der Einzelnheit des Bedürfnisses<lb n="36"/>und der Vorstellung zu thun hat. So gibt es für das Beurtheilen keine Handlung,<lb n="37"/>in welcher es nicht die Seite der Einzelnheit der Individualität, der allgemeinen</p>
<pb n="359" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=366" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Seite der Handlung entgegensetzen, und gegen den Handelnden den Kammer<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>diener der Moralität machen könnte.</p>
<p><lb n="3"/>Diß beurtheilende Bewußtseyn ist hiemit selbst <hi rendition="#g">niederträchtig</hi>, weil es die<lb n="4"/>Handlung theilt, und ihre Ungleichheit mit ihr selbst hervorbringt und festhält.<lb n="5"/>Es ist ferner <hi rendition="#g">Heucheley</hi>, weil es solches Beurtheilen nicht für eine <hi rendition="#g">andre</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Manier</hi>, böse zu seyn, sondern für das <hi rendition="#g">rechte</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> der Handlung<lb n="7"/>ausgibt, in dieser seiner Unwirklichkeit und Eitelkeit des gut und besserwissens<lb n="8"/>sich selbst über die heruntergemachten Thaten hinaufsetzt, und sein thatloses<lb n="9"/>Reden für eine vortreffliche <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> genommen wissen will. – Hiedurch<lb n="10"/>also dem Handelnden, welches von ihm beurtheilt wird, sich gleich machend,<lb n="11"/>wird es von diesem als dasselbe mit ihm erkannt. Dieses findet sich von jenem<lb n="12"/>nicht nur aufgefaßt als ein Fremdes und mit ihm Ungleiches, sondern vielmehr<lb n="13"/>jenes nach dessen eigner Beschaffenheit mit ihm gleich. Diese Gleichheit anschauend<lb n="14"/>und sie <hi rendition="#g">aussprechend</hi>, <hi rendition="#g">gesteht</hi> es sich ihm ein, und erwartet ebenso, daß das<lb n="15"/>Andre, wie es sich in der That ihm gleich gestellt hat, so auch seine <hi rendition="#g">Rede</hi> er<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>wiedern, in ihr seine Gleichheit aussprechen und das anerkennende Daseyn ein<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>treten werde. Sein Geständniß ist nicht eine Erniedrigung, Demüthigung, Weg<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>werfung im Verhältnisse gegen das Andre; denn dieses Aussprechen ist nicht das<lb n="19"/>einseitige, wodurch es seine <hi rendition="#g">Ungleichheit</hi> mit ihm setzte, sondern allein um<lb n="20"/>der Anschauung <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> des andern willen mit ihm spricht es sich, es<lb n="21"/>spricht <hi rendition="#g">ihre</hi> <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> von seiner Seite in seinem Geständnisse aus, und spricht<lb n="22"/>sie darum aus, weil die Sprache das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> des Geistes als unmittelbaren Selbsts<lb n="23"/>ist; es erwartet also, daß das Andre das seinige zu diesem Daseyn beytrage.</p>
<p><lb n="24"/>Allein auf das Eingeständniß des Bösen: <hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">bins</hi>, erfolgt nicht diese Erwie<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>derung des gleichen Geständnisses. So war es mit jenem Urtheilen nicht gemeynt;<lb n="26"/>im Gegentheil! Es stößt diese Gemeinschaft von sich, und ist das harte Herz, das<lb n="27"/>für sich ist und die Continuität mit dem andern verwirft. – Hiedurch kehrt sich<lb n="28"/>die Scene um. Dasjenige, das sich bekannte, sieht sich zurückgestossen, und das<lb n="29"/>andere im Unrecht, welches das Heraustreten seines Innern in das Daseyn der<lb n="30"/>Rede verweigert, und dem Bösen die Schönheit seiner Seele, dem Bekenntnisse<lb n="31"/>aber den steifen Nacken des sich gleich bleibenden Charakters und die Stummheit,<lb n="32"/>sich in sich zu behalten und sich nicht gegen einen andern wegzuwerfen, ent<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gegensetzt. Es ist hier die höchste Empörung des seiner selbst gewissen Geistes<lb n="34"/>gesetzt; denn er schaut sich als dieses <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi> im Andern<lb n="35"/>an, und zwar so, daß auch die äussere Gestalt dieses Andern nicht wie im Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>thume das Wesenlose, nicht ein Ding ist, sondern es ist der Gedanke, das Wissen<lb n="37"/>selbst, was ihm entgegengehalten, es ist diese absolutflüssige Continuität des reinen</p>
<pb n="360" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=367" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">Wissens</hi>, die sich verweigert, ihre Mittheilung mit ihm zu setzen, – mit ihm,<lb n="2"/>der schon in seinem Bekenntnisse dem <hi rendition="#g">abgesonderten</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ent<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sagte, und sich als aufgehobne Besonderheit und hiedurch als die Continuität<lb n="4"/>mit dem Andern, als Allgemeines setzte. Das Andre aber behält <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi><lb n="5"/>sich sein sich nicht mittheilendes Fürsichseyn bevor; an dem bekennenden be<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>hält es ebendasselbe, was aber von diesem schon abgeworfen ist. Es zeigt sich<lb n="7"/>dadurch als das geistverlassne und den Geist verleugnende Bewußtseyn, denn es<lb n="8"/>erkennt nicht, daß der Geist in der absoluten Gewißheit seiner selbst über alle<lb n="9"/>That und Wirklichkeit Meister, und sie abwerfen und ungeschehen machen kann.<lb n="10"/>Zugleich erkennt es nicht den Widerspruch, den es begeht, die Abwerfung, die<lb n="11"/>in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Rede</hi> geschehen ist, nicht für das wahre Abwerfen gelten zu lassen, während<lb n="12"/>es selbst die Gewißheit seines Geistes nicht in einer wirklichen Handlung, son<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>dern in seinem Innern und dessen Daseyn in der <hi rendition="#g">Rede</hi> seines Urtheils hat. Es ist<lb n="14"/>es also selbst, das die Rückkehr des Andern aus der That in das geistige Daseyn<lb n="15"/>der Rede und in die Gleichheit des Geistes hemmt und durch diese Härte die Un<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gleichheit hervorbringt, welche noch vorhanden ist.</p>
<p><lb n="17"/>Insofern nun der seiner selbst gewisse Geist, als schöne Seele, nicht die Krafft<lb n="18"/>der Entäusserung des an sich haltenden Wissens ihrer selbst besitzt, kann sie nicht<lb n="19"/>zur Gleichheit mit dem zurückgestossnen Bewußtseyn und also nicht zur an<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>geschauten Einheit ihrer selbst im Andern, nicht zum Daseyn gelangen; die Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heit kommt daher nur negativ, als ein geistloses Seyn, zu Stande. Die wirklich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>keitslose schöne Seele, in dem Widerspruche ihres reinen Selbsts, und der Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wendigkeit desselben, sich zum Seyn zu entäussern und in Wirklichkeit um<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>zuschlagen, in der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> dieses festgehaltnen Gegensatzes, – einer<lb n="25"/>Unmittelbarkeit, die allein die Mitte und Versöhnung des auf seine reine Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>straction gesteigerten Gegensatzes, und die reines Seyn oder das leere Nichts ist, –<lb n="27"/>ist also als Bewußtseyn dieses Widerspruches in seiner unversöhnten Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>barkeit, zur Verrüktheit zerrüttet, und zerfließt in sehnsüchtiger Schwindsucht.<lb n="29"/>Es gibt damit in der That das harte Festhalten <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> auf, bringt<lb n="30"/>aber nur die geistlose Einheit des Seyns hervor.</p>
<p><lb n="31"/>Die wahre, nemlich die <hi rendition="#g">selbstbewußte</hi> und <hi rendition="#g">daseyende</hi> Ausgleichung ist<lb n="32"/>nach ihrer Nothwendigkeit schon in dem vorhergehenden enthalten. Das Brechen<lb n="33"/>des harten Herzens und seine Erhebung zur Allgemeinheit ist dieselbe Bewegung,<lb n="34"/>welche an dem Bewußtseyn ausgedrükt war, das sich selbst bekannte. Die Wun<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>den des Geistes heilen, ohne daß Narben bleiben; die That ist nicht das unver<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>gängliche, sondern wird von dem Geiste in sich zurückgenommen, und die Seite<lb n="37"/>der Einzelnheit, die an ihr, es sey als Absicht oder als daseyende Negativität und</p>
<pb n="361" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=368" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. SEINER SELBST GEWISSER GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>Schranke derselben vorhanden ist, ist das unmittelbar verschwindende. Das ver<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>wirklichende <hi rendition="#g">Selbst</hi>, die Form seiner Handlung, ist nur ein <hi rendition="#g">Moment</hi> des Gan<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>zen, und ebenso das durch Urtheil bestimmende und den Unterschied der einzelnen<lb n="4"/>und allgemeinen Seite des Handelns festsetzende Wissen. Jenes Böse setzt diese<lb n="5"/>Entäusserung seiner oder sich als Moment, hervorgelockt in das bekennende Da<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seyn durch die Anschauung seiner selbst im Andern. Diesem andern aber muß,<lb n="7"/>wie jenem sein einseitiges nicht anerkanntes Daseyn des besondern Fürsichseyns,<lb n="8"/>so ihm sein einseitiges nicht anerkanntes Urtheil brechen; und wie jenes die Macht<lb n="9"/>des Geistes über seine Wirklichkeit darstellt, so diß die Macht über seinen bestimm<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>ten Begriff.</p>
<p><lb n="11"/>Dieses entsagt aber dem theilenden Gedanken und der Härte des an ihm fest<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>haltenden Fürsichseyns, darum weil es in der That sich selbst im Ersten anschaut.<lb n="13"/>Diß, das seine Wirklichkeit wegwirft, und sich zum <hi rendition="#g">aufgehobnen</hi> <hi rendition="#g">Diesen</hi><lb n="14"/>macht, stellt sich dadurch in der That als allgemeines dar; es kehrt aus seiner äussern<lb n="15"/>Wirklichkeit in sich als Wesen zurück; das allgemeine Bewußtseyn erkennt also<lb n="16"/>darin sich selbst. – Die Verzeyhung, die es dem ersten wiederfahren läßt, ist die<lb n="17"/>Verzichtleistung auf sich, auf sein <hi rendition="#g">unwirkliches</hi> Wesen, dem es jenes andere,<lb n="18"/>das <hi rendition="#g">wirkliches</hi> Handeln war, gleichsetzt, und es, das von der Bestimmung,<lb n="19"/>die das Handeln im Gedanken erhielt, Böses genannt wurde, als gut anerkennt,<lb n="20"/>oder vielmehr diesen Unterschied des bestimmten Gedankens und sein fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyendes bestimmendes Urtheil fahren läßt, wie das Andre das fürsichseyende<lb n="22"/>Bestimmen der Handlung. – Das Wort der Versöhnung ist der <hi rendition="#g">daseyende</hi> Geist,<lb n="23"/>der das reine Wissen seiner selbst als <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> Wesens in seinem Gegentheile,<lb n="24"/>in dem reinen Wissen seiner als der absolut in sich seyenden <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> an<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>schaut, – ein gegenseitiges Anerkennen, welches der <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> ist.</p>
<p><lb n="26"/>Er tritt ins Daseyn nur auf der Spitze, auf welcher sein reines Wissen von sich<lb n="27"/>selbst der Gegensatz und Wechsel mit sich selbst ist. Wissend, daß sein <hi rendition="#g">reines</hi><lb n="28"/><hi rendition="#g">Wissen</hi> das abstracte <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, ist er diese wissende Pflicht im absoluten Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>satze gegen das Wissen, das sich als absolute <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> des Selbsts das Wesen<lb n="30"/>zu seyn weiß. Jenes ist die reine Continuität des Allgemeinen, welches die sich als<lb n="31"/>Wesen wissende Einzelnheit, als das an sich nichtige, als das <hi rendition="#g">Böse</hi> weiß. Diß aber<lb n="32"/>ist die absolute Discretion, welche sich selbst in ihrem reinen Eins absolut, und<lb n="33"/>jenes Allgemeine als das unwirkliche weiß, das nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">andre</hi> ist. Beyde Seiten<lb n="34"/>sind zu dieser Reinheit geläutert, worin kein selbstloses Daseyn, kein negatives<lb n="35"/>des Bewußtseyns mehr an ihnen ist, sondern jene <hi rendition="#g">Pflicht</hi> ist der sich gleichbleibende<lb n="36"/>Charakter seines sich selbst Wissens, und dieses Böse hat ebenso seinen Zweck<lb n="37"/>in seinem <hi rendition="#g">insichseyn</hi>, und seine Wirklichkeit in seiner Rede; der Inhalt dieser<lb n="38"/>Rede, ist die Substanz seines Bestehens; sie ist die Versicherung von der Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>heit des Geistes in sich selbst. – Beyde ihrer selbst gewissen Geister haben keinen</p>
<pb n="362" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=369" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VI. GEIST</fw>
<p><lb n="1"/>andern Zweck als ihr reines Selbst, und keine andre Realität und Daseyn als eben<lb n="2"/>dieses reine Selbst. Aber sie sind noch verschieden, und die Verschiedenheit ist die<lb n="3"/>absolute, weil sie in diesem Elemente des reinen Begriffes gesetzt ist. Sie ist es auch<lb n="4"/>nicht nur für uns, sondern für die Begriffe selbst, die in diesem Gegensatze stehen.<lb n="5"/>Denn diese Begriffe sind zwar <hi rendition="#g">bestimmte</hi> gegeneinander, aber zugleich an sich<lb n="6"/>allgemeine, so daß sie den ganzen Umfang des Selbsts ausfüllen, und diß Selbst<lb n="7"/>keinen andern Inhalt als diese seine Bestimmtheit hat, die weder über es hinaus<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>geht, noch beschränkter ist, als es; denn die eine, das absolut Allgemeine, ist ebenso<lb n="9"/>das reine sich selbst Wissen, als das andre, die absolute Discretion der Einzelnheit,<lb n="10"/>und beyde sind nur diß reine sich Wissen. Beyde Bestimmtheiten sind also die<lb n="11"/>wissenden reinen Begriffe, deren Bestimmtheit selbst unmittelbar Wissen, oder<lb n="12"/>deren <hi rendition="#g">Verhältniß</hi> und Gegensatz das Ich ist. Hiedurch sind sie <hi rendition="#g">füreinander</hi><lb n="13"/>diese schlechthin Entgegengesetzten; es ist das vollkommen <hi rendition="#g">Innre</hi>, das so sich<lb n="14"/>selbst gegenüber und ins Daseyn getreten ist; sie machen das <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi><lb n="15"/>aus, das durch diesen Gegensatz als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> gesetzt ist. Aber noch ist es<lb n="16"/>nicht <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Diese Verwirklichung hat es in der Bewegung dieses<lb n="17"/>Gegensatzes. Denn dieser Gegensatz ist vielmehr selbst die <hi rendition="#g">indiscrete</hi> <hi rendition="#g">Con<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="18" break="no"/><hi rendition="#g">tinuität</hi> und <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> des Ich=Ich; und jedes <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> eben durch den<lb n="19"/>Widerspruch seiner reinen Allgemeinheit, welche zugleich seiner Gleichheit mit<lb n="20"/>dem andern noch widerstrebt und sich davon absondert, hebt an ihm selbst sich<lb n="21"/>auf. Durch diese Entäusserung kehrt diß in seinem <hi rendition="#g">Daseyn</hi> entzweyte Wissen<lb n="22"/>in die Einheit des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> zurück; es ist das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Ich, das allgemeine<lb n="23"/><hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> Wissen in seinem <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Gegentheile</hi>, in dem <hi rendition="#g">insichseyenden</hi><lb n="24"/>Wissen, das um der Reinheit seines abgesonderten Insichseyns willen selbst das<lb n="25"/>vollkommen allgemeine ist. Das versöhnende Ja, worin beyde Ich von ihrem<lb n="26"/>entgegengesetzten <hi rendition="#g">Daseyn</hi> ablassen, ist das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> des zur Zweyheit aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gedehnten <hi rendition="#g">Ichs</hi>, das darin sich gleich bleibt, und in seiner vollkommnen Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>äusserung und Gegentheile die Gewißheit seiner selbst hat; – es ist der erscheinende<lb n="29"/>Gott mitten unter ihnen, die sich als das reine Wissen wissen.</p>
<pb n="363" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=370" type="body"/>
<fw type="header" place="top">VII. RELIGION</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>VII.</head>
<head><lb n="2"/>DIE RELIGION.</head>
<p><lb n="3"/>In den bisherigen Gestaltungen, die sich im allgemeinen als <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>,<lb n="4"/><hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, <hi rendition="#g">Vernunft</hi> und <hi rendition="#g">Geist</hi> unterscheiden, ist zwar auch die<lb n="5"/><hi rendition="#g">Religion</hi>, als Bewußtseyn des <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi> überhaupt vorgekommen;<lb n="6"/>allein vom <hi rendition="#g">Standpunkte</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> aus, das sich des absoluten Wesens<lb n="7"/>bewußt ist; nicht aber ist das absolute Wesen <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> selbst, nicht das<lb n="8"/>Selbstbewußtseyn des Geistes in jenen Formen erschienen.</p>
<p><lb n="9"/>Schon das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> wird, insofern es <hi rendition="#g">Verstand</hi> ist, Bewußtseyn des<lb n="10"/><hi rendition="#g">Uebersinnlichen</hi> oder <hi rendition="#g">Innern</hi> des gegenständlichen Daseyns. Aber das Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sinnliche, Ewige, oder wie man es sonst nennen mag, ist <hi rendition="#g">selbstlos</hi>; es ist nur<lb n="12"/>erst das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi>, das noch weit entfernt ist, der sich als Geist wissende Geist<lb n="13"/>zu seyn. – Alsdenn war das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, das in der Gestalt des <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">glücklichen</hi> Bewußtseyns seine Vollendung hat, nur der sich zur Gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lichkeit wieder herausringende aber sie nicht erreichende <hi rendition="#g">Schmerz</hi> des Geistes.<lb n="16"/>Die Einheit des <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Selbstbewußtseyns und seines unwandelbaren<lb n="17"/><hi rendition="#g">Wesens</hi>, zu der jenes sich bringt, bleibt daher ein <hi rendition="#g">Jenseits</hi> desselben. – Das<lb n="18"/>unmittelbare Daseyn der <hi rendition="#g">Vernunft</hi>, die für uns aus jenem Schmerz hervorging,<lb n="19"/>und ihre eigenthümlichen Gestalten haben keine Religion, weil das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyn derselben <hi rendition="#g">sich</hi> in der <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> Gegenwart weiß oder sucht.</p>
<p><lb n="21"/>Hingegen in der sittlichen Welt sahen wir eine Religion, und zwar die <hi rendition="#g">Religion</hi><lb n="22"/>der <hi rendition="#g">Unterwelt</hi>; sie ist der Glauben an die furchtbare unbekannte Nacht des<lb n="23"/><hi rendition="#g">Schicksals</hi>, und an die Eumenide des <hi rendition="#g">abgeschiednen</hi> <hi rendition="#g">Geistes</hi>; – jene die<lb n="24"/>reine Negativität in der Form der Allgemeinheit, diese dieselbe in der Form der<lb n="25"/>Einzelnheit. Das absolute Wesen ist in der letztern Form also zwar das <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="26"/>und <hi rendition="#g">gegenwärtiges</hi>, wie das Selbst nicht anders ist; allein das <hi rendition="#g">Einzelne</hi> Selbst<lb n="27"/>ist <hi rendition="#g">dieser</hi> einzelne Schatten, der die Allgemeinheit, welche das Schicksal ist,<lb n="28"/>getrennt von sich hat. Er ist zwar Schatten, <hi rendition="#g">aufgehobner</hi> <hi rendition="#g">Dieser</hi>, und somit<lb n="29"/>allgemeines Selbst; aber noch ist jene negative Bedeutung nicht in diese positive<lb n="30"/>umgeschlagen, und daher bedeutet zugleich das aufgehobne Selbst noch unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>bar diesen besondern und wesenlosen. – Das Schicksal aber ohne das Selbst bleibt<lb n="32"/>die bewußtlose Nacht, die nicht zur Unterscheidung in ihr noch zur Klarheit des<lb n="33"/>sich selbst Wissens kommt.</p>
<pb n="364" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=371" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Dieser Glauben an das Nichts der Nothwendigkeit und an die Unterwelt wird<lb n="2"/>zum <hi rendition="#g">Glauben</hi> an den <hi rendition="#g">Himmel</hi>, weil das abgeschiedne Selbst mit seiner All<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gemeinheit sich vereinen, in ihr das, was es enthält, auseinanderschlagen und so<lb n="4"/>sich klar werden muß. Dieses <hi rendition="#g">Reich</hi> des Glaubens aber sahen wir nur im Elemente<lb n="5"/>des Denkens seinen Inhalt ohne den Begriff entfalten, und es darum in seinem<lb n="6"/>Schicksale, nemlich in der <hi rendition="#g">Religion</hi> der <hi rendition="#g">Aufklärung</hi>, untergehen. In dieser<lb n="7"/>stellt sich das übersinnliche Jenseits des Verstandes wieder her, aber so daß das<lb n="8"/>Selbstbewußtseyn disseits befriedigt steht, und das übersinnliche, das <hi rendition="#g">leere</hi> nicht<lb n="9"/>zu erkennende noch zu fürchtende Jenseits weder als Selbst noch als Macht weiß.</p>
<p><lb n="10"/>In der Religion der Moralität ist endlich diß wiederhergestellt, daß das absolute<lb n="11"/>Wesen ein positiver Inhalt ist, aber er ist mit der Negativität der Aufklärung ver<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>einigt. Er ist ein <hi rendition="#g">Seyn</hi>, das ebenso ins Selbst zurückgenommen und darin ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>geschlossen bleibt, und ein <hi rendition="#g">unterschiedner</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, dessen Theile ebenso un<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>mittelbar negirt, als sie aufgestellt sind. Das Schicksal aber, worin diese wider<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>sprechende Bewegung versinkt, ist das seiner, als des Schicksals der <hi rendition="#g">Wesenheit</hi><lb n="16"/>und <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi>, bewußte Selbst.</p>
<p><lb n="17"/>Der sich selbst wissende Geist ist in der Religion unmittelbar sein eignes reines<lb n="18"/><hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>. Diejenigen Gestalten desselben, die betrachtet worden, –<lb n="19"/>der wahre, der sich entfremdete, und der seiner selbst gewisse Geist, – machen<lb n="20"/>zusammen ihn in seinem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> aus, das seiner <hi rendition="#g">Welt</hi> gegenübertretend<lb n="21"/>in ihr sich nicht erkennt. Aber im Gewissen unterwirft er sich wie seine gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>ständliche Welt überhaupt, so auch seine Vorstellung und seine bestimmten<lb n="23"/>Begriffe, und ist nun bey sich seyendes Selbstbewußtseyn. In diesem hat er für sich,<lb n="24"/>als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> <hi rendition="#g">vorgestellt</hi>, die Bedeutung, der allgemeine Geist zu seyn,<lb n="25"/>der alles Wesen und alle Wirklichkeit in sich enthält; ist aber nicht in der Form<lb n="26"/>freyer Wirklichkeit oder der selbstständig erscheinenden Natur. Er hat zwar<lb n="27"/><hi rendition="#g">Gestalt</hi> oder die Form des Seyns, indem er <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> seines Bewußtseyns<lb n="28"/>ist, aber weil dieses in der Religion in der wesentlichen Bestimmung <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/>bewußtseyn zu seyn, gesetzt ist, ist die Gestalt sich vollkommen durchsichtig;<lb n="30"/>und die Wirklichkeit, die er enthält, ist in ihm eingeschlossen oder in ihm auf<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gehoben, gerade auf die Weise, wie wenn wir <hi rendition="#g">alle</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> sprechen;<lb n="32"/>sie ist die <hi rendition="#g">gedachte</hi>, allgemeine Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="33"/>Indem also in der Religion die Bestimmung des eigentlichen Bewußtseyns des<lb n="34"/>Geistes nicht die Form des freyen <hi rendition="#g">Andersseyns</hi> hat, so ist sein <hi rendition="#g">Daseyn</hi> von<lb n="35"/>seinem <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> unterschieden, und seine eigentliche Wirklichkeit<lb n="36"/>fällt ausser der Religion; es ist wohl Ein Geist beyder, aber sein Bewußtseyn um<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>faßt nicht beyde zumal, und die Religion erscheint als ein Theil des Daseyns und<lb n="38"/>Thuns und Treibens, dessen anderer Theil das Leben in seiner wirklichen Welt<lb n="39"/>ist. Wie wir nun es wissen, daß der Geist in seiner Welt und der seiner als Geist</p>
<pb n="365" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=372" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>bewußte Geist oder der Geist in der Religion dasselbe sind, so besteht die Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>endung der Religion darin, daß beydes einander gleich werde, nicht nur daß<lb n="3"/>seine Wirklichkeit von der Religion befaßt ist, sondern umgekehrt, daß er sich<lb n="4"/>als seiner selbstbewußter Geist wirklich und <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> <hi rendition="#g">seines</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi><lb n="5"/>werde. – Insofern der Geist in der Religion sich ihm selbst <hi rendition="#g">vorstellt</hi>, ist er zwar<lb n="6"/>Bewußtseyn, und die in ihr eingeschlossne Wirklichkeit ist die Gestalt und das<lb n="7"/>Kleid seiner Vorstellung. Der Wirklichkeit widerfährt aber in dieser Vorstellung<lb n="8"/>nicht ihr vollkommnes Recht, nemlich nicht nur Kleid zu seyn, sondern selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>ständiges freyes Daseyn; und umgekehrt ist sie, weil ihr die Vollendung in ihr<lb n="10"/>selbst mangelt, eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Gestalt, die nicht dasjenige erreicht, was sie<lb n="11"/>darstellen soll, nemlich den seiner selbstbewußten Geist. Daß seine Gestalt ihn<lb n="12"/>selbst ausdrückte, müßte sie selbst nichts anderes seyn als er, und er sich so erschienen<lb n="13"/>oder wirklich seyn, wie er in seinem Wesen ist. Dadurch allein würde auch das<lb n="14"/>erreicht, was die Foderung des Gegentheils zu seyn scheinen kann, nemlich daß<lb n="15"/>der <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> seines Bewußtseyns die Form freyer Wirklichkeit zugleich<lb n="16"/>hat; aber nur der Geist, der sich als absoluter Geist Gegenstand ist, ist sich eine<lb n="17"/>ebenso freye Wirklichkeit, als er darin seiner selbst bewußt bleibt.</p>
<p><lb n="18"/>Indem zunächst das Selbstbewußtseyn und das eigentliche Bewußtseyn, die<lb n="19"/><hi rendition="#g">Religion</hi> und der Geist in seiner Welt oder das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> des Geistes unterschieden<lb n="20"/>wird, so besteht das letztere in dem Ganzen des Geistes, insofern seine Momente<lb n="21"/>als auseinandertretend und jedes für sich sich darstellt. Die Momente aber sind das<lb n="22"/><hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, die <hi rendition="#g">Vernunft</hi> und der <hi rendition="#g">Geist</hi>; –<lb n="23"/>der Geist nemlich als unmittelbarer Geist, der noch nicht das Bewußtseyn des<lb n="24"/>Geistes ist. Ihre <hi rendition="#g">zusammengefaßte</hi> Totalität macht den Geist in seinem welt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>lichen Daseyn überhaupt aus; der Geist als solcher enthält die bisherigen Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>tungen in den allgemeinen Bestimmungen, den so eben genannten Momenten.<lb n="27"/>Die Religion setzt den ganzen Ablauf derselben voraus, und ist die <hi rendition="#g">einfache</hi><lb n="28"/>Totalität oder das absolute Selbst derselben. – Der Verlauf derselben ist übrigens<lb n="29"/>im Verhältnisse zur Religion nicht in der Zeit vorzustellen. Der ganze Geist nur<lb n="30"/>ist in der Zeit, und die Gestalten, welche Gestalten des ganzen <hi rendition="#g">Geistes</hi> als solchen<lb n="31"/>sind, stellen sich in einer Aufeinanderfolge dar; denn nur das Ganze hat eigentliche<lb n="32"/>Wirklichkeit, und daher die Form der reinen Freyheit gegen anderes, die sich als<lb n="33"/>Zeit ausdrückt. Aber die <hi rendition="#g">Momente</hi> desselben, Bewußtseyn, Selbstbewußtseyn,<lb n="34"/>Vernunft und Geist haben, weil sie Momente sind, kein von einander verschiednes<lb n="35"/>Daseyn. – Wie der Geist von seinen Momenten unterschieden wurde, so ist noch<lb n="36"/>drittens von diesen Momenten selbst ihre vereinzelte Bestimmung zu unterscheiden.<lb n="37"/>Jedes jener Momente sahen wir nemlich wieder an ihm selbst sich in einem eignen</p>
<pb n="366" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=373" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Verlauffe unterscheiden und verschieden gestalten; wie z. B. am Bewußtseyn, die<lb n="2"/>sinnliche Gewißheit, Wahrnehmung sich unterschied. Diese letztern Seiten treten in<lb n="3"/>der Zeit auseinander, und gehören einem <hi rendition="#g">besondern</hi> <hi rendition="#g">Ganzen</hi> an. – Denn der Geist<lb n="4"/>steigt aus seiner <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> durch die <hi rendition="#g">Bestimmung</hi> zur <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi><lb n="5"/>herab. Die Bestimmung oder Mitte ist <hi rendition="#g">Bewußtseyn,</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> u.s.f.<lb n="6"/>Die <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> aber machen die Gestalten dieser Momente aus. Diese stellen<lb n="7"/>daher den Geist in seiner Einzelnheit oder <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> dar, und unterscheiden<lb n="8"/>sich in der Zeit, so jedoch, daß die folgende die vorhergehenden an ihr behält.</p>
<p><lb n="9"/>Wenn daher die Religion die Vollendung des Geistes ist, worin die einzelnen<lb n="10"/>Momente desselben, Bewußtseyn, Selbstbewußtseyn, Vernunft und Geist, als in<lb n="11"/>ihren <hi rendition="#g">Grund</hi> <hi rendition="#g">zurückgehen</hi> und <hi rendition="#g">zurückgegangen</hi> sind, so machen sie zu<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>sammen die <hi rendition="#g">daseyende</hi> <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> des ganzen Geistes aus, welcher nur <hi rendition="#g">ist,</hi><lb n="13"/>als die unterscheidende und in sich zurückgehende Bewegung dieser seiner Seiten.<lb n="14"/>Das Werden <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi> <hi rendition="#g">überhaupt</hi> ist in der Bewegung der allgemeinen<lb n="15"/>Momente enthalten. Indem aber jedes dieser Attribute, wie es nicht nur im all<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gemeinen sich bestimmt, sondern wie es <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, d. h. wie es in<lb n="17"/>sich selbst sich als Ganzes verlaufft, dargestellt wurde, so ist damit auch nicht nur<lb n="18"/>das Werden der Religion <hi rendition="#g">überhaupt</hi> entstanden, sondern jene vollständigen<lb n="19"/>Verläuffe der <hi rendition="#g">einzelnen</hi> Seiten enthalten zugleich die <hi rendition="#g">Bestimmtheiten</hi> <hi rendition="#g">der</hi><lb n="20"/><hi rendition="#g">Religion</hi> selbst. Der ganze Geist, der Geist der Religion, ist wieder die Bewegung,<lb n="21"/>aus seiner Unmittelbarkeit zum <hi rendition="#g">Wissen</hi> dessen zu gelangen, was er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="22"/>oder unmittelbar ist, und es zu erreichen, daß die <hi rendition="#g">Gestalt,</hi> in welcher er für sein<lb n="23"/>Bewußtseyn erscheint, seinem Wesen vollkommen gleiche, und er sich anschaue,<lb n="24"/>wie er ist. – In diesem Werden ist er also selbst in <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Gestalten, welche<lb n="25"/>die Unterschiede dieser Bewegung ausmachen; zugleich hat damit die bestimmte<lb n="26"/>Religion ebenso einen <hi rendition="#g">bestimmten</hi> <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Geist. Wenn also dem sich<lb n="27"/>wissenden Geiste überhaupt Bewußtseyn, Selbstbewußtseyn, Vernunft und Geist<lb n="28"/>angehören, so gehören den <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Gestalten des sich wissenden Geistes<lb n="29"/>die <hi rendition="#g">bestimmten</hi> Formen an, welche sich innerhalb des Bewußtseyns, Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>bewußtseyns, der Vernunft und des Geistes an jedem besonders entwickelten. Die<lb n="31"/><hi rendition="#g">bestimmte</hi> Gestalt der Religion greifft für ihren wirklichen Geist aus den Gestal<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>ten eines jeden seiner Momente diejenige heraus, welche ihr entspricht. Die <hi rendition="#g">Eine</hi><lb n="33"/>Bestimmtheit der Religion greifft durch alle Seiten ihres wirklichen Daseyns hin<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>durch und drückt ihnen diß gemeinschafftliche Gepräge auf.</p>
<p><lb n="35"/>Auf diese Weise ordnen sich nun die Gestalten, die bis hieher auftraten, anders,<lb n="36"/>als sie in ihrer Reihe erschienen, worüber vorher noch das nöthige kurz zu bemerken</p>
<pb n="367" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=374" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>ist. – In der betrachteten Reihe bildete sich jedes Moment, sich in sich vertiefend,<lb n="2"/>zu einem Ganzen in seinem eigenthümlichen Princip aus; und das Erkennen war<lb n="3"/>die Tiefe, oder der Geist, worin sie, die für sich kein Bestehen haben, ihre Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>stanz hatten. Diese Substanz ist aber nunmehr herausgetreten; sie ist die Tiefe des<lb n="5"/>seiner selbst gewissen Geistes, welche es dem einzelnen Princip nicht gestattet, sich<lb n="6"/>zu isoliren und in sich selbst zum Ganzen zu machen, sondern diese Momente alle<lb n="7"/>in sich versammelnd und zusammenhaltend, schreitet sie in diesem gesammten<lb n="8"/>Reichthum ihres wirklichen Geistes fort, und alle seine besondern Momente neh<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>men und empfangen gemeinschaftlich die gleiche Bestimmtheit des Ganzen in<lb n="10"/>sich. – Dieser seiner selbst gewisse Geist und seine Bewegung ist ihre wahrhaffte<lb n="11"/>Wirklichkeit, und das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sichseyn</hi>, das jedem einzelnen zukommt. –<lb n="12"/>Wenn also die bisherige Eine Reihe in ihrem Fortschreiten durch Knoten die<lb n="13"/>Rückgänge in ihr bezeichnete, aber aus ihnen sich wieder in Eine Länge fortsetzte,<lb n="14"/>so ist sie nunmehr gleichsam an diesen Knoten, den allgemeinen Momenten,<lb n="15"/>gebrochen und in viele Linien zerfallen, welche in Einen Bund zusammengefaßt,<lb n="16"/>sich zugleich symmetrisch vereinen, so daß die gleichen Unterschiede, in welche<lb n="17"/>jede besondre innerhalb ihrer sich gestaltete, zusammentreffen. – Es erhellt übrigens<lb n="18"/>aus der ganzen Darstellung von selbst, wie diese hier vorgestellte Beyordnung der<lb n="19"/>allgemeinen Richtungen zu verstehen ist, daß es überflüßig wird, die Bemerkung<lb n="20"/>zu machen, daß diese Unterschiede wesentlich nur als Momente des Werdens<lb n="21"/>nicht als Theile zu fassen sind; an dem wirklichen Geiste sind sie Attribute seiner<lb n="22"/>Substanz; an der Religion aber vielmehr nur Prädicate des Subjects. – Ebenso sind<lb n="23"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> wohl alle Formen überhaupt im Geiste und in jedem ent<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>halten; aber es kommt bey seiner Wirklichkeit überhaupt allein darauf an, welche<lb n="25"/>Bestimmtheit für ihn in seinem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> ist, in welcher er sein Selbst aus<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>gedrückt oder in welcher Gestalt er sein Wesen weiß.</p>
<p><lb n="27"/>Der Unterschied, der zwischen dem <hi rendition="#g">wirklichen</hi> Geiste und ihm der sich als<lb n="28"/>Geist weiß, oder zwischen sich selbst als Bewußtseyn und als Selbstbewußtseyn<lb n="29"/>gemacht wurde, ist in dem Geiste aufgehoben, der sich nach seiner Wahrheit<lb n="30"/>weiß; sein Bewußtseyn und sein Selbstbewußtseyn sind ausgeglichen. Wie aber<lb n="31"/>hier die Religion erst <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> ist, ist dieser Unterschied noch nicht in den<lb n="32"/>Geist zurückgegangen. Es ist nur der <hi rendition="#g">Begriff</hi> der Religion gesetzt; in diesem ist<lb n="33"/>das Wesen das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, das sich alle Wahrheit ist, und in dieser alle<lb n="34"/>Wirklichkeit enthält. Dieses Selbstbewußtseyn hat als Bewußtseyn sich zum Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>stande; der erst sich <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> wissende Geist ist sich also Geist in der <hi rendition="#g">Form</hi><lb n="36"/>der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, und die Bestimmtheit der Gestalt, worin er sich erscheint,<lb n="37"/>ist die des <hi rendition="#g">Seyns</hi>. Diß Seyn ist zwar weder mit der Empfindung oder dem mannich-</p>
<pb n="368" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=375" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>faltigen Stoffe, noch mit sonstigen einseitigen Momenten, Zwecken und Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>mungen <hi rendition="#g">erfüllt</hi>, sondern mit dem Geiste, und wird von sich als alle Wahrheit<lb n="3"/>und Wirklichkeit gewußt. Diese <hi rendition="#g">Erfüllung</hi> ist auf diese Weise ihrer <hi rendition="#g">Gestalt</hi>,<lb n="4"/>er als Wesen seinem Bewußtseyn nicht gleich. Er ist erst als absoluter Geist wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lich, indem er, wie er in der <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, sich auch in seiner<lb n="6"/><hi rendition="#g">Wahrheit</hi> ist, oder die Extreme, in die er sich als Bewußtseyn theilt, in Geists<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gestalt für einander sind. Die Gestaltung, welche der Geist als Gegenstand seines<lb n="8"/>Bewußtseyns annimmt, bleibt von der Gewißheit des Geistes, als von der Substanz<lb n="9"/>erfüllt; durch diesen Inhalt verschwindet diß, daß der Gegenstand zur reinen<lb n="10"/>Gegenständlichkeit, zur Form der Negativität des Selbstbewußtseyns herabsänke.<lb n="11"/>Die unmittelbare Einheit des Geistes mit sich selbst ist die Grundlage oder reines<lb n="12"/>Bewußtseyn, <hi rendition="#g">innerhalb</hi> dessen das Bewußtseyn auseinander tritt. Auf diese<lb n="13"/>Weise in sein reines Selbstbewußtseyn eingeschlossen, existirt er in der Religion<lb n="14"/>nicht als der Schöpfer einer <hi rendition="#g">Natur</hi> überhaupt; sondern was er in dieser Bewegung<lb n="15"/>hervorbringt, sind seine Gestalten als Geister, die zusammen die Vollständigkeit<lb n="16"/>seiner Erscheinung ausmachen, und diese Bewegung selbst ist das Werden seiner<lb n="17"/>vollkommnen Wirklichkeit durch die einzelnen Seiten derselben, oder seine un<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>vollkommnen Wirklichkeiten.</p>
<p><lb n="19"/>Die erste Wirklichkeit desselben ist der Begriff der Religion selbst, oder sie als<lb n="20"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> und also <hi rendition="#g">natürliche</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>; in ihr weiß der Geist sich als<lb n="21"/>seinen Gegenstand in natürlicher oder unmittelbarer Gestalt. Die <hi rendition="#g">Zweyte</hi> aber<lb n="22"/>ist nothwendig diese, sich in der Gestalt der <hi rendition="#g">aufgehobnen</hi> <hi rendition="#g">Natürlichkeit</hi><lb n="23"/>oder des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> zu wissen. Sie ist also die <hi rendition="#g">künstliche</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>; denn zur<lb n="24"/>Form des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> erhebt sich die Gestalt durch das <hi rendition="#g">Hervorbringen</hi> des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>wußtseyns, wodurch dieses in seinem Gegenstande sein Thun oder das Selbst<lb n="26"/>anschaut. Die <hi rendition="#g">dritte</hi> endlich hebt die Einseitigkeit der beyden ersten auf; das<lb n="27"/><hi rendition="#g">Selbst</hi> ist ebensowohl ein <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> als die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="28"/>ist. Wenn in der ersten der Geist überhaupt in der Form des Bewußtseyns, in der<lb n="29"/>Zweyten – des Selbstbewußtseyns ist, so ist er in der dritten in der Form der Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>heit beyder; er hat die Gestalt des <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyns</hi>; und indem er also<lb n="31"/>vorgestellt ist, wie er an und für sich ist, so ist diß die <hi rendition="#g">offenbare</hi> <hi rendition="#g">Religion</hi>.<lb n="32"/>Ob er aber in ihr wohl zu seiner wahren <hi rendition="#g">Gestalt</hi> gelangt, so ist eben die <hi rendition="#g">Gestalt</hi><lb n="33"/>selbst und die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> noch die unüberwundne Seite, von der er in den<lb n="34"/><hi rendition="#g">Begriff</hi> übergehen muß, um die Form der Gegenständlichkeit in ihm ganz auf<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>zulösen, in ihm, der ebenso diß sein Gegentheil in sich schließt. Alsdann hat der<lb n="36"/>Geist den Begriff seiner selbst erfaßt, wie wir nur erst ihn erfaßt haben, und seine<lb n="37"/>Gestalt oder das Element seines Daseyns, indem sie der Begriff ist, ist er selbst.</p>
<pb n="369" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=376" type="body"/>
<fw type="header" place="top">A. NATÜRLICHE RELIGION</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>A.<lb n="2"/>NATÜRLICHE RELIGION.</head>
<p><lb n="3"/>Der den Geist wissende Geist ist Bewußtseyn seiner selbst, und ist sich in der<lb n="4"/>Form des Gegenständlichen, er <hi rendition="#g">ist</hi>; und ist zugleich das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>. <hi rendition="#g">Er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, er ist die Seite des <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyns, und zwar gegen die Seite seines<lb n="6"/>Bewußtseyns, oder des sich auf sich als <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> beziehens. In seinem Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wußtseyn ist die Entgegensetzung und hiedurch die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> der Gestalt,<lb n="8"/>in welcher er sich erscheint und weiß. Um diese ist es in dieser Betrachtung der<lb n="9"/>Religion allein zu thun, denn sein ungestaltetes Wesen, oder sein reiner Begriff<lb n="10"/>hat sich schon ergeben. Der Unterschied des Bewußtseyns und Selbstbewußtseyns<lb n="11"/>fällt aber zugleich innerhalb des letztern; die Gestalt der Religion enthält nicht das<lb n="12"/>Daseyn des Geistes, wie er vom Gedanken freye Natur, noch wie er vom Daseyn<lb n="13"/>freyer Gedanke ist; sondern sie ist das im Denken erhaltne Daseyn, so wie ein<lb n="14"/>Gedachtes, das sich da ist. – Nach der <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> dieser Gestalt, in welcher<lb n="15"/>der Geist sich weiß, unterscheidet sich eine Religion von einer andern; allein es<lb n="16"/>ist zugleich zu bemerken, daß die Darstellung dieses seines Wissens von sich nach<lb n="17"/>dieser <hi rendition="#g">einzelnen</hi> <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> in der That nicht das Ganze einer wirklichen<lb n="18"/>Religion erschöpft. Die Reihe der verschiednen Religionen, die sich ergeben wer<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>den, stellt ebensosehr wieder nur die verschiednen Seiten einer einzigen, und zwar<lb n="20"/><hi rendition="#g">jeder</hi> <hi rendition="#g">einzelnen</hi> dar, und die Vorstellungen, welche eine wirkliche Religion<lb n="21"/>vor einer andern auszuzeichnen scheinen, kommen in jeder vor. Allein zugleich<lb n="22"/>muß die Verschiedenheit auch als eine Verschiedenheit der Religion betrachtet<lb n="23"/>werden. Denn indem der Geist sich im Unterschiede seines Bewußtseyns und seines<lb n="24"/>Selbstbewußtseyns befindet, so hat die Bewegung das Ziel, diesen Hauptunterschied<lb n="25"/>aufzuheben, und der Gestalt, die Gegenstand des Bewußtseyns ist, die Form des<lb n="26"/>Selbstbewußtseyns zu geben. Dieser Unterschied ist aber nicht dadurch schon auf<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>gehoben, daß die Gestalten, die jenes enthält, auch das Moment des Selbsts an<lb n="28"/>ihnen haben, und der Gott als <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">vorgestellt</hi> wird. Das<lb n="29"/><hi rendition="#g">vorgestellte</hi> Selbst ist nicht das <hi rendition="#g">wirkliche</hi>; daß es, wie jede andre nähere<lb n="30"/>Bestimmung der Gestalt, dieser in Wahrheit angehöre, muß es theils durch das<lb n="31"/>Thun des Selbstbewußtseyns in sie gesetzt werden, theils muß die niedrige Be<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>stimmung von der höhern aufgehoben und begriffen zu seyn sich zeigen. Denn<lb n="33"/>das Vorgestellte hört nur dadurch auf, vorgestelltes und seinem Wissen fremd zu<lb n="34"/>seyn, daß das Selbst es hervorgebracht hat, und also die Bestimmung des Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>standes als die <hi rendition="#g">seinige</hi>, somit sich in ihm anschaut. – Durch diese Thätigkeit<lb n="36"/>ist die niedrigere Bestimmung zugleich verschwunden; denn das Thun ist das</p>
<pb n="370" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=377" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>negative, das sich auf Kosten eines Andern ausführt; insofern sie auch noch vor<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>kommt, so ist sie in die Unwesentlichkeit zurückgetreten; so wie dagegen, wo<lb n="3"/>die niedrigere noch herrschend ist, die höhere aber auch vorkommt, die eine selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>los neben der andern Platz hat. Wenn daher die verschiednen Vorstellungen inner<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>halb einer einzelnen Religion zwar die ganze Bewegung ihrer Formen darstellen,<lb n="6"/>so ist der Charakter einer jeden durch die besondre Einheit des Bewußtseyns und<lb n="7"/>des Selbstbewußtseyns bestimmt, das ist, dadurch daß das letztere die Bestimmung<lb n="8"/>des Gegenstands des erstern in sich gefaßt, sie durch sein Thun sich vollkommen<lb n="9"/>angeeignet und sie als die wesentliche gegen die andern weiß. – Die Wahrheit<lb n="10"/>des Glaubens an eine Bestimmung des religiösen Geistes zeigt sich darin, daß der<lb n="11"/><hi rendition="#g">wirkliche</hi> Geist so beschaffen ist, wie die Gestalt, in der er sich in der Religion<lb n="12"/>anschaut, – wie z. B. die Menschwerdung Gottes, die in der morgenländischen<lb n="13"/>Religion vorkommt, keine Wahrheit hat, weil ihr wirklicher Geist ohne diese<lb n="14"/>Versöhnung ist. – Hieher gehört es nicht, von der Totalität der Bestimmungen<lb n="15"/>zu der einzelnen zurückzukehren, und zu zeigen, in welcher Gestalt innerhalb<lb n="16"/>ihrer und ihrer besondern Religion die Vollständigkeit der übrigen enthalten<lb n="17"/>ist. Die höhere Form unter eine niedrigere zurückgestellt entbehrt ihrer<lb n="18"/>Bedeutung für den selbstbewußten Geist, gehört ihm nur oberflächlich und<lb n="19"/>seiner Vorstellung an. Sie ist in ihrer eigenthümlichen Bedeutung und da zu<lb n="20"/>betrachten, wo sie Princip dieser besondern Religion und durch ihren wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichen Geist bewährt ist.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="22"/>a.</head>
<head><lb n="23"/>DAS LICHTWESEN.</head>
<p><lb n="24"/>Der Geist, als das <hi rendition="#g">Wesen</hi>, welches <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> ist, – oder das selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>bewußte Wesen, welches alle Wahrheit ist und alle Wirklichkeit als sich selbst<lb n="26"/>weiß, ist gegen die Realität, die er in der Bewegung seines Bewußtseyns sich gibt,<lb n="27"/>nur erst <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>, und dieser Begriff ist gegen den Tag dieser Entfaltung<lb n="28"/>die Nacht seines Wesens, gegen das Daseyn seiner Momente als selbstständiger<lb n="29"/>Gestalten das schöpferische Geheimniß seiner Geburt. Diß Geheimniß hat in sich<lb n="30"/>selbst seine Offenbarung; denn das Daseyn hat in diesem Begriffe seine Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>wendigkeit, weil er der sich wissende Geist ist, also in seinem Wesen das Moment<lb n="32"/>hat, Bewußtseyn zu seyn und sich gegenständlich vorzustellen. – Es ist das reine</p>
<pb n="371" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=378" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. NATÜRLICHE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Ich, das in seiner Entäusserung, in sich als <hi rendition="#g">allgemeinem</hi> <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> die<lb n="2"/>Gewißheit seiner selbst hat, oder dieser Gegenstand ist für es die Durchdringung<lb n="3"/>alles Denkens und aller Wirklichkeit.</p>
<p><lb n="4"/>In der unmittelbaren ersten Entzweyung des sich wissenden absoluten Geistes<lb n="5"/>hat seine Gestalt diejenige Bestimmung, welche dem <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> oder der <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> Gewißheit zukommt. Er schaut sich in der Form des<lb n="7"/><hi rendition="#g">Seyns</hi> an, jedoch nicht des geistlosen mit zufälligen Bestimmungen der Emp<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>findung erfüllten <hi rendition="#g">Seyns</hi>, das der sinnlichen Gewißheit angehört, sondern es ist<lb n="9"/>das mit dem Geiste erfüllte Seyn. Es schließt ebenso die Form in sich, welche an<lb n="10"/>dem unmittelbaren <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> vorkam, die Form des <hi rendition="#g">Herrn</hi> gegen<lb n="11"/>das von seinem Gegenstande zurücktretende Selbstbewußtseyn des Geistes. –<lb n="12"/>Diß mit dem Begriffe des Geistes erfüllte <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist also die <hi rendition="#g">Gestalt</hi> der <hi rendition="#g">einfachen</hi><lb n="13"/>Beziehung des Geistes auf sich selbst, oder die Gestalt der Gestaltlosigkeit. Sie ist<lb n="14"/>vermöge dieser Bestimmung das reine, alles enthaltende und erfüllende <hi rendition="#g">Licht<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">wesen</hi> des Aufgangs, das sich in seiner formlosen Substantialität erhält. Sein<lb n="16"/>Andersseyn ist das ebenso einfache Negative, die <hi rendition="#g">Finsterniß</hi>; die Bewegungen<lb n="17"/>seiner eignen Entäusserung, seine Schöpfungen in dem widerstandslosen Elemente<lb n="18"/>seines Andersseyns sind Lichtgüsse, sie sind in ihrer Einfachheit zugleich sein Für<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>sichwerden und Rückkehr aus seinem Daseyn, die Gestaltung verzehrende Feuer<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ströme. Der Unterschied, den es sich gibt, wuchert zwar in der Substanz des Da<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyns fort und gestaltet sich zu den Formen der Natur; aber die wesentliche Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>fachheit seines Denkens schweift bestandlos und unverständig in ihnen umher,<lb n="23"/>erweitert ihre Gräntzen zum Maßlosen, und lößt ihre zur Pracht gesteigerte<lb n="24"/>Schönheit in ihrer Erhabenheit auf.</p>
<p><lb n="25"/>Der Inhalt, den diß reine <hi rendition="#g">Seyn</hi> entwickelt, oder sein Wahrnehmen ist daher<lb n="26"/>ein wesenloses Beyherspielen an dieser Substanz, die nur <hi rendition="#g">aufgeht</hi>, ohne in sich<lb n="27"/><hi rendition="#g">niederzugehen</hi>, Subject zu werden und durch das Selbst ihre Unterschiede zu<lb n="28"/>befestigen. Ihre Bestimmungen sind nur Attribute, die nicht zur Selbstständigkeit<lb n="29"/>gedeihen, sondern nur Nahmen des vielnahmigen Einen bleiben. Dieses ist mit den<lb n="30"/>mannichfachen Kräfften des Daseyns und den Gestalten der Wirklichkeit als mit<lb n="31"/>einem selbstlosen Schmucke angekleidet; sie sind nur eignen Willens entbehrende<lb n="32"/>Boten seiner Macht, Anschauungen seiner Herrlichkeit und Stimmen seines Preises.</p>
<p><lb n="33"/>Diß taumelnde Leben aber muß sich zum <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> bestimmen, und seinen<lb n="34"/>verschwindenden Gestalten Bestehen geben. Das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, in wel<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>chem es sich seinem Bewußtseyn gegenüberstellt, ist selbst die <hi rendition="#g">negative</hi> Macht,<lb n="36"/>die seine Unterschiede auflöst. Es ist also in Wahrheit das <hi rendition="#g">Selbst</hi>; und der Geist<lb n="37"/>geht darum dazu über, sich in der Form des Selbsts zu wissen. Das reine Licht</p>
<pb n="372" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=379" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>wirft seine Einfachheit als eine Unendlichkeit von Formen auseinander und gibt<lb n="2"/>sich dem Fürsichseyn zum Opfer dar, daß das Einzelne das Bestehen an seiner<lb n="3"/>Substanz sich nehme.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="4"/>b.</head>
<head><lb n="5"/>Die Pflanze und das Thier.</head>
<p><lb n="6"/>Der selbstbewußte Geist, der aus dem gestaltlosen Wesen in sich gegangen,<lb n="7"/>oder seine Unmittelbarkeit zum Selbst überhaupt erhoben, bestimmt seine Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>fachheit als eine Mannichfaltigkeit des Fürsichseyns, und ist die Religion der<lb n="9"/>geistigen <hi rendition="#g">Wahrnehmung</hi>, worin er in die zahllose Vielheit schwächerer und<lb n="10"/>kräftigerer, reicherer und ärmerer Geister zerfällt. Dieser Pantheismus, zunächst<lb n="11"/>das <hi rendition="#g">ruhige</hi> Bestehen dieser Geisteratomen, wird zur <hi rendition="#g">feindseligen</hi> Bewegung<lb n="12"/>in sich selbst. Die Unschuld der <hi rendition="#g">Blumenreligion</hi>, die nur selbstlose Vorstellung<lb n="13"/>des Selbsts ist, geht in den Ernst des kämpfenden Lebens, in die Schuld der <hi rendition="#g">Thier<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">religion</hi>, die Ruhe und Ohnmacht der anschauenden Individualität in das zer<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>störende Fürsichseyn über. – Es hilft nichts, den Dingen der Wahrnehmung den<lb n="16"/><hi rendition="#g">Tod</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Abstraction</hi> genommen, und sie zu Wesen geistiger Wahrnehmung<lb n="17"/>erhoben zu haben; die Beseelung dieses Geisterreichs hat ihn durch die Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit und die Negativität an ihr, die über die unschuldige Gleichgültigkeit derselben<lb n="19"/>übergreifft. Durch sie wird die Zerstreuung in die Mannichfaltigkeit der ruhigen<lb n="20"/>PflanzenGestalten eine feindselige Bewegung, worin sie der Haß ihres Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyns aufreibt. – Das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Selbstbewußtseyn dieses zerstreuten Geistes<lb n="22"/>ist eine Menge vereinzelnter ungeselliger Völkergeister, die in ihrem Hasse sich<lb n="23"/>auf den Tod bekämpfen, und bestimmter Thiergestalten als ihres Wesens sich<lb n="24"/>bewußt werden, denn sie sind nichts anderes als Thiergeister, sich absondernde<lb n="25"/>ihrer ohne Allgemeinheit bewußte Thierleben.</p>
<p><lb n="26"/>In diesem Hasse reibt sich aber die Bestimmtheit des rein negativen Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyns auf, und durch diese Bewegung des Begriffs tritt der Geist in eine andere<lb n="28"/>Gestalt. Das <hi rendition="#g">aufgehobne</hi> <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist die <hi rendition="#g">Form</hi> des <hi rendition="#g">Gegenstandes</hi>,<lb n="29"/>die durch das Selbst hervorgebracht oder die vielmehr das hervorgebrachte, sich<lb n="30"/>aufreibende d. h. zum Dinge werdende Selbst ist. Ueber die nur zerreissenden<lb n="31"/>Thiergeister behält daher der Arbeitende die Oberhand, dessen Thun nicht nur<lb n="32"/>negativ, sondern beruhigt und positiv ist. Das Bewußtseyn des Geistes ist also nun-</p>
<pb n="373" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=380" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. NATÜRLICHE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>mehr die Bewegung, die über das unmittelbare <hi rendition="#g">Ansichseyn</hi> wie über das ab<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>stracte <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> hinaus ist. Indem das Ansich zu einer Bestimmtheit durch<lb n="3"/>den Gegensatz herabgesetzt ist, ist es nicht mehr die eigne Form des absoluten<lb n="4"/>Geistes, sondern eine Wirklichkeit, die sein Bewußtseyn sich entgegengesetzt als<lb n="5"/>das gemeine Daseyn vorfindet, sie aufhebt, und ebenso nicht nur diß aufhebende<lb n="6"/>Fürsichseyn ist, sondern auch seine Vorstellung, das zur Form eines Gegenstan<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>des herausgesetzte Fürsichseyn hervorbringt. Diß Hervorbringen ist jedoch noch<lb n="8"/>nicht das vollkommne, sondern eine bedingte Thätigkeit und das Formiren eines<lb n="9"/>Vorhandnen.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="10"/>C.<lb n="11"/>DER WERKMEISTER.</head>
<p><lb n="12"/>Der Geist erscheint also hier als der <hi rendition="#g">Werkmeister</hi>, und sein Thun, wodurch<lb n="13"/>er sich selbst als Gegenstand hervorbringt, aber den Gedanken seiner noch nicht<lb n="14"/>erfaßt hat, ist ein instinctartiges Arbeiten, wie die Bienen ihre Zellen bauen.</p>
<p><lb n="15"/>Die erste Form, weil sie die unmittelbare ist, ist sie die abstracte des Verstandes,<lb n="16"/>und das Werk noch nicht an ihm selbst vom Geiste erfüllt. Die Krystalle der<lb n="17"/>Pyramiden und Obelisken, einfache Verbindungen gerader Linien, mit ebnen<lb n="18"/>Oberflächen und gleichen Verhältnissen der Theile, an denen die Incommen<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>surabilität des Runden vertilgt ist, sind die Arbeiten dieses Werkmeisters der stren<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>gen Form. Um der bloßen Verständigkeit der Form willen ist sie nicht ihre Be<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>deutung an ihr selbst, nicht das geistige Selbst. Die Werke empfangen also nur den<lb n="22"/>Geist entweder in sich, als einen fremden abgeschiednen Geist, der seine lebendige<lb n="23"/>Durchdringung mit der Wirklichkeit verlassen, selbst todt in diese des Lebens<lb n="24"/>entbehrende Krystalle einkehrt; – oder sie beziehen sich äusserlich auf ihn als auf<lb n="25"/>einen solchen, der selbst äusserlich und nicht als Geist da ist – als auf das aufgehende<lb n="26"/>Licht, das seine Bedeutung auf sie wirft.</p>
<p><lb n="27"/>Die Trennung, von welcher der arbeitende Geist ausgeht, des <hi rendition="#g">Ansichseyns</hi>,<lb n="28"/>das zum Stoffe wird, den er verarbeitet, – und des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi>, welche<lb n="29"/><hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> des arbeitenden Selbstbewußtseyns ist, ist ihm in seinem Werke gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>ständlich geworden. Seine fernere Bemühung muß dahin gehen, diese Trennung<lb n="31"/>der Seele und des Leibs aufzuheben, jene an ihr selbst zu bekleiden und zu gestalten,<lb n="32"/>diesen aber zu beseelen. Beide Seiten, indem sie einander näher gebracht werden,<lb n="33"/>behalten dabey die Bestimmtheit des vorgestellten Geistes, und seiner umgebenden</p>
<pb n="374" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=381" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Hülle gegeneinander; seine Einigkeit mit sich selbst enthält diesen Gegensatz der<lb n="2"/>Einzelnheit und Allgemeinheit. Indem das Werk in seinen Seiten sich selbst nähert,<lb n="3"/>so geschieht dadurch zugleich auch das andre, daß es dem arbeitenden Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bewußtseyn näher tritt, und dieses zum Wissen seiner, wie es an und für sich ist,<lb n="5"/>in dem Werke gelangt. So aber macht es nur erst die abstracte Seite der <hi rendition="#g">Thätig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="6" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> des Geistes aus, welche nicht in sich selbst noch ihren Inhalt, sondern an seinem<lb n="7"/>Werke, das ein Ding ist, weiß. Der Werkmeister selbst, der ganze Geist, ist noch<lb n="8"/>nicht erschienen, sondern ist das noch innre verborgne Wesen, welches als Ganzes,<lb n="9"/>nur zerlegt in das thätige Selbstbewußtseyn und in seinen hervorgebrachten<lb n="10"/>Gegenstand, vorhanden ist.</p>
<p><lb n="11"/>Die umgebende Behausung also, die äussere Wirklichkeit, die nur erst in die<lb n="12"/>abstracte Form des Verstandes erhoben ist, arbeitet der Werkmeister zur beseel<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>tern Form aus. Er verwendet das Pflanzenleben dazu, das nicht mehr, wie dem<lb n="14"/>frühern unmächtigen Pantheismus heilig ist, sondern von ihm, der sich als das<lb n="15"/>fürsichseyende Wesen erfaßt, als etwas brauchbares genommen und zur Aussen<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seite und Zierde zurückgesetzt wird. Es wird aber nicht unverändert verwendet,<lb n="17"/>sondern der Arbeiter der selbstbewußten Form vertilgt zugleich die Vergänglich<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>keit, welche die unmittelbare Existenz dieses Lebens an ihm hat, und nähert seine<lb n="19"/>organischen Formen den strengern und allgemeinern des Gedankens. Die organische<lb n="20"/>Form, die freygelassen in der Besonderheit fortwuchert, ihrerseits von der Form<lb n="21"/>des Gedankens unterjocht, erhebt andererseits diese geradlinigten und ebnen<lb n="22"/>Gestalten zur beseeltern Rundung, – eine Vermischung, welche die Wurzel der<lb n="23"/>freyen Architectur wird.</p>
<p><lb n="24"/>Diese Wohnung, die Seite des <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Elements</hi> oder der unorgani<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>schen Natur des Geistes schließt nun auch eine Gestalt der <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> in sich,<lb n="26"/>die den vorher von dem Daseyn abgeschiednen ihm innern oder äusserlichen Geist<lb n="27"/>der Wirklichkeit näher bringt, und dadurch das Werk dem thätigen Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>seyn gleicher macht. Der Arbeiter greift zuerst zur Form des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi><lb n="29"/>überhaupt, zur <hi rendition="#g">Thiergestalt</hi>. Daß er sich seiner nicht mehr unmittelbar im<lb n="30"/>Thierleben bewußt ist, beweißt er dadurch, daß er gegen dieses sich als die her<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>vorbringende Kraft constituirt und in ihm als <hi rendition="#g">seinem</hi> Werke sich weiß; wodurch<lb n="32"/>sie zugleich eine aufgehobne und die Hieroglyphe einer andern Bedeutung, eines<lb n="33"/>Gedankens wird. Daher wird sie auch nicht mehr allein und ganz vom Arbeiter<lb n="34"/>gebraucht, sondern mit der Gestalt des Gedankens, mit der menschlichen, ver<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>mischt. Noch fehlt dem Werke aber die Gestalt und Daseyn, worin das Selbst als<lb n="36"/>Selbst existirt; – es fehlt ihm noch diß, an ihm selbst es auszusprechen, daß es eine<lb n="37"/>innre Bedeutung in sich schließt, es fehlt ihm die Sprache, das Element, worin der</p>
<pb n="375" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=382" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">A. NATÜRLICHE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>erfüllende Sinn selbst vorhanden ist. Das Werk daher, wenn es sich von dem Thieri<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>schen auch ganz gereinigt, und die Gestalt des Selbstbewußtseyns allein an ihm<lb n="3"/>trägt, ist die noch tonlose Gestalt, die des Strahls der aufgehenden Sonne bedarf,<lb n="4"/>um Ton zu haben, der vom Lichte erzeugt, auch nur Klang und nicht Sprache ist,<lb n="5"/>nur ein äusseres Selbst, nicht das innre zeigt.</p>
<p><lb n="6"/>Diesem äussern Selbst der Gestalt steht die andere gegenüber, welche anzeigt,<lb n="7"/>ein <hi rendition="#g">Innres</hi> an ihr zu haben. Die in ihr Wesen zurückgehende Natur setzt ihre<lb n="8"/>lebendige sich vereinzelnde und in ihrer Bewegung sich verwirrende Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>faltigkeit zu einem unwesentlichen Gehäuse herab, das die <hi rendition="#g">Decke</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Innern</hi><lb n="10"/>ist; und dieses Innre ist zunächst noch die einfache Finsterniß, das Unbewegte,<lb n="11"/>der schwarze formlose Stein.</p>
<p><lb n="12"/>Beyde Darstellungen enthalten die <hi rendition="#g">Innerlichkeit</hi> und das <hi rendition="#g">Daseyn</hi>, – die<lb n="13"/>beyden Momente des Geistes; und beyde Darstellungen beyde zugleich in ent<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>gegengesetztem Verhältnisse, das Selbst sowohl als Innres wie als Aeusseres.<lb n="15"/>Beydes ist zu vereinigen. – Die Seele der menschlich geformten Bildsäule kommt<lb n="16"/>noch nicht aus dem Innern, ist noch nicht die Sprache, das Daseyn, das an ihm selbst<lb n="17"/>innerlich ist, – und das Innre des vielformigen Daseyns ist noch das tonlose sich<lb n="18"/>nicht in sich selbst unterscheidende, und von seinem Aeussern, dem alle Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>schiede gehören, noch getrennte. – Der Werkmeister vereint daher beydes in der<lb n="20"/>Vermischung der natürlichen und der selbstbewußten Gestalt, und diese zwey<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>deutigen sich selbst räthselhaften Wesen, das bewußte ringend mit dem bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>losen, das einfache Innre mit dem vielgestalteten Aeussern, die Dunkelheit des<lb n="23"/>Gedankens mit der Klarheit der Aeusserung paarend, brechen in die Sprache tiefer<lb n="24"/>schwerverständlicher Weisheit aus.</p>
<p><lb n="25"/>In diesem Werke hört die instinctartige Arbeit auf, die dem Selbstbewußtseyn<lb n="26"/>gegenüber das bewußtlose Werk erzeugte; denn in ihm kommt der Thätigkeit<lb n="27"/>des Werkmeisters, welche das Selbstbewußtseyn ausmacht, ein ebenso selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bewußtes, sich aussprechendes Innres entgegen. Er hat sich darin zu der Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zweyung seines Bewußtseyns emporgearbeitet, worin der Geist dem Geiste be<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gegnet. In dieser Einheit des selbstbewußten Geistes, mit sich selbst, insofern er<lb n="31"/>sich Gestalt und Gegenstand seines Bewußtseyns ist, reinigen sich also seine Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mischungen mit der bewußtlosen Weise der unmittelbaren Naturgestalt. Diese<lb n="33"/>Ungeheuer an Gestalt, Rede und That lösen sich zur geistigen Gestaltung auf, –<lb n="34"/>einem Aeussern das in sich gegangen, – einem Innern das sich aus sich und an sich<lb n="35"/>selbst äussert; zum Gedanken, der sich gebährendes und seine Gestalt ihm gemäß<lb n="36"/>erhaltendes und klares Daseyn ist. Der Geist ist <hi rendition="#g">Künstler</hi>.</p>
<pb n="376" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=383" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>B.</head>
<head><lb n="2"/>DIE KUNST-RELIGION.</head>
<p><lb n="3"/>Der Geist hat seine Gestalt, in welcher er für sein Bewußtseyn ist, in die Form<lb n="4"/>des Bewußtseyns selbst erhoben, und bringt eine solche sich hervor. Der Werk<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>meister hat das <hi rendition="#g">synthetische</hi> Arbeiten, das <hi rendition="#g">Vermischen</hi> der fremdartigen<lb n="6"/>Formen des Gedankens und des Natürlichen aufgegeben; indem die Gestalt die<lb n="7"/>Form der selbstbewußten Thätigkeit gewonnen, ist er geistiger Arbeiter geworden.</p>
<p><lb n="8"/>Fragen wir darnach, welches der <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Geist ist, der in der Kunstreligion<lb n="9"/>das Bewußtseyn seines absoluten Wesens hat, so ergibt sich, daß es der <hi rendition="#g">sittliche</hi><lb n="10"/>oder der <hi rendition="#g">wahre</hi> Geist ist. Er ist nicht nur die allgemeine Substanz aller Einzelnen,<lb n="11"/>sondern indem sie für das wirkliche Bewußtseyn die Gestalt des Bewußtseyns<lb n="12"/>hat, so heißt diß soviel, daß sie, die Individualisation hat, von ihnen als ihr eignes<lb n="13"/>Wesen und Werk gewußt wird. Weder ist sie so für sie das Lichtwesen, in dessen<lb n="14"/>Einheit das Fürsichseyn des Selbstbewußtseyns nur negativ, nur vergehend ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>halten ist, und den Herrn seiner Wirklichkeit anschaut, – noch ist sie das rastlose<lb n="16"/>Verzehren sich hassender Völker, – noch die Unterjochung derselben zu Kasten,<lb n="17"/>die zusammen den Schein der Organisation eines vollendeten Ganzen ausmachen,<lb n="18"/>dem aber die allgemeine Freyheit der Individuen fehlt. Sondern er ist das freye<lb n="19"/>Volk, worin die Sitte die Substanz aller ausmacht, deren Wirklichkeit und Da<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>seyn alle und jeder einzelne als seinen Willen und That weiß.</p>
<p><lb n="21"/>Die Religion des sittlichen Geistes ist aber seine Erhebung über seine Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lichkeit, das Zurückgehen <hi rendition="#g">aus</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> in das reine <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">selbst</hi>. Indem das sittliche Volk in der unmittelbaren Einheit mit seiner Substanz<lb n="24"/>lebt, und das Princip der reinen Einzelnheit des Selbstbewußtseyns nicht an ihm<lb n="25"/>hat, so tritt seine Religion in ihrer Vollendung erst im <hi rendition="#g">Scheiden</hi> von seinem<lb n="26"/><hi rendition="#g">Bestehen</hi> auf. Denn die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> der sittlichen Substanz beruht theils<lb n="27"/>auf ihrer ruhigen <hi rendition="#g">Unwandelbarkeit</hi> gegen die absolute Bewegung des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bewußtseyns, und hiemit darauf daß dieses noch nicht aus seiner ruhigen Sitte<lb n="29"/>und seinem festen Vertrauen in sich gegangen ist; – theils auf seiner Organisation<lb n="30"/>in eine Vielheit von Rechten und Pflichten, so wie in die Vertheilung in die Massen<lb n="31"/>der Stände und ihres besondern Thuns, das zum Ganzen zusammenwirkt; – hie<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>mit darauf daß der Einzelne mit der Beschränkung seines Daseyns zufrieden ist,<lb n="33"/>und den schrankenlosen Gedanken seines freyen Selbsts noch nicht erfaßt hat.<lb n="34"/>Aber jenes ruhige <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Vertrauen zur Substanz geht in das Vertrauen</p>
<pb n="377" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=384" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und in die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> zurück, und die Vielheit der<lb n="2"/>Rechte und Pflichten wie das beschränkte Thun ist dieselbe dialektische Bewegung<lb n="3"/>des Sittlichen, als die Vielheit der Dinge und ihrer Bestimmungen, – eine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>wegung, die nur in der Einfachheit des seiner gewissen Geistes ihre Ruhe und<lb n="5"/>Festigkeit findet. – Die Vollendung der Sittlichkeit zum freyen Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>seyn und das Schicksal der sittlichen Welt ist daher die in sich gegangene Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>vidualität, der absolute Leichtsinn des sittlichen Geistes, der alle festen Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>schiede seines Bestehens und die Massen seiner organischen Gegliederung in sich<lb n="9"/>aufgelöst, und vollkommen seiner sicher zur schrankenlosen Freudigkeit und<lb n="10"/>zum freysten Genusse seiner selbst gelangt ist. Diese einfache Gewißheit des Geistes<lb n="11"/>in sich ist das Zweydeutige, ruhiges Bestehen und feste Wahrheit, – so wie ab<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>solute Unruhe und das Vergehen der Sittlichkeit zu seyn. Sie schlägt aber in das<lb n="13"/>letztre um, denn die Wahrheit des sittlichen Geistes ist nur erst noch diß sub<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stantielle Wesen und Vertrauen, worin das Selbst sich nicht als freye Einzelheit<lb n="15"/>weiß, und das daher in dieser Innerlichkeit oder in dem Freywerden des Selbsts<lb n="16"/>zu Grunde geht. Indem also das Vertrauen gebrochen, die Substanz des Volks<lb n="17"/>in sich geknickt ist, so ist der Geist, der die Mitte von bestandlosen Extremen war,<lb n="18"/>nunmehr in das Extrem des sich als Wesen erfassenden Selbstbewußtseyns heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>getreten. Dieses ist der in sich gewisse Geist, der über den Verlust seiner Welt<lb n="20"/>trauert und sein Wesen, über die Wirklichkeit erhoben, nun aus der Reinheit des<lb n="21"/>Selbsts hervorbringt.</p>
<p><lb n="22"/>In solcher Epoche tritt die absolute Kunst hervor; früher ist sie das instinct<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>artige Arbeiten, das ins Daseyn versenkt aus ihm heraus und in es hineinarbeitet,<lb n="24"/>nicht an der freyen Sittlichkeit seine Substanz, und daher auch zum arbeitenden<lb n="25"/>Selbst nicht die freye geistige Thätigkeit hat. Später ist der Geist über die Kunst<lb n="26"/>hinaus, um seine höhere Darstellung zu gewinnen; – nemlich nicht nur die aus<lb n="27"/>dem Selbst geborne <hi rendition="#g">Substanz</hi>, sondern in seiner Darstellung als Gegenstand,<lb n="28"/><hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> zu seyn, nicht nur aus seinem Begriffe sich zu gebähren, sondern<lb n="29"/>seinen Begriff selbst zur Gestalt zu haben, so daß der Begriff und das erzeugte<lb n="30"/>Kunstwerk sich gegenseitig als ein und dasselbe wissen.</p>
<p><lb n="31"/>Indem also die sittliche Substanz aus ihrem Daseyn sich in ihr reines Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bewußtseyn zurückgenommen, so ist dieses die Seite des Begriffs oder der <hi rendition="#g">Thä<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="33" break="no"/><hi rendition="#g">tigkeit</hi>, mit welcher der Geist sich als Gegenstand hervorbringt. Sie ist reine<lb n="34"/>Form, weil der Einzelne im sittlichen Gehorsam und Dienste sich alles bewußtlose<lb n="35"/>Daseyn und feste Bestimmung so abgearbeitet hat, wie die Substanz selbst diß<lb n="36"/>flüssige Wesen geworden ist. Diese Form ist die Nacht, worin die Substanz ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>rathen ward, und sich zum Subjecte machte; aus dieser Nacht der reinen Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>heit seiner selbst ist es, daß der sittliche Geist als die von der Natur und seinem<lb n="39"/>unmittelbaren Daseyn befreyte Gestalt aufersteht.</p>
<pb n="378" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=385" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Die <hi rendition="#g">Existenz</hi> des reinen Begriffs, in den der Geist aus seinem Körper geflohen,<lb n="2"/>ist ein Individuum, das er sich zum Gefässe seines Schmerzens erwählt. Er ist an<lb n="3"/>diesem, als sein Allgemeines und seine Macht, von welcher es Gewalt leidet, –<lb n="4"/>als sein Pathos, dem hingegeben sein Selbstbewußtseyn die Freyheit verliert. Aber<lb n="5"/>jene positive Macht der Allgemeinheit wird vom reinen Selbst des Individuums,<lb n="6"/>als der negativen Macht, bezwungen. Diese reine Thätigkeit, ihrer unverlierbaren<lb n="7"/>Krafft bewußt, ringt mit dem ungestalteten Wesen; Meister darüber werdend hat<lb n="8"/>sie das Pathos zu ihrem Stoffe gemacht und sich ihren Inhalt gegeben, und diese<lb n="9"/>Einheit tritt als Werk heraus, der allgemeine Geist individualisirt und vorgestellt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="10"/>a.</head>
<head><lb n="11"/>Das abstracte Kunstwerk.</head>
<p><lb n="12"/>Das erste Kunstwerk ist als das unmittelbare, das abstracte und einzelne. Seiner<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seits hat es sich aus der unmittelbaren und gegenständlichen Weise dem Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bewußtseyn entgegen zu bewegen, wie andererseits dieses für sich im Cultus dar<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>auf geht, die Unterscheidung aufzuheben, die es sich zuerst gegen seinen Geist<lb n="16"/>gibt, und hiedurch das an ihm selbst belebte Kunstwerk hervorzubringen.</p>
<p><lb n="17"/>Die erste Weise, in welcher der künstlerische Geist seine Gestalt und sein thä<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>tiges Bewußtseyn am weitesten voneinander entfernt, ist die unmittelbare, daß<lb n="19"/>jene als <hi rendition="#g">Ding</hi> überhaupt <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. – Sie zerfällt an ihr in den Unterschied der<lb n="20"/>Einzelnheit, welche die Gestalt des Selbsts an ihr hat, – und der Allgemeinheit,<lb n="21"/>welche das unorganische Wesen in Bezug auf die Gestalt, als seine Umgebung<lb n="22"/>und Behausung, darstellt. Diese gewinnt durch die Erhebung des Ganzen in den<lb n="23"/>reinen Begriff, ihre reine dem Geiste angehörige Form. Sie ist weder der verständige<lb n="24"/>Krystall, der das todte behaußt, oder von der äusserlichen Seele beschienen wird, –<lb n="25"/>noch die aus der Pflanze erst hervorgehende Vermischung der Formen der Natur<lb n="26"/>und des Gedankens, dessen Thätigkeit hierin noch ein <hi rendition="#g">Nachahmen</hi> ist. Son<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>dern der Begriff streifft das ab, was von der Wurzel, dem Geäste und Geblätter<lb n="28"/>den Formen noch anklebt, und reinigt sie zu Gebilden, worin das Geradlinigte<lb n="29"/>und Ebne des Krystalls in incommensurable Verhältnisse erhoben ist, so daß die<lb n="30"/>Beseelung des Organischen in die abstracte Form des Verstandes aufgenommen<lb n="31"/>und zugleich ihr Wesen, die Incommensurabilität für den Verstand erhalten<lb n="32"/>wird.</p>
<p><lb n="33"/>Der innwohnende Gott aber ist der aus dem Thiergehäuse hervorgezogne<lb n="34"/>schwarze Stein, der mit dem Lichte des Bewußtseyns durchdrungen ist. Die</p>
<pb n="379" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=386" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>menschliche Gestalt streifft die thierische, mit der sie vermischt war, ab; das Thier<lb n="2"/>ist für den Gott nur eine zufällige Verkleidung; es tritt neben seine wahre Gestalt,<lb n="3"/>und gilt für sich nichts mehr, sondern ist zur Bedeutung eines andern, zum blossen<lb n="4"/>Zeichen, herabgesunken. Die Gestalt des Gottes streift ebendadurch an ihr selbst<lb n="5"/>auch die Bedürftigkeit der natürlichen Bedingungen des thierischen Daseyns ab,<lb n="6"/>und deutet die innerlichen Anstalten des organischen Lebens in ihre Oberfläche<lb n="7"/>verschmolzen und nur dieser angehörig an. – Das <hi rendition="#g">Wesen</hi> des Gottes aber ist<lb n="8"/>die Einheit des allgemeinen Daseyns der Natur und des selbstbewußten Geistes,<lb n="9"/>der in seiner Wirklichkeit jenem gegenüberstehend erscheint. Zugleich zunächst<lb n="10"/>eine <hi rendition="#g">einzelne</hi> Gestalt, ist sein Daseyn eines der Elemente der Natur, so wie seine<lb n="11"/>selbstbewußte Wirklichkeit ein einzelner Volksgeist. Aber jenes ist in dieser Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heit das in den Geist reflectirte Element, die durch den Gedanken verklärte, mit<lb n="13"/>dem selbstbewußten Leben geeinte Natur. Die Göttergestalt hat darum ihr Natur<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>element als ein aufgehobnes, als eine dunkle Erinnerung in ihr. Das wüste Wesen<lb n="15"/>und der verworrene Kampf des freyen Daseyns der Elemente, das unsittliche<lb n="16"/>Reich der Titanen, ist besiegt, und an den Saum der sich klar gewordnen Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lichkeit, an die trüben Gräntzen der sich im Geiste findenden und beruhigten<lb n="18"/>Welt verwiesen. Diese alten Götter, in welche das Lichtwesen, mit der Finsterniß<lb n="19"/>zeugend, sich zunächst besondert, der Himmel, die Erde, der Ocean, die Sonne,<lb n="20"/>das blinde typhonische Feuer der Erde u.s.f. sind durch Gestalten ersetzt, die an<lb n="21"/>ihnen nur noch den dunkel erinnernden Anklang an jene Titanen haben, und nicht<lb n="22"/>mehr Naturwesen, sondern klare sittliche Geister der selbstbewußten Völker sind.</p>
<p><lb n="23"/>Diese einfache Gestalt hat also die Unruhe der unendlichen Vereinzelung – ihrer<lb n="24"/>sowohl als des Naturelements, das nur als allgemeines Wesen nothwendig, in<lb n="25"/>seinem Daseyn und Bewegung aber sich zufällig verhält, – wie ihrer als des Volks,<lb n="26"/>das in die besondere Massen des Thuns und in die individuellen Punkte des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>bewußtseyns zerstreut ein Daseyn mannichfaltigen Sinnes und Thuns hat – an sich<lb n="28"/>vertilgt und in ruhige Individualität zusammenbefaßt. Es steht ihr daher das Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>ment der Unruhe, ihr – dem <hi rendition="#g">Wesen</hi> das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> gegenüber, das<lb n="30"/>als die Geburtsstätte derselben für sich nichts übrig behielt, als die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Thätig<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> zu seyn. Was der Substanz angehört, gab der Künstler ganz seinem Werke<lb n="32"/>mit, sich selbst aber als einer bestimmten Individualität in seinem Werke keine<lb n="33"/>Wirklichkeit; er konnte ihm die Vollendung nur dadurch ertheilen, daß er seiner<lb n="34"/>Besonderheit sich entäusserte, und zur Abstraction des reinen Thuns sich ent<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>körperte und steigerte. – In dieser ersten unmittelbaren Erzeugung ist die Tren<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>nung des Werks, und seiner selbstbewußten Thätigkeit noch nicht wieder ver<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>einigt; das Werk ist daher nicht für sich das wirklich beseelte, sondern es ist <hi rendition="#g">Gan-</hi></p>
<pb n="380" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=387" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">zes</hi> nur mit seinem <hi rendition="#g">Werden</hi> zusammen. Das gemeine an dem Kunstwerke,<lb n="2"/>daß es im Bewußtseyn erzeugt, und von Menschenhänden gemacht ist, ist das<lb n="3"/>Moment des als Begriff existirenden Begriffes, der ihm gegenübertritt. Und wenn<lb n="4"/>dieser, als Künstler oder als Betrachter, das Kunstwerk als an ihm selbst absolut<lb n="5"/>beseelt auszusprechen, und sich, den thuenden oder schauenden, zu vergessen<lb n="6"/>uneigennützig genug ist, so muß hiegegen der Begriff des Geistes festgehalten<lb n="7"/>werden, der des Moments nicht entbehren kann, seiner selbst bewußt zu seyn.<lb n="8"/>Diß Moment aber steht dem Werke gegenüber, weil er in dieser seiner ersten<lb n="9"/>Entzweyung beyden Seiten ihre abstracten Bestimmungen des <hi rendition="#g">Thuns</hi> und <hi rendition="#g">Ding<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/>seyns gegeneinander gibt, und ihre Rückkehr in die Einheit, von der sie ausgingen,<lb n="11"/>noch nicht zu Stande gekommen ist.</p>
<p><lb n="12"/>Der Künstler erfährt also an seinem Werke, daß er <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">gleiches</hi> Wesen<lb n="13"/>hervorbrachte. Es kommt ihm zwar daraus ein Bewußtseyn so zurück, daß eine<lb n="14"/>bewundernde Menge es als den Geist, der ihr Wesen ist, verehrt. Aber diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>seelung, indem sie ihm sein Selbstbewußtseyn nur als Bewunderung erwiedert,<lb n="16"/>ist vielmehr ein Bekenntniß, das diese Beseelung an den Künstler ablegt, nicht<lb n="17"/>seines gleichen zu seyn. Indem es ihm als Freudigkeit überhaupt zurückkommt,<lb n="18"/>findet er darin nicht den Schmerz seiner Bildung und Zeugung, nicht die An<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>strengung seiner Arbeit. Sie mögen das Werk auch noch beurtheilen, oder ihm<lb n="20"/>Opfer bringen, auf welche Art es sey, ihr Bewußtseyn darein legen, – wenn sie<lb n="21"/>sich mit ihrer Kenntniß darüber setzen, weiß er, wie viel mehr seine <hi rendition="#g">That</hi> als<lb n="22"/>ihr Verstehen und Reden ist; – wenn sie sich <hi rendition="#g">darunter</hi> setzen und ihr sie be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>herrschendes <hi rendition="#g">Wesen</hi> darin erkennen, weiß er sich als den Meister desselben.</p>
<p><lb n="24"/>Das Kunstwerk erfodert daher ein anderes Element seines Daseyns, der Gott<lb n="25"/>einen andern Hervorgang, als diesen, worin er aus der Tiefe seiner schöpferischen<lb n="26"/>Nacht in das Gegentheil in die Aeusserlichkeit, die Bestimmung des selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>losen <hi rendition="#g">Dinges</hi> herabfällt. Diß höhere Element ist die <hi rendition="#g">Sprache</hi>, – ein Daseyn,<lb n="28"/>das unmittelbar selbstbewußte Existenz ist. Wie das <hi rendition="#g">einzelne</hi> Selbstbewußtseyn<lb n="29"/>in ihr da ist, ist es ebenso unmittelbar als eine <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Ansteckung; die voll<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>kommne Besonderung des Fürsichseyns ist zugleich die Flüssigkeit und die all<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gemein mitgetheilte Einheit der vielen Selbst; sie ist die als Seele existirende Seele.<lb n="32"/>Der Gott also, der die Sprache zum Elemente seiner Gestalt hat, ist das an ihm<lb n="33"/>selbst beseelte Kunstwerk, das die reine Thätigkeit, die ihm, der als Ding existirte,<lb n="34"/>gegenüber war, unmittelbar in seinem Daseyn hat. Oder das Selbstbewußtseyn<lb n="35"/>bleibt in dem gegenständlich werden seines Wesens unmittelbar bey sich. Es ist,<lb n="36"/>so in seinem Wesen bey sich selbst seyend, <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> oder die Andacht,<lb n="37"/>deren <hi rendition="#g">Innerlichkeit</hi> in der Hymne zugleich <hi rendition="#g">Daseyn</hi> hat. Sie behält die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>zelnheit des Selbstbewußtseyns in ihr, und vernommen ist diese Einzelnheit zu<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>gleich als allgemeine da; die Andacht in allen angezündet ist der geistige Strom,</p>
<pb n="381" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=388" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>der in der Vielfachheit des Selbstbewußtseyns, seiner als eines gleichen <hi rendition="#g">Thuns</hi><lb n="2"/>Aller, und als <hi rendition="#g">einfaches</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> bewußt ist; der Geist hat als dieses allgemeine<lb n="3"/>Selbstbewußtseyn Aller seine reine Innerlichkeit ebensowohl als das Seyn für<lb n="4"/>Andre und das Fürsichseyn der Einzelnen in Einer Einheit.</p>
<p><lb n="5"/>Diese Sprache unterscheidet sich von einer andern Sprache des Gottes, die nicht<lb n="6"/>die des allgemeinen Selbstbewußtseyns ist. Das <hi rendition="#g">Orakel</hi> sowohl des Gottes der<lb n="7"/>künstlerischen, als der vorhergehenden Religionen ist die nothwendige erste Sprache<lb n="8"/>desselben, denn in seinem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> liegt ebensowohl, daß er das Wesen der<lb n="9"/>Natur als des Geistes ist, und daher nicht nur natürliches sondern auch geistiges<lb n="10"/>Daseyn hat. Insofern diß Moment erst in seinem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> liegt, und noch nicht<lb n="11"/>in der Religion realisirt ist, so ist die Sprache für das religiöse Selbstbewußtseyn<lb n="12"/>Sprache eines <hi rendition="#g">fremden</hi> Selbstbewußtseyns. Das seiner Gemeine noch fremde<lb n="13"/>Selbstbewußtseyn <hi rendition="#g">ist</hi> noch nicht so <hi rendition="#g">da</hi>, wie sein Begriff fodert. Das Selbst ist<lb n="14"/>das einfache und dadurch schlechthin <hi rendition="#g">allgemeine</hi> Fürsichseyn; jenes aber, das<lb n="15"/>von dem Selbstbewußtseyn der Gemeine getrennt ist, ist nur erst ein <hi rendition="#g">einzelnes</hi>. –<lb n="16"/>Der Inhalt dieser eignen und einzelnen Sprache ergibt sich aus der allgemeinen<lb n="17"/>Bestimmtheit, in welcher der absolute Geist überhaupt in seiner Religion gesetzt ist. –<lb n="18"/>Der allgemeine Geist des Aufgangs, der sein Daseyn noch nicht besondert hat, spricht<lb n="19"/>also ebenso einfache und allgemeine Sätze vom Wesen aus, deren substantieller In<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>halt in seiner einfachen Wahrheit erhaben ist, aber um dieser Allgemeinheit willen,<lb n="21"/>dem weiter sich fortbildenden Selbstbewußtseyn zugleich trivial erscheint.</p>
<p><lb n="22"/>Das weiter gebildete Selbst, das sich zum <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> erhebt, ist über das<lb n="23"/>reine Pathos der Substanz, über die Gegenständlichkeit des aufgehenden Licht<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>wesens Meister, und weiß jene Einfachheit der Wahrheit, als das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi>,<lb n="25"/>das nicht die Form des zufälligen Daseyns durch eine fremde Sprache hat, sondern<lb n="26"/><hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">sichre</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">ungeschriebene</hi> <hi rendition="#g">Gesetze</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Götter</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">ewig</hi> <hi rendition="#g">lebt</hi>,<lb n="27"/><hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">niemand</hi> <hi rendition="#g">weiß</hi>, <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">wannen</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">erschien</hi>. – Wie die all<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gemeine Wahrheit, die vom Lichtwesen geoffenbart wurde, hier ins Innre oder<lb n="29"/>Untre zurückgetreten, und damit der Form der zufälligen Erscheinung enthoben<lb n="30"/>ist, so ist dagegen in der Kunstreligion, weil die Gestalt des Gottes das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyn und damit die Einzelnheit überhaupt angenommen hat, die eigne Spra<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>che des Gottes, der der Geist des sittlichen Volkes ist, das Orakel, das die be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sondern Angelegenheiten desselben weiß, und das Nützliche darüber kund thut.<lb n="34"/>Die allgemeinen Wahrheiten aber, weil sie als das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> gewußt wer<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>den, vindicirt sich das <hi rendition="#g">wissende</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi>, und die Sprache derselben ist ihm<lb n="36"/>nicht mehr eine fremde, sondern die eigne. Wie jener Weise des Alterthums,</p>
<pb n="382" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=389" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>was gut und schön sey, in seinem eignen Denken suchte, dagegen den schlech<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>ten zufälligen Inhalt des Wissens, ob es ihm gut sey mit diesem oder jenem<lb n="3"/>umzugehen, oder einem Bekannten gut, diese Reise zu machen und dergleichen<lb n="4"/>bedeutungslose Dinge, dem Dämon zu wissen überließ, ebenso hohlt das allgemeine<lb n="5"/>Bewußtseyn das Wissen vom Zufälligen von den Vögeln, oder von den Bäumen<lb n="6"/>oder von der gährenden Erde, deren Dampf dem Selbstbewußtseyn seine Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>sonnenheit nimmt; denn das Zufällige ist das Unbesonnene und Fremde, und das<lb n="8"/>sittliche Bewußtseyn läßt sich also auch, wie durch ein Würfeln, auf eine un<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>besonnene und fremde Weise darüber bestimmen. Wenn der Einzelne durch<lb n="10"/>seinen Verstand sich bestimmt und mit Ueberlegung das wählt, was ihm nütz<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>lich sey, so liegt dieser Selbstbestimmung die Bestimmtheit des besondern Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ters zum Grunde; sie ist selbst das Zufällige; und jenes Wissen des Verstands, was<lb n="13"/>dem Einzelnen nützlich ist, daher ein eben solches Wissen als das jener Orakel<lb n="14"/>oder des Looses; nur daß der das Orakel oder Loos befragt, damit die sittliche<lb n="15"/>Gesinnung der Gleichgültigkeit gegen das Zufällige ausdrückt, da jenes hingegen<lb n="16"/>das an sich zufällige als wesentliches Interesse seines Denkens und Wissens behandelt.<lb n="17"/>Das höhere als beyde aber ist zwar die Ueberlegung, zum Orakel des zufälligen<lb n="18"/>Thuns zu machen, aber diese überlegte Handlung selbst wegen ihrer Seite der Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>ziehung auf das Besondre und ihrer Nützlichkeit als etwas Zufälliges zu wissen.</p>
<p><lb n="20"/>Das wahre selbstbewußte Daseyn, das der Geist in der Sprache, die nicht die<lb n="21"/>Sprache des fremden, und also zufälligen, nicht allgemeinen Selbstbewußtseyns<lb n="22"/>ist, erhält, ist das Kunstwerk, das wir vorhin gesehen. Es steht dem dinglichen<lb n="23"/>der Bildsäule gegenüber. Wie diese das ruhende, so ist jenes das verschwindende<lb n="24"/>Daseyn; wie in diesem die Gegenständlichkeit frey entlassen des eignen unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>baren Selbsts entbehrt, so bleibt sie dagegen in jenem zu sehr in das Selbst ein<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>geschlossen, kommt zu wenig zur Gestaltung, und ist, wie die Zeit, unmittelbar<lb n="27"/>nicht mehr da, indem sie da ist.</p>
<p><lb n="28"/>Die Bewegung beyder Seiten, in der die im reinen empfindenden Elemente des<lb n="29"/>Selbstbewußtseyns <hi rendition="#g">bewegte</hi>, und die im Elemente der Dingheit <hi rendition="#g">ruhende</hi><lb n="30"/>göttliche Gestalt gegenseitig ihre verschiedne Bestimmung aufgeben und die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>heit zum Daseyn kommt, die der Begriff ihres Wesens ist, macht der <hi rendition="#g">Cultus</hi><lb n="32"/>aus. In ihm gibt sich das Selbst das Bewußtseyn des Herabsteigens des göttlichen<lb n="33"/>Wesens aus seiner Jenseitigkeit zu ihm, und dieses, das vorher das unwirkliche und<lb n="34"/>nur gegenständliche ist, erhält dadurch die eigentliche Wirklichkeit des Selbstbe<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>wußtseyns.</p>
<p><lb n="36"/>Dieser Begriff des Cultus ist an sich schon in dem Strome des hymnischen<lb n="37"/>Gesanges enthalten und vorhanden. Diese Andacht ist die unmittelbare reine</p>
<pb n="383" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=390" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Befriedigung des Selbsts durch und in sich selbst. Es ist die gereinigte Seele, welche<lb n="2"/>in dieser Reinheit unmittelbar nur Wesen und eins mit dem Wesen ist. Sie ist<lb n="3"/>um ihrer Abstraction willen, nicht das seinen Gegenstand von sich unterscheidende<lb n="4"/>Bewußtseyn, und also nur die Nacht seines Daseyns und die <hi rendition="#g">bereitete</hi> <hi rendition="#g">Stätte</hi><lb n="5"/>seiner Gestalt. Der <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Cultus</hi> erhebt daher das Selbst dazu, dieses reine<lb n="6"/><hi rendition="#g">göttliche</hi> <hi rendition="#g">Element</hi> zu seyn. Die Seele vollbringt diese Läuterung mit Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>seyn; doch ist sie noch nicht das Selbst, das in seine Tiefen hinabgestiegen, sich als<lb n="8"/>das Böse weiß, sondern es ist ein <hi rendition="#g">seyendes</hi>, eine Seele, welche ihre Aeusserlich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>keit mit Waschen reinigt, sie mit weissen Kleidern anthut, und ihre Innerlichkeit<lb n="10"/>den vorgestellten Weg der Arbeiten, Straffen und Belohnungen, den Weg der<lb n="11"/>die Besonderheit entäussernden Bildung überhaupt durchführt, durch welchen<lb n="12"/>sie in die Wohnungen und die Gemeinschaft der Seeligkeit gelangt.</p>
<p><lb n="13"/>Dieser Cultus ist nur erst <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">geheimes</hi>, d. h. ein nur vorgestelltes, unwirk<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>liches Vollbringen; er muß <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Handlung seyn, eine unwirkliche Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>lung widerspricht sich selbst. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">eigentliche</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> erhebt sich da<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>durch in sein <hi rendition="#g">reines</hi> Selbstbewußtseyn. Das Wesen hat in ihm die Bedeutung<lb n="17"/>eines freyen Gegenstands, durch den wirklichen Cultus kehrt dieser in das Selbst<lb n="18"/>zurück – und insofern er im reinen Bewußtseyn die Bedeutung des reinen jenseits<lb n="19"/>der Wirklichkeit wohnenden Wesens hat, steigt diß Wesen von seiner Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>heit durch diese Vermittlung zur Einzelnheit herunter und schließt sich so mit<lb n="21"/>der Wirklichkeit zusammen.</p>
<p><lb n="22"/>Wie beyde Seiten in die Handlung eintreten, bestimmt sich so, daß für die<lb n="23"/>selbstbewußte Seite, insofern sie <hi rendition="#g">wirkliches</hi> Bewußtseyn ist, das Wesen sich<lb n="24"/>als die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> darstellt; einestheils gehört sie ihm als Besitz und<lb n="25"/>Eigenthum und gilt als das nicht<hi rendition="#g">ansich</hi>seyende Daseyn; – anderntheils ist sie<lb n="26"/><hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">eigne</hi> unmittelbare Wirklichkeit und Einzelnheit, die von ihm ebenso<lb n="27"/>als Nichtwesen betrachtet und aufgehoben wird. Zugleich aber hat für sein <hi rendition="#g">reines</hi><lb n="28"/>Bewußtseyn jene äussere Natur die <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi> Bedeutung, nemlich<lb n="29"/>das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> Wesen zu seyn, gegen welches das Selbst seine Unwesent<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lichkeit aufopfert, wie es umgekehrt die unwesentliche Seite der Natur sich selbst<lb n="31"/>aufopfert. Die Handlung ist dadurch geistige Bewegung, weil sie diß doppelseitige<lb n="32"/>ist, die Abstraction des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, wie die Andacht den Gegenstand bestimmt,<lb n="33"/>aufzuheben und es zum Wirklichen zu machen, und das <hi rendition="#g">Wirkliche</hi>, wie das<lb n="34"/>Handelnde den Gegenstand und sich bestimmt, auf- und in die Allgemeinheit<lb n="35"/>zu erheben.</p>
<p><lb n="36"/>Die Handlung des Cultus selbst beginnt daher mit der reinen <hi rendition="#g">Hingabe</hi> eines<lb n="37"/>Besitzes, den der Eigenthümer scheinbar für ihn ganz nutzlos vergießt oder in</p>
<pb n="384" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=391" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Rauch aufsteigen läßt. Er thut hierin vor dem Wesen seines reinen Bewußtseyns<lb n="2"/>auf Besitz und Recht des Eigenthumes und des Genusses desselben, auf die Per<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sönlichkeit und die Rückkehr des Thuns in das Selbst Verzicht, und reflectirt<lb n="4"/>die Handlung vielmehr in das Allgemeine oder in das Wesen, als in sich. – Um<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>gekehrt aber geht darin ebenso das <hi rendition="#g">seyende</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> zu Grunde. Das Thier,<lb n="6"/>das aufgeopfert wird, ist das <hi rendition="#g">Zeichen</hi> eines Gottes; die Früchte, die verzehrt<lb n="7"/>werden, sind die <hi rendition="#g">lebendige</hi> Ceres und Bacchus <hi rendition="#g">selbst</hi>; – in jenem sterben die<lb n="8"/>Mächte des obern Rechts, welches Blut und wirkliches Leben hat; in diesen aber die<lb n="9"/>Mächte des untern Rechts, das blutlos die geheime listige Macht besitzt. – Die<lb n="10"/>Aufopferung der göttlichen Substanz gehört, insofern sie <hi rendition="#g">Thun</hi> ist, der selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>bewußten Seite an; daß dieses wirkliche Thun möglich sey, muß das Wesen sich<lb n="12"/>selbst schon <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> aufgeopfert haben. Diß hat es darin gethan, daß es sich<lb n="13"/><hi rendition="#g">Daseyn</hi> gegeben und zum <hi rendition="#g">einzelnen</hi> <hi rendition="#g">Thiere</hi> und zur <hi rendition="#g">Frucht</hi> gemacht hat.<lb n="14"/>Diese Verzichtleistung, die also das Wesen schon <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> vollbracht, stellt das<lb n="15"/>handelnde Selbst im Daseyn, und für sein Bewußtseyn dar, und ersetzt jene <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbare</hi> Wirklichkeit des Wesens durch die höhere, nemlich <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi><lb n="17"/><hi rendition="#g">selbst</hi>. Denn die entstandne Einheit, die das Resultat der aufgehobnen Einzeln<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit und Trennung beyder Seiten ist, ist nicht das nur negative Schiksal, sondern<lb n="19"/>hat positive Bedeutung. Nur dem abstracten unterirdischen Wesen wird das ihm<lb n="20"/>aufgeopferte ganz hingegeben, und damit die Reflexion des Besitzes und des<lb n="21"/>Fürsichseyns in das Allgemeine, von dem Selbst als solchem unterschieden bezeich<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>net. Zugleich aber ist diß nur ein geringer <hi rendition="#g">Theil</hi>, und das andre Opfern ist nur<lb n="23"/>die Zerstörung des Unbrauchbaren und vielmehr die Zubereitung des Geopferten<lb n="24"/>zum Mahle, dessen Schmauß die Handlung um ihre negative Bedeutung betriegt.<lb n="25"/>Der Opfernde behält bey jenem ersten Opfer das Meiste, und von diesem das<lb n="26"/>Nutzbare <hi rendition="#g">seinem</hi> <hi rendition="#g">Genusse</hi> auf. Dieser Genuß ist die negative Macht, welche<lb n="27"/>das <hi rendition="#g">Wesen</hi> sowie die <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> aufhebt, und zugleich ist er die positive<lb n="28"/>Wirklichkeit, worin das <hi rendition="#g">gegenständliche</hi> Daseyn des Wesens in <hi rendition="#g">selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">bewußtes</hi> verwandelt, und das Selbst das Bewußtseyn seiner Einheit mit dem<lb n="30"/>Wesen hat.</p>
<p><lb n="31"/>Dieser Cultus ist übrigens zwar eine wirkliche Handlung, ihre Bedeutung liegt<lb n="32"/>jedoch mehr nur in der Andacht; was dieser angehört, ist nicht gegenständlich<lb n="33"/>hervorgebracht, so wie das Resultat, im <hi rendition="#g">Genusse</hi> sich selbst seines Daseyns be<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>raubt. Der Kultus geht daher weiter, und ersetzt diesen Mangel zunächst dadurch,<lb n="35"/>daß er seiner Andacht ein <hi rendition="#g">gegenständliches</hi> <hi rendition="#g">Bestehen</hi> gibt, indem er die<lb n="36"/>gemeinsame oder einzelne jedem thunliche Arbeit ist, welche die Wohnung und<lb n="37"/>den Putz des Gottes, ihm zu Ehren hervorbringt. – Es wird dadurch theils die<lb n="38"/>Gegenständlichkeit der Bildsäule aufgehoben, denn durch diese Weyhung seiner<lb n="39"/>Geschenke und Arbeiten macht der Arbeitende den Gott sich geneigt, und schaut</p>
<pb n="385" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=392" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>sein Selbst ihm angehörig an; theils auch ist diß Thun nicht das einzelne Arbeiten<lb n="2"/>des Künstlers, sondern diese Besonderheit ist in der Allgemeinheit aufgelöst. Es<lb n="3"/>ist aber nicht nur die Ehre des Gottes, die zu Stande kommt, und der Segen seiner<lb n="4"/>Geneigtheit fließt nicht nur in der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> auf den Arbeiter, sondern die<lb n="5"/>Arbeit hat auch die umgekehrte Bedeutung gegen die erste der Entäusserung und<lb n="6"/>der fremden Ehre. Die Wohnungen und Hallen des Gottes sind für den Gebrauch<lb n="7"/>des Menschen, die Schätze, die in jenen aufbewahrt sind, im Nothfalle die Seinigen;<lb n="8"/>die Ehre, die jener in seinem Schmucke genießt, ist die Ehre des kunstreichen und<lb n="9"/>großmüthigen Volkes. Am Feste schmückt dieses ebenso seine eignen Wohnungen<lb n="10"/>und Bekleidungen, so wie seine Verrichtungen mit zierlichem Geräthe. Es emp<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>fängt auf diese Weise für seine Gaben die Erwiederung von dem dankbaren Gotte<lb n="12"/>und die Beweise seiner Geneigtheit, in der es sich mit ihm durch die Arbeit ver<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>band, nicht in der Hoffnung und einer späten Wirklichkeit, sondern hat in der<lb n="14"/>Ehrenbezeugung und Darbringung der Gaben unmittelbar den Genuß seines eignen<lb n="15"/>Reichthumes und Putzes.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
</div>
<div>
<head><lb n="16"/>b.</head>
<head><lb n="17"/>Das lebendige Kunstwerk.</head>
<p><lb n="18"/>Das Volk, das in dem Cultus der Kunstreligion sich seinem Gotte naht, ist das<lb n="19"/>sittliche Volk, das seinen Staat und die Handlungen desselben als den Willen und<lb n="20"/>das Vollbringen seiner selbst weiß. Dieser Geist, dem selbstbewußten Volke gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>übertretend, ist daher nicht das Lichtwesen, das selbstlos nicht die Gewißheit<lb n="22"/>der Einzelnen in sich enthält, sondern vielmehr nur ihr allgemeines Wesen und die<lb n="23"/>herrische Macht ist, worin sie verschwinden. Der Cultus der Religion dieses ein<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>fachen gestaltlosen Wesens gibt seinen Angehörigen daher nur diß im Allgemeinen<lb n="25"/>zurück, daß sie das Volk ihres Gottes sind; er erwirbt ihnen nur ihr Bestehen und<lb n="26"/>einfache Substanz überhaupt, nicht aber ihr wirkliches Selbst, das vielmehr ver<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>worfen ist. Denn sie verehren ihren Gott als die leere Tiefe, nicht als Geist. Der<lb n="28"/>Cultus aber der Kunstreligion entbehrt andererseits jener abstracten <hi rendition="#g">Einfach<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="29" break="no"/><hi rendition="#g">heit</hi> des Wesens, und daher der <hi rendition="#g">Tiefe</hi> desselben. Das <hi rendition="#g">Wesen</hi> aber, das mit<lb n="30"/><hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> <hi rendition="#g">unmittelbar</hi> <hi rendition="#g">geeinigt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> der Geist und die <hi rendition="#g">wis<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">sende</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, ob zwar noch nicht die gewußte, oder die sich selbst in ihrer<lb n="32"/>Tiefe wissende. Weil das Wesen also hier das Selbst an ihm hat, so ist seine Er<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>scheinung dem Bewußtseyn freundlich, und im Cultus erhält dieses nicht nur die<lb n="34"/>allgemeine Berechtigung seines Bestehens, sondern auch sein in ihm selbstbewußtes</p>
<pb n="386" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=393" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Daseyn; so wie umgekehrt das Wesen nicht in einem verworfnen Volke, dessen<lb n="2"/>Substanz nur anerkannt wird, selbstlose Wirklichkeit hat, sondern in dem Volke,<lb n="3"/>dessen <hi rendition="#g">Selbst</hi> in seiner Substanz anerkannt ist.</p>
<p><lb n="4"/>Aus dem Cultus tritt also das in seinem Wesen befriedigte Selbstbewußtseyn<lb n="5"/>und der Gott eingekehrt in es als in seine Stätte. Diese <hi rendition="#g">Stätte</hi> ist für sich die Nacht<lb n="6"/>der Substanz oder ihre reine Individualität, aber nicht mehr die gespannte des<lb n="7"/>Künstlers, die noch nicht mit ihrem <hi rendition="#g">gegenständlich</hi> werdenden Wesen sich<lb n="8"/>ausgesöhnt hat, sondern die befriedigte Nacht, welche ihr Pathos unbedürftig an<lb n="9"/>ihr hat, weil sie aus der Anschauung, der aufgehobnen Gegenständlichkeit zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>kehrt. – Dieses <hi rendition="#g">Pathos</hi> ist für sich das Wesen des <hi rendition="#g">Aufgangs</hi>, das aber nunmehr<lb n="11"/>in sich <hi rendition="#g">untergegangen</hi> ist, und seinen Untergang, das Selbstbewußtseyn und<lb n="12"/>damit Daseyn und Wirklichkeit an ihm selbst hat. – Es hat hier die Bewegung<lb n="13"/>seiner Verwirklichung durchlaufen. Sich aus seiner reinen Wesenheit herab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>setzend zu einer gegenständlichen Naturkraft und deren Aeusserungen, ist es ein<lb n="15"/>Daseyn für das Andere, für das Selbst, von dem es verzehrt wird. Das stille Wesen<lb n="16"/>der selbstlosen Natur gewinnt in seiner Frucht die Stuffe, worin sie, sich selbst<lb n="17"/>zubereitend und verdaut, sich dem selbstischen Leben darbietet; sie erreicht in<lb n="18"/>der Nützlichkeit, gegessen und getrunken werden zu können, ihre höchste Voll<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>kommenheit; denn sie ist darin die Möglichkeit einer höhern Existenz, und berührt<lb n="20"/>das geistige Daseyn; – theils zur stillkräftigen Substanz theils aber zur geistigen<lb n="21"/>Gährung, ist der Erdgeist in seiner Metamorphose dort zum weiblichen Principe<lb n="22"/>der Ernährung, hier zum männlichen Principe der sich treibenden Krafft des selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bewußten Daseyns gediehen.</p>
<p><lb n="24"/>In diesem Genusse ist also jenes aufgehende Lichtwesen verrathen, was es ist;<lb n="25"/>er ist das Mysterium desselben. Denn das Mystische ist nicht Verborgenheit eines<lb n="26"/>Geheimnisses oder Unwissenheit, sondern besteht darin, daß das Selbst sich mit<lb n="27"/>dem Wesen Eins weiß, und dieses also geoffenbart ist. Nur das Selbst ist sich offen<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>bar, oder was offenbar ist, ist es nur in der unmittelbaren Gewißheit seiner. In<lb n="29"/>dieser aber ist durch den Cultus das einfache Wesen gesetzt worden; es hat als<lb n="30"/>brauchbares Ding nicht nur das Daseyn, das gesehen, gefühlt, gerochen, geschmeckt<lb n="31"/>wird, sondern ist auch Gegenstand der Begierde, und wird durch den wirklichen<lb n="32"/>Genuß eins mit dem Selbst und dadurch vollkommen an dieses verrathen und<lb n="33"/>ihm offenbar. – Dasjenige, von dem gesagt wird, es sey der Vernunft, dem Her<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>zen offenbar, ist in der That noch geheim, denn es fehlt noch die wirkliche Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>heit des unmittelbaren Daseyns sowohl die gegenständliche als die geniessende,<lb n="36"/>welche in der Religion aber nicht nur die gedankenlose unmittelbare, sondern<lb n="37"/>zugleich die rein wissende des Selbsts ist.</p>
<pb n="387" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=394" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Was hiemit durch den Cultus dem selbstbewußten Geiste in ihm selbst offenbar<lb n="2"/>geworden, ist das <hi rendition="#g">einfache</hi> Wesen, als die Bewegung, theils aus seiner nächt<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>lichen Verborgenheit herauf in das Bewußtseyn zu treten, dessen stillernährende<lb n="4"/>Substanz zu seyn, theils aber sich ebenso wieder in die unterirdische Nacht, in das<lb n="5"/>Selbst, zu verlieren und oben nur mit stiller Muttersehnsucht zu verweilen. –<lb n="6"/>Der lautre Trieb aber ist das vielnahmige Lichtwesen des Aufgangs, und sein<lb n="7"/>taumelndes Leben das von seinem abstracten Seyn ebenso abgelassen, sich zuerst<lb n="8"/>in das gegenständliche Daseyn der Frucht befaßt, dann dem Selbstbewußtseyn<lb n="9"/>sich hingebend, in ihm zur eigentlichen Wirklichkeit gelangt, – nun als ein Hauffen<lb n="10"/>schwärmender Weiber umherschweift, der ungebändigte Taumel der Natur in<lb n="11"/>selbstbewußter Gestalt.</p>
<p><lb n="12"/>Noch ist aber dem Bewußtseyn nur der absolute Geist, der dieses einfache<lb n="13"/>Wesen, und nicht der als der Geist an ihm selbst ist, verrathen, oder nur der <hi rendition="#g">un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="14" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbare</hi> Geist, der Geist der Natur. Sein selbstbewußtes Leben ist daher nur<lb n="15"/>das Mysterium des Brodes und des Weines, der Ceres und des Bacchus, nicht der<lb n="16"/>andern, der eigentlich obern Götter, deren Individualität als wesentliches Moment<lb n="17"/>das Selbstbewußtseyn als solches in sich schließt. Noch hat sich ihm also der Geist<lb n="18"/>als <hi rendition="#g">selbstbewußter</hi> Geist nicht geopfert, und das Mysterium des Brods und<lb n="19"/>Weins ist noch nicht Mysterium des Fleisches und Blutes.</p>
<p><lb n="20"/>Dieser unbefestigte Taumel des Gottes muß sich zum <hi rendition="#g">Gegenstande</hi> beruhigen,<lb n="21"/>und die Begeisterung, die nicht zum Bewußtseyn kam, ein Werk hervorbringen,<lb n="22"/>das ihr, wie der Begeisterung des vorhergehenden Künstlers die Bildsäule, zwar<lb n="23"/>als ein ebenso vollendetes Werk gegenübertritt, aber nicht als ein an ihm lebloses,<lb n="24"/>sondern als ein <hi rendition="#g">lebendiges</hi> Selbst. – Ein solcher Cultus ist das Fest, das der Mensch<lb n="25"/>zu seiner eignen Ehre sich gibt, jedoch in einen solchen noch nicht die Bedeutung<lb n="26"/>des absoluten Wesens legt; denn das <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist ihm erst offenbar, noch nicht der<lb n="27"/>Geist; nicht als solches, das <hi rendition="#g">wesentlich</hi> menschliche Gestalt annimmt. Aber<lb n="28"/>dieser Cultus legt den Grund zu dieser Offenbarung, und legt ihre Momente ein<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>zeln auseinander. So hier das <hi rendition="#g">abstracte</hi> Moment der lebendigen <hi rendition="#g">Körperlich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">keit</hi> des Wesens, wie vorhin die Einheit beyder in bewußtloser Schwärmerey.<lb n="31"/>Der Mensch stellt also an die Stelle der Bildsäule sich selbst, als zur vollkommen<lb n="32"/>freyen <hi rendition="#g">Bewegung</hi> erzogene und ausgearbeitete Gestalt, wie jene die vollkommen<lb n="33"/>freye <hi rendition="#g">Ruhe</hi> ist. Wenn jeder einzelne wenigstens als Fackelträger sich darzustellen<lb n="34"/>weiß, so hebt sich Einer aus ihnen hervor, der die gestaltete Bewegung, die glatte<lb n="35"/>Ausarbeitung und flüssige Krafft aller Glieder ist; – ein beseeltes lebendiges Kunst<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>werk, das mit seiner Schönheit die Stärke paart und dem der Schmuck, womit<lb n="37"/>die Bildsäule geehrt wurde, als Preis seiner Krafft, und die Ehre unter seinem</p>
<pb n="388" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=395" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Volke, statt des steinernen Gottes, die höchste leibliche Darstellung ihres Wesens<lb n="2"/>zu seyn, zu Theil wird.</p>
<p><lb n="3"/>In den beyden Darstellungen, die so eben vorkamen, ist die Einheit des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>bewußtseyns und des geistigen Wesens vorhanden, es fehlt ihnen aber noch ihr<lb n="5"/>Gleichgewicht. In der bacchischen Begeisterung ist das Selbst ausser sich, in der<lb n="6"/>schönen Körperlichkeit aber das geistige Wesen. Jene Dumpfheit des Bewußtseyns<lb n="7"/>und ihr wildes Stammeln muß in das klare Daseyn der letztern, und die geistlose<lb n="8"/>Klarheit des letztern in die Innerlichkeit der Erstern aufgenommen werden. Das<lb n="9"/>vollkommne Element, worin die Innerlichkeit ebenso äusserlich, als die Aeusser<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>lichkeit innerlich ist, ist wieder die Sprache, aber weder die in ihrem Inhalte ganz<lb n="11"/>zufällige und einzelne des Orakels, noch die empfindende und nur den einzelnen<lb n="12"/>Gott preisende Hymne, noch das inhaltslose Stammeln der bacchischen Raserey.<lb n="13"/>Sondern sie hat ihren klaren und allgemeinen Inhalt gewonnen; ihren <hi rendition="#g">klaren</hi><lb n="14"/>Inhalt, denn der Künstler hat sich aus der ersten ganz substantiellen Begeisterung<lb n="15"/>heraus zur Gestalt gearbeitet, die eignes in allen seinen Regungen von der selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>bewußten Seele durchdrungenes und mitlebendes Daseyn ist; – ihren <hi rendition="#g">allgemeinen</hi><lb n="17"/>Inhalt, denn in diesem Feste, das die Ehre des Menschen ist, verschwindet die Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seitigkeit der Bildsäulen, die nur einen Nationalgeist, einen bestimmten Charakter<lb n="19"/>der Göttlichkeit enthalten. Der schöne Fechter ist zwar die Ehre seines besondern<lb n="20"/>Volkes, aber er ist eine körperliche Einzelnheit, worin die Ausführlichkeit und<lb n="21"/>Ernst der Bedeutung, und der innere Charakter des Geistes, der das besondere<lb n="22"/>Leben, Anliegen, Bedürfnisse und Sitten seines Volkes trägt, untergegangen ist.<lb n="23"/>In dieser Entäusserung zur völligen Körperlichkeit hat der Geist die besondern<lb n="24"/>Eindrücke und Anklänge der Natur abgelegt, die er als der wirkliche Geist des<lb n="25"/>Volks in sich schloß. Sein Volk ist sich daher nicht mehr seiner Besonderheit<lb n="26"/>in ihm, sondern vielmehr der Ablegung derselben und der Allgemeinheit seines<lb n="27"/>menschlichen Daseyns bewußt.</p>
</div>
<div>
<head><lb n="28"/>c.</head>
<head><lb n="29"/>Das geistige Kunstwerk.</head>
<p><lb n="30"/>Die Volksgeister, die der Gestalt ihres Wesens in einem besondern Thiere<lb n="31"/>bewußt werden, gehen in Einen zusammen; so vereinigen sich die besondern<lb n="32"/>schönen Volksgeister in Ein Pantheon, dessen Element und Behausung die Sprache</p>
<pb n="389" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=396" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>ist. Die reine Anschauung seiner selbst als <hi rendition="#g">allgemeiner</hi> <hi rendition="#g">Menschlichkeit</hi> hat<lb n="2"/>an der Wirklichkeit des Volksgeistes die Form, daß er sich mit den andern, mit<lb n="3"/>denen er durch die Natur Eine Nation ausmacht, zu einer gemeinschaftlichen<lb n="4"/>Unternehmung verbindet, und für dieses Werk ein Gesammtvolk, und damit<lb n="5"/>einen Gesammthimmel bildet. Diese Allgemeinheit, zu der der Geist in seinem<lb n="6"/>Daseyn gelangt, ist jedoch nur diese erste, die von der Individualität des Sitt<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichen erst ausgeht, ihre Unmittelbarkeit noch nicht überwunden, nicht Einen<lb n="8"/>Staat aus diesen Völkerschaften gebildet hat. Die Sittlichkeit des wirklichen Volks<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>geistes beruht theils auf dem unmittelbaren Vertrauen der Einzelnen zu dem<lb n="10"/>Ganzen ihres Volkes, theils auf dem unmittelbaren Antheil, den Alle, des Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>schiedes von Ständen unerachtet, an den Entschlüssen und Handlungen der Re<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>gierung nehmen. In der Vereinigung, zunächst nicht in eine bleibende Ordnung<lb n="13"/>sondern nur zu einer gemeinsamen Handlung, ist jene Freyheit des Antheils Aller<lb n="14"/>und Jeder <hi rendition="#g">einstweilen</hi> auf die Seite gestellt. Diese erste Gemeinschaftlichkeit<lb n="15"/>ist daher mehr eine Versammlung der Individualitäten als die Herrschaft des ab<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stracten Gedankens, der die Einzelnen ihres selbstbewußten Antheils an Willen<lb n="17"/>und That des Ganzen berauben würde.</p>
<p><lb n="18"/>Die Versammlung der Volksgeister macht einen Kreis von Gestalten aus, der<lb n="19"/>itzt die ganze Natur wie die ganze sittliche Welt befaßt. Auch sie stehen unter<lb n="20"/>dem <hi rendition="#g">Oberbefehl</hi> mehr des Einen, als seiner <hi rendition="#g">Oberherrschafft</hi>. Für sich sind<lb n="21"/>sie die allgemeinen Substanzen dessen, was das <hi rendition="#g">selbstbewußte</hi> Wesen <hi rendition="#g">ansich</hi> ist<lb n="22"/>und thut. Dieses aber macht die Krafft und zunächst den Mittelpunkt wenigstens<lb n="23"/>aus, um den jene allgemeinen Wesen sich bemühen, der nur erst zufälligerweise<lb n="24"/>ihre Geschäfte zu verbinden scheint. Aber die Rückkehr des göttlichen Wesens in<lb n="25"/>das Selbstbewußtseyn ist es, die schon den Grund enthält, daß dieses den Mittel<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>punkt für jene göttlichen Kräffte bildet, und die wesentliche Einheit zunächst unter<lb n="27"/>der Form einer freundlichen äusserlichen Beziehung beyder Welten verbirgt.</p>
<p><lb n="28"/>Dieselbe Allgemeinheit, welche diesem Inhalte zukommt, hat nothwendig<lb n="29"/>auch die Form des Bewußtseyns, in welcher er auftritt. Es ist nicht mehr das<lb n="30"/>wirkliche Thun des Cultus, sondern ein Thun, das zwar noch nicht in den Begriff,<lb n="31"/>sondern erst in die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi>, in die synthetische Verknüpfung des selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>bewußten und des äussern Daseyns erhoben ist. Das Daseyn dieser Vorstellung,<lb n="33"/>die <hi rendition="#g">Sprache</hi>, ist die erste Sprache, das <hi rendition="#g">Epos</hi> als solches, das den allgemeinen<lb n="34"/>Inhalt, wenigstens als <hi rendition="#g">Vollständigkeit</hi> der Welt, ob zwar nicht als <hi rendition="#g">Allge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">meinheit</hi> des <hi rendition="#g">Gedankens</hi> enthält. Der <hi rendition="#g">Sänger</hi> ist der Einzelne und Wirkliche,<lb n="36"/>aus dem als Subject dieser Welt sie erzeugt und getragen wird. Sein Pathos ist nicht<lb n="37"/>die betäubende Naturmacht sondern die Mnemosyne, die Besinnung und ge-</p>
<pb n="390" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=397" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>wordne Innerlichkeit, die Erinnerung des vorhin unmittelbaren Wesens. Er ist<lb n="2"/>das in seinem Inhalte verschwindende Organ, nicht sein eignes Selbst gilt, sondern<lb n="3"/>seine Muse, sein allgemeiner Gesang. Was aber in der That vorhanden ist, ist der<lb n="4"/>Schluß, worin das Extrem der Allgemeinheit, die Götterwelt, durch die Mitte der<lb n="5"/>Besonderheit mit der Einzelnheit, dem Sänger, verknüpft ist. Die Mitte ist das<lb n="6"/>Volk in seinen Helden, welche einzelne Menschen sind, wie der Sänger, aber nur<lb n="7"/><hi rendition="#g">vorgestellte</hi> und dadurch zugleich <hi rendition="#g">allgemeine</hi>, wie das freye Extrem der<lb n="8"/>Allgemeinheit, die Götter.</p>
<p><lb n="9"/>In diesem Epos <hi rendition="#g">stellt</hi> sich also überhaupt dem Bewußtseyn dar, was im Cul<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>tus <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zu Stande kommt, die Beziehung des Göttlichen auf das Menschliche.<lb n="11"/>Der Inhalt ist eine <hi rendition="#g">Handlung</hi> des seiner selbstbewußten Wesens. Das <hi rendition="#g">Handeln</hi><lb n="12"/>stört die Ruhe der Substanz und erregt das Wesen, wodurch seine Einfachheit<lb n="13"/>getheilt und in die mannichfaltige Welt der natürlichen und sittlichen Kräffte<lb n="14"/>aufgeschlossen ist. Die Handlung ist die Verletzung der ruhigen Erde, die Grube,<lb n="15"/>die durch das Blut beseelt, die abgeschiednen Geister hervorrufft, welche nach<lb n="16"/>Leben durstend, es in dem Thun des Selbstbewußtseyns erhalten. Das Geschäffte,<lb n="17"/>um welches die allgemeine Bemühung geht, bekommt die zwey Seiten, die<lb n="18"/><hi rendition="#g">selbstische</hi>, von einer Gesammtheit wirklicher Völker und den an ihrer Spitze<lb n="19"/>stehenden Individualitäten, und die <hi rendition="#g">allgemeine</hi>, von ihren substantiellen Mäch<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>ten vollbracht zu werden. Die <hi rendition="#g">Beziehung</hi> beyder aber bestimmte sich vorhin<lb n="21"/>so, daß sie die <hi rendition="#g">synthetische</hi> Verbindung des Allgemeinen und Einzelnen, oder<lb n="22"/>das <hi rendition="#g">Vorstellen</hi> ist. Von dieser Bestimmtheit hängt die Beurtheilung dieser Welt<lb n="23"/>ab. – Das Verhältniß beyder ist dadurch eine Vermischung, welche die Einheit<lb n="24"/>des Thuns inconsequent vertheilt, und die Handlung überflüssigerweise von der<lb n="25"/>einen Seite zur andern herüberwirft. Die allgemeinen Mächte haben die Gestalt<lb n="26"/>der Individualität und damit das Princip des Handelns an ihnen; ihr Wirken er<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>scheint daher als ein ebenso freyes von ihnen ganz ausgehendes Thun, als das der<lb n="28"/>Menschen. Ein und dasselbe haben daher ebensowohl die Götter als die Menschen<lb n="29"/>gethan. Der Ernst jener Mächte ist ein lächerlicher Ueberfluß, da diese in der That<lb n="30"/>die Krafft der handelnden Individualität sind; – und die Anstrengung und Arbeit<lb n="31"/>dieser ist eine ebenso unnütze Bemühung, da jene vielmehr alles lenken. – Die<lb n="32"/>übertägigen Sterblichen, die das Nichts sind, sind zugleich das mächtige <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="33"/>das die allgemeinen Wesen sich unterwirft, die Götter verletzt und ihnen überhaupt<lb n="34"/>die Wirklichkeit und ein Interesse des Thuns verschafft; wie umgekehrt diese<lb n="35"/>unmächtigen Allgemeinheiten, die sich von den Gaben der Menschen nähren und<lb n="36"/>durch sie erst etwas zu thun bekommen, das natürliche Wesen und der Stoff aller<lb n="37"/>Begebenheiten, und ebenso die sittliche Materie und das Pathos des Thuns sind.</p>
<pb n="391" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=398" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Wenn ihre elementarischen Naturen durch das freye Selbst der Individualität erst<lb n="2"/>in Wirklichkeit und bethätigtes Verhältniß gebracht werden, so sind sie ebenso<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>sehr das Allgemeine, das sich dieser Verbindung entzieht, in seiner Bestimmung<lb n="4"/>unbeschränkt bleibt und durch die unüberwindliche Elasticität seiner Einheit die<lb n="5"/>Punctualität des Thätigen und seine Figurationen auslöscht, sich selbst rein erhält,<lb n="6"/>und alles individuelle in seiner Flüssigkeit auflöst.</p>
<p><lb n="7"/>Wie sie mit der entgegenstehenden selbstischen Natur in diese wiedersprechende<lb n="8"/>Beziehung fallen, ebenso geräth ihre Allgemeinheit mit ihrer eignen Bestimmung<lb n="9"/>und deren Verhältniß zu andern in Widerstreit. Sie sind die ewigen schönen Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>viduen, die in ihrem eignen Daseyn ruhend, der Vergänglichkeit und fremder<lb n="11"/>Gewalt enthoben sind. – Aber sie sind zugleich <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Elemente, <hi rendition="#g">besondre</hi><lb n="12"/>Götter, die sich also zu andern verhalten. Aber das Verhältniß zu andern, das<lb n="13"/>nach seiner Entgegensetzung ein Streit mit ihnen ist, ist eine komische Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>vergessenheit ihrer ewigen Natur. – Die Bestimmtheit ist in das göttliche Bestehen<lb n="15"/>eingewurzelt und hat in seiner Begräntzung, die Selbstständigkeit der ganzen<lb n="16"/>Individualität; durch diese verlieren ihre Charaktere zugleich die Schärfe der<lb n="17"/>Eigenthümlichkeit und vermischen sich in ihrer Vieldeutigkeit. – Ein Zweck der<lb n="18"/>Thätigkeit und ihre Thätigkeit selbst, da sie gegen ein Anderes, und somit gegen<lb n="19"/>eine unbesiegbare göttliche Kraft gerichtet ist, ist ein zufälliges leeres Aufspreitzen,<lb n="20"/>das ebenso zerfließt und den anscheinenden Ernst der Handlung in ein gefahrloses,<lb n="21"/>seiner selbst sichres Spiel ohne Resultat und Erfolg verwandelt. Wenn aber an der<lb n="22"/>Natur ihrer Göttlichkeit das Negative oder die Bestimmtheit derselben nur als<lb n="23"/>die Inconsequenz ihrer Thätigkeit und der Widerspruch des Zwecks und des<lb n="24"/>Erfolgs erscheint, und jene selbstständige Sicherheit über das Bestimmte das Ueber<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gewicht behält, so tritt ihr ebendadurch die <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Krafft</hi> des <hi rendition="#g">Negativen</hi><lb n="26"/>gegenüber und zwar als ihre letzte Macht, über welche sie nichts vermögen. Sie<lb n="27"/>sind das Allgemeine und Positive gegen das <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> der Sterblichen,<lb n="28"/>das nicht gegen ihre Macht aushält; aber das <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> schwebt darum<lb n="29"/>über ihnen und über dieser ganzen Welt der Vorstellung, welcher der ganze Inhalt<lb n="30"/>angehört; als die <hi rendition="#g">begrifflose</hi> <hi rendition="#g">Leere</hi> der <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>, – ein Geschehen,<lb n="31"/>gegen das sie sich selbstlos und traurend verhalten, denn diese <hi rendition="#g">bestimmten</hi><lb n="32"/>Naturen finden sich nicht in dieser Reinheit.</p>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<p><lb n="33"/>Diese Nothwendigkeit aber ist die <hi rendition="#g">Einheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Begriffes</hi>, der die wider<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>sprechende Substantialität der einzelnen Momente unterworfen ist, worin die<lb n="35"/>Inconsequenz und Zufälligkeit ihres Thuns sich ordnet und das Spiel ihrer Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>lungen seinen Ernst und Werth an ihnen selbst erhält. Der Inhalt der Welt der</p>
<pb n="392" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=399" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Vorstellung spielt losgebunden für sich in der <hi rendition="#g">Mitte</hi> seine Bewegung, versammelt<lb n="2"/>um die Individualität eines Helden, der aber in seiner Krafft und Schönheit sein<lb n="3"/>Leben gebrochen fühlt und einem frühen Tod entgegensehend trauert. Denn die<lb n="4"/><hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">feste</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> ist an die Extremität ausgeschlossen,<lb n="5"/>und in ihre Momente entzweyt, die sich noch nicht gefunden und vereint. Das<lb n="6"/>eine Einzelne, das <hi rendition="#g">abstracte</hi> unwirkliche ist die Nothwendigkeit, die an dem<lb n="7"/>Leben der Mitte nicht Antheil hat, so wenig als das andre, das <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Ein<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>zelne, der Sänger, der sich ausser ihm hält, und in seiner Vorstellung untergeht.<lb n="9"/>Beyde Extreme müssen sich dem Inhalte nähern; das eine, die Nothwendigkeit<lb n="10"/>hat sich mit dem Inhalte zu erfüllen, das andre, die Sprache des Sängers, muß<lb n="11"/>Antheil an ihm haben; und der sich selbst vorher überlassene Inhalt, die Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>heit und feste Bestimmung des Negativen an ihm erhalten.</p>
<p><lb n="13"/>Diese höhere Sprache, die <hi rendition="#g">Tragödie</hi>, faßt also die Zerstreuung der Momente<lb n="14"/>der wesentlichen und handelnden Welt näher zusammen; die <hi rendition="#g">Substanz</hi> des<lb n="15"/>Göttlichen tritt <hi rendition="#g">nach</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Begriffes</hi> in ihre Gestalten auseinander,<lb n="16"/>und ihre <hi rendition="#g">Bewegung</hi> ist gleichfalls ihm gemäß. In Ansehung der Form, hört<lb n="17"/>die Sprache, dadurch daß sie in den Inhalt hereintritt, auf, erzählend zu seyn, wie<lb n="18"/>der Inhalt ein vorgestellter. Der Held ist selbst der sprechende, und die Vorstellung<lb n="19"/>zeigt dem Zuhörer, der zugleich Zuschauer ist, <hi rendition="#g">selbstbewußte</hi> Menschen, die<lb n="20"/>ihr Recht und ihren Zweck, die Macht und den Willen ihrer Bestimmtheit <hi rendition="#g">wis<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">sen</hi> und zu <hi rendition="#g">sagen</hi> wissen. Sie sind Künstler, die nicht wie die das gemeine Thun<lb n="22"/>im wirklichen Leben begleitende Sprache, bewußtlos, natürlich und naiv das<lb n="23"/><hi rendition="#g">Aeussere</hi> ihres Entschlusses und Beginnens aussprechen, sondern das innre Wesen<lb n="24"/>äussern, das Recht ihres Handelns beweisen, und das Pathos, dem sie angehören,<lb n="25"/>frey von zufälligen Umständen und von der Besonderheit der Persönlichkeiten<lb n="26"/>in seiner allgemeinen Individualität, besonnen behaupten und bestimmt aus<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>sprechen. Das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> dieser Charaktere sind endlich <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Menschen,<lb n="28"/>welche die Personen der Helden anlegen, und diese in wirklichem nicht erzäh<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lendem, sondern eignem Sprechen darstellen. So wesentlich es der Bildsäule ist,<lb n="30"/>von Menschenhänden gemacht zu seyn, eben so wesentlich ist der Schauspieler<lb n="31"/>seiner Maske, – nicht als äusserliche Bedingung, von der die Kunstbetrachtung<lb n="32"/>abstrahiren müsse, – oder insofern davon in ihr allerdings zu abstrahiren ist, so<lb n="33"/>ist ebendiß damit gesagt, daß die Kunst das wahre eigentliche Selbst noch nicht<lb n="34"/>in ihr enthält.</p>
<p><lb n="35"/>Der <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Boden</hi>, worauf die Bewegung dieser aus dem Begriffe<lb n="36"/>erzeugten Gestalten vorgeht, ist das Bewußtseyn der ersten vorstellenden Sprache<lb n="37"/>und ihres selbstlosen auseinandergelassnen Inhalts. Es ist das gemeine Volk über-</p>
<pb n="393" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=400" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>haupt, dessen Weisheit in dem <hi rendition="#g">Chore</hi> des <hi rendition="#g">Alters</hi> zur Sprache kömmt; es hat<lb n="2"/>an dessen Krafftlosigkeit seinen Representanten, weil es selbst nur das positive<lb n="3"/>und passive Material der ihm gegenübertretenden Individualität der Regierung<lb n="4"/>ausmacht. Der Macht des Negativen entbehrend, vermag es den Reichthum und<lb n="5"/>die bunte Fülle des göttlichen Lebens nicht zusammen zu halten und zu bändigen,<lb n="6"/>sondern läßt es auseinanderlauffen, und preißt jedes einzelne Moment als einen<lb n="7"/>selbstständigen Gott, bald diesen, bald wieder einen andern, in seinen verehrenden<lb n="8"/>Hymnen. Wo es aber den Ernst des Begriffes, wie er über diese Gestalten sie zer<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>trümmernd einherschreitet, verspürt, und es zu sehen bekömmt, wie schlecht<lb n="10"/>es seinen gepriesenen Göttern geht, die sich auf diesen Boden, worauf der Begriff<lb n="11"/>herrscht, wagen, ist es nicht selbst die negative Macht, die handelnd eingreifft,<lb n="12"/>sondern hält sich im selbstlosen Gedanken derselben, im Bewußtseyn des <hi rendition="#g">frem<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">den</hi> <hi rendition="#g">Schicksals</hi>, und bringt den leeren Wunsch der Beruhigung und die schwache<lb n="14"/>Rede der Besänftigung herbey. In der <hi rendition="#g">Furcht</hi> vor den höhern Mächten, welche<lb n="15"/>die unmittelbaren Arme der Substanz sind, vor ihrem Kampfe miteinander, und<lb n="16"/>vor dem einfachen Selbst der Nothwendigkeit, das auch sie wie die Lebendigen,<lb n="17"/>die an sie geknüpft sind, zermalmt; – in dem <hi rendition="#g">Mitleiden</hi> mit diesen, die es zugleich<lb n="18"/>als dasselbe mit sich selbst weiß, ist für es nur der unthätige Schrecken dieser Bewe<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gung, das ebenso hilflose Bedauern, und als Ende die leere Ruhe der Ergebung in die<lb n="20"/>Nothwendigkeit, deren Werk nicht als die nothwendige Handlung des Charakters,<lb n="21"/>und nicht als das Thun des absoluten Wesens in sich selbst erfaßt wird.</p>
<p><lb n="22"/>Auf diesem zuschauenden Bewußtseyn als auf dem gleichgültigen Boden des<lb n="23"/>Vorstellens tritt der Geist in seiner nicht zerstreuten Mannichfaltigkeit, sondern<lb n="24"/>in der einfachen Entzweyung des Begriffes auf. Seine Substanz zeigt sich daher nur<lb n="25"/>in ihre zwey extremen Mächte auseinandergerissen. Diese elementarischen <hi rendition="#g">all<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">gemeinen</hi> Wesen sind zugleich selbstbewußte <hi rendition="#g">Individualitäten</hi>, – Helden,<lb n="27"/>welche in eine dieser Mächten ihr Bewußtseyn setzen, an ihr die Bestimmtheit<lb n="28"/>des Charakters haben, und ihre Bethätigung und Wirklichkeit ausmachen. – Diese<lb n="29"/>allgemeine Individualisirung steigt, wie erinnert, noch zur unmittelbaren Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>lichkeit des eigentlichen Daseyns herunter, und stellt sich einer Menge von Zu<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>schauern dar, die an dem Chore ihr Gegenbild oder vielmehr ihre eigne sich aus<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>sprechende Vorstellung hat.</p>
<p><lb n="33"/>Der Inhalt und die Bewegung des Geistes, der sich hier Gegenstand ist, ist<lb n="34"/>bereits als die Natur und Realisirung der sittlichen Substanz betrachtet worden.<lb n="35"/>In seiner Religion erlangt er das Bewußtseyn über sich, oder stellt sich seinem<lb n="36"/>Bewußtseyn in seiner reinern Form und einfachern Gestaltung dar. Wenn also</p>
<pb n="394" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=401" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>die sittliche Substanz sich durch ihren Begriff, ihrem <hi rendition="#g">Inhalte</hi> nach, in die beyden<lb n="2"/>Mächte entzweyte, die als <hi rendition="#g">göttliches</hi> und <hi rendition="#g">menschliches</hi>, oder unterirdisches<lb n="3"/>und oberes Recht bestimmt wurden, – jenes die <hi rendition="#g">Familie</hi>, diß die <hi rendition="#g">Staatsmacht</hi>, –<lb n="4"/>und deren das erstere der <hi rendition="#g">weibliche</hi>, das andre der <hi rendition="#g">männliche</hi> <hi rendition="#g">Charakter</hi><lb n="5"/>war, so schränkt sich der vorher vielformige und in seinen Bestimmungen schwan<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>kende Götterkreis auf diese Mächte ein, die durch diese Bestimmung der eigent<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichen Individualität genähert sind. Denn die frühere Zerstreuung des Ganzen in<lb n="8"/>die vielfachen und abstracten Kräfte, die substantiirt erscheinen, ist die <hi rendition="#g">Auflösung</hi><lb n="9"/>des <hi rendition="#g">Subjects</hi>, das sie nur als <hi rendition="#g">Momente</hi> in seinem Selbst begreifft, und die<lb n="10"/>Individualität ist daher nur die oberflächliche Form jener Wesen. Umgekehrt<lb n="11"/>ist ein weiterer Unterschied der <hi rendition="#g">Charaktere</hi>, als der genannte, zur zufälligen<lb n="12"/>und an sich äusserlichen Persönlichkeit zu rechnen.</p>
<p><lb n="13"/>Zugleich theilt sich das Wesen seiner <hi rendition="#g">Form</hi> oder dem <hi rendition="#g">Wissen</hi> nach. Der<lb n="14"/><hi rendition="#g">handelnde</hi> Geist tritt als Bewußtseyn dem Gegenstande gegenüber, auf den es<lb n="15"/>thätig, und der somit als das <hi rendition="#g">negative</hi> des Wissenden bestimmt ist; der han<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>delnde befindet sich dadurch im Gegensatze des Wissens und Nichtwissens. Er<lb n="17"/>nimmt aus seinem Charakter seinen Zweck und weiß ihn als die sittliche Wesen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>heit; aber durch die Bestimmtheit des Charakters weiß er nur die Eine Macht<lb n="19"/>der Substanz, und die andre ist für ihn verborgen. Die gegenwärtige Wirklichkeit<lb n="20"/>ist daher ein anderes <hi rendition="#g">ansich</hi>, und ein anderes für das Bewußtseyn; das obere und<lb n="21"/>das untere Recht erhalten in dieser Beziehung die Bedeutung der wissenden und<lb n="22"/>dem Bewußtseyn sich offenbarenden, und der sich verbergenden und im Hinter<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>halte lauernden Macht. Die Eine ist die <hi rendition="#g">Lichtseite</hi>, der Gott des Orakels, der<lb n="24"/>nach seinem natürlichen Momente aus der alles beleuchtenden Sonne entsprungen,<lb n="25"/>alles weiß und offenbart, – <hi rendition="#g">Phöbus</hi>, und <hi rendition="#g">Zevs</hi>, der dessen Vater ist. Aber die<lb n="26"/>Befehle dieses wahrredenden Gottes, und seine Bekanntmachungen dessen, was<lb n="27"/><hi rendition="#g">ist</hi>, sind vielmehr trügerisch. Denn diß Wissen ist in seinem Begriffe unmittelbar<lb n="28"/>das Nichtwissen, weil das <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> an sich selbst im Handeln dieser Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>satz ist. Der, welcher die räthselhafte Sphinx selbst aufzuschließen vermochte, wie<lb n="30"/>der kindlich Vertrauende, werden darum durch das, was der Gott ihnen offenbart,<lb n="31"/>ins Verderben geschickt. Diese Priesterin, aus der der schöne Gott spricht, ist nichts<lb n="32"/>anders als die doppelsinnigen Schicksalsschwestern, die durch ihre Verheissungen<lb n="33"/>zum Verbrechen treiben, und in der Zweyzüngigkeit dessen, was sie als Sicherheit<lb n="34"/>angaben, den, der sich auf den offenbaren Sinn verließ, betriegen. Daher das<lb n="35"/>Bewußtseyn, das reiner ist, als das letztere, das den Hexen glaubt, und besonnener<lb n="36"/>und gründlicher als das erstere, das der Priesterin und dem schönen Gotte traut,<lb n="37"/>auf die Offenbarung, die der Geist des Vaters selbst über das Verbrechen, das ihn</p>
<pb n="395" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=402" type="body"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>mordete, machte, mit der Rache zaudert, und andre Beweise noch veranstaltet, –<lb n="2"/>aus dem Grunde, weil dieser offenbarende Geist auch der Teufel seyn könnte.</p>
<p><lb n="3"/>Diß Mißtrauen ist darum gegründet, weil das wissende Bewußtseyn sich in den<lb n="4"/>Gegensatz der Gewißheit seiner selbst und des gegenständlichen Wesens setzt.<lb n="5"/>Das Recht des sittlichen, daß die Wirklichkeit nichts <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist im Gegensatze<lb n="6"/>gegen das absolute Gesetz, erfährt, daß sein Wissen einseitig, sein Gesetz nur Gesetz<lb n="7"/>seines Charakters ist, daß es nur die eine Macht der Substanz ergriff. Die Hand<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>lung selbst ist diese Verkehrung des <hi rendition="#g">gewußten</hi> in sein <hi rendition="#g">Gegentheil</hi>, das <hi rendition="#g">Seyn</hi>,<lb n="9"/>ist das Umschlagen des Rechts des Charakters und des Wissens in das Recht des<lb n="10"/>entgegengesetzten, mit dem jenes im Wesen der Substanz verknüpft ist, – in die<lb n="11"/>Erinnye der andern feindlich erregten Macht und Charakters. Diß <hi rendition="#g">untre</hi> Recht<lb n="12"/>sitzt mit <hi rendition="#g">Zevs</hi> auf dem Throne, und genießt mit dem offenbaren Rechte und<lb n="13"/>dem wissenden Gotte gleiches Ansehen.</p>
<p><lb n="14"/>Auf diese drey Wesen wird von der handelnden Individualität die Götter<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>welt des Chors eingeschränkt. Das Eine ist die <hi rendition="#g">Substanz</hi>, ebensowohl die Macht<lb n="16"/>des Heerdes und der Geist der Familienpietät, wie die allgemeine Macht des Staats<lb n="17"/>und der Regierung. Indem der Substanz als solcher dieser Unterschied angehört,<lb n="18"/>individualisirt er sich der Vorstellung nicht zu zwey unterschiednen Gestalten,<lb n="19"/>sondern hat in der Wirklichkeit die zwey Personen seiner Charaktere. Hingegen<lb n="20"/>der Unterschied des Wissens und Nichtwissens fällt in ein <hi rendition="#g">jedes</hi> der <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">lichen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> – und nur in der Abstraction, im Elemente der<lb n="22"/>Allgemeinheit vertheilt er sich an zwey individuelle Gestalten. Denn das Selbst<lb n="23"/>der Heros, hat nur Daseyn als ganzes Bewußtseyn und ist daher wesentlich der<lb n="24"/><hi rendition="#g">ganze</hi> Unterschied, der der Form angehört; aber seine Substanz ist bestimmt,<lb n="25"/>und es gehört ihm nur die eine Seite des Unterschieds des Inhalts an. Daher erhalten<lb n="26"/>die beyden Seiten des Bewußtseyns, die in der Wirklichkeit keine getrennte, einer<lb n="27"/>jeden eigne Individualität haben, in <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> jede ihre besondere<lb n="28"/>Gestalt; die eine die des offenbarenden Gottes, die andre der sich verborgen hal<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>tenden Erinnye. Beyde geniessen theils gleicher Ehre, theils ist die <hi rendition="#g">Gestalt</hi> der<lb n="30"/><hi rendition="#g">Substanz</hi>, Zevs, die Nothwendigkeit der <hi rendition="#g">Beziehung</hi> beyder aufeinander.<lb n="31"/>Die Substanz ist die Beziehung, daß das Wissen für sich ist, aber seine Wahrheit<lb n="32"/>an dem Einfachen, der Unterschied, wodurch das wirkliche Bewußtseyn ist, seinen<lb n="33"/>Grund an dem ihn tilgenden innern Wesen, die sich klare <hi rendition="#g">Versicherung</hi> der<lb n="34"/><hi rendition="#g">Gewißheit</hi> ihre Bestätigung an der <hi rendition="#g">Vergessenheit</hi> hat.</p>
<p><lb n="35"/>Das Bewußtseyn schloß diesen Gegensatz durch das Handeln auf; nach dem<lb n="36"/>offenbaren Wissen handelnd, erfährt es den Betrug desselben, und dem Inhalte<lb n="37"/>nach dem Einen Attribute der Substanz ergeben, verletzte es das andre und gab<lb n="38"/>diesem dadurch das Recht gegen sich. Dem wissenden Gotte folgend, ergriff es<lb n="39"/>vielmehr das nicht offenbare, und büßt dafür, dem Wissen vertraut zu haben, dessen</p>
<pb n="396" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=403" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Zweydeutigkeit, da sie seine Natur ist, auch <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi>, und eine <hi rendition="#g">Warnung</hi> dafür<lb n="2"/>vorhanden seyn mußte. Die Raserey der Priesterin, die unmenschliche Gestalt<lb n="3"/>der Hexen, die Stimme des Baumes, des Vogels, der Traum u.s.f. sind nicht die<lb n="4"/>Weisen, in welchen die Wahrheit erscheint, sondern warnende Zeichen des Betrugs,<lb n="5"/>der Nichtbesonnenheit, der Einzelnheit und Zufälligkeit des Wissens. Oder was<lb n="6"/>dasselbe ist, die entgegengesetzte Macht, die von ihm verletzt wird, ist als aus<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gesprochenes Gesetz und geltendes Recht vorhanden; es sey das Gesetz der Familie<lb n="8"/>oder des Staats; das Bewußtseyn folgte dagegen dem eignen Wissen, und verbarg<lb n="9"/>sich selbst das offenbare. Die Wahrheit aber der gegeneinander auftretenden Mächte<lb n="10"/>des Inhalts und Bewußtseyns ist das Resultat, daß beyde gleiches Recht und darum<lb n="11"/>in ihrem Gegensatz, den das Handeln hervorbringt, gleiches Unrecht haben. Die<lb n="12"/>Bewegung des Thuns erweist ihre Einheit in dem gegenseitigen Untergange bey<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>der Mächte und der selbstbewußten Charaktere. Die Versöhnung des Gegensatzes<lb n="14"/>mit sich ist die <hi rendition="#g">Lethe</hi> der <hi rendition="#g">Unterwelt</hi> im Tode, – oder die <hi rendition="#g">Lethe</hi> der <hi rendition="#g">Ober<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="15" break="no"/><hi rendition="#g">welt</hi>, als Freysprechung, nicht von der Schuld, denn diese kann das Bewußtseyn,<lb n="16"/>weil es handelte, nicht verläugnen, sondern vom Verbrechen, und seine sühnende<lb n="17"/>Beruhigung. Beyde sind die <hi rendition="#g">Vergessenheit</hi>, das Verschwundenseyn der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lichkeit und des Thuns der Mächte der Substanz, ihrer Individualitäten, und der<lb n="19"/>Mächte des abstracten Gedankens des Guten und des Bösen, denn keine für sich<lb n="20"/>ist das Wesen, sondern dieses ist die Ruhe des Ganzen in sich selbst, die unbewegte<lb n="21"/>Einheit des Schicksals, das ruhige Daseyn und damit die Unthätigkeit und Un<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>lebendigkeit der Familie und der Regierung, und die gleiche Ehre und damit die<lb n="23"/>gleichgültige Unwirklichkeit Apolls und der Erinnye, und die Rückkehr ihrer<lb n="24"/>Begeistung und Thätigkeit in den einfachen Zevs.</p>
<p><lb n="25"/>Dieses Schicksal vollendet die Entvölkerung des Himmels, – der gedanken<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>losen Vermischung der Individualität und des Wesens, – einer Vermischung,<lb n="27"/>wodurch das Thun des Wesens als ein inconsequentes, zufälliges, seiner unwürdiges<lb n="28"/>erscheint; denn dem Wesen nur oberflächlich anhängend ist die Individualität<lb n="29"/>die unwesentliche. Die Vertreibung solcher wesenlosen Vorstellungen, die von<lb n="30"/>Philosophen des Alterthums gefodert wurde, beginnt also schon in der Tragödie<lb n="31"/>überhaupt dadurch, daß die Eintheilung der Substanz von dem Begriffe beherrscht,<lb n="32"/>die Individualität hiemit die wesentliche und die Bestimmungen die absoluten<lb n="33"/>Charaktere sind. Das Selbstbewußtseyn, das in ihr vorgestellt ist, kennt und an<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>erkennt deßwegen nur Eine höchste Macht, und diesen Zevs nur als die Macht<lb n="35"/>des Staats oder des Heerdes, und im Gegensatze des Wissens nur als den Vater des<lb n="36"/>zur Gestalt werdenden Wissens des <hi rendition="#g">Besondern</hi>, – und als den Zevs des Eydes und<lb n="37"/>der Erinnye, des <hi rendition="#g">Allgemeinen</hi>, im Verborgnen wohnenden Innern. Die weiter aus</p>
<pb n="397" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=404" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>dem Begriffe in die Vorstellung sich zerstreuenden Momente, die der Chor nach<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>einander gelten läßt, sind hingegen nicht das Pathos des Helden, sondern sinken ihm<lb n="3"/>zur Leidenschafft herunter, – zu zufälligen, wesenlosen Momenten, die der selbstlose<lb n="4"/>Chor wohl preißt, aber die nicht fähig sind, den Charakter der Helden auszumachen,<lb n="5"/>noch von ihnen als ihr Wesen ausgesprochen und geachtet zu werden.</p>
<p><lb n="6"/>Aber auch die Personen des göttlichen Wesens selbsts, so wie die Charaktere<lb n="7"/>seiner Substanz, gehen in die Einfachheit des Bewußtlosen zusammen. Diese Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>wendigkeit hat gegen das Selbstbewußtseyn die Bestimmung, die negative Macht,<lb n="9"/>aller auftretenden Gestalten zu seyn, in ihr sich selbst nicht zu erkennen, sondern<lb n="10"/>darin vielmehr unterzugehen. Das Selbst tritt nur den <hi rendition="#g">Charakteren</hi> zugetheilt<lb n="11"/>auf, nicht als die Mitte der Bewegung. Aber das Selbstbewußtseyn, die einfache<lb n="12"/><hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner, ist in der That die negative Macht, die Einheit des Zevs,<lb n="13"/>des <hi rendition="#g">substantiellen</hi> Wesens, und der <hi rendition="#g">abstracten</hi> Nothwendigkeit, es ist die<lb n="14"/>geistige Einheit, worein alles zurückgeht. Weil das wirkliche Selbstbewußtseyn<lb n="15"/>noch von der Substanz und dem Schicksale unterschieden wird, ist es <hi rendition="#g">theils</hi> der<lb n="16"/>Chor oder vielmehr die zuschauende Menge, welche diese Bewegung des<lb n="17"/>göttlichen Lebens als ein <hi rendition="#g">Fremdes</hi> mit Furcht erfüllt, oder in der sie als ein<lb n="18"/>Nahes nur die Rührung des nicht handelnden <hi rendition="#g">Mitleidens</hi> hervorbringt.<lb n="19"/>Theils insofern das Bewußtseyn mithandelt und den Charakteren angehört, ist<lb n="20"/>diese Vereinigung, weil die wahre, die des Selbsts, des Schicksals und der Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stanz noch nicht vorhanden ist, eine äusserliche, eine <hi rendition="#g">Hypokrisie</hi>; der Held,<lb n="22"/>der vor dem Zuschauer auftritt, zerfällt in seine Maske und in den Schauspieler,<lb n="23"/>in die Person und das wirkliche Selbst.</p>
<p><lb n="24"/>Das Selbstbewußtseyn der Helden muß aus seiner Maske hervor treten, und<lb n="25"/>sich darstellen, wie es sich als das Schicksal sowohl der Götter des Chors, als der<lb n="26"/>absoluten Mächte selbst weiß, und von dem Chore, dem allgemeinen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>seyn nicht mehr getrennt ist.</p>
<p><lb n="28"/>Die <hi rendition="#g">Komödie</hi> hat also vorerst die Seite, daß das wirkliche Selbstbewußtseyn<lb n="29"/>sich als das Schicksal der Götter darstellt. Diese elementarischen Wesen sind als<lb n="30"/><hi rendition="#g">allgemeine</hi> Momente, kein Selbst und nicht wirklich. Sie sind zwar mit der<lb n="31"/>Form der Individualität ausgestattet, aber diese ist ihnen nur eingebildet, und<lb n="32"/>kommt ihnen nicht an und für sich selbst zu; das wirkliche Selbst hat nicht ein<lb n="33"/>solches abstractes Moment zu seiner Substanz und Inhalt. Es, das Subject, ist daher<lb n="34"/>über ein solches Moment, als über eine einzelne Eigenschafft erhoben, und an<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>gethan mit dieser Maske spricht es die Ironie derselben aus, die für sich etwas<lb n="36"/>seyn will. Das Aufspreitzen der allgemeinen Wesenheit ist an das Selbst verrathen;</p>
<pb n="398" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=405" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>es zeigt sich in einer Wirklichkeit gefangen und läßt die Maske fallen, eben indem<lb n="2"/>es etwas rechtes seyn will. Das Selbst hier in seiner Bedeutung als Wirkliches auf<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>tretend, spielt es mit der Maske, die es einmal anlegt, um seine Person zu seyn, –<lb n="4"/>aber aus diesem Scheine thut es sich ebenso bald wieder in seiner eignen Nackt<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit und Gewöhnlichkeit hervor, die es von dem eigentlichen Selbst, dem Schau<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>spieler so wie von dem Zuschauer, nicht unterschieden zu seyn zeigt.</p>
<p><lb n="7"/>Diese allgemeine Auflösung der gestalteten Wesenheit überhaupt in ihrer Indi<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>vidualität wird in ihrem Inhalte ernsthafter und dadurch muthwilliger und bittrer,<lb n="9"/>insofern er seine ernstere und nothwendigere Bedeutung hat. Die göttliche Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>stanz vereinigt in ihr die Bedeutung der natürlichen und sittlichen Wesenheit.<lb n="11"/>In Ansehung des Natürlichen zeigt das wirkliche Selbstbewußtseyn schon in der<lb n="12"/>Verwendung desselben zu seinem Putze, Wohnung u.s.f. und im Schmausse seines<lb n="13"/>Opfers sich als das Schicksal, dem das Geheimniß verrathen ist, welche Bewand<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>niß es mit der Selbstwesenheit der Natur hat; in dem Mysterium des Brodes und<lb n="15"/>Weines macht es dieselbe zusammen mit der Bedeutung des innern Wesens sich<lb n="16"/>zu eigen, und in der Komödie ist es sich der Ironie dieser Bedeutung überhaupt<lb n="17"/>bewußt. – Insofern nun diese Bedeutung die sittliche Wesenheit enthält, ist sie<lb n="18"/>theils das Volk, in seinen beyden Seiten, des Staats oder eigentlichen Demos,<lb n="19"/>und der Familien-Einzelnheit; – theils aber das selbstbewußte reine Wissen, oder<lb n="20"/>das vernünftige Denken des Allgemeinen. – Jener <hi rendition="#g">Demos</hi>, die allgemeine Masse,<lb n="21"/>die sich als Herrn und Regent, so wie als den zu respectirenden Verstand und<lb n="22"/>Einsicht weiß, zwingt und bethört sich durch die Besonderheit seiner Wirklichkeit,<lb n="23"/>und stellt den lächerlichen Contrast seiner Meynung von sich und seines unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>baren Daseyns, seiner Nothwendigkeit und Zufälligkeit, seiner Allgemeinheit und<lb n="25"/>Gemeinheit dar. Wenn das Princip seiner vom Allgemeinen getrennten Einzelnheit,<lb n="26"/>in der eigentlichen Gestalt der Wirklichkeit, sich hervorthut und des Gemeinwesens,<lb n="27"/>dessen geheimer Schaden es ist, sich offenbar anmaßt und es einrichtet, so verräth<lb n="28"/>sich unmittelbarer der Contrast des Allgemeinen als einer Theorie und dessen, um<lb n="29"/>was es in der Praxis zu thun ist, die gänzliche Befreyung der Zwecke der unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>baren Einzelnheit von der allgemeinen Ordnung und der Spott jener über diese.</p>
<p><lb n="31"/>Das vernünftige <hi rendition="#g">Denken</hi> enthebt das göttliche Wesen seiner zufälligen Gestalt,<lb n="32"/>und entgegengesetzt der begrifflosen Weisheit des Chors, die mancherley Sitten<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sprüche vorbringt, und eine Menge von Gesetzen und bestimmten Pflicht- und<lb n="34"/>Rechtsbegriffen gelten läßt, hebt es sie in die einfachen Ideen des <hi rendition="#g">Schönen</hi> und<lb n="35"/><hi rendition="#g">Guten</hi> empor. – Die Bewegung dieser Abstraction ist das Bewußtseyn der<lb n="36"/>Dialectik, welche diese Maximen und Gesetze an ihnen haben, und hiedurch des<lb n="37"/>Verschwindens der absoluten Gültigkeit, in der sie vorher erschienen. Indem die</p>
<pb n="399" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=406" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">B. KUNST-RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>zufällige Bestimmung und oberflächliche Individualität, welche die Vorstellung<lb n="2"/>den göttlichen Wesenheiten lieh, verschwindet, haben sie nach ihrer <hi rendition="#g">natürlichen</hi><lb n="3"/>Seite nur noch die Naktheit ihres unmittelbaren Daseyns, sie sind Wolken, ein<lb n="4"/>verschwindender Dunst, wie jene Vorstellungen. Nach ihrer <hi rendition="#g">gedachten</hi> Wesent<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>lichkeit zu den <hi rendition="#g">einfachen</hi> Gedanken des <hi rendition="#g">Schönen</hi> und <hi rendition="#g">Guten</hi> geworden,<lb n="6"/>vertragen diese es, mit jedem beliebigen Inhalt erfüllt zu werden. Die Krafft des<lb n="7"/>dialektischen Wissens gibt die bestimmten Gesetze und Maximen des Handelns,<lb n="8"/>der Lust und dem Leichtsinne der – hiemit – verführten Jugend Preis, und der<lb n="9"/>Aengstlichkeit und Sorge des auf die Einzelnheit des Lebens beschränkten Alters<lb n="10"/>Waffen zum Betrug an die Hand. Die reinen Gedanken des Schönen und Guten<lb n="11"/>zeigen also das komische Schauspiel, durch die Befreyung von der Meynung,<lb n="12"/>welche sowohl ihre Bestimmtheit als Inhalt, wie ihre absolute Bestimmtheit, das<lb n="13"/>Festhalten des Bewußtseyns enthält, leer, und ebendadurch das Spiel der Mey<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>nung und der Willkühr der zufälligen Individualität zu werden.</p>
<p><lb n="15"/>Hier ist also das vorher bewußtlose Schicksal, das in der leeren Ruhe und Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gessenheit besteht, und von dem Selbstbewußtseyn getrennt ist, mit diesem ver<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>eint. Das <hi rendition="#g">einzelne</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist die negative Kraft, durch und in welcher die Götter,<lb n="18"/>so wie deren Momente, die daseyende Natur und die Gedanken ihrer Bestim<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>mungen, verschwinden; zugleich ist es nicht die Leerheit des Verschwindens,<lb n="20"/>sondern erhält sich in dieser Nichtigkeit selbst, ist bey sich und die einzige Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>lichkeit. Die Religion der Kunst hat sich in ihm vollendet und ist vollkommen<lb n="22"/>in sich zurückgegangen. Dadurch daß das einzelne Bewußtseyn in der Gewißheit<lb n="23"/>seiner selbst es ist, das als diese absolute Macht sich darstellt, hat diese die Form<lb n="24"/>eines <hi rendition="#g">Vorgestellten</hi>, von dem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> überhaupt <hi rendition="#g">getrennten</hi> und<lb n="25"/>ihm fremden, verloren, wie die Bildsäule, auch die lebendige schöne Körperlich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>keit oder der Inhalt des Epos und die Mächte und Personen der Tragödie waren; –<lb n="27"/>auch ist die Einheit nicht die <hi rendition="#g">bewußtlose</hi> des Cultus und der Mysterien; – sondern<lb n="28"/>das eigentliche Selbst des Schauspielers fällt mit seiner Person zusammen, so wie<lb n="29"/>der Zuschauer, der in dem, was ihm vorgestellt wird, vollkommen zu Hause ist<lb n="30"/>und sich selbst spielen sieht. Was diß Selbstbewußtseyn anschaut, ist, daß in ihm,<lb n="31"/>was die Form von Wesenheit gegen es annimmt, in seinem Denken, Daseyn und<lb n="32"/>Thun sich vielmehr auflöst und preisgegeben ist, es ist die Rükkehr alles All<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>gemeinen in die Gewißheit seiner selbst, die hiedurch diese vollkommne Furcht-<lb n="34"/>und Wesenlosigkeit alles Fremden, und ein Wohlseyn und Sich-wohlseyn-lassen<lb n="35"/>des Bewußtseyns ist, wie sich ausser dieser Komödie keins mehr findet.</p>
<pb n="400" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=407" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
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<head><lb n="1"/>C.</head>
<head><lb n="2"/>DIE OFFENBARE RELIGION.</head>
<p><lb n="3"/>Durch die Religion der Kunst ist der Geist aus der Form der <hi rendition="#g">Substanz</hi> in<lb n="4"/>die des <hi rendition="#g">Subjects</hi> getreten, denn sie <hi rendition="#g">bringt</hi> seine Gestalt <hi rendition="#g">hervor</hi>, und setzt<lb n="5"/>also in ihr das <hi rendition="#g">Thun</hi> oder das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>, das in der furchtbaren<lb n="6"/>Substanz nur verschwindet, und im Vertrauen sich nicht selbst erfaßt. Diese<lb n="7"/>Menschwerdung des göttlichen Wesens geht von der Bildsäule aus, die nur die<lb n="8"/><hi rendition="#g">äussere</hi> Gestalt des Selbsts an ihr hat, das <hi rendition="#g">innre</hi> aber, ihre Thätigkeit, fällt ausser<lb n="9"/>ihr; im Cultus aber sind beyde Seiten eins geworden, in dem Resultate der Religion<lb n="10"/>der Kunst ist diese Einheit in ihrer Vollendung zugleich auch auf das Extrem des<lb n="11"/>Selbsts herübergegangen; in dem Geiste, der in der Einzelnheit des Bewußtseyns<lb n="12"/>seiner vollkommen gewiß ist, ist alle Wesenheit versunken. Der Satz, der diesen<lb n="13"/>Leichtsinn ausspricht, lautet so: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>; das<lb n="14"/>Wesen, das Substanz und an dem das Selbst die Accidentalität war, ist zum<lb n="15"/>Prädicate heruntergesunken, und der Geist hat in <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, dem nichts in der Form des Wesens gegenübertritt, sein <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi><lb n="17"/>verloren.</p>
<p><lb n="18"/>Dieser Satz: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>, gehört, wie von selbst<lb n="19"/>erhellt, dem nichtreligiösen, dem wirklichen Geiste an, und es ist sich zu erinnern,<lb n="20"/>welches die Gestalt desselben ist, die ihn ausdrückt. Sie wird zugleich die Bewegung<lb n="21"/>und die Umkehrung desselben enthalten, welche das Selbst zum Prädicate her<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>unterstimmt, und die Substanz zum Subjecte erhebt. So nämlich, daß der um<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>gekehrte Satz nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">uns</hi> die Substanz zum Subjecte macht,<lb n="24"/>oder was dasselbe ist, die Substanz so wieder herstellt, daß das Bewußtseyn des<lb n="25"/>Geistes zu seinem Anfange, der natürlichen Religion zurückgeführt wird, sondern<lb n="26"/>so daß diese Umkehrung <hi rendition="#g">für</hi> und <hi rendition="#g">durch</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> selbst zu<lb n="27"/>Stande gebracht wird. Indem dieses sich mit Bewußtseyn aufgibt, so wird es in<lb n="28"/>seiner Entäusserung erhalten, und bleibt das Subject der Substanz, aber als sich<lb n="29"/>ebenso entäussertes hat es zugleich das Bewußtseyn derselben; oder indem es durch<lb n="30"/>seine Aufopferung die Substanz als Subject <hi rendition="#g">hervorbringt</hi>, bleibt dieses sein<lb n="31"/>eignes Selbst. Es wird hiedurch erreicht, daß, wenn in den beyden Sätzen, – in<lb n="32"/>dem ersten der Substantialität das Subject nur verschwindet, – und in dem zweyten<lb n="33"/>die Substanz nur Prädicat ist, und beyde Seiten also in jedem mit der entgegen<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gesetzten Ungleichheit des Werthes vorhanden sind, – daß die Vereinigung und</p>
<pb n="401" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=408" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>Durchdringung beyder Naturen hervorgeht, in der beyde mit gleichem Werthe<lb n="2"/>ebenso <hi rendition="#g">wesentlich</hi>, als auch nur <hi rendition="#g">Momente</hi> sind; hiedurch ist also der Geist<lb n="3"/>ebenso <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> seiner als seiner <hi rendition="#g">gegenständlichen</hi> Substanz, wie ein<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>faches in sich bleibendes <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi>.</p>
<p><lb n="5"/>Die Religion der Kunst gehört dem sittlichen Geiste an, den wir früher in dem<lb n="6"/><hi rendition="#g">Rechtszustande</hi> untergehen sahen, d. h. in dem Satze: <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Selbst</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solches</hi>,<lb n="7"/>die <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Person</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">absolutes</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi>. Im sittlichen Leben ist das Selbst<lb n="8"/>in dem Geiste seines Volks versenkt, es ist die <hi rendition="#g">erfüllte</hi> Allgemeinheit. Die <hi rendition="#g">ein<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">fache</hi> <hi rendition="#g">Einzelnheit</hi> aber erhebt sich aus diesem Inhalte, und ihr Leichtsinn<lb n="10"/>reinigt sie zur Person, zur abstracten Allgemeinheit des Rechts. In dieser ist die<lb n="11"/><hi rendition="#g">Realität</hi> des sittlichen Geists verloren, die inhaltsleeren Geister der Völker<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>individuen sind in Ein Pantheon versammelt, nicht in ein Pantheon der Vorstellung,<lb n="13"/>deren unmächtige Form jeden gewähren läßt, sondern in das Pantheon der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>stracten Allgemeinheit, des reinen Gedankens, der sie entleibt, und dem geist<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>losen Selbst, der einzelnen Person das an und fürsichseyn ertheilt.</p>
<p><lb n="16"/>Aber diß Selbst hat durch seine Leerheit den Inhalt freygelassen; das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyn ist nur <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das Wesen; sein eignes <hi rendition="#g">Daseyn</hi>, das rechtliche Anerkannt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn der Person, ist die unerfüllte Abstraction; es besitzt also vielmehr nur den<lb n="19"/>Gedanken seiner selbst, oder wie es <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> und sich als Gegenstand weiß, ist es<lb n="20"/>das <hi rendition="#g">unwirkliche</hi>. Es ist daher nur die stoische <hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi> des <hi rendition="#g">Den<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">kens</hi>, und diese findet durch die Bewegung des skeptischen Bewußtseyns hin<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>durchgehend, seine Wahrheit in derjenigen Gestalt, die das <hi rendition="#g">unglückliche</hi><lb n="23"/><hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> genannt wurde.</p>
<p><lb n="24"/>Dieses weiß, welche Bewandniß es mit dem wirklichen Gelten der abstracten<lb n="25"/>Person und ebenso mit dem Gelten derselben in dem reinen Gedanken hat. Es<lb n="26"/>weiß ein solches Gelten vielmehr als den vollkommnen Verlust, es selbst ist dieser<lb n="27"/>seiner bewußte Verlust und die Entäusserung seines Wissens von sich. – Wir sehen,<lb n="28"/>daß diß unglückliche Bewußtseyn die Gegenseite und Vervollständigung des in<lb n="29"/>sich vollkommen glücklichen, des komischen Bewußtseyns ausmacht. In das<lb n="30"/>letztere geht alles göttliche Wesen zurück, oder es ist die vollkommne <hi rendition="#g">Entäus<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="31" break="no"/><hi rendition="#g">serung</hi> der <hi rendition="#g">Substanz</hi>. Jenes hingegen ist umgekehrt, das tragische Schicksal<lb n="32"/>der an und fürsichseyn sollenden <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>. Es ist das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>seyn des Verlustes aller <hi rendition="#g">Wesenheit</hi> in <hi rendition="#g">dieser</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> seiner und des Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>lustes eben dieses Wissens von sich – der Substanz wie des Selbsts, es ist der Schmerz,<lb n="35"/>der sich als das harte Wort ausspricht, <hi rendition="#g">daß</hi> <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">gestorben</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.</p>
<p><lb n="36"/>In dem Rechtszustande ist also die sittliche Welt und die Religion derselben<lb n="37"/>in dem komischen Bewußtseyn versunken, und das unglückliche das Wissen</p>
<pb n="402" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=409" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>dieses <hi rendition="#g">ganzen</hi> Verlusts. Sowohl der Selbstwerth seiner unmittelbaren Persönlich<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>keit, ist ihm verloren, als seiner vermittelten, der <hi rendition="#g">gedachten</hi>. Ebenso ist das<lb n="3"/>Vertrauen in die ewigen Gesetze der Götter, wie die Orakel, die das Besondre zu<lb n="4"/>wissen thaten, verstummt. Die Bildsäulen sind nun Leichname, denen die belebende<lb n="5"/>Seele, so wie die Hymne Worte, deren Glauben entflohen ist; die Tische der Götter<lb n="6"/>ohne geistige Speise und Trank, und aus seinen Spielen und Festen kommt dem<lb n="7"/>Bewußtseyn nicht die freudige Einheit seiner mit dem Wesen zurück. Den Wer<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ken der Muse fehlt die Krafft des Geistes, dem aus der Zermalmung der Götter<lb n="9"/>und Menschen die Gewißheit seiner selbst hervorging. Sie sind nun das, was sie<lb n="10"/>für uns sind, – vom Baume gebrochne schöne Früchte, ein freundliches Schicksal<lb n="11"/>reichte sie uns dar, wie ein Mädchen jene Früchte präsentirt; es gibt nicht das<lb n="12"/>wirkliche Leben ihres Daseyns, nicht den Baum, der sie trug, nicht die Erde und<lb n="13"/>die Elemente, die ihre Substanz, noch das Klima, das ihre Bestimmtheit ausmachte,<lb n="14"/>oder den Wechsel der Iahreszeiten, die den Proceß ihres Werdens beherrschten. –<lb n="15"/>So gibt das Schicksal uns mit den Werken jener Kunst, nicht ihre Welt, nicht den<lb n="16"/>Frühling und Sommer des sittlichen Lebens, worin sie blühten und reifften, son<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>dern allein die eingehüllte Erinnerung dieser Wirklichkeit. – Unser Thun in ihrem<lb n="18"/>Genusse ist daher nicht das gottesdienstliche, wodurch unserem Bewußtseyn seine<lb n="19"/>vollkommne es ausfüllende Wahrheit würde, sondern es ist das äusserliche Thun,<lb n="20"/>das von diesen Früchten etwa Regentropfen oder Stäubchen abwischt, und an die<lb n="21"/>Stelle der innern Elemente der umgebenden, erzeugenden und begeistenden<lb n="22"/>Wirklichkeit des Sittlichen, das weitläufige Gerüste der todten Elemente ihrer<lb n="23"/>äusserlichen Existenz, der Sprache, des Geschichtlichen u.s.f. errichtet, nicht um<lb n="24"/>sich in sie hinein zu leben, sondern nur um sie in sich vorzustellen. Aber wie das<lb n="25"/>Mädchen, das die gepflückten Früchte darreicht, mehr ist, als die in ihre Bedingungen<lb n="26"/>und Elemente, den Baum, Lufft, Licht u.s.f. ausgebreitete Natur derselben, welche<lb n="27"/>sie unmittelbar darbot, indem es auf eine höhere Weise diß alles in den Strahl des<lb n="28"/>selbstbewußten Auges und der darreichenden Gebehrde zusammenfaßt, so ist der<lb n="29"/>Geist des Schicksals, der uns jene Kunstwerke darbietet, mehr als das sittliche<lb n="30"/>Leben und Wirklichkeit jenes Volkes, denn er ist die <hi rendition="#g">Er-Innerung</hi> des in ihnen<lb n="31"/>noch <hi rendition="#g">veräusserten</hi> Geistes, – er ist der Geist des tragischen Schicksals, das alle<lb n="32"/>jene individuelle Götter und Attribute der Substanz in das Eine Pantheon ver<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>sammelt, in den seiner als Geist selbstbewußten Geist.</p>
<p><lb n="34"/>Alle Bedingungen seines Hervorgangs sind vorhanden, und diese Totalität<lb n="35"/>seiner Bedingungen macht das <hi rendition="#g">Werden</hi>, den <hi rendition="#g">Begriff</hi>, oder das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi><lb n="36"/>Hervorgehen desselben aus. – Der Kreis der Hervorbringungen der Kunst umfaßt<lb n="37"/>die Formen der Entäusserungen der absoluten Substanz, sie ist in der Form der</p>
<pb n="403" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=410" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>Individualität, als ein Ding, als <hi rendition="#g">seyender</hi> Gegenstand des sinnlichen Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyns, – als die reine Sprache oder das Werden der Gestalt, deren Daseyn nicht aus<lb n="3"/>dem Selbst heraustritt, und rein <hi rendition="#g">verschwindender</hi> Gegenstand ist; – als un<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>mittelbare <hi rendition="#g">Einheit</hi> mit dem allgemeinen <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> in seiner Be<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>geisterung und als vermittelte in dem Thun des Cultus; – als schöne <hi rendition="#g">selbstische</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Körperlichkeit</hi>, und endlich als das in die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> erhobne Daseyn<lb n="7"/>und die Ausbreitung desselben zu einer Welt, die sich zuletzt in die Allgemeinheit,<lb n="8"/>die ebenso <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">ihrer</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> ist, zusammennimmt. – Diese For<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>men, und auf der andern [Seite] die <hi rendition="#g">Welt</hi> der <hi rendition="#g">Person</hi> und des Rechts, die ver<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>wüstende Wildheit der freygelassenen Elemente des Inhalts, ebenso die <hi rendition="#g">gedachte</hi><lb n="11"/>Person des Stoicismus und die haltlose Unruhe des skeptischen Bewußtseyns,<lb n="12"/>machen die Peripherie der Gestalten aus, welche erwartend und drängend um die<lb n="13"/>Geburtsstätte des als Selbstbewußtseyn werdenden Geistes umherstehen, der alle<lb n="14"/>durchdringende Schmerz und Sehnsucht des unglücklichen Selbstbewußtseyns<lb n="15"/>ist ihr Mittelpunkt und das gemeinschaftliche Geburtswehe seines Hervorgangs, –<lb n="16"/>die Einfachheit des reinen Begriffs, der jene Gestalten als seine Momente enthält.</p>
<p><lb n="17"/>Er hat die zwey Seiten an ihm, die oben als die beyden umgekehrten Sätze<lb n="18"/>vorgestellt sind; die eine ist diese, daß die <hi rendition="#g">Substanz</hi> sich ihrer selbst entäussert<lb n="19"/>und zum Selbstbewußtseyn wird, die andre umgekehrt, daß das <hi rendition="#g">Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="20" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> sich seiner entäussert und zur Dingheit oder zum allgemeinen Selbst macht.<lb n="21"/>Beyde Seiten sind sich auf diese Weise entgegen gekommen, und hiedurch ihre<lb n="22"/>wahre Vereinigung entstanden. Die Entäusserung der Substanz, ihr Werden zum<lb n="23"/>Selbstbewußtseyn drückt den Uebergang ins Entgegengesetzte, den bewußtlosen<lb n="24"/>Uebergang der <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>, oder diß aus, daß sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>seyn ist. Umgekehrt, die Entäusserung des Selbstbewußtseyns diß, daß es <hi rendition="#g">an</hi><lb n="26"/><hi rendition="#g">sich</hi> das allgemeine Wesen ist, oder weil das Selbst das reine Fürsichseyn ist, das<lb n="27"/>in seinem Gegentheile bey sich bleibt, diß, daß <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> es ist, daß die Substanz<lb n="28"/>Selbstbewußtseyn, und ebendadurch Geist ist. Es kann daher von diesem Geiste,<lb n="29"/>der die Form der Substanz verlassen, und in der Gestalt des Selbstbewußtseyns<lb n="30"/>in das Daseyn tritt, gesagt werden, – wenn man sich der aus der natürlichen Zeu<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>gung hergenommenen Verhältnisse bedienen will, – daß er eine <hi rendition="#g">wirkliche</hi><lb n="32"/>Mutter, aber einen <hi rendition="#g">ansichseyenden</hi> Vater hat; denn die <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> oder<lb n="33"/>das Selbstbewußtseyn, und das <hi rendition="#g">Ansich</hi> als die Substanz sind seine beyden Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>mente, durch deren gegenseitige Entäusserung, jedes zum andern werdend, er<lb n="35"/>als diese ihre Einheit ins Daseyn tritt.</p>
<p><lb n="36"/>Insofern das Selbstbewußtseyn einseitig nur <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">eigne</hi> Entäusserung erfaßt,<lb n="37"/>wenn ihm schon sein Gegenstand also ebensowohl Seyn als Selbst ist und es alles<lb n="38"/>Daseyn als geistiges Wesen weiß, so ist dadurch dennoch noch nicht für es der<lb n="39"/>wahre Geist geworden, insofern nemlich das Seyn überhaupt oder die Substanz</p>
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<p><lb n="1"/>nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ebenso ihrerseits sich ihrer selbst entäusserte und zum Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyn wurde. Denn alsdann ist alles Daseyn nur vom <hi rendition="#g">Standpunkte</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> <hi rendition="#g">aus</hi> geistiges Wesen, nicht an sich selbst. Der Geist ist auf diese Weise dem<lb n="4"/>Daseyn nur <hi rendition="#g">eingebildet</hi>; dieses Einbilden ist die <hi rendition="#g">Schwärmerei</hi>, welche der<lb n="5"/>Natur sowohl, als der Geschichte, wie der Welt so den mythischen Vorstellungen<lb n="6"/>der vorhergehenden Religionen einen andern innern Sinn unterlegt, als sie in ihrer<lb n="7"/>Erscheinung dem Bewußtseyn unmittelbar darbieten, und in Ansehung der Re<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>ligionen, als das Selbstbewußtseyn, dessen Religionen sie waren, darin wußte.<lb n="9"/>Aber diese Bedeutung ist eine geliehene, und ein Kleid, das die Blösse der Er<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>scheinung nicht bedeckt und sich keinen Glauben und Verehrung erwirbt, sondern<lb n="11"/>die trübe Nacht und eigne Verzückung des Bewußtseyns bleibt.</p>
<p><lb n="12"/>Daß diese Bedeutung des Gegenständlichen also nicht blosse Einbildung sey,<lb n="13"/>muß sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyn, das heißt, <hi rendition="#g">einmal</hi> dem Bewußtseyn aus dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi><lb n="14"/>entspringen und in ihrer Nothwendigkeit hervorgehen. So ist uns durch das Er<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kennen des <hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>, oder des Bewußtseyns des <hi rendition="#g">seyen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="16" break="no"/><hi rendition="#g">den</hi> Gegenstandes durch seine nothwendige Bewegung der sich selbst wissende<lb n="17"/><hi rendition="#g">Geist</hi> entsprungen. Dieser Begriff, der als unmittelbarer auch die Gestalt der<lb n="18"/><hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> für sein Bewußtseyn hatte, hat sich <hi rendition="#g">zweytens</hi> die Gestalt<lb n="19"/>des Selbstbewußtseyns <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> d. h. nach eben der Nothwendigkeit des Begriffes<lb n="20"/>gegeben, als das <hi rendition="#g">Seyn</hi> oder die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, die der innhaltslose Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>stand des sinnlichen Bewußtseyns ist, sich seiner entäussert, und Ich für das Be<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>wußtseyn wird. – Von dem <hi rendition="#g">denkenden</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder dem <hi rendition="#g">Erkennen</hi> der<lb n="23"/><hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> ist aber das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder die <hi rendition="#g">seyende</hi><lb n="24"/><hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> selbst unterschieden; – ein Unterschied, der zugleich aber<lb n="25"/>nicht ausser dem Begriffe liegt, denn die <hi rendition="#g">einfache</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Begriffes ist das<lb n="26"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> selbst; er ist ebenso das sich selbst entäussernde oder das<lb n="27"/><hi rendition="#g">Werden</hi> der <hi rendition="#g">angeschauten</hi> <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi>, als er in ihr bey sich ist und<lb n="28"/>sie weiß und begreift. – Das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Ansich</hi> des Geistes, der sich die<lb n="29"/>Gestalt des Selbstbewußtseyns gibt, heißt nichts anderes, als daß der wirkliche<lb n="30"/>Weltgeist zu diesem Wissen von sich gelangt ist; dann erst tritt diß Wissen auch<lb n="31"/>in sein Bewußtseyn, und als Wahrheit ein. Wie jenes geschehen, hat sich oben<lb n="32"/>ergeben.</p>
<p><lb n="33"/>Diß daß der absolute Geist sich die Gestalt des Selbstbewußtseyns <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> und<lb n="34"/>damit auch für sein <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> gegeben, erscheint nun so, daß es der <hi rendition="#g">Glau<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">ben</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi> ist, daß der Geist als ein Selbstbewußtseyn d. h. als ein wirklicher<lb n="36"/>Mensch <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, daß er für die unmittelbare Gewißheit ist, daß das glaubende<lb n="37"/>Bewußtseyn diese Göttlichkeit <hi rendition="#g">sieht</hi> und <hi rendition="#g">fühlt</hi> und <hi rendition="#g">hört</hi>. So ist es nicht Ein-</p>
<pb n="405" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=412" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. OFFENBARE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>bildung, sondern es ist <hi rendition="#g">wirklich</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">dem</hi>. Das Bewußtseyn geht dann nicht aus<lb n="2"/><hi rendition="#g">seinem</hi> Innern, von dem Gedanken aus, und schließt <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> den Gedanken<lb n="3"/>des Gottes mit dem Daseyn zusammen, sondern es geht von dem unmittelbaren<lb n="4"/>gegenwärtigen Daseyn aus, und erkennt den Gott in ihm. – Das Moment des<lb n="5"/><hi rendition="#g">unmittelbaren</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> ist in dem Inhalte des Begriffes so vorhanden, daß der<lb n="6"/>religiöse Geist in der Rückkehr aller Wesenheit in das Bewußtseyn, <hi rendition="#g">einfaches</hi><lb n="7"/>positives Selbst geworden ist, ebenso wie der wirkliche Geist als solcher im un<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>glücklichen Bewußtseyn eben diese <hi rendition="#g">einfache</hi> selbstbewußte Negativität. Das<lb n="9"/>Selbst des daseyenden Geistes hat dadurch die Form der vollkommnen Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>barkeit; es ist weder als gedachtes oder vorgestelltes noch hervorgebrachtes gesetzt,<lb n="11"/>wie es mit dem unmittelbaren Selbst theils in der natürlichen theils in der Kunst-Re<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>ligion der Fall ist. Sondern dieser Gott wird unmittelbar als Selbst, als ein wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>licher einzelner Mensch, sinnlich angeschaut; so nur <hi rendition="#g">ist</hi> er Selbstbewußtseyn.</p>
<p><lb n="14"/>Diese Menschwerdung des göttlichen Wesens, oder daß es wesentlich und<lb n="15"/>unmittelbar die Gestalt des Selbstbewußtseyns hat, ist der einfache Inhalt der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>soluten Religion. In ihr wird das Wesen als Geist gewußt, oder sie ist sein Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>seyn über sich, Geist zu seyn. Denn der Geist ist das Wissen seiner selbst in seiner<lb n="18"/>Entäusserung; das Wesen, das die Bewegung ist, in seinem Andersseyn die Gleich<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>heit mit sich selbst zu behalten. Diß aber ist die Substanz, insofern sie in ihrer<lb n="20"/>Accidentalität ebenso in sich reflectirt, nicht dagegen als gegen ein unwesentliches<lb n="21"/>und somit in einem fremden sich befindendes gleichgültig, sondern darin <hi rendition="#g">in</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">sich</hi>, d. h. insofern sie <hi rendition="#g">Subject</hi> oder <hi rendition="#g">Selbst</hi> ist. – In dieser Religion ist deß<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>wegen das göttliche Wesen <hi rendition="#g">geoffenbart</hi>. Sein Offenbarseyn besteht offenbar<lb n="24"/>darin, daß gewußt wird, was es ist. Es wird aber gewußt, eben indem es als Geist<lb n="25"/>gewußt wird, als Wesen, das wesentlich <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> ist. – Dem <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">wußtseyn</hi> ist in seinem Gegenstand dann etwas geheim, wenn er ein <hi rendition="#g">Anderes</hi><lb n="27"/>oder <hi rendition="#g">Fremdes</hi> für es ist, und wenn es ihn nicht als <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> weiß. Diß Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>heimseyn hört auf, indem das absolute Wesen als Geist Gegenstand des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>seyns ist; denn so ist er als <hi rendition="#g">Selbst</hi> in seinem Verhältnisse zu ihm; d. h. dieses<lb n="30"/>weiß unmittelbar sich darin, oder es ist sich in ihm offenbar. Es selbst ist sich nur<lb n="31"/>in der eignen Gewißheit seiner offenbar; jener sein Gegenstand ist das <hi rendition="#g">Selbst</hi>,<lb n="32"/>das Selbst aber ist kein Fremdes, sondern die untrennbare Einheit mit sich, das<lb n="33"/>unmittelbar allgemeine. Es ist der reine Begriff, das reine Denken oder <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyn</hi>, das unmittelbar <hi rendition="#g">Seyn</hi>, und damit <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, und als dieses<lb n="35"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> unmittelbar in sich zurückgekehrt, und bey sich selbst; es<lb n="36"/>ist also das wahrhaft und allein offenbare. Das Gütige, Gerechte, Heilige, Schöpfer<lb n="37"/>Himmels und der Erde u.s.f. sind <hi rendition="#g">Prädicate</hi> eines Subjects, – allgemeine Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>mente, die an diesem Puncte ihren Halt haben, und nur erst im Rückgehen des<lb n="39"/>Bewußtseyns ins Denken sind. – Indem <hi rendition="#g">sie</hi> gewußt werden, ist ihr Grund und</p>
<pb n="406" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=413" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Wesen, das <hi rendition="#g">Subject</hi> selbst, noch nicht offenbar, und ebenso sind die <hi rendition="#g">Bestim<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="2" break="no"/><hi rendition="#g">mungen</hi> des Allgemeinen, nicht diß <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> selbst. Das <hi rendition="#g">Subject</hi> selbst,<lb n="3"/>und damit auch diß <hi rendition="#g">reine</hi> <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> ist aber offenbar als <hi rendition="#g">Selbst</hi>, denn<lb n="4"/>diß ist eben diß in sich reflectirte Innre, das unmittelbar da, und die eigne Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>heit desjenigen Selbsts ist, für welches es da ist. Diß – seinem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> nach das<lb n="6"/>offenbare zu seyn, – ist also die wahre Gestalt des Geistes, und diese seine Gestalt,<lb n="7"/>der Begriff, ist ebenso allein sein Wesen und Substanz. Er wird gewußt als Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>bewußtseyn und ist diesem unmittelbar offenbar, denn er ist dieses selbst; die gött<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>liche Natur ist dasselbe, was die menschliche ist, und diese Einheit ist es, die an<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>geschaut wird.</p>
<p><lb n="11"/>Hier also ist in der That das Bewußtseyn oder die Weise, wie das Wesen für es<lb n="12"/>selbst ist, seine Gestalt, seinem Selbstbewußtseyn gleich; diese Gestalt ist selbst<lb n="13"/>ein Selbstbewußtseyn; sie ist damit zugleich <hi rendition="#g">seyender</hi> Gegenstand und dieses<lb n="14"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> hat ebenso unmittelbar die Bedeutung des <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi>, des ab<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>soluten Wesens. – Das absolute Wesen, welches als ein wirkliches Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>seyn da ist, scheint von seiner ewigen Einfachheit <hi rendition="#g">herabgestiegen</hi> zu seyn,<lb n="17"/>aber in der That hat es damit erst sein <hi rendition="#g">höchstes</hi> Wesen erreicht. Denn der Begriff<lb n="18"/>des Wesens, erst indem er seine einfache Reinheit erlangt hat, ist er die absolute<lb n="19"/><hi rendition="#g">Abstraction</hi> welche <hi rendition="#g">reines</hi> <hi rendition="#g">Denken</hi> und damit die reine Einzelnheit des<lb n="20"/>Selbsts, so wie um seiner Einfachheit willen das <hi rendition="#g">Unmittelbare</hi> oder <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="21"/>ist. – Was das sinnliche Bewußtseyn genannt wird, ist eben diese reine <hi rendition="#g">Abstrac<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">tion</hi>, es ist diß Denken, für welches das <hi rendition="#g">Seyn</hi>, das <hi rendition="#g">Unmittelbare</hi> ist. Das<lb n="23"/>niedrigste ist also zugleich das höchste, das ganz an die <hi rendition="#g">Oberfläche</hi> heraus<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>getretene Offenbare ist eben darin das <hi rendition="#g">Tiefste</hi>. Daß das höchste Wesen als ein<lb n="25"/>seyendes Selbstbewußtseyn gesehen, gehört u.s.f. wird, diß ist also in der That<lb n="26"/>die Vollendung seines Begriffes; und durch diese Vollendung ist das Wesen so<lb n="27"/>unmittelbar <hi rendition="#g">da</hi>, als es Wesen ist.</p>
<p><lb n="28"/>Diß unmittelbare Daseyn ist zugleich nicht allein und bloß unmittelbares Be<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>wußtseyn, sondern es ist religiöses Bewußtseyn; die Unmittelbarkeit hat un<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>getrennt die Bedeutung nicht nur eines <hi rendition="#g">seyenden</hi> Selbstbewußtseyns, sondern<lb n="31"/>des rein gedachten oder absoluten <hi rendition="#g">Wesens</hi>. Wessen wir uns in unserem Begriffe<lb n="32"/>bewußt sind, daß das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, ist das religiöse Bewußtseyn sich bewußt.<lb n="33"/>Diese <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Seyns und Wesens, des <hi rendition="#g">Denkens</hi>, das unmittelbar <hi rendition="#g">Daseyn</hi><lb n="34"/>ist, ist wie es der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> dieses religiösen Bewußtseyns oder sein <hi rendition="#g">vermittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">tes</hi> Wissen ist, ebenso <hi rendition="#g">sein</hi> <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> Wissen; denn diese Einheit des<lb n="36"/>Seyns und Denkens ist das <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn, und ist selbst <hi rendition="#g">da</hi>, oder die <hi rendition="#g">ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">dachte</hi> Einheit hat zugleich diese Gestalt dessen, was sie ist. Gott ist also hier</p>
<pb n="407" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=414" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. OFFENBARE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">offenbar</hi>, wie <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>; <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> so <hi rendition="#g">da</hi>, wie er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist; er ist da, als Geist. Gott<lb n="2"/>ist allein im reinen speculativen Wissen erreichbar, und ist nur in ihm und ist nur<lb n="3"/>es selbst, denn er ist der Geist; und dieses speculative Wissen ist das Wissen der<lb n="4"/>offenbaren Religion. Jenes weiß ihn als <hi rendition="#g">Denken</hi> oder reines Wesen, und diß<lb n="5"/>Denken als Seyn und als Daseyn, und das Daseyn als die Negativität seiner selbst,<lb n="6"/>hiemit als Selbst, <hi rendition="#g">dieses</hi> und allgemeines Selbst; ebendiß weiß die offenbare<lb n="7"/>Religion. – Die Hoffnungen und Erwartungen der vorhergehenden Welt drängten<lb n="8"/>sich allein auf diese Offenbarung hin, anzuschauen, was das absolute Wesen ist,<lb n="9"/>und sich selbst in ihm zu finden; diese Freude wird dem Selbstbewußtseyn und<lb n="10"/>ergreifft die ganze Welt, im absoluten Wesen sich zu schauen, denn es ist Geist,<lb n="11"/>es ist die einfache Bewegung jener reinen Momente, die diß selbst ausdrükt, daß<lb n="12"/>das Wesen dadurch erst, daß es als <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> Selbstbewußtseyn angeschaut<lb n="13"/>wird, als Geist gewußt wird.</p>
<p><lb n="14"/>Dieser Begriff des selbst sich selbst als Geist wissenden Geistes ist selbst der unmit<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>telbare, und noch nicht entwickelt. Das Wesen ist Geist, oder es ist erschienen, es<lb n="16"/>ist offenbar; diß erste Offenbarseyn ist selbst <hi rendition="#g">unmittelbar</hi>; aber die Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>barkeit ist ebenso reine Vermittlung oder Denken; sie muß daher an ihr selbst<lb n="18"/>als solcher diß darstellen. – Bestimmter diß betrachtet, so ist der Geist in der Un<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>mittelbarkeit des Selbstbewußtseyns <hi rendition="#g">dieses</hi> <hi rendition="#g">einzelne</hi> Selbstbewußtseyn, dem<lb n="20"/><hi rendition="#g">allgemeinen</hi> entgegengesetzt; er ist ausschliessendes Eins, das für das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyn, <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">welches</hi> es da ist, die noch unaufgelöste Form eines <hi rendition="#g">sinnlichen</hi><lb n="22"/><hi rendition="#g">Andern</hi> hat; dieses weiß den Geist noch nicht als den seinen, oder der Geist ist<lb n="23"/>noch nicht wie er <hi rendition="#g">einzelnes</hi> Selbst ist, ebensowohl als allgemeines, als Alles<lb n="24"/>Selbst da. Oder die Gestalt hat noch nicht die Form des <hi rendition="#g">Begriffs</hi>; d. h. des<lb n="25"/>allgemeinen Selbsts, des Selbsts, das in seiner unmittelbaren Wirklichkeit ebenso<lb n="26"/>aufgehobnes, Denken, Allgemeinheit ist, ohne in dieser jene zu verlieren. – Die<lb n="27"/>nächste und selbst unmittelbare Form dieser Allgemeinheit ist aber nicht schon<lb n="28"/>die Form <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> selbsts, <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Begriffes</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Begriffes</hi>, sondern die<lb n="29"/>Allgemeinheit der Wirklichkeit, die Allheit der Selbst, und die Erhebung des<lb n="30"/>Daseyns in die Vorstellung; wie überall, und um ein bestimmtes Beyspiel an<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>zuführen, das aufgehobne <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Dieses</hi>, erst das Ding der <hi rendition="#g">Wahrneh<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">mung</hi>, noch nicht das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> des Verstandes ist.</p>
<p><lb n="33"/>Dieser einzelne Mensch also, als welcher das absolute Wesen offenbar ist, voll<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>bringt an ihm als Einzelnem die Bewegung des <hi rendition="#g">sinnlichen</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>. Er ist der<lb n="35"/><hi rendition="#g">unmittelbar</hi> gegenwärtige Gott; dadurch geht sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> in <hi rendition="#g">Gewesenseyn</hi><lb n="36"/>über. Das Bewußtseyn, für welches er diese sinnliche Gegenwart hat, hört auf,<lb n="37"/>ihn zu sehen, zu hören; es <hi rendition="#g">hat</hi> ihn gesehen und gehört; und erst dadurch, daß<lb n="38"/>es ihn nur gesehen, gehört <hi rendition="#g">hat</hi>, wird es selbst geistiges Bewußtseyn oder wie<lb n="39"/>er vorher als <hi rendition="#g">sinnliches</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi> für es aufstand, ist er itzt im <hi rendition="#g">Geiste</hi> auf-</p>
<pb n="408" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=415" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>gestanden. – Denn als solches, das ihn sinnlich sieht und hört, ist es selbst nur un<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>mittelbares Bewußtseyn, das die Ungleichheit der Gegenständlichkeit nicht auf<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gehoben, nicht ins reine Denken zurückgenommen hat, sondern diesen gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>ständlichen Einzelnen, nicht aber sich selbst als Geist weiß. In dem Verschwinden<lb n="5"/>des unmittelbaren Daseyns des als absoluten Wesens gewußten erhält das Un<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mittelbare sein negatives Moment; der Geist bleibt unmittelbares Selbst der Wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichkeit, aber <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">allgemeine</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> der Gemeine, das in<lb n="8"/>seiner eignen Substanz ruht, so wie diese in ihm allgemeines Subject ist; nicht<lb n="9"/>der Einzelne für sich, sondern zusammen mit dem Bewußtseyn der Gemeine,<lb n="10"/>und das was er für diese ist, ist das vollständige Ganze desselben.</p>
<p><lb n="11"/><hi rendition="#g">Vergangenheit</hi> und <hi rendition="#g">Entfernung</hi> sind aber nur die unvollkommne Form,<lb n="12"/>wie die unmittelbare Weise vermittelt oder allgemein gesetzt ist; diese ist nur<lb n="13"/>oberflächlich in das Element des Denkens getaucht, ist <hi rendition="#g">als</hi> sinnliche Weise darin<lb n="14"/>aufbewahrt, und mit der Natur des Denkens selbst nicht in Eins gesetzt. Es ist nur<lb n="15"/>in das <hi rendition="#g">Vorstellen</hi> erhoben, denn diß ist die synthetische Verbindung der sinn<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>lichen Unmittelbarkeit, und ihrer Allgemeinheit oder des Denkens.</p>
<p><lb n="17"/>Diese <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Vorstellens</hi> macht die Bestimmtheit aus, in welcher der<lb n="18"/>Geist in dieser seiner Gemeine, seiner bewußt wird. Sie ist noch nicht das zu seinem<lb n="19"/>Begriffe als Begriffe gediehene Selbstbewußtseyn desselben; die Vermittelung ist<lb n="20"/>noch unvollendet. Es ist also in dieser Verbindung des Seyns und Denkens der<lb n="21"/>Mangel vorhanden, daß das geistige Wesen noch mit einer unversöhnten Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>zweyung in ein Disseits und Jenseits behaftet ist. Der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> ist der wahre, aber<lb n="23"/>alle seine Momente haben, in dem Elemente des Vorstellens gesetzt, den Charak<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>ter, nicht begriffen zu seyn, sondern als vollkommen selbstständige Seiten zu<lb n="25"/>erscheinen, die sich <hi rendition="#g">äusserlich</hi> aufeinander beziehen. Daß der wahre Inhalt<lb n="26"/>auch seine wahre Form für das Bewußtseyn erhalte, dazu ist die höhere Bildung des<lb n="27"/>letztern nothwendig, seine Anschauung der absoluten Substanz in den Begriff<lb n="28"/>zu erheben, und <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> sein Bewußtseyn mit seinem Selbstbewußtseyn<lb n="29"/>auszugleichen, wie diß für uns oder <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geschehen ist.</p>
<p><lb n="30"/>Dieser Inhalt ist in der Weise, wie er in seinem Bewußtseyn ist, zu betrachten. –<lb n="31"/>Der absolute Geist ist <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, so ist er in der Gestalt seiner <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>. Aber<lb n="32"/>seine Wahrheit ist nicht nur die Substanz der Gemeinde, oder das <hi rendition="#g">Ansich</hi> der<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>selben zu seyn, noch auch nur aus dieser Innerlichkeit in die Gegenständlichkeit<lb n="34"/>des Vorstellens heraufzutreten, sondern wirkliches Selbst zu werden, sich in sich<lb n="35"/>zu reflectiren und Subject zu seyn. Diß ist also die Bewegung, welche er in seiner<lb n="36"/>Gemeine vollbringt, oder diß ist das Leben desselben. Was dieser sich offenbarende<lb n="37"/>Geist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, wird daher nicht dadurch herausgebracht, daß sein<lb n="38"/>reiches Leben in der Gemeine, gleichsam aufgedreht und auf seinen ersten Faden<lb n="39"/>zurückgeführt wird, etwa auf die Vorstellungen der ersten unvollkommnen</p>
<pb n="409" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=416" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. OFFENBARE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>Gemeine, oder gar auf das, was der wirkliche Mensch gesprochen hat. Dieser<lb n="2"/>Zurückführung liegt der Instinct zu Grunde, auf den Begriff zu gehen; aber sie<lb n="3"/>verwechselt den <hi rendition="#g">Ursprung</hi> als das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi> der ersten Erschei<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>nung mit der <hi rendition="#g">Einfachheit</hi> des <hi rendition="#g">Begriffes</hi>. Durch diese Verarmung des Lebens<lb n="5"/>des Geistes, durch das Wegräumen der Vorstellung der Gemeine und ihres Thuns<lb n="6"/>gegen ihre Vorstellung, entsteht daher statt des Begriffes vielmehr die blosse<lb n="7"/>Aeusserlichkeit und Einzelnheit, die geschichtliche Weise der unmittelbaren Er<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>scheinung und die geistlose Erinnerung einer einzelnen gemeynten Gestalt und<lb n="9"/>ihrer Vergangenheit.</p>
<p><lb n="10"/>Der Geist ist Inhalt seines Bewußtseyns zuerst in der Form <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Sub<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="11" break="no"/><hi rendition="#g">stanz</hi><seg rend="g-umgekehrt">,</seg> oder ist Inhalt seines reinen Bewußtseyns. Diß Element des Denkens ist<lb n="12"/>die Bewegung, zum Daseyn oder der Einzelnheit herunter zu steigen. Die Mitte<lb n="13"/>zwischen ihnen ist ihre synthetische Verbindung, das Bewußtseyn des Anders<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>werdens oder das Vorstellen als solches. Das dritte ist die Rückkehr aus der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>stellung und dem Andersseyn oder das Element des Selbstbewußtseyns selbst. –<lb n="16"/>Diese drey Momente machen den Geist aus; sein Auseinandertreten in der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stellung besteht darin, auf eine <hi rendition="#g">bestimmte</hi> Weise zu seyn; diese Bestimmtheit<lb n="18"/>aber ist nichts anderes, als eines seiner Momente. Seine ausführliche Bewegung<lb n="19"/>ist also diese, in jedem seiner Momente, als in einem Elemente seine Natur aus<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>zubreiten; indem jeder dieser Kreise sich in sich vollendet, ist diese seine Reflexion<lb n="21"/>in sich zugleich der Uebergang in den Andern. Die <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> macht die<lb n="22"/>Mitte zwischen dem reinen Denken und dem Selbstbewußtseyn als solchem aus,<lb n="23"/>und ist nur <hi rendition="#g">eine</hi> der Bestimmtheiten; zugleich aber, wie sich gezeigt, ist ihr<lb n="24"/>Charakter, die synthetische Verbindung zu seyn, über alle diese Elemente aus<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>gebreitet, und ihre gemeinschaftliche Bestimmtheit.</p>
<p><lb n="26"/>Der Inhalt selbst, der zu betrachten ist, ist zum Theil schon als die Vorstellung<lb n="27"/>des <hi rendition="#g">unglücklichen</hi> und <hi rendition="#g">glaubenden</hi> Bewußtseyns vorgekommen; – in jenem<lb n="28"/>aber in der Bestimmung des aus dem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> <hi rendition="#g">hervorgebrachten</hi> und<lb n="29"/><hi rendition="#g">ersehnten</hi> Inhalts, worin der Geist sich nicht ersättigen noch Ruhe finden kann,<lb n="30"/>weil er noch nicht <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder als seine <hi rendition="#g">Substanz</hi> sein Inhalt ist; – in diesem<lb n="31"/>dagegen ist er als das selbstlose <hi rendition="#g">Wesen</hi> der Welt oder als wesentlich <hi rendition="#g">gegen<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="32" break="no"/><hi rendition="#g">ständlicher</hi> Inhalt des Vorstellens betrachtet worden, – eines Vorstellens, das<lb n="33"/>der Wirklichkeit überhaupt entflieht, und daher ohne die <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Selbst<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">bewußtseyns</hi> ist, die sich theils als Eitelkeit des Wissens theils als reine Einsicht<lb n="35"/>von ihm trennt. – Das Bewußtseyn der Gemeine hingegen hat ihn zu seiner <hi rendition="#g">Sub<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">stanz</hi><seg rend="g-umgekehrt">,</seg> ebenso als er ihre <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> des eignen Geistes ist.</p>
<p><lb n="37"/>Der Geist zuerst als Substanz im <hi rendition="#g">Elemente</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Denkens</hi> vor-</p>
<pb n="410" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=417" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>gestellt, ist er hiemit unmittelbar das einfache sich selbstgleiche, ewige <hi rendition="#g">Wesen</hi>,<lb n="2"/>das aber nicht diese abstracte <hi rendition="#g">Bedeutung</hi> des Wesens, sondern die Bedeutung<lb n="3"/>des absoluten Geistes hat. Allein der Geist ist diß, nicht Bedeutung, nicht das Innre,<lb n="4"/>sondern das Wirkliche zu seyn. Das einfache ewige Wesen daher würde nur dem<lb n="5"/>leeren Worte nach Geist seyn, wenn es bey der Vorstellung und dem Ausdrucke<lb n="6"/>des einfachen ewigen Wesens bliebe. Das einfache Wesen aber, weil es die Ab<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>straction ist, ist es in der That das <hi rendition="#g">negative</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, und zwar die Nega<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>tivität des Denkens oder sie wie sie im <hi rendition="#g">Wesen</hi> an sich ist; d. h. es ist der absolute<lb n="9"/><hi rendition="#g">Unterschied</hi> von sich, oder sein reines Anderswerden. Als <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist es nur<lb n="10"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder für uns; aber indem diese Reinheit eben die Abstraction oder Nega<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>tivität ist, ist es <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, oder das <hi rendition="#g">Selbst</hi>, der <hi rendition="#g">Begriff</hi>. – Es ist also<lb n="12"/><hi rendition="#g">gegenständlich</hi>; und indem die Vorstellung die so eben ausgesprochne <hi rendition="#g">Noth<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">wendigkeit</hi> des Begriffs als ein <hi rendition="#g">Geschehen</hi> auffaßt und ausspricht, so wird<lb n="14"/>gesagt werden, daß das ewige Wesen sich ein Anderes <hi rendition="#g">erzeugt</hi>. Aber in diesem<lb n="15"/>Andersseyn ist es ebenso unmittelbar in sich zurückgekehrt; denn der Unterschied<lb n="16"/>ist der Unterschied <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, d. h. er ist unmittelbar nur von sich selbst unter<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schieden, er ist also die in sich zurückgekehrte Einheit.</p>
<p><lb n="18"/>Es unterscheiden sich also die drey Momente, des <hi rendition="#g">Wesens</hi>, des <hi rendition="#g">Fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi>, welches das Andersseyn des Wesens ist und für welches das Wesen ist,<lb n="20"/>und des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> oder sich selbst Wissens <hi rendition="#g">im</hi> <hi rendition="#g">Andern</hi>. Das Wesen schaut<lb n="21"/>nur sich selbst in seinem Fürsichseyn an; es ist in dieser Entäusserung nur bey sich,<lb n="22"/>das Fürsichseyn, das sich von dem Wesen ausschließt, ist das <hi rendition="#g">Wissen</hi> des <hi rendition="#g">We<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">sens</hi> <hi rendition="#g">seiner</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>; es ist das Wort, das ausgesprochen den Aussprechenden<lb n="24"/>entäussert und ausgeleert zurückläßt, aber ebenso unmittelbar vernommen ist,<lb n="25"/>und nur dieses sich selbst Vernehmen ist das Daseyn des Wortes. So daß die Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>schiede, die gemacht sind, ebenso unmittelbar aufgelöst als sie gemacht, und ebenso<lb n="27"/>unmittelbar gemacht als sie aufgelöst sind, und das Wahre und Wirkliche eben<lb n="28"/>diese in sich kreisende Bewegung ist.</p>
<p><lb n="29"/>Diese Bewegung in sich selbst spricht das absolute Wesen als <hi rendition="#g">Geist</hi> aus; das<lb n="30"/>absolute Wesen, das nicht als Geist erfaßt wird, ist nur das abstracte Leere, so wie<lb n="31"/>der Geist, der nicht als diese Bewegung erfaßt wird, nur ein leeres Wort ist. In<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>dem seine <hi rendition="#g">Momente</hi> in ihrer Reinheit gefaßt werden, sind sie die ruhelosen<lb n="33"/>Begriffe, die nur sind ihr Gegentheil an sich selbst zu seyn und ihre Ruhe im Ganzen<lb n="34"/>zu haben. Aber das <hi rendition="#g">Vorstellen</hi> der Gemeine ist nicht diß <hi rendition="#g">begreiffende</hi> Den<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>ken; sondern hat den Inhalt ohne seine Nothwendigkeit, und bringt statt der Form<lb n="36"/>des Begriffes die natürlichen Verhältnisse von Vater und Sohn in das Reich des<lb n="37"/>reinen Bewußtseyns. Indem es so im Denken selbst sich <hi rendition="#g">vorstellend</hi> verhält,</p>
<pb n="411" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=418" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>ist ihm das Wesen zwar offenbar, aber die Momente desselben treten ihm um<lb n="2"/>dieser synthetischen Vorstellung willen theils selbst auseinander, so daß sie nicht<lb n="3"/>durch ihren eignen Begriff sich aufeinander beziehen, theils tritt es von diesem<lb n="4"/>seinem reinen Gegenstand zurück, bezieht sich nur äusserlich auf ihn; er ist ihm<lb n="5"/>von einem Fremden geoffenbart, und in diesem Gedanken des Geistes erkennt<lb n="6"/>es nicht sich selbst, nicht die Natur des reinen Selbstbewußtseyns. Insofern über<lb n="7"/>die Form des Vorstellens und jener Verhältnisse, die aus dem Natürlichen her<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>genommen sind, und damit besonders auch darüber hinausgegangen werden<lb n="9"/>muß, die Momente der Bewegung, die der Geist ist, für isolirte nichtwankende<lb n="10"/>Substanzen oder Subjecte, statt für übergehende Momente zu nehmen, – ist diß<lb n="11"/>Hinausgehen, wie vorhin bey einer andern Seite erinnert wurde, für ein Drängen<lb n="12"/>des Begriffes anzusehen; aber indem es nur Instinkt ist, verkennt es sich, verwirrt<lb n="13"/>mit der Form auch den Inhalt, und, was dasselbe ist, setzt ihn zu einer geschicht<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>lichen Vorstellung und einem Erbstücke der Tradition herab; hierin ist das rein<lb n="15"/>Aeusserliche des Glaubens nur beybehalten, und damit als ein erkenntnißloses<lb n="16"/>Todtes, das <hi rendition="#g">Innerliche</hi> desselben aber ist verschwunden, weil diß der Begriff<lb n="17"/>wäre, der sich als Begriff weiß.</p>
<p><lb n="18"/>Der absolute Geist, im <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> vorgestellt, ist zwar nicht das <hi rendition="#g">ab<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="19" break="no"/><hi rendition="#g">stracte</hi> reine Wesen, sondern dieses ist vielmehr ebendadurch, daß es im Geiste<lb n="20"/>nur Moment ist, zum <hi rendition="#g">Elemente</hi> herabgesunken. Die Darstellung des Geistes<lb n="21"/>aber in diesem Elemente hat denselben Mangel der Form nach an sich, den das<lb n="22"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> als Wesen hat. Das Wesen ist das abstracte, und darum das negative seiner<lb n="23"/>Einfachheit, ein anderes; ebenso der <hi rendition="#g">Geist</hi> im Elemente des Wesens ist die <hi rendition="#g">Form</hi><lb n="24"/>der <hi rendition="#g">einfachen</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi>, die darum ebenso wesentlich ein Anderswerden ist. –<lb n="25"/>Oder was dasselbe ist, die Beziehung des ewigen Wesens auf sein Fürsichseyn ist<lb n="26"/>die unmittelbar-einfache des reinen Denkens; in diesem <hi rendition="#g">einfachen</hi> Anschauen<lb n="27"/>seiner selbst im Andern ist also das <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> nicht als solches gesetzt; es ist<lb n="28"/>der Unterschied, wie er im reinen Denken unmittelbar <hi rendition="#g">kein</hi> <hi rendition="#g">Unterschied</hi> ist;<lb n="29"/>ein Anerkennen <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Liebe</hi>, worin die beyden nicht ihrem Wesen nach sich<lb n="30"/><hi rendition="#g">entgegensetzten</hi>. – Der Geist, der im Elemente des reinen Denkens ausgesprochen<lb n="31"/>ist, ist wesentlich selbst dieses, nicht in ihm nur, sondern <hi rendition="#g">Wirklicher</hi> zu seyn,<lb n="32"/>denn in seinem Begriffe liegt selbst das <hi rendition="#g">andersseyn</hi>, d. h. das Aufheben des<lb n="33"/>reinen nur gedachten Begriffes.</p>
<p><lb n="34"/>Das Element des reinen Denkens, weil es das abstracte ist, ist selbst vielmehr<lb n="35"/>das <hi rendition="#g">Andre</hi> seiner Einfachheit, und geht daher in das eigentliche Element des<lb n="36"/><hi rendition="#g">Vorstellens</hi> über, – das Element, worin die Momente des reinen Begriffes ein<lb n="37"/><hi rendition="#g">substantielles</hi> Daseyn ebenso gegeneinander erhalten, als sie <hi rendition="#g">Subjecte</hi> sind, die<lb n="38"/>nicht für ein drittes die Gleichgültigkeit des Seyns gegeneinander haben, sondern<lb n="39"/>in sich reflectirt sich selbst voneinander absondern und entgegen stellen.</p>
<pb n="412" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=419" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>Der also nur ewige oder abstracte Geist wird sich <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Anders</hi> oder tritt in<lb n="2"/>das Daseyn und unmittelbar in das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> <hi rendition="#g">Daseyn</hi>. Er <hi rendition="#g">erschafft</hi><lb n="3"/>also eine <hi rendition="#g">Welt</hi>. Dieses <hi rendition="#g">Erschaffen</hi> ist das Wort der Vorstellung für den <hi rendition="#g">Begriff</hi><lb n="4"/>selbst nach seiner absoluten Bewegung, oder dafür daß das als absolut ausgesagte<lb n="5"/>Einfache oder reine Denken, weil es das abstracte ist, vielmehr das negative und<lb n="6"/>hiemit sich entgegengesetzte oder <hi rendition="#g">Andre</hi> ist; – oder weil um dasselbe noch in<lb n="7"/>einer andern Form zu sagen, weil das als <hi rendition="#g">Wesen</hi> gesetzte die einfache <hi rendition="#g">Un<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="8" break="no"/><hi rendition="#g">mittelbarkeit</hi> oder das <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist, aber als Unmittelbarkeit oder Seyn, des<lb n="9"/>Selbsts entbehrt, und also, der Innerlichkeit ermangelnd <hi rendition="#g">passiv</hi> oder <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="10"/><hi rendition="#g">anderes</hi> ist. – <hi rendition="#g">Diß</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist zugleich <hi rendition="#g">eine</hi> <hi rendition="#g">Welt</hi>; der Geist, in<lb n="11"/>der Bestimmung des <hi rendition="#g">Seyns</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist das ruhige Bestehen der vorhin<lb n="12"/>in das reine Denken eingeschlossenen Momente, also die Auflösung ihrer ein<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>fachen Allgemeinheit und das Auseinandergehen derselben in ihre eigne Beson<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>derheit.</p>
<p><lb n="15"/>Die Welt ist aber nicht nur dieser auseinander in die Vollständigkeit und deren<lb n="16"/>äussere Ordnung geworfene Geist, sondern da er wesentlich das einfache Selbst<lb n="17"/>ist, ist dieses an ihr ebenso vorhanden; der <hi rendition="#g">daseyende</hi> Geist, der das einzelne<lb n="18"/>Selbst ist, welches das Bewußtseyn hat, und sich als Andres oder als Welt von<lb n="19"/>sich unterscheidet. – Wie dieses einzelne Selbst so unmittelbar erst gesetzt ist, ist<lb n="20"/>es noch nicht <hi rendition="#g">Geist</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; es <hi rendition="#g">ist</hi> also nicht <hi rendition="#g">als</hi> Geist, es kann <hi rendition="#g">unschuldig</hi>,<lb n="21"/>aber nicht wohl <hi rendition="#g">gut</hi> genannt werden. Daß es in der That Selbst und Geist sey,<lb n="22"/>muß es ebenso, wie das ewige Wesen sich als die Bewegung in seinem Andersseyn<lb n="23"/>sich selbst gleich zu seyn darstellt, zunächst sich selbst ein <hi rendition="#g">Anderes</hi> werden. In<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>dem dieser Geist bestimmt ist, als erst unmittelbar daseyend oder als in die Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>faltigkeit seines Bewußtseyns zerstreut, so ist sein Anderswerden das <hi rendition="#g">insich</hi><lb n="26"/>gehen des Wissens überhaupt. Das unmittelbare Daseyn schlägt in den Gedanken,<lb n="27"/>oder das nur sinnliche Bewußtseyn in das Bewußtseyn des Gedankens um, und<lb n="28"/>zwar, weil er der aus der Unmittelbarkeit herkommende oder <hi rendition="#g">bedingte</hi> Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>danke ist, ist er nicht das reine Wissen, sondern der Gedanke, der das Andersseyn<lb n="30"/>an ihm hat, und also der sich selbst entgegengesetzte Gedanke des <hi rendition="#g">Guten</hi> und<lb n="31"/><hi rendition="#g">Bösen</hi>. Der Mensch wird so vorgestellt, daß es <hi rendition="#g">geschehen</hi> ist, als etwas nicht<lb n="32"/>nothwendiges, – daß er die Form der Sichselbstgleichheit durch das Pflücken<lb n="33"/>vom Baume des Erkenntnisses des <hi rendition="#g">Guten</hi> und <hi rendition="#g">Bösen</hi> verlor, und aus dem<lb n="34"/>Zustande des unschuldigen Bewußtseyns, aus der arbeitlos sich darbietenden<lb n="35"/>Natur und dem Paradiese, dem Garten der Thiere, vertrieben wurde.</p>
<p><lb n="36"/>Indem diß Insichgehen des daseyenden Bewußtseyns sich unmittelbar als das<lb n="37"/>sich selbst <hi rendition="#g">ungleich</hi> werden bestimmt, so erscheint das <hi rendition="#g">Böse</hi> als das erste Da<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>seyn des in sich gegangenen Bewußtseyns; und weil die Gedanken des <hi rendition="#g">Guten</hi><lb n="39"/>und <hi rendition="#g">Bösen</hi> schlechthin entgegengesetzte, und diese Entgegensetzung noch nicht</p>
<pb n="413" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=420" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/>aufgelöst ist, so ist diß Bewußtseyn wesentlich nur das Böse. Zugleich aber ist<lb n="2"/>um eben dieser Entgegensetzung willen auch das <hi rendition="#g">gute</hi> Bewußtseyn gegen es<lb n="3"/>vorhanden, und ihr Verhältniß zu einander. – Insofern das unmittelbare Daseyn<lb n="4"/>in den <hi rendition="#g">Gedanken</hi> umschlägt, und das <hi rendition="#g">insichseyn</hi> theils selbst Denken, theils das<lb n="5"/>Moment des <hi rendition="#g">Anderswerdens</hi> des Wesens damit näher bestimmt ist, so kann<lb n="6"/>das Bösewerden, weiter rückwärts aus der daseyenden Welt hinaus schon in das<lb n="7"/>erste Reich des Denkens verlegt werden. Es kann also gesagt werden, daß schon<lb n="8"/>der erstgebohrne Lichtsohn, als in sich gehend es sey, der abgefallen aber an dessen<lb n="9"/>Stelle sogleich ein anderer erzeugt worden. Solche bloß der Vorstellung nicht<lb n="10"/>dem Begriff angehörige Form, wie <hi rendition="#g">Abfallen</hi>; ebenso wie <hi rendition="#g">Sohn</hi>, setzt übrigens<lb n="11"/>die Momente des Begriffs ebenso umgekehrt in das Vorstellen herab, oder trägt<lb n="12"/>das Vorstellen in das Reich des Gedankens hinüber. – Ebenso gleichgültig ist es,<lb n="13"/>dem einfachen Gedanken des <hi rendition="#g">Andersseyns</hi> im ewigen Wesen noch eine Mannich<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>faltigkeit anderer Gestalten beyzuordnen, und das <hi rendition="#g">Insichgehen</hi> in diese zu ver<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>legen. Diese Beyordnung muß darum zugleich gut geheissen werden, weil da<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>durch diß Moment des <hi rendition="#g">Andersseyns</hi>, wie es soll, die Verschiedenheit zugleich<lb n="17"/>ausdrückt; und zwar nicht als Vielheit überhaupt, sondern zugleich als bestimmte<lb n="18"/>Verschiedenheit, so daß der eine Theil, der Sohn, das einfache sich selbst als Wesen<lb n="19"/>wissende ist, der andre Theil aber, die Entäusserung des Fürsichseyns, die nur im<lb n="20"/>Preisse des Wesens lebt; in diesen Theil kann dann auch wieder das Zurücknehmen<lb n="21"/>des entäusserten Fürsichseyns und das Insichgehen des Bösen gelegt werden. In<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>sofern das Andersseyn in zwey zerfällt, wäre der Geist in seinen Momenten be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stimmter, und wenn sie gezählt werden, als Viereinigkeit, oder weil die Menge<lb n="24"/>wieder selbst in zwey Theile, nemlich in gutgebliebne und böse gewordne zer<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>fällt, gar als Fünfeinigkeit ausgedrückt. – Die Momente aber zu <hi rendition="#g">zählen</hi> kann<lb n="26"/>überhaupt als unnütz angesehen werden, indem theils das Unterschiedne selbst<lb n="27"/>ebensosehr nur <hi rendition="#g">Eines</hi> ist, nemlich eben der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> des Unterschiedes, der<lb n="28"/>nur Ein Gedanke ist, als er <hi rendition="#g">dieses</hi> Unterschiedne, das zweyte gegen das Erste<lb n="29"/>ist, – theils aber weil der Gedanke, der das Viele in Eines befaßt, aus seiner All<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>gemeinheit aufgelöst und in mehr als drey oder vier Unterschiedne unterschieden<lb n="31"/>werden muß; – welche Allgemeinheit gegen die absolute Bestimmtheit des ab<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>stracten Eins, des Princips der Zahl, als Unbestimmtheit in der Beziehung auf die<lb n="33"/>Zahl selbst erscheint, so daß nur von <hi rendition="#g">Zahlen</hi> überhaupt, d. h. nicht von einer<lb n="34"/><hi rendition="#g">Anzahl</hi> der Unterschiede die Rede seyn könnte, also hier überhaupt an Zahl<lb n="35"/>und ans Zählen zu denken ganz überflüssig, wie auch sonst der blosse Unterschied<lb n="36"/>der Grösse und Menge begrifflos und nichts sagend ist.</p>
<p><lb n="37"/>Das <hi rendition="#g">Gute</hi> und das <hi rendition="#g">Böse</hi> waren die bestimmten Unterschiede des Gedankens,</p>
<pb n="414" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=421" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>die sich ergaben. Indem ihr Gegensatz sich noch nicht aufgelöst, und sie als Wesen<lb n="2"/>des Gedankens vorgestellt werden, deren jedes für sich selbstständig ist, so ist der<lb n="3"/>Mensch das wesenlose Selbst und der synthetische Boden ihres Daseyns und Kampfs.<lb n="4"/>Aber diese allgemeinen Mächte gehören ebensosehr dem Selbst an oder das Selbst<lb n="5"/>ist ihre Wirklichkeit. Nach diesem Momente geschieht es also, daß wie das Böse<lb n="6"/>nichts anderes ist, als das Insichgehen des natürlichen Daseyns des Geistes, um<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>gekehrt das Gute in die Wirklichkeit tritt und als ein daseyendes Selbstbewußtseyn<lb n="8"/>erscheint. – Was im rein gedachten Geiste als das <hi rendition="#g">Anders</hi>werden des göttlichen<lb n="9"/>Wesens überhaupt nur angedeutet ist, tritt hier seiner Realisirung für das Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>stellen näher; sie besteht ihm in der Selbsterniedrigung des göttlichen Wesens,<lb n="11"/>das auf seine Abstraction und Unwirklichkeit Verzicht thut. – Die andere Seite,<lb n="12"/>das Böse, nimmt das Vorstellen als ein dem göttlichen Wesen fremdes Geschehen;<lb n="13"/>es in demselben selbst, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">seinen</hi> <hi rendition="#g">Zorn</hi> zu fassen, ist die höchste, härteste An<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>strengung des mit sich selbst ringenden Vorstellens, die, da sie des Begriffs ent<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>behrt, fruchtlos bleibt.</p>
<p><lb n="16"/>Die Entfremdung des göttlichen Wesens ist also auf ihre gedoppelte Weise<lb n="17"/>gesetzt; das Selbst des Geistes und sein einfacher Gedanke sind die beyden Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>mente, deren absolute Einheit der Geist selbst ist; seine Entfremdung besteht darin,<lb n="19"/>daß sie auseinandertreten und das eine einen ungleichen Werth gegen das andre<lb n="20"/>hat. Diese Ungleichheit ist darum die gedoppelte, und es entstehen zwey Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>bindungen, deren gemeinschaftliche Momente die angegebnen sind. In der einen<lb n="22"/>gilt das <hi rendition="#g">göttliche</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> als das Wesentliche, das natürliche Daseyn aber und<lb n="23"/>das Selbst als das unwesentliche und aufzuhebende; in der andern gilt dagegen das<lb n="24"/><hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> als das Wesentliche, und das einfache Göttliche als das unwesent<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>liche. Ihre noch leere Mitte ist das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> überhaupt, die blosse Gemeinschafft<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>lichkeit der beyden Momente derselben.</p>
<p><lb n="27"/>Die Auflösung dieses Gegensatzes geschieht nicht sowohl durch den Kampf<lb n="28"/>der beyden, die als getrennte und selbstständige Wesen vorgestellt sind. In ihrer<lb n="29"/><hi rendition="#g">Selbstständigkeit</hi> liegt es, daß <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, durch seinen Begriff, jedes an ihm<lb n="30"/>selbst sich auflösen muß; der Kampf fällt erst dahin, wo beyde aufhören, diese<lb n="31"/>Vermischungen des Gedankens und des selbstständigen Daseyns zu seyn, und wo<lb n="32"/>sie nur als Gedanken einander gegenüberstehen. Denn alsdenn sind sie als be<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>stimmte Begriffe wesentlich nur in der entgegengesetzten Beziehung; als selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>ständige hingegen haben sie ausser der Entgegensetzung ihre Wesentlichkeit;<lb n="35"/>ihre Bewegung ist also die freye und eigne ihrer selbst. Wie also die Bewegung<lb n="36"/>beyder, die Bewegung <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist, weil sie an ihnen selbst zu betrachten ist, so<lb n="37"/>fängt sie auch dasjenige von beyden an, welches als das Ansichseyende gegen das<lb n="38"/>andre bestimmt ist. Es wird diß als ein freiwilliges Thun vorgestellt; aber die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="39" break="no"/>wendigkeit seiner Entäusserung liegt in dem Begriffe, daß das Ansichseyende,</p>
<pb n="415" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=422" type="body"/>
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<p><lb n="1"/>welches nur im Gegensatze so bestimmt ist, ebendarum nicht wahrhaftes Bestehen<lb n="2"/>hat; – dasjenige also, dem nicht das Fürsichseyn, sondern das Einfache als das Wesen<lb n="3"/>gilt, ist es, das sich selbst entäussert, in den Tod geht, und dadurch das absolute<lb n="4"/>Wesen mit sich selbst versöhnt. Denn in dieser Bewegung stellt es sich als <hi rendition="#g">Geist</hi><lb n="5"/>dar; das abstracte Wesen ist sich entfremdet, es hat natürliches Daseyn und selbsti<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>sche Wirklichkeit; diß sein Andersseyn oder seine sinnliche Gegenwart wird durch<lb n="7"/>das zweyte Anderswerden zurückgenommen, und als aufgehobne, als <hi rendition="#g">allgemeine</hi><lb n="8"/>gesetzt; dadurch ist das Wesen in ihr sich selbst geworden; das unmittelbare Da<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyn der Wirklichkeit hat aufgehört ein ihm fremdes oder äusserliches zu seyn,<lb n="10"/>indem es aufgehobnes, allgemeines ist; dieser Tod ist daher sein Erstehen als Geist.</p>
<p><lb n="11"/>Die aufgehobne unmittelbare Gegenwart des selbstbewußten Wesens ist es als<lb n="12"/>allgemeines Selbstbewußtseyn; dieser Begriff des aufgehobnen einzelnen Selbsts,<lb n="13"/>das absolute Wesen ist, drückt daher unmittelbar die Constituirung einer Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>meinde aus, die bisher im Vorstellen verweilend itzt in sich als in das Selbst zurück<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>kehrt; und der Geist geht somit aus dem zweiten Elemente seiner Bestimmung,<lb n="16"/>dem Vorstellen, in das <hi rendition="#g">dritte</hi>, das Selbstbewußtseyn als solches über. – Betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>ten wir noch die Art, wie jenes Vorstellen sich in seinem Fortgange benimmt,<lb n="18"/>so sehen wir zuerst diß ausgedrückt, daß das göttliche Wesen die menschliche<lb n="19"/>Natur annimmt. Darin ist es schon <hi rendition="#g">ausgesprochen</hi>, daß <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> beyde nicht<lb n="20"/>getrennt sind; – wie darin, daß das göttliche Wesen sich selbst <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">Anfang</hi><lb n="21"/>entäussert, sein Daseyn in sich geht und böse wird, es nicht ausgesprochen, aber<lb n="22"/>darin <hi rendition="#g">enthalten</hi> ist, daß <hi rendition="#g">ansich</hi> diß böse Daseyn nicht ein ihm Fremdes ist;<lb n="23"/>das absolute Wesen hätte nur diesen leeren Nahmen, wenn es in Wahrheit ein<lb n="24"/>ihm <hi rendition="#g">Anderes</hi>, wenn es einen <hi rendition="#g">Abfall</hi> von ihm gäbe; – das Moment des <hi rendition="#g">In<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="25" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi> macht vielmehr das wesentliche Moment des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> des Geistes<lb n="26"/>aus. – Daß das <hi rendition="#g">Insichseyn</hi> und damit erst <hi rendition="#g">Wirklichkeit</hi> dem Wesen selbst<lb n="27"/>angehöre, diß was für uns <hi rendition="#g">Begriff</hi> ist, und insofern es Begriff ist, erscheint dem<lb n="28"/>vorstellenden Bewußtseyn als ein unbegreiffliches <hi rendition="#g">Geschehen</hi>; das <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="29"/>nimmt die Form des <hi rendition="#g">gleichgültigen</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi> für es an. Der Gedanke aber, daß<lb n="30"/>jene sich zu fliehen scheinende Momente, des absoluten Wesens und des fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="31" break="no"/>seyenden Selbsts, nicht getrennt sind, erscheint diesem Vorstellen <hi rendition="#g">auch</hi>, – denn<lb n="32"/>es besitzt den wahren Inhalt, – aber nachher, – in der Entäusserung des göttlichen<lb n="33"/>Wesens, das Fleisch wird. Diese Vorstellung, die auf diese Weise noch <hi rendition="#g">unmittel<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="34" break="no"/><hi rendition="#g">bar</hi> und daher nicht geistig ist, oder die menschliche Gestalt des Wesens nur erst<lb n="35"/>als eine besondere, noch nicht allgemeine weiß, wird für diß Bewußtseyn geistig<lb n="36"/>in der Bewegung des gestalteten Wesens sein unmittelbares Daseyn wieder auf<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>zuopfern, und zum Wesen zurückzukehren; das Wesen als <hi rendition="#g">in</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">reflectirtes</hi><lb n="38"/>ist erst der Geist. – Die <hi rendition="#g">Versöhnung</hi> des göttlichen Wesens mit dem <hi rendition="#g">Andern</hi><lb n="39"/>überhaupt und bestimmt mit dem <hi rendition="#g">Gedanken</hi> desselben, dem <hi rendition="#g">Bösen</hi>, ist also</p>
<pb n="416" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=423" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>hierin vorgestellt. – Wenn diese Versöhnung nach <hi rendition="#g">ihrem</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi> so aus<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>gedrückt wird, daß sie darin bestehe, weil <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das <hi rendition="#g">Böse</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi> sey, was<lb n="3"/>das <hi rendition="#g">Gute</hi>, oder auch das göttliche Wesen <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, was die Natur in ihrem<lb n="4"/>ganzen Umfange, so wie die Natur getrennt vom göttlichen Wesen nur das<lb n="5"/><hi rendition="#g">Nichts</hi>, – so ist diß als eine ungeistige Weise sich auszudrücken anzusehen, die<lb n="6"/>nothwendig Misverständnisse erwecken muß. – Indem das Böse <hi rendition="#g">dasselbe</hi> ist,<lb n="7"/>was das Gute, ist eben das Böse nicht Böses noch das Gute Gutes, sondern beyde<lb n="8"/>sind vielmehr aufgehoben, das Böse überhaupt das insichseyende Fürsichseyn,<lb n="9"/>und das Gute das selbstlose Einfache. Indem so beyde nach ihrem Begriffe aus<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gesprochen werden, erhellt zugleich ihre Einheit; denn das insichseyende Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyn ist das einfache Wissen; und das selbstlose Einfache ist ebenso das reine in sich<lb n="12"/>seyende Fürsichseyn. – Sosehr daher gesagt werden muß, daß nach diesem ihrem<lb n="13"/>Begriffe das Gute und Böse, d. h. insofern sie nicht das Gute und das Böse sind,<lb n="14"/><hi rendition="#g">dasselbe</hi> seyen, ebensosehr muß also gesagt werden, daß sie <hi rendition="#g">nicht</hi> dasselbe,<lb n="15"/>sondern schlechthin <hi rendition="#g">verschieden</hi> sind, denn das einfache Fürsichseyn, oder auch<lb n="16"/>das reine Wissen sind gleicherweise die reine Negativität, oder der absolute Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>schied an ihnen selbst. – Erst diese beyden Sätze vollenden das Ganze, und dem<lb n="18"/>Behaupten und Versichern des ersten muß mit unüberwindlicher Hartnäckigkeit<lb n="19"/>das Festhalten an dem andern gegenübertreten; indem beyde gleich Recht haben,<lb n="20"/>haben beyde gleich Unrecht, und ihr Unrecht besteht darin, solche abstracte For<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>men, wie <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, und <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">dasselbe</hi>, die <hi rendition="#g">Identität</hi> und die <hi rendition="#g">Nicht<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">identität</hi> für etwas wahres, festes, wirkliches zu nehmen, und auf ihnen zu be<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>ruhen. Nicht das eine oder das andre hat Wahrheit, sondern eben ihre Bewegung,<lb n="24"/>daß das einfache Dasselbe die Abstraction und damit der absolute Unterschied,<lb n="25"/>dieser aber als Unterschied an sich, von sich selbst unterschieden also die Sich<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>selbstgleichheit ist. Ebendiß ist der Fall mit der <hi rendition="#g">Dieselbigkeit</hi> des göttlichen<lb n="27"/>Wesens und der Natur überhaupt und der menschlichen insbesondre; jenes ist<lb n="28"/>Natur, insofern es nicht Wesen ist; diese ist göttlich nach ihrem Wesen; – aber<lb n="29"/>es ist der Geist, worin beyde abstracte Seiten wie sie in Wahrheit sind, nemlich<lb n="30"/>als <hi rendition="#g">aufgehobne</hi> gesetzt sind, – ein Setzen, das nicht durch das Urtheil, und das<lb n="31"/>geistlose <hi rendition="#g">ist</hi>, die copula desselben, ausgedrückt werden kann. – Ebenso ist die<lb n="32"/>Natur <hi rendition="#g">Nichts</hi> <hi rendition="#g">ausser</hi> ihrem Wesen; aber diß Nichts selbst <hi rendition="#g">ist</hi> ebensosehr; es<lb n="33"/>ist die absolute Abstraction, also das reine Denken oder insichseyn, und mit dem<lb n="34"/>Momente seiner Entgegensetzung gegen die geistige Einheit ist es das <hi rendition="#g">Böse</hi>. Die<lb n="35"/>Schwierigkeit, die in diesen Begriffen statt findet, ist allein das Festhalten am:<lb n="36"/><hi rendition="#g">ist</hi>, und das Vergessen des Denkens, worin die Momente ebenso <hi rendition="#g">sind</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">nicht</hi></p>
<pb n="417" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=424" type="body" subtype="apparat"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">sind</hi>, – nur die Bewegung sind, die der Geist ist. – Diese geistige Einheit oder die<lb n="2"/>Einheit, worin die Unterschiede nur als Momente oder als aufgehobne sind, ist<lb n="3"/>es, die für das vorstellende Bewußtseyn in jener Versöhnung geworden, und in<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>dem sie die Allgemeinheit des Selbstbewußtseyns ist, hat dieses aufgehört, vor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>stellendes zu seyn; die Bewegung ist in es zurückgegangen.</p>
<p><lb n="6"/>Der Geist ist also in dem dritten Elemente, im <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> gesetzt; er ist seine <hi rendition="#g">Gemeinde</hi>. Die Bewegung der Gemeinde als des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="8" break="no"/>bewußtseyns, das sich von seiner Vorstellung unterscheidet, ist das <hi rendition="#g">hervor<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">zubringen</hi>, was <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geworden ist. Der gestorbne göttliche Mensch, oder<lb n="10"/>menschliche Gott ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> das allgemeine Selbstbewußtseyn; er hat <hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">für</hi><lb n="11"/><hi rendition="#g">diß</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> zu werden. Oder indem es die Eine Seite des Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>satzes der Vorstellung ausmacht, nemlich die Böse, der das natürliche Daseyn und<lb n="13"/>das einzelne Fürsichseyn als das Wesen gilt, so hat diese, die als selbstständig,<lb n="14"/>noch nicht als Moment vorgestellt ist, um ihrer Selbstständigkeit willen an und<lb n="15"/>für sie selbst sich zum Geiste zu erheben, oder die Bewegung desselben an ihr<lb n="16"/>darzustellen.</p>
<p><lb n="17"/><hi rendition="#g">Sie</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> der <hi rendition="#g">natürliche</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>; das Selbst hat aus dieser Natürlichkeit sich<lb n="18"/>zurückzuziehen und in sich zu gehen, das hiesse, <hi rendition="#g">böse</hi> zu werden. Aber sie ist schon<lb n="19"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> böse; das insichgehen besteht daher darin <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">zu</hi> <hi rendition="#g">überzeugen</hi>, daß<lb n="20"/>das natürliche Daseyn das Böse ist. In das vorstellende Bewußtseyn fällt das <hi rendition="#g">da<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">seyende</hi> Bösewerden und Böseseyn der Welt, so wie die <hi rendition="#g">daseyende</hi> Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>söhnung des absoluten Wesens; in das <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> aber als solches,<lb n="23"/>fällt der Form nach dieses Vorgestellte nur als aufgehobnes Moment, denn das<lb n="24"/><hi rendition="#g">Selbst</hi> ist das Negative; also das <hi rendition="#g">Wissen</hi>, – ein Wissen, das ein reines Thun des<lb n="25"/>Bewußtseyns in sich selbst ist. – An dem Inhalte muß diß Moment des <hi rendition="#g">Negati<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="26" break="no"/><hi rendition="#g">ven</hi> gleichfalls sich ausdrücken. Indem nemlich das Wesen <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> mit sich<lb n="27"/>schon versöhnt, und geistige Einheit ist, worin die Theile der Vorstellung <hi rendition="#g">auf<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="28" break="no"/><hi rendition="#g">gehobne</hi> oder <hi rendition="#g">Momente</hi> sind, so stellt sich diß dar, daß jeder Theil der Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>stellung hier die <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi> Bedeutung erhält, als er vorher hatte; jede<lb n="30"/>Bedeutung vervollständigt sich dadurch an der andern, und der Inhalt ist erst<lb n="31"/>dadurch ein geistiger; indem die Bestimmtheit ebensosehr ihre entgegengesetzte<lb n="32"/>ist, ist die Einheit im Andersseyn, das geistige, vollendet; wie sich für uns oder<lb n="33"/><hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> vorhin die entgegengesetzten Bedeutungen vereinigten, und selbst die<lb n="34"/>abstracten Formen des <hi rendition="#g">desselben</hi> und des nicht <hi rendition="#g">desselben</hi>, der <hi rendition="#g">Identität</hi><lb n="35"/>und <hi rendition="#g">Nichtidentität</hi> aufhoben.</p>
<p><lb n="36"/>Wenn also in dem vorstellenden Bewußtseyn das <hi rendition="#g">Innerlich</hi>werden des natür<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>lichen Selbstbewußtseyns, das <hi rendition="#g">daseyende</hi> <hi rendition="#g">Böse</hi> war, so ist das <hi rendition="#g">Innerlich-</hi></p>
<pb n="418" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=425" type="body"/>
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<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">werden</hi> im Elemente des Selbstbewußtseyns das <hi rendition="#g">Wissen</hi> <hi rendition="#g">von</hi> <hi rendition="#g">dem</hi> <hi rendition="#g">Bösen</hi><lb n="2"/>als einem solchen, das <hi rendition="#g">ansich</hi> im Daseyn ist. Diß Wissen ist also allerdings ein<lb n="3"/>Bösewerden, aber nur Werden des <hi rendition="#g">Gedankens</hi> des <hi rendition="#g">Bösen</hi>, und ist darum als<lb n="4"/>das erste Moment der Versöhnung anerkannt. Denn als ein Zurückgehen in sich<lb n="5"/>aus der Unmittelbarkeit der Natur, die als das Böse bestimmt ist, ist es ein Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>lassen derselben, und das Absterben der Sünde. Nicht das natürliche Daseyn als<lb n="7"/>solches wird von dem Bewußtseyn verlassen, sondern es zugleich als ein solches,<lb n="8"/>das als Böses gewußt wird. Die unmittelbare Bewegung des <hi rendition="#g">insichgehens</hi><lb n="9"/>ist ebensosehr eine vermittelte; – sie setzt sich selbst voraus oder ist ihr eigner<lb n="10"/>Grund; der Grund des insichgehens ist nemlich, weil die Natur schon an sich in<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>sichgegangen ist; um des Bösen willen muß der Mensch in sich gehen, aber das<lb n="12"/><hi rendition="#g">Böse</hi> ist selbst das insichgehen. – Diese erste Bewegung ist eben darum selbst nur<lb n="13"/>die unmittelbare, oder ihr <hi rendition="#g">einfacher</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>, weil sie dasselbe, was ihr Grund<lb n="14"/>ist. Die Bewegung oder das Anderswerden muß daher in seiner eigentlichern Form<lb n="15"/>erst noch eintreten.</p>
<p><lb n="16"/>Ausser dieser Unmittelbarkeit ist also die <hi rendition="#g">Vermittlung</hi> der Vorstellung noth<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>wendig. <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist das <hi rendition="#g">Wissen</hi> von der Natur als dem unwahren Daseyn des<lb n="18"/>Geistes, und diese insich gewordne Allgemeinheit des Selbsts die Versöhnung<lb n="19"/>des Geistes mit sich selbst. Diß <hi rendition="#g">Ansich</hi> erhält für das nicht begreiffende Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>bewußtseyn die Form eines <hi rendition="#g">Seyenden</hi> und <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">vorgestellten</hi>. Das Begreiffen<lb n="21"/>also ist ihm nicht ein Ergreiffen dieses Begriffes, der die aufgehobne Natürlichkeit<lb n="22"/>als allgemeine also als mit sich selbst versöhnte weiß, sondern ein Ergreiffen jener<lb n="23"/><hi rendition="#g">Vorstellung</hi>, daß durch das <hi rendition="#g">Geschehen</hi> der eignen Entäusserung des gött<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>lichen Wesens, durch seine geschehene Menschwerdung und seinen Tod das gött<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>liche Wesen mit seinem Daseyn versöhnt ist. – Das Ergreiffen dieser Vorstellung<lb n="26"/>drückt nun bestimmter dasjenige aus, was vorhin in ihr das geistige Auferstehen<lb n="27"/>genannt wurde, oder das Werden seines einzelnen Selbstbewußtseyns zum all<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>gemeinen oder zur Gemeinde. – Der <hi rendition="#g">Tod</hi> des göttlichen Menschen <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Tod</hi> ist<lb n="29"/>die <hi rendition="#g">abstracte</hi> Negativität, das unmittelbare Resultat der Bewegung, die nur in<lb n="30"/>die <hi rendition="#g">natürliche</hi> Allgemeinheit sich endigt. Diese natürliche Bedeutung verliert<lb n="31"/>er im geistigen Selbstbewußtseyn, oder er wird sein so eben angegebner Begriff;<lb n="32"/>der Tod wird von dem, was er unmittelbar bedeutet, von dem Nichtseyn <hi rendition="#g">dieses</hi><lb n="33"/><hi rendition="#g">Einzelnen</hi> <hi rendition="#g">verklärt</hi> zur <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi> des Geistes, der in seiner Gemeine<lb n="34"/>lebt, in ihr täglich stirbt und aufersteht.</p>
<p><lb n="35"/>Dasjenige, was dem Elemente <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> angehört, daß der absolute<lb n="36"/>Geist, als <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">einzelner</hi> oder vielmehr als ein <hi rendition="#g">besonderer</hi> an seinem Daseyn<lb n="37"/>die Natur des Geistes vorstellt, ist also hier in das Selbstbewußtseyn selbst versetzt,<lb n="38"/>in das in seinem <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> sich erhaltende Wissen; diß <hi rendition="#g">stirbt</hi> daher nicht<lb n="39"/>wirklich, wie der <hi rendition="#g">Besondere</hi> <hi rendition="#g">vorgestellt</hi> wird, <hi rendition="#g">wirklich</hi> gestorben zu seyn,</p>
<pb n="419" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=426" type="body"/>
<fw type="header" place="top">C. OFFENBARE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>sondern seine Besonderheit erstirbt in seiner Allgemeinheit, das heißt, in seinem<lb n="2"/><hi rendition="#g">Wissen</hi>, welches das sich mit sich versöhnende Wesen ist. Das zunächst vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>gehende <hi rendition="#g">Element</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Vorstellens</hi> ist also hier als aufgehobnes gesetzt, oder<lb n="4"/>es ist in das Selbst, in seinen Begriff, zurückgegangen; das in jenem nur Seyende<lb n="5"/>ist zum Subjecte geworden. – Ebendamit ist auch das <hi rendition="#g">erste</hi> <hi rendition="#g">Element</hi>, <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">reine</hi><lb n="6"/><hi rendition="#g">Denken</hi> und der in ihm ewige Geist nicht mehr jenseits des vorstellenden Be<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wußtseyns noch des Selbsts, sondern die Rückkehr des Ganzen in sich ist ebendiß<lb n="8"/>alle Momente in sich zu enthalten. – Der vom Selbst ergriffne Tod des Mittlers<lb n="9"/>ist das Aufheben seiner <hi rendition="#g">Gegenständlichkeit</hi> oder seines <hi rendition="#g">besondern</hi> <hi rendition="#g">Für<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="10" break="no"/><hi rendition="#g">sichseyns</hi>; diß <hi rendition="#g">besondre</hi> Fürsichseyn ist allgemeines Selbstbewußtseyn ge<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>worden. – Auf der andern Seite ist das <hi rendition="#g">Allgemeine</hi> ebendadurch Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>seyn, und der reine oder unwirkliche Geist des blossen Denkens <hi rendition="#g">wirklich</hi> gewor<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>den. – Der Tod des Mittlers ist Tod nicht nur der <hi rendition="#g">natürlichen</hi> <hi rendition="#g">Seite</hi> desselben<lb n="14"/>oder seines besondern Fürsichseyns, es stirbt nicht nur die vom Wesen abgezogne<lb n="15"/>schon todte Hülle, sondern auch die <hi rendition="#g">Abstraction</hi> des göttlichen Wesens. Denn<lb n="16"/>er ist, insofern sein Tod die Versöhnung noch nicht vollendet hat, das einseitige,<lb n="17"/>welches das einfache des Denkens als das <hi rendition="#g">Wesen</hi> weiß im Gegensatze gegen die<lb n="18"/>Wirklichkeit; diß Extrem des Selbsts hat noch nicht gleichen Werth mit dem<lb n="19"/>Wesen; diß hat das Selbst erst im Geiste. Der Tod dieser Vorstellung enthält also<lb n="20"/>zugleich den Tod der <hi rendition="#g">Abstraction</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">göttlichen</hi> <hi rendition="#g">Wesens</hi>, das nicht als<lb n="21"/>Selbst gesetzt ist. Er ist das schmerzliche Gefühl des unglücklichen Bewußtseyns,<lb n="22"/>daß <hi rendition="#g">Gott</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> <hi rendition="#g">gestorben</hi> ist. Dieser harte Ausdruck ist der Ausdruck des<lb n="23"/>innersten sich einfach Wissens, die Rückkehr des Bewußtseyns in die Tiefe der<lb n="24"/>Nacht des Ich=Ich, die nichts ausser ihr mehr unterscheidet und weiß. Diß Gefühl<lb n="25"/>ist also in der That der Verlust der <hi rendition="#g">Substanz</hi> und ihres Gegenübertretens gegen<lb n="26"/>das Bewußtseyn; aber zugleich ist es die reine <hi rendition="#g">Subjectivität</hi> der Substanz, oder<lb n="27"/>die reine Gewißheit seiner selbst, die ihr als dem Gegenstande oder dem Unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>baren oder dem reinen Wesen fehlte. Diß Wissen also ist die <hi rendition="#g">Begeistung</hi>, wo<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>durch die Substanz Subject, ihre Abstraction und Leblosigkeit gestorben, sie also<lb n="30"/><hi rendition="#g">wirklich</hi> und einfaches und allgemeines Selbstbewußtseyn geworden ist.</p>
<p><lb n="31"/>So ist also der Geist <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi> wissender Geist; er weiß <hi rendition="#g">sich</hi>, das was ihm<lb n="32"/>Gegenstand ist, ist, oder seine Vorstellung ist der wahre absolute <hi rendition="#g">Inhalt</hi>; er<lb n="33"/>drückt, wie wir sahen, den Geist selbst aus. Er ist zugleich nicht nur <hi rendition="#g">Inhalt</hi> des<lb n="34"/>Selbstbewußtseyns und nicht nur <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> Gegenstand, sondern er ist auch <hi rendition="#g">wirk<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">licher</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>. Er ist diß, indem er die drey Elemente seiner Natur durchlaufft;<lb n="36"/>diese Bewegung durch sich selbst hindurch macht seine Wirklichkeit aus; – was<lb n="37"/>sich bewegt, ist er, er ist das Subject der Bewegung, und er ist ebenso <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="38" break="no"/><hi rendition="#g">wegen</hi> selbst, oder die Substanz, durch welche das Subject hindurchgeht. Wie<lb n="39"/>uns der Begriff des Geistes geworden war, als wir in die Religion eintraten, nem-</p>
<pb n="420" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=427" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VII. RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>lich als die Bewegung des seiner selbst gewissen Geistes, der dem Bösen verzeiht<lb n="2"/>und darin zugleich von seiner eignen Einfachheit und harten Unwandelbarkeit<lb n="3"/>abläßt, oder die Bewegung, daß das absolut <hi rendition="#g">entgegengesetzte</hi> sich als <hi rendition="#g">das<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="4" break="no"/><hi rendition="#g">selbe</hi> erkennt und diß Erkennen als das Ja zwischen diesen Extremen hervor<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>bricht, – diesen Begriff <hi rendition="#g">schaut</hi> das religiöse Bewußtseyn, dem das absolute<lb n="6"/>Wesen offenbar, <hi rendition="#g">an</hi>, und hebt die <hi rendition="#g">Unterscheidung</hi> seines <hi rendition="#g">Selbsts</hi> von seinem<lb n="7"/><hi rendition="#g">Angeschauten</hi> auf, ist wie es das Subject ist, so auch die Substanz, und ist<lb n="8"/>also selbst der Geist, eben weil und insofern es diese Bewegung ist.</p>
<p><lb n="9"/>Vollendet aber ist diese Gemeinde noch nicht in diesem ihrem Selbstbewußtseyn;<lb n="10"/>ihr Inhalt ist überhaupt in der Form des <hi rendition="#g">Vorstellens</hi> für sie, und diese Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>zweyung hat auch die <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Geistigkeit</hi> derselben, ihre Rückkehr aus<lb n="12"/>ihrem Vorstellen, noch an ihr, wie das Element des reinen Denkens selbst damit<lb n="13"/>behaftet war. Sie hat nicht auch das Bewußtseyn über das, was sie ist; sie ist das<lb n="14"/>geistige Selbstbewußtseyn, das sich nicht als dieses Gegenstand ist, oder sich nicht<lb n="15"/>zum Bewußtseyn seiner selbst aufschließt; sondern insofern sie Bewußtseyn ist,<lb n="16"/>hat sie Vorstellungen, die betrachtet wurden. – Wir sehen das Selbstbewußtseyn<lb n="17"/>auf seinem letzten Wendungspunkte sich <hi rendition="#g">innerlich</hi> werden und zum <hi rendition="#g">Wissen</hi><lb n="18"/>des <hi rendition="#g">Insichseyns</hi> gelangen; wir sehen es sein natürliches Daseyn entäussern, und<lb n="19"/>die reine Negativität gewinnen. Aber die <hi rendition="#g">positive</hi> Bedeutung, daß nemlich diese<lb n="20"/>Negativität oder reine <hi rendition="#g">Innerlichkeit</hi> des <hi rendition="#g">Wissens</hi> ebensosehr das <hi rendition="#g">sich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="21" break="no"/><hi rendition="#g">selbstgleiche</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> ist, – oder daß die Substanz hierin dazu gelangt, absolutes<lb n="22"/>Selbstbewußtseyn zu seyn, diß ist ein <hi rendition="#g">anderes</hi> für das andächtige Bewußtseyn.<lb n="23"/>Es ergreifft diese Seite, daß das reine Innerlichwerden des Wissens <hi rendition="#g">ansich</hi> die<lb n="24"/>absolute Einfachheit oder die Substanz ist, als die Vorstellung von Etwas, das nicht<lb n="25"/>dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi> nach so ist, sondern als die Handlung einer <hi rendition="#g">fremden</hi> Genug<pc force="weak">-</pc><lb n="26" break="no"/>thuung. Oder es ist nicht diß für es, daß diese Tiefe des reinen Selbsts die Gewalt<lb n="27"/>ist, wodurch das <hi rendition="#g">abstracte</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> aus seiner Abstraction herabgezogen und<lb n="28"/>durch die Macht dieser reinen Andacht zum Selbst erhoben wird. – Das Thun<lb n="29"/>des Selbsts behält dadurch diese negative Bedeutung gegen es, weil die Entäus<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>serung der Substanz von ihrer Seite ein <hi rendition="#g">Ansich</hi> für jenes ist, das es nicht ebenso<lb n="31"/>erfaßt und begreift, oder nicht in <hi rendition="#g">seinem</hi> Thun als solchem findet. – Indem<lb n="32"/><hi rendition="#g">ansich</hi> diese Einheit des Wesens und des Selbsts zu Stande gekommen, so hat<lb n="33"/>das Bewußtseyn auch noch diese <hi rendition="#g">Vorstellung</hi> seiner Versöhnung, aber als Vor<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>stellung. Es erlangt die Befriedigung dadurch, daß es seiner reinen Negativität<lb n="35"/>die positive Bedeutung der Einheit seiner mit dem Wesen <hi rendition="#g">äusserlich</hi> hinzu<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>fügt; seine Befriedigung bleibt also selbst mit dem Gegensatze eines Jenseits be<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>hafftet. Seine eigne Versöhnung tritt daher als ein <hi rendition="#g">Fernes</hi> in sein Bewußtseyn</p>
<pb n="421" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=428" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. OFFENBARE RELIGION</fw>
<p><lb n="1"/>ein, als ein Fernes der <hi rendition="#g">Zukunft</hi>, wie die Versöhnung, die das andere <hi rendition="#g">Selbst</hi><lb n="2"/>vollbrachte, als eine Ferne der <hi rendition="#g">Vergangenheit</hi> erscheint. So wie der <hi rendition="#g">einzelne</hi><lb n="3"/>göttliche Mensch einen <hi rendition="#g">ansich</hi>seyenden Vater, und nur eine <hi rendition="#g">wirkliche</hi> Mutter<lb n="4"/>hat, so hat auch der allgemeine göttliche Mensch, die Gemeinde, ihr <hi rendition="#g">eignes</hi><lb n="5"/><hi rendition="#g">Thun</hi> und <hi rendition="#g">Wissen</hi> zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter aber die <hi rendition="#g">ewige</hi> <hi rendition="#g">Liebe</hi>,<lb n="6"/>die sie nur <hi rendition="#g">fühlt</hi>, nicht aber in ihrem Bewußtseyn als wirklichen unmittelbaren<lb n="7"/><hi rendition="#g">Gegenstand</hi> anschaut. Ihre Versöhnung ist daher in ihrem Herzen, aber mit<lb n="8"/>ihrem Bewußtseyn noch entzweyt, und ihre Wirklichkeit noch gebrochen. Was<lb n="9"/>als das <hi rendition="#g">Ansich</hi> oder die Seite der <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Vermittlung</hi>, in ihr Bewußtseyn<lb n="10"/>tritt, ist die jenseits liegende Versöhnung; was aber als <hi rendition="#g">gegenwärtig</hi>, als die<lb n="11"/>Seite der <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> und des <hi rendition="#g">Daseyns</hi>, ist die Welt, die ihre Verklärung<lb n="12"/>noch zu gewarten hat. Sie ist wohl <hi rendition="#g">ansich</hi> versöhnt mit dem Wesen; und vom<lb n="13"/><hi rendition="#g">Wesen</hi> wird wohl gewußt, daß es den Gegenstand nicht mehr als sich entfremdet<lb n="14"/>erkennt, sondern in seiner Liebe als sich gleich. Aber für das Selbstbewußtseyn<lb n="15"/>hat diese unmittelbare Gegenwart noch nicht Geistsgestalt. Der Geist der Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>meinde ist so in seinem unmittelbaren Bewußtseyn getrennt von seinem religiösen,<lb n="17"/>das zwar es ausspricht, daß sie <hi rendition="#g">ansich</hi> nicht getrennt seyen, aber ein <hi rendition="#g">Ansich</hi>,<lb n="18"/>das nicht realisirt, oder noch nicht ebenso absolutes Fürsichseyn geworden.</p>
<pb n="422" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=429" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>VIII.</head>
<head><lb n="2"/>DAS ABSOLUTE WISSEN.</head>
<p><lb n="3"/>Der Geist der offenbaren Religion hat sein Bewußtseyn als solches noch nicht<lb n="4"/>überwunden, oder, was dasselbe ist, sein wirkliches Selbstbewußtseyn ist nicht<lb n="5"/>der Gegenstand seines Bewußtseyns; er selbst überhaupt und die in ihm sich unter<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>scheidenden Momente fallen in das Vorstellen und in die Form der Gegenständ<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>lichkeit. Der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> des Vorstellens ist der absolute Geist; und es ist allein noch<lb n="8"/>um das Aufheben dieser blossen Form zu thun, oder vielmehr weil sie dem <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="9" break="no"/><hi rendition="#g">wußtseyn</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">solchem</hi> angehört, muß ihre Wahrheit schon in den Gestaltungen<lb n="10"/>desselben sich ergeben haben. – Diese Ueberwindung des Gegenstandes des Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>seyns ist nicht als das einseitige zu nehmen, daß er sich als in das Selbst zurückkehrend<lb n="12"/>zeigte, sondern bestimmter so, daß er sowohl als solcher sich ihm als verschwindend<lb n="13"/>darstellte, als noch vielmehr, daß die Entäusserung des Selbstbewußtseyns es ist, wel<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>che die Dingheit setzt, und daß diese Entäusserung nicht nur negative, sondern posi<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>tive Bedeutung, sie nicht nur für uns oder ansich, sondern für es selbst hat. <hi rendition="#g">Für</hi> <hi rendition="#g">es</hi><lb n="16"/>hat das negative des Gegenstandes, oder dessen sich selbst Aufheben dadurch die<lb n="17"/>positive Bedeutung, oder es <hi rendition="#g">weiß</hi> diese Nichtigkeit desselben dadurch einerseits, daß<lb n="18"/>es sich selbst entäussert, – denn in dieser Entäusserung setzt es <hi rendition="#g">sich</hi> als Gegenstand,<lb n="19"/>oder den Gegenstand um der untrennbaren Einheit des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> willen als sich<lb n="20"/>selbst. Andererseits liegt hierin zugleich diß andre Moment, daß es diese Entäusserung<lb n="21"/>und Gegenständlichkeit ebensosehr auch aufgehoben und in sich zurückgenommen<lb n="22"/>hat, also in <hi rendition="#g">seinem</hi> Andersseyn als solchem bey sich ist. – Diß ist die Bewegung des<lb n="23"/><hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi>, und dieses ist darin die Totalität seiner Momente. – Es muß sich<lb n="24"/>ebenso zu dem Gegenstande nach der Totalität seiner Bestimmungen verhalten, und<lb n="25"/>ihn nach jeder derselben so erfaßt haben. Diese Totalität seiner Bestimmungen macht<lb n="26"/><hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> zum geistigen Wesen, und für das Bewußtseyn wird er diß in Wahr<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>heit durch das Auffassen einer jeden einzelnen derselben, als des Selbsts, oder durch<lb n="28"/>das ebengenannte geistige Verhalten zu ihnen.</p>
<p><lb n="29"/>Der Gegenstand ist also theils <hi rendition="#g">unmittelbares</hi> Seyn, oder ein Ding überhaupt –<lb n="30"/>was dem unmittelbaren Bewußtseyn entspricht; theils ein Anderswerden seiner,<lb n="31"/>sein Verhältniß, oder <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi>, und <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi>, die Bestimmt<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>heit – was der <hi rendition="#g">Wahrnehmung</hi> – theils <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder als Allgemeines, – was</p>
<pb n="423" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=430" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>dem Verstande entspricht. Er ist, als Ganzes, der Schluß oder die Bewegung des<lb n="2"/>Allgemeinen durch die Bestimmung zur Einzelnheit, wie die umgekehrte, von der<lb n="3"/>Einzelnheit durch sie als aufgehobne oder die Bestimmung zum Allgemeinen. –<lb n="4"/>Nach diesen drey Bestimmungen also muß das Bewußtseyn ihn als sich selbst<lb n="5"/>wissen. Es ist diß jedoch nicht das Wissen als reines Begreiffen des Gegenstandes,<lb n="6"/>von dem die Rede ist; sondern diß Wissen soll nur in seinem Werden oder in<lb n="7"/>seinen Momenten nach der Seite aufgezeigt werden, die dem Bewußtseyn als<lb n="8"/>solchem angehört, und die Momente des eigentlichen Begriffes oder reinen Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>sens in der Form von Gestaltungen des Bewußtseyns. Darum erscheint der Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>stand im Bewußtseyn als solchem noch nicht als die geistige Wesenheit, wie sie<lb n="11"/>von uns so eben ausgesprochen wurde, und sein Verhalten zu ihm ist nicht die<lb n="12"/>Betrachtung desselben in dieser Totalität als solcher, noch in ihrer reinen Begriffs<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>form, sondern theils Gestalt des Bewußtseyns überhaupt, theils eine Anzahl solcher<lb n="14"/>Gestalten, die <hi rendition="#g">wir</hi> zusammennehmen, und in welchen die Totalität der Momente<lb n="15"/>des Gegenstandes und des Verhaltens des Bewußtseyns nur aufgelöst in ihre Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>mente aufgezeigt werden kann.</p>
<p><lb n="17"/>Es ist hiemit für diese Seite des Erfassens des Gegenstandes wie es in der Gestalt<lb n="18"/>des Bewußtseyns ist, nur an die frühern Gestalten desselben zu erinnern, die<lb n="19"/>schon vorgekommen sind. – In Ansehung des Gegenstandes also, insofern er un<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>mittelbar, ein <hi rendition="#g">gleichgültiges</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi> ist, so sahen wir die beobachtende Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>nunft, in diesem gleichgültigen Dinge sich selbst <hi rendition="#g">suchen</hi> und <hi rendition="#g">finden</hi>, d. h.<lb n="22"/>ihres Thuns als eines ebenso äusserlichen sich bewußt seyn, als sie des Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>stands nur als eines unmittelbaren bewußt ist. – Wir sahen auch auf ihrer Spitze<lb n="24"/>ihre Bestimmung in dem unendlichen Urtheile aussprechen, daß das <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">des</hi><lb n="25"/><hi rendition="#g">Ich</hi> <hi rendition="#g">ein</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. – Und zwar ein sinnliches unmittelbares Ding: wenn Ich<lb n="26"/><hi rendition="#g">Seele</hi> genannt wird, so ist es zwar auch als Ding vorgestellt, aber als ein unsicht<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>bares, unfühlbares u.s.f. in der That also nicht als unmittelbares Seyn, und nicht<lb n="28"/>als das, was man unter einem Dinge meynt. – Jenes Urtheil so genommen wie es<lb n="29"/>unmittelbar lautet, ist es geistlos oder vielmehr das geistlose selbst. Seinem <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">griffe</hi> nach aber ist es in der That das geistreichste, und dieses <hi rendition="#g">Innre</hi> desselben,<lb n="31"/>das an ihm noch nicht <hi rendition="#g">vorhanden</hi> ist, ist es, was die beyden andern zu betrach<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>tenden Momente aussprechen.</p>
<p><lb n="33"/><hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Ding</hi> <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">Ich</hi>; in der That ist in diesem unendlichen Urtheile das Ding<lb n="34"/>aufgehoben; es ist nichts an sich; es hat nur Bedeutung im Verhältnisse, nur <hi rendition="#g">durch</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Ich</hi> und <hi rendition="#g">seine</hi> <hi rendition="#g">Beziehung</hi> auf dasselbe. – Diß Moment hat sich für das Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>seyn in der reinen Einsicht und Aufklärung ergeben. Die Dinge sind schlechthin</p>
<pb n="424" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=431" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">nützlich</hi>, und nur nach ihrer Nützlichkeit zu betrachten. – Das <hi rendition="#g">gebildete</hi><lb n="2"/>Selbstbewußtseyn, das die Welt des sich entfremdeten Geistes durchlauffen, hat<lb n="3"/>durch seine Entäusserung das Ding als sich selbst erzeugt, behält daher in ihm<lb n="4"/>noch sich selbst, und weiß die Unselbstständigkeit desselben, oder daß das Ding<lb n="5"/><hi rendition="#g">wesentlich</hi> nur <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">anderes</hi> ist; oder vollständig das <hi rendition="#g">Verhältniß</hi>, d. h.<lb n="6"/>das, was die Natur des Gegenstandes hier allein ausmacht, ausgedrückt, so gilt ihm<lb n="7"/>das Ding als ein <hi rendition="#g">fürsichseyendes</hi>, es spricht die sinnliche Gewißheit als absolute<lb n="8"/>Wahrheit aus, aber diß <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> selbst als Moment, das nur verschwindet,<lb n="9"/>und in sein Gegentheil, in das preisgegebne Seyn für anderes übergeht.</p>
<p><lb n="10"/>Hierin ist aber das Wissen des Dinges noch nicht vollendet; es muß nicht nur<lb n="11"/>nach der Unmittelbarkeit des Seyns und nach der Bestimmtheit, sondern auch<lb n="12"/>als <hi rendition="#g">Wesen</hi> oder <hi rendition="#g">Inneres</hi>, als das Selbst gewußt werden. Diß ist in dem <hi rendition="#g">morali<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="13" break="no"/><hi rendition="#g">schen</hi> <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> vorhanden. Diß weiß sein Wissen als die <hi rendition="#g">absolute</hi><lb n="14"/><hi rendition="#g">Wesenheit</hi>, oder das <hi rendition="#g">Seyn</hi> schlechthin als den reinen Willen oder Wissen;<lb n="15"/>es <hi rendition="#g">ist</hi> nichts, als nur dieser Willen und Wissen; anderem kommt nur unwesent<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>liches Seyn, d. h. nicht <hi rendition="#g">ansich</hi>seyendes, nur seine leere Hülse zu. Insofern das<lb n="17"/>moralische Bewußtseyn das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> in seiner Weltvorstellung aus dem Selbst<lb n="18"/>entläßt, nimmt es dasselbe ebensosehr wieder in sich zurück. Als Gewissen ist es<lb n="19"/>endlich nicht mehr dieses noch abwechselnde Stellen und Verstellen des Daseyns<lb n="20"/>und des Selbsts, sondern es weiß, daß sein <hi rendition="#g">Daseyn</hi> als solches diese reine Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>heit seiner selbst ist; das gegenständliche Element, in welches es als handelnd sich<lb n="22"/>hinausstellt, ist nichts anderes, als das reine Wissen des Selbsts von sich.</p>
<p><lb n="23"/>Diß sind die Momente, aus denen sich die Versöhnung des Geistes mit seinem<lb n="24"/>eigentlichen Bewußtseyn zusammensetzt; sie für sich sind einzeln, und ihre geistige<lb n="25"/>Einheit allein ist es, welche die Krafft dieser Versöhnung ausmacht. Das letzte<lb n="26"/>dieser Momente ist aber nothwendig diese Einheit selbst, und verbindet, wie erhellt,<lb n="27"/>sie in der That alle in sich. Der seiner selbst in seinem Daseyn gewisse Geist hat<lb n="28"/>zum Elemente des <hi rendition="#g">Daseyns</hi> nichts anderes, als diß Wissen von sich; das Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>sprechen, daß was er thut, er nach Ueberzeugung von der Pflicht thut, diese seine<lb n="30"/>Sprache ist das <hi rendition="#g">Gelten</hi> seines Handelns. – Das Handeln ist das erste <hi rendition="#g">ansich</hi>seyende<lb n="31"/>Trennen der Einfachheit des Begriffs und die Rückkehr aus dieser Trennung.<lb n="32"/>Diese erste Bewegung schlägt in die zweyte um, indem das Element des Aner<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>kennens sich als <hi rendition="#g">einfaches</hi> Wissen von der Pflicht gegen den <hi rendition="#g">Unterschied</hi><lb n="34"/>und die <hi rendition="#g">Entzweyung</hi> setzt, die im Handeln als solchem liegt, und auf diese<lb n="35"/>Weise eine eiserne Wirklichkeit gegen das Handeln bildet. In der Verzeihung<lb n="36"/>sahen wir aber, wie diese Härte von sich selbst abläßt, und sich entäussert. Die</p>
<pb n="425" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=432" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>Wirklichkeit hat also hier für das Selbstbewußtseyn sowohl als <hi rendition="#g">unmittelbares</hi><lb n="2"/><hi rendition="#g">Daseyn</hi> keine andere Bedeutung, als das reine Wissen zu seyn; – ebenso als <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="3" break="no"/><hi rendition="#g">stimmtes</hi> Daseyn, oder als Verhältniß, ist das sich gegenüberstehende ein Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sen theils von diesem rein einzelnen Selbst, theils von dem Wissen als allgemeinem.<lb n="5"/>Hierin ist zugleich diß gesetzt, daß das <hi rendition="#g">dritte</hi> Moment, die <hi rendition="#g">Allgemeinheit</hi><lb n="6"/>oder das <hi rendition="#g">Wesen</hi> jedem der beyden gegenüberstehenden, nur als <hi rendition="#g">Wissen</hi> gilt;<lb n="7"/>und den leeren noch übrigen Gegensatz, heben sie endlich ebenso auf, und sind<lb n="8"/>das Wissen des Ich=Ich; dieses <hi rendition="#g">einzelne</hi> Selbst, das unmittelbar reines Wissen<lb n="9"/>oder allgemeines ist.</p>
<p><lb n="10"/>Diese Versöhnung des Bewußtseyns mit dem Selbstbewußtseyn zeigt sich hie<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>mit von der gedoppelten Seite zu Stande gebracht, das einemal im religiösen<lb n="12"/>Geiste, das anderemal im Bewußtseyn selbst als solchem. Sie unterscheiden sich<lb n="13"/>beyde so voneinander, daß jene diese Versöhnung in der Form des <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyns,<lb n="14"/>diese in der Form des <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> ist. Wie sie betrachtet worden, fallen sie zu<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>nächst auseinander; das Bewußtseyn ist in der Ordnung, in der uns seine Gestalten<lb n="16"/>vorkamen, theils zu den einzelnen Momenten derselben, theils zu ihrer Vereinigung<lb n="17"/>längst gekommen, ehe auch die Religion ihrem Gegenstande die Gestalt des wirk<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>lichen Selbstbewußtseyns gab. Die Vereinigung beyder Seiten ist noch nicht auf<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>gezeigt; sie ist es, welche diese Reihe der Gestaltungen des Geistes beschließt; denn<lb n="20"/>in ihr kommt der Geist dazu, sich zu wissen nicht nur wie er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>, oder nach<lb n="21"/>seinem absoluten <hi rendition="#g">Inhalte</hi>, noch nur wie er <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> nach seiner inhaltslosen Form<lb n="22"/>oder nach der Seite des Selbstbewußtseyns, sondern wie er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist.</p>
<p><lb n="23"/>Diese Vereinigung aber ist <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> schon geschehen, zwar auch in der Religion,<lb n="24"/>in der Rückkehr der Vorstellung in das Selbstbewußtseyn, aber nicht nach der<lb n="25"/>eigentlichen Form, denn die religiöse Seite ist die Seite des <hi rendition="#g">Ansich</hi>, welche der<lb n="26"/>Bewegung des Selbstbewußtseyns gegenübersteht. Die Vereinigung gehört daher<lb n="27"/>dieser andern Seite an, die im Gegensatze die Seite der Reflexion in sich, also die<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>jenige ist, die sich selbst und ihr Gegentheil, und nicht nur <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder auf eine<lb n="29"/>allgemeine Weise, sondern <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> oder entwickelt und unterschieden enthält.<lb n="30"/>Der Inhalt, so wie die andre Seite des selbstbewußten Geistes, insofern sie die <hi rendition="#g">andre</hi><lb n="31"/>Seite ist, ist in ihrer Vollständigkeit vorhanden und aufgezeigt worden; die Ver<pc force="weak">-</pc><lb n="32" break="no"/>einigung, welche noch fehlt, ist die einfache Einheit des Begriffs. Dieser ist an der<lb n="33"/>Seite des Selbstbewußtseyns selbst auch schon vorhanden; aber wie er im Vorher<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>gehenden vorgekommen, hat er, wie alle übrigen Momente die Form, eine <hi rendition="#g">be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="35" break="no"/><hi rendition="#g">sondere</hi> <hi rendition="#g">Gestalt</hi> des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> zu seyn. – Er ist also derjenige Theil der<lb n="36"/>Gestalt des seiner selbst gewissen Geistes, der in seinem Begriffe stehen bleibt,<lb n="37"/>und die <hi rendition="#g">schöne</hi> <hi rendition="#g">Seele</hi> genannt wurde. Sie ist nemlich sein Wissen von sich selbst,</p>
<pb n="426" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=433" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>in seiner reinen durchsichtigen Einheit, – das Selbstbewußtseyn, das dieses reine<lb n="2"/>Wissen von dem <hi rendition="#g">reinen</hi> <hi rendition="#g">Insichseyn</hi>, als den Geist weiß, – nicht nur die An<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>schauung des Göttlichen, sondern die Selbstanschauung desselben. – Indem dieser<lb n="4"/>Begriff sich seiner Realisirung entgegengesetzt festhält, ist er die einseitige Gestalt,<lb n="5"/>deren Verschwinden in leeren Dunst, aber auch ihre positive Entäusserung und<lb n="6"/>Fortbewegung wir sahen. Durch diese Realisirung hebt sich das auf sich Beharren<lb n="7"/>dieses gegenstandslosen Selbstbewußtseyns, die <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi> des Begriffs gegen<lb n="8"/>seine <hi rendition="#g">Erfüllung</hi>, auf; sein Selbstbewußtseyn gewinnt die Form der Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>heit, und was ihm bleibt, ist sein wahrhaffter Begriff, oder der Begriff, der seine<lb n="10"/>Realisirung gewonnen; es ist er in seiner Wahrheit, nehmlich in der Einheit mit<lb n="11"/>seiner Entäusserung; – das Wissen von dem reinen Wissen, nicht als abstractem<lb n="12"/><hi rendition="#g">Wesen</hi>, welches die Pflicht ist, – sondern von ihm als Wesen, das <hi rendition="#g">dieses</hi> Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>sen, <hi rendition="#g">dieses</hi> reine Selbstbewußtseyn, das also zugleich wahrhaffter <hi rendition="#g">Gegenstand</hi><lb n="14"/>ist, denn er ist das fürsichseyende Selbst.</p>
<p><lb n="15"/>Seine Erfüllung gab sich dieser Begriff, einestheils im <hi rendition="#g">handelnden</hi> seiner selbst<lb n="16"/>gewissen Geist, anderntheils in der <hi rendition="#g">Religion</hi>: in der letztern gewann er den<lb n="17"/>absoluten <hi rendition="#g">Inhalt</hi> <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Inhalt</hi> oder in der Form der <hi rendition="#g">Vorstellung</hi>, des Anders<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyns für das Bewußtseyn; hingegen in jener Gestalt ist die Form das Selbst selber,<lb n="19"/>denn sie enthält den <hi rendition="#g">Handelnden</hi> seiner selbst gewissen Geist, das Selbst führt<lb n="20"/>das Leben des absoluten Geistes durch. Diese Gestalt ist, wie wir sehen, jener ein<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>fache Begriff, der aber sein ewiges <hi rendition="#g">Wesen</hi> aufgibt, <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, oder handelt. Das<lb n="22"/><hi rendition="#g">Entzweyen</hi> oder Hervortreten hat er an der <hi rendition="#g">Reinheit</hi> des Begriffs, denn sie<lb n="23"/>ist die absolute Abstraction oder Negativität. Ebenso hat er das Element seiner<lb n="24"/>Wirklichkeit oder des Seyns in ihm, an dem reinem Wissen selbst denn es ist<lb n="25"/>die einfache <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi>, die eben so <hi rendition="#g">Seyn</hi> und <hi rendition="#g">Daseyn</hi>, als <hi rendition="#g">Wesen</hi><lb n="26"/>ist, jenes das negative Denken, diß das positive Denken selbst. Diß Daseyn ist end<pc force="weak">-</pc><lb n="27" break="no"/>lich ebensosehr das aus ihm, wie als Daseyn so als Pflicht, – in sich reflectirt oder<lb n="28"/><hi rendition="#g">böse</hi> <hi rendition="#g">seyn</hi>. Diß insich gehen macht den <hi rendition="#g">Gegensatz</hi> des <hi rendition="#g">Begriffs</hi> aus, und ist<lb n="29"/>damit das Auftreten des <hi rendition="#g">nichthandelnden</hi>, <hi rendition="#g">nichtwirklichen</hi> reinen Wis<pc force="weak">-</pc><lb n="30" break="no"/>sens des Wesens. Diß sein Auftreten in diesem Gegensatze aber ist die Theilnahme<lb n="31"/>daran; das reine Wissen des Wesens hat sich <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seiner Einfachheit entäussert,<lb n="32"/>denn es ist das <hi rendition="#g">Entzweyen</hi> oder die Negativität, die der Begriff ist; sofern diß<lb n="33"/>Entzweyen das <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">werden</hi> ist, ist es das Böse; sofern es das <hi rendition="#g">Ansich</hi> ist,<lb n="34"/>ist es das gutbleibende. – Was nun zuerst <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> geschieht, ist zugleich <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi><lb n="35"/><hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, und ebenso selbst gedoppelt, sowohl <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">es</hi> als es sein <hi rendition="#g">fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="36" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> oder sein eignes Thun ist. Dasselbe was schon <hi rendition="#g">ansich</hi> gesetzt ist, wiederholt<lb n="37"/>sich also itzt als Wissen des Bewußtseyns von ihm, und bewußtes Thun. Jedes<lb n="38"/>läßt für das andere von der Selbstständigkeit der Bestimmtheit, in der es gegen es<lb n="39"/>auftritt, ab. Diß Ablassen ist dasselbe Verzichtthun auf die Einseitigkeit des Begriffs,</p>
<pb n="427" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=434" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>das <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> den Anfang ausmachte, aber es ist nunmehr <hi rendition="#g">sein</hi> Verzichtthun, so<lb n="2"/>wie der Begriff, auf welchen es Verzicht thut, der seinige ist. – Jenes <hi rendition="#g">Ansich</hi><lb n="3"/>des Anfangs ist als Negativität in Wahrheit ebensosehr das <hi rendition="#g">vermittelte</hi>; so<lb n="4"/>wie es in Wahrheit ist, <hi rendition="#g">setzt</hi> es sich also itzt, und das <hi rendition="#g">negative</hi> ist als <hi rendition="#g">Be<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="5" break="no"/><hi rendition="#g">stimmtheit</hi> eines jeden für das andere und an sich das sich selbst aufhebende. Der<lb n="6"/>eine der beyden Theile des Gegensatzes ist die Ungleichheit des <hi rendition="#g">insich-in</hi> seiner<lb n="7"/><hi rendition="#g">Einzelnheit-</hi>seyns gegen die Allgemeinheit, – der andere die Ungleichheit seiner<lb n="8"/>abstracten Allgemeinheit gegen das Selbst; jenes stirbt seinem Fürsichseyn ab,<lb n="9"/>und entäussert, bekennt sich; dieses entsagt der Härte seiner abstracten Allgemein<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>heit, und stirbt damit seinem unlebendigen Selbst und seiner unbewegten All<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gemeinheit ab; so daß also jenes durch das Moment der Allgemeinheit, die Wesen<lb n="12"/>ist, und dieses durch die Allgemeinheit, die Selbst ist, sich ergänzt hat. Durch<lb n="13"/>diese Bewegung des Handelns ist der Geist, – der so erst Geist ist, daß <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>,<lb n="14"/>sein Daseyn in den <hi rendition="#g">Gedanken</hi> und dadurch in die absolute <hi rendition="#g">Entgegensetzung</hi><lb n="15"/>erhebt, und aus dieser eben durch sie und in ihr selbst zurückkehrt, – als reine All<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>gemeinheit des Wissens, welches Selbstbewußtseyn ist, – als Selbstbewußtseyn,<lb n="17"/>das einfache Einheit des Wissens ist, hervorgetreten.</p>
<p><lb n="18"/>Was also in der Religion <hi rendition="#g">Inhalt</hi> oder Form des Vorstellens eines <hi rendition="#g">andern</hi><lb n="19"/>war, dasselbe ist hier eignes <hi rendition="#g">Thun</hi> des <hi rendition="#g">Selbsts</hi>; der Begriff verbindet es, daß<lb n="20"/>der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> eignes <hi rendition="#g">Thun</hi> des <hi rendition="#g">Selbsts</hi> ist; – denn dieser Begriff ist, wie wir sehen,<lb n="21"/>das Wissen des Thuns des Selbsts in sich als aller Wesenheit und alles Daseyns, das<lb n="22"/>Wissen von <hi rendition="#g">diesem</hi> <hi rendition="#g">Subjecte</hi> als der <hi rendition="#g">Substanz</hi>, und von der Substanz als<lb n="23"/>diesem Wissen seines Thuns. – Was wir hier hinzugethan, ist allein theils die<lb n="24"/><hi rendition="#g">Versammlung</hi> der einzelnen Momente, deren jedes in seinem Principe das<lb n="25"/>Leben des ganzen Geistes darstellt, theils das Festhalten des Begriffes in der Form<lb n="26"/>des Begriffes, dessen Inhalt sich in jenen Momenten, und der sich in der Form<lb n="27"/>einer <hi rendition="#g">Gestalt</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> schon selbst ergeben hätte.</p>
<p><lb n="28"/>Diese letzte Gestalt des Geistes, der Geist, der seinem vollständigen und wahren<lb n="29"/>Inhalte zugleich die Form des Selbsts gibt, und dadurch seinen Begriff ebenso<lb n="30"/>realisirt als er in dieser Realisirung in seinem Begriffe bleibt, ist das absolute Wissen;<lb n="31"/>es ist der sich in Geistsgestalt wissende Geist oder das <hi rendition="#g">begreiffende</hi> <hi rendition="#g">Wissen</hi>.<lb n="32"/>Die <hi rendition="#g">Wahrheit</hi> ist nicht nur <hi rendition="#g">ansich</hi> vollkommen der <hi rendition="#g">Gewißheit</hi> gleich,<lb n="33"/>sondern hat auch die <hi rendition="#g">Gestalt</hi> der Gewißheit seiner selbst, oder sie ist in ihrem<lb n="34"/>Daseyn, das heißt, für den wissenden Geist in der <hi rendition="#g">Form</hi> des Wissens seiner selbst.<lb n="35"/>Die Wahrheit ist der <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, der in der Religion seiner Gewißheit noch ungleich<lb n="36"/>ist. Diese Gleichheit aber ist darin, daß der Inhalt die Gestalt des Selbsts erhalten.<lb n="37"/>Dadurch ist dasjenige zum Elemente des Daseyns, oder zur <hi rendition="#g">Form</hi> <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Gegen-</hi></p>
<pb n="428" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=435" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/><hi rendition="#g">ständlichkeit</hi> für das Bewußtseyn geworden, was das Wesen selbst ist; nemlich<lb n="2"/>der <hi rendition="#g">Begriff</hi>. Der Geist in diesem Elemente dem Bewußtseyn <hi rendition="#g">erscheinend</hi>,<lb n="3"/>oder was hier dasselbe ist, darin von ihm hervorgebracht, <hi rendition="#g">ist</hi> <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi>.</p>
<p><lb n="4"/>Die Natur, Momente und Bewegung dieses Wissens hat sich also so ergeben,<lb n="5"/>daß es das reine <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> des Selbstbewußtseyns ist; es ist Ich, das <hi rendition="#g">dieses</hi><lb n="6"/>und kein anderes <hi rendition="#g">Ich</hi> und das ebenso unmittelbar <hi rendition="#g">vermittelt</hi> oder aufgehobenes<lb n="7"/><hi rendition="#g">allgemeines</hi> Ich ist. – Es hat einen <hi rendition="#g">Inhalt</hi>, den es von sich <hi rendition="#g">unterscheidet</hi>;<lb n="8"/>denn es ist die reine Negativität oder das sich Entzweyen; es ist <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>.<lb n="9"/>Dieser Inhalt ist in seinem Unterschiede selbst das Ich, denn er ist die Bewegung<lb n="10"/>des sich selbst Aufhebens, oder dieselbe reine Negativität die Ich ist. Ich ist in ihm<lb n="11"/>als unterschiedenem in sich reflectirt; der Inhalt ist allein dadurch <hi rendition="#g">begriffen</hi>,<lb n="12"/>daß Ich in seinem Andersseyn bey sich selbst ist. Dieser Inhalt bestimmter an<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>gegeben, ist er nichts anders, als die so eben ausgesprochene Bewegung selbst;<lb n="14"/>denn er ist der Geist, der sich selbst und zwar <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> als Geist durchläufft, da<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>durch daß er die Gestalt des Begriffes in seiner Gegenständlichkeit hat.</p>
<p><lb n="16"/>Was aber das <hi rendition="#g">Daseyn</hi> dieses Begriffs betrifft, so erscheint in der Zeit und<lb n="17"/>Wirklichkeit die <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> nicht eher, als bis der Geist zu diesem Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn über sich gekommen ist. Als der Geist, der weiß, was er ist, existirt er früher<lb n="19"/>nicht, und sonst nirgends als nach Vollendung der Arbeit, seine unvollkommene<lb n="20"/>Gestaltung zu bezwingen, sich für sein Bewußtseyn die Gestalt seines Wesens zu<lb n="21"/>verschaffen, und auf diese Weise sein <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyn</hi> mit seinem <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi> auszugleichen. – Der an und für sich seyende Geist in seinen Momenten<lb n="23"/>unterschieden, ist <hi rendition="#g">fürsich</hi>seyendes Wissen, das <hi rendition="#g">Begreiffen</hi> überhaupt, das als<lb n="24"/>solches die <hi rendition="#g">Substanz</hi> noch nicht erreicht hat oder nicht an sich selbst absolutes<lb n="25"/>Wissen ist.</p>
<p><lb n="26"/>In der Wirklichkeit ist nun die wissende Substanz früher da, als die Form oder<lb n="27"/>Begriffsgestalt derselben. Denn die Substanz ist das noch unentwickelte <hi rendition="#g">Ansich</hi>,<lb n="28"/>oder der Grund und Begriff in seiner noch unbewegten Einfachheit, also die<lb n="29"/><hi rendition="#g">Innerlichkeit</hi> oder das Selbst des Geistes, das noch nicht <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>. Was <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>,<lb n="30"/>ist als das noch unentwickelte Einfache und Unmittelbare, oder der Gegenstand<lb n="31"/>des <hi rendition="#g">vorstellenden</hi> Bewußtseyns überhaupt. Das Erkennen, weil es das geistige<lb n="32"/>Bewußtseyn ist, dem, was <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, nur insofern ist, als es <hi rendition="#g">Seyn</hi> <hi rendition="#g">für</hi> das<lb n="33"/><hi rendition="#g">Selbst</hi>, und Seyn des <hi rendition="#g">Selbstes</hi> oder Begriff ist, – hat aus diesem Grunde zuerst<lb n="34"/>nur einen armen Gegenstand, gegen welchen die Substanz, und deren Bewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="35" break="no"/>seyn reicher ist. Die Offenbarkeit, die sie in diesem hat, ist in der That Verborgen<pc force="weak">-</pc><lb n="36" break="no"/>heit, denn sie ist das noch <hi rendition="#g">selbstlose</hi> <hi rendition="#g">Seyn</hi>, und offenbar ist sich nur die Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="37" break="no"/>heit seiner selbst. Zuerst gehören dem <hi rendition="#g">Selbst</hi>bewußtseyn daher von der Substanz<lb n="38"/>nur die <hi rendition="#g">abstracten</hi> <hi rendition="#g">Momente</hi> an; aber indem diese als die reinen Bewegungen<lb n="39"/>sich selbst weiter treiben, bereichert es sich, bis es die ganze Substanz dem Bewußt-</p>
<pb n="429" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=436" type="body"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>seyn entrissen, den ganzen Bau ihrer Wesenheiten in sich gesogen, und indem<lb n="2"/>dieses negative Verhalten zur Gegenständlichkeit ebensosehr positiv, Setzen ist, –<lb n="3"/>sie aus sich erzeugt und damit für das Bewußtseyn zugleich wieder hergestellt<lb n="4"/>hat. In dem <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, der sich als <hi rendition="#g">Begriff</hi> weiß, treten hiemit die <hi rendition="#g">Momente</hi><lb n="5"/>früher auf, als das <hi rendition="#g">erfüllte</hi> <hi rendition="#g">Ganze</hi>, dessen Werden die Bewegung jener Mo<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>mente ist. In dem <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi> dagegen ist das Ganze, aber unbegriffne, früher<lb n="7"/>als die Momente. – Die <hi rendition="#g">Zeit</hi> ist der <hi rendition="#g">Begriff</hi> selbst, der <hi rendition="#g">da</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, und als leere<lb n="8"/>Anschauung sich dem Bewußtseyn vorstellt; deßwegen erscheint der Geist noth<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>wendig in der Zeit, und er erscheint solange in der Zeit als er nicht seinen reinen<lb n="10"/>Begriff <hi rendition="#g">erfaßt</hi>, das heißt, nicht die Zeit tilgt. Sie ist das <hi rendition="#g">äussere</hi> angeschaute<lb n="11"/>vom Selbst <hi rendition="#g">nicht</hi> <hi rendition="#g">erfaßte</hi> reine Selbst, der nur angeschaute Begriff; indem dieser<lb n="12"/>sich selbst erfaßt, hebt er seine Zeitform auf, begreift das Anschauen, und ist be<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>griffnes und begreiffendes Anschauen. – Die Zeit erscheint daher als das Schick<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>sal und die Nothwendigkeit des Geistes, der nicht in sich vollendet ist, – die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wendigkeit, den Antheil, den das Selbstbewußtseyn an dem Bewußtseyn hat,<lb n="16"/>zu bereichern, die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> des <hi rendition="#g">Ansich</hi>, – die Form, in der die Sub<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>stanz im Bewußtseyn ist, – in Bewegung zu setzen oder umgekehrt das Ansich<lb n="18"/>als das <hi rendition="#g">Innerliche</hi> genommen, das was erst <hi rendition="#g">innerlich</hi> ist, zu realisiren und zu<lb n="19"/>offenbaren, – d. h. es der Gewißheit seiner selbst zu vindiciren.</p>
<p><lb n="20"/>Es muß aus diesem Grunde gesagt werden, daß nichts <hi rendition="#g">gewußt</hi> wird, was nicht<lb n="21"/>in der <hi rendition="#g">Erfahrung</hi> ist, oder wie dasselbe auch ausgedrückt wird, was nicht als<lb n="22"/><hi rendition="#g">gefühlte</hi> <hi rendition="#g">Wahrheit</hi>, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">innerlich</hi> <hi rendition="#g">geoffenbartes</hi> Ewiges, als <hi rendition="#g">geglaub<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="23" break="no"/><hi rendition="#g">tes</hi> Heiliges, oder welche Ausdrücke sonst gebraucht werden, – vorhanden ist.<lb n="24"/>Denn die Erfahrung ist ebendiß, daß der Inhalt – und er ist der Geist – <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>,<lb n="25"/>Substanz und also <hi rendition="#g">Gegenstand</hi> des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> ist. Diese Substanz aber,<lb n="26"/>die der Geist ist, ist das <hi rendition="#g">Werden</hi> seiner zu dem, was er <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> ist; und erst als<lb n="27"/>diß sich in sich reflectirende Werden ist er an sich in Wahrheit <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>. Er<lb n="28"/>ist an sich die Bewegung, die das Erkennen ist, – die Verwandlung jenes <hi rendition="#g">Ansichs</hi><lb n="29"/>in das <hi rendition="#g">Fürsich</hi>, der <hi rendition="#g">Substanz</hi> in <hi rendition="#g">das</hi> <hi rendition="#g">Subject</hi>, des Gegenstands des <hi rendition="#g">Bewußt<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="30" break="no"/><hi rendition="#g">seyns</hi> in Gegenstand des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi>, d. h. in ebensosehr aufgehobnen<lb n="31"/>Gegenstand, oder in den <hi rendition="#g">Begriff</hi>. Sie ist der in sich zurückgehende Kreis, der<lb n="32"/>seinen Anfang voraussetzt, und ihn nur im Ende erreicht. – Insofern der Geist<lb n="33"/>also nothwendig dieses Unterscheiden in sich ist, tritt sein Ganzes angeschaut<lb n="34"/>seinem einfachen Selbstbewußtseyn gegenüber, und da also jenes das unterschiedene<lb n="35"/>ist, so ist es unterschieden in seinen angeschauten reinen Begriff, in <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi>, und<lb n="36"/>in den Inhalt oder in das <hi rendition="#g">Ansich</hi>; die Substanz hat, als Subject, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">erst</hi> <hi rendition="#g">innere</hi><lb n="37"/>Nothwendigkeit an ihr, sich an ihr selbst als das darzustellen, was sie <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">sich</hi><lb n="38"/>ist, <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi>. Die vollendete gegenständliche Darstellung ist erst zugleich die<lb n="39"/>Reflexion derselben oder das Werden derselben zum Selbst. – Eh daher der Geist</p>
<pb n="430" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=437" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>nicht <hi rendition="#g">ansich</hi>, nicht als Weltgeist sich vollendet, kann er nicht als <hi rendition="#g">selbstbewußter</hi><lb n="2"/>Geist seine Vollendung erreichen. Der Inhalt der Religion spricht darum früher<lb n="3"/>in der Zeit, als die Wissenschaft, es aus, was der <hi rendition="#g">Geist</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, aber diese ist allein<lb n="4"/>sein wahres Wissen von ihm selbst.</p>
<p><lb n="5"/>Die Bewegung, die Form seines Wissens von sich hervorzutreiben, ist die<lb n="6"/>Arbeit, die er als <hi rendition="#g">wirkliche</hi> <hi rendition="#g">Geschichte</hi> vollbringt. Die religiöse Gemeine,<lb n="7"/>insofern sie zuerst die Substanz des absoluten Geistes ist, ist das rohe Bewußtseyn,<lb n="8"/>das ein um so barbarischeres und härteres Daseyn hat, je tiefer sein innerer Geist<lb n="9"/>ist, und sein dumpfes Selbst eine um so härtere Arbeit mit seinem Wesen, dem<lb n="10"/>ihm fremden Inhalte seines Bewußtseyns. Erst nachdem es die Hoffnung auf<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>gegeben, auf eine äusserliche d. h. fremde Weise das Fremdseyn aufzuheben, wen<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>det es sich, weil die aufgehobne fremde Weise die Rückkehr ins Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>seyn ist, an sich selbst, an seine eigne Welt und Gegenwart, entdekt sie als sein<lb n="14"/>Eigenthum und hat somit den ersten Schritt gethan aus der <hi rendition="#g">Intellectualwelt</hi><lb n="15"/>herabzusteigen, oder vielmehr deren abstractes Element mit dem wirklichen Selbst<lb n="16"/>zu begeisten. Durch die Beobachtung einerseits findet es das Daseyn als Gedanken,<lb n="17"/>und begreifft dasselbe, und umgekehrt in seinem Denken das Daseyn. Indem es<lb n="18"/>so zunächst die unmittelbare <hi rendition="#g">Einheit</hi> des Denkens <hi rendition="#g">und</hi> <hi rendition="#g">Seyns</hi>, des abstracten<lb n="19"/>Wesens und des Selbsts, selbst abstract ausgesprochen und das erste Lichtwesen<lb n="20"/><hi rendition="#g">reiner</hi>, nemlich als Einheit der Ausdehnung und des Seyns, – denn Ausdehnung<lb n="21"/>ist die dem reinen Denken gleichere Einfachheit, denn das Licht ist, – und hiemit<lb n="22"/>im Gedanken die <hi rendition="#g">Substanz</hi> des Aufgangs wieder erweckt hat, schaudert der<lb n="23"/>Geist zugleich von dieser abstracten Einheit, von dieser <hi rendition="#g">selbstlosen</hi> Substan<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>tialität zurück, und behauptet die Individualität gegen sie. Erst aber nachdem er<lb n="25"/>diese in der Bildung entäussert, dadurch sie zum Daseyn gemacht und in allem<lb n="26"/>Daseyn sie durchgesetzt, – zum Gedanken der Nützlichkeit gekommen, und in<lb n="27"/>der absoluten Freyheit das Daseyn als seinen Willen erfaßt, kehrt er somit den<lb n="28"/>Gedanken seiner innersten Tiefe heraus, und spricht das Wesen als Ich=Ich aus.<lb n="29"/>Diß Ich=Ich ist aber die sich in sich selbst reflectirende Bewegung; denn indem<lb n="30"/>diese Gleichheit als absolute Negativität der absolute Unterschied ist, so steht die<lb n="31"/>Sichselbstgleichheit des Ich diesem reinen Unterschiede gegenüber, der als der<lb n="32"/>reine und zugleich dem sich wissenden Selbst gegenständliche, als die <hi rendition="#g">Zeit</hi> aus<pc force="weak">-</pc><lb n="33" break="no"/>zusprechen ist, so daß wie vorhin das Wesen als Einheit des Denkens und der Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="34" break="no"/>dehnung ausgesprochen wurde, es als Einheit des Denkens und der Zeit zu fassen<lb n="35"/>wäre; aber der sich selbst überlassne Unterschied, die ruhe- und haltlose Zeit fällt<lb n="36"/>vielmehr in sich selbst zusammen; sie ist die gegenständliche Ruhe der <hi rendition="#g">Ausdeh<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="37" break="no"/><hi rendition="#g">nung</hi>, diese aber ist die reine Gleichheit mit sich selbst, das Ich. – Oder Ich ist<lb n="38"/>nicht nur das Selbst, sondern es ist die <hi rendition="#g">Gleichheit</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Selbsts</hi> <hi rendition="#g">mit</hi> <hi rendition="#g">sich</hi>; diese<lb n="39"/>Gleichheit aber ist die vollkommne und unmittelbare Einheit mit sich selbst, oder</p>
<pb n="431" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=438" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>diß <hi rendition="#g">Subject</hi> ist ebensosehr <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Substanz</hi>. Die Substanz für sich allein, wäre<lb n="2"/>das inhaltsleere Anschauen oder das Anschauen eines Inhalts, der als bestimmter<lb n="3"/>nur Accidentalität hätte, und ohne Nothwendigkeit wäre; die Substanz gälte<lb n="4"/>nur in sofern als das Absolute, als sie als die <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Einheit</hi> gedacht oder<lb n="5"/>angeschaut wäre, und aller Inhalt müßte nach seiner Verschiedenheit ausser ihr<lb n="6"/>in die Reflexion fallen, die ihr nicht angehört, weil sie nicht Subject, nicht das<lb n="7"/>über sich und sich in sich reflectirende oder nicht als Geist begriffen wäre. Wenn<lb n="8"/>doch von einem Inhalte gesprochen werden sollte, so wäre es theils nur, um ihn<lb n="9"/>in den leeren Abgrund des Absoluten zu werfen, theils aber wäre er äusserlich<lb n="10"/>aus der sinnlichen Wahrnehmung aufgerafft; das Wissen schiene zu Dingen, dem<lb n="11"/>Unterschiede von ihm selbst, und dem Unterschiede mannichfaltiger Dinge ge<pc force="weak">-</pc><lb n="12" break="no"/>kommen zu seyn, ohne daß man begriffe, wie und woher.</p>
<p><lb n="13"/>Der Geist aber hat sich uns gezeigt, weder nur das Zurückziehen des Selbst<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>bewußtseyns in seine reine Innerlichkeit zu seyn, noch die blosse Versenkung<lb n="15"/>desselben in die Substanz und das Nichtseyn seines Unterschiedes, sondern <hi rendition="#g">diese</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">Bewegung</hi> des Selbsts, das sich seiner selbst entäussert und sich in seine Substanz<lb n="17"/>versenkt, und ebenso als Subject aus ihr in sich gegangen ist, und sie zum Gegen<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>stande und Inhalte macht, als es diesen Unterschied der Gegenständlichkeit und des<lb n="19"/>Inhalts aufhebt. Jene erste Reflexion aus der Unmittelbarkeit ist das sich Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="20" break="no"/>scheiden des Subjects von seiner Substanz, oder der sich entzweyende Begriff,<lb n="21"/>das Insichgehen und Werden des reinen Ich. Indem dieser Unterschied das reine<lb n="22"/>Thun des Ich=Ich ist, ist der Begriff die Nothwendigkeit und das Aufgehen des<lb n="23"/><hi rendition="#g">Daseyns</hi>, das die Substanz zu seinem Wesen hat, und für sich besteht. Aber das<lb n="24"/>Bestehen des Daseyns für sich ist der in der Bestimmtheit gesetzte Begriff und da<pc force="weak">-</pc><lb n="25" break="no"/>durch ebenso seine Bewegung <hi rendition="#g">an</hi> <hi rendition="#g">ihm</hi> <hi rendition="#g">selbst</hi>, nieder in die einfache Substanz<lb n="26"/>zu gehen, welche erst als diese Negativität und Bewegung Subject ist. – Weder<lb n="27"/>hat Ich sich in der <hi rendition="#g">Form</hi> des <hi rendition="#g">Selbstbewußtseyns</hi> gegen die Form der Substan<pc force="weak">-</pc><lb n="28" break="no"/>tialität und Gegenständlichkeit festzuhalten, als ob es Angst vor seiner Entäusserung<lb n="29"/>hätte; die Kraft des Geistes ist vielmehr, in seiner Entäusserung sich selbst gleich<lb n="30"/>zu bleiben, und als das <hi rendition="#g">an</hi> und <hi rendition="#g">fürsichseyende</hi>, das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ebensosehr<lb n="31"/>nur als Moment zu setzen, wie das Ansichseyn, – noch ist es ein Drittes, das die<lb n="32"/>Unterschiede in den Abgrund des Absoluten zurückwirft, und ihre Gleichheit in<lb n="33"/>demselben ausspricht, sondern das Wissen besteht vielmehr in dieser scheinbaren<lb n="34"/>Unthätigkeit, welche nur betrachtet, wie das Unterschiedne sich an ihm selbst<lb n="35"/>bewegt, und in seine Einheit zurückkehrt.</p>
<p><lb n="36"/>In dem Wissen hat also der Geist die Bewegung seines Gestaltens beschlossen,<lb n="37"/>insofern dasselbe mit dem unüberwundnen Unterschiede des Bewußtseyns be-</p>
<pb n="432" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=439" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>haftet ist. Er hat das reine Element seines Daseyns, den Begriff, gewonnen. Der<lb n="2"/>Inhalt ist nach der <hi rendition="#g">Freyheit</hi> seines <hi rendition="#g">Seyns</hi> das sich entäussernde Selbst, oder die<lb n="3"/><hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Einheit des sich selbst wissens. Die reine Bewegung dieser Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>äusserung macht, sie am Inhalte betrachtet, die <hi rendition="#g">Nothwendigkeit</hi> desselben aus.<lb n="5"/>Der verschiedne Inhalt ist als <hi rendition="#g">bestimmter</hi> im Verhältnisse, nicht an sich, und<lb n="6"/>seine Unruhe sich selbst aufzuheben, oder die <hi rendition="#g">Negativität</hi>; also ist die Noth<pc force="weak">-</pc><lb n="7" break="no"/>wendigkeit oder Verschiedenheit, wie das freye Seyn, ebenso das Selbst, und in<lb n="8"/>dieser selbstischen <hi rendition="#g">Form</hi>, worin das Daseyn unmittelbar Gedanke ist, ist der<lb n="9"/>Inhalt <hi rendition="#g">Begriff</hi>. Indem also der Geist den Begriff gewonnen, entfaltet er das<lb n="10"/>Daseyn und Bewegung in diesem Aether seines Lebens, und ist <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi>.<lb n="11"/>Die Momente seiner Bewegung stellen sich in ihr nicht mehr als bestimmte <hi rendition="#g">Ge<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="12" break="no"/><hi rendition="#g">stalten</hi> des <hi rendition="#g">Bewußtseyns</hi> dar, sondern indem der Unterschied desselben in<lb n="13"/>das Selbst zurückgegangen, als <hi rendition="#g">bestimmte</hi> <hi rendition="#g">Begriffe</hi>, und als die organische<lb n="14"/>in sich selbst gegründete Bewegung derselben. Wenn in der Phänomenologie<lb n="15"/>des Geistes jedes Moment der Unterschied des Wissens und der Wahrheit, und die<lb n="16"/>Bewegung ist, in welcher er sich aufhebt, so enthält dagegen die Wissenschaft<lb n="17"/>diesen Unterschied und dessen Aufheben nicht, sondern indem das Moment die<lb n="18"/>Form des Begriffs hat, vereinigt es die gegenständliche Form der Wahrheit und<lb n="19"/>des wissenden Selbsts in unmittelbarer Einheit. Das Moment tritt nicht als diese<lb n="20"/>Bewegung auf, aus dem Bewußtseyn oder der Vorstellung in das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>seyn und umgekehrt herüber und hinüber zu gehen, sondern seine reine von seiner<lb n="22"/>Erscheinung im Bewußtseyn befreyte Gestalt, der reine Begriff, und dessen Fort<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>bewegung hängt allein an seiner reinen <hi rendition="#g">Bestimmtheit</hi>. Umgekehrt entspricht<lb n="24"/>jedem abstracten Momente der Wissenschaft eine Gestalt des erscheinenden Geistes<lb n="25"/>überhaupt. Wie der daseyende Geist nicht reicher ist, als sie, so ist er in seinem<lb n="26"/>Inhalte auch nicht ärmer. Die reinen Begriffe der Wissenschaft in dieser Form<lb n="27"/>von Gestalten des Bewußtseyns zu erkennen, macht die Seite ihrer Realität aus,<lb n="28"/>nach welcher ihr Wesen, der Begriff, der in ihr in seiner <hi rendition="#g">einfachen</hi> Vermitt<pc force="weak">-</pc><lb n="29" break="no"/>lung als <hi rendition="#g">Denken</hi> gesetzt ist, die Momente dieser Vermittlung auseinanderschlägt<lb n="30"/>und nach dem innern Gegensatze sich darstellt.</p>
<p><lb n="31"/>Die Wissenschaft enthält in ihr selbst diese Nothwendigkeit, der Form des reinen<lb n="32"/>Begriffs sich zu entäussern und den Uebergang des Begriffes ins <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>.<lb n="33"/>Denn der sich selbst wissende Geist, ebendarum daß er seinen Begriff erfaßt, ist<lb n="34"/>er die unmittelbare Gleichheit mit sich selbst, welche in ihrem Unterschiede die<lb n="35"/><hi rendition="#g">Gewißheit</hi> <hi rendition="#g">vom</hi> <hi rendition="#g">Unmittelbaren</hi> ist, oder das <hi rendition="#g">sinnliche</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>, –<lb n="36"/>der Anfang, von dem wir ausgegangen; dieses Entlassen seiner aus der Form seines<lb n="37"/>Selbsts ist die höchste Freyheit und Sicherheit seines Wissens von sich.</p>
<pb n="433" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=440" type="body"/>
<fw type="header" place="top">VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>Doch ist diese Entäusserung noch unvollkommen; sie drückt die <hi rendition="#g">Beziehung</hi><lb n="2"/>der Gewißheit seiner selbst auf den Gegenstand aus, der eben darin, daß er in der<lb n="3"/>Beziehung ist, seine völlige Freyheit nicht gewonnen hat. Das Wissen kennt nicht<lb n="4"/>nur sich, sondern auch das negative seiner selbst, oder seine Gräntze. Seine Gräntze<lb n="5"/>wissen, heißt sich aufzuopfern wissen. Diese Aufopferung ist die Entäusserung,<lb n="6"/>in welcher der Geist sein Werden zum Geiste, in der Form des <hi rendition="#g">freyen</hi> <hi rendition="#g">zufäl<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="7" break="no"/><hi rendition="#g">ligen</hi> <hi rendition="#g">Geschehens</hi> darstellt, sein reines <hi rendition="#g">Selbst</hi>, als <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Zeit</hi> ausser ihm, und<lb n="8"/>ebenso sein <hi rendition="#g">Seyn</hi> als Raum anschauend. Dieses sein letzteres Werden, <hi rendition="#g">die</hi> <hi rendition="#g">Natur</hi>,<lb n="9"/>ist sein lebendiges unmittelbares Werden; sie, der entäusserte Geist, ist in ihrem<lb n="10"/>Daseyn nichts, als diese ewige Entäusserung ihres <hi rendition="#g">Bestehens</hi> und die Bewegung,<lb n="11"/>die das <hi rendition="#g">Subject</hi> herstellt.</p>
<p><lb n="12"/>Die andere Seite aber seines Werdens, die <hi rendition="#g">Geschichte</hi>, ist das <hi rendition="#g">wissende</hi><lb n="13"/>sich <hi rendition="#g">vermittelnde</hi> Werden – der an die Zeit entäusserte Geist; aber diese Ent<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>äusserung ist ebenso die Entäusserung ihrer selbst; das Negative ist das negative<lb n="15"/>seiner selbst. Diß Werden stellt eine träge Bewegung und Aufeinanderfolge von<lb n="16"/>Geistern dar, eine Gallerie von Bildern, deren jedes mit dem vollständigen Reich<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>thume des Geistes ausgestattet, ebendarum sich so träge bewegt, weil das Selbst<lb n="18"/>diesen ganzen Reichthum seiner Substanz zu durchdringen und zu verdauen hat.<lb n="19"/>Indem seine Vollendung darin besteht, das was <hi rendition="#g">er</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, seine Substanz, vollkommen<lb n="20"/>zu <hi rendition="#g">wissen</hi>, so ist diß Wissen sein <hi rendition="#g">Insichgehen</hi>, in welchem er sein Daseyn<lb n="21"/>verläßt und seine Gestalt der Erinnerung übergibt. In seinem Insichgehen ist er<lb n="22"/>in der Nacht seines Selbstbewußtseyns versunken, sein verschwundnes Daseyn<lb n="23"/>aber ist in ihr aufbewahrt, und diß aufgehobne Daseyn, – das vorige, aber aus<lb n="24"/>dem Wissen neugeborne, – ist das neue Daseyn, eine neue Welt und Geistesgestalt.<lb n="25"/>In ihr hat er ebenso unbefangen von vornen bey ihrer Unmittelbarkeit anzufangen,<lb n="26"/>und sich von ihr auf wieder groß zu ziehen, als ob alles vorhergehende für ihn<lb n="27"/>verloren wäre, und er aus der Erfahrung der frühern Geister nichts gelernt hätte.<lb n="28"/>Aber die <hi rendition="#g">Er-Innerung</hi> hat sie aufbewahrt und ist das Innre und die in der That<lb n="29"/>höhere Form der Substanz. Wenn also dieser Geist seine Bildung von sich nur<lb n="30"/>auszugehen scheinend wieder von vornen anfängt, so ist es zugleich auf einer höhern<lb n="31"/>Stuffe daß er anfängt. Das Geisterreich, das auf diese Weise sich in dem Daseyn<lb n="32"/>gebildet, macht eine Aufeinanderfolge aus, worin einer den andern ablöste, und<lb n="33"/>jeder das Reich der Welt von dem vorhergehenden übernahm. Ihr Ziel ist die<lb n="34"/>Offenbarung der Tiefe, und diese ist <hi rendition="#g">der</hi> <hi rendition="#g">absolute</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi>; diese Offenbarung<lb n="35"/>ist hiemit das Aufheben seiner Tiefe oder seine <hi rendition="#g">Ausdehnung</hi>, die Negativität<lb n="36"/>dieses insichseyenden Ich, welche seine Entäusserung oder Substanz ist, – und seine<lb n="37"/><hi rendition="#g">Zeit</hi>, daß diese Entäusserung sich an ihr selbst entäussert und so in ihrer Aus<pc force="weak">-</pc><lb n="38" break="no"/>dehnung ebenso in ihrer Tiefe, dem Selbst ist. <hi rendition="#g">Das</hi> <hi rendition="#g">Ziel</hi>, das absolute Wissen,<lb n="39"/>oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der</p>
<pb n="434" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=441" type="body"/>
<fw type="header" place="top">PHÄNOMENOLOGIE · VIII. ABSOLUTES WISSEN</fw>
<p><lb n="1"/>Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reiches vollbringen.<lb n="2"/>Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freyen in der Form der Zufälligkeit er<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>scheinenden Daseyns, ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffnen Organi<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>sation aber die <hi rendition="#g">Wissenschaft</hi> des <hi rendition="#g">erscheinenden</hi> <hi rendition="#g">Wissens</hi>; beyde zusammen,<lb n="5"/>die begriffne Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten<lb n="6"/>Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er<lb n="7"/>das leblose Einsame wäre; nur –</p>
<p><lb n="8"/>aus dem Kelche dieses Geisterreiches<lb n="9"/>schäumt ihm seine Unendlichkeit.</p>
<pb n="435" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=442" type="body"/>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>BEILAGEN</head>
<pb facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=443" type="duplicate_of_442"/>
<pb facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=444" type="blank"/>
<pb n="437" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=445" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">DREI FRAGMENTE AUS VORARBEITEN</fw>
<head><lb n="1"/>DREI FRAGMENTE AUS VORARBEITEN</head>
<head><lb n="2"/>Das absolute Wissen …</head>
<p><lb n="3"/>Das absolute Wissen tritt so zuerst als gesetzgebende Vernunft auf; in dem<lb n="4"/>Begriffe der sittlichen Substanz selbst ist keine Unterscheidung des Bewußtseyns<lb n="5"/>und des Ansichseyns; denn das reine Denken des reinen Denkens, ist an sich, oder<lb n="6"/>sich selbst gleiche Substanz, und ebenso wohl ist es Bewußtseyn. Damit aber daß<lb n="7"/>eine Bestimmtheit an dieser Substanz hervortritt, und die erste ist, wie sich<lb n="8"/>ergibt, daß <hi rendition="#g">Gesetze</hi> gegeben werden, so tritt auch der Unterschied zwischen<lb n="9"/>dem Bewußtseyn, und dem Ansich ein; diß Ansich aber ist die sittliche Substanz<lb n="10"/>selbst, oder das absolute Bewußtseyn;</p>
</div>
<div>
<head><lb n="11"/>a) Göttliches Recht …</head>
<p><lb n="12"/>a) <hi rendition="#g">göttliches</hi> <hi rendition="#g">Recht</hi> <hi rendition="#g">des</hi> <hi rendition="#g">Bewußtseyn</hi>; <hi rendition="#g">als</hi> <hi rendition="#g">sittliches</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi> un<pc force="weak">-</pc><lb n="13" break="no"/>mittelbares Beziehen auf die Pflicht; die Wirklichkeit keine <hi rendition="#g">Realität</hi> an sich;<lb n="14"/>keine andere als sittliche; Zweydeutigkeit der Wirklichkeit, Betrug des Teufels,<lb n="15"/><hi rendition="#g">innwendiges</hi> <hi rendition="#g">Wesen</hi></p>
<p><lb n="16"/>b) <hi rendition="#g">Entzweyung</hi> <hi rendition="#g">vorhanden</hi>; <hi rendition="#g">abgeschiedener</hi> <hi rendition="#g">Geist</hi> und</p>
<pb n="438" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=446" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">BEILAGEN</fw>
</div>
<div>
<head><lb n="1"/>C.<ref type="anker" target="#fn-446-1">¹</ref></head>
<head><lb n="2"/>Die Wissenschafft.</head>
<p><lb n="3"/>Die Natur der letzten Reflexion des Geistes in sich, welche das <hi rendition="#g">Wissen</hi> aus<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>macht, hat sich schon ergeben. Der in der absoluten Religion vorgestellte Geist<lb n="5"/>[ist] in das Selbst des Bewußtseyns übergegangen, diß seinerseits hat sich ebenso<lb n="6"/>als Wesen erkannt, im Gegensatze dieses in sein Fürsichseyn eingeschlossenen<lb n="7"/>Wesens gegen das aus ihm ausgeschlossene, gegen das <hi rendition="#g">ansichseyende</hi> Wesen;<lb n="8"/>aber jenes Ich=Ich des Selbsts ist die Einfachheit und Gleichheit seines Fürsich<pc force="weak">-</pc><lb n="9" break="no"/>seyns mit sich selbst, und hiemit das Ansichseyn; es geht in dieser Reflexion in den<lb n="10"/>Geist über. Jene erste Bewegung war der Inhalt der absoluten Religion selbst;<lb n="11"/>der zweyten da sie in das Selbstbewußtseyn fällt, erinnerten wir uns als einer vorher<lb n="12"/>vorgekommenen Weise desselben; sie ist also als ein Moment zu betrachten,<lb n="13"/>welches zur Wirklichkeit dieses Geistes gehört, und eine der Bedingungen aus<pc force="weak">-</pc><lb n="14" break="no"/>macht, wodurch seine letzte Reflexion in sich zu Stande kommt. –</p>
<p><lb n="15"/>Von den angezeigten Momenten, welche den Begriff des Wissens ausmachen,<lb n="16"/>scheint eines noch in uns zu fallen, und noch nicht für den selbstbewußten Geist<lb n="17"/>selbst geworden zu seyn, was doch nothwendig ist, wenn diß seine ihm voll<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>kommen durchsichtige von allem Fremden unbefleckte Rükkehr in sich seyn soll.<lb n="19"/>Es ist nemlich der Geist sich als dem Bewußtseyn gegenständliches in seinem ganzen<lb n="20"/>Inhalte vorgestelltes Wesen geworden; ausser diesem Momente, worin der Geist<lb n="21"/><hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">ihn</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, ist das Moment seines <hi rendition="#g">Fürsichseyns</hi> in seinem Andersseyn, sein<lb n="22"/>reines Selbstbewußtseyn an diesem selbst geworden; aber diß <hi rendition="#g">Andre</hi>, worin<lb n="23"/>er für sich ist, hat nur die Bedeutung des in ihn eingeschlossenen Wesens, nicht</p>
<note xml:id="fn-446-1" type="rand" n="¹"><lb n="24"/><seg type="marke">¹ </seg>Harte Wort <hi rendition="#g">ist</hi> des Satzes Urtheils –<lb n="25"/>Das Ganze, Allgemeine, das</note>
<pb n="439" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=447" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. DIE WISSENSCHAFFT</fw>
<p><lb n="1"/>zugleich diese wesentliche, daß es ein Wirkliches, das Negative des Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="2" break="no"/>seyns ist. Diß Moment, daß der Geist in dem Gegenstande als solchem, in dem<lb n="3"/><hi rendition="#g">Seyn</hi>, das dem Fürsichseyn <hi rendition="#g">entgegengesetzt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>, in sich zurükgekehrt, und<lb n="4"/>für sich wäre, diß Moment scheint nur für uns zu seyn, indem wir es wissen, daß<lb n="5"/>das Ich=Ich, oder das reine Fürsichseyn, die Sichselbstgleichheit, oder das <hi rendition="#g">Seyn</hi><lb n="6"/>ist. – Es ist diß dasjenige, von welchem oben erinnert, daß in ihm die einfache<lb n="7"/>Reflexion des Geistes in sich, sich zum Bewußtseyn so aufschließt, daß das negative<lb n="8"/>des Selbsts ihm auch sein Fürsichseyn ist. – Diß Moment darf aber unsere Reflexion<lb n="9"/>nicht seyn, wenn die hier betrachtete Gestalt des Geistes sein vollkommenes Wissen<lb n="10"/>von ihm selbst [seyn soll].</p>
<p><lb n="11"/>In der That aber ist uns diß Moment schon früher geworden. Es fällt auf die<lb n="12"/>Seite des Selbstbewußtseyns, welche wir in der moralischen Reflexion nur in einer<lb n="13"/>ihrer Bestimmungen anführten, nemlich in der, worin für das Selbstbewußtseyn<lb n="14"/>sein Wesen unmittelbar in seinem <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist; die andere wäre diese, worin<lb n="15"/>sein Fürsichseyn die Form des <hi rendition="#g">Seyns</hi> für es hat, oder worin es sich als ein <hi rendition="#g">Ding</hi><lb n="16"/><hi rendition="#g">gefunden</hi> hat. Es erhellt daß diese Seite dem <hi rendition="#g">beobachtenden</hi> Bewußtseyn<lb n="17"/>angehört. Seine letzte Spitze zeigte sich diese zu seyn, worin das Selbstbewußt<pc force="weak">-</pc><lb n="18" break="no"/>seyn sein <hi rendition="#g">Selbst</hi> in der Gestalt eines <hi rendition="#g">Dinges</hi> erkannte. – Diese Weise des Be<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>wußtseyns betrachtet, wie sie unmittelbar ist ohne ihren Begriff gefaßt zu haben,<lb n="20"/>ist die geistloseste, oder vielmehr sie ist das geistlose selbst. Aber nach ihrem Begriffe<lb n="21"/>drükt sie den Begriff selbst aus, daß das <hi rendition="#g">Selbst</hi> ein <hi rendition="#g">Seyn</hi>, oder das <hi rendition="#g">Fürsich<pc force="weak">-</pc></hi><lb n="22" break="no"/><hi rendition="#g">seyn</hi>, das <hi rendition="#g">Ansich</hi>seyn ist. So ist es der geistreichste Begriff, denn es ist der ab<pc force="weak">-</pc><lb n="23" break="no"/>solute Begriff selbst, oder das Selbst als unendliches gefaßt.</p>
<pb n="440" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=448" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">BEILAGEN</fw>
<p><lb n="1"/>Das geistlose dieses Gedankens ist aber längst in den weitern Fortbildungen<lb n="2"/>des Selbstbewußtseyns verschwunden. Das geistlose desselben besteht darin, nicht<lb n="3"/>der <hi rendition="#g">Gedanke</hi> dessen, zu seyn, oder nicht zu wissen, was er sagt; mit andern<lb n="4"/>Worten, daß das <hi rendition="#g">Seyn</hi> noch für ein Ding in der Bedeutung gilt, die es nur für die<lb n="5"/>erste sinnliche Gewißheit hat und ebenso das Ich, für ein solches, das ganz einzeln<lb n="6"/>sey, und das, wie man es meynt, nach frühern Bemerkungen gar nicht gesagt werden<lb n="7"/>kann. Die gemeynte Bedeutung des Dings und des Ichs ist längst an und für sich<lb n="8"/>so sehr verlohren gegangen; daß es vielmehr nachher allein darum zu thun [war,]<lb n="9"/>sie herzustellen, und den Geist als das Selbst, oder als sinnliche Gewißheit zu setzen.<lb n="10"/>Nachdem sich der reinen Einsicht, dem selbstbewußten Begriffe das Seyn wieder<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>hergestellt, und auch der Geist bis zur Wirklichkeit des Selbsts fortgebildet, und<lb n="12"/>umgekehrt diß Selbst sich als das einfache Wesen weiß, so ist das Seyn als Seyn<lb n="13"/>der sinnlichen Gewißheit <hi rendition="#g">ebenso</hi> <hi rendition="#g">absolut</hi> <hi rendition="#g">aufgehoben</hi>, als <hi rendition="#g">es</hi> <hi rendition="#g">gesetzt</hi> <hi rendition="#g">ist</hi>.<lb n="14"/>Das Moment, welches der beobachtenden Vernunft angehört, drükt die eigentliche<lb n="15"/>Dingheit der sinnlichen Gewißheit aus, als die das Selbstbewußtseyn sich findet;<lb n="16"/>aber die andern Seiten erheben diß Seyn zum Begriffe, daß es in seiner Bedeutung,<lb n="17"/>das schlechthin <hi rendition="#g">Andre</hi> des Selbstbewußtseyns zu seyn, unmittelbar ebenso die<lb n="18"/>Bedeutung seines Fürsichseyns hat.</p>
<p><lb n="19"/>Diß Moment vervollständigt also die einfache Reflexion des Geistes in sich<lb n="20"/>selbst; es vervollständigt sie insofern, als nur aufzuzeigen war, daß es schon vor<pc force="weak">-</pc><lb n="21" break="no"/>gekommen, denn sonst ist es, wie gezeigt, in ihrem Begriffe enthalten. Wir sehen<lb n="22"/>damit zugleich, daß diese Reflexion die letzte und absolute des Geistes ist. Denn<lb n="23"/>in ihr ist die Gewißheit seiner selbst und die Wahrheit derselben einander voll<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>kommen gleich geworden. Weder ist die Gewißheit in sich beschlossen, daß sie</p>
<pb n="441" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=449" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. DIE WISSENSCHAFFT</fw>
<p><lb n="1"/>der Gegenständlichkeit ihres Wesens als einer wahren unmittelbaren Wirklichkeit<lb n="2"/>entbehrt; denn das <hi rendition="#g">Fürsichseyn</hi> ist vielmehr selbst das <hi rendition="#g">unmittelbare</hi> Eins<pc force="weak">-</pc><lb n="3" break="no"/>seyn, oder das <hi rendition="#g">Seyn</hi> als solches. Noch ist die Wahrheit der Gegenstand, der irgend<lb n="4"/>ein Fremdes für das Selbstbewußtseyn wäre, sondern diese Schaale des Wesens<lb n="5"/>ist durchbrochen, und das Selbstbewußtseyn hat in ihm unmittelbar die Gewiß<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>heit seiner selbst, oder er ist dessen Fürsichseyn.</p>
<p><lb n="7"/>Diese unentzweyte <hi rendition="#g">Einheit</hi> der Gewißheit seiner selbst und ihrer Wahrheit,<lb n="8"/>tritt sich ebenso gegenüber und entzweyt sich; denn es ist eben diese Einheit,<lb n="9"/>welche in ihrem <hi rendition="#g">Andersseyn</hi> in sich zurükgekehrt ist, oder welche das ab<pc force="weak">-</pc><lb n="10" break="no"/>gestossene ebenso als das gleichnamige unmittelbar angezogen, oder das angezogne<lb n="11"/>ebenso unmittelbar abgestossen hat. So <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">sich</hi> seyend, indem es sich als das<lb n="12"/><hi rendition="#g">Ansich</hi> von sich trennt, hat es sich zu seinem Gegenstande und Inhalt, einen<lb n="13"/>Inhalt, welcher eben diese Bewegung, die so eben von uns als seyend ausgesprochen<lb n="14"/>worden, als seyend für das Selbstbewußtseyn, darstellt, und zwar so daß diß den<lb n="15"/>Unterschied, den es zwischen sich selbst und zwischen seinem Inhalte machte,<lb n="16"/>ebenso unmittelbar aufgehoben hat, und das gegenständliche ihm unmittelbar<lb n="17"/>sein Selbstbewußtseyn ist. Diese Einheit der Wahrheit und der Gewißheit seiner<lb n="18"/>selbst oder das Wissen ist selbst das <hi rendition="#g">Element</hi>, worin seine Bewegung sich aus<pc force="weak">-</pc><lb n="19" break="no"/>breitet. Es so als das Element betrachtet, können wir es den <hi rendition="#g">absoluten</hi> <hi rendition="#g">Begriff</hi><lb n="20"/>nennen; als Wissen das für sich ist, ist es das Selbstbewußtseyn, welches es selbst<lb n="21"/>und zugleich allgemeines ist; als Wissen, insofern sein Inhalt besonders mit dem<lb n="22"/>Moment des Seyns als negativen des Selbstbewußtseyns bezeichnet ist, heißt es<lb n="23"/>das <hi rendition="#g">Erkennen</hi>; als das Ganze aber ist es das absolute Wissen, oder der sich als<lb n="24"/>Geist wissende Geist.</p>
<p><lb n="25"/>Es sind in diesem Wissen, die beyden Seiten des Seyns und des Ich, welche<lb n="26"/>nicht im Begriffe aufgefaßt, das Wissen dem Misverstande unterwerfen. Das<lb n="27"/><hi rendition="#g">Seyn</hi> ist diß, für das Selbstbewußtseyn die Bedeutung des Negativen desselben</p>
<pb n="442" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=450" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">BEILAGEN</fw>
<p><lb n="1"/>und des Unmittelbaren zu haben; und es ist allein darum zu thun, diß Seyn in eben<lb n="2"/>derselben Bedeutung und zugleich in seiner entgegengesetzten, den Begriff, der<lb n="3"/>zugleich er selbst ist und über sein Gegentheil übergreifft, zu haben. Die Bedeu<pc force="weak">-</pc><lb n="4" break="no"/>tung, die das Seyn im Geiste erreicht hat, gewußt zu werden, als das Gegentheil<lb n="5"/>des Selbsts, aber zugleich als ein solches, worin diß Selbst sich ebenso unmittel<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>bar ist, kann auch in dieser Form ausgedrückt werden, daß, wenn <hi rendition="#g">Seyn</hi>, – diß<lb n="7"/>oder jenes <hi rendition="#g">ist</hi>, – ausgesprochen wird, damit etwas sinnliches, etwas das nur als<lb n="8"/>Gegenstand für das Selbstbewußtseyn ist, gemeynt ist; aber: <hi rendition="#g">ist</hi>, ist in der That<lb n="9"/>ebenso unmittelbar, die reine Negativität alles unterschiedenen selbstständigen;<lb n="10"/>es ist das aus der Vielheit des Selbstständigen durch Negation derselben in die<lb n="11"/>Einfachheit zurückgekehrtseyn; diese reine Abstraction ist aber in der That nichts<lb n="12"/>anderes als das reine Denken selbst. Wenn das Seyn also nicht zugleich gewußt<lb n="13"/>wird, das einfache Fürsichseyn des Bewußtseyns zu seyn, so geschieht es dadurch,<lb n="14"/>weil sich nicht erinnert wird, daß es allein durch die aufhebende und in sich zu<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>rükkehrende Bewegung zu Stande kommt, d. h. daß eben diese Bewegung sein<lb n="16"/>Werden und Wesen ist. Es ist die Abstraction, das Denken aber ist diß Negiren;<lb n="17"/>und es ist das Negative, das zugleich positiv ist, es ist <hi rendition="#g">für</hi> <hi rendition="#g">das</hi> Selbstbewußtseyn.<lb n="18"/>Wie das Denken die Bewegung seines Werdens, so ist es die einfache Einheit des<lb n="19"/>Denkens. Die Bewegung des Denkens aber ist das unterschiedslose Unterscheiden,<lb n="20"/>die ruhende Bewegung, oder es eben die einfache Einheit; und das Seyn ist ebenso<lb n="21"/>die sich bewegende Unterschiedslosigkeit, die im Bewegen selbst, d. h. im Unter<pc force="weak">-</pc><lb n="22" break="no"/>scheiden sich als das Aufgehobenseyn aller Unterschiede verhält.</p>
<p><lb n="23"/>Wenn das Seyn als die <hi rendition="#g">Unmittelbarkeit</hi> bestimmt wird, so muß diese Be<pc force="weak">-</pc><lb n="24" break="no"/>stimmung ebenso zurückgenommen werden; das Unmittelbare ist ebenso absolute<lb n="25"/>Vermittlung, oder die vermittelnde Bewegung, worin alles Bestehende sich auf-</p>
<pb n="443" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=451" type="body" subtype="apparat"/>
<fw type="header" place="top">C. DIE WISSENSCHAFFT</fw>
<p><lb n="1"/>löst, denn es ist eben die reine Negativität, die vorhin betrachtet worden. Oder<lb n="2"/>die Unmittelbarkeit ist die absolute Einfachheit, d. i. eben die Negation alles<lb n="3"/>unterschiednen fürsichseyenden. – Wenn diß, daß das Seyn diese <hi rendition="#g">Abstraction</hi><lb n="4"/>ist, als etwas betrachtet wird, das nicht als solches dem Seyenden zukomme, son<pc force="weak">-</pc><lb n="5" break="no"/>dern im Denken erst werde es zur Abstraction, so ist damit nichts anderes aus<pc force="weak">-</pc><lb n="6" break="no"/>gedrückt, als daß das Seyn zugleich das Negative des Selbsts ist. Aber das <hi rendition="#g">Ding</hi>,<lb n="7"/>welches ein <hi rendition="#g">anderes</hi> ist, als das Selbst, kann ebenso wenig von dem <hi rendition="#g">Seyn</hi> befreyt<lb n="8"/>werden, und das Seyn ist diese Abstraction, als diese Abstraction sich als Denken<lb n="9"/>entgegengesetzt der Dingheit, sondern es muß von dem Seyn eben gesagt werden,<lb n="10"/>daß es das Negative des Selbsts, der <hi rendition="#g">Dingheit</hi> ist. Was wahr, und was hier vor<pc force="weak">-</pc><lb n="11" break="no"/>handen ist, ist eben nur diese Bewegung, <hi rendition="#g">Seyn</hi> als negatives des Selbsts zu setzen,<lb n="12"/>und ebenso als die Abstraction, oder als das Selbst; und seine Unmittelbarkeit<lb n="13"/>ist daher selbst nur diese Bewegung.</p>
<p><lb n="14"/>Es ergeben sich also Gestalten des sich als Geist seyenden Geistes, dessen Be<pc force="weak">-</pc><lb n="15" break="no"/>wußtseyn mit dem, was er an sich ist, noch nicht übereinstimmt. Es sind die Ge<pc force="weak">-</pc><lb n="16" break="no"/>stalten desselben, wie er sich durch sein Bewußtseyn über sich, oder die Vorstel<pc force="weak">-</pc><lb n="17" break="no"/>lungen, welche er sich von sich macht,</p>
<pb n="444" facs="GW%2009%20Ph%C3%A4nomenologie%20des%20Geistes.pdf#page=452" type="body"/>
<fw type="header" place="top">BEILAGEN</fw>
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<div>
<head><lb n="1"/>URSPRÜNGLICHER ZWISCHENTITEL</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<head><lb n="2"/>ERSTER THEIL.</head>
<space ana="#j.leer-zeilen"/>
<head><lb n="3"/>WISSENSCHAFT<lb n="4"/>DER<lb n="5"/>ERFAHRUNG<lb n="6"/>DES<lb n="7"/>BEWUSSTSEYNS.</head>
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</TEI>
